Wildpflanzen neu entdecken - Katholische Hochschulgemeinde Gießen

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Wildpflanzen neu entdecken - Katholische Hochschulgemeinde Gießen
Kräuterworkshop KHG-Gießen vom 03.07.2014
Wildpflanzen neu entdecken
- Gottesgeschenke zu unseren Füßen
„Gegen das aber, was man im Überfluß hat, wird man gleichgültig,
und daher kommt es auch, daß viele hundert Pflanzen und Kräuter für wertlose
Unkräuter gehalten und mit den Füßen zertreten werden,
anstatt, daß man sie beachtet, bewundert und gebraucht.“
Sebastian Kneipp (1821-1897), Pfarrer von Wörrishofen,
Hinweis: Diese Angaben sind Notizen zum Kräuterworkshop zum Nachlesen/Recherchieren für die
Teilnehmenden gedacht. Die Linkquellen sind (wenn nicht angegeben) hinterlegt.
Der praktische Teil bestand in allgemeinen Fragestellungen zu den mitgebrachten Pflanzen,
Hygiene/Gesundheitsgefahren, ökologischen Aspekten, Naturschutz beim Sammeln und der Verkostung, u.a.
der Süßdolde, Myrrhenkerbel (Myrrhis odorata). http://www.nutzpflanzenvielfalt.de/node/171
Eine Übersicht zur Historie und Kulturgeschichte diente dem Verständnis des Themas.
Im Anschluss wurde über die Unterscheidung und Verwendung von Heilpflanzen mit Monografie und Pflanzen
(-inhaltsstoffen wie ß-Glukane im Hafer) mit Health Claims diskutiert.
Einführung:
Als Wildgemüse oder Wildkräuter bezeichnet man wild wachsende, einjährige oder
mehrjährige Pflanzen, die essbar sind. Eine Unterscheidung dieser beiden Begriffe fällt dem
Laien oft schwer. Die Pflanzen oder Pflanzenteile von Wildgemüse können roh oder gekocht
verzehrt werden und besitzen oft intensives Aroma. Wildkräuter werden im Gegensatz zu
Kulturpflanzen oft wegen ihrer geringeren wirtschaftlichen Bedeutung als Nutzpflanze oder
mangelnden Nutzbarkeit als Unkraut bezeichnet. http://de.wikipedia.org/wiki/Wildgem%C3%BCse
Zurzeit gibt es rund 15.000 essbare Wildpflanzen in Europa.
Empfehlung: es ist besser wenige Pflanzen zu verwenden und sich intensiv mit diesen zu beschäftigen. Über die
Jahre erweitern sich die Kenntnisse. Nur diejenigen Pflanzen verwenden, die sicher bekannt sind, da es jedes
Jahr Vergiftungsfälle durch Unkenntnis gibt (z.T. mit tödlichem Ausgang).
Welche Bedeutung haben Wildpflanzen für die heutige Zeit?
Es wurden einige Aspekte angesprochen. Die folgenden beziehen sich v.a. auf die messbaren Inhaltsstoffe, die
nur einen Teil des komplexen und fachbereichsübergreifenden Gesamtthemas ausmachen.
Laut Untersuchungen von Prof. Franke der Universität Bonn haben Wildpflanzen einen
bedeutend höheren Anteil an Mineralstoffen, Vitaminen und Eiweiß als Zuchtgemüsearten.
Wildpflanzen enthalten günstige Fettsäure- und Aminosäuremuster, ein Mehrfaches der
sekundären Pflanzenstoffe (u.a. ORAC-Werte) und zeichnen sich durch einen intensiveren
Geschmack im Vergleich zu Kulturpflanzen aus. Inhaltsstoffe wie Aroma- und Bitterstoffe und
ätherische Öle u.a. haben eine positive Wirkung auf den gesamten menschlichen
Stoffwechsel: sie wirken verdauungsfördernd, blutreinigend und entwässernd. Traditionell
werden viele in Frühjahrskuren eingesetzt.
In der Ernährung nach TCM, Ayurveda und anderen traditionellen Gesundheitssystemen
werden die gleichen Pflanzen zum Würzen und zur „Heilung“ verwendet. Von Hippokrates
wurde überliefert: „Lass deine Nahrung dein Heilmittel sein und dein Heilmittel deine
Nahrung.“
Ihr gesundheitsfördernder und regenerativer Wert ist kaum zu beziffern, wird von Fachleuten als sehr hoch
eingeschätzt mit enormen Potential im präventiven Bereich. Es werden zudem positive Effekte auf die
menschliche Darmflora (Mikrobiom-Forschung) und die Psyche beobachtet.
Kulturhistorische Zeitreise
Steinzeit
Seit Beginn der Menschheit in der Steinzeit (vor ca. 2,6 Mio. Jahren bis ca. 4000 Jahren)
sammeln Menschen ihre Nahrung in der Natur. Dazu gehören Pilze und Pflanzenteile Blätter, Blüten, Früchte, Samen/Nüsse und Wurzeln. Das Wissen darüber wurde von
Generation zu Generation weitergegeben und war überlebenswichtig. Auch heute nutzen
Menschen außerhalb des Versorgungsbereiches moderner Medizin und in Krisengebieten
dieses Wissen, wenn keine Pharmazeutika oder Verbandsmaterial zur Verfügung stehen.
In Zeiten der ständig verfügbaren Nahrung gehen elementare Erkenntnisse verloren. Damit verbunden ist die
Achtung und Beachtung der natürlichen Ressourcen und deren Schutz. Wer nicht weiß, dass Arnika,
Himmelsschlüssel und Tausendgüldenkraut oder Teufelskralle (Namibia) in freier Natur selten geworden sind,
fährt unbedacht mit dem Rasenmäher darüber oder zerstört ganze Bestände.
Wie können wir den verborgenen Wissensschatz im Lichte moderner Erkenntnisse heben?
„DIE PFLANZEN, QUELLE DES LEBENS...
Seit es Menschen gibt, brauchen sie die Pflanzen,
die in ihrer Umgebung wachsen, um sich zu ernähren und zu heilen.
Es ist an der Zeit, diese lange in Vergessenheit geratenen Wildpflanzen wieder neu zu entdecken
und deren Vielfältigkeit im täglichen Gebrauch erneut zu nutzen.“
François Couplan Ethnobotaniker (Frankreich)
http://www.couplan.com/index_all.htm
Die Altsteinzeit umfasst etwa den Zeitraum von vor 2 Millionen Jahren bis zu etwa 20.000
Jahren vor heute. In ihr lebten die Hominiden, darunter auch Nebenlinien und Vorfahren der
heutigen Art Homo sapiens, als Sammler und Jäger.
Nach der Zwischenstufe Mesolithikum (die Mittelsteinzeit) folgt die Jungsteinzeit (in
Mitteleuropa von ca. 7000 bis 4000 Jahren vor heute), in der eine radikale Änderung der
Ernährung durch Umstieg auf wenige angebaute Nahrungspflanzen stattfand.
„Man weiß, dass der Sammler der Steinzeit (ca. 500.000 - 10.000 v. Chr.) in gemäßigten
Klimazonen maximal nur drei Stunden täglich brauchte, um seine Nahrungsversorgung zu
sichern.“ http://www.essbare-wildpflanzen.de/essbare-wildpflanzen-18.html
Die populäre „Steinzeitdiät“ bezieht sich auf Ernährungsformen (es gab verschiedene!) der
Altsteinzeit oder von heutigen Kulturen, die als Jäger und Sammler leben, wie die Inuit,
Pygmäen oder San. Bekanntester Vertreter ist „Ötzi“, eine Gletschermumie aus der späten
Jungsteinzeit bzw. Kupfersteinzeit (Spät- bzw. Endneolithikum), die 1991 in den Ötztaler
Alpen (Südtirol) gefunden wurde. Sehr aufschlussreich sind die Gegenstände und Pflanzen
(inkl. Pollenanalysen), die bei ihm gefunden wurden. http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96tzi
Der Gebrauch von Heilpflanzen lässt sich bis zur Jungsteinzeit gut zurückverfolgen, was
Ausgrabungen und Pollenanalysen aus Pfahlbauten-Siedlungen, z.B. in Unterehingen unter
Beweis stellen. Auf diese Weise wurde über Jahrtausende hinweg in allen Kulturen, von
Priester/-innen, Medizinmännern und - frauen, Kräuterkundigen und besonders sensitiven
Menschen, ein einzigartiger Heilpflanzenschatz zusammengetragen.
Beispiele von Pflanzen aus der frühen Menschheitsgeschichte:
Holunder: in steinzeitlichen Siedlungen wurden die Samen des Holunders gefunden. Auch
den Ärzten des Altertums war er bekannt. Dioskurides erwähnt ihn in seiner „Materia
Medica“, Verwendung fand die Wurzel bei Wassersucht, die frischen Blätter zu Umschlägen
bei Geschwüren und Entzündungen. Die Beeren wurden zum Schwarzfärben der Haare
benutzt.
Spitzwegerich und andere Wegericharten: wahrscheinlich ist die Verwendung als
Wundmittel schon eine Erfindung der Steinzeit, in der man Blätter als Verband nutzte. Die
germanischen Heiler/innen verwendeten ihn als Mittel gegen Hiebwunden und daran hat sich
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bis heute nichts Wesentliches geändert. Seine entzündungswidrige Kraft ist belegt. Siehe auch:
Arzneipflanze des Jahres 2014. http://www.presse.uni-wuerzburg.de/einblick/single/artikel/spitzweger/
Altertum
In Keilschrifttexten der Sumerer (3. Jahrtausend v. Chr.), die als erstes Handbuch der
Medizin gelten, werden bis zu 250 Heilmittel überwiegend pflanzlichen Ursprungs erwähnt.
Bspw. benutzte man schon Cassia als Abführmittel sowie den Asant, der heute noch in
Indien als Gewürz verwendet wird sowie in der ayurvedischen Medizin als krampflösendes
Mittel bei Koliken. Weitere sumerische Heilmittel waren die Tollkirsche, Hanf, Nieswurz
(giftiges Brechmittel), Thymian, Weide, Kümmel und die adstringierende Myrrhe.
Süßholz-Öl-Zubereitungen gab man bei Husten.
Kräuterkundige gab es in China bereits 3000 v.Chr. unter Kaiser Shen Nung.
So kamen über die Seidenstraße sehr früh mit Kulturgütern auch Heilpflanzen, einschließlich
der damit verbundenen Lehren in den Westen. Die Antiken Heilkundigen der arabischen und
europäischen Welt integrierten diesen Wissensaustausch in ihre Medizinkultur:
Medizinische Schulen und Bibliotheken entstanden bereits in Babylonien, dem alten
Ägypten und Griechenland.
Durch das in Ägypten gefundene Papyrus Ebers aus dem 16. Jh. v. Chr. erhellten
Wissenschaftler, was in den Tempelgärten des alten Ägypten an Heilpflanzen angebaut
wurde: Knoblauch, Schlafmohn, Abführmittel wie Leinsamen, Senna, Koloquinten und
Rizinus, ätherische Ölpflanzen wie Fenchel, Kümmel, Kardamom.
http://de.wikipedia.org/wiki/Medizin_des_Altertums
Hippokrates (460-370 v. Chr.) gilt als Begründer der heutigen Medizin (Ethik des
hippokratischen Eides). Er befreite die medizinische Denkweise von der Zauberei und stellte
die jedem Lebewesen innewohnenden Selbstheilungskräfte in den Vordergrund, die es durch
geeignete Heilmittel zu unterstützen galt. Seine pflanzlichen Heilmittel umfassten rund 500
Arten. Siehe auch: Hippokrates: Theorie der 4-Säfte-Lehre = „Humoralpathologie“.
http://de.wikipedia.org/wiki/Humoralpathologie
Aristoteles (384 v. Chr; † 322 v. Chr.): Viersäftelehre-Weiterentwickelung:
Alle Natur – Mensch, Tier und Pflanze, Erde besteht aus Gleichgewicht von 4 miteinander
verbundenen Elementen. Eine Störung des Gleichgewichtes führt zu Beschwerden und
Krankheiten. Die Aufgabe des Arztes ist es, mit geeigneten Heilmitteln das Übergewicht
eines Elementes auszugleichen und das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die
Klosterheilkunde folgte später dem Grundsatz, dass das Gleichgewicht, die Harmonie
zwischen seelischem und körperlichem Befinden (modern: Psychosomatik), für das Wohlergehen
der Menschen unverzichtbar ist. http://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles
Bereits Kaiser Augustus (*63 v. Chr. als Gaius Octavius in Rom; † 14 n. Chr.) soll vor 2000
Jahren durch den frischen Saft des Löwenzahns von Gallestauungen und Depressionen
befreit worden sein (Heute: Frischpflanzenpresssäfte).
"Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt
würde." (Luk. 2, 1)
In den Schriften der Bibel wird die Verwendung einiger Heilpflanzen erwähnt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Pflanzen_in_der_Bibel
Das wichtigste antike Werk zur systematischen Kräuterheilkunde war die Materia
medica (Arzneimittellehre) des griechischen Arztes Dioskurides (um 60 n.Chr.), das fünf
Bände umfasst und Heilmittel überwiegend pflanzlicher (600 Pflanzen), aber auch
mineralischer und tierischer Herkunft beschreibt. Das Universalbuch behielt seine Gültigkeit
bis ins 17. Jh.
Plinius der Ältere (23-79 n.Chr.): Naturkunde „Naturalis historia“ inkl. Schriften antiker Autoren.
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Claudius Galenos von Pergamon (ca. 129-200 n. Chr.), genannt Galen, Leibarzt des
römischen Kaisers Marc Aurel, inspirierte mit seiner Säftelehre die Ärzteschaft bis in die
Neuzeit. Er fasste das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit zusammen.
Charakteristisch waren seine umfangreichen pflanzlichen Rezepturen, die erst in der
Renaissance durch die paracelsische Idee des „einfachen Heilkrauts“ abgelöst und mit
mineralischen Heilmitteln ergänzt wurden.
Wie Aristoteles war er überzeugt, dass die Natur vollkommen sei und nichts vergeblich
entstehe. Er vertrat eine monotheistische Weltsicht. http://de.wikipedia.org/wiki/Galenos
Beispiel für eine Arzneipflanze der Antike: Dill war seit der Antike eine bedeutende
Arzneipflanze, die bei Magenleiden, zur Beruhigung und bei Schmerzen zubereitet wurde.
Zeitalter Spätantike (ca. 300-600 n.Chr.)
Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs (395-475/480 n.Chr.) und durch
die Unsicherheiten der sich neu bildenden christlichen Kultur in Europa kam es zu
Umbrüchen in der Kultur und der Zivilisation, auch zum Verschwinden des bis dahin
bestehenden medizinischen Systems, der Medizin des Altertums. Während die
altgriechische Medizin in der byzantinischen Medizin fortlebte, konnten im lateinischen
Westeuropa nur Bruchstücke gerettet werden.[1] Die germanischen Stammesrechte
handelten mitunter verschiedene Probleme der Heilkunde ab, die sowohl Elemente aus der
antiken wissenschaftlichen Medizin als auch aus der heidnisch-religiösen germanischen
Heilkunde aufwiesen. Diese bestand wiederum aus einfachen Rezepten, aber auch
Zaubersprüchen, Beschwörungen, Sagen und Gebeten.[2]
http://de.wikipedia.org/wiki/Klostermedizin#cite_note-1#cite_note-1
http://de.wikipedia.org/wiki/Medizingeschichte
Forschung Klosterheilkunde
In Deutschland gibt es eine Forschergruppe Klostermedizin am Institut für Geschichte der
Medizin der Universität Würzburg. Zu den Mitgliedern gehören Mediziner, Botaniker,
Chemiker, Pharmazeuten und Historiker. Das Forschungsziel ist es, das von den
Mönchen und Nonnen gesammelte Erfahrungswissen systematisch zu erfassen und
der Öffentlichkeit, aber auch der modernen Medizin zugänglich zu machen. Dafür
werden zunächst die lateinischen Texte übersetzt, ehe die beschriebenen Pflanzen
wissenschaftlich untersucht werden. http://de.wikipedia.org/wiki/Klostermedizin
Als Klostermedizin wird in der Medizingeschichte die Zeit vom Frühmittelalter (ca. 5001050 n. Chr.) bis zum Hochmittelalter (ca. 1050-1250; Spätmittelalter bis 1500) bezeichnet.
Die Klostermedizin ist ein Teil der mittelalterlichen Medizin und basiert vor allem auf der
Phytotherapie und der klösterlichen Wasserheilkunde. Der Begriff wurde geprägt, weil seit
dem Frühmittelalter (ca. 500-1050 n. Chr.) die Hospitäler von den Klöstern betrieben wurden.
Mönche und Nonnen verfügten über grundlegende Kenntnisse zur Heilwirkung von Kräutern
und Heilpflanzen. Die Medizin des Mittelalters innerhalb wie außerhalb der Klöster baute auf
den Lehren von Hippokrates und Galenos auf und basierte vor allem auf der
Humoralpathologie, also der Lehre von den Körpersäften. In der Klostermedizin findet die
Anwendung von Heilbädern, Salben und Trinkkuren mit biblischen Heilpflanzen Raum.
Klostermedizin ist ein Begriff für eine Epoche der Medizingeschichte und wird von
Wissenschaftlern nicht als Synonym für alternative Heilverfahren verwendet.
Entwicklung der Klostermedizin
Beginn des Frühmittelalters (ca. 500-1050 nChr.):
Benedikt von Nursia, 6.Jh. n. Chr: Begründer der Klosterheilkunde
Etwa 527 gründete Benedikt von Nursia das erste Kloster auf dem Monte Cassino. In seiner
Ordensregel (Regula Benedicti) legte er fest, dass das Studium der Heilkunde und die
Krankenpflege die wichtigste Aufgabe der Mönche sei. “die Sorge für die Kranken muss
vor und über allen Pflichten stehen“. Jedes Kloster sollte dafür einen eigenen Raum
einrichten und einen Mönch ausbilden, den Infirmar. Damit übernahmen die Klöster zu
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Beginn ihres Auftretens eine soziale Aufgabe für die Allgemeinheit. Das dahinter stehende
Prinzip war die Barmherzigkeit (caritas). Diese Regel Benedikts war die Basis der
Klosterheilkunde. Papst Gregor der Große befand die Regula Benedicti für vorbildlich und
erklärte sie daher für alle katholischen Orden für verbindlich.
Ordensregel der Benediktiner: Ausgeglichenheit und maßvolles Leben, regelmäßiges Lesen
ist Nahrung für den Geist. “ora et labora“.
Cassiodor (ca. 490-580), Ordensbruder von Benedikt, Berater des Ostgotenkönigs
Theodorich des Großen. Gründer des Bildungsinstitutes „Vivarium“: Zentrum des religiösen
und kulturellen Lebens mit umfassender Bibliothek des Altertums.
Förderte die Verbreitung des Wissens der Antike und die Kenntnis der Kräuter und Arzneien,
ließ Texte des Altertums ins Lateinische übersetzen.
Die Klosterheilkunde basiert auf dem Wissen des Altertums. Die Heilkundigen in den
Klöstern sammelten erhaltene medizinische Werke antiker Autoren, schrieben sie ab und
bauten auf diesem Wissen auf (Klosterbibliotheken).
Dann kam eine wirre Zeit der Völkerwanderungen, Kriege und Seuchen, in denen das
kulturelle Leben reduziert war bis die Karolinger im 8. Jh. das Frankenreich übernahmen.
In der weltlichen Öffentlichkeit gab es kaum noch Menschen, die schriftkundig waren. Die
Klöster konnten in Ihrer Abgeschiedenheit das Wissen bewahren.
Blütezeit der Klosterheilkunde: zwischen 8. bis 12. Jahrhundert n.Chr.
In dieser Zeit lag die gesamte medizinische Versorgung in Europa (fast) ausschließlich in
den Händen von Mönchen und Nonnen. Im Westen galt Medizin in dieser Zeit als Handwerk
und als angewandte Theologie, es gab außerhalb der Klöster keine Ausbildung für Ärzte.
Krankheiten galten als von Gott gesandt, auch die Epidemien wie die Pest. Eine Heilung
ohne Gottes Hilfe galt als unmöglich.
Kaiser Karl der Große (747-814) förderte die Heilkunde seiner Zeit, indem er ein Gesetz
erließ, das Klöstern und auch Städten das Anlegen von Kräutergärten (Klostergärten,) und
die darin zu züchtenden Pflanzen verbindlich vorschrieb (capitulare de villis Imperialibus).
Dies sicherte die Versorgung des kaiserlichen Hofes mit Nahrungs- und Heilmitteln.
Auch in den früheren Kloster- und Bauerngärten wurde der Giersch als Nutzpflanze kultiviert.
Manche Wärme liebende Pflanze aus südlichen Gefilden kam durch Benediktiner und
Zisterzienser in die Klostergärten und gedieh dort im Kleinklima der Atriummauern
hervorragend (Klostergärten basierend auf der von den Römern entwickelten
Gartenbaukultur: Salbei-salvia, Kamille-chamomilla).
http://www.apothekergarten-wiesbaden.de/beete/beet27.html Siehe auch: St. Galler Klosterplan (819/826
Kloster Reichenau) zeigt die ideale Anlage eines Klostergartens.
Aus der Weiterverarbeitung der Heilpflanzen entstanden später die Klosterapotheken.
Die Klöster mussten nicht nur die Versorgung der Kranken, sondern auch das öffentliche
Schulwesen übernehmen und waren eingebunden in Verwaltung, Wirtschaft und Politik.
Am 19. Juni 2013 wurde das Lorscher Arzneibuch als erste Schrift aus der Epoche der
Klostermedizin (8. bis 12. Jahrhundert) in das Weltdokumentenerbe der UNESCO
aufgenommen. Das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin im deutschsprachigen Raum
ist das Lorscher Arzneibuch (um 795), eine Handschrift aus der Zeit Karls des Großen,
also Ende des 8. Jahrhunderts. Der Hauptteil besteht aus Rezeptsammlungen. Wir finden
in diesem Arzneibuch den wohl frühesten Versuch zur Kostendämpfung im
Gesundheitswesen, indem empfohlen wird, anstelle der teuren Kräuter aus dem Ausland
ebenso wirksame einheimische Kräuter zu verwenden. Außerdem wird in dem Buch die
Forderung erhoben, dass nicht nur Reichen, sondern auch Armen die Heilkunst zugänglich
sein müsse. http://www.klostermedizin.de/index.php/aktuelles-und-termine/meldungen/53-lorscher-arzneibuch-ist-welterbe
Der Abt von Reichenau, Walahfrid Strabo (808–849), beschreibt in seinem Lehrgedicht
Hortulus poetisch den Nutzen und die Schönheit von 24 Pflanzen. Zu den Heilpflanzen
gehörten unter anderem Salbei, Wermut, Fenchel, Schlafmohn, Liebstöckel, Kerbel,
Flohkraut, Betonie, Rettich und Minze. http://www.apothekergarten-wiesbaden.de/beete/beet27ws.html
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Die Mönche und Nonnen sammelten Erfahrungswissen im Umgang mit den Heilkräutern und
gaben ihr Wissen innerhalb der jeweiligen Klöster weiter. Jahrhunderte lang waren
außerhalb der Klöster keine ausgebildeten Mediziner tätig. In der Bevölkerung existierte eine
Volksmedizin, die vor allem von Frauen und Hebammen tradiert wurde. Außerdem gab es
Handwerksärzte, zu denen die Bader und die Scherer in den Badehäusern gehörten.
Viele der heutigen Heilpflanzennamen bezeugen noch als Wortbestandteil den
Heiligenbezug: Mariendistel, Rosmarin, Barbarakresse, Veronika, Jakobskraut.
Im 11. Jahrhundert schrieb der Benediktiner-Mönch Odo Magdunensis das Werk Macer
floridus, das in ganz Mitteleuropa zu einem Standardwerk der Kräuterheilkunde wurde
und damals so bekannt war wie heute die Schriften der Hildegard von Bingen, deren
Kräuterheilkunde im Mittelalter wenig Beachtung fand. Das medizinisch, pharmazeutische
Werk beschreibt 77 Heilpflanzen und die ihnen zugeschriebenen Wirkungen (mit
Primärqualitäten: warm, kalt, trocken, feucht).
Hochmittelalter (ca. 1050-1250):
Höhepunkt der Klostermedizin ist das Werk Hildegards von Bingen, die fest an Gott als
endgültige Heilung aller Krankheit glaubte. Sie sah alle Heilmittel in der Natur verborgen. Sie
hatte hervorragende botanische Kenntnisse über die heimische Flora und trotz mangelnder
akademischer Bildung („indocta“, Ungebildete), erkundete sie die Heilpflanzenwelt mit Herz
und Verstand. Zwischen 1150 und 1160 verfasste Hildegard von Bingen (1098-1179) ihre
Abhandlungen zur Heilkunde, die unter den Namen Physica und Causae et curae
(lateinisch: "Ursachen und Behandlungen") bekannt geworden sind. Sie selbst schrieb den
Inhalt dieser Werke nach Aussage der Biografen göttlicher Eingebung zu. Teilweise werden
darin bereits vorher beschriebene Behandlungen aufgenommen, einiges war aber völlig neu,
auch einige Pflanzen galten bis dahin nicht als heilend, zum Beispiel die Ringelblume,
Calendula officinalis. Die Physica besteht aus neun Bänden, zwei davon sind den Kräutern
gewidmet –auch mit ihrem volkstümlichen Namen, eines der Heilkraft der Bäume, andere (die
nicht zur „Klostermedizin“ gezählt werden) verschiedenen Tieren, Edelsteinen und Metallen.
Hildegard von Bingen hat auf der Basis der Säftelehre eine eigenständige medizinische
Theorie entwickelt, die für das Mittelalter einmalig war. Sie stellte die gesamte Schöpfung,
Menschen, Tier und Pflanzen in einen Gesamtkontext. Die Kombination aus
wissenschaftlicher Erkenntnis und moralisch-religiösem Anspruch zeigt eine Sonderstellung
in der mittelalterlichen Heilkunst. http://www.apothekergarten-wiesbaden.de/beete/beet28hvb.html
Albertus Magnus (1200-1280; Bischof und Kirchenlehrer) bemühte sich darum, das Wissen
der Klosterheilkunde mit der Medizin zu verbinden.
Im Hochmittelalter (ca. 1050-1250) wurde eine medizinische Schule in in Salerno
(Süditalien) gegründet, in der einige medizinische Werke entstanden, darunter im 12.
Jahrhundert das Circa instans, das rund 270 Pflanzen behandelt.
Unter Erzbischof Alfanus und mit Hilfe von Konstantin dem Afrikaner (Constantinus
Africanus 1010/15-1087), einem christlich-arabischen Mediziner aus Tunesien (Gewürzund Arzneipflanzenhändler), der griechisch-arabische medizinische Texte ins Lateinische
übersetzte, blühte die Schule auf und hatte ihre Glanzzeit („Hochsalerno“) vom 10.
Jahrhundert bis zum 13. Jahrhundert.
Beispiel: man setzte gegen Schmerz und Fieber die Rinde der Silberweide ein, die Salicin
enthält, ebenso die Blüten des Mädesüß (Spierstaude).
Als 1899 die Acetylsalicylsäure synthetisiert wurde, bezog man sich darauf:
A-spir-in: A = ASS, spir=Spierstaude, „in“ = Salicin-Silbe.
Eine umfangreiche Arzneimittellehre entstand mit den Büchern Liber Graduum,
Antidotarium Nicolai und Circa instans. Das Wissen des Apothekerstands wurde somit
eigenständig und die Trennung des Arzt- und Apothekerwesens durch Friedrich II. im Edikt
von Salerno gesetzlich festgelegt.
Das Erfolgsrezept der Schule war die harmonische Vermischung der medizinischen
Wissensstände aus verschiedenen Kulturen: der griechischen, der arabischen, der westlichlateinischen und der jüdischen.
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Frauen waren sowohl als Studierende als auch als Lehrende zugelassen. Beispiel: Trotula
war eine italienische Ärztin des 11./12. Jh. der Schule von Salerno. Werk: Abhandlung über
Gynäkologie und Frauenkrankheiten.
Von Spanien, wo das breite Wissen der orientalischen Medizin (arabische Heilkunst) auf die
abendländische Kultur traf, ging langsam eine Akademisierung der Laienmedizin aus.
In Bologna wurde 1111 eine der ersten medizinischen Universitäten gegründet. Im 13.
Jahrhundert wurde die ärztliche Approbation eingeführt.
Die klösterliche Heilkunde verlor zu dieser Zeit ihre Monopolstellung …
Übergang hohes Mittelalter (bis ca. 1250) zum Spätmittelalter (bis ca. 1500)
Als Gegenbewegung zu den weltoffenen Orden entstanden die kontemplativen Orden (Cluny
in Burgund, Zisterzienser), die sich aus den öffentlichen Aufgaben in ein klösterliches Leben
hinter Mauern zurückzogen – Kontemplation, Askese und Liturgie standen nun im
Vordergrund. Die Kräuterheilkunde wurde innerhalb der Klöster weiterbetrieben, um die
Unabhängigkeit/Autarkie zu wahren. Viele Klöster hielten jedoch an ihrem Auftrag „der
Fürsorge für die Kranken“ fest.
Achtung: die Mönche mussten große Mengen an Kopien von Dokumenten und Schriftstücken produzieren. Als
Folge des Zeitdrucks, der hohen Kosten für Schreibmaterial und Papier wurde vieles in winziger Schrift und in
Abkürzungen unter schlechten Lichtverhältnissen produziert. Diese lassen sich nur schlecht entziffern. Viele
Fehler und Verwechslungen sind daraus bis heute entstanden.
Beispiel: Ringelblume und Kapernstrauch wurden als „Caput monarchi“ bezeichnet. Im Mittelalter gab es viele
Rezepte mit „Ringelblumenrinde“.
Übergang des Mittelalters zur Neuzeit
Das Klima wurde deutlich kälter (kleine Eiszeit): Folgen: Missernten, Mangelernährung,
Hunger. Die Klöster hatten ihre medizinische Versorgung weitestgehend aufgegeben.
Landflucht setzte ein, die Städte wurden übervölkert mit desaströsen hygienischen
Verhältnissen, Fäkalien auf den Straßen, Vermehrung von Ratten und Flöhen, verseuchtes
Trinkwasser. Der schwarze Tod in Form der Pest zog ein. Als Schwarzer Tod wird die große
europäische Pandemie von 1347 bis 1353 (später um 1400) bezeichnet, die geschätzte
25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung – forderte.
Das häufigste von den Ärzten angewandte Mittel gegen die Gefahren der Seuche war das
Verbrennen aromatischer Substanzen. Papst Klemens VI. verbrachte die Zeit des
Ausbruchs in Avignon zwischen zwei großen Feuern, die in seinen Gemächern brannten und
die ihn möglicherweise vor einer Ansteckung bewahrten, da sie unter Umständen die Ratten
als Träger der Flöhe fernhielten.
Der Arzt und Naturforscher Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt
Paracelsus (1493-1541) warnte die Ärzte vor dem Gebrauch von Giften wie Schwefel und
Quecksilber. Er war Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker, Laientheologe und Philosoph.
Sein bekannter Ausspruch „Dosis sola venenum facit“ (deutsch: „Allein die Menge macht
das Gift“) wird oft zitiert. Er gilt als einer der Vertreter der Signaturenlehre.
http://www.apothekergarten-wiesbaden.de/beete/beet20.html
In der Zeit der Renaissance (15. und 16.Jh.) verlor die Klostermedizin allmählich ihre
Vorrangstellung gegenüber Laienheilern. Durch die Buchdruckkunst (15. Jh) verbreitete sich
das Wissen der Kräuterbücher und erreichte eine größere Leserschaft.
Die Klostermedizin ereichte eine neue Blüte, die durch die gewaltsame Auflösung der Klöster
in der Säkularisation (1539-1803) weitgehend zum Erliegen kam.
Auf Grund der Reformation (1517-1648) wurden in Nordeuropa viele Klöster geschlossen,
während der Gegenreformation (1545-18.Jh.) entstanden jedoch wiederum neue. In
dieser Zeit entstanden die Klosterapotheken, in denen vor allem Heilkräuter verkauft wurden.
Diese stellten jedoch eine Konkurrenz zu den weltlichen Apotheken dar, so dass
mancherorts die Klosterapotheken verboten wurden. Heute befindet sich nach wie vor,
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aufbauend auf der Tradition der Klosterspitäler, ein Teil der Krankenhäuser in kirchlicher
Trägerschaft. Durch die Entdeckung neuer Erdteile (Kolumbus 1492) wurden Heil- und
Gewürzpflanzen aus der neuen Welt importiert und teilweise angebaut.
Im 17. und 18. Jh. produzierten die Klöster in größerem Umfang Arzneimittel, was als
Vorläufer der pharmazeutischen Industrie gilt.
Später wurden einige Projekte wieder aufgegriffen. Siehe hier die Aktivitäten der
Benediktinerinnenabtei zur Hl. Maria in Fulda. http://www.abtei-fulda.de/gartenbau/
Aufgrund der kürzeren protestantischen Geschichte gibt es hier weniger bekannte Projekte und
Persönlichkeiten. http://www.evpfalz.de/gemeinden_cms/index.php?id=2079
Bekannte Persönlichkeiten aus dem phytotherapeutischen Bereich
Auf Grundlage der Rezepturen der Kräuterkundigen entstanden häufig Firmengründungen, die der
Vollständigkeit wegen aufgeführt werden.
Sebastian Kneipp, Wasserdoktor und Pfarrer von Wörrishofen (1821-1897),
Weltweit bekannt wurde Kneipp, der sich als junger Mensch durch Wasseranwendungen
selbst von der Tuberkulose geheilt hatte, durch seine „Wasserkur“. Doch die Kneippsche
Gesundheitslehre beinhaltet mehr. Auf 5 Säulen hat Pfarrer Kneipp seine Lehre aufgebaut
und zählt zu den Begründern der ganzheitlichen traditionellen europäischen Medizin (TEM).
Der befreundete Apotheker Leonhard Oberhäußer gründete mit seinen Rezepturen die
Kneipp-Werke.
http://www.kneipp.de/de/ueber_uns/geschichte_meilensteine.html; http://www.kneipp.de/de/kneipp_philosophie.html
„Wie viele Kräuter gibt es, die man brauchen könnte, die Nährstoffe in sich haben
- sie bleiben unbeachtet, weil man sie nicht kennt.“
Sebastian Kneipp (1821-1897),Wasserdoktor und Pfarrer von Wörrishofen.
Pfarrer Johann Künzle (*1857; † 1945) war ein Schweizer katholischer Pfarrer und
Publizist. Er ist neben Sebastian Kneipp der wohl bekannteste Kräuterpfarrer.
1913 förderte er in Wangs (bei Bad Ragaz) den Kur-Tourismus und gründete einen
Kräutermarkt. Da es seinen Bemühungen zugeschrieben wurde, dass 1918, als die
Spanische Grippe weltweit wütete, keine einzige Person der Gemeinde starb, wurde ihm das
Ehrenbürgerrecht verliehen.
Aufgrund seiner teils zweifelhaften medizinischen Ansichten, z.B. in Bezug auf die Heilung
der Zuckerkrankheit wurde er durch seinen Bischof 1920 nach Zizers in Graubünden
zwangsversetzt. 1922 absolvierte er ein Examen vor einem Ärztekollegium, um eine
«giftfreien Heilkräuterpraxis» betreiben zu dürfen.[1] Auch zog er einen Kräuterhandel auf
und hielt Vorträge zur Anwendung der Pflanzenheilkunde.
Er war Herausgeber der beliebten Volkskalender, der Monatszeitschrift Salvia (für «giftfreie
Kräuterheilkunde»), verfasste das Grosse Kräuterheilbuch (1944, später u.a. von Rudolf Fritz
Weiss bearbeitet und neu herausgegeben) und viele weitere Publikationen. Das Buch Chrut
und Uchrut wurde nach der Ersterscheinung 1911 in mehrere Sprachen übersetzt und wird
noch heute aktualisiert herausgegeben. "Der Tee vom Frauenmänteli ist lieblich und angenehm;
mit Schlüsselblüemli gemischt, geht er über den chinesischen Tee und ist weit gesünder als dieser; er
beruhigt die Nerven und gibt gesunden Schlaf."
1939 wurde die Kräuterpfarrer Künzle AG gegründet. Diese siedelte 1954 nach Minusio (bei
Locarno) um und wurde 1980 in eine Stiftung umgewandelt.[1]
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_K%C3%BCnzle#cite_note-CuU08-1#cite_note-CuU08-1
Landpfarrer Josef Hurst fand um das Jahr 1920 - im südlichen Schwarzwald - in einem
Kräuterbuch eine Heilpflanzen-Rezeptur seines berühmten Amtskollegen Pfarrer Kneipp.
Sebastian Kneipp empfahl Bäder aus Kiefernspitzen bei rheumatischen Beschwerden oder
einen Absud aus den Zapfen zur Förderung des Auswurfes. Der Apotheker Dr. Eduard
Hiepe stellte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts auf Anregung des Pfarrers Hurst
einen Hustensaft aus Kiefernsprossen und weiteren erkältungswirksamen Kräutern unter
Zusatz von Tannenhonig und Kandiszucker einen Hustensaft her, der heute noch als
Tannenblut im Reformhandel ist. Damals wurde das „Pfarrer Hurst s Tannenbalsam“ aus
Sorge und Verantwortung um die Gesundheit der Textilarbeiter im Südschwarzwald
entwickelt, die bei ihrer Arbeit für die Textilindustrie täglich den ungesunden Baumwollstaub
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einatmeten. Das führte häufig zu Bronchialerkrankungen, weshalb Dr. Eduard Hiepe und
Josef Hurst ein erschwingliches und gut verträgliches Mittel für die Atemwege entwickelten.
Dieses Produkt linderte bald die Beschwerden vieler Bewohner der Wiesentaler Gemeinde,
aus welcher Pfarrer Hurst kam. Die Bekanntheit des Produktes reichte nach kurzer Zeit weit
über das Wiesental hinaus, denn seine Heilkraft sprach sich immer weiter herum.
http://www.huebner-vital.de/de/svc-schwarzwald.html
http://www.huebner-vital.de/de/sv-pflanze-des-monats.html
Apotheker Walther Schoenenberger (1901-1982)
Der Apotheker und Pflanzenforscher Schoenenberger entdeckte in den 1920er Jahren
frische Pflanzensäfte wieder für die Heilkunde: „Der frisch ausgetruckete Saft hilft bey ...“ –
auf diesen Satz stößt der junge Schweizer Apotheker Walther Schoenenberger in alten
Kräuterbüchern immer wieder, als er Anfang der zwanziger Jahre die faszinierende Wirkung
von Heilpflanzen studiert. Im frischen Pflanzensaft sind die wirksamen Bestandteile in ihrer
natürlichen Form und in hoher Konzentration enthalten. Er gründete das Schoenenberger
Pflanzensaftwerk und setzte sich für eine Rehabilitation der Kräuterheilkunde ein. Seine
Überzeugung war damals revolutionär: „Heilmittel, die die Natur uns schenkt, sind mindestens
gleichberechtigt, voll wirksam und häufig besser verträglich als Chemie.“ Mittlerweile kann sich die
Pflanzenheilkunde auf viele klinische Studien stützen und auf eine Fülle empirischer
Erfahrungen von Ärzten mit unzähligen Patienten.
Seit 1961 sind „Presssäfte aus frischen Pflanzen“ offiziell als Naturheilmittel (freiverkäufliche
Arzneimittel) in das bundesdeutsche Arzneimittelgesetz aufgenommen.
Frische Kräuter und Gemüse sind einzigartige biologische Einheiten. Sie zeichnen sich aus
durch ein ganzes Wirkspektrum an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen,
Polysacchariden, Gerb- und Bitterstoffen, Flavonoiden, ätherischen Ölen und anderen
wertvollen Pflanzenstoffen. Das Besondere: Die ganzheitliche Qualität der
Frischpflanzensäfte ergibt sich nicht nur aus einer bloßen Summierung der einzelnen
Wirkstoffe, sondern zusätzlich durch eine gegenseitige positive Beeinflussung der einzelnen
Wirkungs-Komponenten. Oder wie es der Apotheker Walther Schoenenberger ausdrückte:
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ In der Pflanzenheilkunde wird die
Gesamtheit der Inhaltsstoffe als wirksamkeitsbestimmend angesehen.
http://www.schoenenberger.com/51/3/schoenenberger.html
Kräuterpfarrer Hermann-Josef WEIDINGER (1918 – 2004)
Waldviertler Bauernkind, Missionar in China, Seelsorger, Volkslehrer und Kräuterpfarrer. Er
lernte in China die TCM kennen und in der Schweiz begab er sich auf die Spuren von
Hildegard von Bingen und Paracelsus. Er schaute (in der Tradition der alten Heilkundigen) in
das innere Wesen der Pflanzen und stellte sie in Beziehung zu Mensch, Tier und zum
Kosmos. "Erleben wir doch die Natur mit dankbarem Herzen, denn jeder Mensch, jedes Tier, jede
Pflanze, ja selbst jeder Stein, alles rund um uns ist eine kleine Wunderwelt für sich, ein Abglanz von
Gottes Herrlichkeit. Schützen und erhalten wir deshalb die Natur." Sein schriftliches Werk und die
daraus entstandenen Produkte werden vom Verein Freunde der Heilkräuter weitergeführt.
www.facebook.com/kraeuterpfarrer.at http://www.kraeuterpfarrer.at
Rezepte: http://www.kraeuterpfarrer.at/freunde/Aktuelle_Tipps/index.php
http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Fritz_Weiss
Rudolf Fritz Weiss (*1895, † 1991) war ein deutscher Facharzt für Innere Medizin und
Professor für Phytotherapie. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen
Pflanzenheilkunde.[1]
1987 erhielt er für seine Verdienste als Lagerarzt während der Kriegsgefangenschaft von
Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.[5] Weiss hatte seine
Mitgefangenen u.a. mit von ihm gesammelten Heilpflanzen versorgt. Er hielt im Lager
bei Küstrin auf Anweisung der Russen sogar Vorträge über Pflanzenheilkunde.[1]
1959 bis 1961 war er 1. Vorsitzender des Zentralverbands der Ärzte für
Naturheilverfahren und leitete über 30 Jahre lang die Arbeitsgruppe Phytotherapie des
Verbandes.[3] Er war Gründungsmitglied der Gesellschaft für Phytotherapie (1971)[4] und
auch Gründungsherausgeber der Zeitschrift für Phytotherapie (1980).
http://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_f%C3%BCr_Phytotherapie
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http://phytotherapy.org/de/
http://www.zaen.org/weiterbildung-zusatzbezeichnung/weiterbildung-phytotherapie.html
Von 1978 bis 1990 war er ständiges Mitglied der Kommission E.
1984 übernahm er mit 88 Jahren noch einen Lehrauftrag in Tübingen zum Thema
„Neuzeitliche Phytotherapie in der Praxis“.
Kommission E (1978-1995):
http://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/zul/zulassungsarten/besTherap/amPflanz/_node.html
Auswertung und Dokumentation des wissenschaftlichen und erfahrungsheilkundlichen
Materials zu pflanzlichen Arzneien. 378 Monografien von Drogen. Ein Drittel der Pflanzen
bekamen eine negative Monografie (z.T. fehlende Studien oder keine direkte Heilwirkung; Bsp. Hafer. s.u.).
Monografien http://buecher.heilpflanzen-welt.de/BGA-Kommission-E-Monographien/
http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Zulassung/zulassungsarten/besTherap/amPflanz/mono.pdf;jsessi
onid=2641E253B9A3B7556C62BBF3BD821E11.1_cid340?__blob=publicationFile&v=2
http://www.reformhaus-fachlexikon.de/heilpflanzen/Monografie.php
Heute gilt die Phytotherapie als Teil der modernen Medizin. Die Pflanzenheilkunde
(Phytotherapie) ist die Lehre der Verwendung von Heilpflanzen (und deren Inhaltsstoffe) als
Arzneimittel.
Quo vadis Phytotherapie?
Prof. Dr. Michael Wink vom Institut für Pharmazie & Molekulare Biotechnologie der
Universität Heidelberg:
„Traditionelle Heilpflanzen sind auf jeden Fall interessant. Sie sind ein ungeborgener Schatz, den man
nicht vernachlässigen sollte. … Häufig ist es so, dass Einzelsubstanzen kooperativ miteinander
agieren und damit die Gesamtaktivität steigern. Dieser Synergismus ist besonders für
Kombinationspräparate von Bedeutung. … Zur Behandlung multiresistenter Bakterien könnte es
durchaus sein, dass wir in Zukunft Pflanzenstoffe in Kombination mit Antibiotika einsetzen, um eine
effektive Wirkung zu erzielen. Falls der Druck durch Antibiotika-Resistenzen weiter steigen sollte und
wir auf keine wirksamen Antibiotika mehr zurückgreifen können, läge hier wohl ein Ausweg.“
Artikel vom 30.05.14 von Johannes Stumpf
http://www.phytodoc.de/artikel/quo-vadis-phytotherapie-ein-interview-mit-prof-wink
Im Bereich der Phytotherapie und Wildpflanzenernährung wird weltweit geforscht. Hier gibt es noch
große Bereiche als „Terra inkognita“ zu entdecken. Themen für Doktorarbeiten gäbe es zuhauf … .
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LINK-Liste
http://www.klostermedizin.de/
http://buecher.heilpflanzen-welt.de/BGA-Kommission-E-Monographien/hyperici-herba-johanniskraut.htm
http://www.salus.de/heilpflanzen-lexikon/details/heilkraeuter/pflanzen/ansicht/pflanze/johanniskraut.html
http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Johanniskraut.html
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=37681 aus 2011
http://www.carstens-stiftung.de/wissen/phyto/pdf/jahrbuch_johanniskraut_schempp.pdf
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/08/13/europaische-pflanzenmonografie-johanniskraut-gegendepressionen.html
http://www.medizinalpflanzen.de/systematik/6_droge/hyper-he.htm
http://www.essbare-wildpflanzen.de Wildpflanzen-Magazin
http://www.naturimgarten.at/sites/default/files/kraeuterfolder_neu.pdf
http://www.naturimgarten.at/sites/default/files/04_mein_kraeutergarten.pdf
www.wdr.de WDR- Sendung Quarks&Co: Skript: Aus der Apotheke der Natur
http://www.uni-giessen.de/cms/ueber-uns/botanischer-garten Pflanzen-Führungen!
http://de.wikipedia.org/wiki/Botanischer_Garten_Gie%C3%9Fen
http://www.apothekergarten-wiesbaden.de Apothekergarten in Wiesbaden
http://www.ingolstadt.de/dmm/ Deutsches Medizinhistorisches Museum. Ingolstadt. Rundgang durch 500 Jahre
abendländische Medizingeschichte und Arzneipflanzengarten.
https://gaerten.uni-hohenheim.de/bg_nutzpflanzen
http://www.orac-info-portal.de/orac_produkte/orac_vergleichslisten/
http://www.ars.usda.gov/is/pr/1999/990208.htm
http://www.hr-online.de/website/rubriken/ratgeber/index.jsp?rubrik=55377&key=standard_document_52006283
http://www.2014.jugend-forscht-bayern.de/index.php?id=1252
http://www.pilzfreundetreff.de/Fuchsbandwurm.pdf
http://shop.aid.de/3634/heil-und-gewuerzpflanzen?c=17 Heil- und Gewürzpflanzen Print 2,50 EUR AID-Poster
Rezept: Zauberhafte Blütenspeise: https://www.facebook.com/AkademieGesundesLeben
Literatur
• http://www.klostermedizin.de/index.php/literatur
• Johannes G. Mayer, Bernhard Uehleke, Kilian Saum: Das große Buch der Klosterheilkunde.
Neues Wissen über die Wirkung der Heilpflanzen. Vorbeugen, behandeln und heilen.
EUR 19,95, Gebundene Ausgabe: 344 Seiten, Verlag: ZS Verlag Zabert Sandmann GmbH;
Auflage: 1 (11. Januar 2013), ISBN-13: 978-3898833431
• Siegrid Hirsch / Felix Grünberger: Die Kräuter in meinem Garten. 792 Seiten, geb. erschienen
2011, Best.-Nr. 10350. ISBN: 978-3-902134-79-0. 14. Auflage 2011. 34,90 EUR (Stand: 09/2012).
500 Heilpflanzen, 2000 Anwendungen, 1000 Rezepte, Botanik, Anbau, Magisches, Homöopathie,
Hildegardmedizin, TCM, Volksheilkunde und aktuelle Erkenntnisse.
• Steffen Guido Fleischhauer: Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen.
1500 Pflanzen Mitteleuropas. AT-Verlag. 2013.
• Volker Fintelmann, Rudolf Fritz Weiss: Lehrbuch der Phytotherapie. Hippokrates-Verl. in Med.Verl., Stuttgart 2009 ISBN 978-3-8304-5418-2
• Heinz Schilcher (Herausgeber): Leitfaden Phytotherapie. Urban & Fischer bei Elsevier, München
2010 ISBN 978-3-437-55343-1
Bestimmungsbücher:
Hier bitte beachten: in den letzten Jahren gab es aufgrund genetischer Untersuchungen Umbenennungen und
neue Zuordnungen in der Pflanzensystematik
•
•
Ingrid und Peter Schönfelder: Der neue Kosmos Heilpflanzenführer:
Über 600 Heil- und Giftpflanzen Europas. Verlag KOSMOS. ISBN 3-440-078198
http://www.pflanzenbestimmung.de/
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Thema: Health Claim u.a. bei Hafer und Gerste
Positive Health claims für Hafer (hat jedoch „negative Monografie“, da keine direkte Heilwirkung).
http://www.ernaehrungs-umschau.de/media/pdf/pdf_2012/04_12/EU04_2012_242_243.Markt.pdf
Mit Health-Claims-Verordnung (HCVO: zu deutsch etwa „GesundheitsbehauptungenVerordnung“) wird die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über
Lebensmittel bezeichnet. Der praktische Nutzen liegt v.a. in der Diätetik und Prävention.
Aktuell ist die Aufnahme in die Postitivliste der HCVO ein laufender Prozess und wirkt sich
auf die Bewerbung von Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln aus.
Inhalt ist u.a. die Regelung für pflanzlicher Inhaltsstoffe (Botanicals).
http://www.health-claims-verordnung.de/resources/HCVO+Verordnung+$28EU$29+Nr.+536_2013.pdf
Kritik wird v.a von Verbraucherseite gesehen, da auf insgesamt ungesunden Lebensmitteln
(Süßigkeiten) positive Health-Claims für einzelne Inhaltsstoffe stehen können.
http://www.health-claims-verordnung.de/
Informationen zur angesprochenen Haferkur bei Diabetes
http://de.wikipedia.org/wiki/Haferkleie
http://www.hgz-bb.de/herz/das-herz/herzinsuffizienz/haferkur.html
http://www.hgz-bb.de/uploads/tx_templavoila/BEV_Haferkur_Ansicht_2.pdf
http://www.ak-ernaehrung.de/content/publikationen/Info-getreide/haferkur/
„Als das Hormon Insulin noch nicht zur Verfügung stand, war die Ernährung das wichtigste
Therapiemittel. Der Arzt Carl von Noorden hatte seit 1902 die Hafertage in die Diabetesbehandlung
eingeführt. Bis heute bekommen die Patienten 3-4 Tage lang täglich 200-250 g Hafer verteilt auf alle
Mahlzeiten. Neben der Besserung der Stoffwechsellage führen Hafertage zur Blutzuckersenkung und
vermindern die Zuckerausscheidung im Harn. Auch der Mineralhaushalt normalisiert sich und
mögliche Darmstörungen verschwinden. Mit der Verfügbarkeit des Insulins und anderer Medikamente
gerieten die Hafertage in Vergessenheit.“
Nach der Haferkur reichen 1-2 Tage Haferkur im Monat, um günstigere HbA1c-Werte („LangzeitBlutzuckerwert“) zu erreichen. Regelmäßige Bewegung unterstützt den Effekt.
http://www.diabetologie-online.de/a/1555983
„Speziell Hafer kam durch eine Studie der Universität Heidelberg zu neuen Ehren. Demnach
erlaubt eine zweitägige Haferkur eine Halbierung der Insulindosis, wobei der positive Effekt
über vier Wochen anhalten soll. Am Herz- und Gefäßzentrum (HGZ) in Bad Bevensen wird
diese Methode in der Therapie von Patienten mit schwerer Herzschwäche und Diabetes
angewendet. Bei Verdacht auf ein metabolisches Syndrom, wird eine Haferkur verordnet.“
http://www.vdd.de/fileadmin/downloads/Kurzfassungen_Kongress_2011/Wehlmann.pdf
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Noorden_(Mediziner)
Hinweis aus der traditionellen Kräuterkunde: einige Bitterstoffe(-pflanzen) wirken sich ebenfalls günstig auf
den Insulinspiegel aus. Traditionell in der asiatischen Kultur wird u.a. die Bittergurke (Momordica charantia)
verwendet.
Wichtige Hinweise zur Beachtung: Den Einsatz von Heil- und Wildkräutern bei Erkrankungen immer mit den
behandelnden Ärzten/Ärztinnen besprechen. Nur nach ärztlicher Rücksprache: für Schwangere /Stillende
/Kinder /Immungeschwächte, bei Herz- und Niereninsuffizienz gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen.
Frische Wildkräuter enthalten konzentrierte Wirkstoffe. Die individuelle Verträglichkeit ist zu beachten.
Informationen zusammengestellt von Dipl. oec. troph. Astrid Schmitt-Dossou.
Dozentin in der Stiftung Reformhaus-Fachakademie für Warenkunde, Diätetik, Ganzheitliche
Gesundheit, ökologischer Landbau, Geschichte der Reformbewegungen, Kräuterkunde. Ausgebildete
Gemüse- und Kräutergärtnerin. www.akademie-gesundes-leben.de
Stand: 10.07.2014
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