Laudatio für Rim Banna anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd

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Laudatio für Rim Banna anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd
Laudatio für Rim Banna anlässlich der Verleihung des
Ibn Rushd Preises 2013
Von Erik Hillestad, Musikproduzent und Lyriker, Norwegen
Meine erste Begegnung mit Rim
Ich traf Rim Banna vor elf Jahren zum ersten Mal. Es war im Jahr 2002, ich reiste
durch Palästina. Die Welt war scheinbar im Begriff, eine neue Ebene des
Antagonismus zwischen Ost und West zu erklimmen, deutlich gefördert von unklugen
Staatsmännern wie George W. Bush. Er bezeichnete einige Nationen als 'Achse des
Bösen', und ich war bis auf den Grund provoziert von seinen Worten. Ich beschloss,
das Gegenteil von dem, was er vorschlug, zu tun. Ich wollte keins der
wahrscheinlichen Mitglieder dieses ehrenhaften Clubs des Bösen fürchten. Ich wollte
sie besuchen, eines nach dem anderen, um Schlaflieder zu sammeln. Mein Ziel war
es, das Projekt der 'Lullabies from the Axis of Evil', Schlaflieder von der Achse des
Bösen, durchzuführen.
Es war kurz vor Weihnachten, und ich fuhr die Hügel rund um die Stadt
Nazareth hinan, zusammen mit dem Direktor des Nationalen Musikkonservatoriums
in Palästina, Herrn Suhail Khoury, der seit 1992 mein Freund war. Er sagte mir, dass
wenn ich auf der Suche nach Kinderliedern sei, Rim Banna die beste Wahl wäre. Ich
hatte nie von Rim gehört und daher keine besonderen Erwartungen.
Das Treffen wurde jedoch zu einem entscheidenden Moment für mich. Ich saß
in Rims Schlafzimmer, dem einzigen ruhigen Ort in der kleinen Wohnung der
Familie, und sie begann 'Ya lel ma atwalak' zu singen, ein Schlaflied, das eine
Geschichte erzählt, die die Geschichte des palästinensischen Volkes reflektiert.
Ich hatte in keiner Weise die Kraft der Schönheit, der Trauer und der Sehnsucht
erwartet, die mich umgab, sobald Rim zu singen begann. Tränen stiegen mir in die
Augen, und ich begriff, was für eine wunderbare Stimme und Vertreterin Rim für ihr
Volk war. Ich würde gerne jetzt diese Aufnahme aus dem Schlafzimmer anhören, die
später in Norwegen von norwegischen Musikern und Sängern unterstützt und
ausgeschmückt wurde, die die Originalaufnahme aus Nazareth benutzten, und Rims
Lied mit ihren Klängen einrahmten.
Abspielen des Liedes “Ya lel ma atwalak” (Ein palästinensisches Schlaflied)
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Ihre Platten, ihre Konzerte
Schon ein Jahr nach unserer ersten Begegnung arbeiteten Rim und ich an zwei
Projekten zusammen. Eins war eine Weihnachtsplatte mit einem norwegischen Chor,
das andere Rims erstes international veröffentlichtes Soloalbum 'Mirrors of my Soul',
für das Rim eigene Melodien zu Gedichten komponiert hatte, von denen viele aus der
Feder ihrer Mutter Zuhaira Sabbagh waren. Dies war der Beginn einer
langanhaltenden Zusammenarbeit, durch die Rim eine neue Plattform zur
Kommunikation mit der arabischen Welt aufbauen konnte und die Schönheit und
Stärke ihrer Stimme und ihrer Lieder zeigen konnte. Aus dem besetzten Palästina die
arabische Welt zu erreichen, war nicht einfach. Von Norwegen aus war es zumindest
einigermaßen möglich, und Rims Lieder wurden von EMI Arabia in Dubai und einem
wichtigen Großhändler in den USA vertrieben. Danach brachte sie drei weitere
Soloalben heraus und wirkte an Projekten mit Künstlerinnen und Künstlern aus
verschiedenen anderen Ländern der Welt mit. Ihr jüngstes Album namens 'Revelation
of Ecstacy and Rebellion', zeigt klassische arabische Sufi-Lyrik in einer völlig neuen
musikalischen Ausdrucksweise, zusammen mit dem international bekannten
norwegischen Jazzpianisten Bugge Wesseltoft und anderen Musikern aus Tunesien,
Palästina und Norwegen.
Über konventionelle Verteiler und über Internetseiten wie YouTube und
soziale Medien hat sie es geschafft, ihre Musik weltweit zu verbreiten, und bekommt
so heute Fanmails und Nachrichten von Freunden und Bewunderern aus vielen
Ländern in beiden Hemisphären.
Ihre Rolle als starke Stimme für das palästinensische Volk
Im Westen haben wir eine lange Tradition der Doppelmoral. Wir wollen uns der zum
Opfer gemachten 'gerechten und unserer Achtung werten Bedürftigen' annehmen.
Aber wir wollen auch die Welt beherrschen und skrupellos unsere eigenen Interessen
verfolgen. Dies führt dazu, dass wir den armen Opfern über unsere vielen NGOs
Almosen zukommen lassen, und gleichzeitig unser Bestes tun, eine Politik zu
betreiben, die den Weg vieler Länder in die Freiheit, die Demokratie und den
Wohlstand unterminiert.
Was Rim so herausfordernd in dieser Hinsicht macht, ist dass sie die Rolle des Opfers
in keiner Weise erfüllt. Die Schönheit und die Stärke ihrer Stimme zwingen uns, zu
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verstehen, dass das palästinensische Volk voller Stolz und Kraft ist, und über ein
umfangreiches Erbe und eine große Identität verfügt. Aus diesem Grund ist Rim solch
eine wichtige Sprecherin für die Sache ihres Volkes und für ihr Volk.
Hier ist ein Beispiel von ihrer letzten CD:
Abspielen des Liedes “The Absent One” (ein Gedicht von Rashed Hussein)
Ihr furchtloser Kampf gegen die israelische Besatzung
Ihre ganze Karriere hindurch hat Rim mit Entschiedenheit und Nachdruck über die
israelische Besatzung ihrer Heimat gesprochen. Sie hat viele furchtlose Schritte
unternommen, um sich den Rahmenbedingungen und Begrenzungen zu widersetzen,
die der Staat Israel den Palästinensern aufzwingt.
Sie empfindet eine tiefe Zuneigung für ihr Publikum in vielen Ländern, besonders
aber für die Menschen, die unter der Bürde der Besatzung in der West Bank, in Gaza
und in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer leben. Viele Male hat sie trotz
Verbots die Flüchtlingslager im Westjordanland besucht, um für die Kinder dort zu
singen, und hat verschiedene Konzerte unter sehr schwierigen Bedingungen gegeben,
sogar unter dem Risiko, von israelischen Soldaten verhaftet, verletzt oder schikaniert
zu werden. Gaza durfte sie noch nie besuchen. Aber sie schaffte es, dort ein Konzert
für ein Publikum von 500 zu geben, indem sie eine Fernsehübertragung aus ihrem
Haus einrichtete. Das Publikum konnte sie in einem Veranstaltungsort in Gaza City
auf einem großen Bildschirm sehen, und Rim konnte das Publikum live auf einem
Bildschirm bei sich zu Hause sehen. Sie und ihr Publikum konnten sogar zeitgleich
gemeinsam rufen 'Wir können die Belagerung durchbrechen!'
Ihre Beziehung zur arabischen Welt
Durch ihre Lieder und ihre Platten, aber auch durch viele Konzerte und Festivals ist
Rim zu einer Ikone der Musik in der arabischen Welt und anderswo geworden. Sie
spürte und verstand bereits frühzeitig den revolutionären Geist, der in den arabischen
Ländern wuchs, und der sich Anfang 2011 in massiven Demonstrationen Bahn brach.
Sie reiste nach Tunesien und Ägypten, um dort spontane Konzerte in den Straßen und
auf den Plätzen zu geben, und so ihre Unterstützung zu bekunden. Für die Menschen
im Libanon trat sie über Skype auf, und bereits zu Beginn des Aufstands in Syrien
drückte sie sehr klar ihre Unterstützung aus, und wurde dafür von Anhängern des
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syrischen Regimes heftig angegriffen. Und manchmal sang sie ohne irgendetwas
außer ihrer eigenen, unbegleiteten Stimme als Mittel der Kommunikation zu
Tausenden auf den Plätzen von Tunis und Kairo.
Für mich persönlich ist es stets verblüffend gewesen, wie Türen sich auftaten in
Ländern wie Libanon, Ägypten, Syrien und Tunesien, nur dadurch, dass ich Leuten
erzählte, ich sei der Produzent von Rim Bannas Platten. Es ist eine eindeutige und
offensichtliche Tatsache, dass sie sehr respektiert und geschätzt wird als eine der
wichtigsten Freiheitskämpferinnen des palästinensischen Volkes und der arabischen
Welt als Ganzem. Ihre Integrität und die Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit ihres
politischen Kampfes scheint jedem beindruckend beständig und vertrauenswürdig.
Erst in diesem Jahr wurde sie drei Stunden lang von der israelischen Polizei verhört,
weil sie an einem humanitären Konvoi teilgenommen hatte, der von der türkischen
Grenze nach Syrien ging. Es ist typisch für Rim, dass sie, als die Israelis ihr sagten,
jeglicher Besuch in Syrien würde Sanktionen oder Strafen nach sich ziehen, zur
Antwort gab, dass die einzige, die entscheidet, ob sie nach Syrien reist, sie selbst ist,
und niemand sonst.
Ihre Sorge um und ihre Arbeit für das palästinensische Kulturerbe
Rim Banna hat sowohl das Wissen als auch das Herz, das man braucht, um sich um
das palästinensische Kulturerbe kümmern zu können. Sie hat mir schon mehrmals von
Ideen und Plänen in dieser Hinsicht erzählt. Erst vor ein paar Monaten sind wir beide
in die kleine Stadt Ikrit nahe der libanesischen Grenze gereist und nahmen dort alte
Stimmen aus zerstörten Dörfern auf, Stimmen, die die alte Tradition des
Geschichtenerzählens durch Musik weitertragen. Sowohl die alte Tradition selbst als
auch die traurigen Geschichten darüber, von alten Besitztümern vertrieben zu werden,
müssen unvergessen bleiben.
Ihre Arbeit für Kinder
Wie ich schon sagte, fand mein erstes Treffen mit Rim statt, weil sie bekannt war für
ihre Arbeiten für Kinder. Sieben Jahre später brachten wir ihre Kinderlieder auf einer
neuen CD heraus, die das World Council of Churches in großer Zahl kaufte, um sie in
Flüchtlingslager zu bringen, so dass die Kinder weiter palästinensische Lieder lernen
können, die, aller Besatzung und allen Konflikten zum Trotz, von etwas handelten,
was wir 'palästinensische Normalität' nennen würden. Kinder auf der ganzen Welt
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brauchen es, über Spiele, Tiere, Puppen, die Gerüche und die Stimmungen eines
Hinterhofs unter einem Olivenbaum zu singen, und mit Wörtern zu spielen. Die
Kinderlieder, die Rim schrieb und herausbrachte, sind überhaupt nicht politisch, aber
sie zu singen ist dennoch ein politischer Akt, der die Stärke und die Würde des
palästinensischen Volkes zeigt.
Qualität, Revolution, Verrücktheit und alternatives Denken
Rim hat ein starkes Gespür für Qualität bei allem, was sie tut. Und eine der Qualitäten
die sie am meisten schätzt, ist die wirkliche Kommunikation zwischen der Künstlerin
und ihrem Publikum. Sie ist stets um das Wohlergehen ihrer Zuhörerinnen und
Zuhörer besorgt und will, dass jedes Konzert ein glücklicher und weihevoller Moment
für diese ist.
Rim hat einen wahrhaft revolutionären Charakter. Sie ist geduldig in ihrer
Entschlossenheit, aber ungeduldig in ihren Forderungen nach Änderungen, die den
Leuten mehr Freiheit und Menschenrechte bringen. Und sie ist verrückt genug, die
Chance, etwas Neues in ihrer Kunst auszuprobieren, nie unversucht vorbeigehen zu
lassen. Als ich sie bei einer Gelegenheit vor zwei Jahren traf, sagte sie zu mir 'Erik,
ich möchte mal etwas ganz anderes machen, etwas Verrücktes'. Das Resultat war ihr
neues Album, von dem wir einen Titel gehört haben, 'A Revelation of Ecstasy and
Rebellion'. Hier hat sie eine neue musikalische Annäherung an den wahrhaft
revolutionären Geist gefunden, der sich irgendwie in der klassischen arabischen
Dichtung verbirgt.
Rim ist eine Frau von alternativen Gedanken. Sie kauft nie stereotypisierte
Konzepte. Sie glaubt an die Weisheiten hinter den offiziell akzeptierten, sogar in ihrer
Küche. Sie kocht die wunderbarsten vegetarischen Gerichte und es ist immer eine
große Freude, an ihrem Tisch zu sitzen und ihre köstlichen Speisen zu essen, die für
mich so wunderbar fremdartig sind.
Ihr Kampf gegen ihre Krankheit
Rim hat noch einen anderen Kampf als den politischen zu führen. Sie ist immer offen
mit ihrem Krebs umgegangen, der ihren Körper vor drei Jahren angriff. Die Stärke,
die Rim in diesen Jahren der Schmerzen bewies, ist wirklich bemerkenswert.
Entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelang es ihr, dem Feind, der sie angegriffen hatte,
zu trotzen. Ich vergesse nie, wie sie sich selbst motivierte, indem sie ihre Krankheit
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als Metapher für die Besatzung ansah, und wie die ganze Situation sie in ihrem
Kampf für Freiheit durch ihre Kunst und ihre solidarischen Akte nur noch
entschlossener machte. Nicht ein einziges Mal hat sie sich von ihrer Krankheit davon
abhalten lassen, Konzerte zu geben und zu den Brennpunkten der arabischen
Revolution zu reisen. Im Oktober 2011 begann sie sogar mitten in der Chemotherapie
einen Hungerstreik, um ihre Unterstützung für die Gefangenen in israelischen
Gefängnissen auszudrücken. Viele von uns machten sich Sorgen um ihre Gesundheit,
aber erst die Mütter der Gefangenen konnten sie schließlich davon überzeugen, den
Hungerstreik abzubrechen.
Rim, ich möchte Dir gratulieren zu dem Preis, den Du heute bekommst. Ich
weiß, dass er Dich zu weiteren Schritten inspirieren wird, weitere Schritte auf
Deinem Weg als Freiheitskämpferin mittels Deiner Musik und aller Deiner
künstlerischen Aktivitäten.
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