Profis verschlafen Spitzenrenditen

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Profis verschlafen Spitzenrenditen
Profis verschlafen Spitzenrenditen
09.07.2006 12:28
Profis verschlafen Spitzenrenditen
Weltweit melden Beteiligungsfonds hohe Gewinne und Rekordzuflüsse. Doch deutsche Geldverwalter laufen dem Trend
hinterher
von Michael Fabricius
Michael Fabricius und Michael HöflingVor dem "Renaissance Chancery Court Hotel" in London bildete sich am Mittwoch morgen ein
langer Stau. Eine schwarze Limousine nach der anderen fuhr am Eingang vor, heraus stiegen die Top-Investoren Europas. Die in der
Branche renommierte Zeitung "Private Equity International" hatte zum dritten Mal zu einer zweitägigen Konferenz über das
Beteiligungsgeschäft geladen. Und die großen Spieler der Branche wie Apax, Cinven, Candover und Electra schickten ihre besten
Leute, insgesamt 164 Teilnehmer. Doch bei genauem Hinsehen schien es, als hätten deutsche Profi-Anleger wenig Interesse an
Private Equity. Ganze zwei Teilnehmer deutscher Institutionen standen auf der Gästeliste.
Dabei erlebt die Private-Equity-Branche einen beispiellosen Boom. Monat für Monat melden britische oder US-amerikanische
Beteiligungsgesellschaften neue Rekordsummen, die sie bei den Profis einsammeln und für Unternehmenskäufe einsetzen.
Vergangene Woche etwa gab die britische Gesellschaft Permira die Akquisition von insgesamt elf Milliarden Euro innerhalb von nur
drei Monaten bekannt.
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Doch deutsche Großanleger wie etwa Versicherungen sind nur zu einem kleinen Teil vertreten. Sie verpassen eine Renditechance.
Leidtragende sind ihre Kunden, Versicherte und Pensionäre: Denn je weniger Rendite der Profi, dem sie ihr Geld anvertrauten,
erwirtschaftet, desto weniger fällt auch für sie ab. Am Ende sinkt die Ablaufleistung ihrer Lebensversicherung oder ihres Sparplans.
"Deutsche Investoren nutzen ihre Anlagemöglichkeiten in Private Equity wirklich noch nicht so, wie es selbst die restriktiven
deutschen Rahmenbedingungen erlauben würden", sagt Thomas Pütter, Vorstand des Bundesverbands Deutscher
Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) und Vorstandschef von Allianz Capital Partners. Dabei ist sogar die zu seinem Konzern
zählende Allianz Leben nur zu einem Prozent in Private Equity investiert. Lebensversicherungsbeiträge werden bei dem
Branchenführer noch immer zu 80 Prozent in festverzinsliche Papiere, zu 15 Prozent in Aktien und zu fünf Prozent in alternative
Investments gesteckt.
Diese defensiv ausgerichtete Verteilung zieht sich fast durch die gesamte Branche, mit fatalen Folgen für die Versicherten: Von Jahr
zu Jahr fallen die Standmitteilungen über die voraussichtlichen Ablaufleistungen ihrer Verträge, die die Versicherer ihren Kunden
schicken, niedriger aus. Im Aktienboom vor der Jahrtausendwende hatten die Anbieter den Anteil der Dividendenpapiere in ihren
Portfolios oft ohne jedes Risikomanagement gefährlich stark nach oben gezogen. Am Tiefpunkt der Baisse 2003 warfen die
deutschen Versicherer dann entnervt ihre Aktien auf den Markt.
Den danach steigenden Kursen schauten so die meisten Versicherer hinterher. Sie - und damit ihre Kunden - mußten sich angesichts
sinkender Kapitalmarktzinsen mit den Mini-Renditen festverzinslicher Wertpapiere begnügen. Kein Wunder, daß der Garantiezins für
Lebensversicherungen fällt und fällt. Von jetzt 2,75 Prozent wird er per Januar 2007 für neu abgeschlossene Verträge auf 2,25
Prozent gesenkt.
Ann-Kristin Achleitner, Inhaberin des Stiftungslehrstuhls für Entrepreneurial Finance an der Technischen Universität München,
empfiehlt eine andere Mischung, um das Renditeproblem zu lösen: "Selbst bei einem Portfolio mit geringstem Risiko sollte der
Private-Equity-Anteil drei Prozent betragen", sagt sie. Deutsche investierten aber nur 1,2 Prozent in direkte
Unternehmensbeteiligungen.
http://www.wams.de/data/2006/07/09/951521.html?prx=1
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In umgekehrter Richtung, in deutsche Unternehmen, fließt das Anlagekapital dafür in Strömen. Der Chemiekonzern Celanese oder
die Autowerkstattkette ATU sind in der Hand ausländischer Private-Equity-Gesellschaften. Aufsehen erregte auch der Verkauf von
47 000 Wohnungen in Dresden an die US-Gesellschaft Fortress. Und am Freitag meldete der US-amerikanische
Private-Equity-Fonds J.C. Flowers die Übernahme der Deutsche Versicherungs- und Rückversicherungs-AG (Darag), bisher
Eigentum des Axa-Konzerns. Der Berliner Maklerversicherer Darag ging an die Flowers-Beteiligung Württembergische und Badische
Versicherungs-AG in Heilbronn.
Und laut einer Studie der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ernst&Young, die morgen vorgestellt wird und der "Welt am Sonntag"
vorliegt, wächst das Interesse der Finanzinvestoren an Deutschland weiter. In den ersten sechs Monaten wurden demnach mehr
Transaktionen abgewickelt als jemals zuvor. Mit 106 hat sich die Zahl im Vergleich zum ersten Halbjahr 2005 fast verdoppelt. Die
größte Transaktion war der Verkauf der Karstadt-Immobilien an Whitehall für 4,5 Milliarden Euro.
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Das Geld fließt an hiesigen Kapitalgebern vorbei. Selbst Schweden, die Schweiz und die Niederlande seien aus Sicht der
Private-Equity-Fonds bessere Investoren, sagt Mounir Guen von MVision, Berater und Akquisiteur für Beteiligungsgesellschaften in
London. "In diesen Ländern kann ein Fonds bis zu 750 Millionen Euro einsammeln." Hierzulande kämen allenfalls 300 Millionen Euro
zusammen.
Beobachtern zufolge ist Allianz mit einem Einsatz von bis zu 75 Millionen Euro je Fonds noch der größte deutsche Investor. Zum
Vergleich: In den USA steckt ein großer Pensionsfonds wie Calpers bis zu einer Milliarde Euro in ein Private-Equitiy-Investment.
Wie kommt es, daß deutsche Profi-Anleger so weit zurückliegen? "Amerikanische und englische Investoren haben einen deutlichen
Erfahrungsvorsprung von etwa zehn bis 15 Jahren gegenüber den deutschen Institutionen", sagt Peter Schwanitz, Partner beim
Fondsinitiator VCM. Sie hätten die erste frühe Erfolgsphase des Geschäfts in den 80er Jahren miterlebt und bereits damals Rendite
gemacht. Entsprechend liegen die Private-Equity-Anteile in US-Portfolios zwischen fünf und 15 Prozent.
Bis dahin ist es für die deutschen Großanleger noch ein langer Weg. Immerhin: Die Grundstimmung und das Interesse für Private
Equity bei Versicherungsunternehmen, Banken und Versorgungswerken sind, wenn auch auf niedrigem Level, gestiegen. "Es ist
allerdings nicht möglich, diesen Rückstand in einem oder zwei Jahren aufzuholen", sagt Schwanitz. Wichtig sei jetzt, mittelfristig und
kontinuierlich ausgewogene Bestände in der alternativen Investmentklasse aufzubauen, so daß deutsche Investoren und ihre Kunden
zumindest langfristig von den Renditechancen beim außerbörslichen Beteiligungskapital profitieren könnten.
Mitarbeit: Carsten Dierig, Stefan Keidel
Artikel erschienen am 9. Juli 2006
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