Zu zweit mit der Vespa ans Nordkap

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Zu zweit mit der Vespa ans Nordkap
 Mit der Vespa ans Nordkap Am 1. August war es endlich soweit: Das Wetter in der Schweiz zeigte wieder mal seine Sonnenseite und mein lang gehegter Wunsch konnte beginnen: Eine Reise mit unserer Vespa PX 125 E ans Nordkap! Unsere schwarze Vespa war vorgängig generalüberholt worden, der Benzintank war voll, das Gepäck gepackt (1 Reisetasche für mich und meine Lebenspartnerin Yen), die Wetterprognose gut und die Reiseroute festgelegt. Die fünfwöchige Fahrt von rund 4‘200 km bis zum nördlichsten Punkt Europas (Rückfahrt noch nicht einberechnet) konnte beginnen! Unsere reisefertige Vespa 1. Etappe: Deutschland (01. – 04.Tag, rund 1‘000 Vespa‐Kilometer) Unsere Fahrt führte uns zuerst mal von Bern bei schönstem 1.August‐Wetter nach Basel und dann via Freiburg in Breisgau nach Heidelberg. Von dort ging es dann knapp unterhalb von Wiesbaden Richtung Loreley, wo wir am zweiten Tag ankamen. Insbesondere die Fahrt entlang des Rheins ist wirklich sehenswert! Danach ging es weiter via Siegen auf Teilen der Deutschen Alleenstrasse Richtung Lüneburger Heide – Bremen ‐ Hamburg nach Puttgarden. Teilweise benutzten wir Hauptstraßen oder auch Autobahnen. Am vierten Tag erreichten wir den Hafen Puttgarden, wo wir die Fähre nach Dänemark nahmen. Fähre über den Rhein bei der Loreley Vespa in der Fähre nach Dänemark 2. Etappe: Dänemark – Schweden (04. – 06. Tag, 600 Vespa‐Kilometer) Unser Reiseplan sah vor, das einigermaßen gute Wetter zu nutzen und möglichst rasch Richtung Norden zu gelangen (die erste richtige Regentaufe hatten wir schon in Deutschland in der Lüneburger Heide, kurz vor Bremen, erhalten). So durchquerten wir Dänemark praktisch Nonstop, um bei Kopenhagener Flughafen die Brücke über den Öresund Richtung Schweden zu überqueren. Nach einer Fahrt durch den rund 3,5 km langen Tunnel unter dem Meeressund begann die spektakuläre Fahrt auf einer 8 km langen und 57 Meter über dem Meer führenden Schrägseilbrücke. Der Wind blies an diesem Tag orkanartig, so daß ich echt Mühe hatte, unsere Vespa auf der Spur zu halten! Zum Glück gab es praktisch keinen Verkehr (Die Überquerung der Brücke ist mautpflichtig). Im schwedischen Malmö übernachteten wird das erste Mal auf skandinavischen Boden. Unsere Fahrt führte uns dann während der nächsten zwei Tage auf der E6 dem Kategatt entlang nordwärts via Göteborg nach Norwegen. Am sechsten Reisetag erreichten wir dann wohlbehalten Oslo. Brücke bei Öresund Altstadt von Malmö Königspalast in Oslo Trauerblumen nach dem kürzlich erfolgen Anschlag 3. Etappe: Durch Norwegen ans Nordkap (08.‐15. Tag, 2‘600 Vespa‐Kilometer) Nachdem wir das Wochenende im regnerischen Oslo verbracht hatten (interessante Stadt, schöne Gebäude, leider stand die ganze Stadt immer noch unter dem Schock des vorangegangenen Bombenanschlages) ging es weiter auf der E6 Richtung Norden. Die bereits im schwedischen Malmö beginnende E6 führt via Oslo immerfort Richtung Norden bis kurz unter dem Nordkap, wo sie dann ostwärts Richtung Kirkenes nach Rußland abbiegt. Die E6 ist als Hauptstrasse technisch gut unterhalten, geteert und beschildert. Tankstellen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auf der ganzen Stecke genügend. Unsere Vespa benötigte ja so ca. alle 200 km eine neue Tankfüllung und rund alle 1000 km einen Liter 2Takt‐Mischöl. Auch das vollsynthetische Öl war an den meisten Tankstellen problemlos erhältlich. Wir fuhren immer mit der Devise „wenn Tank halbleer dann an nächster Tankstelle auffüllen“, so daß es nie zu Benzinengpässen kam. Unsere Fahrt mit der Vespa führte uns via Trondheim durch die norwegischen Berge und menschenleeren Hochlandschaften Richtung Mo I Rana. Das Wetter war die meiste Zeit sehr schlecht, viel Regen, starker Wind (weshalb zum Henker bläst der Wind immer gegen uns und nie in Fahrtrichtung..:‐)) und die Temperatur sank im Gebirge gegen die Nullgradgrenze. Zum Glück hatten wir vorgesorgt und zusätzliche Regenkleider und die Thermofutter für unsere Motorradjacken mitgenommen. Übernachtet haben wir während der ganzen Reise in Hotels oder Gasthäusern, die wir auf unserer Strecke vorfanden. In Skandinavien kann man natürlich auch campen oder ein sogenannte „Hitte“ mieten, was jedoch aufgrund des schlechten Wetters nicht zu empfehlen war. Kulinarisch überwiegen bereits zu Frühstück Fischgerichte (Lachs, Kabeljau) und Wild (Rentier, Elch) in allen Zubereitungsarten. In der Regel fanden wir immer ein Zimmer ohne Voranmeldung. Am 10. Tag passierten wir die Grenze zu norwegischen Provinz Nordland. Am 11. Tag erreichten wir Mo I Rana und kurz darauf passierten wir dem nördlichen Polarkreis. So nennt man die auf 66,56° nördlicher sowie südlicher Breite gelegenen Breitenkreise, auf denen die Sonne an den Tagen der Sonnenwende gerade nicht mehr auf‐ bzw. untergeht. Sie haben vom Nord‐ beziehungsweise Südpol denselben Abstand wie die Wendekreise vom Äquator. Obwohl dieses Phänomen am 21. Juni zu Ende war erlebten wir nordwärts fahrend die Nächte immer noch hell d.h. mit einem schönen rot schimmernden Horizont. Die Fahrt führte uns dann immer noch auf der E6 via Fauske nach Narvik. Das Wetter war wieder kalt und regnerisch und der Wind von den angrenzenden Meeresfjorden tat noch das Übrige, um uns die Fahrt so ungemütlich wie möglich zu machen. Kurz vor Narvik wartete noch eine Fähre auf uns, die uns über einen breiten Fjord brachte. Trotz dem schlechten Wetter war die Fahrt entlang der tiefen Fjorde, auch wegen der geschichtlichen Ereignisse während des zweiten Weltkriegs sehr interessant. Narvik hatte als Einschiffungshafen für das in Schweden geförderte Eisenerz sowie als Teil des nördlichen Westwalls für Deutschland eine strategisch grosse Bedeutung, so daß es in den norwegischen Fjorden zu erbitterten Kampfhandlungen kam. Von dieser Zeit zeugen immer noch deutsche und britische Schiffswracks, Museen sowie Bunkeranlagen. Narvik deutsche Bunkeranlagen Am 13. Tag (das Wetter hatte sich zum Glück etwas gebessert) ging die Fahrt auf der E6 weiter Richtung Norden. Um einen Abstecher nach Tromsö zu machen, verließen wir die E6, um via E8 die Stadt mit der nördlichsten gelegenen Universität zu erreichen. Tromsö Postschiff der Hurtigrouten Am nächsten Tag ging es weiter über die Nebenstraße E91 und zwei Fährschifffahrten wieder zur altbekannten E6 zurück, um dann endlich nach Alta zu gelangen. Auch bei dieser Stadt fanden im zweiten Weltkrieg größere Kampfhandlungen statt. U.a. war längere Zeit das deutsche Kriegsschiff Tirpitz im Altafjord stationiert, das dort 1944 von den Briten versenkt wurde. Am 15. Tag unserer Reise war es dann soweit: Von Alta führte uns die Fahrt durch die karge Einöde immer mehr unserem Ziel, dem Nordkap entgegen. Außer wenigen Siedlungen von Samis (die in Norwegen politisch korrekte Bezeichnung der Lappen) und vereinzelten Rentierherden ist diese Gegend menschenleer. In Olderfjord, wo die E6 ostwärts Richtung Rußland führt, bogen wir nordwärts auf die Nebenstrasse E69 Richtung Nordkap ab. Das Wetter hatte sich zwischenzeitlich sehr gebessert. Sonnenschein und fast sommerliche Temperaturen waren angesagt. Die Fjorde strahlten im hellsten Blau. Unterwegs kam es immer wieder zu Begegnungen mit Rentieren. Diese halbwilde Hirschart wird von den Samis (Lappen) als Nutztiere gehalten. Meist gegen Abend (dank der Mitternachtssonne bis spät in die Nacht) sind diese Tiere auf Wanderschaft und oft auf den Straßen präsent. Wegen den Strassenabschrankungen können die Tiere bei herannahenden Fahrzeugen oft nicht einfach die Straße verlassen, was sie dann dazu bewegt, entweder in der Gruppe still stehenzubleiben oder vereinzelt auf die Fahrzeuge zuzurennen. Es passierte uns einige Male, daß ein kapitaler Bock mit stattlichem Geweih uns bei der Fahrt auf der Straße entgegenrannte. Zu einem Zusammenstoß kam es zum Glück nie, hupen und winken genügte meist um die Tiere zu verscheuchen (ich weiß nicht, ob das Blech der Vespa die ausgehalten hätte…). Auf der Stecke bis zum Nordkap befinden sich mehreren kilometerlangen Straßentunnels, die meist schlecht bis gar nicht beleuchtet, feucht und sehr kalt waren. Die Durchfahrt mit der Vespa war meist nur im Schrittempo möglich, da die Tunnel voller Schlaglöcher waren. Außerdem konnte nie ausgeschlossen werden, daß sich Rentiere in den Tunnel verirrt hatten. Den Höhepunkt bildete jedoch ein rund 7 Kilometer langer Tunnel kurz von Honnigsvag, der unter dem dortigen Meeresfjord hindurchführt. Zuerst geht es mal drei Kilometer stetig abwärts, einen Kilometer geht es geradeaus, um dann auf der anderen Seite drei Kilometer steil wieder raufzugehen! Unsere Vespa kam am Ende nur noch im Schrittempo aus dieser Röhre heraus..... Gegen 1430 Uhr erreichten wir dann endlich das Nordkap. Unsere auf der Hinreise erlittenen Strapazen wurden dank dem schönen Wetter mit einer phantastischen Aussicht belohnt! Vom Felsen aus hatten wir eine klare Fernsicht auf die Barentssee Richtung Spitzbergen. Vor dem Nordkap‐Felsen konnten wir tief unten sogar eine Gruppe junger Finnwale beobachten, die sich vor der Küste an der Oberfläche tummelten. 4. Etappe: Rückreise (15. – 32. Tag, 3‘000 Vespa‐Kilometer) Nun waren wir zuoberst oben in Europa angelangt, nun mußte die Heimreise angegangen werden. Vorerst wollten wir jedoch noch die nördlichste Stadt Europas, Hammerfest besuchen. So führte uns die Fahrt wieder zurück auf die E6, um dann via E94 nach Hammerfest zu gelangen. Von dieser Stadt starteten die ersten Polarexpeditionen von Nansen und sie war Anlaufstelle für Robben‐ und Wahljäger. Auch heute noch dient die Stadt als Basis für die norwegische Polar‐ und Fischereiflotte. Durch die Mitternachtssonne war es während unseres Besuches während der ganzen Nacht nie dunkel. Hammerfest, nördlichste Stadt Europas Mitternachtssonne Vor der definitiven Rückreise in den Süden mußte ich an unserer Vespa das Hinterrad auswechseln, da der Reifen nach rund 4'500 Kilometern nur noch ungenügend Profil aufwies. Hilfe fand ich in Hammerfest bei einer auf die Reparatur von Schneescootern spezialisierten Werkstatt, die mir mit einer Hebebühne und Druckluft aushalf. Zu bemerken ist, daß unsere Vespa PX 125 E, Jahrgang 2003, während der ganzen Reise nie eine Panne hatte und immer klaglos ihren Dienst leistete. Von Hammerfest fuhren wir dann auf die E6 zurück bis nach Karasjok an die finnischen Grenze. Von da an führte unsere Fahrt auf der E4 durch das finnische Lappland Richtung Süden (in Finnland heißen die norwegischen Samis wiederum Lappen..:‐)). Im Gegensatz zur gebirgigen Landschaft Norwegens bietet Finnland kilometerlange schnurgerade Straßen durch mit der Zeit eintönig wirkenden Wald‐ und Seenlandschaften. Ideal für Camper und Fischer! Das Wetter hatte sich in Finnland wieder verschlechtert und Regen hatte eingesetzt. Rund 100 Kilometer vor Rovaniemi machten wir dann, bei strömenden Regen, das erste und einzige Mal Bekanntschaft mit einem skandinavischen Elch! Der Paarhufer, ein jüngerer Bulle, wollte gerade die durch dichte Wälder führende einsame Straße überqueren, als wir uns mit der Vespa näherten. Ob er sich nun von unserem Blechroller stark bedroht oder eher belustigt fühlte, entzieht sich unserer Kenntnis. Bevor ich mit der Vespa richtig anhalten konnte, drehte sich der Elch um und trabte bei strömenden Regen gemächlich in den dichten Wald zurück… Rovaniemi, die finnische Metropole des Weihnachtsmannes und Ort, wo der Polarkreis in Finnland durchgeht, erreichten wird bei strömenden Regen. Polarkreis Weihnachsmarkt in Rovaniemi Dort buchten wir für den Abend ein Schlafwagenabteil im Autozug nach Helsinki. Das Vespa wurde durch das Bahnpersonal fachgerecht verzurrt und so konnten wir trocken und bequem die 1‘000 Kilometer nach Helsinki zurücklegen. Nach drei interessanten Tagen in Helsinki fuhren wir mit einer Fähre von Helsinki nach Stockholm. Die Überfahrt auf diesem riesigen Fährschiff mit Restaurants, Spielkasino etc. war sehr interessant. Insbesondere die Alkoholpreise waren für skandinavische Verhältnisse moderat, was von vielen Passagieren ausgenutzt wurde. Für die Fahrzeuglenker war es jedoch ratsam aufzupassen: Bei unserer morgigen Ankunft im Hafen von Stockholm wurden alle Fahrzeuglenker beim Verlassen der Fähre von rund 20 jungen hübschen schwedischen Polizistinnen mit Alkohol‐Testgeräten begrüßt...:‐). Am 25. Tag fuhren wir dann auf der E4 via Norrköping und Jonkoping in zwei Tagen nach Malmö, wo wir dann über die Öresund‐Brücke nach Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks gelangten. Öresund‐Brücke von Malmö nach Kopenhagen Drei Tage später verließen wir Kopenhagen, um mittels Fähre Puttgarden in Deutschland zu erreichen. Gleichentags erreichten wir dann Hamburg, wo wir vier Tage blieben. Am 31. Tag verluden wir am Abend unsere Vespa in Hamburg‐Altona auf den Autozug der DB, um am nächsten Tag in Lörrach anzukommen. Von dort führte uns unsere Rückreise via Basel bei (endlich) schönem Wetter ohne Zwischenfälle nach Bern zurück. Zusammenfassung Insgesamt haben wir während eines Monats mit unserer Vespa eine Reise über 7‘200 Kilometer pannen‐ und unfallfrei bewältigt (das Verladen auf die Bahn in Finnland und Deutschland ersparte uns auf der Rückreise rund 2'000 zusätzliche Kilometer). Die Reise hat sich, obwohl wir oft mit widrigem Wetter zu kämpfen hatten, gelohnt. Es war eine phantastische Erfahrung, die ich und Yen nicht missen möchten! Norwegen mit seinen tiefen blauen Fjorden und beindruckenden Berglandschaften, das Nordkap mit dem unendlich weiten Polarmeer, die dort lebenden Menschen und Tiere, die Mitternachtssonne, aber auch Finnland und Schweden mit ihren unendlich tiefen Wäldern, großen Seelandschaften und die interessanten Metropolen Helsinki und Stockholm waren die erlittenen Strapazen dieser außergewöhnlichen Exkursion wert. Wir haben auf unserer Reise mit der Vespa viele interessante Landschaften und Eindrücke sowie viele nette Menschen kennengelernt. Insbesondere im Norden Skandinaviens zog unsere für diese Breitengrade „exotische“ Vespa mit dem Berner Kontrollschild immer das Interesse der Einheimischen, jedoch auch von anderen Touristen auf sich. Eine solche Reise mit der Vespa würde ich jedem empfehlen, der mal im Leben was Besonderes erleben will. Wichtig ist nur, genügend Zeit einzuplanen. Außerdem ist zu bedenken, daß das Leben in Skandinavien, insbesonders in Norwegen, teuer und Kost und Logis (Von den Alkoholpreisen wollen wir gar nicht erst sprechen!!) das Reisebudget stark belasten. Was die Vespa betrifft, ist das Mitführen zumindest eines Ersatzreifens und der wichtigsten Ersatzteile (Lampen, Kabel etc.) dringend anzuraten. So und zusätzlich mit den nötigsten warmen Kleidern ausgerüstet, die Kreditkarte und das Handy für Notfälle in der Tasche, steht Euch nichts im Wege, ebenfalls mal mit der Vespa in den schönen Norden Skandinaviens zu fahren! Charles De Pierre, Vespaclub Bern