F. Pina Polo: Rom, das bin ich 2011-3-024 Pina Polo - H-Soz-Kult

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F. Pina Polo: Rom, das bin ich 2011-3-024 Pina Polo - H-Soz-Kult
F. Pina Polo: Rom, das bin ich
Pina Polo, Francisco: Rom, das bin ich. Marcus
Tullius Cicero. Ein Leben. Stuttgart: Klett-Cotta
2010. ISBN: 978-3-608-94645-1; 381 S.
Rezensiert von: Frank Bücher, Historisches
Seminar I, Universität zu Köln
Wie Pina Polo in seinem Vorwort gleich zu
Beginn notiert, stellt es durchaus ein Wagnis
dar, eine Biographie über Cicero zu schreiben. Die Riege der Vorgänger ist sehr lang:
Eine im Anhang beigegebene informative
Übersicht über alle bisher verfassten CiceroBiographien nimmt zweieinhalb Druckseiten
ein und führt Werke seit Middlestons „The
History of the life of Marcus Tullius Cicero“
aus dem Jahre 1741 auf. So viel Tradition lässt
kaum Platz, über Cicero zu schreiben, was
und wie niemand es bisher getan hat.
Pina Polo lässt sich folgerichtig auf die Konventionen des Genres der Biographie ein und
schildert über 17 Kapitel hinweg das Leben
des Spätrepublikaners, der uns wie kein anderer bekannt ist, in seiner chronologischen Abfolge. Seine Entscheidung, besonders Ciceros
Briefe zu Wort kommen zu lassen, kann man
insgesamt als glücklich bezeichnen. Bisweilen
sind die Zitate recht umfangreich und unterbrechen den erzählerischen Fluss. Aber auch
derjenige, der schon viel Zeit in die Beschäftigung mit Cicero investiert hat, dürfte immer
wieder scharfsinnige Beobachtungen und das
eine oder andere feine Aperçu aus dem Epistelcorpus lesen, die einem vorher nicht so geläufig waren.
Um die Welt Ciceros in ihren verschiedenen Aspekten plastischer vorstellen zu können, baut Pina Polo essayistische Exkurse in
seine Darstellung ein. So widmet er sich intensiv den Finanzen Ciceros, denen ein eigenes Kapitel reserviert wird. Er begleitet Cicero
beispielsweise bei der Suche nach seiner (sehr
teuren) Traumimmobilie auf dem Palatin. Eine instruktive Karte (S. 53) zeigt die Häuser
prominenter Nachbarn, die Cicero dort hatte. Längere Ausführungen informieren den
Leser ebenso über das Phänomen der Gewalt im spätrepublikanischen Rom wie auch
über Religion und religiöse Vorstellungen sowie Wahlen und Wahlkämpfe. Mit feinem Gespür zeigt Pina Polo die Inszenierung von
Politik, beispielsweise anlässlich der Catilina-
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Krise oder der Rückkehr Ciceros aus dem
Exil. Natürlich wird auch der Schriftsteller Cicero gewürdigt. Der Autor gibt keine Inhaltsangaben der einzelnen Philosophica, sondern
berichtet summarisch über die Werkgruppen
zur Religion, griechischen Philosophie und
Rhetorik. Ciceros Vorstellung vom perfekten
Redner wird ein eigenes Kapitel eingeräumt.
Manchmal möchte man sich anstelle der ruhig dahinfließenden Darstellung eine lebendige, dramatische Forumsszene oder ähnliches
wünschen. Der Verres-Prozess, der hier beste Gelegenheit böte, wird nur kurz abgehandelt. Die Philippischen Reden müssen auch
in ein abschließendes Kapitel hineinpassen.
Aber wem kann man schon alles recht machen?
„Rom, das bin ich!“ Dieser titelgebende politische Anspruch des Consulars steht selbstverständlich im Zentrum des Buches. Ciceros
völlige Fixierung auf die urbs – gerade dann,
wenn er von ihr getrennt ist, wie etwa in der
Zeit des Exils oder während der kilikischen
Statthalterschaft – zeigt zugleich sein Problem: Wirken kann jemand wie er nur in Rom.
Die mächtigen Zeitgenossen operieren weltweit, mit erfolgreichen Kriegen vergrößern
sie den römischen Herrschaftsbereich. Cicero
sitzt derweil zu Hause, die großen Bewegungen seiner Zeit im Senat, vor dem Volk und in
seinen Briefen kommentierend, aber nie rührig und tätig an vorderster Front. Im Laufe der
Lektüre wird immer deutlicher, dass Ciceros
Worte bisweilen durchaus mächtig waren, er
aber – wenn es darauf ankam – keine wirklichen Machtmittel in der Hand hatte. Über das
weit entfernt wütende Schwert kann man im
Senat lobend sprechen oder schimpfen, aber
kommt es drohend näher und näher, wird Cicero zunehmend unsicher, laviert und muss
schließlich seine geliebte Stadt verlassen.
Unter den Anhängen ist eine sehr ausführliche Zeittafel zum Leben Ciceros (S. 354–366)
hervorzuheben. Die Bibliographie verzeichnet zunächst die biographischen Werke in
chronologischer Reihenfolge und stellt dann
in einem zweiten Teil einige Studien nach
Sachgruppen zusammen. Insgesamt ist das
Literaturverzeichnis sparsam angelegt. Ein
Personenregister schließt den Band ab.
In toto hat Pina Polo ein detailreiches
und schön erzählendes Cicero-Buch vorge-
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legt, dessen Hauptfigur politisch, religiös, intellektuell, selbstverständlich auch privat vorgestellt und in seine Zeit eingeordnet wird.
Sabine Panzram hat eine angenehm und flüssig zu lesende Übersetzung angefertigt; der
Klett-Cotta Verlag hat ein schönes Buch hergestellt, das man gerne zur Hand nimmt.1
HistLit 2011-3-024 / Frank Bücher über Pina
Polo, Francisco: Rom, das bin ich. Marcus Tullius Cicero. Ein Leben. Stuttgart 2010, in: H-SozKult 11.07.2011.
1 Das
Buch erschien im spanischen Original unter dem
Titel: Marco Tulio Cicerón, Barcelona 2005.
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