Jahrmarkt der Sensationen - Johannes Gutenberg

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Jahrmarkt der Sensationen - Johannes Gutenberg
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Das Magazin
der Joh
2008
berg-Unive
annes Guten
rsität Mainz
[ Ja h r m a r k t d e r S e n s a t i o n e n ]
[ Ya m s f o rs c h u n g i n M a i n z ]
[ Vo m P f e rd g e f a l l e n ]
[ Wo d a s H e r z s c h l ä g t ]
Inhalt
Editorial
3
Evaluitis und kein Ende?
Campus aktuell
4
Foto: Sebastian Kump
Zum Titelbild: Der siebte Wissenschaftsmarkt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz präsentierte
im September 2008 mitten in der Mainzer Innenstadt das leistungsspektrum der Gutenberg-Universität.
An zwei Tagen stellten sich zahlreiche Fächer der Hochschule zusammen mit verschiedenen Förderern
der Öffentlichkeit vor. Mehr dazu auf Seite 4.
Aufregend: Schüler
experimentieren im
Kellergewölbe
Jahrmarkt der Sensationen
Seite 6
6
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8
9
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Experimentieren im Untergrund
Macht Fußball sexy?
Altbekanntes neu entdecken
„Kosten, wie ein lied schmeckt“
„Was ist Gerechtigkeit?“
Wissenschaft & Forschung
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yamsforschung in Mainz
Vom Pferd gefallen
Wo das Herz schlägt
Analysen am Fließband
Das lachen des Mythos
Foto: Frank Erdnüß
Studium & Lehre
Vollautomatisch:
Neue laborstraße in
Betrieb genommen
Seite 18
Campus international
22
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„Ein Fenster zur Welt“
Studierende im Rockhimmel
Kultur auf dem Campus
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Kafkaesk: Der Schriftsteller und sein Mythos
„Ich bin kein Monsterjäger“
Alice im Wissenschaftsland
400 Jahre Zeitungsgeschichte
Seite 20
www.uni-mainz.de
29
Chancen für den freien Wettbewerb
lehmann
Neu an der Uni
Kurz & Bündig
34
34
34
[JOGU]
206/2008
Dante Alighieri und Mainz
CUBAME MUCHO bittet zum Salsatanz
Impressum
Foto: Peter Thomas
Personen & Positionen
31
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Rückblick: 400 Jahre
Zeitungsgeschichte
Seite 28
2
Editorial
Evaluitis und kein Ende?
Das wechselseitige Begutachten und begutachtet
werden gehört für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum beruflichen Alltag. In der Tat: In
kaum einem anderen Beruf wird die eigene leistung
so oft und so schonungslos von Experten bewertet.
Jede Publikation in einer ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Fachzeitschrift wird vor der Annahme zur Veröffentlichung von einem oder mehreren
anonymen Fachkollegen kritisch betrachtet, jeder
Forschungsantrag wird vor der Bewilligung der Fördermittel einer kompetenten Prüfung durch unabhängige Experten unterzogen. Auch wenn größere
Umstrukturierungen in unseren Fächern und Fachbereichen anstehen, ist es zur guten Tradition geworden, die eigenen Konzepte durch die Einschätzung externer Experten zu spiegeln und sich einer
konstruktiven Diskussion zu stellen. So unterstützen
externe Begutachter die Akkreditierung / Einrichtung neuer Studiengänge. Wenn dann nach einigen Jahren die Erfahrungen der lehrenden und der
Studierenden im Rahmen einer Reakkreditierung in
die Planung möglicher Verbesserungen einfließen,
geschieht auch das – wiederum durch externe Evaluation.
Nimmt man die ebenfalls anonymisierte Begutachtung der lehre durch die Studierenden hinzu, so
unterziehen sich aktive Wissenschaftler/innen und
Hochschullehrer/innen schnell 20-30 individuellen
Begutachtungen ihrer täglichen Arbeit pro Jahr, also
im Schnitt mindestens einmal alle zwei Wochen ein selbstverständlich gewordener Prozess der Qua-
litätssicherung und nicht zuletzt die selbst verordnete Antwort auf die vergleichsweise große Freiheit,
die den in Forschung und lehre Handelnden aus
gutem Grund an prominenter Stelle unseres Grundgesetzes eingeräumt wird.
Nun hat die Hochschulleitung in Abstimmung mit
dem Senat unserer Universität im Frühjahr dieses
Jahres beschlossen, die gesamte Hochschule einer
Begutachtung durch die Dachorganisation europäischer Universitäten, die European University
Association (EUA), zu unterziehen. Hier sollen ausgewählte Aspekte der Gesamtuniversität zunächst
innerhalb des Hauses und dann mit Gutachtern der
EUA kritisch diskutiert werden: die Entscheidungsprozesse innerhalb der Universität, die Elemente
der Qualitätssicherung, die Arbeit des Gutenberg
Forschungskollegs und andere Aspekte. Im November wird eine Gutachtergruppe zu einem ersten,
dreitägigen Besuch in Mainz sein; im kommenden
März folgt ein zweiter Besuch. In acht unserer elf
Fachbereiche werden Gespräche mit allen Interessengruppen geführt, ergänzt durch Gespräche mit
der Hochschulleitung und der Steuerungsgruppe,
die zusammen mit dem Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) den internen Evaluationsbericht erstellt und damit die Gesamtbegutachtung vorbereitet hat. Am Ende steht ein kritischer
Blick auf eine der größten deutschen Universitäten,
der uns hoffentlich Ansporn und Reibungsfläche
sein wird und damit zur weiteren Entwicklung hin
zu einer noch besseren Universität beitragen kann.
3
„Evaluitis und kein Ende“, wird mancher einwenden. Das ist angesichts des oben Gesagten eine
verständliche Bemerkung. Und doch: Nur wenn wir
uns immer wieder kritisch und ergebnisoffen der
Diskussion mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen
stellen, haben wir eine Chance, in der härter werdenden internationalen Konkurrenz zwischen den
Universitäten einen unserer Größe entsprechenden
Rang einzunehmen und zu verteidigen. Ich kann
Sie nur alle dazu ermuntern, mitzudiskutieren und
sich einzumischen. Denen, die das schon im Vorfeld
durch ihre Mitarbeit in der Steuerungsgruppe getan
haben, gilt an dieser Stelle unser herzlicher Dank.
Ich bin sicher, dass sich die Mühe lohnen wird.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch
Präsident
[JOGU]
206/2008
Campus aktuell
Jahrmarkt der Sensationen
Handfeste Wissenschaft aus Labor und Hörsaal Der siebte Wissenschaftsmarkt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz präsentierte im
September 2008 mitten in der Mainzer Innenstadt das leistungsspektrum der
Gutenberg-Universität. An zwei Tagen stellten sich zahlreiche Fächer der Hochschule zusammen mit verschiedenen Förderern der Öffentlichkeit vor.
Forschung und Jahrmarkt haben auf den ersten
Blick so gar nichts miteinander gemein. Und doch
glänzt der Mainzer Wissenschaftsmarkt immer
wieder mit einer circensischen Eleganz, die Kinder
und Erwachsene nach der Art eines glitzernden
Volksfestes in ihren Bann zieht. Allerdings steckt
hinter diesem Markt nicht einfach buntes licht und
Bühnenzauber, sondern spannende und handfeste
Wissenschaft aus den verschiedenen Disziplinen der
fünftgrößten Hochschule Deutschlands.
Fotos: Peter Thomas
In diesem Jahr richtete die Johannes GutenbergUniversität diese farbenfrohe leistungsschau mitten
in der Stadt bereits zum siebten Mal aus. Und auch
dieser jüngste Schulterschluss zwischen Campus
und Stadt wurde zum Erfolg. Dabei herrschte vor
allem am Samstagmorgen Regen, der dem Start des
Marktes einen alles andere als einladenden Rahmen gab. In den Zelten führte der unerwartet starke
Niederschlag zu interdisziplinären Experimenten,
wie mit Schirmen und Plastikplanen das durch die
Nahtstellen tropfende Wasser am besten zu stoppen war. Die laune ließen sich davon jedoch weder
Wissenschaftler noch Publikum verderben.
Neugier und Staunen auf der einen, leichte Schwellenangst auf der anderen Seite – so sieht das Verhältnis zur Universität für viele Menschen in der
Stadt noch immer aus. Dieses Gegensatzpaar ist
kein neues Phänomen: „Town and Gown“ heißt
der Unterschied zwischen Hochschule und Kommune seit jeher in den alten britischen Universitätsstädten. Und in Mainz mit seiner auf dem Berg
gelegenen Campus-Uni könnte das schon rein
geografisch gelten. Doch die Universität will kein
Elfenbeinturm sein, sie sucht ganz bewusst den
Kontakt zur Stadt, betonte Professor Dr. Georg
Krausch, Präsident der Hochschule, zur Eröffnung
des Wissenschaftsmarktes. Mit dem Markt und anderen Veranstaltungen bauen die Wissenschaftler
Brücken, laden ein zum sinnlichen Kontakt mit der
vermeintlich so trocknen Forschung. Das ist keine
Selbstdarstellung, sondern ein wichtiges Stück Verantwortung der Hochschule gegenüber der Öffentlichkeit. Daran erinnerte der Universitätspräsident
auf dem Wissenschaftsmarkt.
Mit dem Markt bauen die
Wissenschaftler Brücken,
laden ein zum sinnlichen
Kontakt mit der vermeintlich
so trocknen Forschung.
Es gehört durchaus ein bisschen Mut zu dieser
Präsentation ernsthafter Forschung im Kleid eines
bunten Jahrmarktes. Noch wichtiger sind aber Begeisterungsfähigkeit sowie Feingefühl für
die Balance zwischen forscherischem Ernst und der lust am
Spiel. Alles das brachten die
Mainzer Universitätsinstitute
von der Mathematik bis zur
Geschichte mit in die vier Zelte
Begehrter Glibber:
Nat-lab bot Chemie
zum Anfassen
[JOGU]
206/2008
4
rund um das Theater und auf die Bühne auf dem
Gutenbergplatz. Die Menschen in Mainz schätzen
dieses seit Jahren etablierte Programm, identifizieren sich mit der Hochschule und freuen sich auf den
Markt: „Die Mainzer wollen wissen, was in ihrer Uni
vor sich geht“, fasste der Oberbürgermeister der
landeshauptstadt, Jens Beutel, dieses fruchtbare
Verhältnis zusammen. Vom sprichwörtlichen verflixten siebten Jahr war denn auch nichts zu spüren bei
dieser Auflage des Wissenschaftsmarktes.
Vier Zelte, mehr als 50 Stände und Stationen, weit
über 100 Forscher, rund 800 Quadratmeter Ausstellungs- und Informationsfläche sowie das umfangreiche Programm auf der Bühne: Diese respektablen
Rahmendaten unterstrichen die Rolle des Wissenschaftsmarktes 2008 als stolze leistungsschau
und gewichtige Messe der Mainzer Forschung. Der
Öffentlichkeit lag die Hochschule trotz dieses Umfanges nicht auf der Tasche, erklärte der Universitätspräsident zufrieden: Finanziert wird der Markt
allein durch Gelder verschiedener Sponsoren, sagte
Professor Krausch zur Eröffnung.
Viele dieser Partner gehören der „Mainzer Wissenschaftsallianz“ an, die Anfang September öffentlich
vorgestellt wurde. Die Mitglieder der Allianz präsentierten sich nun auch im Rahmen des Wissenschaftsmarktes. Dazu gehörten zum Beispiel die aus
der Region stammenden Weltkonzerne Boehringer
Ingelheim (als forschendes Pharmaunternehmen)
und Schott AG (als Hightech-Unternehmen mit
Zukunftslösungen in der Energietechnik). Ebenso
vertreten mit Ständen und Projekten waren unter
anderem die Akademie der Wissenschaften und
der literatur, die Max-Planck-Institute für Polymerforschung und für Chemie, die Zukunftsinitiative
Rheinland-Pfalz (ZIRP), die Fachhochschule Mainz
und das Römisch-Germanische Zentralmuseum
Mainz.
Besonders begehrt war der
farbenfrohe Glibber, den das
NaT-Lab der Universität Mainz
in seinem Projekt „Chemie für
Jung und Alt“ mischte.
Erwachsene Besucher faszinierte am Wissenschaftsmarkt vor allem die Vielfalt der Themen in ungewohnter räumlicher Nähe: Alle Wege waren kurz,
aus den verschiedenen Instituten auf dem Campus
Campus aktuell
Besuch am Schott-Stand: Staatssekretär Ebling, Oberbürgermeister Beutel und Universitätspräsident Krausch (v.l.)
wurden hier für zwei Tage wirkliche Nachbarn Tisch
an Tisch. Kinder und Jugendliche begeisterten sich
darüber hinaus besonders für die Chance, mit den
vielen Experimenten selbst die Grundlagen von
Wissenschaft zu erkunden. „Forschung zum Anfassen“, das versprachen beim siebten Mainzer
Wissenschaftsmarkt einmal mehr die spannenden
Experimente, die Spaß und lernen miteinander verbanden: Da sprudelten bei den Geowissenschaften
Vulkane im Miniaturformat durch die Zugabe verschiedener Chemikalien. Vor Zelt 4 sausten luftballons an Schnüren durch die luft und demonstrierten so die Wirkung von Antriebstechniken durch
Rückstoß. Besonders begehrt war der farbenfrohe
Glibber, den das NaT-lab der Universität Mainz in
seinem Projekt „Chemie für Jung und Alt“ als Spielzeug mit eigenwilliger Anmutung mischte und an
die kleinen Besucher verschenkte. Antike zum Greifen gab es dagegen beim Institut für Geschichtliche
landeskunde, wo sich Kinder als veritable römische
Krieger verkleiden konnten.
zeuglastwagen auf einer Teststrecke zeigte, woher
Masse kommt. Teilweise überschnitten sich sogar
die Grenzen von Spiel als pädagogisches Element
und Spiel als Forschungsgegenstand: Während die
Mathematik ein Computerspiel präsentierte, das
Inhalte des Fachs vermittelt, zeigten Pädagogen,
Publizisten und Soziologen (Gender Studies) ihre
Forschungen zur Bedeutung und Struktur von Computerspielen.
Hand in Hand griffen Forschung und Praxis auch im
Zelt 3, wo sich die Medienfächer der Hochschule
mit einem Schwerpunkt präsentierten. Während
Buch-, Theater- und Filmwissenschaft sowie Medienrecht zusammen mit dem Mainzer Medieninstitut
und der Medienintelligenz ihre Forschungen und
Angebote vorstellten, entstand hier zeitgleich das
„Marktblatt“ als Kooperation zwischen dem Institut
für Buchwissenschaft und der Allgemeinen Zeitung.
Den Start des marktaktuellen Flugblatts legte der
Regen allerdings am Samstagmorgen erst einmal
lahm, weil es in den Farbdrucker hineintröpfelte, der
umgehend die Arbeit einstellte. Also erschien das
Blatt in schwarzweiß und mit Verspätung. Doch die
Redaktion nahm es mit Humor und integrierte die
Rubrik „Schirm des Tages“ in die Berichterstattung.
Bis zum nächsten Wissenschaftsmarkt steht der Erfinder des Buchdrucks mit
beweglichen Lettern hoffentlich wieder über den Zelten.
Die große Zahl der Besucher und die positive Reaktion auf das Programm an beiden Tagen bestätigte
die Hochschule 2008 einmal mehr in ihrem Konzept
für den Wissenschaftsmarkt. Nur einer fehlte beim
diesjährigen Markt: Universitäts-Namensgeber Johannes Gutenberg, dessen Statue sonst gegenüber
dem Theater über das Geschehen wacht. Das Denkmal ist derzeit in Restauration. Bis zum nächsten
Wissenschaftsmarkt steht der Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen lettern hoffentlich wieder
über den Zelten.
Peter THOMAS n
Im Wissenschaftsjahr der Mathematik inszenierte
das entsprechende Institut der Johannes Gutenberg-Universität zusammen mit den Informatikern
seine Disziplin als Spiel bis hin zur Zauberei an
einer ganzen Reihe von Ständen. Hier leuchtete
eine Zahlenwelt zum Schauen, Staunen, Begreifen,
Bauen und Erleben auf. Die spielerische Vermittlung
komplexer naturwissenschaftlicher Fragen gelang
auch den Kernphysikern mit ihrer einfallsreichen
Murmelbahn „Kernphysik-Flipper“ sowie der Experimentellen Teilchen- und Atomphysik, wo ein Spiel-
Sprudelnde Vulkane:
Stand der Geowissenschaften
mit dem Projekt Feuer, Wasser, Erde
5
[JOGU]
206/2008
Studium & Lehre
Fotos: Sebastian Kump
Experimentieren
im Untergrund
Kinder zum Staunen bringen Gleich nach den Sommerferien ging es los. Das NaTSchülerlabor lud wieder interessierte Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse ein in den Kellergewölben unterhalb der Oppenheimer Altstadt mit den vier Elementen
zu experimentieren. Unter fachkundiger Anleitung wurden die Kinder während eines Vormittags zu kleinen Naturwissenschaftlern und arbeiteten fast wie in einem echten labor.
Die Endeckertour begann für die 26 Schülerinnen
und Schüler der dritten Klasse der Grundschule
Dahlheim noch unter freiem Himmel. Vor dem historischen Rathaus und dessen Eingang zum Kellerlabyrinth, das sich mit einer Fläche von ca. 6.000 m2
unter dem gesamten Altstadtkern erstreckt, wurden
die Kinder von der Mitarbeiterin des NaT-Schülerlabors Heike laubenheimer-Preuß empfangen und
erhielten sogleich ihre erste Einweisung darüber,
welche Regeln es bei der Arbeit im labor zu beachten gilt. So mussten Pausenbrote und Trinkpäckchen
in den Rucksäcken bleiben, „denn Essen stört beim
Experimentieren“, so laubenheimer-Preuß.
Danach begann der von den Kindern spannend erwartete Abstieg in das Oppenheimer Kellerlabyrinth.
Und schon nach wenigen Augenblicken unter der
Stadt erwachte der Forschergeist der Grundschülerinnen und -schüler. Warum es dort unten viel kälter
sei als draußen, wie die Gänge und Tunnel früher
beleuchtet wurden und warum die Wände und
Decken an manchen Stellen trocken, an anderen
feucht seien, wollten die Kinder von den vier Projektmitarbeiterinnen wissen. Und als diese geduldig
den ersten Wissensdurst gestillt hatten, nahmen sie
die Kinder mit auf eine kleine Wanderung durch das
labyrinth.
In vier verschiedenen je einem Thema gewidmeten
Räumen wurde eines der vier Elemente Feuer, Wasser, luft und Erde und deren Beziehung zum Kellerlabyrinth vorgestellt und erklärt. So standen die
Kinder etwa in einem blau beleuchteten Raum, der
den Bürgern Oppenheims früher als Wassersammelbecken gedient hatte und bekamen an anderer Stelle die Besonderheit der Oppenheimer Erde erläutert,
die vor allem aus fruchtbarem löß besteht.
[JOGU]
206/2008
Danach konnte es losgehen. Die Kinder wurden entsprechend der Elemente in vier Gruppen eingeteilt
und durften nun mit dem Experimentieren beginnen. „Bei diesem Experiment sollen die Kinder das
Prinzip der Verdrängung spielerisch kennen lernen“,
erklärt Heike laubenheimer-Preuß am Versuchstisch
zum Thema „Wasser“. Dabei folgten die einzelnen
Versuche unterschiedlichen didaktischen Konzepten.
Im Experiment „luft“ wurde der Erfindungsreichtum der Kinder gefordert und wenig Hilfestellung
geboten, im Experiment „Erde“ die Kreativität und
bei „Feuer“ Vorsicht und Beobachtungsgabe gefördert. Zu jedem Versuch erhielten die Kinder ein ihren Bedürfnissen entsprechend gestaltetes Arbeitsblatt, auf dem der Versuch genau erklärt wurde. Vor
Beginn eines jeden Experiments wurde dieses von
den Kindern vorgelesen, die benötigten Materialen
begutachtet und die Durchführung besprochen. Am
Ende wurden die gemachten Beobachtungen und
die Erklärungen dafür von den Kindern notiert – natürlich immer unter den geschulten und geduldigen
Augen der insgesamt vier Mitarbeiterinnen.
„Die Kugel geht unter.
Das Schiff bleibt oben.“
Im Experiment zum Thema „Wasser“ sollten die
Schülerinnen und Schüler aus Knete eine Kugel und
ein Schiffchen formen und ausprobieren, welche
Form schwimmt. Der achtjährige Tarik notierte dazu:
„Die Kugel geht unter. Das Schiff bleibt oben.“ Und
die gleichaltrige Melanie hatte die passende Erklärung dazu parat: „Das Schiff geht nicht unter, weil
es innen hohl ist.“
6
Konzentriert: Schüler erarbeiten anhand
des Arbeitsblattes das Experiment
Für jedes Experiment hatten die Kinder ungefähr
eine halbe Stunde zur Verfügung, genug Zeit um
spielerisch, aber auch mit der nötigen Aufmerksamkeit an die Versuche zu gehen. Denn vor allem bei
den sehr beliebten Versuchen zum Thema „Feuer“
war Vorsicht geboten. Hier untersuchten die kleinen Naturwissenschaftler wie Substanzen, wie zum
Beispiel Stoff, Aluminium oder Stein auf die bis zu
1400°C hohen Temperaturen in der Flamme eines
Teelichtes reagieren.
Im Experiment „luft“ bastelten die Kinder eine
luftballonrakete, die an den entlang den Wänden
gespannten Fäden durch das Kellerlabyrinth sausten. Und schließlich durften sie zum Thema „Erde“
Farben mit Oppenheimer lößboden herstellen und
damit malen. „Ich male mein Piratenschiff, das vorhin leider untergegangen ist“, erklärte der neunjährige Benjamin etwas wehmütig.
Die Entdeckertour endete mit dem Aufstieg aus dem
dunklen Oppenheimer Untergrund in die Mittagssonne und der Verabschiedung durch Heike laubenheimer-Preuß. Bei der Frage, welches Experiment ihnen am besten gefallen hat, konnten sich die Kinder
nur schwer auf einen Favoriten einigen. „Das Feuer
hat mir am besten gefallen, weil man da viel über
das Element gelernt hat“, fasste die achtjährige
Melanie den Vormittag für sich zusammen.
Sebastian KUMP n
Studium & Lehre
Macht Fußball sexy?
Die Idee für dieses Projekt war bereits 2005 entstanden: auf Anregung von Theo Zwanziger fand,
in Kooperation mit der Universität Bayreuth, unterstützt durch die Unternehmen IFM & Radiate Experience und unter Mitwirkung von 70 Studenten in
der ersten Hälfte des Jahres 2008 eine groß angelegte Befragung von über 3000 Personen statt. Diese wurden in den Fußgängerzonen der potenziellen
Austragungsstädte der Frauenfußball-WM 2011 am
Wochenende durchgeführt, um eine möglichst breite Schicht der deutschen Bevölkerung zu erreichen.
Erhoben wurde, ob die Befragten selbst Sport treiben, respektive Fußball spielen; ob Männer- und/
oder Frauenfußball gesehen wird, sowie die Gründe
dafür.
Außerdem wurde erfragt, mit welchen Attributen
generell Frauenfußball verbunden wird, wie das
Auftreten der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft
empfunden wird und nicht zuletzt, wie die Befragten zu den Sponsoren von Frauenfußball stehen, beziehungsweise welche Branchen mit Frauenfußball
in Verbindung gebracht werden.
Herausgekommen ist, dass das Interesse an Frauenfußball höher ist, als man lange Zeit landläufig angenommen hat: Nach den Spitzenturnieren/-ligen
der Männer (europäische Wettbewerbe, FußballBundesliga, DFB-Pokal) liegen Spiele der FußballNationalmannschaft der Frauen auf Platz 4 der am
meisten beachteten Fußballereignisse.
Frauen-Fußball wird eher mit
den Eigenschaften „fair“,
„sympathisch“ und „ehrlich“,
Männerfußball hingegen mit
„athletisch“, „aufregend“ und
„aggressiv“ in Verbindung
gebracht.
Ebenso herauskristallisiert hat sich, dass FrauenFußball eher mit den Eigenschaften „fair“ , „sympathisch“ und „ehrlich“, Männerfußball hingegen
mit „athletisch“, „aufregend“ und „aggressiv“
in Verbindung gebracht wird. Hier decken sich die
Aussagen von Männern und Frauen weitestgehend,
wobei festzustellen ist, dass Fußball spielende Frauen generell ein höheres Interesse an Frauenfußball
haben als Männer, obwohl der überwiegende Teil
der Männer Frauenfußball mit dem Attribut „sexy“
betitelt; gleiches gilt übrigens für die befragten
Frauen hinsichtlich Männerfußball; diese finden allerdings eher die männlichen Spieler beim Kicken
„sexy“.
Festzustellen ist also, dass Frauenfußball längst
nicht mehr die althergebrachte stiefmütterliche
Stellung hat, die er gefühlt vor einigen Jahren noch
einnahm.
Wen wundert es auch: Die deutschen Frauen sind
im Fußball höchst erfolgreich und das seit Jahren;
mit Ausnahme von1993 errang unsere deutsche
Mannschaft seit 1989 sämtliche Europameistertitel
und wurde 2003 und 2007 Weltmeister.
Bei den erst kürzlich zu Ende gegangenen Olympischen Spielen in China gewann die deutsche Mannschaft unter Trainerin Silvia Neid die Bronzemedaille
und sorgte durchgehend für voll besetzte Ränge in
den Spielstadien.
2011 ist Deutschland Ausrichter der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft; bei den Voraussetzungen
ist davon auszugehen, dass eine ähnliche Euphorie
wie bei der Weltmeisterschaft der Männer 2006
entsteht. Die Zeichen dafür stehen gut.
Claus-Henning Bley n
Frauen-FußballWeltmeisterschaft:
2011 ähnliche Euphorie
wie 2006 bei den Herren?
uli franke © www.photocase.com
Studie zu Frauenfußball ausgewertet Macht Fußball sexy?,
dieser und ähnlichen Fragen geht
Prof. Dr. Holger Preuß vom Institut
für Sportwissenschaft zurzeit mittels
statistischen Auswertungen auf den
Grund. In einer groß angelegten
Studie versucht Preuß herauszufinden,
mit welchen Attributen Frauenfußball
in Deutschland bei der breiten Bevölkerung vergesellschaftet ist, welche
Vorurteile gegenüber dem Frauenfußball bestehen und wie es um das
Image der spielenden Frauen generell
bestellt ist.
Studium & Lehre
Unterwegs auf dem Campus der
Uni Mainz Seit fast 15 Jahren bietet
der von Studierenden und Professoren der Uni Mainz gegründete Verein
„Geographie für Alle“ Führungen in
Mainz und der Rhein-Main Region an,
die anders gestaltet sind als gewöhnliche Stadtführungen. Neue Ansichten
vom Altbekannten zu ermöglichen
und die Geschichte einer Stadt aus
einem spezifischen Blickwinkel neu
zu beleuchten, sind die Anliegen der
Führungen. Jüngst hinzugekommen
ist nun auch eine Führung auf dem
Campus der Universität Mainz.
Die Idee kam Prof. Günter Meyer, Vorsitzender des
Vereines „Geographie für Alle“, während eines Treffens mit Fachkollegen, als man erstaunt feststellte,
wie wenig über die wissenschaftlichen Aktivitäten
selbst der unmittelbar benachbarten Institute bekannt war. Daraus entstand der Plan für eine Campusführung, um diese lücken zu schließen, aber
ganz besonders um Menschen, die sonst nichts mit
dem universitären Alltag zu tun haben, auf die Universität neugierig zu machen. „Zusammen mit 15
Studierenden aus unterschiedlichen Fachbereichen
haben wir die Führung im Rahmen eines Seminars
ausgearbeitet“, erklärt Meyer im Gespräch. Die
Führung „Zwischen Exzellenz und ‚Best Practice‘“
auf dem Campus der Mainzer Universität ist jedoch
nicht die einzige, die der von Studierenden und Professoren 1994 gegründete Verein „Geographie für
Alle“, kurz GfA, anbietet. Der gemeinnützige Verein
hat es sich zum Ziel gesetzt, den Teilnehmern einen
anderen Blickwinkel, eine neue Perspektive auf bisher scheinbar Bekanntes zu ermöglichen. So ist es
dem Geographen Meyer wichtig anzumerken, dass
sich die Führungen nicht an Kurzzeittouristen richten, die gerade einmal einen Vormittag zur Besichtigung von Mainz Zeit haben. Alteingesessene und
neu zugezogene Mainzer, die ein Interesse daran
haben, einen spezifischen Aspekt ihrer Heimatstadt
oder -region zu vertiefen oder besser kennen zu lernen, sind das Zielpublikum.
[JOGU]
200/2007
206/2008
Foto: privat
Altbekanntes neu entdecken
Große Bereicherung: Campus-Rundgang ergänzt die „Geographie für Alle”- Führungen
Die Bandbreite an Führungen, die der Verein GfA
anbietet, behandelt vor allem historisch-geographische Themen wie „Die Wacht am Rhein – Mainz als
Festungsstadt von den Römern bis in die Gegenwart“ oder „Mayence et la France – das französische Mainz.“ Jedoch finden sich auch ökologische
Themen, Kunst, Kultur, die „Dunklen Seiten von
Mainz“, die Rheinhessische lebensart (Vun de Vilzbach zu de Umbach – Meenzer Mundartführung)
sowie Führungen in Wiesbaden und Frankfurt im
Programm wieder. „Wir haben zudem Angebote
für Kinder und Jugendliche. Insbesondere Rallyes
für Gruppen und Schulklassen. Diese Führungen erfreuen sich einer enormen Nachfrage“, fasst Meyer
zusammen.
„Zusammen mit 15 Studierenden aus unterschiedlichen
Fachbereichen haben wir in
einem Seminar die Führung
ausgearbeitet.“
Drei bis vier Führungen pro Wochenende haben
im letzten Jahr rund 6.500 Besucher begeistert.
Vorbereitet, organisiert und ausgeführt werden
diese nicht nur von Studierenden der Geographie
sondern auch zahlreicher anderer Fächer an der
Universität. Dazu erläutert Meyer: „Hier lernen
die Studierenden, wie sie ihr theoretisches Wissen
anderen Menschen in Form einer anschaulich und
8
spannend vorgetragenen Führung vermitteln können. Sie gewinnen dabei Sicherheit im Auftreten vor
einer Gruppe, Routine in der freien Rede und rhetorische überzeugungskraft – Qualifikationen, die im
späteren Beruf gefordert werden.“
„Die wenigsten wissen, dass
der oberste Sportberater des
Papstes ein Wissenschaftler
der Uni Mainz ist.“
Die neu entwickelte Campusführung beginnt mit
einem filmischen Rückblick auf die alte Mainzer
Universität (1477-1789) und spannt den Bogen von
den Anfängen der Johannes Gutenberg-Universität
nach dem Zweiten Weltkrieg in den Gebäuden der
ehemaligen Flakkaserne bis zu den heutigen international herausragenden Forschungsprojekten. Die
Teilnehmer erfahren dabei unter anderem näheres
über die Arbeiten am leichtwasser-Forschungsreaktor der Kernchemie und dem Mainzer Mikrotron
(MAMI) in der Kernphysik sowie über die ExzellenzGraduiertenschule „MAterials Science IN MainZ
(MAINZ)“, die als einziges Projekt in RheinlandPfalz durch die Exzellenzinitiative des Bundes und
der länder gefördert wird. Die Beteiligung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Chemie
am Marsmobil der NASA wird ebenso hervorgehoben wie die wissenschaftliche leistung von Prof. Dr.
Paul Crutzen, der für seine Forschungen zum Ozonloch mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Studium & Lehre
Eine überraschung eröffnet sich den Teilnehmern,
wenn sie in das Dunkel der Kasematten des einstigen Forts Bingen eintauchen. „Dass es so etwas
hier auf dem Campus gibt, ist selbst den meisten
Universitätsangehörigen nicht bekannt“, konnte
Meyer bei den Führungen feststellen. Das gleiche
gilt auch für die Dauerausstellung der Ossuare, Knochenkästen aus der Umgebung von Jerusalem, in
denen die Gebeine der Verstorbenen in der Zeit des
Neuen Testaments ihre letzte Ruhe fanden.
Die Mineraliensammlung des Instituts für Geowissenschaften bietet weitere überraschungen: „Wertvolle Edelsteine und eine Elfenbeinsammlung, die
der Frankfurter Zoll beschlagnahmt hat“, schmunzelt Meyer. Aber auch Kuriositäten hält die Führung
bereit, denn die wenigsten wissen, so Meyer, „dass
der oberste Sportberater des Papstes ein Wissenschaftler der Uni Mainz ist.“
„Der Rundgang endet im 15. Stockwerk des Studentenwohnheimes, wo ein beeindruckender Gesamtblick auf die Universität geboten wird und sich mit
der studentischen Bauwagensiedlung – versteckt
hinter Erdwällen – eine den wenigsten bekannte
Besonderheit auf dem Campus unserer Universität
offenbart“, fasst Prof. Meyer den kurzen Einblick auf
das Führungsprogramm zusammen. Abschließend
ergänzt er: „Der Blick auf den Campus und die Universität war nach der Führung bei allen Teilnehmern
ein anderer.“
Sebastian KUMP n
Die nächste Campusführung findet am 15. November 2008 statt; Beginn 14.30 Uhr an der
„Muschel“. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Für Gruppen kann diese und andere Führungen auch bei „Geographie für Alle“ speziell
gebucht werden unter Tel. 06131/3925145
oder per E-Mail [email protected]
de. Das ausführliche Veranstaltungsprogramm
mit 86 verschiedenen Rundgängen und
Rallyes für Alt und Jung findet sich unter www.
geographie-fuer-alle.de. Studierende aller Fachbereiche, die Interesse an einem Seminar zur
Führungsdidaktik haben und anschließend selber Rundgangsleitungen bei GfA übernehmen
wollen, sind herzlich willkommen.
„Kosten, wie ein Lied schmeckt“
Hymnologische Forschung in Mainz Eine 1000-seitige Anthologie mit
Texten vom Mittelalter bis zur Gegenwart – in einer geschätzten Gesamtauflage von 20 Millionen? Na wenn das kein relevanter Forschungsgegenstand
ist! Mit schalkhaftem Augenzwinkern „korrigiert“ so Prof. Hermann Kurzke
die gelegentlich anzutreffende skeptische Reserviertheit dem Thema
„Hymnologie“ gegenüber.
Sein germanistischer Blick galt dem „Gotteslob“,
dem 1975 eingeführten katholischen Einheitsgesangbuch. Als einer der bedeutendsten Thomas
Mann-Forscher unserer Tage widmet sich Kurzke
auch seinem zweiten Schwerpunkt, der Gesangbuchforschung, mit ebenso spürbarem Engagement
wie dem Nobelpreisträger aus lübeck.
Die jüngste Frucht der von ihm mit-initiierten interdisziplinären hymnologischen Forschung in Mainz
wurde nun mit einem Studientag im Haus am Dom
der Öffentlichkeit vorgestellt: „Geschichte des katholischen Gesangbuchs“, von Dominik Fugger und
Andreas Scheidgen herausgegeben.
Die Referate folgten dem ersten, chronologischen
Teil des Buches. Scheidgen zeigte die Bedeutung
des „New Gesangbüchlin“, das Michael Vehe
1537 herausgab. Fugger stellte kurzweilig die tumultuarischen Umstände der Einführung des Auf-
klärungsgesangbuches des Mainzer Pfarrers E. X.
Turin vor Augen, ehe Christiane Schäfer die im 19.
Jahrhundert initiierte Restauration erläuterte. Die
jüngste Planung eines neuen Gesangbuches durch
die Bischofskonferenz (eine Projektierung bis 2010
erscheint optimistisch) war Thema von Kurzkes
Abschlussreferat, in dem er bei den rund 70 Zuhörern Verständnis auch für pragmatische Fragen der
Buch-Erstellung weckte. Der Verleger Gunter Narr
vom Francke-Verlag, in dem die „Mainzer Hymnologischen Studien“ seit 1999 erscheinen, lud abschließend zum Verlagsempfang.
Dass im Anschluss alle eingeladen waren, den Gegenstand „Kirchenlied“ in der Memorienkapelle
des Domes auch sinnlich zu erfahren („Wir wollen
auch kosten, wie ein lied schmeckt, auf der Zunge
liegt oder knarrt“, so Kurzke), zeichnet den Mainzer
Ansatz der Forschung aus. An deren Relevanz gibt
es keinen Zweifel.
Frank WITTMER n
9
[JOGU]
206/2008
Studium & Lehre
„Was ist Gerechtigkeit?“
© www.foto
In den „Mainzer Universitätsgesprächen“ zum
Themenschwerpunkt „Was ist Gerechtigkeit?“
werden unterschiedliche Perspektiven, Positionen
und Probleme der Realisierbarkeit von Gerechtigkeit aufgezeigt. Der Alttestamentler Prof. Dr. Rainer
Kessler, Marburg, eröffnet die Vorlesungsreihe mit
„Biblischen Impulsen für aktuelle Gerechtigkeitsdiskurse“. Die Mainzer Theologen Prof. Dr. Wolfgang Zwickel und Prof. Dr. Gerhard Kruip setzen
sich mit „Recht und Gerechtigkeit im Alten Testa-
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the squirrel
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Benjaminet
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Jedem das Seine geben? laut Friedrich Nietzsche
wäre das „die Gerechtigkeit wollen und das Chaos erreichen.“ Jedem das Gleiche geben? Das wird
schon im Neuen Testament im Gleichnis der Arbeiter
im Weinberg, denen der Gutsbesitzer ohne Anrechnung individueller Arbeitszeiten den gleichen lohn
gibt, von den Taglöhnern als ungerecht angesehen
und theologisch dann als Güte ausgelegt. Gerechtigkeit verbindlich zu definieren, ist offenbar kaum
möglich. Schon Aristoteles bemerkt, „dass es also
mehrere Gerechtigkeiten gibt“. Neben der Gerechtigkeit als Tugend spricht er von einer partikularen
Philosophie identifizierte sie als eine Kardinaltugend im individuellen wie im politischen Bereich.
Prof. Dr. Ruth Zimmerling, Politische Theorie, Mainz,
veranschaulicht „Gerechtigkeit als Eigenschaft politischer Systeme“ und Prof. Dr. Axel Honneth, Frankfurt, das „Gewebe der Gerechtigkeit“ aus sozialphilosophischer Perspektive. Gerechtigkeit fungiert
als leitidee des politischen, religiösen und sozialen
lebens: „Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit“ erörtert Prof. Dr. Friedrich Breyer, Konstanz;
„Sozialpsychologie der Fairness“ erläutert Prof. Dr.
Hans-Werner Bierhoff, Bochum; Prof. Dr. Michael
Beck, Mainz, thematisiert Verteilungsgerechtigkeit in der Medizin. Ein Gerechtigkeitsempfinden
scheint Menschen kulturen- und epochenübergreifend eigen zu sein. Was aber genau als gerecht gilt,
ist historisch und kulturell beeinflusst und differiert
in hohem Maß. Prof. Dr. Andreas Roth, Rechtsgeschichte, Mainz, analysiert unter dem Titel „Was
einmal Recht war, kann heute doch nicht Unrecht
sein!“ die Aufhebung von NS-Urteilen durch die
bundesdeutsche Justiz.
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Studium generale im Wintersemester 2008/09 Fragen nicht nur zu
Mensch und Gemeinschaft, sondern auch zu Mensch und Natur stehen diesmal
im Mittelpunkt der interdisziplinären Veranstaltungen. Mit der Grundfrage der
Gerechtigkeit, nicht erst in der globalisierten Welt ein Menschheitsproblem, setzen sich die „Mainzer Universitätsgespräche“ auseinander. Weitere Vorlesungsreihen erörtern das Verhältnis des Menschen zu „seiner“ Natur – sie greifen
zum einen das Problem von „Naturschutz und Wissenschaft“ auf und zum
anderen jene Frage, die unser Menschsein betrifft: „Biologisch determiniert?“
Gerechtigkeit, die er in kommutativ und distributiv
unterteilt. Während die ausgleichende, kommutative Gerechtigkeit im Sinne von ‚Jedem das Gleiche‘ heute zum Beispiel im Wirtschaftsrecht und
Strafrecht zum Tragen kommt, wird die austeilende,
distributive Gerechtigkeit, das sich über den Begriff
der Angemessenheit definierende ‚Jedem das Seine‘, beispielsweise im Steuerrecht und lohnrecht
angewandt.
[JOGU]
206/2008
ment“ und mit „Weltarmut und globaler Gerechtigkeit“ auseinander. Aus philosophischer Sicht
spricht Prof. Dr. Thomas Kesselring, Bern, zu „Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung“.
Gerechtigkeit – Grundprinzip
sozialer Organisation
Als ein zentraler Grundsatz menschlichen Zusammenlebens stellt Gerechtigkeit ein wünschenswertes
Grundprinzip sozialer Organisation dar. Die antike
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Seit Ende des 20. Jahrhunderts hat der
beschleunigte Fortschritt in den Biowissenschaften
zu einem Wandel des Menschenbildes geführt. Im
Fokus eines zweiten Schwerpunktes steht das Thema „Biologisch determiniert? Menschsein zwischen
Zwang und Autonomie“. Seit Beginn des Humangenomprojektes wird die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für das Selbstverständnis des Menschen
verstärkt diskutiert. Sind wir eher durch soziokulturelle Faktoren und Umweltbedingungen oder durch
biologische und genetische Vorgaben bestimmt?
Studium & Lehre
Naturschutzmaßnahmen
bewerten
Auch Naturschutz ist geschichtlichem Wandel unterworfen – so können Eingriffe von gestern schützenswerte Gebiete von morgen sein. Erkenntnisse
der Naturwissenschaften sind unentbehrlich für
die Entscheidungen, welche Natur wie geschützt
werden soll. Die dritte Veranstaltungsreihe „Natur-
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Tobias Mar
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Spätestens seit Bekanntwerden der Darwinschen
Evolutionslehre wird über eine biologische Determination des Menschen kontrovers, oftmals ideologiegeleitet, debattiert. Im Jahr 2009 jährt sich
Darwins Geburtstag zum 200. Mal, die Publikation
seines Hauptwerkes über den Ursprung der Arten,
das Ende des 19. Jahrhunderts einen Boom der Biologie auslöste, zum 150. Mal. Mit einer „Biologie
der Moral“ setzt sich der Wiener Verhaltensbiologe
Prof. Dr. Kurt M. Kotrschal, KlF Grünau, auseinan-
Wie funktioniert der Wissenstransfer zwischen verwaltungsorganisiertem, privat organisiertem und
wissenschaftlichem Naturschutz? Welche Faktoren
beeinflussen den Austausch zwischen Theorie und
Praxis und welche Instrumente und Strategien stehen zur Verfügung? Diesen Fragen stellen sich in
Kurzvorträgen und Diskussion Prof. Dipl.-Ing. Klaus
Werk, Geisenheim, aus Sicht des professionellen
Naturschutzes, und OBR Helmut Schneider, Koblenz,
aus der Praxis der Eingriffsverwaltung, sowie Dr.
Nils M. Franke, leipzig, aus historischer, und Dr. Uwe
Pfenning, Stuttgart, aus soziologischer Perspektive.
Der Abschlussabend ist der Kontroverse um „Naturschutzkonzepte im Wandel“ gewidmet – moderiert
von Dipl.-Ing. Hildegard Eissing, MUFV, diskutieren
Prof. Dr. Werner Konold, Forst- und Umweltwissenschaft, Freiburg, und Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND, Berlin, über „Notwendige Dynamik oder Preisgabe genuiner Ziele?“
tolia.de
Ist der Mensch biologisch
determiniert?
Mainz. Die Identifikation von genetischen Faktoren
für Krankheiten oder die Unterschiede zwischen
den Geschlechtern zeigen, wie stark genetische
Einflüsse den Menschen prägen. Allerdings ist auch
zu fragen, inwiefern biologisch-genetische Erklärungen für menschliches Verhalten reduktionistisch
sein können. Die Vorlesungsreihe abschließend,
erläutert Prof. Dr. Dr. Hans-Rainer Duncker, Gießen,
„nicht-darwinistische
Evolutionsmechanismen“
und die „Entwicklung der Menschen zu Sprach- und
Kulturwesen“.
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Mit einem Vortrag über „Ethische und anthropologische Aspekte der Genforschung“ eröffnet der
Berliner Bioinformatiker Prof. Dr. Jens G. Reich die
Vorlesungsreihe. Pro und Contra genetischer Diagnostik diskutiert Prof. Dr. Markus Hengstschläger,
Wien; „Prädiktive Genetik“ erörtert Prof. Dr. Regine
Kollek, Hamburg. Prof. Dr. Dr. Mathias Gutmann,
Marburg, bringt philosophische Sichtweisen ein zu
„Genen und Evolution“.
der, über Kulturentwicklung bei Schimpansen
spricht Dr. Tobias Deschner, MPI leipzig. Die Mainzer Philologin Prof. Dr. Anja Müller-Wood analysiert
„Biologische Grundlagen und Grenzen der literatur“. Der Spielraum des Menschen für Selbstbestimmung und autonome Entscheidungen scheint immer enger zu werden. Einen geschlechterkritischen
Blick auf „Das moderne Gehirn“ wirft HD Dr. Sigrid
Schmitz, Freiburg. „Sind psychische Erkrankungen
biologisch determiniert?“ fragt Prof. Dr. Klaus lieb,
schutz und Wissenschaft. Theorie – Praxis
– Wissenstransfer“, als Diskussionsforum konzipiert, wird in Kooperation mit dem Ministerium für
Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz (MUFV,
RlP) durchgeführt. Bei der Bewertung von Naturschutzmaßnahmen und bei der Rechtsprechung in
Bezug auf Arten- oder Biotopschutz stellt sich zunehmend die Frage, ob Konzepte des staatlichen
und privaten Naturschutzes den wissenschaftlichen
Forschungsstand ausreichend und angemessen
berücksichtigen. Diese Problematik analysieren in
ihren Vorträgen die Münchener landschaftsökologen Prof. Dr. ludwig Trepl und Prof. Dr. Dr. Wolfgang
Haber sowie der Frankfurter Jurist für Umweltrecht
Prof. Dr. Eckard Rehbinder.
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Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an den genannten Veranstaltungen teilzunehmen. Für das in der Regel kostenlose Programmangebot des Studium generale gelten keine
Zulassungsbedingungen. Zahlreiche weitere öffentliche Veranstaltungen und lehrveranstaltungen
universitärer und außeruniversitärer Institutionen
finden Sie im Programmheft des Studium generale
und ständig aktualisiert unter http://www.studgen.uni-mainz.de; Informationen zur Johannes
Gutenberg-Stiftungsprofessur im Sommersemester
2009 ab Dezember unter http://www.stiftungjgsp.uni-mainz.de n
[JOGU]
206/2008
Wissenschaft & Forschung
Interview
Foto: Frank Erdnüß
Yamsforschung
in Mainz
Nigerianische Wissenschaftlerin zu Gast Die Speicherwurzel
der Yams-Pflanze (Dioscorea spp.) stellt ein Grundnahrungsmittel für
mehr als 100 Millionen Menschen in tropischen Regionen der Erde
dar. Hunderte Sorten von verschiedenen Dioscorea-Arten sind weltweit in Kultur, vor allem in Westafrika und Ostasien. Mit molekulargenetischen Methoden versucht eine nigerianische Gastwissenschaftlerin nun, einige Sorten zu klassifizieren, auch um möglicherweise
besonders geeignete Varianten für den Anbau zu finden. Im Botanischen Garten der Universität Mainz zeigt Dr. Mubo Adeola Sonibare
einige Exemplare ihres Forschungsobjekts und erzählt unter anderem,
wie es zu der Kooperation mit der Mainzer Biologie kam.
JOGU: Dr. Sonibare, das hier sind also verschiedene
Arten von Yams, die Sie untersuchen?
Sonibare: Ja, im Prinzip richtig. Die Arten, die
Sie hier sehen, untersuche ich jedoch nur zu Vergleichszwecken. Ich konzentriere mich auf Dioscorea dumetorum, eine Art, die im Hinblick auf ihre
Kultursorten noch nicht genau untersucht wurde.
Insgesamt bearbeite ich 53 verschiedene Sorten
dieser Spezies.
JOGU: Und die stehen alle hier im Gewächshaus?
Sonibare: Nein, keineswegs. Mein Probenmaterial
habe ich aus Nigeria mitgebracht. In Ibadan, der
größten Stadt Nigerias, befindet sich das „International Institute of Tropical Agriculture“ (IITA), mit
dem ich zusammen arbeite. Dort werden Samen von
Yamssorten aus verschiedenen Regionen Afrikas
(Benin, Kongo, Gabun, Ghana, Nigeria und Togo)
archiviert. Ich habe mir von den Kollegen die Samen
besorgt, die Pflanzen aufgezogen und dann über
Kieselsäuregel (Silicagel) getrocknet. Dieses Material habe ich mit hierher gebracht und untersuche es
nun unter Anleitung von Dr. Dirk Albach.
JOGU: Wie kam es denn zum Kontakt zwischen
Ihnen beiden?
Sonibare: Dr. Albach hat sehr viel publiziert, unter
anderem zu speziellen PCR-basierten genetischen
Markern, den so genannten „Amplified Fragment
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206/2008
Dr. Mubo Adeola Sonibare und Dr. Dirk Albach mit einer Yams-Pflanze.
Die windenden Stauden werden in den Tropen an langen Stangen kultiviert und sehr viel größer. In unseren Breiten müssen sie im Winter vor
Frost geschützt werden.
Length Polymorphisms“ (AFLP). Mit ihrer Hilfe
möchte ich versuchen, die verwandtschaftlichen
Beziehungen der Yamssorten zu entschlüsseln.
Nachdem ich Dr. Albachs Publikationen gelesen
hatte, habe ich ihn per E-Mail kontaktiert und er
war sofort zu einer Kooperation bereit.
Sonibare: Geplant ist noch etwa ein Jahr. Ich bin
am 2. März in Frankfurt angekommen. Dort habe
ich zuerst einen viermonatigen Sprachkurs gemacht.
Seit dem 1. Juli bin ich jetzt in Mainz und gerade zurück von einer zweiwöchigen Deutschlandtour.
JOGU: Das heißt, Sie beginnen erst mit Ihrer Arbeit.
JOGU: Herr Dr. Albach, haben Sie selbst diese Methode hier in Mainz entwickelt?
Sonibare: Ja.
Albach: Nein, sie stammt von niederländischen
Forschern und ist bereits seit etwa zehn Jahren
etabliert. Ich habe sie in meiner Dissertation und
meiner Post Doc-Zeit an mehreren Arten des Ehrenpreis (Veronica ssp.) angewendet und freue mich,
Frau Dr. Sonibare jetzt bei ihrer Arbeit unterstützen
zu können.
JOGU: Warum haben Sie sich denn gerade Yams als
Forschungsobjekt ausgesucht? Ich habe gelesen,
dass Sie zuvor sehr viel über Feigenbäume (Ficus
spp.) geforscht und auch ethnobotanisch gearbeitet haben. Eine Ihrer Publikationen behandelt zum
Beispiel Pflanzen, die in Nigeria gegen Asthma eingesetzt werden.
JOGU: Das heißt, das Institut für Spezielle Botanik
stellt den Laborplatz und die Geräte?
Sonibare: Das stimmt, die Anwendung von Pflanzen zur Heilung von Krankheiten hat bei uns eine
sehr lange Tradition. Es kommen aber fast nie
einzelne Pflanzen zum Einsatz, sondern Mixturen.
Auch Dioscorea-Arten sind aufgrund ihres AlkaloidGehaltes Bestandteil vieler Rezepte. Mittlerweile
werden Wurzel und Rinde bestimmter Arten sogar
von der pharmazeutischen Industrie genutzt, um
bestimmte Steroidhormone (z.B. Kortison und Progesteron) zu synthetisieren. Aber in erster Linie ist
Yams immer noch eine sehr wichtige Nahrungspflanze, deren Knollen bis zu 20 Kilogramm schwer
werden können und ein Kohlehydratlieferant erster
Güte sind.
Sonibare: Ja, richtig.
Albach: Letztlich wird der Forschungsaufenthalt
von Frau Dr. Sonibare hier in Mainz aber erst durch
ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung ermöglicht. Dieses Georg Forster-Programm
der Stiftung unterstützt speziell promovierte Wissenschaftler aus Entwicklungsländern.
JOGU: Wie lange werden Sie denn in Mainz bleiben?
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JOGU_90x258_13.11.2008:R+V
20.10.2008
10:28 Uhr
JOGU: Aber sind die medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe denn
nicht giftig?
Service Center
Sonibare: Doch, in größeren Mengen schon; deshalb sollte
Yams auch nicht roh verzehrt werden.
JOGU: Wie bereitet man ihn denn traditionell zu?
Sonibare: Eigentlich so, wie in Deutschland die Kartoffel; man
schält und kocht ihn einfach.
JOGU: Ich weiß, dass man Yams auch hier in Mainz kaufen
kann. Haben Sie das schon ausprobiert?
Sonibare: Ja, mein Mann brachte kürzlich einige Knollen mit.
Sie schmeckten ganz gut, sind aber einfach viel zu teuer.
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JOGU: Ihr Mann? Sind Sie verheiratet und haben Sie Kinder?
Sonibare: Ja, mein Mann und unsere drei Kinder sind ebenfalls
hier. Meine ältesten beiden gehen auch in Mainz zur Grundschule. Der Jüngste wird in den nächsten Tagen vier. Mein Mann
arbeitet genau wie ich an der Universität Ibadan, allerdings im
Bereich Geochemie. Gerade ist er dabei, einige Publikationen
fertigzustellen. Anschließend wird er am geowissenschaftlichen
Institut der Uni Mainz seine Forschungsarbeit weiterführen.
JOGU: Sie leben und arbeiten also normalerweise in Ibadan?
Sonibare: Ich unterrichte Studenten seit 1996, allerdings zuerst an der Ogun State University und seit 2006 am Fachbereich
Pharmazie der Universität Ibadan, der größten und ältesten (gegründet 1948) Hochschule im Land.
JOGU: Das ist ungewöhnlich. Wie ich gelesen habe, wurden Sie
erst 2003 promoviert. In Deutschland ist selbständige Lehre erst
mit der Erlangung des Doktorgrades erlaubt.
Sonibare: Das ist bei uns ähnlich. Zwischen 1996 und 2003
war ich so genannter „Assistant Lecturer“, das heißt, ich habe
unter Aufsicht unterrichtet.
JOGU: Und was planen Sie nach Ihrer Rückkehr nächstes Jahr?
Sonibare: Ich werde in meinen alten Job zurückkehren und natürlich die Ergebnisse aus Mainz publizieren. Außerdem werde
ich die Zusammenarbeit mit den Kollegen vom IITA fortsetzen.
Das IITA wiederum kooperiert mit lokalen Landwirten, die langfristig hoffentlich auch von meinen Ergebnissen profitieren.
JOGU: Dann erst einmal viel Erfolg für Ihre Arbeit hier und herzlichen Dank Ihnen beiden für das Interview.
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Seite 1
Wissenschaft & Forschung
Unfallverletzungen bei Kindern An der Mainzer Uniklinik
arbeiten Unfall- und Kinderchirurgen eng zusammen. Dass dieses
Konzept erfolgreich ist, bewies unter anderem der große Erfolg
der Mainzer Tagung über „Anspruchsvolle Verletzungen im
Kindesalter“ der Sektion Kindertraumatologie in der Deutschen
Gesellschaft für Unfallchirurgie.
Die zehnjährige Alexandra möchte mit dem Besuch
besser sprechen können, und so stopft ihr die Mama
ein Kissen in den Rücken. „...und dann hat sich das
Pferd erschrocken und ist vorne hochgegangen, und
da konnte ich mich nicht mehr halten“, erzählt das
Mädchen. Bei dem Versuch, sich linkerhand abzustützen, verdrehte sich der Ellbogen; der Unterarm
brach an gleich zwei Stellen, ein Knochen durchstieß die Haut. In der Nacht Erbrechen, aufgrund einer Bauchprellung. Am späten Abend noch war das
Mädchen operiert worden, in spätestens drei Tagen
kann die kleine Patientin entlassen werden. „Die
Gefahr, dass eine Entzündung auftritt, ist aufgrund
der schnellen Versorgung der Wunde gering. Sicherheitshalber bleibt diese Patientin etwas länger, als
es bei einem geschlossenen Bruch der Fall gewesen
wäre“, erläutert Prof. Pol Maria Rommens, Direktor
der Mainzer Uni-Klinik für Unfallchirurgie.
achtziger Jahren in Frankreich entwickelten Methode der elastisch-stabilen intramedullären Nagelung,
dem so genannten ESIN-Verfahren, abgelöst. „Der
Vorteil besteht darin, dass die verletzte Stelle und
mit ihr eventuell dort vorhandene Wachstumsfugen
unangetastet bleiben. In einer gewissen Entfernung
zum Bruch werden zwei dünne Titanfäden eingeführt. Diese schienen den Knochen von innen – und
sichern so den Heilungsprozess“, erläutert Rommens.
Alexandra wird also schnell genesen. Schon am Tag
nach dem Unfall bereitet ihr weniger der verletzte
Arm Probleme als die Frage, ob sie sich wieder in die
Reitstunde traut. Lässt sich die Angst bewältigen?
Jedenfalls hat sie heute Nachmittag schon „einen
Zeichentrickfilm mit Pferden“, so das Mädchen,
angeguckt. Die Atmosphäre im Krankenzimmer
Die Verweildauer der Kinder im Krankenhaus
ist zurückgegangen. Denn die operative
Behandlung kindlicher Knochenbrüche
geschieht heute deutlich häufiger als
noch vor wenigen Jahren – veränderte
Behandlungsmethoden tragen den
kindlichen Spezifika Rechnung. Verletzungen im Kindesalter treffen den
wachsenden Organismus. „Früher“,
erläutert Rommens, „verzichtete man
zumeist auf eine Operation, das hätte zu stark belastend gewirkt. Man
beschränkte sich auf das Eingipsen der betroffenen Gliedmaßen.
Allerdings war dieses risikoarme
Procedere von Schmerzen begleitet, und die Heilung konnte
Wochen dauern.“ Dieser konservative OP-Verzicht wurde
inzwischen von der seit den
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„In einer gewissen Entfernung
zum Bruch werden zwei dünne
Titanfäden eingeführt. Diese
schienen den Knochen von
innen – und sichern so den
Heilungsprozess.“
Seit 2003 arbeiten die Mainzer Unfall- und Kinderchirurgen im gemeinsamen Bereich „Kindertraumatologie“ eng zusammen. Diese Interdisziplinarität geht auf das jahrzehntelange Engagement
des Unfall-Chefs für eine koordinierte Versorgung
von Trauma-Betroffenen zurück. „Ein schlecht versorgter Patient kann ein Organversagen entwickeln,
das mit der primären Verletzung nichts zu tun hat.
Deswegen benötigt ein Unfallpatient einen Versorgungskoordinator, also den Unfallchirurgen“, lautet
kurz und bündig Rommens’ Kommentar.
Was so selbstverständlich klingt, war nicht immer
medizinische Praxis. Vor 15 Jahren beteiligte sich
der gebürtige Flame an der Gründung der „BelVeränderte Behandlungsmethoden:
Titanfäden sichern den Heilungsprozess
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Vom Pferd gefallen
ist entspannt. Wie schnell die Diagnose stand und
wie schnell operiert werden konnte, hat Alexandras
Mutter beeindruckt und beruhigt. Rundum hervorragend betreut sei ihre Tochter, und ja, man habe sich
perfekt gekümmert, habe selbstverständlich auch
auf die Bauchschmerzen reagiert, durch Ultraschall
habe man innere Verletzungen sofort ausschließen
können.
Wissenschaft & Forschung
gischen Gesellschaft für Unfallchirurgie“, zu deren
erstem Präsidenten der Spezialist ernannt wurde.
„In Belgien ist es uns gelungen, die Probleme der
Traumatologie ins medizinische Bewusstsein zu rücken, wir konnten die Gesamtversorgung der Verletzten in den Bereichen Therapie und Prävention
optimieren“, so Rommens, der auch am Aufbau der
Traumastation am löwener Uni-Klinikum beteiligt
war. Für sein organisatorisches und publizistisches
Engagement unter anderem als Mitherausgeber des
ersten lehrbuches für Traumatologie in niederländischer Sprache und für seine leistungen auf dem
Spezialgebiet der Becken- und Hüftpfannenchirurgie sowie der Versorgung der langen Bein- und
Armknochen wurde dem Direktor der Mainzer Klinik für Unfallchirurgie 2005 die Ehrendoktorwürde
der griechischen Universität Patras verliehen.
Ein schlecht versorgter Patient
kann ein Organversagen entwickeln, das mit der primären
Verletzung nichts zu tun hat.
Während die Urkunde im Wechselrahmen eine kontinuierliche Herausforderung an alle darstellt, die
sich jemals mit dem griechischen Alphabet befasst
haben, kümmert sich Rommens weiter um die praktischen Anforderungen des Klinikalltags – unter anderem um die Vereinheitlichung der Behandlungswege. In diesem Jahr kam die dritte Fassung des
sogenannten Vademecums heraus: eines über 300
Seiten umfassenden leitfadens für die Ärzte der
Mainzer Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie, der
alle im Hause üblichen Behandlungsmethoden verbindlich dokumentiert. Ein Sonderkapitel nimmt die
Kindertraumatologie ein. Es finden sich in diesem
Abschnitt unter anderem genaue Hinweise zu den
Versorgungsprinzipien des kindlichen Polytraumas
bei der Ankunft in der Klinik.
Dass Alexandras Mutter sich positiv und erleichtert über das große „Empfangskomitee“ wundern
konnte, liegt auch daran, dass das klar strukturierte
Team aus Unfallchirurg, Radiologe und Anästhesist
wie stets durch einen Kinderchirurgen ergänzt war.
Optimierung ist das Stichwort, das Rommens und
sein Team antreibt: Optimierung der Zusammenarbeit der Kliniken, etwa der Unfallchirurgie und der
Kinderchirurgie unter leitung von Prof. Felix Schier
– Förderung der Interdisziplinarität, welche letztlich
die Therapie koordinierend optimiert.
Optimierung ist das Stichwort,
das Rommens und sein Team
antreibt.
Wichtige Denkanstöße lieferte in diesem Kontext
auch die 27. Jahrestagung der „Sektion Kindertraumatologie in der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie“, die am sechsten und siebten Juni 2008
in Mainz statt fand. Die publizierten Gastvorträge
internationaler Spezialisten befassten sich mit Fragestellungen der ESIN-Methode, der Kniescheibenluxation, der pathologischen Fraktur im Falle gutartiger Knochentumore und der die Wachstumsfuge
betreffenden gelenknahen Fraktur. Damit Alexandra
ihren Sturz vom Pferd – (ihr Armbruch war eine von
350 jährlich in Mainz operierten kindlichen Verletzungen) – schnell vergessen kann.
Ulrike BRANDENBURG n
Programm der 27. Jahrestagung der
„Sektion Kindertraumatologie in der
Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie“
Zu den Neuerungen, die Rommens in Mainz einführte, zählt die Vereinheitlichung des sogenannten
Schockraumablaufes. Jeder Unfall-Patient wird unmittelbar bei Einlieferung nach denselben Kriterien
durchgecheckt. Unterschiede werden nur zwischen
Erwachsenen und Kindern gemacht. Während die
Verletzungsschwere der Erwachsenen durch eine
wenige Minuten dauernde CT (Computertomographie) des Kopf- bis Beckenbereiches festgestellt
wird, erspart man Kindern die entwicklungsschädliche Strahlendosis, stattdessen kommen traditionelle
Röntgenverfahren und Sonografie (Ultraschall) zum
Einsatz.
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[JOGU]
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Foto: Peter Pulkowski
Wissenschaft & Forschung
Wo das Herz schlägt
Weltweit größte Studie an der Uniklink Mit bis zu 17.000 Patienten an einer
Klinik ist die Gutenberg-Herz-Studie die weltweit größte Untersuchung dieser Art.
Erdacht hat sie ein Mainzer Kardiologe, der jetzt, 18 Monate nach dem Startschuss,
bereits den 5.000sten Probanden begrüßen konnte. Sein Chef gründete parallel die
„Stiftung Mainzer Herz“, die neben der einschlägigen Forschung auch Schwesternprojekte an der Mainzer Uniklinik fördern möchte. Im Gespräch mit JOGU erklären
die beiden Mediziner Einzelheiten ihrer Projekte.
Schon als Student überlegte Prof. Stefan Blankenberg, welche nützlichen Informationen man wohl
durch Blutanalysen erhalten könnte. Damals nahm
er Blut ab, als wissenschaftliche Hilfskraft im Herzkatheter-labor der Uniklinik Mainz. Nach Abschluss
seines Medizinstudiums arbeitete er zwei Jahre in
einem molekulargenetischen labor in Paris. Dort
verfestigte sich seine Idee, aus den Blutzellen nicht
nur die eigentliche Erbinformation, die als Doppelstrang vorliegende DNA (Desoxyribonukleinsäure),
zu isolieren, sondern auch die einsträngige RNA (Ribonukleinsäure). Das war bislang nicht in großem
Umfang gelungen. Die RNA hat in den Zellen die
wichtige Aufgabe, die vorliegende Erbinformation
in Eiweiße (Proteine) umzusetzen. Mit der Bestimmung der RNA erhält man also konkrete Hinweise
dazu, wofür einzelne Gene (DNA-Moleküle) im Körper verantwortlich sind, welche Prozesse sie steuern. Die Krux dabei ist, dass sich die RNA nach der
Blutentnahme weiter verändert. Aussagekräftige Ergebnisse erzielt man also nur dann, wenn die Analyse der Blutzellen schnell passiert. Und noch etwas
anderes fiel Blankenberg in Paris auf: Alle Analysen
im labor erfolgten mit Blut von kranken Patienten.
Für eine vernünftige Abschätzung des Risikos, an
einer koronaren Herzkrankheit (KHK) zu erkranken,
ist aber die Untersuchung einer gesunden Kohorte
mit allen Altersgruppen unerlässlich, am besten mit
Hilfe periodisch wiederkehrender Untersuchungen
alle vier bis fünf Jahre.
„Weltweit gibt es keine andere
monozentrische Studie, die einen derart großen Umfang hat
und pro Proband rund 9.000
Parameter erhebt.“
Zurück in Mainz reifte seine Idee weiter, auch inspiriert von der wichtigsten epidemiologischen Studie
in den USA, der Framingham-Heart-Study (läuft seit
1948). Im Jahr 2005 fanden dann die ersten Geldverhandlungen statt und zwei Jahre später stand die
Finanzierung zur Durchführung dieser einzigartigen
Studie: Mit einem Pool aus öffentlichen und industriellen Geldern im Rücken konnte schließlich im April
2007 der erste Teilnehmer der „Gutenberg-HerzStudie“ (GHS) begrüßt werden. Gemäß dem Ziel
der Studie, eine zukünftig bessere Risikoabschätzung für Herz-Kreislauferkrankungen vornehmen zu
können, erfolgte die internationale Namensgebung:
„PREVENT-it“. Mit mehr als 300.000 Todesfällen
pro Jahr in Deutschland führt dieses Krankheitsbild
die Statistik an. Beide sind multifaktoriell bedingt
und gerade deshalb auch so schwer vorherzusagen.
[JOGU]
206/2008
Foto: Frank Erdnüß
Alle Proben der GHS werden bei minus
80 °C bis zu 60 Jahre lang aufbewahrt,
natürlich unter strenger Berücksichtigung
des Datenschutzes. Hier einer der Gefrierschränke im Zwischenlager der
Uniklinik. Jede Schub-lade fasst bis zu
500 Röhrchen, zum Beispiel mit RNA,
Tränenflüssigkeit, Zahnbelag, DNA,
Erythrozyten und Urin.
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Prof. Dr. med. Stefan Blankenberg,
Initiator der Gutenberg-Herz-Studie
Die Ergebnisse der GHS sollen dazu beitragen, Risikokonstellationen beim Einzelnen frühzeitig zu
erkennen, damit dann vorbeugende Maßnahmen
ergriffen werden können. „Weltweit gibt es keine
andere monozentrische Studie, die einen derart
großen Umfang hat und pro Proband rund 9.000
Parameter erhebt“, erläutert der 39-jährige Initiator
Blankenberg und fügt hinzu: „Wir arbeiten dabei
stark interdisziplinär, zum Beispiel zusammen mit
Prof. Dr. Norbert Pfeiffer von der Augenklinik, Prof.
Dr. Karl lackner vom Zentrallabor und Prof. Dr. Maria Blettner vom IMBEI (Institut für Medizinische
Biometrie, Epidemiologie und Informatik).“
„Der Augenhintergrund ist
für uns besonders interessant,
weil es die einzige Stelle im
menschlichen Körper ist,
wo man direkt auf die Blutgefäße schauen kann.“
Die Auswahl der Teilnehmer erfolgt streng nach
dem Zufallsprinzip, eine freiwillige Teilnahme aus
Eigeninteresse ist nicht möglich. Das würde die
statistische Auswertung erschweren, denn es sollen sowohl land- und Stadtbevölkerung als auch
die Geschlechter gleich vertreten sein. So werden
aus dem Melderegister der Kreise Mainz-Stadt und
Mainz-Bingen insgesamt 35.000 Frauen und Männer im Alter zwischen 35 und 74 Jahren angeschrieben. Bei positiver Rückmeldung (bislang rund 70%)
erhält jeder Proband ausführliche Informationen,
unterschreibt die Einverständniserklärung und bekommt dann einen Termin im Studienzentrum. Die
verschiedenen Untersuchungen reichen vom Blutdruck messen über ein 50-minütiges Computerassistiertes persönliches Interview bis hin zu einer
Analyse des Augenhintergrundes. „Der Augenhintergrund ist für uns besonders interessant, weil es
die einzige Stelle im menschlichen Körper ist, wo
man direkt auf die Blutgefäße schauen kann“, er-
klärt dazu Dr. Philipp Wild, der Studienmanager. Er
wird von mehreren Kollegen, Studienassistentinnen
sowie laboranten unterstützt. Hier im Gebäude
406 erfolgen auch die RNA-Analysen, wie gesagt
unmittelbar nach der Blutentnahme. Insgesamt ist
jeder Teilnehmer fünf Stunden beschäftigt, wobei
so gut wie keine Wartezeiten auftreten. „Das läuft
bei uns wie im Zirkeltraining“, erzählt Blankenberg:
„Der erste Proband kommt um 7 Uhr morgens, erhält einen Barcode und durchläuft dann die sieben
Untersuchungs-Stationen bis 12.10 Uhr; der letzte
Teilnehmer verlässt jeden Tag um 20.10 Uhr die
Klinik.“ Für diesen reibungslosen Ablauf sorgen
insgesamt 60 Mitarbeiter. Personal- und Materialkosten belaufen sich auf jährlich rund eine Million
Euro, die genetischen Untersuchungen und weitere
spezielle Tests noch nicht inbegriffen. Auf die Frage nach dem Zeitplan der GHS räumt Blankenberg
ein, dass hier auch die finanzielle Ausstattung eine
Rolle spielte: „Wir haben uns auf ein Computer-assistiertes Telefoninterview nach 2,5 Jahren und eine
Wiederholungsuntersuchung jedes Probanden nach
4,5 Jahren geeinigt. Das ist aber auch medizinisch
sinnvoll, denn nach dieser Zeit sehen wir gemeinhin
die ersten Veränderungen an Gefäßen und im Echokardiogramm.“ Ein Ende der Studie ist nicht geplant. Zurzeit läuft die Auswertung der ersten 5000
Teilnehmer. „Gerade bei den genetischen Analysen
zeichnen sich sehr interessante Hinweise ab, was
zum Beispiel die Verbindung von Genexpression
und bestimmten Phänotypen betrifft“, freut sich
Blankenberg. Wir dürfen also auf seine Publikationen gespannt sein.
Ergebnisse anderer Studien
zeigen, dass erhöhter Lärm
den Blutdruck ungünstig
beeinflusst, und zwar
unabhängig davon, ob der
Lärm als störend empfunden
wird oder nicht.
Auch Prof. Dr. Thomas Münzel, Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universität Mainz
und Mitglied der Studienleitung der GHS, zeigt sich
von Blankenbergs Initiative begeistert. „Wir verzeichnen deutlich steigende Patientenzahlen und
müssen die Prävention verbessern; nach 4.500 Patienten in 2004 waren es letztes Jahr schon 7.000“,
sagt Münzel und ergänzt: „Diese Entwicklung gab
auch den Anstoß für den Aufbau der Brustschmerzambulanz, kurz CPU (Chest Pain Unit), der Uniklinik, die seit 2008 den Patienten Tag und Nacht zur
Verfügung steht. Und sie war der Hauptgrund für
die Gründung der Stiftung Mainzer Herz im ver-
Foto: Peter Pulkowski
Wissenschaft & Forschung
gangenen Dezember.“ Die Stiftung soll ausschließlich der II. Medizinischen Klinik zu Gute kommen,
dort aber ganz verschiedene Bereiche unterstützen.
Zum einen soll die Ausbildung von Studierenden der
Medizin gefördert werden, zum Beispiel durch die
Vergabe eines Auslandsstipendiums für ein Jahr an
der Emory University in Atlanta, mit der seitens der
II. Medizinischen Klinik eine enge Kooperation besteht. Außerdem werden tierexperimentelle Studien
unterstützt. Sie stellen laut Münzel generell ein essentielles Werkzeug bei der Erforschung von Krankheiten dar und sollen in diesem Fall auch Ergebnisse
der GHS nutzen. „Wenn dort beispielsweise neue
genetische Varianten als Risikofaktoren für KHK
entdeckt werden, kann dies entsprechend tierexperimentell nachverfolgt und damit der translationelle
Aspekt umgesetzt werden“, erklärt der Mediziner.
Weiterhin soll die klinische Forschung von den Stiftungsgeldern profitieren. Münzels Spezialgebiet ist
hier die Endothel-Funktion. Als Endothel bezeichnet man die Zellen der innersten Wandschicht von
Blutgefäßen, sozusagen die Innenhaut der Gefäße.
Sie kann mit speziellen Ultraschallgeräten am Arm
untersucht werden. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung stellt laut Münzel einen Schlüsselindikator für das Herzinfarktrisiko dar. Eine Studie zum
Einfluss von Fluglärm auf die Endothel-Funktion ist
geplant. Ergebnisse anderer Studien zeigen, dass
erhöhter lärm den Blutdruck ungünstig beeinflusst,
und zwar unabhängig davon, ob der lärm als störend empfunden wird oder nicht. Jetzt soll entsprechend noch der Einfluss auf die Herzfrequenz getestet werden. Schließlich will die Stiftung Projekte
unterstützen, die im Bereich der Pflege zum Beispiel
die logistik verbessern – ein ebenfalls sehr wichtiger Bereich im Hinblick auf eine optimale Patientenversorgung.
All das mit zurzeit 200.000 Euro Stiftungsvermögen? „Wir stehen ja erst am Anfang“, sagt Mün-
17
übergabe der Stiftungsurkunde durch den Präsidenten
der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier, Dr. JosefPeter Mertens (Zweiter von links) an die Verantwortlichen
(von links nach rechts): Peter E. Geipel, Prof. Dr. med.
Thomas Münzel sowie die Vertreter der Wirtschaft,
Wolfgang Hempler (Managing Direktor der Deutschen
Bank AG in Mainz) und Otto Boehringer.
zel, „gerade bauen wir einen Freundeskreis auf,
der zahlende Mitglieder (100 Euro pro Jahr) haben
wird, und natürlich gehen wir auch von weiteren
Spenden aus.“ Hier hofft man, dass sich andere Industrielle und Unternehmen anstecken lassen, zum
Beispiel von Otto Boehringer, der 100.000 Euro
spendete oder von der Mainzer Volksbank (10.000
Euro). Für Mitglieder im Freundeskreis sollen dann
pro Jahr zwei Informationsveranstaltungen stattfinden, bei denen Prof. Münzel Rede und Antwort
steht. Außerdem sind ein Newsletter sowie die Vergabe eines Stiftung Mainzer Herz-Preises geplant.
letzteres hatte bereits Dieter Haupt angeregt, auf
den auch der Name der Stiftung zurückgeht. Der
bekannte Wiesbadener Messebauer und Organisator hatte geholfen, die Stiftung ins leben zu rufen;
Ende August 2008 ist er verstorben.
Frank ERDNüSS n
Information: Wer sich für die Stiftung interessiert und/oder Mitglied im Freundeskreis werden
will, kann sich telefonisch an das Büro von Prof.
Münzel wenden (06131-17-5737) oder auch im
Internet informieren (http://www.klinik.uni-mainz.
de/2-med/startseite/stiftung-mainzer-herz.html).
Spenden werden erbeten auf folgende Konten:
Deutsche Bank Mainz,
Kto. 110999, BlZ 55070040 oder
Mainzer Volksbank eG,
Kto. 6161061, BlZ 55190000
[JOGU]
206/2008
Fotos: Frank Erdnüß
Wissenschaft & Forschung
Analysen am Fließband
An der Zentrifuge: links stehen Proben, die noch auf den Schleudergang warten, rechts erkennt man Röhrchen,
deren Inhalt bereits durch zentrifugieren in das zellfreie Blutserum (gelblicher überstand) sowie die roten und weißen
Blutkörperchen aufgeteilt wurde.
Neue vollautomatische Laborstraße in Betrieb genommen Was
passiert eigentlich mit den Tausenden
von Blut- und Urinproben, die täglich
am Universitätsklinikum in Mainz den
Patienten entnommen werden? Wie
werden sie analysiert und können
dabei Verwechslungen und Fehler ausgeschlossen werden? Das fragen sich
heute viele Patienten, vor allem wenn
die Ergebnisse schon nach sehr kurzer
Zeit vorliegen.
Zeit ist Geld, das gilt auch im Zentrallabor der Universitätsklinik. Mehr als fünf Millionen Analysen von
62.000 stationären und einigen Tausend ambulanten Patienten werden hier pro Jahr durchgeführt.
Die meisten Ergebnisse sind nach etwa 90 Minuten
ermittelt und stehen den Ärzten zur Verfügung. Ermöglicht werden diese kurzen Bearbeitungszeiten
durch eine neue vollautomatische laborstraße, die
[JOGU]
206/2008
nach etwa sechsmonatiger Aufbauzeit im Oktober
2007 ihren Betrieb aufnahm. Sie hat eine Gesamtlänge von 18 Metern und eine gewisse Ähnlichkeit
mit modernen Abfüllanlagen von Getränkeherstellern. Rund 3,7 Millionen Untersuchungen übernimmt die Anlage im Jahr. Wie Prof. Dr. Karl lackner, Direktor des Instituts für Klinische Chemie und
laboratoriumsmedizin, erklärt, ist diese Art Spitzentechnologie in deutschen laboratorien bislang
einzigartig, weltweit existieren zehn weitere solcher
Geräte. Nach gewissen Anlaufschwierigkeiten – so
dauerte die optimale Einstellung der EDV allein drei
Monate – freut sich lackner nun über die vielen
Vorteile: „Wir sind heute in der lage, jeden an der
laborstraße verfügbaren Parameter innerhalb von
24 Stunden zu bestimmen. Früher gab es aufgrund
eines sehr viel früheren Annahmeschlusses dagegen
viele Proben, die erst am nächsten Tag bearbeitet
wurden.“ Damit haben sich also die Bearbeitungszeiten deutlich verringert, was bei Notfällen wie
etwa Herzinfarktpatienten leben retten kann.
Darüber hinaus weist lackner auf die verbesserte
Standardisierung und damit präzisere Probenbearbeitung sowie auf die Entlastung des Personals
von immer wiederkehrenden Routineaufgaben
18
hin. lediglich vier bis fünf Medizinisch-Technische
Assistentinnen (MTA) – im Gegensatz zu zehn Mitarbeiterinnen vorher – sind nötig, um den Betrieb
der Anlage aufrecht zu erhalten. Das eingesparte
Personal wurde nicht entlassen, sondern wird jetzt
in anderen Gebieten eingesetzt, zum Beispiel in
der sehr arbeitsintensiven molekulargenetischen
Diagnostik. Etwa 5.000 Proben müssen in diesem
Bereich jährlich analysiert werden, nach wie vor von
Hand. Ebenso erfolgen die Erstellung des Blutbilds
sowie die Bestimmung der Blutgerinnungsfaktoren
nicht mit Hilfe der neuen Fließbandanlage. Proben
für Blutbilder dürfen nicht zentrifugiert werden und
Gerinnungsröhrchen laufen nicht über die Straße,
weil sonst Engstellen im Fluss auftreten können.
„Wir sind heute in der Lage,
jeden an der Laborstraße
verfügbaren Parameter innerhalb von 24 Stunden zu
bestimmen.“
Die Zentrifuge, sie bildet den Anfang der laborstraße, gleich nachdem die Proben von einer MTA
in die Halter eingestellt wurden und der Barcode
Wissenschaft & Forschung
abgelesen ist. Ab diesem Zeitpunkt bilden Röhrchen
und Halter eine Einheit und dürfen nicht mehr getrennt werden. über Radiofrequenzen werden die
Halter gesteuert und die Proben so entlang der
laborstraße geleitet. So wird das wiederholte und
vergleichsweise aufwendige Auslesen der Barcodes
vermieden. Die Barcodes werden bereits auf den
Stationen gedruckt und beinhalten die Information, welche Untersuchungen überhaupt gemacht
werden sollen. Ein Rohrpost-System wird in Zukunft
dann alle Stationen des Klinikums mit dem Zentrallabor verbinden, so dass die Röhrchen mit dem Blut
oder Urin innerhalb von Minuten vom Krankenbett
ins labor kommen. Momentan erledigen das noch
Boten. „Wir erhalten zurzeit ungefähr 3.000 Proben
pro Tag, darunter auch fünf Prozent von niedergelassenen Ärzten und anderen Krankenhäusern in
Mainz“, erzählt lackner und sein leitender Oberarzt,
Dr. Johannes lotz ergänzt: „Wir stehen sieben Tage
die Woche rund um die Uhr und so auch für Notfälle in der Nacht zur Verfügung. Zusammen mit der
Nuklearmedizin und der Pathologie des Klinikums
bauen wir gerade ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) auf, dass solchen externen Anfragen
noch besser gerecht werden wird.“ Vor allem die
Erstellung von Blutbildern kann dann auch mitten
in der Nacht beziehungsweise am Wochenende
erfolgen, um dem ärztlichen Notdienst schnell die
notwendigen Informationen zu liefern.
Doch zurück zu den Röhrchen: Nach dem Zentrifugieren gelangen diese zum so genannten „Decapper“. Er entfernt die Schraubdeckel, eine der
lästigsten Routineaufgaben. Danach beginnt die
eigentliche Analyse der Proben in den jeweils gewünschten Analysegeräten. Jedes der sieben Gerä-
te kann dabei auch separat ohne das Förderband
benutzt werden, ein wichtiger Aspekt zum Beispiel
bei Wartungsarbeiten. Vollautomatisch wird dort
mit Pipetten etwas vom gelblichen Blutserum entnommen, mit entsprechenden Reagenzien gemischt
und analysiert. Im Serum befinden sich außer den
Gerinnungsfaktoren alle natürlicherweise im Blut
gelösten Stoffe. Am Ende der Reise erhalten die
Röhrchen wieder einen Deckel und verschwinden in
einem riesigen Kühlschrank. Er bietet 15.000 Proben
Platz, so dass jede Probe etwa fünf Tage aufbewahrt
werden kann, zum Beispiel für eventuelle Nachuntersuchungen. „längere Aufbewahrung ist ohnehin
kaum sinnvoll, denn für die meisten diagnostischen
Tests benötigen wir frische Proben“, erläutert
lackner.
Proben am „Decapper“: Praktischerweise müssen solche Routinearbeiten
heute nicht mehr vom Personal übernommen werden.
19
Ganz ohne den Menschen geht es nicht: laborantin
bei der technischen Freigabe der Analyseergebnisse.
„Längere Aufbewahrung
ist ohnehin kaum sinnvoll,
denn für die meisten diagnostischen Tests benötigen wir
frische Proben.“
Insgesamt können mit der 1,1 Millionen Euro teuren
Anlage 144 verschiedene Parameter in Körperflüssigkeiten bestimmt werden, darunter auch Nachweise von Antikörpern wie etwa beim HIV-Test.
überwiegend werden jedoch Elektrolyte wie Natrium und Kalium, Cholesterin, Nieren- und leberwerte, Hormone, Tumormarker wie etwa der PSA-Wert
zur Prostatakrebsvorsorge sowie Entzündungsparameter bestimmt. Eine solche leistung hat ihren
Preis; auf etwa 700.000 Euro beziffern lackner und
lotz die jährlichen Reagenz- und Materialkosten,
was jedoch einer deutlichen Einsparung gegenüber
früher entspricht. Die Testergebnisse werden direkt
im laborinformationssystem gespeichert und vom
Computer dem jeweiligen Patienten zugeordnet.
Bevor die Werte jedoch für die anfordernde Stelle
freigegeben werden, erfolgt eine Plausibilitätsprüfung durch MTA’s und laborärzte, unter anderem
durch einen Abgleich mit manuell analysierten
Kontrollproben. Dabei fallen regelmäßig fehlerhafte Analyseergebnisse auf. Wie kann es dazu kommen? Irrt etwa der Computer? „Keineswegs“, sagt
lackner, „die häufigste Ursache für falsche laborergebnisse ist eine Verwechslung der Proben, das
heißt also menschliches Versagen.“ Die laborstraße
arbeitet also bislang fehlerfrei und wird vermutlich
bald auch in weiteren deutschen Kliniken eingesetzt
werden.
Frank ERDNüSS n
[JOGU]
206/2008
Wissenschaft & Forschung
Das Lachen des Mythos
Kafka’s Liebe zur literarischen Komik Kafka hatte Sinn für Humor, im
leben wie im Werk. Dieser im öffentlichen Bewusstsein oft ausgeblendeten Facette seiner Biografie ging eine Tagung zum 125. Geburtstag des Schriftstellers
an der Johannes Gutenberg-Universität auf den Grund.
Da sitzt Franz Kafka nun also in der Schreibschule,
müht sich ab am Kursus „Creative Writing“ und bekommt einfach nicht jenen „Knallersatz“ hin, den
der Dozent von ihm einfordert. Hanns Josef Ortheil
lässt in seinem Text „Warum ich mit Franz Kafka so
meine Schwierigkeiten habe...“ den Autor als literarische Figur durch eine ganze Reihe solcher Szenen
stolpern. Die feine, kleine Satire kommt als Drahtseilakt zwischen skurriler Komik, tiefer Zuneigung
zum dem Schriftsteller und seinem Werk sowie einer
kleinen Prise literaturgeschichtlicher Majestätsbeleidigung daher.
chende literaturwissenschaft gemeinsam mit Prof.
Dr. Dieter lamping am 3. Juli, dem Geburtstag des
Autors ausrichtete. Rund 80 Gäste kamen zu der
Veranstaltung in der Alten Mensa.
Den melancholischen Mythos Kafka holte der
Hildesheimer Professor für Kreatives Schreiben und
Kulturjournalismus mit diesem Text während der Tagung „Franz Kafka – Ein Klassiker?“ an der Universität Mainz von seinem Podest. Ortheil rückte Kafka
Auch Ortheil zeigte in seiner Vision diese Facette
des Franz Kafka: Da sitzt er zusammen mit dem
Freund Brod im Zug und beide notieren die Sätze
des anderen, auf der Suche nach dem literarischen
Genie. Der Bahnhof, ganz Prag, ja die Welt werden
Fotos: Peter Thomas
An der „legende vom Heiligen Franz“ – verbreitet
von Max Brod – rüttelte auch Dr. Fabian lampart,
der in Vertretung von Professor Dr. Dieter lamping
in die Tagung einführte. Stattdessen sollten wir
Kafka heute vor allem als jenen eigensinnigen, listigen, faszinierenden Erzähler sehen, der aus den
Geschichten zu uns spricht.
Dem Klassiker auf der Spur: über Franz Kafka
diskutierten (von links): Werner Frick, Martin lüdke,
Manfred Engel, Sandra Poppe und Ritchie Robertson.
so in menschliche Augenhöhe – wo dieser auch hingehört. Denn der Autor, der vor 125 Jahren in Prag
geboren wurde, ist keineswegs jener dunkle, überhöhte Schmerzensmann der literatur, als welcher er
im kollektiven Bewusstsein verankert scheint. Das
zeigte die Tagung, die Junior-Professorin Dr. Sandra
Poppe vom Institut für Allgemeine und Verglei-
[JOGU]
206/2008
zum literarischen Wartesaal, während die beiden
Autoren die Worte des Gegenübers belauern und
zwischendurch in einen Streit über die Ökonomie
des Notierens ausbrechen. Das ist fiktive literaturgeschichte, die man sich als Buddy-Film mit Walter
Matthau und Jack lemmon auf die Kinoleinwand
wünscht.
Den spielerischen Charakter Kafkas hat Ortheil
aber gar nicht erfunden. Denn der Schriftsteller war
20
tatsächlich nicht nur ein kraftvoller, mitreißender
Erzähler, sondern auch ein ausdrücklich humorvoller Mensch. Seinem „leichten, hyperbolischen
Ton“ folgte der Freiburger literaturwissenschaftler
Werner Frick in dem Vortrag „Der ‚Schwarze Kaffee’: Hommage an Kafkas ‚friendly losers’“. Von
Pointe zu Pointe führte Frick sein Publikum – einem
oft kaffeeschwarzen, aber umso lebendigeren,
schrägen Witz auf der Spur. „Das sind virtuose, völlig zu Ende ausgeführte übertreibungen“, würdigte
Frick die Konstruktionen.
Diese Fähigkeit, ja liebe zur literarischen Komik
im eigenen Werk, öffnete einen neuen Blick auf
Franz Kafka. Viel leichter zu durchdringen ist seine
Persönlichkeit deshalb aber nicht. Das unterstrich
Ritchie Robertson im Gespräch mit Sandra Poppe:
„Ein kleiner, unerklärbarer Rest Kafka wird immer
zurückbleiben“, sagte der Germanist des St. John’s
College der Universität Oxford in der Diskussion
über Kafkas Rolle als Klassiker. Dabei hat es an Versuchen nie gefehlt, sich Kafka und das Kafkaeske
anzueignen – das zeigte Robertson am Vormittag
mit seinem Vortrag „Kafka als Weltautor: Zu seiner
Aufnahme in der englischsprachigen Welt“.
Wir sollten Kafka heute vor
allem als jenen eigensinnigen,
listigen, faszinierenden Erzähler sehen, der aus den
Geschichten zu uns spricht.
In seiner phantastischen Kafka-Geschichte ließ Ortheil derweil Kafka nicht nur mit der literatur der
ganzen Welt zusammentreffen, sondern auch mit
den modernen Medien: Kafka im Motel der Familie
Bates aus „Psycho“. Kafka beim Techtelmechtel mit
Romy Schneider im Cabrio auf einer Breitbildleinwand vor der Cote d’Azur. Dann landet Franz nach
„Kafkawarten“ und „Kafkasitzen“ im Bahnhof
endlich zusammen mit Max Brod in der Eisenbahn.
Ortheil hatte sichtliches Vergnügen daran, seine Geschichte vorzutragen – Kafka füttert darin mittlerweile Brod und dessen Notizbuch ganz bewusst mit
echten Kafka-Sätzen, die der treue Chronist auch
brav aufschreibt. So entsteht der Stoff für literaturwissenschaftliche Dispute der Zukunft.
Wie aber hielt es der wirkliche Kafka mit der Zukunftsfähigkeit seiner Texte? Auf die Deutungshoheit von literatur aus der Vergangenheit für die
Gegenwart habe Kafka jedenfalls nie gesetzt, sagte
Manfred Engel. Der Professor für Deutsche literaturwissenschaft am Queen’s College der Universität
Oxford beleuchtete dieses Verhältnis in seinem Bei-
trag „Franz Kafka und der Glaube an die literatur“.
Trotzdem sei Kafka „ein Autor, der immerwährend
literatur produziert“. Damit spielte Engel auf literarische Bezugnahmen moderner Autoren auf Kafka
ebenso an wie auf Zeitungsartikel oder Texte der
Sekundärliteratur. Allgemein jedoch scheine der
Glaube an die literatur in der Gegenwart nicht
sonderlich ausgeprägt zu sein. Das liege wohl auch
am „grausamen Darwinismus der Medienvielfalt,
in dem die literatur ihre Führungsposition eingebüßt hat.“
Natürlich ist Kafka ein Klassiker. Das war Konsens
des Podiums bei der Antwort auf die Frage, die
Sandra Poppe als Titel und leitthema der Tagung
vorgegeben hatte. „Klassiker“, das meinte dabei
nicht nur die Kanonisierung von Autor und Text,
sondern auch die Rolle als Klassiker, „weil er immer
wieder lesenswert ist und neue Erkenntnisse bietet“, sagte Ritchie Robertson.
Dann landet Franz nach
„Kafkawarten“ und „Kafkasitzen“ im Bahnhof endlich
zusammen mit Max Brod in
der Eisenbahn.
Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Kafka geradezu als „Generalschlüssel der literaturwissenschaft
gedient“, sagte Martin lüdke. Das habe sich bis
heute allerdings grundlegend verändert, betonte
der literaturredakteur des Südwest-Rundfunks aus
Mainz in seinem Vortrag „Die laufrichtung hat sich
geändert. Eine Befürchtung, Kafka betreffend“: An
den literarischen Klassiker Kafka hätten sich jüngere
Autoren wie Martin Walser und Wolfgang Hildesheimer in den 1950er Jahren sehr deutlich angelehnt,
sagte lüdke – „davon haben sie sich erst später
freigeschrieben.“
Parallel zu dieser Abnabelung hat sich offenbar
auch die Rolle Kafkas in der öffentlichen Auseinandersetzung mit literatur verändert. Den übermächtigen Deutungsanspruch hätten Autor und Werk
jedenfalls verloren, fasste lüdke das „evolutionslo-
gische Pech Kafkas“ in der Rezeption des 20. Jahrhunderts zusammen. Chancen für eine produktive,
spannende Auseinandersetzung mit dem Autor sah
der SWR-Kritiker darin, das Verständnis von Kafka
als „einem, der über sich selbst lachen konnte und
auch über sich selbst lachte“ zu stärken. Im Kontext
von Zeitgenossen wie Peter Altenberg und Robert
Walser entstehe so ein neues Kafka-Bild. Dazu
müssten aber noch immer Vorurteile in der literarischen Welt abgebaut werden: lüdke erinnerte an
die Weigerung der Medien, Fotos aus der Sammlung Wagenbach zu zeigen, auf denen ein herzlich
lachender Franz Kafka abgebildet ist. Der fröhliche
Autor passte einfach nicht ins Bild vom literarischen Schmerzensmann und blieb deshalb unveröffentlicht.
Kafka „ein Autor,
der immerwährend
Literatur produziert.“
Neue Aspekte in der Kafka-Forschung erhoffte sich
Sandra Poppe auch vom intermedialen Ansatz: Das
betreffe zunächst Kafkas eigenen Kinoblick und
seine Bildbeschreibungen im Subtext. Umgekehrt
böte aber auch die Adaption von Kafka und seinem
Werk in Medien vom Film bis zum Comic reiches
Material. Das lesepublikum solle Kafka ebenfalls
unter diesem Blickwinkel wieder für sich
entdecken, machte die Organisatorin
der Tagung und Mitherausgeberin der Kafka-Ausgabe von
Artemis & Winkler in ihrem
Schlusswort Mut: Noch sei
der „Mythos vom einsamen Kafka“ zwar präsent,
aber selbst die Publikumsmedien nähmen im Jahr
seines 125. Geburtstages
die neue Sicht auf den Autor auf und trügen dazu bei,
das Stereotyp aufzulösen.
Nur Ortheils Schreibtrainer hat noch immer etwas
an dem Autor auszusetzen:
„Du bist mit Deinen Phantasien nicht bei der Sache“, rügt er
den Schüler Franz, „das ist richtig
schlimm.“ Hätte Kafka die Geschichte gehört, wahrscheinlich hätte er sich
zusammen mit Referenten und Gästen
von „Franz Kafka – Ein Klassiker?“
gut darüber amüsiert.
Peter THOMAS n
21
Wissenschaft & Forschung
Abb.: Wikimedia Commons
Initiatorin der Tagung:
Junior-Professorin Sandra Poppe
Foto: privat
Campus international
„Ein Fenster zur Welt“
60 Jahre Internationaler Sommerkurs Deutschlernende aus aller Welt können
in Mainz ihre Sprachkenntnisse verbessern – und dazu die Region kennenlernen.
Möglich macht’s der Internationale Sommerkurs der Johannes-Gutenberg-Universität.
In diesem Jahr fand der 60. statt. Darüber sprach JOGU mit Rainer Henkel-von Klaß,
seit 15 Jahren leiter der Abteilung Internationales, die den Sommerkurs organisiert.
Foto: Rüdiger Mosler
Interview
JOGU: 60 – eine stolz Zahl, oder …?
Henkel: Ja. Zu der 60 fällt mir zunächst ein: Kontinuität. Wir haben den Kurs fest verankert. Und: Die
Universität führt ihn professionell durch. Das zeigen
viele Dinge, unter anderem die Nachfrage.
JOGU: Wie fing alles an?
Henkel: Wenn man 60 Jahre zurückrechnet und an
die Nachkriegszeit denkt und sich vergegenwärtigt,
dass Mainz noch sehr vom Krieg gekennzeichnet
war, dass Deutschland nicht hoch angesehen war,
dann muss man feststellen: Dieser Kurs war damals ein erstes Fenster zur Welt. Die ausländischen
Teilnehmer konnten sich ein Bild von einem wieder
friedlichen Deutschland machen.
JOGU: Wie hat sich der Kurs entwickelt, seitdem Sie
dabei sind?
arbeiten in Kleingruppen, selbst im Sprachunterricht
sind es höchstens 15 leute.
Rainer Henkel-von Klaß
Grillfeste oder spontane Treffen. Ein internationales
Buffet, für das die Teilnehmer etwas aus ihren ländern kochen, ist Teil der Abschlussfeier des Kurses.
JOGU: Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Kurs?
Henkel: Wir versuchen unter anderem die Germanistik im Ausland zu stärken. Viele der Teilnehmer
sind Germanisten in ihren ländern. Wir bieten ihnen
nicht nur die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse
zu vertiefen, sondern sie haben darüber hinaus die
Möglichkeit, Seminare über deutsche Geschichte,
landeskunde, Politik und Wirtschaft zu belegen
und natürlich auch unser land kennenzulernen, im
Besonderen natürlich Mainz und die Region hier.
Ein weiteres Ziel ist: Wir nutzen die Kurse auch als
Schnupperstudium. Ich merke immer wieder: Nach
der Teilnahme an einem Kurs gibt es einige, die wieder kommen und dann länger bleiben, hier weiter
studieren.
JOGU: Welche kulturellen Unterschiede fallen besonders auf?
Henkel: Man merkt natürlich schon Unterschiede. Zum einen merken das die lehrer, die sich auf
Schüler einstellen müssen, die an sehr unterschiedliche lehr- und lernmethoden gewöhnt sind. Zum
anderen passieren manche Dinge jedes Jahr wieder
– und die haben auch etwas mit unterschiedlichen
Normen zu tun. Bei den Japanern passiert zum
Beispiel regelmäßig Folgendes: Sie bekommen am
Anreisetag ihre Schlüssel fürs Wohnheim und gehen dann auf ihre Zimmer. (schmunzelt) Nur: Wenn
zufällig keiner von uns dabei ist, kommen sie oft
wieder zurück und sagen, mit den Türen würde etwas nicht stimmen.
JOGU: Wer kann sich alles anmelden?
JOGU: Und warum?
Henkel: Die Kurse sind größer geworden, vor allem
in den vergangenen Jahren. Die meisten Teilnehmer
kommen aus Asien, aus Japan und China. Aber auch
die Osteuropäer sind zahlreich vertreten. Das hängt
sicher mit globalen Entwicklungen zusammen. Generell kann man sagen: Ins Ausland zu gehen ist
selbstverständlicher geworden als früher – nicht nur
aus Deutschland ins Ausland, sondern auch vom
Ausland nach Deutschland.
Henkel:Theoretisch kann sich jeder anmelden. Das
Mindestalter ist 18. Es müssen also nicht nur Studierende sein. Der Kurs ist offen. Der älteste Teilnehmer war zum Beispiel um die 80. Klar, dass er
kein Student mehr war. Wir haben auch oft Deutschlehrerrinnen oder -lehrer aus dem Ausland hier, die
sich bei uns sprachlich und kulturell auf den neuesten Stand bringen möchten.
JOGU: Wodurch zeichnet sich der Kurs aus?
JOGU: Wie sieht das Rahmenprogramm aus?
Henkel: Der Kurs zeichnet sich durch spezifische
Merkmale aus. Ein Merkmal ist das differenzierte
lehrangebot. Zweitens: eine sehr gute Betreuung
der Teilnehmer; auch außerhalb des Klassenzimmers. Hinzu kommt die Professionalität der lehrer
– unsere Sprachlehrer besitzen alle eine Deutschals-Fremdsprache-Ausbildung. Und schließlich: Wir
Henkel: Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, eine
Rheinfahrt zu unternehmen. Oder einen Ausflug
nach Trier. Auch Städte hier im nähren Umkreis wie
Bad Kreuznach oder Frankfurt stehen auf der Tagesordnung. Außerdem besuchen wir Unternehmen in
der Region. Auch beim ZDF schauen wir rein. Dazu
gibt es Stammtische, Stadtführungen, Sportgruppen,
Henkel: (lacht) In Japan schließen die Schlösser
genau anders herum: nach links zu und nach rechts
auf …
Das Gespräch führte Dimitri TAUBE n
Information: Der 61. Internationale Sommerkurs
findet statt vom 5. bis 29. August 2009. Unterricht, Unterkunft, Monatsticket und Versicherung
kosten rund 850 Euro. Die Teilnehmer wohnen in
den Wohnheimen des Studierenden-Werkes und
haben die Möglichkeit, in der Mensa zu essen. Nach
dem Kurs können sie noch für zwei Wochen in eine
deutsche Familie gehen. Darüber hinaus gibt es seit
2004 auch einen Internationalen Herbstkurs. Der
6. Herbstkurs findet statt vom 2. bis 26. September 2009. Weitere Informationen im Internet unter
www.uni-mainz.de/ferienkurs.
Campus international
Studierende im Rockhimmel
Band auf Augenhöhe mit Szene-Größen Umwerfend, phänomenal, überwältigend: Drei Studenten der JohannesGutenberg-Universität haben in diesem Jahr Erfahrungen gemacht, die sie nie wieder vergessen werden. Mit ihrer Rockband „Mr. Virgin And His love Army“ spielten sie auf großen Musikfestivals wie Rock am Ring und durften sich wie echte
Rockstars fühlen. Angefangen hatte alles im Frühjahr – mit einer Abstimmung im Internet.
Nicht so hier, denn hier sind
sie bei Rock am Ring, einem
der populärsten Rockfestivals der Republik. Für die
Gruppe ist es das erste Mal. Es ist gigantisch, sie
genießt die Stunden. Ebenso ihre Begegnungen mit
Star-Musikern hinter der Bühne; es sind lockere Begegnungen, auf Augenhöhe.
Die Band heist „Mr. Virgin And His love Army“.
Die Musiker stammen aus verschiedenen Ecken der
Erde: Sänger Christopher W. Brando kommt aus den
USA, Schlagzeuger Andi Atomic aus Deutschland,
und Waldimir Waldewic, der Mann am Keyboard
und am „Russian Percussion“, stammt aus Russland. Das Trio studiert an der Johannes-GutenbergUniversität.
Die beiden anderen Bandmitglieder sind Gitarrist
Nils Gunnarsson aus Schweden und Bassist Mörice Copper aus Kanada. Der Standort der Band ist
Worms, dort befindet sich auch der Proberaum. Kennengelernt haben sich die Musiker beim Bowling in
Schweden, seitdem bezeichnen sie ihren Rock-Stil
als „Rock’n’Bowl“.
Bei Rock am Ring durften sie im Sommer spielen,
weil sie sich zuvor in einem Wettbewerb gegen andere durchgesetzt hatten. Das war im Frühjahr; da
fing das Superjahr der Band an. Von 1.200 Bands,
die sich für den Wettbewerb anmeldeten, wählte
eine Jury 50 aus. Diese 50 stellten sich einer Abstimmung im Internet. Am Ende durften die 20 be-
Foto: privat
Alles ist größer als sonst, alles
professioneller. Die fünf jungen
Musiker staunen, sind beeindruckt und begeistert – vom
Zelt, von der Bühne, vom Sound,
einfach vom gesamten Ablauf.
„Wow“, denken sie sich. Für
sie ist das fast eine neue Welt.
Denn normalerweise spielen sie
in Clubs mit einem eher mittelmäßigen Sound, in Städten wie
Bad Dürkheim oder Bensheim.
„Mr. Virgin And His love Army“
auf Festivaltour
chen zu können – und dann
auch noch hinter den Kulissen
auf Szene-Größen wie Danko
Jones oder „The Hives“ zu treffen. Aber auch einige leute aus
dem Business kennenzulernen
und vielversprechende Kontakte
zu knüpfen.
sten am Nürburgring auftreten – darunter „Mr. Virgin And His love Army“.
Bei Rock am Ring stand jede Gruppe zwölfeinhalb
Minuten auf der Bühne. Wichtigstes Kriterium: Welchen Eindruck machen die Bands live? Eine Jury
bestimmte danach die Top Ten – und auch da war
die Band mit den Mainzer Studenten wieder dabei.
Für die zehn Gewinner-Formationen hieß es: drei
zusätzliche Auftritte bei Hurricane, Highfield und
Area Four.
Am Tag der deutschen Einheit
am 3. Oktober standen sie in
Berlin am Brandenburger Tor
erneut auf der großen Bühne –
der Höhepunkt des Jahres.
Eine normale Band bekommt in der Regel keine
Chance, einfach mal so auf diesen Festivals aufzutreten. Doch für das Quintett ging es sogar noch
weiter: Die Band überzeugte so sehr, dass sie es
unter die besten Drei des Wettbewerbs schaffte. Der
lohn: Am Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober
standen sie in Berlin am Brandenburger Tor erneut
auf der großen Bühne – der Höhepunkt des Jahres.
Für „Mr. Virgin And His love Army“ war es eine
wunderbare Erfahrung, auf Festivaltour zu gehen
und Musik vor mehreren hundert Zuschauern ma-
23
Auf diese Weise ist aus der
„love Army“ in der Zwischenzeit durchaus mehr
geworden als eine „normale“ Studenten-Band, die
nur so ein bisschen hobbymäßig und ganz nebenbei
Musik macht. Andi Atomic spricht von „prägenden
Erfahrungen“ und sagt: „Es war klasse, auch mal
einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen zu werfen – phänomenal, so eine Möglichkeit bekommt
man nicht oft.“
Die Band habe die Zeit sehr genossen und sei sich
einig: „Wir wollen das noch einmal erleben, und
darauf arbeiten wir hin.“ Innerhalb der Band habe
sich vieles getan, und diesen Schwung wolle man
jetzt nutzen, um professioneller zu werden. Ihre
Motivation sei durch die Tour um hundert Prozent
gestiegen. Andi Atomic: „Wir haben gesehen, dass
wir mit unserer Art und unserer Musik ankommen,
und jetzt wollen wir daran anknüpfen und uns weiterentwickeln.“
Komplett umkrempeln mussten die Fünf ihr leben
nicht, es sind eher Kleinigkeiten, die sich verändert
haben. Kleinigkeiten, die das Dasein als Band vereinfachen. Wenn sie künftig zum Beispiel zu einer
Single ein Video drehen möchten, wissen sie jetzt,
an wen sie sich am besten wenden sollen. Und ihre
Erinnerungen kann den Jungmusikern sowieso keiner mehr nehmen. Wer weiß, vielleicht erzählen sie
ja mal ihren Enkelkindern von diesem ereignisreichen Jahr 2008.
Dimitri TAUBE n
[JOGU]
206/2008
Kultur auf dem Campus
Interview
„Ich bin kein Monsterjäger“
Foto: Peter Thomas
Legende vom Werwolf Der Kulturwissenschaftler Matthias Burgard hat
die Sage vom „Morbach Monster“
untersucht. Außergewöhnlich an der
im Hunsrück spielenden Werwolf-legende ist, dass sie keinen historischen
lokalen Ursprung hat, sondern zuerst
von US-amerikanischen Soldaten im
20.Jahrhundert erzählt wurde. Matthias Burgard ist der legende ganz
genau auf den Grund gegangen. Im
Gespräch mit der JOGU erzählte der
26 Jahre alte Doktorand der Kulturanthropologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz von Werwölfen, Feldforschung im Hunsrück und
im Internet sowie einem neuen Bild
der eigenen Heimat.
Vorgestellt: Matthias Burgard referierte über sein Forschungsprojekt anlässlich der Exkursion
der Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz in das Theodor-Zink-Museum Kaiserslautern.
JOGU: Wann haben Sie eigentlich selbst zum ersten
Mal von der Sage des „Morbach Monster“ gehört,
Herr Burgard?
über das Monster und prompt erscheint am selben
Abend eine riesige, hundeartige Gestalt am Grenzzaun zum Munitionsdepot in Morbach.
Burgard: Den Anstoß für das Forschungsprojekt
gab ein Gespräch mit meinem Bruder an Halloween
2006 über Gruselgeschichten aus der Region. Da
hörte ich von Werwolfssagen aus der Region und
machte mich auf die Suche nach Belegen. So habe
ich auf der Internetseite des amerikanischen Forschers D.l. Ashliman die Sage vom „Morbach Monster“ gefunden.
JOGU: Sie kannten diese Sage vorher nicht?
JOGU: Können Sie kurz zusammenfassen, worum
es in der Sage geht?
JOGU: Ihre Arbeit ist ein Stück klassisch-volkskundlicher Feldforschung, die Spurensuche im Wald haben Sie dabei ausgelassen?
Burgard: Es handelt sich um eine Werwolfsage,
nach der in Wittlich in historischer Zeit der letzte
deutsche Werwolf getötet wurde. Seitdem brennt
eine ewige Kerze in einem Schrein, bei deren Erlöschen der Werwolf wieder erscheint. In der Sage
entdecken amerikanische Soldaten auf dem Weg
zum Stützpunkt die erloschene Kerze, scherzen
[JOGU]
206/2008
Burgard: Nein, obwohl ich aus der Region stamme,
war die Sage für mich neu. Das hat mein Interesse besonders geweckt. Und als ich ein Thema für
meine Magisterarbeit suchte, hat mich der Gedanke
immer mehr begeistert, die Sage vom „Morbach
Monster“ zu erforschen.
Burgard: Ja – ich bin schließlich kein Monsterjäger.
Die Feldforschung stand zunächst im Mittelpunkt,
wobei ich neben der persönlichen Befragung auch
stark auf das Internet als Kontaktmedium setzen
musste. Denn es zeigte sich schnell, dass diese Sage
in den betroffenen Gemeinden Morbach und Witt-
24
lich bei der Bevölkerung überhaupt nicht bekannt
ist. über Web-Foren und von Bekannten vermittelte
Kontakte gelang es mir dann aber, amerikanische
Soldaten zu befragen. Und während bei 27 Befragungen in Morbach sowie 35 Gesprächen in Wittlich kein einziger Interviewpartner die Sage kannte,
kannten sechs von 24 amerikanischen Soldaten das
„Morbach Monster“.
JOGU: Hatten Sie dieses Ergebnis erwartet?
Burgard: Es bestätigte jedenfalls meine Hypothese,
dass es sich hier um eine amerikanische Soldatensage handelt. In meiner Arbeit, die jetzt als Monografie erscheint, habe ich die Sage deshalb in der
klassischen Soldatenfolklore und der Zeitgeschichte
des 20. Jahrhunderts verortet.
JOGU: Wie spielen der Werwolfglaube, Soldatensagen und diese Zeit denn zusammen?
Burgard: Es gibt zum Beispiel die paramilitärischen
deutschen „Werwolf“-Gruppen, die zum Ende des
Kultur auf dem Campus
Zweiten Weltkrieges die amerikanischen Truppen
aus der Bevölkerung oder aus dem Hinterhalt im
Wald heraus angreifen sollten. Strategisch hatte
das kaum eine Bedeutung, aber die psychische Belastung für die Soldaten durch diese diffuse Gefahr
war umso größer. Ich gehe davon aus, dass dieses
Motiv sich auch in der Sage des Morbach Monster
wiederfindet. Ansonsten treffen wir hier auf die
klassischen Elemente von Soldatenfolklore: Die
Sage stärkt die Identität der Gruppe und warnt vor
der gefährlichen Fremde im Auslandseinsatz. Die
lust am Gruseln, die Fokussierung diffuser Angst
und die Möglichkeit zur Kompensation der komplexen lebenswirklichkeit charakterisieren allgemein
das Genre der Schauersagen.
JOGU: Haben Sie sich bei ihrer Arbeit eigentlich an
Vorbildern aus der Volkskunde orientiert?
Burgard: Oh ja. Wichtige Anregungen hat mir
auf jeden Fall der mittlerweile verstorbene Erzählforscher lutz Röhrich gegeben. Röhrich war der
erste Professor für Volkskunde in Mainz. Auch von
Matthias Zender und seinen Aufzeichnungen aus
der Eifel habe ich mich inspirieren lassen.
JOGU: Verfolgen Sie das Thema Sagenforschung
nun weiter?
Burgard: Ich werde im Wintersemester das Proseminar „Moderne Sagen“ anbieten und möchte da-
bei mit den Studierenden wenn möglich moderne
regionale Sagen sammeln. Meine Dissertation beschäftigt sich aber mit einem ganz anderen Thema:
Dem Heimwehtourismus russlanddeutscher Spätaussiedler.
Das Gespräch führte Peter THOMAS n
Information: Burgards Monografie „Das Monster von Morbach“ erscheint im Winter 2008 im
Waxmann Verlag als Band in der Reihe „Mainzer
Beiträge zur Kulturanthropologie / Volkskunde“ der
Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
JOGU: Glauben Sie denn selbst an den Werwolf?
Burgard: Nein. Aber beim Spaziergang im Hunsrücker Wald stellte ich doch fest, dass sich mit dem
Hintergedanken an die Sage mein eigenes, unterbewusstes Bild dieses Ortes ein wenig zur amerikanischen Perspektive hin verändert hat. Das individuelle kulturelle Bild einer landschaft kann sich eben
durch Einflüsse wie Sagen ändern – das erlebt man
am eigenen leib.
Die Sage vom Morbach Monster
Hast Du je vom Morbach Monster gehört?
Ich habe die Sage kennen gelernt, als ich auf der luftwaffenbasis Hahn in Deutschland stationiert war. In Morbach war das Munitionsdepot untergebracht, etwas außerhalb der Kleinstadt
Wittlich.
JOGU: Hat Ihre Arbeit die Einwohner von Wittlich
und Morbach eigentlich stärker auf die Sage aufmerksam gemacht?
Wittlich gilt übrigens als letzte Stadt, in der ein Werwolf getötet wurde. Es gibt da einen Schrein
etwas außerhalb der Stadt, in dem immer eine Kerze brennt. Nach der legende wird der Werwolf
zurückkehren, wenn die Kerze jemals erlischt.
Burgard: Bisher haben ein oder zwei Morbacher
schon großes Interesse gezeigt, und die Medien
werden gerade neugierig auf die Geschichte. Dabei
gibt es schon länger Verbindungen zwischen der
Sage und dem leben in der Region, die aber nicht
kollektiv bewusst gewesen sind. So heißt zum Beispiel das lokale American Football-Team „Morbach
Monsters“, und das logo der Mannschaft zeigt
auch einen Werwolf mit blitzenden Augen und
leuchtendem Fang. Der Name stammt vom
Coach der Footballer, der als FantasyFan die Sage kannte, aber selbst
nicht aus Morbach stammt.
Eines Abends war eine Gruppe von Sicherheitspolizisten auf dem Weg zu ihrem Posten in Morbach, als sie entdeckten, dass die Kerze im Altar erloschen war. Alle machten daraufhin Scherze
über das angebliche Monster.
Später in derselben Nacht lösten Sensoren am Grenzzaun Alarm aus. Als die Sicherheitsleute
dem Alarm nachgingen, sah einer von ihnen eine große, „hundeartige“ Gestalt, die sich auf ihre
Hinterläufe stellte, ihn ansah und über den drei Meter hohen Maschendrahtzaun sprang. Ein Wachhund des Militärs wurde an die Stelle geführt, an der die Kreatur zum letzten Mal gesehen wurde, aber der
Hund wurde panisch und weigerte sich, die Spur zu verfolgen.
Das geschah um das Jahr 1988.
(übersetzung der englischen Fassung,
die D. l. Ashliman 1997 per E-Mail
zugetragen wurde.)
logo des lokalen American FootballTeams „Morbach Monsters
25
[JOGU]
206/2008
Kultur auf dem Campus
Fotos: privat
Alice im Wissenschaftsland
Stefanie Ohler präsentierte eine ironisch-kritische Installation
Mit einer ungewöhnlichen Examensausstellung machte Stefanie Ohler auf
sich aufmerksam. Die Absolventin der Mainzer Akademie der Bildenden
Künste verwandelte einen Raum der „Alten Chemie“ in ein Panoptikum
ironisch interpretierter Wissenschaftsgeschichte. Mit medialem Geschick und
unter Verwendung literarischer und kunsttheoretischer Zitate konnte Ohler
mit einer spielerisch-installativen Arbeit von hoher Komplexität überzeugen.
Künstlerin Ohler im look
der „Golden Twenties”
Auf der Tapete mit wogenden Barockrosen treibt
das Frauenporträt, gold gerahmt im goldenen
Blumenmeer. Verfremdung kraft historischer Pose:
Im look der „Golden Twenties“ posiert die frisch
gebackene Absolventin der Mainzer Akademie.
Stefanie Ohler hält Kafkas Käfer auf dem Schoß,
so scheint es, doch eigentlich handelt es sich um
ein papierenes Artefakt aus eigener Produktion, um
ein embryogroßes Collembola, ein eigentlich millimetergroßes Insekt also. Das Gruppenbild mit moderner Madonna fungierte als Einladungskarte zur
Examensausstellung. Verlockungen in den Heiligen
Hallen der Wissenschaft: Stefanie Ohler präsentierte
ihre ironisch-kritische Installation im Raum 00247
der inzwischen kaum noch genutzten, weil dem Abriss geweihten „Alten Chemie“, Jakob-Welder-Weg
15. Und kommentierte: „Dass es soviel geballte Atmosphäre überhaupt noch gibt, ein Haus von solch’
abseitigem Charme.“
Recht hat sie. Wer durch die Glastür geht, passiert
die Epochengrenze. Eigentlich fehlt nur ein Plakat
mit der Aufschrift „Welcome in Pleasantville“. Eintauchen in die Fifties. Was für ein Mobiliar! Dezent
lackierte Einbauschränke im seinerzeit eleganten
Eierschal-Ton. Rokokohaft fragil die Treppenspindel
unterm lichtschacht. Klackern da nicht Stöckelschuhe, schwingen da nicht Petticoats? Kommt
nicht eben jetzt ein Gutteil einer vergangenen Studierendengeneration aus der Vorlesung, sich untereinander siezend und in Edel-Klamotten, opernhaft
und opernfein?
[JOGU]
206/2008
Besser keine Begegnungen der dritten Art! Zumal
hinter der linkerhand sich öffnenden Eisentür die
Zone der Warnschilder und der Sicherheit beginnt. Dass der laser in Betrieb ist, wenn die lampe
leuchtet, gilt für Raum 00247 allerdings schon lange nicht mehr. Dass das Kunst-Werk arbeitete, wenn
die Tür zum goldenen labyrinth sich öffnete, war in
diesem Herbst allerdings umso wahrscheinlicher.
„Dass es soviel geballte Atmosphäre überhaupt noch gibt,
ein Haus von solch’ abseitigem
Charme.“
Von April bis September war Stefanie Ohler aktiv:
Sie zog in den schwarzen, von wissenschaftlichem
Gerät bereits befreiten Raum Wände ein. Eine Miniaturwohnung im Stile der – genau: Fünfziger –
konnte entstehen, mit antiquierten Seidentapeten
im Goldton, mit Frottee-Sesseln und Tütenlampen
im Stern-Dekor. Dank der Fundquellen „Großmutters Dachboden“, „Flohmarkt“, „Ebay“ und dank
der Trouvaillen von Freunden.
Eintreten in ein mit Merkwürdigkeiten angefülltes
Wohngewebe. Konfrontiert sofort mit einer denkwürdigen Ahnengalerie – hatte die Künstlerin doch
das Wort von der Adlernase greifvogelhaft-wörtlich
genommen. Und so schaute mit komischer Würde unser Vorfahr, der Kondor, auf uns herab. Wir
flüchteten uns in die Nahsicht und griffen zur ausliegenden lupe – um eine mit feenartigen Flügeln
26
ausgestattete Spinne zu bestaunen. Wir schüttelten
eine im Wohnzimmerregal lauernde Wasserkugel, so dass hunderte von Bienenflügeln ihren
schimmernden Schwebetanz vollführen konnten.
Wie wundersam-irritierend das alles! Und weiter
im Wohntext. Fernsehgucken gefällig? Wie wär’s
mit einer Fledermaus, hin- und herirrend im allzu
engen Käfig – eine schmerzhaft berührende Choreographie der Orientierungslosigkeit, stilecht in
antikem Schwarzweiß auf einen Screen der Fifties
gebannt, der Film wenige Meter weiter dann als
auf Zelluloid, pardon, DVD gebrannte Performance
wiederholt, mit der Erfinderin der Wohnwelt 00247
in der Hauptrolle. Nach dem Medienerlebnis jetzt
doch Hunger? Im Esszimmer war der Tisch gedeckt,
mit leise murmelnden Käfermumien. Sie schienen
zum Blick ins Archiv aufzufordern – dort fanden
sich verkleinernd fotografierte Menschenhände,
aufgespießt, Schmetterlingspräparaten gleich. Das
nächste Zimmer: In der grünen Kammer rotierte ein
Mobilee mit nur einem Ausstattungs-Gegenstand:
einem ausgestopften Vogel, der, in Rückenlage
aufgebahrt, die Flügel über der Brust gekreuzt, in
unfreiem Fluge seine Endloskreise zog.
Im Esszimmer war der Tisch
gedeckt, mit leise murmelnden
Käfermumien.
Was für ein Panoptikum! Die Verunsicherung des
Besuchers, die sich auch in dem Gefühl Bahn brach,
sich einer Mischwelt aus Kafkas Novellen, Alice im
Wissenschaftsland, Hitchcocks Vögeln und dem
wahnsinnigen Traum eines übermächtigen Big Brother zu befinden, war gewollt.
Wissenschaft & Forschung
Stefanie Ohler – welche ihre Kunstwelt übrigens aus
bereits vorhandenen Präparaten zusammensetzte –
wendet sich nicht gegen diese Deutung, reklamiert
für ihre Arbeit jedoch inhaltliche Offenheit. Dem widerspricht nicht, dass sie im Katalog wiederholt Ilja
Kabakov zu Wort kommen lässt.
Allerdings enthält der Katalog Ohlers durchaus literarische Kommentare. Diese bestehen aus Zitaten,
welche der die Examenszeit prägenden Lektüre entnommen sind. Viele Auszüge entstammen Winfried
Georg Sebalds (1944-2001) essayistischer Fiktion
„Ringe des Saturn“. Beim Text des vor dem verdrängenden Schweigen der deutschen Nachkriegsgesellschaft nach England emigrierten Germanisten
handelt es sich um einen fiktiven Reisebericht, welcher nicht nur Länder und Bildwerke, sondern auch
Lebende und Tote in ein oszillierend-dialogisches
Verhältnis setzt. Dazu passen die Katalog-Passagen,
die von „Schrödingers Katze“ und damit von dem
quantenphysikalischen Problem an und für sich
handeln, von dem nicht auszuschaltenden Einfluss
der Beobachtung nämlich auf den Ablauf des experimentalen Geschehens.
Allerdings enthält der Katalog
Ohlers durchaus literarische
Kommentare. Diese bestehen
aus Zitaten, welche der die
Examenszeit prägenden
Lektüre entnommen sind.
Stefanie Ohler geht es um eine die Wahrnehmung
des Besuchers einbeziehende Polyperspektive, um
die subjektive Beobachtungsfähigkeit des Betrachters, welche der Wirklichkeit jene Komplexität zuerkennt, welche die Realität des Seins ja tatsächlich
besitzt.
Kabakov, Jahrgang 1933, gehörte bekanntlich zu
den sowjetischen Dissidenten. Zu jenen Künstlern
des Untergrundes also, die mit ihren Arbeiten die
Sowjetideologie ad absurdum führten. Bis heute
bauen Ilja Kabakov und seine Frau Emilia, als mittlerweile in New York lebendes Team zu weltweitem
Starruhm gekommen, historisch konnotierte Erlebnisräume nach. Im Wiesbadener Museum symbolisiert ein roter Eisenbahnwaggon Aufstieg und Fall
der Sowjetunion. In Essen planten die Kabakovs
für das Zechengelände die Errichtung einer „Utopischen Stadt“, deren Theater Dante, Wagner und
Tschaikowsky gewidmet sein sollten. 1998 realisierte das Künstlerpaar das Bremerhavener Auswandererdenkmal „The last Step“ – jenen einem
historischen Auswandererheim nachempfundenen
Kubus, der das Fühlen der Menschen zu beherbergen, ja gar zu bergen scheint, die im 19. Jahrhundert ihre Heimat verließen.
Zur Beglaubigung eben jener Individualität druckt
die junge Künstlerin Tagebuchpassagen ab, mischt
Texte eigenen Erlebens unter das sich lesend Angeeignete.
Wer etwa, so konnte man sich fragen, würde ein
solches Labyrinth bewohnen (wollen)? Ein uns
selbst zeitweise gar nicht so unähnlicher Wissenschaftler, welcher mehr Wagner als Faust, mehr Archivar denn inspirierter Forscher ist oder war? Dessen Hingabe an das Insekt(ische) in die Nähe der
Psychose rückt(e) – und der den Traum der Freiheit
dennoch träumt(e) – wenn phantastisch-künstliche
Objekte wie das einer geflügelten Spinne denn von
der Macht und Kraft der Utopie künden können?
Die Kabakovsche Auffassung des Themas Installation scheint mit der Arbeit Stefanie Ohlers zu
korrespondieren. Anders als Kabakov jedoch stellt
Stefanie Ohler ihrer Arbeit keinen eindeutigen Begleittext zur Seite. Keine historische Erklärung und
keine (ebenfalls Kabakov-typische) fiktive BegleitBiografie, welche das Kunstwerk dezidiert als Lebensraum einer literarischen Figur ausweist.
Rückweg in den Out-Door-Bereich. Vorbei an
Schrankfächern, deren Beschriftungen Ionenaustauscher, Ofenbauteile, Selbstklebende
Alufolien, Luftfilter und, nicht gerade präzise, „Chemikalien“ auflisten,
vorbei auch an den Anzeigen am
Schwarzen Brett. „Let Life Sciences
meet you“ stand da zu lesen. Und
man war nach dem Besuch dieser
Ausstellung versucht, den Rotstift zur
Hand zu nehmen und das Wort „Sciences“ durchzustreichen. Auf dass
das Persönliche sich wehre gegen
einen antiquierten Wissenschaftsbegriff, der alle Phänomene der Lebendigkeit als etwas zu Kategorisierendes begreift.
Ulrike Brandenburg n
27
Foto: Peter Thomas
Kultur auf dem Campus
400 Jahre
Zeitungsgeschichte
Auswahl bildet den deutschen
Journalismus ab Vier Jahrhunderte Zeitung: Diesem Thema widmet
sich die neue Ausstellung im Journalistischen Seminar der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz. Die
31 Titelseiten historischer Zeitungen
aus der Zeit seit 1609 stammen aus
dem Deutschen Zeitungsmuseum der
Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.
Manchmal sind alte Schlagzeilen richtig gute Nachrichten. Das gilt zumindest im Treppenhaus des
Journalistischen Seminars der Johannes GutenbergUniversität Mainz, wo seit Juni eine Auswahl historischer Titelseiten aus der Sammlung des Deutschen
Zeitungsmuseums in Wadgassen gezeigt wird. Das
Motto „400 Jahre Presse“ macht deutlich, dass
auch in der Zeit digitaler Informationsströme die
Zukunft des Journalismus auf einem soliden historischen Fundament der bewusst gemachten Herkunft ruht.
Frisch geweißter Putz als Hintergrund, eine lockere
Hängung mit ansprechender Beschriftung – insgesamt 31 Exponate sind auf diese Weise entlang der
Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock an den
Wänden der Domus Universitatis zu sehen. Allerdings hat Dr. Roger Münch, Direktor des Zeitungsmuseums, keine Originale nach Mainz geschickt.
Vielmehr zeigt die Ausstellung Reproduktionen,
die mit moderner Technik – zumeist Kaltlichtscans
– hergestellt worden sind. In der museumseigenen
Werkstatt sind diese Scans als detailgetreue Reproduktionen gedruckt und auf Karton aufgezogen
worden.
Bewusst hat Münch, der in den 1990er Jahren Buchwissenschaft in Mainz lehrte und das Zeitungsmuseum von 1997 an aufbaute, die Formate der Vorlagen
nicht verändert. Deshalb erscheinen dem heutigen
[JOGU]
206/2008
Einmalige Chance: Die Auswahl bildet den deutschen Journalismus ab
Betrachter vor allem die frühen Nachrichtenblätter
seltsam klein, während wenige Meter weiter die
Seiten zeitgenössischer Qualitätszeitungen im nordischen Format hängen. „Alles andere hätte Charakter und Tonwerte der Originale aber nicht korrekt
wiedergegeben“, betonte der Museumsdirektor bei
der Eröffnung der Ausstellung.
Schon wer die Chronologie der Zeitungsgeschichte
von hinten aufrollt und die erste Titelseite der FAZ
aus dem Winter 1949 mit dem heutigen Auftritt des
Blattes vergleicht, kann die Umbrüche erahnen, die
das Medium Zeitung in diesen knapp 60 Jahren erlebt hat. Umso größer fällt der Sprung natürlich von
heute zu den Pionieren des Mediums wie der weltweit ersten Zeitung, der Straßburger „Relation“,
aus. Dieses erstmals 1605 gedruckte Blatt ist in der
Mainzer Schau mit einer Seite von 1609 vertreten.
„Der Rückblick auf 400 Jahre
Zeitung zeige auch, dass Journalisten ein gutes Stück gesellschaftliche Verantwortung
übernehmen müssen.“
Wirtschaftsnachrichten und Glamour, Politik und
Satire, politischer Widerstand und rassistische
Hetze: Die Bandbreite der Ausrichtungen, Inhalte
und Formen zeigt die Zeitung als ein Medium mit
vielen – auch dunklen – Facetten. „Diese Auswahl
bildet den deutschen Journalismus ab, sie demonstriert den Mut von Autoren ebenso wie Verbrechen“,
sagte denn auch Professor Dr. Karl Nikolaus Renner
zur Eröffnung der Schau.
Die Ausstellung sei durch die großzügige Kooperation des Deutschen Zeitungsmuseums eine „einma-
28
lige Chance“ für das Journalistische Institut, betonte
Renner, der die Professur für Fernsehjournalismus
innehat. Denn der Rückblick auf 400 Jahre Zeitung
sei nicht nur ein historisches Dokument, sondern
zeige auch jedem Studierenden am Seminar, dass
Journalisten ein gutes Stück gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen: Also genau nicht
so wie in der 1847 erschienenen Karikatur der „Guten Presse“, wo die Redakteure am Gängelband der
maulwurfsblinden Regierung und ihrer Zensoren
einher trotten.
Das Drucken im Bleisatz lernt zwar heute niemand
mehr in der Domus Universitatis. Dafür spielt der
handwerkliche Aspekt des Zeitungmachens am
Computer im Studium eine wichtige Rolle. Grund
genug, sich in der Ausstellung durch historische
Illustrationen auch dem Aspekt der Produktion zuzuwenden. Und Mainz als Heimatstadt Gutenbergs
lädt ja sowieso dazu ein, den Fokus der Mediengeschichte auf die Bedingungen und Techniken der
Herstellung zu richten.
So berichtet die Ausstellung eben nicht nur von 400
Jahren Zeitungen, Flugblättern und Generalanzeigern, von konservativer Tagespresse und der Geburt des modernen Boulevardblatts in Deutschland,
sondern betrachtet auch die Technikgeschichte der
Zeitung. Von der Setzerei des 17. Jahrhunderts über
die Einführung der Rotationsdruckmaschine bis zur
linotype-Zeilensetzmaschine und dem Andruck der
ersten „Bild“-Ausgabe am 24. Juni 1952 reichen
diese Beispiele. So erzählen die Darstellungen nicht
nur vom technischen Fortschritt, sondern auch von
der zunehmenden Beschleunigung eines im 17.
Jahrhundert geborenen Mediums.
Peter THOMAS n
www.uni-mainz.de
JOGU: Die gegenwärtigen wettbewerbsrechtlichen
Rahmensetzungen scheinen kaum geeignet, um
den Konzentrationstendenzen auf Märkten für digitale Netzwerkgüter, wie dem Softwaremarkt, zu
begegnen. Sie zeigen das in Ihrer Dissertation am
Beispiel von Microsoft auf.
Sohns: Ja, der fast neunjährige Rechtsstreit zwischen der Europäischen Kommission und Microsoft,
der erst im September 2007 beendet wurde, zeigt
erneut, dass die Wettbewerbsbehörden der westlichen Industrieländer den spezifischen Wettbewerbsproblemen der New Economy nahezu ohnmächtig gegenüber stehen. Insbesondere die lange
Dauer, bis die wettbewerbspolitischen Instrumente
– wie die Missbrauchsaufsicht – greifen, birgt erhebliche Gefahren für den Wettbewerb auf schnelllebigen Märkten wie dem Softwaremarkt.
stellung einer hinreichenden Kompatibilität mit den
Windows Betriebssystemen erforderlich sind. Zum
anderen wurde Microsoft die seit einiger Zeit praktizierte Kopplung des Microsoft Media Players mit
dem Betriebssystem Windows untersagt.
Im September 2007 bestätigte das Europäische
Gericht erster Instanz (EuG) nach fast dreieinhalb
Jahren die Entscheidung der EU-Kommission ganz
überwiegend in den drei Punkten, die von Microsoft
angefochten wurden. Von besonderer Bedeutung ist
dabei die Auflage zur Offenlegung der detaillierten
Schnittstellenspezifikationen und somit zur Sicherstellung einer Interoperabilität. Auch die verhängte
Geldbuße blieb in ihrer Höhe unangetastet. Microsoft kündigte noch im September 2007 an, nicht in
Interview
Wie begegnet man den Konzentrationstendenzen auf dem Softwaremarkt Für ihre beeindruckende Dissertation „Monopolisierungstendenzen bei
Netzwerkgütern: Wettbewerbspolitische Analyse mit Microsoft-Problematik“ erhielt Dr. Anne Sohns den Preis der Peregrinus-Stiftung. Anne Sohns entwickelte
in ihrer Dissertation praktische Handlungsempfehlungen für die Wettbewerbspolitik beim Umgang mit Märkten für digitale Netzwerkgüter (wie Software).
Heute arbeitet Anne Sohns als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Monopolkommission, einem unabhängigen Beratungsgremium der Bundesregierung für
Fragen der Wettbewerbspolitik. Im Rahmen ihrer Tätigkeit betreut sie federführend die Stellungnahmen der Kommission zu den Wettbewerbsentwicklungen
auf den Energiemärkten.
Foto: privat
Chancen für den
freien Wettbewerb
Dr. Anne Sohns
Berufung zu gehen. Vielmehr wolle das Unternehmen den Auflagen nachkommen.
JOGU: Mit der zunehmenden Bedeutung digitaler Netzwerkgüter wie dem Internet, B2B-Plattformen und Standardanwendungssoftware entstehen ganz neue Gefahren für den Wettbewerb auf
den entsprechenden Märkten. Welche spezifischen
Probleme sind das?
Sohns: Märkte für digitale Netzwerkgüter, wie sie
im Bereich der New Economy vorzufinden sind,
weisen in vielen Fällen deutliche Tendenzen zur
Monopolisierung auf. Nicht selten ist ein auf diesen
Märkten entstandenes „Quasi-“Monopol auch von
Dauer, obwohl diese Märkte ein vergleichsweise
JOGU: Können Sie uns kurz den Hintergrund schildern und den gegenwärtigen Stand des Verfahrens
aufzeigen?
Sohns: Die Kommission sah es im Jahr 2004 als
erwiesen an, dass Microsoft seine marktbeherrschende Stellung im PC-Betriebssystemmarkt missbraucht, um seine Marktmacht auf angrenzende
Märkte wie den Markt für Media Player und ServerPC-Betriebssysteme zu übertragen. Neben einem
Rekordbußgeld von 497 Millionen Euro erließen die
europäischen Wettbewerbshüter zwei einschneidende Verhaltensauflagen: Zum einen musste Microsoft die Schnittstellen offen legen, die zur Her-
29
[JOGU]
206/2008
www.uni-mainz.de
hohes Maß an Innovationsdynamik aufweisen. Der
Innovationsdruck ist bei Gütern der New Economy
besonders hoch, weil diese Güter aufgrund ihrer
Immaterialität keine Verschleißerscheinungen aufweisen.
JOGU: Unter welchen Voraussetzungen können
sich dauerhafte Vermachtungen herausbilden?
Sohns: Anders als bei „normalen“ Gütern liegt die
primäre Ursache für die Konzentrationstendenzen
auf Märkten für Netzwerkgüter weder in den
Verhaltensweisen der Anbieter noch in den angebotsseitigen Größenvorteilen. Vielmehr sprechen
diverse, in meiner Arbeit näher herausgearbeitete
Indizien dafür, dass die Konzentrationstendenz
primär durch den nachfrageseitigen Wunsch nach
einem möglichst großen Netzwerk an Nutzern des
gleichen Programms beziehungsweise der gleichen
Plattform hervorgerufen wird. Dieser Wunsch lässt
sich darauf zurückführen, dass der Nutzen der
Nachfrager mit zunehmender Netzwerkgröße steigt
– ein positiver Netzwerkeffekt entsteht. So erhöht
es den Nutzen des Anwenders eines Textverarbeitungsprogrammes, wenn auch andere Personen
dieses Programm nutzen, da er mit diesen gegebenenfalls Dateien austauschen kann.
Zwar sind Netzwerkeffekte kein neues Phänomen
des Computerzeitalters, sie treten zum Beispiel auch
bei der Nachfrage nach Telefondienstleistungen auf.
Jedoch entfaltet sich die konzentrationsfördernde
Wirkung offensichtlich insbesondere bei virtuellen
Gütern, da hier in vielen Fällen ein Netzwerk auf
einem proprietären Standard eines Anbieters beruht. Dies lässt sich wiederum darauf zurückführen, dass der Anbieter einer Software im Prinzip
jede beliebige Marktnachfrage bedienen kann. Die
Software lässt sich in jeder gewünschten Geschwindigkeit vervielfältigen. Anbieter von physischen
Gütern können die stark ansteigende Nachfrage
in der Wachstumsphase, wie sie für Netzwerkgüter
charakteristisch ist, in der Regel nicht alleine bedienen und entscheiden sich daher häufig, wie zum
Beispiel bei VHS-Videosystemen, für eine lizensierungsstrategie.
JOGU: Sie zeigen in Ihrer Dissertation die Auswirkungen von Netzwerkeffekten auf und wie durch
spezifische Rahmensetzungen dazu beigetragen
werden könnte, vermachtete Märkte zu öffnen.
auf Märkten für Netzwerkgüter vorgehen können,
wenn sie die marktstrukturellen Besonderheiten
auf diesen Märkten in ihrer Komplexität kennen, ist
ein erstes zentrales Ziel meiner Studie, die Auswirkungen von Netzwerkeffekten auf den Wettbewerb
detailliert zu analysieren. Aufbauend auf dieser
Analyse ist das zweite zentrale Ziel der Studie, der
Wettbewerbspolitik praktische Handlungsempfehlungen beim Umgang mit Märkten für Netzwerkgüter zu geben.
JOGU: Sie haben in Ihrer Dissertation deshalb ein
eigenes wettbewerbspolitisches Konzept zur lösung
des Problems entwickelt.
Sohns: Das Konzept besteht zunächst aus dem
weichen marktstrukturpolitischen Instrument des
„Senkens der Marktzutrittsschranken auf verfestigtvermachteten Märkten für Netzwerkgüter“. Ich
habe mich für dieses Instrument entschieden, weil
ich zu dem Ergebnis kam, dass der Wettbewerb um
eine temporäre Monopolstellung unter den zuvor
analysierten Voraussetzungen die typische Wettbewerbsform auf Märkten für digitale Netzwerkgüter
ist. Diese Form des Wettbewerbs kann wie im Fall
des Client-PC-Betriebssystems Microsoft Windows
durch hohe Marktzutrittsschranken marktstrukturell
unterdrückt werden. Deshalb liegt es auf der Hand,
dass die Wettbewerbspolitik an eben diesen Marktzutrittsschranken ansetzen muss. Im konkreten Fall
von Microsoft Windows habe ich eine Ex-anteOffenlegung und Dokumentation der Windows
Schnittstellen gefordert. Dieses Konzept lässt sich
durch eine ergänzende Ex-ante-Kontrolle von wettbewerbsbeschränkenden Verhaltensweisen komplettieren, um so auch gegebenenfalls verhaltensbedingte Marktzutrittsschranken zu unterbinden.
Diese lösung hat zwei wesentliche Vorteile: Erstens wirkt sie im Vergleich zu den herkömmlichen
wettbewerbspolitischen Instrumenten ursachenadäquat. Zweitens ist durch den Ex-ante-Charakter
ein zeitkritisches Eingreifen möglich, wodurch die
aufgezeigten Ineffizienzen, eines über Jahre andauernden Verfahrens weitestgehend vermieden
werden können.
Das Gespräch führte Maria COlOMBO n
206/2008
Freitag, den 08.05.2009
Freitag, den 05.06.2009
Freitag, den 26.06.2009
Freitag, den 17.07.2009
Freitag, den 18.09.2009
- evtl. Feriensitzung Die Sitzungen finden im Sitzungszimmer
der Naturwissenschaftlichen Fachbereiche
(Johann-Joachim-Becher-Weg 21, 7.Stock)
statt und beginnen jeweils um 13.00 Uhr.
Blutspenden in der Uni
Spendeort
Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
linke Aula, Alte Mensa, Becher-Weg 5
Information Tel. 0 61 31/17-32 16 oder 32 17
Termin
Dienstag, den 2. 12. 2008
Sohns: Im Bewusstsein, dass die wettbewerbspolitischen Entscheidungsträger nur dann adäquat gegen die Ursachen der Wettbewerbsbeschränkungen
[JOGU]
Sitzungstermine
des Senats
Sommersemester
2009
Spendezeiten
8.30 bis 14.00 Uhr
30
Personen & Positionen
Kardinal Karl Lehmann
Karl lehmann, in Hohenzollern (Sigmaringen) am
16. Mai 1936 geboren, nahm im Sommersemester 1956 das Theologiestudium in Freiburg/Brsg.
auf. Von dort wechselte er 1957 nach Rom. Seine
Studien mündeten zunächst in seiner Promotion in
Philosophie an der Pontificia Universitas Gregoriana
mit einer Dissertation zum Thema: Vom Ursprung
und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers: Versuch einer Ortsbestimmung. Es schlossen sich weitere theologische Studien an. Zugleich
wurde lehmann unmittelbarer Zeuge des Zweiten
Vatikanischen Konzils (1962-1965). Seit Juni 1964
war lehmann wissenschaftlicher Assistent von Karl
Rahner SJ am Institut für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie der Universität München und wechselte mit diesem dann 1967 nach
Münster. Am 10. Juni 1967 erfolgte lehmanns
theologische Promotion, ebenfalls in Rom, mit einer
Dissertation zum Thema: Auferweckt am dritten
Tage nach der Schrift. – Exegetische und fundamentaltheologische Studien zu 1 Kor 15,3b-5.
Das Prädikat lautete erneut „summa cum laude“.
Seit November 1967 von der Assistententätigkeit
befreit, begann lehmann, betreut von Rahner als
DFG-Stipendiat mit der Arbeit an seiner Habilitationsschrift zum Thema: Die Verborgenheit Gottes
und der Begriff der Offenbarung. Zwar kam das
Habilitationsverfahren nicht zum Ende, doch sprach
sich für lehmann unter anderem kein Geringerer als
tor des Propädeutisch-Dogmatischen Seminars. Mit
seiner Antrittsvorlesung über das Thema „Die dogmatische Denkform als hermeneutisches Problem“
stellte er sich am 12. Juni 1969 der Universitätsöffentlichkeit vor. Die regulären Vorlesungen hielt er
dann in Hörsaal 9 (Forum 7, EG), im Wintersemester
1970/71 in Hörsaal 15. Die Auswahl der Themen
markiert den Wendepunkt, an dem Theologie und
Kirche in dieser Zeit standen: Theologie der Gnade,
Grundzüge der Ekklesiologie, Amt und Autorität
in der Kirche, Theologie der Sakramente, Aktuelle
Grundfragen aus der Theologie der Sakramente,
Problematische Grundbegriffe der modernen systematischen Theologie, Fragen der „Politischen Theologie“, Fundamentalhermeneutik des katholischen
Glaubensverständnisses. In den Seminaren vertiefte
lehmann die Themen der Vorlesung. Hier setzte er
sich mit „Hans Küngs lehre von der Kirche“ auseinander und ging auf die „Demokratisierung in der
Kirche“ ein.
Foto: privat
Vor 40 Jahren zum Professor ernannt Am 4. November 2008 jährt
sich die Ernennung von Karl lehmann
zum Professor für Dogmatik an der
Katholisch-Theologischen Fakultät
der Johannes Gutenberg-Universität
Mainz zum vierzigsten Mal. Dieses
Datum ist Anlass für einen kurzen
Rückblick auf die Zeit der ersten Tätigkeit des späteren Mainzer Bischofs
und Kardinals als „ordentlicher öffentlicher Professor“, so die damalige
übliche Bezeichnung für den Inhaber
einer Professur.
Karl lehmann 1973 an der Mainzer Universität
Joseph Ratzinger in einem Gutachten aus. Erwähnung verdient auch, dass lehmann, damals erst 32
Jahre alt, bereits ein beeindruckendes Verzeichnis
von Publikationen vorweisen konnte.
In seinen Vorlesungen setzte
sich Lehmann mit „Hans Küngs
Lehre von der Kirche“ auseinander und ging auf die
„Demokratisierung in der
Kirche“ ein.
Den solchermaßen ausgewiesenen Wissenschaftler erachtete die Mainzer Katholisch-Theologische
Fakultät für geeignet, die Nachfolge des Ende Mai
1968 zum Bischof von Speyer ernannten Friedrich
Wetter anzutreten. Am 27. August 1968 teilte
Dekan Prof. Wilhelm Pesch der Fakultät mit, dass
Karl lehmann die Berufung grundsätzlich angenommen hat.
Trotz allem Erfolg, der lehmann beschieden war,
sollte seine erste Mainzer Zeit nur von relativ kurzer
Dauer sein. Bereits am 10. Februar 1971 setzte er
den Fakultätsrat davon in Kenntnis, dass er sowohl
einen Ruf an die Fakultät in Freiburg als auch an
jene in Münster erhalten habe. Zu dieser Mitteilung
gaben die Studierenden laut Protokoll folgendes Votum ab: „Die Studentenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät ist sehr daran interessiert, daß
Herr Prof. DDr. lehmann weiterhin den lehrstuhl
für Dogmatik an unserer Fakultät behält. Sie bittet
den Fakultätsrat dringend, alle nötigen Schritte zu
unternehmen, um Herrn Prof. DDr. lehmann die
Fortsetzung seiner lehrtätigkeit in Mainz zu ermöglichen.“ Ganz in diesem Sinne fasste der Fakultätsrat einen Beschluss. Als lehmann sich in der Sitzung
vom 28. April 1971 bereit erklärte, für ein Treffen
mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät, ein
Referat über die Probleme der Würzburger Synode
beizusteuern, war seine Entscheidung zu Gunsten
Freiburgs allerdings schon gefallen. Zum Wintersemester 1971/72 folgte ihm Theodor Schneider auf
den zweiten lehrstuhl für Dogmatik.
Thomas BERGER n
Prof. Dr. Dr. Karl lehmann, der seinen Dienst am
4. November 1968 angetreten hatte, nahm am
27. November dann erstmals an den Beratungen der
Katholisch-theologischen Fakultät teil. Als Inhaber
des zweiten lehrstuhls für Dogmatik war er Direk-
31
[JOGU]
206/2008
Personen & Positionen
Neu an der Uni
Fotos: Peter Pulkowski
Die W 3-Professur am
Institut für Anorganische Chemie und
Analytische Chemie
übernimmt Dr. Katja
Heinze
Katja Heinze begann ihre
wissenschaftliche laufbahn
1988 mit dem Studium der
Chemie an der RuprechtKarls-Universität Heidelberg. Noch zu Schulzeiten hatte
sie bereits einen Buchpreis des Fonds der Chemischen
Industrie gewonnen. Während der Studienzeit arbeitete
sie als Hilfskraft in der RIA- und HPlC-Abteilung von Dr.
limbach in Heidelberg. Nach dem Abschluss des Studiums promovierte Katja Heinze von 1995 bis 1998 bei
Prof. Dr. Gottfried Huttner auf einem Gebiet der anorganischen Komplexchemie über Elektronentransfer und intramolekulare elektronische Wechselwirkungen mit der
Gesamtnote Summa cum laude. Ein PostdoktorandenAufenthalt führte sie danach für ein Jahr an die Universität Zürich bevor sie als wissenschaftliche Angestellte am
Anorganisch-Chemischen Institut der Universität Heidelberg tätig wurde. Im Jahr 2004 erfolgte die Habilitation
über „Ein- und mehrkernige Metallkomplexe: Festphasensynthese und Selbstaggregation“. In dieser Zeit war
Katja Heinze zugleich als wissenschaftliche Assistentin
und als Verwalterin des landesforschungsschwerpunktes „Modellierung von Moleküleigenschaften als
grundlegende Methodik moderner Molekülchemie“ tätig. Für ihre leistungen in lehre und Forschung wurde
Katja Heinze mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem den lieseberg-Preis der Fakultät für Chemie
und Geowissenschaften der Universität Heidelberg, ein
Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den „lecturer Award“ der Studenten der
Fakultät für Chemie und Geowissenschaften der Universität Heidelberg und den „Hengstberger-Preis“ der
Universität Heidelberg.
n
Dr. Christiane Tietz
übernimmt die W3Professur für Systematische Theologie an der
Evangelisch-Theologischen Fakultät,
Christiane Tietz, Jahrgang
1967, begann ihre universitäre laufbahn 1986 mit
der Aufnahme des Studiums der Mathematik und der Evangelischen Theologie
für das lehramt an Gymnasien an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Ihre Schulzeit bis
zum Abitur hatte die gebürtige Frankfurterin ebenfalls
in ihrer Heimatstadt verbracht. Nach zwei Jahren des
Studiums in Frankfurt wechselte sie an die Eberhard
Karls-Universität Tübingen. Im November 1992 erfolgte die wissenschaftliche Prüfung für das lehramt an
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206/2008
Gymnasien und daran an schloss sich die Tätigkeit als
wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Hermeneutik
der Universität Tübingen. Im April 1994 erhielt Tietz ein
Promotionsstipendium der Graduiertenförderung des
landes Baden-Württemberg und darauf folgend ein
Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes.
Die Promotion erfolgte 1999 mit der Arbeit „Ratio in
se ipsam incurva. Eine Untersuchung zu Dietrich Bonhoeffers früher Erkenntnistheorie“. Bis zur Habilitation
im Jahr 2004 mit einer Studie zur Thematik der Selbstannahme war Tietz u.a. als wissenschaftliche Angestellte und Assistentin bei Eberhard Jüngel in
Tübingen
und als Redakteurin der „Zeitschrift für Theologie und
Kirche“ tätig. Danach übte sie lehraufträge an den
Universitäten Heidelberg und Saarbrücken aus und war
ein Semester lang Visiting Teaching Scholar am Union
Theological Seminary, New york City. Im Wintersemester 06/07 und Sommersemester 2007 hatte Tietz eine
lehrstuhlvertretung für Systematische Theologie an der
Universität Mainz inne. Im Wintersemester 07/08 war
sie Member in Residence am Center of Theological
Inquiry, Princeton. Ihre Forschungsschwerpunkte sind
das Verhältnis von Religion und Politik, der interreligiöse Dialog und die Theologie Dietrich Bonhoeffers.
n
Dr. Nicolas-Hubert
Bings ist neuer W2
Professor für Analytische Chemie am
Institut für Anorganische und Analytische
Chemie
Nach dem Chemie-studium
an der Universität Dortmund in den Jahren 1986
bis 1993 promovierte Bings 1996 in Analytischer Chemie, unterbrochen von einem Forschungsaufenthalt als
Erasmus-Stipendiat am Institut für Mikro- und Spurenanalyse des Fachbereiches Chemie der Universität Antwerpen. Seine Dissertation zum Thema „Diagnostische
und analytische Messungen am kapazitiv gekoppelten
Mikrowellenplasma (CMP) unter Verwendung verschiedener Arbeitsgase“ erhielt die Note „Sehr gut“. Nach
Abschluss der Promotion war Bings gefördert durch ein
Postdoktorandenstipendium an der University of Alberta,
Edmonton (Kanada), für ein Jahr als wissenschaftlicher
Mitarbeiter tätig. Nach einem weiteren einjährigen
durch die DFG geförderten Auslandsaufenthalt an der
Indiana University, Bloomington (USA), arbeitete Bings
von 1999 bis 2003 als wissenschaftlicher Assistent am
Institut für Analytische Chemie der Universität leipzig
und wechselte im selben Jahr ebenfalls als wissenschaftlicher Assistent an die Universität Hamburg, wo er sich
2005 mit Arbeiten zur Miniaturisierung von Analysensystemen und der Plasma-Flugzeitmassenspektrometrie
habilitierte. Bis 2005 hatte er einen lehrauftrag an der
Universität leipzig inne und lehrte danach als Privatdozent für Analytische Chemie an der Universität Ham-
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burg. Er übernahm daraufhin für zweieinhalb Jahre die
Vertretung und leitung des lehrstuhls für Analytische
Chemie / Konzentrationsanalytik an der Universität
leipzig. 2005 erhielt er den „Bunsen-Kirchhoff Preis“
des Deutschen Arbeitskreises für Angewandte Spektroskopie. Nicolas-Hubert Bings ist Mitherausgeber der
„Encyclopedia of Analytical Chemistry“, Co-Organisator
wissenschaftlicher Konferenzen und übt zudem zahlreiche Gutachtertätigkeiten für Fachzeitschriften und
Wissenschaftsorganisationen aus. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen der Entwicklung und
des Einsatzes atomspektrometrischer Methoden für die
Umwelt-, Werkstoff- und Bioanalytik, hauptsächlich unter Einsatz elektrischer Plasmen.
n
Dr. Heiner F. Klemme
übernimmt die W3 Professur des Arbeitsbereichs Philosophie der
Neuzeit am Philosophischen Seminar
Nach Abitur und Wehrdienst
nahm Klemme, der 1962 in
Ahnsen (Bad Eilsen) geboren wurde, das Studium
der Philosophie mit den Nebenfächern Religionswissenschaft und Soziologie (später der Sinologie) an der
Philipps-Universität Marburg auf. Ein Auslandsaufenthalt führte ihn von 1985 bis 1986 an die Universität
Edinburgh, von wo aus er für ein Semester an die Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn wechselte und
1987 wieder an die Universität Marburg zurückkehrte.
Nach dem Magister war Klemme als wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Philosophie des Fachbereichs
Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Universität Marburg tätig. 1995 promovierte er mit der, mit
summa cum laude ausgezeichneten Arbeit: „Kants Philosophie des Subjekts. Untersuchung zum Verhältnis von
Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis.“ Von Marburg
wechselte Klemme 1997 an die Otto-von-GuerickeUniversität Magdeburg, wo er sich im Jahr 2003 habilitierte. In Magdeburg bekleidete Klemme am Institut für
Philosophie eine wissenschaftliche Assistentenstelle und
eine Oberassistentenstelle, unterbrochen durch lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Marburg und
Wuppertal. Seit April 2006 hatte er die W3 Professur
für Philosophie mit dem Schwerpunkt Praktische Philosophie am Fachbereich A der Bergischen Universität
Wuppertal inne. Schwerpunkte der Forschung Klemmes
sind die Philosophie der Neuzeit, insbesondere Aufklärung und Kant, und die Philosophie der Gegenwart, mit
den Themengebieten Praktische Philosophie und Ethik.
In Mainz übernimmt er zugleich die leitung der KantForschungsstelle, an der u. a. die Redaktion der „KantStudien“ beheimatet ist.
n
Personen & Positionen
Die W2-Professur für
Sportpädagogik und
Sportpsychologie am
Institut für Sportwissenschaften übernimmt
Dr. Ralf Sygusch.
Nach der Gymnasialzeit
in Gütersloh studierte Sygusch Erziehungswissenschaften mit Nebenfach
Psychologie an der Universität Bielefeld, wo er 1991
sein Diplom und 1999 das erste Staatsexamen für das
lehramt in Sport ablegte und im gleichen Jahr zum Dr.
phil. promovierte (magna cum laude). Thema der Promotion war „Sportliche Aktivität und subjektive Gesundheitskonzepte von Jugendlichen“. In den Jahren
dazwischen arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft
an verschiedenen Projekten an der Universität Bielefeld
und übte lehraufträge für Fußball und Torschuss aus.
Die Mitarbeit an einem DFG-Projekt führte ihn an das
Institut für Sportwissenschaft Bayreuth, wo er ab 2000
als wissenschaftlicher Assistent am lehrstuhl von Prof.
Dr. W. Brehm arbeitet und sich 2006 habilitierte. Darauf folgend übernahm er die Stelle des akademischen
Oberrates des Institutes. über die universitäre laufbahn
hinaus arbeitete und engagierte sich Sygusch in den Bereichen sportlicher Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen, u.a. als hauptamtlicher Jugendsportkoordinator
„Fußball“ des DSC Arminia Bielefeld e.V., als Trainer im
Talentförderprogramm des Deutschen-Fußball-Bundes
und als Referent und Seminarleiter für Konfliktmanagement und Politische Bildung. Seit 2006 lehrt Sygusch
zudem am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in
Bayreuth. Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit sind u.
a. „Persönlichkeits- und Teamentwicklung im Kinder und
Jugendsport und in den Sportarten“; Sport und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ sowie „Qualitäten
von Gesundheitssport“.
n
Den Lehrstuhl für
Betriebswirtschaftslehre und Controlling
am Fachbereich 03
übernimmt Dr. Louis
Velthuis.
Geboren wurde louis
Velthuis 1964 im südafrikanischen Johannesburg.
Noch während seiner Schulzeit kam er nach Deutschland, wo er im Anschluss daran
eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen
Bank begann. Nach Abschluss der Ausbildung nahm
Velthuis das Studium der Betriebswirtschaftslehre an
der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt auf
und beendete dieses 1991 mit dem Abschluss zum
Diplom-Kaufmann. Ebenfalls an der Universität Frankfurt promovierte Velthuis im Jahr 1997. Thema der Dis-
sertation, für die er die Note summa cum laude erhielt,
war: „lineare Erfolgsbeteiligung: Grundproblem der
Agency-Theorie im licht des lEN-Modells“. Bereits seit
seiner Studienzeit und auch während der Phase seiner
Promotion arbeitete Velthuis als Hilfskraft und wissenschaftlicher Mitarbeiter am lehrstuhl für Organisation
& Management von Prof. laux. Mit der Arbeit „Anreizkompatible Erfolgsteilung und Erfolgsrechnung“ habilitierte er sich 2003. Es folgten Tätigkeiten als Privatdozent und lehrstuhlvertreter an der Universität Frankfurt
und als lehrbeauftragter an der Universität Wien. über
die lehrtätigkeit hinaus übte Velthuis Beratungstätigkeiten für die freie Wirtschaft aus, ist Gutachter von
Fachzeitschriften wie ‚Zeitschrift für Betriebswirtschaft‘
sowie „American Economic Review“ und Mitglied des
Arbeitskreises „Internes Rechnungswesen“ der Schmalenbach-Gesellschaft. In seiner Forschung konzentriert
sich Velthuis zusammen mit seinen Mitarbeitern insbesondere auf Fragestellungen der Performancemessung
und Anreizgestaltung im Sinne eines wertorientierten
Controlling.
n
Dr. Harald G. Dill erhält
die Honorarprofessur
am Fachbereich 09
Seine universitäre laufbahn
begann Harald Dill 1971
nach seinem Wehrdienst bei
der Bundeswehr mit dem
Studium an der Universität
Würzburg, wo er im Hauptfach Geologie und in den
Nebenfächern Mineralogie und Geographie belegte. Sein
Diplom, das mit der Note „Sehr gut“ bewertet wurde,
legte Dill vier Jahre später ab und wechselte daraufhin
für ein zusätzliches Studium der lagerstättenkunde
an die Rheinisch-Westfälisch Technische Hochschule
Aachen und darauffolgend an die Universität Erlangen.
1978 promovierte Dill in Mineralogie mit der Arbeit
„lagerstättenkundliche Untersuchungen zur Entstehung
der Pyrit führenden Blei-Kupfer-Zink-lagerstätte
Accesa (SW-Toskana)“. Nach einem einjährigen
Forschungsaufenthalt am lehrstuhl für Bodenkunde und
Bodengeographie der Universität Bayreuth wechselte er
1979 an die Bundesanstalt für Geowissenschaften und
Rohstoffe (BGR) in Hannover, wo er seit dieser Zeit in
Forschung (223 Veröffentlichungen), Ausbildung (Afrika,
Asien Südamerika) und Koordination (Funde von zwei
Rohstoffvorkommen) tätig ist. Ab 1982 unterrichtete er
nebenamtlich an der Johannes Gutenberg-Universität im
Fach lagerstättenkunde, wo er sich 1985 mit der Arbeit
„Die Vererzung am Westrand der Böhmischen MasseMetallogenese in einer ensialischen Orogenzone“
habilitierte. Seit 1988 hält Dill auch an der Universität
Hannover Vorlesungen in lagerstättenkunde, wo ihm
1991 der Titel außerplanmäßiger Professor verliehen
wurde. Seine Tätigkeit an der BGR wurde von 1986
bis 1991 unterbrochen durch eine Tätigkeit als
33
Koordinator für lagerstättenkunde, Mineralogie und
Geochemie in der Projektleitung des Kontinentalen
Tiefbohrprojektes der Bundesrepublik Deutschland.
Weitere lehrtätigkeiten führten ihn unter anderem
an die Universität der Bundeswehr in München und
die Universität Cottbus. Darüber hinaus lehrt(e) er
an Universitäten in Thailand, der Mongolei, lettland,
litauen, Malawi, Usbekistan, Bangladesch, Nepal,
Oman, Qatar, Tunesien und Jordanien. 2006 kehrte Dill
wieder an die Universität Mainz und das Zentrum für
Edelsteinforschung zurück. Die wissenschaftliche Arbeit
von Harald Dill wurde 2004 durch den „QuintinoSella“ Preis auf dem Internationalen Geologenkongress
in Florenz gewürdigt. Dill war bis zum Ende seiner
Promotion Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen
Volkes und schied 2006 als Oberst der Reserve aus der
Bundeswehr aus.
n
Die Honorarprofessur
im Fachbereich 04
Medizin erhält Dr.
Helmut Haas
Nach dem Studium der
Humanmedizin an der
Justus liebig-Universität
Giessen und der Approbation im Jahr 1976 promovierte Helmut Haas
zwei Jahre darauf mit der Arbeit: „Untersuchungen
über die Altersabhängigkeit biochemischer Prozesse in
menschlichen Erythrozyten“ an der Medizinischen Klinik der Justus liebig-Universität. In den darauffolgenden Jahren leistete er seinen Wehrdienst als Stabsarzt
im Bundeswehrkrankenhaus Giessen und war während
dieser Zeit Assistenzarzt in den Abteilungen Chirurgie,
Urologie und Innere Medizin. Danach wechselte er als
Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an die
Urologische Klinik der Johannes Gutenberg-Universität.
1982 erhielt er die Anerkennung zum Facharzt für Urologie und ließ sich im selben Jahr als Arzt mit eigener
Praxis in Heppenheim nieder. Neben dem Praktizieren
als Urologe war Haas als Belegarzt im Heilig-GeistHospital in Bensheim tätig und übt seit dem Wintersemester 1982/83 eine lehrtätigkeit im Fach Urologie an
der Klinik der Johannes Gutenberg-Universität aus. Haas
wurde für seine Tätigkeiten mehrfach ausgezeichnet. So
erhielt er von der Deutschen Gesellschaft für Urologie
den „lichtenberg Preis“ und den „Praxis-Preis“ der
Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie. Helmut
Haas ist sei 2000 im Vorstand der „Südwestdeutschen
Gesellschaft für Urologie“ und seit 2003 ebenfalls im
Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Urologie“.
Schwerpunkte seiner lehre und Fortbildung sind Themen wie die Praxisorientierung in lehre und Unterricht
der Studierenden, Konzepte zur Nutzung audiovisueller
und elektronischer Medien und die Entwicklung und
Realisierung eines praxisorientierten Fortbildungskonzeptes.
n
[JOGU]
206/2008
Kurz & Bündig
Dante Alighieri
und Mainz
Die bekannteste Dichtung italienischer Sprache,
„Die göttliche Komödie“ von Dante, verbreitete
sich nach seinem Tode 1321mehr und mehr. Zeugen
davon sind viele handgeschriebene Abschriften. Die
älteste gedruckte Fassung, von Johannes (Giovanni)
Neumeister und Evangelista Angelini, ist die aus
Foligno von 1472, die früheste Ausgabe also der
„Divina Commedia“ – und diese wurde von einem
Mitarbeiter Gutenbergs gedruckt.
Prof. Dr. Klaus ley vom Romanischen Seminar der
Universität Mainz, Organisator der 85. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Mainz,
griff im Rahmen der Tagungsvorbereitungen diese
bislang kaum gewürdigte Verbindung auf. Sie wurde in einer kleinen Ausstellung in der Villa Musica,
dem Hauptort der Tagung, vorgestellt. So lässt sich
eine beachtenswerte Brücke von Dante zu Mainz
schlagen.
Die Bedeutung der Inkunabeln für den Ausbau des
frühneuzeitlichen Wissens- und Bildungskanons
wird hier eindrucksvoll belegt und ist zusätzlich
deshalb von besonderem Interesse, weil in nur
einem Jahr in Italien gleich drei „Erstausgaben“
der „Divina Commedia“ herauskamen, zwei davon
waren von deutschen Druckern. Mit ihnen begann
sich die Verbreitung des berühmtesten italienischen
Werkes der Weltliteratur von den illustrierten Handschriften auf den Druck und die Buchgrafik zu
verlagern.
Maria COlOMBO n
Ve r a n s t a l t u n g s t i p p
CUBAME MUCHO bittet zum Salsatanz
Die Hochschulgruppe Cubame Mucho bringt im WS 2008/09 wieder (Hüft-)Schwung in die allseits geforderte Internationalisierung - dabei stehen der Austausch und die Verständigung mit lateinamerika
im Mittelpunkt des Interesses.
Seit sechs Semestern organisiert das Team um Cécile und Arny deshalb soziokulturelle Projekte: Gemütliche Treffs, Kultur- und Sprachaustausch (insbesondere Sprachtandems), Percussion-Unterricht,
Tanzworkshops, gemeinsame Reisen zu Kultur- und Musikveranstaltungen und Orientierungshilfe für
ausländische Studierende stehen dabei auf dem Programm.
Am 28.Oktober bat CUBAME MUCHO zur „Rueda de Casino - Salsa Wheel“ ins Studihaus. EinsteigerInnen wurden vertraut gemacht in einer 60-minütigen Salsa-Einführung, die großen Anklang fand.
Ab jetzt kann jeder bei den jeweils dienstags stattfindenden übungstreffs mitmachen, ob unerfahren
oder geübt.
Aber was ist überhaupt eine Rueda? Bei einer Rueda (spanisch für Rad) bilden die Tanzpaare einen
Kreis und auf Zuruf des „Cantante“ (Ansager) tanzen sie verschiedene Figuren. Grundlage ist der kubanische Salsa-Tanzstil mit seinen trickreich verschlungenen Figuren. Bei dieser weltweit beliebtesten
Salsa-Variante sind Spaß und lernerfolg garantiert.
Rueda ist auf Partys immer eine Gaudi, die die Begeisterung aller entfacht. Durch ständiges Wechseln der Partnerinnen ergibt sich eine ständige Verfeinerung der Tanztechnik. Auch Interessierte ohne
festen Tanzpartner sind herzlich willkommen, da man im Kreis immer durchwechselt und keiner zu
kurz kommt.
Ab 4.November geht es um 20.30 Uhr los, der Unkostenbeitrag fürs ganze Semester beträgt nur
30 Euro. Er schließt auch den Percussion-Unterricht, Sprachtreffs und den Zugang zu den Partys mit
ein. Erfahrene Tänzer können in der „leistungsgruppe“ eine komplette Salsa-Show im rasanten los
Angeles Style erlernen. Neben Andreas von der Salsamente Dance School in Mainz konnten „hp“ (International Dance Master 2008) und der Broadway-erfahrene Bühnenprofi Paul Brandon als Dozenten
gewonnen werden.
Information: Tel. 06131-786280 oder www.cubame-mucho.de
Impressum
Herausgeber:
Der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch
Leitung Bereich Öffentlichkeitsarbeit:
Petra Giegerich
Leitung Redaktion:
Annette Spohn-Hofmann (V.i.S.d.P.)
Mitarbeiter dieser Ausgabe: Dr. Ulrike Brandenburg,
Maria Colombo, Dr. Frank Erdnüß, Sebastian Kump,
Dimitri Taube, Peter Thomas, Peter Pulkowski (Fotos)
Redaktionsassistenz: Kathrin Voigt, Birgitt Maurus
Kontakt:
Telefon: + 49 61 31 - 39 22 369, 39 20 593
Telefax: + 49 61 31 - 39 24 139
E-Mail: [email protected]
Ausgabe von Johannes Neumeister (Foligno 1472),
ein Exemplar im Besitz der Newberry library Chicago.
[JOGU]
206/2008
Auflage: 10.000 Exemplare, die Zeitschrift
erscheint viermal im Jahr
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Redaktionsschluss der JOGU 207,
Ausgabe Januar/Februar 2009,
ist der 1. Dezember 2008
Titelbild: Peter Thomas
Gestaltung: Thomas Design, Freiburg
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Druck:
Werbedruck GmbH Horst Schreckhase
Postfach 1233
34283 Spangenberg
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Wo?
Klinikum der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
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Hochhaus Augustusplatz
Information
Telefon 0 61 31/17-32 16 / 32 17
Termine
Mo, Mi 8.00 bis 16.00
Di, Do 8.00 bis 18.00
Fr 8.00 bis 15.00
Sa 8.00 bis 11.00

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