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und Kritik bitte an
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Volodin /
Golovchenko / Yurkin
Nur keine
Angst
19 Seillängen führt die Route „Bruderliebe“ durch die 800 Meter hohe Südwand der Marmolada.
Fotos: levati / The North Face
W e r m a c h t wa s ?
ALPIN Chronik Neutouren I Ideen I Meilensteine I Abenteuer I Szene I Meinungen
Hansjörg und Vitus Auer
Bruderliebe
Hansjörg Auer erkundet
Neuland an seinem Lieblingsort: die Marmolada
in den Dolomiten.
Dass Hansjörg Auer eine besondere
Beziehung zur Marmolada pflegt,
weiß man spätestens seit seiner
Solobegehung des „Wegs durch den
Fisch“ im April 2007. Vier Jahre
später hinterließ der Tiroler –
zusammen mit seinem Bruder Vitus
– seine erste eigene Kreation an
der Südwand.
Z
um ersten Mal stieg Hansjörg
Auer im Sommer 2003
(Porträt ALPIN 11/11) zur Südwand der
Marmolada (3343 m) auf. Bereits damals fielen ihm zwei markante Pfeiler
im rechten Teil der gut drei Kilometer
breiten Wand auf. Mit ihrem überhängenden, grauen, löchrigen Fels „brannten
sie sich in mein Gedächtnis ein“. Acht
Jahre später ist es so weit: Nachdem Auer
in etlichen Marmolada-Routen – alleine,
in Seilschaft, immer frei kletternd – viel
Erfahrung sammeln konnte, widmet er
sich erneut seinem alten Projekt: „Diese
Linie beschäftigte mich seit Wochen. Beim
Autofahren, vor dem Einschlafen, beim
Betrachten der Fotos und bei der Vorstellung, wie die nächste Seillänge aussehen
wird.“ Auers Neugier wird im August 2011
befriedigt. Insgesamt fünf Tage verbringt
er, gesichert von seinem jüngeren Bruder
Vitus, am Pilastro Dorso d’Elefante, bevor
er ein Band in der Wandmitte erreicht. Die
klettertechnisch größten Schwierigkeiten
hat er damit – zum Teil mit Bohrhaken,
zum Teil mit mobilen Sicherungsmitteln
unterstützt – bewältigt. Die komplette
Route jedoch noch nicht: „Der obere Teil
bis zum Gipfelgrat sieht leichter aus. Die
Wand lehnt sich zurück. Der schwierigste
Teil liegt hinter uns; doch das Schwierigste
zugleich noch vor uns. Denn ich möchte
die Route nun frei klettern und den oberen
Teil zum Gipfelgrat gleich im ,Alpinstil‘
anhängen.“ Gesagt, getan. Am 21. August
2011 steigen die beiden Auers erneut
in ihr Projekt ein. Die ersten Seillängen
bewältigt Hansjörg ohne größere Probleme,
dann folgt die Schlüsselstelle. Nach zwei
vergeblichen Versuchen rastet der Kletterer
eine Stunde, bevor er es ein letztes Mal
probiert. „Ich mag eigentlich nicht mehr.
Ich fühle mich müde und kann diese Wand
nicht mehr sehen. Doch dann, völlig unerwartet, stehe ich am Stand. Aller guten
Dinge sind drei. Das gibt es doch nicht!
Ich beginne zu weinen, kann es nicht glauben.“ Die verbleibenden 600 Meter zum
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Leidens-Faktor Wie
groß sind die Strapazen?
Vorbild-Faktor Stil der Begehung?
Sichere Route oder Harakiri?
Es gibt auch schöne leichtere
Routen dort …
Wehe dem, der seinen Bruder
sichern muss.
Cool, die Durchsteigung an
einem Tag.
Leidenschaft zahlt sich eben aus.
Exklusiv in ALPIN „Haltungsnoten“ für jede Tour
Nachmach-Faktor Lohnt es
sich, für diese Tour zu trainieren?
Gipfel klettert das Brüderpaar ohne größere
Probleme, obschon sich der obere, noch
unberührte Wandteil wild und alpin zeigt.
Nach insgesamt zwölf Stunden Kletterei
stehen Hansjörg und Vitus am Gipfelgrat.
Seine Route widmet der Ältere dem Jüngeren: „Vitus schafft es, mich immer wieder
zu motivieren. Auch wenn seine Füße vom
dauernden Hängen am Standplatz schmerzen. Er ist der geduldigste Mensch, den ich
kenne, nimmt alles sehr gelassen. Es ist
so gut, ihn dabeizuhaben.“ So kommt in
dem Routennamen Hansjörgs Dankbarkeit
zum Ausdruck: „Bruderliebe“ (X/X+,
19 Seillängen, 800 m). Seine sommerliche
Liaison mit der Marmolada ist für Hansjörg Auer allerdings noch nicht beendet.
Nur drei Tage nach seiner erfolgreichen
Erstbegehung gelingt ihm mit Gerhard Fiegl
die erste freie Begehung der von Altmeister
Maurizio Giordani 2006 erstbegangenen
Route „Colpo di Coda“ (IX–, 28 Seillängen,
900 m). Und am 29. August 2011 eröffnen die beiden Kletterer zusammen eine
direkte Ausstiegsvariante zum „Schwalbenschwanz“ an der Punta Ombretta: „Coco
Jambo“ (VII+, 4 neue Seillängen, 750
m). Man darf gespannt sein, wie sich die
Beziehung zwischen Hansjörg Auer und
„seiner“ Wand im kommenden Sommer
entwickeln wird.
Image-Faktor Kann man in
der Szene damit punkten?
E
in russisches Drei-Mann-Team
eröffnete im August 2011 eine
neue Route in der Nordwestwand des Great
Trango Tower (6251 m) im pakistanischen
Karakorum-Gebirge. „No Fear“ (VII, A3,
1120 m), erstbegangen von Viktor Volodin,
Dimitry Golovchenko und Alexander Yurkin,
ist die erste eigenständige Linie, die seit
über einem Jahrzehnt an diesem Gipfel
gefunden wurde. In der Nordwestwand
gab es bis dato nur eine weitere Route:
„Insumisioa“ (VI, A3+), 1995 von den
Basken Antonio Aqueretta, Fermin Izco und
Mikel Zabalza erstbegangen. Die russischen
Bergsteiger begannen mit ihrer Arbeit am
2. August, als sie fünf Fixseile anbrachten.
Am 5. August stiegen sie endgültig in die
Wand ein, wobei sie sich im sogenannten „Capsule Style“ fortbewegten. Dabei
verlängern die Kletterer ihre Route so lange
von einem fixen Portaledge-Camp nach
oben, bis sie das gesamte Camp in der
Wand ein Stück höher verlegen. Volodin,
Golovchenko und Yurkin etablierten drei
Lager in der Wand. Ihre Route folgt einem
prominenten Verschneidungssystem, kreuzt
„Insumisioa“ auf drei Seillängen und erobert dann den linken Teil des Gipfelturms.
Den Großteil der Schwierigkeiten bewältigten die Russen in technischer Kletterei.
Volodin, Golovchenko und Yurkin verbrachten acht Tage in der Wand. Nachdem ihnen
das Wetter zunächst wohlgesinnt war,
verschlechterte es sich während der letzten
drei Tage zusehends. Am 12. August stieg
das Team bei Schneefall am Gipfel aus.
Way to go, boys.
Das sitzen die Russen aus.
Ein sehr schöner Erfolg.
Mit so einer Route kannst
du punkten.
12/11
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Im Sperrgebiet
D
en Amerikanern Mark Richey,
Steve Swenson und Freddie
Wilkinson gelang am 24. August 2011
die Erstbesteigung des Saser Kangri II im
östlichen Karakorum. Mit 7518 Metern war
dies bis dato der zweithöchste unbestiegene
Gipfel der Welt. Der höchste, der Gangkhar
Puensum (7570 m), liegt in Bhutan – da
das Bergsteigen über 6000 Meter Höhe
dort verboten ist, wird er noch einige Zeit
der höchste bleiben. Ausgangspunkt war
der Südliche Shupka-Kunchang-Gletscher,
die Route „The Old Breed“ (WI4, M3,
1700 m) führt durch die Südwestwand.
Bis April 2010 war ein Großteil des östlichen Karakorums aufgrund des Grenzkonflikts zwischen Indien und Pakistan
unzugänglich. Das Sperrgebiet hatte wenig
bergsteigerische Aktivität gesehen, obwohl
sich dort mehr als 100 unbestiegene Gipfel
befinden. Bereits in den frühen 80er-Jahren war der Westgipfel des Saser Kangri II
von einer japanischen Expedition erreicht
worden; der höhere Ostgipfel blieb unberührt. Schon 2001 hatte Richey – während
einer Expedition unter Leitung von Chris
Bonington und Harish Kapadia – ein Auge auf
den Saser Kangri II geworfen. 2009 stellte
er ein Team für eine Besteigung zusammen,
+++ Den Neuseeländerinnen Pat Deavoll (zuletzt ALPIN-Chronik 2/2011) und Christine
Byrch gelang eine Neuroute am 6515 Meter
hohen Koh-e-Baba im afghanischen
Wakhan-Korridor. Dies war zugleich die
zweite Besteigung des Berges seit seiner
Erstbesteigung durch eine italienische Expedition 1963.
Auf ins Unbekannte!
Die Biwaks sind hart.
So schön puristisch.
Jetzt geht’s fast nur noch niedriger.
+++ Zwei prominent besetzte Expeditionen
waren im September 2011 im pakistanischen Charakusa-Tal unterwegs. Den
Amerikanern Doug Chabot, Bruce Miller und
Steve Su gelang die Erstbesteigung des
6400 Meter hohen Hispar Sar. Fast zeitgleich waren ihre Landsleute Kyle Dempster
(zuletzt ALPIN-Chronik 8/2011) und Hayden
Kennedy erfolgreich. Sie standen als erste
Menschen auf dem Hassan Peak (6300 m).
das jedoch auf 6500 Meter in schlechtem
Wetter umkehren musste. Für Richey war
klar, dass er zurückkehren würde.
Nach etlichen Akklimatisationstouren stiegen Richey, Swenson und Wilkinson am 21.
August zu einem Biwakplatz auf, den sie in
den Wochen zuvor bereits hergerichtet hatten. Dafür verwendeten sie ein von Richey
ausgeklügeltes System, indem sie eine Art
Hängematte aufspannten, sie mit Schnee
füllten und so die Biwakplattform vergrößern konnten. Am folgenden Tag überwanden die Bergsteiger ein Eiscouloir sowie ein
Felsband, das eine der Schlüsselstellen der
Route darstellt. Am dritten Tag erreichten
sie eine Höhe von etwa 7000 Meter. Zwischen ihnen und dem Gipfel lagen nur noch
drei schwierige Seillängen, dann Gehgelände. Am 24. August stand das Trio auf dem
höchsten Punkt des Saser Kangri II.
Hajo Friederich
Der
Edelmann
S
Foto: Swenson
Drei Freunde auf
dem Gipfel des
Saser Kangri:
Mark Richey,
Steve Swenson
und Freddie Wilkinson (v. l.).
caramouche, der galante
Marquis“ – 1952 verfilmte
Regisseur George Sidney diesen Mantelund-Degen-Film mit dem Schauspieler
Stewart Granger. Welche Szenen des Films
Alexander und Thomas Huber zur Namensgebung inspirierten, ist nicht bekannt.
Sicher dagegen ist, dass sie ihre Route
am Westwandpfeiler des Hohen Göll in den
Berchtesgadener Alpen schon 1989 erstbegingen (X–, 8 Seillängen, 320 m) und dass
diese Kreation gut 20 Jahre auf ihre dritte
Rotpunktbegehung warten musste. „Scaramouche“ gilt heute als eine der alpenweit
ersten Routen im X. Schwierigkeitsgrad.
Erst 2009 konnte Reinhard Hones die vermutlich zweite vollständige Rotpunktbegehung für sich verbuchen. Die Route bietet
steile Plattenkletterei mit unterschiedlichem Charakter. Von kleinsten Griffen
Marcic / Strazar
Gut gemacht, Jungs!
A
m 3. September 2007 gelang dem All-Star-Team Vince
Anderson, Steve House und Marko Prezelj
die erste Besteigung des K 7-Westgipfels
(ALPIN-Chronik 12/2007). Nicht erst seit
diesem Erfolg gilt das Charakusa-Tal im pakistanischen Karakorum als einer der Hot
Spots der internationalen Alpinistenszene.
Im Sommer 2011 warfen die jungen Slowenen Nejc Marcic (26) und Luka Strazar
(22) ein Auge auf den steilen Südwestpfeiler des K 7 West. Für dessen Durchsteigung
benötigten die beiden Karakorum-Novizen
vier Tage. Während der untere Teil viel
Eiskletterei bot, zeigten sich die größeren
Schwierigkeiten in der Fels- und MixedKletterei des oberen Wandteils. Um vor
einsturzbereiten Séracs geschützt zu sein,
hielten sich Marcic und Strazar fast immer
Fotos: Archiv Marcic / Strazar
+++ Telegramm +++
Die beiden Slowenen kletterten immer an der Kante
lang, um vor den einsturzbereiten Séracs sicher zu sein.
an die Gratschneide, mussten sich im oberen Wandteil aber dennoch stark exponieren. Ihre Route nannten sie „Dreamers of
Golden Caves“ (V, M5, A2, 1600 m). Und
ihr großes Vorbild, ihr Landsmann Marko
Prezelj, urteilte: „Ich gratuliere den Jungs!
Eine neue Route am K 7 West ist eine exzellente Leistung – zumal es erst die zweite
an diesem Berg ist.“
Das Charakusa ist die Reise wert.
Saugefährlich war das.
Veni, vidi, vici.
Wenn sogar Marko begeistert ist …
Erst mal gescheit auftrainieren.
Die Griffe sind schon arg klein.
Vor allem die Langzeitausdauer!
Respekt. Old guys rule.
über Boulderstellen mit Fingerlöchern bis
hin zu steiler, athletischer Wandkletterei
weit über dem letzten Sicherungspunkt ist
alles geboten.
Zwei Jahre nach der Erstbegehung hatte
sich der Berchtesgadener Hajo Friederich
an einen Versuch gewagt. Ein sehr weiter
Sturz, der auf einem Band endete, bescherte ihm jedoch eine Beckenprellung.
Im August 2011, zwei Jahrzehnte älter
geworden, wagte er sich an einen neuen
Versuch. Am 16. September 2011 gelang
ihm mit seinem Bergführerkollegen Hansi
Stöckl als Sicherungspartner schließlich
die vermutlich dritte vollständige Rotpunktbegehung von „Scaramouche“. Dabei
kletterte Friederich alle Seillängen im
Vorstieg und rotpunkt. „So ging ein Traum
in Erfüllung, den ich schon lange in mir
getragen hatte.“
Foto: archiv Friederich
Richey / Swenson / Wilkinson
Hajo Friederich gelingt zwanzig Jahre nach seinem ersten Versuch die dritte Rotpunktbegehung der „Scaramouche“.
Exklusiv in ALPIN „Haltungsnoten“ für jede Tour
Nachmach-Faktor Lohnt es
sich, für diese Tour zu trainieren?
Leidens-Faktor Wie
groß sind die Strapazen?
Vorbild-Faktor Stil?
Sichere Route oder Harakiri?
Image-Faktor Kann man in
der Szene damit punkten?
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