Mit dem warmen Wind im Haar „At the age of 37 she

Сomentários

Transcrição

Mit dem warmen Wind im Haar „At the age of 37 she
Mit dem warmen Wind im Haar
„At the age of 37 she realised, she never ride through Paris in a sportscar with the warm wind
in her hair ...“ Marianne Faithful erzählt mit ihrer knarrigen, von intensivem Lebenswandel
gezeichneten, gerade dadurch aber interessant gewordenen Stimme die Ballade von Lucy
Jordan, der Mittelstandsfrau. Wir sind alles andere als saturierter Mittelstand, aber mit dem
warmen Wind im Haar durch Paris, das haben wir immerhin noch vor dem 37. Geburtstag
geschafft. Gut, ein Sportwagen war unser feuerwehrroter Wartburg nicht gerade. Schon auf
der Hinfahrt mussten wir ihn reparieren lassen, saßen zwei Tage auf einem Campingplatz in
der Schwäbischen Alb fest. Die Kupplung war hin. 600 Mark Kosten, zwei Drittel unseres
gesamten Reisebudgets. Wirklich in Ordnung war die Karre auch danach noch nicht. Der
Motor verölte ständig, darum mussten wir ständig mit viel Gas fahren, um ihn nicht
abzuwürgen. Also klappte es nicht, auf einer gemütlichen Landstraßentour die Maut
einzusparen. Nur auf der Autobahn ging es vorwärts. Es war sehr heiß, um die 30 Grad. Da
der Motor ständig kochte, mussten wir noch die Heizung als Zusatzkühlung einsetzten. Als
Kühlung für den Motor natürlich, nicht für uns. Wir hatten dafür den „warmen Wind im
Haar“ - sehr viel davon, sehr warm. Außerhalb von Paris fanden wir dann einen bezahlplaren
Zeltplatz. In dem Nest soll Voltaire begraben sein. Oder Rosseau? Jedenfalls liegt die
Geistesgröße dort irgendwo unter einer kleinen Pyramide. Wir bauten unsere winzige
Stoffhütte auf, in der wir zu dritt nächtigten. Da Olga und ich auch mal Lust auf Sex hatten,
das im Zelt mit Aljona aber nicht ging, machten wir es in der Dusche. Als wir wieder
rauskamen, wartete davor eine Reihe von Leuten ganz geduldig. Franzosen haben wohl dafür
Verständnis.
Den ersten Tag wollten wir ganz clever sein. Ich hatte eigentlich Angst, mit dem Auto direkt in
die Stadt rein zu fahren und dachte, der Flughafen Charles de Gaulle sei ein guter Platz zum
Abstellen. Doch kostenfreie Parkplätze sind da natürlich nicht zu finden. Als wir meinten, wir
hätten einen entdeckt, stellten wir fest, dass er nur für Gäste eines Hotels ist und sahen, wie schon
einige Schwarzparker abgeschleppt wurden. Also mussten wir die Gebühr zahlen. Dann mit
einem Vorortzug bis zum Gare du Nord. Von dort liefen wir die Rue de Sevastopol entlang ins
Zentrum. In diesem Viertel wohnen offensichtlich vor allem afrikanische Einwanderer. Wir sahen
jede Menge Friseurgeschäfte, wo die fantasievollsten Frisuren gezaubert wurden. Dann waren wir
angekommen. Die straffe Besichtigungstour begann – Centre Pompidou, Notre Dame, PicassoMuseum, Saint Chapelle und so weiter. Alles bei 30 Grad. Als wir von den Türmen der
Kathedrale wieder runtergestiegen waren, wackelten allen die Knie. Aljona, damals 9 Jahre alt,
hatte schließlich genug und wollte abhauen – allein in Paris. Am zweiten Tag ließen wir das Auto
in einer Seitenstraße eines Vorortes, wo schon die Metro verkehrte, stehen. Bis in die Nacht
hinein wanderten wir wieder durch Paris, hatten aber trotzdem vieles nicht gesehen, kein
Eiffelturm, kein Louvre, kein Montmartre. Schließlich doch noch einen sündhaft teuren winzigen
Espresso in einem Straßencafe zum Abschied. Als wir Aljona sagten, dass sein nun unser Trip
gewesen, fing sie wieder an zu heulen. Diesmal nicht wegen Überforderung, sondern weil sie
noch bleiben wollte. Mit dem Wartburg ging es im Dunkeln wieder zurück zum Zeltplatz. Ein
französisches Auto hinter uns hupte und der Fahrer gestikulierte. Warum überholte er denn nicht
einfach, wenn wir ihm zu langsam waren? Dann verstand ich seine Zeichensprache – wir fuhren
schon kilometerweit mit einem Platten. Das Rad glühte. So konnte ich es nach dem Wechseln
nicht in den Kofferraum legen. Olga musste das heiße Teil zwischen den Füßen halten. With the
warm wind in her hair ... Gegen Mitternacht kamen wir an. Aljona schlief fest, hatte von der
Aktion mit dem Rad gar nichts mitbekommen. Doch auf dem Zeltplatz war noch heftiges Leben.
Neben uns war ein junges Paar, der Mann ein Russlanddeutscher. Sie hörten ständig klassische
Musik und hatten Kerzen an (sogar zum Frühstück). Im Hintergrund lärmte eine holländische
Jugendgruppe. Wenige Schritte von uns entfernt stand ein Steilwandzelt. Darin bumste in
schwarzes Paar – bei brennender Lampe, ein schönes Schattenspiel. Wir hatten in der Stadt noch
einen 5-Liter-Kanister Landwein gekauft. Den wollten wir nun anreißen. Er war schrecklich
sauer, eigentlich schon Essig. Trotzdem beendeten wir damit unsere erste Reise nach Paris, die
bisher unsere einzige geblieben ist. Immerhin mehr als für Lucy Jordan.