festivalzeitung nr. 02 / 16.06.2007

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festivalzeitung nr. 02 / 16.06.2007
anstalt02
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FESTIVALZEITUNG
NR. 02 / 16.06.2007
Uraufführung: Fiesque
Foto: Hans Jörg Michel
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MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 16.06.2007
BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM
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INHALTSVERZEICHNIS
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DENKEN IM QUADRAT – Editorial
MACHTJUNKIES – Zu Edouard Lalos „Fiesque“
ALLES OTTO – „Wallenstein“ und die OB-Wahl
SCHILLER UND ICH – Die Festivalmacher
VON MÄUSEN UND MENSCHEN – Hannah Monyer, Hirnforscherin
DRAMATIK DER STILLE – Alejandro Tantanian, ein Porträt
AUFTRAGSWANDERN – Volker Gerling, Daumenkinograph
ICH LOTE GRENZEN AUS – Gespräch mit Martin Nachbar
PIMP DAS THEATER – Zu „Pimp the City“
BESTIE PREKARIAT – Essay
SPIELPLAN SAMSTAG 16. Juni, SONNTAG 17. Juni
Die 14. Internationalen Schillertage wurden ermöglicht und gefördert durch:
den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien,
dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg,
der Stadt Mannheim/Büro 2007, die Brasilianische Botschaft Berlin und
das Brasilianische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten
sowie das Goethe Institut
Wir bedanken uns für die großzügige Unterstützung bei unseren Partnern:
Hauptsponsoren: MVV Energie AG, John Deere, Freunde und Förderer
des Nationaltheaters Mannheim e.V.
Co-Sponsoren:
Augusta Hotel Mannheim, Comvos Medien, Dr. Haas GmbH, Engelhorn Mode GmbH,
Fashionlabel Schumacher, HM Interdrink, Kurpfalzsekt Sektkellerei AG, Mercedes-Benz
Niederlassung Mannheim-Heidelberg, Rhein-Neckar-Verkehr GmbH,
The Cruise Cafe Hotel Mannheim und beim SWR 2.
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SERVICE
IMPRESSUM
KARTENVORVERKAUF
THEATERKASSE AM
GOETHEPLATZ
Mo & Sa 11–13 Uhr
Di & Fr 11–18 Uhr
An allen Vorstellungstagen
außerdem von 18–20 Uhr
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Telefon 0621/1680 150
Telefax 0621/1680 258
PER E-MAIL
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mannheim.de
FESTIVALZEITUNG DER
14. INTERNATIONALEN
SCHILLERTAGE
Ein Projekt des Nationaltheater
Mannheim zur Förderung des
kulturjournalistischen Nachwuchses
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HERZLICHEN DANK
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HERAUSGEBER
Nationaltheater Mannheim,
Mozartstraße 9, 68161 Mannheim
GENERALINTENDANTIN
Regula Gerber
CHEFREDAKTION
Jürgen Berger
CHEFIN VOM DIENST
Sabine Demm
REDAKTION
Lydia Dartsch, Kristina Faber, Jan Fischer,
Moritz Hummrich, Jule D. Körber,
Marcel Maas, Moni Münch, Melanie
Troger, Manuel von Zelisch
KONZEPT
Jürgen Berger, Sabine Demm, Kristina
Faber, Gerhard Fontagnier, Jochen Zulauf
GESTALTUNG
fathalischoen, Frankfurt
LAYOUT
[email protected], Mannheim
DRUCK Mannheimer Morgen
Großdruckerei GmbH
ANZEIGEN Mannheimer Morgen
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DENKEN
IM
QUADRAT
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E
twas kühl, dafür ausgesprochen
pünktlich. Wie man platt zwei typisch deutsche Eigenschaften beschreiben könnte, verlief auch meine Ankunft am Bahnhof in Mannheim. Na gut,
regnerisch-kühles Wetter ist vermutlich
überall auf der Welt unwirtlich, daheim
in Graz hat’s ja auch ordentlich gewaschelt. Und kurz nach fünf Uhr morgens
blühendes Leben und ringsum sonnige
Gemüter zu erwarten, ist sowieso vermessen. Absicht oder nicht, wie in jeder
fremden Stadt beginne ich sofort, mein
Umfeld zu beobachten, frage mich schon
seit Tagen, was das wohl für Menschen
sein mögen, die in einer Ansammlung
von Quadraten leben. Äußerst merkwürdig.
Der Homo Mannheimeriensis gibt
mir Rätsel auf. Von einer sehr geduldigen
Einheimischen lasse ich mir so etwas wie
eine Gebrauchsanweisung geben. Liebenswürdig meint sie „Denken Sie quadratisch!“ Der Hinweis fruchtet. Ich finde
mein Hotel auf Anhieb und sofort Gefallen am System. Quadratisch, praktisch,
gut. Bloß, woher rührt das? Auch meine
aus Kiel und Frankfurt stammenden AbteilgenossInnen Julien und Mimi konnten mir diese obskure Benennungsbewandtnis während der Zugfahrt nicht
erklären.
Stattdessen bekam ich einen CrashKurs im Erkennen verschiedener badenwürttembergischer Dialekte. Vielleicht
wollten mich die beiden aber auch nur
auf den Arm nehmen. Ich erfuhr, dass die
Mannheimer beim Sprechen nicht so
sehr singen würden wie etwa die Stuttgarter, dass gewisse Worte stärker auseinander gezogen würden, kurz, dass
alles ein bisschen wie ein Musikstück in
Moll klingt. Sehr aufschlussreich, ich fasste den Entschluß, mir sofort ein paar
klangmalerische Eigenheiten anzueignen,
um in „Mannem“ nicht als Grazerin erkannt zu werden.
Gut. Etwa zehn Minuten später verpasste ich beinahe das Aussteigen in
Mannheim. Panik beschlich mich, als ich
mit Sack und Pack loshastete und dem
Mann bei der Tür „I muaß do a no
aussi!“ entgegenbrüllte. Entfesselt war
also wieder die Steirerin aus mir heraus
gebrochen. Das mit der Tarnung war
wohl in jeder Hinsicht sinnlos. Und da
ich nun ohnehin eineinhalb Wochen richtiges Theater erleben werde, muss ich ja
auch mein eigenes Leben nicht unnötig
zur Bühne machen. Zumal ich auch eine
überaus stolze Steirerin bin.
Während der vielen schlaflosen Stunden im Zug war ich mit Julien und Mimi
in’s Sinnieren geraten. Es ging um Klassiker wie Currywurst und Käsekrainer, wer
sich im Türkeiurlaub noch ein bisschen
peinlicher benimmt, Gemütlichkeit versus Gründlichkeit. Besonders absurd
auch immer wieder das große Deutschland-Österreich Länderduell, wenn es
darum geht, sich große historische Persönlichkeiten und fragwürdige Berühmtheiten je nach Belieben abzuluchsen oder
zuzuschieben.
Vermutlich liegt es aber nicht speziell
in der Natur des Österreichers oder des
Deutschen, sondern einfach in der Natur
des Menschen, große Köpfe als seinesgleichen betrachten zu wollen. Schiller
hat das ja auch schon erkannt. Und ich
freue mich, in den nächsten Tagen dieser
Bestie hier in Mannheim auf den Zahn zu
fühlen.
✶ MELANIE TROGER
AUFGEWECKT IN DEN TAG
DR. HAAS GMBH
Die Zeitung erscheint als
Beilage im Mannheimer Morgen
und wird unterstützt von
Deere & Company
und der Dr. Haas GmbH
5 Uhr morgens, Hauptbahnhof, Ankunft
Foto: Troger
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MACHTJUNKIES
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Den „Fiesko“ schrieb Schiller 1782 für das Nationaltheater. Das
Libretto und die Oper zum „republikanischen Trauerspiel“ entstanden knapp hundert Jahre später – verschwanden aber in
der Schublade. Nach mehr als 130 Jahren kommt Edouard
Lalos Grand Opera „Fiesque“ jetzt in Mannheim auf die Bühne.
M
achtjunkies – wie oft ist davon
in politischen Zusammenhängen die Rede, und eben nicht
nur zu Zeiten von G 8-Gipfeln und RAFNostalgie. Die ideale Verkörperung dieser
defizitären, dabei höchst einflussreichen
Spezies hat Mannheims erster Theaterdichter Friedrich Schiller mit seinem Fiesco 1782 als „republikanisches Trauerspiel“ für das Mannheimer Theater
entworfen, auch wenn seine „Verschwörung des Fiesco zu Genua“ dann doch –
und beziehungsreicherweise – in Bonn
uraufgeführt wurde.
Schiller, der Politpoetiker, Charles Beauquier, der republikanische Librettist im
zweiten französischen Kaiserreich, und
Edouard Lalo, ein Komponist der Gounod-Franck-Generation, der sich vom musikalischen Establishment seiner Zeit möglicherweise aus linksgerichteter politischer
Integrität fernhielt – eine Trias, die anno
1868, als auch die Konflikte zwischen
Frankreich und Deutschland bereits zu
schwelen begannen, nicht unbedingt ein
populäres Opernprojekt erwarten ließ.
Und so komponierte Lalo für einen staatlichen Wettbewerb, bei dem der „Fiesque“ einen ehrenhaften dritten Platz erhielt, aber eben doch – für die Schublade.
Dass die politischen Verhältnisse, dieAuflösung der französischen Nationalversammlung und Krönung Napoleons III.,
einer Aufführung im Pariser Theatre Lyrique entgegenstanden, wird gerne spekuliert. Brüssel nahm das Werk später an,
doch die Direktion ging Bankrott. Eine
deutsche Fassung, wie sie im Klavierauszug von 1872 – da war Frankreich schon
wieder Republik – mitgeliefert ist, wurde
aus unerfindlichen Gründen in Hamburg
nicht gespielt. Lalo schlachtete die Partitur in späteren Jahren tüchtig aus und
nutzte ein gut Teil der Musik für andere
Werke.
Über 130 Jahre blieb der „Fiesque“
in der Schublade bis das Festival in Montpellier vergangenen August konzertant
die mit Roberto Alagna in der Titelrolle
prominent besetzte Uraufführung wagte.
Heute Abend hebt das Nationaltheater
das Stück zum allerersten Mal auf die
Bühne, bezeichnenderweise in der Regie
seines früheren Schauspieldirektors JensDaniel Herzog, der seine Zeit am Nationaltheater im Oktober 2000 eben mit
Schillers „Fiesco“ einläutete und derzeit
vor allem als Opernregisseur reüssiert.
Die Diskussion des „Fiesque“ als spätem Gattungsbeitrag zur Grand Opera
wäre dabei einen eigenständigen Beitrag
wert. So viel nur: Lalo komponierte drei
Akte, obwohl die Grand Opera fünf vorsieht und Schillers Drama ja auch deren
fünf hat. Ein großes Bühnenspektakel a la
Vulkanausbruch oder Hexenverbrennung
findet nicht statt, dafür ist das Ballett sorgsam dramaturgisch eingewoben in die
opulente Ballszene, und es gibt das obligatorische große Gebet.
Freilich: die Grand Opera, zu der
Schiller ja in Form von Rossinis „Wilhelm
Tell“ prominent beigetragen hat, war ein
gigantisches und spektakuläres Unterhaltungstheater, und davon ist Lalos „Fiesque“ doch weit entfernt. Zwei für die Gattung wesentliche Aspekte setzt der
Komponist der berühmten „Symphonie
Espagnole“ allerdings mit großem Geschick um: die „couleur du temps“, gewissermaßen die historische Verortung,
mit höfisch schreitenden Metren, bereits
in der Orchestereinleitung, und die „couleur locale“ in Form lichtdurchfluteter
mediterraner Farbgebung.
Dramaturgisch zeigt sich die Abkehr
deutlich: der Einzelne, Fiesque, zerbricht nicht mehr an gesellschaftlichen
Realitäten, sondern an individuellen
gegnerischen Befindlichkeiten. Verrinas
republikanischer Raserei und Fiesques
„Liebesintrige“ erhält immensen melodienseligen Raum. Die spannende Frage
wäre, ob Lalo sich damit nicht nur von
der Gattungstradition absetzt, sondern
auch von Schillers essentieller Konfliktlage des Individuums.
Dabei finden sich durchaus Anklänge
etwa an Jacques Offenbach in den burlesken Hassan-Szenen, an einen weiteren
Schiller-Veroperer, Giuseppe Verdi und die
düsteren Töne seines „Don Carlo“, der
ein Jahr vor Lalos „Fiesque“-Komposition
in Paris ebenfalls französisch sang, oder
an die jüngeren Massenet und Bizet.
Womit natürlich nicht gesagt sein soll,
dass es Lalos Partitur an Eigenständigkeit
fehlt: die musikalischen Atmosphären
sind dicht, die großen Chöre – Spezialität
der Grand Opera – dramatisch wirkungsvoll, das Ganze originell „erfunden“ und
erlesen instrumentiert.
Mannheims künftiger erster Kapellmeister, Alexander Kalajdzic, dirigiert die
szenische Uraufführung. Es singen unter
anderem Galina Shesterneva die Léonore,
Theodor Carlson Fiesques Mörder Verrina, Thomas Berau den Doppelagenten
Muley Hassan, Andrea Szántó die Julie.
Francesco Petrozzi ist Fiesque, der Machtjunkie.
✶ INGO WACKENHUT
FIESQUE von EDOUARD LALO
16.6., 20.6. 19.00 Uhr
Foto: Hans Jörg Michel
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ALLES OTTO
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DR. SVEN OTTO, ROBERT HELFERT in „Wallenstein“ 22. und 23. Juni 20.00 Uhr
Foto: Karola Prutek
Er war die nassforscheste Versuchung, seit es Kommunalwahlen gibt und wäre beinahe Oberbürgermeister geworden. Es kam anders. Irgendwann stolperte Sven-Joachim Otto über sich
und die eigene Partei: Mannheims CDU. Otto ging immer ab, steil nach oben und von der politischen Bühne – um kurz darauf auf einer anderen Bühne zu stehen und für Rimini Protokoll den
Wallenstein zu spielen. Ein Porträt.
iel geändert hat sich nicht. Der
Blumenschmuck kann immer
noch nicht über die Tristesse des
Bürgersaals hinwegtäuschen. Die Musik
hatte nie eine andere Funktion als die
Pausen zu füllen, in denen man sich an
der Bar ein frisches Getränk holt. Das
Personal ist weitgehend das gleiche beblieben. Der Oberbürgermeister, ein Mitarbeiter seiner Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und der RNF-Moderator
warten auf das Ergebnis, verkünden das
Ergebnis, warten auf die Kandidaten,
unten wird das Ergebnis beklatscht oder
bedauert. Morgen ist Wahltag. Die
Mannheimer bestimmen einen neuen
Oberbürgermeister.
Eeiner fehlt. In diesen Tagen erinnert
man sich in Mannheim wieder häufiger
an den jungen Mann, der es 1999 nur
haarscharf nicht geschafft hat, den 30
Jahre älteren Amtsinhaber aus dem Rathaus zu katapultieren. „Von hinten wie
von vorne O-T-T-O“ war damals in aller
Munde. Man kannte ihn, auch als an Politik desinteressierter Mensch, sogar als
Nicht-Mannheimer. Das ist heute noch
so. „Dr. Otto“ ist zu einer Marke geworden, sein Flyer mit Frau und geliehenem
Hund legendär und leider vergriffen. War
das nicht das Papier, das Harald Schmidt
in seiner Show hochgehalten hat?
Genau.
Sven-Joachim Otto war 29 Jahre alt.
Das machte den Wahlkampf so spannend, die Fronten so klar, die Person
schlagartig interessant. Dass ein Grünschnabel die Chuzpe besaß, dem sich seit
17 Jahren im Amt befindlichen Gerhard
Widder die Stirn zu bieten und dass dieser Grünschnabel im zweiten Wahlgang
47,6 Prozent der Stimmen holte, wurde
ihm als jugendliche Unverschämtheit
ausgelegt. Aber so was trägt nicht dauerhaft. Man erwartete von ihm, sich in aller
Demut weiterzuentwickeln, im politischen Betrieb dort zu positionieren, wo
es sich für Menschen seines Alters geziemt – auf den hinteren Rängen – und
anzuerkennen, dass seine Kandidatur
frech und respektlos war und nur die Generalprobe für eine ernsthafte, für die
richtige Auseinandersetzung im Frühsommer 2007, im Alter von 37 Jahren.
Es kam alles ganz anders. Sven-Joachim Otto tat niemandem den Gefallen,
sich demutsvoll einzureihen. Er wurde
nach der Wahl CDU-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat, war plötzlich Chef
und benahm sich auch so: Arrogant und
großkotzig, nach außen und innen. Aber
er trägt nicht allein die Schuld, dass seine
eigenen Leute ihn bei der Wahl zum
Kämmerer der Stadt Mannheim im September 2004 eiskalt abservierten. Einerseits wurde er tatsächlich Opfer eines in-
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triganten Politbetriebs. Andererseits: Er
passte einfach nicht ins Raster.
Das Label „Frecher 29-jähriger Emporkömmling“ stimmte schon 1999
nicht. Warum um alles in der Welt sollte
sich ein 29-jähriger Mensch, der Universitäts-Abschlüsse in Jura und BWL, einen
Doktortitel und Berufserfahrung vorweisen kann, der sich seit Jahren ehrenamtlich und nicht nur kommunalpolitisch
engagiert, plötzlich in Demut und Bescheidenheit üben? Sein Tempo war nicht
das Tempo der restlichen Welt. Er ist zu
rasant aufgestiegen und deswegen tief,
sehr tief gestürzt.
Seinen Aufstieg und Fall hat SvenJoachim Otto vor zwei Jahren in einer
„Wallenstein“-Adaption der Gruppe
Rimini-Protokoll auf der Bühne des
Nationaltheaters zum Thema gemacht.
Das war die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit Fragen: Wie inszeniert
ist Wirklichkeit, wie real das Theater und
wie authentisch ein Politiker auf einer
Bühne, vor Publikum? Das alles geriet
allerdings in den Hintergrund, als neun
Tage nach der Uraufführung bekannt
wurde, dass Sven-Joachim Otto im Internetforum des „Mannheimer Morgen“
monatelang unter 31 verschiedenen
Pseudonymen seine Meinung zur Mannheimer Kommunal- und baden-württembergischen Landespolitik, zu Parteifreunden und politischen Gegnern kundgetan
hatte, auf mitunter unschöne Weise.
Für Otto war das zu diesem Zeitpunkt schon Geschichte, die letzten Einträge Monate alt. Für die anderen allerdings war es der Startschuss einer
öffentlichen Demontage. Der Absturz
war vorprogrammiert. „Ich war so am
Ende, wie man nur am Ende sein konnte.
Ich stand mit dem Kopf vor der Wand
und hatte zwei Möglichkeiten. In die
Wand rennen – das tut weh. Oder mich
umdrehen und schauen, welcher Raum
sich eigentlich hinter mir befindet“, sagt
Otto heute über das Jahr 2005.
Erst jetzt kann die Geschichte vorläufig zu Ende erzählt werden. Dr. SvenJoachim Otto ist 37 Jahre alt und lebt mit
seiner Familie in der Nähe von Düsseldorf. Im März 2006 hat er das Angebot
angenommen, Rechtsanwalt bei der
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers und innerhalb kurzer Zeit Partner zu werden. Einer, der es
in Mannheim nicht gepackt hat, ein Versager, der die Stadt mit wehenden Fahnen verlassen hat? Das ist Otto mitnichten. Beruflich ist er erfolgreicher denn je.
Wer ihn in Düsseldorf anruft, hat es
mit einem besonnenen und reflektierten
Gesprächspartner zu tun, der mit bemerkenswerter Distanz auf die Ereignisse der
vergangenen Jahre zurückblickt und sie
als „Beitrag zur persönlichen Weiterentwicklung“ einordnet. In den USA, erzählt
er, mache niemand Karriere, ohne einmal
im Leben persönliches Scheitern erfahren
zu haben. Ob er jungen Menschen davon
abrate, sich in der Kommunalpolitik zu
engagieren? Im Gegenteil. „Begib’ dich
mal in diese Niederungen, diese Erfahrungen sind mehr wert als alle akademischen Studien“, gibt er, der abgeklärte
37jährige, ihnen mit auf den Weg.
Morgen, bei der Mannheimer Oberbürgermeisterwahl, treten sechs Männer
gegeneinander an, drei haben eine ernsthafte Chance auf den Sieg. Sie sind Mitte
bis Ende 40, ohne nennenswerte Ecken
und Kanten, der Wahlkampf war farblos,
außerhalb Mannheims ist er kaum wahrgenommen worden und innerhalb der
Stadt auch nicht. Das ist einfach so: Alles
zu seiner Zeit.
✶ NICOLE HESS
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SCHILLER UND ICH
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Jan-Philipp Possmann und Haiko Pfost
Wann hat Schiller Sie
zum ersten Mal berührt?
Wir mussten in der Oberstufe in Deutsch
Leistung eine Interpretation über Die
Jungfrau von Orleans schreiben. Das Urteil meiner wirklich großartigen Deutschlehrerin über meinen Aufsatz war für
mich sehr motivierend: Thema verfehlt,
aber das so clever, dass es schon wieder
gut ist
Über was würden Sie
mit Schiller sprechen wollen?
Über Begeisterungsfähigkeit, darüber, an
eine Sache wie das Theater und die Kunst
so unbedingt zu glauben, wie er es tat.
Mit welchem Schiller-Text können
Sie tatsächlich was anfangen?
Mit seinen Dramen weit weniger als mit
seinen Reflektionen, seinem moralischen
Anspruch und seinem Glauben an die
Kunst. Da geht es mir wie Martin Nachbar, Ligna oder Volker Gerling, die sich für
ihre Annäherung an Schiller auch eher an
dessen theoretischen Schriften oder
Leben orientiert haben.
Was nervt Sie an Schiller?
Ich kannte ihn nicht wirklich, deswegen
möchte ich nicht leichtfertig urteilen.
Aber ehrlich gesagt: seine Lyrik.
Ralf Kirsten, Esther Potter in „Wallenstein“
Foto: Karola Prutek
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Foto: Hans Jörg Michel
Wann hat Schiller Sie
zum ersten Mal berührt?
Tatsächlich bei den Schillertagen 1997,
damals war ich Stipendiat und kam nach
den ersten Jahren in Berlin zurück in
meine alte Heimat Baden-Württemberg.
Die Reaktionen auf Frank Castorfs NachMauerfall-Räuber-Inszenierung hielt die
Leute nicht in den Sitzen, Mannheim in
Aufruhr. Wie ich viel später von einem
Mitglied des Ensembles erfuhr, war das
der beste Abend in der ganzen Aufführungsserie. Meiner war es auch.
Über was würden Sie
mit Schiller sprechen wollen?
Sicher über seine Radikalität, seine Unbedingtheit, sein exzessives Umgehen mit
dem eigenen Körper, seinen Drogenkonsum, dem er im buchstäblichen Sinne den
Geist abgerungen hat. Und darüber würden wir dann in ganz breitem Schwäbisch
sprechen und richtig schön breit!
Mit welchem Schiller-Text können
Sie tatsächlich was anfangen?
Sich mit Schiller zu beschäftigen, heißt für
mich immer schon zu scheitern und den
Mut zum nicht ganz Verstehen zu genießen, um als hilfloser Forscher auf Entdeckungsreise zu gehen. Ich kann sagen:
das waren im letzen Jahr sehr spannende
Expeditionen.
Wann werden Sie zur Bestie?
Wenn ich mich in den Quadraten verlaufe
und jeder Mannheimer, den ich in dieser
großartigen Stadtarchitektur nach dem
Weg frage, so was sagt wie: jaaa, da müsse
se davonne nochma fraage.
Was nervt Sie an Schiller?
An wem? Seiner Person? Seinem Werk?
Das sind wir wohl beim Mythos.
Jan-Philipp Possmann ist SchillertageMacher und Festivaldramaturg.
Haiko Pfost ist Schillertage-Macher
und Festivaldramaturg.
Wann werden Sie zur Bestie?
Nachts, wann denn sonst.
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VON
MÄUSEN UND ...
MENSCHEN
HIRNFOSCHERIN
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Hannah Monyer seziert Mäusehirne, liebt Musik und Literatur.
Die Professorin und ärztliche Direktorin der Abteilung Klinische Neurobiologie der Uniklinik Heidelberg ist eine der führenden Hirnforscherinnen Deutschlands und beschäftigt sich
mit Lernprozessen. Die 49-Jährige mit schwarzer Hose und
figurbetonten Oberteil wirkt modisch-stilvoll. Um die schmalen Hüften trägt sie ein buntes Tuch als Gürtel geschlungen. Die
Haare fallen ihr locker über die Ohren. Sie hält sie fest, sobald
sie spricht oder sich vorbeugt.
I
m Büro fallen als erstes die vielen Papierstapel auf, die feinsäuberlich am
Boden, auf dem Schreibtisch und
Tisch der Besucherecke verteilt sind. Die
Blumensträuße auf den Tischen sehen
mit ihren weißen Blüten nach Frühling
aus. Hannah Monyer spricht auf vielen
Kongressen, Podien und Diskussionsrunden, sie ist in Forschung und Öffentlichkeit präsent. Zwei bis drei Monate im
Jahr verbringt sie in Hotels, ist nicht nur
Wissenschaftlerin, sondern auch Botschafterin der Hirnforschung. Gerne und
oft erklärt sie, wozu ihre Arbeit gut und
dass es notwendig ist, für die Forschung
Tiere zu töten.
Fachinteressierten gibt sie einen kurzen Einblick ins Labor in den Nebenräumen ihres Büros. Dort untersuchen ihre
jungen Mitarbeiter – Doktoranten oder
Post-Graduates – am Mikroskop und
Computer Mäusehirne. Eine angehende
Medizinerin schickt gerade Stromimpulse
durch ein Hirnextrakt und dokumentiert
das Verhalten der Neuronen. Ein anderer
braucht ein frisches Untersuchungsobjekt. Er muss dazu eine Maus töten und
das Organ extrahieren.
Bei der Frage, ob sie ethische Bedenken wegen der Tierversuche habe, wird
Frau Monyer resolut: „Ich kann die
Scheinheiligkeit mancher Tierschützer
nicht ertragen. Alle Leute wollen bei
Krankheiten die beste und neueste Behandlungsmethode. Aber wie soll das
ohne vorherige Versuche an Tieren
gehen?“, fragt sie mit eindringlichem
Blick. Sie achte darauf, dass die Tiere, solange sie lebten, tiergerecht und gut behandelt würden. Rund 20.000 Versuchsmäuse gebe es an der Uni Heidelberg.
Einige seien genetisch verändert und bestimmte Schaltmoleküle deaktiviert.
Daraus, wie Mäuse sich verhalten
oder Neuronen bei Laborversuchen verbinden, können Hannah Monyer und ihre
Mitarbeiter schließen, wie Lernprozesse
im Gehirn ablaufen. Für ihre Forschungsarbeit hat sie bereits mehrere Auszeich-
Frisches Hirn
HANNAH MONYER
nungen erhalten: 1999 das Bundesverdienstkreuz, 2004 den Gottfried Wilhelm
Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie fand als erste so genannte gap junctions – kleine Kanäle,
über die die Erregungsübertragung zwischen Nervenzellen stattfindet.
Wieder im Büro erklärt sie den Nutzen ihrer Arbeit, streift sich dabei die
schwarzen Slipper von den Beinen, setzt
ein Bein auf den großen Sessel auf und
schmiegt sich gemütlich an die Lehne.
Von den Abläufen im Mäusehirn könnten die Neurobiologen auf die Funktionen des menschlichen Gehirns schließen.
„Da sind sich Mensch und Tier ziemlich
gleich, die Verknüpfungen der Gehirnzellen sind anatomisch dieselben.“
Sie verstehe nicht, sagt sie lächelnd,
warum so viele Menschen Probleme mit
dem Animalischen in der menschlichen
Natur hätten. Die ganzen vegetativen
Funktionen seien bei Tier und Mensch
dieselben. In diesen von der Natur vorgegebenen Strukturen erfolge auch das
Lernen. Beim Menschen komme natürlich noch die Ratio hinzu, die Impulse
unterdrücke. Antworten wie diese wird
Hannah Monyer wohl auch zur Frage
„Wo ist die Grenze zwischen Tier und
Mensch?“ geben, die das SWR2 Forum
am Sonntag stellt. Dort wird die Neurobiologin unter anderem mit dem Raubtiertrainer Gerd Siemoneit-Barum vom
Zirkus Barum und Verhaltensforscher
Wulf Schiefenhövel vom Max Plank Institut Andechs diskutieren.
„Ich wollte schon mit 14 Ärztin werden und wusste früh, dass ich in Richtung
Psychiatrie oder Hirnforschung arbeiten
will“, erklärt sie. Dabei wurde sie als Kind
in Rumänien auf eine Musikschule geschickt und war ein hoffnungsvolles Talent. „Ich liebe das Klavier und habe nach
einjähriger Pause gerade wieder angefangen zu spielen. Ich brauche die Musik,
vergesse beim Musizieren oder Hören
alles und empfinde ein besonderes
Glücksgefühl.“ Doch Berufsmusikerin
wollte sie nicht werden. „Das hätte noch
Fotos: Sabine Demm
mehr Arbeit bedeutet als jetzt“, sagt die
Forscherin, in deren Alltag Zehn- bis
Zwölf-Stunden-Tage keine Seltenheit sind.
1976 floh sie mit 17 aus Rumänien
und machte in Heidelberg das Abitur, studierte Medizin und schrieb ihre Doktorarbeit zum Thema „Das Phänomen Eifersucht bei Marcel Proust und in der
Psychiatrie seiner Zeit“. Auch die Umsetzung psychologischer Themen in der Literatur zählen zu den Interessengebieten der
Wissenschaftlerin, die sich täglich mit
einer Stunde Laufen oder Pilates fit hält.
„Unsere Forschung am Tiermodell
gewährt nur einen beschränkten Zugang
zur Welt.“ Die Geisteswissenschaften
hingegen stellten das Leben in seiner Gesamtheit dar. Grundsätzlich würde es
genügend Schnittmengen zwischen den
Geisteswissenschaften und ihrer Forschung geben. Bereiche, in denen das
nicht der Fall sei, müsse man ganz einfach akzeptieren. Dass sie das wirklich
tut, fällt nicht schwer zu glauben.
✶ SABINE DEMM
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EINE DRAMATIK DER STILLE ODER DES EXZESSES
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Wenige Epochen waren für das argentinische Theater so wichtig wie die frühen Neunziger Jahre. In dieser Zeit tauchten
Namen auf, die bis heute Schlüsselpositionen einnehmen:
Alejandro Tantanian, Daniel Veronese, Rafael Spregelburd, Luis
Cano, Javier Daulte und die Gruppe „El Periférico de objetos“.
I
n Anbetracht dieses Panoramas sahen
wir Kritiker uns in der schwierigen
Aufgabe, das nicht zu Katalogisierende zu katalogisieren, das Unfassbare
zu fassen. Nach langen flüchtigen Versuchen konnten wir allerdings doch verstehen, dass das Charakteristikum, das diese
Gruppe von Kreativen zusammenhielt,
darin bestand, dass es eben keine Möglichkeit gab, sie in Gruppen zu fassen.
Jeder einzelne von ihnen verlangte ein eigenes Paradigma der Lektüre. Die einzige
Option ist, das hohe Niveau von Individualisierung zu akzeptieren, die unser
Theater hervorgebracht hat, und dass
man sich mit jedem Autor, jedem Regisseur, jedem Stück einzeln befassen muss.
In diesem Panorama ist Alejandro
Tantanian vor allem ein gefräßiger Leser
und unterhält eine im Vergleich zu seinen Altersgenossen ganz eigentümliche
Verbindung zur Historie: Er ist ein Usur-
pator, der von der Lyrik kommt und Gedichte schreibt, die fähig sind, sich in
Dramen zu verwandeln. Er betreibt ein
Spiel mit der Sprache und ist immer seinen eigenen Weg gegangen, im Formalen
ebenso wie im Thematischen, was ihn
den Unbilden der Witterung so stark ausgesetzt hat wie einen Schiffbrüchigen.
Tantanian ist ein passionierter Leser
aller Arten von Biografien. Und natürlich
bleiben Lektüren nicht ohne Einfluss.
Mehr noch: Ein großer Teil seines Werks
baut auf dem Leben der Großen der Geschichte auf, aber nicht mit der eitlen Illusion, er könne ihr Leben reflektieren
oder reproduzieren, sondern mit der
festen Vorstellung, sich diese Biografien
anzueignen, um sie zu Gefährten seines
eigenen Lebens zu machen. Er schreibt
im Bewusstsein, Teil eines Netzwerks zu
sein. Mit der Sprache unterhält er keine
„adamische“ Beziehung, als sei er ein
„LA LIBERTAD/FREIHEIT“ 16., 17., 18. Juni 20.00 Uhr
Foto: Ernesto Donegana
sprachlicher Urvater, sondern er fühlt
sich als Teil eines diskursiven Kreislaufs,
in dem er weder der erste noch der letzte
ist, und innerhalb dessen er brillante Lebensgefährten finden kann: Melville, Dostojewski, Flaubert oder Monteverdi,
unter vielen anderen großen Namen. All
seine Stücke haben jene Gefährten, die
das Wort ergreifen, nicht zu Beginn, auch
nicht nach ihm, sondern sie sind da, um
reinterpretiert zu werden, ausgehend
von jenen Worten, die er sich aneignet,
um zu addieren, um weiterzuleben.
✶ FEDERICO IRAZÁBAL
Federico Irazábal ist einer der
führenden Kritiker und Theatertheoretiker Argentiniens. Sein Text zu
Alejandro Tantanian erscheint demnächst. Irazábal erlaubt freundlicherweiße den Vorabdruck.
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BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM
Foto: Hans Jörg Michel
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AUFTRAGSWANDERN
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E
s ist ein sonniger Samstagmorgen,
der erste schöne Tag seit langem.
Ich treffe Volker Gerling in der Jugendherberge Worms, seiner vorletzten
Station auf dem Weg nach Mannheim.
Schwer bepackt, mit einem großen,
schweren Wanderrucksack und Bauchladen kommt er die Treppe runtergeschlendert. Das Ding vor seinem Bauch
ist eine einfache Konstruktion aus einem
Ledergurt und Küchentablett. Er lacht
mich an, ist gut gelaunt. „Endspurt“, sagt
er „nur noch nach Oggersheim und dann
ist es schon fast geschafft“. Die heutige
Etappe werde ich mit ihm gehen. Sonst
war Volker Gerling stets allein auf Schillers Spuren unterwegs. Weit über 200 Kilometer stecken ihm schon in den Beinen, doch er lässt sich nichts anmerken.
Im Gegenteil. Als hätten wir nur einen
kurzen Spaziergang vor uns, eilt er los,
wach und mit griffbereiter Kamera.
Volker Gerling ist Daumenkinograph. Die Motive für seine Daumenkinos sucht er nicht, sie finden ihn. Angelockt durch seinen Bauchladen kommen
immer wieder Menschen auf ihn zu, erzählen ihm ihre Geschichte, füttern ihn
mit Eindrücken. Manche von ihnen sind
auf der Flucht – wie Schiller vor 225 Jahren, als er interessanterweise von Stuttgart über Frankfurt und Worms nach
Mannheim wanderte. Gerling hat Schillers Werke gelesen und Aufführungen gesehen, doch all dies löst nicht annährend
Der Daumenkinograph Volker Gerling ist zu Fuß unterwegs, trifft
Menschen, bannt sie im Bild und kehrt mit seiner Daumencinematographie an die Anfänge des Kinos zurück. Neulich wanderte er auf der Fluchtroute Schillers von Stuttgart nach Mannheim. Auf der letzten Etappe begleitete ihn Moritz Hummrich.
Foto: Hans Jörg Michel
so viel in ihm aus, wie die Wanderung.
Schiller floh um frei zu sein, Schreiben
zu können. Volker Gerling wandert, um
frei zu sein. Ungebunden, entgegen der
Konventionen findet er neue Ideen und
Motive. Den Mut des jungen Schiller bewundert er. Aufzubrechen, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt, sein Leben
seiner Passion, dem Schreiben, widmen,
gegen allen Widerstand und Skepsis.
Die Skepsis, die einem Aufbrechenden entgegen schlagen kann, kennt er.
Als er vor Jahren mit seinen Daumenkinos anfing, erntete er verwunderte
Blicke. Ein technischer Rückschritt,
meinten viele seiner Kommilitonen von
der Filmhochschule Babelsberg spöttisch.
Für ihn war es ein Fortschritt: Er ist Regisseur und Kameramann zugleich und
hat einen wundersamen Weg gefunden,
die Flüchtigkeit des Augenblicks einzufangen und Geschichten zu erzählen. Auf
seinem Bauchladen trägt er eine Wanderausstellung mit Dauemenkinos eines
Stummfilms von 1923 über Schillers Jugend. Zur Uraufführung seines Stückes
während der Schillertage will er diesen
Daumekinos Portraits von Menschen entgegen stellen, die ihm während seiner
Auftragswanderung begegneten. Und er
will anhand der Daumenkinos, kleiner
Videos und Fotos seine Erlebnisse auf
Schillers Fluchtroute erzählen.
Schiller floh mit seinem Freund Andreas Streicher, auf dessen Reiseerzäh-
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lung Volker Gerling sich bei der Wahl seiner Route stützte. Dann ging es los. Der
Daumenkinograph war allein unterwegs,
aber nicht einsam. Er telefonierte täglich
mit seiner Freundin und den beiden Kindern, das jüngste gerade mal vier Monate
alt. Auch sonst vermisst er nichts. Alles
was er braucht trägt er auf dem Rücken:
Ein Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte,
zwei Paar Hosen, zwei Hemden, Unterwäsche, Socken, Waschzeug und Proviant. Am Gürtel trägt er die Kameras:
Eine, die mit Hilfe eines Motors alle drei
Sekunden ein Bild schießt – einen ganzen Film, sechunddreissig Bilder in zwölf
Sekunden. Mit der anderen Kamera fertigt er Selbstportraits und fotografiert
Menschen beim Betrachten seiner
Werke.
Auf unserer Etappe allerdings drückt
er nur selten ab, macht ausschließlich
Selbstportraits. Daumenkinos sind die
Ausnahme, erzählt er. Auf seiner ersten
Reise von Berlin nach Basel entstanden
in zwei Monaten nur vier. Tage wie der
heutige gehören zur Regel. Verloren sind
sie trotzdem nicht, er genießt jeden und
schießt viele Bilder – im Kopf. Kurz nach
unserem Start in Worms laufen wir über
einen Markt. Eine Marktfrau wird auf
uns aufmerksam, winkt uns her und
schenkt jedem ein Stück Kuchen. Mit
großen Augen sieht sie sich die Wanderausstellung an. Ein Moment der überra-
schend selten vorkommt. Die meisten
Menschen blicken Volker Gerling nur
staunend an, trauen sich aber nicht,
näher zu kommen. Am Rhein entlang
und durch die Felder in Richtung Oggersheim sind die Wege fast menschenleer. Es bleibt viel Zeit sich zu unterhalten.
Volker Gerling ist ein faszinierender
Mensch, ein Künstler, der es schafft, mit
seinen Geschichten in den Bann zu ziehen. Am frühen Abend kommen wir
nach Oggersheim. Das Schillerhaus ist leider schon geschlossen und Gerling ein
wenig enttäuscht. Er hat einen Pilgerort
voller Menschen erwartet, nicht ein kleines Stadtteilmuseum. Auch Oggersheim
kann seine Erwartungen nicht erfüllen.
Bleibt noch das kühle Schillerbier, das
uns für unsere Strapazen belohnt. Immerhin waren das gut und gerne fünfundzwanzig Kilometer. An der Tür seiner
Gastfamilie, an der das große Bild einer
Schillerbüste hängt, nehme ich Abschied
von Volker Gerling. Es war ein spannender Tag voller Geschichten mit dem weltweit einzigen Daumenkinographen. Vor
allem aber nehme ich eine wichtige Erkenntnis mit: Wenn Schillers Beine nach
der ersten Etappe ebenso geschmerzt hätten wie meine, müssten wir heute wohl
auf „Kabale und Liebe“, den „Fiesko“
und Co. verzichten.
✶ MORITZ HUMMRICH
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»ICH LOTE GRENZEN AUS«
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-Iller 17., 18. Juni 18.30 Uhr
Foto: Thomas Plischke
Er ist Choreograf und Tänzer. Für die Schillertage beschäftigt
Martin Nachbar sich mit Schillers „Ueber den Zusammenhang
der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ und
erforscht tänzerisch Erscheinungsformen des kranken Körpers.
Ihr Stück heißt „Iller“. Warum?
Nachbar: Ein Ausgangspunkt des
Stückes ist Schillers Doktorarbeit. Der
zweite ist die Tatsache, dass Schiller seine
Arbeiten als kranker Mensch schrieb. Er
hatte Tuberkulose. Mit dem Titel „Iller“
wollte ich das Fragmentarische ausdrükken, das in diesem Kranksein zum Ausdruck kommt. Auch die Verbindung zwischen Körper und Geist, die weder zu
Schillers Zeit noch heute genau verortet
ist, spielt für mich eine Rolle. Und „Iller“,
auf englisch gelesen, ist die Steigerung
von „ill“, also krank.
Worüber hat der Mediziner Schiller
in seiner Doktorarbeit geschrieben?
Nachbar: Er versucht, das alte LeibSeele Problem zu verhandeln und will
die Pole versöhnen. Für ihn besteht der
Mensch aus Körper und Geist in inniger
Verstrickung – und das zur Zeit der Aufklärung, wo es immer stark um die Teilung von Körper und Seele ging. Das
Interessante ist, dass er das nicht medizinisch verortet. Er bringt Beispiele aus
dem Theater. Dort sind Körper und Geist
zum Beispiel verbunden, wenn ein
Schauspieler eine Stunde lang mit Krämpfen auf dem Bett liegt, nachdem er eine
Rolle gespielt hat. Dass die geistige Arbeit
der Rolle solch eine Auswirkung auf den
Körper hat, ist für Schiller ein Beweis inniger Verstrickung.
Foto: Hans Jörg Michel
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Ist das Kranke und Fragmentarische
nicht ein unüberbrückbarer Widerspruch zur Idee des Tanzes, in dem
es um den gesunden Körper geht?
Nachbar: Wenn man Tanz als virtuose Überwindung der Schwerkraft sieht,
dann ja. Aber der Tanzbegriff ist weit,
deshalb sehe ich keinen Widerspruch.
Man kann mit dem Körper vieles zum
Ausdruck bringen, auch den kranken
Körper. Wobei ich auch viel Sprache benutze und das Stück deshalb eine „choreografische Annäherung“ nenne.
Mussten Sie eigene Grenzen ausloten, bevor sie dieses körperliche
Extrem darstellen konnten?
Nachbar: Klar, körperlich und auch
gedanklich. Ich arbeite zwar nicht bis
zum Umfallen. Wenn man zu weit geht,
nimmt man nicht mehr richtig wahr, was
passiert, und das ist nicht produktiv. Aber
vor allem in der Recherche gehe ich an
Grenzen. Ich lote Grenzen aus, bis sie
innerhalb meiner Grenzen liegen.
Was können wir von Schiller über
das körperliche Leid lernen?
Nachbar: Schwer zu sagen. Wovon
er in seiner Doktorarbeit schreibt, hat zumindest längst Eingang gefunden in die
Wissenschaft, etwa in die Psychosomatik.
Auf jeden Fall kann man von Schiller lernen, dass man todkrank und trotzdem
produktiv sein kann.
Welche Erkenntnis steht für Sie am
Ende der Auseinandersetzung mit
Schiller?
Nachbar: Was ich von Schiller noch
nicht wusste, ist, dass er das Theater als
einen Ort gefasst hat, in dem der Mensch
Erkenntnisse über sinnliche Erfahrungen
gewinnen kann. Er sieht das Theater fast
als utopischen Ort. Ich sehe das ganz
ähnlich: Das Theater als utopischer Ort,
an dem der Mensch über die sinnliche
Erfahrung eine gewisse Freiheit erlangen
kann, das finde ich spannend. Nur dass
Schiller mit Worten arbeitet und ich mit
dem Körper.
✶ Gespräch: MONI MÜNCH
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Fotos: Corrado Costarelli
D
er Abend ist lau und im Foyer
der Seebühne im Luisenpark
sammeln sich die Leute. Heute
abend gibt es die Premiere von „Pimp the
City“. Plötzlich laufen Polizisten durch
die Szenerie. Einer spricht in’s Gerät
„Wir treiben sie jetzt hinein.“ Die Vorstellung kann beginnen. Denkste! „Bahne
dir deinen Weg durch den Behördendschungel!“ heißt die Ankündigung am
Eingang. Man muss vorbei an schwingenden Peter Hartz-Sandsäcken. Kaum
haben sich die Leute durchgeboxt, rennt
ein Mann schreiend in den Zuschauerraum und wird von den Polizisten abgeführt. Er heißt Norbert Leklou ist Lebenskünstler und Hartz IV-Empfänger.
Gleich zu Beginn der Vorstellung läuft er
durch Mannheim auf der Suche nach Arbeit, ein kleines Reclam-Heftchen in der
Hand, Schiller rezitierend.
Theater soll Hartz IV-Empfänger aus
dem Loch des Alltags reißen. Sie sollen
die Stadt aufmotzen. Das einzige was
fehlt, ist eine Mannschaft. Also macht Leklou sich mit einem Mini-Schlauchboot
auf in den Untergrund und trommelt sieben Gefolgsleute zusammen. „Nach unserem letzten Projekt“, erklärt Volker
Bürger, „haben wir uns überlegt, den
Menschen zu zeigen, dass genug Arbeit
für jeden da ist.“ Aus den vielen Bewerbern, die auf einen Aufruf reagiert haben,
wurden acht ausgesucht. Ein wichtiges
Kriterium: Keine Theatererfahrung.
„Da besteht die Gefahr, dass die Auserwählten sich Hoffnungen machen, im
Theater einen Job zu bekommen. Das
allerdings können wir als Theater nicht
leisten“, sagt Volker Bürger. Dann ging
die Arbeit los. Man machte Mannheimer
Problemzonen aus. Jeder Teilnehmer
brauchte eine Pimpstelle wie die „Todeskurve“ im Jungbusch, an der schon Menschen verunglückt sind: Ein Fall für Philipp Hardaway, dessen Traumberuf Koch
oder DJ ist, und der durch Stress anfing,
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PIMP DAS THEATER
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Todeskurven, vermoderte Spielplätze, Menschen, die nicht wissen wohin: Mannheim ist nicht überall optimal. „Pimp the City“
nimmt sich der Probleme an. Acht Hartz IV-Empfänger wollen
die Stadt aufmotzen. Unter der Regie von Simon Solberg und
tätiger Anteilnahme des Dramaturgen Volker Bürger werden
die Aktionen gefilmt und in eine Form gebracht. Man erfährt
nicht nur, was sich seit April getan hat, sondern wird auch zum
Voyeur temporärer Hartz IV-Empfänger.
Kletterparadies verwandeln. Auf Anfragen wurde ihnen ein Platz auf der Schönau zugewiesen. Im Film, der das Projekt
der beiden dokumentiert, zeigt Andreas
Schweizer auf eine kleine Hütte: „Das ist
nichts für Kinder. Meinen Hund würde
ich da nicht reinstecken.“ Ein Modell für
den neuen Platz haben sie bereits entworfen und gebaut. Es soll ein Piratenschiff werden. Geld und Sponsoren fehlen noch.
Und dann wären da noch die anderen, die etwas auf die Beine stellen
wollen. Birgit El-Aissaoui etwa rief die
„Stiftung Birgittest“ ins Leben und kundschaftet als „Prof. Dr. Dr. Birgit“ die Stadt
nach Angeboten für Menschen mit Geldsorgen aus. Matthias Michaelis sorgt
dafür, dass auch ärmere Menschen in
Mannheim kulturelle Einrichtungen nutzen können. „Pimps Giving“ heißt die
Aktion, die es Bedürftigen bis August ermöglicht, kostenlos in Theater, Kino oder
Museum zu gehen. Der siebte im Bunde,
Sinan „Babbelnet“ Ozan, bringt mit seinen Kumpels Schillers „Der Verbrecher
aus verlorener Ehre“ in einer Breakdance-Show auf die Bühne. Alle Aktionen müssen natürlich auch dokumentiert
werden. „L’Occhio“ – das Auge – nennen
sie ihn nur: Zu gerne wäre Corrado Costarelli Pressefotograf.
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Drogen zu nehmen. Seine Problemzone
„Todeskurve“ ist ein Fahrradweg, der
plötzlich auf der B44 endet.
Dass da Radfahrer plötzlich auf
einer Bundesstraße unterwegs sind, ohne
es zu bemerken, forderte bereits Opfer:
Eine Frau wurde von einem LKW überfahren; die Stadt allerdings reagierte wochenlang nicht, bis plötzlich ein Polizist
aus Pappe dort stand und ein Schild vor
den Radlern warnte. Und tatsächlich: Der
Verkehr wurde ruhiger. Die Freude
währte allerdings nicht lange. Eines Tages
waren der Polizist und das Schild verschwunden. Autorisierte Ordnungshüter
hatten beides abmontiert und sofort ging
es wieder rasanter zu. Inzwischen allerdings hat die Stadt ein Einsehen: Seit einiger Zeit warnt wieder ein Schild und
der Pappkamerad ist in einem Schaufenster aufgetaucht.
So weit sind Norbert Leklou und
Andreas Schweizer noch nicht. Sie wollen einen langweiligen Spielplatz in ein
LYDIA DARTSCH
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BESTIE PREKARIAT
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Vor ein paar Tagen saß meine Mitbewohnerin L. weinend am
Küchentisch. Sie hatte einen dieser kurzen, knackigen DavidLynch-Momente. Einer dieser Momente, in denen alles sich neu
sortiert. L. ist Teil einer Generation, die sich selbst den Namen
„Prekariat“ gegeben hat, eine Generation, die in einem ständigen Provisorium lebt.
A
rbeit, Liebe, Freizeit, alles zeitlich
begrenzte Projekte um ein viel
größeres Projekt zu realisieren:
Das Lebensprojekt. L.’s Arbeitsprojekt
überlappte sich mit einem Liebesprojekt,
das Freundesprojekt verlangte Aufmerksamkeit, die das Freizeitprojekt gerade
nicht hergab. Das fragile Arrangement
ihres Lebensentwurfes war ins Wabern
geraten. „Die Zeitschrift Neon ist das
Zentralorgan dieser Generation“, analysierte die „Tempo“, und „die Lounge ist
ein Dauerzustand, alle sind irgendwie kritisch, aber auch irgendwie angepasst“.
Die „Tempo“ nannte das Phänomen
„Eigentlichkeit“. Nach dem Label „Prekariat“ bekamen verschiedenen Ausformungen noch wohlklingende Namen wie
„Urbane Penner“, „Digitale Boheme“.
Das Ganze hatte etwas mit Latte Macchiato zu tun und war ungefährlich.
Was die Beobachter bis jetzt allerdings vergessen haben, ist, dass die
Eigentlichkeit nur die menschliche Komponente des Prekariates ist. Die bestialische Komponente blieb weitgehend unbeachtet. Folgt man Google, so ist die
berühmteste Bestie die „Bestie von
Gévaudan“, die zwischen 1764 und
1767 in Südfrankreich rund hundert
Menschen tötete. Zugeben, dabei handelte es sich mutmaßlich um einen Wolf.
Den zweiten Google-Treffer belegt ein
Buch namens „Bestie Mensch“ von Thomas Müller, österreichischer Gerichtsmediziner. Das Buch handelt von seinen
ekelhaftesten Fällen. Bestien und Mörder
werden ohne Zögern gleichgesetzt.
Das Label „Bestie“ ist zwar beängstigend, ein Tier ist unberechenbar und gefährlich. Andererseits aber ist es auch beruhigend: Dies sind Bestien, ich bin es
nicht. Die Bestie ist mit dem Wort bezwungen. Thomas Müller zitiert George
Bernhard Shaw, der sagt, dass jeder
Mensch zum Mörder werden kann, also
auch jeder Mensch zur Bestie, und sei es
nur für den Moment des Mordes selbst,
den irrationalen Augenblick, der den
Menschen zum Tier macht: Die kurzen,
knackigen David-Lynch-Momente.
Bestie ist ein Label für alles, was unberechenbar, kraftvoll und gefährlich ist.
Das Prekariat befindet sich noch nicht in
dieser extremen Variante der Bestialität,
eher in einer Vorstufe: Noch hat sich die
Bestie nicht gezeigt. Was George Bernhard Shaw auch meint, ist, dass die Bestie in jedem von uns verborgen ist und
nur auf die richtigen Umstände wartet zu
erscheinen. Beim Prekariat hat es den
Anschein, als würde dieser Moment nie
kommen: Eine breite Basis, die weder
Geld hat noch Zukunft, sich von Provisorium zu Provisorium hangelt, genug
Gründe für einen Befreiungsschlag, oder
wenigstens ein paar ernstgemeinte Forderungen an die Verantwortlichen. Dabei
ist genau das schon die bestialische Ausformung. Wenn die „Tempo“ sagt, dass
das Prekariat aus „Jeinsagern“ besteht, ist
das ähnlich wie die Behauptung, Pop der
80er wäre unpolitisch. Stimmt schon, hat
aber Gründe.
Genau wie die Musik der 80er durch
die Abwesenheit von Politik ein politisches Statement machte, ist die „Eigentlichkeit“ nichts als eine Verteidigungsstrategie gegenüber einer Welt, die dem
Prekariat aus den Medien bekannt ist. Es
weiß, dass Protest, Politik nicht viel bringen, dass Aufstände zum Scheitern verurteilt sind. Das ist nicht seine Stärke. Es
hat ausreichend ferngesehen um zu wissen, dass man mit den fifteen minutes of
fame nicht viel erreicht. Es ist gerade die
„Eigentlichkeit“, welche die Stärke des
Prekariates ausmacht: Anpassen. Erdulden. Lächeln. Trotz widriger Umstände
immer irgendwo Geld für den Latte herbekommen.
Das Prekariat ist eine Masse, die gelernt hat, sich an der Basis der Gesellschaft elegant zu bewegen. Die sich
durchlaviert und so angepasst ist, dass sie
überall sitzt, überall ihre Praktikanten,
Start-Upper, Kleinstkulturschaffenden
und Laptop-Caféhäusler hat, eine Massenbewegung, welche die Medien von
unten infiltriert hat. Eine Generation, die
mit dem Computer geboren wurde, die
sich so gut in der Medienwelt auskennt,
die sich so traumwandlerisch sicher im
Internet bewegt, dass sie ihre Stärke hinter medialen Etiketten verstecken kann.
Eine Generation, die sich langsam aber
sicher ihrer eigenen Existenz bewusst
wird und begreift, dass irgendwas schief
läuft.
Wie die Bestie aussieht, wenn sie
ihre Zähne zeigt, weiß man immer erst
im letzten Drittel des Films. Bis dahin
sind ihre wichtigsten Fähigkeiten Geduld
und Tarnung. Die Bestie zeigt sich erst,
wenn es zu spät ist. Der David-LynchMoment. Das haben wir von Hollywood
gelernt, und wir warten darauf. Am nächsten Tag lächelte L. übrigens wieder. Jemand nettes aus dem Freizeitprojekt
hatte es ins Liebesprojekt geschafft.
✶ JAN FISCHER
AUGUSTO PINOCHET, 1915–2006,
Jurist, Militärdiktator.
Mit Folter, Mord und Massenverhaftungen zerschlug er nach
1973 in Chile die Demokratie.
Bild: ERNST VOLLAND
„12 Apostel“
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BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM
SPIELPLAN SAMSTAG 16.06.07
✶ AB 14.00 ✶
✶ AB 17.00 ✶
14:00 Unteres Foyer PREMIERE
17:00 Oberes Foyer
KARNEVAL DER TIERE (UA)
LIGNA
€ 5,– / 2,50
SCHILLER ON AIR
SWR FORUM
€ 15,– / 2,50 / frei in Verbindung
mit Vorstellungsbesuch
✶ AB 19.00 ✶
✶ AB 18.30 ✶
✶ AB 22.00 ✶
✶ AB 22.30 ✶
19:00 Opernhaus PREMIERE
EDOUARD LALO FIESQUE (UA)
Nationaltheater Mannheim
PREISE A
20:00 Schauspielhaus
MARIA STUART
Nationaltheater Mannheim
PREISE G
anschließend Publikumsgespräch
20:00 Probenzentrum Neckarau
22:00 Großmarkt Mannheim
22:30 Unteres Foyer/Theatercafé
ALEJANDRO TANTANIAN
LA LIBERTAD / FREIHEIT (UA)
Cia Pablo Soler – Argentinien
€ 13,– / 8,– PREMIERE
PENSION SCHILLER
DIE PILOTFOLGE (UA)
Drama Köln
€ 13,– / 8,–
SCHILL-OUT
mit WAIKIKI BEACH BOMBERS
und MINI MOUSTACHE
Eintritt frei!
SPIELPLAN SONNTAG 17.06.07
✶ AB 14.00 ✶
✶ AB 17.00 ✶
✶ AB 18.30 ✶
17:00 Oberes Foyer
18:30 Studio Werkhaus PREMIERE
SCHILLER ON AIR
SWR FORUM
€ 15,– / 2,50
frei in Verbindung
mit Vorstellungsbesuch
-ILLER
Martin Nachbar
€ 13,– / 8,–
18:30 Jungbuschstraße 19 PREMIERE
SCHWEREPANZER-FLÜGELKLEID
GZ-Jungbusch/Creative Factory
Eintritt frei!
✶ AB 19.00 ✶
✶ AB 22.00 ✶
✶ AB 22.30 ✶
19:30 Schauspielhaus
22:30 Unteres Foyer/Theatercafé
KABALE UND LIEBE
Nationaltheater Mannheim
PREISE G anschließend Publikumsgespräch
SCHILL-OUT
mit THE BUSTERS
und MINI MOUSTACHE
Eintritt frei!
20:00 Probenzentrum Neckarau
ALEJANDRO TANTANIAN
LA LIBERTAD / FREIHEIT (UA)
Cia Pablo Soler – Argentinien
€ 13,– / 8,–
anschließend Publikumsgespräch