BRIGITTE 01/2015_“Die Realität darf auch hier anklopfen

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BRIGITTE 01/2015_“Die Realität darf auch hier anklopfen
dossier
Psychologie wie
halten
wir die
welt
noch aus?
IS-Terror, Ukraine-Krise, Ebola-Tote und Millionen
Menschen auf der Flucht – in diesem Jahr nahmen die
Horrornachrichten kein Ende. Aber wie gehen wir damit um?
Wir haben Menschen gefragt, die sich
der Ohnmacht stellen. Jeder auf seine Weise
Fotos Jens Boldt
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dossier
„Zu viel
Ruhe w re
zynisch“
Der Philosoph und Bestsellerautor
WILHELM SCHMID rät zu Gelassenheit,
aber nicht zu Ignoranz. Den Grat
dazwischen zu finden ist die eigentliche
Herausforderung
K
ann man gelassen sein angesichts
der beunruhigenden Geschehnisse in der Welt? Diese Frage wird
mir oft gestellt. Im Frühjahr 2014, als
die Krisen in der Ukraine, in Westafrika,
im Irak und in Syrien zu kulminieren begannen, publizierte ich ein Buch: „Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir
älter werden“. Ein Überraschungserfolg.
Nicht auszuschließen, dass das etwas mit
den Weltläufen zu tun hat: Wäre es nicht
schön, jetzt mehr Gelassenheit zu haben? Sie verspricht mehr Ruhe, wenigstens im eigenen Inneren – aber soll das
auf Ignoranz und Untätigkeit gegenüber
äußeren Verhältnissen hinauslaufen?
Am besten, ich verstecke mich nicht
hinter einem anonymen „Man“, also
deutlicher: Kann ich gelassen sein? Bisher ja, aber ignorant und untätig will ich
nicht sein. Das Gefahrenpotenzial ist zu
groß, und zu viel Ruhe wäre zynisch
angesichts des Leids, das viele Menschen
erfahren. Auch eine so erstrebenswerte
Haltung wie die Gelassenheit kann zum
Problem werden, wenn sie totalisiert
wird und zu einer Scheinruhe führt, wo
Unruhe ratsamer wäre. Auch die Gelas-
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senheit muss atmen können: Mal ist
sie da, einatmen, dann ist sie weg, ausatmen. Jetzt ist sie dabei, zu kippen, ich
werde unruhig und beginne, mir Fragen
zu stellen: Wie kann ich mich und die
Meinen schützen? So weit ist es noch
nicht. Noch. Und was kann ich in der
jetzigen Situation tun, um zu helfen?
Die ehrliche Antwort ist wohl: wenig.
Aber wenig ist schon mehr als nichts.
Und was genau kann ich tun? In Bezug
auf Ebola kann ich erst einmal den Mut
vieler Freiwilliger bewundern, die sich
für einen Hilfseinsatz melden. Würde
ich ebenfalls so viel Mut aufbringen,
wenn ich für einen Einsatz qualifiziert
wäre? Mit der Verantwortung für eine
Familie zu Hause? Zweifelhaft. Was ich
jedoch tun kann: aus den gelegentlichen
Spenden für „Ärzte ohne Grenzen“, deren Arbeit mir schon lange imponiert
und die auch in diesem Fall sehr früh
vor Ort waren und die Lage richtig
einschätzten, häufigere Überweisungen
machen. Und was die Ukraine angeht,
beeindruckt mich die Idee der deutschen Regierung, mit Lastwagenkonvois
viele Heizöfen dorthin zu bringen, wo
sie unabhängig vom russischen
Gas funktionieren. So einen bezahle ich auch gern – wo kann
ich mich dafür anmelden?
Ein schlechtes Gewissen muss
niemand haben. Es geht hier
nicht um Moral, sondern um
Klugheit, die Suche nach praktikablen Lösungen und einen angemessenen eigenen Beitrag dazu.
Wenn jemand keinen Beitrag leisten kann oder will, dann ist das halt
so. Die Schwelle zur Hilfsbereitschaft
ist auch für mich nicht immer klar:
Wäre ich bereit, mehr als nur ein bisschen Geld zu geben, beispielsweise meine eigene Wohnung für Flüchtlinge aus
Syrien oder Asylsuchende aus Afrika zu
öffnen? Jetzt noch nicht, aber wenn die
Ströme weiter anschwellen . . . Ich denke
darüber nach, wie das familienintern zu
organisieren sein könnte. Und, als Staatsbürger, auch darüber, wie viele Bedürftige die Gesellschaft insgesamt verkraften kann, ohne auseinanderzubrechen,
womit niemandem geholfen wäre.
B
eim Eigeninteresse anzusetzen ist
klug. Es ist verpönt – aber heimlich macht das jede und jeder,
denn dann sieht die Welt gleich etwas
überschaubarer aus. Eigene Sorgen dürfen ernst genommen werden, die kleinen
alltäglichen wie die größeren in Bezug
auf das Weltgeschehen. Aus Eigeninteresse orientiere ich mich aber auch an der
goldenen Regel, die leichter zu verstehen und einfacher zu handhaben ist als
komplizierte moralische Erwägungen:
Was würde ich mir wünschen, wenn ich
selbst in eine missliche oder gar lebensbedrohliche Lage geriete? Dass andere
sich nicht abwenden? Dann ist es eine
gute Idee, das jetzt selbst ebenfalls nicht
zu tun, denn wer weiß, wann ich meinerseits auf andere angewiesen bin. Das
halten viele für undenkbar, aber die
Lebenserfahrung und die Geschichte
zeigen, dass es nicht unmöglich ist.
wilhelm
schmid,
62, lebt als freier Philosoph
in Berlin (www.lebenskunst
philosophie.de) und lehrt als
außerplanmäßiger Professor
an der Universität Erfurt. 2012
erhielt er den deutschen
Meckatzer-Philosophie-Preis für
besondere Verdienste bei der
Vermittlung dieser Wissenschaft,
2013 den schweizerischen
Egnér-Preis für sein bisheriges
Werk zur Lebenskunst. Sein
aktuelles Buch ist ein Bestseller:
„Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“
(Insel Verlag,118 S., 8 Euro).
dossier
W
er immer nur zufrieden sein
will, kann keine Störung mehr
verkraften, nicht im Privaten,
nicht im Politischen. Dabei weiß doch
jede und jeder, dass das Leben nie nur
aus Zufriedenheit besteht, immer auch
aus Unzufriedenheit, nie nur aus Glück,
immer auch aus Unglücklichsein. Schon
bei zweien kommt immer wieder „etwas
dazwischen“, Ärger, Disharmonie, vielleicht Streit. Das Leben kennt nicht nur
das Positive, nie nur Freude, Harmonie,
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Frieden. Es ist erfüllt von Polarität, daraus bezieht es seine Spannung. Menschen brauchen Herausforderungen, um
sich und das Leben zu spüren, sich
weiterzuentwickeln und nicht vorzeitig
einzuschlafen. Herausforderungen zu bewältigen, das ist wahre Lebenskunst.
Wie soll es nun weitergehen? Hilfreich wäre, sich vom Ideal des Ewigen
Friedens zu verabschieden, sowohl zu
Hause als auch in der Weltgesellschaft.
Warum die hartnäckige Parallelisierung
des Kleinen und Großen? Weil viele
etwas von „der Welt“ erwarten, was sie
zu Hause schon mit zwei, drei, fünf
Das Glück
muss auch
immer
mal wieder
ausatmen
Menschen nicht zustande bringen. Wie
soll das mit sehr viel mehr und gegensätzlicheren Menschen funktionieren?
Die universelle Harmonie wird unter
menschlichen Bedingungen nie zu verwirklichen sein, denn so spielt das Leben
nicht. Das ist kein Argument gegen Versuche zur Weltverbesserung. Aber eines
gegen Illusionen eines künftigen Endsiegs gegen alles Negative dieser Welt.
Depressiv werden jetzt vor allem diejenigen, deren Maßstab das gelingende
Leben ist. Sie versuchen sich abzuschotten gegen alles Negative, das ein
Misslingen herbeiführen könnte, und
kommen doch nicht dagegen an. Der
kleinste Einbruch des Negativen deprimiert sie, erst recht der größere. Eine
kleine Änderung der Haltung würde alles
ändern: Wer bereit ist, die Existenz
des Negativen anzuerkennen, kann sich
pragmatischer um die jeweiligen Probleme im Alltag oder in der Weltpolitik
kümmern. Er oder sie muss nicht mehr
verzweifeln, wenn der Lack der Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit Kratzer
abbekommt.
Ist es aber wenigstens in Ordnung,
angesichts der Überfülle schlechter
Nachrichten gar keine Nachrichten mehr
sehen, hören, lesen zu wollen? Ja, natürlich, es ist sinnvoll, Grenzen zu ziehen,
vor allem dann, wenn Übeltäter uns bestialische Bilder ins Hirn brennen wollen. Hier ist es angebracht, die Augen
zu verschließen. Aber, nein, es ist nicht
sinnvoll, überhaupt nichts mehr wahrnehmen zu wollen. Den Kopf in den Sand
zu stecken war noch nie eine Lösung.
Was dann? Die immer neue Bereitschaft,
für einen Moment innezuhalten und
nachzudenken über die eigene Weltsicht,
die vielleicht korrekturbedürftig ist.
B
eispielsweise darüber, dass viele
von uns bis vor Kurzem von einer
Armee nichts mehr wissen wollten. Wozu braucht man die noch, wenn
man überall auf der Welt von Freunden
umstellt ist? Nun aber entrüsten wir
uns plötzlich sehr heftig über Rüstungsmängel. Wie bitte?! Seien wir ehrlich:
Diese Mängel haben auch etwas mit dem
eigenen Glauben an das Ende gewaltsamer Auseinandersetzungen zu tun. Aber
nicht alle in dieser Welt träumen vom
Weltfrieden. Wie wertvoll erscheint da
doch klammheimlich das hochgerüstete
Potenzial einer ansonsten verachteten
Weltmacht: Gegen Ausbrüche von organisierter Bestialität helfen nun mal am
besten Panzer und Bomben, diplomatische Depeschen eher nicht.
Die Geschichte lehrt uns, dass es
besser ist, gegen Eventualitäten gewappnet zu sein. Die persönliche Erfahrung
zeigt, dass ein „Stinkstiefel“ in einer
Gruppe ausreicht, um den Frieden zu
stören – und dann? Gelassen bleibt derjenige, der Störfälle von vornherein miteinbezieht und Antworten darauf vorbereitet, selbstverständlich erst einmal mit
friedlichen Mitteln. Er muss sich nicht
lang damit herumschlagen, dass sein
Weltbild aus den Fugen gerät, sein Glück
in Gefahr ist. Er kann sich auf die Suche
nach den gangbarsten Lösungen machen,
sei es im alltäglichen Leben oder bei
größeren Herausforderungen in der Welt.
Kann sein, dass wir in der aktuellen Situation für eine Weile noch Zuschauer
bleiben können. Aber hoffentlich welche,
die menschliches Interesse zeigen und
sich nicht angewidert abwenden.
Was bedeutet das für mich? Das ist
die entscheidende Frage.
„natürlich
frage ich Gott:
Was soll das?“
Die Ordensschwester SILKE ANDREA MALLMANN
hat viele Menschen sterben sehen. Für sie ist der Glaube
eine ständige Suche, zu der auch der Zweifel gehört
Z
F oto G ert Egg enb e rg er
Viele wenden sich dennoch ab. Kann
das etwas damit zu tun haben, dass sie
sich seit einiger Zeit nur noch für ihr
Glück interessieren? Dass sie sich von
allen möglichen Ratgebern einreden lassen, Glück sei das Wichtigste im Leben,
ohne Glück lohne sich das Leben gar
nicht mehr? Und was ist Glück? Es heißt,
es sei in der Zufriedenheit zu finden.
Ein neues Ereignis hat an Bedeutung
gewonnen, das frühere Jahrzehnte und
Jahrhunderte nicht kannten; Jahr für Jahr
wird es von Medienrummel begleitet:
Der sogenannte „Glücks-Atlas“ wird publiziert. Ihm kann das staunende Land
den Pegelstand seiner Zufriedenheit entnehmen, ob das hohe Niveau noch ein
Zehntelprozent höhergerutscht ist, ob
die Münchner zufriedener sind als die
Hamburger, die Schwaben weniger zufrieden als die Schleswig-Holsteiner, der
Westen zufriedener als der Osten. Ach,
Deutschland, sind das deine Sorgen?
Es war lange schon zu befürchten:
Dieses Glück ist asozial. Die Glückssuchenden sind nur noch um ihr Glück
besorgt. Es ist ja schön, wenn es auch
mal Wohlgefühl und Zufriedenheit im
Leben gibt, jede und jeder soll das genießen können. Aber das ist nicht ohne
Unterlass möglich, bestenfalls gibt es
Teilzeitglückliche, da auch das Glück
zwischendurch immer wieder ausatmen
muss. Die um Vollzeit Bemühten stehen
in Gefahr, den Sinn für soziale, ökologische und politische Probleme zu verlieren. Sogar dann, wenn ihnen im Freundeskreis jemand begegnet, der „nicht
gut drauf ist“, bescheiden sie ihn gern:
„Du ziehst mich runter“ – kein Gedanke
daran, dass sie selbst übermorgen des
Zuspruchs bedürftig sein könnten. Stellen wir uns so das Zusammenleben vor?
um Höhepunkt der Aids-Epidemie
arbeitete ich acht Jahre in Südafrika in einer Klinik. Wir hatten
zu Anfang keinerlei HIV-Medikamente,
medizinisch konnten wir für unsere Patienten fast nichts tun. Jeden Tag sind
sieben, acht junge Leute gestorben. Das
ist Leid, das man nicht verstehen kann.
Jedes Wort ist zu viel. Man kann da
nichts wegbeten.
Ich finde, es ist ganz wichtig, dass man
dann auch zweifeln darf. Glauben ist ja
nicht Wissen, sondern Immer-WiederSuchen. Dazu gehören Zweifel. Davor
darf man keine Angst haben. Denn der
Zweifel führt nicht dazu, dass ich mich
von der Gottsuche abwende, sondern eröffnet eine Auseinandersetzung mit ihm.
Da sitzt plötzlich etwa eine Mutter in
der Klosterküche, ihr Baby auf dem Arm,
das auf der Flucht im libyschen Sand
geboren wurde. Irgendwie sind sie auf
ein Schiff nach Lampedusa gelangt. Dann
frage ich Gott schon: „Was soll das? Was
willst du uns damit sagen? Was willst
du, dass wir jetzt tun?“
Mir ist klar, dass ich allein das Leid in
Syrien nicht lindern kann. Aber ich kann
das Leid ändern, das bei mir vor der Tür
steht. Das fängt im Kleinen an: Unsere
Kindergartenkinder haben entschieden,
dass sie einmal in der Woche keinen Kakao trinken und das gesparte Geld einem
betroffenen Kind spenden. Dabei kommen keine Riesensummen zusammen,
aber das ist egal. Und es geht auch nicht
an, dass man sagt: „Verzichtet doch jeden
Tag auf euren Kakao!“ Diese Vierjährigen
sind stolz. Und jeden Mittwoch, wenn es
den Kakao nicht gibt, ist das Bewusstsein da, dass man selbst etwas beitragen kann, damit sich etwas bewegt. Ich
glaube, das ist ein Prozess: Man gewöhnt
sich daran, zu fragen, welche Folgen das
eigene Verhalten für andere hat.
Trotzdem sollte ich mich nicht nur
verpflichtet fühlen, zu helfen. Das wäre
mir zu wenig. Hilfe, die mit zusammengebissenen Zähnen gegeben wird, bringt
nichts. Ich bin eingeladen, Stellung zu
beziehen, zu helfen, und ein „Ja“ zu dieser Einladung wiegt viel mehr als eine
Verpflichtung. Ich kann verstehen, wenn
jemand diese Einladung ausschlägt, etwa
weil er zu belastet ist durch private Sorgen. Dann muss derjenige sich erst um
sich selbst kümmern. Das ist ganz wichtig. Wenn ich mir selbst nicht erlaube,
dass es mir gut geht, kann ich es irgendwann auch anderen nicht mehr erlauben.
Auch ich muss auftanken, damit ich
geben kann. Stille tut mir gut. Und
natürlich ziehe ich Kraft aus dem Glauben. Diese leidfreie Welt, von der wir
alle träumen, die gibt es nicht. Leid gehört dazu. Energie darauf zu verschwenden, es auszugrenzen, ist kontraproduktiv. Wichtig ist, wie ich im Leid gut mit
ihm umgehen kann, welche Bedeutung
ich ihm gebe. Mir hilft der Gedanke, dass
Christus auch im Leid ein Stück weit
anwesend ist. Protokoll: Antje Kunstmann
silke andrea mallmann, 46, ist
Psychologin und Ordensfrau der
Missionsschwestern vom Kostbaren
Blut in Wernburg, Österreich. Sie
leitet heute in Kärnten die TalithaBeratungsstelle für Prostituierte und
Opfer von Menschenhandel.
Br ig it t e. de 1/ 2 015
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dossier
„mir erscheint
jedes alltagsproblem banal“
Die Freiburger Studentin DUNJA KHOURY reist
regelmäßig an die syrisch-türkische Grenze, um in
einem Krankenhaus zu helfen. Der Umgang mit
dem Leid dort fällt ihr schwer. Die Rückkehr in ihre
heile Studentenwelt fast noch mehr
S
eit Anfang 2013 war ich fünfmal im
türkischen Reyhanı direkt an der
syrischen Grenze, um dort in einem Krankenhaus zu helfen. Behandelt
werden dort hauptsächlich die Opfer des
syrischen Konflikts. Gelegentlich arbeite
ich auch in einem Flüchtlingslager auf
der anderen Seite der Grenze, aber meist
bin ich in dem Krankenhaus.
Meine Familie stammt aus Syrien, ich
spreche Arabisch, ich habe in Damaskus
Verwandte, die ich früher mit meinen
Eltern oft besucht habe. Als der Konflikt
ausbrach, wollte ich unbedingt helfen.
Erst bewarb ich mich bei den großen
Hilfsorganisationen als Freiwillige, bekam aber nur Absagen. Mein Vater hatte
aber den Kontakt zu der Klinik, daher
habe ich mich direkt dorthin gewandt.
In dem Krankenhaus sind Kinder, die
beim Spielen auf der Straße angeschossen worden sind, Frauen in Rollstühlen,
Menschen, deren komplette Familien bei
Luftangriffen umgekommen sind. Viele
haben einen großen Drang, sich jemanden mitzuteilen, der von außen dazukommt und nicht seine eigene Leidensgeschichte mitbringt. Meist höre ich
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einfach nur zu, male mit den Kindern
Bilder. Hauptsächlich geht es darum, den
Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein
sind in ihrem Schmerz.
Es ist manchmal schwer für mich,
diese ganzen Geschichten voller Traurigkeit und Wut aufzunehmen. Bei meinem ersten Aufenthalt habe ich viel
geweint und wollte sofort wieder gehen,
weil ich mich so hilflos und ohnmächtig fühlte. Ich bin auf meine Aufgabe von
einem Dozenten ein bisschen vorbereitet
worden, aber diese Professionalität eines
fertigen Psychologen habe ich noch nicht.
Vielleicht werde ich sie nie haben. Bei
meinem letzten Aufenthalt hatte ich viel
Kontakt zu einem jungen Paar, sie 19, er
25, deren zwei kleine Kinder vor ihren
Augen getötet wurden. Ich weiß nicht,
wie es möglich ist, das nicht zu sehr an
mich heranzulassen.
Mir ist klar, dass ich mich nicht für
den ganzen Schmerz der Welt öffnen
kann. Ich weiß, dass Abschottung
manchmal nötig ist, auch ich mache das
oft genug, ich habe beispielsweise aufgehört, Nachrichten aus Syrien zu lesen.
Wenn ich nur auf das Leid schaue, dann
fühle ich mich machtlos. Aber
wenn ich mich dabei frage:
„Wie kann ich helfen?“ bin ich
nicht mehr ganz so machtlos.
Ja, ich kann nichts an der
Politik ändern, ich kann nicht das
Regime stürzen, ich kann keinen
Frieden schaffen. Aber als Mensch
kann ich einem anderen Menschen
helfen, materiell oder nichtmateriell. Das habe ich hier gelernt: Für den
einzelnen Menschen macht es einen
Unterschied, ob ich zu ihm hingehe oder
nicht. Und das gilt immer und überall.
Als ich nach meinen ersten Aufenthalten nach Deutschland zurückgekommen bin, konnte ich die Alltagsprobleme
der anderen kaum anhören. „Die Uni ist
so schwer“, „der Freund hat nicht angerufen“, „die Diät hat nicht angeschlagen“,
das erschien mir alles so banal, und ich
war immer kurz davor, zu sagen: „Du
hast gar keinen Grund zu meckern, dir
wurden nicht die Hände abgehackt, und
du weißt, wo du heute schlafen kannst.“
I
ch habe eine Zeit lang gebraucht, bis
ich gemerkt habe, dass ich den anderen keinen Vorwurf machen kann.
Jeder Mensch hat ein Recht auf seine
Alltagsprobleme, und keiner hat das
Recht, die Probleme anderer zu verurteilen. Ich kann nicht in den Kopf der
anderen schauen und weiß nicht, was sie
empfinden. Auch ich selber habe meine
kleinen Sorgen, ich gestehe sie mir auch
mittlerweile wieder zu. Aber ich bin insgesamt dankbarer geworden. Vor Kurzem
musste ich viel für eine Prüfung lernen
und jammerte sehr. Dann telefonierte
ich mit einem Freund in Syrien, der seinen Abschluss nicht mehr machen kann,
weil die Checkpoints auf dem Weg zur
Uni ständig bombardiert werden – und
ich wurde wieder daran erinnert, wie
gut ich es habe. Ich habe Probleme wie
andere auch. Aber ich wertschätze mehr,
was ich habe. Protokoll: Sonja Niemann
dunja
khoury,
23, studiert Psychologie in
Freiburg. Sie ist in Bayern
geboren und aufgewachen,
ihre Eltern stammen aus
Syrien. Sie engagiert sich für
die Barada Syrienhilfe e. V.,
einen von ihrem Vater gegründeten Verein, der u. a.
humanitäre Hilfslieferungen
nach Syrien organisiert und
Schulen im Land aufbaut.
dossier
„haben wir
angst – oder
hat die
Angst uns?“
Wenn man das Gefühl hat, dass selbst
das friedliche Leben vor der eigenen Haustür
bedroht ist, kann man nicht weglaufen.
Psychologe und Therapeut OSKAR HOLZBERG
über die Ratlosigkeit, wenn alte Sicherheiten
nicht mehr gelten
J
oskar
holzberg,
61, arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis
in Hamburg und schreibt
regelmäßig als Kolumnist
in BRIGITTE.
a, wie halte ich die Welt noch aus,
jetzt, wo plötzlich vieles, was so
fern schien, so nahkommt? Meine
Gewissheit, dass ich hier in Europa keine
Gewehre und Panzer mehr fürchten
muss, ist durch den Krieg in der Ukraine
ins Wanken geraten. Endlose Flüchtlingsströme brauchen mehr als eine
Matratze in der nächsten Turnhalle. Die
gewaltsamen Konflikte erscheinen immer unlösbarer. Die Angst kriecht in mir
hoch, der nächste Ebola-Kranke könnte
in meiner U-Bahn fahren und die hirnlosen dschihadistischen Killer mitten in
meiner Einkaufszone Attentate verüben.
Noch erscheinen mir meine Ängste
dumm und übertrieben, ich möchte sie
wegschieben. Aber es gelingt mir nicht.
Denn sicher fühle ich mich schon
länger nicht mehr. Ich lebe zusehends in
immer dunkler werdenden Schatten unbeherrschbarer Mächte. Die unheimliche,
weil alles umspannende Finanzkrise, die
fortschreitende Umweltzerstörung und
die alles verändernde digitale Technologie umhüllen mich wie eine unberechenbare Aura. Ich fühle mich immer mehr
wie die Nussschale auf dem Ozean,
die ihren Kurs nicht selbst bestimmen
kann. Die Vorstellung, dass selbst das
friedliche Leben direkt vor meiner Haustür zerbröseln kann, macht mich ratlos.
Ich bin verloren zwischen dem dringenden Gefühl, viel mehr tun zu müssen,
und einer lähmendenden Sinnlosigkeit,
weil mir alles, was ich tun kann, wie ein
lächerlicher Tropfen auf den heißen
Steinen der Weltkonflikte erscheint.
Seitdem Enthauptungen live gepostet
werden, bin ich in Echtzeit dabei. Und
mein „unbeteiligtes Beteiligtsein“, wie
es die Publizistin Carolin Emcke nennt,
ist kaum auszuhalten. Die Augen jetzt
zu verschließen, alle Nachrichtenkanäle
abzuschalten und meine ganze Aufmerksamkeit auf meine Familie und die letzte
Staffel von „How I Met Your Mother“ zu
richten ist keine Lösung. Aber heißt das,
dass ich mein gesamtes kleines Leben
nicht mehr wichtig nehmen darf? Die
Probleme mit dem Heizungsmonteur
und die Angst um die Altersvorsorge
sind vergleichsweise jämmerlich lächerlich. Aber Nöte fühlen sich nicht kleiner
an, weil es irgendwo noch größere Nöte
gibt. „Leiden auf hohem Niveau“ ist im-
mer noch Leid. Schlechte Gefühle
werden durch Vergleiche nicht
besser. Ich kann und ich sollte
auch nicht alle guten Momente
in meinem Leben einfrieren,
weil die Welt voller Schmerzen
ist. Im Gegenteil. Ich brauche die
Kraft, die ich daraus gewinnen
kann. Aber was mache ich damit?
Ich habe keine Antwort. Ich
könnte sagen, dass jeder seine eigene finden muss. Aber das klingt
so hohl, wie es ist. Doch es stimmt,
dass jeder sich nur so weit einbringen kann, wie es seine Lebensumstände, Finanzen oder Fähigkeiten erlauben.
Dennoch ist kaum anzunehmen, dass die
Banker ihre Boni spenden. Eher wird die
Rentnerin ihr Erspartes geben. Und meine Hilflosigkeit wächst in hilflose Wut.
Die Psychologie der Angst sagt mir,
dass es immer darum geht, ob wir die
Angst haben oder die Angst uns hat.
Angst kann uns lähmen und handlungsunfähig machen. Wir können sie niemals
besiegen, wenn wir vor ihr weglaufen.
Der wichtigste Schritt ist, sich der Angst
zu stellen. Ihr und der Ratlosigkeit.
W
ir haben uns zu lange in unseren Wohlstand eingekuschelt
und so getan, als wäre alles gut.
Dabei gab es immer blutige Konflikte, es
gab immer Hunderte Millionen Menschen, die tagtäglich hungerten und verhungerten, die gefoltert wurden oder in
tiefster Unfreiheit lebten. Unsere friedliche Luxusoase existiert schon immer
auf dem Rücken einer armen und entrechteten Welt. Nur haben wir das recht
locker verdrängt, weil es in ein paar tausend Kilometern Entfernung geschah.
Vorbei. Und das ist gut so.
Sie können mir vorwerfen, das sei ja
wieder der typische Psycho-Trick: Finde
das Gute im Schlechten, und deute so
alles um. Aber ich glaube, wir müssen
aufwachen, politisch werden, handeln.
Ich werde es nicht leicht finden, die bequeme Spurrille meines Lebens zu verlassen. Allein schaffe ich es nicht.
B rig i t te. de 1 / 201 5
103
dossier
„Die realität
darf auch hier
anklopfen“
Die Anwältin HENDRIKJE BLANDOW-SCHLEGEL
engagiert sich für eine Flüchtlingsunterkunft, die in
ihrer Nachbarschaft, einem wohlhabenden
Viertel Hamburgs, eingerichtet werden soll. Andere
Anwohner protestieren vehement dagegen
A
ls im vergangenen Jahr bekannt gemacht wurde, dass das ehemalige
Kreiswehrersatzamt im Hamburger Stadtteil Harvestehude zu einer
Flüchtlingsunterkunft umgebaut werden
soll, war der Widerstand einiger weniger,
aber dafür nahezu krakeelender Anwohner sehr laut. Ich hatte den Eindruck,
dass die Angst vor einem möglichen
Wertverlust eines Grundstücks bei diesem Protest eine große Rolle spielte.
Harvestehude hat im Durchschnitt sehr
hohe Mieten, gegenüber der geplanten
Flüchtlingsunterkunft stehen Luxuswohnungen mit Quadratmeterpreisen zwischen 12 000 und 18 000 Euro.
Aber dies hier ist keine Insel der
Glückseligen, wo die Realität nicht anklopfen darf. Sie soll sogar anklopfen.
In den Medien fanden sich zwar überwiegend die kritischen Kommentare der
Anwohner zur Unterkunft wieder, aber
mir war klar, dass mich bei der Gründung des Vereins viele Menschen unterstützen würden – das sind eben eher die
leisen Stimmen. Ich hätte mich sonst
auch für den Stadtteil geschämt. Wir
sind jetzt 70 Vereinsmitglieder und mehr
104 B r i gitte .de
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als 95 Unterstützer, und täglich kommen
neue Hilfsangebote dazu.
Es gibt aktuell allerdings auch drei
Anwohner, die gegen die Baugenehmigung klagen. Es macht mich betroffen,
wenn nicht gesehen wird, dass man
manchmal in einer großen Verantwortung für andere Menschen und auch für
die Gemeinschaft steht – selbst wenn
das eine persönliche Belastung für einen
selbst bedeuten könnte. Ja, vielleicht
empfinden es die Leute tatsächlich als
nicht „gebietsverträglich“, wenn mehrere Kinder im Garten lauter spielen; das
ist einer der Punkte, mit dem die Klage
begründet wird. Aber ich glaube, dass
der Grund vielmehr in unterbewussten
Ängsten und Vorurteilen zu suchen ist.
Es gibt Menschen, die nur in ihrer
eigenen Welt leben und sich immer
selbst aussuchen möchten, womit man
sie konfrontieren darf. Darunter auch
sehr gebildete Menschen, die mit ihren
Kindern für viel Geld in die Ferne reisen,
dort Tempel und mehr anschauen und
sich durchaus als weltläufig betrachten.
Aber wenn dann Syrer oder Afghanen
vor ihrer Tür stehen, ist das eine nicht
selbst gewählte Konfrontation mit
einem Schicksal, mit dem sie
nichts zu tun haben möchten.
Ich denke, wir haben die Verantwortung, uns nicht abzuschotten. Und zwar nicht nur
eine soziale Verantwortung, sondern auch eine moralische. Was
oft vergessen wird: Wir leben
in einer globalisierten Welt, und
das, was wir tun, um unseren
Wohlstand zu erhalten, hat woanders Konsequenzen. Nur ein kleines Beispiel von vielen: Wir züchten
Hunderttausende Tonnen von Hühnern in Massentierhaltung, von denen
wir nur die Brust essen. Der Rest wird oft
nach Afrika exportiert und so günstig
verkauft, dass die einheimischen Landwirte nicht mithalten können. Eine kaputte Wirtschaft ist, langfristig gesehen,
ein Grund, aus einem Land zu flüchten.
Wenn wir nicht anfangen, zu begreifen,
dass wir mit unserem Handeln auch
Fluchtursachen in anderen Teilen der
Welt setzen, wird der Strom nicht abreißen. Und die Grenzen dichtzumachen
angesichts von 51 Millionen Menschen,
die auf der Flucht sind – das ist eine
Illusion. Und ich halte es auch für falsch.
M
eine Eltern waren selbst Flüchtlinge, sie hatten alles verloren.
Wir wohnten damals in Stuttgart in einem Viertel, das als „asozial“
beschimpft wurde. Meine Mutter hat
alle Kleider für uns vier Kinder selbst
genäht und Stühle mit Scheuerlappen
bezogen, weil es der billigste Stoff war.
Vielleicht ist es deshalb bis heute für
mich keine Selbstverständlichkeit, wenn
ich mich nicht darum sorgen muss, ob
ich meine Miete bezahlen kann.
Ich hoffe, dass ich dieses Bewusstsein
auch meinen Kindern vermitteln konnte,
die anders groß geworden sind. Ich halte
es ja nicht für verwerflich, das Geld, das
man verdient, für schöne Dinge auszugeben. Aber aus diesen individuellen Möglichkeiten erwächst eine Verantwortung
auch für andere. Protokoll: Sonja Niemann
Online-Tipp Wie gehen Sie mit den vielen bedrohlichen Nachrichten um? Stimmen
Sie ab und diskutieren Sie: www.brigitte.de/nachrichten
hendrikje
blandowschlegel,
53, ist Anwältin aus Hamburg und Gründerin des
Vereins „Flüchtlingshilfe
Harvestehude“. Sie ist
verheiratet und hat drei
Kinder. Harvestehude ist
eines der wohlhabendsten
Viertel der Stadt, im nächsten Jahr soll hier an der
Alster ein Heim für bis zu
220 Flüchtlinge entstehen.