Entblösst unter Freunden

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Entblösst unter Freunden
Entblösst unter Freunden
Facebook ist zurzeit das heisseste Thema im Web. Tagtäglich loggen sich
Millionen von Menschen verteilt über den ganzen Planeten auf der Website
ein, um sich mit Freunden auszutauschen. Auch vor Liechtenstein macht
der Trend nicht Halt.
Von Niki Eder
«Es ist einfach cool, dabei zu sein», sagt Manuela (28) aus Triesenberg. «Man ist immer auf
dem neuesten Stand und weiss, was bei den Kollegen so läuft. Auf Facebook kann man seine
Neugierde stillen.» Sie loggt sich täglich auf Facebook ein, um ihre Nachrichten zu checken
und sich mit anderen auszutauschen. Mittlerweile sei praktisch ihr ganzer Freundeskreis
dabei. Argumente, die Bettina (29) aus Schaan nicht verstehen kann. Für sie ist Facebook eine
reine Scheinwelt. «Ich finde die Website einen absoluten Quatsch und völlig unpersönlich.»
Überall, wo man hingehe, höre man nur noch «Facebook, Facebook, Facebook». Dabei
verkümmere die Kommunikation. «Und dass man bei den Internet-Bekanntschaften von
Freunden spricht, ist für mich eine Verfremdung des Wortes Freund.» Das Thema Facebook
scheidet die Geister. Doch auch wenn viele das soziale Netzwerk im Internet ablehnen,
ignorieren kann man es nicht mehr. Die Trendbewegung hat mittlerweile auch Liechtenstein
erreicht. Bereits ein Grossteil der jüngeren Generation im Land ist auf der Website zu finden.
Und es werden täglich mehr.
Kontaktbörse Facebook
Die ursprüngliche Idee von Facebook ist es, sich online mit anderen zu vernetzen, sich über
Hobbys, gemeinsame berufliche Interessen sowie – und vor allem – über vergangene Schul
und Unitage auszutauschen. Man lässt alte Kontakte wieder aufleben, plaudert im Chat,
beschreibt und gibt Persönliches preis. Das Antriebsrad: die Neugierde. Das Bedürfnis, die
Geheimnisse der anderen zu kennen. Wer Facebook beitreten will, muss zunächst ein Profil
von sich selber erstellen, das für alle, für niemand oder nur für ausgesuchte Personen – die
sogenannten Freunde – freigegeben wird. Dazu gilt es einen Lebenslauf auszufüllen, der sehr
persönliche Fragen enthält. «Stehe ich auf Frauen oder Männer?», «Was denke ich politisch?
», «Glaube ich an Gott?», Habe ich eine Beziehung?»,«Wie lautet die Handynummer und die
Adresse?» Wem das alles zu intim ist, beantwortete nichts – bleibt damit aber auch ein
Aussenseiter. Die Kunst ist es, einen Mittelweg zu finden, wie man einerseits seine
Privatsphäre schützen kann und andererseits für andere interessant wirkt. Generell gilt: Je
jünger jemand ist, desto mehr gibt er von sich preis. Ältere Personen sind aufgrund von
Datenschutzängsten vorsichtiger. Ist man einmal registriert, heisst es, sich ein persönliches
Netzwerk aufzubauen. Dazu gibt man die Namen von Freunden und Bekannten ein und
schickt ihnen eine Freundschaftsanfrage. Je mehr Personen in deinem Freundeskreis sind, je
selbstständiger vergrössert sich das Netzwerk. Denn Facebook analysiert eben diese
Bekanntschaften und schlägt dem Benutzer zahlreiche weitere Personen vor, die in seinem
Bekanntenkreis sein könnten – was erstaunlicherweise in den meisten Fällen zutrifft. Ist
erstmal ein Netzwerk aufgebaut, kann das «Spiel» beginnen. Man lädt Fotos von sich selbst
hinauf, kommentiert jene von anderen und schreibt kurze Nachrichten auf die «Pinnwände».
Neben diesen öffentlich einsehbaren Nachrichten können sich Benutzer auch persönliche EMails schicken oder chatten. Des Weiteren bestehen Funktionen zum Planen von Events oder
zur Gründung von Gruppen, denen andere beitreten können. Über eine Beobachtungsliste
wird man stets über die Neuigkeiten bei den Freunden auf dem Laufenden gehalten. Mitte
2007 öffnete Facebook ausserdem seine Seite für externe Programmierer. Mittlerweile gibt es
über 3000 neue kleine Programme in Facebook, mit denen die Benutzer interagieren können.
Dazu gehört zum Beispiel MyMusik – ein Programm, mit dem aus unzähligen Musiktiteln
gewählt werden kann. Johnny Cash, Nelly Furtado, Robbie Williams – was immer das Herz
begehrt, es ist nur einen Klick entfernt und wird meist mit dem passenden Videoclip geliefert.
Richtig spannend wird es, sobald einige Freunde MyMusic beitreten. Denn dann kann man
auch in deren Musiksammlung stöbern und sich inspirieren lassen.
Datenschutz fraglich
Derart umfangreiche Datenbanken wie jene von Facebook gab es bisher noch nie. Auch wenn
Facebook vor allem «Fun» bedeutet, äussern insbesondere Informatiker berechtigte Kritik.
Denn die meisten Nutzer seien sich nicht bewusst, dass ihre Aktivitäten aufgezeichnet und für
kommerzielle Zwecke weiterverarbeitet werden. Der Datenschutz ist ein grosses Problem.
Mittlerweile hat sich sogar eine Interessengruppe gegründet, die sich «Facebook, hör auf, in
meine Privatsphäre einzudringen» nennt. Doch wer dem sozialen Netzwerk aus den USA
beitritt, kann sich der Werbung nicht komplett verweigern. So hat Facebook im Oktober 2007
angekündigt, in allen vorhandenen Nutzerprofilen personalisierte Werbung zuzulassen. Dabei
werden interessierten Konzernen und Unternehmen Nutzer zur Verfügung gestellt. Neben
Alter, Geschlecht, Hobbys, Wohnort, Lieblingsbücher und -filme umfassen diese
Informationen auch den Bildungsstand und Hinweise auf persönliche Beziehungen. Das
ermöglicht den Anbietern, Werbung zu verschicken, die tatsächlich interessiert. Das Problem:
Wenn jemand zum Beispiel ein Buch mit dem Titel «Der Umgang mit Aids» bei einem
verlinkten Internetanbieter kauft, erfahren davon auch alle Freunde in dem persönlichen
Netzwerk. Doch Werbung ist nicht immer nur schlecht. Einige Programmierer tun auch etwas
für die Armen und die Umwelt. Ihre Projekte tragen Namen wie Donate Rice, iRipple oder
Carbon Diet Plan. Für jede dieser Ideen haben sie Sponsoren gefunden. Die Firmen,
beispielsweise die australische Brauerei Cooper’s, sagen zu, jedes Mal zu spenden, wenn sich
jemand ihre Werbung ansieht. Die Spenden reichen mal für eine Schale Reis, mal für sechs
Tage sauberes Wasser oder einen Mikrokredit von 100 Dollar. Dieser Mechanismen sollte
man sich stets bewusst sein, bevor man persönliche Daten ins Netz stellt. Ansonsten entblösst
man sich und seine kleinen Geheimnisse nicht nur vor seinen Freunden. Nimmt man sich aber
eine gewisse Zurückhaltung zu Herzen, kann man unverblümt seiner Neugierde frönen und
sich auf den Profilen der anderen Nutzer tummeln. Laut Manuela aus Triesenberg überwiegen
jedenfalls ohne Zweifel die positiven Seiten von Facebook: «Vor allem ist toll, dass ich über
Facebook wieder Leute gefunden habe, die ich während einer Auszeit in Neuseeland kennen
gelernt habe. Ansonsten hätten wir uns für immer aus den Augen verloren.»
Facebook – eine Erfolgsgeschichte
Entwickelt wurde Facebook – der Marktführer in Sachen Social Network – im Februar 2004
von Mark Zuckerberg an der Harvard University. Ursprünglich richtete es sich nur an die
dortigen Studenten. In den folgenden Jahren wurde die Seite aber für alle Internetuser frei
geschaltet. Mit Stand Januar 2008 hat die Website knapp 70 Millionen aktive Nutzer. Die
meisten von ihnen stammen aus den USA, gefolgt von den Nationen Kanada und
Grossbritannien. Laut der Facebook-Statistik ruft der Durchschnittsnutzer im Verlauf eines
Monats etwa 1000 Seiten ab und lädt sechs Bilder hoch. Der geschätzte Marktwert der
Website liegt bei rund 15 Milliarden Dollar.