KOMMUNIKAZE

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KOMMUNIKAZE
KOMMUNIKAZE
AUSGABE 14
JULI 2005
ABGABE KOSTENLOS
WWW.KOMMUNIKAZE.ORG
Zeitschrift für facts & fiction
KOMMUNIKAZE
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KOMMUNIKAZE
INHALT
Ausgabe 24 / April/Mai 07
ab Seite 4
PULP! Eigentlich wollen Autoren ja immer beweisen, dass sie
auch richtige Weltliteratur können. Aber wir machen da nicht
mehr mit! Schluss mit der dünkelhaften E-Kultur: Team
Kommunikaze versucht sich dieses Mal lieber am guten
alten Schundroman und bietet Euch Horror und Leidenschaft,
mutierte Bestien und Alpenglühen, die Weiten der Prärie und
die Tiefen des Irrsinns -- und das alles in einer einzigen Titelrubrik (für deren ausgezeichnete Bebilderung übrigens wieder unsere Illustrator Christian Reinken die Verantwortung trägt).
Seite 4
Seite 6
Seite 8
Seite 10
Seite 12
Seite 14
Seite 17
INTRO von Stefan Berendes
THERAPIU-PIU von Tobias Nehren
LUCKY COWBOY & SEINE TREUE KUH ESMERALDA von Volker Arnke
ANGRIFF DER AVATARE von Stefan Berendes
SPIEL ES NOCH EINMAL, JOHNNY! von Jan Kalbhenn
DIE FRAUENKLINIK DES DR. JORDAN von Anna Groß
DER ALOIS von Finn Kirchner
Seite 20
ICH HABE EINEN ALPTRAUM! Auch dieses Mal liefert den Text für unsere
neue Rubrik wieder ein externer Autor: Nachdem wir Lennart Neuffer
von der Buchhandlung zur Heide über die Jahre immer wieder zu Anzeigenschaltungen genötigt haben, waren wir unsicher, ob er zusagt. Wir hatten
Glück...
Seite 21
LOST & BROKEN, FOLGE 7 von Steffen Elbing
Seite 22
IM ZUG von Urs Ruben Kersten
Seite 24
KRIMINALITÄT von Dirk Lange
Seite 26
WILLKOMMEN IN DUNADINGSDA! von Stine Klapper
Die Odyssee durch Südungarn nähert sich ihrem Ende. Doch noch will aus
dem illustren Material ein Film zusammengeschnitten werden...
Seite 29
BLAUE MAMMUTS von Judith Kantner
Seite 30
DIE LETZTE SEITE
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TITEL
Intro
a
von Stefan Berendes
Auf Ehre und Gewissen gefragt: Zieht es nicht auch Dich manchmal auf den Boulevard hinaus? Komm schon, erzähl mir nichts: Kein Mensch liest nur Weltliteratur. Weil es so einfach
nicht funktioniert.Weil wir so einfach nicht funktionieren. Oder vielleicht eher: so kompliziert.
Sei ehrlich: Du liest es doch auch manchmal, wenn keiner guckt. Vielleicht versteckst Du es
hinter einer renommierten Tageszeitung. Oder Du hast das Heft unter dem Tisch auf dem
Schoß. Oder blätterst darin ganz verstohlen, nachts, wenn alles schläft. Aber Du kannst es
nicht lassen. Ist gar nicht schlimm, ehrlich! Du tust dar Richtige, auch wenn Du Dich deswegen schämst.
Weil das, was dort geschrieben steht, zwischen oft zerfledderten und zerknickten (und manchmal leider auch verklebten) Seiten, besser ist als die Wirklichkeit, und manchmal eben auch
wahrer. Weil es echte Helden gibt und echte Tragödien. Weil die Dinge ganz furchtbar enden
oder aber ganz wunderbar -- aber eben niemals nur so lala. Und weil man die Welt retten
kann, wenn man dabei ist -- und sei es nur als Leser.
Komm, wir retten die Welt - vor Nazikommunisten, die auf Dinosauriern reiten, vor schleimigen Außerirdischen, oder ganz einfach vor sich selbst! Wir fliegen auf den Mond und gehen in
Riesenschritten spazieren. Oder wir reiten zusammen durch die endlose Prärie und sehen uns
die Nordweide an, wo früher alles dem alten Peabody gehört hat.
Sie werden reden. Natürlich werden sie reden. „Alles nur ein Schundroman!“, werden sie
sagen. Aber es ist egal. Denn es wird unser Schundroman sein.
Los, Du willst es doch auch!
MIT BEITRÄGEN VON:
STEFAN BERENDES, TOBIAS NEHREN, VOLKER ARNKE, JAN KALBHENN, ANNA GROSS &
FINN KIRCHNER
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TITEL
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TITEL
Therapiu-piu
d
von Tobias Nehren
Ich betrete den Gruppenraum. Ich tue das mit eher gemischten Gefühlen, rechne ich doch
damit, dass sich in den nächsten Augenblicken viele Helden meiner Kindheit demontieren
oder sich zumindest als eher bemitleidens- denn bewundernswert herausstellen werden. Zunächst sitzt nur Prof. Dr. Bartholdy auf einem der harten Holzstühle, die in dem weiß gestrichenen Raum zu einem Stuhlkreis aufgestellt worden sind. Er begrüßt mich freundlich und
erklärt, dass die an den Wänden hängenden Bilder von Familienszenen und Darstellungen
ländlichen Lebens die Mitglieder der Gruppe beruhigen sollen. Sie müssten begreifen, dass es
keine Schande sei ein normales, bürgerliches Leben zu führen, sagt Prof. Dr. Bartholdy. Er ist
eine Koryphäe, wenn es darum geht, Menschen zu therapieren, die einmal im absoluten Rampenlicht standen. Menschen, die sich von ihrer „Bühnenfigur“, wie er es nennt, nicht mehr
trennen können, die sich selbst verloren haben. So erfahre ich, dass er schon Batman und
Robin geholfen habe, und auch Dr. Brinkmann führe heute wieder ein mehr oder weniger
normales Leben.
Auf dem Flur höre ich auch schon den ersten „Klienten“, wie die Patienten hier genannt
werden. Er ist auch kaum zu überhören, denn Perry Rhodan gibt laute Zisch-, Knack-, Bangund Knall-Laute von sich während er über den Flur gestürmt kommt. Und ich bekomme
gleich einen tiefen Einblick in die Therapiemethoden des Professors. Dieser springt sogleich
auf, formt mit den Händen eine Pistole und empfängt, den in den Raum stürzenden, Rhodan
mit einer akustischen Salve Laserfeuers. „Tschiu-Tschiu“ zischt es durch den Raum. Rhodan
geht, wie vom Blitz getroffen, zu Boden und winselt, als würde er von schlimmsten Schmerzen
niedergerungen. Bartholdy schreitet auf ihn zu und sagt: „Glück gehabt Rhodan, dass mein
Laserexkalibator nur auf Lähmungsfeuer eingestellt war.“ Um dann das Thema im nächsten
Satz komplett zu wechseln: „Rhodan setz Dich auf einen Stuhl, wir sind wieder hier, in Bad
Neunach, es ist alles gut, Du hast keine Schmerzen, Du hattest nur einen Rückfall!“ Bartholdy
wendet sich mir zu und erläutert, man müsse sich stets auf die Ebene der Klienten begeben,
um sie aus ihrer Welt wieder zurück in die unsere zu holen.
In den nächsten Momenten folgen die anderen Mitglieder der Therapiegruppe, die sich augenscheinlich gerade in unserer Welt zu befinden scheinen. Wobei der erste Eindruck auch eher
täuschen kann, wie mir Bartholdy erklärt hat, denn die Welt von Dr. Stefan Frank und dem
Bergdoktor ist unserer sehr viel ähnlicher als die Perry Rhodans oder Jan Tanners, und so
braucht es ein sehr geübtes Auge, um zu erkennen, in welchem Zustand sich der Patient
befindet.
Als sich alle niedergelassen haben, fällt dann auch mir ohne geübtes Auge auf, dass sich Stefan
Franck sehr merkwürdig verhält. So beginnt er immer wieder aufs neue die Zeilen „Ein Ende
kann ein Anfang sein“ in sich hineinzusummen und sich dabei an Schwester Stefanie zu
reiben. Dies geschieht nicht unbedingt zur Freude von Dr. Thomas Burgner, vielen eher als
Bergdoktor bekannt, der zu vehement dazwischengeht, weil, so seine Aussage, „die Stefanie
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TITEL
solche Aufregung noch nicht verkraftet“, weil sie nach der schweren 64 stündigen Herzoperation, die er angeblich ganz allein auf der Stüber-Alm im schönen Sonnenstein, mit Stetoskop
und Plastikbesteck durchgeführt habe, noch nicht wieder ganz bei Kräften sei. Der Professor
schreitet ein und erklärt dem Bergdoktor, dass dies gar nicht möglich sei, schon allein wegen
des immensen Blutverlustes bei einer OP am offenen Herzen. Bartholdy versucht weiter zu
beschwichtigen, indem er Burgner sagt, dass dieser sicher ein ganz fabelhafter Doktor sei und
er sicher auch noch niemals Schuld am Tod irgendeines Menschen, Tieres oder Ähnlichem
getragen habe. Der Bergdoktor besteht weiterhin auf der Herz-OP-Geschichte, wird nunmehr
ganz rot im Gesicht und ergänzt, es sei genau so passiert und überhaupt, in seiner Karriere sei
sowieso noch nie irgendwo ein Tropfen Blut geflossen. Hier schaltet sich zur Ehrenrettung der
Ärzteschaft auch wieder Dr. Stefan Franck ein, lässt von Schwester Stefanie ab und unterstützt
die Behauptung des Bergdoktors vehement.
Bei dem Wort Blut wird ein weiterer Klient aufmerksam und schaltet sich in die jecke Runde
ein: John Sinclair schreit, dass sie mit der Weichspülerei aufhören sollen, er würde sonst
seinen silbernen Bumerang, mit dem er schon den schwarzen Tod getötet habe, und dessen
Klinge ebenfalls die Teufelstochter Asmodina zum Opfer gefallen sei, nach ihnen werfen. Mir
wird langsam etwas mulmig. Mein ungutes Gefühl wird nicht unbedingt weniger intensiv, als
ich einen Blick auf die andere Seite des Raumes werfe. Dort reißt Jerry Cotton gerade die
Familienbilder von den Wänden und schreit Dinge wie: „Ich kann nicht mehr. Immer diese
Diskussionen. Ich muss ermitteln, dort draußen sterben Menschen, weil ich hier gefangen bin.
Das FBI braucht mich!.“
Bartholdy kommt ab diesem Zeitpunkt nicht mehr so recht mit, zumal auch Perry Rhodan
wieder in seine Welt abgetaucht ist, irgendetwas von achtköpfigen Sprokazionen schreit und
sich dabei hinter einem der schönen Stühle verschanzt. Dabei schleudert er mit dem Mund
ettliche „PIU-PIU“ und „ZSCHIU-ZSCHIU“ Laute durch den Raum und drückt den Kopf der
armen Schwester Stefanie immer wieder in die Deckung. Sinclair versetzt Bartholdy, bei dem
Versuch mit der Dämonenpeitsche auf Wikka die Hexenkönigin einzuprügeln, einen Schlag
auf den Hinterkopf. Ich schreie, mich mittlerweile gen Ausgang orientierend, dass nirgends
eine Hexenkönig zu sehen sei, worauf ich die Antwort bekomme: „Gib nur acht, Mondragoro,
Du atlanischer Götze, Du bist der nächste“ Daraufhin lasse ich meine schleichenden in eher
sprintende Schritte übergehen und renne zum Ausgang der psychatrischen Abteilung. Ich
höre noch, wie Schwester Stefanie nach einem Arzt ruft, um den niedergeschlagenen Bartholdy zu versogen. Aber da muss ich mir ja keine Sorgen machen. Oder vielleicht doch, denn
spätestens, wenn der Bergdoktor den Brustkorb des Professors tatsächlich geöffnet hat, werden er und Dr. Franck schließlich einmal Blut zu sehen bekommen.
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TITEL
Lucky Cowboy
&seine treue Kuh Esmeralda
i
von Volker Arnke
Ich war auf dem Weg nach Westen. So wie alle kleinen Leute, die aus Irland vor dem Hunger
geflohen waren und die in der Neuen Welt nur weitere Entbehrungen auf sich nehmen mussten.
Die feine Ostküstenwelt der amerikanischen Staaten hatte uns nicht akzeptiert. Und dabei
war es nicht so, dass die anderen Greenhorns und ich sich zu den reichen Schnöseln der
Städte hätten zählen wollen. Nein, das sicher nicht. Ehrliche Arbeit wollte ich finden. Aber
Boston, New York, Philadelphia oder Richmond waren nichts für mich, da ich das freie Land
doch so sehr liebte. Aber auch die Weiten des amerikanischen Bodens, wie man sie auf den
reichen Südstaatenfarmen findet, boten nur allzu oft das mir so verhasste Kautabakgrinsen
der Besitzer, die mir sagten, dass ich viel zu weiß und zu teuer für ihre Farmen sei.
Ja, ich war ein Verlierer. Sogar meinen Namen hatte ich bei einem Boule-Turnier auf Long
Island verloren. Nur einmal, ein einziges Mal hatte ich Glück; bei einem
Kuhgewichtsschätzwettbewerb in South Carolina. Seitdem nannten mich alle nur noch Lucky
Cowboy; denn ab diesem Zeitpunkt gehörte sie mir, mein ein uns alles: die prächtige und
trächtige Kuh Esmeralda, die ich als Hauptgewinn bekam. Esmeralda war in diesen dunklen
Tagen mein einziger Lichtblick, meine Hoffnung. Sie trieb mich vorwärts zu einem neuen
Leben. Ich beschloss, mich zusammen mit Esmeralda dem großen 1862er Trek anzuschließen,
der sich von Fort Wayne aus – südlich des Lake Michigan - über das Gebiet der CheyenneIndianer zu den saftigen Wiesen an den Ufern des Arkansas-River aufmachte. Insgesamt setzte
sich der Zug aus 19 Planwagen, 11 Maultieren, 13 Kaltblütern, 14 Warmblütern, 45 Rindern,
12 Schweinen, 25 Hühnern, 11 Katzen, 2 Krokodilen, 13 Dachsen, 14 Fischottern und 3
Weißkopfseeadlern zusammen. Unter den 67 Menschen waren viele Iren, einige Deutsche,
wenige Briten und manch kleiner Italiener. Außerdem gab es eine Gruppe die sich selbst
„Natives“ nannte. Ich führte nicht viel Gepäck mit. Außer meiner Esmeralda, einem Säckchen
Schnupftabak, meinem Colt, etwas Geld und einer kleinen Portion Hoffnung besaß ich nur die
Kleider, die ich am Leibe trug. Für eine Handvoll Dollar nahm mich einige Tage nach Aufbruch
ein Farmersohn aus Bowling Green mit auf seinen Kutschbock. Esmeralda hatte mich nämlich
schon bald nicht mehr tragen können und ich wollte dem Baby nicht unnötig schaden, das
unter ihrem großen, saftigen Herzen heranwuchs.
Der Zug verlief ruhig und schon bald freundete ich mich mit Luigi an – einem kleinen Italiener
aus Neapel. Wir saßen abends am Lagerfeuer beisammen, sangen irische Volkslieder während
wir Pasta aus der frischen Milch zubereiteten, die uns Esmeralda gab. Erschöpft aber voller
Hoffnung schliefen wir meist eng an das warme Euter meiner Kuh gekuschelt ein. Luigi und
ich, wir waren bald schon wie Brüder.
50 Meilen hinter Jefferson City passierte es. Hinter einem Stein lugte ein Beinpaar hervor. Der
Trek stoppte. Unser selbsternannter Anführer Joe McCorny – einer der Natives – stieg von
seinem Pferd und ging auf die Beine zu. Plötzlich wurde ich misstrauisch und erinnerte mich
schlagartig an eine Erzählung von Grandma Florence aus Charleston, West Virginia, und rief:
„Joe, geh nicht! Das ist ein alter Indianertrick.“ Joe drehte sich um, grinste das mir so verhasste
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TITEL
Kautabakgrinsen der reichen Südstaatenfarmer und sprach: „Das will mir ein Ire sagen? Indianertrick, das ich nicht lache. Lucky Cowboy, pfft.“ Doch da flog sein Hut schon durch die Luft.
Nicht viele von uns konnten die Situation richtig einschätzen. Ich aber wusste, dass es Cheyenne-Indianer waren, die auf uns lauerten; denn ich hatte vom alten Peabody aus Evansville,
Indiana, gehört, dass die Angehörigen dieses Stammes gerne angelten. Und so angelten sie Joe
McCorny den Hut vom Kopf. Er war auf der Stelle tot.
Ich weiß nicht, wie lange der anschließende Kampf gegen die verdammten Rothäute gedauert
hat und auch nicht, wer außer mir, Luigi und Esmeralda mit dem Leben davon kam. Ich weiß
nur, dass wir verdammtes Glück hatten. Oh ja, das hatten wir.
In Kansas City besorgten wir uns frische Vorräte und brachen weiter Richtung Arkansas River
auf. Nach 400 beschwerlichen und entbehrungsreichen Meilen kamen wir endlich an das
Nordufer des gewaltigen Stroms. Auf einer kleinen Anhöhe über der saftigsten Wiese weit und
breit – nicht weit entfernt von der neu gegründeten Stadt Dodge City – ließen Esmeralda,
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Luigi und ich uns nieder. Wir bauten eine Ranch ohne Zäune. Meine Esmeralda sollte so weit
laufen können, wie sie nur wollte. Zum Dank gebar sie Luigi und mir einen Sohn. Nach ein
paar Monaten kam Esmeralda zum abendlichen Pastaessen nicht nach Hause. Luigi war zunächst sauer, weil er ihre Milch für seine Nudeln brauchte. Ich aber machte mir ganz andere
Sorgen. Nach wenigen Tagen Suche fand ich Esmeralda tot am Rande unserer saftigen Wiese.
Sie hatte sich in etwas verfangen, das sie nicht mehr hergeben wollte: Es war Stacheldraht! Ein
Neuer musste ihn gezogen haben. Und am Ende der Wiese sah ich den Kerl, der meiner Kuh
so viel Leid zugefügt hatte; er grinste das Kautabakgrinsen der reichen Südstaatenfarmer. In
diesem Augenblick schwor ich blutige Rache.
Angriff der Avatare
e
von Stefan Berendes
Er wusste nicht mehr genau, wie alles begonnen hatte. Aber irgendwie erschien ihm das jetzt
wichtig. Vielleicht mit dem Artikel, den er in einem Nachrichtenmagazin gelesen hatte. Es war
um dieses Spiel im Internet gegangen, das alle möglichen Menschen aus den verschiedensten
Gründen ganz verrückt machte: eine virtuelle Welt, in der man alles sein konnte, was man sich
je erträumt hatte. Und man konnte aussehen, wie man wollte und nicht etwa, wie Gott einen
geschaffen hatte. Und so erschufen sich alle neu, wie sie es sich schon immer gewünscht
hatten. Bebildert war der Artikel mit grellen Impressionen aus der virtuellen Halbwelt: Spielfiguren, so genannte Avatare, die so ähnlich aussahen wie echte Menschen, aber irgendwie von
allem ein bisschen zuviel waren: zu große Augen, zu sonnengebräunt, zu große Brüste oder zu
auffallend tätowiert: Die Spieler nahmen keine Rücksicht mehr auf Verluste, und so waren
selbst Avatare mit Tiergesichtern denkbar. Und auch den ältesten Wunschtraum der Menschheit konnte man sich erfüllen: Fliegen konnte man, wohin immer man wollte.
Im restlichen Artikel war es dann um die moralischen und philosophischen Implikationen
gegangen. Nietzsche und Adorno, lange Sätze und komplizierte Wörter. Das Meiste hatte er
nicht verstanden. Aber es war der Anfang gewesen, der Anfang von allem.
Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht war es ganz anders gewesen. Vielleicht hatte es mit dem
Mädchen begonnen. Mit dem Mädchen, das er in einer Diskothek gesehen hatte. Sie hatte
neben ihm getanzt, und er hatte den Blick nicht abwenden können. „So läuft doch niemand
rum!“, hatte er bei sich gedacht und wie gebannt ihr Fantasiekostüm angestarrt.
Später hatten sie von ihr gesprochen. Und einer seiner Freunde hatte betrunken gegluckst:
„Mensch, die ist gar kein Mensch! Die ist ein Avatar!“ Und sie hatten gelacht. Da hatten sie
noch gelacht.
Er konnte sich nur noch verschwommen daran erinnern, dass ihm in den kommenden Wochen alles immer weniger…belastbar vorgekommen war, aber es waren am Anfang nur verschwommene Eindrücke und Momentaufnahmen, die ihm diesen Eindruck vermittelten. Situationen, die ihm surreal erschienen. Menschen um ihn herum, die natürlich aussahen wie
Menschen, aber irgendwie ein kleines bisschen zu sehr. Die Architektur der neuen Gebäude,
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die überall in der in die Jahre gekommenen Innenstadt in den Himmel wuchsen und zwischen
den alten Bauten irgendwie wirkten wie Pflanzen von einem anderen Planeten. Er konnte sich
erinnern, wie er eines Nachts betrunken auf dem Weg nach Hause gewesen war, und ein
Pärchen in einem dunklen Hauseingang beobachtet hatte. Er hatte nur kurz hingesehen, natürlich, denn es wäre unverschämt gewesen länger hinzustarren, aber die Gesichter waren
ihm im Zwielicht seltsam vorgekommen. Falsch proportioniert, fast…tierhaft.
Er wusste oft nicht mehr genau, was Wahrheit war und was Fiktion. Und manchmal dachte er,
wenn er nur die Augen schlösse und sich konzentrierte, dann würde er zu leicht werden für
den Erdboden, dann könnte er vielleicht fliegen. So ein Unsinn!
Und ihm kamen wieder Dinge in den Sinn, die er in dem Artikel gelesen hatte. Über Adorno,
der gesagt hatte, dass es kein wahres Leben im falschen gab. Darüber musste er nun fast
grinsen. Vielleicht gab es ja längst das falsche Leben im wahren?
Und nun saß er hier und versuchte sich an den Beginn von allem zu erinnern. Und noch
während er das tat, spürte er eine neue Veränderung, dieses Mal an sich selbst. Aber er war
nicht mehr nervös, er hatte keine Angst mehr. Bald würde er so sein, wie er es sich schon
immer erträumt hatte. Er könnte alles sein, was er wollte. Es würde nicht mehr lange dauern!
Er hatte die Augen geschlossen, und so konnte er nicht sehen, wie sich schwarze Tätowierungen über seinen Rücken rankten wie Efeu. Aber er spürte, wie sich seine Kiefer neu ordneten,
als sich Fänge in seinem Gesicht ihren Platz schufen. Bald war es soweit. Er träumte vom
Fliegen.
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Spiel es noch einmal,
Johnny!
h
von Jan Kalbhenn
Heute wird es passieren. Heute muss es passieren.
Er ist der letzte, der noch übrig ist. Alle anderen hat die Mission das Leben gekostet. Noch vor
einer Woche ritten sie zu sechst.
Frank sitzt in einem weißen Schaukelstuhl und wippt hin und her. Auf einer Ranch hat er um
Einkehr gebeten. Das soll keine Flucht sein, kein Versteck. Frank hat keine Angst vor dem, was
ihm bevorsteht. Er ist bereit. Einsatzbereit und hochkonzentriert. Der Schaukelstuhl wippt
zum Takt seines Pulses.Totale Gleichschaltung.Wie ein gut geölter Antrieb der Western Pacific
Railway. Dieser Tag kann der letzte sein. Oder der erste in einem neuen Leben. Alles wird sich
entscheiden. Auf dem rechten Schulterblatt hat Frank die Worte „Fuck your fear“ tätowiert.
Es sieht nicht nach Ende aus, eher nach einem beschissenen Anfang.
Dienstag morgen sind sie im halben Dutzend unterwegs. Sie wissen, wo sie zu suchen haben.
Der Auftrag ist klar definiert. In Sues Salon wollen sie sich stärken, sitzen am runden Tisch im
Eck. Die dralle Sue bringt die Schnäpse an den Tisch. Als Frank den Trinkspruch aufsagen will,
geht alles ganz schnell. Die Flügeltür springt auf, ein maskierter Mann reitet bis zur Theke. Das
tiefschwarze Pferd bäumt sich laut schnaubend auf und noch bevor alle die Situation begriffen
haben, liegt Buddy tot auf dem Tisch. Der Mann am Piano spielt weiter. Keine Pause. Der Weg
muss weitergehen. Zu fünft.
Mit der rechten Hand spielt Frank an seinem Revolver. In jeder der sechs Kammern ruht eine
Kugel. Einsatzbereit. Sein Zeigefinger umspielt den Abzug. Wenn er diesen betätigt, wird das
nicht das erste Mal sein. Es könnte das letzte Mal sein.
Am nächsten Tag reiten sie weiter. Sie haben eine Mission zu erfüllen. Der Weg der Gruppe
führt durch eine Schlucht. Jim reitet als letzter durch den Pass. Dabei wird er mitsamt seinem
Pferd von einem großen Steinbrocken erschlagen. Auf einem Felsvorsprung bäumt sich ein
schwarzes Pferd laut schnaubend auf und galoppiert dann mit seinem maskierten Reiter davon.
Franks Pferd steht vor der Veranda am Trog. Pferde sind genauso wichtig wie Revolver. Sie
müssen einsatzbereit sein. So wie Franks Pferd. Die Leinen kann er mit einem geschickten Griff
schnell lösen. Binnen Sekunden wird er aufsitzen und auf jede Situation reagieren können. Im
Mundwinkel hängt eine Zigarette. Sie glimmt stetig runter.
Donnerstag wähnen sie sich dem Ziel nah. Die Rauchzeichen am Himmel deuten auf das
gesuchte Indianerreservat. Zu viert werden sie die Aktion zu Ende bringen. Buddy und Jim
hätten es so gewollt. Dann muss Sam absteigen, um sich zu erleichtern. Als er nicht zurückkehrt, geht Frank nach ihm sehen. Er findet ihn mit einem Indianerpfeil zwischen den Augen
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vor einem Baum knieend. Neben ihm liegt ein schwarzes Tuch. Die Pferdespuren sind noch
frisch. Die Mission muss weitergehen. Zu dritt.
Mit der linken Hand hält sich Frank den Hut. Die Krempe hat er ins Gesicht gezogen - gerade
so, dass er noch alles im Blick hat. Die Sonne steht am Zenit und brennt auf die Steppe. Frank
sitzt im Schatten. Er ist alleine. Nur sein Pferd und sein Revolver sind bei ihm.
Freitagabend halten sie an einer Ranch. Sie wollen sich orientieren und stärken. Die Farmerfamilie zeigt sich großzügig, spendiert einen Topf Chili und erklärt den Weg. Auch das Angebot,
bei ihnen zu nächtigen, schlagen die drei Cowboys nicht aus. Am nächsten Morgen ist das
Farmerhaus bis auf seine Grundmauern abgebrannt. Zu den Opfern gehört auch Morton.
Sein Verlust reduziert das Team auf zwei Mitglieder. Ein aufgeregter Sklave weiß zu berichten, er
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habe einen maskierten Mann auf einem schwarzen Pferd gesehen. Die beiden Cowboys sehen
sich kurz an. Dann satteln sie ihre Pferde und reiten der Sonne entgegen. Die Mission ist bald
erfüllt.
Das Wippen des Schaukelstuhls und das Klacken des Revolvers harmonieren. Beides verschmilzt zu einer Melodie. Dazu streicht der Wind durch das Korn und lässt es im warmen
Licht der Sonne friedlich hin- und herwiegen. In der Ferne steigt Staub auf.
Zusammen mit Brett reitet Frank den Weg, den ihnen die Farmerfamilie in den Block diktiert
hat. Brett ist in Gedanken verloren. Schaut nicht nach rechts, nicht nach links. Die Rufe von
Frank, der schon längst stehen geblieben ist, nimmt er nicht mehr wahr. Die Western Pacific
Railway erwischte ihn in voller Fahrt. Am Steuer steht der maskierte Mann auf dem schwarzen
Pferd. Frank kann ihn deutlich erkennen. Er ist jetzt allein. Er erinnert sich an sein Tattoo.
Alle mussten für diese verfluchte Aktion ihr Leben lassen. Aber Frank ist ein richtiger Desperado. Er wird es richten und alles zuende bringen. Frank sitzt in einem weißen Schaukelstuhl.
Seine Zigarette ist fast aufgeraucht. Zu der Melodie von Revolverklacken und Schaukelstuhlwippen kommt die Staubwolke näher.
Gleich wird es passieren. Gleich muss es passieren. Kein Ende, aber ein beschissener Anfang.
Die Frauenklinik des
Dr. Jordan
m
von Anna Groß
Über 170 Millionen verkaufte Exemplare! ebenfalls im Verlag erschienen: Ein heikler Fall! und Werden wir Tina retten können?
„Mein Leben ist ein Haufen Scheiße“, dachte die Sprechstundenhilfe Fee Jordan, während sie
im Hinterzimmer der Klinikrezeption lustlos in dem Blechnapf rührte, darin, wie so oft, die
blähfreie Brokkolisuppe der Klinikkantine umherschwappte.
Seit Chefarzt Dr Jordan, ihr als schuldfrei von ihr geschiedener Ex-Ehemann, die Idee gehabt
hatte in der Klinik nur noch Frauen, die er selbst operativ seinen ästhetischen Idealen angepasst
hatte, zu beschäftigen, trugen Fee ihre Gedanken häufiger in düstere Abgründe. Wobei selbst
dieser leicht depressive Zug um ihren Mund ihrer unglaublichen Schönheit keinen Abbruch
tat. Im Gegenteil, die tiefe Zornesfurche zwischen ihren Brauen und ihre wachsende Schweigsamkeit verliehen ihr etwas Geheimnisvolles.
Seufzend ließ sie ihren Blick durch den kleinen Raum schweifen. Nein, nichts verriet mehr
etwas von den lustigen Ausschweifungen derer sie hier mit den Pflegern und Assistenzärzten
gefrönt hatte. Sie blätterte mit der freien Hand durch ihren Kalender. Wenn sie weiter so
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arbeitete, könnte sie innerhalb von 4 Jahren die Schulden für die zahlreichen Schönheitsoperationen, die Doktor Jordan an ihr vorgenommen hatte abbezahlen. Ein Gedanke der sie
kaum aufheiterte. In vier Jahren wäre sie 25 Jahre alt. Und dann? Was konnte sie mit 25 Jahren
noch vom Leben erwarten? Als geschiedene Sprechstundenhilfe deren Ruf ihr schon weit
über die Grenzen des idyllisch gelegenen kleinen Luftkurortes vorausgeeilt war? Müde schob
sie die Suppe von sich, ein Rülpsen mühsam unterdrückend, wobei sich ihr entzückendes
kleines Näschen leicht kräuselte.
Es half alles nichts. Die Mittagspause war zu Ende. Rasch warf sie noch einen Blick in den
Spiegel, wischte sich mit dem Ärmel etwas Lippenstift von den vorderen Schneidezähnen, um
die Lippen gleich darauf wieder zu dem so berüchtigten Schmollmund zu schürzen. Kurz
darauf riss sie schon ruckartig die Tür von Doktor Jordans Sprechzimmer auf. Dieser saß in
seinem großen schwarzledernen Drehstuhl, das Kinn war ihm auf die Brust gesackt, während
sich ein von seinem Mundwinkel hängender Speichelfaden im Rhythmus seines schnarchenden Atems langsam hob und senkte. Selbst in diesem hilflosen Zustand strahlte der Arzt eine
solch fesselnde Attraktivität aus, dass Fee bei seinem Anblick eine leichte Röte in die Wangen
stieg, und ihr Busen sanft wogte. Doch diese Regung bekämpfte sie, indem sie zum Fenster
eilte und dieses weit öffnete. Sie wusste aus der schmerzlichen Erfahrungen ihrer drei Monate
dauernden Ehe, dass Doktor Jordan für derlei sinnliche Erfüllung nichts übrig hatte. Er schien
derartig in seiner Berufung als Frauenheilkundler und plastischer Chirurg aufzugehen, dass er
die körperlichen Bedürfnisse seiner jungen Ehefrau einfach ignoriert hatte. Fee schien es nun
bald so, als ob die Chirurgie eine Art Ersatzhandlung für den Doktor geworden war. Doch
nein, solch liederliche Gedanken verbat sie sich selbst.
Währenddessen begann der junge Arzt mit den grauen Schläfen sich zu regen. Nachdem Fee
ihm fürsorglich den Mund mit ihrem Ärmel abgewischt hatte, öffnete er die Augen und griff
sogleich nach seinem Taschenspiegel und einem Hornkämmchen, mit dem er sein Haar ordnete. „Verdammt Fee, bitte schließen sie sofort das Fenster. Da kursiert wiedermal so ein Infekt,
den ich nicht in den Griff bekommen kann“, stieß der nun hellwache Mann hervor. „Herr
Doktor Jordan, machen Sie sich bitte keine Vorwürfe. Bei diesem Mistwetter ist das gar kein
Wunder. Am Morgen scheint eine halbe Stunde die Sonne, mittags schneit es, abends schüttet
es, und dann kommt auch noch Glatteis“, versuchte die junge Sprechstundenhilfe ihn zu
beschwichtigen, wobei sie mit unbestimmter Geste auf den Panoramablick in den Kurpark
hinaus deutete.
„Soso, Fee, sind Sie nun der Arzt oder ich? Sie haben wohl zu viel Zeit für Naturbeobachtungen? Dem werde ich gleich abhelfen. Auf zur Visite! Was gibt es heute zu operieren? Was tut
sich bei dem Kinderwunsch auf Zimmer 8? Wie geht es der Liposuction von Zimmer 9?“ rief
der dynamische Doktor und klatschte in die Hände.
„Ehm, nun ja, die Liposuction hat mehrfach versucht, sie zu erreichen verfiel aber bald darauf
wieder in tiefe Bewusstlosigkeit und hatte dann eine Fehlgeburt im fünften Monat. Auch sprach
sie sehr undeutlich, was vermutlich mit der Lippenaufpolsterung zu erklären ist. Ungefähr so:
Ber limpe Arm pup mia so beh!“ Dabei rollte Fee theatralisch mit den Augen, um kurz darauf
in ein glockenhelles Gelächter auszubrechen, welches ihren zarten, aber doch weiblich geformten Körper so erfasste, dass sie sich den Leib halten musste. Bei diesem reizenden Anblick
musste selbst der sonst so ernsthafte Doktor etwas schmunzeln. „Ber limpe Arm pup mia so
beh!” wiederholte Fee noch einmal, während sie sich Tränen der Freude aus den Augenwinkeln wischte, und sich ihr Busen aufgrund ihrer Stoßatmung heftig auf und nieder bewegte. Es
schien, als wolle sie gar nicht aufhören zu lachen, als der Doktor ihr geistesgegenwärtig eine
schallende Ohrfeige gab. Fees Lachen verwandelte sich im selben Augenblick in ein Schluchzen, bis sie sich bitterlich weinend die Wange hielt. „Mein Gott Fee, ich möchte mal wissen,
was daran so komisch ist?“ fragte der aufgebrachte Doktor Jordan. Doch Fee hielt sich nur
leise wimmernd die Wange. „Ich dachte für einen Moment, sie würden wahnsinnig werden.
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Der
d
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Warum haben sie mir nicht Bescheid gesagt, als all dies passiert ist? Es scheint mir, als seien
manche Frauen nur auf der Welt, um Probleme zu machen! Naja, wenigsten bin ich da, um
ihnen helfen.“ Mit diesen Worten tätschelte er noch einmal Fees Schulter um sich dann auf
dem Absatz umzudrehen und in Richtung OP davon zu eilen. Fee blickte dem Arzt, der sich
fröhlich pfeifend und mit den Armen schlenkernd entfernte, noch eine Weile nach. Dabei
leuchteten ihre Augen unter den Tränen verhangenen Wimpern auf und ein zartes Lächeln
kehrte zurück in das geschwollene Gesicht. Irgendwie erfüllte es sie doch immer wieder mit
großer Genugtuung Menschen zu sehen, die ein noch armseligeres Dasein fristeten als sie
selbst.
Alois
von Finn Kirchner
Der Alois stand auf einem Vorsprung am Hang des Oberdachsenjochl und sah in die Landschaft. Mit seinen siebzehn Jahren war er noch kein Dichter, wie der Urgroßvater vom Mautzner
Kaspar es gewesen war, aber er spürte etwas Starkes in sich. Er konnte es noch nicht genau in
Worte fassen, er konnte es nur beziffern: Heimat! ‚Heimat ist kein Ort nicht’, dachte er und
fasste es damit doch ein wenig in Worte, ‚Heimat ist ein Gefühl.’ So hätte man ihn dort stehen
sehen können, mit seinen knochigen Waden und seinem weißen Hemderl, das ein wenig aus
der Hosn hing. Aber die Bergwelt ist einsam, und er stand dort ungesehen und fühlte Heimat.
Er wusste, dass alle über dieses Gefühl redeten. Sein Vater, der ruhige Albrecht, sprach, wenn
er denn einmal etwas sagte, stets über die Heimat. Und der immer gut gelaunte Mautzner
Wastl auch, er hatte sogar einmal einen Rock and Roll drüber geschrieben, bei dessen
Darbietung der Schotten-Guste verschwunden war, um erst Wochen später in Einzelteilen am
Fuße einer Klippe entdeckt zu werden -- wahrscheinlich erstickt.
Alois war gerührt. ‚So oft habe ich diese schöne Landschaft schon gesehen’, kam es ihm
sprachlich etwas steif in den Sinn, ‚und doch habe ich so etwas Schönes noch nie gesehn.’ Er
sah die Kirche von Beurach, hinter der er mit vierzehn Lenzen der wild gelockten Johanna zu
erklären versucht hatte, was er fühlte, aber sie war mit dem Priester Lampner zusammen
gewesen. Und er sah den Klausnerhof, wo die Maria lebte. Doch die Maria busslte lieber mit
dem Klausner Johann, ihrem Bruder, statt mit dem Alois. Genau wie Alois’ Schwester, das
Lenerl. Der Klausner Johann war genauso alt wie er, aber viel beliebter. ‚Alt zu sein ist vielleicht weniger wichtig wie fesch zu sein’, dachte Alois in sich hinein. Aber die Heimat, die war
beides, alt und auch schon fesch. Fescher sogar als der Klausner Johann, denn die Heimat, die
mochten alle. Den Klausner Johann mochten alle bis auf den Alois und die Kathl, die die Frau
vom Schotten-Guste gewesen war. Die hatte zwar auch einmal eine Weile mit dem Klausner
Johann geschnaxlt gehabt, aber dann hatte der Schotten-Guste die beiden unterm Maibaum
KOMMUNIKAZE
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TITEL
stehen sehn und kurz danach war er tot gewesen. Wahrscheinlich erstickt. Danach mochte
die Kathl den Klausner Johann nicht mehr. Somit war die Heimat erwiesenermaßen beliebter
als der Klausner Johann.
Ein Bussard, ein Bock, ein Wolpertinger und eine Gerölllawine zogen zugleich vorbei. ‚Berge
sind mehr als die Summe ihrer Steine’, dachte sich Alois, ‚und die Heimat ist mehr als ein
Gefühl. Sie ist eine Region sowohl in der Seele, als auch in Bayern.’ Er konnte bis zur Venneralm blicken. Hinter der Venneralm, sagte man, da liegt die Kreisstadt. Dort sollte es ein einziger
Radau sein. Der Bepp war nach der Schule dorthin gegangen, als ihm die Sennerei abbrannte.
Einige Jahre später war er zurück gekommen und hatte von Wasserpumpen und Dampflokomotiven und Wireless LAN erzählt und damit die Frauen und die Rinder ganz narrisch gemacht. In der Nacht nahm er sich das Leben, indem er sich mit einem Kissen erstickte. In die
Kreisstadt, das wusste Alois, wollte er niemals nicht hin.
Ein warmer Aufwind kam aus dem sonnigen Tal herauf und spülte Geräusche, Gerüche und
den Bussard zu Alois hinauf. Der Bussard hatte ein Edelweiß im Schnabel und legte es vor
Alois auf den warmen Stein. Vom Klausnerhof wehte der Geruch vom Misthaufen heran und
das Gackern der Hühner, ab und zu unterbrochen von der Melodei einer Kranken beim
Aderlass. ‚Die Heimat’, dachte sich Alois, weil ihm nichts weiter einfiel, ‚die Heimat.’ Dann kam
ihm Gott in den Sinn und er dachte: ‚Der liebe Herrgott hat die Heimat perfekt gemacht’.
Hatte er nicht ganz, denn es kam ein Luftloch vorbeigezogen und während es den Kopf vom
Alois umschlang, konnte der nicht atmen. Zum Glück herrschte ein feiner Wind und das Loch
wurde weitergeweht. Lediglich der Bussard kam ums Leben, weil er den Auftrieb verlor. Mit
einem satten Schmatzen landete er auf der Veranda des Klausnerhofs und hinterließ einen
wunderschönen Stern. Die Kinder eilten heran, um sich mit lautem Lachen darin zu suhlen
und sich um die schmackhaftesten Brocken zu balgen. Gott hatte es gut gemeint mit der
Heimat.
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KOMMUNIKAZE
TITEL
KOMMUNIKAZE
19
FACTS
Ich
Lennart Neuffer (52) ist Buchhändler und
Mitinhaber der Buchhandlung zur Heide in
Osnabrück. Mit seiner Frau und vier Kindern
lebt er seit 22 Jahren in der Stadt. Er reist
gerne, leider zu oft nur im Kopf.
Endlich! Endlich bekomme ich die Chance, auf die ich gar nicht
gewartet habe! Ich soll einen Essay schreiben, lange nach dem
letzten Schulaufsatz. Wie viele große Schriftsteller waren eigentlich Buchhändler? Hermann Hesse, Heinrich Böll, nicht
Günter Grass, der war Steinmetz, aber auch mein LITTERAGast Antje Rávic Strubel am 9. Mai 2007 - für alle war das
Sortiment das Sprungbrett zur großen literarischen Karriere.
Und nun ich, weil mich die Kommunikaze-Redaktion gefragt
habe einen Alptraum
hat, ob ich über Alpträume schreiben will. Will ich zwar nicht,
weil ich positiv denken möchte und deshalb die Serie der
ZEIT-Kollegen über Träume gut finde, obwohl ich sie leider
doch jede Woche wegen Textverstopfung im Gehirn links liegen lasse.
Immerhin bin ich im Gegensatz zu den fragenden Blattmachern
bereits Autor des SPIEGELS. Für die Veröffentlichung meiner
Einsendung eines Zahlendrehers der NOZ im HOHLSPIEGEL habe ich sogar 40 Euro Honorar erhalten. Leider hat aber
das Schreiben speziell über Alpträume den Nachteil, öffentlich
von mir etwas preiszugeben, das ich für persönlich halte. Ich
bin wegen meines Berufes froh, wenn ich nach Verlassen der
Buchhandlung meine Ruhe habe und nicht andauernd beim Kinogang, Fahrradfahren oder Joggen zurückgrüßen muss, obwohl
ich es im Einzelfall freiwillig manchmal gerne bis sehr gerne
mache.
Aber es ist die Ehre, gefragt worden zu sein, da darf ich nicht enttäuschen. Also horche ich seit Tagen in
mich hinein oder versuche mich zu erinnern. Irgendwelche Lehrer in der Schule, der Vietnam-Krieg,
Uschi Obermaier, Ronald Reagan und George W. Bush, die mich bleibend verstört haben? Die Gruppensitzungen im Kindergarten, Diskussionen mit gegen die Verkehrsregeln verstoßenden Linksabbiegern
vor meiner Wohnung, uneinsichtige Mitarbeiter des städtischen Ordnungsdienstes vor der Buchhandlung - welche deprimierenden Erlebnisse erschrecken mich nur durchs Stichwort auch heute? Und vor
allem nachts, wenn ich schlafen möchte?
Die Antwort ist einfach: Keine. Ich funktioniere anders. Ich kann schlafen. Ich habe keine Alpträume.
Aber ich mache mir Sorgen: über meine Gesundheit und meine Familie, über die Ungerechtigkeiten in
der Welt, über die Zukunft des Buchhandels. Ich glaube an die nächste Generation. Ich freue mich über
die Aktivitäten von jungen Menschen, die eine Idee haben und sie umsetzen, mit Neugierde, Spielfreude,
aber immer auch Zielstrebigkeit - so wie die Gründungsredakteure der Kommunikaze. Ich sehe die drei
vor mir stehen, auf der Suche nach Sponsoren, und mir ihre Idee geschickt näher bringen. So bin ich als
nicht idealtypische Zielperson zwar kein regelmäßiger Leser des Blattes geworden, verfolge den Weg
seiner Macher aber immer mit größtem Interesse und Sympathie.
Tatsächlich: Könnte mein Alptraum das Ausbleiben einer solchen Initiative sein? Ohne dieses
Selbstbewusstsein fehlt unserer Gesellschaft das Verantwortungsgefühl, ohne das niemand Rentenreformen oder nachhaltige Umwelttechnologien entwickeln kann. Und die Freude am Leben sowieso.
Deshalb werde ich auch Buchhändler bleiben und auf diese Weise meinen Beitrag leisten. So muss ich
nicht ultimative Lobhudeleien oder angestrengte Besinnungsbeweise verfassen - berühmte Autorinnen
und Autoren gibt es auch so genug.
P.S.: Die Lesung "Kältere Schichten der Luft" mit Antje Rávic Strubel beginnt um 20.00 Uhr in der
Buchhandlung zur Heide, Osterberger Reihe 2-8, Voranmeldung erbeten unter Tel. 0541/350 88 11.
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KOMMUNIKAZE
von Steffen Elbing
KOMMUNIKAZE
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FACT
Im Zug
von Urs Ruben Kersten
I
ch schwitze. Jede Pore meines Körpers scheint Flüssigkeit abzusondern. Eingepfercht, dicht
gedrängt. Kein Raum zu atmen, Klaustrophobie. Busfahrten sind der Vorhof zur Hölle.
Ich kann Gedanken lesen. Ich lese die Gedanken der anderen Fahrgäste: „Watt schwitzt
der Dicke denn so? Bah! Dick zu sein is wohl nich genuch, wa? Adipositas per magna! Mindestens! Hargh, hargh, hargh! Dumdidu, fröööp-fröööp…“ Das mag alles ziemlich paranoid
klingen, allerdings nur für Personen, die des Gedankenlesens nicht mächtig sind.
Im Bahnhof: Ernie und Bert sind da. Und mit ihnen eine Schar Kinder. Gefühlte Anzahl: fünf
Millionen. Alle sind froh und gut gelaunt. Bis auf ca. 2,5 Millionen Kinder die unablässig
plärren, und natürlich meine Wenigkeit. Kinder sind unsere Zukunft, wieso belästigen sie mich
bereits in der Gegenwart?
Im Zug wieder scheele Blicke der Mitreisenden. Ich mache mir nicht die Mühe, ihre Gedanken
zu lesen. Das wäre vergebene Liebesmüh. Selbst auf der Titelseite der Bildzeitung steht mehr
Text. Meine Frisur sitzt nicht. Seit ich mich mit Frisuren abgebe, plagt mich eine innere Unzufriedenheit. Der Gedanke, mir wieder eine Glatze zu scheren, ist verlockend. Allerdings sehe
ich des Haupthaares beraubt nicht sehr vorteilhaft aus. Mein Kopf ist riesig. Eine Melone. Ein
Medizinball. Ein Fesselballon, zum Bersten gefüllt. Der Fahrtwind streift kühl durch den Waggon. Mein Schweiß trocknet langsam, mir ist nicht mehr so entsetzlich warm. Aber die Flamme
meines Hasses lodert hell. Huiui, das war ja mal wieder ein tolles Stilmittel! Ein bisschen
abgeschmackt vielleicht. Ja, ich würde sogar sagen ganz schön schmackig, aber schön. Die
gute alte Flamme des Hasses lodert fleißig vor sich hin, loder, loder.
Ich verspüre ein leichtes Stechen in der Herzgegend. Warum saufe ich eigentlich so viel?
Warum kann ich nicht zu einer Party gehen, hallo, wie steht´s, klar trinke ich ein Bier, oh ja, die
Häppchen, lecker, jaja, das kenn ich, hatte Mutti auch mal, wird bestimmt schön nächste
Woche, huch, schon so spät, jetztmussichabergehn, ja, genau, ja, tschüss! … Geht nicht, klappt
nicht, warum nicht?! Nein, stattdessen gehe ich um halb sechs in der Frühe nach Hause,
frühstücke noch ein paar Spiegeleier und dann gute Nacht. Dann um drei Uhr nachmittags
verkatert im Bus. Transpirieren, Gedanken lesen, Ernie und Bert. Das ist doch kein Leben!
Warum nicht mal gepflegt einen Kaffe, dazu ein bisschen Gebäck. Vielleicht ein nettes Mädchen kennen lernen, noch einen Cognac zum Kaffee, danach eine Runde Bridge. Oder
Backgammon. Aber nichts da, keine Chance. Nachdurst, Schweißausbrüche und telepathischer Firlefanz. Das ist doch Mist, das ist doch totale Scheiße. Wie lange kann man so was
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KOMMUNIKAZE
FACTS
wohl durchstehen? Ziemlich lange, fürchte ich. Allerdings bin ich entgegen meines derben
Aussehens recht zart konstituiert. Ständig kurz vorm Zusammenbruch. Dieser ganze Sportquatsch hilft auch nicht so recht, das ist eher eine psychologische Sache. Schlechte Ernährung, Spirituosen, Bier, Bier und nochmals Bier, das kann auf Dauer einfach nicht funktionieren. Alles nur Ausdruck innerer Unzufriedenheit. Aber ist das verwunderlich? Man soll seinem
Leben einen Sinn verleihen, aber wo bekommt man den her? Liegt der irgendwo aus, wie diese
illustrierten Hefte in den Arztpraxen? Kann man den Sinn unter Umständen käuflich erwerben?
Darf´s ein bisschen mehr sein? Soll ich´s als Geschenk einpacken? So eher neutral oder so
mehr weihnachtlich?
-Es ist Ostern. Stimmt! Aber Weihnachten ist doch die schönste Zeit des Jahres!
-Wenn sie das sagen…
Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit für ein bisschen Weihnachtsstimmung. Das verleiht
meinem Leben zwar auch keinen Sinn, und um mich aufzuheitern ist sie ebenfalls schwerlich
geeignet. Aber vielleicht bringt sie einen auf andere Gedanken, ist ja auch schon Mitte August.
Zu allem Übel ist mir ständig schlecht.Warum ist mir eigentlich ständig so schlecht? Ich meine,
man kann ja auch nicht die ganze Zeit in der Wohnung hocken, das geht nicht. Man muss
einkaufen und soziale Dings, rausgehen und so. Fahrradfahren verlernt man nicht. Aber den
gepflegten Umgang mit anderen menschlichen Wesen kann man sich ganz schnell abtrainieren.
Das geht ganz leicht. Da ist dann auch nichts mit netten Mädchen mit Kaffee und Bridge.
Oder Backgammon. Nur Cognac, ohne alles. Und den mag ich gar nicht. Alles, was bleibt, ist
am Bahnsteig zu stehen, den flanierenden Damen verstohlene Blicke zuzuwerfen und das alles
irgendwie über sich ergehen zu lassen. Vielleicht ein bisschen Lektüre. Die Ohren sind ja
schon dicht, dank der Dauerbeschallung aus diesem praktischen mp3-Abspielgerät. Ich hatte
ja beträchtliche Hoffnungen in die Entwicklung dieser Virtual-Reality-Brillen gesetzt. Einfach
aufsetzen, fertig. Die Welt ausgesperrt. Aber irgendwie ist das alles versackt. Die werden ja nur
noch beim Militär benutzt, Ausbildung bei der Luftwaffe. Keine Amateure mehr in den Himmel
schießen, lieber nur noch virtuell. Ist zudem viel günstiger in punkto Spritverbrauch. Die
Umwelt bedankt sich!
Ich sollte einfach mal so ein Auto gewinnen, vorzugsweise einen Mercedes. Damit so richtig
schön durch Deutschland touren. Mal hier hin, mal dorthin, im Auto übernachten. Dann,
wenn die alten, retardierten Gesichter wieder auftauchen, ab durch die Mitte. Das sollte man
mal machen. Zuerst muss ich jedoch diesen verdammten Kater loswerden.
KOMMUNIKAZE
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FACT
Kriminalität
von Dirk Lange
E
s war dieses diffuse Gefühl der Angst, vermeintliche Gratispostkarten in Hotels unbedacht mitzunehmen oder Dinge in Super- oder Elektronikmärkten versehentlich nicht
zu bezahlen und dadurch einen Polizeieinsatz auszulösen, der für mich die Einweisung in ein Heim und für meine Eltern ein Leben in Schande und gesellschaftlicher Isolation
zur Folge gehabt hätte.
Als Kind hatte man eine relativ genaue Vorstellung davon, wie die Konsequenzen delinquenten
Verhaltens aussahen: plötzlicher panzerknackermäßiger Bartwuchs, eine Fußfessel mit überdimensionaler Eisenkugel und zu allem Überfluss eine „Anzeige“, vermutlich in der überregionalen Tageszeitung.
Die Berührungspunkte mit realer Kriminalität waren jedoch verschwindend gering. Verbrecher sah man zum Glück nur dann, wenn man auf der Autobahn einen Gefangenenbus
überholte oder an einem Gefängnis vorbeifuhr. Die goldene Regel für derartige „Begegnungen“ entsprachen den Survivaltipps alter Löwenjäger: immer möglichst unauffällig schauen
und vor allem direkten Augenkontakt mit den Insassen vermeiden, denn sonst drehen die
garantiert durch und wissen dann praktischerweise schon, wen sie wo umbringen müssen,
weil sie sich das verdammte Autokennzeichen gemerkt haben (und das macht sie im Ergebnis
schlimmer als die Löwen).
Vieles deutete damals darauf hin, dass bereits durch relativ unbedachte Handlungen der
Grundstein für eine kriminelle Karriere gelegt werden konnte. Zu Grundschulzeiten drohte
einem praktisch ständig die Einweisung ins Heim oder der Abrutsch in Beschaffungskriminalität
und Obdachlosigkeit.
Dazu gesellte sich die Sorge, später einmal drogenabhängig zu werden. Beständig wurde man
etwa vor Leuten gewarnt, die einem in der Disco „Drogen in die Gläser kippen“. Vereinzelt
machte auch das Gerücht die Runde, dass in Drogen getränkte Aufkleber und Briefmarken im
Umlauf seien. Das Anfeuchten dieser an „unschuldige Kinder“ verteilten Vorstufe zum Spritzerbesteck führte somit geradewegs zu einem Dasein am ominösen „Bahnhof Zoo“, in meiner
Vorstellung eine Art Vorhölle für sämtliche drogenabhängigen und kriminellen Schmuddelkinder.
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KOMMUNIKAZE
FACT
Mit zunehmendem Alter wurde das Verhältnis zur Kriminalität und vor allem zu Drogen
wesentlich entspannter. Man stellte schon früh fest, dass man eigentlich ziemlich viel anstellen
konnte, ohne dass Leute vom Kinderheim vor der Tür stehen und einem dieselbe Parole
zurufen, die Oma 1945 in Ostpreußen auch schon mal gehört hatte: „15 Minuten zum Packen
und nur einen Koffer!“.
Später merkte man dann, dass die Dealer nicht wie verschlagene Prollasis in miesen Miami
Vice-Klamotten aussahen, sondern auch gerne mal wie mein Kumpel Björn, der übers Wochenende auffällig oft nach Holland fuhr.
Irgendwann kommt also der Punkt, an dem man realisiert, dass die Dämonisierung des Bösen
mehr der Ausdruck elterlicher Hilflosigkeit und Angst gegenüber pubertären Entwicklungen
und nicht das Ergebnis einer rationalen Risikoanalyse ist.
Vielleicht hat jedoch gerade diese Sensibilisierung dafür gesorgt, dass wir alle weitestgehend
die Kurve gekriegt haben, auch wenn ich mir in Anbetracht mancher Mitmenschen und der
Musik in bestimmten Clubs ab und zu wünsche, dass es die Leute wirklich gibt, die mir Drogen
ins Glas schütten. Häufig genug muss ich glücklich feststellen, dass ein Leben so ganz ohne
den Hang zu moral- und sozialwidrigen (und völlig zu Unrecht pönalisierten) Verhaltensweisen ja schließlich auch keinen Spaß macht.
KOMMUNIKAZE
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FACTS
N
I
n
e
m
lkGEom4 DUNADINGSDA!
WilFOL
von Stine Klapper
N
euer Tag: Schnitttag! Alles ist im Kasten, und nun wollen wir unseren Film aus ungefähr
zehn Stunden Rohmaterial schöpfen. Wir haben: fünf Stunden Opa Vagos beeindruckende Geschichte von Krieg, Flucht und Erntegeräten, drei Stunden Hausfassaden und
Tore, eine Stunde Standbild „Donau“ und dazwischen heitere Episoden „Jan Paulin: Meine
Ferien auf dem Dorf“ - die Hälfte davon ist ohne Ton. Trotz des geballten technischen Knowhows unserer Filmcrew ist es uns am Vortag nicht gelungen, den mitgebrachten Laptop in
unser Projekt einzubeziehen.
Also machen wir uns morgens auf zum „Telehaz“, Dunadingsdas Multimediastation, in der
Hoffnung auf einen Schnittplatz. Hier schneiden auch die anderen Filmteams, hier spielen
heranwachsende Ungarn Counter Strike, hier trifft sich das Dorf. Man ist überrascht, dass wir
keine Schnittausrüstung aus Deutschland mitgebracht haben. Sonst passiert erst einmal gar
nichts. Also setzen sich Darren, Jan und Kalle vor jeweils einen Computer und schalten die
lokal beliebten Internetspiele ein - Kalle: „Foul? Du kriegst gleich Foul auffe Fresse!“, Darren:
„Kann mir mal jemand sagen, was ich hier jetzt drücken muss?“, Jan: „Q ist echt mein Lieblingsbuchstabe.“. Jasmin und ich suchen unterdessen einen Weg, an einen geeigneten PC für den
Schnitt zu gelangen. Es interessiert sich jedoch niemand für unser Anliegen. Während wir
überlegen, ob ich die Ungarn ablenken sollte, während Jasmin die Geräte nach draußen trägt,
tritt Zottel ein. Zottel, eigentlich Zoltan, ist der Dorfzuständige fürs „Telehaz“.Vielleicht gehört
es ihm auch – so verhält er sich jedenfalls.
Zottel ist hässlich, dicklich und dämlich. Er trägt sein langes Haar in einem lockeren Pferdeschwanz, ist nur „oben ohne“ und ständig verschwitzt anzutreffen. Sein nackter Bauch kommt
zuerst durch die Tür geschoben. Er sieht uns (wie immer) genervt an, als wir ihn bitten,
Marianna, unsere nette Freundin und Dolmetscherin, anzurufen. Er versteht uns nicht, versucht jedoch (wie immer), uns nachzuäffen, um die Props der jugendlichen Internetnutzer zu
ernten. Jasmins Stirn legt sich in Falten, der Zorn ist praktisch zu spüren. „M A R I A N N A“,
rufen wir unisono und recht bestimmt. Zottel versteht. Er greift zum Telefon und nölt Marianna
kurzatmig die Aufforderung in den Hörer, im „Telehaz“ zu erscheinen. (Im Hintergrund: Kalle:
„Wie? Wenn man nur noch sechs Spieler auf dem Feld hat, wird das Spiel abgebrochen?“,
Darren: „Kann mir mal jemand sagen, was ich hier jetzt drücken muss?“, Jan: „Nee, doch M!“.)
Wir warten bis Marianna da ist. Dass sie einmal Zottels Freundin gewesen sein soll, bleibt für
uns alle das größte Rätsel der Reise. Dann kommt Marianna, übersetzt und wir bekommen
von Zottel widerwillig einen Computer zugewiesen. Darren und Kalle kommen nun auch
hinzu, und wir können endlich anfangen, unsere Materialien auf den PC zu spielen. Wir leihen
uns ein Kabel, schließen die Kamera an, und es geht los. Zottel bietet uns netterweise an,
darauf zu achten, wann die erste Kassette überspielt ist. Anschließend wolle er alle anderen
Kassetten einlegen. Wir brauchen also erst nachmittags wieder kommen und können dann
anfangen zu schneiden. „Hier äh… Halla Czada!“, Kalle ist erleichtert. Wir gehen also ins
Restaurant, in dem wir täglich unser Mittagessen bekommen. Auch am fünften Tag gibt es
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KOMMUNIKAZE
KOMMUNIKAZE
FACTS
wieder etwas Oranges zu essen. Kalle will
das nicht mehr länger mitmachen und bestellt was anderes: „Hier äh… Pommes mit
Käse?“. Anschließend ist noch Zeit für einen Cocktail in Uschis Eck. Wir warten.
Gegen 17:00 Uhr begeben wir uns wieder
ins „Telehaz“. Endlich können wir unser
Werk zu Ende bringen. Als wir dann aber
vorm Computer stehen, ist eigentlich schon
alles klar.: Mehr als die erste Kassette ist
nicht auf dem PC - das Schneiden können
wir für heute vergessen. Stille. Ich spüre
die Schwüle des Tages auf meinen Schultern, schaue zu Boden und sehe, wie sich
Kalles Hände zu Fäusten ballen. Ich atme
schwer. „Zottel?“, fragt Darren und der
Gerufene trabt nach einer halben Minute aus dem Nachbarraum zu uns. Er
scheint es irgendwie vergessen zu haben oder so – grunzt etwas und geht
(wie immer) Marianna anrufen. Jetzt erst
einmal eine rauchen, beschließen wir
und setzen einen Schritt aus der Tür Donner! Blitz! Die Wolken brechen auseinander. In Gedanken falle ich im Regen auf die Knie, reiße die Arme gen
Himmel
und
schreie:
„Waaaaaaaarum?“. In Wirklichkeit stelle ich mich
unter, zünde mir mit den anderen eine Zigarette an. Als wir wieder ins Haus kommen, klärt
Kalle gerade, wann wir am folgenden Tag den Computer nutzen können. Nachmittags erst,
aber bis abends sollen wir den Film fertig haben.
Nebenan wird die Verpflegungsstation aufgebaut. Das Essen wird von zwei Männern zubereitet und ausgeteilt, die aller Wahrscheinlichkeit nach mehrere Jahre in ungarischen Gefängnissen verbracht haben. Diese Cateringaufgabe scheint ihr Resozialisierungsprojekt zu sein. Sie
hätten wohl höhere Eingliederungschancen, wenn sie nicht für ihre Mitmenschen kochen
würden. Nach den Anstrengungen freuen wir uns trotzdem aufs Essen, stellen uns in die
Schlange und bekommen unsere Ration. Es gibt frittiertes Brot, also Toast, der einige Minuten
in heißem Fett gebadet wurde. Was auch sonst an diesem Tag? Kalle und ich probieren, der
Rest verzichtet gleich.
Anschließend geht’s hoch auf die Hütte, wo der geschundene Magen mit ungarischem Selbstgebrannten besänftigt wird. Nach ein paar Runden stellt sich eine angenehme Gleichgültigkeit
ein, nach noch ein paar Runden sind die gesamten Sorgen des Tages vergessen und noch eine
Runde, und es ist mal wieder der beste Tag des Sommers. Wir trinken Brüder-, Schwester- und
Geschwisterschaft mit unseren ungarischen Mitbewohnern. Ich versuche ihnen zu erklären,
warum wir sie Villabajo und uns Villarriba nennen, und Kalle und Darren spielen dazu vom
Balkon aus die Spülmittelwerbung nach. Doch ein guter Tag.
Am nächsten Tag können wir nach dem Mittagessen (wieder etwas Oranges) im Telehaz tatsächlich mit dem Schneiden beginnen. Wir suchen im Schnelldurchlauf brauchbare Szenen
heraus, während Zottel schnaufend hinter uns steht und kritische Blicke auf den Bildschirm
wirft. Stunden vergehen. Zottel lässt ab und an ungarische Flüche los. Dann ahmt er wieder
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FACTS
unsere Worte nach und schaut sich jedes
Mal erwartungsvoll um, ob die TelehazBesucher auch seine originellen Einlagen
würdigen. Auf einmal greift er zwischen
uns auf die Tastatur – warum auch immer.Aus dem Augenwinkel sehe ich Kalle
einen Stuhl erheben. Er holt schon aus,
als Darren, der mit dem zwanzigsten Eis
aus der Flamingo Bar zu uns kommt,
geistesanwesend dazwischen springt
und verhindert, dass der Stuhl auf Zottels Kopf trifft. „K“, ruft Jan Paulin aus
dem Hintergrund. Zottel hat die Stuhlattacke nicht bemerkt, grunzt Darren jedoch an, mit dem Eis nach draußen zu gehen.
Das Catering-Essen muss übersprungen werden, dafür haben wir gegen Mitternacht tatsächlich einen Film. Marianna will in der Nacht noch Untertitel einfügen. Wir begutachten unser
Produkt, das eigentlich einmal eine ernsthafte Dokumentation über Europa in Dunaszekscó
werden sollte. Stattdessen geht es um Obst, Eis und Ficken. Zottel findet es (wie immer) nicht
so gut.
wird fortgesetzt...
28
KOMMUNIKAZE
FICTIO
Blaue Mammuts
von Judith Kantner
A
uf einmal hatte ich das Gefühl, ich sähe blaue Mammuts. Ich riss das Fenster auf und
schnappte Luft. Was war das? Ich stellte Musik an. War wohl nur ein Traum.
Jetzt liege ich auf dem Bett, starre die Wand an, an der es gar nichts zu sehen gibt,
denn es ist tiefste Nacht. Ich trinke einen Schluck Wasser und beschließe, die ganze Flasche zu
trinken.
Man steht am Ende einer langen Durststrecke und bekommt plötzlich Durst. So als wäre man
die ganze Zeit gerannt, ohne zu bemerken, dass man wirklich Durst hatte. Muss man denn erst
blaue Mammuts sehen, um zu erkennen, dass man wirklich Durst hat?
Gestern war ein harter Tag. Ich habe gestrichen. Die Wohnung habe ich im Flurbereich blau
gestrichen. Bei Liebeskummer streiche ich immer. Das war halt so mein Gefühl. Mir war kalt,
und ich habe den Flur blau gestrichen und dabei einen Pelzmantel getragen.
„Tschüss“, sagte er zu mir. „Tschüss“, sagte ich daraufhin, ohne mir dessen bewusst zu sein.
Das war das Ende von einer abgrundtiefen Begegnung. Eine Zeit, die sich über Monate erstreckte. Eigentlich nur ein flüchtiger Moment. Langsam denke ich, dass dieser Mensch mir
einfach nicht gut getan hat. Er war so jemand, der einfach immer sagte, was er dachte. Das
fand ich gut – aber ich habe den Eindruck, dass er das Wesentliche verschwiegen hat. Ich
hatte das Gefühl, diesem Menschen irgendwo schon mal begegnet zu sein, denn wir verstanden uns auf Anhieb. Auch nonverbal. Jeder Blick, jedes Zucken, jede Geste. Wir haben uns
einfach in die Augen gesehen, und es wurde still um uns herum, so als wenn man seinen Kopf
ins Wasser taucht. Es war dieses Gefühl, vollkommen Eins zu sein. Die Basis war einfach da,
obwohl niemand von uns beiden so genau wusste, wo sie herkam.
Jetzt war da so ein ehrliches „Tschüss“, und auf einmal hasse ich seine Ehrlichkeit. Es war
wirklich ehrlich, und jetzt ist tschüss, und ich erkenne, dass vielleicht nie eine Basis da gewesen ist.
Nun sehe ich blaue Mammuts, die sich mit Affen paaren, als sei man hier im falschen Zoo.
Ich werde morgen in den Baumarkt gehen und mir rote Farbe kaufen und meinen Flur im
Bikini rot streichen, denke ich, ziehe mich aus und lege mich auf den kalten Marmorboden.
KOMMUNIKAZE
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Die letzte Seite
IMPRESSUM
Kommunikaze
Zeitschrift für facts & fiction
REDAKTION:
Jan Paulin (ViSdP)
Darren Grundorf
Stefan Berendes
Anna Groß
Sven Kosack
Esther Ademmer
Jan Kalbhenn
Volker Arnke
Tobias Nehren
Steffen Elbing
GASTAUTOREN:
Finn Kirchner
Lennart Neuffer
Urs Ruben Kersten
Dirk Lange
Stine Klapper
Judith Kantner
FINANZEN:
letzte worte:
Jan Paulin
N
eues vom Kollegen Kalbhenn: Dem umtriebigen enfant terrible
der Kommunikaze-Redaktion ist das beschauliche Osnabrück längst
zu klein geworden. Folglich sorgte er kürzlich in Köln während
der Harald Schmidt-Show für einen Eklat, als er den scheidenenden WDR-Intendanten Fritz Pleitgen als Bünder outete: Der
war entsetzt, Schmidt hatte offensichtlich seine Hausaufgaben nicht
richtig gemacht, und im Publikum sahen es die Gebrüder Kalbhenn
mit Wohlgefallen...
Stefan Berendes
BILDQUELLEN:
www.photocase.com
COVER & ILLUSTRATIONEN:
Christian Reinken
N
icht alle Mitglieder von Team Kommunikaze können sich freilich
solche Egotrips leisten, manchmal muss auch schlicht gearbeitet
werden. Ein Glanzbeispiel dafür lieferte in dieser Ausgabe Illustrator Christian Reinken: Trotz gerade überstandenem Examen werkelte er bis einen Tag vor Drucklegung an Illustrationen
für die Titelrubrik und schickte seine Ergüsse portionsweise nach
Osnabrück. In der heimischen Redaktion drückte derweil der
Kollege Berendes alle zwei Minuten auf F5 und freute sich,
wenn etwas Neues im Posteingang war. So sieht wahre Pflichterfüllung aus!
W
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LAYOUT/SATZ/GRAFIK:
ährend Ihr dies lest, ist unsere EW-Party cum Lesung zum Semesterbeginn schon über die Bühne gegangen -- hoffentlich als
rauschender Erfolg. Aber auch jenseits dieses Abends dürfen
sich alle Freunde der Familie auf die nächsten Lesungen freuen:
ist alles schon in Planung. Ehrenwort!
Kommunikaze 25 erscheint Anfang Juni 2007
Redaktions- und Anzeigenschluss: 14.05.2007
KOMMUNIKAZE
DRUCK:
Druckerei Klein, Osnabrück
Tel. 0541/596956
AUFLAGE:
600 Exemplare
REDAKTIONSANSCHRIFT:
c/o AStA Der Universität OS
Alte Münze 12
49074 Osnabrück
[email protected]
www.kommunikaze.org
www.kommunikaze.de
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geben nicht zwingend die Meinung der gesamten Redaktion wieder. Für den Fall, dass in
diesem Heft unzutreffende Informationen publiziert werden, kommt Haftung nur bei grober Fahrlässigkeit in Betracht.
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