wenn ihr seine Stimme hört - Die Reformation geht weiter

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wenn ihr seine Stimme hört - Die Reformation geht weiter
Umschlag Grafik: Pfingsten - aus der Bildreihe von Egon Stratmann,
www.atelierstratmann.de
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Mai 2014
„Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von
einem ‚bekennenden’, höre, dass es Gott nicht
gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. – Mir.“
Martin Walser
Rolf Dietrich Thoma
Heute
wenn ihr
seine Stimme hört ...
Christlicher Glaube
in einer
mündig gewordenen Welt
Vorwort
Diese Arbeit ist zunächst aus einem rein privaten Anlaß entstanden und hätte verhältnismäßig kurz ausfallen können, nämlich die Frage zu beantworten, was Christen „wirklich“
glauben. In dieser Frage nach dem „wirklichen Glauben“ meldet sich aber die Vermutung,
dass das, was in den agendarisch geltenden Bekenntnissen der Kirchen und Kirchenlehren
niedergeschrieben und sonntäglich bei gottesdienstlichen Anlässen „aufzusagen“ ist, gerade von engagierten Christenmenschen in dieser Form oft kaum mehr mitgesprochen
werden kann. So sind in letzter Zeit mehrfach Versuche publiziert worden, den christlichen Glauben neu zur Sprache zu bringen. Neben der Forderung von „Notwendigen Abschieden“ wird ein „Ruck“ in den Köpfen der Verantwortlichen gefordert, damit christlicher Glaube sich wieder mit den Vorstellungen unserer Gegenwart vereinbaren läßt.
Dabei wird gelegentlich der Versuch gemacht, die Wahrheitsfrage durch einen geläufigen
Minimalkonsens zu befriedigen, wobei im Blick auf eine Begründung christlicher Wahrheit
nunmehr die Wahrheiten jeglicher Religionen in Anspruch genommen werden. Es geht dann
weniger um das spezielle Wort Christi, als um das religiöse Gehör der Menschen und am
Ende gelegentlich um das, was gehört werden will, also nach solchem Reduktionsverfahren
noch übrig bleibt.
Statt der Eliminierung geschichtlicher Glaubensüberlieferung versucht die vorliegende
Arbeit, das überkommene Evangelium in seinen jeweils gegebenen Verstehenshorizonten
zu verstehen und daraus den Versuch abzuleiten, das, was den Alten gesagt ist, im
Kontext unseres Weltwissens neu zur Sprache zu bringen. Gleichzeitig geht es darum, uns
darauf vorzubereiten, das Wort Jesu Christi im Gespräch mit den Worten anderer zu
hören. Der religiöse Dialog hat zur Voraussetzung, dass jeder zunächst das zu sagen weiß,
was ihm als das Wort Gottes anvertraut ist, gleichzeitig aber auch damit zu beginnen, auf
das zu hören, was andere aus ihrer Erfahrung mit dem Geist Gottes gehört und gelernt
haben. Denn der Geist Gottes spricht zu allen Menschen, – aber im Zwielicht all der
anderen Geister, die Anspruch auf Wahrheit erheben. – Auch innerhalb der christlichen
Kirchen.
Um zu versuchen, dieser Aufgabe wenigsten in ersten Ansätzen gerecht zu werden, habe
ich sehr viel lernen müssen. Das gilt zum einen für das erneute Studium der biblischen
Überlieferung, vor allem der, der hebräischen Bibel. Zum anderen aber im Blick auf
aktuelle naturwissenschaftliche Literatur, soweit sie auch dem Laien zugänglich ist. Alle
Details, Erläuterungen und Belege habe ich in die zahlreichen Fußnoten gesetzt, so daß,
wie ich hoffe, ein einigermaßen flüssig zu lesender Text entstanden ist.
Mein besonderer Dank gilt dem Physiker Hans-Joachim Fischbeck, der mir durch seine
Beiträge im naturwissenschaftlich-philosophischen Gesprächskreis des Evangelischen
Forums Berlin-Brandenburg wichtige Hinweise gab, mir den Exkurs zum Antropischen
Prinzip zur Verfügung gestellt und die quantenphysikalischen Kapitel dieser Arbeit redigiert hat. Vor allem aber danke ich unserer Tochter Hanne, die mich auf ihrer Suche nach
Wahrhaftigkeit auf diese Spur gesetzt hat. Meiner Familie und insbesondere meiner Frau
danke ich für die Toleranz, mit der sie meine Abwesenheit in Familie und Haushalt ertragen haben.
Berlin zu Pfingsten 2014
Rolf Dietrich Thoma
VORWORT ZUR ERWEITERTEN ZWEITEN AUSGABE
Diese Arbeit hat vor allem in der Evangelischen Akademikerschaft ein freundliches Echo gefunden. Die hier vorliegende neue Fassung soll in erster Linie die Lesbarkeit verbessern. So
sind die zahlreichen Erläuterungen und Hinweise nunmehr (mit römischen Zahlen) am Ende
des Textes in einem eigenen Anhang versammelt. Die verbliebenen Fußnoten sind auf Verweise
von Belegstellen und kurze Erläuterungen beschränkt. Neu hinzugekommen sind einige ergänzende Hinweise, z.B. zur Theologie Rudolf Bultmanns, ein Exkurs zur Geschichte der „LebenJesu“- Forschung, etwas über mathematische Logik, sowie über den Sachverhalt von Komplementarität in Naturwissenschaft und Theologie. Die Beigabe von Grafiken zu einzelnen Kapiteln soll darüber hinaus die textliche Darstellung ergänzen. In allen Teilen musste es darum
gehen, aus der Fachliteratur das Wesentliche gesicherter Erkenntnisse in exemplarischer Kürze
darzustellen. Auch diesmal habe ich Hans Jürgen Fischbeck für die kritische Durchsicht des
Manuskriptes zu danken, sowie für alle Anregungen in unserem interdisziplinären Austausch.
Die Erforschung der biblischen Überlieferung, sowohl der hebräischen Bibel als auch des
Neuen Testamentes, ist eine wissenschaftliche Leistung, in der sich vor allem die großen Geister des Protestantismus verdient gemacht haben. Es war dies allerdings keine „fröhliche Wissenschaft“. Die Impulse dazu kamen aus dem Glaubenszweifel von Christenmenschen, die angesichts der fortschreitenden Natur- und Welterkenntnis, ihre intellektuelle Redlichkeit nicht
aufgeben wollten: „Im Kopf ein Heide und im Herzen ein lutherischer Christ“, wie einst Lessing
es von sich bekannte. Indem sie sich, der Wahrhaftigkeit verpflichtet, diesem Zweifel aussetzten, wurde ihnen neues Vertrauen in das, ihrer Zeit zugesprochene Evangelium geschenkt.
Ein aus den Einsichten der neuzeitlichen Hermeneutik gewonnenes Verständnis der Bibel als
geschichtliche Glaubensüberlieferung, die, wie jede Literatur, der historisch-kritischen Erforschung zugänglich sein muss, ist in unseren Kirchengemeinden jedoch immer noch Fachwissen
von Pfarrern und interessierten Laien. Noch immer bedarf es manchenorts der Abwehr einer
fundamentalistischen Frömmigkeit, die schon immer im Voraus zu wissen meint, „was da geschrieben steht!“ Dies blockiert ein Hören und Verstehen dessen, was die Forschungsarbeit der
letzten Jahrhunderte für das Verständnis der biblischen Botschaft für unsere Zeit frei gelegt hat.
Die Folge davon ist, dass evangelische Kirche und Gemeinde einer Öffentlichkeit allenfalls
wegen ihrer sozial- diakonischen Arbeit noch plausibel sind. Christlicher Glaube dagegen hat
sich in die Privatheit zurückgezogen.
Dabei darf es nicht bleiben. Die Reformation geht weiter! Es ist vor allem Aufgabe und Verheißung der evangelischen Christen, falsche Anstöße am Evangelium Jesu aus dem Weg zu
räumen, damit sein Ruf in die Nachfolge wieder gehört wird.
Berlin im Mai 2015
Rolf Dietrich Thoma
Inhalt:
Seite
Die Herausforderung – Die Reformation geht weiter!
Christus für die mündig gewordene Welt
1
2
Kapitel 1
Die Jesus-Überlieferung
Was wir von Jesus wissen können
Das Judentum zur Zeit Jesu von Nazareth
Herkunft aus Galiläa
Schüler des Wüstenpredigers und Täufers Johannes
Das öffentliche Auftreten Jesu von Nazareth
Jesus starb in Jerusalem am Kreuz
Das Entstehen einer judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem
5
6
7
Die Verkündigung Jesu
„Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“– Jesus, endzeitliche Prophet
„Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn ...“ – Die Gleichnisse Jesu
„Den Alten ist gesagt, ... ich aber sage euch ...!“
„Ein Freund der Zöllner und Sünder ...“– Gott sucht, was verloren ist
„Dein Glaube hat dir geholfen!“ – Jesus als charismatischer Wunderheiler
„Wer die Hand an den Pflug legt ...“ – Der Ruf in die Nachfolge
„Wer mich bekennt vor den Menschen ...!“ – Jesus, der „Menschensohn“
Die Entscheidung
Das letzte Mahl – Jesus als Kultstifter
9
10
11
12
Kapitel 2
Die Anfänge erster christlicher Gemeinden
Die Osterereignisse als Ursprung des christlichen Judentums
13
Die Jerusalemer Urgemeinde – Taufe, Brotbrechen und Gütergemeinschaft
Galiläa – Damaskus – Antiochien
Die Predigt der Urgemeinde
Jesus als Märtyrer – Die Passionsgeschichte
Der erhöhte Jesus – der Gottessohn des jesusgläubigen Judentums
14
15
Kapitel 3
Aggiornamento des Glaubens – Das Evangelium in fremden Kleidern
Die Welt des Hellenismus
Das Evangelium für die Heiden
Jerusalem und Antiochien – Paulus und die Gemeinden aus Juden und Heiden
Traditionsabbruch – Die erste Krise der neuen Christenheit
Von der Nachfolge Jesu zur Verehrung des Kyrios
Das Gesetz der Thora und die „Rechtfertigung aus Glauben“
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ – Die Beschneidungsdebatte
Die Mysterienkulte – Teilhabe am Schicksal der Gottheit
Gottesdienst, Taufe und Abendmahl der hellenistischen Gemeinden
Die zweite Krise: – Das Ausbleiben der Wiederkunft Christi
Leben im Vorläufigen – die Ethik des hellenistischen Christentums
Die Ausbildung von Gemeindeämtern
Die Gnosis – Licht aus einer anderen Welt
Jesus Christus – das Licht der Welt
17
18
19
21
22
23
24
25
Seite
Kapitel 4
Christlicher Glaube auf dem Weg zur Reichskirche
Das Christentum als Erfolgsgeschichte
Marcion und der Kampf um das Verhältnis von Gesetz und Evangelium
Taufbekenntnis – Kanon – Bischofsamt: - Die Kriterien der Katholizität
Das Taufbekenntnis
Die Bibel alten und neuen Testamentes – Richtschnur des Glaubens
Das Bischofsamt als monarchischer Episkopat
„Kyrie eleison!“ – Der Glaube wird politisch
Römische Staatskirche – Das Christentum am Wendepunkt seiner Geschichte
27
29
30
31
32
34
Kapitel 5
Frühkatholizismus – Das christliche Glaubensbekenntnis
Von der Predigt zur Lehre – oder: „Verstehst du auch, was du liest?“
Der Schatten der Ewigkeit – Das Evangelium und die griechische Philosophie
Das Wesen Gottes – Das Entstehen der frühkatholischen Dogmatik
Gott und die Welt als Themen der abendländischen Theologie
35
36
37
40
Kapitel 6
Die Erneuerung des Bundes – Israel und die Kirche
Israel, das Volk Gottes
Das Selbstverständnis der Kirche als das neue Volk Gottes
Von der Ausgrenzung zur Trennung
Exkurs 1 Der Antijudaismus der Kirche
43
44
45
Kapitel 7
„Ich bin nicht von hier, – Ich bin von anderswo her''
Das Wissen der Religionen von transzendentaler Wirklichkeit
Die Schlange – oder: Adam, wo bist du?
Das Wesen der Religion und die Erfindung der Götter
Die verwaltete Gottheit – Von Priestern und Propheten
Das Heilige: – Tremendum et Fascinosum
51
52
53
54
Kapitel 8
Fides quaerens intellectum: – Dass wir begreifen, was uns ergreift
Das Problem der Vergewisserung des Glaubens
Ist Gott ein Uhrmacher? – oder die Frage nach einem vernünftigen Gottesdienst
Lessings „garstiger breiter Graben“: – „Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis
für notwendige Vernunftwahrheiten nie werden.“
Immanuel Kant und die Frage nach der Reichweite der Vernunft
Friedrich E. D. Schleiermacher: – „Sinn und Geschmack für das Unendliche“
Sören Kierkegaard: – Christliche Existenz als Sprung in den Glauben
Nein! – Karl Barths Wort-Gottes-Theologie
als Absage an die „kulturprotestantische Gewissensreligion“
Exkurs 2 Häutungen: – oder: Die Suche nach dem historischen Jesus
Die „Entmythologisierung“ der biblischen Überlieferung –
Rudolf Bultmanns existentiale Interpretation als hermeneutische Methode.
„Zweifel macht den Theologen“
55
56
57
58
60
62
63
65
67
69
Seite
Kapitel 9
Elemente einer erneuerten Theologie
Das schöpferische Wort – Die Sprachtradition der hebräischen Bibel
Gottes „Sein“ manifestiert sich in seinem Wort: – es wirkt, was es sagt
Die Gegenwart Gottes in seinem Volk Israel
„Du sollst dir keinen Götzen noch irgendwelche Abbilder machen ...“
Der Name Gottes: „Ich werde mit dir sein!“
Die Thora – IHWHs Grundgesetz für Israel
Die Propheten – IHWHs Gerichts- und Heilswort an Israel
71
73
74
75
76
Kapitel 10
Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten
Die biblische Rede von Gott
Das Zeugnis des Heiligen Geistes im Glauben der frühen Christenheit
Die trinitarische Einheit Gottes
Gotteswort als Menschenwort – oder: Die „Fleischwerdung“ des Hl. Geistes
Der Geist und die Geister – oder: “Was Christum treibet!“
„Ubi et quando visum est Deo“ – Wo und was ist Kirche?
77
78
80
81
83
84
Kapitel 11
Naturwissenschaft als Verstehenshorizont der Theologie
Die Wirklichkeit jenseits der Realität – oder: Die neue Welt der Quantenphysik
Creatio continua – Die Welt ist ein ständiger Schöpfungsakt
Potenzialität und Information
Über Mathematik und das Vermögen des menschlichen Geistes
„Kosmisches Bewusstsein“ – Eine unstatthafte Spekulation?
Exkurs 3 Gedanken über das Anthropische Prinzip
85
90
91
95
97
98
Kapitel 12
„In ihm leben und weben und sind wir...“
Christlicher Glaube im Diskurs mit dem quanten-ontologischen Weltbild
Transzendenz – Die Überwindung des materialistisch-monistischen Denkens
Der Teil und das Ganze – Wissen und Glauben
Die Teilhabe des Lebens am universellen Geist
Quantenontologie als hermeneutischer Horizont einer Theologie des Geistes
Komplementarität und das Geheimnis der Person Jesu
Gibt es einen persönlichen Gott?
101
103
104
105
106
108
Kapitel 13
Heute, wenn ihr seine Stimme hört...
Sich zu Jesus bekennen!
Leben aus dem Geiste Jesu
Im Zwielicht der Zeit: – Gott wartet auf euch!
Steh auf und geh...! – Wie Vertrauen heilen kann
Gerechtigkeit, Frieden und die Vollendung der Schöpfung
oder: Ihr habt keine Chance, – also nutzt sie!
Jerusalem - oder: Die Heimkehr aus Babylon
„Womit bekommt man zu tun, wenn man mit dem Evangelium zu tun bekommt?“
111
114
115
116
Literaturverzeichnis
Erläuterungen
121
124
117
118
120
Die Herausforderung – Die Reformation geht weiter!
Neuere theologische Literatur, soweit sie sich an ein größeres Publikum wendet, beschäftigt
sich vornehmlich mit der Gottesfrage. Die Veröffentlichungen von Autoren wie Klaus-Peter
Jörns1, Matthias Kroeger2 oder auch Franz von Kutschera3, Hubertus Halbfas4 und anderen
machen den Versuch, das, was sie als das Wesentliche des christlichen Glaubens sehen, in die
Koordinatensysteme neuzeitlicher Welterfahrung einzutragen und so verständlicher zu machen. In einem Papier des theologischen Arbeitskreises der Evangelischen Akademikerschaft
heißt es dazu einleitend: „Zunehmend mehr Menschen in manchen europäischen Bevölkerungen, Christen und auch Mitglieder der evangelischen Kirchen entwickeln eigene Glaubensformen und Inhalte. Sie modifizieren für sich selbst wesentliche Inhalte christlicher Religion und
entfernen sich dabei erheblich von der Religion und Lehre ihrer Kirche. Schon Dietrich Bonhoeffer bekannte seinem Freund Eberhard Bethge: „Ich bin keine religiöse Natur. Aber an Gott,
an Christus muss ich immerfort denken, an Echtheit, an Leben, an Freiheit und Barmherzigkeit
liegt mir sehr viel. Nur sind mir die religiösen Einkleidungen so unbehaglich.“5 Nicht nur von
Theologen kommen Vorschläge zu einem zeitgemäßen Gottesbild. Umfragen zeigen, dass die
Zustimmung zu kirchlichen Lehren zwar abnimmt, die Menschen aber zunehmend eigene Vorstellungen zu wesentlichen religiösen Glaubensinhalten entwickeln. Insbesondere beim Gottesverständnis treten herkömmliche Vorstellungen zurück und werden an ein eher naturwissenschaftliches Weltbild angepasst. Der Glaube an Gott wird individueller und entspricht zunehmend nicht mehr den kirchlichen Vorgaben und Lehren.“6
Gleichzeitig zeigt sich, dass die oft zitierte Erwartung Dietrich Bonhoeffers vom Anbruch einer
„völlig religionslosen Zeit“ I, so nicht eingetroffen ist. Das gilt sowohl für die außereuropäische
Welt des Westens als auch die des nahen und fernen Ostens. Aber auch in unserer, seit dem
18. Jahrhundert durch die Säkularisation geprägten, europäischen Welt feiern naturreligiöse Riten, Esoterik, ja sogar Wahrsagerei zunehmend fröhliche Urständ und der Beginn dieses neuen
Jahrhunderts ist geprägt von verschärften Zusammenstößen einer (meist fundamentalistischen)
Religiosität mit Agnostizismus und westlich lasziver Lebensweise. Das gilt nicht nur dort, wo
eine zunehmende Islamisierung im Streit mit der westlichen Kultur und Lebensweise liegt. Es
gilt genauso für die Auseinandersetzungen eines fundamentalistischen Christentums, das sich
1
Klaus-Peter Jörns: Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum; Gütersloher
Verlagshaus 2004.
2
Matthias Kroeger: Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche; Kohlhammer
Verlag 2005/2.
3
Franz von Kutschera: Was vom Christentum bleibt: mentis Verlags GmbH, Paderborn 2008.
4
Hubertus Halbfas: Glaubensverlust. Warum sich das Christentum neu erfinden muss. Ostfildern 2011.
5
Mitgeteilt seinem Freund Eberhard Bethge, im Zug nach München am 25.6.1942
6
Neues für den Glauben: ist Gott noch der alte? Thesenpapier des Theologischen Arbeitskreises der Evangelischen Akademikerschaft EAiD mit Beiträgen zu neuzeitlichem Gottesverständnis S. 3
2
vor allem im „Biblebelt der USA mit politischen Forderungen meldet und seine Dominanz
auch auf diesem Felde zu behaupten sucht.
Diese Entwicklungen haben andererseits Bemühungen um ein Gespräch der Religionen befördert, mit der Hoffnung auf gegenseitige Toleranz in einer mehr oder weniger versöhnten Verschiedenheit. Das bekannteste Unternehmen dieser Bemühungen ist das Projekt Weltethos des
katholischen Theologen Hans Küng.II Er formuliert einen Grundbestand an ethischen Normen,
den die Weltreligionen und die großen historischen Kulturräume gemeinsam haben. Die Befunde sind in der Tat eindrucksvoll. Das Programm von Weltethos heißt deshalb: „Diese eine
Welt braucht ein Ethos; diese eine Weltgesellschaft braucht keine Einheitsreligion und Einheitsideologie, wohl aber einige verbindende und verbindliche Normen, Werte, Ideale und
Ziele.“7 Dennoch bleibt die Frage, woher dieses „Du sollst! oder „Du sollst nicht! seine bindende Autorität gewinnt, so dass entsprechende Normen auch in an sich säkularisierten Gesellschaft und ihrem Staat nicht nur geltend gemacht, sondern auch wirksam werden können. Denn
„der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren
kann.“ III Umso mehr aber muss die Kirche darum bemüht sein, nicht nur ihre äußere Gestalt,
sondern vor allem auch ihren Glauben und dessen theologische Reflexion jeweils in den aktuellen Verstehenshorizonten zu artikulieren, wie es die Reformatoren der Kirche zu ihrem Programm gemacht haben: Kirche sein heißt, sich ständig erneuern!
Christus für die mündig gewordene Welt
Als für Dietrich Bonhoeffer in seiner Tegeler Haft die Frage nach dem christlichen Zeugnis in
einer „mündig gewordenen Welt immer drängender wird, lautet seine Frage: „...wer Christus
eigentlich heute für uns ist? „Die oberste Frage heißt also nicht: was ist heute noch vom Glauben akzeptabel, sondern wer ist ER heute für uns. 8 Bonhoeffer fragt nicht nach dem möglichen
Fortbestand überkommener kirchlicher Verhältnisse aus dem Fundus der christlichen Überlieferung, sondern „er fragt ... nach der Person Christi und wie sie uns heute begrenzt und trifft“9
Das Forum, auf dem diese Frage zu verhandeln ist, ist die „mündig gewordene Welt“. Das meint
heute weit mehr als nur die Kirchen der christlichen Ökumene. Forum heutiger Verhandlungen
ist vielmehr die weltweite Ökumene der Religionen und Glaubensweisen IV – unter Einschluss
aller, die überhaupt nicht mehr glauben können, – jedenfalls soweit sie gesprächsfähig und dazu
bereit sind. Auf diesem Forum wird es am Ende weder Sieger noch Besiegte geben, aber die
Hoffnung, dass SEIN Geist und seine Leben spendende Kraft uns dabei gemeinsam erneuern
und lebendiger werden lassen.
Worum es diesem Gespräch der Glaubensweisen gehen muss, kann nun aber nicht die jeweilige
Verfasstheit der unterschiedlichen religiösen Bekenntnisse sein. Es geht vielmehr um den jeweils tragenden Grund des Glaubens. Religiöse Bewegungen etablieren sich offenbar immer
so, dass zu ihrem Beginn eine Phase der Spiritualität und der Begeisterung vorherrscht. Später,
wenn die Glaubensgemeinschaft zahlenmäßig wächst und sich regional ausbreiten kann, wächst
auch das Bedürfnis nach Regelungen, die sowohl die Organisation und das äußere Erscheinungsbild, aber auch eine gewisse Normierung der Glaubensinhalte notwendig machen. Dem
religiösen Aufbruch folgt in der Regel eine Phase mehr oder weniger stringenter Lehrbildung.
„Fides quaerens intellectus 10, der Glaube fordert auch das Denken heraus und will verstanden
werden. Das heißt, indem sich der Glaube ausbreitet, muss er sich innerhalb seiner wandernden
Verstehenshorizonte immer wieder neu begreifen, vergewissern und artikulieren. Aus den Differenzen der unterschiedlichen Verstehenshorizonte entsteht der theologische Streit, der durch
7
Hans Küng, a.a.O.
D. Bonhoeffer, WE 178
9
So Eberhardt Bethge in Dietrich Bonhoeffer - Eine Biographie; Kaiser Verlag München 1967/3, Seite 969
10
Anselm v. Canterbury, der Begründer der mittelalterlichen Scholastik, in seiner Vorrede zum Proslogion, (1077
n. Chr.)
8
3
auszuhandelnde Übereinkünfte geschlichtet werden muss, damit die Glaubensgemeinschaft zusammen bleibt. Geschieht das nicht, entstehen Häresien die spalten. Für die christlich-kirchliche Lehrtradition über Jesus entstand so die „Christologie“, also eine Formulierung des Christusglaubens, wie sie dann in den Bekenntnissen von Nicäa und Konstantinopel für die Kirche
verbindlich geworden ist. Dort einmal in feste Formulierungen gegossen, haben sie nun ein
Verständnis von Person und Werk Jesu Christi festgeschrieben, das für die frühe Christenheit
allgemein verständlich gewesen ist, inzwischen aber nicht mehr den weltanschaulichen Bezugsrahmen unserer Gegenwart trifft.
Stellt man sich die Frage „Wer ist Christus für uns heute noch einmal neu, so heißt dies zunächst, den Strom der christlichen Lehrbildungen bis zur Quelle zurück zu wandern. Dort treffen wir auf die Frage nach dem geschichtlichen Jesus.V Die Frage nach dem „Christus für uns
ist dann aber keine Frage nach einer mythischen Person oder göttlichen Rettergestalt, sondern
die Frage nach der konkreten historischen Person Jesu von Nazareth. Und weil dieser Jesus
keine mythische, sondern eine geschichtliche Person ist, kann er nur von seinem geschichtlichen Ort und aus der Glaubenstradition seines Volkes begriffen werden.
Die Frage „wer Jesus heute für uns ist stellt sich jedoch nicht nur für Christen, sondern schon
immer auch für JudenVI, als auch für MuslimeVII. Auch dort wurden die jeweils gefundenen
Antworten verschriftlicht und sind später entsprechend weiter tradiert worden. Inzwischen haben zwei Jahrhunderte der Forschung neue Quellen zu Jesus und seiner Umwelt und damit
wichtige Erkenntnisse und Wissen gebracht, das die Frage nach dem „geschichtlichen Jesus
neu beantworten kann.
http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3APapyrus_66_(GA).jpg
Papyrus
66
, genannt „P. Bodmer“. Die erste Seite zeigt Johannes 1,1-14a
Der Papyrus ist eines der ältesten erhaltenen Manuskripte des Neuen Testaments und wird auf die Zeit um
das Jahr 200 datiert. Er enthält folgende Texte des Johannes-Evangeliums: Joh 1,1- 6,11; 6,35-14, 26. 29-30;
15,2-26; 16,2-4. 6-7; 16,10-20, 20. 22-23; 20,25-21,9. - Es befindet sich heute in der Bibliotheca Bodmeriana,
ein von Martin Bodmer (1899–1971) gestiftetes Literaturmuseum in Cologny bei Genf in der Schweiz.
5
Kapitel 1
Die Jesus-Überlieferung
Der Galiläer Jesus aus Nazareth ist eine geschichtliche Person. Das unterscheidet ihn von den
Heroen der antiken Völkererzählungen. Wenn auch spätere Christusdarstellungen religiöse
oder apologetische Wurzeln haben, so müssen sich diese immer wieder neu an der Überlieferung von der geschichtlichen Person Jesu und seinem Wirken messen lassen.
Was wir von Jesus wissen können
Fragt man nach der geschichtlichen Gestalt der Verkündigung des Jesus von Nazareth, stellt
sich zunächst die Frage nach den historischen Quellen.I Dass Jesus gelebt, öffentlich gewirkt
und eine Anhängerschaft hinterlassen hat, bestätigen auch nicht-christliche ZeugnisseII. Im Wesentlichen aber sind wir auf die Texte der Evangelien, vor allem der drei ersten, der sog. Synoptiker angewiesen. Diese sind aber nicht in der Absicht verfasst worden, um als Archiv für
die Aufbewahrung historischer Details zu dienen. Sie wollen vielmehr Jesus als den erwarteten
Messias (Christus) verkündigen. Sie sind also ihrem Charakter nach Glaubenszeugnisse und
nicht Geschichtsschreibung.III Dennoch enthalten die Evangelien durchaus auch geschichtliche
Daten, die als solche kaum einen Zweifel an ihrer Tatsächlichkeit erlauben.
In dieser geschichtlichen Phase wurzeln die streng gesetzestreue Richtung der Pharisäer und
deren entschiedene Abschließung gegen den Hellenismus. Durch strengste Beobachtung des
Gesetzes und strikte Absonderung von den Heiden (Gojim) und dem „unrein“ lebenden großen
Haufen, versuchten sie sich „rein“ zu halten. Ihre Gegner waren die Sadduzäer, die nur die
schriftliche Thora gelten ließen, ansonsten auch den fremden Sitten zuneigten. Sie verwarfen
die mündliche Weiterbildung des Gesetzes, sowie den Glauben an ein messianisches Reich, die
Auferstehung, die göttliche Vorsehung, den Engelglauben u.a. Zur Zeit Jesu besaßen sie als
Partei der Tempelhüter großen Einfluss im Synhedrium zu Jerusalem.
Bei den breiten Mittelschichten des Judentums herrschten pharisäische Vorstellungen vor.
Auch waren hier apokalyptische Zukunftsvisionen verbreitet, die nicht nur die Hoffnung auf
einen weltlichen MessiasIV wach hielten, der in Israel und über die anderen Völker herrschen
sollte. In anonymen apokalyptischen Offenbarungen hatten sich auch Vorstellungen von einem
kommenden Reich Gottes als einer jenseitigen, übernatürlichen Größe erhalten, sowie eines
Messias, der nicht mehr als nationaler Kriegsheld, sondern als göttliches Geistwesen auftreten
würde. Die nahe bevorstehende Weltkatastrophe wurde dabei als ein Drama in mehreren Akten
vorgestellt. Diese Vorstellungen waren ein Produkt des religiösen Synkretismus. Auf ihm beruhte auch die Sekte der Essener, die in einem Wüstenkloster in asketischer Weltflucht als
Mönche lebten und in einer eigenen Klosterregel eigene Riten und Lebensgewohnheiten festgeschrieben hatten. Schließlich sind auch noch die „Sikarier (d.h. Dolchmänner) zu nennen.
Sie leisteten im Untergrund teils religiös, teils politisch-freiheitlich motivierten Widerstand gegen die römische Besatzung jüdischen Territoriums.11
Herkunft aus Galiläa
Jesus war nie etwas anderes als ein Jude, der inmitten seines jüdischen Volkes gelebt und gewirkt hat. Er und seine Familie stammen aus dem galiläischen Nazareth.V Er wurde in der Re-
11
So soll der Jesus-Jünger Judas Ischariot ursprünglich Sikarier gewesen sein.
6
gierungszeit des Kaisers Augustus (37-14 n. Chr.) geboren. Das genaue Geburtsjahr ist unbekannt.12 Erzählungen über seine Jugend und berufliche Tätigkeit vor seinem öffentlichen Auftreten beruhen auf späteren Ausmalungen, die keinen historischen Wert haben.13 Zum Verständnis wichtig ist jedoch seine Herkunft aus Galiläa. Das südliche Judäa (mit Jerusalem als
Zentrum des Tempelkultes) stand in fortwährender sozialer und religiöser Spannung zu dieser
Landschaft im Norden Israels.14 Das hat historische Gründe, die über Jahrhunderte zurückreichen.VI Jesus sprach das galiläische und durch das Zweistromland mitgeprägte, Aramäisch.VII
Offenbar hat Jesus bis zu seinem öffentlichen Auftreten unauffällig gelebt.
Schüler des Wüstenpredigers und Täufers Johannes
Die Taufe durch Johannes am Jordan ist eines der gesicherten Daten im Leben Jesu.VIII Der
Asket Johannes15 predigt die Umkehr (d.h. die Buße) IX angesichts des nahen Kommens „eines
Stärkeren“16 und vollzog am Jordan die Bußtaufe zur Vergebung der Sünden. Dieser Vollmachtsanspruch des Täufers, Gottes Vergebung der Sünden zuzusprechen, bringt ihn in Konkurrenz zum Opferkult des Jerusalemer Tempels, der für das Judentum der eigentliche Ort der
Sündenvergebung ist. Jesus kommt zu Johannes an den Jordan und wird von ihm getauft. Jesus
schließt sich der Täuferbewegung des Johannes an. Jesu Kritik am Opferkult des Jerusalemer
Tempels hat hier ihre Wurzeln. Man kann auch sagen, das hat Jesus bei Johannes gelernt.
Als Johannes am Königshaus des Herodes Kritik übt, wird er verhaftet und einige Zeit später
enthauptet. Möglicherweise ist die Gefangennahme des Täufers der Zeitpunkt, zu dem Jesus
die Täufergemeinde verlässt und seine eigene Verkündigung in Galiläa beginnt.
Das öffentliche Auftreten Jesu von Nazareth
Jesus war ein Wanderprediger. Mittelpunkt seines öffentlichen Wirkens ist das Nordufer des
See Genezareths, insbesondere die Ortschaft KapernaumX Nach Lk 3,23 war Jesus zu Beginn
seines öffentlichen Auftretens ca. 30 Jahre alt.XI Die Zeitspanne des öffentlichen Wirkens Jesu
lässt sich nicht genau bestimmen. Sie beläuft sich zwischen einigen Monaten bis zu einem oder
gar mehreren Jahren.17 Sie begann in Galiläa und endete in Jerusalem. Jesus trat mit der Autorität eines Charismatikers auf.XII In der neutestamentlichen Überlieferung wird ihm „Vollmacht zugeschrieben, die sich in seiner Lehre und in seinen Wundern zeigt (Mk 1,21 ff). Alle
Rekonstruktionen des historischen Jesus sind jedoch abhängig von unserem Bild des Judentums zur Zeit des zweiten Tempels und dem historischen Rahmen der jüdischen Propheten des
1. Jahrhunderts n. Chr.XIII
Jesus starb in Jerusalem am Kreuz
Das ist die bestbezeugte historische TatsacheXIV der Jesus-Überlieferung überhaupt.XV Jesus
wandert mit der Schar seine Jünger zum Passahfest von Galiläa nach Jerusalem. Dort tritt er
mit einer Prophetie gegen den Tempel auf, die er mit einer Symbolhandlung (Tempelreinigung)
bekräftigte. Nach seiner Gefangennahme verhandeln jüdische Religions-Instanzen über Jesus.
Zentrales Thema ist dabei Jesu Tempelkritik.XVI Der römische Präfekt musste hinsichtlich der
„Königsherrschaft Gottes“, von der Jesus sprach, skeptisch werden. Die jüdische Führungs12
Die Forschung rechnet mit einem Datum zwischen den Jahren 6 – 4 v. Chr.
Dass der Vater Joseph im Baugewerbe tätig war, mag zutreffen. Auch bei Jesus finden sich Hinweise, dass er
Kenntnisse aus dem Bauwesen hatte. Vgl. Theissen/Merz a.a.O. S. 148 ff.
14
Mt 4,14 zitiert Jesaja 8,23 „ ...das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden.“ Während des MakkabäerAufstandes im 2. Jh. v. Chr. begegnet erneut der Name „Galiläa der Fremden“. Vgl. die Frage Nathanaels Joh.
1,46 „ ... Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ Siehe dazu Theissen/Merz a.a.O. S. 161
15
Nach Lk 3,1f fällt die Zeit des Auftretens des Täufers in das fünfzehnte Jahr der Regierungszeit des römischen
Kaisers Tiberius, d.h. in die Zeit zwischen Oktober 27 und September 28 (vielleicht auch 28/29).
16
Dieser „Stärkere“ dürfte bei Johannes eine eschatologische Mittlergestalt sein, die als Bevollmächtigter Gottes handelt.
Die christliche Darstellung macht aus Johannes dann den Vorläufer des Messias Jesus. Vgl. Theissen/Merz a.a.O. S. 190.
17
vgl. Theissen/Merz a.a.O. S.148
13
7
schicht als auch die Römer hatten das gemeinsame Interesse Unruhen zu vermeiden. Vom Synhedrion als falscher Prophet verklagt, von den Römern als „König der Juden verdächtigt, wirken beide beim Vorgehen gegen Jesus zusammen. Das Todesurteil Kreuzigung fällt PilatusXVII
unter dem Zeitdruck des bevorstehenden Passahfestes und wohl auch um ein Exempel zu statuieren.XVIII Jesus starb am Freitag, dem 14. Nisan (des jüdischen Kalenders) vor Beginn des
(mit dem Sonnenuntergang beginnenden) Passahfestes.XIX
Das Entstehen einer judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem
Auch das gehört zu den historischen Fakten der Jesus-Überlieferung. Dass sich nach der Kreuzigung Jesu und auf Grund von Erscheinungen eine Jesus-Gemeinde zusammenfindet, ist alles
andere als selbstverständlich.XX Diese jüdische „Hairesis“XXI weitet sich schließlich durch die
Mission des Paulus und viele unbekannte Missionare zur christlichen Kirche aus Juden und
Heiden, wird zur Staatsreligion des römischen Reiches und schließlich zum „Christlichen
Abendland“. Da das Judentum als Ganzes seinen Sohn Jesus nicht als gültigen Zeugen seines
Gottes anzuerkennen vermochte, kam es in den ersten Jahrhunderten zur endgültigen Trennung
von den Christusgläubigen. Von nun an gibt es beides nebeneinander: Israel und die Kirche
Jesu Christi.
Fotos: pa/akg-images, bpk/RMN/Hervé Lewandowski
Die erste Christusdarstellung der Geschichte ist ein Spottbild XXII
„Alexamenos betet (seinen) Gott an.“
Papyrus: preserved at the John Rylands Library. Photo: courtesy of JRUL
Vordeseite
Rückseite
Textstück aus der Johannespassion 18,31-33 von Papyrologist Bernard Grenfell (1920), Papyrus: der John Rylands Library. Photo: courtesy of JRUL. Wikimedia Commons Rylands 52
Textes des Neuen Testaments. –
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Zu Deutsch: „Da sagte Pilatus zu ihnen: Nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Die Juden
sagten zu ihm: Uns ist es nicht erlaubt jemanden zu töten; damit das Wort Jesu erfüllt wurde, das er
gesagt hatte um zu zeigen welchen Tod er sterben sollte.“ – Die auf dem Textfragment enthaltenen
Bruchstücke sind rot gekennzeichnet.
Übersetzung u. Rekonstruktion nach Carsten Peter Thiede, Die älteste Evangelien Handschrift?, 4. Auflage,
1994, R. Brockhaus, S.32).
9
Die Verkündigung Jesu
Das älteste der vier Berichte vom Leben und Lehren des Nazareners Jesus (nach Markus) bezeichnet seine Verkündigung als „euangelion (dtsch. Evangelium), d.h. „frohe Botschaft“.
Fragt man nach der historisch gesicherten Überlieferung von der Verkündigung Jesu, so stehen
wir mit der in den Evangelien enthaltenen Tradition auf ziemlich festem Grund.I Zu beachten
ist dabei, dass sich der Rahmen der Berichte als auch die Einkleidung der einzelnen Spruchüberlieferung der redaktionellen Arbeit der Evangelisten und ihrem kerygmatischen Interesse
verdanken. Dennoch lassen sich mittels literarkritischer, form- und traditionsgeschichtlicher
Analysen und vor allem aus dem religions- und sozialgeschichtlichen Vergleich mit den zeitgenössischen jüdischen Quellen18 ältere und ursprüngliche Überlieferung von jüngeren Ergänzungen und Übermalungen unterscheiden.
„Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“– Jesus, der endzeitliche Prophet
Wie der Täufer verkündigt auch Jesus das Anbrechen der Gottesherrschaft in naher Zukunft.19
Er lehrt seine Jünger zu beten: „Dein Reich komme!“ II Gleichzeitig aber vollzieht sich offenbar
das Reich Gottes auch schon gegenwärtig da, wo Jesus lehrt, heilt und handelt.20 Worum es in
der Königsherrschaft Gottes geht, sagen die Seligpreisungen in der älteren Gestalt bei Lk 6,2022, die der Logien-Quelle (Q) zuzurechnen sind: „Selig sind die Armen, denn ihnen gehört die
Gottesherrschaft. Selig sind die (jetzt) Hungernden, denn sie werden gesättigt werden. Selig
sind die (jetzt) Weinenden, denn sie werden getröstet werden.“III Mit dieser Zusage verbindet
Jesus seinen Ruf zur Buße. Jetzt ist die nochmals gnädig gewährte Zeit zur Umkehr. Denen
aber, die das jetzt angebotene Heil nicht annehmen, kündigt Jesus das endzeitliche Gericht an.IV
Diese Art von Auftreten steht in der Tradition alttestamentlicher Prophetie.V
„Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn ... – Die Gleichnisse Jesu
Die Jesus-Überlieferung ist Erzähltradition. Jesus hat seinen Zuhörern kleine Geschichten erzählt.21 „Das Himmelreich ist gleich wie ... In diesen Gleichnissen wird jeweils ein besonderer Vorgang oder Aspekt genannt, in dem das in der Geschichte Erzählte der Königsherrschaft Gottes vergleichbar ist. Das Reich Gottes kommt wie ein Dieb in der Nacht; darum wachet! Es wächst wie die selbst wachsende Saat. Andere Gleichnisse erzählen von der Güte Gottes, die sich keinem Bitten verschließt. (Lk 15,1 ff), und den Blick auf die Armen lenkt (Mk
2,17 ff, Mt 21,28-31).
Die Gleichnisse Jesu sind eine undogmatische Weise von Gott zu sprechen. „Sie will nicht
bezeugen, wie man schon immer über Gott dachte. Sie will nicht vorschreiben, wie man über
ihn denken soll. Sie will Impulse geben, immer wieder neu und anders von ihm zu denken. ...
Die Gleichnisse Jesu zeigen einen freien hermeneutischen Umgang mit der theologischen Tradition, der nicht an Bildung und Schriftgelehrsamkeit gebunden ist.“22
18
Eine für die Erforschung der Evangelien hilfreiche Quellensammlung rabbinischer Thoraauslegung findet sich
in dem klassischen Werk von Strack/Billerbeck, 3 Bde. C.H. Beck, München 1922.
19
Nach Mk 1,14 ff / par. verkündet Jesus die „frohe Botschaft“ von der Nähe der „Gottesherrschaft“, – im Matthäus-Evangelium gelegentlich auch mit dem Synonym „Himmelreich“ wiedergegeben.
20
Vgl. Mt 11,5f die Antwort Jesu auf die Anfrage Johannes des Täufer. „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer
sich nicht an mir ärgert ...“ par. Lk 7,22f / (vgl. dazu Jes 35,5-6; 61,1)
21
Die Gleichnisse gelten als „Urgestein“ (J. Jeremias) der Jesusüberlieferung. Gleichnisse „sind eine weisheitliche Form. Sie begegnet im Judentum in größerem Umfang erst bei Jesus.... Die Rabbinen interpretieren mit
solchen Gleichnissen die Thora. Bei Jesus tragen sie ihre Botschaft in sich selbst.“ Theissen/Merz: a.a.O. S. 301.
22
Theissen/Merz a.a.O. S. 309
10
„Den Alten ist gesagt ... Ich aber sage euch ...!“
Jesus lebt und lehrt in der Tradition der Thora und hält an ihr als dem lebenspendenden und
ordnenden Willen Gottes fest.23 Thora ist Weisung zum Leben. Sein Thoraverständnis bringt
Jesus aber in Auseinandersetzungen mit dem observanten Judentum der Pharisäer. Ihr Thoraverständnis fragt nicht, was gut und recht ist, sondern „was im Gesetz geboten sei. Für die
Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer bedürfen die Gebote der Thora inmitten der Umstände und
Begebenheiten des Alltags der „Klärung ihres Sinngehaltes und müssen in kasuistisch detaillierten Anweisungen jeweils neu ausgelegt und konkretisiert werden. „Aller Eifer der Erziehung
in Familie, Schule und Synagoge sollte das ganze Volk zu einem Volk des Gesetzes machen.“24
Das führte dann zu einer scharfen Abgrenzung der Gesetzestreuen von allen „Sündern“.VI Jesus
setzt sich mit der pharisäischen Kasualpraxis auseinander. Er radikalisiert das Gebot und führt
es auf seinen heilvollen Kern zurück. Themen dieser Auseinandersetzung sind das Sabbatgebot,
(„Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen und Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein Leben zu retten
oder zu töten? Mk 3,4), das Reinheitsgebot („Es gibt nichts, was von außen in den Menschen
hineingeht, das ihn unrein machen könnte, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das
ist’s, was ihn unrein macht (Mk 7,15), oder Ehescheidung („Wer sich scheidet von seiner Frau
und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe (Mk 10,11 par.) u. a. mehr.
Andererseits zeigt Jesus auch eine erstaunliche Freiheit gegenüber der Thora. So enthält seine
Verkündigung weisheitliche und eschatologische Motive.25 Dabei zeigt er gelegentlich starkes
Selbstbewusstsein: „Den Alten ist gesagt ... Ich aber sage euch: ...! (Mt 5,22-44; 8,11; 12,6, 36;
par).VII Über allem aber steht das Liebesgebot aus Dtn 6,37-40: „Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ (Dtn 6,5). Dies ist
das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst (Lev 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die
Propheten. (Mk 12,28-31; Lk 10,25-28).26
„Ein Freund der Zöllner und Sünder ...“ – Gott sucht was verloren ist
Auch Jesu Verhalten gehört zu seiner Verkündigung. Johannes predigt und tauft am Jordan in
der Wüste. Jesus aber geht da hin, wo die Menschen wohnen und arbeiten, in die Dörfer und
Städte am Ufer des nördlichen Sees Genezareth.27 Das unterscheidet beide voneinander.VIII
Während Essener und Wüstenprediger sich in Kommunitäten und in Abgeschiedenheit zurückziehen, lebt Jesus bei den Menschen, begegnet ihnen bei der Arbeit, hält mit ihnen Tischgemeinschaft, und scheut dabei nicht den Kontakt mit „Zöllner und Sündern“. Das hat ihm bei
den Frommen und Gesetzestreuen den schlechten Ruf eingebracht: „Johannes ist gekommen,
aß nicht und trank nicht, so sagen sie: Er ist besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst
und trinkt; so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund
der Zöllner und Sünder! (Mt 11,18f). In Jesu Zuwendung zu den „Armen spiegelt sich Gottes
Liebe und Zuwendung zu den „Verlorenen“, wie er es in den Geschichten „Vom verlorenen
23
Dass Jesus lesen – und vielleicht auch schreiben – konnte, wird unter Verweis auf Joh. 8,1-11 in der Forschung
meist angenommen. Stichhaltiger wäre die Tatsache, wenn Jesus - wie von Theissen/Merz angenommen – im
Zusammenhang des Milieus der Thoragelehrten zu sehen ist.
24
Vgl. dazu Emil Schürer: Neutestamentliche Zeitgeschichte, Leipzig 1874. S.483 ff.
25
Die Zeit des Frühjudentums war eine Blütezeit der Weisheit. Die Weisheit wird in ihr zu einer Hypostase Gottes,
d.h. zu einer eigenständigen Seite Gottes, die unmittelbaren Zugang zu ihm eröffnet...“ Theissen/Merz a.a.O. S.
332.
26
Auffällig ist der Schriftgebrauch Jesu. Für ihn ist ein instrumentaler Schriftgebrauch charakteristisch. Für Jesus
„dient die Schrift als Mittel für verschiedene Zwecke: Sie bringt ein Erfüllungsbewusstsein zum Ausdruck, provoziert ein neues Verhalten, dient als Argument in der Polemik und ist Grundlage der Ethik.“ Theissen/Merz a.a.O.
S. 320.
27
Möglicherweise beginnt Jesus mit seiner Verkündigung erst nach dem Tode des Täufers. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass Jesus und Johannes bis zu dessen Verhaftung und Hinrichtung eine Zeitlang gleichzeitig
gewirkt haben. Vgl. Theissen/Merz a.a.O.
11
Sohn“,– besser: vom liebenden Vater, verdeutlicht hat (Lk 15). Auch sein Gebot der Feindesliebe gehört in diesen Zusammenhang.
„Dein Glaube hat dir geholfen! – Jesus als charismatischer Wunderheiler
Der Verkündigung vom Anbrechen der Königsherrschaft Gottes entsprechen die Heilungen und
Exorzismen im öffentlichen Wirken Jesu. An ihrem historischen Hintergrund, dem Auftreten
Jesu als Heilungs-Charismatiker, kann kein Zweifel bestehen.IX Jesus besaß eine außergewöhnliche, „paranormale Begabung. Dabei sind seine Wunder im Kontext analoger antiker Phänomene zu verstehen.28 Sie erhalten aber eine individuelle Prägung durch die Zurechnung ihrer
Wunder wirkenden Kraft an den Glauben der Hilfesuchenden einerseits und in der eschatologischen Deutung dieser Wunder andererseits. Gilt Jesu Ruf zur Umkehr in erster Linie Israel,
so geht er mit seinem Heilen darüber hinaus und schließt „Heiden nicht aus.29 Jesus hat seine
Wunder mit dem Zentrum seiner Botschaft verbunden und ihnen eine religiöse Bedeutung gegeben: Er sah in ihnen den Anbruch einer neuen Welt. So sind Jesu Wunder auch immer als der
Protest gegen menschliches Leid zu lesen.30
„Wer die Hand an den Pflug legt ... – Der Ruf in die Nachfolge
Jesu Verkündigung ruft aus dem Alltag heraus. Angesichts des Anbrechens der Gottesherrschaft gilt es, sich entschlossen darauf vorzubereiten und das ganze Leben darauf einzustellen.
Da Jesus das Kommen des Gottesreiches in naher Zukunft erwartet, mahnt er zu nüchterner
Wachsamkeit und wie die klugen Jungfrauen für das Kommen „des Bräutigams“ bereit zu sein.
Deshalb ruft Jesus in seine Nachfolge.31 Auf Jesu Ruf zur Umkehr schließen sich ihm Männer
und Frauen32 als seine Gefolgschaft an. Wie bei anderen Rabbinen auch, entsteht um Jesus ein
engerer Kreis von Schülern. Einzelne von ihnen sind dabei auch seinem ganz persönlichen Ruf
gefolgt.X
„Bittet, so wird euch gegeben!“
IHWH, der alte Gottesname Israels, taucht aus verständlichen Gründen33 in der Jesus-Überlieferung nirgends auf. Aber auch die mannigfachen Umschreibungen des in Israel heilig gehaltenen Gottesnamens34 finden sich nirgends in der Jesusüberlieferung. Jesu Gottesbeziehung zeugt
von großer Vertraulichkeit. Und die ist auch allen anderen Menschen, insbesondere seinen Jüngern zugesprochen. Jesus lehrt seine Jünger beten: „Wenn ihr betet, so sollt ihr nicht plappern
wie die Heiden, sondern so sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Gib uns heute
unser tägliches Brot und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern
und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen …“
„Wer mich bekennt vor den Menschen ...! – Jesus, der „Menschensohn“
Das charismatische Auftreten Jesu und sein Heroldsanspruch bei der Ansage des nahe herbei
gekommenen Reiches Gottes verweisen implizit auf ein besonderes Selbstverständnis, das in
den Reden Jesu vom „Menschensohn XI zum Ausdruck kommt. 35 Er setzt sich selbst und seine
28
Über Krankheiten und Wundermacht als Vorgegebenheit und soziales Konstrukt vgl. Theissen/Merz a.a.O., S.
208 ff.
29
Vgl. Mt 8,5 ff, par Lk 7,1 ff; Mk 6,53 ff par. Mk 7, 24 f par. Mt 15,21 ff.
30
Theissen/Merz a.a.O. S. 282 f.
31
Vgl. Mk. 2,14 par. Mt 8,22; Mk 10.17 ff par; Mk 8,34 ff par. Diese Stelle ist allerdings Gemeindebildung;
32
Vgl. Lk 8,1 ff par.; so auch Mk 1,39; 6,6b; 15,40 f; Mt 4,23; 9,35; 27,55 f.
33
Das Ausprechen des JHWH-Namens ist kultisch untersagt. Dahinter steht die Vorstellung, dass der Name einem Macht über den Genannten gibt. Statt dessen gibt es eine große Zahl von Umschreibungen
34
Z.B. „Schem“ (der „Name“), Adonai elohenu (= HERR, unser Gott), Hand Gottes u.a.m.
35
Entsprechend die Parallelstelle bei Lukas 9,26: „Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt, dessen wird
sich der Menschensohn auch schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der
12
Verkündigung in ein Verhältnis zum kommenden Menschensohn: „Wer sich aber meiner und
meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich
auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit
den heiligen Engeln. (Mk 8,38) Wahrscheinlich sprach Jesus sowohl vom gegenwärtigen wie
auch vom künftigen Menschensohn und bezog beides auf sich. Dabei verband er den alltagssprachlichen Ausdruck „Menschensohn mit der visionssprachlichen Rede vom „menschensohnähnlichen Himmelswesen. So wurde einerseits der umgangssprachliche Ausdruck „Menschensohn aufgewertet, gleichzeitig aber die visionssprachliche Rede vom Himmelswesen
durch die direkte Bezeichnung „Menschensohn ersetzt. Das heißt: Kein Engel, kein Himmelswesen, keiner, der nur „wie ein Mensch war“, sondern ein ganz konkreter Mensch wird diese
Rolle im hereinbrechenden Reich Gottes übernehmen: nämlich Jesus selbst! Er sieht sich zugleich als gegenwärtiger und zukünftiger „Mensch“, als Herold und Vollender. Und so, wie das
Reich Gottes erst noch kommt und dennoch schon gegenwärtig hereinbricht, so ist auch Jesus
selbst sowohl der gegenwärtige als auch schon der zukünftige „Mensch“.36
Die Entscheidung
Wir müssen demnach davon ausgehen, dass Jesus seine Verkündigung vom Anbrechen der
Gottesherrschaft mit der Erwartung einer zeitlichen Nähe dieses Ereignisses verbunden hat.
Seine Verkündigung, seine Zeichen und Wundertaten verstand er sowohl als Vorzeichen dieses
Kommens Gottes in sein Volk Israel und zugleich zur Rettung der Völkerwelt. Mit seinem Zug
nach Jerusalem, dem geistlichen Zentrum Israels, unterstreicht Jesus die Dringlichkeit seines
Rufes zur Umkehr.XII
Das letzte Mahl – Jesus als Kultstifter
Jesu letztes Beisammensein mit seinen Jüngern hat etwas von einer bewussten Inszenierung.
Was im Anschluss an Jesu Tischgemeinschaft mit den Seinen eine normale Mahlzeit hätte sein
können, gestaltet er als ein Abschiedsmahl: „Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im
Reich Gottes.“XIII Jesu Deutewort über dem Brechen des Brotes und der Darbietung des Bechers
mit Wein, setzen gewissermaßen einen neue kultische Feier an die Stelle des Opferkultes im
Tempel. Dafür spricht auch seine Weisung der künftigen Wiederholung dieses Ritus.XIV Mit
der Mahlfeier im Kreis der Jünger endet das selbstbestimmte Wirken Jesu. Sein Wissen um die
Gefahr und die damit zusammenhängenden Ahnungen37 seines bevorstehenden Todes schließen das öffentliche Wirken Jesu ab. Von jetzt ab bestimmen andere über sein Leben und Sterben.
heiligen Engel.“ Sicher ist, dass Jesus den Ausdruck „Menschensohn“ benutzt hat. Er geht auf das Aramäische
zurück und ist in allen Traditionskomplexen der Jesusüberlieferung bezeugt (Mk; Q; Mt Sondergut; vgl. 10,23;
25,31 ff; Lk Sondergut 18,8; JohEv; ThomasEvg 86). Theissen/Merz a.a.O., S. 476.
36
So Jesu Rede vom „Menschensohn“ – sehr einleuchtend verstanden bei Theissen/Merz a.a.O., S. 179.
37
Die Gethsemane-Szene Mk 14,32 par. ist zwar literarisch gestaltet (dreimaliger Gebetskampf), als Ort der Gefangennahme aber sicherlich historisch.
Folio 14v of the Rabula Gospels (Florence,
Biblioteca Mediceo Laurenziana, cod. Plut. I, 560), Pentecost
Ausgießung des Heiligen Geistes im Rabbula-Evangeliar (586 n. Chr.) aus Antiochien
Maria inmitten der vom Heiligen Geistes erfüllten Apostel.
Kapitel 2
Die Anfänge erster christlicher Gemeinden
Nach der Gefangennahme Jesu waren die Jünger geflohen.I Kurze Zeit danach finden sich in
Jerusalem, in Galiläa sowie im syrischen Damaskus und Antiochien christliche Gemeinden.
Zwischen diesen beiden historisch verifizierbaren Tatsachen stehen die so genannten „Osterereignisse“. Sie entziehen sich einer historisierenden Betrachtung, weil sich in ihnen äußeres
geschichtliches Geschehen und inneres geistliches Geschehen vermischen. II
Die Osterereignisse als Ursprung des christlichen Judentums
In Galiläa III haben die Jünger IV die ersten Erscheinungen des Auferstandenen. Ihr schließen sich
weitere Erscheinungen an.V Zum bald darauf folgenden jüdischen Wochenfest VI erfährt die dazu
in Jerusalem versammelte Jüngergemeinde 38 die „Ausgießung des Heiligen Geistes“, die als der
Gründungsakt der Kirche verstanden wird.39 Damit verbunden ist die Sendung der Jünger zur Zeugenschaft 40 durch den Auferstandenen.VII Der Jerusalemer Urgemeinde gehören nun auch Familienmitglieder Jesu an. Nach dem Weggang des Simon-Petrus wird der Jesusbruder Jakobus Leiter
38
Nach der Überlieferung sammelt Simon Petrus die Jünger in Jerusalem.
Siehe die Pfingsterzählung in Apg 1,23 ff.
40
vgl. Apg 1,8; 2,32; 3,15; 5,32 und öfter.
39
14
der Jerusalemer Gemeinde. Noch versteht sich die Jüngergemeinde als integraler Teil des Judentums VIII und wird auch von anderen so gesehen.IX In der Jerusalemer Jüngergemeinde finden sich
aber bereits auch Menschen aus dem hellenistischen Diasporajudentum.X Davon zeugt auch die
Gestalt des Stephanus, ein Diakon der Jerusalemer Urgemeinde. Er gilt als erster christlicher Märtyrer. Sein Name deutet auf eine hellenistische Herkunft hin.
Die Jerusalemer Urgemeinde – Taufe, Brotbrechen und Gütergemeinschaft
Der Initiationsritus der Taufe ist ein erstes Merkmal mit dem sich die Jesusgemeinde innerhalb
des Judentums profiliert.XI In der Taufe auf den Namen Jesu zur Vergebung der Sünden wurde
man zum Gemeindeglied. Zum Beten ging man auch weiterhin in den Tempel, verweigerte aber
die Teilnahme am Opferkult. Die judenchristliche Jesusgemeinde hielt sich auch weiter an die
Thora, beachtete die Speisegebote und hielt die Sabbatruhe vor der Feier des Auferstehungstages. Die apokal yptische Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Kommens der Gottesherrschaft prägte das Zusammenleben. Die Apostelgeschichte schildert das Leben der Urgemeinde so: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des
Brotes und an den Gebeten. Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem
so viel, wie er nötig hatte.XII Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren
Häusern das BrotXIII und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten
Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die
hinzu, die gerettet werden sollten.“XIV Das gemeinsame Brotbrechen schließt dabei an die
Tischgemeinschaft Jesu an. Am „Herrentag“XV als dem Tag der Auferweckung Jesu, trifft man
sich in den Häusern. Jesu letztes Mahl in der Gemeinschaft der Jünger wiederholt sich, das
Brechen des Brotes und der gereichte Becher mit Wein wird als sein Vermächtnis zum Zentrum
des gottesdienstlichen Beisammenseins der Getauften. Der Vollzug dieses Ritus XVI gewährt
auf geheimnisvolle Weise die Gegenwart Jesu in der Mitte der versammelten Gemeinde. XVII
Galiläa – Damaskus – Antiochien
Parallel zur Urgemeinde in Jerusalem müssen in Galiläa ebenfalls sehr früh judenchristliche Kreise entstanden sein.XVIII Galiläische Jesusanhänger sammelten Reden, Streitgespräche und
Gleichnisse, die Jesu zugeschrieben wurden. Diese Sammlung
wurde erst mündlich, dann schriftlich tradiert. Den Evangelisten
Matthäus und Lukas standen später offensichtlich zumindest einzelne Teile dieser Spruchsammlung zur Verfügung und diese
Evangelisten haben daraus Teile in ihre eigene Arbeit aufgenommen. Da es sich aber bei den galiläischen Judenchristen wohl um
einfache Leute – Fischer und Handwerker – gehandelt haben
Paulus, Mosaik im
dürfte, die wohl kaum genug Griechisch konnten um außerhalb
Oratorium St. Andrea in
Israels wirksam zu werden, verliert sich ihre Spur zunehmend in
Ravenna, 5. Jh.
der Geschichte.
Im syrischen Damaskus41 existierte bereits vor dem Bekehrungsereignis des Paulus (um 32-35)
eine judenchristliche Gemeinde. Angenommen wird, dass diese wahrscheinlich von in Jerusalem verfolgten Anhängern des Christen Stephanus, dem Diakon und ersten Blutzeugen der Jerusalemer Jesusgemeinde, gegründet worden war.
Antiochien nimmt in der Geschichte der Christenheit einen besonderen Platz ein. Hier wurden
die Jünger zuerst Christen genannt und hier entstand eine Versammlung von Gläubigen, die aus
den Heiden stammten. Von hier aus brachen Paulus und seine Gefährten zu den Missionsreisen
auf und hierhin kehrten sie nach zwei ihrer Reisen wieder zurück. Antiochien war ein Zentrum
41
Vgl. Gal 1,17 und Apg 9,2 ff.
15
ihrer Arbeit unter den Heiden, außerhalb des jüdischen Einflusses, der sich in Jerusalem immer
noch stark bemerkbar machte.
Die Predigt der Urgemeinde
Die Predigt der neu gesammelten Jüngergemeinde stellt die Verkündigung Jesu und sein Geschick in den heilsgeschichtlichen Zusammenhang der hebräischen Bibel.42 Jesus steht nach
diesem Verständnis in der Kontinuität der gnädigen Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Die
hebräische Bibel wird so zum Deutungshorizont für die Person Jesu und seines Geschicks, nämlich als Teil und Vollendung von Gottes Heilsgeschichte mit Israel. Der Kernsatz der Verkündigung lautet: „Gott hat Jesus auferweckt!“43 In diesem Evangelium bleibt Gott der allein Handelnde. Einzelne Jesusworte werden gesammelt und später zu einer Quelle der Jesusüberlieferung verarbeitet.
Jesus als Märtyrer – Die Passionsgeschichte
Der Kern der weiteren Fortentwicklung des Glaubenszeugnisses der Jesusjünger (und Jüngerinnen) ist die Gestaltung der Leidensgeschichte Jesu. Sein schmählicher Foltertod am Kreuz ist
für den jüdischen Glauben eine besondere Herausforderung. „Wenn jemand eine Sünde getan
hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz44, so soll sein
Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben45, sondern du sollst ihn am selben Tage46
begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott47 –, auf dass du dein Land nicht unrein
machst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt.“48
Kann der gekreuzigte Jesus Stifter des Heils sein? – Die Gemeinde findet die Antwort in der
Gestalt des leidenden Gottesknechtes nach Jes. 53: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud
auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen
und gemartert wäre Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und49 um unsrer Sünde
willen zerschlagen50. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine
Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.
Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. ...“51 Jesus betet und schreit am Kreuz mit
Worten aus den Klagepsalmen der leidenden Gerechten.52 Die Passionsgeschichte53 wird zur
ältesten zusammenhängenden ErzählungXIX und ersten verschriftlichten Jesusüberlieferung.
Der erhöhte Jesus – Gottessohn in der Tradition der messianischen Hoffnung
„Nirgendwo sonst verschmilzt so untrennbar das, was Jesus selbst und was seine Anhänger
nach Ostern gesagt haben, wie bei Aussagen über Jesu Würde. Denn seine Person wurde auf
Grund des Osterglaubens rückwirkend in ganz neuem Licht gesehen.“54 Das charismatische
Auftreten Jesu hat schon vor Kreuz und Auferweckung messianische Erwartungen an ihn hervorgerufen. Auf dem Berg der Verklärung bekunden die drei Jünger auf Jesu Befragen für wen
die Leute im Volk ihn denn hielten, u.a. „Einige sagen, du seist der wiedergekehrte Elija.“ Nach
42
Vgl die Summarien der Petruspredigten in Apg 3,15; 5,30; 10,39.
So die „Missionspredigt“ des Petrus in Apg 2,24. So auch in Apg 2,32; 3,15; 4,10; 5,30; 10,40; 13,30 und 34; und
die Rede des Stephanus Apg 6,1 ff.
44
4. Mose 25,4; Jos 8,29; 10,26; 10,27; 1. Sam 31,10; 2. Sam 4,12; 2. Sam 21,6; 21,9.
45
Jos 8,29; 10,27; Joh 19,31;
46
Jos 8,29; 10,27; Joh 19,31;
47
Vgl. Gal 3,13
48
Vgl. 5. Mose 22 f
49
Vgl. Röm 4,25
50
Vgl. 1. Petr 2,24
51
Auch in dieser Deutung des Passionsgeschehens ist es Gott der in dieser Leidensgeschichte an Jesus handelt.
52
Mk 15,5 par. vgl. Jes 53,7; – Mk 15,24 par. Vgl. Ps 22,19; – Mk 15,34 par. vgl. Ps 22,2; u.a.
53
Mk 14 -16; Mt 26-28; Lk 22-24; Joh 18-21.
54
Theissen/Merz a.a.O. S. 447
43
16
Karfreitag und den Ostererscheinungen wurden diese Erwartungen in gleicher Weise enttäuscht55, als auch in anderer Weise erfüllt56: Wer den Tod besiegt, war stärker als alle anderen
Mächte. So ist zu verstehen, dass die entstehende nachösterliche Christologie über alle Vollmachtsvorstellungen des irdischen Jesus hinausging.57 Der Gekreuzigte und vom Tod Auferweckte ist jetzt der erhöhte und in der jüdischen Elija-ÜberlieferungXX geweissagte MessiasXXI
(d.h. der Gesalbte, griechisch Christos).
Der Titel „Sohn Gottes“ XXII wurde Jesus erst nach Ostern beigelegt. Immerhin hat der irdische
Jesus von Gott als seinem, – aber auch der Menschen – „Vater gesprochen. Nun aber spielen
auch jüdische Königstraditionen bei der Ausbildung des „Sohn Gottes“-Titels eine Rolle.XXIII
55
Die Emmausjünger sehen ihre Erwartungen enttäuscht; Lk 24,13 ff
Vgl. Jes 52,13: „Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.“ u.a.
57
Vgl. dazu auch Theissen/Merz a.a.O. S. 480 f.
56
Der archaische Apollon-Tempel in Korinth mit Akrokorinth im Hintergrund
Kapitel 3
http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AApollon
Die Sprache der jesusgläubigen Gemeinden außerhalb des aramäischen Sprachraumes ist die
Koine I, die damals im Mittelmeerraum verbreitete Verkehrs-, Handels- und Kultursprache des
Hellenismus. Sie wird im Wesentlichen die Sprache der schriftlichen Überlieferung von Jesus.
Schon dieser Umstand macht es notwendig, nicht nur Vokabeln auszutauschen, sondern ursprünglich aramäisch gesprochenes Wort und Denken in die Vorstellungswelt des Hellenismus
zu übertragen.
Die Welt des Hellenismus
Der Hellenismus58 ist die Kultur der „Alexanderzeit“, als sich griechische Sprache, Sitten, Gebrauchsgegenstände, Kunst, Literatur, Philosophie und Religion im Nahen und Mittleren Osten
verbreiteten, von Makedonien bis Vorderindien, von der Nordküste des Schwarzen Meeres und
den Ufern der Donau bis nach Nubien und in die Sahara. Dieses Zeitalter begann mit der Eroberung des Perserreiches durch Alexander dem Großen (ab 331 v. Chr., insbesondere die
Schlacht bei Issos, 333 v. Chr.) und endete im Jahre 31 v. Chr. mit dem Aufstieg des Imperium
Romanum.
Der Hellenismus aber hat die Folgezeit weit überdauert. Sein Einfluss drang tief in die ganze
römische Welt ein, im Westen wie im Osten, und bestimmte weithin den Gang der Geschichte
von Byzanz, des Mittelalters und der Renaissance. Seine Hauptzüge waren die Verschmelzung
und gegenseitige Durchdringung der verschiedenen Kulturen in Berührung mit griechischem
Leben und Denken, wobei dieses die Führung innehatte.59
58
59
Nach der Definition J. G. Droysens, der auch den Begriff prägte.
Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 13482 (vgl. RGG Bd. 3, S. 210) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
18
In hellenistischer Zeit trafen griechisch-makedonische Vorstellungen von der Götterwelt auf
lokale orientalische Kulte, woraus sich jeweils spezifische wechselseitige Beeinflussungen
ergaben. Neue orientalische Erlösungsreligionen wurden in den Diadochenreichen immer wichtiger. Die olympischen Götter der Griechen verloren an Bedeutung. Religion wurde Privatsache. Lediglich der Herrscherkult blieb als verbindendes Element erhalten. Die Ptolemäer führten den synkretistischen Serapiskult ein.II Zudem wurden vermehrt griechische und orientalische Götter gleichgesetzt, beispielsweise die Erntegöttin Demeter mit Isis, der Gattin des Osiris.
Seit dem Untergang des Staates Juda (568 v. Chr.) vollzog sich ein Prozess der Abwanderung
der jüdischen Bevölkerung in den östlichen Mittelmeerraum bis hin nach Zentralasien. Es entstand das griechischsprachige Diasporajudentum.III Das Judentum der hebräischen Bibel und
die griechische Religion haben von Haus aus fast keine Berührungspunkte. Das religiöse Denken ist grundverschieden. Daher gibt es auch so gut wie keine Übergangsstufen.IV Was vom
Judentum ins Heidentum eindringt, sind allein Gottesnamen und -prädikationen, und in der umgekehrten Richtung nicht einmal das.V Dementsprechend vollzieht sich die Wandlung des
Christentums aus einer jüdischen Wurzel in eine hellenistische Religion in einem vergleichsweise sehr kurzen Zeitraum.
Das Evangelium für die Heiden
Die Tatsache, dass dem Christentum bereits in seinen ersten Zeiten ein Missionar von der Größe
des PaulusVI geschenkt worden ist, kann uns an einer richtigen Einschätzung der Schwierigkeiten hindern, die für die Mission unter Griechen bestanden. Konnte die Missions-Predigt an
Israel die Kenntnis der biblischen Überlieferung als selbstverständlich voraussetzen und damit
an die Verkündigung Jesu anknüpfen, so musste sich die Predigt an die Heiden auf den ganz
anderen religiösen und philosophischenVII Hintergrund dieser Kultur einstellen.VIII Die Hellenisierung bewirkt hier charakteristische Verschiebungen. Mit dem Wegfall der jüdischen Gesetzlichkeit verliert auch der zentrale Gedanke des stellvertretenden Leidens seinen Raum. Es
geht nicht mehr darum, dem Gesetz Genüge zu tun, sondern den Befleckten zu reinigen, den
Gefangenen zu befreien. Auch die meisten anderen Möglichkeiten des Judentums zur Deutung
der Gestalt Christi waren kaum zu verwerten. Die Gestalt des Messias war den Griechen in
jeder ihrer Formen (berufener König – gesandter Menschensohn) fremd, und der Prophet ist bei
ihnen etwas grundsätzlich anderes als bei den Juden. Vollends mit einem leidenden Propheten
konnten sie nichts anfangen. Lediglich der Gottessohn-Titel bot einen Anknüpfungspunkt,
obschon auch hier die Vorstellungen verschieden sind. Denn die unüberwindliche Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf lässt bei den Juden die Gotteskindschaft nur per adoptionem zu,
während die Menschen nach griechischer Vorstellung „seines Geschlechtes sind (Apg 17,28).
Aber ein umdeutendes Verständnis war immerhin möglich, und darüber hinaus konnte durch
diesen Namen der Tod Christi auch für die Griechen als das zentrale Heilsereignis dargestellt
werden. Er musste nur in die Theologie der MysterienreligionenIX und die Sprache der Gnosis
übertragen werden, denn hier war der Gedanke der Gotteskindschaft am lebendigsten.
Jerusalem und Antiochien – Paulus und die Gemeinden aus Juden und Heiden
Die Urgemeinde in Jerusalem blieb bis auf weiteres die unbestrittene Autorität als Zeugin des
Auferstehungsglaubens. Dort war Jakobus, der leibliche Bruder Jesu, neben Simon Petrus eine
der „Säulen der Gemeinde. Durch seine HinrichtungX brach eine Katastrophe über die Gemeinde herein, von der sie sich nicht mehr erholen sollte. Die Erschütterungen der Jahre zwischen 62 und 70, insbesondere des Jüdischen Krieges, die alle Gemeinden betrafen, war am
schwersten für das palästinische Judenchristentum. Dieses verlor nicht nur seinen Führer, sondern wurde wenige Jahre danach im Sog des Jüdischen Krieges weitgehend zerschlagen bzw.
zerstreutXI und damit entmächtigt. In den für die Entstehung der frühchristlichen Literatur so
entscheidenden Jahre ab 70 tritt es nicht mehr als tonangebende Gruppe hervor. Die christliche
19
Gemeinde des nunmehr römischen, in „Aelia Capitolina umbenannten, Jerusalem begann nach
dem Bar Kochba-Aufstand (132-135 n. Chr.) von neuem als rein heiden-christliche Gemeinde.
Während Jerusalem noch für eine Weile das Zentrum des jesusgläubigen Judentums blieb, bildete sich alsbald die Gemeinde im syrischen Antiochien, zunehmend auch aus getauften Heiden.XII Auch Paulus schloss sich nach seiner Berufung zum Apostel der antiochenischen Gemeinde an. Die antiochenische Gemeinde war offenbar von Anfang an eine aktive Missionsgemeinde. Zielgruppe der Mission waren zunächst die zahlenmäßig sehr stark in Antiochia vertretenen Diasporajuden. Doch wurde schon sehr bald die Grenze des Judentums überschritten,
und es entstand eine aus ehemaligen Heiden und ehemaligen Diasporajuden gemischte Christengemeinde60. Danach kam es allerdings in der antiochenischen Gemeinde zu Konflikten über
das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der gleichen Gemeinde, und zwar über die
Frage, wieweit die Gesamtgemeinde – also auch die Christen nicht-jüdischer Herkunft – auf die
jüdischen Speisegebote Rücksicht nehmen muss, an die sich die Christen jüdischer Herkunft
gebunden fühlten. Paulus vertrat dabei kompromisslos einen gesetzeskritischen Standpunkt und
musste schließlich weichen. Gleichzeitig begann das frühe Christentum aus dem Rechts- und
Religionsverband des Judentums herauszutreten. Aus dem Geiste Jesu, dessen Stellung zur
Thora und seiner Kritik an der pharisäischen Gesetzeskasuistik entwickelt Paulus in der Folge
sein Evangelium der „Gesetzesfreiheit der Gemeinde Christi aus Juden und Heiden.XIII
Traditionsabbruch – Die erste Krise der neuen Christenheit
Dem Osterglauben der Jerusalemer Urgemeinde und ihrem von der hebräischen Bibel abgeleiteten Verständnis der Geschichte Jesu von Nazareth wohnte von Anfang an eine Sprengkraft
inne, die über den geschichtlichen Bereich Israels hinausging.XIV Sie verstand ihr Osterzeugnis
als Evangelium für die Völker.61 So, wie dem Israel des Abrahambundes diejenigen inbegriffen
waren, die „hinzugekommen“62 sind, erzählt die Pfingstgeschichte vom „Hinzugetanwerden
von Menschen aller Völker und Zungen.63 Dabei war gewöhnlich die Vorstellung jedoch die,
dass dereinst die Scharen aus den Völkern (den Gojim) zu Israel hinzugetan würden. Das
hieß aber auch, dass die „Hinzugekommenen dem jüdischen Ritualgesetz verpflichtet sein
sollten. Gerade dies aber war in den neu entstehenden hellenistischen Gemeinden aus Juden
und Griechen, wie sie aus der Missionsarbeit des Paulus hervorgegangen waren, nicht mehr
selbstverständlich. So kam es in den paulinischen Missionsgemeinden zu einem Traditionsabbruch. Zum heftigsten Streit kam es nicht nur wegen der Nichtbefolgung der jüdischen Speisegesetze,64 sondern vor allem wegen der Forderung der Beschneidung der neu getauften Christen
in den von Paulus gegründeten hellenistischen Gemeinden. Diese Misshelligkeiten zu besprechen und zu schlichten war Paulus und einige seiner Mitarbeiter nach Jerusalem gereist.XV Er
berichtet: „... mir haben die, die das Ansehen hatten, nichts weiter auferlegt. Im Gegenteil, da
sie sahen, dass mir anvertraut war das Evangelium an die Heiden so wie Petrus das Evangelium
an die Juden ... gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir
und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber
unter den Juden predigen sollten. (Gal 2,6-9)
Von der Nachfolge Jesu zur Verehrung des Kyrios
In der zweiten und dritten Generation der jesusgläubigen Gemeinden fehlen die Menschen, die
Jesus noch persönlich begegnet waren. Deshalb waren Änderungen in der Gestalt der Jesus-
Hier in Antiochia wurden die Jesusjünger zuerst Christen genannt. Vgl. Apg 11,26.
Vgl. entsprechende Vorstellungen schon in den Psalmen (Ps 2,1u.8; Ps 7,8f; Ps 9,9; Ps 47,4 u.10; Ps 72,11
u.17; Ps 86,9). Vor allem aber im Prophetenbuch Jesaja: Jes 2,3f; 11,10; 25,7; Jes 56,7; Jes 66,18; sowie Micha
1,2 u.13; und Sach 2,15; und 8,22.
62
Die „Proselyten“ von griech. ‚pros eltein’ hinzukommen; vgl. bei Luther: „Juden und Judengenossen“.
63
Apg 2,39-41.
64
Vgl den Streit zwischen Paulus und Petrus nach Gal 2,11 u. Apg 11,1 ff.
60
61
20
Die Apostel Petrus und Paulus und das Christusmonogramm Chi-Rho
(Katakomben in Rom, 4.Jh.)
überlieferung unumgänglich. Was zuvor mündlich weitererzählt worden war, wurde nun verschriftlicht. Man begann Worte Jesu zu sammeln, fügte auch schon einmal kurze Hinweise
hinzu, wann und bei welcher Gelegenheit er dies oder jenes gesagt oder getan hatte. Vor allem
aber war Jesus nach Ostern als der auferstandene Herr nun selbst zum zentralen Inhalt der Verkündigung der christlichen Gemeinde geworden. Das heißt, aus dem Evangelium Jesu wird das
Evangelium von Jesus, dem Christus. XVI Aus der Nachfolge Jesu in der ehemals leibhaftigen
Gemeinschaft mit ihm, wird der Glaube an Jesus.
Weil der irdische Jesus für die Gemeinde nunmehr zugleich der von Gott auferweckte und Lebendige ist, nimmt jetzt auch sein Wort in der Überlieferung die Züge der Gegenwart an.
„Der irdische Jesus hatte einen engeren Kreis von Jüngern und Jüngerinnen in seine Nachfolge
berufen, einen weiteren Kreis von Anhängern als seine
betrachtet. Verehrung für
sich selber hatte er nicht erwartet.“65 Besondere Titel hat er sogar zurückgewiesen.XVII Die
Ostererfahrungen der Jüngergemeinde haben dazu geführt, dass sie diese Zurückhaltung Jesu
aufgegeben hat: Für sie ist der auferweckte Jesus nun der „Kyrios“XVIII, der „Herr Jesus“. Mit
dieser Formel wird Jesus endgültig in die Nähe Gottes gestellt.XIX „Er, der in göttlicher Gestalt
war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm
Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat
ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem
Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der
Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes,
des Vaters (Phil 2,6-11). Die Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches verwandelt sich in
die Erwartung der Wiederkunft Christi.66 In der Endzeit sitzt der Auferstandene zur Rechten
Gottes. Das sind die einschneidendsten Neuerungen in der Verkündigung der jesusgläubigen
Gemeinde nach Ostern. Konnten das rabbinische und das christliche Judentum noch über das
Für und Wider der Messianität Jesu streiten, so war hier eine kaum überbrückbare Grenze gezogen.
Mit den Osterereignissen in Galiläa und Jerusalem beginnt eine geschichtsträchtige Entwicklung innerhalb des Judentums. Fortan gibt es das rabbinische Judentum einerseits, das an der
alten Thorapraxis festhält und ein christliches Judentum andererseits, aus dem die spätere Kirche hervorgehen wird. Dieses Nebeneinander zweier jüdischer Glaubensrichtungen dauert noch
bis in den Anfang des vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Erst mit der Verlegung des
Ostertermins auf einen Sonntag nach dem FrühlingsanfangXX und dem jüdischen Passahfest
durch das Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr. kommt es zur endgültigen Scheidung zwischen
65
66
Zit. nach Theissen/Merz a.a.O. S. 484
Vgl. Apg. 1,9-11
21
Juden und Christen.XXI Es sind die Differenzen in der Festlegung des Festkalenders, die schließlich die Trennung endgültig besiegeln.
Das Gesetz der Thora und die „Rechtfertigung aus Glauben“
Jüdisches Verständnis der Thora war – und ist es wohl weitgehend auch noch heute – die Befolgung dessen, „was geschrieben steht“. Das hat im talmudischen Judentum zu einer langen
Tradition jeweiliger Aktualisierung durch kreative Gesetzesauslegung geführt. Es ist dieses Gesetzesverständnis mit dem sich Jesus auseinander gesetzt hat. Jesus verweist auf den guten Willen Gottes, der in der Thora zum Ausdruck kommt, und kritisiert die pharisäische Gesetzesauslegung derer, die „Mücken seien und Kamele verschlucken.“67
Paulus bleibt auch als Judenchrist der Thora verpflichtet, aber er interpretiert „das Gesetz von
der Jesusüberlieferung her als Lebenshilfe, doch nicht als Buchstabe, „der tötet.“XXII Wenn Paulus die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung Jesu benennen will, so spricht er von RechtfertigungXXIII und VersöhnungXXIV, bzw. von „rechtfertigen und „versöhnen“.68 Beide Begriffe stehen unter einem dreifachen Aspekt: Sie beschreiben, was vom Kreuz her, (bzw. von
der Taufe des Einzelnen) durch die Berufung zum Glauben widerfahren ist.69 Sodann beschreiben sie, was dem Glauben als Aufgabe gestellt ist (Ruf zum Glaubensgehorsam)70 und schließlich bleibt beides immer Gegenstand der Hoffnung, weil in der Weltzeit Gerechtigkeit und Heiligung immer nur als Gabe und Aufgabe gegeben sind.71 In 1.Kor 13 ergibt sich für Paulus
daraus der Dreiklang von „Glaube – Liebe – Hoffnung, diese Drei ...“.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! – Die Beschneidungsdebatte
„Ich muss mich doch sehr wundern, wie schnell ihr eueren Glauben wechseln könnt! Da hat
Gott euch in den Kreis derer berufen, die zu ihm gehören. Ihr wisst, was er durch Jesus Christus
für euch getan hat. Und nun gebt ihr dem ersten Stoß nach und nehmt irgendein anderes Evangelium an, das es doch gar nicht gibt. Das einzige, was es gibt, ist das Gerede derer, die euch
verwirren und die Botschaft von Jesus Christus verfälschen wollen.“(Gal 1,6 f) Der Apostel
Paulus schlägt einen scharfen Ton an. Was war geschehen? – In den galatischen GemeindenXXV
waren judenchristliche Missionare auftreten, die von den Heidenchristen die Beschneidung und
Einhaltung der jüdischen Zeremonialgesetze einforderten und so einen Kompromiss zwischen
der von Paulus verkündeten freien Gnade Gottes und dem mosaischen Gesetz suchten. Das
widersprach aber den auf dem Apostelkonzil erreichten Vereinbarungen. Jetzt formuliert Paulus
erstmals seine sog. Rechtfertigungslehre, die er später im Brief an die Gemeinde in Rom systematisch ausgestalten sollte: Der Christ steht nicht mehr unter der Macht der Sünde, sondern ist
durch den Heiligen Geistes zur Freiheit berufen. Die „gesetzlich verfälschte Thora kann nicht
länger Mittler zwischen Gott und Mensch sein. Vielmehr gilt es jetzt so zu leben, wie es der
Liebe entspricht. Das kommt so ganz aus dem Geist des Jesus von Nazareth. – Und: „In Zukunft
mache mir niemand weiter Mühe! Ärgerlich schreibt Paulus diese Worte von eigener Hand an
den Schluss seines Briefes.
Die Mysterienkulte – Teilhabe am Schicksal der Gottheit
Die Götter der griechischen wie der „orientalischen Mysterien72 sind von den andern dadurch
verschieden, dass sie ein Schicksal haben. Die Paradoxie dieses Satzes wird dadurch gemildert,
dass das Götterschicksal – etwa das Geborenwerden oder Sterben – nicht als Ereignis in Raum
67
Vgl. Mt 23,24
Röm 5,10 f; 11,15; 2. Kor 5,18-20
69
Röm 8,30; vgl. Phil 3,9; Röm 5,1.9f; 2. Kor 5,18f.
70
Röm 6,13.16.19; 1. Thess 4,3; 5,23.
71
Gal 5,5; 2.Kor 6,2; 1.Kor 1,18; 2.Kor 2,15; Röm 8,24; Röm 5,9f; 11,15; 2.Kor 5,19-20. So nach Leonhard Goppelt, a.a.O., S. 466f.
72
Vgl Anm. 128
68
22
und Zeit verstanden werden darf, sondern als etwas Unveränderliches, gleichsam als Eigenschaft. Ein Gott, der geboren wird, wird ewig geboren. Doch eröffnet das Götterschicksal dem
Menschen die Möglichkeit, sich dem Gott zu nähern. Es bezeichnet eine Grenze der Gottheit,
die eben da liegt, wo auch der Mensch seine Grenze hat. In der Schicksalhaftigkeit berührt sich
beider Wesen und ermöglicht die Wesenseinung, die Vergottung des Menschen. Beispielsweise
stirbt der Mensch mit seinem Gott, um an dessen Leben Anteil zu erhalten. Dieser Akt verwirklicht sich im Mysterium, in einer symbolischen Darstellung des göttlichen Schicksals und das
heißt in diesem selbst.
Etwa im 2. Jahrhundert hat sich die Mysterientheologie noch einmal gewandelt. Das Heilsgeschehen verlor seine Schicksalhaftigkeit; der Gott nimmt den Abstieg freiwillig auf sich, allein
zu dem Zweck, den Menschen das Heil zu bringen. Er begibt sich in ihren Bereich, um ihnen
den Weg aus dem Tod zu zeigen.
Soweit sich das Christentum diesem Vorstellungskomplex anpassteXXVI, änderte sich auch der
Sinn von Christi Tod. An die Stelle des Opfers tritt der Sieg über den Tod, die Wiedergeburt,
die Weisung des Aufstiegs. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vom Karfreitag auf den
Ostersonntag; das Heil wird nun nicht mehr im Tod, sondern in der Auferstehung sichtbar, auch
wenn die Einheit beider Ereignisse nach wie vor unzerrissen bleibt. Die oben gebrauchte Formel muss jetzt heißen: Christus vertritt als Mittler die Gottheit gegenüber den Menschen. Das
religiöse Interesse, das vorher an seiner Menschheit hing, richtet sich jetzt auf seine Gottheit.
Beide Auffassungen interpretieren dasselbe Heilsgeschehen, aber das hat man nicht immer erkannt, sondern hat in langwierigen Streitigkeiten versucht, eine von beiden verbindlich zu machen. Letzten Endes hat die griechische Auffassung dabei das Übergewicht über die biblische
behalten.73
Gottesdienst, Taufe und Abendmahl der hellenistischen Gemeinden
Zum Gottesdienst trifft man sich in Hausgemeinden.XXVII Die paulinische Briefliteratur und die
Apostelgeschichte nennen dazu viele Namen.XXVIII Die Taufbewerber kamen aus ihrer angestammten, heidnischen Umwelt mit ihren verschiedenen Kulten, Riten und Heiligtümern inmitten eines Pantheons unterschiedlichster, oft lokaler Gottheiten. Eine besondere Rolle spielten
dabei die Mysterienreligionen. Dort waren sakramentale Handlungen wie das TauroboliumXXIX
ein besonders eindrücklicher Initiationsritus. Um verständlich zu machen, worum es bei der
Taufe geht, ruft Paulus solch religiöse Erfahrungen in Erinnerung. In Analogie dazu versucht
er die Heilswirkung der christlichen Taufe zu erklären.XXX Die so verstandene Taufe ist ein
Das Taurobolium
(griech. Stieropfer) ist ein religiöser Ritus
aus Kleinasien. Dabei steht oder hockt der
Myste in einer (grabähnlichen) Grube,
während über ihm ein Stier geschlachtet
wird. Dabei fließt das Blut des Tieres auf
ihn herab.
Das stellvertretende Opferblut reinigt den
Mysten. Bei einem solchen Initiationsritus
erhofften die Mysten Sündenvergebung
und mystische Wiedergeburt zu erlangen.
Taurobolium, oder Weihung der Priester der
Cybele unter Antoninus Pius. Radierung von Bernhard Rode (o.J., um 1780).
73
Zit. nach: Antike und Christentum. RGG Bd. 1, S. 444; J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
23
Mitsterben und Mitleben von Jesu Tod am Kreuz und seiner Auferstehung.XXXI Im Vollzug der
TaufhandlungXXXII bekommt der Täufling Anteil an dem von Christi Kreuz und Auferstehung
geschaffenen Heil. Diese, aus dem religiösen Hintergrund der Mysterien stammende Vorstellung, führt zu einer bemerkenswerten Veränderung des christlichen Osterglaubens: Hieß das
judenchristlich „Gott hat Jesus auferweckt“, so lautet das hellenistische Evangelium nunmehr:
„Jesus Christus ist auferstanden“. Dieser Subjektwechsel bedeutet: Jesu Leben, Sterben und
nachösterliche Gegenwart wird so zum Schicksal eines christlichen Kultgottes uminterpretiert.
Auch die Auffassung vom Abendmahl musste sich Vorstellungen anpassen, wie sie die Menschen zum Teil von den Mysterienkulten her kannten. Lag in den judenchristlichen Gemeinden
die Bedeutung des Abendmahls im Vorgang des Brechens und Austeilen des Brotes und den
dazu gesprochenen Segensworten sowie dem, die Mahlzeit abschließenden, Segensbecher, verlagert sich nun die Aufmerksamkeit auf die Elemente von Brot und Wein. Beides wird durch
die Danksagung „geheiligt“.XXXIII Außerdem wurde die Austeilung nun mit einer Spendeformel
verbunden, die Leib und Blut Christi jedem Einzelnen zueignete. Die Gemeinschaft an Leib
und Blut Christi schuf die Gemeinde zu seinem geistlichen Leib, dem „Leib Christi“74. Gleichzeitig erfolgt auch die Trennung der jetzt „Eucharistie (d.h. Danksagung) genannten Abendmahlsfeier von der Sättigungsmahlzeit. Der äußere Grund dafür mag in Umständen gegeben
sein, wie sie Paulus von der Gemeinde in Korinth folgendermaßen schildert: „Wenn ihr nun
zusammen kommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. Denn ein jeder nimmt beim
Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. Habt ihr
denn nicht (eigene) Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde
Gottes und beschämt die, die nichts haben? ... Hierin lobe ich euch nicht.“75 – In Korinth feierte
man das Mahl offensichtlich, um individualistische Bedürfnisse zu befriedigen. Abgesehen von
der Trunkenheit Einzelner, verletzt dies die Gemeinschaft des Leibes Christi. Um dem in den
wachsenden Gemeinden zu wehren, wird jetzt die Abendmahlsfeier von der Sättigungsmahlzeit
getrennt. Mit der Zeit verschwindet letzteres endgültig aus der Eucharistiefeier.
Die zweite Krise: – Das Ausbleiben der Wiederkunft Christi
Die Täuferpredigt des Johannes in der Wüste hatte das Hereinbrechen des Gottesreiches als unmittelbar bevorstehend gepredigt. Der Nazarener Jesus nahm diese Botschaft auf und sah Zeichen dieses Anbrechens der Gottesherrschaft schon in seiner Gegenwart und seinen Zeichenhandlungen. Er vertraute aber darauf, dass der Vater im Himmel eine Frist zur bußfertigen Umkehr eingeräumt hat.XXXIV Sein schmählicher Tod am Kreuz konnte den neuen Osterglauben
seiner Anhänger an das endgültige Kommen des Reiches nicht mehr widerlegen. Er gab der
Hoffnung der Jüngergemeinde sogar neue Kraft.XXXV Die nachösterliche jesusgläubige Gemeinde lebte weiter in der Erwartung des kommenden Reiches, aber nunmehr in der Gestalt
einer Wiederkunft des Herrn Jesus Christus in relativ kurzer Zeit.XXXVI
Seitdem waren aber die erste und bald auch die zweite Generation von Christen verstorben,
ohne dass sich die Hoffnungen auf die Wiederkunft Christi und die Aufrichtung des Reiches
Gottes erfüllt hatten. So entstand die Notwendigkeit einer Neuinterpretation der Reich-GottesHoffnung, einer Neuinterpretation, die diese nicht aufgab, aber in die inzwischen weiterlaufende Geschichte und ihre Katastrophen76 einschrieb. Der Arzt und Evangelist LukasXXXVII ist
der erste, der in seinem Doppelwerk, dem nach ihm benannten Evangelium und der daran anschließenden Apostelgeschichte,77 diese so genannte Parusieverzögerung berücksichtigt. Sein
74
Röm 7,4; 1.Kor 12,27; Eph 4,12; Kol 1,24.
1. Kor 11,20ff Im Anschluss erinnert Paulus an die Abendmahlsworte, wie er sie selbst und offensichtlich auch die
Gemeinde aus der Überlieferung kennt. Sie sind also älter und gehen vermutlich auf die antiochenische Gemeinde
zurück.
76
Das ist vor allem die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. durch die Römer. Infolge
dessen verlassen viele Juden Jerusalem und ihr Land und leben als Fremdlinge unter den Völkern des Mittelmeerraumes.
77
Die Mehrzahl der Exegeten geht davon aus, dass Lukas sein Werk um 80-85 n. Chr. verfasst hat.
75
24
Prinzip ist die Historisierung der jüdischen Eschatologie. Das geht nicht ohne massive Eingriffe
in die überlieferte Tradition.XXXVIII Lukas versucht die Heilsgeschichte in drei Abschnitte zu
gliedern: Erstens die Zeit Israels, des Gesetzes und der Propheten, bis zu Johannes dem Täufer.78 Sodann zweitens die Zeit Jesu als die „Mitte der Zeit“. Schließlich die Spanne zwischen
der Himmelfahrt und der Wiederkunft Christi.XXXIX Diese letztere ist die Zeit, in der das Evangelium zu allen Völkern der Erde und deren Hauptstadt RomXL gelangen soll. Man soll die
Apostelgeschichte offensichtlich so lesen, dass die weiter gewährte Zeit bis zur Wiederkunft
Christi solange läuft, bis das Evangelium alle Völker erreicht hat. Darin sieht Lukas den Sinn
der Geschichte.
Leben im Vorläufigen – die Ethik des hellenistischen Christentums
Die Verzögerung der erwarteten Wiederkunft Christi hat auch noch eine andere Folge: Wenn
man vorerst in der alten Welt weiterzuleben hat, so muss aus den Weisungen Jesu nun eine
christliche Ethik entstehen, die sagen kann, wie Christen in der vorläufig weiter laufenden Weltzeit leben sollen. Jesu Weisungen werden in der paränetischen Tradition durchweg in anderer
Gestalt weitergegeben als in der synoptischen Überlieferung. In den Evangelien sind sie schroffer Ausdruck des eschatologischen Umkehrrufes Jesu. In den Paränesen der Briefliteratur werden sie Menschen gesagt, die bereits in der eschatologischen Umkehr stehen.XLI Als Orientierungshilfe für den Vollzug eschatologischer Existenz in der Geschichte werden sie mit geschichtserfahrener Spruchweisheit verbunden, aber so, dass jene das Auswahlkriterium für
diese bleibt.XLII Sie werden so gerade nicht „Buchstabe“, also buchstäblich rezitiertes sittliches
Ideal oder neues Gesetz. Die Weisungen werden vielmehr der Verkündigung der Christusbotschaft, die das Heil zuspricht, eingefügt. In den Evangelien dagegen sind sie eschatologischer
Umkehrruf.79
Mit dem allmählichen Erlahmen der Naherwartung haben die christlichen Autoren hier später
allerdings auch profane, „bürgerliche Verhaltensschemata, so genannte Tugend- und Lasterkataloge der Antike und des Judentums übernommen.XLIII Die eschatologische Spannung des
christlichen Ethos hatte abgenommen. Was einst unmittelbar Ruf zur Umkehr war, wird jetzt
Mahnung zum Leben innerhalb der Gemeinde und zu – im besten Sinne – „bürgerlicher Moral
als christlicher Existenz im Rahmen einer nichtchristlichen Öffentlichkeit.
Die Ausbildung von Gemeindeämtern
Mit der Ausbreitung christlicher Gemeinden aus Juden und Heiden in der Provinz Asia80 und
dem griechischen Festland bedurfte es auch festerer Gemeindestrukturen. Von den Problemen
und Streitigkeiten in solchen Gemeinden berichten die paulinischen Briefe wie auch die später
nicht kanonisierten Briefe der ersten Christen. Mit der fortschreitenden Zeit gab es niemanden
mehr aus der Reihe der Apostel, Propheten und Evangelisten, die als Autoritäten dienen konnten. Die Praxis der brüderlichen Belehrung81 verschob sich jetzt auf die Katechese der „Erstlinge“, d.h. die Erstgetauften in einer Gemeinde. Schließlich kam es zur Herausbildung von
ersten festen Wahlämtern in den Gemeinden. ´Episkopen`, Presbyter und Diakone ersetzten die
ursprünglichen charismatischen Ämter und konsolidierten so die weiterhin autonomen Gemeinden. Um die Einmaligkeit Jesu in der irdischen Hierarchie abzubilden, war jeweils nur ein Bischof in der Gemeinde legitimert. Diesem monarchischen Bischof unterstanden zur Hilfe bei
der Liturgie die (oft an der Zahl der Apostel orientierten: zwölf) Presbyter. Presbyter war hier
noch ein Ehrenamt und wurde erst später mit eigenen pfarrähnlichen Verpflichtungen versehen.
Die praktischen Arbeiten oblagen dann den Diakonen, von denen das Vorhandensein einer vorgeschriebenen Anzahl nicht bezeugt ist.
78
So Lk 16,16.
Nach Leonhard Goppelt, a.a.O. S. 371
80
Die ehemalige römische Provinz Asia liegt heutzutage im Staatsgebiet der Türkei. (gen. Kleinasien)
81
Vgl. Mt 18,15–18
79
25
Die Gnosis – Licht aus einer anderen Welt
In der hellenistischen Epoche hat die griechische Kultur die des Orients durchdrungen. Im Gegenzug aber haben auch religiöse und philosophische Strömungen aus dem Orient die griechische Kultur in starkem Maße beeinflusst. Mit den oft banalen Riten der Mysterienreligionen
des Ostens kam auch eine hoch intellektuelle und philosophische Strömung aus dem Orient:
Die Gnosis (griech. Gnôsis). Das Wort bedeutet Erkenntnis. Dies Erkennen hat aber mit bloßer
Intellektualität wenig zu tun, sondern ist tief religiös, eine Art von Philosophie für die Bewältigung des Lebens im Alltag genauso wie in Fest und Feier. Das Vordringen der Gnosis bedeutete für das Weltverständnis der griechischen Antike nicht weniger als eine weltanschauliche
Revolution. In der griechischen Tragödie verstricken sich die Protagonisten durch ihr (oft
schuldloses) Handeln in immer neue Schuld. Die heran nahende Katastrophe lässt sich trotz
großer Anstrengungen ihrer Helden nicht mehr abwenden. Das Schicksal oder die Götter bringen die Akteure in eine unauflösliche Situation. Das hat schließlich den inneren und äußeren
Zusammenbruch einer Person zur Folge. Die Helden der Tragödie erleben ihren Konflikt als
unentrinnbares Verhängnis. Es gibt keinen Weg nicht schuldig zu werden, ohne die eigenen
Werte aufzugeben. Wer sich selbst treu bleiben will, kann nur untergehen.82
Der Gnostiker aber glaubt, dass er vom Übel der Welt erlöst werden kann. Er teilt das Lebensgefühl der Zerrissenheit der Geschichte, den Schmerz von Krankheit und dem Leben zum Tode.
Geschichtliches Leben ist Erfahrung der Finsternis und Sehnsucht nach Licht. Aber diese Sehnsucht nach Erlösung revoltiert gegen das früher unabänderlich geglaubte Schicksal. Der Ausweg ist Gnosis, die „Revolte der Metaphysik“ (Albert Camus). Sie sieht den Menschen nicht
ausweglos ausgeliefert. Es gibt eine Erlösung, einen Weg aus der Finsternis ins Licht! – Und
es gibt einen Führer, der den Weg kennt, der ihn selbst gegangen ist und anderen zeigen kann!
– Die Vielzahl unterschiedlichster gnostischer Systeme sind große Erzählungen, die ihren Anspruch auf ´Wahrheit` in der religiösen Erfahrung zur Geltung bringen.XLIV Sie alle sind dualistisch gedacht, d.h. in dem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Gut und Böse. Die Gottheit
wird als das unwandelbar Gute gedacht. Ihr steht dann meist die materielle Welt, alles Stoffliche
als etwas Selbständiges, ja Dämonisches gegenüber. Der Materie haftet, wie eine physische
Qualität, das Böse an. In der Gnosis wird die Welt durchaus pessimistisch, nicht als Schöpfung
Gottes, sondern als das wider den Willen Gottes entstandene Werk des „Demiurgen“, eines
niederen Mittelwesens oder gar des Teufels selbst, angesehen. Der Schöpfergott ist also dieser
Ansicht nach ein anderer als der Erlösergott. Nun seien in der diesseitigen Welt pneumatische
(aus Gott stammende) und materielle (vom Demiurgen stammende) Elemente miteinander vermischt.
Erlösung heißt den Rückweg zur geistigen Vollkommenheit, respektive Einheit zu ermöglichen. Dem Menschen muss das ihm innewohnende geistige Prinzip, auch Funke oder Samenkorn genannt, bewusst werden, um die Verhaftungen an die materielle Welt erkennen und lösen
zu können. Behilflich ist dabei oft ein geistlicher Führer, der den Weg bereitet und selbst geht,
sodass alle, die sich an ihn halten, schließlich Erlösung und das heißt, die Einheit ihres Wesens
wiederfinden.
Jesus Christus – das Licht der Welt
Das Evangelium „nach Johannes“XLV nimmt in der Evangelienüberlieferung einen Sonderplatz
ein. Seine Charakteristika sind nicht nur authentische Überlieferung einerseits, sondern auch
eine ganz eigenständige Gestaltung dieser Tradition andererseits.83 Die johanneische Überarbeitung der Tradition ist weniger eine Korrektur oder gar Konkurrenz zu der synoptischen
82
Ein gutes Beispiel ist Antigone oder der König Ödipus von Sophokles.
Entsprechendes gilt auch für die Johannesbriefe des Neuen Testamentes, die wohl demselben Verfasser, aber
zumindest derselben theologischen Schule zuzurechnen sind.
83
26
Überlieferung84, sondern sie verdankt sich einem Prozess besonderer theologischer Reflexion
der Jesus-Überlieferung. Dabei bewegt sich der Verfasser im Rahmen gnostischer Vorstellungen, bzw. gnostisierender Begrifflichkeit.
Kennzeichnend dafür sind die umfangreichen Monologe und Gespräche Jesu, die an die Stelle
der kurzen synoptischen Apophtegmata85 getreten sind. Sie bewegen sich in dualistischen Antithesen wie Licht und Finsternis86, Wahrheit und Lüge87, Leben und Tod88, Oben und Unten89,
Freiheit und Knechtschaft90. Eine johanneische Schöpfung sind die „Ich bin“-Worte Jesu als
Höhepunkte der Reden Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens“91; „Ich bin das Licht der Welt“92;
„Ich bin die Türe der Schafe“93; „Ich bin der gute Hirte“94; „Ich bin die Auferstehung und das
Leben ...“95; „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“96; „Ich bin der wahre Weinstock“97.
Eine besondere Stellung im „Evangelium nach Johannes“ hat der Prolog im Kapitel 198. Hier wird
Jesus als der göttliche Logos XLVI verkündigt.
Nach dem Johannes-Evangelium „ist Jesu Gabe etwas radikal anderes als das, was der Mensch
begehrt, aber diese Gabe ist dennoch genau die Erfüllung dessen, wonach der Mensch hungert.
Jesu Gabe ist nicht die direkte Antwort auf die Frage des Menschen und nicht das direkte Ziel,
auf das die Entwicklung der Menschheit hinführt.99 Aber sie stillt den Hunger nach Leben, der
in der ganzen Menschheit umgeht und der vielfältig aus ihren Mythen spricht.“100 Dies wird
bekräftigend dargestellt in den Zeichenhandlungen, die Jesus vollbringt.
Das Gegenstück zu Jesu Gabe ist „der Kosmos (d.h. die gottfeindliche Welt)101. Sie wird verkörpert in denen, die Jesus dem KreuzXLVII ausgeliefert haben: „die Juden“.XLVIII – Damit wird
nunmehr das ganze Volk Israel für die Handlungsweise des Hohen Rates und der Partei der
Sadduzäer in Haftung genommen. Die Konkretisierung „des Kosmos mit dem Volk der Juden
hatte in der Rezeptionsgeschichte des Johannesevangeliums im europäischen Christentum dann
eine fatale Wirkung. Weil man die gnostisierende johanneische Redeweise später nicht mehr
verstand, wuchs daraus die Geschichte des Antisemitismus, die schließlich im deutschen NationalsozialismusXLIX des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt in der Katastrophe der Shoa fand. –
(Dazu siehe u.a. den Exkurs 1, S. 59)
84
In der neueren Forschung geht man davon aus, dass der Verfasser des Johannes-Evangeliums zumindest das
Markusevangelium gekannt hat.
85
Das sind Einzelworte (Logien), die öfter auch mit kurzer Situationsangabe versehen sind.
86
Joh 1,4f; 3,19; 8,12; 11,9f; 12,35.46
87
Joh 8,44; 1. Joh 1,6ff; 2,21
88
Joh 2,24; 11,25; 1. Joh 3,14
89
Joh 8,23
90
Joh 8,33.36
91
Joh 6,35.48
92
Joh 8,12
93
Joh 10,7
94
Joh 10,11
95
Joh 11,25
96
Joh 14,6
97
Joh 15,1
98
Joh 1,1-14
99
So in Hegels dialektischer Philosophie.
100
So Leonhard Goppelt, a.a.O.; S.631
101
Joh 8,23; 12,25.31; 13,1; 14,30; 16,11; 18,36.
Kapitel 4
Das Christentum auf dem Weg zur Reichskirche
Bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. hatten sich christliche Gemeinden innerhalb des römischen Reiches bereits in Syrien und der Asia, in Griechenland und Italien, aber auch schon
vom Rhonethal aus ins ganze Gallien, in den römischen Festungsstädten an Rhein und Mosel
bis Köln und Trier, in Irland und der britannischen Kanalküste, sowie an der spanischen Mittelmeerküste und nicht zuletzt in Gebieten des nördlichen Afrika ausgebreitet.
Das Christentum als Erfolgsgeschichte
Was hat diesen gewaltigen Erfolg des Christentums innerhalb so kurzer Zeit bewirkt? Dazu
Adolf v. Harnack: „Die Stärke und Anziehungskraft der neuen Religion, die seit den Tagen des
Kaisers Claudius aus Palästina in das Reich einzog, lag neben und mit der Verkündigung von
Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, in der Fülle der polaren religiösen Elemente, die sie von Anfang an umfasst hat. Indem sie, die Höchsterscheinung des Spätjudentums, alle diese Überlieferungen und Erkenntnisse mit christlichem Vorzeichen in ihren neuen
Lebensbegriff, den „Glauben“, aufnahm (einschließlich der für die Gemeinschaftsbildung und
den Kultus maßgebenden Ideen), war sie von Anfang an eine eminent synkretistische und eben
deshalb von Anfang an die katholische102 Religion. Als der volle Niederschlag der Religionsgeschichte eines eminent religiösen Volkes war sie nicht zugeschnitten auf die frommen Bedürfnisse eines einzelnen Kreises, sondern auf die zahlreichen und mannigfaltigen Bedürfnisse
weitester, durch Anlage und Bildung verschiedener Kreise. Sie konnte im Fortgang ihrer Entwicklung wohl komplizierter, aber nicht vielseitiger werden, als sie es schon bei ihrem Eintritt
in das römische Reich gewesen. Infolge dieser Belastung hat die christliche Religion keine Jugend gehabt, ja auch keine urwüchsige Entwicklung. Sie war von Anfang an mit einem Maximum religiöser polarer Gedanken behaftet. Sie warb Anhänger für einen neuen Herrn und Heiland, der jüngst unter Tiberius gekreuzigt worden, aber sie behauptete zugleich, das er bereits
bei der Schöpfung beteiligt gewesen und sich von den Zeiten der Urväter her in der Menschenbrust und durch Propheten offenbart habe. Sie verkündigte, das alles neu sei, was ihr Heiland
bringe und schaffe, und sie überlieferte zugleich ein altes heiliges Buch, das sie den Juden entrissen hatte, in welchem seit unvordenklichen Zeiten alles geweissagt sei, was Erkenntnis und
Leben bedürfen. Sie brachte eine unerschöpfliche Fülle erhabener Mythen, und sie predigte
zugleich den alles umfassenden Logos, dessen Wesen und Wirken jene darstellen. Sie verkündigte die Alleinwirksamkeit Gottes und zugleich die Selbstherrlichkeit des freien Willens. Sie
stellte alles auf den hellen Geist und die Wahrheit, und sie brachte doch einen harten und dunklen Buchstaben sowie Sakramente, welche der religiösen Sinnlichkeit und der Mystik entgegenkamen. Sie erklärte den Kosmos für die gute Schöpfung des guten Gottes, zugleich aber für
das üble Herrschaftsgebiet der bösen Dämonen. Sie verkündigte die Auferstehung des Fleisches
und betrachtete und behandelte zugleich dieses Fleisch als den schlimmsten Feind. Sie schärfte
in einer bisher unerhörten Weise durch die Ankündigung des nahen Gerichtstags des zürnenden
Gottes die Gewissen, und sie verkündigte diesen Gott, für den sie alle Aussagen des Alten Testamentes in Kraft erhielt, zugleich als den Gott aller Barmherzigkeit und Liebe.“103 Dass das
Christentum auf diese Weise an verschiedenen Orten jeweils anders predigenI und mancherorts
offenbar allen alles sein konnte, warf mit der Zeit die Frage auf, wie und warum all diese Christengemeinden doch zusammengehören, miteinander kommunizieren und damit ihre Identität
102
Katholisch ist hier noch kein konfessioneller Begriff, sondern meint allumfassend (griech. kath holos) im Sinne
einer Welt-Kirche. Wir sagen dazu heute Ökumene. Erst in der Zeit der Gegenreformation im 16.Jahrhundert wird
„katholisch“ ein konfessioneller Begriff.
103
Aus: Adolf von Harnack: Marcion, Das Evangelium vom fremden Gott, Monographie zur Geschichte der
Grundlegung der katholischen Kirche; zweite verbesserte Auflage, Leipzig 1924; S. 5f.
28
© westermann, Bildungshaus Schulbuchverlage, Braunschweig
© westermann, Bildungshaus Schulbuchverlage, Braunschweig
29
als eine Glaubensgemeinschaft schließlich gemeinsam Kirche Jesu Christi sein konnten.“ II
Diese Frage meldete sich zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus immer nachdrücklicher
und beschäftigte die Christenheit über mindestens weitere zwei Jahrhunderte.
Marcion und der Kampf um das Verhältnis von Gesetz und Evangelium
Am Anfang dieser Auseinandersetzungen stand ein Mann, der nie etwas anderes sein wollte als
ein bekennender Christ: Er heißt Marcion.III Er wandte sich gegen den nach seiner Ansicht verderblichen Synkretismus innerhalb der Christenheit, insbesondere der judenchristlichen Gemeinden. Der oben besprochene hellenistische Synkretismus des ersten und zweiten Jahrhunderts zeigte sich einerseits in der Übernahme von Vorstellungen, die aus den Mysterienkulten
einerseits und gnostisierenden Vorstellungen andererseits, als hermeneutisches vehiculum der
christlichen Verkündigung dienstbar gemacht worden waren.104
Der Synkretismus, den Marcion bekämpfte, geht tiefer und meint den Inhalt der Christusverkündigung selbst. Schon im Galaterbrief lesen wir von der Auseinandersetzung des Paulus mit
judenchristlichen Missionaren, die die Beschneidung und das jüdische Zeremonialgesetz in den
christlichen Gemeinden verbindlich machen wollten. Ihnen schreibt Paulus von der „Freiheit,
zu der uns Christus befreit hat. Andererseits muss er den Korinthern ihren gnostisierenden
Enthusiasmus vorwerfen, mit dem sie sich selbst überschätzen und schließlich die brüderliche
Liebe verraten. Die theologische Leistung des Paulus ist die Art, wie er das überkommene Gesetz der Thora und das Evangelium von Jesus Christus aufeinander bezieht und zueinander ins
Verhältnis setzt.105
Für Marcion war das Evangelium etwas vollständig Neues, das in keinerlei Beziehung zur jüdischen Bibel stehen konnte.IV Er sah das im
Evangelium selber ausgedrückt, z.B.
in den Texten von dem neuen Wein,
der die alten Schläuche zerreißt (Lk
5,37) und von dem guten und dem
schlechten Baum (Lk 6,43). Die
Schöpfung war für Marcion allzu
sehr mit Mängeln behaftet, als dass
sie vom liebenden Vater Jesu Christi
hätte stammen können. Durch
strenge Enthaltung alles Natürlichen
(Askese) soll der Gläubige seinen
Schöpfer verleugnen. Sein Christus,
vom Himmel niedergestiegen, hat
nichts Irdisches an sich, kein Fleisch
Marcion stellt in Rom seine Lehre vor
und keinen Körper; er wurde nicht
Foto: Quelle unbekannt
geboren und hatte keine Verwandten.
Was mit ihm in die Welt kam, ist in der jüdischen Bibel nicht vorhergesagt worden, diese ist
vielmehr buchstäblich zu erklären. Der bis zu seiner Ankunft unbekannte Vater-Gott, welcher
der Welt bis dahin fremd V blieb, hatte voll Erbarmen beschlossen, den Menschen von seinem
Schöpfer loszukaufen und zwar um den Preis des Todes seines Sohnes. Marcion hielt die Gesetzesgerechtigkeit für den größten Feind des Guten. Für ihn sind Gesetz und Evangelium Gegensätze. Glauben heißt für ihn Vertrauen in Gottes unbegreifliche Liebe in Christus, die alles
104
„Religion ist Erlösung! Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts konnte niemand mehr ein Gott sein, der nicht ein
Heiland war. In wundervoller Weise kam die neue christliche Religion dieser Erkenntnis entgegen.“ Adolf von
Harnack, a.a.O.; S.18
105
Paulus ordnet die Segensverheißung an Abraham vor die Thora. Jesus ist der Erbe der Abrahamverheißung,
sie wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, „das 430 Jahre später gegeben worden ist“; vgl. Gal 3,17; Röm 9-11.
30
Natürliche übersteigt; nur der Glaube kann die Furcht überwinden. Marcion behauptete, nichts
Neues gebracht zu haben, er wollte nur herstellen, was die Kirchenleute verfälscht hätten.VI
Um die „verfälschte Rezeption der schriftlichen christlichen ÜberlieferungVII zu korrigieren,
begann Marcion damit, eine Sammlung derjenigen Schriften aufzustellen, die seiner Auffassung nach das authentische Christuszeugnis bewahren. Das findet sich für ihn vor allem in den
Paulusbriefen, die er allerdings durch Streichungen bearbeitet hat um den vermeintlich „ursprünglichen Text wieder herzustellen. Von den Evangelien übernimmt (oder kennt?) er nur
dasjenige des Lukas. Dieses EvangeliumVIII und die Zusammenstellung von ihm edierter Paulusbriefe soll andere christliche Schriften nunmehr ausschließen.IX Dabei will Marcions Verkündigung des Christentums nichts anderes sein als biblische Theologie. Dienten jedoch die
Sammlungen christlicher Schriften bisher rein praktischen Zwecken, z.B. für die gottesdienstlichen Lesungen, bekam die von Marcion veranstaltete Sammlung nunmehr einen strikt ausschließenden Charakter. Sie ist Religionslehre, die sich positiv ausschließlich auf sein Buch
gründet. – Seine Sammlung wird zum Kanon. 106 – Es bleiben auch die anderen, aber negativ
bewerteten Teile der Schriften, das Alte Testament und apostolische Briefe. Sie wollen als
ψιλαι γραφαι (= als das Kleingedruckte) verstanden sein, d. h. ihr Inhalt liegt vollständig in
ihrem Buchstaben X beschlossen. Als erster in der Christenheit stützt Marcion sich nunmehr auf
zwei große Buchsammlungen; aber sie gehören nicht zusammen. Die erste redet von dem Gott,
der das Elend dieser Welt zu verantworten hat. Das zweite aber redet von unserem Erlöser, dem
Christus. – Marcions Lesart des Alten Testamentes hat viele Anhänger gefunden. Er selbst
gründete nach der Zurückweisung seiner Lehre durch die römische Gemeinde eine eigene Glaubensgemeinschaft, XI die auch in die Provinzen des römischen Reiches, vor allem in der Asia
ausstrahlte. Die christlichen Gemeinden sahen sich herausgefordert und begannen nun ihrerseits
Grenzen zu ziehen.
Taufbekenntnis – Kanon – Bischofsamt: Die Kriterien der Katholizität
Die Christen lebten auch zu Beginn des zweiten Jahrhundert zunächst noch in Hausgemeinden, und wo es an einem Ort davon mehrere gab, entstanden Ortsgemeinden, deren äußere Angelegenheiten von gewählten Presbytern geregelt wurden. Noch herrschte in der religiösen Gedankenwelt, in der äußeren Verfassung, im Gottesdienst und Gemeindeleben bunte Vielfalt und
Regellosigkeit. Aber der urchristliche Enthusiasmus war im Schwinden. Wurden die geistlichen
Funktionen früher von Charismatikern, Aposteln, Propheten und Lehrern wahrgenommen, so
wurde in den nachfolgenden Generationen für die Auseinandersetzung mit dem hellenistischen
Synkretismus, insbesondere aber mit der Bewegung der Marcioniten, eine Vergewisserung des
christlichen Bekenntnisses, sowie festere kirchliche Strukturen nötig. Als christlich galt fortan,
was sich auf die Autorität der Apostel berufen oder auf das von ihnen Überlieferte zurückführen
lassen konnte. Jetzt galt das Kriterium der Apostolizität. In diesem Prozess begannen die verschiedenen Ortsgemeinden sich zur frühkatholischen Kirche zusammenzufinden. Dabei spielten drei Kriterien eine besondere Rolle: Die Formulierung des Taufbekenntnisses, die Sammlung biblischer Schriften zu einem jetzt kirchlich verbindlichen Kanon und die neue Autorität
des Bischofsamtes. Als sich in christlichen Gemeinden der Asia die MontanistenXII auszubreiten begannen, wurde auf einer Reihe von kleinasiatischen Synoden die Montanisten aus der
Kirchengemeinschaft ausgeschlossen.
106
Griechisch: „kanón“– eigentlich „Rohrstab, Stange, Messstab, Richtschnur“ ist ursprünglich ein Begriff aus
dem Baugewerbe.
31
Das Taufbekenntnis
War das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus
XIII zunächst Folge des Osterglaubens und der
daran anschließenden Missionspredigt der Urgemeinde, so wurde alsbald die Taufe der neu hinzukommenden Gemeindeglieder zu dem liturgischen Ort des christlichen Bekenntnisses. Wo die
Taufhandlung selbst in den neutestamentlichen
Texten näher beschrieben wird, lautet die Taufformel schlicht: „...auf den Namen Jesu
Christi“.107 Das Matthäus-Evangelium kennt bereits eine dreigliedrige Spendeformel „auf den
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligem
Geistes“. Diese dreigliedrige Form kommt nur in
diesem, im Evangelium enthaltenen und so genannten „Taufbefehl“, nicht aber in den Tauferzählungen der Apostelgeschichte und auch nicht
in den Paulusbriefen vor. XIV Die dreigliedrige
Taufformel ist jedoch in der ältesten Fassung in
der römischen Gemeinde bereits um 140 n.Chr.
überliefert. Wie schon die Hinwendung Marcions
zur römischen Gemeinde gezeigt hat, genoss
diese zu Beginn des 2. Jahrhunderts bereits beDarstellung einer Taufhandlung
sonderes Ansehen und Gewicht. XV Dies römiWandmalerei in der Calixt-Katakombe in Rom
sche Taufbekenntnis wird in seiner dreigliedrigen
Struktur Grundlage des späteren sog. Apostolischen Glaubensbekenntnisses.
Bei Hippolyt von Rom (gest. 236 n. Chr.) finden sich die Taufliturgie (in lat. Sprache) wie folgt
überliefert: „Sobald der Täufling ins Wasser hinab gestiegen ist, legt der Täufer ihm die Hand
auf und fragt: Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater? Und der Täufling soll antworten:
Ich glaube. Und sogleich, während die Hand auf seinem Haupt liegt, tauft XVI er ihn zum ersten
Mal. Und darauf fragt er: Glaubst du an Christus Jesus, den Sohn Gottes, der geboren ist vom
Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, gestorben,
am dritten Tage lebend von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgestiegen ist, zur
Rechten des Vaters sitzt, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten? Und wenn
jener gesagt hat: Ich glaube, soll er ein zweites Mal getauft werden. Erneut fragt er: Glaubst du
an den Heiligen Geist, in der heiligen Kirche und an die Auferstehung des Fleisches? Der Täufling soll sagen: Ich glaube. Und so soll er ein drittes Mal getauft werden. – In der Folge wird
dies bei der Taufe gesprochene Bekenntnis dann auch in der Feier der gottesdienstlichen Liturgie sonntäglich wiederholt und damit wohl auch erinnert und eingeschärft. 108
Die Bibel alten und neuen Testamentes – Richtschnur des Christenglaubens
Prüft man die Überlieferung christlicher Schriften aus der Zeit des ersten und beginnenden
zweiten Jahrhunderts, so finden sich wohl profilierte Stimmen, die das Evangelium von Jesus
Christus oft in je eigener Weise verkünden und interpretieren. Es gab aber noch keine eindeutige Theologie, die mit Akzenten und Exklusiven gearbeitet hätte.
Nachdem Marcion damit begonnen hatte eine Sammlung der für ihn maßgebenden christlichen
Schriften herauszugeben und diese als verbindlich zu erklären, trat nun neben das Taufbekenntnis als zweite katholische Norm der Kanon der christlichen Bibel.XVII Sie entstand etwa
107
108
So Apg 2,38; 8,16; 10,48; 19,5; Röm 6,3 und Gal 3,27.
Zum frühen Verständnis der dreigliedrigen Taufformel siehe „Die trinitarische Einheit Gottes“, S 101
32
in den Jahren 140 – 200. Das Kriterium für das kanonische Ansehen solcher Schriften war ihre
(oft vermeintliche) Abfassung durch einen Apostel oder Apostelschüler.XVIII Es handelte sich
dabei zum einen um das Festhalten an der Überlieferung der hebräischen Bibel (meist in der
griechischen Fassung der Septuaginta) als einer göttlichen Offenbarungsschrift und ihrer christlichen Auslegung. Dadurch blieben Verfassung, Kultus und Glaubenslehre unter ihrem andauernden Einfluss und dieser korrigierte die marcionitische Verwerfung des AT und seines Gottes.
Da man andererseits Paulus nicht den Marcioniten überlassen wollte, übernahm man auch die
Paulusbriefe und alles, was in seinem Namen überliefert war. XIX Aus der Verbindung beider
Testamente wurde ein festes Corpus heiliger Schriften, und damit der Kernbestand unserer heutigen Bibel des Neuen Testamentes.
Das Bischofsamt als monarchischer Episkopat
Auch Häretiker haben sich auf apostolische Überlieferung berufen. Die entstehende Kirche
brauchte also eine Instanz, die beurteilen und Gewähr leisten konnte, dass die kirchliche Verkündigung getreu der urchristlichen Überlieferung geschah. Mit dem allmählichen Verschwinden der „ersten Zeugen“ und ihrer geistgeleiteten Verkündigung sowie dem Wuchern von Irrlehren ging die Funktion der Lehre zunehmend auf die „Episkopi“ d.h. die Gemeindeleiter über.
Sie waren jetzt die „Männer, die das Wort Gottes sagen“. So wurden diese die natürlichen Erben
und Nachfolger der Apostel. Wo aber waren nun die Gemeinden, die die apostolische Tradition
am zuverlässigsten bewahrt hatten? – In dieser Hinsicht wurde der Gemeinde in Rom, die sich
ja in der Abweisung und Verurteilung der Lehre Marcions bewährt hatte, das Hauptgewicht
zuerkannt.XX Hier bildete sich zuerst die Vorstellung vom monarchischen109 Episkopat aus. Dieser Eine, der jetzt die Gesamtverantwortung trägt, soll in einer ununterbrochenen Traditionskette,
der sog. „Sukzession zu den oder zu einem Apostel stehen. In der Praxis beruhte diese Wahl oft
auf einer Fiktion. Sie hat sich aber in der Folge zunächst bewährt. In den Hauptgemeinden von
Rom, Jerusalem, Alexandria und Antiochien entstanden Bischoflisten, die die Reihe der Amtsträger bis zu den Anfängen zurückverfolgen.
„Kyrie eleison! – Der Glaube wird politisch
Das Judentum war im römischen Reich eine
, d.h. Juden war freie Religionsausübung gewährt. Davon haben anfangs auch die christlichen Gemeinden profitiert. Sie galten als
eine besondere Richtung im Judentum und fanden als solche keine weitere Beachtung.XXI Das
änderte sich aber als die römischen Kaiser zur Stabilisierung ihrer Macht und zur Konsolidierung des Reiches wieder auf den althergebrachten Gottkönig-Kult zurückgriffen.XXII Öffentliche Auftritte der Herrscher bekamen nun einen religiösen Charakter. Im spätantiken Hofzeremoniell wurde der Kaiser jetzt mit dem Ruf „Kyrie eleison“110, dem gebräuchlichen Huldigungsruf für Götter und Herrscher begrüßt.
Schon die Juden der griechischsprachigen Diaspora hatten den Kyrios-Titel als Übersetzung für
Adonai „Herr (zur Vermeidung des Gottesnamens JHWH) auf den Gott Israels bezogen. Die
christlichen Gemeinden haben den Kyrios-Titel auf Jesus, den Christus übertragen. Daneben
konnte es für Christen keinen anderen Kyrios geben. So fand dieser Huldigungsruf nun seinen
Platz als zentrale Hoheitsbezeichnung Jesu Christi im christlichen Gottesdienst zu Beginn der
Eucharistiefeier und setzte die Christen damit betont vom Herrscherkult und vom Kult anderer
Götter ab.XXIII Solange dies nur im nichtöffentlichen Raum der gottesdienstlichen Versammlung geschah, musste dies noch nicht zu Konflikten mit der Staatsmacht führen. Andererseits
waren aber die Teilnahme an religiösen Festen, Anbetung der Götter und des Kaisers sowie der
Verzehr des Opferfleischs wesentliche Pflichten im Leben des guten und loyalen römischen
109
Griechisch: monos, der oder das Einzige archä, das Haupt, d.h. Ein einziger Bischof ist jetzt verantwortlich
für eine Gemeinde oder Teilkirche.
110
„Herr, erbarme dich!“ – Dieser Huldigungsruf soll die Autorität des Herrschers und die Bitte um seine Fürsorge
und Hilfe zum Ausdruck bringen.
33
Staatsbürgers. Jeder, der sich diesen Kulten entzog, erschien den Römern höchst suspekt, da er
in ihren Augen den
, den Frieden mit den Göttern, bedrohte und damit das öffentliche Wohl gefährdete.XXIV
Anfang des Jahres 112 n.Chr. bat der Statthalter der Provinz Bithynien in Kleinasien, Plinius,
in einem Brief den Kaiser Trajan um Rat, wie er sich gegenüber den in offenbar größerer Anzahl
von römischen Bürgern angeklagten Christen verhalten solle.XXV Kaiser Trajan billigt sein Verfahren. Man könne nicht alle vermuteten Christen gleich behandeln. „Sie aufspüren soll man
nicht. Wenn sie angezeigt und überführt werden, müssen sie bestraft werden ... Klageschriften
ohne Autor dürfen bei keiner Straftat Platz haben. „Denn das wäre ein sehr schlechtes Beispiel
und passt nicht zu unserem Zeitalter. – Das Christentum sollte also eingedämmt, nicht aber
die Christen als Personen aktiv verfolgt werden.
Hinrichtung durch Tierhatz - Nachbildung eines Mosaiks aus Rom
GNU-FDL Aufnahme: Thomas Ihle 05.06.2004
Mit Decius begann die erste administrativ und systematisch im gesamten Römischen Reich
durchgeführte Christenverfolgung. Wer sich dem öffentlichen Opfer verweigerte, wurde
gefoltert und bei weiterer Weigerung hingerichtet. Viele, vor allem Neugetaufte und Laien,
gaben dem Druck nach.XXVI Die Nachfolger auf dem Kaiserthron verschärften diese Politik.
Insbesondere Diokletian erließ ein scharfes Verfolgungsdekret. Es verbot die christlichen Gottesdienste. Christen mussten die heidnischen Opfer vollziehen. Das Dekret ordnete die Zerstörung von Kirchen, die Verbrennung christlicher Schriften, die Inhaftierung von christlichen
Staatsbeamten, sowie ein Ämterverbot für Christen an. Christen verloren damit entscheidende
Bürgerrechte und waren leichter zu belangen. Weiter verfügte das Edikt die Einkerkerung und
Folterung aller Gemeindevorsteher, Bischöfe oder Presbyter, um sie auf jede Weise von ihrem
Glauben abzubringen. Für alle aber, die das Kaiseropfer weiterhin verweigerten, wurde im ganzen Reich die Todesstrafe verfügt.
Die volle Durchführung des Ediktes erwies sich aber schlussendlich als unmöglich. Im Westen
des Reiches fand die Verfolgung schon im Jahr 305 ihr Ende, im Osten jedoch erreichte die
Verfolgung erst 311 ihren Höhepunkt bevor sie schließlich abklang.
34
Römische Staatskirche – Das Christentum am Wendepunkt seiner Geschichte
Trotz aller Maßnahmen zur Verfolgung konnten die Herrscher
das Christentum im römischen Reich nicht zum Verschwinden
bringen. Es wuchs im Gegenteil auch während der Verfolgungszeit weiter. „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche wurde ein geflügeltes Wort dieser Zeit. Als Kaiser Galerius, ein eifriger Christenfeind, sich über die Vergeblichkeit seiner Maßnahmen im Klaren war, erließ er kurz vor seinem Tode
im Jahr 311 ein Toleranzedikt, in dem er den Christen Duldung
gewährte, sofern sie nichts „contra disciplinam unternähmen.
So erhielt das Christentum im römischen Reich zumindest den
Status der religio licita, allerdings mit noch unsicherer Rechtsgrundlage. Als schließlich Kaiser Konstantin im Jahr 312 die
Regierung übernahm, bedeutete dies schließlich den Sieg des
Christentums im ganzen römischen Reich.XXVII
Christus Pantokrator,
enkaustische Ikone aus dem
6. Jahrhundert.im Katharinen-Kloster am Sinai,
Nachdem die staatliche Lösung der Christenfrage durch dessen Ausrottung im Reich gescheitert war, verblieb nunmehr
nur der andere Weg, das Christentum staatlicherseits anzuerkennen und so unter Kontrolle zu bringen. Außerdem erforderte die nach Konstantin zunehmende Instabilität der Kaiserherrschaft, dass sich die Herrscher auf die Loyalität der christlichen Kirche stützen mussten. XXVIII Schließlich wurde, –
nach einigen Rückschlägen,– das Christentum unter Kaiser
Theodosius d. Gr. im Jahr 380 zur Staatsreligion erhoben. XXIX
War aber das Christentum anerkannt und schließlich sogar
protegiert111, gestalteten sich die Dinge nach ihrer eignen inneren Logik. Der Monotheismus
von Juden und Christen vertrug sich nicht mit der Verehrung anderer Götter. Die Errichtung
der christlichen Staatskirche bedeutete zugleich die Unterdrückung und schließlich das Verbot
aller heidnischen Kulte im römischen Reich. – Die ursprünglich auf das kommende Reich Gottes ausgerichtete Kirche Jesu Christi war nunmehr als staatstragende Großorganisation im Reiche dieser Welt angekommen. –
Die aber dieser Welt abgesagt hatten, gingen ins Kloster. XXX
111
Die christlichen Bischöfe sind z.B. bereits im Jahr 325 mit der kaiserlichen Post zum Konzil nach Nicäa gereist.
Kapitel 5
Frühkatholizismus – Das christliche Glaubensbekenntnis
In den ersten vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung hatte sich das Christentum trotz zeitweiliger Verfolgungen durch den römischen Staat fast im gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet. Der äußere Zusammenhalt der christlichen Ortsgemeinden war zunächst noch schwach,
konnte aber durch den Primat von Regionalbischöfen immer deutlichere Gestalt gewinnen. Mit
dem Zusammenwachsen der Gemeinden zur christlichen Kirche entstand aber immer deutlicher
das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Christusbekenntnis, das im Osten als auch im Westen
des Reiches anerkannt werden konnte. Bedeutende Theologen und christliche Patriarchen waren daran beteiligt das zu schaffen, was heute als das christliche Glaubensbekenntnis allen Kirchen der christlichen Ökumene vertraut ist. Dass es sich dabei um zeitbedingte Auslegungen
des Christenglaubens handelt, war damals niemandem bewusst.
Von der Predigt zur Lehre – oder: „Verstehst du auch, was du liest?“
Die Apostelgeschichte erzählt, wie der Finanzminister der äthiopischen Königin, offenbar ein
jüdischer Proselyt, Christ geworden ist.I Offenbar hat er eine Pilgerreise zum Jerusalemer Tempel gemacht und bei dieser Gelegenheit eine hebräische Schriftrolle mit dem Text des Propheten
Jesaja erworben. Nun ist er auf der Heimreise, sitzt in seinem Wagen und liest in seiner Neuerwerbung. Dabei ist er offensichtlich an das Kapitel 53 geraten, wo von dem Knecht Gottes die
Rede ist: »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem
Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil
aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde
weggenommen.« – Die Bibel erzählt nun, wie der Geist Gottes ihm den Philippus an seinen
Weg schickt. Der Äthiopier nimmt den Anhalter ein Stück des Weges mit. Und als Philippus
sieht, was der hohe Herr da liest, fragt er ihn: „Verstehst du auch was du liest? – Offensichtlich
ist das nicht der Fall und so kommt dem Äthiopier die Gelegenheit gerade recht und er fragt
den Fahrgast: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das? Von sich selber oder von jemand
anderem?“ Philippus aber deutet ihm nun diese Gestalt des Gottesknechtes und erzählt ihm
dazu die Geschichte von Jesus, dem gekreuzigten und auferweckten Christus. Am Ende der
Geschichte hält der Äthiopier den Wagen an und lässt sich taufen. Und es heißt am Schluss:
„Er zog aber seine Straße fröhlich!“
Im Grunde ist dies eine Geschichte der dritten und vierten christlichen Generation. Die Apostel
und ihre direkten Schüler sind nicht mehr da, sie leben nicht mehr. Was geblieben ist, ist ihr
schriftliches Zeugnis: „Die Schrift“. Dabei hat der Äthiopier noch Glück, er findet einen Menschen, der ihm den Jesaja deuten und von Jesus erzählen und predigen kann. Und es sei an
dieser Stelle schon vermerkt, dass dabei der Geist Gottes die entscheidende Rolle spielt. Denn
er ist es schließlich, der dem Reisenden den Hermeneuten an den Weg schickt. Um die gelesene
Schrift also zu „verstehen“, fehlt ihr offensichtlich etwas Entscheidendes: Sie bedarf eines Hermeneuten, eines Geistes, der sie nicht nur buchstabengetreu wiedergibt, sondern deutet und
erklärt. Mit anderen Worten: Wir stehen vor dem hermeneutischen Problem jeder schriftlichen
Überlieferung. Die lebendige Kommunikation lebt ja nicht nur von dem sachlichen Inhalt einer
Rede, sie ist nicht nur Information im technischen Sinne, sondern der mitteilende Sprecher
bringt bei der mündlichen Rede seine ganze Person mit ein. Man spürt die Art, „den Geist“, aus
dem einer spricht und oft ist der eindrücklicher und gewinnender als das Gesagte selbst. Es geht
also nicht nur um das „Was“, sondern immer auch um das „Wie und „Wer einer Rede. Wenn
nun aber der lebendige Sprecher fehlt, und man nur Buchstaben vor sich hat, ist man zunächst
mit ihnen allein gelassen. Man ist nicht mehr Zu-Hörer, sondern Leser. Freilich hat auch die
Schrift ihren „Sinn“, ihre Anmut und Bedeutung, die nicht beliebig ist. Aber es fehlt der Interpret, der ihren Sinn erschließen hilft. An seine Stelle tritt beim Leser sein Eigen-Sinn, sein
36
mitgebrachtes Vor-Verständnis der Welt und der Geschichte, also der jeweilige Verstehenshorizont seines geschichtlichen Ortes, an dem er lebt und mit dem er den Schriftsinn in sich aufnimmt und verarbeitet.
Dieses Problem hat uns schon unausgesprochen in allem bisher Dargestellten begleitet, es soll
jetzt aber unsere weitere Aufmerksamkeit bekommen. Denn der Weg des Evangeliums durch
die Welt ist ohne die dabei geschehenden Transformationen nicht denkbar, die seine Botschaft
jeweils neu erschließen muss.
In der Kultur der griechischen Antike war die uns geläufige
Abgrenzung von Religion und Philosophie als „Fächer“, so
nicht existent. Allerdings ging die Entwicklung der griechischen Philosophie dahin, religiöse Vorstellungen zunehmend durch Naturwissen und philosophische Erklärungsversuche zu ersetzen.II Epoche machend war die Philosophie
Platons. Seine Philosophie ist zunächst dem Lebensgefühl
der Antike und ihrer Menschen verpflichtet, – der Erfahrung
von Vergänglichkeit.III Diese aber entbindet die Frage nach
dem Unvergänglichen, das bleibt. „Alles Vergängliche ist
nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis“.
Diese Reflektion auf die Erfahrung von Welt und Mensch,
wie sie der Chorus am Ende von Goethes Faust-Drama intoniert, – sie beginnt bei Plato und zieht sich als Motiv durch
die weitere Geschichte der Philosophie. Platons Ideenlehre
sucht die eigentliche Wirklichkeit hinter den geschichtlichen
Erscheinungen in ihrer jeweiligen „Idee“. Jede geschichtliBüste Platons
che Erscheinung lässt sich auf ihre übergeschichtliche Idee
(römische
Kopie des griechischen
zurückführen. Bevor es das Haus gab, gab es die Idee des
Platonporträts des Silanion,
Hauses. Diese Idee war schon immer vorhanden, auch wenn
Glyptothek München)
es eine Weile gedauert hat, bis der Mensch seine Wohnhöhle
verließ und die erste Hütte baute. Hinter einem Pferd steht die Idee Pferd, hinter dem Baum die
Idee Baum, hinter dem Menschen die Idee Mensch. – Allerdings bilden die geschichtlichen
Verkörperungen dieser Ideen diese nur unvollständig, ja mangelhaft ab. Denn es gibt ja ganz
unterschiedliche Häuser, Pferde, Bäume und auch Menschen. Sie sind mangelhaft und dem
zeitlichen Verfall ausgeliefert. Durch das Mitwirken der vernunftlosen Materie können Abbilder der Ideen nie so vollkommen sein wie die Ideen selbst. Die eigentlichen Ideen aber sind
ewig und auch noch da, wenn das konkrete Haus, das Pferd, der Baum oder der Mensch tot oder
nicht mehr vorhanden sind. Die ewigen Ideen davon stellen die eigentliche Wirklichkeit dar.
Sie sind nicht wahrnehmbar mit unseren Sinnen, aber erkennbar durch unsere Vernunft. Deshalb haben die geschichtlichen Gestalten in Natur und Gesellschaft nur einen nachgeordneten
ontischen Rang. Die höhere Wirklichkeit haben die Ideen, die sich in ihnen abschatten. IV Die
allerhöchste Idee aber ist die Idee des Guten. – Platons Philosophie hat in mannigfacher Weise
nachgewirkt. Das spätere Christentum konnte die platonische Idee des „Guten auch als die
Wirklichkeit Gottes denken.
Für die einfacheren Zeitgenossen blieben die Göttergeschichten der griechischen und orientalischen Religionen, in denen die Vorstellung der Zeugung von Göttersöhnen mit menschlichen
Müttern als große Erzählungen immer noch im Schwange war. Dazu kamen die Kulte der aus
dem Orient eingewanderten Religionen. Sie alle bildeten den gewohnten Verstehenshorizont
ihres Lebens. Das Zusammenfließen unterschiedlicher religiöser Strömungen im Synkretismus
des hellenistischen Zeitalters schuf darüber hinaus eine Ineinanderschau ursprünglich verschiedener Gottheiten, die immer mehr zu einer einzigen verschmolzen.V Das hat tendenziell zu einer
37
gewissen Akzeptanz, wenn nicht des jüdisch-christlichen Monotheismus, so doch eines HenotheismusVI geführt. Die Verehrung eines „Unbekannten Gottes förderte die Vorstellung einer, über allen anderen regierenden Gottheit. Denn die Menschen sehnten sich danach, dass
sich hinter der unpersönlichen Welt der platonischen Ideen ein Gesicht zeigen möge, ein Wesen, jemand, zu dem man beten und eine Beziehung aufbauen kann.
Für die hellenistischen Christen war Jesus dieses Gesicht Gottes. Für naturphilosophisch denkende Heiden jedoch musste das Bekenntnis zur Gottheit eines historischen Menschen abwegig
erscheinen.VII Beiden aber war ein Glaube an den Christus nur möglich, wenn sie ihn sich innerhalb ihrer weltbildlichen Vorstellungen verständlich machen konnten.
„Eines Wesens mit dem Vater“ – Das Entstehen der frühkatholischen Dogmatik
„Aus welcher Vollmacht tust du das? – So fragen die Zeitgenossen Jesu, Hohepriester,
Schriftgelehrte und Älteste Israels. Vor ihnen steht ein Mensch und sie sind Zeugen seines
Wirkens und sie spüren seine Autorität. – Aber ist sie vom Himmel? – Oder nur blasphemische Anmaßung? Es ist die Frage Israels an seinen Sohn bis zum heutigen Tage. Um sie zu
beantworten hat Israel nur „die Thora und die Schriften“. Das Judentum hat als Gottesvolk
neben dem Bekenntnis zu dem Einen Gott, nie so etwas wie eine Gotteslehre gebraucht.
Gut zwei Jahrzehnte später singt die heidenchristliche Gemeinde den Christus-Hymnus: „Er,
der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja
zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der
über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel
und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus
der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“VIII – Erniedrigung, d.h. die Inkarnation des präexistenten Christus, sein Leiden und sein Tod und die Erhöhung durch Gott und Verleihung des
„Namens über alle Namen ist jetzt das Thema, wenn von Jesus die Rede ist. War Jesus einst
ein Mensch, dessen Vollmacht etlichen als zweifelhaft erschien, so sitzt der Christus jetzt ganz
zweifellos zur Rechten Gottes. – Aber inwiefern ist so jemand noch mit menschlichem Maß zu
messen? Deshalb mussten die apostolischen Väter der folgenden Jahrhunderte Christi Wesen
theologisch ergründen. Einen frühen Versuch, dies zu leisten, unternahmen die sog. Apologeten IX d.h. „Verteidiger des christlichen Glaubens. Sie versuchten den Weg Christi als des
göttlichen Logos X verständlich zu machen. Er ist für sie das Prinzip der in der Welt waltenden
Vernunft und der göttlichen Offenbarung. Christlicher Glaube wird hier als Philosophie plausibel gemacht.
Eine weit größere Gefahr für die Kirche war die hellenistische Gnosis, die sich in weiten Teilen
des Reiches, insbesondere aber im Osten ausgebreitet hatte. Weil die Gnostiker die Göttlichkeit
des Christus festhalten wollten, hielten sie sein Menschsein nur für einen äusseren Schein, –
eine Art Maskerade, die notwendig war, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. Da er als
Gottessohn aber nicht sterblich sein konnte, verließ er vor seinem Leiden die menschliche Hülle
und ein anderer, Unbekannter, wurde an seiner Stelle gekreuzigt. Diese Ausflucht hat die Kirche
von anfang an abgelehnt und bekämpft, auch wenn sie sich gelegentlich gnostischer Begrifflichkeiten und Vorstellungen bedient hatte. Dann aber musste man klären, in welcher Weise
Jesus als Mensch und Sohn Gottes „am Wesen Gottes, des Vaters und Schöpfers der Welt
teilnimmt und welche Beziehung beider zu Gottes heiligem Geist besteht, ohne, dass man dabei
an zwei oder gar drei verschiedene Gottheiten glaubt. Und wie verhält sich Jesus menschliche
Natur zu seiner göttlichen Natur? Das sind die Themen über die in der entstehenden Kirche in
den nächsten Jahrhunderten gestritten wird.
38
Noch war der Kontakt unter den christlichen Gemeinden im römischen Reich nur schwach ausgeprägt und an verschiedenen Orten versuchte man, das entstandene Problem jeweils verschieden zu lösen. Das führte jedoch zu erheblichen Spannungen, vornehmlich in der griechisch-
Das Konzil in Nicäa im Jahr 325
„Die Synode der Heiligen Väter“ – Das Nicänisch-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis kam
unter tätiger Mitwirkung des Kaisers zustande. So steht er zurecht in der Mitte der Heiligen Väter.
Quelle: http://www.weyer-neustadt.de/content/DesktopDefault.aspx?tabid=244
39
sprachigen Kirche des Ostens. Eine besondere Rolle spielten dabei bedeutende Lehrer, welche
die eben geschilderte Problematik durchdachten. Vor allem Origenes XI im Osten und Tertullian
XII
im Westen haben durch ihre Arbeiten die begrifflichen Grundlagen gelegt, auf denen die
entstehende katholische Kirche aufbauen konnte. Erst jetzt entstand auf diese Weise eine im
engeren Sinne christliche Theologie.
Das zweite und dritte Jahrhundert war neben dem zunehmenden Verfolgungsdruck durch die staatlichen Autoritäten sowie mannigfache theologische Streitigkeiten XIII der verschiedenen theologischen Lehrmeinungen geprägt, die oft mit unnachgiebiger Härte und Verketzerung der Widersacher ausgetragen wurden. Die eigentliche Krise der entstehenden Kirche begann mit
dem arianischen Streit. XIV Arius vertrat die Lehre, dass
es nur einen wahren Gott gebe und dass Jesus ein (besonders ausgezeichnetes) Geschöpf sei. Das Wesen des
Vaters sei ihm aber unerkennbar. Deshalb waren GottVater und Jesus nicht gleichen Wesens. Das widersprach jedoch der Auffassung der orthodoxen Seite. XV
Als sich der Streit ausweitete, griff der Kaiser ein. Die
Kirche, nunmehr nach Beendigung aller Christenverfolgungen staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft,
sollte als solche doch Stütze der kaiserlichen Macht sein.
Origenes 185 - 254 n. Chr.
Das aber war mit den andauernden Streitigkeiten nicht
vereinbar. Zur Erledigung des Lehrzwistes lud Kaiser Konstantin im Jahr 325 die orientalischen Bischöfe 112 in seine Sommerresidenz nach Nicäa ein. Er übernahm auch den Vorsitz
der Versammlung und als man sich nach wiederholten Vermittlungsversuchen nicht einigen
konnte, dekretierte er das alles entscheidende „homoousios“, also die Aussage über die gleiche Wesenheit von Gott-Vater und Gott-Sohn.XVI In der Zeit danach stritt aber die Partei der in
Nicäa unterlegenen Bischöfe weiter für ihre Position.XVII Es kam zu weiteren Verketzerungen
und höchst unerfreulichen Vorkommnissen.XVIII In den Mittelpunkt der weiteren Streitigkeiten
rückte in der Folgezeit nun die Frage, ob Jesus Christus nur Gott, nur Mensch oder beides ist
und wenn ja, wie sich diese „zwei Naturen 113 zueinander verhalten.XIX Außerdem hatte das
Nicänum den Mangel, dass der Heilige Geist in diesem Bekenntnis kaum ausreichende Erwähnung findet.XX Die Synode von Konstantinopel hat im Jahr 381 das Nicänum von 325 bestätigt,
jedoch eine Erweiterung des dritten Artikels hinzugefügt.XXI Es ist das Bekenntnis, dass auch
in unseren Kirchen gelegentlich immer noch im Gottesdienst gesprochen wird. In Wahrheit
aber ist es ein Stück erster frühkirchlicher Theologie.
Was ist dabei schließlich herausgekommen? – Es ehrt die damals beteiligten Bischöfe und Theologen, dass sie das christliche Bekenntnis auch intellektuell verständlich und nachvollziehbar
machen wollten. Die am griechischen Geist geschulten Theologen wollten Ordnung schaffen
in den Lehrvorstellungen ihres Glaubens, in dem Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem
Geist. Die Pointe der schlussendlichen konziliaren Formulierungen ist jedoch ihr „BegriffsM ysterium“, dies weiter nicht erklärbare „Zugleich“, dieses Sowohl-als-Auch, welches die
112
In I 07 waren vornehmlich die Bischöfe der orientalischen Gemeinden vertreten. Die Abendländer (der lateinischen Kirche) waren allenfalls mit fünf Vertretern anwesend. Man schätzt, dass die Versammlung etwa 250
bis 300 Anwesende zählte.
113
"Hunger, Durst, Ermüdung und Schlaf sind offenbar menschlich. Wenn Jesus aber mit fünf Broten 5000 Menschen sättigt, wenn er auf dem Meer wandelt ohne unterzusinken, dann ist das ohne Zweifel göttlich." – So Papst
Leo I. in seinem Lehrschreiben Tomus ad Flavianum (Erzbischopf von Konstantinopel) aus dem Jahr 449.
40
damaligen, philosophisch geschulten Theologen intellektuell nur schwer oder gar nicht akzeptieren konnten. Aber grade darin ist die frühkatholische Kirche orthodox114 und die Gefahr
schließlich doch noch vermieden, Gottes Wesen definieren und damit der menschlichen Vernunft untertan machen zu wollen. „Gott wohnt in einem Licht, zu dem niemand hinzutreten
kann“. –
Als Philipp Melanchthon sich zum Sterben bereitete, hat er auf einem Zettel zu seinem Trost
diese Worte geschrieben: „Du wirst zum Licht kommen, du wirst Gott sehen, du wirst seinen
Sohn schauen, du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in diesem Leben nicht
begreifen konntest: warum wir so und nicht anders geschaffen sind und worin die Vereinigung
der beiden Naturen in Christus besteht.“115
Schließlich sei auch noch dies vermerkt: In all den vorausgegangenen theologischen Streitigkeiten war es immer auch um politische Interessen und Auseinandersetzungen zwischen den
Parteien gegangen. Seit 380 wird die orthodoxe katholische Staatskirche zur alleinig anerkannten Religion im römischen Reich. Es werden Gesetze gegen das Heidentum erlassen. Der weitere kirchliche Aufbau erfolgt nun entlang der staatlichen Strukturen.116 Was so zunächst ein
Gewinn zu sein schien, erwies sich alsbald doch als ein schwieriges Erbe: Das Dogma war
gesichert, aber das christliche Bekenntnis wurde in dieser Abhängigkeit auch immer wieder neu
undeutlich gemacht.
Gott und die Welt als Themen der abendländischen Theologie
Das Thema der frühkatholischen Theologie war die Frage nach der Autorität Jesu als des Christus Gottes. Deshalb reflektierte sie das Verhältnis beider zueinander. Dabei hat sie vor allem in
metaphysischen Wesenheiten gedacht. Der Schwerpunkt dieser Auseinandersetzungen befand
sich in der griechisch sprechenden Kirche im Osten des Römerreiches. Der lateinische Westen,
– also vor allem Rom, hat sich an den trinitarischen und christologischen Verhandlungen beteiligt und dabei seinen Einfluss entscheidend geltend gemacht. Insbesondere waren die Vertreter
des römischen Bischofs entschieden für das „homoousios eingetreten.
Dennoch verlief die theologische Entwicklung im Westen des Reiches deutlich anders als im
OstenXXII. Nach dem Zerbrechen der Reichseinheit und schließlich dem Ende des weströmischen ReichesXXIII hatte die Kirche auch politische Verantwortung übernommen.XXIV Diese der
Kirche zugewachsene Verantwortung für das Gemeinwesen, wirkte sich nun auch dahingehend
aus, dass für die ohnehin praktischer veranlagten Abendländer nunmehr die Welt und die Lehre
vom Menschen und seinem Heil zum Thema ihrer theologischen Arbeit wurde. Die SoteriologieXXV und christliche Ethik rücken jetzt in den Mittelpunkt der theologischen Reflexion117,
wobei deutlich wird, wie dabei auch römisches Rechtsdenken in die Ergebnisse dieser Arbeit
mit einfließt.XXVI Als im Jahre 410 die Westgoten Rom eroberten, sah sich die römische Kirche
dadurch auch theologisch herausgefordert. Die damals unter den Christen verbreitete Gleichsetzung des christianisierten Römerreichs mit jener Gottesherrschaft, von der Jesus gesprochen
hatte, wurde durch dieses Ereignis in Frage gestellt und gab heidnischen Ansichten Auftrieb.
Der Jurist Tertullian, Sohn eines römischen Offiziers, lebte in Karthago und hat sich in der
Zeit des zweiten Jahrhunderts vor allem als Verteidiger des Christentums, alsbald auch als Streiter wider die Lehren Marcions verdient gemacht. Von seinem Werk sind 31 Schriften erhalten
geblieben.
114
D.h. „rechtgläubig“. Der Begriff hat sich im Laufe der Kirchengeschichte dann zu einer Konfessionsbezeichnung, der heute „Orthodoxen Kirchen“ gewandelt. Damals galt eher die Theologie der lateinischen Kirche Roms
als orthodox.
115
Melanchthon CR 91098; zit. Nach Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte, Stuttgart 1963, S. 95f.
116
Die Zuständigkeitsbereiche der röm.-kath. Bischöfe heißen noch heute Diözesen, also wie die staatlichen Regierungsbezirke des römischen Reiches.
117
Amb r o si u s (ca. 340-397), Bischof in Mailand – sein Hauptwerk De officio ministrorum hat Ciceros Pflichtenlehre zum Vorbild und leitet so stoische Ethik in die Kirche.
41
Sein Verdienst liegt vor allem darin, dass er die Theologie in die Latinität geholt hat. Auf Grund der Tatsache, dass er der erste Kirchenvater war, der Lateinisch schrieb – gilt Tertullian als Vater des Kirchenlateins. Er übersetzte zahlreiche biblische Texte aus
dem Griechischen und schuf dabei neue lateinische
Worte. Viele spätere Vaterunser-Auslegungen sind
von ihm abhängig. Er ist der erste im christlichen
Kontext, bei dem die Begriffe
für griech. 89:;<
(„Dreifaltigkeit“ Gottes) oder
für griech.
=>;[email protected] „Verdammung, Verurteilung“ historisch
greifbar werden. Tertullians theologische Begriffe
und Formeln sind in späteren Auseinandersetzungen
von Bedeutung: So nannte er Vater, Sohn, Heiligen
Geist „drei Personen“ (
), die aber eine
Einheit Gottes (
) bilden. Jesus Christus
sei wahrer Mensch und zugleich Gott. Demnach sei
zwischen menschlichen und göttlichen Eigenschaften
Christi zu unterscheiden: Sie seien zwar in der Person
des Sohnes vereint, aber nicht vermischt.
Tertullian – 150 - 220 n. Chr.
Von größter Bedeutung für die westliche Kirche
wurde der Kirchenvater Augustinus XXVII. In seinen berühmten Bekenntnissen (
)
schildert er nicht nur sein Leben, sondern geht
auch tiefen philosophischen Fragen nach. Die
gehören zu den einflussreichsten
autobiographischen Texten der Weltliteratur. Augustinus' Philosophie enthält von Platon stammende, jedoch im christlichen Sinn modifizierte
Elemente. Hierzu gehören insbesondere die Dreiteilung der Wirklichkeit in die Welt des höchsten
Seins, die nur dem Geist zugänglich ist, die GeistSeele des Menschen und die niedere Welt des
Werdens, die den Sinnen zugänglich ist. Als einer
der einflussreichsten Theologen und Philosophen
der christlichen Spätantike bzw. der Patristik hat
er das Denken des Abendlandes wesentlich mitgeprägt.
In 22 Büchern entwickelt Augustinus die Idee
vom Gottesstaat (
oder
). Dieser steht zum irdischen Staat (
) in einem bleibenden Gegensatz. Der Gottesstaat bekommt seine geschichtliche Gestalt in
der christlichen Kirche und den nach den bibliAugustinus 354 - 430 n. Chr.
schen Geboten lebenden Christen selbst. Der irdiDie älteste Darstellung aus dem 6. Jhdt.
sche Staat ist einerseits gottgewollte zeitliche Ordnungsmacht, doch als Machtstaat ist er andererseits auch ein von widergöttlichen Kräften beherrschtes Reich des Bösen und mit der Sünde
verflochten. Soweit er aber der Kirche dienlich ist, ist er von höherem Wert und kann in sich
42
ein Stück weit den Gottesstaat abbilden. 118 Von dieser dialektischen Grundidee her entwirft
Augustin eine umfassende Welt- und Heilsgeschichte. Dieser Entwurf war das ganze Mittelalter
über, bis hin zu Martin Luther, äußerst einflussreich.
Mit Anselm von Canterbury beginnt die Zeit der Hochscholastik. Anselm stammt aus einer adeligen Familie in der Lombardei. In Frankreich tritt er ins Kloster ein, dessen Prior er alsbald
wurde. 1093 wird Anselm von William II. in das Amt des Erzbischofs von Canterbury eingesetzt. In den nachfolgenden vier Jahren trugen die beiden als Vertreter der weltlichen und geistlichen
Macht miteinander den Investiturstreit in England aus. – Wichtiger ist Anselms Bedeutung für die Theologiegeschichte. Mit seinen Schriften erscheinen erstmals die Grundpositionen der mittelalterlichen Scholastik:
sowie
mit der er das Verhältnis von Glaube und Vernunft bestimmt:
Nachhaltige Wirkung hatte Anselms ontologischer GottesbeAnselm von Canterbury
weis, den er in seiner Schrift ´Proslogion´, eigentlich einer Me1033 - 1109 n. Chr.
ditation über das Wesen Gottes, darlegt. Er beginnt ihn bezeichnenderweise mit einem Gebet. Wie schon bei Augustinus geht dem Verstehen die lebendige
– „Ich glaube, damit ich verstehe“ und
Gottesbeziehung im Glauben voraus:
„Glaube, der nach Einsicht sucht“ Anselms Gottesbeweis gehört
zu den am meisten diskutierten Argumenten in der Philosophiegeschichte. Philosophen wie
Thomas von Aquin, Hegel, Descartes und Kant setzten sich kritisch damit auseinander. Zentrales Argument ist der Satz, Gott sei „das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden
).
kann“. (
In
– Warum Gott Mensch wurde – befasst sich Anselm zu Beginn des scholastischen Mittelalters mit der Frage der Versöhnung und Wiederherstellung der Gottesbeziehung
des Menschen. Er vor allem ist der Begründer der mittelalterlichen Satisfaktionslehre, wonach
die, durch die Sünde der Menschen beleidigte Ehre Gottes, durch Christi unschuldiges Opfer
gesühnt wird. XXVIII
Thomas von Aquin war Dominikaner und einer der einflussreichsten Philosophen und Theologen der Geschichte. Er
gehört zu den bedeutendsten Kirchenlehrern der römisch-katholischen Kirche und ist als solcher unter den Schulhäuptern
der mittelalterlichen Kirche als der
gerühmt.
Seiner Wirkungsgeschichte in der Philosophie des hohen Mittelalters nach zählt er zu den Hauptvertretern der Scholastik.
Er stützt sich dabei auf die philosophische Arbeit Aristoteles.
Wenn auch die mittelalterliche Theologie der Scholastik nochmals über Gottes Wesen nachgedacht hatXXIX, so ist doch auch
für Thomas von AquinXXX Gott selbst und die sakramentale
und ewige Gemeinschaft mit ihm das „summum bonum“, das
„höchste Gut“, also eine auf die Welt und das menschliche Leben bezogene Wirklichkeit. Es ist auf diesem Hintergrund verständlich, wie für Luther die Frage der Rechtfertigung des
Menschen vor Gott unter den Voraussetzungen der inzwischen entstandenen Situation in der Kirche seiner Zeit dringlich wurde. – Für die römisch-katholische Kirche ist Thomas
bis heute eine Autorität geblieben.
118
Thomas von Aquin
1225 – 1274
http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAquinat.jpg
So herrscht sogar in einer Räuberbande „eine Art Schatten von Frieden“. „In seinem Hause aber, mit Weib und
Kindern, und wen er sonst noch da hat, will er (der Räuber) selbstverständlich im Frieden leben. ...; De Civ. XIX,12
Kapitel 6
Die Erneuerung des Bundes – Israel und die Kirche
Israel, das Volk Gottes
Für die hebräische Bibel hat Gott
(JHWH) Israel als sein Volk erwählt und mit ihm einen
ewigen Bund geschlossen. Diese, nach ihrer Entstehung nachgeborene Bundestradition der hebräischen Bibel, reflektiert konkrete geschichtliche ErfahrungenI, die dieser Bundestheologie voraus liegen und die in den heiligen Schriften des TenachII überliefert sind. Von daher kommt
Israel in der Überzeugung des Judentums und wohl auch der Christenheit eine Sonderstellung
unter den Völkern dieser Erde zu, – allerdings bei Juden und Christen in einer schwierigen
gemeinsamen Geschichte und in oft gegensätzlicher Art. Israel erfährt Gottes Gegenwart und
Handeln nicht in vegetativen oder kosmischen Mächten, wie sie in der religiösen Umwelt Israels verehrt und gefeiert werden, sondern in seiner erinnerten Geschichte.III Israels Gotteserfahrung ist deshalb etwas, was man nicht lehren, sondern nur erzählen kann. Offenbarung ist demnach keine Einsicht in metaphysische Sachverhalte, Kräfte oder dergleichen. Sie ist konkret
erlebte und überlieferte geschichtliche Erfahrung, die jeweils ihren eigenen Ort und ihre eigene
Zeit hat.
Das Selbstbewusstsein Israels als Gottesvolk hat ihm in seiner mehr als dreitausendjährigen
Geschichte eine zeichenhafte Konstanz und Identität verliehen, wie sie anderswo nicht zu beobachten ist. Pharaonen, Babylonier, Perser, Griechen, Römer und Germanen, – wo sind sie
geblieben? Ihre völkischen Identitäten, ihre Kulturen und Reiche haben sich längst mit Anderem und Neuem vermischt und sich darin aufgelöst. Nicht so das jüdische Volk und Erbe, das
trotz aller geschichtlichen Wandlungen in all dieser Zeit seine Identität bis zum heutigen Tage
bewahrt hat und auch weiter darüber wacht.IV Dieser Sachverhalt ist in sich ein besonderes
Phänomen, das es im Umgang mit Israel zu würdigen gilt.
Das Selbstverständnis der Kirche als das neue Volk Gottes
Das Verhältnis der christlichen Kirche zum Judentum hat eine, schon von den Ursprüngen her,
schwierige Geschichte. Das gründet in dem Sachverhalt, dass der Streit, die Auseinandersetzungen und die schließlichen gegenseitigen christlich-jüdischen Ausgrenzungen zunächst innerhalb des Judentums selbst stattfinden: Jesus ist Jude, die Anhängerschaft Jesu sind Juden,
die Apostel und auch spätere Evangelisten sind Juden. Und der Streit geht um die Bedeutung
des Nazareners Jesus für das Judentum. Das ganze erste christliche Jahrhundert hat diese Herkunft und Zusammengehörigkeit immer respektiert und für selbstverständlich gehalten. So hat
auch der Völkerapostel Paulus, selbst ein Jude aus Tarsus, trotz aller Polemik gegen die jüdische Gesetzlichkeit, immer an Israel als dem von Gott in besonderer Weise erwählten Volk
festgehalten. Etwa 20 Jahre nach der Kreuzigung Jesu in JerusalemV schreibt Paulus an die
Christen in Rom und widmet dem Verhältnis von Juden und „Christen – der Ausdruck kommt
so gar nicht vor – drei ausführliche Kapitel. Seine Reflexionen über die bleibende Erwählung
Israels beginnt er mit diesen Worten: „Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie
mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne
Unterlaß in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu
sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind,
denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt
nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. (Röm 8,15) Dem entspricht auch, dass Paulus sich bei seiner Missionstätigkeit zunächst immer, wenn das möglich
war, an die örtliche Synagogengemeinde wendet und ihnen Jesus als den Christus bezeugt.
44
Andererseits stellt Paulus die christlichen Gemeinden aus Juden und Heiden in die Tradition
des alten Bundes Gottes mit Israel. Die Kirche begreift sich als „in den Wurzelstock Israels
eingepflanzt.“119 Die Identifizierung mit dem jüdischen Volk, genauer das Selbstverständnis
der Kirche als Miterben des Bundes Gottes mit Israel, hat alsbald zu Auseinandersetzungen und
Konkurrenz, und schließlich zu richtiger Feindschaft zwischen beiden geführt.
Von der Ausgrenzung zur Trennung 120
Der erste Keim zur Trennung zwischen Juden und Christen liegt in der unterschiedlichen Reaktion auf die Verkündigung der messianischen Gemeinde in Jerusalem, sowie in der Auslegung der beiden gemeinsamen biblischen Schriften.VI Schon früh kommt es zu Übergriffen und
Gewalt. Zunächst sind es die jesusgläubigen Juden und Proselyten, die von den Jerusalemer
Autoritäten abgelehnt, ausgegrenzt und verfolgt werden.VII Vor allem aber kommt es schon bald
innerhalb der christlichen Gemeinden aus Juden und Heiden zu scharfen Auseinandersetzungen über die Frage, welche Bedeutung die Gesetzesfrömmigkeit in einer christlichen Gemeinde haben soll. Es sind die Fragen, die Paulus und seine Leute mit den „Säulen in Jerusalem verhandelt haben, und wo etwa um das Jahr 45 n.Chr. ein (vorläufiger) Kompromiss gefunden wird. Nach der Hinrichtung des Jesus-Bruders JakobusVIII durch das Jerusalemer SynhedrionIX und auf Grund einer geweissagten Vorausschau auf den kommenden Krieg, flieht die
Jerusalemer Gemeinde nach Pella. Der diesbezüglich schon tendenziöse Bericht des ersten Kirchenhistorikers EusebiusX spricht vom „Verbrechen an dem Erlöser und „wiederholten Vergehen an seinen Aposteln“. Wichtiger für den späteren Antijudaismus der Kirche aber ist das
um das Jahr 100 n.Chr. entstandene Johannesevangelium. Für „Johannes sind „die Juden“XI
der Inbegriff der gott- und christusfeindlichen „Welt (des „Kosmos“). Diese feindselige Terminologie kommt aus der christlichen Gnosis Kleinasiens und hatte langfristige Auswirkungen.XII
Exkurs 1
Der Antijudaismus der Kirche
Juden waren im römischen Reich eine
, ein Status, von dem vorher auch die judenchristlichen Gemeinden im Reich profitiert hatten. XIII Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels
durch die Römer (70 n.Chr.) beschleunigte den Trennungsprozess beider Glaubensweisen. Um
das Jahr 100 n.Chr. schlossen die Pharisäer als die nunmehr führende jüdische Gruppe unter
anderen auch das christliche JudentumXIV als häretische Sekte aus dem Judentum aus. In dem
jetzt entstehenden Achtzehnbittengebet werden sie als „Ketzer verflucht.XV Die schon seit längerem bestehende Sammlung hebräischer Schriften, wird im sog. Tenach kanonisiert.XVI Ihre
eigene griechische Bibelübersetzung, die Septuaginta, überließen sie den Christen, die sie später ihrerseits nun als „Altes Testament kanonisierten. Mit dem von Rom dekretierten Verlust
der religiösen Teilautonomie und Verlust des Siedlungsrechts der Juden in Israel (130 n.Chr.)
war die Trennung vom Christentum, das nun mehrheitlich aus Nichtjuden bestand, vollendet.
Die entstehende heidenchristliche Kirche andererseits grenzte sich jetzt ebenfalls entschieden
vom Judentum ab.XVII Zentrum der antijudaistischen Lehren wurde der, dem Sinn des Neuen
Testamentes widersprechende, Pauschalvorwurf „die Juden hätten Jesus als ihren Messias abgelehnt und seinen Tod böswillig herbeigeführt. Diese Schuld sei unaufhebbar und wirke als
„Fluch in allen Generationen der Juden fort. Diese Behauptung wurde in der Folgezeit bis zum
Jahr 190 n.Chr. zur Gottesmord-Theorie gesteigert.121 Daraus wurden der angeblich kriminelle
119
Vgl. Röm 11,17-18.
Diese Darstellung folgt im Wesentlichen dem Artikel > „Antijudaismus“ aus Wikipedia. Alle weiteren Quellenverweise finden sich dort.
121
(Osterpredigt Melito von Sardes).
120
45
Charakter der Juden und ihre angebliche Mordlust an Christen gefolgert. Bis 300 n.Chr. übernahmen die meisten Kirchenväter diese Theorie und verbreiteten sie, etwa in Lasterkatalogen
und Predigten an hohen kirchlichen Feiertagen.122
Als der Katholizismus staatlich anerkannt und zur Reichskirche wurde, entzogen die Kaiser den
Juden immer mehr ihrer früheren Rechte. Es kam zu Stürmen auf heidnische Tempel und jüdische Synagogen. Diese Vorgänge gingen meist von Bischöfen, Priestern und Mönchen aus,
wurden von den Regenten geduldet, vom Volk getragen und ausgeführt.XVIII Erst als das weströmische Reich anno 476 n.Chr. endgültig zusammenbrach, wurde die Entrechtung der Juden
vorübergehend von einer nationalen und religiösen Pluralität abgelöst.
In der Karolingerzeit waren Juden relativ geschützt und geachtet. Doch die christliche Ständegesellschaft schloss sie seit dem späten 10. Jahrhundert von allen „ehrenwerten Berufen aus
und verhinderte ihre soziale Integration durch rechtliche Schranken.XIX Ihre immer bedrohte
Randexistenz prägte die mittelalterliche Gesellschaft. Dabei spielte die seit der Stauferzeit vorherrschende Vorstellung vom „Heiligen römischen Reich deutscher Nation“, in dem der Kaiser
und alle Untertanen Christen sindXX einerseits und der jüdische Bedacht auf die eigene religiöse
Tradition und daraus folgender Verweigerung einer Assimilation andererseits die entscheidende Rolle.
In der Zeit der Kreuzzüge kam es zu schrecklichen Judenverfolgungen. Das Bauernheer von
1096 wie auch das Ritterheer von 1097 sahen sich legitimiert, gegen alle Nichtkatholiken, vor
allem gegen Juden – nach Guibert von NogentXXI die „übelsten Feinde Gottes – vorzugehen
und damit im eigenen Land zu beginnen. Die Kreuzfahrer zerstörten planmäßig viele der bislang blühenden jüdischen Gemeinden entlang der Reiseroute.XXII Man ermordete die seit Generationen dort Ansässigen ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht und hetzte die Fliehenden
solange, bis auch sie getötet waren. Verschont wurden nur Juden, die sich rechtzeitig taufen
ließen.XXIII Daraufhin baten die Juden Deutschlands Kaiser Heinrich IV. um Hilfe. Dieser wies
Bouillon an, sie ungeschoren zu lassenXXIV, erlegte ihnen dafür aber eine hohe Geldzahlung an
ihn auf.XXV
Das Laterankonzil von 1215 verschärfte frühere kirchenrechtliche Dekrete gegen die Juden.
XXVI
Die theologische Rechtfertigung des Vorgehens gegen die Juden durch das Kirchenrecht
wiederum verfestigte die Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung. XXVII Damit wurden aber nur
antijüdische Entwicklungen untermauert, die längst im Gang waren. Berufsverbote für Juden
waren seit 100 Jahren üblich. Auch die Einrichtung von Judenghettos lässt sich seit Beginn
des 11. Jahrhunderts belegen.XXVIII Die Konzilsbeschlüsse verbanden Katholizismus und Antijudaismus noch enger miteinander und verschärften die Isolierung der Juden.
Seit der von Italien ausgehenden Renaissance versuchten gebildete christliche Humanisten gegenseitige Toleranz zwischen Juden, Christen und Muslimen zu fördern, indem sie die Gemeinsamkeiten der drei Religionen herausstellten.XXIX Sie wollten damit der weitgehend erfolglosen Judenmission zum Durchbruch verhelfen.
Martin Luther beurteilte das Judentum wie das Papsttum und den Islam als Gesetzesreligion,
die Gottes allein rettende Gnade im gekreuzigten Jesus Christus verleugne. Dennoch waren
seine Stellungnahmen zu den Juden bis 1526 freundlich. Er erinnerte daran, dass Jesus ein „gebürtiger Jude sei.XXX Anfangs wurde Luther als möglicher Befreier von der kirchlichen Verfolgung wahrgenommen, so dass man Kontakt zu ihm suchte. Die wenigen von ihm zugelassenen Kontakte verliefen für beide Seiten enttäuschend. Luther sah in rabbinischer Exegese nur
eine Gefahr für seine reformatorische Lehre. Ab 1526 veränderte Luther seine Haltung gegenüber dem Judentum. Er veröffentlichte mehrere Schriften, in denen er das Judentum aufs
schärfste verurteiltXXXI und Maßnahmen gegen die Juden fordert. XXXII Luther ergänzte seine
letzte Predigt am 15. Februar 1546 mit einer kurzen „Vermahnung wider die Juden“, die seine
122
Zum Beispiel Gregor von Nyssa; Johannes Chrysostomos u.a.
46
Synagoga und Ekklesia
In und an mittelalterlichen Kirchen findet
man häufig zwei Frauengestalten: Ecclesia, die das Christentum repräsentiert,
und Synagoga als Symbol für den jüdischen Glauben.
Ecclesia, Personifizierung der siegreichen Kirche, trägt die Krone des Gottesreiches, den Abendmahlskelch und den
Kreuzstab in triumphierender Haltung.
Die Augen der Synagoga aber sind durch
eine Binde oder einen Schleier geblendet
und sind so Hinweis auf die vermeintliche Blindheit des Judentums gegenüber
der Messianität Jesu.
Neben diesen beiden von christlichen
Künstlern und Theologen als unebenbürtig deklarierten Frauenfiguren gibt es
in der christlichen Kunst noch unzählige
andere, das Judentum diffamierende Darstellungen, zum Beispiel die Judensau oder den hässlichen Juden, dessen äußere
Verunstaltung ein Abbild seiner inneren
Verstocktheit oder seelischen Verworfenheit sein soll.
An all diesen verunglimpfenden Bildern
in Kunst und Literatur ist der Kirchenvater und bedeutendste Kirchenlehrer, der
dem Abendland am Ausgang der Antike
beschieden war, nämlich Augustinus
nicht ganz unschuldig. Mit seiner, weit
über das Mittelalter hinaus reichenden
Formel von der Kollektivschuld der Juden am Tode Jesu hat er das Fundament
für die immer wiederkehrenden ikonographischen Stereotypen geschaffen, zu
denen eben auch die Gegenüberstellung
von siegreicher Kirche und gedemütigter
Synagoge gehört.
Das war nicht immer so. Die Karolingerzeit (9.Jhdt n. Chr.) galt als das goldene
Zeitalter der Juden. Karl der Große war
ihnen wohl gesonnen und seine christlichen Gefolgsleute pflegten zu Juden gute
Beziehungen.
http://commons.wiimeia.org/wiki/File
Das Straßburger Münster
wurde von 1176 bis 1439 errichtet. Die Synagoge ist blind, ihre Augen sind zugebunden und ihre Lanze ist
zerbrochen. So steht sie neben der siegreichen Ekklesia als deren trauriges Gegenstück. Eine ähnliche Darstellung findet sich auch im Bamberger Dom.
47
Haltung bündelte: Juden seien zu bekehren oder zu vertreiben. Erst solle man ihnen den christlichen Glauben ernsthaft anbieten. Da sie diesen erwartungsgemäß ablehnen und Christus fortgesetzt lästern würden, sollten die Fürsten sie aus ihren Gebieten jagen. Die meisten Fürsten
folgten Luthers Aufforderung aus praktischen Gründen und wegen Einnahmen aus JudensteuernXXXIII nicht. Nur Kursachsen erließ nach dem Durchzugsverbot für Juden (1536) auch ein
Lehrverbot für Rabbiner. Einige evangelische Städte vertrieben ihre Juden 1546 bald nach Luthers Tod. Im Luthertum wurden Luthers Grundthesen zum Judentum weitgehend geteilt. Andere Reformatoren wie Wolfgang Capito und Andreas Osiander wie auch Philipp MelanchthonXXXIV widersprachen ihm jedoch sowohl theologisch wie auch praktisch. Im Judentum
aber förderte die Reformation ein selbstbewussteres Eintreten für den eigenen Glauben und dessen spirituelle Erneuerung, aber auch Endzeitstimmungen und Sektenbewegungen.
In der Zeit der Aufklärung traten vermehrt Vertreter eines Philosemitismus auf, die eine generelle Verurteilung des Judentums ablehnten und auf seine Vorzüge hinwiesen.123 Der Pietismus hat Israel als Gottes ersterwähltes Volk dann weithin anerkannt, jedoch umso mehr versucht, es zu Christus zu bekehren. Über eineinhalb Jahrtausende aber war im Schoß des religiös
begründeten christlichen Antijudaismus seine weltliche Variante herangewachsen: der Antisemitismus. Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hatte den christlichen Antijudaismus beerbt und säkularisiert. Einige aufgeklärte Philosophen und Theologen des 18. Jahrhunderts, wie Montesquieu und auf jüdischer Seite Moses Mendelssohn haben die rechtliche
Gleichstellung der Juden verlangt. Diese Entwicklung ging jedoch mit der Abkehr von den
biblischen Traditionen einher. Sie verallgemeinerte die Besonderheit von Juden- und Christentum zu einer humanen Idee, Moral und Religiosität.
Der Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts behauptete den angeblich überlegenen
Universalismus und Moralismus der „absoluten christlichen Religion im Unterschied zum unterlegenen, engen, materialistischen, überholten Judentum. Gerade die idealistischen und romantischen Heroen des Geistes erwiesen sich als hilflos und anfällig für den um sich greifenden
sozialdarwinistischen und rassistischen Antisemitismus.
Dazu kam eine Politisierung des lutherischen Christentums wie bei dem Berliner Hofprediger Adolf Stoecker.XXXV Luthers antijüdische Schriften wurden wieder entdeckt und ausgiebig für antisemitische Propaganda benutzt. Dabei wurde allerdings Luthers theologischer
und zeitgeschichtlicher Kontext stets ignoriert. Daran konnten später die Nationalsozialisten
Adolf Hitler (Mein Kampf), Julius Streicher (Der Stürmer) und Alfred Rosenberg (Der Mythos
des 20. Jahrhunderts) anknüpfen. Die Nationalsozialisten beriefen sich in der NS-Zeit darauf
und rechtfertigten damit die Novemberpogrome 1938 und schließlich die Shoa. Die evangelische Theologie hat in den 30er Jahren in großen Teilen wegen ihres durchaus säkularen Antisemitismus weitgehend versagt.XXXVI Ungehört blieb in der Kirche jener Zeit Dietrich Bonhoeffers verzweifelter Ruf: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen! XXXVII
Historisch unüberbietbar jedoch ist in der Folge die Shoa – der Massenmord der Nationalsozialisten an mehr als 6 Millionen jüdischen oder judenstämmigen Menschen Europas in der Zeit
des zweiten Weltkrieges. In zahlreichen Konzentrationslagern wurden die aus allen Teilen Europas deportierten Juden durch Zwangsarbeit, Hunger und Erniedrigungen ihrer Menschenwürde beraubt, um schließlich nach Erschöpfung ihrer Kräfte, in den Gaskammern der SS zu
sterben, so wie ihre minderjährigen, alten oder gebrechlichen Angehörigen schon zuvor gleich
nach Ankunft durch „Selektion“ von der Bahnsteigrampe in die Gaskammern geschickt worden
waren. – Nicht ohne sie zuvor ihrer etwa noch vorhandenen Wertsachen zu berauben.
123
So beispielsweise Hugo Grotius, Simon Episcopius (1583–1643), Pierre Jurieu (1637–1713), Johann Christoph
Wagenseil (1633–1705). Dieser verlangte sogar, die jüdische Literatur für die christliche Exegese der Bibel heranzuziehen.
48
Einblattdruck mit Wittenberger Judensau, 1596
wikipedia.org/wiki/Judensau
49
Es ist noch heute eine bedrückende Tatsache, dass vor allem der ProtestantismusXXXVIII, – von
Ausnahmen abgesehen – dazu nicht nur geschwiegen, sondern sich darüber hinaus an Maßnahmen der NS zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ beteiligt hat. Tausende von Kranken
und Schutzbefohlenen wurden während der Kriegszeit aus den Pflegeanstalten der evangelischen Diakonie an die NS-Behörden ausgeliefert und schließlich in Sonderaktionen ermordet.
XXXIX
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine Neubesinnung auf das Verhältnis der christlichen
Kirche zum Judentum.XL Seit 1950 begann die evangelische Kirche ihr Verhältnis zum Judentum auf eine neue Grundlage zu stellen.XLI Nach einem Entwurf von Heinrich Vogel beschloss
die Synode der EKiD am 27. April 1950 das „Wort zur Judenfrage“: „Gott hat alle beschlossen
unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme. (Röm. 11,32)
1. Wir glauben an den Herrn und Heiland, der als Mensch aus dem Volk Israel stammt.
2. Wir bekennen uns zu der Kirche, die aus Judenchristen und Heidenchristen zu einem
Leib zusammengefügt ist und deren Friede Jesus Christus ist.
3. Wir glauben, dass Gottes Verheißung über dem, von ihm erwählten Volk Israel auch
nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.
4. Wir sprechen es aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist.
5. Wir warnen alle Christen, das, was über uns Deutsche als Gericht Gottes gekommen ist,
aufrechnen zu wollen gegen das, was wir an den Juden getan haben; denn im Gericht
sucht Gottes Gnade den Bußfertigen.
6. Wir bitten alle Christen, sich von jedem Antisemitismus loszusagen und ihm, wo er sich
neu regt, mit Ernst zu widerstehen und den Juden und Judenchristen in brüderlichem
Geist zu begegnen.
7. Wir bitten die christlichen Gemeinden, jüdische Friedhöfe innerhalb ihres Bereiches,
sofern sie unbetreut sind, in ihren Schutz zu nehmen.
Wir bitten den Gott der Barmherzigkeit, dass er den Tag der Vollendung heraufführe,
an dem wir mit dem geretteten Israel den Sieg Jesu Christi rühmen werden. 124
Ein weiterer Meilenstein war der „Synodalbeschluss der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland zur „Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden vom
11. Januar 1980. Unter dem Leitwort aus dem Römerbrief „Nicht du trägst die Wurzel, sondern
die Wurzel trägt dich (Römer 11,18b) beschloss man unter anderem die Abkehr von der
Judenmission. Verschiedene Landeskirchen folgten mit ähnlichen Erklärungen und Änderungen der landeskirchlichen Verfassungen (meist der Präambeln).
Das von Johannes XXIII. ins Leben gerufene Zweite Vatikanische Konzil verabschiedete
am 28. Oktober 1965 die Erklärung „Nostra Aetate“ über das Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen, in der es auch an die tiefe Verbundenheit mit den Juden erinnerte. Das Konzil
beklagte „alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus“, die aus
religiösen Motiven erfolgte. Um diesen Konzilsbeschlüssen und der erneuerten Situation gerecht zu werden, wurde ein neuer Codex ausgearbeitet, der am 25. Januar 1983 in Kraft trat.
Alle antijüdischen Tendenzen wurden darin gestrichen. – Kurz vor seinem Tod formulierte
Papst Johannes XXIII. ein Bußgebet, das um Sinnesänderung der Christen in ihrem Verhältnis
zu den Juden bittet: „Wir erkennen heute, dass viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen
verhüllt haben, so dass wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in
seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erstgeborenen Bruders wieder erkennen. Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder
Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat Tränen geweint, die wir verursacht
haben, weil wir Deine Liebe vergaßen. Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an den Namen
124
Quelle: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1950, Gütersloh 1951, 5f.
50
der Juden geheftet haben. Vergib uns, dass wir Dich in ihrem Fleische zum zweiten Mal ans
Kreuz schlugen. Denn wir wussten nicht, was wir taten.“125
Papst Johannes XXIII. hat dies auch bei einem Empfang von Vertretern des Judentums im
Vatikan in wunderbarer Weise zum Ausdruck gebracht: Als er den Saal betritt, geht er auf die
rabbinischen Besucher zu, breitete die Arme aus und sagte: „Sono Giovanni,– il vostro fratello!
(„Ich bin Johannes,– Euer Bruder! im Anklang an die bekannte Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. 1.Mose 45,4)
Juden und Christen kommen aus einer gemeinsamen Geschichte mit dem einen Gott. Ob im
Zusammenleben innerhalb unserer heutigen Gesellschaften oder im Streit um die Wahrheit bleiben sie Geschwister aus demselben Stamm. Dies ist eine Einsicht und eine Verheißung aus dem
gemeinsamen Erleben unserer Geschichte. Und wir können mit- und voneinander lernen, uns
der Gegenwart von Gottes Geist zu öffnen und von daher mit anderen zu reden. Die anderen,
das sind die Religionen dieser Erde. Denn auch sie haben Erfahrungen des Gottesgeistes gemacht. Und es könnte sein, dass wir uns im Diskurs miteinander selbst neu und besser verstehen. Es liegt also nahe sich mit dem Phänomen der Religion zu beschäftigen.
125
aus: Battistina Capalbo: Le preghiere di papa Giovanni XXIII; Preghiere di tutti i tempi; (Italian Edition)
Edizioni paoline (1984)
(c) THOMSONREUTERS
Kapitel 7
„Ich bin nicht von hier, – Ich bin von anderswo her!
Das Wissen der Religionen von transzendenter Wirklichkeit
„Die menschliche Komödie fesselt mich nicht genügend. Ich bin nicht ganz von dieser Welt.
Ich bin nicht von hier, ich bin von anderswo her. Und dieses Anderswo jenseits der Mauern gilt
es wieder zu finden. 126 Eugène Ionesco weiß etwas von der Suche des Menschen nach dem
verlorenen Paradies. – Denn das unterscheidet unser Menschsein von den anderen Tieren, dass
der Mensch einerseits in ein Verhältnis zu sich selbst treten kann, und dass er auf der Suche ist
nach jenem „Woher und „Wohin“, das unser eigenes Dasein transzendiert, jenem ,,Anderswo
jenseits der Mauern“127, in dem das, was Philosophen die Entfremdung des Menschen genannt
haben, seine Erlösung findet und aufgehoben ist. Worin diese Suche ihre Wurzel hat, dazu erzählt die Bibel diese alte Geschichte:
Die Schlange – oder: Adam, wo bist du?
Die Bibel erzählt wie der Mensch sein ursprüngliches Gottesverhältnis verloren hat. – Gott hat
die beiden, Mann und Frau, geschaffen und sie zusammen mit den Tieren in seinen großen Garten
gebracht, damit sie sich dort ernähren und fortpflanzen. Alles soll für sie da sein. Sie leben in
diesem Garten als Gottes Hausgenossen in ungebrochener Wohngemeinschaft mit ihrem Schöpfer. Aber es gibt ein Tabu: In der Mitte des Gartens stehen zwei Bäume, der Baum des Lebens
und der Baum der Erkenntnis. Gott hat diese beiden Bäume aus dem, dem Menschen zur Verfügung gestellten Raum, ausgegrenzt. Über diese beiden Bäume sollen die Menschen keine Macht
haben. – Als das Tabu verletzt wird, zerbricht die unmittelbare Wohngemeinschaft mit Gott und
der Mensch lebt nun außerhalb des Gartens und ist zur Fristung seines Daseins auf sich selbst
gestellt. Denn so erzählt die Geschichte:
126
127
Eugène Ionesco, in André Coutin: Wortmeldungen, Gespräche mit Eugène Ionesco.
ebenda
52
„Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte,
und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im
Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret
sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen
aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass
von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil
er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch
davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie
nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und
Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach:
Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und
er (Gott) sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum,
von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir
zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum
hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen
aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde
fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du
wirst ihn in die Ferse stechen. Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn
du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem
Manne sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der
Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst
nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm
nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem
Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde
werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der
HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der
HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.
Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens
und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde
bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem
Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu
dem Baum des Lebens. 128 –
Die alte Geschichte erzählt von dem ersten Menschenpaar, das mit seiner Freiheit beschenkt, nun
anfängt, auch Gebrauch davon zu machen. Und sie verhalten sich dabei schließlich so, als stehe
das Verbot Gottes ihrer Freiheit entgegen. Daran zerbricht ihre Beziehung zu Gott, zum Nächsten
und zur Erde. Der menschliche Grundkonflikt zwischen Autonomie und Heteronomie ist in dieser
uralten Geschichte schon angelegt. Um sie von dem letzten Übergriff zu bewahren, – dem Griff
nach dem Leben selbst,– wird der Mensch aus der Nähe dieses Baumes vertrieben. Der Gott der
Bibel schützt das letzte, verbliebene Heilige, vor seinen eigenen Geschöpfen!
128
1.Mose 3,1-24 nach der Lutherübersetzung 1984
53
Das Wesen der Religion und die Erfindung der Götter
Die Suche nach dem verlorenen Paradies spiegelt sich in der Religionsgeschichte wider. Lothar
Schäfer: Der kulturgeschichtlich frühzeitliche Animismus war „die Verbundenheit mit der Natur durch Verwandtschaft. Indem die Menschen in den leblosen Dingen wesentliche Aspekte
ihrer eigenen Psyche wieder zu finden glaubten, indem sie Flüssen, Bergen, Pflanzen und der
ganzen Natur eine Seele zusprachen, fanden sie sich in einer mit ihnen verwandten Welt, die
trotz aller Gefahren ein schützendes Heim bot. Das Bündnis hatte eine tröstende Wirkung, und
ein Leben außerhalb des Bundes war das sinnlose Leben der Obdachlosen.
Zunehmend sind es auch Fragen nach dem Sinn des Daseins und der menschlichen Existenz,
die auch den frühen Menschen schon bewegen. Es sind die Mächte und Kräfte der Natur, die
Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Sterben, dem Tod I, womit die Menschen schon früh
zurechtkommen müssen. Antworten geben die alten Mythen und Rituale der frühen Religionen.II Da der Mensch von Anfang an ein soziales Wesen ist, dessen Glück und Sicherheit von
seinen Beziehungen in der Familie, der Sippe, dem Stamm abhängt, braucht er vor allem ein
Wissen um Gut und Böse.III Schon der frühe Mensch kann nur überleben, wenn in der Familie,
der Sippe, dem Clan, anerkannte Regeln das Zusammenleben ordnen und schützen. So entstehen schon früh einfache ethische Normen und Tabus, die immer wieder durchgesetzt werden
müssen. Für ihren Schutz und ihre Geltung sorgt die entstehende Sakralität der sozialen Ordnungen und schließlich das Entstehen eines sakralen Königtums das als „Gottessohnschaft des
Herrschers begründet und abgesichert wird.
Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab die „Erfindung von Göttergestalten den anonymen
Mächten der Natur und des Schicksals Namen und Gestalt, so dass der Mensch nun seinerseits
auch mit ihnen umgehen kann. Die Gottheit garantiert die Stabilität der Welt und des Lebens,
die stete Wiederkehr von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
(1.Mose 8,22). Das sind die, das Leben stabilisierenden, Faktoren. Und die Götter garantieren
die sozialen Verhältnisse in denen die Menschen geborgen sind.
Als die Wissenschaften begannen, in der animistischen Vorstellungswelt Fehler aufzudecken,
zerrissen sie das Band und öffneten eine schmerzliche Wunde. In Newtons Universum war
eigentlich kein Platz für Geist oder GottIV – „eine Hypothese, die ich nicht benötige , so Laplace
im Gespräch mit Napoleon – und die mechanistische Doktrin machte aus dem Leben eine sinnlose
Gymnastik. 129 Nichts desto weniger aber sucht die Seele des Menschen nach re-ligio, nach
„Rück-Bindung“, sie braucht Religion.V
Die verwaltete Gottheit – Von Priestern und Propheten
Was Menschen brauchen, versuchen sie sich dann auch zu beschaffen. – Sehr früh bereits versuchen die Menschen auf die, ihr Leben bestimmenden Mächte Einfluss zu gewinnen. So gehört
die Darbringung von kultischen Opfern von Anfang an zum innersten Kern der Religion. Die
Spuren von Opferhandlungen finden sich schon in der Frühzeit menschlicher Kultur und durch
Antike und MittelalterVI hindurch bis in ihre säkularisierten Erscheinungsformen unserer Gegenwart. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Art von Tauschverhältnis mit den Schicksalsmächten, denen sich der Mensch ausgeliefert sieht. Die Gabe an die Gottheit soll deren Hilfe
und Segen als Gegengabe bewirken.
Weil vom Funktionieren dieses Tauschverhältnisses das jeweilige Wohl und Wehe der entstehenden Gesellschaften abhängt, geht es schon in den frühen Kulturen alsbald darum, diesen
Einfluss auch zu verwalten. Als Mittler zwischen der Gottheit und den Menschen fungieren die
Schamanen, die Priester und Priesterkönige. Da diese aber mit ihrer Mittlerstellung auch eigene
Interessen bedienen und für ihren Machterhalt sorgen, gab es auch Gründe für den Argwohn,
ob das Walten der Götter authentisch ist oder manipuliert wurde, ob also die Gottheit oder nur
der Priester spricht. Die Sakralität des Kultes hat die Menschen meist befangen gehalten und
solchen Zweifel – oder gar Wissen – nur Eingeweihten ermöglicht.VII
129
Lothar Schäfer a.a.O., S. 148
54
Weil die Religionen in der Regel den Priester hervorbringen, bedarf der Gottesgeist bisweilen
des Propheten. Propheten sind die großen Gegenspieler der verwalteten Religion. Sie sind unvorhersehbar und schwer unter Kontrolle zu halten. Im alten Israel hat man versucht, sie den
Priestern ähnlich zu machen und in Gilden zu organisieren. Aber der Geist Gottes hielt nichts
davon. Er kam über Außenseiter wie Amos und Joel, kam über Jesaja und andere, wann und
wie und wo es ihm gefiel.
Die Religionsgeschichte Israels hat beides gekannt: Die ursprünglich tribale Stammesreligion
der gesellschaftlichen Außenseiter, die ihre Befreiung aus ägyptischer Fron dem Gott IHWH
verdankten und das Gedächtnis dieses Wunders später auch in entsprechenden Jahresfesten kultisch gefeiert haben.VIII Zum anderen aber die staatlich gelenkte Königs-Theologie, die aus
JHWH den Gott Davids und Salomos machte und als Herrschaftsinstrument zu dienen hatteIX
und die selbst in ihrer vermittelnden Version noch mehr Ähnlichkeit mit den altorientalischen
Vorbildern hat, als mit der frühen Ursprungsgeschichte Israels. – Es gilt nun aber darüber hinaus
an etwas zu erinnern, das das Eigentliche der religiösen Erfahrung ausmacht, nämlich die Begegnung mit dem Heiligen.
Das Heilige: – Tremendum et Fascinosum
Die neu entstandenen Religionswissenschaften haben gezeigt, dass die Religion neben ihrer rationalisierbaren „Botschaft“, wie sie in die Sprache der Verkündigung und Theologie gefasst und
im Verständnis der Aufklärung reflektiert worden ist, einem viel tiefer gehenden Erfahrungsbereich angehört, nämlich der elementaren Begegnung mit dem „Heiligen als dem „
und „
“, wie sie Rudolf Otto zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu thematisiert und beX
schrieben hat. Religion ist demnach eine erlebnishafte Begegnung mit heiliger Wirklichkeit und
ein antwortendes Handeln des vom Heiligen existentiell bestimmten Menschen.XI Diese Definition, in der die, in jeder Religion enthaltenen Grundelemente – Begegnung mit dem Heiligen und
Antwort des Menschen – unterschieden werden, enthält für dieses Erleben mit Absicht nur formale Strukturbezeichnungen der Beziehung zum Heiligen. Sie können in der geschichtlichen
Wirklichkeit mit sehr verschiedenen Gehalten erfüllt sein. Die Mannigfaltigkeit der Objekte,
Weisen und Inhalte der Begegnung mit dem Heiligen sowie die typischen Formen antwortenden
Handelns bilden die Erscheinungs- und Ideenwelt der Religionen.130 Wenn sich auch religiöse
Kulte und ihre Riten auf solche Ursprungserfahrungen zurückführen lassen, so sind es doch vor
allem die Erfahrungen von Sehern und Propheten, die sich vor allem auf eine solche Begegnung
mit dem
und
berufen haben.131 Wir haben es hier mit einer Wirklichkeit
zu tun, der Menschen immer wieder begegnet sind, was aber oft nur mühsam in die Form einer
„sachlichen Berichterstattung zu bringen ist. XII
Das zeigt sich auch in der alttestamentlichen Überlieferung von Israels Gottesbeziehung. In
ihrer Befreiung aus der ägyptischen Fronarbeit hatte Israel JHWH in einem geschichtlichen Ereignis erfahren. Die „sachliche Erzählung der Nachgeborenen dient der geschichtlichen Erinnerungsarbeit und wird als solche fester Bestandteil späterer Festliturgien. Israel hat die Begegnung mit dem Heiligen jedoch nicht in Ägypten, sondern erst am Sinai gemacht. Hier am Gottesberg wurde die Exodusgruppe mit der Majestät JHWHs konfrontiert. Hier haben sie die bezwingende numinose Macht ihres Gottes erfahren.XIII Neben die geschichtliche Gotteserfahrung
Israels tritt somit die Erfahrung kultischer Gottesnähe und erst dadurch erhält die geschichtliche
Gotteserfahrung der Gruppe ihre Bestätigung und Eindeutigkeit. Erst so mündet die geschichtlich begründete Gottesbeziehung in ein stetiges Gottesverhältnis Israels. Aber im Unterschied
zu den vorderorientalischen Religionen, wo die kultische Gotteserfahrung dominiert, hat Israel
an der Priorität seiner geschichtlichen Gotteserfahrung immer festgehalten. XIV Nicht der Sinai,
sondern der Exodus aus Ägypten begründet letztlich das Gottesverhältnis des frühen Israel.
130
So in: RGG, S. 27623 (vgl. RGG Bd. 5, S. 961) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
Nach Rudolf Otto, Das Heilige, Vlg. C.H.Beck, München 1917, jetzt in Beck’sche Reihe Bd. 328, Nachdruck
1987, a.a.O. S. 298 ff
131
Kapitel 8
Fides quaerens intellectum: –
Dass wir begreifen, was uns ergreift
Die Theologie war von Anfang an dem Bedürfnis geschuldet, göttliche Offenbarung und menschliche Vernunft zueinander in einer gedeihlichen Beziehung zu halten. Die Kirche der ersten
Jahrhunderte und des folgenden Mittelalters stand jeweils neu vor der Aufgabe, den christlichen
Glauben ihrer Zeit nicht nur zu predigen und vorzuleben, sie musste auch die Reflexionsgestalt
des Evangeliums mit dem gewandelten Weltwissen ihrer Zeit neu formulieren. Die sich einstellenden Wanderhorizonte der gesellschaftlichen Orientierung und die Entwicklung der Lebensverhältnisse führten so jeweils zu einer Neuinterpretation der Überlieferung und wechselnden Paradigmen kirchlicher Verwirklichung. I
Seit Beginn der Neuzeit stellten die gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa Theologie und
Kirche vor ganz neue Herausforderungen. Was war das „Neue an dieser Zeit? – Die Kultur der
Renaissance, die Entwicklung der Städte, die Neuorientierung an einem heliozentrischen Weltbild (Galilei u.a.), die neuen Handelswege nach Indien, die ökonomische Erschließung des pazifischen Raumes und nicht zuletzt die Entdeckung Amerikas brachten einen ungeheuren Zuwachs an Wissen, neuer Erfahrung und Handelsmöglichkeiten. Große Gelehrte wie Erasmus
von Rotterdam propagierten den neuen Humanismus. Andererseits waren die alten Ordnungsmächte des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ im Verfall, die mittelalterliche
Kirche wegen der Dekadenz ihrer Institutionen desavouiert und unglaubwürdig geworden. Entscheidend für den Lebenshorizont der Menschen jener Zeit aber war noch etwas anderes: die
Erfahrung des eigenen Selbstes, des eigenen Ichs als eines sich selbst verantwortlichen
Individuums. Das Problem der Aneignung des überlieferten Glaubens bekam jetzt eine höchst
persönliche Dimension: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott ? – Darüber hinaus wird die
theologische Front im weiteren Verlauf vom Ringen mit dem grundsätzlichen Zweifel an der
Leistungsfähigkeit menschlicher Vernunft bestimmt. War die Vernunft seit alters die Instanz,
die den Logos der geoffenbarten Wahrheit verteidigen konnte, so stand jetzt in Frage, wie der
überlieferte Glaube schließlich mein Glaube werden kann. Die europäische Reformation stand
so von Anfang an unter dem Zeichen des ZweifelsII und einer zunehmenden Säkularisierung.
Das Problem der Vergewisserung des Glaubens
Nach einer wohl begründeten Auffassung endete das Mittelalter
am 18. April 1521 auf dem Reichstag in Worms. Der Augustinermönch Martin Luther soll seine theologischen Schriften widerrufen, die vom Papst mit einem Bann belegt waren. Er hat sich einen
Tag Bedenkzeit ausgebeten. Dann steht er vor Kaiser und Reich
und sagt: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder einen
einleuchtenden Grund der Vernunft überzeugt werde, – denn
weder dem Papst noch den Konzilien glaube ich, da es feststeht,
dass sie häufig geirrt und sich selbst widersprochen haben – , so
bleibe ich an die von mir angeführten Schriftworte gebunden. Und
solange mein Gewissen gefangen ist von den Worten Gottes, kann
und will ich nicht widerrufen, da gegen das Gewissen zu handeln
weder sicher noch lauter ist. – Gott helfe mir! Amen. Dass sich
da einer angesichts der kollektiven Geschichtsmacht auf Gott, –
aber nun auch auf Vernunft und sein Gewissen berufen will, ist Martin Luther 1684 - 1546
neu und unerhört. Da ist einer, der widerspricht, weil er es nicht auf sein Gewissen nehmen
kann, gegen die erkannte eigene Wahrheit zu stehen.III Die Folgen sind bekannt: Bis zur Zeit
56
der Reformation gab es im westlichen Europa nur die eine christliche Kirche, nämlich die römisch-katholische.IV Die theologischen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen fanden
bis dahin in diesem gemeinsamen kirchlichen und staatlichen Rahmen statt. Es gab auch bisher
immer schon mehrere Wahrheiten, aber seit der Zeit der Reformation organisieren sich diese
nun auch in getrennten gesellschaftlichen Institutionen. Es entstehen die verschiedenen Landeskirchen entlang der Linie der Konfessionsgrenzen.
Mit der Vielzahl der Strömungen und den Kontroversen der Reformation und nach einem Jahrhundert verheerender Religionskriege
versiegte im 17. Jahrhundert zunehmend die Hoffnung, eine einzelne Konfession als die wahre Religion erweisen zu können.V In
den gebildeten Köpfen entstand fortan der grundsätzliche Zweifel
an der Möglichkeit einer gesicherten Gewissheit über die Beschaffenheit der Welt und der Existenz eines Gottes. René Descartes´
Analyse der condition humaine geht vom radikalen Zweifel an jeglichen Sinneseindrücken und den daraus abgeleiteten Tatsachen
) aus. Und es ist erst die zweifelsfreie Wahrnehmung
(
seiner selbst und der Tatsache seines Denkens, die ihm die GewissRené Descartes
heit über die Außenwelt erschließt. VI Noch einmal ist die mensch1596 – 1650
liche Vernunft als die diejenige Instanz gerettet, vor der sich alle
Erkenntnis legitimieren muss.VII – War aber die Vernunft bisher Vermittlerin für den geschichtlich überlieferten Glauben, so wird sie jetzt zu seinem Richter, vor dem er sich verantworten
muss. Es kommt zu einer Art Vernunftgläubigkeit.
Ist Gott ein Uhrmacher? – oder die Frage nach einem vernünftigen Gottesdienst
Das mechanistische Weltbild der beginnenden Naturwissenschaft ermöglicht zunächst auch
eine Vergewisserung des Gottesglaubens. VIII Die Einsicht, dass in der Natur alle Vorgänge
offenbar nach vernünftigen Gesetzen ablaufen, die jene stabilisieren und berechenbar machen,
schafft auch die Möglichkeit sich des Gottesglaubens neu zu
versichern: Gott ist der Schöpfer, der diese Welt wie ein mechanisches Uhrwerk geschaffen hat und dessen Funktionieren nun
sich selbst überlassen kann.IX Dieser DeismusX bedarf eigentlich
keiner weiteren Offenbarung, auch nicht den Glauben an ein
Handeln Gottes in der Geschichte. Gott ist jetzt allenfalls Zuschauer des weiteren Funktionierens seiner Werke. Die Annahme seiner Existenz entspricht dabei eher einer religiösen Konvention. Aber die Arbeit in und mit der geschaffenen Natur wird
jetzt der wahre Gottesdienst.XI
Am 1. November 1755 zerstörte ein gewaltiges Erdbeben zusammen mit einem Großbrand und einem Tsunami die portugiesische Hauptstadt Lissabon fast vollständig. Mit 30.000 bis
100.000 Todesopfern ist es eine der verheerendsten NaturkataIsaac Newton
strophen der europäischen Geschichte überhaupt. Das von Gott
1642 – 1726
geschaffene Uhrwerk der Welt funktioniert nicht so tadellos, wie
vom Deismus angenommen. Die Folge davon war, dass der Gottesglaube überhaupt in eine
Krise geriet. Denn ein Gott, der solches Unglück zuließ, kann nicht gütig sein. Es stellte sich
das Problem der Theodizee, die Frage nämlich, wie Gott sein Walten angesichts der wiederkehrenden Katastrophen der Geschichte rechtfertigen kann. – Noch sitzt Gott auf der Anklagebank. Aber bald wird auch dieser Platz leer bleiben, weil es „IHN nicht gibt“. Dann aber hat
auch Geschichte keinen „Sinn“. – Dann bleibt nur noch das „ICH“! Seit Sigmund Freud ist aber
auch dieses „ICH unsicher geworden. – Ist das Ende das NICHTS?
57
Lessings „garstiger breiter Graben“:– „Zufällige Geschichtswahrheiten können der
Beweis für notwendige Vernunftwahrheiten nie werden.“
Gotthold Ephraim LessingXII hat einmal von sich gesagt, er sei
„im Kopf ein Heide und mit dem Herzen ein lutherischer Christ.
In Lessing treffen wir auf einen Schüler des Sokrates und das Dialegesthai, der die Wahrheit entbindende Dialog, ist auch sein
hermeneutischer Weg zu dem, „was uns unbedingt angeht“!132
Das Stilmittel des Dialogs kam dabei seiner Intention entgegen,
eine Sache stets von mehreren Seiten zu betrachten und auch in
den Argumenten seines Gegenübers nach Spuren von Wahrheit
zu suchen. XIII Diese erschien ihm dabei nie als etwas Festes, das
man besitzen konnte, sondern stets als ein Prozess des sich Annäherns. Und es ist nicht von ungefähr, dass er seinen Platz unter
den deutschsprachigen Dramatikern bis in unsere Zeit behalten
hat.
Wir sind Lessings Problem schon begegnet, als wir uns an die
Geschichte vom äthiopischen Finanzminister erinnert haben.
Dort hieß die Frage, wie kann ich verstehen, wovon in der
Schrift die Rede ist. Die geistesmächtige „Predigt“ des Philippus wirkt unmittelbar und überzeugend, sodass der Äthiopier sich nun unverzüglich taufen lässt. – Für Lessing als einem gewissermaßen ´Spätgeborenen`, aber einem, der keinen Philippus an seiner Seite hat, wird aus
der Frage nach dem Verstehen nunmehr die Frage nach der Aneignung des Überlieferten, so
dass der Glaube der Apostel und Zeugen nicht nur deren Bekenntnis bleibt, sondern auch mein
Glaube werden kann: „Ein anderes sind erfüllte Weissagungen, die ich selbst erlebe: ein anderes
erfüllte Weissagungen von denen ich nur historisch weiß, dass sie andere wollen erlebt haben.
Ein anderes sind Wunder, die ich mit meinen Augen sehe und selbst zu prüfen Gelegenheit
habe; ein anderes sind Wunder, von denen ich nur historisch weiß, dass sie andere wollen gesehen und geprüft haben. ... Daran liegt es: dass Nachrichten von erfüllten Weissagungen nicht
erfüllte Weissagungen; dass Nachrichten von Wundern nicht Wunder sind. Diese, die vor meinen Augen erfüllten Weissagungen, die vor meinen Augen geschehenen Wunder, wirken unmittelbar. Jene aber, die Nachrichten von erfüllten Weissagungen und Wundern, sollen durch
ein Medium wirken, das ihnen alle Kraft nimmt. ... Wenn keine historische Wahrheit demonstriert werden kann, so kann auch nichts durch historische Wahrheiten demonstriert werden. Das
ist: zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten
nie werden. ... Wollte man mich noch weiter verfolgen und sagen: O doch! Das ist mehr als
historisch gewiss, denn inspirierte Geschichtsschreiber versichern es, die nicht irren können. So
ist leider auch dies nur historisch gewiss, dass diese Geschichtsschreiber inspiriert waren und
nicht irren konnten. Das, – das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann,
so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüber helfen, der
tu’ es; ich bitte ihn, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an mir.“133
Es geht für Lessing also darum, wie der überlieferte Glaube nun auch mein Glaube werden
kann. Dies aber kann nur geschehen „durch den Beweis des Geistes und der Kraft! Geschieht
dieses, „was gehen dann den Christen (dieses Mannes) Hypothesen und Erklärungen und Beweise an? Ihm ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in welchem er sich
so selig fühlet. – Wenn der Paralyticus die wohligen Schläge des elektrischen Funkens spüret,
Gotthold Ephraim
Lessing 1729 – 1781
132
Wir wählen an dieser Stelle mit Bedacht die Formulierung, mit der Paul Tillich versucht hat, das zur Sprache
zu bringen, was der christliche Glaube für den Menschen bedeutet.
133
Aus: „Über den Beweis des Geistes und der Kraft.“ In: Taschenausgabe der philosophischen Bibliothek Nr.9
Theologische Schriften; Vlg. Felix Meiner, Leipzig s. 92 ff.
58
was kümmert es ihn, ob Nollet oder ob Franklin den Dynamo erfunden hat? Kurz: der Buchstabe ist nicht der Geist und die Bibel ist nicht die Religion.“134 So muss also zum überlieferten
Glaubenszeugnis der „Wolke der Zeugen noch etwas hinzukommen, nämlich der „Geist und
die Kraft“. Für Lessing und die meisten seiner Zeitgenossen ist es nun ausgemacht, dass dieser
Geist zur menschlichen Vernunft spricht. Ihn kann die Vernunft „spüren“, die Vernunft beginnt
zu „vernehmen“, weil die geschichtliche Nachricht jetzt kompatibel wird mit der im Hörer oder
Leser vorhandenen Instanz, die allein für die Aneignung einer überlieferten Nachricht zuständig
ist. Und das ist für Lessing die Vernunft. Für Lessing ist – und bleibt sie – die Instanz, in der
sich das sich emanzipierende Humanum repräsentiert sah. Das Ergebnis ist dann aber auch eine
Vernunftreligion.XIV Das Verhältnis von Vernunft, Geschichte und Offenbarung, das sind in der
Geschichte der Aufklärung die Themen einer ersten großen Debatte, die Lessing mit der lutherischen Orthodoxie in Gestalt des Hamburger Hauptpastors Goeze zu bestreiten hat.
Immanuel Kant und die Frage nach der Reichweite der Vernunft
Während sich Lessing mit seinem Hamburger Kontrahenten auseinandersetzt, lebt in Königsberg ein Mann, der sich inzwischen daran gemacht hatte, die Kraft der Vernunft, an die auch er
glaubt, auf den Prüfstand zu stellen. Und siehe da, es zeigen sich ihm gravierende Mängel und
Grenzen. In seinen drei großen Kritiken analysiert und beschreibt Immanuel Kant die Grenzen
der Vernunft, die bisher für die Aufklärung gewissermaßen das
Zentralorgan des Verstehens und der Weltbewältigung ist. XV
Auch für Kant gilt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen
aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist
das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“XVI Wenn einer sich der Leitung durch einen
anderen bedienen muss, ist dies das Signal einer Gebrechlichkeit, die sich entweder seiner Schüchternheit oder aber der Hybris, des herrischen Übersehens der eigenen Inkompetenz verdankt. Dieser andere müsste ihm zunächst einmal die Grenzen
seiner Kompetenz aufzeigen und ihn so „zu Verstand bringen“.
Dazu aber besteht für Kant jeder Anlass, sobald man die Geschichte der Philosophie überblickt.XVII Im Bereich der täglichen Lebenserfahrung funktioniert unsere Vernunft einwandImmanuel Kant
frei. Sobald ich jedoch über die Welt der empirischen Erschei1724 – 1804
nungen hinaus Rückschlüsse auf ein übergeordnetes Dasein
treffe, (Kant nennt dies einen „
“) eine nur durch den Verstand erschlossene Wirklichkeit postuliere, übernimmt sich die Vernunft und wird trotz unverletzter Logik
unvernünftig.XVIII Deshalb geht es Kant darum, die Grenzen zu bestimmen, innerhalb deren die
Vernunft zu „vernünftigen Urteilen kommen kann.XIX Und innerhalb dieser Grenzen kann
Gott nicht vorkommen. – Warum? Weil die Vernunft den Gottesgedanken zwar aus der erfahrbaren Wirklichkeit, z.B. aus dem moralischen Gewissen des Menschen logisch deduzieren
kannXX, dabei aber die ihr gesetzten Grenzen überschreitet. Der Gottesgedanke bleibt ein bloßes
Postulat. Der kategorische ImperativXXI bedarf seiner nicht. Andererseits hat Immanuel Kant
nun aber auch den Versuch unmöglich gemacht, dass eine atheistische Leugnung von „Metaphysik mit Mitteln des Denkens Gewissheiten des Glaubens zerstören kann, denn auch ein
weltanschaulicher Atheismus lässt sich aus dem
nicht ableiten.XXII
Schließlich gibt Immanuel Kant nun dem, schon von Lessing erörterten Problem von Autonomie und Heteronomie eine neue Fassung. Ethische Entscheidungen können seit Kant nur noch
im Rahmen eines autonomen sittlichen Bewusstseins gefällt werden. Es darf keine Autoritäten
geben, die von außen kommend, mir gebieten wollen, wie ich zu glauben oder zu handeln
hätte.XXIII Auch Gebote Gottes, sofern sie von außen ihren Anspruch auf mich erheben, würden
134
a.a.O. S. 69
59
mich ja heteronomisieren, d.h. „von außen fremdbestimmen.XXIV Das aber ist dem aufgeklärten Bewusstsein nicht mehr zuzumuten. Ich will ja leben und nicht gelebt werden. Wie also
kann ich die Gebote Gottes beachten, ohne dass ich sie gewissermaßen als Kommando „heteronom übernehmen muss? Kant hat hier diejenige Aufgabe formuliert, die jede christliche
Theologie künftig klären muss.
Kant hat aber mit dem kategorischen Imperativ eine rein formale Ethik entworfen, in der keine
konkreten Vorschriften oder – untereinander abgestufte – Werte aufgestellt werden. Schon im
Beispiel der Notlüge aus moralischen Gründen schien es möglich, mehrere unterschiedliche,
zum moralischen Gesetz verallgemeinerbare Maximen aufzustellen. Auch in anderen Fällen
scheint das Prüfverfahren des kategorischen Imperativs nicht immer zu eindeutigen Ergebnissen zu kommen. Schon früh wurde daher der so genannte Formalismus-Vorwurf gegen Kants
Ethik erhoben. Er wird hier in der Form vorgestellt, die ihm Georg Wilhelm Friedrich Hegel
(1770-1831), der wohl wichtigste Philosoph des deutschen Idealismus, gegeben hat.
Hegel würdigt zunächst den Gedanken der Autonomie, der Kants ethischen Entwurf prägt: „Es
ist eine große, höchst wichtige Bestimmung der Kantischen Philosophie, dass Kant, was für das
Selbstbewusstsein Wesen hat, als Gesetz an sich gilt, in es selbst zurückgeführt hat. Indem der
Mensch sucht nach diesem und jenem Zweck, wie er die Welt, die Geschichte beurteilen soll,
was soll er da zum letzten Zweck machen? Aber für den Willen ist kein anderer Zweck als der
aus ihm selbst geschöpfte, der Zweck seiner Freiheit. Es ist ein großer Fortschritt, dass dies
Prinzip aufgestellt ist, dass die Freiheit die letzte Angel ist, auf der der Mensch sich dreht, diese
letzte Spitze, die sich durch nichts imponieren lässt, so dass der Mensch nichts, keine Autorität
gelten lässt, insofern es gegen seine Freiheit geht. Dies hat der Kantischen Philosophie von
einer Seite die große Ausbreitung, Zuneigung gewonnen, dass der Mensch ein schlechthin Festes, Unwankendes in sich selbst findet, einen festen Mittelpunkt, so dass ihn nichts verpflichtet,
worin diese Freiheit nicht respektiert wird. Dies ist das Prinzip; aber dabei bleibt es auch stehen.“
Hier setzt nun Hegels Kritik an: Für ihn ist das Kantische Sittengesetz als Prinzip des allgemeinen Willens so lange abstrakt und leer, wie es sich nicht als das vernünftige Prinzip erwiesen
hat, das allen unseren gesellschaftlich verankerten konkreten Moral- und Rechtsvorschriften zugrunde liegt: „Nur die praktische Vernunft ist (für Kant) gesetzgebend, konkret; das
Gesetz, das sie (d.h. die Vernunft) sich gibt; ist Sittengesetz. [...] Was ist aber der Inhalt dieses
Gesetzes? Hier sind wir sogleich wieder bei der Inhaltslosigkeit. Denn es soll nichts anderes
das Gesetz sein, als eben die Identität, die Übereinstimmung mit sich selbst, die Allgemeinheit.
Das formale Prinzip der Gesetzgebung kommt in dieser Einsamkeit in sich zu keinem Inhalt,
keiner Bestimmung. Die einzige Form, die dies Prinzip hat, ist die der Identität
mit sich selbst. Das Allgemeine, das Sich-nicht-Widersprechen ist etwas Leeres, das im
Praktischen so wenig als im Theoretischen zu einer Realität kommt. [ ...] So hat Kant zur Bestimmung der Pflicht (denn die abstrakte Frage ist, was ist Pflicht für den freien Willen) nichts
gehabt als die Form der Identität, des Sich-nicht-Widersprechens [ ...]. Sein Vaterland zu verteidigen, die Glückseligkeit eines anderen ist Pflicht, nicht wegen ihres Inhalts, sondern weil es
Pflicht ist XXV [ ...]. Das Gesetz der Moralität ist Wohltätigkeit: ´Gebt eure Sachen den Armen´.
Schenken alle, was sie haben, so ist Wohltätigkeit aufgehoben. Mit der Identität kommt man um
keinen Schritt weiter. Gott ist Gott; jeder Inhalt, der in diese Form gelegt wird, ist ohne sich zu
widersprechen. Aber dies ist ebenso gut, als wenn er gar nicht hineingelegt wird: [...] In Ansehung des Eigentums ist das Gesetz: das Eigentum muss respektiert werden; denn das Gegenteil
kann nicht allgemeines Gesetz sein. Das ist richtig. Aber das Eigentum ist vorausgesetzt; ist es
das nicht, so wird es nicht respektiert; ist es, so ist es (zu respektieren). Setze ich kein Eigentum
voraus, so ist im Diebstahl kein Widerspruch vorhanden; es ist ganz formelle Bestimmung.“
XXVI
60
Die der Kant’schen Ethik verpflichteten theologischen Schulen des Kulturprotestantismus haben dann auch alle Mühe gehabt, eine christliche Ethik mit der Autonomie des ethischen Subjekts nach Kant zu versöhnen.
Friedrich E. D. Schleiermacher: – „Sinn und Geschmack für das Unendliche“
Der Aufklärung des 18. Jahrhundert war die Religion und der christliche Glaube wegen deren
geschichtlicher Bedingtheit und damit „Zufälligkeit ein Gegenstand für Skepsis und Zweifel
geworden. Auf der einen Seite deduzierte deshalb der Rationalismus sein Denken und Handeln
aus einem System allgemeingültiger und (vermeintlich)
zeitloser Vernunftwahrheiten. Und andererseits verkam
christlicher Glaube in der Folge von Kants Erkenntniskritik oft zu einer dürren MoralphilosophieXXVII, die den
Menschen zum ausschließlich ethischen Subjekt machte. Die nachfolgende Romantik nahm diese Thematik
auf, betonte aber nun das Geheimnisvolle der menschlichen Existenz und suchte deren Mitte. Jetzt gilt: „Das
Herz ist der Schlüssel der Welt und des Lebens.“135
Im Jahr 1799 schreibt Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher seine Reden über die Religion „an die Gebildeten unter ihren Verächtern“: – „Soll denn der Knoten
der Geschichte so aufgehen, die Wissenschaft mit dem
Unglauben und die Religion mit der Barbarei?“–136
Schleiermacher macht Front gegen die rationalistische
„natürliche“ Vernunft-Religion wie sie sich seit Beginn
der Aufklärung nicht nur in den Köpfen der Kritiker,
Friedrich Daniel Ernst
sondern auch denen der Pastoren und Prediger festgeSchleiermacher 1768 – 1834
setzt hatte. „Die Religion spielt doch in ihrem Gemüt
© Ev. KG i. d. Friedrichstadt Berlin
eine gar zu dürftige Rolle. Es ist, als ob sie gar keinen
eigenen Puls, kein eigenes System von Gefäßen, keine eigene Zirkulation und also auch keine
Temperatur, und keine assimilierende Kraft für sich hätte, und keinen Charakter. Sie ist überall
mit ihrer Sittlichkeit und ihrer natürlichen Empfindung vermischt; in Verbindung mit denen
oder vielmehr ihnen demütig nachtretend, bewegt sie sich träge und sparsam und wird nur gelegentlich tropfenweise abgeschieden von jenen zum Zeichen ihres Daseins.“137
Schleiermacher entdeckt die Religion neu als eine konstituierende Bedingtheit des menschlichen Lebens, die genauso zum Menschen gehöre, wie logisches Denken und moralisches Handeln. Sie ist vielmehr die eigentliche menschliche Produktivkraft.XXVIII In seinen „Reden
macht er den Versuch den transzendentalen Bezug des menschlichen Lebens auf der Basis der
im
vorfindlichen Gegebenheiten darzustellen. Zum einen ist die Religion „Sinn
und Geschmack für das Unendliche als „Anschauung und Gefühl“138 oder später in der Glaubenslehre „das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.“139 Gemeint ist damit so etwas wie
die Empfänglichkeit des Menschen für transzendente Wirklichkeit: „Alles Anschauen gehet aus
von einem Einfluss des Angeschauten auf den Anschauenden, von einem ursprünglichen und
unabhängigen Handeln des ersteren, welches dann von dem letzteren seiner Natur gemäß auf-
135
No va li s (1772 – 1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich Leopold Fr ei her r vo n Har d enb er g, deutscher
Lyriker; in: „Teplitzer Fragmente“.
136
Schleiermacher: Sendschreiben an Lücke.
137
Schleiermacher 5. Rede; a.a.O. S. 151f.
138
Schleiermacher: Über die Religion; 2.Rede, a.a.O.; Seite 22ff.
139
Friedrich Ernst Daniel Sc h l eier ma c her , (1768-1834), in: Der christliche Glaube I, Kritische Gesamtausgabe, Berlin / New York (Verlag Walter de Gruyter) 1998 ff
61
genommen, zusammengefasst und begriffen wird.“ Schleiermacher erläutert das an der Wirkung des Lichts auf das Auge oder der Schwerkraft auf den Körper. „ … was ihr also anschaut
und wahrnehmt, ist nicht die Natur der Dinge, sondern ihr Handeln auf Euch. Was ihr über jene
wisst und glaubt, liegt weit jenseits des Gebietes der Anschauung. So die Religion; das Universum ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick. … Anschauen des Universums, … ist der Angel meiner ganzen Rede ... die höchste Formel der Religion, woraus ihr jeden Ort in derselben finden könnt, woraus sich ihr Wesen und ihre Grenzen
aufs Genaueste bestimmen lassen.“
Theologie ist für Schleiermacher kein Gebäude von Ideen, sie findet ihren Gegenstand vielmehr
immer schon vor und gründet sich auf ganz bestimmte geschichtliche Gegebenheiten. Sie fußt
auf der Tatsache, dass es eine christlich fromme Gemeinschaft, die Kirche, gibt und dass diese
Kirche einfach „da ist und dass sie nun über sich selbst und den Grund ihres Daseins reflektiert. Dabei stößt sie auf zwei Tatsachen: das Urchristentum und die Tatsache Christus, von
denen sie sich ableitet. Sodann auf die Tatsache, dass diesen objektiven Gegebenheiten die
„christlich frommen Gemütszustände auf der subjektiven Seite entsprechen. Die religiöse
Struktur des menschlichen Subjektes ermöglicht es, jenes von außen Kommende kategorial zu
erfassen. Mit anderen Worten: die religiöse Disposition des Menschen ermöglicht ihm erst ein
„divinatorisches Verstehen der geschichtlichen Tatsachen. Die Subjekt-Objekt-Spaltung im
Erkenntnisprozess, also das Heteronomieproblem der Aufklärung, sollte nach Schleiermacher
gerade durch dieses Verständnis der Religion überwunden sein. Denn in der religiösen Wahrnehmung verschmilzt der religiöse Mensch mit der göttlichen Unendlichkeit.XXIX Dabei soll die
Anschauung dessen, was zunächst jenseits der eigenen Wahrnehmung existiert, im religiösen
Akt aufgenommen und angeeignet werden.XXX
Schleiermachers Konzeption stößt freilich auf Schwierigkeiten, wenn es nun nicht mehr nur
darum geht, sich vom Universum „affizieren“, sondern sich von der geschichtlich konkreten
Person Jesu von Nazareth berühren zu lassen. Und das heißt Jesus Christus mehr sein zu lassen,
als das nachträglich entdeckte religiöse Genie, das den historischen Ausgangspunkt jener Einheit von Gottheit und Menschheit darstellt, wie sie im Selbstbewusstsein der Menschheit als
solcher stattfindet. Was die frühkatholische Kirche mit dem Begriff der Naturen Christi auszudrücken versuchte, wird bei Schleiermacher zur besonderen „Kräftigkeit seines Gottesbewusstseins“, das ihn zum Mittler zwischen Gott und den Menschen macht. Aber kann er, wenn das
religiöse Selbstbewusstsein als prinzipiell ungegenständlich bestimmt wird, noch verhindern,
dass jedes wirkliche Eingehen Gottes in die Geschichte, dass also das Geschehen der Inkarnation, d.h. der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, bestritten werden muss?XXXI Dass also
nur die interpretierte Geschichte, die auf ihren Bedeutungsgehalt, ihren symbolischen Charakter
hin interpretierte Geschichte, die verbindliche religiöse Aussage sein kann und nicht das Leben
und Sterben und Auferstehen Jesu selbst?140 In Schleiermachers Glaubenslehre antwortet er mit
einer verblüffenden Abwandlung der Zwei-Naturen-Lehre von Chalcedon: „In Christo waren
die göttliche und die menschliche Natur zu einer Person verknüpft. ... Der Erlöser ist ... allen
Menschen gleich vermöge der Selbigkeit der menschlichen Natur, von allen aber unterschieden
durch die stetige Kräftigkeit seines Gottesbewusstseins, welches ein eigentliches Sein
Gottes in ihm war. So tritt also an die Stelle des früheren ontischen Seins des Gottessohnes
jetzt sein schlechthin „kräftiges, alle Sünde ausschließendes Gottesbewusstsein“. Das Göttliche
in Jesus Christus besteht darin, dass er der vollkommene Mensch ist.XXXII Karl Barth meint
deshalb, es bleibe von Schleiermachers Christologie der Eindruck, „dass im Gegenüber von
Gott und Mensch eine Dunkelheit Platz gegriffen hat, in der alle erkennbaren Zeichen darauf
hindeuten, dass hier der Mensch allein auf dem Platz geblieben ist, als er allein hier Subjekt,
Christus aber sein Prädikat geworden ist.“XXXIII Nichts desto weniger war Schleiermachers Theologie zunächst eine erste Antwort auf die Herausforderung des Glaubens durch den Säkularismus seiner und der nachfolgenden Zeit und hat entsprechend gewirkt.
140
So Helmut Thielicke: Glauben und Verstehen, Seite 245
62
Sören Kierkegaard: – Christliche Existenz als Sprung in den Glauben
Die Aufklärung hatte ein für alle Mal die Forderung eines autonomen Gewissens etabliert.
Fortan konnte keine fremde, von außen kommende Autorität Überzeugungen begründen. Auch
Kierkegaard teilt diese Einsicht der Aufklärer. „Es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit
für mich ist, die Idee zu entdecken, für die ich leben und sterben will.“141 – Für jene sollte die
Aneignung der Überlieferung über ihre Logos-Struktur erfolgen, also über Sprache – und das heißt über die Vernunft.142 Dagegen richtet sich nun der Protest Sören Kierkegaards.XXXIV Philosophieren und glauben kann nur die
ganze Person mit ihrer ganzen Existenz.XXXV Dieses sein
Existieren aber kann sich keiner von anderen abnehmen
lassen oder mit ihnen teilen, sondern man muss es selbst
ergreifen.
Søren Aabye Kierkegaard
1813 - 1855
Royal Library of Denmark
Was Kierkegaard damit zur Geltung bringen wollte, war,
dass Wahrheit nicht in Sätzen gelehrt, das Christentum
„nicht doziert werden könne. Es hilft aber auch keine sokratische Methode, die ja voraussetzen muss, dass die Wahrheit in den Menschen selbst schon vorhanden ist und nun
nur noch dialektisch geboren werden müsste. Weil der
Mensch Gott nicht erkennen kann, muss jedes Reden von
Gott notwendig negativ, – und Gott unnennbar bleiben.
Dieses Scheiterns des Verstandes muss sich der Mensch
erst bewusst werden.
Das heißt nun auch, dass das, was für Lessing und seine
Nachfolger zum Problem geworden war, nämlich die Frage, wie der historische Jesus uns Heutigen gleichzeitig werden kann, bei Kierkegaard nicht durch einen Akt der Aneignung der Geschichte gelöst wird. Für Kierkegaard begegnet uns in Christus eine überzeitliche Wirklichkeit, die deshalb niemals Vergangenheit und Geschichte werden kann.143 Christus ist für Kierkegaard der Gott in der Zeit. Für seine Auffassung vom Christentum ist die Inkarnation, also
dass in Christus Gott in menschlicher Gestalt in der Zeit erschienen ist, von entscheidender
Bedeutung. Wer dabei aber nur historisch denkt, der bleibt in den Vorstellungen von Raum und
Zeit verhaftet. Deshalb ist es für die Geschichte nicht möglich, den wahren Christus zu erkennen. Das historische Denken macht etwas anderes aus ihm, als er wirklich war, denn das Spezifische seiner Existenz kann durch die Geschichte nicht erwiesen werden. Alles Historische,
alle Einzelheiten des so genannten Leben Jesu sind belanglos.144 Es kommt nicht auf den Inhalt
der Jahre 1 bis 30 als historische Ereignisreihe an, sondern auf den Blick in das eigentliche
Geheimnis, und diesen Blick muss der damals Gleichzeitige genauso gewinnen wie der später
Lebende. Der Christ kann mit Christus gleichzeitig werden, weil Christus als das historische
Paradox, dass nämlich das Ewige in der Geschichte erschienen ist – niemals auf gleicher Ebene
mit allen anderen geschichtlichen Persönlichkeiten etwas geschichtlich längst Vergangenes sein
kann. Christus als Träger der Fülle der Ewigkeit ist in jedem neuen Augenblick in seiner göttlichen Fülle zugegen. Da der Mensch nicht in der Lage ist, rational zu Gott zu gelangen, musste
sich Gott selbst offenbaren, indem er Mensch und zugleich Gott war und so das Paradoxon
aufstellte, dass das Zeitlose in der Zeit, das Transzendente in der Immanenz, das Unendliche in
!
141
Sö r e n K ier k e gaar d (1813-1855), Tagebuch am 1. August 1835, zitiert in: „Die Leidenschaft des Religiösen“, Lieselotte Richter (Hrsg.), Reclam Verlag, Ditzingen, 1968, Einleitung S. 4
142
Noch für Hegel ist Jesus von Nazareth der Träger einer Idee, – einer Gottesidee im Sinne eines Ideals, das er
verkörperte.
143
So die Kierkegaard-Biografin Anna Paulsen: Sören Kierkegaard – Deuter unserer Existenz, 1955
144
Diese Auffassung begegnet dann im 20. Jahrhundert wieder bei Rudolf Bultmann, der ähnlich formuliert hat.
63
der Endlichkeit existierte.145 Dieses Paradox ist für den Menschen nicht aufzulösen. Hat der
Mensch dies erkannt, so steht der Weg in den Glauben offen, der aus dieser Erkenntnis der
eigenen Begrenztheit hervorgehen kann. Im Glauben nun wagt der Mensch den S p r u n g weg
vom Verstand hin zum eigentlich Unmöglichen, dem „Paradox“. Was für Lessing unmöglich
schien, – „der Sprung über den garstig breiten Graben“, – für Kierkegaard ist er die einzige
Möglichkeit mit Christus gleichzeitig zu werden. Glauben ist nur deshalb möglich, weil sich
Gott in Christus zu erkennen gab. Da aber das existenzielle Verhalten zu Gott immer nur momenthaft geschehen kannXXXVI und der Mensch immer wieder in seine eigene Existenz zurückfällt, dadurch seinen transzendenten Seinsgrund wieder aus den Augen verliert und so wieder
die rechte Ordnung seines Selbst verrückt, ist er gehalten, diesen Sprung in den Glauben immer
wieder neu zu tun und den Moment des Glaubens zu „wiederholen“. Dies geschieht in der
„Nachfolge“. Nur in jenen Augenblicken des Glaubens befindet sich das Selbst im richtigen
Verhältnis zu sich und zu seinem Existenzgrund und existiert daher momenthaft ohne Verzweiflung. Der Glaube ist deshalb eine Bewegung des Menschen in der Zeit. Alles andere sei Geschwätz.XXXVII
Spannend ist in dieser Konzeption, dass Kierkegaard den steten Zweifel in die christliche Existenz mit hinein integriert. Der Zweifel gehört fortan immer mit dazu.XXXVIII Er ist, mit Luther
gesprochen, „der alte Adam in uns“, der täglich neu „ersäuft werden muss.XXXIX So sehr Kierkegaards „Sprung nun der menschlichen Existenz zur „Gleichzeitigkeit mit dem fleischgewordenen Christus Gottes verhelfen mag, so wenig gelingt ihm ein Verhältnis zum „wandernden Gottesvolk der Kirche und ihrer Geschichte zu gewinnen. Er ist und bleibt der auf seine
eigene Existenz begrenzte Einzelne, dem sich die Erfahrung der Glaubensgemeinschaft der Kirche als solche nicht erschließen will, weil sich dort wohl andere „Existenzen würden finden
lassen, deren Beistand aber dem eigenen Existieren bzw. dessen Scheitern nicht weiterhelfen
kann.XL
Unter einem Pseudonym lässt Kierkegaard den „Dichter das Fazit seines eigenen Lebens ziehen: „Es war die Sache des Christentums, der er diente ... So vollbrachte er das Werk der Reflexion, das Christentum, das Christ werden, ganz und gar hinein zu versetzen in Reflexion.
Seines Herzens Reinheit war, nur dies eine zu wollen. ... „Historisch“ ist er an einer tödlichen
Krankheit gestorben, dichterisch aber „aus Sehnsucht nach der Ewigkeit, um ohn’ Unterbrechen
nichts anderes mehr zu tun als Gott zu danken.“146
Nein! – Karl Barths Wort-Gottes-Theologie als Absage
an die „kulturprotestantische Gewissensreligion“
Die nachfolgenden Jahrhunderte der protestantischen Theologiegeschichte haben die aus der
Zeit der Aufklärung und der Romantik stammenden Lösungsversuche zum Verhältnis von Offenbarung und Geschichte nur ausgebaut oder abgewandelt. In der Tradition Kant’schen Denkens entstanden im Kulturprotestantismus theologische SystemeXLI, die vor allem eine christliche Ethik begründen sollten.XLII In der bürgerlichen Rezeption dieser Entwürfe in Predigt und
Unterricht der protestantischen Kirchen wurde diese Ethik als allgemeinbürgerliche Morallehre
verstanden, deren öffentliche Aufrechterhaltung zur Aufgabe des Staates und insbesondere der
mit ihm verbündeten Kirchen wurde, ein Verständnis, dass bis in das 20. Jahrhundert hineinreichte. In der Wirkungsgeschichte der Schleiermacher’schen Theologie andererseits, ging es
weiter um die Frage nach der Möglichkeit einer Vergewisserung der Glaubenswahrheiten und
deren geschichtliche Bedingtheit.XLIII
145
In diesen Zusammenhang gehören Kierkegaards Kategorien „der Augenblick“, „die Wiederholung“ und „der Sprung“ sowie sein pseudonymer, provokanter und paradoxer Schreibstil.
146
S. Kierkegaard: Der Anteil der Weltenlenkung an meinem schriftstellerischen Werk; in: Die Schriften über
sich selbst (Ausg. E. Hirsch, 33. Abt., 83)
64
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte Karl BarthXLIV in seiner Auslegung des RömerbriefesXLV seine Absage an diese „Vermittlungstheologie der Aufklärung und des Kulturprotestantismus.XLVI „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können
als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“XLVII Darin manifestiert
sich der unendliche qualitative Unterschied zwischen Zeit und
Ewigkeit.147 Die jeder menschlichen Erkenntnis zugrunde liegende Welt- und Selbsterfahrung des Menschen kann nach Barth
die Wirklichkeit Gottes weder erfassen noch evident machen.
Damit stellt sich für Karl Barth die hermeneutische Frage, mit
der das 18. und 19. Jahrhundert gerungen hatte, noch einmal ganz
neu.XLVIII Für Karl Barth ist Jesus Christus das in die Zeit gekommene Wort Gottes. Die radikale Krisis der Zeit wird durch die
Ewigkeit verkündet. Der „unendliche qualitative Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit wird durch Jesus Christus,
das „absolute Paradox“, aufgedeckt, das als „Ärgernis im „Augenblick“, historisch-unanschaulich geschehend, den Glauben
als „Gleichzeitigkeit setzt. Religion wird zum Gesetz und als
Karl Barth
solches zum Unglauben erklärt und das christliche Dasein gewis1886 – 1968
sermaßen zu einem „Hohlraum“, nämlich zu der, auf das EschaKarl Barth Archiv Basel
ton hinweisenden „Demonstration relativiert. –
Jesus Christus allein ist für Karl Barth das ewige Wort Gottes. Dieser Christus Gottes aber ist
jenseits der Geschichte präexistent in dem innertrinitarischen Verhältnis Gottes zu sich
selbst.XLIX Das bedeutet zugleich: Dieser Christus Gottes verliert seine geschichtliche Kontingenz und die Frage nach dem „historischen Jesus verliert ihre Relevanz. – Helmut Thielicke
urteilt: „Damit ist das konkrete Heilsgeschehen selbst – sowohl das Christusereignis wie
„meine Einbeziehung in das Erlösungsgeschehen – entgeschichtlicht.“148 Ist nun das ´Gegenüber’, das den Glauben wirkt und auf den sich der Glaube richtet, nicht die geschichtliche Person Jesu,– die uns als solche ja nicht mehr gleichzeitig sein kann,– sondern der trinitarische
Sohn Gottes als das Wort Gottes an uns, so stellt sich auch für Karl Barth die Frage nach der
Vermittlung dieser Glaubensbeziehung. Anders gesagt, die Frage, wie so etwas wie die Glaubensgewissheit, also die Erfahrung des „quod ad me möglich wird. Die römisch-katholische
Dogmatik hatte dieses Problem mit Hilfe der Lehre von der analogia entis L zu lösen versucht,
die lutherische Orthodoxie hatte die Offenbarung Gottes in eine allgemeine (natürliche) und
eine spezielle (christologische) aufgetrennt. Karl Barth setzt nun beides in eins: Indem Gott in
Christus sein Wesen als der Dreieinige offenbart, schafft er die Möglichkeit der Gotteserkenntnis, die uns von Natur aus schlechthin unmöglich ist und bleibt.LI Nur weil Gott dieser höchst
besondere, in sich selbst lebendige Gott ist, kann er sich als der offenbaren, der er ist. Wie wir
ihn erkennen und was er für uns ist, fallen daher – von Gott her, nicht vom Menschen her! –
zusammen.
In seiner Versöhnungslehre149 nahm Karl Barth nun Martin Luthers
voll auf
und integrierte sie in Johannes Calvins übergreifenden, vom Alten Testament her bestimmten
Bundesbegriff:LII In der tiefsten Erniedrigung des Gottessohnes, nämlich in seinem Tod am
Kreuz, offenbart Gott indirekt sein wahres Gottsein.
Auf die Christologie wird nun auch die Anthropologie begründet: Mit der endgültigen Erhöhung des Menschensohns150 geschieht zugleich die unüberbietbare Rechtfertigung und Heiligung unseres Menschseins. Der Mensch ist von da her zur Selbstverantwortung befähigt und
147
Karl Barth nimmt diesen Begriff von Sören Kierkegaard auf.
148
Helmut Thielicke, Der evangelische Glaube III , S.433
149
K. Barth: KD IV, 1956–59
150
Barth verwendet diesen Hoheitstitel hier inklusiv.
65
zu Gottes Bundesgenossen bestimmt. Er hat die Grundform seiner Humanität als Mitmenschlichkeit zu verstehen; er ist ganzer Mensch als Leib und Seele; Mensch in der ihm gegebenen
und befristeten Zeit. In dieser Doppelbewegung, die nur von Gott selbst her erkannt werden
kann, vollzieht sich die Versöhnung. Sie ist für Barth der Oberbegriff, in den er Freiheit und
Gerechtigkeit integrierte. Darin erfährt die Menschenwürde ihre eigentliche Begründung, die
von keiner empirischen und historischen Erfahrung ableitbar und überholbar ist.151
Diese Vor-Läufigkeit des Glaubens bei Karl Barth, in der der Glaube immer schon dem Verstehen voraus ist – und sein muss, – kann nur mühsam erklären, wie die Abgründe der Welt und
des menschlichen Lebens überwunden und geheilt werden können. Sie sind, wie das Böse, nach
der Gottestat in Christus nurmehr das „Nichtige“, das Gott in seiner Zuwendung zum Menschen
bereits überwunden und geheilt hat.
Obwohl Karl Barth seine Versöhnungslehre in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi begründet sieht, ist dieses Heilsgeschehen doch im trinitarischen Ratschluss Gottes bereits jenseits der
geschichtlichen Zeit vorgebildet und vorherbestimmt und insofern dem Bereich des Weltlichen
entzogen. In der Geschichte geschieht eigentlich nichts umstürzend Neues mehr. Sie läuft nur
ab, –
,– wie eine Uhr, die der Meister zuvor aufgezogen
hat.LIII Weil Karl Barth die Menschen vor den falschen Göttern und ihrer falschen Propheten,
schützen wollte, hat er das Evangelium Gottes im abgesicherten Bereich von Gottes innertrinitarischer Festung hinterlegt. – Es hat sich dann aber gezeigt, dass die Frage nach dem geschichtlich kontingenten „historischen Jesus nicht ohne weiteres „als erledigt“152 gelten konnte.
Exkurs 2
Häutungen: – oder: Die Suche nach dem historischen Jesus
Karl Barths Gründung des christlichen Glaubens in einem Jenseits von geschichtlicher Zeit
hatte freilich gute Gründe. Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts hatte seit Schleiermacher aus Jesus einen Träger des vollkommenen Gottesbewusstseins, bei Hegel den Träger des
„absoluten Geistes“, und bei anderen noch etwas ganz anderes gemacht. Karl Barths Jesus ist
zunächst und vor allem der Christus als „das lebendige Wort Gottes an uns.“ Diese Barth´sche
„Neo-Orthodoxie“ ist bewusster Protest gegen den Versuch, Jesus von Nazareth nicht theologisch, sondern vor allem historisch als eine Erscheinung der Religionsgeschichte zu begreifen.
Dennoch bleibt – gerade aus theologischen Gründen – das Recht unbestritten, nach Jesus als
dem geschichtlichen Ausgangspunkt der christlichen Kirche zu fragen. Man kann in der historischen Jesusforschung drei Phasen unterscheiden: Die erste Phase umfasst im Wesentlichen
das 19. Jahrhundert, die zweite Phase wurde von den Schülern Rudolf Bultmanns in der Mitte
des 20. Jahrhunderts eingeleitet. Gegenwärtig gibt es nun eine dritte Phase der Jesus-Forschung,
die sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat.
Das 19. Jahrhundert, war von den Erfolgen der archäologischen Erforschung der Antike begeistert. Die Ausgrabungen antiker Stätten – Napoleons Feldzug nach Ägypten und Schliemanns
Ausgrabungen in Troja – waren mächtige Impulse für die historischen Wissenschaften. Die seit
dem Mittelalter erstmals neue Erschließung der antiken Philosophie, (Schleiermacher hatte sich
auch mit der Neuübersetzung Platons einen wissenschaftlichen Namen gemacht), all diese Begeisterung für „Geschichte“ spiegelte sich auch in der theologischen Forschung des frühen
19. Jahrhunderts. Bildung wurde zur Essenz der Menschlichkeit.
151
152
Siehe auch RGG, Artikel Karl Barth, S. 3077 vgl. RGG Bd. 1, S. 896, (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
So noch Rudolf Bultmann in seiner existentialen Interpretation der neutestamentlichen Texte.
66
Die geschichtliche Erforschung des Leben Jesu ging jedoch zunächst nicht von einem rein historischen Interesse aus. Sie suchte zunächst den Jesus der Geschichte als Helfer „im Befreiungskampf vom kirchlichen Dogma.“153 Die wohl größte theologische Debatte des 18. Jahrhunderts war eine Folge der Auseinandersetzung mit den von Gotthold Ephraim Lessing anonym veröffentlichten Papieren des Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), Professor der orientalischen Sprachen am Akademischen Gymnasium in Hamburg. Dieser hatte eine „Apologie
oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ verfasst, wagte aber nicht, diese zu
seinen Lebzeiten zu veröffentlichen. Nachdem Lessing in den Besitz dieser gelangt war, begann
er damit, ab 1774 stückweise Auszüge aus dieser Schrift als „Fragmente eines Wolfenbüttel´schen Ungenannten“ zu veröffentlichen. Die Folge davon war der sog. „Fragmentenstreit“
und die Auseinandersetzung Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze. – Liest man
Albert Schweitzers Darstellung der Reimarus´schen Bibelkritik, so hat bereits Reimarus wesentliche Züge der Jesus-Überlieferung richtig erkannt und beschrieben: Die konsequent eschatologische Verkündigung des Juden Jesus, dessen Botschaft sich vollkommen aus dem zeitgenössischen Thorajudentum begreifen lässt, sowie die nach Jesu Kreuzigung erfolgte Umformung der Verkündigung Jesu durch seine Anhängerschaft, die dabei allerdings charakterlich in
ein recht ungünstiges Licht gerückt wird: Die Jünger Jesu hätten, um sich nicht wie Jesus selbst
als gescheitert ansehen zu müssen, den Leichnam gestohlen154 und nach 50 Tagen (als die Leiche nicht mehr identifizierbar war) seine Auferstehung und baldige Wiederkehr verkündet.155 –
Die aufklärerische, deistische Religionskritik des Reimarus wurde in der Folge der Ausgangspunkt einer intensiven Leben-Jesu-Forschung und hat erhebliche Impulse für die historische
Arbeit an den Schriften der hebräischen Bibel und des Neuen Testamentes gezeitigt.
Mit David Friedrich Strauß´ens Epoche machendem Werk „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“156, begannen die über ein halbes Jahrhundert andauernden Versuche einer Rekonstruktion
des „historischen Jesus . Sein Hauptverdienst ist die Anwendung des in der alttestamentlichen
Forschung seiner Zeit bereits geläufigen Mythosbegriffes nunmehr auf die Texte der Evangelien. Überall, wo in den Evangelienberichten die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, die
Überlieferungen sich einander widersprechen oder religionsgeschichtlich verbreitete, besonders alttestamentliche Motive auf Jesus übertragen werden, sieht Strauß den Mythos, „die absichtslos dichtende Sage“ am Werk. Die Quelle des Unhistorischen ist ein unbewusster Prozess
mythischer Imagination. Im historischen Individuum Jesus jedoch realisiert sich die Idee der
Gottmenschlichkeit, die die höchste aller Ideen ist. 157– Man merkt: Jetzt „hegelt“ es mächtig!
Die darauf folgende Zeit des Wilhelminischen Kaiserreiches war die Blütezeit des theologischen Liberalismus, der darauf hoffte, durch die historisch-kritische Rekonstruktion die dogmatischen Übermalungen der Gestalt Jesu loswerden zu können. Dabei hat die neutestamentliche Forschung wichtige Entdeckungen gemacht: die Zwei-Quellen-Theorie (Markus und Q),
sowie den fragmentarischen Charakter der Spruch-Überlieferung (Apophtegmata). Zu Anfang
des 20. Jahrhunderts galt die Leben-Jesu-Forschung jedoch als gescheitert. Albert Schweitzer
wies in seiner 1906 erschienenen „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ nach, dass die entstandenen „Leben-Jesu“- Entwürfe mehr oder weniger romantische Konstruktionen waren, in
die die Autoren ihre jeweils eigenen ethischen Ideale in die „Persönlichkeit Jesu“ hineinprojiziert hatten. Albert Schweitzer: „Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie
zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als
Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und
Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah.
153
Albert Schweitzer: a.a.O. Bd.1,S. 47
Vgl. Mt28,11-15
155
Theissen/Merz, a.a.O. S.23
156
David Friedrich Strauß: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, in: Deutsches Textarchiv
<http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/9>, S. [I].
157
Theissen/Merz a.a.O. S.23
154
67
Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück. Das eben befremdete und erschreckte die Theologie der letzten Jahrzehnte, dass sie ihn
mit allem Deuten und aller Gewalttat in unserer Zeit nicht festhalten konnte, sondern ihn ziehen
lassen musste. Er kehrte in die seine zurück mit derselben Notwendigkeit, mit der das befreite
Pendel sich in seine ursprüngliche Lage zurück bewegt.“158 Der Versuch, den Menschen Jesus
als historisches Individuum biographisch dingfest zu machen, musste demnach als gescheitert
betrachtet werden. Man hielt sich fortan an Paulus, wenn er schreibt: „…und auch wenn wir
Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 159
Allerdings sahen sich schon die Schüler Bultmanns genötigt, die Frage nach dem historischen
Jesus noch einmal neu zu stellen. Aber anders als zuvor, geht diese neue Nachfrage vom kerygmatischen Christus aus und fragt, „ob dessen in Kreuz und Auferstehung begründete Hoheit
einen Anhalt in der vorösterlichen Verkündigung Jesu hat.“ Man hofft in den Quellen auf ein
ausreichendes Minimum „echter“ Jesusüberlieferung zu treffen. Denn die Evangelien erzählen
ja von und berufen sich auf eine irdische Gestalt. Anhaltspunkt ist dabei das sog. „Differenzkriterium“: Echte Jesus-Überlieferung wäre demnach, was nicht aus dem Judentum oder dem
späteren Urchristentum ableitbar ist. Die Christus-Verkündigung müsste sich also schon
in der Botschaft Jesu selbst finden lassen. – Das führte notwendigerweise zu einem Jesus-Bild,
das in scharfem Kontrast zum Judentum stand.
In der neueren Forschung hat sich inzwischen eine dritte Nachfrage nach dem historischen Jesus
ergeben. Wurde bisher das Unterscheidungskriterium für die christliche Identität in der Abgrenzung gegenüber dem Judentum gesucht, so gilt jetzt gerade das Gegenteil: Die Einordnung Jesu
ins zeitgenössische Judentum. Die sozialgeschichtliche Forschung versteht Jesus auf dem Hintergrund vergleichbarer, jüdischer Milleniumsbewegungen, die auch in anderen Kulturen durch
eine dominierende prophetische Gestalt (charismatische Wanderprediger) geprägt werden. Jesus ist Gründer und Prophet einer innerjüdischen Erneuerungsbewegung, die auf die Wiederherstellung des jüdischen Volkes zielt. Die vermehrte Berücksichtigung nicht-kanonischer
Quellen (Die Redequelle Q und das 1945 gefundene, gnostische Thomas - Evangelium) verbreiterte das zu untersuchende Material. Die so entstehenden Jesus-Bilder haben sich deutlich
auseinander entwickelt. Auf der einen Seite erscheint Jesus als nicht-eschatologischer Verkünder von paradoxen Lebensweisheiten, – eine Art jüdischer Kyniker, der von hellenistischen
Einflüssen geprägt worden sei und so an den äußersten Rand des Judentums gerückt wird. Andere interpretieren Jesus, so wie bisher, im Rahmen seiner Eschatologie, die ihn in der Mitte
des Judentums ansiedelt, auf dessen Wiederherstellung er hoffte.160 Für alle diese Forschungsrichtungen aber gilt mehr oder weniger: „Was im jüdischen Kontext plausibel ist und die Entstehung des Urchristentum verständlich macht, dürfte historisch sein.161
Die „Entmythologisierung“ der biblischen Überlieferung –
Rudolf Bultmanns existentiale Interpretation als hermeneutische Methode.
Rudolf Bultmann, Professor für neutestamentliche Theologie in Marburg, sah zu seiner Zeit die
Gründe für das Scheitern der Leben-Jesu-Forschung in dem Versuch, sich der Persönlichkeit
Jesu zu versichern. „Denn freilich bin ich der Meinung, dass wir vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen können, da die christlichen Quellen sich dafür
nicht interessiert haben … Bedenkt man, wie sehr die Urteile darüber auseinander gehen, ob
Jesus sich für den Messias gehalten hat oder nicht, und wenn, in welchem Sinne er das getan
hat, seit wann usw. und bedenkt man weiter, dass es doch wahrhaftig keine Kleinigkeit wäre,
158
Albert Schweitzer: Von Reimarus zu Wrede – Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Siebenstern-Taschenbuch Bd.2; S. 620.
159
2. Kor 5,16 – So vor allen noch Rudolf Bultmann.
160
Theissen/Merz merkt dazu an: Der „nicht-eschatologische Jesus“ scheint mehr kalifornisches als galiläisches
Kolorit zu haben.“ Theissen/Merz a.a.O., S.29
161
Theissen/Merz a.a.O. S. 29
68
sich für den Messias zu halten, … wenn über diesen Punkt
Dunkelheit herrscht, so bedeutet das eben, dass wir so gut
wie nichts über seine Persönlichkeit wissen. … Es mag …
gute Gründe geben, aus denen man sich für die Persönlichkeit bedeutsamer geschichtlicher Gestalten interessiert, … so
trifft dies Interesse jedenfalls nicht das, woran all diesen Personen gelegen war, denn ihr Interesse war nicht ihre Persönlichkeit, sondern ihr Werk … sofern ihr Werk eine Sache ist,
für die sie sich einsetzten. Das `Werk´ ist also auch nicht gemeint als das, was dabei heraus gekommen ist, als die
Summe der geschichtlichen Wirkungen; …vielmehr gemeint
als das, was sie eigentlich gewollt haben.“
Gegenstand einer Darstellung des geschichtlichen Jesus „ist
also nicht das Leben oder die Persönlichkeit Jesu, sondern
nur seine `Lehre´, seine Verkündigung. So wenig wir vom
Leben und der Persönlichkeit wissen, – von seiner Verkündigung wissen wir so viel, dass wir uns ein zusammenhänRudolf Bultmann
gendes Bild machen können. … Dass er als Urheber hinter
1884 - 1976
der geschichtlichen Bewegung steht, deren erstes greifbares
Stadium die älteste palästinische Gemeinde darstellt, ist völlig deutlich. … Als Träger dieser
Gedanken wird uns von der Überlieferung Jesus genannt; nach überwiegender Wahrscheinlichkeit war er es wirklich. Sollte es anders gewesen sein, so ändert sich damit das, was in dieser
Überlieferung gesagt ist, in keiner Weise.“ 162
Rudolf Bultmann überwindet Lessings „garstigen breiten Graben“ der Ungewissheit historisch
überlieferter Wahrheit, indem auch er diese Wahrheit von ihrem historischen Ort ablöst. Für
ihn zählt nicht die behauptete Faktizität historisch überlieferter Tatsachen, sondern die „Bedeutsamkeit“ der geschichtlichen,– in diesem Falle die der neutestamentlichen Überlieferung.
Es ist diese Bedeutsamkeit des überlieferten „Kerygmas“, die mir in den überlieferten Texten
begegnet und die das enthält, was mit Paul Tillich gesprochen, dasjenige ist „was uns unbedingt
angeht.“
Bultmanns wirkliches Problem entsteht an anderer Stelle, nämlich an der mythischen Welt der
Antike und der Frage, inwieweit die mythischen Vorstellungen jener Welt für uns Heutige noch
relevant sein können. „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an
die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben. Und wer meint, es für seine
Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung christlichen
Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“163 Um also die Bedeutung der neutestamentlichen Überlieferung für uns Heutige zu erschließen, bedarf es einer „Entmythologisierung“ dieser Überlieferung.LIV Dabei handelt es sich keinesfalls um ein Reduktionsverfahren, das die im Neuen Testament überlieferten
mythischen Motive eliminiert, sondern um deren existentiale Interpretation: „Der eigentliche
Sinn des Mythos ist nicht der, ein objektives Weltbild zu geben; vielmehr spricht sich in ihm
aus, wie sich der Mensch selbst in seiner Welt versteht; der Mythos will nicht kosmologisch,
sondern anthropologisch – besser: existential interpretiert werden.“ Deshalb gilt: „Entmythologisierung ist Kritik am Weltbild des Mythos, sofern dieses die eigentliche Intention des Mythos
verbirgt. Positiv ist die Entmythologisierung existentiale Interpretation, indem sie die Intention
des Mythos deutlich machen will, eben seine Absicht, von der Existenz des Menschen zu reden.
Diese an der Frage unserer Existenz orientierte Interpretation ist existentiale Interpretation. Ihre
162
Rudolf Bultmann: Jesus; J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1958, S. 11-17.
Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie; in Kerygma und Mythos – ein theologisches Gespräch;
Evangelischer Verlag GmbH Hamburg-Volksdorf 1960, Bd.1, S. 18.
163
69
Kritik am biblischen Schrifttum besteht nicht in der Eliminierung der mythologischen Aussagen, sondern in ihrer Interpretation; sie ist kein Subtraktionsverfahren, sondern eine hermeneutische Methode.“164 Das Problem der kritischen Theologie des 19. Jahrhunderts „liegt offenbar
daran, dass die Entmythologisierung … in nicht sachgemäßer Weise vollzogen worden ist; in
der Weise nämlich, dass mit dem Ausscheiden der Mythologie auch das Kerygma selbst ausgeschieden wurde.“165 – Es war eine schon fast böswillige Entstellung der Bultmann´schen
Theologie, wenn bei seinen Kritikern gelegentlich die Rede davon war, dass nach dem Vorgang
der Entmythologisierung des Neuen Testamentes nach der Methode Bultmann vom Neuen Testament „kaum mehr als zwei leere Buchdeckel übrig geblieben“ seien.
Was ist nun nach Bultmann der sachliche Gehalt der neutestamentlichen Glaubensüberlieferung? Es ist ihr Kerygma.LV Es ergibt sich aus der existentialen Interpretation der neutestamentlichen Texte. Wir stellen diese Deutung zentraler christlicher Verkündigung bei Rudolf
Bultmann am Beispiel von Kreuz und Auferstehung vor, wie sie bei Gerd Theissen zusammengefasst ist: Die Rede von der Auferstehung Jesu bezieht sich nach Bultmann … nicht auf
ein historisches Ereignis, bedient sich vielmehr einer mythischen Vorstellung, die samt dem
zugehörigen Weltbild für den modernen Menschen „erledigt“ ist. Man muss die Auferstehung
heute so verkündigen, „dass diese nicht als ein angeblich historisches oder ein mythisches Ereignis erscheint, sondern als eine Wirklichkeit, die unsere eigene Existenz trifft.“ Diese bleibende Wahrheit der Osterbotschaft lässt sich nur durch existentiale Interpretation erheben. Mit
ihr konfrontiert, wird auch dem modernen Menschen ein neues Selbstverständnis angeboten,
das dem natürlichen Menschen verschlossen bleibt. Osterglaube ist „Ausdruck der Bedeutsamkeit des Kreuzes“, und Glaube an das Kreuz als Heilsereignis, in dem die Welt gerichtet und
die Möglichkeit echten Lebens beschafft worden ist. Osterglaube ist Glaube an das Wort der
Verkündigung: Der gekreuzigte und auferstandene Christus begegnet nirgends anders als im
Wort der Verkündigung, im Kerygma. In der Anrede Gottes wird das Ereignis Jesus Christus
präsent „als das je mich in meiner Existenz treffende Ereignis“. Osterglaube ist Glaubensentscheidung angesichts des Kreuzes: Erkenntnis und Bejahung des gescheiterten eigenmächtigen
Lebensvollzuges, Ergreifen des neuen Selbstverständnisses, Ja zum Leben als Geschenk. Der
Osterglaube hat bei Bultmann in Übereinstimmung mit dem Neuen Testament eine zentrale
Position: Er ist Antwort auf eine Anrede Gottes und nicht immanent erklärbar. Er beinhaltet
eine Wahrheit über den einzelnen Menschen: das Angebot des wahren Lebens – schon in dievor Gott: wahres Leben ist radikales
sem Leben. Osterglaube offenbart die
Geschenk – eine
„Der Zweifel macht zum Theologen
Die Geschichte der christlichen Theologie war immer auch eine Geschichte des Zweifelns.
Schon die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte legen davon Zeugnis ab. Auch die Reformation stand von Anfang an unter dem Zeichen eines Ringens mit dem Zweifel.LVI Alle späteren Versuche die Botschaft der Bibel durch Sonderlehren vor der Kritik zu retten, mussten
scheitern.166 In der geistigen Auseinandersetzung mit einer zunehmenden Säkularisierung
wurde der reformatorischen Theologie die Neubesinnung auf den Grund des Glaubens neu aufgezwungen. Das hat ihr nicht zum Nachteil gereicht. LVII
Die Begegnung des Evangeliums mit seiner jeweiligen Gegenwart ist nicht ohne Risiko. Wer
sich daran macht, den überlieferten Glauben in die Sprache seiner Zeit zu tragen, trägt dabei
auch das Risiko von Häresie und Ketzerei. So waren fast alle Neuanfänge angefochtene Versuche, die ggf. auch auf dem Scheiterhaufen hätten enden können, – bis sie eines Tages dann
selbst zur neuen Orthodoxie wurden. Und ja – es gibt auch Irrtum und falsche Lehre. Die hier
164
Rudolf Bultmann: Zum Problem der Entmythologisierung in: Kerygma und Mythos, in Theologische Forschung Bd. 2, Evangelischer Verlag GmbH Hamburg-Volksdorf, S. 184.
165
Bultmann a.a.O., S. 24
166
Die lutherische Orthodoxie versuchte den Wortlaut der biblischen Texte gegen Kritik durch die Lehre von der
Verbalinspiration des Textes abzusichern, was auf Dauer gründlich misslang.
70
geschilderten Wege, die von christlichen Autoren gegangen wurden, um der neuzeitlichen
Skepsis ihren Glauben und ihre Hoffnung entgegenzustellen, waren der intellektuell redliche
Versuch, diesen Glauben vor dem Forum der neu gewonnenen Einsichten in die Natur und
Geschichte nicht nur zu verteidigen, sondern sich vor allem auf diesem Wege auch mit sich
selbst zu verständigen.
– die Anfechtung (erst) macht den Theologen
und ohne sie würde kirchlicher Glaube und kirchliche Lehre zu leeren Muschelschalen, aus
denen alles Lebendige gewichen ist.
Die Versuche, die christliche Existenz gegen den Zweifel neu zu begründen, führten aber zu
theologischen Systemen, die die Möglichkeit des Glaubens vor allem in der Disposition des
eigenen Ichs, also in der menschlichen Grundbefindlichkeit zu entdecken suchten. Diese
kann ja durchaus die religiöse Frage aus sich
entbinden. Diese Grundbefindlichkeit ist entweder im Kant´schen Sittengesetz postuliert,
oder aber im „Gefühl der schlechthinnigen
Abhängigkeit – wie bei Schleiermacher, in
der Fähigkeit zum Sprung in die Existenz
(Kiekegaard) oder auch in bestimmten Existentialien, wie der Angst, Entfremdungswissen und Hoffnung (etwa bei Rudolf Bultmann
und seinen Schülern) oder schließlich „in dem,
was uns unbedingt angeht. (Paul Tillich).
Die Religion rein anthropologisch, nämlich
aus einer allgemeinen Grundbefindlichkeit
menschlicher Existenz zu begründen, hat dann
aber ebenso dazu geführt, Religion als bloße
Projektion zu „entlarven . Die Religionskritiker Feuerbach und Freud erwiesen sich als
durchaus hellsichtig, als sie den Finger in die
offene Wunde all dieser Versuche gelegt haben: Denn meist haben die aus dem Ich-Bezug
des religiösen Subjekts und seines Verstehens
entwickelten Möglichkeiten des Glaubens sich
unter der Hand unversehens zu normativen
Größen entwickelt, zu Kriterien, vor deren Forum sich jeder Anspruch auf Wahrheit dann zu
legitimieren hatte. Was sich so in existentiale
Belange nicht einordnen ließ oder als nicht
„bedeutsam erschien, hatte damit seinen
kerygmatischen Anspruch auf Wahrheit verspielt.167
Arnolds Kirchen- und Ketzergeschichte
© HAB Wolfenbüttel: 14 Astron.
http://diglib.hab.de/inkunabeln/14-astron/start.htm>
Karl Barths „Nein! bezieht sich genau auf diese „Machtergreifung LVIII der Anthropologie in
der Theologie wie er sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorfand. Um die Theologie davon frei
zu halten, hat er dann aber auch die „Fleischwerdung des Logos vernachlässigt und alles heilsgeschichtliche Geschehen in die Dreieinigkeit Gottes verlegt. Hier liegt der Ausgangspunkt für
die theologische Arbeit nach Karl Barth. Und es spricht von seiner Größe, dass er dies im späten
Alter wohl selbst so gewusst und formuliert hat. LIX
167
vgl dazu Helmut Thielicke, Der evangelische Glaube, J.C.B. Mohr / Siebeck, Tübingen 1978, S. 12ff.
Kapitel 9
Elemente einer erneuerten Theologie
In den Kulturen der säkularisierten Moderne stellt die frühkatholische Gotteslehre mit ihren
metaphysisch/ontologischen Aussagen über das Sein Gottes und das Verhältnis der göttlichen
Personen von Gott-Vater und Gott-Sohn inzwischen eher ein Hindernis für das Verständnis des
christlichen Glaubens dar. Nicht nur, dass die Trinitätslehre bei Muslimen und Angehörigen
anderer Religionen das Missverständnis weckt, als gäbe es für Christen drei Götter (das Wort
ουσια wird nicht mehr verstanden), es ist inzwischen selbst für Christen verwirrend und die
Spezialkulte christlicher Provenienz, insbesondere die katholischen Marien- und Heiligenkulte
mit ihren Kapellen und Heiligtümern verwirren das Gottesverständnis auch bei Christenmenschen. Das alles wäre Grund genug sich neu darauf zu besinnen, wie die Bibel von Gott redet.
Auch die biblische Theo-Logie hat eine über Jahrtausende reichende Geschichte. Wir kennen
inzwischen viele ihrer religionsgeschichtlichen Zusammenhänge. So vielschichtig diese
Sprachtraditionen auch sind, sie unterscheiden sich deutlich von den Gottesbildern in der Umwelt Israels. Sie reden von der Geistesgegenwart Gottes in seinen Volk. Hier gilt es neu
zu lernen.
Das schöpferische Wort – Die Sprachtradition der hebräischen Bibel
Die Denkweise der hebräischen Bibel war der ursprüngliche Verstehenshorizont für die Interpretation der Christus-Verkündigung.168 Diese, dem semitischen Kulturraum zugehörige Denkweise unterscheidet sich grundsätzlich vom griechischen Denken, in dem die spätere Lehrtradition der Kirche formuliert worden ist.I Um ein Verständnis dessen zu gewinnen, worum es in
den Texten der hebräischen Bibel geht, bedarf es der Einsicht in hebräisches Denken im Unterschied zum Griechischen.169 Der Grieche fühlt mit dem Herzen und denkt mit dem Kopf. Der
Hebräer denkt mit dem Herzen und fühlt mit dem Bauch. Das hebräische Denken, und dem
entsprechend die hebräisch/aramäische Sprache, ist dynamisch, kraftvoll, leidenschaftlich, mitunter fast explosiv. Das Griechische dagegen ist harmonisch, besonnen, maßvoll, ruhig. Die
griechische Ästhetik pflegt das Ebenmaß.II Dem Griechen erscheint die hebräische Denkweise
als übertrieben, maßlos, disharmonisch. Für den Hebräer aber erscheint der griechische Geist
als statisch, starr, steif, leblos. Hebräisches Denken ist lebendige Geschichtserfahrung, während
griechisches Denken hinter der wechselvollen Vergänglichkeit das unvergängliche und wahre
Sein sucht und zu finden weis.
Diese dynamische Denkart der hebräisch-semitischen Kulturen zeigt sich vor allem in ihren
Sprachen. Dem d ynamischen Geist des Hebräischen entspricht der Sachverhalt, dass die
grammatische Substanz des Hebräischen grundsätzlich von den Verben bestimmt wird. Dem
hebräischen Verb liegt meist eine dreikonsonantige Wurzel zugrunde, welcher der Sinn eines
ganzen Bedeutungsfeldes anhaftet. Ihre Grundbedeutung drückt immer eine Bewegung, eine
Wirksamkeit oder eine Verhältnisbeziehung aus. So müsste das Wort qum, das wir deutsch
gewöhnlich mit „stehen übersetzen, eigentlich „aufstehen um zu stehen heißen, nasab (niphal)
so viel wie „hintreten und sich hinstellen“, ’amad = hintreten um zu stehen, yasab (hithpael)
„sich hinstellen aber auch „Stand halten“, sakan = „sich lagern , oder aber auch „wohnen“,
168
Nochmals: Jesus und die Apostel lebten auf jüdischem Boden, sprachen einen aramäischen Dialekt und waren
in der Vorstellungswelt der hebräischen Bibel fest verwurzelt. Und das alles gilt auch für das christliche Judentum aus dem die spätere, griechisch-sprachige Kirche hervorgegangen ist.
169
Die wesentlichen Analysen dazu finden sich bei Thorleif Boman, Das hebräische Denken im Vergleich mit
dem Griechischen, 3. neubearb. Auflage bei Vandenhoeck & Rupprecht 1959. Boman bezieht sich seinerseits auf
die breiten Analysen der Orientalistik.
72
73
sakab = sich (hin-)legen und dann (da-)liegen (immer in Verbindung mit einen persönlichen
Subjekt) u.v.a.m. –
Zeitformen der Verben werden durch variierte Vokalisierungen des Wurzelstammes und vorangestellte Vorsilben (Präfixe) gebildet. Im Althebräischen bezeichnet das Perfekt einen Zustand bzw. eine abgeschlossene Handlung, während das Imperfekt eine im Fluss befindliche,
unabgeschlossene Handlung beschreibt. Die zeitliche Bedeutung dieser beiden Konjugationen
hängt dabei stark vom Kontext ab, in dem sie verwendet werden. Hier ist insbesondere die
Satzstruktur entscheidend. Das Partizip der Stammwurzeln dient der Schilderung von Zuständen, etwa da, wo wir im Deutschen Nebensätze mit „während“ bilden. Oft geht eine mit dem
Partizip beginnende Konstruktion in das Verbum finitum über.170
Die Verben, die nach unserem Denken einen Zustand oder ein Sein ausdrücken, bezeichnen im Hebräischen weder ein statisches „Sein noch ausschließlich ein „Werden“, sondern ein
Wirken, analog dem deutschen Wort „leuchten“, das nicht nur „hell sein oder „hell werden“,
sondern auch „hell wirken d.h. „Licht ausströmen bedeutet. So heißt ’anef zornig werden und
sein, – also zürnen; ’or = hell werden und sein, also leuchten; gaber = stark, mächtig werden
und sein; yare’ = bange werden, also sich fürchten. Alle stativen Verben bezeichnen zwar einen
Zustand aber dieser Zustand ist nicht starr und tot, sondern er ist bewegt und im
Fluss; er ist ein Werden ebenso wie ein Sein, – also er „dauert“, ereignet sich,
und ist eine von innen herauskommende Tätigkeit des Subjektes. Ferner ist dem
hebräischen ein örtliches Sich-Befinden eines Dinges kein Sein in unserem Sinne, sondern nur
eine gewisse Zugehörigkeit zwischen dem Ding und seinem Ort, sodass das Verhältnis zwischen beiden auch als ein Genetiv ausgedrückt werden kann.
Hebräische Nomina sind der Abstammung nach genuine Primitiva wie ab = Vater, em = Mutter,
el = Gottheit. Die meisten hebräischen Nomina sind aber Derivate und aus den Wurzelstämmen
der Verben abgeleitet, namentlich als Partizipialformen oder Infinitive wie hazadik = der Gerechte, zedakah oder zädäk = die Gerechtigkeit von der Wurzel zadek = gerecht sein. Sie unterscheiden zwei Geschlechter (weiblich und männlich). Dabei sind Abstrakta häufig weiblich.
Das Personalpronomen wird als Suffix an das hebräische Verbum angehängt.
Das hebräische Wort für „sein ist haya. Es ist das Wort, das im Hebräischen am meisten vorkommt. Es umgreift das Werden als auch das Sein, aber enthält noch ein drittes aktives Moment,
das Moment des „Wirkens“. Dieses Wirken ist der Bogen der beides, das Werden und das
Sein, zusammenhält. Es ist die innere Tätigkeit des „An-Wesenden“171, die so zum Ausdruck
kommt. Dies wird im Da-Sein einer wirkenden Person am besten verständlich.
Gottes „Sein manifestiert sich in seinem Wort: – es wirkt, was es sagt
Das Wort ist die höchste und edelste Fähigkeit des Menschen und ist für den Hebräer identisch
mit seiner Tat. Denn anders als der griechische λογοσ − Begriff (von λεγειν = sprechen, rechnen
und denken) denkt der Hebräer nicht von einem geistigen Sichten, Ordnen oder Verstehen her.
Für den Hebräer ist das Wort eine Tat und bewirkt was es sagt. So ist auch JHWHs Wort wirkende und bewirkende Tat, III die vollzieht und verwirklicht, indem Gottes Wort ergeht. Es ist
also Tatwort. Deshalb gibt unser Begriff „Wort“, der mehr an „Schall und Rauch erinnert, den
an dieser Stelle gemeinten Sachverhalt nur schlecht wieder. IV In seinem Wort gibt Gott JHWH
vielmehr sein Wesen kund. Deshalb ist sein dabar kein Teilstück von ihm, keine Hypostase der
170
Z.B. 1.Mose 2,10: „Und als das Kind (Mose) groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es wa r d
ih r So h n und sie nannte ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen.“ Das hebr. Partizipium
verdeutlicht die Andauer dieser Kindschaft: Mose wird und bleibt der Sohn der Pharaonentochter.
171
In dem, inzwischen etwas altertümlichen, Deutsch vergangener Tage kennen wir die Aussage, jemand oder
etwas „west“, mit dem etwas ganz ähnliches, nämlich eine aktive, andauernde und überaus aktive Gegenwart eines
„Anwesenden“ zum Ausdruck kommt.
74
Gottheit. Vielmehr ist das Wort die Erscheinungsform JHWHs schlechthin: Er ist dabar, er ist
Wort! Deshalb diskutiert der Hebräer nicht über Ontologie, sondern erzählt Geschichte.
So ist nun auch das „Sein Gottes das Sein des „Allwirkers“. „Sein Gottes heißt immer Gottes
Auftreten, sein sich als Gott durchsetzen.V Merkwürdig ist für unsere Denkweise auch, dass
„haya“, das „Sein als ein Geschehen des Wortes Gottes ausdrückt. Wir müssen also „whaya
dabar älohim al abram ... übersetzen mit: „Und es geschah das Wort Gottes an ... – also: „Das
Wort Gottes geschah an Abraham (in einem Gesicht)“172, oder: „Da geschah JHWHs Wort an
Samuel also ...173, in derselben Nacht geschah an Nathan der Befehl JHWHs174; das Wort JHWHs
geschah an Elia175; an Jesaja176 an JeremiaVI, u.v.a.m. Es „geschieht auch die „Hand Gottes“,
nämlich sein Eingreifen in die Geschichte.VII Ähnlich können auch andere Teile eines Körpers,
oder auch seine Stimme aktiv werden. – JHWH, dem Gott Israels, wird ein unveränderliches,
d.h. ewiges „haya zugeschrieben. Dies ewige „Sein ist aber ein dynamisches, tatkräftiges,
wirksames, persönliches Da-Sein, dessen, der seinen Willen durchsetzt und seine Ziele erreicht
und der dadurch auch das Glück und das Heil seines Volkes fördert.177 Mit anderen Worten:
Gottes dynamische Präsenz hat eine personale Dimension.
Die Gegenwart Gottes in seinem Volk Israel
So ist nun auch die Rede vom Geist Gottes nicht die eines Für-sich-Seins im griechischen Sinne
einer Hypostasis, sondern der Geist Gottes ist, indem er wirkt und geschieht. 178 Wichtig ist:
Das „haya“, also das Geschehen oder Kommen des Geistes, meint nicht eine Bewegung von
einem Ort aus zu einem anderen, – das wäre irreführend – sondern der Gedanke ist, dass der
Geist machtvoll und wirksam, plötzlich über und in dem betreffenden Menschen aufkommt.VIII
Eine besondere Beachtung verdient die hebräische Vorstellung von der Gegenwart Gottes unter
seinem Volk Israel. Wohl betont die hebräische Bibel die eigenständige Jenseitigkeit JHWHs.
Sein Thron ist im Himmel.IX Aber dies bedeutet kein „Entrücktsein Gottes. Vielmehr „sieht
JHWH von dort aus „auf die Erde, dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die
Kinder des Todes. (Ps 102,20)X – Diese Zuwendung Gottes zu seinem Volk Israel kommt
schließlich zum Ausdruck in seiner „Einwohnung“, also „seines Wohnens inmitten Israels,
der „Schechina“.XI So ist Gottes „Wesen oder „Sein in der hebräischen Bibel trotz all seiner
„Jenseitigkeit vor allem sein Wirken in und an seiner Schöpfung und inmitten seines Volkes
Israel.XII Gott „ist“, indem der Gottesgeist sein machtvolles Gottes-Wort wirksam werden lässt.
„Du sollst dir keinen Götzen noch irgendwelche Abbilder machen ...“
Nun ist eine Konsequenz aus der dynamischen Realität Gottes, dass man ihn nicht bildlich darstellen kann.179 Vergleicht man das archäologische Erbe der griechisch-hellenistischen Antike
oder auch der mesopotamischen Kulturen, deren Artefakte heute die Museen der Welt füllen,
so muss man feststellen, dass sich aus der hebräisch-jüdischen Geschichte außer den allerdings
bedeutenden HandschriftenfundenXIII, weniges findet, was sich mit der griechischen Antike vergleichen ließe.XIV Wenn auch Israel zu Zeiten gelegentlich so leben wollte, wie andere Völker
172
1.Mose 26,3; sowie 28,20; 31,3.5; 35,3; 2. Mose 3,12; 4,12.15 usw.)
1. Sam 15,10
174
2. Sam 7,4
175
1. Kö 18,1.31
176
2. Kö 20,4
177
So Thorleif Boman nach Mowinckel zur Stelle.
178
„Da kam über Jephta der Geist JHWHs und er zog ... gegen die Ammoniter, Ri 11,29; – Oder: „Da kam der
Geist Gottes über die Boten des Saul, so dass auch sie in Verzückung redeten.“ 1. Sam 12,23.
179
Hilfsweise kann man sich dies am Unterschied zwischen einem Standfoto und dem Ablauf eines bewegten
Filmes verdeutlichen. Das Foto zeigt einen „Zustand“, der Film schildert ein Geschehen. So hat also Israel seinen
Gott „erzählt“!
173
75
Die Thorarolle besteht aus Pergament. Zum Schreiben wird ein Federkiel von einer Gänseoder Truthahnfeder verwendet. Der Text wird beim Lesen nicht mit dem Finger berührt, sondern
man benutzt aus Ehrfurcht vor dem heiligen Namen Gottes (Jahwe) ein Zeigestäbchen. Der Text
wird von rechts nach links gelesen.
auch,XV so hat sich doch das BilderverbotXVI des „Zehnwortes“XVII durch die Jahrtausende in
Israel immer wieder zurückgemeldet.XVIII Im Jerusalemer Tempelbau Salomos, als auch dem
zweiten Tempel, gab es keine bildlichen Darstellungen JHWHs oder gar anderer Gottheiten, wie
es ansonsten in anderen Kulturen üblich war.XIX Der erzählte und stets erinnerte Gott Israels kann
in keinem statischen Gottesbild bezeugt und angebetet werden.XX – In diesen Zusammenhang
gehört dann auch das Verbot der Proskynese, d.h. der Vollzug des Gottesdienstes in der Geste der
Anbetung, der Ehrerbietung und Unterwerfung unter die Fremdgötter.
Der Name Gottes: „Ich werde mit dir sein!“
JHWH (Jahwe oder Jahwä) ist der Gott Israels. Dass Gott einen Namen hat, macht ihn zunächst
von anderen, fremden Göttern unterscheidbar. Der Name verhindert aber auch, dass aus Gott
ein namenloses Numenosum werden kann, d.h. die Anwesenheit eines „gestaltlos Göttlichen“180. Er ist „Person insofern er Menschen in seinem Wort begegnet, sie durch seine Taten
befreit oder richtet. Durch diesen Gottesnamen wird innerhalb Israels „ein Gedächtnis gestiftet
seiner Wunder (Ps 111,4, vgl. 2. Mose 20,24), so dass IHWHs Name angerufen werden kannXXI
und in der gottesdienstlichen Feier ein Gemeinschaftsverhältnis zwischen JHWH und den Menschen Israels ermöglicht. Über die Herkunft und Bedeutung dieses Gottesnamens ist viel geschrieben worden.XXII Das Tetragramm IHWH ist jedenfalls vom hebräischen bzw. dem aramäischen Verbum haya (sein im Sinne von werden/wirken/sich erweisen) gebildet.XXIII In
2. Mose 3,14 hat eine spätere, theologisch hoch reflektierte Redaktion den Gottesnamen gedeutet
mit „Ich bin, der ich bin bzw. „Ich werde sein, der ich sein werde“. Die Tautologie betont die
Analogielosigkeit Gottes. Der weitere Kontext dieser Stelle legt es dann nahe, den Gottesnamen
JHWH mit „Ich werde bei dir sein! zu deuten. Der Gott Israels ist ein Gott der Nähe, des
GeleitesXXIV und der Fürsorge für sein Volk. Der Beitrag, den Israel zu seiner Befreiung leisten
soll, ist, dass es diesem Wort seines Gottes glaubt und sich ihm anvertraut.
180
Nach Rudolf Otto, a.a.O.
76
Die Thora – IHWHs Grundgesetz für Israel
Neben der Tradition des Auszugs aus Ägypten ist der andere Überlieferungsstrang, in dem der
Name JHWHs fest verankert ist, die Thora vom Sinai. Thora heißt so viel wie „Lehre“, „Gebot“,
dies aber im Sinne einer Unterweisung. JHWH hat Israel als sein Volk erwählt und mit ihm
einen Bund geschlossen. Das Grundgesetz dieses Bundes ist die Thora, insbesondere das
„Zehnwort (griech. Dekalog), also die Zehn Gebote.181 Die meisten dieser Zehn Gebote, vor
allem die der zweiten Tafel, sind ihrer Form nach nicht Ge-bote, sondern Ver-bote und das in
einer vollkommen apodiktischen Weise: Es heißt nicht nur „Du sollst nicht...“, sondern wörtlich übersetzt „Du wirst nicht ...“, diese Dinge tun. Dadurch wird die Bindung ganz Israels, aber
auch jedes Einzelnen an JHWH gewährleistet. Darum: „Du sollst keine anderen Götter neben
mir haben! Dadurch wird aber das Leben noch nicht reguliert und festgeschrieben. Vielmehr
lautet die Überschrift über alle diese Verbote: „Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich aus
Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. ... Gottes Volk soll in Freiheit leben! Aber
an den Wegen der Freiheit sind die Verbotstafeln aufgerichtet, die Israel vor falschem, bundeswidrigem Verhalten warnen und es in diesem Sinne „richten indem sie vor Abwegen warnen.
Deshalb regelt die Thora zuvörderst nicht die menschlichen Lebensinteressen. Ihr Sinn ist nicht
ihre soziale Zweckmäßigkeit. Die Gebote markieren vielmehr die Außenränder des Gottesvolkes, also das, was innerhalb Israels nicht geschehen darf und was, wenn es geschieht, von der
Zugehörigkeit zum Gottesvolk ausschließt. XXV Dass Israel JHWHs Volk ist, erweist sich dann
aber auch darin, dass Gottes Lebensregeln im konkreten Lebensvollzug Israels zur Geltung
kommen. Selbst die „Mizwoth als religiöse Regeln und Rituale verstehen sich zunächst durchaus in diesem Sinne. XXVI Die Auslegung der Thora war deshalb jeder Zeit immer wieder neu
aufgegeben.
In der Lebenspraxis eines jüdisch-orthodoxen Glaubenslebens ist dann aber in späterer Zeit ein
eher gesetzliches Verständnis dieser Rechtsüberlieferungen Israels entstanden. Die Auslegung
der Zehn Gebote in die alltägliche Lebenspraxis hinein, war gewiss notwendig. Im Laufe der
Zeit hat Israel dann allerdings damit begonnen, die Thora zu kodifizieren und damit ein juristisches Verständnis seines Bundesrechtes zu praktizieren, das sich an den Buchstaben hielt, und
deshalb auch mit ihm zurechtkommen musste.XXVII Immerhin ist auf diese Weise eine gelehrte
Diskussion um die jeweilige Anwendung der zunehmend als Rechtsvorschrift verstandenen
Überlieferung entstanden.
Die Propheten – IHWHs Gerichts- und Heilswort an Israel
Die ProphetenXXVIII sind keine bestellten HofbeamtenXXIX, sie sehen sich – oft auch gegen ihren
eigenen Willen – von JHWH berufen und beauftragt. Sie sprechen nicht im eigenen Namen,
sondern verstehen sich als Botschafter182 oder Gesandte JHWHs, die Israel Gottes Wort auszurichten haben. Das Wort der Propheten enthält keine „Allgemeingültigkeiten“, sondern es bezieht sich jeweils auf konkrete Situationen oder ein konkretes Versagen Israels, oder auch auf
eine konkrete Heilszusage IHWHs. Im Auftreten der Propheten und in dem ihnen aufgetragenen
Wort hat Israel jeweils immer wieder neu IHWHs Ruf zur Umkehr, die Androhung eines göttlichen Gerichtstages, aber auch Ermutigung und neue Hoffnung auf seinen Gott erfahren. Und
wo die Thora zum kultisch ritualisierten Traditionsgut geworden war, geschieht durch die Propheten die Vergegenwärtigung des IHWH-Wortes als Gottes Zeitansage. Der Täufer Johannes
und sein Schüler Jesus von Nazareth sind in dieser Traditionslinie zu sehen und zu verstehen.
181
2.Mose 20,1 ff und 5.Mose 5,6 ff
Das literarische Formelement ist die prophetische Mahnrede. Diese mündet jeweils in die sog. Botenspruchformel: „So spricht JHWH ... “ Der antike Bote oder Abgesandte spricht als Übermittler auf diese Weise an der Stelle
dessen, der ihn entsandt hat.
182
Kapitel 10
Gott ist Geist und die ihn anbeten
müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten...(Joh 4,24)
In allen geschichtlichen Epochen hat die Kirche das Wirken des Gottesgeistes an sich und der
Welt erfahren und sich in Ihren Glaubenssymbolen auch dazu bekannt. Sieht man aber von den
frühen Bekenntnisformulierungen einmal ab, muss man sagen, dass die Gegenwart Gottes im
Wirken seines Geistes in weit geringerem Maße Gegenstand der theologischen Reflexion geworden ist. Der verfassten Kirche wurde der Gottesgeist bald zum Problem. Denn der Geist
weht wo er will. In den anhebenden Streitigkeiten hat sich jede Seite meist auf ihn berufen. Ein
„Geisteswirken erschien deshalb zunehmend als ein recht unsicheres Kriterium für die Einheit
der Kirche. Das hat dazu geführt, dass das Wirken des Heiligen Geistes als Argument der jeweiligen Selbstbehauptung zunehmend verdächtig wurde. So hat die frühe Kirche vor allem auf
die TraditionI und das (charismatisch legitimierte) Amt vertraut, um sich ihrer selbst zu vergewissern.II Eine auf unsere Gegenwart und unserem Verstehenshorizonten bezogene Theo-Logie,III als ein reflektiertes Glaubenszeugnis für unsere Zeit, tut gut daran sich neu an der biblischen Überlieferung zu orientieren.
Die biblische Rede von Gott
Fragt man nach einem Gottesbegriff in der hebräischen Bibel so findet sich ein doppelter Sachverhalt: Einerseits finden sich in allen Teilen des atl. Kanons die wurzelverwandten Gattungsbezeichnungen für Gott, hebr. „el oder „eloah oder der Plural davon „elohim neben oder im
Wechsel mit dem individuellen Personennamen des Gottes Israels JHWH. Der Name JHWH
und die Gottesbezeichnung werden in der späteren Überlieferung wie Synonyma gebraucht,
sodass der Gottesbegriff den JHWH-Namen in sich einschließt. Für IHWH gilt das absolute
monotheistische Gottesverständnis wie wir es weiter oben bereits kennen gelernt haben. – Und
niemand im alten Israel hat sich jemals über die ontische Wesenheit der Götter Gedanken gemacht. Die Gottheit wurde unmittelbar erfahren in ihrem Wirken in Familie, Sippe und Umwelt.
Beim Zusammenwachsen des Pentateuchs183 aus älteren Überlieferungen wurde der JHWHName auch in frühe Traditionsstücke eingetragen. So wird beispielsweise der jeweilige Gott
der Väter Israels mit JHWH identifiziert, sodass daraus die Formel von JHWH als dem „Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs gebildet werden kann.IV Religionsgeschichtlich zeigt sich die
außerordentliche Spannung, in der Israels Bekenntnis zu seinem Gott JHWH zu der Welt als
einer Summe von Göttergemeinden, von kleineren oder größeren Herrschaftsbezirken numinoser Gewalten aller Grade steht. Und „wie der JHWH-Glaube in der Folge der Generationen
unter der zäh errungenen, langsam einsetzenden Wirkung prophetischer Botschaft und dem
Druck schweren nationalen Geschickes trotz schwerster Krisen unaufhaltsam erstarkt, bis zu
der Zuversicht zu JHWH als dem Weltschöpfer und Weltherren, in welchem göttliches Wesen
und Wirken, alle anderen Götter und Göttervorstellungen aufhebend, sich zu einem geschlossenen weltmächtigen Willen zusammenschließt. Die Geschichte des Gottesglaubens in Israel ist
also im Wesentlichen die Geschichte des durch Mose gestifteten JHWH-Glaubens, wie er sich
schließlich im babylonischen Exil und der Zeit danach durchgesetzt hat.“V
Für die Jesus-Überlieferung des neuen Testamentes ist bemerkenswert, dass Jesu Verkündigung
nicht einfach von „Gott“, sondern vom „Reich Gottes redet. Jesus predigt keine Gotteslehre,
sondern ruft angesichts des kommenden Gottesreiches zur Umkehr. Er teilt gewiss den allgemeinen Gottesglauben seines Volkes. Er zitiert das schema israel nach der Überlieferung im
5. Buch Mose 6,4: „Höre Israel! Der HERR (ist) unser Gott; der HERR (ist) einig. Und du sollst
183
Gemeint sind die fünf Bücher Mose, in der jüdischen Tradition die Thora genannt.
78
den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Dies ist das höchste und größte Gebot.“184. Er fügt jedoch hinzu: „Das andere aber ist ihm
gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 185 In diesen beiden Geboten hängt das
ganze Gesetz und die Propheten.“186 Jesus betont also die Gültigkeit der ganzen Thora und legt
sie seinen Hörern ans Herz. Dies aber realisiert sich in der Beziehung zum Nächsten.
Abgesehen von diesem Zitat aus der Thora taucht der JHWH-Name sonst nirgends im Neuen
Testament auf und wo vom Gott Israels die Rede ist, steht das griechische θεοσ.VI Jesu Gottesverständnis wird jedoch deutlich, wenn er den Gott Israels im Gebet als seinen Vater anruft und
die Menschen lehrt, zu Gott als ihrem himmlischen Vater zu beten.187 Er überträgt die unliturgische familiäre Anrede „mein Vater aus dem Alltagsgebrauch188 auf Gott. Der Pomp des
Tempeldienstes, mit seinen kultischen Opfern und dazugehöriger Priesterschaft, ist Jesus
fremd. Wie für das pharisäische Judentum seiner Zeit gilt auch für Jesus die Thora als das maßgebende Gotteswort, an dem er sich orientiert. Aber an seiner Schriftauslegung wird deutlich:
Es ist nicht der Buchstabe, sondern der Geist der Thora, der für ihn Weisung zum rechten Leben
ist und das Halten des Gebotes ist für ihn Lebenshilfe und Zustimmung zu Gottes Willen und
Kraft. Die Legitimation seiner Verkündigung sieht er in seiner Taufe am Jordan begründet. Was
immer dort geschehen ist, es ist in der Überlieferung der Evangelien die Zäsur seines Lebens.
Diese Wende in Jesu Leben aber ist nach dem einhelligen Zeugnis der Tradition die ihm dort
zugesprochene Gegenwart des Heiligen Geistes, aus der er seine Bevollmächtigung erfährt. Er
lässt Johannes in der Wüste und geht zu den Menschen seiner Heimat um sie angesichts der
Nähe des Gottesreiches zur Umkehr einzuladen.
Das Zeugnis des Heiligen Geistes im Glauben der frühen Christenheit
„An welcher Stelle der Bibel wir auch nach Geistaussagen forschen, – trotz der Spannweite
dieser Aussage ist ihnen allen jedenfalls eines gemeinsam: Sie sehen im Geist die Präsenz Gottes selbst“189 Es gibt in der Bibel keine theologische Lehre vom heiligen Geist Gottes. Die
Bibel kann nur erzählen, wie der Gottesgeist wirkt und wie Menschen durch ihn geleitet, verwandelt, oder beauftragt werden. Im Blick auf die biblische Rede vom Geist GottesVII gilt alles,
was wir weiter oben als das dynamische Verständnis aller Wortbegriffe innerhalb der hebräischen Sprache ausgeführt haben. VIII Der Heilige Geist ist damit keine spezielle Eigenschaft
Gottes, so wie wir von Menschen sagen, er oder sie „habe Geist , sondern Gott selbst spricht
als ein Wehen des Geist. Der Geist Gottes wirkt in der Geschichte, er ist mit Samuel und den
Königen Saul und David. Durch die Propheten redet der Geist Gottes in konkreter geschichtlicher Stunde zu Israel. Der Gottesgeist ist die Art und Weise, wie Gott den Menschen begegnet
und sich ihnen erfahrbar macht. Durch den Gottesgeist und sein vollziehendes Wort geschieht
schließlich die Schöpfung der Welt.IX
In den Evangelien ist Leben und der Weg Jesu durch den GeistX bestimmt. Vom Geist gezeugt190, empfängt er bei seiner Taufe den Heiligen Geist.XI Der Geist leitet ihn in die Wüste191
184
5. Mose 6,4 vgl. Talmud Sukkot 42a und Berachot 13b
3. Mose 19,18
186
Mt 22,38-40
187
Das „Unser Vater“ Mt 6,9 ff, desgl. Jesu Gebetskampf in Gethsemane (Mt 26,39) sowie in mehreren Logien,
vor allem bei Mt und der Parallelüberlieferung bei Lk und schließlich auch in den Gleichnissen, wo die Gestalt
des Vaters auftaucht.
188
Im Deutschen klänge es etwa so wie das vertrauliche „Papa“. – Nach Chrysostomus, u. Theodret, die beide
Syrer waren, pflegten die kleinen Kinder ihren Vater mit „Abba“ anzureden. ThWB Bd.1 S. 5, Anm. 12
189
Helmut Thielicke, Theologie des Heiligen Geistes, Der evangelische Glaube, Grundzüge der Dogmatik III,
Mohr/Siebeck, Tübingen1978, S. 3
190
Diese „Zeugung“ wird bei Markus noch adoptianisch verstanden. Bei Matthäus und Lukas wird die Zeugung
Jesu durch den Gottesgeist in der Jungfrau Maria dargestellt.
191
Mt 4,1 par.
185
79
und durch den Geist treibt Jesus Dämonen aus.192 Nach Mt 10,20 spricht der Geist Gottes auch
aus den Jüngern, wenn sie beten und es ist ihnen verheißen, dass der Geist sie lehren wird.193
Längst bevor der Heilige Geist Kirchenlehre wurde, war er für die Christengemeinden erfahrene
Tatsache. Er ist die in der inspirierten Rede der Zeugen Jesu sich manifestierende Gotteskraft.
Für Paulus ist die ganze christliche Existenz durch den Heiligen Geist geleitet. Der „Geist hilft
unserer Schwachheit auf und wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, so vertritt uns der
Geist mit „unaussprechlichem Seufzen“.194 Im Doppelwerk des Lukas übernimmt dieser die
typisch jüdische Auffassung des Geistes der Prophetie.XII Entsprechendes gilt dann auch für das
Johannes-Evangelium: „Gott ist Geist, und die anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“195.
Die Kirche der apostolischen Väter bekennt sich zu Jesus als HERRN und Kyrios. Seine
christologische Würde jedoch kommt aus seiner Herkunft und Ausrüstung mit den Heiligen
Geist. Der Patristiker Arnold Gilg urteilt: „Die Geistchristologie ist nach dem Ausweis der literarischen Zeugnisse in der Kirche (der apostolischen Väter) weit verbreitet. Ja, das Urteil
drängt sich auf, dass sie für diesen Zeitabschnitt geradezu die dominierende, die maßgebliche
Christusanschauung repräsentiert.“196
Das ändert sich erst im dritten Jahrhundert in der Zeit der Apologeten. Die Apologeten sind
gelehrte Leute, die ihren Glauben vor dem Forum der antiken Geisteswelt vertreten und rechtfertigen wollen. Deshalb reden sie von Jesus Christus als vom göttlichen Logos.XIII Justin,
Theophilus von Antiochia, Tatian, Athenagoras, sie alle reden nunmehr vom Logos. – Und so
dürftig, vom späteren Glaubensbekenntnis der Kirche aus gesehen, ihre christologischen Aussagen auch sind, so sind sie doch nicht weniger als die Begründer der späteren kirchlichen Theologie. Die alte Geistchristologie der frühen Christengemeinden wird jetzt abgelöst durch eine
Logos-Christologie. Für Autoren wie A. Gilg setzt damit eine „verwirrende und verderbliche
Entwicklung ein, „ein Abgleiten in Metaphysik und Spekulation“, das die Bedeutung des geschichtlichen Christus nivelliert und das Anliegen der Soteriologie197 um intensiver kosmologischer Interessen willen nach seiner Dringlichkeit verkennt.198 – Nach den Streitigkeiten um
das Calcedonense waren es erst die drei großen Kapadozier, vor allem Gregor von Nyssa, der
u.a. den Heiligen Geist neben dem „Sohn im Nicäno-Constantinopolitanum neu zur Geltung
bringt. Dieser ist „vom Vater ausgehend“, „souverän gebietend und „Leben schaffend“. – Für
das folgende Mittelalter gilt, dass eine Theologie des Hl. Geistes eher zurücktritt, was nicht
daran hindert, dass er formelhaft stets in aller Kirchenhäupter Munde ist: „Der Heilige Geist
und WIR haben beschlossen...“199
Die trinitarische Einheit Gottes –
oder: Gottes Geistesgegenwart in der Geschichte des Heils
Geht man von dem hier dargestellten Befunden aus, so stellt sich die Frage, inwieweit die sicherlich ehrwürdige trinitarische Formel des Nicänisch-Konstantinopolitanischen Konzils dem
biblischen Zeugnis vom Walten des Gottesgeistes vom Beginn der Schöpfung an bis in die
192
Mk 1,12
Lk 12,12
194
Rm 8,26
195
Joh 4,24
196
Arnold Gilg: Weg und Bedeutung der altkirchlichen Christologie, Historische Theologie Bd. 4, Kaiser Verlag
München 1961/2, S. 18-21 – Für die judenchristlichen Gemeinden hat das immer auch fürderhin so gegolten. Und
über das Judenchristentum ist die Vorstellung von Jesus als einem Propheten Gottes später auch in den Islam
eingewandert.
197
Soteriologie = Heilslehre
198
Gilg, a.a.O., S. 21
199
Das Zitat stammt allerdings schon aus Apg. 15,28 – so früh also!
193
80
Gegenwart der Kirche entsprechen kann. Wir haben weiter
oben dargestellt, mit welch kompliz ierten und höchst strittigen
Verhandlungen das NicänischKonstantinopolitanische Glaubensbekenntnis
schließlich
durchgesetzt wurde. War den jüdischen Zeitgenossen Jesu prophetischer Anspruch wegen seiner Herkunft fraglich („Was
kann aus Nazareth Gutes kommen?“ Joh 1,46), so ging es für
die Kirchenväter darum, Jesu
Gottessohnschaft mit Gott, dem
Vater und Schöpfer, in eins zu
bekommen, ohne dabei das alte
monotheistische, biblische Glaubensbekenntnis zu verletzen, das
ja auch aus dem Munde Jesu
Trinität – © Quelle: selk-bielefeld.de überliefert ist: »Höre, Israel, der
Herr, unser Gott, ist der Herr allein« (Mk 12,29). Die schließlich als Lösung verwendete Formel des „homoousios“ des – übrigens später verketzerten – Origenes, ist nur von den damals waltenden Denk-voraussetzungen
der griechischen Ontologie her zu verstehen. In der Gegenwart wird sie selbst von engagierten
Laien in den Kirchengemeinden in ihrem ursprünglichen Sinn nicht mehr verstanden und sie
erschwert in unserer Zeit auch das Gespräch mit dem Islam und dem Judentum.
iz
Nun finden sich bereits in der neutestamentlichen Überlieferung durchaus dreigliedrige Bekenntnisformeln. Die frühesten einschlägigen Formulierungen finden sich bei Paulus und sie
hatten durchaus eine wirkungsgeschichtliche Bedeutung für die spätere Lehrbildung der Kirche.
Paulus verwendet in 2.Kor 13,13 vermutlich einen Segensgruß der frühen christlichen Liturgie:
„Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei bei euch!“ – In 1.Kor 12,3-6 werden die charismatischen Gnadengaben auf Geist, Herr
und Gott zurückgeführt. Besonders einflussreich wird später die Taufformel in Mt 28,19 „im
Namen des Vaters/Sohnes/Geistes“ (@C< 8D E>FAB, wörtlich „in den Namen [hinein]“). Auch die
nach 100 n.Chr. entstandene (judenchristliche) Didache (ein früher „Katechismus mit Anweisungen über die liturgischen Vollzüge“)200 kennt bereits eine solche erweiterte Taufformel:
„Tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Diese frühen
Formulierungen stammen überwiegend aus dem Kontext der syrisch-aramäischen Überlieferung, die der Evangelientradition zugrunde liegt. Und das heißt, dass sie noch keineswegs eine
Antwort auf die erst im dritten und vierten Jahrhundert diskutierten und nur von den griechischen Denkvoraussetzungen aus sinnvollen Fragen einer innergöttlichen Ökonomie und Wesensgleichheit sein können und wollen. Sie sind später nur so gedeutet und benutzt worden. –
Was aber ist dann der ursprüngliche Sinn dieser frühen „trinitarischen“ Formulierungen? –Worum es sich dabei handelt, zeigt sehr schön der Text aus Eph 1,3-14: „Gepriesen sei der Gott und
Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch
unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im Voraus
dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen
200
Noch früher, auf etwa 60–65 n.Chr. datiert von Klaus Berger: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Insel, Frankfurt/M., Leipzig 1999, S.302.
81
zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem
Reichtum seiner Gnade. Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt
und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt
hat: Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles,
was im Himmel und auf Erden ist. Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und
eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt; wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben. Durch ihn habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer
Rettung; durch ihn habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr den
Glauben annahmt. Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen, der Erlösung,
durch die wir Gottes Eigentum werden, zum Lob seiner Herrlichkeit.“XIV – Der Text stellt Gott
den Schöpfer, Jesus den Sohn und das Wirken des Gottesgeistes nacheinander. Und es zeigt
sich: Die Antwort auf unsere Frage nach dem ursprünglichen Sinn der dreigliedrigen Formeln
im Neuen Testament muss heißen: Sie stellt das Christusbekenntnis der frühen Kirche
in den heilsgeschichtlichen Zusammenhang der Geschichte Gottes mit seinem
Volk. Das Bekenntnis zu Gott, zum „Sohn“ und dem Geist Gottes, wird verstanden als das
Vertrauenszeugnis der Kirche in die Kontinuität der Zuwendung Gottes zu seinem
Volk, dessen Geist einst die Welten schuf, der „durch die Propheten geredet hat“, dessen Geist
Gottes Heil für Israel und die Völker im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu wirkt und dessen
Geistesgegenwart schließlich der Kirche aus Juden und Heiden verheißen ist, um sie zu leiten,
zu bewahren und zu stärken. Vom ersten Anfang bis zum künftigen Ende der Zeit ist Gottes
Geist auf diese Weise kräftig und begleitet sein Volk durch die geschichtliche Zeit. Alle ontologischen Spekulationen über eine innertrinitarische Ökonomie von göttlichen „Personen“ verdanken sich erst der um Jahrhunderte späteren Auseinandersetzung der Kirche mit der griechischen Philosophie. Die biblische „Dreifaltigkeit“ aber ist das Zeugnis von der heilsgeschichtlichen Gegenwart Gottes in seinem Volk nach dem Schema Schöpfung, – Erlösung – Vollendung.
Keinen anderen Sinn muss man heutzutage der trinitarischen Taufformel zulegen, wenn wir sie
in den Gottesdiensten aller christlichen Kirchen verwenden. Wir vertrauen uns und den Täufling dem durch die Geschichte hindurch waltenden gnädigen Gott an und bekennen uns so zu
der Geschichte von Gottes Heil für diese Welt. Und wir begreifen uns als Kirche in der Kontinuität von Gottes Geleit und Fürsorge vom Anfang der Schöpfung an bis ins Heute und schließlich zusammen mit der weltweiten christlichen Ökumene bis in die verheißene Ewigkeit jenseits
der Zeit.
Gotteswort als Menschenwort – oder: Die „Fleischwerdung des Hl. Geistes
Der Gottesgeist ist die Weise, wie Gott sich in der Welt vergegenwärtigt. Der Geist „geschieht
als sein wirkmächtiges, vollziehendes Wort. Zwischen Gottes Geist und seinem Wort besteht eine
enge Beziehung: Der Gottesgeist kommt als Wort Gottes zur Sprache! „Und das Wort ward
Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit ... 201 Und als solch „fleischgewordenes Wort kommt es zu Menschen und ermutigt, leitet, tröstet und beauftragt sie.XV
Das bedeutet aber zugleich, dass Gottes Geist in seinem Wort als ein von Menschen gesprochenes
und bezeugtes Wort begegnet. Die „Fleischwerdung – Inkarnation – des Heiligen Geistes Gottes
bedeutet dabei sein Eingehen in die Sphäre menschlichen Lebens und seiner „Zweideutigkeit .XVI
Als von Menschen bezeugtes Wort ist es sowohl Gotteswort zum Heil und zugleich ein Menschenwort, das als solches mit anderen Menschenworten konkurriert, verwechselt oder bestritten
werden kann. Auch das Lehren und Tun Jesu, in dem Gottes Geist Menschen zur Umkehr ruft,
geschieht in dieser Zweideutigkeit: Augenzeugen seiner Heilungen glauben an ihn, andere aber
201
Joh 1, 14
82
„entsetzen sich .202 Thoralehrer und Gesetzestreue, „fordern ein Zeichen von ihm, um seine
Taten als Gottes Wirken beglaubigt zu bekommen203 und selbst der Täufer Johannes lässt bei ihm
anfragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten? 204 – Wo nun dies
„fleischgewordene“ Wort angenommen wird, geschieht dieser Vorgang der „Überzeugung“ als
das Werk des Gottesgeistes selbst. Es bedarf also keines „religiösen Genies“ um doch zu erfahren,
wie Gottes Wort den Menschen trifft und verwandelt.
Martin Luther King, ein Baptistenpastor, dessen denkwürdiger Marsch von Selma nach
Montgomery, USA den Auftakt zum Kampf gegen Rassismus bedeutete. Nach zwei, von
weißer Gewalt abgebrochenen Versuchen, werden die Teilnehmer endlich von der Armee
und der Nationalgarde geschützt. – King hält dort die berühmte Rede «Our God is marching on». Zu den prägendsten Sätzen aus diesem Vortrag gehört: «Wie lange noch?
Nicht mehr lange, denn keine Lüge kann für immer leben.»
Zuweilen ist das Wort Gottes aber auch, das „fremde Wort das nicht gehört wird, und das nicht
willkommen ist. Die Propheten Israels haben das erfahren und ebenso erging es Jesus als er in
seiner Heimatstadt Nazareth gepredigt hat. Und dennoch steht jede Predigt des Gotteswortes unter
seiner Verheißung: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder
dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie
gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein:
Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt und ihm wird
gelingen, wozu ich es sende. 205 Das Wort der „Zeugen bedarf für seine Glaubwürdigkeit „das
Zeugnis des Geistes und der Kraft. Nun ist uns aber das Wort der Bibel aus vorigen Zeiten
überkommen und was heutige Menschen vor sich haben, ist ein Buch mit vielen Buchstaben. Aus
der Frage nach dem Verhältnis von Geist und dem Wort wird so das Problem von Geist und
Buchstabe. Und da gilt: „Der Buchstabe tötet, aber das Wort macht lebendig 206
Was sich an dieser Stelle meldet, ist das hermeneutische Problem, von dem wir bereits in vorigen
Kapiteln gehandelt haben. Helmut Thielicke: „ ... Die Voraussetzung dafür, dass das Wort der
Bibel jene Fähigkeit besitzt, überzeugen zu können, besteht doch darin, dass es mir gleichzeitig
202
Mk 5, 42; par. u.a.
Mk 8,11f, par.
204
Mt 11,1ff par. Lk 7,18-23
205
Jes 55,10f
206
So Paulus in 2.Kor 3,6 – Martin Luther: „Die Heilige Schrift ist Gottes Wort, geschrieben und (dass ich so rede)
gebuchstabet und in Buchstaben gebildet, gleich wie Christus in der Welt gehalten und gehandelt ist, so geht´s
dem schriftlichen Gotteswort auch.“ (WA 48,31.)
203
83
werden kann und dass es sich durch das
(d.h. das Zeugnis des Heiligen Geistes) den Hörer analog macht und damit in die Situation versetzt, verstehen zu können. –
Wo diese Voraussetzung nicht besteht, muss die Analogie von Seiten des Hörers erst hergestellt
werden. Er sieht sich zum Hören, Verstehen und Annehmen des Wortes nur insoweit befähigt,
als er sich in seiner Fragehaltung von ihm angesprochen fühlt, als es den Bedingungen seines
Wahrheits- und Selbstverständnisses genügt und als Wort in seine existentielle Situation integrierbar ist. Wo aber das Wort sich den so vorgegebenen und zu Kriterien erhobenen Bedingungen
nicht fügt, bleibt es „draußen und wird als irrelevant abqualifiziert. 207 – Oder schlimmer: es
kommt, wie schon erwähnt, nur noch das als das Wort Gottes oder als christlicher Glaube in
Frage, was durch das Sieb meiner Vorverständnisse gegangen ist und mit meinen weltanschaulichen Prämissen als vereinbar gilt.XVII –
Folgen wir dem Selbstverständnis der biblischen Überlieferung, so stehen wir vor dem hermeneutischen ZirkelXVIII jeden Verstehens: Hier aber ist es der lebendige Geist Gottes selbst,
der sich die Herzen der Menschen öffnet und der sie für sein Wort aufschließt und gewinnt. Es
ist der Geist Gottes, der „uns vertritt . Das schließt eine historisch-kritische Bearbeitung der
überlieferten Texte keineswegs aus, es schließt sie vielmehr ein. XIX Aber rechtes Verstehen
bedeutet dann, „dass wir begreifen, was uns ergreift.“208
Der Geist und die Geister – oder: „Was Christum treibet!“
Die Fleischwerdung des Gottesgeistes, also sein Eingang in die Geschichtlichkeit menschlicher
Existenz, hat zur Bedingung, dass der Gottesgeist nun selbst eine geschichtlich konkrete Aktualität annimmt. Das aber schafft auch die Möglichkeit ihn mit ganz anderen Geistern zu verwechseln, die Anspruch auf unser Gehör erheben. Kein Prophet ist von Hause aus einfach nur
„Gottesmann . Auch das unzweifelhaft wirkende Charisma eines Redners oder Predigers
schließt nicht aus, dass hier statt des Gottesgeistes die Dämonen zu Wort kommen.XX Bloße
Faszination als solche kann also keineswegs für geistliche Authentizität bürgen. Wo die Macht
des Wortes und das Charisma seines Sprechers Menschen in seinen Bann ziehen kann, gilt die
biblische Weisung: „Darum prüfet die Geister, ob sie von Gott sind 209 – „Prüfet alles, und das
Gute behaltet! 210
Was aber kann Kriterium dieser Prüfung sein? Jedenfalls keine einfache Plausibilität, die sich
aus dem jeweils herrschenden Zeitgeist, oder einem angeblich „gesunden Menschenverstand“
und bloßem Mitläufertum ableiten lässt. Gewiss ist das Kriterium dieser Prüfung das biblische Wort Gottes. Es ist aber der sachgerechten Auslegung und Aktualisierung bedürftig.
Denn die Überlieferung der Bibel ist ja selbst geschichtlich gewordenes Wort Gottes und als
solches „inkarniert“ in die Zeitgeschichte der überlieferten Bibeltexte. Als Beispiel dafür mögen die Überlieferungen der JHWH-Kriege in der hebräischen Bibel dienen, in denen scheinbar
menschliche Gewalt- und Kriegshandlungen auf den Gott Israels projiziert werden. Der Gott
Israels erscheint als der große Kriegsherr, der dem Heerbann Israels vorwegzieht und „die
Feinde zerschmettert“. Der naive Bibelleser versteht heutzutage nicht mehr, dass diese Texte
ursprüngliche Rettungserfahrungen Israels wiederspiegeln und diese nun dankbar in Erinnerung
bringen. Die allermeisten dieser Texte sind das Gotteslob der Davongekommenen, die dieses
ihr Erleben bezeugen wollen, allerdings ohne den aus der Angst geborenen Zorn zu unterdrücken. Ähnliches gilt auch für Texte des neutestamentlichen Kanons, wenn z.B. der Tod Jesu
am Kreuz als Opfertod zur Tilgung menschlicher Schuld interpretiert wird. Die Intention der
neutestamentlichen „Opfertheologie“ ist ja nicht das Opfergebot, sondern im Gegenteil seine
Abschaffung, wenngleich auch in der Form des Kreuzes Jesu als dem letztgültigen Opferlamm,
das die, den Religionen so selbstverständlich gewordenen Opfer an die Gottheit, ein für alle
207
Helmut Thielicke, a.a.O. S. 136
Emil Staiger, nach > Wikipedia > Hermeneutischer Zirkel
209
1.Joh. 4,1
210
1. Thes. 5,21
208
84
Mal ablöst und zu Ende bringt. Da ist ein biblizistisches Kriterium nach der Methode: „Es steht
geschrieben“ keineswegs hilfreich für die Vergegenwärtigung der biblischen Botschaft. Vielmehr ist die Kenntnis der Bibel und das Bescheidwissen über biblische Theologie Voraussetzung als etwas, das durch Studium erworben wird, der bevollmächtigte „Zuspruch aber, die
„Zeitansage und Lehre daraus, sind je und dann das Werk des Heiligen Geistes.XXI
Deshalb kann sich auch ein fundamentalistischer Biblizismus jeglicher Art nicht auf die Reforberufen. Die Reformation Luthers hat einerseits die Bibel als das
mation und ihr
Kriterium des Glaubens gegenüber der Lehrautorität der Papstkirche zur Geltung gebracht. Andererseits aber war Luther alles andere als ein buchstabenhöriger Biblizist. Für ihn galt als Kriterium für die Auslegung der biblischen Überlieferung das, „was Christum treibet!“ Jesus, der
Mann aus Nazareth ist dieser Maßstab, weil er sich völlig seiner Berufung zum Christus opfert.
Er opfert nicht nur sein Leben, wie es viele Märtyrer getan haben, er opfert auch alles in und an
sich, was die Menschen zu ihm als einer überwältigenden Persönlichkeit führen würde. Er führt
sie stattdessen zu dem, was größer ist als er. Dieser Jesus, als der Christus für uns, wird so zum
Maßstab christlicher Verkündigung und Glaubens.
„Ubi et quando visum est Deo – Wo und was ist Kirche?
Zur Zweideutigkeit des fleischgewordenen Geistes gehört aber auch die äußere Existenz der
verfassten Kirche, bzw. der Kirchen als christliche Glaubensgemeinschaften. Auf die innere
Dynamik von religiösen Bewegungen haben wir schon anfangs hingewiesen.211 Den Anfängen
aus einer charismatischen Bewegung folgt bei deren räumlicher Ausbreitung meist der Prozess
einer Konsolidierung in festere äußere Strukturen, sowie eine gewissen Normierung der Bekenntnisinhalte sowie die Entwicklung fester sozialer Strukturen. Diese neigen schließlich nicht
selten zu einer Verbeamtung des Heiligen Geistes. Deshalb ist die geschichtliche Gestalt der
Kirche immer auch ein „weltlich Ding . Und wenn sie je und dann auch zum „Tempel des Heiligen Geistes wird, so geschieht dies „
. 212 Martin Luther hat auf den
von der
unterschieden. Diese „unSpuren Augustins deshalb die
sichtbare Kirche „besteht nicht, sondern sie „geschieht und zwar immer in ihrem jeweiligen
geschichtlichen Kontext, der auch eine Aktualisierung des Bekenntnisses notwendig machen
kann.XXII
Die Reformation hat mit ihrem vierfachen „Allein die Differenz zum römisch-katholischen
!: Allein Christus,
Kirchenbegriff formuliert: „
allein die Heilige Schrift, allein durch die Gnade und allein durch den Glauben.XXIII „In der
evangelischen Kirche ... geht es um den Glauben des Einzelnen. Der entsteht zwar auch
in der kirchlichen Gemeinschaft durch das Hören auf Gottes Wort. Aber die Gewissheit des
evangelischen Glaubens bezieht sich direkt und ausschließlich auf das Evangelium von Jesus
Christus, auf die in der Predigt gegebene Zusage des Heils und der Gnade. Die Verkündigung
dieses Evangeliums geht nie in der kirchlichen Lehre, in Dogmen oder Bekenntnissen auf, weshalb die evangelischen Kirchen nicht einen Anspruch auf absolute Wahrheit und Autorität erheben. Sie kennen keine irdische Instanz, die aufgrund eines „übernatürlichen Glaubenssinnes
unfehlbar für alle Gläubigen und im Namen Gottes sprechen könnte, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert ist. XXIV Man kann auch formulieren: Das Kirchenverständnis der
Reformation hält sich offener für das Wirken der Heiligen Geistes, insofern dieser nicht als an
kirchliche Lehrautorität gebunden verstanden wird, sondern wirklich weht, wo er will. Diese
!.213
reformatorische Grundhaltung drückt sich aus in der Formel "
211
Vgl. Seite 3 dieser Arbeit.
lat. Wo und wann es Gott gefällt.
213
„Kirche ist etwas, das sich ständig erneuern muss:“ Die Formulierung stammt vermutlich von dem holländischen
reformierten Theologen Jodocus van Lodenstein (1620–1677).
212
Kapitel 11
Wie es für frühere Epochen der Kirchengeschichte immer nötig war, sich mit den Prämissen
der Zeit auseinanderzusetzen und angesichts der dadurch gestellten Herausforderungen nach
gültigen Antworten zu suchen, so gilt das auch für unsere Gegenwart. Längst haben die Kirchen
ihre frühere Monopolstellung für Sinnvermittlung innerhalb der Gesellschaft eingebüßt. Kirche
lebt heute in einer säkularen, offenen und multikulturellen Gesellschaft, in der unterschiedlichste Kräfte Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Medien beanspruchen. Im Grunde drückt
sich darin der Zug zu einer durchgehenden Individualisierung innerhalb der Gesellschaft aus.
Es gibt keinen, die ganze Gesellschaft umfassenden religiösen Konsensus mehr.I Man ist deshalb nicht „gottloser als in früheren Zeiten. Im Gegenteil: Die Suche nach Spiritualität und
religiöser Erfahrung haben nicht zuletzt durch die Begegnung mit fremden Kulturen zugenommen. Aber die institutionalisierte Form von Religion stößt zunehmend auf Skepsis. Der Glaube
soll jeweils mein Glaube und Teil meiner inneren Überzeugung sein.II
Angesichts dieser Sachverhalte sieht sich die christliche Theologie vor allem zwei Herausforderungen gegenüber: Das eine ist das Gespräch der Religionen miteinander in einem globalisierten Austausch der Überlieferungen. – Wir fragen aber nach der Gegenwart Gottes in einer
Umwelt, die durch und durch von einem naturwissenschaftlichen Weltbild geprägt ist. Das hat
in der westlichen Welt dazu geführt, dass Wissenschaft und Glaube als inzwischen völlig voneinander getrennte Bereiche aufgefasst werden, die sich hinsichtlich ihrer Relevanz für das
Weltverständnis nicht vergleichen lassen. Die alten Weltdeutungen der Antike, die mythischen
Motive und narrativen Überlieferungen der Religionen, gelten als überholt und mit dem wissenschaftlichen Weltbild nicht mehr vereinbar.III Dem gegenüber erscheint dem Laien das alte,
klassische Weltbild der Naturwissenschaften als zuverlässig, weil durch Beobachtung gedeckt
und im Alltag bewährt. Naturwissenschaftliche Resultate gelten als Aussagen über die an sich
seiende Natur. Diese Auffassung von wissenschaftlicher Objektivität ist aber inzwischen eher
vulgär und gibt keinesfalls den Stand heutiger Erkenntnis wieder, die sich dessen bewusst ist,
dass sie ausdrücklich nur Aussagen über die beobachtete, aber nicht über die an sich seiende
Natur macht. Die inzwischen vollzogene Revolution im neuzeitlichen Weltbild, durch die
Quantenphysik ist Anlass genug, sich der eigenen Glaubenstradition neu zu stellen und darüber
das Gespräch zu suchen.
Die Wirklichkeit jenseits der Realität – oder: Die neue Welt der Quantenphysik
Max Planck
Für das alte mechanistische Weltbild seit der Aufklärung bestand die
Welt in einem apriorisch vorgegebenen Raum, in dem sich die Objekte
der Materie nach Länge, Breite und Höhe dreidimensional ausdehnten.
Die Bewegung und Veränderung der Objekte geschah entlang einer Zeitachse, die als solche ebenfalls absolut vorgegeben war. Alle Teile der
Materie hatten innerhalb dieses kosmischen Raumes ihren festen Platz
bzw. sie bewegten sich innerhalb der in diesem Raum ablaufenden Zeit
nach der Vorherbestimmtheit objektiver Gesetzmäßigkeiten. Um zu erklären, wie sich Lichtwellen, auch als Wärmestrahlung in diesem Raum
ausbreiten, postulierte man die Existenz eines Äthers, der den gesamten
Weltraum so ausfüllt, dass sich Licht darin als Strahlungswellen fortbewegen können, wie Meereswellen im Ozean.
Dieses physikalische Weltbild brach zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen. Zuerst entdeckte Max Planck, dass die gemessene spektrale
Verteilung des Lichtes im thermodynamischen Gleichgewicht, wie sie sich in einem Hohlraum
ausbildet, nur mathematisch beschreiben ließ, wenn man annimmt, dass die Energie des Lichtes
1858 - 1947
86
mit der Frequenz > nur in Quanten h> emittiert und absorbiert werden kann, die in diesem Sinne
eine „Teilchennatur besitzen.IV Außerdem konnten noch so sorgfältige Experimente die Existenz des Äthers nicht nachweisen.V Das heißt, es gibt auch das materielle Medium gar nicht, in dem eine Strahlungswelle sich nach dieser
Anschauung hätte ausbreiten können. Fast gleichzeitig revolutionierte
die spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins die Vorstellungen
von Raum und Zeit. In der speziellen Relativitätstheorie werden die
drei Komponenten des Ortsvektors (x,y,z) im 3-dimensionalen Raum
um die Zeitkomponente ct zu einem Vierervektor (x,y,z,ct), der sog.
Raumzeit, erweitert. Dabei ist c die Lichtgeschwindigkeit. Einsteins
berühmte Formel aus der speziellen Relativitätstheorie E=mc² besagt
die Äquivalenz von Masse und Energie. Demnach kann Masse als
konzentrierte Form von Energie betrachtet werden, verbunden durch
das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit.VI Somit kann sich Masse unter
Umständen restlos in Energie umwandeln und umgekehrt Energie in
Albert Einstein
Masse. VII
1879 - 1955
An dem Beginn der jüngsten Umwälzung des physikalischen Weltbildes standen die Rutherford´schen Streuversuche 1910, die darauf hindeuteten, dass in
einem Materie-Atom ein positiv geladener Kern von negativ geladenen Elektronen umkreist
wird. Man stellte sich also ein Atom wie ein winziges Planetensystem vor. Aber dieses Modell funktionierte nicht. Die Elektronen
müssten Licht und damit Energie abstrahlen, so dass das Atom
nicht stabil sein könnte, weil die Elektronen alsbald in den Atomkern abstürzen müssten.
Die ersten Schritte, ein zutreffendes Atommodell unter Zuhilfenahme der Planck’schen Quantenhypothese zu entwickeln, unternahm Niels Bohr 1913, der damit zum eigentlichen Pionier der
neuen Quantenphysik wurde. Er postulierte, dass Elektronen im
Atom nicht beliebige Bahnen einnehmen können, sondern nur solche, bei denen auf die als kreisförmig angenommene Umlaufbahn
eine ganze Zahl von Wellenlängen h/p
der den Elektronen mit dem Impuls p
zugeordneten Welle passt. Dann sind
Ernest Rutherford
nur die so bestimmten Bahnen mög1871 - 1937
lich, und es gibt eine Bahn niedrigster
Energie, die keine Energie mehr abgeben kann. Bahnen höherer
Energie können das, indem sie auf eine der erlaubten Bahnen niedrigerer Energie „springen“ und dabei Licht gemäß der Planck’schen
Hypothese emittieren. Damit war sowohl die Stabilität der Atome,
als auch die Tatsache erklärt, dass sie kein kontinuierliches, sondern
ein diskretes Linienspektrum in Emission und Absorption haben.
Darüber hinaus gelang es ihm, eben dieses Spektrum für das einfachste Atom, das Wasserstoffatom, quantitativ zu berechnen. Er
Nils Bohr
verband dabei bereits das Teilchen mit dem Wellenbild für das
Elektron, die für unsere Anschauung nicht miteinander vereinbar
1885 - 1962
sind.
Dieses heuristisch zusammengestellte Modell war natürlich noch keine Theorie. Die Entwicklung einer konsistenten Theorie vollzog sich in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts
in einem produktiven Prozess internationaler Kooperation, der bis dahin beispiellos war. Im
Jahr 1926 gab Erwin Schrödinger der nun so genannten Quantenmechanik mit seiner
87
Erwin Schrödinger
1887 – 1961
Wellengleichung die Gestalt der sog. Wellenmechanik, aus der sich
die Resultate des Bohr´schen Atommodells elegant ableiten ließen. Dabei zeigte sich eine formale Isomorphie zur klassischen Mechanik,
wenn man die physikalischen Größen wie etwa Ort und Impuls als Operatoren auffasst, die auf die Schrödinger´sche Wellenfunktion J einwirken so, wie auch ein Messinstrument für diese Größen auf das Objekt
einwirkt. Man nennt sie deshalb allgemein auch Observable. Anders als
in der klassischen Mechanik, wo physikalische Größen einfach durch
ihre Maßzahlen unabhängig von der Reihenfolge ihrer Messung gegeben sind, hängen Messergebnisse in der Quantenmechanik von der
Reihenfolge der Messungen ab, und das zeigt sich mathematisch darin,
dass das Produkt zweier Operatoren O1 und O2 von der Reihenfolge der
Faktoren abhängt, so dass
O1O2 – O2O1 K 0 ist.
Werner Heisenberg erkannte, dass für die Quantenmechanik die Vertauschungsrelation
pq – qp = (L/i)1
für Ort q und Impuls p fundamental ist, wobei L die Planck’sche Konstante h, dividiert durch
2M, i die imaginäre Einheit und 1 der nichts ändernde 1-Operator ist. Aus dieser so genannten
Vertauschungsrelation leitete er die berühmte Unschärfe-Relation ab,
p q
wobei Np und Nq die Unschärfen bei der Messung von p und q sind. Da die Operator-Observablen der Quantenmechanik durch Matrizen im abstrakten, nur mathematisch definierten
„Raum“ der Wellenfunktionen dargestellt werden können, nannte man die von Heisenberg gegebene Form der Quantenmechanik anfänglich auch Matrizen-Mechanik. Sie ist äquivalent zur
Schrödinger’schen Wellenmechanik.
Die Unschärfe-Relation (oder besser: Unbestimmtheits-Relation) ist eine charakteristische
Eigenheit der Quantenwelt. Sie besagt, dass bestimmte Eigenschaften eines Teilchens, deren
Observablen nicht vertauschbar sind, nicht gleichzeitig genau bestimmt sein können. Das prominenteste Paar sind Ort und Impuls. Das heißt etwa: Ist die Position eines Teilchens bekannt,
so ist seine Geschwindigkeit weitgehend unbestimmt. Umgekehrt ist
der Aufenthaltsort umso unbestimmter, je genauer seine Geschwindigkeit v und mit ihr sein Impuls p = mv bestimmt ist (m ist seine
Masse). Die Orts-Impuls-Unschärferelation gilt als eines der Grundcharakteristiken der Quantenmechanik. Wichtig ist, dass diese Art
von Unschärfe nicht aus Messungenauigkeiten oder Messfehlern resultiert. Sie ist eine unausweichliche Konsequenz der mathematischen Struktur der Quantenphysik, aus der sie sich unabhängig von
konkreten Experimenten ableiten lässt. Das bedeutet, dass Elektronen, Atome und andere Quantenobjekte sich grundlegend anders verhalten, als wir es von den Dingen aus unserem Alltag kennen. Sie
haben keine klar bestimmten Bahnen, weil auf Bahnen Ort und Impuls zugleich gegeben sind. Man sagt daher, deren Bahnen seien
Werner Heisenberg
„verschmiert“ als Folge davon, dass sie sowohl Teilchen- als auch
1901 - 1976
Welleneigenschaften haben. Die Teilcheneigenschaften wie Ort und
Impuls, Energie und Lebensdauer, ergeben sich erst durch Messung, deren Ergebnisse aber unbestimmt und nur durch Wahrscheinlichkeiten gegeben sind, die sich aus ihrer Wellenfunktion
– auch Zustand genannt – berechnen lassen.
Die zeitliche und räumliche Entwicklung der Wellenfunktion zwischen zwei Messungen ist
durch die Schrödinger-Gleichung eindeutig bestimmt. Durch eine Messung aber werden die
88
Teilcheneigenschaften bekannt, so dass sich die von da an entwickelnde Wellenfunktion abrupt ändert. Man nennt dies den Kollaps der Wellenfunktion.
Die Wellenfunktion ist also keine objektive Gegebenheit, sondern von der vorausgehenden
Messung abhängig, und sie ist keine materielle Eigenschaft des Objekts, sondern sie stellt mögliches Wissen über das Objekt dar.VIII Diesen Sachverhalt nennt man den Welle-Teilchen-Dualismus.IX Weil Welle und Korpuskel unterschiedliche Erscheinungsweisen ein und derselben
Natur sind, hat man in der Quantenphysik den Begriff der Komplementarität 214eingeführt.
„Komplementarität ist ein Begriff der Erkenntnistheorie für zwei widersprüchliche, einander
ausschließende, kausal nicht voneinander abhängige, nicht aufeinander reduzierbare Beschreibungsweisen oder Versuchsanordnungen, die aber dennoch
zusammengehören und einander ergänzen und in ihrer
wechselseitigen Ergänzung zum Verständnis eines Phänomens oder Sachverhaltes im Ganzen notwendig sind. Zwei
komplementäre Eigenschaften gehören zusammen, sofern
sie dieselbe Referenz haben, also dasselbe „Objekt“ betreffen, jedoch kausal nicht voneinander abhängig sind. Die
zwei dabei verwendeten Methoden unterscheiden sich
grundsätzlich im Verfahren und können in der Regel nicht
gleichzeitig, sondern nur nacheinander eingesetzt werden.“
Welle und Teilchen sind also jeweils komplementäre Erscheinungsformen ein und derselben Wirklichkeit.
Als die Erkenntnisse Heisenbergs und anderer unter den
Physikern nachvollzogen und verstanden wurden, hatte
dies alsbald eine Revolution des ph ysikalischen
Die sog. Rubin´sche Vase
Weltbildes zur Folge. Hatte man bis dahin gedacht, dass
die Wirklichkeit alles das und nur das wäre, was man beVase oder Gesicht? – In der Grafik
obachten, sprich, messen kann, so wurde man nun eines
bilden beide eine Einheit und es gibt
das eine nicht ohne das andere. Beide
Besseren belehrt: Obwohl sich die Physik als empirische
Figuren sind „komplementär“. Es
Wissenschaft ausschließlich auf das gründet, was man meskann das eine nicht ohne das andere
sen kann, musste sie doch einsehen, dass diese dingliche
sein. Aber nur jeweils eines davon
Wirklichkeit – nennen wir sie treffend Realität, weil dies
wird sichtbar. Welches das ist, hängt
von res, die Sache, das Ding kommt – nicht die ganze Wirkvom Betrachter ab, der seine Sichtweise zwar ändern kann, aber nielichkeit sein kann, sondern, dass eine weitere ontologische
mals beides auf einmal zu sehen beKategorie hinzugenommen werden muss, nämlich die Pokommt.
tentialität in Form der Wellenfunktion, um überhaupt,
wie oben beschrieben, die Stabilität der Atome und ihr Linienspektrum verstehen zu können.
Die Wirklichkeit ist also mehr als die Realität des Messbaren. Sie hat eine Doppelstruktur aus
Realität und Potentialität. Potentialität aber, obwohl nicht messbar, ist dennoch wirklich, weil
sie wirkt, indem aus ihr die Realität durch Messung, allgemeiner gesagt, durch Dekohärenz 215
hervorgeht. Das ist die ontologische Revolution, die die Quantentheorie mit sich gebracht hat.
214
Komplementarität – Diesen Begriff hatte der Physiker Niels Bohr als Komplementaritätsprinzip in die Quantenphysik eingeführt. Schon Bohr selbst verallgemeinerte den Begriff Komplementarität später auf fundamentale
Gegensätze und Paradoxien in anderen Bereichen. Deshalb wurde der Begriff unscharf und vieldeutig und meint
inzwischen häufig nur noch ein grundsätzliches „Sowohl-als-Auch“. Der Physiker und Theologe John Polkinhorne
verwendet den Begriff der Komplementarität zur Beschreibung der Differenz und gleichzeitigen Bezüglichkeit
theologischer und naturwissenschaftlicher Aussagen. – John Polkinhorne: An Gott glauben im Zeitalter der Naturwissenschaften. – Die Theologie eines Physikers. (Insbesondere Kp.2: Die Suche nach der Wahrheit in den
Naturwissenschaften und der Religion – ein Vergleich, S. 32ff).
215
De ko här e nz geschieht, wenn sich ein Quantenobjekt durch Ankopplung an seine Umgebung aus der umfassenden Kohärenz der Potentialität als unterscheidbares „Ding“ herausschält. Ist diese Umgebung ein Messinstrument, dann handelt es sich um eine Messung im üblichen Sinne. Dekohärenz ist das, was H.P. Dürr „gerinnen“ oder „verschlacken“ nennt.
89
Der Quantenphysiker Hans Peter Dürr stellt die neue Sicht der Dinge wie folgt dar:216 Um
die Welt zu verstehen, möchte der menschliche Geist sie „begreifen“. Wir nehmen also die
Dinge unserer Umwelt in die Hand und betrachten sie als einen Gegenstand, ein Stück Stoff,
das wir untersuchen. Die Materie erscheint uns dabei als Ansammlung von Objekten, die unsere
Umwelt ausmachen, und wir untersuchen sie mit der Gewissheit, dass wir selbst dabei das untersuchende Subjekt sind und als solches mit dem untersuchten Gegenstand nichts zu tun haben,
sondern ihm als Beobachter gegenüber stehen. Heisenbergs Entdeckung hatte zur Folge, dass
man sich darüber klar werden musste, dass das, was wir sehen
und messen unweigerlich davon bestimmt ist, mit welcher Methode und welchen kategorialen Voraussetzungen wir an die
Materie herantreten um sie zu beobachten oder zu messen. Mit
anderen Worten: Das Messergebnis wird immer und unvermeidlich von der Messmethode bestimmt, mit der wir dem Gegenstand „gegenüber treten.X
Die Physik hatte die Erforschung der Materie zunächst so vorangetrieben, dass sie die Körper der Umwelt in ihre Einzelteile
zerlegte. Innerhalb der Strukturen fand man schließlich Moleküle, aus denen ein Körper zusammengesetzt ist, man zerlegte
auch diese und fand die Atome. Und es zeigte sich bald, dass
man auch das Atom noch weiter zerlegen kann und es entstand
die Physik der Elementarteilchen. Je mehr man aber die StrukHans Peter Dürr
tur der Atome untersuchte, umso mehr „verschwand dabei die
1929 - 2014
eigentliche Materie.XI „Denn wenn wir die Materie immer weiter auseinander nehmen, bleibt am Ende nichts mehr übrig, was uns an Materie erinnert. Am
Schluss bleibt kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung. – Materie ist
nicht aus Materie zusammengesetzt. ... Am Grunde bleibt nur etwas, was mehr dem Geistigen
ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig: Potenzialität.XII ... Es ist echte Kreation: die Verwand lung von Potenzialität in Realität. 217 Womit man es zu tun bekommt, sind vor allem
die Kräfte von Wechselwirkungen innerhalb einer atomaren Struktur. Nochmals HansPeter Dürr: „Dieser Befund bedeutete eine große Überraschung. Man war davon ausgegangen,
man könnte durch immer größere Aufspaltung die äußere Form abstreifen und es bliebe dann
der eigentliche Kern, die »reine Materie« übrig. Aber das Gegenteil ist der Fall. Je mehr man
in die innere Struktur der »Dinge« eindringt, verliert man die Materie und die Form bleibt. D.h.
die Welt ist letztlich nicht aus Materie aufgebaut, sondern sie ist im Innersten eine Beziehungsstruktur. Das Primäre ist Beziehung, der Stoff das Sekundäre. Das »Dazwischen« ist das Ursprüngliche und Materie ist etwas, das sich erst bei einer Vergröberung ergibt. Das heißt: Stoff
ist geronnene Form.XIII Unser gesamter Kosmos, die Biosphäre und wir Menschen sind nur ein
Spezialfall der Gesamtwirklichkeit, etwa vergleichbar der beobachtbaren Spitze eines Eisbergs,
216
Hans Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik, Gedanken über die Einheit des Lebens; Crotona Verlag GmbH,
7.Auflage 2013. Derselbe: Auch die Naturwissenschaft spricht nur in Gleichnissen, HERDER spektrum, Taschenbuch. Hans-Peter Dürr, Marianne Oesterreicher: Wir erleben mehr als wir begreifen: Quantenphysik und Lebensfragen HERDER spektrum Taschenbuch; sowie H. P. Dürr: „Wir erleben mehr als wir begreifen“ – Naturwissenschaftliche Erkenntnis und Erleben der Wirklichkeit, Seminar zum Dialog von Naturwissenschaft und Theologie,
TU Clausthal, 28.5.2002. Diese Aufzeichnung ist auf einer Video DVD erhältlich: Ausleihe in der UniversitätsBibliothek.
217
Hans Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens. Coronta Vlg., 2010
90
Hans Peter Dürr: „Im verborgenen Hintergrund (der aktuellen Realität) herrscht ein ´feuriges Brodeln´, ein ständiges Werden und Vergehen.“ – Wie soll man das darstellen? Die Grafik ist der
gleichnishafte Versuch, sich diese jenseitige Wirklichkeit, die man nicht sieht und nicht direkt messen kann, dennoch irgendwie vorzustellen. Und wie der Goldgrund, auf den die mittelalterlichen
Bilder der Heiligen gemalt sind, signalisiert die Goldfarbe hier die Transzendenz der veranschaulichten Wirklichkeit,. – Diese Wirklichkeit ist unanschaulich, rein geistiger Natur. Aber wir finden
ihre Spuren in dem, was wir messen können. – Und sie bewirkt, was wir haben und sind. Wir sind
ein Teil von ihr.
http://mrg.bz/FI72mj
oder mit einer Wolke aus kondensiertem Wasserdampf.XIV Es »gibt« eigentlich nur dieses
Ganze und nicht mehr die einzelnen Teile. Dieses »Ganze« ist ein unendlich ausgedehntes,
Wahrscheinlichkeitsfeld, in dem sich Schwingungen überlagern, und das im gesamten Raum
»verschmiert« ausgedehnt ist. Materie ist die Schlacke dieses Geistigen – zerlegbar, abgeschlossen, determiniert, – das ist die uns handgreiflich zugängliche Realität. In der Potenzialität
»hinter« der Materie gibt es keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Die Zukunft
ist im Wesentlichen offen. Es lassen sich für das, was da »verschlackt«, was also real passiert,
nur noch Wahrscheinlichkeiten angeben. Die Welt stellt sich dar als eine Entität von Feldern,
die alle miteinander in Wechselwirkung stehen. Man könnte meinen, das sei nur eine theoretisch-mathematische Vorstellung. Aber das ist falsch, denn diese Wahrscheinlichkeitsfelder erzeugen unmittelbare Realität. Die Wirklichkeit ist also dual, sie existiert in zwei
grundsätzlich verschiedenen Aspekten und erzeugt damit gewissermaßen zwei
Welten. Aber erst durch den Vorgang einer Aufhebung der grundsätzlich bestehenden Kohärenz innerhalb ihrer Wellenstruktur gerinnt die Potenzialität zu einer Realität, und es entsteht
dingliche, „handgreifliche“ Materie.
Creatio continua – Die Welt ist ein ständiges Schöpfungsgeschehen
Warum also und wie entsteht nun Materie, die feste Natur? – Die Antwort auf diese Frage gibt
die Quantenmechanik mit der Erscheinung der in Fußnote 215 beschriebenen Dekohärenz. Das
Jenseits der Materie, die „versteckte Wirklichkeit“, also die Potentialität, ist ein grenzenloses
Meer von sich gegenseitig überlagernden Schwingungen eines WahrscheinlichkeitsfeldesXV.
91
Die sich ergebenden Überlagerungen bilden ein Erwartungsfeld komplexwertiger 218 Wahrscheinlichkeitsamplituden für den Ausgang von Messungen an einem Quantenteilchen an
einem bestimmten Ort im Raum. Ergebnisse der Messungen sind nur mit der entsprechenden
Wahrscheinlichkeit zu finden und unterliegen keiner weiteren Vorherbestimmung.
Der in der klassischen Physik geltende Determinismus einer eindeutigen Ursache-WirkungsBeziehung gilt in der Quantenphysik nicht. Deshalb lassen sich in Bezug auf einzelne Elementarteilchen dazu keine sicheren Voraussagen machen. Je höher jedoch die Anzahl der Teilchen
wird, desto mehr stimmt deren gemessene Verteilung mit der berechenbaren Wahrscheinlichkeit als relative Häufigkeit überein. Man spricht deshalb von einer „Ausmittlung“ nach deren
Prinzipien sich die Verteilung von Materieteilchen einstellt. Mit anderen Worten: Der Übergang
von der Potentialität in die Realität der Materie geschieht als Zusammenspiel von Zufall und
Wahrscheinlichkeit.
Zusammenfassend sei nochmals Hans Peter Dürr zitiert „Im verborgenen Hintergrund (der aktuellen Realität) herrscht ein ´feuriges Brodeln´, ein ständiges Werden und Vergehen. In jedem
Augenblick wird die Welt neu geschaffen, aber im (durch die jeweiligen Wahrscheinlichkeiten
vorbestimmten) ´Erwartungsfeld´ der abtretenden Welt. Die alte Potenzialität in ihrer Ganzheit
gebiert die neue und prägt neue Realisierungen, ohne sie jedoch eindeutig festzulegen. Es gibt
dabei keine strenge Kausalität, keine Vorherbestimmtheit, sondern nur eine grobe
Verbindung. Denn die Potenzialität der Wirklichkeit ist ein Reich der Freiheit: Die Zukunft ist
vollkommen offen. Aber mit einem Stück Erinnerung. ... Diese Erinnerung steckt in der Information als Wirkursache und gibt den Rahmen vor für die, in diesem Augenblick aktualisierbaren Werte. Das Zusammenspiel folgt dabei bestimmten Regeln. Der Übergang von der Potenzialität zur aktuellen Realität geschieht durch Ausmittlung und bringt so die klassische Physik
hervor, also das, was wir kennen. –
Potenzialität und Information
Die Potenzialität ist eine ganz andere, verborgene (nicht messbare) Welt mit eigenen Strukturen, und das Faszinierende ist, dass diese „andere Welt“ verwoben ist mit unserer, messbaren
Realität. Unsere Welt, in der alle Dinge getrennt erscheinen, in der auch wir uns als einzelne
Körper getrennt von anderen erfahren, ist im Hintergrund aber miteinander verbunden durch
die verborgene Potenzialität. Dieser andere, ganzheitliche Aspekt ist eine in der Potentialität
„versteckte Wirklichkeit“ fundamentaler Symmetrien, die auf vielerlei Weisen den Gang der
Dinge bestimmen, obwohl sie nicht materieller Natur sind, weil daraus die Erhaltungssätze der
Physik, wie z.B. die Erhaltung der Energie, des Impulses, des Drehimpulses, von Ladungen etc.
resultieren. Der Quantenchemiker Lothar Schäfer XVI beschreibt dies so:
„Über die Aktualität (also z.B. über ein Experiment oder über ein im Aufbau befindliches Großmolekül, z.B. bei der Kopie einer DNS) gibt es in der Potenzialität eine Information, ein Wissen
über die Aktualität, und diese Information bewirkt die Eigenschaften bzw. das Verhalten der
Teilchen (i.a. der Elektronen) bei ihrem Übergang in die Aktualität. Diese Quanteninformation
wirkt energie- ort- und zeitlos, nichtlokal im gesamten kosmischen Raum, hat keinen Informationsträger und keine lokalisierbare Quelle. Sie wirkt – anders als die materiellen physikalischen Kräfte – nicht in der Aktualität von Teilchen zu Teilchen, sondern im Übergang der dualen Welt der Potenzialität in die Aktualität. Sie ist somit
eine immaterielle
Wirkkraft.“ Schäfer vergleicht sie deshalb mit einem „Gedanken im Bewusstsein.“ Um die in
der Potentialität enthaltene Information zu entschlüsseln, bedarf es jedoch einer Codierung219,
218
Gemeint sind komplexe Zahlen z = x+iy, wobei x und y reelle Zahlen sind und i mit i2 = -1 die imaginäre Einheit ist.
Der Begriff I n fo r ma t io n wird in der Literatur unterschiedlich gebraucht. H.-J. Fischbeck empfiehlt, für das,
was hier Information heißt, besser von „Bedeutung“ (eine rein geistige Größe) zu sprechen und von deren „Codierung“ in der jeweiligen materiellen Gestalt, (auf Trägersubstanzen wie z.B. Rillen einer Schallplatte oder binärem
Zahlencode auf einer CD) zu unterscheiden und erst beides zusammen dann als Information zu bezeichnen. I n fo r ma t io n i st co d ier t e B ed e ut u n g. – Wir geben hier jedoch die vom Autor gewählte Begrifflichkeit wieder.
219
92
d.h. einer Gleichartigkeit der Sprache, die zwischen dem Urgrund und der materiellen Ausgestaltung dieser Information waltet.
Wir folgen wiederum Hans Peter Dürr, wenn wir diesen
Sachverhalt an einem sprachlichen Gleichnis verdeutlichen,
Grenzen der Menschheit
dem nachstehenden Goethe-Gedicht. 220 Dabei stehen die
einzelnen Buchstaben des Gedichtes jeweils für die
unterschiedlichen Quanten innerhalb der Struktur eines
entsprechenden Quantenfeldes.XVII Diese Buchstaben sind
nun in gewisse Ordnungsstrukturen eingebunden, hier in
unterschiedliche Buchstabenfolgen, die als einzelne Worte
jeweils einen Sinn haben, der den einzelnen Buchstaben
selbst so nicht anhaftet. Das heißt, man entdeckt einen neuen
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Wert, eine neue Information. Setzt man die Worte
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hintereinander, so entsteht ein Satz, der einen neuen Sinn
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Strophe mit einer weiteren Sinnbereicherung. In seiner
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Ganzheit entsteht so Strophe für Strophe das Gedicht als ein
nichtzerlegbares Ganzes, bei dem erst das Ende den Anfang
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ganz verständlich werden läßt.
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Nun ist es aber doch so, dass die Strophenstruktur dieses
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Gedichtes als solches noch nicht zum Verständnis dessen
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führt, was in dem Gedicht gesagt und gemeint ist. Wenn
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nämlich jemand die deutsche Sprache nicht versteht, dann
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sieht er nur das, was an diesem Gedicht objektiv feststell,
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bar ist: nämlich die Häufigkeit und Aufeinanderfolge von
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Buchstaben, die eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen.
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Ganz offensichtlich ist es erst die Kenntnis der Sprache,
die ein Verstehen des Gesagten ermöglicht. Die Sprache
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selbst aber und die Fähigkeit, sie zu verstehen und zu ge#
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brauchen, ist ein geistiges Phänomen. Erst ihre Sprachfä(
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higkeit ermöglicht es Lesern oder Hörern, dass sich das
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Gedicht in seiner ganzen Schönheit und formalen Voll) ( .
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kommenheit erschließt und es zu einem Erlebnis werden
lässt. Ohne die geistige Komponente Sprache kann man
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2
freilich die Ordnung der Buchstaben in ihrer Wahrschein) .
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lichkeit oder Unwahrscheinlichkeit ausrechnen und das
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Gedicht mit Zahlen kennzeichnen, – z.B. wie unwahr#
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scheinlich es ist, diese Buchstaben genauso anzuordnen,
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um damit einen „objektivierbaren“ Wert des Gedichtes zu
ermitteln. Das alles aber erschließt nicht seinen gedanklich-ästhetischen Gehalt. Diese geistige Fähigkeit für das
„Deutsch“ beeinflusst die Codierung einer Bedeutung.
Nun dürften Deutsche und Chinesen hinsichtlich der Anatomie ihrer Hirnstrukturen keine feststellbaren Unterschiede aufweisen. Dennoch sprechen beide unterschiedliche Sprachen, die ihrerseits durch unterschiedliche kulturelle Traditionen geprägt sind. Die jeweilige kulturelle Prägung ist also in diesem Fall die Differenz in der jeweiligen Codierung, mit der Informationen
verarbeitet werden. Und das führt zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich ein und
derselben Information. Wir können diese Betrachtungsweise in der folgenden Fassung des Goethe-Gedichtes simulieren, indem wir ihr einen fremden Code verpassen. Wir können z.B. in
dem Gedicht die Buchstaben des Alphabets spiegeln, also A mit Z, B mit Y, C mit X usw.
220
Hans Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik, S. 76ff.
93
vertauschen. (s. nachstehende Abb.). Jetzt kann man das Gedicht so lesen, als ob man kein
Deutsch versteht. In diesem Fall geht der im Gedicht vorhandene geistige Inhalt verloren. Dabei
haben sich jedoch seine objektiven materiellen Eigenschaften bezüglich der Häufung und Anordnung der Symbole, sowie ihrer Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit im Gesamtkontext durch die Umbenennung
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nicht verändert. Das heißt, auf der Ebene der „gequantelten“ Ma.
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terie gibt es zwischen der ersten und der zweiten Version keinen
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Unterschied. Wir sehen vielleicht Regelmäßigkeiten und könnten
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versuchen, sogar Theorien zu ihrer Erklärung zu finden. In beiden
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Fällen scheint klar, dass eine Vielfalt eine wichtige Rolle spielt,
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aber wir verstehen den Zusammenhang nur ganz ungenügend o; ( < . < '.
der gar nicht. – Für eine Entschlüsselung des hier verwendeten
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Codes muss man also die oben genannte Spiegelung der Einzel.
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buchstaben wieder aufheben.
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Um noch einen Schritt weiter zu gehen, könnten wir den Text des
Gedichtes rein materialistisch interpretieren, indem wir ausschließlich seine materielle Substanz, – hier in Form der im Text
enthaltenen Buchstaben untersuchen. Dann reduzieren wir den
Text auf seine materiellen Bestandteile in Form einer Liste der
insgesamt verwendeten Buchstaben als Symbole für die in dem
Gebilde vorhandenen Quanten. So bekommen wir das nachstehende statistische Ergebnis:
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Wir haben aus dem Gedicht keinen !!!
einzigen Buchstaben und kein ein- )))))))
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ziges Satzzeichen entfernt und le(((((
diglich die äußere Form ihrer An- 7
ordnung verändert. Das Ergebnis ist """""""
eine Ansammlung von Textbausteinen. Dadurch ging allerdings die ur- /
35
sprünglich enthaltene Information
verloren, – weil ihre Bedeutung
verloren ging. Stattdessen erinnert die jetzige Anordnung an das (ebenfalls geistige) Ordnungsprinzip des Alphabets, so wie es die Menschen der westlichen Hemisphäre für sich ausgedacht
94
haben. Mit anderen Worten: Ein- und dieselbe Materie kann Träger völlig verschiedener
Sinninhalte werden.XVIII Diese Zuordnung einer Bedeutung an solche materiellen Strukturelemente nennt man Codierung. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang der geistige Charakter
der Bedeutung einer Information im Unterschied zu ihrer materiellen Grundlage: Weil ein und
dieselbe Bedeutung völlig verschieden codiert werden kann, muss sie unabhängig vom Code
und kategorial verschieden sein. Dies ist u. E. ein Ausschlag gebendes Argument gegen den
Monismus des Materialismus und Naturalismus, der geistige Wirklichkeiten überhaupt leugnet
und stattdessen von „mentalen Phänomenen“ spricht und diese als Epiphänomene der Hirntätigkeit auffasst nach dem Grundsatz: „alles ist Natur“, und ´Natur’ ist im Naturalismus nur das
reproduzierbar Feststellbare, d.h. Messbare. Die Doppelstruktur der Information aus materiellem Code und immaterieller Bedeutung korrespondiert zur allgemeinen Doppelstruktur
der Wirklichkeit aus Realität und Potenzialität. Definiert man ´Geist’ als Inbegriff aller Bedeutungen, so liegt der Schluss nahe, Potenzialität gewissermaßen als „Medium“ des Geistes anzusehen, so dass Bedeutungen als potenzielle Informationen anzusehen sind.XIX
Die umstürzende Entdeckung der Quantenphysik war die der „Doppelnatur aller elementaren
Grundbausteine der Materie und damit der Welt der „Dinge“, die wir beobachten und der wir
auch selbst mit Leib und Seele angehören. Diese Welt der „Dinge“ zeigt sich nunmehr als Emanation einer jenseitigen, die „Dinge“ transzendierenden Wirklichkeit, deren Natur sich den Gesetzen der klassischen Physik zwar entzieht, deren Existenz sich jedoch erschließen ließ in dem
Bemühen, fundamentale Beobachtungstatsachen zu erklären. Dadurch, dass dies in einer konsistenten mathematischen Theorie, der Quantentheorie, gelang, deren messbare Vorhersagen mit
einer bisher nicht gekannten Präzision experimentell bestätigt werden konnten, kann an dieser
Wirklichkeit nicht mehr gezweifelt werden, obwohl sie nur indirekt erschlossen und nicht direkt
beobachtet werden kann.
Damit standen die Naturwissenschaften vor der Tatsache einer neuen Art von Meta-Physik, also
vor etwas, für das in ihrem zuvor geschlossenen, mechanistisch-materialistischen Weltbild bisher kein Platz war. Der Prozess, diesen weltbildlichen Wandel zu „verdauen“, dauert immer
noch an. Andererseits haben Forscher des 20. Jahrhunderts schon seit langem entsprechende
Schlussfolgerungen gezogen.XX Nach Lothar Schäfer „gibt es zahlreiche Hinweise auf das Wirken von bewusstseinsartigen Elementen im Bereich der Physik.“ Der Autor fasst sie wie folgt
zusammen:
•
•
•
•
•
„Elementarteilchen können in makroskopisch sichtbarer Weise auf den Fluss von Informationen 221 reagieren, als ob sie von dem beeinflusst würden, was wir von ihnen
denken.
Die nichtmateriellen Wahrscheinlichkeitsfelder der Quantenwelt sind der Natur
von Gedanken ähnlicher als der von Dingen, und dennoch bestimmen sie die sichtbare
Ordnung der materiellen Welt.
Quantensprünge sind spontan. Ein aktives Bewusstsein ist das einzige Ding, das wir
sonst noch kennen, das spontan agieren kann.
Die nichtlokalen Effekte der Quantenwelt sind nichtmaterieller oder nicht-energetischer Art und vermitteln den Eindruck von der Wirkung eines Bewusstseinsprinzips
im Universum, das nicht an Einstein´sche Lokalität gebunden ist.
Das Pauli-Prinzip – d.h. zwei Elektronen können im selben System (z.B. Atom, Molekül oder Kristall) nicht im selben Zustand existieren, – beruht nicht auf einer mechanischen Kraft, sondern auf der S ymmetrie von leeren Wahrscheinlichkeitswellen, das heißt auf einer verstandesmäßigen Eigenschaft von fast nichts. XXI
Die Wechselwirkungen zwischen Geist und Körper sind von einer Art – ohne sichtbaren Energieaustausch –, für die in der materialistischen Ordnung der klassischen Physik kein Platz war.
221
H.-J. Fischbeck schlägt vor, statt von einem „Fluss von Informationen“ lieber von „möglichem Wissen“ zu
sprechen.
95
In der Quantenwelt sind solche Wechselwirkungen – Kausalität durch Information – naturgegeben, und was wir über ein System wissen können, kann einen direkten Einfluss auf einen
physikalischen Vorgang haben.“
Lothar Schäfer erinnert an dieser Stelle nochmals an folgende Beispiele:
„In Interferenzexperimenten mit Photonen wird das Interferenzmuster zerstört, wenn
wir wissen, auf welchem Wege die Photonen den Apparat durchlaufen.
In Experimenten mit nichtlokalen Vorgängen wird der Zustand eines Materieteilchens
über lange Abstände hinweg durch das Wissen darüber, in welchem Zustand sich ein zweites,
mit ihm verbundenes Teilchen befindet, ursächlich verändert.
In Elektronenbeugungsexperimenten scheinen einzelne Elektronen zu wissen, in welchem Zustand sich der Apparat in allen seinen Teilen befindet und verhalten sich dem entsprechend. Wenn man weiß, welchen Spalt jedes Elektron durchläuft, dann sieht die Intensitätsbeurteilung am Detektor anders aus als wenn man darüber nichts weiß.“222
Über Mathematik und das Vermögen des menschlichen Geistes
Der menschliche Geist ist wohl das spannendste Ereignis in der Entfaltung des Universums,
soweit es uns bekannt ist. Die Fähigkeit, uns unserer Person, unseres Selbstes bewusst zu sein
und unser Denkvermögen ganz allgemein, geben uns innerhalb des bisher bekannten Universums eine einzigartige Sonderstellung. – Was aber ist eigentlich Bewusstsein, was ist Denken?
Für die heute noch immer herrschenden Vorstellungen der Neurobiologie ist unser Bewusstsein, – auch das, was wir gemeinhin Seele nennen, etwas, das „vom Gehirn gemacht wird“.223
Man „verschanzt sich hinter dem Argument, die Quantentheorie gelte ja nur in der submikroskopischen Unterwelt, nicht aber für die durchaus makroskopischen Vorgänge im Gehirn. Das
aber wird inzwischen überzeugend bestritten.“224 Deshalb lohnt es sich, den Sachverhalt am
Beispiel der Mathematik zu überprüfen.
In der Mathematik nehmen unsere Denkvorgänge ihre reinste Form an. Falls Denken nichts
anderes wäre als das logische Durchführen einer Berechnung, sollte man das am besten an unserem mathematischen Denken erkennen können. Dabei würde unser Rechnen nichts anderes
darstellen als das, was heutzutage auch Computer tun. Deren Rechenleistung beruht auf Algorithmen, also auf Rechenvorschriften, die man dem Computer vorher eingegeben hat. Bei vielen
Berechnungen ist der Computer gewiss schneller als der Mensch. Voraussetzung sind entsprechende Speicherkapazität und Rechenleistung des Computers.
In der Sparte „Künstliche Intelligenz“ (KI) der Computerwissenschaft geht man von der auch
„Computer-Metapher“ genannten Arbeitshypothese aus, dass menschliches Denken auch nichts
anderes ist als das Befolgen von naturgegeben oder daraus entwickelten selbst gesetzten Algorithmen. Darum gelte es, diese zu erforschen, auf hinreichend komplexen Computern mit hinreichend großer Speicherkapazität zu implementieren, dann würden diese eine vergleichbare und
noch höhere Intelligenz entwickeln und, mehr noch, sie würden sogar so etwas wie Bewusstsein
zeigen. Um Letzteres entscheiden zu können, hat Alan Turing 1950 folgenden, nach ihm benannten Test vorgeschlagen: Ein Computer-Programm und ein menschlicher Partner einerseits führen
einen offenen Dialog (besser Trialog) mit einem menschlichen Gutachter andererseits. Wenn der
Gutachter nicht unterscheiden kann, welches der Computer und welcher der Mensch ist, dann
müsse man dem Computer Bewusstsein zusprechen. 1991 wurde ein hoher Preis für das Programm ausgesetzt, das diesen Test besteht.
222
H-J. Fischbeck schlägt vor, in diesen Aussagen ‚wissen’ durch ‚wissen können’ zu ersetzen.
Gerhard Roth, Nicole Strüber: Titel: „Wie das Gehirn die Seele macht“; Klett Cotta Verlag 2015 5. Auflg.
224
Man „ignoriert dabei, dass es sehr wohl auch makroskopische Quantenzustände wie bei der Supraleitung oder
dem Laser gibt, wobei sich makroskopische Zusammenhänge als Quantenkohärenzen ausprägen. So H.-J. Fischbeck: Wie ist das mit der Seele? Stellungnahme zu dem Artikel „Ein ewiges Geheimnis?“ in „Die Kirche“ vom
31. Mai 2015 von Uli Schulte-Döinghaus.“
223
96
Der britische Mathematiker und Physiker Roger Penrose hat dieser KI-Hypothese mit seinen viel
beachteten Büchern „Computerdenken“ und „Der Schatten des Geistes“ entschieden widersprochen und stützt sich dabei zusammen mit seinem Kollegen Lucas (1961) auf ein nahezu beweiskräftiges Argument, das auf dem Gödel´schen Unvollständigkeits-Theorem (1931) beruht.
Um zu verstehen, worum es dabei geht, müssen wir uns mit den verwandten und doch unterschiedlichen Begriffen ‚berechnen’, ‚beweisen’, ‚verstehen’ befassen. Berechnen ist das Ausführen von Rechenverfahren – Algorithmen – wie in einfachsten Fällen etwa die, die wir beim sog.
schriftlichen Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren ausführen. Sie halten an,
wenn das Ergebnis erreicht ist. Bei den drei erstgenannten ist das evident, aber beim Dividieren?
Es gibt doch unendliche Dezimalbrüche! Ein „korrekter“ Algorithmus muss ein Ergebnis haben,
d.h. er muss aufhören. Also gehört zu einer vernünftigen (korrekten) Divisionsaufgabe die Vorschrift, auf wie viel Stellen genau man das Ergebnis haben will, z.B. 4 bei 2/3 O 0,6667.
Viele mathematische Beweise – das sind formale logische Schlüsse aus als wahr angenommenen Prämissen, die nach endlich vielen Schritten zum Ergebnis führen – sind in diesem Sinne
Berechnungen und können wie alle Berechnungen vom Computer, d.h. maschinell (geistlos)
ausgeführt werden. Aber sind alle Beweise berechenbar? Diese Frage verneint das berühmte
Gödel’sche Theorem (1931), das in zwei Varianten bewiesen wurde: Die eine besagt, dass es
in hinreichend reichhaltigen, widerspruchsfreien formalen Systemen immer Aussagen gibt, die
in ihrem Rahmen nicht formal ableitbar sind. Die andere besagt, dass das insbesondere für ihre
eigene Widerspruchsfreiheit gilt.
Es würde nun zu weit führen, die bei R. Penrose angeführten tieferen mathematischen Überlegungen darzustellen, die alle Einwände, die man hinsichtlich der Bedingungen einer Widerspruchsfreiheit oder der Frage von formalen Systemen und algorithmischer Beweise etc. erheben könnte. Sie werden bei Penrose alle stringent widerlegt. R. Penrose: „Gödel scheint es also
für offensichtlich gehalten zu haben, dass das physikalische Gehirn sich berechenbar verhält,
der Geist aber etwas ist, das über das Gehirn hinausgeht. Nach Gödel ist also das Wirken des
Geistes nicht darauf beschränkt, sich entsprechend der Berechnungen zu verhalten, die seiner
Meinung nach das Verhalten des physikalischen Gehirns bestimmen müssen.“225 Dem gegenüber schlägt Penrose im Verein mit dem Neurowissenschaftler und Anästhesisten Stuart Hameroff eine Quanten-Theorie des Bewusstseins vor, die im klassischen Sinne nicht berechenbar
ist. Demnach befindet sich das Gehirn bei Bewusstsein in einem makroskopischen Quantenzustand, der sich über das Netzwerk der neuronalen Mikrotubuli ausbreitet.226 Siehe Anmerkung
xxxii)
Der Physiker und Theologe John Polkinghorne schreibt: „Wie haben wir den Charakter der
Mathematik zu verstehen? Ist sie nur eine mentale Gymnastikübung oder erschließt sie ein bereits existierendes mentales Reich? … Mathematiker gebrauchen sehr oft die Sprache von Entdeckungen. Bedenkt man eine tiefgehende, in der Tat unendlich reiche mathematische Entität
wie die Mandelbrot-Menge …fällt es schwer zu glauben, dass sie erst ins Sein trat, als Benoit
Mandelbrot erstmals ihre täuschend einfache Definition dachte. … Die mathematische Wahrheit hat sich als eine erwiesen, die über das Beweisen von Sätzen hinausgeht und sich der totalen
Erfassung in den Maschen eines wie auch immer gearteten logischen Netzes entzieht. … Es
gibt ein Reich der physikalischen Erfahrung, welche Stock und Stein enthält. Aber es gibt auch
ein Reich der mentalen Erfahrung, welches die Wahrheiten der Mathematik enthält. Es handelt
sich dabei nicht um zwei unverbundene Reiche, sondern um Teile einer in sich verschränkten,
komplementär geschaffenen Realität. So bezeugen es sowohl unsere »amphibischen« Erfah-
225
Penrose a.a.O. S.160 f.
Das sind Nanoröhren, die das Cytoskelett der Nervenzellen bilden. Neuerdings wurde experimentell nachgewiesen, dass sich entlang von Mikrotubuli tatsächlich Quantenkohärenz ausbildet. Nach Fischbeck a.a.O.
226
97
rungen als verleiblicht denkende Wesen als auch die unbegründete Effektivität, mit der mathematische Muster die Strukturen der physikalischen Welt erschließen.“227 Dass z.B. in allen ebenen, rechtwinkligen Dreiecken die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem
Flächeninhalt des Hypotenusenquadrates ist, sodass a2 + b2 = c2 gilt, war als mathematische
Wahrheit schon im alten Ägypten und im babylonischen Reich des Hammurabi bekannt und
wurde entsprechend bei Landvermessungen angewandt, bis sie schließlich von Pythagoras (oder seiner Schule) auch mathematisch sauber bewiesen wurde. Es scheint sich also so zu verhalten, dass die Mathematik auch eine geistige Wirklichkeit abbildet, die jenseits von deduktiver Logik zuhause ist.
„Kosmisches Bewusstsein“ – Eine unstatthafte Spekulation?
Phänomene dieser Art führen nach Lothar Schäfer zu dem Schluss, dass der Hintergrund der
Wirklichkeit geistähnliche Eigenschaften hat. XXII Anders ausgedrückt: „Der Hintergrund der
Wirklichkeit ist einem Bewusstsein ähnlich.“228 Es erscheint angesichts solcher Befunde und
Überlegungen nicht zu weit hergeholt, wenn wir davon ausgehen müssen, dass es so etwas wie
ein kosmisches Bewusstsein gibt:
• „Wenn die Wirklichkeit ein Netzwerk von nichtlokalen Verbindungen ist, dann ist es
wahrscheinlicher, dass sie uns einschließt, als dass sie das nicht tut.
• Wenn die Wirklichkeit die Natur eines Bewusstseins hat, dann ist es wahrscheinlicher,
dass es sich uns mitteilt, als dass es dies nicht tut.
• Wenn die Entfaltung des Universums die Entfaltung des Bewusstseins ist, dann ist es
wahrscheinlicher, dass wir an diesem Prozess beteiligt sind, als dass wir es nicht
sind.“229
Fasst man die Erkenntnisse eines Jahrhunderts physikalischer Forschung zusammen, so bleibt
als Ergebnis dies: Die Wirklichkeit ist nicht nur aus Dingen gemacht. Die Quantenphysik sagt,
sie ist Potenzialität, die sich faktizifieren kann. Es gibt eine „versteckte Wirklichkeit“, ein immaterielles Sein hinter der, unserer Beobachtung zugänglichen Welt der physikalischen Objekte. Sie hat die Möglichkeit, sich materiell realisieren zu können. Aber sie ist nicht die Manifestation selber, sondern das, was vor der Manifestation kommt. Die Existenz dieser Wirklichkeit ist inzwischen dokumentiert, sie lässt sich aber in der objektivierenden Manier der
Newton´schen Physik nicht „feststellen“.XXIII Es waren aber gerade die nun wirklich feststellbaren Ungereimtheiten und daraus erwachsenden Probleme der klassischen Physik, die eine
Revision des Weltbildes der Naturwissenschaften notwendig gemacht haben. Das hat u. a. dann
auch zu einer neuen interdisziplinären Praxis von Wissenschaft geführt, die eine der Früchte
dieses letzten Wissenschaftsjahrhunderts ist.
227
John Polkinghorne: An Gott glauben im Zeitalter der Naturwissenschaften – Theologie eines Physikers, Kaiser Vlg/Gütersloher Verlagshaus.2000, S. 123 ff.
228
Lothar Schäfer a.a.O., S. 119
229
Lothar Schäfer a.a.O., S. 151
98
Exkurs 3
Gedanken über das Anthropische Prinzip
Warum „anthropisch“?
Menschen früherer Jahrhunderte bewegte die Frage, warum die Welt so ist, wie sie ist, kaum,
denn die Antwort war immer schon gegeben: Weil Gott sie so geschaffen hat.
Und so stellte man sich das Weltgebäude vor: Die Erde ist der Schauplatz des von Gott geschaffenen Lebens mit dem Menschen als dessen „Krone“. Sie ist das Zentrum der Welt. Dass sie
eine Kugel und keine Scheibe ist, hatte Ptolemäus gezeigt. Sie wird von Sonne und Mond umkreist. In der translunaren Sphäre bewegen sich die Planeten. Die Fixsterne bewegen sich nicht,
sie sind befestigt am Firmament, einer großen alles umfassende Hohlkugel. Jenseits derselben
ist der Himmelssaal, in dem Gott thront.
Wie jeder weiß, haben Kopernikus und Kepler, gestützt auf die astronomischen Beobachtungen Tycho Brahes, gezeigt, dass die Welt so nicht aussieht. Nicht die Erde ist ihr Mittelpunkt, sondern die Sonne. Weitere astronomische Beobachtungen zeigten: Die Sonne ist nichts
Besonderes. Vielmehr sind all die sog. Fixsterne am Firmament ebenfalls Sonnen. Sie sind gar
nicht fix, sie bewegen sich, wie die Planeten auch, nach den Gesetzen der Mechanik, die
Newton 1687 formulierte. Je größer die astronomischen Teleskope wurden, die man baute,
umso mehr Sterne wurden sichtbar, ja man entdeckte, dass auch der Andromeda-Nebel eigentlich ein ebenso großes Milchstraßensystem ist wie das unsere, und es gibt viele weitere davon.
So also sieht das Weltgebäude aus: Riesige tote Räume mit unermesslich vielen Sternsystemen
und Sternen, die ewig und gesetzmäßig ihre Bahnen ziehen. So eine Welt kann keine Grenzen
haben, sie muss ewig und unendlich sein. Ungeschaffen und unvergänglich ist sie und war
schon immer da und wird auch immer sein: Wo ist da Gott? Wo kann er überhaupt sein? Gibt
es ihn überhaupt? Die Erde mit der lebendigen Natur und dem Menschen auf ihr ist offensichtlich so winzig und bedeutungslos, dass man sie nur als skurrile Randerscheinung des Ganzen
ansehen kann. Diese Weltsicht war für Jean Paul ein Alptraum, den er 1796 in seiner berühmten Klage: „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ eindrucksvoll
geschildert hat.
Die offenkundige Belanglosigkeit des Menschen im All wurde von Hermann Bondi 1973,
zum „Kopernikanisches Prinzip“ erhoben und als eine besondere Form des „Kosmologischen Prinzips“ gedeutet, das besagt, dass unser Ort im All nichts Besonderes an sich
habe und dass das All überall im Wesentlichen gleich aussieht. Andere bezeichneten dies als
die erste, große metaphysische Kränkung des Menschen.
Doch das Weltgebäude wurde immer weiter und tiefer erforscht, so dass es im Ergebnis heute
doch recht anders aussieht als damals. Es traten erstaunliche Dinge zu Tage. Dass man erkannte, dass das Sonnensystem und der Planet Erde höchst spezielle Bedingungen erfüllen, die
für die Entstehung und das Gedeihen des Lebens und besonders des Menschen notwendig sind,
ist kein Widerspruch zum Kopernikanischen Prinzip, sondern zeigt diese terrestrischen Besonderheiten als einen glücklichen Zufall unter vielen anderen, so wie eine Gewinnzahl im Lotto
auch keine besondere Zahl in der unendlichen Reihe der natürlichen Zahlen ist. Hier ist es die
vermutlich riesige Zahl von Sonnensystemen im Weltall unter denen sich nun unser Sonnensystem mit der habitablen Erde als ein Glückstreffer befindet.
Spannender als das sind Zahlen und Fakten, die das ganze Weltgebäude betreffen, weil sie wesentlich sind für das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Die Rede ist von der Architektur der vier fundamentalen Wechselwirkungen (Gravitation, elektromagnetische,
starke, und schwache Wechselwirkung) und ihrer relativen Stärke, wie sie ausgedrückt wird
durch die entsprechenden Kopplungskonstanten, und die Massen und Ladungen der elementaren Teilchen wie Quarks, Protonen, Neutronen und Elektronen. Nichts deutet darauf hin, dass
99
ihre Werte prinzipiell so sein müssen, wie sie sind. Sie könnten auch anders sein, und dann sähe
unsere Welt u. U. völlig anders aus. Warum aber sind sie so, wie sie sind?
Es zeigte sich, dass sie äußerst fein darauf abgestimmt sind, dass Leben in dieser Welt überhaupt möglich ist. M.a.W., leichte Änderungen dieser Zahlen würden die Biochemie, die wesentlich Kohlenstoff-Chemie ist, unmöglich machen. Schon die Existenz des Kohlenstoffs
hängt davon ab. Dass er nämlich in ausreichender Menge bei den Kernreaktionen im Innern der
Sterne entstehen und dann durch Supernova-Explosionen in den interstellaren Raum gelangen
konnte, verdanken wir einer merkwürdigen Koinzidenz: Die Energie eines instabilen Beryllium-Helium-Compounds, wie er sich bei Aufeinanderstößen zwischen Beryllium und Helium
bildet, stimmt „zufällig“ mit der Energie eines angeregten virtuellen, also noch gar nicht existierenden Kohlenstoffkerns überein, so dass er in diesen und unter Energieabgabe in den stabilen Grundzustand des Kohlenstoffkerns übergehen kann. Man nennt dies den Tripel-AlphaProzess, denn das Beryllium entsteht durch Verschmelzung zweier B-Teilchen (das sind Heliumkerne), zu dem dann noch ein drittes B-Teilchen hinzukommt. Schon die Möglichkeit dieses Prozesses hängt empfindlich von den genannten Grundgrößen ab. Dass es eine solche Koinzidenz geben muss, war schon 1954 von dem britischen Physiker Fred Ho yle vorausgesagt
und ist dann im Experiment auch gefunden worden.
Konstante
Lichtgeschwindigkeit im (Vakuum)
Elementarladung
Atomare Massenkonstante
Avogadro Konstante
Planck`sches Wirkungsquantum
Gravitationskonstante
Boltzmannkonstante
Symbol
ca
e
mo
L, NA
h
G
k
Wert
299 792 458 m/s
1,602 176 565(35) 10-19As
1,660 538 921 10-27 kg
6,022 141 29 (27) 1023 mol-1
6,626 069 57 10-34 Js
6,673 84 (80) 10-11 m3/kg s2
1,380 6488 (13) 10-23 J/K
Kennzeichnend für das ganze Weltgebäude ist auch die Massendichte 9 des Universums.
Man bezeichnet. ihr Verhältnis zur kritischen Massendichte 9c mit P = 9/9c.230 Bei der kritischen Massendichte 9c XXIV ist in der Friedmann´schen Näherung der Einstein´schen Allgemeinen Relativitätstheorie die Krümmung des Weltalls gleich 0. Das bedeutet, dass dann die Geometrie des Weltalls im Großen flach, d.h. euklidisch ist, so dass die Winkelsumme von Dreiecken kosmischer Dimension = 180o ist und der Satz des Pythagoras gilt. Im Kleinen aber ist
die kosmische Geometrie als Wirkung der Gravitation gemäß der Massenverteilung natürlich
„verbeult“. Ist 9>9c (P>1), so ist die Krümmung positiv und das Weltall geschlossen. Ist 9<9c
(P<1), so ist die Krümmung negativ und das Weltall offen. Es ist nun von „schicksalhafter“
Bedeutung, dass für das Weltall mit ganz großer Genauigkeit P = 1 ist. Wäre P nur wenig
größer als 1, so würden sich die Massen zu schnell zusammenballen und zu Schwarzen Löchern
oder Neutronensternen kollabieren, aber nicht Milliarden von Jahren als thermonukleare Öfen
in einer Spiralgalaxis ruhig brennen, wie es unsere Sonne in der Milchstraße als sog. Hauptreihenstern tut und dadurch Leben ermöglicht. Wäre aber P nur wenig kleiner als 1, so würde die
kosmische Expansion die Massen so schnell auseinander treiben, dass gar keine Galaxienballung mehr möglich ist. Der Wert P = 1 ist nun aber alles andere als trivial. Die Massendichte 9
setzt sich nämlich aus der sichtbaren sog. baryonischen 231 Materie, aus der die Galaxien bestehen, der elektromagnetischen Strahlungsdichte einschließlich der kosmischen HintergrundStrahlung, der noch weitgehend unbekannten dunklen (nicht strahlenden) Materie und der
„dunklen Energie“ zusammen. Wieso sich diese Beiträge, die anscheinend nicht viel miteinander zu tun haben, so genau zu 9c addieren, ist vollkommen rätselhaft. Fasst man alles zusammen,
230
Wegen der Expansion des Kosmos nimmt die Massendichte mit der Zeit ab, und zwar gleichsinnig bei 9 und
bei 9c, so dass der Quotient P konstant ist.
231
Baryonen sind die der starken Wechselwirkung unterliegenden Quarks, die die Nukleonen Proton und Neutron
bilden.
100
so drängt sich für die eingangs genannte Frage: Warum ist die Welt so wie sie ist? eine andere
als die religiöse Antwort darauf auf, nämlich die:
Die Welt ist so, wie sie ist, weil/damit Leben und mit ihm auch der Mensch in ihr möglich ist,
der als erkennendes Wesen diese Welt überhaupt erst zur Kenntnis nehmen kann. XXV
Nach der Verneinung jeglicher Relevanz des Menschen für das Sosein dieser Welt durch das
Kopernikanische Prinzip wird nun seine kosmologische Bedeutung überraschend doch bestätigt. Deshalb nennt man diese Antwort anthropisch (von griech. Anthropos = Mensch) und
spricht vom Anthropischen Prinzip (AP).
Die beiden Fassungen des Anthropischen Prinzips
Die verblüffende Feinabstimmung der Konstanten ist erklärungsbedürftig. Die beiden Fassungen des Anthropischen Prinzips entsprechen den beiden Möglichkeiten der Erklärung, die der
Physiker Henning Genz in seinem Buch „War es ein Gott?“232 zuspitzt auf die Alternative:
„Gott oder Multiversum“. Die weil-Form nennt man das schwache und die damit-Form
das starke Anthropische Prinzip.
Auf den ersten Blick ist das schwache Anthropischen Prinzip trivial, denn da es das Leben
offenkundig gibt, muss es ja möglich sein. Nicht trivial hingegen ist es als ein Auswahlprinzip:
Wenn es denn sehr, sehr viele Kosmen gäbe, wäre es kein Wunder mehr, dass sich unter den
vielen eben auch unser so außerordentlicher lebensfreundlicher Kosmos befindet, so wie es
unter der großen Zahl von Sonnensystemen in unserem Kosmos auch das unsere mit der habitablen Erde gibt. Dass wir gerade in diesem Kosmos leben, wäre dann nicht verwunderlich,
denn in einem anderen gäbe es niemanden, der solche Fragen auch nur stellen kann. Das ist die
Multiversum-Erklärung für die sog. Feinabstimmung.
Das starke Anthropischen Prinzip mit seiner finalen Bedeutung hat in der ausschließlich kausal
denkenden und fragenden Naturwissenschaft nichts zu suchen und wird entsprechend abgelehnt. Es insinuiert, dass das Universum in seiner Feinabstimmung von einem Schöpfer gewollt
und entsprechend gestaltet worden ist. Das ist die andere Erklärung.
Die weltanschauliche Bedeutung des Anthropischen Prinzips
Der christliche Glaube kann zwar in der starken Form des Anthropischen Prinzips eine willkommene Bestätigung sehen, nicht aber einen Gottesbeweis, eben weil auch die schwache Form
denkbar ist. Oft wird aber das Anthropische Prinzip apologetisch und unredlich doch wie ein
„Beweis“ im Sinne des „intelligent design“-Argumentes angeführt, das im Streit um die
Deutung der Evolutionstheorie eine große Rolle spielt. Klar ist aber, dass sich das starke Anthropische Prinzip auf die metaphysische Voraussetzung eines Schöpfer-Gottes bezieht.
Der Naturalismus hingegen kann nur die schwache Form des Anthropischen Prinzips akzeptieren, eben weil er diese Voraussetzung ablehnt. Er muss allerdings stattdessen eine andere,
ebenfalls metaphysische Voraussetzung machen, nämlich die Multiversums-Hypothese,
die metaphysisch ist, weil es prinzipiell keine Möglichkeit gibt, sie empirisch zu prüfen. Wollte
man nämlich die Existenz eines „anderen“ Universums empirisch nachweisen, so würde der
Nachweis entweder fehlschlagen oder das, was man beobachtet, wäre gar kein anderes Universum, sondern gehörte zu dem unseren. Man kann das auch so ausdrücken: Die Behauptung: „Es
gibt andere Universen“ kann nicht geprüft werden, weil man nicht sagen kann, was der Begriff
„es gibt“ überhaupt bedeutet. Sie ist im Popper’schen Sinne nicht falsifizierbar und folglich
kein naturwissenschaftlicher Satz.
232
Henning Genz, War es ein Gott? – Zufall, Notwendigkeit und Kreativität in der Entwicklung des Universums,
München 2006, Kap. 9
Kapitel 12
„In ihm leben und weben und sind wir ...
Christlicher Glaube im Diskurs mit dem quanten-ontologischen Weltbild
Der Evangelist Lukas erzählt von einem Aufenthalt des Apostel Paulus in Athen, zu dessen
Lebzeiten Athen allerdings nur der späte Abglanz früheren, klassischen Griechentums und seines Geistes war. Da heißt es:233 „Und er (Paulus) redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen
in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden. ... Er hatte ihnen
nämlich das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung verkündigt. Sie nahmen ihn aber
mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue
Lehre ist, die du lehrst? Denn du bringst etwas Neues vor unsere Ohren; nun wollen wir gerne
wissen, was das ist. Alle Athener nämlich, – auch die Fremden, die bei ihnen wohnten,– hatten
nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.
Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass
ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer
angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt: Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was
darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen
gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig
hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt, ... und fürwahr, er ist nicht
ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch
einige Dichter bei euch gesagt haben: „Wir sind seines Geschlechts . Da wir nun göttlichen
Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und
steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. ...
Die vom Verfasser der Apostelgeschichte geschilderte Szene mit Paulus auf dem Areopag in
Athen ist so, wie sie da steht, eine lukanische Konstruktion. Das Anliegen des Lukas: Er will
zeigen, wie Paulus sich auf dem Forum der heidnischen Welt (wie einst Sokrates) auf deren
religiöse Vorstellungen einlässt, um den Athenern den biblischen Gottesglauben verständlich
zu machen. Es ist eine Predigt, die das Erbe der griechischen Philosophie als deren Verstehenshorizont aufgreift. Dabei scheut der Apostel Paulus, bzw. der Verfasser der Apostelgeschichte,
nicht davor zurück, sich auch auf das Zeugnis der griechischer Klassiker einzulassen.I – Wobei
er offensichtlich auch in Kauf nimmt, dass man ihn dabei missverstehen könnte.
Warum also sollte ein christlicher Diskurs mit dem Weltbild moderner Wissenschaft untunlich
sein? Die neue Sicht der Quantenphysik auf die Materie und die hinter ihr liegende Wirklichkeit
erschließt auch für die Theologie neue Möglichkeiten zum interdisziplinären Gespräch mit Philosophie mit Naturwissenschaften. Vor allem aber kann dies auch der Selbstverständigung der
Theologie im Umgang mit der ihr anvertrauten biblischen Überlieferung dienen. Im Rahmen
dieser Arbeit müssen kurze Hinweise dazu genügen:
Transzendenz – Die Überwindung des materialistisch-monistischen Denkens
Das bisherige Verhältnis der Naturwissenschaften zu Philosophie und Theologie war durch ein
freundliches Desinteresse geprägt. Der Christenmensch lebte als Naturwissenschaftler, wie
einst Gotthold Ephraim Lessing, dichotomisch in zwei Welten: „Im Kopf ein Heide und im
Herzen ein lutherischer Christ. – Es ist verständlich, dass es immer mehr Menschen gibt, die
sich auch künftig nicht damit abfinden können.
233
Paulus auf dem Areopag; Apg 17,16 ff
102
dOCUMENTA (13): In der Quantenphysik-Abteilung. (*)
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Der „Sonnengesang“ des Franz von Assisi (1225)
103
Wie wir gesehen haben, hat die Quantenphysik herausgefunden, dass sich bestimmte physikalische Sachverhalte wie z.B. die Stabilität der Atome und ihr Linienspektrum nur erklären lassen, indem man zusätzlich zu der „Realität“ der beobachtbaren Dinge eine weitere ontologische
Kategorie einführt, nämlich die Potentialität. Die Quantenphysik schließt dabei, wie gesagt, auf
eine auf dem Grunde der erfahrbaren Realität dieser Welt waltende immaterielle Wirklichkeit,
aus der unsere Alltagswelt der „Dinge“ in stets schöpferischen Akten neu entspringt. Diese immaterielle Wirklichkeit ist in dem genannten Sinn jenseits von Raum und ZeitII und im Verhältnis zur dekohärenten Materie transzendent. III
Als eine weit reichende Konsequenz aus den quantenphysikalischen Einsichten müssen die Naturwissenschaften den bisherigen, ontologischen Monismus ihres Naturverständnisses aufgeben. Die mechanistische Auffassung der klassischen Physik, nach der die Prozesse innerhalb
der Materie nach festen und unveränderlichen physikalischen Gesetzen ablaufen, bedeutet ja,
dass sich diese Prozesse zukunftslos immer weiter aus der bisherigen Kausalität ableiten. Dagegen hat schon bisher die Darwin´sche Evolutionslehre gesprochen, die neben dem Überleben
der „am besten angepassten“ Individuen immer schon eine Weiterentwicklung der Arten durch
Mutationen, d.h. genetische „Sprünge“ und nachfolgende Selektion vorgesehen hat. Inzwischen
kann die Quantenphysik besser erklären, wie diese Prozesse in der Natur auftreten. An die Stelle
eines zeitlos waltenden Determinismus beschreiben die Gesetze der Quantenphysik nur Wahrscheinlichkeiten, die für einen fortschreitenden Naturprozess offen sind.234 Es gibt nun auch
eine physikalische Zukunft im Rahmen einer
. Damit ist aber überhaupt einem
neuen Verständnis von Freiheit und Kreativität in Natur und Geschichte eine Bahn gebrochen.
„Der Teil und das Ganze“235 – Wissen und Glauben
„Die Quantentheorie ist ein so wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und
Gleichnissen von ihm reden kann (Werner Heisenberg). Unter Klarheit des Sachverhalts ist
das transparente Bindegewebe der Mathematik gemeint, das zu einem abstrakten Verständnis
führt, ohne auf sinnliche Erfahrungen und Vorstellungen zurückgreifen zu müssen.236 Eine Wissenschaft soll gesichertes Wissen vom vermeintlich privaten Subjektiven trennen. Klaus Peter
Dürr: „Aus moderner Sicht gibt es im Hintergrund (der materiellen Realität) eine solche Eindeutigkeit nicht ... weil das nicht geht. Der Mangel an Wissen beruht ja nicht auf Ignoranz,
einem „Noch-nicht-Wissen. Mit der Mathematik wurde eine Sprache gefunden, „mit der wir
klar ausdrücken können, warum dieser Wunsch nicht erfüllt werden kann, und dies auf eine
interessante Weise, ohne dabei in die absolute Beliebigkeit abzustürzen. 237 Es gibt aber auch
Fähigkeiten wie die der Künstler, die dem Lebendigen innewohnen. „Potenzialität ist wie: Melodien im Ohr, von denen wir nicht wissen woher sie kommen 238 Es fällt uns jedoch schwer,
mit diesen, über den Alltag hinausgehenden Fähigkeiten der Empfänglichkeit umzugehen, „die
weit über das Begreifbare hinausreichen, aber menschliche Erfahrung entzünden und beflügeln. 239
Diese Texte zeigen, dass sich auch für Naturwissenschaftler Möglichkeiten des Glaubens erschließen können. Ja, dass wir für „das Ganze einer Empfänglichkeit bedürfen, die Erfahrungen möglich macht. Denn auch für die Religionen ist Glaube ja nicht ein „Bescheidwissen
über metaphysische Personen oder Sachverhalte, sondern zuerst und vor allem Empfänglichkeit
234
Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze, Positivismus, Metaphysik und Religion; im Sammelband Physik
und Transzendenz. Hrsg. H.P. Dürr, S. 264.
235
Nach Werner Heisenbergs Buch mit autobiogrphischen Bezügen.
236
H.P. Dürr: Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen. Herder spektrum Bd. 5486, Freiburg, Basel,
Wien, 2.Auflg. 2004, S. 41
237
H.P. Dürr, a.a.O. S. 41
238
H.P. Dürr a.a.O. S. 42
239
H.P. Dürr, a.a.O. S. 42
104
für „das leise Wehen des Geistes und Sinn für eine Wirklichkeit hinter der geschichtlichen
Realität. Religion ist „die Transparenz des Begegnenden für die letzte Wirklichkeit. 240 Und
sie ist in der Begegnung mit dem, „was mich unbedingt angeht , wie Paul Tillich das ausgedrückt hat. Eben dies ist der Grund, warum die hebräische Bibel, aber auch Jesus und die Evangelien von Gott erzählen, ihn aber nicht definieren. Diese Transparenz kann in ganz unterschiedlichen Formen erfahren werden. Sie reichen von massiven Manifestationen der Ekstase
über kultische Zeremonien, Natur und Fruchtbarkeitsriten und Chiffren bis hin zur oben von
Werner Heisenberg angemerkten, mathematisch beschreibbaren Grenze für naturwissenschaftlich gesichertes Bescheidwissen. Immer ist es eine Begegnung mit einer letzten Wirklichkeit,
die sich durchaus in einer Vielfalt der Erscheinungen manifestieren kann: als Grund oder Abgrund, als Mächtigkeit oder Wert oder, um mit Rudolf Otto zu sprechen, dem Numenosum als
einem Komplex dieser Letztgrößen.
Wie ist diese Fähigkeit des Menschen, dieser Transparenz des Begegnenden gewahr zu werden,
zu verstehen? Helmut Thielicke urteilt: Sie „beruht auf einer Anamnesis des Menschen an einen
ursprünglichen Kontakt, eine einmal gewesene
mit der ihn nun zeichenhaft treffenden letzten Wirklichkeit. Nur weil er von diesem ursprünglichen Kontakt herkommt, wird er der
im Zeichen verborgenen Gegenwart dieser letzten Wirklichkeit inne. 241 Was bei Thielicke unter
der theologischen Figur der Geschöpflichkeit des Menschen vorgestellt wird, kann im Rahmen
der quantenontologischen Einsichten auch als Phänomen der „Geistesgegenwart“ verstanden
werden, in der der menschliche Geist mit der Geistigkeit der Wirklichkeit jenseits der Materie
verbunden ist.
Die Teilhabe des Lebens am universellen Geist
Die vorherrschende Hirnforschung geht mehrheitlich nach wie vor von einem rein materialistisch-monistischen Weltbild aus. Dem zufolge wären geistige Vorgänge, also auch das Bewusstsein seines Selbst, das personhafte ICH, jeweils Folge neuronaler Schaltvorgänge im Gehirn und also von rein neurologischen Prozessen im menschlichen Gehirn ableitbar.IV Diese
naturalistische Sicht auf den Menschen wird sich aber auf Dauer nicht durchhalten lassen.
Obwohl sich der Mensch, innerhalb der materiellen Welt als „Krone der Schöpfung“, einer Millionen von Jahren langen Geschichte der Evolution verdankt, tritt mit ihm in der Geschichte des
Lebens etwas vollkommen Neues hervor, das von der Entwicklung offener Systeme her nicht
gänzlich erklärbar ist. Denn der Mensch erfährt sich als „Jemand“ mit einer persönlichen Identität, als Person, die mit anderen Personen kommunizieren kann. Die menschliche Fähigkeit zur
Reflexion, zur Beweisführung, Kreativität, Interpretation und zu künstlerischem Schaffen und
viele andere neue Fähigkeiten zeigen doch eine Besonderheit, die den rein physischen und biologischen Bereich überschreitet.
So gehen auch der Quantenchemiker Lothar Schäfer und andere in der Deutung der messbaren
Forschungsergebnisse davon aus, dass der menschliche Geist an der kohärenten Potentialität steten Anteil hat. Nach Schäfer ist es berechtigt, dem immateriellen, Hintergrund
der Wirklichkeit „geistähnlichen“ Charakter zuzuschreiben. Und dies „bedeutet höchstwahrscheinlich, dass er mit individuellen Zentren dieses Prinzips verbunden ist und sich ihnen mitteilt.“242 „Es ist also der sich seiner selbst bewusste, aktive Geist, der als epistemische Prinzipien
die Gewissheit der Kausalität sowie die Gewissheit der Identität – des ununterbrochenen Seins
des Individuums – und die Gewissheit einer objektiven äußeren Realität“ außer Frage stellt. V
Dazu gehört auch, dass Forscher wie Lothar Schäfer zu dem Schluss kommen, die epistemischen PrinzipienVI seien Prinzipien der Natur, aber nicht des raumzeitlich erfahrbaren Teils der
240
Helmut Thielicke: Der evangelische Glaube, J.C.B.Mohr Tübingen, 1978, S.461
Helmut Thielicke, a.a.O. S. 462
242
Vgl. dazu die schon zitierten Ausführungen Schäfers a.a.O. in Kapitel 6 seiner Darstellungen.
241
105
© Shuttestock 25359950
Inzwischen gehen zahlreiche naturwissenschaftlich fundierte Veröffentlichungen davon aus,
dass der menschliche Geist an der kohärenten geisthaften Potentialität einen steten Anteil hat.
Die Neurowissenschaften jedoch pflegen immer noch ihren philosophischen Naturalismus der
die geistigen Phänomene immer noch als Epiphänomene der Hirntätigkeit auffasst.
Natur, sondern ihres transzendenten Teils. Die Epistemischen Prinzipien „sind Prinzipien unseres Geistes, weil dieser mit dem geistähnlichen Hintergrund des Universums verbunden ist
und zu dessen Ordnung gehört. Der menschliche Geist ist kein in sich geschlossenes System
und kann, auf sich allein gestellt, nicht einmal existieren. Wir sind mit einem Teil der Wirklichkeit verbunden, der den materialistischen Vordergrund der Dinge transzendiert und selbst
die Natur eines Bewusstseins hat.
Auf diese Weise ließe sich verstehen, dass ethische Normen ihren Ursprung nicht in den Individuen haben, sondern von „außerhalb integriert werden. – Dem entspricht ein theologisches
Verständnis der Zehn Gebote. Die Thora ist ja nicht einfach „Weisheit , sondern Weisung zum
Leben, – sie hat den Charakter von Gebot. Die epistemischen Prinzipien sind nicht einfach im
menschlichen Bewusstsein „vorhanden , sie stellen vielmehr ein Sollen und damit eine Herausforderung an das Individuum dar. Ihre Inhalte ließen sich als jeweilig besondere Codierung
der Bedeutung des sie tragenden ontologischen Hintergrundes verstehen. 243
Quantenontologie als hermeneutischer Horizont einer Theologie des Geistes
Dass auch Naturwissenschaftler einer so beschriebenen Quantenontologie eine religiöse Dimension zusprechen, kann eigentlich nicht verwundern. So tendiert etwa der Quantenphysiker
Hans-Peter Dürr zu religiösen Vorstellungen, wie sie sich im Buddhismus vorfinden und ist
auch im Gespräch mit indischen Denkern.VII Er schreibt: „Die größere Nähe zu den asiatischen
Religionen, wie Buddhismus oder Daoismus u.a. rührt meines Erachtens daher, dass diese im
Vergleich zu unseren Religionen, insbesondere den theistischen Konfessionen, keine Religion
sind, weil sie auf dem offeneren und tieferen mystischen „Religio - Niveau angesiedelt sind,
mit der Schwäche vielleicht, dass sie das aus dem originär Kreativen resultierende Lebendige
nicht ausreichend eingebunden haben. ... Aus der Sicht der Quantenphysik, in meiner Interpretation, gibt es keinen isolierten Gott. In gewisser Weise sind Schöpfung und Schöpfer dasselbe,
ein zeitlich offenes, lebendiges Beziehungsgefüge ohne Obrigkeit, das „All-Eine oder besser
243
H. P. Dürr, Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen. Die neue Beziehung zwischen Religion und
Naturwissenschaft, Herder spectrum, 2. Auflg. Freiburg 2004, S. 104
106
in Sanskrit: „A-dvaita . Advaita bedeutet dabei mehr als die Negation „Nicht-Zweiheit . Es ist
die Abwesenheit der Trennung ... . Soweit Hans Peter Dürr. 244
Christliche Theologie muss nicht sofort zurückschrecken, wenn sie derartige Schlussfolgerungen von Naturwissenschaftlern zur Kenntnis nimmt.VIII Vielmehr kann Quantenontologie zum
Verstehenshorizont werden, in dem die Gegenwart und das Wirken des Gottesgeistes christlichtheologisch gedacht und formuliert werden kann. Wie das Evangelium beim Übertritt in die
hellenistische Welt neue Kleider bekommen musste und später im Mittelalter mit Hilfe der
aristotelischen Kategorien formuliert wurde, so kann auch die zeitgenössische Quantenontologie zu einem Verstehenshorizont werden, in dem das christliche Bekenntnis reflektiert und verstanden werden kann.IX Noch einmal: „An welcher Stelle der Bibel wir auch nach Geistaussagen forschen, – trotz der Spannweite dieser Aussage – ist ihnen allen jedenfalls eines gemeinsam: Sie sehen im Geist die Präsenz Gottes selbst X. Auch die ersten christlichen Jahrhunderte
standen durchaus im Zeichen einer Geist-Christologie, die erst in der Zeit der christlichen Apologeten von einer platonisch geprägten Christus-Lehre abgelöst wurde. Und wir stehen durchaus in der Tradition der Väter der altkirchlichen Bekenntnisse, wenn wir von Gott als der Wirklichkeit des Heiligen Geistes reden, ... der der Herr ist und lebendig macht, der aus dem VaterXI
hervorgeht, der mit dem Vater angebetet und verherrlicht wird, der durch die Propheten geredet
hat ... .
Anders als Hans Peter Dürr wird sich eine christliche Theologie am biblischen Zeugnis orientieren und die einfache In-Eins-Setzung von Schöpfung und Schöpfer vermeiden. Die rabbinische Lehre des Judentums kennt den Gedanken der „Schechina , d.i. der „Einwohnung“ Gottes
in seinem Volk Israel, auch die Gegenwart Gottes in der Welt und in seiner gesamten Schöpfung, also seine weltliche Immanenz. – Doch dieser nahe Gott bleibt gleichzeitig immer auch
der ferne jenseitige Gott, „dessen Thron im Himmel ist“. – Nach unserem Verständnis hat das
biblische Zugleich von geschichtlicher Präsenz Gottes im Leben seines Volkes und der Welt
einerseits und der konsequent transzendenten Wirklichkeit Gottes andererseits auch in der Vorstellungswelt der Quantenontologie eine nachvollziehbare Analogie. Gewiss haben Naturwissenschaft und Theologie einen jeweils eigenen, unterschiedlichen Zugang zu der verborgenen
Wirklichkeit jenseits der materiellen Welt und ihrer schöpferischen Gegenwart in der erfahrbaren Welt. Der quantenontologische Wirkhintergrund unserer Welt ist nicht einfach die Wirklichkeit Gottes. Aber beide Sichtweisen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sie schließen sich gegenseitig ein und ergänzen einander. Die Vorstellungen der Quantenphysik sind für
die christliche Theologie insofern hilfreich, als sie den in den Naturwissenschaften noch weithin
unreflektiert herrschenden monistischen Naturalismus überwinden und vermeiden helfenXII und
die Kategorie einer transzendenten Wirklichkeit jenseits der Materie „denkbar machen. Dass
dies nicht unbedingt die Wiederbelebung eines mythischen Gottesbildes bedeuten muss, hat
Matthias Kroeger mit seinem Versuch einer non-theistischen Theologie gezeigt.XIII
Komplementarität und das Geheimnis der Person Jesu
Wie quantenphysikalische Einsichten auch einen neuen Blick auf die christliche Glaubensüberlieferung eröffnen können, sei hier am Beispiel der altkirchlichen Christologie angedeutet, wie
wir sie in einem der vorigen Kapitel skizziert haben. Das altkirchliche Konzil von Nicäa hat
mit der Frage gerungen, wie sich in der Person Jesu Christi die menschliche und göttliche Natur
Jesu Christi zu einander verhalten. Arius und seine Anhänger glaubten Jesus als dem Letztgültigen in der Reihe der biblischen Gottesmänner und sahen – gut judenchristlich auf der Grundlage der hebräischen Bibel – in seiner Vergöttlichung eine blasphemische Anmaßung. Die Väter
des Nicänischen Symbols hinwiederum wollten am Bekenntnis zur Gottessohnschaft Jesu festhalten und kamen dabei in Konflikt mit der Tatsache der menschlichen Natur des geschichtli
244
H. P. Dürr: Geist, Kosmos und Physik – Gedanken über die Einheit des Lebens ; rotona Vlg. 2013/7, S. 112 f.
107
chen Nazareners. Um ihre Intention des Zugleich einer göttlichen und einer menschlichen „Natur“ zu einer befriedigenden Lösung der christologischen Frage umzusetzen, blieb den Vätern
von Nicäa nur jenes bekannte „Begriffs-Mysterium“ des homoousios, jenes Zugleich von
menschlicher und göttlicher Natur, wie es später im Nicäno-Constantinopolitanum endgültig
festgeschrieben wurde: „wahrer Gott vom wahren Gott, … geboren von der Jungfrau Maria und
ist Mensch geworden …“.245
Es ist begreiflich, dass selbst engagierte Christenmenschen solchen Aussagen der kirchlichen
Tradition heute so nicht ohne weiteres beitreten wollen. Nun mutet uns aber das neue Weltbild
der Quantenphysik beileibe nicht weniger zu. Denn die Vorstellung von der holistischen Einheit
dekohärenter kosmischer Natur einerseits und transzendenter Potentialität im ontischen Hintergrund jenseits davon, ist im Grunde nicht besser dran als jenes „Begriffs-Mysterium“ der christlichen Antike. Sie entzieht sich gleichermaßen einer direkten Anschaulichkeit. Andererseits
nötigen uns aber die, nun wirklich nachweisbaren, experimental-physikalischen Spuren eines
transzendenten Wirkhintergrundes unserer Erfahrungswelt, dieser Einsicht Rechnung zu tragen. Denn in der Quantenphysik trat ein erkenntnistheoretisches Prinzip in voller Klarheit zu
Tage, das von seinem Entdecker Niels Bohr Komplementarität genannt wurde und inzwischen als ein ganz allgemeines, nicht nur in der Physik gültiges Erkenntnistheorem angesehen
wird. Es besagt, dass ein Ganzes oft erst durch die Zusammengehörigkeit zweier einander ausschließender Aspekte konstituiert wird. Dieses Konzept ist hilfreich, um auch die in der alten
Kirche so umstrittene Zweinaturen-Christologie begrifflich zu fassen: Jesu wahres Wesen zeigt
sich nur komplementär als das des „Mariensohns“ (in seiner Zeitgenossenschaft im jüdischen
Volk) einerseits und als der in der Wahrnehmung des Glaubens offenbare „Gottessohn“ andererseits.
Die Übernahme dieses in der Naturwissenschaft entstandenen Gedankens in die Theologie XIV
ist in der Literatur inzwischen in erstaunlichem Ausmaß zu belegen.246 Der Physiker und Theologe John Polkinghorne schreibt: „Wie man den Zwiespalt im Verständnis des Lichts am Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Wendung »Welle und Partikel« beschreiben kann, so kann
man den christologischen Zwiespalt der ersten Jünger mit der Rede vom »gekreuzigten Messias« erfassen. … Die neutestamentlichen Schriftsteller ringen darum, die Auswirkungen des
Geschehens von Kreuz und Auferstehung zu verstehen. Sie glauben, dass Christus für sie gestorben ist und sie erfahren in ihrem Leben etwas von der Kraft seines auferweckten Lebens.
… Sie sind aber Juden und instinktiv Monotheisten … und nur selten trauen sie sich auszusprechen, dass er in gewissem Sinne Gott ist.“ Denn „ ... von ihm nur als Mensch zu reden, leistet
nicht das, was hier verlangt wird.“ Polkinghorne stellt dabei in Rechnung, dass die Naturwissenschaften sich der Sprache der Mathematik bedienen können, „die in der Lage ist, die fundamentalen Strukturen der physikalischen Welt genau zu beschreiben. Die Theologie hat dagegen
keine Sprache, die angemessen wäre, das Mysterium der göttlichen Natur zu erfassen. Sie macht
deshalb Gebrauch von der offenen und lebendigen Sprache der Symbole … .“ – Polkinghorne
bekennt sich zu der Auffassung, „dass unsere Theorien ein wahrheitsgemäßes Wissen um die
Strukturen der physikalischen Welt vermitteln“, und dass dies auch für die Theologie gilt, nämlich die Annahme, „nach der man erwarten kann, dass Konzepte, die eine große Erklärungskraft
haben und dadurch eine Vielzahl von Erfahrungen verständlich machen, einen ontologischen
Bezug haben. … Sie mögen sich auf sichtbare oder unsichtbare Entitäten beziehen, (Quarks
und Gluonen, den unsichtbaren Gott), aber der Grund für die Annahme der Existenz dieser
245
Papst Leo I. (440 n. Chr.) „Hungern, Dürsten, Ermatten und Schlafen ist offenbar menschlich. Aber mit fünf
Broten fünftausend Menschen sättigen, der Samaritanerin lebendiges Wasser geben, dessen Genuss allen Durst
auch für die Zukunft verscheucht, auf dem Meere einherzuwandeln, ohne unterzusinken, die Fluten und Stürme
zu bedrohen und zu stillen, ist ohne Zweifel göttlich.“ (Bibliothek der Kirchenväter – Leo I. ad Falvianus, Cap.4)
246
Eine gute Übersicht findet sich bei Thomas Schirrmacher: Die Entdeckung der Komplementarität, ihre Übertragung auf die Theologie und ihre Bedeutung für das biblische Denken; MBS Texte, 3.Jhg. 2006. Als Sammelband zu verschiedenen Fächern empfiehlt sich: Ernst Peter Fischer, Heinz Stefan Herzka, K. Helmut Reich (Hg.).
Widersprüchliche Wirklichkeit – Neues Denken in Wissenschaft und Alltag. Serie Piper 1554. München: Piper,
1992.
108
Entitäten liegt genau darin, dass deren Existenz die Basis bildet, um zu verstehen, was vor sich
geht. … Naturwissenschaftler und Theologen … teilen eine bedeutende Einstellung: sie glauben beide, dass eine Wahrheit existiert, die gefunden werden kann, oder realistischer, der man
sich nähern kann. Dieser Glaube enthält keinen naiven Objektivismus, weder in der subatomaren Physik, geschweige denn in der Theologie. Was wir von Entitäten wissen, muss ihrer Natur
entsprechen. Deshalb liegt über unseren Begegnungen sowohl mit der Quantenwelt als auch
mit Gott verständlicherweise ein Schleier. Aber wir treffen in diesen Begegnungen tatsächlich
auf etwas anderes als menschliche Gedanken. In ihnen kommt es zur Erschließung dessen, was
ist, und nicht nur zu einer Entscheidung darüber, was wir sagen wollen.“ 247
Mit solchen Ausführungen steht Polkinghorne nicht allein. Es finden sich in der Literatur weitere Beispiele, in denen der Gedanke der Komplementarität auch in die Theologie übernommen
wird. 248: Jedenfalls können quantenphysikalische Erkenntnisse die alten christologischen Bekenntnisformulierungen neu interpretieren. Mit dem Bezug der geschichtlich-natürlichen Phänomene auf die transzendente quantenontologische Potentialität wäre auch – im Gegensatz zur
griechischen Ideen-Lehre – dem geschichtlichen Ereignischarakter in der biblischen Rede von
Gott besser entsprochen als es Nicäa vermochte.
Natürlich kann ein schlichter christlicher Glaube auch ohne diese Reflektionen der frühkatholischen Christologie auskommen. Es ist aber der Sache, um die es dabei geht, unangemessen,
die Nicänische Bekenntnisformel beiseite zu stellen und in die theologische Rumpelkammer zu
verweisen. Es geschah damals
eine Einsicht, die
die natürlichen, geschichtlichen Tatsachen mit der Geschichte Gottes zusammendenken konnte.
Sie ist alles andere als naiv oder hilflos, und verdient unseren Respekt als eine Aussage, die
bisher immer noch am besten das Geheimnis der Person Jesu Christi formulieren kann. Als
solche hat sie dann auch im Gebrauch der gottesdienstlichen Liturgie ihren legitimen Bestand.
Gibt es einen persönlichen Gott?
Der geistige Hintergrund unserer Erfahrungswelt bewirkt diese durch Information. Als beseelte
Lebewesen sind wir in diese jenseitige geistige Welt mit eingebunden und nehmen an ihr teil,
aber so, dass wir dabei „Person“ werden. Das Wort als Träger des Geistes ersucht Ant-Wort
und diese muss jeweils in Freiheit von höchst unterschiedlichen Zugängen „verantwortet“ werden. – Allerdings bleibt nach wie vor die Frage danach, ob es einen „persönlichen Gott gibt.
Denn die immer wieder (nicht zu Unrecht) zitierte Bemerkung Bonhoeffers, „Einen Gott, den
es gibt, gibt es nicht , wendet sich gegen eine Verobjektivierung Gottes, – also gegen die Art
von Götzenbildern, wie es das 2. Gebot des Dekalogs untersagt, – wenn auch die Götzenbilder
der Moderne inzwischen nicht mehr aus Holz oder Ton, sondern aus „Gottesideen hergestellt
werden. Aber die Frage nach einem „persönlichen Gott meint ja nicht die gedankliche „Beschaffenheit Gottes, als vielmehr die Frage nach der Möglichkeit einer Gottesbeziehung249,
also nach einem Gott, an den ich mich wenden kann, den ich anrufen, auf den ich hoffen und
247
John Polkinghorn: An Gott glauben im Zeitalter der Naturwissenschaften - Die Theologie eines Physikers.
S.32-47.
248
Hans Joachim Fischbeck formuliert: „Um die „göttliche“ Natur Jesu, die als außergewöhnliche Verbindung
Jesu mit Gott erlebt und bezeugt wurde (Joh. 10,30 u.10,38), im Rahmen der Quanten-Ontologie zu verstehen,
könnte man daran denken, dass sein Geist als die Potentialität seines Bewusstseins im Gebet in Kohärenz trat mit
dem Geist Gottes als der allumfassenden Potentialität des Guten.“ – Literatur: Thomas Schirrmacher: Die Entdeckung der Komplementarität, ihre Übertragung auf die Theologie und ihre Bedeutung für das biblische Denken.
MBS-Texte 66; 3. Jahrgang 2006; Christian Ammer: Komplementarität und Wirklichkeit als Tagungsthema der
Evangelischen Forschungsakademie, Zusammenfassung einer Tagung der Evangelischen Forschungsakademie in
Berlin, 1. bis 4. Januar 1982, veröffentlicht in: Forschung und Glaube, Beiträge zu ethisch verantworteter Wissenschaft und Politik, hrsg. von Karl-Wolfgang Tröger und Hannfried Opitz, Wichern-Verlag 1998, S. 58-66; Als
Sammelband zu verschiedenen Fächern empfiehlt sich: Ernst Peter Fischer, Heinz Stefan Herzka, K. Helmut Reich
(Hg.). Widersprüchliche Wirklichkeit – Neues Denken in Wissenschaft und Alltag. Serie Piper 1554. München:
Piper, 1992.
249
Paul Tillich interpretiert die Rede von Gott existentiell als die Erfahrung dessen, „was uns unbedingt angeht .
109
dem ich glauben kann. Gemeint ist also „unser Vater im Himmel , zu dem zu beten, uns Jesus
gelehrt hat.XV
Die biblische Antwort auf diese Frage kommt aus dem engen Verhältnis des Gottesgeistes zum
Wort.250 Die „Jenseitigkeit von Gottes Geist erfährt seine „Fleischwerdung im Wort Gottes.
– Um an dieser Stelle das Gleichnis aus der Quantenphysik zu bemühen, könnte man sagen, die
geisthafte Potentialität wird im Zeugnis der Propheten, der Apostel, der Evangelisten und Prediger, ja jedes vom Gottesgeist geleiteten Menschen zur Aktualität des konkreten Wortes als
dem Hörenden zugesprochenes Wort Gottes. Paul Tillich schreibt zurecht: „Dies Wort richtet
sich an das im Menschen, was ihn zur Person macht, an sein Zentrum, das Vernunft, Verantwortlichkeit und freie Entscheidung umfasst. Das Wort vermittelt einen Sinn, den man verstehen muss. Man muss ihn beurteilen, annehmen oder ablehnen in freiem Verstehen und freier
Entscheidung. All das geschieht durch den Menschen als Person. Offenbarung durch das Wort
achtet die Freiheit des Menschen und seinen personhaften Selbst-Bezug. 251 Wiederum als
quantenphysikalisches Gleichnis könnte man sagen, die reine kohärente Potentialität des Geistes entspricht dem Schweigen Gottes, das ja auch zu den Erfahrungen Israels und der Kirche
gehört.
Das persönliche DU des Gebetes kommt also aus der Erfahrung des Angesprochen-Seins. Der
so angesprochene Mensch erfährt sich selbst als in einer personalen Beziehung zum Ursprung
des ihn treffenden Wortes. Deshalb hat auch die Ant-Wort auf das Wort personalen Charakter.
Das Gebet, die Anrufung, die Bitte geschieht als an ein „DU gerichtet, weil Wort und Antwort im Modus eines personalen Geschehens stattfindet. Dabei bleibt aber bestehen, dass die
an „Gott gerichtete Anrufung freilich projektiven Charakter hat. Man muss sich nur klar machen, dass der Geist Gottes keine „Person (nach heutigem Sprachgebrauch) ist. Er wirkt aber
personal. Man kann an dieser Stelle Matthias Kroeger zustimmen, wenn er schreibt: „Personalität ist ein Bild, eine Projektion, die wir uns machen (denn das „Geheimnis ist keine Person),
– allerdings eine begründete, denn das Geheimnis ist, bzw. wirkt personal. Projektion ist nämlich eine menschlich fundamentale und notwendige, der Erfahrung vorausgreifende und gewisse Erfahrungen antizipierende Grundkraft schon des Kleinkindes und seines psychischen
Organismus. Sie ist eine Wahrnehmungskraft und -gabe des seelischen Vermögens, ja oft genug
Bedingung der Möglichkeit, überhaupt Erfahrungen zu machen, (also) keine bedauerliche Fehlentwicklung, keine bloße Verirrung ins Irreale, als die sie meist gesehen wird. … Die Anrede
des unpersönlichen Göttlichen als „Du“, die immer wieder gewagt werden kann, wäre dann als
berechtigte und vorgreifende, wagende Projektion zu verstehen und zu bejahen, eben weil »die
anthropomorphen [Symbole] Gott am meisten entsprechen.« Diese Anrede erkennt, unterstellt
und betont etwas Legitimes, weiß aber sehr wohl, dass sie menschliches Symbol ist … im Blick
auf das überpersönliche Göttliche. 252 Soweit Kröger. – Wir fügen hinzu: Es ist der personal
wirkende Gottesgeist selbst, der uns in dem Wort Jesu, dem Christus, begegnet und uns lehrt,
„Abba, unser Vater 253 zu rufen.
Das gilt schließlich auch für die christliche Mystik und die besonderen Erfahrungen der Geistesgegenwart Gottes inmitten menschlichen Lebens. Christliche Mystik hat den Charakter einer
Begegnung, einer Erfahrung. Und das meditative „Leerwerden und zur Ruhe kommen, ist die
konditionierende Methode, mit der unsrer menschlicher Geist für die Begegnung mit dem „ganz
Anderen“ sich öffnen kann.XVI
250
Vergleiche dazu die Ausführungen zum engen Verhältnis von Geist und Wort, Seite 73 ff.
Paul Tillich, Biblischer Personalismus und das Wort; Gesammelte Werke, Bd. 5, Seite 154 f.
252
Matthias Kroeger, a.a.O. S. 106f.
253
Gal 4,6: Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba,
Vater. Röm 8,15: „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer
noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir
rufen: Abba, Vater! vgl. auch Mk 14,36 par. Mt 26,39.
251
110
Kapitel 13
Heute, wenn ihr seine Stimme hört...
„Vieles am Jahrtausende alten Gebäude der christlichen Glaubenslehre ist ehrwürdig, aber für
uns heute auch entbehrlich. Aber dieser eine Mensch, Jesus, nicht. Man kann die Bibel ohne ihn
lesen. Sie enthält gewiss nützliche Gebote und eine einleuchtende Ethik, aber so etwas findet man
auch bei Kong Fu Tse. Ohne Jesus gibt es wohl die Möglichkeiten der Versenkung und der Meditation, aber das findet sich auch bei Gaudama Buddha und den fernöstlichen Mystikern. 254 –
Man kann das Geheimnis dieses Mannes aus Nazareth eigentlich nicht „erklären“. Man kann nur
von ihm erzählen. Wir sind Jesus am nächsten, wenn wir die großen und schweren Hauptwörter
unserer Sprachen meiden und uns an die Geschichten Jesu halten. Denn Jesus hat Gott nicht erklärt, sondern von ihm erzählt und zu ihm eingeladen.
Sich zu Jesus bekennen!
Als sich die ersten Jünger, noch ganz
im Schoße ihrer jüdischen Heimat, um
Jesus, den Sohn der Maria scharten,
glaubten sie ihm die Nähe des Reiches, denn sie spürten die Vollmacht
seines Gottesgeistes. Als aber die
Ostererfahrung sie ergriff, wurde er
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Glaubens. Als der von den Menschen
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„Jesus predigte das Reich Gottes, aber
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seine „Fleischwerdung“. Und wenn
(Gerhard Bauer, 1983)
wir heute die verbrecherischen Taten
der IS-Kämpfer, die rigorose Härte und Unduldsamkeit des Islam in arabischen Staaten beklagen, so müssen wir eingestehen, dass wir alle diese Verbrechen in der Geschichte der christlichen Kirche selbst einmal, – nein, immer wieder neu begangen haben. Christen müssten also
254
Dankbar übernehme ich gerne viele Hinweise von Jörg Zink: Jesus. Funke aus dem Feuer. Kreuz Vlg. 2011
112
aus eigener Erfahrung etwas davon wissen, wie so etwas möglich wird. Jesus sagt: Niemand
„kann zwei Herren dienen; …er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt
nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6,24, Lk 16,13). Das Wort Jesu erinnert die
Kirche immer wieder neu, zu wessen Geistes Kind sie berufen ist. In der Bindung an dies lebendig machende Wort können Christen auch immer wieder getrost und mutig widerstehen,
wenn die Tagesordnungen dieser Welt Unterwerfung fordern.
In der Geschichte der Evangelischen Kirchen Deutschlands gibt es ein Beispiel aus der Mitte
des 20. Jahrhunderts: Als die sog. „Glaubensbewegung Deutschen Christen seit 1933 das
Christentum zu einer „arischen Rassen-Religion machen wollte, standen dagegen Männer und
Frauen der „Bekennenden Kirche“ auf. In Barmen haben sie 1934 ihr christliches Bekenntnis
formuliert. Sechs Glaubenssätze werden jeweils durch ein Schriftwort eingeleitet und durch
entsprechende Verwerfungen der falschen Lehre der „Deutschen Christen“ verdeutlicht. Dies
Manifest kommt aus der Mitte einer Kirche, die in einer zweitausendjährigen Geschichte gelernt hat, dass es Zeiten gibt, in denen sie als die Kirche Jesu Christi neu auf dem Spiel steht.
Das Bekenntnis von Barmen 1934 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in die Bekenntnisschriften evangelischer Kirchen aufgenommen. Es lautet:
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Manchmal aber kommt das Bekenntnis zu Jesus auch aus einer vorsichtigen Distanz
von Menschen, die zweifeln und fragen, weil sie schon zu oft erlebt haben, dass ihr
Vertrauen missbraucht und enttäuscht wurde. Ihnen hat Dorothee Sölle255 einst ihre
eigene Stimme geliehen:
!
255
Dorothee Sölle: Meditationen & Gebrauchstexte; Wolfgang Fietkau Vlg., Berlin 19691, 19702, S.19
114
Unser persönliches Bekenntnis, wenn es mit Herz und Verstand geschieht, reiht sich ein in
den Chor der Kirche als des wandernden Gottesvolkes durch die Zeiten. Und es geht dabei
weder um Orthodoxie noch um Selbstgefälligkeit, denn es heißt; „aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du ein Lob zubereitet".
Leben aus dem Geiste Jesu
„Weil der geschichtliche, irdische Jesus für die Gemeinde zugleich der Auferstandene ist,
nimmt nun auch sein Wort die Züge der jeweiligen Gegenwart an. Denn die Kirche feiert ja
nicht das Andenken an einen Toten, sondern lebt aus dem Geist des Lebendigen. „Er ist wahrhaftig auferstanden! Das ist der Jubelruf, mit dem aus einer, auf der Flucht befindlichen Anhängerschaft Jesu plötzlich seine Gemeinde entsteht. Denn dass mit dem Tod Jesu nicht alles
vorbei war, sondern kurz darauf etwas Neues begann, das ist der historisch gesicherte Sachverhalt. – Aber: „Er ist auferstanden! Ohne diese Glaubenserfahrung der ersten Zeugen bliebe
die geschichtliche Gestalt des Jesus aus Nazareth in den Annalen der Historienschreiber begraben. Sie wird jedoch lebendige Gegenwart für alle, die davon ergriffen sind. Und das bis zum
heutigen Tag.
Das den Tod überwindende Geschehen von Ostern lässt sich nicht in den Analogien der uns
vertrauten Welt begreifen. Denn Auferstehung meint ja etwas anderes als den alten Menschheitstraum vom leiblichen Weiterleben in einer jenseitigen Welt. Dieser Traum, von dem die
Pyramiden und andere opulente Grabmäler zeugen, hat unzählige Menschenopfer gekostet. Ostern aber ist die Auseinandersetzung Gottes mit dem Tod. – Das Grab Jesu ist leer!
Der katholische Theologe Karl Rahner schreibt über diese Ur-Erfahrung der Jesus-Jünger: „Wir
wissen von seiner Auferstehung hinsichtlich dessen, was damit eigentlich gemeint ist, auch
nicht mehr als das, was wir für uns selbst hoffen: die bleibende, wirkende Rettung seines Lebens
durch Gott. Wir brauchen die Eigenart seines leiblichen Auferstandenseins uns nicht auszumalen, weil wir es nicht können. Wir brauchen auch im »leeren Grab«, das als solches allein ja
gar keine Auferstehung verbürgen kann, nicht den eigentlichen Grund des Glaubens an seine
Auferstehung zu erblicken. Wir können die Berichte von den Erscheinungen des Auferstandenen in der Schrift, wenn wir wollen, lesen als sekundäre Verdeutlichungen einer Erfahrung des
Auferstandenen, die in ihrem eigentlichen Kern hinter diesen Visionen liegt, so wenig wir diese
darum schon einebnen müssen auf solche Visionen, wie sie uns sonst aus der Geschichte der
Mystik bekannt sind. Wir lassen die Auferstehung nicht einfach bloß in unseren Glauben hinein
geschehen, sagen aber gleichzeitig, dass es zu diesem bleibenden Sieg Jesu und seiner Sache
selbst gehört, dass sie Glauben findet. Würde seine Auferstehung nirgends Glauben finden,
wäre sie auch nicht geschehen, da sie ja die siegreiche Selbstzusage Gottes an die Welt sein
soll. 256
Und heute? – Nach den verlustreichen Bombenanschlägen von Madrid im Jahr 2004, fanden
Ermittler ein Video auf dem sich die Terrororganisation al-Qaida zu den Anschlägen bekennt
und mit neuen verheerenden Attacken droht. Die Videobotschaft endet mit den Worten: „Ihr
liebt das Leben und wir lieben den Tod. – Der Satz blieb im Gedächtnis haften. Manchmal ist
es ja so, dass uns Fremde besser verstehen als wir uns selbst begreifen. – Ja, es stimmt: Wir
glauben an das Leben und nicht an den Tod. Christlicher Glaube ist bestimmt von Hoffnung
gegen alle Verzweiflung. Selbst in seiner säkularisierten Form, in der dieser Glaube seit der
Aufklärung in bürgerliche Verfassungen und Rechtstexte eingegangen ist, prägt er deren humanes Profil. Deshalb kennt unsere Verfassung keine Todesstrafe. Deshalb versucht unser Strafvollzug die Resozialisierung – auch die eines Mörders und so schwierig das im Einzelfall auch
sein mag. Deshalb gilt statt der Rache das Recht. Nach den Zeiten der Barbarei, die auch in
256
Karl Rahner: Was Hoffnung vermag in: Wagnis des Christen; bei Herder 1974, S. 116 ff.
115
unserem Lande gerademal ein halbes Jahrhundert zurückliegen, ist dieser Hoffnungsglaube ein
kostbares Gut und Grundlage unserer Kultur geworden.
Die Hoffnung auf Auferstehung widerspricht der alten Saga, nach welcher der Mensch nur zum
Sterben geboren sei, und sein Lebenssinn darin bestehe, fremden Zwecken zu dienen und so
ein Opfer zu werden, dessen Blut auf irgendeinem Altar vergossen werden soll. Nein, wir glauben nicht an den Tod als ein unabwendbares Verhängnis für uns und die Existenz anderer. Wir
glauben an das Geschenk des Lebens; – an unser Leben hier auf dieser Erde und in dieser Zeit
als Angeld auf die endzeitliche Erlösung und Neuschöpfung des Lebens in der Vollendung der
Welt. Die Neuschöpfung des Lebens ist Gottes freie Tat. Sie ist unverfügbar. Das heißt, wir
können sie nicht selbst hervorbringen, organisieren oder verwalten. Wir dürfen sie aber erhoffen, erbitten, erwarten, uns darauf ausrichten und danach ausstrecken. Je mehr wir das tun, wird
die Hoffnung der Auferstehung unsere Wahrnehmung und unser Leben in der Wirklichkeit dieser Welt bestimmen und am Ende auch unser Sterben verwandeln.
Im Zwielicht der Zeit: – Gott wartet auf euch!
So ruft es Jesus seinen Zuhörern zu. – Draußen, an den Wassern des Jordans, bei seinem Lehrer
Johannes klang das anders: „... Ihr Schlangen! Ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr dem Gericht
der Hölle entgehen? 257 Auch Jesus weiß, dass jedem eine Entscheidung bevorsteht. Und
seine zornigen Weherufe an Schriftgelehrte und Pharisäer: „ ... ihr Heuchler, die ihr das
Himmelreich zuschließt vor den Menschen. Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen,
lasst ihr nicht hineingehen!“ 258 klingen keinen Deut anders als bei seinem Lehrer Johannes
am Jordan. – Und doch: Jesus lässt seinen Lehrer in der Wüste zurück und geht in seine
Heimat, in die Dörfer und Städte Galiläas und erzählt den Menschen die Geschichte vom
verlorenen Sohn und dem liebevoll wartenden Vater. Er setzt sich mit ihnen an einen Tisch,
ohne Ansehen der Person. – Auch mit solchen, die Dreck am Stecken haben und zumindest
von der frommen Öffentlichkeit gemieden werden. Und er legt ihnen Gottes Gebote aus,
nicht als ein inzwischen in viele Ausführungsbestimmungen zerfasertes Gesetzeswerk, sonders so, wie der Gott Israels sie gemeint hat. „Der Sabbat ist um des Menschen willen da!
Soll man da nicht Leben retten, statt es zugrunde gehen lassen? –
Christenmenschen sollten deshalb keine Berührungsängste haben, wenn es darum geht, „ihres Bruders oder Schwesters Hüter zu sein , – auch wenn sie dabei den „Geruch der Schafe
annehmen! 259 – Der Apostel Paulus gesteht einmal: „Wir wissen nicht was wir beten sollen,
wie´s sich gebührt ... – Manche von uns wissen nicht einmal, ob Beten überhaupt Sinn macht.
Ob da einer ist, der uns hört. Aber so waren auch die Leute, mit denen es dieser „merkwürdige
Jesus zu tun hatte. Die waren oft arm oder krank oder beides. Sie waren damit beschäftigt,
irgendwie zu überleben. Und dabei ging es nicht immer mit rechten Dingen zu. Und für ihre
Religion hatten sie wenig Zeit und wenig Sinn. Mit denen hat Jesus zu Tische gesessen, hat Ihr
Mahl geteilt und Gemeinschaft mit ihnen gehalten. Und das hat sie verändert. – Unsere geistlichen Defizite trennen uns also noch nicht von Jesus. Und deshalb dürfen wir auch mit seiner
Gegenwart unter uns rechnen.
Die Geschichte von Jesus aber zeigt auch: Je deutlicher ein Christenmensch Gottes Liebe lebt,
umso zweideutiger kann er oder sie für das kirchlich bürgerliche Milieu werden. Wenn der
Gefängnispastor die Verurteilten zum Henker begleitet hat, – war er damals der Gehilfe des
Verbrechens, – oder einfach der Nächste, der bleibt, wenn andere fliehen? Wenn ein Kirchenjurist mit der Staatsicherheit verhandelt hat und dort gelegentlich vertrauliche Absprachen traf,
damit Gefangene ausgetauscht und frei werden; – sind andere, die sich die Hände nicht auf
diese Weise schmutzig gemacht haben, deshalb getreulicher auf der Spur Jesu gewesen? – Die
257
Mt 3,7
Mt 23,33
259
So Papst Franziskus in einer Predigt
258
116
Deutlichkeit des Bekennens zu Jesus führt manchmal auch in die Grauzonen dieser Welt und
die Kirche ist dazu da, ihre Grenzgänger mit ihrem Gebet geschwisterlich mitzutragen. – Jesus
jedenfalls hat die Zweideutigkeit ein „Fresser und Säufer“ und „Freund von Zöllnern und Sündern 260 zu sein, nicht gescheut. Und er tat es aus Liebe zu denjenigen, denen andere nur ihre
eigene Rechtschaffenheit vorgehalten haben.
Aber wer ist schon wie Jesus? – „Macht euch keine Illusionen über euch selbst, sagt er. Schaut
doch auf die Ackerfelder um euch her. Neben der heranwachsenden Frucht lauter Unkraut, das
da wächst. Auch in euch wächst nicht nur die Nähe Gottes, sondern auch sehr vieles, was Gott
widerspricht. Es ist ein sehr vermischtes Kraut aus Vertrauen und Angst, aus Güte und Unrecht,
aus Liebe und Egoismus aus Glauben und Unglauben, was da heranwächst! Soll der Bauer nun
alles Unkraut ausreißen? Und die ganze Ernte damit ruinieren? – Nein! „Geh also freundlich
mit dir um, meint Jesus. Wenn du rein und heilig sein willst und aus deiner Seele ausreißt, was
dir nicht gefällt, kann nichts in dir wachsen. Außerdem hat auch das, was du Unkraut nennst,
ein merkwürdiges Lebensrecht, – ein vorübergehendes. Überlass es also Gott, zu beurteilen,
was damit geschehen soll. Lasse wachsen, was Gott gesät hat. So wird das Reich Gottes in dir
reifen, Gott selbst in dir, Gott selbst aus dir wird wachsen und zur Frucht werden. 261 Die Nachfolge Jesu führt also nicht in die Wüste, sondern zu den Menschen, nicht zu einem besonderen
Status von „Heiligkeit , sondern in den Alltag dieser Welt. Und sie schließt das Schuldigwerden ein und die Bitte: „ ... und vergib uns unsere Schuld! ...
Steh auf und geh...! – Wie Vertrauen heilen kann
In den Evangelien nehmen die Berichte von Wundern, die Jesus getan hat, einen verhältnismäßig großen Raum ein. Auch die frühe Kirche (Ignatius v. Antiochien, Origenes, Clemens v.
Alexandrien u.a.) hat Jesus als Arzt - CHRISTUS MEDICUS - dargestellt. Aber in den heutigen
Reihen der kirchlichen Predigttexte kommen die Wunder Jesu kaum vor. Als Erben der Aufklärung sind wir skeptisch geworden gegen alles, was „den Naturgesetzen widerspricht. –
Freilich sind die Heilungswunder Jesu in der Überlieferung später auch ausgestaltet und vergröbert worden. Als authentisches Überlieferungsgut haben die meisten jedoch Bestand.
In den Wundern Jesu geht es nicht darum Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Nur wissen wir
heute mehr über die hintergründigen Zusammenhänge der Natur, ahnen etwas von den hauchfeinen Verbindungen zwischen Seele und Leib eines Menschen. Inzwischen lernen Ärzte mehr
davon zu verstehen, als der alten Schulmedizin zugänglich war. Auch theologische Autoren wie
Jörg Zink beschreiben die Lage so: Wir beginnen zu begreifen, „dass Materie keineswegs materiell zu verstehen ist. Dass in den Energiefeldern, aus denen die Wirklichkeit besteht, ebenso
die natürlichen Kräfte der Seele und des Geistes wirken. Dass alles in der Welt mit allem verbunden ist wie in einem großen Netzwerk. Dass der Mensch keineswegs als das geistige Haupt
der Schöpfung herausragt aus der Natur, sondern in ihr und mit ihr und durch sie lebt in durchgehender Abhängigkeit von ihr. Dass der Mensch sich von der Natur nicht dadurch unterscheidet, dass er Bewusstsein hat, sondern dass die ganze Natur von einem Bewusstsein durchdrungen ist, dass auch das kleine Bewusstsein des Menschen an seine Arbeit setzt.“ Und: „Für mich
ist es nicht das Erstaunliche, dass Jesus Kranke geheilt hat. Das haben die Schamanen der alten
Naturreligionen auch getan. Und wenn es unter ihnen auch Betrüger gab, oder wenn andere
ihren eigenen Versprechen nicht gewachsen waren, so ändert das nichts an der Tatsache, dass
es immer Menschen gegeben hat, die in die sensiblen Zusammenhänge zwischen Seele, Geist
und Leib von Kranken und Leidenden heilend eingriffen. – Das »Wunder« besteht ja darin, dass
wir Vorgänge schauen, die uns sonst entgehen, nicht darin, dass Naturgesetze aufgehoben werden, sondern dass es offenbar Naturgesetzte gibt, die wir nicht kennen. Das Wunder verändert
nicht die Wirklichkeit, wohl aber die Art, wie wir in die Wirklichkeit blicken. Es führt uns nicht
260
261
Lk 7,34
nach Jörg Zink, a.a.O.
117
über die erfahrbare Welt hinaus, wohl aber hilft es uns, mit unseren Erfahrungen anders umzugehen. Es sucht nicht unsere Ratlosigkeit, sondern unsere Sensibilität. ... Wir sind Erben der
Aufklärung und dabei soll es bleiben. Aber gerade deshalb sollten wir wieder sensibel werden
für die Dinge, die wir erfahren, aber nicht deuten können, die vielleicht durch uns hindurch
geschehen können, aber nicht von uns bewirkt werden. 262
Das andere aber ist dies: Das Wunder setzt das Vertrauen voraus. Das Neue Testament sieht
einen engen Zusammenhang zwischen dem Glauben der Kranken und Gebrechlichen und
ihrer Heilung durch Jesus. Dieser Glaube ist ein Vertrauen, genauer: ein Sich-Anvertrauen
voller Hoffnung. Wo dies Vertrauen nicht zustande kommt wie in Jesu Heimatstadt Nazareth, konnte auch Jesus keine Wunder tun.263
Gerechtigkeit, Frieden und die Vollendung der Schöpfung
oder: Ihr habt keine Chance, – also nutzt sie!
Jesus hat nicht eine bestimmte Religion gepredigt, etwas wodurch man „gottgläubig wird. Er
hat vielmehr das Anbrechen des Gottesreiches angesagt. – Ein Reich ist ein Raum, in dem gilt,
was der will, der die Macht hat: Es ist der Raum seiner Reichweite. Es ist ein Wirkraum, in dem
er das verwirklicht, was in seiner Absicht liegt. Reich Gottes ist alles, wohin Gottes Herrschaft
reicht. Und: Ein Reich steht gegen den Raum in dem ein anderer Wille gilt. Z.B. der Wille der
„Dämonen“ und bösen Geister.
Jesus hat ebenso wie der Täufer Johannes das bevorstehende Anbrechen des Gottesreiches gepredigt. Bei ihm aber rückt der Akzent seines Bußrufes weg vom zukünftigen Kommen des
Gottesreiches hin zum „Jetzt dieses Geschehens. Entsprechend hat er die Frage des Täufers
aus dem Gefängnis des Herodes beantwortet.264 Jesu Verkündigung zielt auf das „Jetzt. Es
geht nicht um Weissagung eines künftigen Weltuntergangs, obwohl die Evangelisten Jesu Worten – nach der Eroberung Jerusalems und Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70
gewissermaßen als Anschauungsmaterial – auch apokalyptische Schilderungen hinzugefügt haben. Für Jesus geht es um die endzeitliche Durchsetzung des „Himmelreiches und seines beginnenden Anbrechens jetzt und hier, wo sein Wort Glauben findet und Umkehr bewirkt:
„Kehrt um und glaubt an das Evangelium! 265 Deshalb erzählt er den Zuhörern die Geschichte
von dem ungetreuen Haushalter, der begriffen hat, dass er bei der jetzt bevorstehenden Rückkehr seines Herrn auffliegen wird. Er hat nur noch eine Chance und er handelt konsequent: er
fälscht die Schuldverschreibungen der Gläubiger um sich diese als Freunde zu sichern, wenn er
demnächst aus seinem Amt entlassen wird. Der Kerl ist kriminell, aber er hat zumindest begriffen, wie es um ihn steht und handelt nun danach.
Jesus sieht den Menschen in der Krise. Krisen nötigen, uns über das klar zu werden, was nunmehr zu tun ist. Und sie nötigen uns zu handeln. Aber je emanzipierter Menschen unserer europäischen Gegenwart sind, umso weniger ertragen sie Weisungen oder Vorschriften, die von
außen kommen. Es bedarf also der Überzeugung durch eine Instanz, die nicht bevormunden,
sondern überzeugen will. Es bedarf eines neuen Geistes, den unser eigener Geist annehmen und
willkommen heißen kann. Und nur wer sich selbst ausgesetzt und in der Prüfung bewährt hat,
gewinnt eine unangemaßte Autorität. Ob Jesus sich Autorität angemaßt hat, war bei seinen
Zeitgenossen strittig. Dass er Glauben und eine Anhängerschaft fand, hatte etwas damit zu tun,
dass die Autorität Jesu von jener Art war, die Menschen nicht manipuliert, sondern zu freier
Entscheidung berufen hat. Und weil Jesus seinen Weg schließlich bis zum Tode zu Ende gegangen ist, und im Glauben der frühen Kirche all unser Versagen und Schuld mit auf sein Kreuz
262
Jörg Zink: Jesus. Funke aus dem Feuer; Kreuzverlag Freiburg 2011, S. 95f.
Mt 13,54-58
264
vgl. Seite 12 ff dieser Arbeit.
265
Mk 1,15
263
118
genommen hat, wurde dieses, sein Kreuz auch für die Nachgeborenen als Beglaubigung seiner
Botschaft das Zentrum des christlichen Glaubens: Jesu Kreuz und Auferstehung.
Was im Reich Gottes geschieht, beschreiben die Seligpreisungen Jesu. Lukas hat die wohl authentische, sehr konkrete Fassung überliefert: „Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt
werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch
in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer
Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.
– Und Lukas schließt an die Seligpreisungen auch Weherufe an: „Aber weh euch, die ihr reich
seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr
werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch,
wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten
gemacht. 266
Christliche Ethik versteht unser Handeln jeweils als im Horizont des anbrechenden Reiches
Gottes geschehende, von der Zukunft Gottes her bestimmte „Vorausdarstellung dessen, zu
dem das Ganze der Schöpfung als ihrer endzeitlichen Erlösung berufen ist. Sie nimmt damit für
unser Leben schon vorweg, was von Gott erst noch für seine ganze Schöpfung durchgesetzt
werden will. –
Kann man der Ethik Jesu in den komplizierten Widersprüchlichkeiten unseres alltäglichen Lebens folgen? – In einer Betrachtung zu Rilkes „Du musst dein Leben ändern 267, schreibt Harald
Kroiser: „Das einzige, was uns begeistert, ist das Unmögliche. Das ist auch der Unterschied
zwischen Gott und Teufel. Der Teufel holt (die Leute) dort ab, wo Sie sind. … Gott erkennen
Sie daran, dass er Sie bedingungslos überfordert. Das ist das Einzige, was Enthusiasmus auslöst.
In unserer Zeit heißt das Unmögliche, den Übergang zu vollziehen von einer Ökonomie der
Aneignung zu einer Ökonomie der Großzügigkeit. Das ist nur möglich aufgrund einer Anthropologie der Kooperation, des Mitgefühls, der Freundlichkeit. Es geht nun darum, mehr zu geben
als man genommen hat. Wir wollen uns begeistern lassen von jenen, die beschließen, mehr
zurückzugeben als sie genommen haben. ... Wir können mit diskursiven Mitteln ein kleines
Energiewunder schaffen. Großzügigkeit ist die einzige Form der alternativen Energie, deren
Gebrauch die Welt entscheidend verändert.“268 – Man kann dies auch als einen Kommentar zu
Jesu Bußruf lesen. Denn Jesus redet ja genau davon: Wie Gottes Wille hier auf unserer Erde
geschieht.
Wer das Reich Gottes ins Auge fasst, blickt in die Zukunft. Wenn aber das Reich Gottes in den
Menschen entstehen soll, dann ist es schon gegenwärtig. Dann ist es nah. Dann trennt uns von
ihm nicht mehr als die Zeit, in der ein Mensch sich zu wandeln vermag oder in der seine Wandlung bewirkt werden kann.
Jerusalem – oder: Die Heimkehr aus Babylon
Jerusalem, „du hoch gebaute Stadt“! – Kommt man aus dem Jordantal, so geht es tatsächlich
immer hinauf – bis man ihre Kuppeln und Türme vor sich hat. Die Stadt ist allen drei abrahamitischen Religionen heilig. Sie ist der Ort wohin Juden, Christen und Muslime pilgern und
jeder hat dabei seine eigenen Verheißungen mit im Reisegepäck.
Juden in aller Welt segnen Jerusalem zu allen Anlässen, in Trauer wie in Freude: „Nach Jerusalem, Deiner Stadt, kehre in Barmherzigkeit zurück und nimm Deinen Wohnsitz in ihr“269,
heißt es im täglichen Amidah-Gebet. Für die Juden ist sie die Stadt Davids. Und wenn am Fuße
der Klagemauer eine Bar Mizwa gefeiert wird heißt der liturgische Gesang: „David, Melech
266
Lk 6,20 ff
in der Schlusszeile Rainer M. Rilkes Archaïscher Torso Apollos, in: Der neuen Gedichte anderer Teil (1908)
268
aus: wirks - Das Mutmach-Magazin • Winter 2011 • www.wirks.at
269
Interview mit dem ultra-orthodoxen Vize-Bürgermeister von Jerusalem. aus: Spiegel Online/
267
119
Israel!“ Seit 1988 ist Jerusalem auch die Hauptstadt des Staates Israel. Und ein Teil der orthodox-religiösen Israelis wartet immer noch auf das Kommen des Messias. Bis dahin bleibt das
für seinen Einzug in die Stadt reservierte Stadttor zugemauert.
Die muslimischen Araber nennen Jerusalem al-Quds, (d.h. „das Heiligtum“). Im Gegensatz zur
hebräischen Bibel erwähnt der Koran Jerusalem kein einziges Mal namentlich. Dennoch gilt
die Stadt den Muslimen als die drittheiligste Stätte des Islam (nach Mekka und Medina). Nach
der Eroberung Palästinas durch die Araber ließ der Kalif Abd al-Malik um 692 auf dem Tempelberg die heutige al-Aqsa-Moschee fertig stellen. Um den Ort mit der geistlichen Tradition
des Korans zu verbinden, wurde dieser Ort der Stadt mit der Legende von der Himmelfahrt
Mohammeds geschmückt. Seit dieser Zeit hat Jerusalem auch für die Muslime eine besondere
religiöse Bedeutung.
Obwohl die Heimat und der eigentliche Wirkungskreis Jesu die Dörfer und Städte rund um den
galiläischen See Genezareth war, ist Jerusalem für Christen vor allem mit Kreuz und Auferstehung Jesu Christi verbunden. So ist Ostern und Pfingsten vor allem die Zeit, in der christliche
Pilger durch die Via Dolorosa ziehen und Jesus das Kreuz nachtragen. Die Grabeskirche ist in
der Obhut gleich mehrerer christlicher Denominationen und wird entsprechend heilig gehalten.
Was Juden, Christen und Muslime miteinander verbindet ist der Glaube an den einen Gott. Und
auch Jesus gehört sowohl Juden als auch Muslimen. Der Koran sieht in Jesus einen Propheten
Allahs. Und was die hellenistische Kirche mit der Trinitätslehre hat ausdrücken wollen, nämlich
dass Jesus ganz zu Gott gehört, sagt der Koran indem er Jesu Kreuz leugnet und stattdessen
seine direkte Himmelfahrt lehrt. – Das Verhältnis der Juden zu Jesus ist schwieriger. Aber nach
einer langen Phase der Beschimpfung Jesu und seiner Mutter, wird Jesus von jüdischen Religionswissenschaftlern inzwischen als Sohn ihres Volkes und Lehrer der Thora angesehen, der
den Völkern den Glauben an JHWH, den Gott Israels, vermittelt hat. Die „Wissenschaft des
Judentums“ brachte inzwischen bedeutende Jesus-Forscher wie Abraham Geiger und Leo
Baeck hervor. Vor der Schoa trafen diese Forschungen bei christlichen Theologen meist auf
Ablehnung und Ignoranz. Seit 1945 beschäftigten sich besonders deutschsprachige, jüdische
Religionswissenschafter wie Martin Buber, David Flusser, Pinchas Lapide, Schalom Ben-Chorin, Abraham Heschel, Walter Homolka und andere mit Jesus.
„Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann
wird unser Name in aller Welt berühmt ...“ (1.Mose 11,3). – Die Bibel weiß: So sind wir. Aus
dem, was ursprünglich Geschenk des Gottesgeists ist, wird nun in einem Akt der Selbstermächtigung, ein religiöser Besitzstand und ein Instrument der Selbstbehauptung. Und wo
Kirchtürme und Minarette bis in den Himmel wachsen, entsteht die Frage, wer da eigentlich
Herr im Hause ist: Religion verdirbt und wird zur Herrschaftsideologie. Martin Luther nannte
sowas zu seiner Zeit die „babylonische Gefangenschaft der Kirche“. Das ist das Ende der transzendentalen Beziehung des Menschen, in der aus
eine
wird, d.h.
in der wir uns auf uns selbst zurückziehen und uns gegen „die Anderen“ behaupten wollen. –
Und wenn wir die schweren Verbrechen kritisieren, die derzeit im Namen des Islams begangen
werden, so wissen zumindest Christen, wie es zu so etwas kommen kann. Denn wir haben all
diese Verbrechen in einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte selbst begangen. Und neben
dem Fundamentalismus der Ultra-Orthodoxen in Jerusalem, den Dschihadisten und Salafisten
der Muslime gibt es eine nicht weniger tumbe Christenheit.
Aber am Ende der christlichen Bibel steht ein großer Traum: – „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das
Meer ist nicht mehr. Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem
Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte
eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit
ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod
120
wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste
ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offbg 21,1-5).
Freilich: es ist nur ein Traum. Aber die Träume wissen mehr als unser Tagesbewusstsein. Für
den Psychiater verarbeiten Träume unsere Vergangenheit. Für den Seher aber künden sie von
Zukunft. Für ihn sind sie ein Angeld,– Vorschuss auf Künftiges. Am Ende haben wohl beide
Recht. Denn es gibt, wie wir jetzt wissen, keine bloße Wiederholung. Ständig geschieht Neues.
Die Welt ist kein Mühlrad, das sich im Kreise dreht, sondern hat offenbar ein Ziel. Und der
Geist Gottes weht wo er will. Wir sollten deshalb auch auf seine Gegenwart bei anderen gefasst
sein.
Die Geschichte Jesu, des Nazareners, endet nicht am Kreuz, sie mündet in die Geschichte von
Pfingsten. Und es könnte ja sein, dass ein neues Pfingsten die Religionen dieser Welt „heimsucht“, so, dass die Türme, die wir bauen, nicht mehr gebraucht und abgerissen werden, dass
die Kreuzzüge aufhören und die Macht des Gottesgeistes sich gegen die Gewaltbereitschaft des
homo sapiens durchsetzt. Es wäre eine Welt, in der die Gottesbilder, die wir uns machen, wohl
weiter variieren, aber uns nicht mehr voneinander trennen. Weil der Geist Gottes sich in uns
Raum schafft, so dass wir anfangen uns selbst – und dann auch andere besser zu verstehen.
Wir schließen diesen Gang durch die Geschichte des Evangeliums mit einer „Thesenreihe“, die
Helmut Gollwitzer, der väterliche Freund, ans Ende seiner Schrift vom „Krummen Holz und
aufrechten Gang“ gesetzt hat. Sie lautet:
Womit bekommt man zu tun, wenn man mit dem Evangelium zu tun bekommt?
1. Nichts ist gleichgültig. Ich bin nicht gleichgültig.
2. Alles, was wir tun, hat unendliche Perspektiven, Folgen bis in die Ewigkeit; es hört nichts auf.
3. Es bleibt nichts vergessen. Es kommt alles noch einmal zur Sprache.
4. Wir kommen aus Licht und gehen in Licht.
5. Wir sind geliebter, als wir wissen.
6. Wir werden an unvernünftig hohen Maßstäben gemessen.
7. Wir sind auf einen Lauf nach vorne mitgenommen, der uns den Atem verschlägt;
Sünde = nicht mitkommen; Bitte um Vergebung = deswegen nicht abgehängt werden.
8. Es geht nichts verloren.
9. Die Philosophen sprechen von der Suche nach Gott; aber das ist,
wie wenn man von einer Suche der Maus nach der Katze spräche.
Wir sind auf der Flucht — und es wird uns auf die Dauer nicht gelingen.
Es wird uns zu unserem Glück nicht gelingen.
10. Wir sind nicht allein.
11. Wir sind nie allein.
12. Dieses Leben ist ungeheuer wichtig.
13. Die Welt ist herrlich – die Welt ist schrecklich.
14. Es kann mir nichts geschehen – Ich bin in größter Gefahr.
15. Es lohnt sich, zu leben.
Fazit:
„Freundlicher Anblick erfreut das Herz, eine gute Botschaft labt das Gebein. (Spr. 15,30)“270
270
Helmut Gollwitzer; Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens. Chr. Kaiser
Verlag München 1971/2. Auflage, S. 382
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124
Erläuterungen
Die Herausforderung – Die Reformation geht weiter!
I
„Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute
für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder
fromme Worte – sagen könnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und
d.h. eben der Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein. Auch diejenigen, die sich
ehrlich als „religiös“ bezeichnen, praktizieren das in keiner Weise; sie meinen vermutlich mit „religiös“
etwas ganz anderes. ...“. So Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an Eberhardt Bethge vom 30. April
1944; zit. nach Dietrich Bonhoeffer, – ein Lesebuch, hrsg. von Otto Dudzus, München, Kaiser Verlag
1985; Seite 50
II
Hans Küng: Projekt Weltethos, Piper Verlag, 1990; ders. Dokumentation zum Weltethos., Piper
Verlag, München 2002. Danach sind die fünf Grundüberzeugungen des Projektes Weltethos:
1. kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos
2. kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen
3. kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen
4. kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung
5. kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nicht-Religiösen
III
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60. Im Jahr 2010 präzisierte
Böckenförde dies wie folgt: „Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes
Ethos, eine Art „Gemeinsinn“ bei denen, die in diesem Staat leben. Die Frage ist dann: Woraus speist
sich dieses Ethos, das vom Staat weder erzwungen, noch hoheitlich durchgesetzt werden kann? Man
kann sagen: zunächst von der gelebten Kultur. Aber was sind die Faktoren und Elemente dieser Kultur?
Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christentum, Aufklärung und Humanismus. Aber nicht
automatisch bei jeder Religion.“ (Zit. nach Th. Eberth: „Freiheit ist ansteckend“, in Frankfurter Rundschau, 1. November 2010 online, 2. November 2010, S. 32f.)
IV
Dies erfordert aber eine intensivere Befassung mit den religiösen Traditionen, Glaubensinhalten
und ihrer rituellen Praxis, zumindest des Judentum als auch des Islam und inzwischen nicht zuletzt
den großen und alten Religionen des Fernen Ostens. Dies kann im Rahmen dieser Studie nicht geleistet
werden. Vorbedingung solcher Begegnungen ist jedoch die kritische Vergewisserung der eigenen christlichen Wurzeln unseres Glaubens und unserer Kultur.
V
Diese Frage nach dem „Christus für uns“ ist keineswegs neu; sie beschäftigt die evangelische
Theologie seit Anfang des 19. Jahrhunderts als David Friedrich Strauß 1935/36 sein „Das Leben Jesu“
veröffentlichte. Angesichts der rationalistischen Kritik der Aufklärung einerseits und einem fundamentalistischen Biblizismus andererseits deutet er die neutestamentlichen Erzählungen als Produkt des unbewusst, nach Maßgabe des alttestamentlich mythischen Messiasbildes dichtenden, urchristlichen Gemeingeistes. Bei ihm findet sich zum ersten Mal die Unterscheidung der historischen Person des Jesus
von Nazareth von dem Christus des Glaubens. Diese Unterscheidung wird später bei Forschern wie
Martin Kähler und Rudolf Bultmann wieder aufgegriffen.
VI
Die jüdische Auseinandersetzung mit Jesus von Nazareth findet sich in der babylonischen als auch
palästinischen Version des Talmuds. Im Traktat Sanhedrin 43a heißt es dazu: „Am Vorabend des Passahfestes hängte man Jeschu. ... weil er Zauberei getrieben und Israel verführt und abtrünnig gemacht
hat; ... .Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des
Passahfestes.“– (Jedoch sind Alter und Echtheit dieser Notiz strittig). – Einige Male wird Jesus als Jeschua (oder Jeschu) ben Pantera, als der Sohn eines römischen Legionärs bezeichnet, womit seine illegitime Geburt behauptet wird. Die wichtigsten Stellen sind: Tos Chullin 2, 22 f. (503); vgl. StrackBillerbeck: Bd.1, Das Evangelium nach Matthäus, erläutert aus Talmud und Midrasch, S. 36 ff; C.H.
125
Beck, München 1922. – In jüngster Zeit hat der jüdischer Religionswissenschafter David Flusser palästinische und rabbinische Traditionen über Jesus im Judentum, den Qumranschriften und im Neuen Testament erforscht. Inzwischen wurde Jesus, zumindest in der jüdischen Forschung, als ein Sohn des jüdischen Volkes heimgeholt.
VII
Biblischer Erzählstoff nimmt im Koran viel Raum ein. Jesus wird im Koran neben Mose 32-mal
namentlich erwähnt. „Er (Jesus) wird im Diesseits und im Jenseits angesehen sein; einer von denen, die
(Gott) nahe stehen.“ (Sure 3,45). „Und wir (gemeint ist Gott) haben Jesus, dem Sohn der Maria, die
klaren Beweise gegeben und ihn mit dem heiligen Geist gestärkt. (Sure 2,87) – Abgelehnt wird die
Gottessohnschaft Jesu. Seine Kreuzigung und sein Tod wird bestritten: „ ... und (weil sie) sagten: ‚Wir
haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes, getötet.' – Aber sie haben ihn (in
Wirklichkeit) nicht getötet und (auch) nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich
(so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten).“ ... „Nein, Gott hat ihn zu sich (in den Himmel)
erhoben.“ (Sure 4,158 f); alle Zitate nach Rudi Paret: Der Koran, übersetzt und eingeleitet, im Verlag
W. Kohlhammer 2001. (c) Directmedia Publishing GmbH.
Kapitel 1
Die Jesus-Überlieferung
Was wir von Jesus wissen können
I
Hatte Reimarus in seiner „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“
(hrsg. von G. E. Lessing 1774-78) und ähnlich D. F. Strauß in seinem „Leben Jesu“ zwischen der Verkündigung Jesu und dem Christusglauben der Apostel unterschieden, war damit die Erkenntnis verbunden, dass die Verkündigung Jesu nur aus dem Kontext der jüdischen Religion seiner Zeit heraus zu
verstehen ist. In der zweiten Phase der Leben-Jesu-Forschung entsprang der neuen literarkritischen Analyse der ältesten Quellen über Jesus, insbesondere durch die von Gottlob Wilke und Christian Hermann
Weisse entwickelte und bis heute bewährte Zwei-Quellen-Theorie, ein historischer Optimismus, der aus
den Evangelientexten schließlich einen Aufriss des Lebens Jesu und seiner biographischen Persönlichkeitsentwicklung rekonstruieren zu können glaubte. Diese liberalen „Leben Jesus-Bilder“ brachen zusammen, als Albert Schweitzer den Nachweis erbrachte, dass die dort geschilderte „Persönlichkeit Jesu“
den jeweiligen Persönlichkeitsidealen ihrer Verfasser entsprachen, (A. Schweitzer: Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, 5. Auflg. 1951). In dieser dritten Phase bewies K. L. Schmidt den fragmentarischen
Charakter der Evangelientexte. Die Jesus-Überlieferung besteht demnach aus lauter kleinen Einheiten
(Logien u.a.), die erst durch die Evangelisten zu einem „Rahmen der Geschichte Jesu“ zusammengefügt
wurden, und durch Gemeindebedürfnisse und nur sekundär durch historische Erinnerungen geprägt sind,
und somit auch der kerygmatische Charakter, selbst der kleinsten Perikopen feststeht. Für Rudolf Bultmann lässt deshalb die Quellenlage eine Jesus-Biographie nicht zu. Allerdings: „von seiner Verkündigung wissen wir so viel, dass wir uns ein zusammenhängendes Bild machen können.“ (Rudolf Bultmann: Jesus; J.C.B. Mohr, Tübingen, 1926/1958, S.14). Die Schüler Bultmanns haben aber die Frage
nach dem historischen Jesus neu aufgenommen. Seit etwa 1970 bezog die interkonfessionelle Forschung
inzwischen gewachsene Kenntnisse der Archäologie, Sozialgeschichte, Orientalistik und Judaistik zur
Zeit Jesu stärker ein. Zur ganzen Frage informative Überblicke bei: Gerd Theissen/Annette Merz: Der
historische Jesus, ein Lehrbuch; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, § 3 u. § 4, S. 35-123.
II
Als jüdische Quelle ist vor allem Josephus zu nennen. Er berichtet über „Jesus, der Christus genannt
wird“ (Theissen/ Merz: a.a.O., S. 18,23f; und 20,20). Ferner im „Testimonium Flavianum“, Ant. 18,63f.
Dieser letztere Text enthält allerdings Texteinschübe, die christlichen Ursprung zugerechnet werden
müssen. Im Ganzen aber gilt dieser Text als zuverlässig. Zu anderen, rabbinischen (jesus-kritischen)
Quellen siehe oben Anm. 15. – Erwähnungen des „Christus“ (als Eigenname) und der „Christen“ finden
sich auch bei drei römischen Schriftstellern, die zwischen den Jahren 110 und 120 n.Chr. gelebt haben.
So heißt es im Briefwechsel von Plinius d. Jüngeren (61 bis ca. 120 n. Chr.) mit Kaiser Trajan: „dass sie
(die Christen) gewöhnlich an einem festgesetzten Tag vor Sonnenaufgang sich versammelt, Christus als
ihren Gott im Wechsel Lob gesungen und sich mit einem Eid verpflichtet hätten, – nicht etwa zu irgend
einem Verbrechen, sondern zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit und Unterschlagung von anvertrautem Gut.“ Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55/56 -120 n. Chr.) berichtet in seinen Annalen aus der Zeit des Kaisers Nero. Dort heißt es: „Dieser Name [Christiani] stammt
von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Dieser verderbliche Aberglaube war für den Augenblick unterdrückt worden, trat aber später wieder hervor und
126
verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo er aufgekommen war, sondern auch in Rom, wo alle Gräuel und
Abscheulichkeiten der ganzen Welt zusammenströmen und geübt werden.“ – In seiner Vita des Kaisers
Claudius erwähnt der römische Rechtsgelehrte Sueton (70 – ca. 130 n.Chr.) lobend dessen Judenedikt
aus dem Jahr 49 n. Chr. Dort heißt es: „Die Juden, die von Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe
stifteten, vertrieb er aus Rom.“ (Sueton Claud. 45,4) vgl. dazu Apg. 18,2.
III
Eine relative Ausnahme bildet das Doppelwerk des Lukas, der immerhin in seinem Evangelium und
der anschließenden Apostelgeschichte vom Leben Jesu und dem Werden der Kirche erzählen will: „Den
ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und
lehrte“. Aber auch in diesem Falle zeigt sich durch synoptischen Vergleich, dass Lukas in seinem Evangelium ganz von den älteren Darstellungen, insbesondere Markus abhängig ist.
IV
Messias (griechisch = Christos) Das Wort bedeutet `Gesalbter' und bezeichnet den König, der durch
Salbung in sein Amt eingesetzt wurde. In der späteren Königszeit und vollends in und nach der babylonischen Gefangenschaft entstand die Erwartung eines `Gesalbten' in besonderem Sinn als eines idealen
Herrschers der Heilszeit, die die drückende Gegenwart ablösen soll. Mit seiner Gestalt verknüpft sich
die Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Reiches Davids, aber auch seine Ausweitung zur Weltherrschaft; über die politische Friedensordnung hinaus erwartete man eine Erneuerung der ganzen
Schöpfung (Jes 11,1-16). Doch ist der Gedanke einer Heilszeit der Zukunft nicht überall mit der Gestalt
eines Messiaskönigs verbunden (Jes 65,17-25). – Im Judentum vor der Zeitwende erwartet man neben
einem irdisch-politischen Messias (Davids Sohn) den Menschensohn als überirdischen Heilsbringer, der
das Ende der gesamten gegenwärtigen Weltordnung heraufführt. Vor dem Hintergrund der Menschensohnerwartung ließen sich Hoheit und Anspruch Jesu im damaligen Judentum treffender und weniger
missverständlich zum Ausdruck bringen als vor dem Hintergrund der Messias-Erwartung. aus: Lexikon
zur Bibel von F. Rienecker-Maier, 1994 R. Brockhaus Verlag.
V
Jesus hatte Brüder und Schwestern Mt. 12,46f; genannt werden Jakobus, Josef, Simon und Judas
Mt. 13,55. In der gesamten Evangelienüberlieferung gilt das galiläische Nazareth als Heimatstadt Jesu.
Nur die Geburt Jesu wird nach Bethlehem verlegt. Das Markus-Evangelium kennt keine Geburts- und
Kindheitsgeschichten von Jesus. Das Motiv der Jungfrauengeburt Mariens und der Geburtsort Bethlehem entstammen dem kerygmatischen Anliegen der Evangelisten Matthäus und Lukas, die in Jesus den,
in der prophetischen Tradition Israels verheißenen Messias sehen. In diesem Sinne erwähnt auch das
Johannes-Evangelium die Geburt Jesu in Bethlehem: „Sagt nicht die Schrift: aus dem Geschlecht Davids
und aus dem Ort Bethlehem, wo David war, soll der Christus kommen?“ (Joh.7,42) – Die neuere Forschung geht von der davidischen Abstammung der Familie Jesu aus, die offenbar in ihrem Lebenskreis
unbestritten war. Vgl. zum Ganzen: Theissen/Merz a.a.O. S.158.
VI
Der schlechte Ruf von Samaria und Galiläa begründet sich auf die (für Samaria gut belegte) Tatsache, dass die Assyrer nach der Eroberung des israelischen Nordreiches im Jahr 721 v. Chr. dort fremde
Völker angesiedelt haben, sodass eine Mischbevölkerung entstand, die sowohl sozial als kulturell israelfremde Traditionen mitgebracht hat. Vgl. Theissen/Merz a.a.O. S 161 – Interessant ist übrigens, dass
aus dieser historischen Tatsache Theologen der „Deutschen Christen“ im Nationalsozialismus die „arische Herkunft“ Jesu abgeleitet und damit für die indogermanische „Rasse“ reklamiert haben. Im Jahr
1939 wurde ein Institut gegründet, das unter der Leitung von Professor Dr. Walter Grundmann in Eisenach, die „Entjudung des religiösen Lebens“ zur Aufgabe hatte. – Grundmann schreibt, „dass, wenn
man die 'seelische Artung' als entscheidende Größe einsetzt, die nichtjüdische Abkunft Jesu mit großer
Sicherheit behauptet werden könne.“ (Walter Grundmann: Jesus, der Galiläer und das Judentum, 1940).
Dazu Karl Wilhelm Niebuhr: „Das ist nun ganz gezielt etwas kompliziert formuliert, denn Grundmann
sagt nicht: 'Jesus war Arier', das könnte er als Wissenschaftler nie beweisen. Und er sagt auch nicht,
dass Jesus im rassebiologischen Sinn kein Jude gewesen sei, sondern er spricht eben von der 'seelischen
Artung'. Aber die Tendenz war klar: Jesus soll vom Judentum abgerückt werden.“ In: Karl Wilhelm
Niebuhr „Wie Jesus zum Arier gemacht wurde – Die vergessene Geschichte des „Entjudungsinstitutes“,
Radio-Interview von Kirsten Serup-Bilfeldt am 11.06.2011; © 2013. Deutschlandradio nach
www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1479284/.
VII
Das biblische Hebräisch war zu Jesu Zeit bereits antiquiert. Die Landessprache war Aramäisch. In
Galiläa wurde ein galiläischer Dialekt gesprochen. – Nach Mt 26,73 verrät sich Petrus durch diesen,
seinen galiläischen Dialekt.
127
VIII
„Die Erinnerung an die Taufe Jesu durch Johannes bereitete der urchristlichen Überlieferung sichtbar
Verlegenheiten, einerseits wegen der scheinbaren Überlegenheit des Täufers über Jesus, andererseits wegen der mit der Taufe verbundenen Sündenvergebung, die auf ein Sendungsbewusstsein Jesu schließen
lässt. Eben darum darf die Taufe Jesu als ein historisches Grunddatum gelten.“ Theissen/Merz a.a.O. S.
193
IX
Die eigentliche Gerichtspredigt des Johannes ist nur bei Mt 3,7-12 / Lk 3.7 ff in der Quelle Q überliefert. „Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr
Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht
zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße! Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben
Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu
erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: jeder Baum, der nicht gute
Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber
nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit
dem heiligen Geist und mit Feuer taufen. Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne
fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer“. Nach vorherrschender Meinung ist diese Wiedergabe der Täuferpredigt kaum christlich
bearbeitet. Zum Ganzen vgl. Theissen/Merz a.a.O. S.184 ff.
X
Man hat dort wichtige archäologische Funde gemacht, u. a. den Nachfolgebau einer früheren Synagoge und das Wohnhaus des Petrus. Spuren einer zwischen den Jahren 50 – 100 n. Chr. erfolgten Renovierung des Hauses weisen darauf hin, dass hier höchst wahrscheinlich eine frühchristliche Hauskirche
eingerichtet worden war.
XI
Diese Angabe enthält aber das Wort „ungefähr“. Die 30 Jahre gelten allgemein als ein biblisches
Idealalter: David, (2. Sam 5,3), Josef (Gen 41,46) und Ezechiel (Ez 1,1) sind jeweils dreißig Jahre alt,
als ihre öffentliche Laufbahn begann.
XII
Im Anschluss an Rudolf Sohm hat Max Weber den Begriff des Charismatikers und der charismatischen Herrschaft in die Soziologie eingeführt. „`Charisma´ soll eine als außeralltäglich ... geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen
oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen, Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‚Führer’ gewertet wird. ...
Über die Geltung des Charisma entscheidet die, durch Bewährung – ursprünglich stets durch Wunder –
gesicherte freie, aus Hingabe an Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten. ... Diese ‚Anerkennung’ ist psychologisch eine aus Begeisterung
oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe. ... Der Verwaltungsstab des charismatischen Herrn ist kein ‚Beamtentum’ ... er ist seinerseits nach charismatischen Qualitäten ausgelesen: dem ‚Propheten’ entsprechen die ‚Jünger’, dem ‚Kriegsfürsten’ die ‚Gefolgschaft’, dem ‚Führer’
überhaupt Vertrauensmänner’. Es gibt keine ‚Anstellung’ oder ‚Absetzung’ ... nur Berufung nach Eingebung des Führers auf Grund der charismatischen Qualifikation des Berufenen. ... Es gibt kein ‚Gehalt’
... die Jünger oder Gefolge leben (primär) mit dem Herrn in Liebes- bzw. Kameradschafts-Kommunismus aus den mäzenatisch beschafften Mitteln. Es gibt keine ‚Behörden’, sondern nur charismatisch ...
beauftragte Sendboten. Es gibt kein Reglement, keine abstrakten Rechtssätze, keine an ihnen orientierte
rationale Rechtsfindung, keine an rationalen Präzedenzien orientierten Weistümer und Rechtssprüche.
Sondern formal sind aktuelle Rechtsschöpfungen von Fall zu Fall, ursprünglich nur Gottesurteile und
Offenbarungen maßgebend. Material aber gilt für alle genuin charismatische Herrschaft der Satz: ‚Es
steht geschrieben – ich aber sage euch’ ... “ Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Dritte Auflage,
J.C.B. Mohr, Tübingen 1947, S.140 ff.
XIII
Dazu gehören: Johannes der Täufer, Jesus von Nazareth, der „samaritanische“ Prophet, Theudas,
ein weiterer anonymer Prophet, der „Ägypter“ und Jesus, der Sohn des Ananias, sowie Propheten bei
der Belagerung Jerusalems 70 n.Chr. Näheres dazu bei Theissen/Merz a.a.O., S. 159 ff
XIV
Die Archäologie hat inzwischen nicht wenige Spuren aus der Zeit gefunden, in der Jesus gelebt
hat: Im Jahr 1968 wurde in Jerusalem ein Ossuarium (Knochenkasten) eines gewissen Jehohanan, Sohn
des Hagkol, gefunden. Zwischen seinen Fersenknochen steckte ein krummer Nagel mit herausgerissenem Holz. Es war der erste physische Beweis für die römische Hinrichtungsmethode einer Kreuzigung.
– Der sensationelle Fund wird heute im Israel-Museum in Jerusalem aufbewahrt. – Während des ersten
Irakkrieges 1991 stießen Archäologen in Jerusalem auf eine Grabhöhle (nahe der vermeintlichen Höhle
der „Familie Jesu“) mit dem Grabkasten des „Hohenpriesters Kaiphas“. – Eine Stele mit dem Namen
128
Pontius Pilatus, in Cäsaräa gefunden, bezeugt die aus dem Schrifttum längst bekannte historische Figur
des römischen Prokurators. – In Jerusalem wurde außerhalb des Tempelberges die Inschrift „Zum Ort
des Trompeters“ unter der südwestlichen Zinne entdeckt. Die Römer hatten das steinerne Geländer herabstürzen lassen und israelische Archäologen fanden es genau 1900 Jahre später. Das ist die Stelle, wo
Jesus – immer gemäß der Überlieferung – vom Teufel aufgefordert wurde, sich herabzustürzen „wenn
du der Messias bist“. An diesem Ort verkündete jedenfalls damals der Priester mit einem Stoß ins Widderhorn die Ankunft des Sabbats. – Wo die von Jesus umgeworfenen Tische der Geldwechsler standen,
kann man erahnen, wenn man die antiken Ladenreihen im Archäologiepark nahe dem Tempelberg sieht.
Gefunden wurden neutrale „Tempelmünzen“, die gegen römische Münzen mit dem Gottesbild des Kaisers eingetauscht wurden. „Götzendienst“ war im Tempel verboten. – Seit zwei Jahren wird der frisch
entdeckte Siloah-Teich freigelegt. In seiner Nähe heilte Jesus einen Blinden. (Joh 5,2ff) Jesu Wunderheilung kann freilich wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Aber die Archäologie kann helfen,
jenen Ort genauer zu ermitteln, wo sich diese Geschichte zugetragen haben soll. – Im See Genezareth
wurde ein großes Boot entdeckt, wie es Petrus verwendet haben könnte. Und der wohl bedeutendste
Fund sind die 2000 Jahre alten Handschriftenfunde aus Qumran, eine ganze Bibliothek zeitgenössischer
Schriften und Text-Kopien. – © 2006 Ulrich W. Sahm.
XV
Die Passionserzählung bildet den ältesten schriftlichen Kern aller vier Evangelien. „Die Passionsgeschichte verrät uns mehr über die Orte und Wege Jesu als andere Überlieferungen. ... Zweifellos verbinden sich mit Ortsnamen wie Bethphage und Bethanien (Mk 11,1) mit dem Ölberg (Mk 13,3) mit
Gethsemane (Mk 14,32) mit dem Prätorium des Pilatus (Mk 15,16) mit Golgatha (Mk 15,22) und wahrscheinlich auch mit dem Grab Jesu konkrete Erinnerungen ...“, Theissen/Merz a.a.O. S. 171. Historisches ist aber auch hier mit kerygmatischen Motiven vermischt. Man hat deshalb gelegentlich die Evangelien eine Passionsgeschichte mit längerer Einleitung genannt. – Die Leugnung des Kreuzestodes Jesu
im Koran beruht dort nicht auf einer besonderen historischen Überlieferung, als vielmehr auf der, dem
Koran eigenen theologischen (gnostisierenden) Sichtweise: Jesus gilt hier als Prophetengestalt in der
Nachfolge des Mose und ist als solcher von Gott zu sich genommen (d. h. entrückt) worden.
XVI
Dazu Theissen/Merz: „Mit der Tempelkritik geriet Jesus mit dem religiösen Zentrum des damaligen Judentums direkt in Konflikt. Das Judentum war damals sehr viel mehr eine Tempel- als eine ThoraReligion. Erst mit dem Verlust des Tempels trat die Thora exklusiv ins Zentrum des Glaubens. Der
Konflikt mit dem Tempel aber lässt sich von anderen Aspekten seines Wirkens nicht isolieren: Seine
liberale Thoraauslegung musste jetzt erst recht verdächtig werden. Denn die Thora war die Legitimationsgrundlage des Tempels, der Pentateuch (gemeint sind die fünf Bücher Mose; d. Verf.) die Ätiologie
(d.h. die Kulterzählung; d. Verf.) des Tempelkults. Dasselbe gilt von den politischen Aspekten des Wirkens Jesu: Der Tempel war die Basis der politischen Autonomie der jüdischen Gemeinschaft und damit
die Grundlage für die Privilegien der Oberschicht. Wer ihn kritisierte, war politisch ein Unruhestifter.
Wichtig aber ist: Mit seiner Tempelkritik fiel Jesus nicht aus dem Judentum heraus. Andere Juden standen ebenfalls in Distanz zum Tempel: der Täufer, die Essener, von den Samaritanern ganz zu schweigen.
Es war die große „Leistung“ des Judentums in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr., dass es sich in
eine Religion verwandelte, die auch ohne Tempel leben konnte – trotz innerer Bindung an ihn. Jesus
gehört mit seiner Verkündigung in diesen Verwandlungsprozess hinein. Er ist mit all seinen Konflikten
ganz und gar ein Teil der jüdischen Religionsgeschichte.“ a.a.O., S. 409.
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360
XVIII
Dazu Theissen/Merz: „Die Frage nach einer ‚Schuld’ am Tode Jesu ist unsachgemäß. Beantworten
lässt sich nur die Frage nach der Verantwortung für seine Hinrichtung. Sie liegt bei den Römern, die auf
Grund einer Initiative der jüdischen Lokalaristokratie handelten. Darüber hinaus kann man viele Ursachen und Faktoren nennen. Jesus selbst hat sein Ende riskiert, als er nach Jerusalem zog. Sein ganzes
Wirken hat einen selbststigmatisierenden Zug. Er exponierte sich und zog bewusst Aggressionen auf
sich. Ebenso richtig ist: Er wurde ein Opfer struktureller Konflikte zwischen Stadt und Land, Juden und
Römern, Volk und Aristokratie. Viele litten unter diesen Konflikten. ...“ Theissen/Merz a.a.O. S. 409
XIX
In der Forschung hat sich die johanneische Chronologie der Kreuzigung Jesu weitgehend durchgesetzt. Danach starb Jesus zu der Zeit, als „am Rüsttag“ im Tempel die Passahlämmer geschlachtet
wurden. (Joh. 19,14) So auch Theissen/Merz a.a.O. S. 375 und andere. Diese zeitlich Koinzidenz macht
verständlich, warum Paulus schreiben kann: „Denn auch wir haben ein Passahlamm, das ist Christus,
der geopfert ist“ (1. Kor. 5,7).
XX
Die Passionsgeschichte schildert ihn allen Schichten der Überlieferung das völlige Versagen der Jünger Jesu. Sie schlafen in den Stunden der Anfechtung und des Zweifelns Jesu, er wird von einem seiner
Jünger verraten, von einem anderen verleugnet, alle flüchten angesichts der Gefangennahme Jesu und
nur drei Frauen aus Jesu Gefolgschaft beobachten von Ferne den Vorgang der Kreuzigung. (Mk 15,40f;
vgl. par. Mt 27,55 ff, Lk 23,49.)
XXI
Hairesis (später „Häresie“) ist im griechisch sprechenden Judentum eine Sondergruppe, der man
sich auf Grund freier Wahl zugesellt. Der Begriff ist im jüdischen Umfeld durchweg neutral gebraucht
und entspricht dem hebr. ‚ ’. So werden in der Apostelgeschichte die Sadduzäer, (Act 5,17), Pharisäer
(Act 15,5 und 26,5) und schließlich auch die Christengemeinde selbst als ‚Hairesis’ im Sinne einer
‚Schule’ bezeichnet. (Act 24,14; 28,22). Für die frühkatholische Kirche und im Kampf um die Kirchenlehre, ist der Begriff der ‚Hairesis’ dann durchgehend negativ geprägt. Vgl. ThWB Bd.1, S. 179 ff – Der
Name ‚Christen’ ist eine, wohl aus Antiochien stammende, Fremdbezeichnung der Jesus-Gemeinde. Die
judenchristlichen Gemeinde verwendet für sich selbst die Bezeichnung „Leute des Weges“ (Act 9,2;
19,9; 19,23; 24,14) wobei „Weg“ sich wohl auf die Lehre Jesu bezieht.
XXII
Forscher fanden 1857 auf dem Hügel Palatin in Rom die Ruinenmauern einer Ausbildungsstätte für
Pagen. An der Wand eines Raumes entdeckte man ein Graffito, auf dem ein Jesus mit einem Eselskopf
am Kreuz hängt. Davor steht ein junger Mann mit einer zum Gebet erhobenen Hand. In griechischer
Schrift steht neben dem Bild „Alexamenos betet (seinen) Gott an.“ Dieser Alexamenos war offensichtlich ein junger Christ, der sich zu dem gekreuzigten Jesus bekannte und seinen Glauben an ihn nicht
verschwieg. – Die Forscher datieren die Entstehung dieser Karikatur auf die Zeit von 123 bis 126 n.Chr.
Sie ist das älteste Dokument des Glaubens an den gekreuzigten Jesus.
Die Gestalt Jesu Christi hat im Laufe der Geschichte die unterschiedlichsten Kommentierungen erfahren. Hier eine Auswahl davon:
„Die bloße Bezeichnung ‚Kreuz’ sei nicht nur von Leib und Leben der römischen Bürger
verbannt, sondern auch von ihren Gedanken, Augen und Ohren. Denn alle diese Dinge sind
eines römischen Bürgers und freien Mannes unwürdig." – Marcus Tullius Cicero, gest. 43 v.
Chr. (Pro Rabirio 5,16)
„Aber da ist ja in hiesiger Stadt kürzlich eine neue Mitteilung über unsern Gott öffentlich zur
Schau gestellt worden, seitdem ein Verbrecher, der für Geld das Geschäft betreibt, die wilden
Tiere zu necken, ein Bild zum Vorschein brachte mit der Inschrift: 'Der Christengott Onokoites'
[=Eselbeischläfer]. Er hatte Eselsohren, einen Fuß von Huf, trug ein Buch und eine Toga." –
Tertullian, christlicher Lehrer, ca. 155 - 230 (Apologeticum 16)
„Nicht dem leidenden Gotteslamm aus der jüdischen Geschichte, sondern dem stolzen arischen Herrenmenschen Christus, dem zornigen Eiferer, dem Zerstörer alter vertrockneter Strukturen wollen wir huldigen! Christus kann wegen dieser Eigenschaften auch kein Jude gewesen
sein. Der die Händler aus den geheiligten Hallen hinauswarf, soll unser Vorbild sein, nicht der
130
Besiegte, Ohnmächtige am Kreuz!“ – Alfred Rosenberg, Ideologe des Nationalsozialismus
(„Mythos des 20. Jahrhunderts“)
„Es war nicht Gottes Wille, dass Jesus grausam getötet wurde. Aber es war durchaus Gottes
Wille, dass Jesus auch diesen, ihm von Menschen zugefügten Tod noch mit seiner Liebe zu Gott
und den Menschen füllte."– Hans Kessler, Theologe (auf der Salzburger Hochschulwoche
1994)
„Er breitete Seine Arme am Kreuz aus, um die ganze Welt zu umfangen."– Kyrill von Jerusalem, Bischof , 315 - 386 (Katechetische Gespräche 13,28)
Die Verkündigung Jesu
I
Dazu der Neutestamentler Günter Bornkamm: „Recht verstanden hat gerade die historischen Kritik
uns den Weg zu dieser Geschichte neu erschlossen, indem sie alle jene Versuche, sich ihrer biographisch-psychologisch zu bemächtigen, zerschlug. Wir sehen jetzt deutlicher: reden die Evangelien von
der Geschichte auch nicht im Sinne eines nachzuzeichnenden Lebensablaufes mit seinen Schicksalen
und Stadien, seiner äußeren und inneren Entwicklung, so reden sie doch von Geschichte als Geschehen
und Ereignis. Von ihr geben die Evangelien überreichlich Kunde. Dieses Urteil darf kühnlich gewagt
werden, trotz der historischen Anfechtbarkeit noch so vieler Erzählungen und Worte im Einzelnen, trotz
der Tendenzen, die unverkennbar in der Überlieferung wirksam sind, und trotz der Unmöglichkeit, aus
einem Mehr oder Weniger gesicherter Einzelheiten am Ende ein mehr oder weniger gesichertes Ganzes,
das wir Leben Jesu nennen könnten, zu gewinnen.“ Günter Bornkamm: Jesus von Nazareth, Urbanbücher bei Kohlhammer, 1957/2, S. 22.
II
„Die Vaterunser-Bitte zielt auf ein zukünftiges Reich. Die Wendung vom „Kommen“ ist neu bei
Jesus. Sie tritt an die Stelle des Kommens Gottes (Jes. 35,4; 40,9f u. öfter). Urchristliche Erwartung
(dagegen) richtet sich auf das Kommen des „Herrn“ (Kyrios) (vgl. 1. Kor 11,26; 16,22). Aus dem Urchristentum lässt sich die Bitte daher kaum ableiten. Für die Authentizität des Vaterunsers spricht auch,
dass das Neue Testament eine Fülle von Liedern und Bekenntnisformulierungen kennt, aber nur dies
eine Gebet auf Jesus zurückführt und als von ihm angeordnet darstellt. ... Wäre das Vaterunser nicht in
besonderer Weise „geschützt“ gewesen, so wäre es sicher stärker an den nachösterlichen Glauben der
Christen assimiliert worden.“ So Theissen/Merz, a.a.O. S.232.
III
„Entsprechend eines verbreiteten altorientalischen Königsideals (vgl. Ps 72) greift Gott zugunsten
der Armen und Schwachen ein, sodass sich ihr Geschick bald zum Guten wenden wird.“ Theissen/Merz
a.a.O. S. 233. In Lukas 6,20-23 (entspr. Logien-Quelle) dürfte der ursprüngliche Wortlaut der Seligpreisungen Jesu überliefert sein. Diese konkreten Seligpreisungen wurden in der Fassung bei Mt 5,3-12
schon früh spiritualisiert: Jetzt sind es die „Armen im Geiste“, „die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“, die Jesus preist. Diese Spiritualisierung der Seligpreisungen, sie also „geistlich“ aufzufassen,
spricht ebenfalls dafür, dass bei Lukas der ursprüngliche Wortlaut der Seligpreisungen Jesu überliefert
ist.
IV
Wie bei dem Täufer Johannes, gehören auch bei Jesus Heilszusage und Gerichtspredigt zusammen.
Der Täufer predigt das Gericht und bietet die Taufe als Weg zum Heil an. Jesus aber verkündigt das
jetzt gewährte Heil, droht aber denen, die das angebotene Heil verwerfen, das Gericht an. Das ist eine
deutliche Akzentverlagerung der Verkündigung Jesu.
V
Vgl. Jer 8,5; 35,15; u.v.a. – Mit dieser Botschaft gehört Jesus wie auch Johannes grundsätzlich in
die Tradition seines Volkes. ... „Zeit und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft bestimmen … in
einzigartiger Weise Denken, Erleben und Hoffen dieses Volkes. In der Vergangenheit, die ihm Leben
und Wesen gab, und in der Zukunft, die ihm Leben und Wesen wiedergeben soll, hat dieses Volk seinen
Gott und sich selbst. Es kennt keine andere Bewahrung, auch in einer Gegenwart, die nichts von dieser
Gewissheit sichtbar werden lässt und dem Anspruch dieses Volkes Hohn zu sprechen scheint, und es
weiß sich selbst zu nichts anderem berufen, als diese Vergangenheit und Zukunft gehorsam zu bewahren. So ist die Welt, in der Jesus erscheint, eine Welt zwischen Vergangenheit und Zukunft, so intensiv
dem einen wie dem anderen verhaftet, dass es für jüdischen Glauben schier keine unmittelbare Gegenwart mehr geben kann. Denn alles Leben ist hier in heilige Tradition eingefangen, jeder hat seinen Platz
in dem von Gottes Gesetz und Verheißung bestimmten und geregelten Gefüge. Wer ihm genügt, hat
Anspruch und Recht auf das ewige Heil; wer ihm nicht genügt, ist verworfen. Alle Zeit ist Zwischenzeit
und als solche Bewährungszeit, begründet in dem Einst göttlicher Entscheidungen, die für jeden Einzelnen Heil oder Verderben bedeuten. Von hier aus versteht sich das Bild, das Jesu geschichtliche Umwelt
131
bietet: gleichsam ein Boden, steinhart und dürr geworden durch das Alter seiner Geschichte und Tradition, und doch ein vulkanisch erschüttertes Terrain, aus dessen Spalten und Rissen immer wieder das
Feuer glühender Erwartungen herausbricht. Beides aber, Erstarrung und Erschütterung, Versteinerung
und lodernder Ausbruch im Grunde gleichen Ursprungs: Verwirklichung und Ausdruck eines Glaubens,
der an den Gott jenseits von Welt und Geschichte sich hält.“ So sehr eindrücklich Günter Bornkamm
a.a.O., S.50.
VI
„Lehnten die Pharisäer es schon ab, mit einem Gesetzesunkundigen gemeinsam ein Mahl einzunehmen, so stand für sie die Tischgemeinschaft mit den „Sündern“ völlig außer jeder Diskussion.“
Joachim Jeremias: Zöllner und Sünder, zit. nach: Otfried Hofius, Neutestamentliche Studien, in Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 1332, bei Mohr/Siebeck, 2000, S.28.
Der Begriff „Sünder“ ist an den betreffenden Stellen nicht nur ein theologischer, sondern auch soziologischer Begriff: „Als ‚Sünder’ ... galten zunächst ausnahmslos alle, die einen unmoralischen Lebenswandel führten, wie z.B. die Ehebrecher, Betrüger, Räuber, Diebe und Dirnen. Für ‚Sünder’ hielt man aber
auch solche Leute, die einen Beruf ausübten, der als unehrenhaft angesehen wurde, weil er zur Unredlichkeit oder zur Unsittlichkeit verleiten konnte. Zu dieser Gruppe rechnete man unter anderen die Zöllner,
Steuereinnehmer, Geldwechsler, Hirten und Hausierer.“ J. Jeremias zit. nach O. Hofius, a.a.O. S 28. Entsprechend gab es Listen „sündiger“ Berufe.
VII
Jesus hat sich selbst jedoch nicht als den endzeitlichen Messias verstanden, wie er in den apokalyptischen Überlieferungen des Judentums, maßgeblich in Dan. 7, geweissagt ist. Das „MenschensohnWort“ Mk 8, 38: „Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“ – setzt das Verhalten gegenüber Jesus in ein Verhältnis
zum Handeln des kommenden „Menschensohn“. Dieser ist aber nicht mit ihm identisch. Die in der
Forschung lange erörterte Frage nach dem Messiasbewusstsein Jesu findet in der authentischen JesusÜberlieferung keinen Anhalt. Das Bekenntnis zum Menschensohn bedeutet jedoch Konflikt mit der
Umwelt.
VIII
„Zusammenfassend kann man zum Verhältnis von Johannes, dem Täufer und Jesus sagen: Jesus
verdankt seinem Lehrer Grundzüge seiner Verkündigung und seines Selbstverständnisses. Sein Verhältnis zu ihm ist durch Anknüpfung und Widerspruch geprägt. Nach Überzeugung des Täufers war Gott
dabei, durch eine „messianische“ Mittlergestalt (ohne Titel) endgültig in die Geschichte einzugreifen,
um sein Gericht durchzuführen. Die Taufe war ein Heilsangebot in letzter Minute: eine symbolische
Handlung, um die Ernsthaftigkeit der Umkehr zu beweisen, die Gott akzeptieren wollte – auch wenn
nicht mehr viel Zeit für ein von Umkehr geprägtes Leben übrig blieb. Bei Jesus wird aus dieser futurischen „Nächst-Erwartung“ die Gewissheit, dass Gottes endgültiges Eingreifen schon begonnen hat –
nicht zum vernichtenden Gericht, sondern zum Heil. Das mythische Böse war schon besiegt, der Satan
aus dem Zentrum der Wirklichkeit entfernt. Die Wunder der Endzeit geschehen schon jetzt. Der Mensch
hat noch Zeit: Gott gibt Zeit, durch Umkehr das ethisch Böse zu überwinden. So Theissen/Merz a.a.O.
S. 197 f.
IX
„Die Wundertätigkeit Jesu ist breit bezeugt. Sie begegnet in verschiedenen Überlieferungsströmen,
verschiedenen Gattungen und hat ihr Echo im Zeugnis verschieden eingestellter „Zeugen“ gefunden. ...
Wunder werden erst dort zum Problem, wo eigene Erfahrung keine Analogie zu Wundertätern kennt. Wir
alle beurteilen historische Berichte nach einem Analogieprinzip: Wir neigen dazu, das, was in ihnen unserer Erfahrung widerspricht, für unhistorisch zu halten. ... Dasselbe Analogieprinzip, das unsere Skepsis
begründet, verpflichtet uns aber dazu, die Möglichkeit von Heilungen und Exorzismen anzuerkennen, auch
wenn sie in unserer unmittelbaren Lebenswelt keine Rolle spielen. Denn zu ihnen gibt es in vielen Kulturen
eine Fülle gut dokumentierter Analogien – im Übrigen auch im Untergrund unserer Kultur, mag das auch
offiziell geleugnet werden. Umstritten bleibt dann aber immer noch, ob die Überlieferung von einem
Heilcharismatiker historisch glaubwürdig ist oder nicht – und vor allem, ob sie religiös oder nicht-religiös
zu deuten ist.“ Theissen/Merz a.a.O., S. 269 und 280.
X
Die in Mk 3,13 ff namentlich genannten Jünger wie die Brüder Simon, genannt Petrus und Andreas
und die Zebedäus-Söhne Johannes und Jakobus zumindest sind wohl auch historisch sicher. Von den
Frauennamen ist Maria aus Magdala gewiss historisch. Ihr wird eine besondere Nähe zu Jesus nachgesagt. Die Zwölfzahl der Jünger in den Evangelien jedoch zeichnet Jesu Gefolgschaft, analog zum
Zwölfstämmevolk, als das neue Israel und ist in dieser Form sicherlich Gemeindebildung.
132
XI
„In der aramäischen Umgangssprache bedeutet „Menschensohn“ einfach einen Menschen. Andererseits kennt die jüdische Apokalyptik die endzeitliche Gestalt des ‚Menschensohnes’: „ ... und siehe, mit
den Wolken des Himmels kam einer, der einem Menschensohn glich [einer wie ein Menschensohn“; ein
Menschenähnlicher“], und gelangte bis zu dem Hochbetagten, und er wurde von ihm geführt. Ihm wurde
Macht verliehen und Ehre und Reich, dass die Völker und Nationen und Zungen ihm dienen. Seine
Macht ist eine ewige Macht, die niemals vergeht, und nimmer wird sein Reich zerstört.“ (Dan 7,13f)“
zit. n. Theissen/Merz a.a.O., S. 472 – In zwei späteren apokalyptischen Texten ist unter Rückbezug auf
Dan 7 von einer Richtergestalt als „Mensch“ bzw. „Menschensohn“ die Rede. (4. Esra 13, vom Ende
des 1. Jahrhunderts und dem Äthiopischen Hennochbuch 37-71 aus der Zeit vor 70 n.Chr.)
XII
Die Forschung geht davon aus, dass Jesus mit seinem Zug nach Jerusalem ganz bewusst eine Zuspitzung seiner Botschaft beabsichtigt hat. Seine Kritik am Opferkult im Jerusalemer Tempel, ja dessen
völlige Ablehnung bringen ihm die Feindschaft der Kreise ein, die dem Tempel dienen und am ihm
verdienen. Die Kritik am Tempelkult findet sich auch in der ersten Jüngergemeinde vgl. die Stephanusrede Apg 7,48. – Dass sich Jesus einer Gefahr für seine persönliche Sicherheit bewusst war, bezeugt
schließlich auch die in der Passionserzählung fest verankerte Szene im Garten Gethsemane.
XIII
Mk 14,25 par. Dazu Theissen/Merz: „Die Flucht der Jünger und der Zusammenbruch ihrer Erwartungen auf Grund der Kreuzigung Jesu machen es unwahrscheinlich, dass Jesus eindeutige Todesprophetien geäußert hat. Möglich aber sind Weissagungen, die zweideutig sind: in denen die Möglichkeit des
Sterbens zum Ausdruck kommt, aber auch die Hoffnung, bald (ohne einen dazwischen liegenden gewaltsamen Tod) im Reich Gottes zu sein. Mk 14,25 kann als Ausdruck intensiver Naherwartung verstanden
werden: Wenn Jesus das nächste Mal Wein trinken wird, wird das Reich Gottes da sein. Es beginnt in den
nächsten Tagen. Jesus selbst wird sein hereinbrechen noch erleben. Aber das Wort kann auch sagen: Jesu
Tod steht unmittelbar bevor. Nach seinem Tod wird er erst wieder in Reich Gottes ‚Wein’ trinken. ... Ihm
war die Gefahr bewusst, eines gewaltsamen Todes zu sterben. Aber noch immer hoffte er, dass Gott eingreifen werde und vor seinem Tod die Gottesherrschaft beginnen und alles verändern werde. In jedem Fall
aber wäre für ihn das Mahl am Passahvorabend ein Abschiedsmahl. ... Jesus lebte zuletzt in Erwartung
seines möglichen Todes, nicht aber in Todesgewissheit.“ a.a.O. S. 379
XIV
„Der Ursprung religiöser Rituale liegt meist in dunkler Vorzeit. Hätte man antike Menschen gefragt,
warum sie den Göttern Opfer darbringen, hätten sie nur eine Antwort gewusst: Weil unsere Vorfahren es
schon immer getan haben! Das Urchristentum entwickelte dagegen neue Rituale. Es machte mit der Taufe
eine Waschung – meist nur Vorbereitung zum eigentlichen Ritual – zum zentralen Initiationsritus. Es löste
durch das Abendmahl – eine geschichtliche Mahlzeit mit einer hochtheologischen Deutung – die jahrhundertealte Tradition blutiger Opfer ab. Beide Sakramente wurden nicht auf eine uralte Vorgeschichte zurückgeführt, sondern auf die jüngste Geschichte: die Taufe auf Johannes den Täufer, das Abendmahl auf
Jesus! Beide legitimierten sich nicht als Tradition, sondern als Innovation. Beide erhielten durch die Beziehung auf den Tod Jesu eine neue Deutung.“ Theissen/Merz, a.a.O., S.359
Kapitel 2
Die Anfänge erster christlicher Gemeinden
I
Mk 14,50f par. Mt 26,56. Wahrscheinlich haben sie sich nach Galiläa in ihre Heimatdörfer abgesetzt.
– In diesen Zusammenhang gehört auch die gut bezeugte Überlieferung von der Verleugnung Jesu
durch Simon Petrus im Vorhof des Synhedriums. – Dass hingegen Frauen aus der Gefolgschaft Jesu
offensichtlich in Jerusalem und sogar in der Nähe der Hinrichtungsstätte ausgeharrt haben, ist einhellige
Überlieferung der Quellen. Dieser Sachverhalt wird aus der Rolle von Frauen in der damaligen jüdischen
Gesellschaft verständlich.
II
Dazu Leonhard Goppelt: „Das Osterzeugnis in 1. Kor 15,4 enthält zwei ihrer Entstehung nach sehr
unterschiedliche Aussagen: Es sagt einerseits einen Vorgang aus, den niemand wahrgenommen hat: „Er
ist auferweckt worden“. Und es berichtet andererseits geschichtliche Erfahrungen, deren Historizität
niemand bestreitet, nämlich die Ostererscheinungen: „Er ist Kephas erschienen, darauf den Zwölfen.“
Offensichtlich wurde das erste aus dem zweiten gefolgert. Daher ist zu fragen: Wie ergab sich aus der
Wahrnehmung der Erscheinungen die Schlussfolgerung, er sei auferweckt worden? Wer z.B. im Traum
einen Verstorbenen sieht, wird daraus nicht folgern, dass er auferstanden sei.“ So in „Theologie des
neuen Testamentes“, UTB 850 Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 3. Auflg. 1978, Seite 283.
133
III
So noch Mk 16,7; Mt 28,16 ff; als auch das apokryphe Petrusevangelium. In Lk und Joh-Evangelium
werden diese ersten Erscheinungen des Auferstandenen aus kerygmatischen Gründen nach Jerusalem
umlokalisiert.
IV
„Unabhängig davon könnte Maria Magdalena die erste Erscheinung gehabt haben, die nicht in das
allgemeine Gedächtnis des Urchristentums einging, sondern von der Einzelerscheinung des Petrus verdrängt wurde: Er galt schon früh als der erste Auferstehungszeuge. Wahrscheinlich hat er die anderen
Mitglieder des Zwölferkreises gesammelt. Zusammen haben sie eine gut bezeugte Gruppenerscheinung
gehabt, in der die urchristlichen Erzähler den Anfang der urchristlichen Gemeinschaft sahen, denn sie
erzählen diese Erscheinung immer zusammen mit einem Auftrag zur Gründung von Gemeinden. ...
Möglicherweise wurden auch ekstatische Erfahrungen großer Gruppen (der 500 ‚Brüder’) als Erscheinung erlebt.“ So Theissen/Merz a.a.O., S. 439.
V
Das älteste schriftliche Zeugnis über die Erscheinungen des Auferstandenen findet sich im Brief
des Paulus an die Gemeinde in Korinth, 1. Kor 15,3-7: Hier zitiert Paulus eine frühe Traditionsformel
aus der Gemeinde in Damaskus, die ihrerseits aber aus Jerusalem stammen muss und spätestens fünf bis
zehn Jahre nach den Ereignissen entstanden ist. Sie lautet: „Denn als erstes habe ich euch weitergegeben,
was ich auch empfangen habe: ‚Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass
er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.“ – Im Anschluss an diese Jerusalemer Überlieferung findet sich hier sodann der einzige authentische Erfahrungsbericht über eine Erscheinung des Auferstandenen, den wir von einem Zeugen selbst haben. Das ist die Christuserscheinung
des Paulus selbst: „Zuletzt von allen ist er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.
Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil
ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. ... “
VI
Das Fest Schawuot ist das jüdische Wochenfest, das ca. sieben Wochen bzw. 50 Tage nach dem
Passahfest gefeiert wird und für die christlichen Gemeinden nun zum Pfingstfest (Pentakost) wird.
VII
Lukas ordnet dieses Geschehen in eine zeitliche Abfolge, das aber sachlich in Eins zusammengesehen
werden muss. – Ostern und Pfingsten fallen sachlich, und deshalb auch zeitlich zusammen. So versteht
es auch das Johannesevangelium.
VIII
Das betont judenchristliche Matthäusevangelium beschreibt die Sendung der Jünger als ausschließlich an Israel gerichtet. „Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den
Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause
Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ (Mt 10,5 ff).
IX
Die frühe judenchristlichen Gemeinde bezeichnet sich in der Nachfolge Jesu als „auf dem Weg“
(Jesu). Saulus/Paulus will in Damaskus die „Leute des Weges“ verhaften. (Apg. 9,2); Im Markusevangelium spricht Jesus zu einem Geheilten: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde
er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.“ (Mk 10,52); Dieser Weg ist der „Weg des Herrn“ (Mk
1,3 par.); der „Weg der Gerechtigkeit“ (Mt 21,32); der Weg des Friedens (Röm 3,17 und Lk 1,79), der
Weg Gottes (Mk 12,14 par.). Das Johannesevangelium schließlich lässt Jesus sagen: „Ich bin der Weg,
die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6). Die Bezeichnung
der Jesus-Gemeinde als „Christen“ ist ein Name, der der Gemeinde später von außen zugelegt wird.
X
Vergleiche die Namensliste der laut Apg 6 gewählten Diakonen. Stephanus, der erste christliche
Märtyrer, trägt einen griechischen Namen, vgl. Apg 6,5. Auch die anderen zu Diakonen gewählten Männer tragen überwiegend hellenistische Namen und kommen offenbar aus der jüdischen Diaspora. Bei
den zu versorgenden Witwen handelt es sich wahrscheinlich um die Hinterbliebenen von Juden aus der
Diaspora die zum Lebensende nach Jerusalem gekommen sind, um hier zu sterben und begraben zu
werden.
XI
Vgl. Apg 2,37-42, Apg 8,16; 16,5; 19,3f; Röm 6,3; 1. Kor 1,14 ff; 12,13; Gal 3,27. Die urchristliche
Taufe schließt an die Johannestaufe an; wird aber nunmehr zu einem Initiationsritus der Jüngergemeinde Jesu und zu einem sakramentalen Zeichen der Sündenvergebung.
XII
Man hat die Gütergemeinschaft als Ursache für die Verarmung der Urgemeinde dargestellt: Das
Verkaufen von Grundbesitz und Konsumieren der Erlöse habe in den wirtschaftlichen Ruin geführt.
134
Deshalb sei die Urgemeinde später auf materielle Hilfe von außen angewiesen gewesen, wie die Kollekte des Paulus zeige. So Martin Leutzsch: Erinnerung an die Gütergemeinschaft. Über Sozialismus
und Bibel. In: Richard Faber (Hrsg.): Sozialismus in Geschichte und Gegenwart. Würzburg 1994, S. 80–
92. Diese Auffassung berücksichtigt aber nicht die idealisierende Darstellung der Apostelgeschichte
des Lukas.
XIII
Frühchristliche Kunst: „Sie brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude
und Einfalt des Herzens.“ – Zeichnung aus der frühchristlichen Katakombe der beiden Heiligen Marcellinus and Peter. – Die Familie sitzt um den Tisch, auf dem der Fisch bereit steht. Der Fisch diente
als Geheimzeichen der Christen. Der Fisch, griechisch ΙΧΘΥΣ, symbolisiert Jesus Christus: Die
Buchstabenfolge von ΙΧΘΥΣ steht für Ιησουζ (Jesus) – Χριστοζ (Christus) – Θεοζ (Gott) – Υιοζ
(Sohn) - Σωτηρ (Retter). Die Mahlzeit wird von zwei guten Geistern begleitet. Der Hausvater bittet
IRENE, den Frieden, “Friede, gib Calda”, wahrscheinlich eine Mischung aus heißem Wasser, Wein und
Arzeneien, also eine Art von Punsch, der hauptsächlich im Winter getrunken wurde. Und er bittet die
AGAPE, “Liebe, gib uns zu trinken”. – Mit einem Kohlestift sind über den großen Buchstaben dieser
Bitten der Name des Künstlers Pomponio Leto und seiner Schule angebracht. (Rodolfo Lanciani, 1892,
p357). – Bild und Text aus dem PD-old book: Pagan and Christian Rome, by Rodolfo Lanciani, veröffentlicht von Houghton, Mifflin and Company, Boston and New York, 1892. – Quelle: http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Gazetteer/Places/Europe/Italy/Lazio/Roma/Rome/_Texts/Laniani/LANPAC/7*.html
XIV
Apg 2,42-47 schildert die Situation idealtypisch, gibt aber wesentliche Sachverhalte des Zusammenlebens in der Jerusalemer Urgemeinde wieder. Ähnliches darf man dann auch in den Gemeinden
von Damaskus und Antiochien unterstellen. Dass aber die tatsächlichen Verhältnisse nicht immer diesem Ideal entsprachen, verrät die Geschichte von Hananias und seiner Frau Saphira; Apg 5,1 ff.
XV
Die jüdischen Wochentage beginnen jeweils am Abend des Vortages. Demnach findet die Kreuzigung Jesu am sechsten Tag der Woche, dem Jom Schischi (unserem Freitag) statt. Der darauf folgende
siebente Tag ist der Ruhetag Sabbat, der also am Freitagabend beginnt und den Sonnabend über dauert.
Dann beginnt am Abend des Sabbats bereits die neue Woche mit dem Jom Rischon. Er wird nun zum
„Herrentag“, unserem Sonntag.
XVI
In der judenchristlichen Urgemeinde ist es nicht die Beschaffenheit von Brot und Wein, die die
Gegenwart Jesu in seiner Gemeinde gewährt, sondern der einfache Vollzug des Ritus. Die sakramentale
Gabe ist nicht „Leib“ und „Blut“, sondern die geheimnisvolle Gegenwart des Gekreuzigten und Auferweckten in seiner Gemeinde unter den äußeren Zeichen des Brotbrechens und der Hinreichung des Bechers voll Wein.
XVII
In der „Lehre der Apostel“ (Didache), einer frühchristlichen Schrift (ca. 150-180, nach anderen Angaben bereits um 80-100 n. Chr.), die wahrscheinlich in Syrien verfasst wurde, werden Abendmahlsworte
ohne die Deuteworte für die Gaben überliefert: Kap 9,1ff: „Betreffs der Eucharistie aber sagt folgendermaßen Dank: Zuerst den Kelch betreffend: Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Da-
135
vids, deines Knechts, den du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Sohn. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Betreffs des gebrochenen Brotes aber: Wir danken dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis,
die du uns kundgemacht hast durch Jesus, deinen Sohn. Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit. Wie dieses
(gebrochene Brot) zerstreut war auf den Bergen, und zusammengebracht ist es eins geworden, so soll deine
Kirche zusammengebracht werden von den Enden der Erde in dein Reich. Denn dein ist die Herrlichkeit
und die Kraft durch Jesus Christus in Ewigkeit.“ – Allerdings wird in Kap. 14,1-3 im Zusammenhang des
sonntäglichen Brotbrechens drei Mal ausdrücklich das „Opfer“ erwähnt.
XVIII
So fand man in Kapernaum eine frühchristliche Pilgerstätte. Sie wird mit dem ehemaligen Wohnhaus des Petrus identifiziert, wo die ersten Jesusanhänger sich trafen.
XIX
Man hat deshalb die Evangelien auch „Passionsberichte mit ausführlicher Einleitung“ genannt. – So Martin Kähler: Der sog. historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus.
1896; Seite 80.
XX
Der Prophet Elija als typologische Messiasgestalt
Die vermutlich älteste erhaltene Darstellung des Propheten Elija findet sich in der jüdischen Synagoge
von Dura-Europos (3. Jh. n. Chr.). In ursprünglich fünf Bildern werden Szenen aus der Dürre-Komposition (Elija und die Witwe aus Zarpat, die Totenerweckung, das Opfer der Baalspropheten, das Gottesurteil auf dem Karmel) gezeigt.
Die Totenerweckung des Elija
Elija war ein biblischer Prophet, der in der Zeit der Könige Ahab und Ahasja im zweiten Viertel des
9. Jahrhunderts v. Chr. im Nordreich Israel wirkte. Sein Name bedeutet „Mein Gott ist JHWH”. – Im
überlieferten Traditionsgut Israels, insbesondere im Tenach, wird Elija mit der Vorstellung von Totenerweckung und Himmelfahrt in Verbindung gebracht.
Nach 2 Kön 2,1–18 wird Elija durch einen feurigen Wagen mit feurigen Rossen von seinem Nachfolger
Elischa getrennt und in einem Sturmwind zum Himmel entrückt, ohne dass sein Tod oder die Trauer
seines Nachfolgers Elischa erwähnt wird. Zuvor hatte Elija dem König Joram von Juda einen Brief mit
einer Gerichtsbotschaft geschrieben. Darum entstand im Judentum früh der Glaube, Elija sei nicht gestorben, sondern lebend in den Himmel aufgenommen worden. Er gilt seither als der wichtigste Prophet
nach Mose. Der Prophet Maleachi kündigt die Wiederkunft Elias als Wegbereiter des Messias an. Nach
Mal 3,23–24 wird Elias noch vor dem kommenden Gerichtstag Gottes ganz Israel zur Umkehr zu Gott
und seinen Geboten, sowie zur Versöhnung untereinander bewegen. Die Berichte der Evangelien belegen, dass um die Zeitenwende während der römischen Besatzung in Israel, die Erwartung des Messias
und die Elijaserwartung besonders ausgeprägt waren. (vgl. Mt 17,1 ff)
Im Judentum spielt diese Erwartung heute noch eine Rolle. Elija gilt hier vor allem als Symbol für
Standhaftigkeit in Zeiten von Unterdrückung und Götzenanbetung. Da Elija nicht gestorben ist, sondern
entrückt wurde, tritt er in der jüdischen Tradition immer wieder als Mittler zwischen Gott und den Menschen auf und seine Wiederkunft als Vorläufer des Messias wird erwartet.
XXI
Mit dem Messiastitel wird die jüdische Königstradition nunmehr endgültig zum Interpretament des
Ostergeschehens. Jesus ist der „Sohn Davids“. Dieser Königstitel findet seinen geschichtlichen Anhalt
schon an dem Titulus des Pilatus, den dieser über dem Kreuz Jesu hat anbringen lassen: „König der
136
Juden“. Zweifellos ist diese Kreuzesüberschrift der römische Kommentar zu den messianischen Erwartungen, die Jesu Anhängerschaft auf ihn gerichtet und mit ihm verbunden hat.
XXII
In Röm 1,3-4 überliefert Paulus eine sehr frühe Bekenntnis-Formel, die höchst wahrscheinlich aus
der Jerusalemer Urgemeinde entstammt. Sie lautet: „Jesus Christus, unser Herr, der geboren ist aus dem
Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in
Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“
XXIII
Vgl. die Verwendung von Ps 2,7 in Apg 13,33. „Die Apg zeigt Reste einer archaischen Christologie. Dazu gehört die Deutung von Ps 1,7: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt’, die in Apg
13,33 auf die Auferweckung Jesu gedeutet wird.“ Theissen/Merz a.a.O. S. 481 – Es handelt sich dabei
um die adoptianische Variante der Sohn-Gottes-Theologie. Bei Lukas wird Jesus Sohn Gottes durch
Zeugung des Heiligen Geistes in der Jungfrau Maria. Im JohEv ist Jesus der ewige Logos, der von
Ewigkeit her vom Vater ausgeht und „Fleisch“ wird. – In der ägyptischen, aber auch in den Religionen
des Zweistromlandes sind Könige Söhne Gottes, und von ihnen „gezeugt“.
Kapitel 3
Aggiornamento des Glaubens –
oder: Das Evangelium in fremden Kleidern
I
Koine von koinós „allgemein“. Schon in der jüdischen Diaspora wurde Griechisch gesprochen. In
Alexandria hatte sich die größte jüdische Gemeinschaft außerhalb Jerusalems gebildet. Ebenfalls in hellenistischer Zeit begann dort die Arbeit an der Septuaginta, der griechischen Fassung des Alten Testaments. Der im kleinasiatischen Tarsus geborene Apostel Paulus von Tarsus war ein gründlich hellenisierter Jude. Auch die Sprache des Neuen Testaments und der meisten frühen Kirchenväter war das
Griechische. Die kulturellen Traditionen des Hellenismus überstanden den politischen Zusammenbruch
und wirkten noch Jahrhunderte in Rom und im Byzantinischen Reich fort. Die Hellenisierung der orientalischen Bevölkerung sorgte dafür, dass noch bis weit ins Mittelalter hinein wenigstens die städtische
Bevölkerung Syriens und Kleinasiens diese Form des Griechischen, die Koine sprach. Dass zumindest
in den jesusgläubigen Gemeinden der Asia und Europas Koine-Griechisch gesprochen und geschrieben
wird, förderte den wachsenden Abstand zur Jerusalemer Urgemeinde.
II
Serapis war eine Verschmelzung aus den ägyptischen Göttern Osiris und Apis und dem griechischen
Göttervater Zeus. In der ägyptischen Mythologie verkörperte der Apis-Stier als Symbol die Fruchtbarkeit. Nach den Überlieferungen lebte die Seele des Osiris im Apis-Stier weiter, nachdem Seth seinen
Körper in mehrere Stücke zerteilt hatte.
III
Nach der Eroberung Judas durch die Babylonier war ein Teil der jüdischen Bevölkerung nach
Babylon umgesiedelt worden, ein anderer Teil war nach Ägypten umgesiedelt. Von Babylonien und von
Palästina aus verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten die jüdische Diaspora im syrischen Raum
und bis nach Kleinasien, im Norden Mesopotamiens, nach Osten und auch auf der arabischen Halbinsel
und nach Zentralasien. In hellenistischer-römischer Zeit entstand die nach Babylonien größte Siedlungsdichte in Ägypten. Bereits vor der Zerstörung des 2. Tempels im Jahr 70 n. Chr. lebten mehr Juden in
der Diaspora als in Israel.
IV
Wir sehen jedoch heute, dass die Grenze zwischen beiden Bereichen fließender war als die religionsgeschichtliche Schule das gesehen hat. So Leonhardt Goppelt: Theologie des Neuen Testamentes, UTB
850 Vandenhoeck, Göttingen, 3. Auflg. 1978, S. 357
V
Das liegt vor allem anderen am jüdischen Monotheismus und dem ersten Gebot: „Du sollst keine
anderen Götter haben neben mir!“ Diese Einschätzung bleibt auch dann richtig, wenn man in Rechnung
stellt, „dass sich in der spätantiken Religion die Überzeugung durchgesetzt hat, dass die verschiedenen
Religionen nicht mehr sind als verschiedene Wege zu demselben Ziel. Sie werden einander immer ähnlicher durch den Austausch von Riten und Bezeichnungen, und immer stärker bricht sich die Überzeugung Bahn, dass die verschiedenen Heilande eine und dieselbe Gestalt darstellen, die nur bei den verschiedenen Völkern verschiedene Namen hat. Diese Auffassung ließ sich auch auf das Christentum anwenden.“ Aus: Antike und Christentum. Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 1607 (vgl. RGG Bd.
1, S. 445) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
137
VI
Die Wandlung des Christenverfolgers Saulus zu Paulus, dem Apostel Jesu Christi, begann mit einer
Berufungsvision auf dem Wege nach Damaskus. Wir besitzen seinen eigenen Bericht von diesem Ereignis in Gal 1,11-24; vgl. dazu auch die Schilderungen der Apostelgeschichte des Lukas, wo dieses
Ereignis nunmehr dramatisch in Scene gesetzt wird. Der Verfasser Lukas berichtet mehrfach davon.
Apg Kap. 9; sowie Kap. 22 und 26:
VII
„Eine geistige Bewegung musste in der Antike als Philosophie auftreten, wenn sie den gebildeten
Menschen ansprechen wollte. Josephus nennt Pharisäer, Sadduzäer und Essener, damit seine griechischen Leser das Judentum ernst nehmen, Philosophenschulen (bell. 2, 8, 2 ff.; vgl. ant. 18, 1, 2-6). Von
ähnlicher Absicht ist Philo geleitet, wenn er sich müht, den philosophischen Gehalt des AT herauszuarbeiten. Auch das Christentum konnte bereits in den Anfangszeiten der Mission im Gewande einer Philosophie an die Griechen herantreten.“ In: Antike und Christentum. Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 1582 (vgl. RGG Bd. 1, S. 436) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
VIII
Lukas lässt den Apostel Paulus (Apg 17) in Athen als philosophischen Wanderprediger auftreten
und zeichnet damit einen Missionarstyp, den es zweifellos damals schon gab. Diese Predigt bildet die
homiletische Struktur und Inhalte der Verkündigung des Paulus an die Heidenwelt wieder. Da Paulus
mit Sicherheit, obwohl Jude, die Welt des Hellenismus und seiner Kultur kannte, war er für das christliche Zeugnis an die Heiden gut vorbereitet.
IX
Mysterien (Geheimnisse) sind „von esoterischen Kultvereinen getragene Kulte. Zu den Dromena
(Riten) hatten nur die Mysten (Eingeweihte) Zutritt. Die Arkandisziplin dieser Gruppen verhinderte,
dass Informationen über die Organisation und die Initiationen bekannt oder überliefert wurden. Die
Mysterien versprachen den Mysten Entsühnung, Wiedergeburt, ewige Seligkeit. Zu den Mysterien gehörten vermutlich Sakramente wie Taufe und Kultmahl (Mithras). Die Demeter-Mysterien in Eleusis,
die Dionysos-Mysterien in Thrakien sind vermutlich aus alten Fruchtbarkeitsriten vorhellenischen Ursprungs hervorgegangen und blieben lokalgebunden, während die orientalischen (Isis-, Attis-Kybele-,
Mithras-, Adonis-Aphrodite-Mysterien) oder die zahlreichen gnostischen Sektenmysterien sich über den
ganzen hellenistischen Raum verbreiteten. Offensichtlich waren für die Mysten soziale Unterschiede
aufgehoben. Unter Iulianus Apostata, der Mithrasmyste war, erlebten sie ihre letzte Blütezeit. Die Kirche hat sie, wie früher schon das republikanische Rom, verboten, selber aber viele Elemente der Kulte
in ihren (katholischen) Kult aufgenommen.“ Zit. nach Lexikon der Antike: Artikel „Mysterien“ in Lexikon der Antike, S. 3816 (vgl. LDA, S. 387).
X
Apg 12, 1ff; die hier geschilderten Ereignisse datieren auf das Jahr 62 n. Chr. Offenbar sahen die
Anhänger der Partei des Priesteradels in Jakobus und seinen Freunden eine ähnliche religiös-politische
Gefahr für das Volk wie 32 Jahre zuvor in Jesus.
XI
Nach Eusebius verließ die Jerusalemer Gemeinde auf Grund einer offenbarten Weissagung noch vor
dem Kriege die Stadt und ließ sich in einer Stadt Peräas, namens Pella, nieder.
XII
Zwischen 35 und 40 n. Chr. gründeten Hellenisten, die aus Jerusalem vertrieben worden waren, eine
erste christliche Gemeinde in Antiochia. Die leitende Figur dieser Gemeinde war offenbar Barnabas.
Vgl. Apg 6,1-6; Apg 8,1; Apg 11,19-26.
XIII
Christliches Judentum und hellenistisches Heidenchristentum stellen sich soziologisch zunächst
nicht als zeitlich und räumliche getrennt dar. Vielmehr sind beides oft nur Strömungen, die innerhalb
der Gemeinden nebeneinander herlaufen. Davon legen besonders die Briefe des Paulus an die Gemeinde
in Korinth Zeugnis ab. Ähnliches aber findet sich auch in den kleinasiatischen Gemeinden. Vgl. den
Brief an die Galater.
XIV
Dieser Vorstellung entsprach es durchaus, dass Paulus sich bei seinen Missionsreisen in Kleinasien
zunächst immer an die dort bestehenden jüdischen Gemeinden gewandt hat. Erst, wenn seine Verkündigung dort auf Ablehnung stieß, wandte er sich auch an Nichtjuden.
XV
Dieses sog. „Apostelkonzil“ fand wahrscheinlich um das Jahr 48 n. Chr. in Jerusalem statt. Quellen
dafür sind vor allen anderen der Bericht des Paulus in Gal 2,1 ff, inhaltlich auch Apg 15,1-29. Man fand
einen Kompromiss: Die Beschneidung nichtjüdischer Christen wurde erlassen, sie wurden aber verpflichtet, sich an die Speisegebote zu halten. Und es sollte eine Kollekte für die Armen der Jerusalemer
Gemeinde gesammelt werden.
XVI
„Von daher erklären sich zwei scheinbar widersprüchliche Merkmale der Tradition, die fast jede
Seite der Synopse erkennen lässt: eine unbestreitbare Treue und Bindung an Jesu Wort und doch
138
zugleich ein erstaunliches Maß von Freiheit gegenüber dem „historischen“ Wortlaut. Jesu Wort
wird bewahrt und doch nicht mit archivarischer Pietät gehütet, auch nicht in der Art der Aussprüche
berühmter Rabbinen weitergegeben und mit Auslegungen versehen. Ja, man darf geradezu formulieren:
Die Überlieferung gibt nicht eigentlich sein einst gesprochenes Wort wieder und weiter, sondern sie
ist sein Wort heute. Nur von hier aus begreifen sich die vielfachen Abwandlungen seines Wortes in
der Tradition. Sie sind nur unzureichend mit dem Hinweis darauf erklärt, dass volkstümliche, mündliche
Überlieferung erfahrungsgemäß immer nicht nur bewahrt, sondern auch verändert, ausschmückt und
weglässt, so sehr solche Gesetze volkstümlicher Tradition und die festen Formen, deren sie sich
bedient, fraglos auch an den Evangelien zu studieren sind.“ – So Günter Bornkamm in „Jesus von
Nazareth“, Kohlhammer, 1957/2, S 15f.
XVII
Er wurde als „Rabbi“ angesprochen (Mk 10,51; 11,21), als Lehrer Israels (Mk 4,38; 10,17; 12,14;
Mt 8,19), oder als „Herr“ (Mk 7,28; Mt 8,2). Er hat dies alles stets zurückgewiesen. Auch „guter Lehrer“
wollte er nicht genannt werden: „Nur Gott allein ist gut!“ (Mk 10,17). Dazu passt seine Aufwertung des
Begriffes „Mensch“ zum messianischen Titel. Sie entspricht seiner Überzeugung, dass Gott sein Heil
und Gericht nicht durch eine mythische Gestalt, sondern durch einen konkreten Menschen herbeiführen
wird: nämlich durch sich selbst!
XVIII
Vgl. Röm 10,9 zitiert Paulus zustimmend eine von ihm schon übernommene Formel aus der Gemeinde: „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr (griech. Kyrios) ist, und in
deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ In gleicher
Weise findet sich dieser Kyrios-Titel im „Philipperhymnus“ Phil 2,11.
XIX
Im jüdischen Bekenntnis, dem Sch’ma Israel heißt es: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der
HERR ist Einer.“ (5. Mose 6,4) Da das Judentum den JHWH-Namen nicht ausspricht, sondern beim
(laut) Lesen durch „Adonaj“ (= Herr) ersetzt wird, setzt der nun auf Jesus bezogenen Titel ihn gewissermaßen neben Gott. Das ist für das rabbinische Judentum schwer erträglich.
XX
Der im römischen Reich inzwischen benutzte Julianische Kalender terminiert den Frühlingsanfang
auf den 21. März. Die beabsichtigte Einheit in der Terminierung der Osterfeier erreichte das Konzil
dennoch nicht. Die Ostkirche blieb teilweise bei anderen Terminierungen.
XXI
Der jüdische Festkalender wird durch den Lauf von Sonne und Mond bestimmt. Da die entsprechenden astronomischen Beobachtungen an verschiedenen Orten unterschiedlich ausfallen, hat zu Zeiten des zweiten Tempels die Religionsbehörde in Jerusalem jeweils angeordnet, wann das Passahfest zu
feiern ist. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. gab es diese Autorität nicht mehr und
die Juden in den Ländern des Mittelmeerraumes waren mit der Terminfindung auf sich selbst gestellt.
Die Kirche beschloss auf dem Konzil in Nicäa künftig den neuen julianischen Kalender zugrunde zu
legen. Das hatte zur Folge, dass von da an die Feier des jüdischen Passahfestes und der Ostertermin der
Kirche nur noch sehr selten auf das gleiche Datum fallen.
XXII
So 2.Kor 3,6f. – Ausführlich diskutiert Paulus dies in Röm Kap.7 und 8. Das Gesetz ist gut, denn
es hilft zur Erkenntnis der Sünde. Aber es gibt noch ein „anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen
Gliedern ist.“ (Röm 7,23). Und: „das Gesetz (ist) unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit
wir durch den Glauben gerecht würden. (Gal 3,24)
XXIII
„Rechtfertigung deutet das Gottesverhältnis des Menschen von dem rechtlichen Charakter des alttestamentlichen Gottesbundes her: Gottes Gerechtigkeit hebt „die Verurteilung“ des „Ungerechten“ auf
und macht ihn zum „Gerechten“ (vgl. Röm 3,2-6). Nach Paulus handelt Gott getreu seiner Zusage im
Bundesschluss mit Israel und bindet sich daran, indem er den Menschen zu seinem Bundespartner
macht.“ Zit. nach Leonhard Goppelt a.a.O., S. 467f.
XXIV
„Versöhnung“ deutet das Gottesverhältnis von dem alttestamentlichen Gottesbund als erwählender
Liebe her: Die „Liebe Gottes“ macht aus einem „Feind Gottes“ einen, der „Frieden mit Gott“ hat. - Zit.
nach Leonhard Goppelt, a.a.O., S.468
XXV
„Die Galater waren ein seit 278 v. Chr. bei Ankyra (dem heutigen Ankara) in Kleinasien (der heutigen Türkei) ansässiger keltischer Volksstamm. Das Wort Galater ist urverwandt mit Kelten. Ihre Eigenbezeichnung war Galatai. ... Die Landschaft Galatien war eine Hochebene nördlich von Ankara. Die
römische Provinz Galatien reichte über die Landschaft Galatien hinaus und umfasste auch u.a. die Landstriche Phrygien, Pisidien, und Lykaonien, in denen sich die auf Paulus’ erster Missionsreise besuchten
139
Städte Antiochia bei Pisidien, Ikonion, Lystra und Derbe befanden.“ Zit. n. Wikipedia unter >Paulus an
die Galater.
XXVI
Die Forschung kommt hier zu unterschiedlichen Ergebnissen. Während die religionsgeschichtliche
Schule von der einfachen Übernahme hellenistischer Vorstellungen ausgeht, versuchen andere Forscher
den Zusammenhang mit alttestamentlich-jüdischen Vorstellungen herzustellen. So ist für Leonhard
Goppelt der „Philipperhymnus“ Phil 2,6-11 als Deutung der Passion Jesu von der alttestamentlichen
Vorstellung der Erniedrigung und Erhöhung des Gerechten aus zu verstehen. Leonhardt Goppelt: Theologie des NT; S. 402. – Wäre diese Deutung zutreffend, würde sie die im Hellenismus geschehende
Verschmelzung unterschiedlicher religiöser Traditionen belegen.
XXVII
„Das „Haus“ ist als Kultort für das frühe Israel älter als ein zentrales Heiligtum und erst recht
älter als der Tempel. Auch eine Bewegung von Wandercharismatikern, wie sie Jesus mit seinen Jüngern
bildete, war auf Häuser als Stützpunkte angewiesen. Im außerjüdischen, vorchristlichen Bereich bestand
die Tendenz, religiöse Feiern von der Öffentlichkeit weg ins private Haus zu verlegen. Ein hellenistischrömisches Atriumhaus hatte Platz für etwa 10-20 Personen. – Merkmale frühchristlicher Hausgemeinden sind: bewusst gelebter, persönlicher Glaube der Mitglieder, gemeinsames Bekennen der Glaubensinhalte in Gebet, Mahlfeier und Schriftauslegung, Praxis der Nächstenliebe und gegenseitige Hilfsbereitschaft, einzelne Personen mit verschiedenen Kompetenzen (Leitung, Lehre, Gebet), kritische Distanz
zur Öffentlichkeit bis hin zu bewusster Abgrenzung (Arkandisziplin, insbesondere im Blick auf die Sakramente), schließlich der Einbezug möglichst vieler Mitglieder in die Gesamtverantwortung. In biblischer Zeit kamen neben der Gütergemeinschaft noch das Aussenden Einzelner zur Mission unter Gebet
und Segen (Paulus und Barnabas in Antiochien Apg. 13) und Gastfreundschaft hinzu. Die vorhandenen
Haustafeln nennen vor allem moralisch-ethische Verhaltensweisen und zeigen kaum Interesse für das
öffentliche Leben. Auch die Tatsache, dass in diesen ersten nachchristlichen Jahrzehnten noch wenige
Christenverfolgungen vorkamen, weist darauf hin.“ Aus Alfred Ehrensperger; Hausgemeinden und die
Stellung der Frauen im frühchristlichen Gottesdienst, – S. 1 ff; in: Vorbereitende Studien für die Neuauflagen des Römischen Messbuchs und des (röm.-kath.) Gotteslobes.
XXVIII
Jason aus der Stadt Thessalonich (Apg 17,6). Nach Apg 18,1-3 fand Paulus in Korinth einen
Juden namens Aquila und seiner Frau Priszilla, die durch das Juden-Edikt von Kaiser Claudius Rom
verlassen mussten. „Zu denen ging Paulus. Und weil er das gleiche Handwerk hatte, blieb er bei ihnen
und arbeitete mit ihnen; sie waren nämlich von Beruf Zeltmacher.“ Vgl die Grußliste Röm 16,8 – „Über
die soziale Schichtung der frühchristlichen Hausgemeinden erfahren wir einiges aus der Apostelgeschichte und aus den paulinischen Briefen. Diese Quellen zeigen, dass die frühen Hausgemeinden aus
Christen in verschiedenen sozialen Stellungen bestanden: Da gab es reichere, besonders unter Handwerkern und Kaufleuten. So z.B. Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira (Apg 16,14); aber auch
Sklaven, Witwen und Unterstützungswürdige. Auch die Größe der Häuser, und damit die Zahl der Angehörigen einer Hausgemeinde, waren recht unterschiedlich. Gelegentlich wird vermerkt, dass sich eine
ganze Hausgemeinde zu Christus bekehrt habe. Bereits in den Pastoralbriefen wird die Hausgemeinde
immer als Ortsgemeinde, also als ein zentraler Versammlungsort verstanden; ihr steht ein „Episkopos“
(d.h. Aufseher, Leiter) vor. Diese Praxis des christlichen Gottesdienstes in der Hausgemeinde änderte
sich erst durch die konstantinische Reform mit ihrem liturgischen Ritual, das nun als Staatsakt verstanden wurde.“ Alfred Ehrensperger a.a.O., S.2
XXIX
Das Taurobolium (griech. Stieropfer) ist ein religiöser Ritus aus Kleinasien. Der seit dem 2. Jh. v.
Chr. bekannte altorientalische Stierkult mit diesbezüglichen Opfern, drang in Verbindung mit Attis-,
Kybele- und Mithras- Mysterien im 2. Jahrhundert bis an die Westgrenzen Roms vor und wurde in Form
der Bluttaufe geübt. Dabei steht oder hockt der Myste in einer (grabähnlichen) Grube, während über
ihm ein Stier geschlachtet wird. Dabei fließt das Blut des Tieres auf ihn herab. Das stellvertretende
Opferblut reinigt den Mysten. Bei einem solchen Initiationsritus erhofften die Mysten Sündenvergebung
und mystische Wiedergeburt zu erlangen. Zit. n. Lexikon der Antike: Artikel Taurobolium in Lexikon
der Antike, S. 5627 (vgl. LDA, S. 578)
XXX
So in Röm 6,3 ff „ ... wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in
seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus
auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm
auch in der Auferstehung gleich sein. So auch Gal 2,19.
140
XXXI
Das Mitsterben und Mitleben entspricht sachlich der Vorstellung von der Nachfolge Jesu, die ein
konstitutiver Bestandteil der Jesusüberlieferung war. Die Nachfolge bewirkte für Jesu Jünger nicht nur
einen totalen Bruch mit dem bisherigen Leben, die Trennung von Familie und Beruf, sondern auch von
der eigenen Lebensweise. (vgl. Mk 8,34 par.; Mt 10,38 par.). Nachfolge bedeutete nicht nur Zusammensein mit Jesus, sondern auch Bestimmtwerden durch seinen Weg. Nach Ostern war „nachfolgen“, „hinter jemanden hergehen“ im Wortsinn gegenüber Jesus nicht mehr möglich. Deshalb kann es nicht erstaunen, dass im paulinischen Schrifttum dieser Terminus der Evangelien nie mehr benutzt wird. Deshalb
ersetzt Paulus die Vorstellung von der Nachfolge unter anderem durch das Reden vom Mitsterben und
Mitleben. So u.a. Leonhard Goppelt, a.a.O. S. 429.
XXXII
Paulus hat den Vollzug der christlichen Taufe offensichtlich weitgehend den örtlichen Gemeindeältesten überlassen. Jedenfalls legt er Wert auf die Feststellung, dass er selbst nur wenige Katechumenen
getauft habe. In seinen Lehrschreiben jedoch kommt der Taufe eine ganz wesentliche Bedeutung zu. Vgl.
1. Kor 1,14-16; u.a.
XXXIII
Das bedeutet, Brot und Wein werden dem profanen Gebrauch entnommen. Sie werden jetzt aus der
Hand Christi entgegengenommen und vermitteln, was durch sie gegeben wird: das „Teilhaben am Blut
Christi“ (1.Tim 4,4; vgl. Röm 14,23; 1.Kor 10,25f.30). Noch immer geschieht dies „im Vollzug“. Jedoch
ist dies bereits die apostolische Gestalt der „Konsekration“ der Abendmahls-Elemente. Dies war der frühen
Christenheit so wichtig, dass die gesamte Abendmahlshandlung den Namen „Eucharistie“ (d.h. Danksagung) bekam.
XXXIV
Nach Mt 10,23 sagte Jesus: „Ihr werdet mit (d.h. der Mission in) den Städten Israels nicht zu Ende
sein, bis der Sohn des Menschen gekommen sein wird.“ In seiner Zukunftsrede heißt es: „Diese Generation
wird nicht vergehen, bis dieses alles geschehen sein wird. ... Von jenem Tag aber ... weiß niemand ...“ (Mk
13,30-32) – Auch mehrere Gleichnisse Jesu weisen auf die Möglichkeit hin, dass sich das Kommen des
Reiches noch verzögert; wegen dieser Verzögerung kann ein schlechter Knecht auf den Gedanken kommen: „Mein Herr kommt noch lange nicht!“ (Mt 24,48). Die Brautjungfern erleben, dass „der Bräutigam
lange nicht kam“, so dass sie müde werden und einschlafen (Mt 25,5). Das Gleichnis vom Unkraut im
Acker, das man, gemeinsam mit dem Weizen, wachsen lassen und nicht vorzeitig ausreißen soll, lässt an
einen längeren Zeitraum denken (Mt 13,24-30).
XXXV
„Jesus hat das Reich Gottes verkündet, aber gekommen ist die Kirche!“ – Dieser oft zitierte
Kommentar des kath. Theologen Alfred F. Loisy wird meist entstellt wiedergegeben. In seinem Buch
L’Évangile et l’Église von 1902 wendet er sich gegen Adolf Harnacks Das Wesen des Christentums,
wie es der liberal protestantische Theologe konzipiert hatte. Dabei ging es Loisy um die positive Würdigung der öffentlichen Funktion der Kirche. Jesus habe das Reich Gottes verkündet, aber die Kirche
(immerhin!) sei entstanden. Aus dem religiösen Bewusstsein der jeweiligen Epoche heraus finde diese
zu einer je anderen Gestalt. Diese Relativierung des Dogmas beunruhigte damals das kirchliche Lehramt
und bleibt in der katholischen Theologie, nach wie vor ein ungelöstes historisch-theologisches Problem.
XXXVI
Der Apostel Paulus teilt zunächst diese Naherwartung: Im ältesten Paulusbrief 1. Thessalonicher 4,16 ff (wahrscheinlich um 50 n. Chr. in Korinth geschrieben.) heißt es: „Denn ... der Herr, wird,
wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach
werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die
Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“ Auch in 1. Kor 15,51 (im
Frühjahr 54 n. Chr. in Ephesus geschrieben) heißt es: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden
nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick,
zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen
unverweslich und wir werden verwandelt werden. Als sich Paulus etwa 56 n.Chr. von den Ephesern
verabschiedet, spricht er von ihm bevorstehenden Leiden, von der Vollendung seines Laufs (d.h. seinem
Tod), und er kündet ihnen an, dass sie ihn nicht mehr sehen werden“ (Apg 20,23-25). Das klingt so, als
ob er jetzt mit seinem Sterben rechnete, und nicht mit seinem Leben bis zur Wiederkunft Jesu.
XXXVII
Das Lukas-Evangelium entstand nach Auffassung der Mehrzahl der historisch-kritisch arbeitenden Neutestamentler in der Zeit zwischen etwa 80 und 90 n.Chr. Dabei wird für die untere Grenze
dieses Zeitraums davon ausgegangen, dass der Verfasser auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70
bereits zurückblickt. Nach der Überlieferung der Bischöfe und Kirchenlehrer Irenäus, Eusebius und
Hieronymus ist der Evangelist Lukas der gleichnamige Mitarbeiter des Paulus (Phlm Vers 24), der in
141
Kol 4,14 als Arzt und lieber Freund bezeichnet wird, und der bei den in der Apostelgeschichte berichteten Reisen des Paulus teilweise dabei war (vgl. 2 Tim 4,11). Die gleichen Autoren berichten, dass dieser
Lukas aus Antiochia in Syrien stammt. Einige Exegeten sind überzeugt, dass diese Aussagen der Historie entsprechen und sehen diese These unter anderem auch durch den von Anfang an vorhandenen Titel
„Evangelium nach Lukas“ belegt.
XXXVIII
Die Ansage Jesu in Mk 1,15 „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe!“ wird gestrichen.
Lk 21,8 warnt jetzt vor denen, die sagen, das Ende sei nahe (vgl. Lk 17,20f). – Der zentrale Inhalt der
Botschaft Jesu, das Kommen des Reichs Gottes wird zwar beibehalten, aber durch die besondere lukanische Darlegung wird die Erwartung des Gottesreiches von der Terminfrage abgelöst. Es geht jetzt viel
mehr um das Wesen des Gottesreiches denn um sein baldiges Kommen (vgl. Lk 4,43; 8,1; 9,2; 16,16;
Apg 1,3; 8,12; 20,25; 28,31).
XXXIX
„Die Eschatologie des Lukas ist gegenüber der ursprünglichen Konzeption von der Nähe des
Reiches eine sekundäre Konstruktion auf Grund bestimmter, ‚mit der Zeit’ gar nicht mehr zu umgehender Reflexionen. Deren Ursache lässt sich erkennen: es ist das Ausbleiben der Parusie.“ So Hans Conzelmann: Die Mitte der Zeit, Studien zur Theologie des Lukas in Beiträge zur historischen Theologie
hrsg. von Gerhard Ebeling; Mohr/Siebeck Tübingen 1993, 9. unveränderte Auflage. Seite 88. – Conzelmann verdanken wir die grundlegende Erforschung des lukanischen Gesamtwerkes.
XL
Apg 28,30-31 schließt mit dem Aufenthalt des gefangenen Paulus in Rom und seiner Missionstätigkeit dort: „Paulus aber blieb zwei volle Jahre in seiner eigenen Wohnung und nahm alle auf, die zu
ihm kamen, predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert.“ – Von einem Martyrium des Paulus weiß die Apostelgeschichte nichts.
XLI
Das Gebot der Feindesliebe z.B. hat in den untereinander nahe übereinstimmenden Fassungen Röm
12,17a; 1.Thess 5,15a und 1.Petr 3,9a eine typisch andere Gestalt als in Lk 3,27a und Mt 5,44a. – Auch
Jesu Verbot der Ehescheidung wird zwar in 1.Kor 7,10 als letzte Instanz der Entscheidung angeführt,
aber es wird nicht Gesetz. In 1.Kor 7,15 gibt Paulus die Ehescheidung konfessionsverschiedener Ehen
frei, wenn der nicht christliche Partner darauf drängt.
XLII
Als Beispiel dafür möge die redaktionelle Überlieferung von Jesu Gleichnis vom betrügerischen
Haushalter dienen. (Lk 16,1-8). Der Haushalter hat in die eigene Tasche gewirtschaftet. Bevor seinem
Herren die Betrügereien bekannt werden, ändert der Haushalter vor Rückkehr seines Herrn noch schnell
die Schuldscheine der säumigen Gläubiger und erlässt ihnen große Teile der seinem Herrn geschuldeten
Güter um sich bei ihnen beliebt zu machen, in der Hoffnung, dass sie ihn versorgen werden, wenn er
nun aus dem Amt gejagt wird. Jesus lobt diesen Schurken, weil er immerhin begreift, was die Stunde
geschlagen hat und deshalb danach handelt. Er war klug und hat seine letzte Chance genutzt. So sollen
auch Jesu Zuhörer angesichts des nahenden Gottesreiches und seinem Gericht handeln: alles hinter sich
lassen und auf die nahe Zukunft hin handeln. – Der Evangelist Lukas, der dieses Jesusgleichnis überliefert, hat dabei aber die Pointe von Jesu Gleichnis paränetisch auf den Umgang mit Geld umgedeutet,
indem er ein anderes Jesuswort diesem Gleichnis anfügt: „Ich sage euch: macht euch Freunde mit dem
ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehme in die ewigen Hütten.“
(Lk 16,9) Im weiteren Textverlauf folgen auf dieses Gleichnis bei Lukas nunmehr Ermahnungen zur
Treue und insbesondere zum getreulichen Umgang mit fremden Gut: „Wer im Geringsten treu ist, der
ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht. Wenn
ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen? Und
wenn ihr mit dem fremden Gut nicht treu seid, wer wird euch geben was euer ist? Kein Knecht kann
zwei Herren dienen; entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem
einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Lk 16,1013). Aus dem Ruf Jesu zur entschlossenen Umkehr wird eine paränetische Ermahnung zum geflissentlichen Umgang mit Geld und Gut, die jetzt besser in die Zwischenzeit bis zum endgültigen Kommen
des Gottesreiches passt.
XLIII
Beispiele von Tugendkatalogen sind Gal 5,22; 1.Tim 6,11. Beispiele von Lasterkatalogen sind
Röm 1,29-32, Gal 5, 19-21 u.a.; Vergleichbare Texte sind aus der kynisch-stoischen Philosophie (Diatribe) und der jüdischen Weisheitsliteratur bekannt. In ihrer Zielstellung der ethischen Unterweisung sind
die biblischen Texte den philosophischen Tugend- und Lasterkatalogen vergleichbar. Jedoch beschreiben die Aufzählungen des Neuen Testaments die Tugenden und Laster theologisch als Früchte des Glaubens beziehungsweise Folgen des Unglaubens. Nach S. Wibbing: Die Tugend- und Lasterkataloge im
N. T. u. ihre Traditionsgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Qumran-Texte (1959).
142
XLIV
Als Beispiel sei die Schule der Valentinianer genannt: Für sie ist der Urgrund allen Seins der
, „Tiefe“). Er ist der vollkommene Aion (griech.
), der unsichtbare, unfassBythos (griech.
bare, unnennbare Uranfang, der Urgrund allen Seins, der vollkommenen Aion (griech.
), von dem
die Welt ihren Ursprung genommen hat. Die Valentinianer sprechen von einer obersten «Achtheit» von
Äonen, die 4 männlich-weibliche Paare bilden. Bythos, die männliche Seite der Gottheit, verbindet sich
), der „erste Gedanke“ oder die „erste Denkmit seiner weiblichen Hälfte, der Ennoia (griech.
kraft“ Gottes), die auch Charis („Gnade“) oder Sige („Schweigen“) genannt wird. Daraus entstehen
, Vernunft), der „Eingeborene“, und Aletheia (griech.
, Wahrheit). Diese
Nous (griech.
bringen gemeinsam den Logos (griech.
, Wort) und die Zoe (griech.
, Leben) hervor, aus denen
, Mensch) und die Ecclesia (griech.
, Kirche) entam Ende der Anthropos (griech.
springen. Auf diese Ogdoas („Achtheit“) folgt eine Zehnheit und dann eine Zwölfheit von Äonen. Insgesamt umfasst das System der Valentinianer damit 8 + 10 + 12 = 30 Äonen. Als unterster Äon erscheint
hier, wie auch in vielen anderen gnostischen Lehren, die Sophia, durch deren Fall die finstere Welt
außerhalb des Pleromas, die materielle Welt der äußeren Schöpfung, entsteht. Der Demiurg, der Weltenbaumeister, der diese Welt hervorbringt, ist ein Abkömmling der Sophia. – Es gibt nun nach der
Lehre der Valentinianer drei verschiedene Klassen von Menschen: Pneumatiker, in denen Funken des
Göttlichen leuchten. Psychiker, die bloß Gläubigen, denen aber die wahre Erkenntnis verschlossen bleibt
und Hyliker, die rein materiell gesinnt sind.
XLV
Diese Formulierung verbirgt den wirklichen Namen des Verfassers. Als „Johannes“ kommt eher
ein Presbyter in Frage, der sich auf die Autorität des Apostels Johannes, einer der drei „Säulen“ der
Jerusalemer Gemeinde, beruft. Dass aber ein einfacher Fischer vom See Genezareth die Komplexität
der theologischen Verarbeitung dieses Evangeliums (z.B. die Reden Jesu) verfasst hat, ist unwahrscheinlich. Die Frage des Entstehungsortes des Evangeliums ist weiterhin nicht sicher zu beantworten. Neuere
Forschung lokalisiert die Gemeinde des Johannes-Evangeliums in den südlichen Gebieten des Königreichs von Agrippa II., d.h. im nördlichen Ostjordanland, östlich des Sees Genezareth in Batanäa, der
Gaulanitis und der Trachonitis, wo die jüdische Sammlung nach der Katastrophe des Jahres 70 vor allem
stattfand. (Klaus Wengst: Bedrängte Gemeinde und verherrlichter Christus. – Ein Versuch über das Johannesevangelium.) Es liegt jedenfalls nahe, die Herkunft des Johannes-Evangeliums aus einem gnostisierenden Judentum in Syrien in der Zeit um das Jahr 100 n. Chr. anzunehmen.
XLVI
Der Prolog versteht sich in Analogie zu 1. Mose 1,1ff. Die Welt und was darinnen ist wird durch
das Wort (griech. Logos) des Schöpfergottes geschaffen. In Joh 1 ist der Logos jedoch eine eigenständige Hypostase Gottes, in Analogie zu den div. Emmanationen wie sie aus den gnostischen Systemen
bekannt sind.
XLVII
Anders als die gnostisch beeinflussten religiösen Überlieferungen (z.B. im Islam) wird die Kreuzigung Jesu nicht geleugnet. Das Kreuz erscheint im johanneischen Corpus jedoch als Vollendung der
Logos-Mission Jesu: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30)
XLVIII
Die Stigmatisierung „der Juden“ im Johannes-Evangelium hat im eigentlichen Sinne (noch)
nichts mit „rassistischem“ Antisemitismus zu tun. Sie ist vielmehr Ausdruck des gnostischen Dualismus,
dem gemäß „die Juden“ als die, die den Christus ausgeliefert haben, dem demiurgischen Bösen zugerechnet werden. So u.a. Joh 5,16f; 6,41; 7,1; 10,31; und in Kap. 18 u. 19; 20,19. Insofern auch Juden zum
Glauben an Jesus gekommen sind, haben auch sie nach Johannes Anteil an dem von Jesus gewirkten
Heil.
XLIX
„Die Popularisierung des Begriffs „Drittes Reich“ ist auf die „abendländische Obsession“ zurückzuführen, Geschichte im „Dreischritt“ zu denken und die moderne Rede über die Einteilung von Geschichte in
Antike, Mittelalter und Neuzeit. Dieser Einteilung von Historie als Gesamtgeschichte liegen geschichts-philosophische Gedanken zugrunde, die ihre frühen ideengeschichtlichen Wurzeln in der christlichen Geschichtstheologie, insbesondere bei Paulus und in der Offenbarung des Johannes, haben ... und mit der Verkündung eines dritten Reiches von Joachim von Fiore im 12. Jahrhundert bis hin zu Dante einen Höhepunkt
erreichte." Zit. nach Wikipedia: Stichwort „Drittes Reich“. Dort auch weitere Literaturangaben.
143
Kapitel 4
Das Christentum auf dem Weg zur Reichskirche
I
Hatte Paulus im Galaterbrief gegenüber den judenchristlichen Missionaren, die die Beschneidung auch
für Christen verbindlich machen wollten, die Freiheit vom Gesetz, ja überhaupt die Freiheit eines Christen betont, so wurde er in Korinth mit einer Gemeinde konfrontiert, die einem gnostisierenden Christentum zugetan war. Seine Predigt von der frei machenden Gnade Gottes, die alle Normierungen des
Lebens durch eine buchstabenhörige Gesetzlichkeit ausschloss, war dort missverstanden worden. Nun
wähnte man sich frei: „Alles ist mir erlaubt!“ Die Gnostiker fühlten sich als durch ihre Taufe in eine
andere Existenzform „auferstanden“. Deshalb schreibt ihnen Paulus nun vom Kreuz Christi. 1.Kor 1,18
II
Wenn man davon ausgeht, dass die christlichen Gemeinden des ersten Jahrhunderts im Wesentlichen
von der Theologie des Apostel Paulus geprägt wurden, so kann dieser Eindruck nur entstehen, weil
wichtige Teile seiner Briefliteratur erhalten blieben und später als Bestandteil des Neuen Testamentes
überliefert worden sind. In Wahrheit hat Paulus mit der kraftvollen Verteidigung seines Christuszeugnisses zunächst wenig nennenswerte Erfolge gehabt, sieht man einmal davon ab, dass er in der
Tat das Recht der Heiden durchgesetzt hat, ohne Übernahme der jüdischen Gesetzespraxis Christen sein
zu können. Im Übrigen wirkte er mit den vielen Namenlosen zusammen, die mehr oder weniger kritiklos
den breiten Strom christlicher Verkündigung in die damalige Welt des Römerreiches getragen haben.
Die meisten der nachapostolischen christlichen Schriftsteller bis hin zu Irenäus zeigen deshalb nur geringe paulinische Einflüsse.
III
Marcion war ein Reeder und Handelsherr aus Sinope, der wichtigsten griechischen Handelsstadt
am Südufer des Schwarzen Meeres. Er mag um das Jahr 85 oder etwas später geboren sein. Er ist wohl
jüdischer Herkunft, sein Vater aber soll bereits Bischof der christlichen Gemeinde in Sinope gewesen
sein. Jedenfalls wird berichtet, er sei vom Vater wegen „Häresie“ exkommuniziert worden. Marcion
muss also schon damals die Grundzüge seiner, der großen Kirche unerträglichen, Lehre vertreten haben.
Er begab sich nach Kleinasien, wo er Anerkennung bei den Gemeindevorstehern suchte und ihnen seine
Auffassung des Evangeliums vorlegte. Auch dort wurde er abgelehnt und zurück gestoßen. Jetzt begab
er sich auf seinem eigenen Schiffe nach Rom. Trotz der Abweisungen in der Provinz Pontus und in der
Asia empfand und wusste sich Marcion noch immer als ein Glied der allgemeinen Christenheit und
daher als „Bruder“. Nach seiner Überzeugung vertrat er das Evangelium, wie es der Christenheit geschenkt war und wie sie es vertreten sollte. Er trat daher der römischen Christengemeinde bei und
schenkte ihr bei seinem Eintritt 200.000 Sesterzen. Marcion beschäftigt sich in Rom mit der Herstellung
des „echten“ Textes des Evangeliums und der Briefe des Paulus, d. h. ihre Reinigung von den vermeintlich judaistischen Interpolationen, und sodann die Abfassung des großen kritischen Werkes „Antithesen“, das die Unvereinbarkeit des Alten Testamentes mit dem Evangelium und seine Herkunft von einem anderen Gott erweisen sollte. Als er sie vollendet hatte, trat er vor die römische Gemeinde hin und
forderte ihre Presbyter auf, zu dieser seiner Arbeit und damit zu seiner Lehre Stellung zu nehmen. Es
kam zu einer förmlichen Verhandlung – der ersten dieser Art, die wir aus der alten Kirchengeschichte
kennen. Von Luk. 6,43 („der gute und der faule Baum“) ging Marcion bei dieser Verhandlung aus. Auch
der in seinem Sinn noch deutlichere Spruch Luk. 5,36f („neuer Wein in alten Schläuchen“) scheint schon
damals eine Rolle gespielt zu haben; jedenfalls bildete auch er eine Grundlage der Ausführungen Marcions. Beide Sprüche in ihrer scharfen Antithese sind in der Tat als Ausgangspunkte der Marcionitischen
Lehre besonders geeignet. Die Verhandlungen endeten mit einer scharfen Abweisung der unerhörten
Lehre und mit dem Ausschluss Marcions aus der römischen Gemeinde. Man gab ihm auch die 200.000
Sesterzen zurück. Noch nach zwei Menschenaltern wusste nicht nur Hippolyt in Rom, sondern auch
Tertullian in Karthago von diesem eindrucksvollen Vorgang. Es wird für immer denkwürdig bleiben,
dass auf der ersten römischen Synode, von der wir wissen, ein Mann vor den Presbytern gestanden hat,
der ihnen den Unterschied von Gesetz und Evangelium darlegte und ihr Christentum für ein judaistisches
erklärte.“ aus: Adolf von Harnack, a.a.O.; S.18
IV
Es lässt sich aber überhaupt die Frage aufwerfen, ob Marcion nicht eine Zeit erlebt hat, in der er dem
Judentum nahe gestanden hat. Von hellenischem Geiste spürt man schlechterdings nichts bei ihm, die
jüdischen Auslegungen des Alten Testamentes sind ihm wohlbekannt, und seine ganze Stellung zum
Alten Testament und Judentum lässt sich am besten als Ressentiment begreifen. So Adolf von Harnack,
a.a.O. S.22
144
V
„Das Charakteristische für Marcions neuen Gott ist nicht, das er der Unbekannte, sondern dass
er der Fremde ist. Diese Lehre findet sich aber bei keinem Gnostiker und zerstört die gnostische Grundlehre, das der unbekannte Gott dem menschlichen Geiste nicht fremd ist, dieser vielmehr zu ihm gehört
und lediglich von der Verdunkelung befreit werden muss, in der ihm sein Gott unbekannt geworden ist.“
A. v. Harnack, a.a.O., S. 37f
VI
Zitiert nach der Darstellung von G. A. van den Bergh van Eysinga: „Marcion als getuige voor een
voorkatholiek Christendom“, Godsdienstwetenschappeljike Studien, XVII, 1955, S. 5-39. – Übersetzung aus dem Niederländischen von Hermann Detering, Berlin 2001. Der Autor kämpft dafür, in der
Kirche der Gegenwart das Alte Testament aus dem biblischen Kanon zu entfernen. Ähnlich hatte schon
Adolf von Harnack geurteilt: „Das Alte Testament im 2. Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den
die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem
sich die Reformation noch nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische, dem NT gleichwertige Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.“ a.a.O. S. 215 ff.
VII
Paulus bezieht sich in seiner Argumentation jeweils auf „die Schrift“ und meint damit Bücher der
hebräischen Überlieferung, wie sie im Gottesdienst der jüdischen Synagogengemeinde in Gebrauch waren. In diesem Sinne hatte sich auch Jesus auf „die Schrift“ bezogen. Erst seit etwa 100 v. Chr. gibt es
im Judentum eine umfassende Sammlung anerkannter »heiliger« Bücher (1. Makk 12,9), aber noch keinen abgeschlossenen Kanon. Die älteste jüdische Aufzählung von kanonischen Schriften steht in einer
Aufstellung aus dem 2. Jh. n. Chr.
VIII
Man hat gefragt, warum er nicht das Johannes-Evangelium gewählt hat, das seinen Optionen weitaus besser entsprochen hätte. – War es ihm nicht bekannt?
IX
Die Kirche hat ihren Kanon, das Alte Testament, nicht dadurch erhalten, dass sie den jüdischen Kanon
nach seinem Abschluss einfach übernommen hätte. Es ist für die Gestaltung des alttestamentlichen Kanons in der Kirche ... entscheidend geworden, dass es in der Zeit Jesu und der Loslösung der christlichen
Gemeinde vom Judentum den jüdischen Kanon in seiner abgeschlossenen Form noch gar nicht gab.
Wohl lasen die Juden in allen Synagogen »heilige Schriften«, gewiss auch weithin die gleichen, aber
nicht überall in derselben Abgrenzung. Als daher die christlichen Gemeinden die »heiligen Schriften«
als Zeugnisse einer Gottesgeschichte anerkannten, zeigten sich bald Unterschiede. An manchen Orten
wurde Esther nicht hinzugezählt, anderwärts aber galten Weisheit und Sirach, oder Makkabäer, oder
Judit und Tobias oder noch andere als zugehörig. Je mehr die Kirche zusammenwuchs, umso mehr war
auch eine Entscheidung über den Umfang der hl. Schriften nötig. Nach: „Bibel“ in: Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 3869 (vgl. RGG Bd. 1, S. 1125) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
X
Man versteht Marcions Vorstellung besser, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass das heidenchristliche
Christentum das Alte Testament vor allem allegorisch verstanden und ausgelegt hat. Um etwa die
Thora auf das Evangelium zu beziehen und zusammenzulesen und umgekehrt, wurden die hebräischen
Schriften heilsgeschichtlich interpretiert, wobei „problematische“ Texte als „verhülltes“ Evangelium
(Allegorie) ausgelegt wurden. Die atl. Texte wurden also nicht aus sich selbst verstanden, sondern auf
eine hinter ihnen stehende und eigentlich gemeinte Wirklichkeit hin ausgelegt. – Diese Methode lehnt
Marcion vehement ab. Für ihn gilt nur der Buchstabe, der da steht und in den man nichts Ausgedachtes
hineinlesen darf.
XI
Nach seinem Ausschluss aus der römischen Gemeinde schuf Marcion mit großem organisatorischem
Geschick eine eigene marcionitische Gegenbewegung. Diese marcionitischen Gemeinden (es gab Bischöfe, Presbyter, Märtyrer; eine eigene Hymne; eigene Gemeindegebäude) waren im 2. und 3. Jahrhundert vom Euphrat bis zur Rhone verbreitet und haben das vulgäre Christentum eine Zeitlang schwer bedroht.
XII
Der Montanismus war eine Erneuerung und Steigerung des alten enthusiastischen und rigoristischen Christentums. Ihr Begründer Montanus und seine Begleiterinnen Priska und Maximilla traten als
Propheten mit neuen Offenbarungen auf. Sie verkündeten das unmittelbar bevorstehende Weltende, forderten strengste Askese, scharfes Fasten, Virginität, Auflösung der Ehen und ein Drängen zum Martyrium.
145
XIII
Kurze Formeln, die das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus ausdrücken, sind in der frühesten Zeit
der jesusgläubigen Gemeinden nachweisbar. Schon die Zusammenstellung des Jesusnamens mit dem Messiastitel ist ein solches Bekenntnis. In den Schriften des Neuen Testamentes finden sich weitere ein- oder
zwei-gliedrige Bekenntnisformeln. Vgl. Röm 1,4 u.a.
XIV
Mt 28,16. Über die Herkunft dieser dreigliedrigen Formel bei Matthäus herrscht immer noch eine
gewisse Unsicherheit. Lohmann/Schmauch (Meyer’scher Kommentar zur Stelle) ordnet sie dem galiläischen Raum zu. Andere sehen ihre Wurzeln sogar im Danielbuch und/oder anderer apokalyptischer Literatur (Schniewind in NTD Bd. 2 zur Stelle).
XV
Das Christentum ist vermutlich schon sehr früh nach Rom gelangt. Es ist vorstellbar, dass Juden,
die nach Jerusalem pilgerten, die ersten waren, die die Kunde vom Messias Jesus nach Rom gebracht
haben. Unter Kaiser Claudius muss es um das Jahr 49/50 unter der Judenschaft Roms zu schweren
Kämpfen um die Christusfrage gekommen sein. Jedenfalls verfügt ein Edikt des Kaiser die Ausweisung
aller Juden (und damit Judenchristen) aus Rom. Der Römerbrief des Paulus (geschrieben um das Jahr
55/56) setzt bereits eine große, aus geborenen Heiden bestehende Gemeinde voraus. Als Gefangener
kommt Paulus nach Rom. Möglicherweise fand er im Zuge von Neros Christenverfolgung im Jahr 64
den Tod. Dass auch Petrus in Rom gewesen und dort Märtyrer geworden sei, ist in Quellen des 1. Jahrhunderts nirgends, – und schon gar nicht im Neuen Testament erwähnt. Es wäre auch vollkommen unverständlich, dass Paulus in der abschließenden Grußliste seines Römerbriefes ausgerechnet die „Säule“
Petrus zu grüßen, vergessen hätte.
XVI
Das griechische Wort für taufen im Neuen Testament ist baptízein (
) und bedeutet so viel
wie ein- oder untertauchen. Es ist in diesem Sinne in der griechischen Literatur seit Platon (4. Jh. v.
Chr.) belegt. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, kommt der Aus) nur viermal vor. Nur einmal, im 2. Buch der Könige 5,14, bezieht es sich
druck baptízein (
auf das Untertauchen eines Menschen zur rituellen Reinigung. Flavius Josephus verwendet den Begriff
) – Taufe – im Zusammenhang seines Berichtes über Johannes den Täufer. – Der
baptismós (
Taufritus war noch sehr frei. So gestattet die Didache (Kap.7) bei Wassermangel statt dem Untertauchen
auch die Besprengung des Täuflings. Der Taufe gingen eine ethische Unterweisung und eine kurze Predigt voraus. Aus den an den Täufling gerichteten Fragen wurde das spätere Taufbekenntnis, das sog.
Romanum (zwischen 125 u. 130 n. Chr.). Sein Wortlaut ist ursprünglich in griechischer Sprache verfasst
und lautet: „Ich glaube an Gott, der das All beherrscht, und an Christus Jesus, seinen eingeborenen Sohn,
unseren Herrn, der geboren wurde aus dem heiligen Geist und der Jungfrau Maria; unter Pontius Pilatus
gekreuzigt und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgestiegen in den Himmel,
sitzend zur Rechten Gottes, woher er kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Und an den
heiligen Geist, die heilige Kirche, Vergebung der Sünden und die Auferstehung des Fleisches. Amen.“
(so bei Marcellus von Ankyra an Julius I. von Rom)
XVII
Griechisch „to biblon“ heißt einfach „das Buch“. Dahinter verbirgt sich ein durchaus komplizierter Prozess der Schriftwerdung einer ursprünglich mündlichen Überlieferung, dessen Aufklärung die
Literaturwissenschaften zu betreiben haben.
XVIII
In der Antike kannte man kein Copyright und keine Autorenrechte. Nach Thukydides (geb. etwa
454 v. Chr., gest. zw. 399 u. 396 v. Chr.) zielt Geschichtsschreibung nicht auf reine Tatsachenermittlung
und ihre Darstellung (allein), als vielmehr auf eine tiefer gegründete Wahrheit als die aus dem politischen Tagesgeschäft mit seinen Ereignisfolgen sich ergebende. So unterscheiden wir inzwischen
„echte“ Paulusbriefe und solche, die ihm zugeschrieben werden. Ähnlich verhält es sich bei Evangelien.
Der Name des Evangelisten steht weniger als historischer Urheber als vielmehr hinsichtlich der apostolischen Authentizität der Überlieferung und ihres Zeugen.
XIX
Ein Verzeichnis der um 200 in Rom als ntl. geltende Schriften ist der als Bruchstück erhaltene Kanon
Muratori (so genannte nach seinem Entdecker, Ludovico Antonio Muratori in Mailand, gest. 1750),
vermutlich aus einer Vorrede zu einer lateinischen Bibelübersetzung. Es fehlen dort 1. u. 2. Ptr, Jak, 3.
Joh, und Hebr.
XX
Im Kampf gegen Marcion mochte es aus nahe liegenden Gründen wohl nicht ausreichen, sich allein
auf Paulus zu berufen. Deshalb betonte man, dass Paulus und Petrus gemeinsam die römische Gemeinde
gegründet hätten. (So 1.Clem 5,1; 1.Ptr 5,13; Joh 21; sowie Ignatius an d. Römer 4.) All diese Belege
beweisen wenig. Zuerst ausgesprochen ist die römische Petrustradition bei Dionysios von Korinth um
146
170 (Euseb, h. e. II 25,8): Danach hätten Petrus und Paulus gemeinsam zuerst die Gemeinde von Korinth, dann die von Rom gegründet und später gemeinsam in Rom das Martyrium erlitten. Man versteht
die Argumentation und sollte so was deshalb nicht als Lüge abtun.
XXI
Dagegen sprechen auch nicht einzelne lokale Ereignisse, wie das Edikt des Kaisers Claudius, der
die Juden aus Rom auswies oder die Christenverfolgung unter Nero.
XXII
Der „Erfinder“ der göttlichen und kultischen Verehrung des Königs und Feldherren war Alexander
der Große, der sich auf Grund seiner Siege als Gottheit verehren ließ. „Nach schweren Wirtschaftskrisen
und Einbrüchen vor allem der Franken, Alemannen und Goten versuchte Kaiser Decius (249–251), die
Reichseinheit mit einer Rückbesinnung auf die altrömische Staatsreligion zu erneuern und baute dazu
den Kaiserkult weiter aus: In seiner Person oder mindestens zu seinem Schutz sollte Gottes Wesen erscheinen (Epiphanie). Aurelian (270–275) steigerte dies noch mit einem orientalischen Hofzeremoniell;
er machte den Sol invictus (unbesiegter Sonnengott) zum Reichsgott, was aber nur kurzfristig gelang.
Diokletian (284–305) knüpfte indirekt an die Vorstellung von den Göttern als Garanten der staatlichen
Ordnung an: Er wollte die Tetrarchie von Kaisern als irdische Manifestation des göttlichen Weltregiments (von Jupiter etc.) betrachtet wissen.“ Aus Wikipedia > Kaiserkult.
XXIII
Ähnliches galt auch für den Königstitel des „Hirten“ im orientalischen Teil des Reiches. Schon im
alten Ägypten haben sich Herrscher als Hirten ihrer Völker bezeichnet. In der hebräischen Bibel ist Gott
der Hirte Israels (Ps 23: „Der HERR ist mein Hirte“).
XXIV
Der christlicher Schriftsteller Tertullian (geb. ca. 150; gest. nach 220) schreibt: „Deshalb also sind
die Christen Staatsfeinde, weil sie den Kaisern weder sinnlose noch verlogene oder verwegene Ehrungen
erweisen, weil sie als Menschen, die die wahre Religion besitzen, auch die Festtage der Kaiser lieber in
ihrem Herzen als mit Ausschweifungen feiern.
XXV
"Sei schon ihr Name an sich strafbar, auch wenn kein weiteres Verbrechen vorliege, oder seien
es die Verbrechen, die mit dem (Christus-)Namen zusammenhingen? Er habe sie verhört, mit der
Todesstrafe bedroht und die, die sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören, hinrichten lassen.
Viele anonym Angeklagte habe er Götter anbeten, dem Kaiserbild opfern und Christus lästern lassen.
Wer das erfüllt habe, sei freigelassen worden: Denn zu all dem sollen sich wahre Christen nicht zwingen lassen. Viele hätten daraufhin erklärt, sie seien früher Christen gewesen, hätten sich aber nur am
regelmäßigen Lobsingen beteiligt und einen Eid geschworen: nicht etwa zu einem Verbrechen, sondern zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit, Unterschlagung von anvertrautem Gut. Einstweilen bin ich mit denen, die mir als Christen angezeigt wurden, folgendermaßen verfahren: Ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien. Die Geständigen habe ich unter Androhung der
Todesstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt, ob sie Christen seien. Die dabei blieben, ließ ich
abführen. Denn ich war der Überzeugung, was auch immer es sei, was sie damit eingestanden, dass
auf alle Fälle ihr Eigensinn und ihre unbeugsame Halsstarrigkeit bestraft werden müsse. Es gab auch
noch andere mit ähnlichem Wahn, die ich, weil sie römische Bürger waren, zur Überstellung nach
Rom vorgemerkt habe. ... Diejenigen, die bestritten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, glaubte
ich freilassen zu müssen, da sie mit einer von mir vorgesprochenen Formel die Götter anriefen und
vor Deinem Bild, das ich zu diesem Zwecke zusammen mit den Bildern der Götter herbeibringen ließ,
mit Weihrauch und Wein opferten und außerdem Christus schmähten, Dinge, zu denen wirkliche
Christen, wie man sagt, nicht gezwungen werden können."
XXVI
Man nannte sie „lapsi“ d.h. „Abgefallene“. Andere, die „traditores“ haben die hl. Schriften ausgeliefert. Weil damals nicht wenige Christen durchaus nicht streng monotheistisch dachten, ist dies wenig
überraschend. Andere gelangten durch Täuschung oder Bestechung in den Besitz einer Opferbescheinigung (libelli). In diese Zeit fällt auch der Tod des Märtyrerbischofs Cyprian.
XXVII
Die näheren Umstände sind bekannt: Im Kampf um die Herrschaft über das Abendland verlor der
Usurpator Maxentius am 28. Oktober 312 am pons Milvius bei Rom gegen Konstantin die Schlacht
und das Leben. Konstantin schrieb seinen Sieg dem Gott der Christen zu. In der Mailänder Konstitution
von 313 bekamen die Christen auch im Osten des Reiches uneingeschränkte Religionsfreiheit.
XXVIII
Die zunehmende Bedeutung des Christentums für die öffentlichen Angelegenheiten, machte
nunmehr auch aus diesem Grund eine wirkungsvolle Verfassung und Konstitution des Christentums als
Kirche notwendig. So traten neben den inneren Gründen für die Kirchwerdung des Christentums nun
auch äußere, gesellschaftliche Gründe hinzu.
147
XXIX
Das Religionsedikt vom 28. Februar 380 forderte von allen römischen Untertanen die Annahme
der von dem Apostel Petrus den Römern überlieferten, von dem Papst Damasus u. Bischof Petrus II.
von Alexandria vertretenen Religion, nämlich den Glauben an die eine Gottheit des Vaters, des Sohnes
und des Heiligen Geistes. Im Jahr 381 verbot Theodosius den Übertritt zum Heidentum. Der Altar der
Victoria adveniens wurde aus dem Sitzungssaal des Senates entfernt, das Tempelgut konfisziert, die
Aufhebung der Privilegien der Priester und Vestalinnen verfügt. Die heftige Opposition des Senates war
vergeblich. 386 wurde der praefectus praetorio des Orients beauftragt, nach Ermessen die Tempel zu
schließen. Im Jahr 389 schwor der Senat von Rom feierlich dem alten heidnischen Glauben ab. Seit 392
galt das blutige Opfer als crimen maiestatis. Die Nachfolger von Theodosius haben dann diese Gesetzgebung weiter fortgeführt.
XXX
puplic domaine
Katharinenkloster auf dem Sinai
zwischen 548 und 565 gegründet ist das älteste immer noch bewohnte Kloster des Christentums. Es liegt am Fuße
des Berg Sinai (Mosesberg). Nach der Legende soll hier der Brennende Dornbusch gewesen sein, an dem Mose
den Auftrag zur Befreiung aus Ägypten erhalten hatte. Das Katharinenkloster bildet zusammen mit dem Nonnenkloster im Wadi Firan (Pharan) und wenigen Familien meist griechischer Herkunft am Küstenort at-Tur (Raitho)
die kleinste der autonomen orthodoxen Kirchen.
Die Klosterbibliothek, bestehend aus vier Bibliotheksräumen, ist wahrscheinlich die älteste erhaltene christliche
Bibliothek. Sie enthält sechstausend Handschriften in griechischer, syrischer, altäthiopischer, arabischer, georgischer, und kirchenslawischer Sprache, davon dreitausend aus der Antike und einige älter als das Kloster selbst,
eine Sammlung, die an Umfang nur durch die der Biblioteca Vaticana übertroffen wird. Die meisten dieser Bücher
haben noch ihren ursprünglichen Einband, im Gegensatz zu westlichen Bibliotheken, wo die Originaleinbände in
der Regel ersetzt wurden.
Foto: Gerhard Piezinger – Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia
Kapitel 5
Frühkatholizismus – Das christliche Glaubensbekenntnis
I
Apg. 8,25 ff – „Mit Sicherheit gab es in Äthiopien zu dieser Zeit auch viele Juden, wahrscheinlich in
einer anderen Weise als die Juden in Palästina. Aus den Qumranfunden wissen wir, wie vielfältig das
Judentum vor der Synode von Jamnia 70-100 n. Chr. aussah. – Die heutigen äthiopischen Christen („orthodoxe Tewahedo-Kirche") glauben alle fest, dass ihre Vorfahren seit Salomo und der Königin von
Saba (die auf Amharisch „Makeda“ heißt) jüdisch glaubten und Juden waren, ehe sie Christen wurden.“
– Erhard Griese, in: www.http://de.answers.yahoo.com/question
148
II
So haben schon die Vorsokratiker das mythische Weltbild ihrer Zeit versucht, durch Naturwissen zu
erklären. Nach Aristoteles war Thales von Milet (624-547 v. Chr.), Mathematiker und Philosoph, der
erste, der die Frage nach einem Urgrund aller Dinge stellte. „Thales [...] bezeichnet als [...] Ursprung
[arché] das Wasser [hydor]. Auch das Land, lehrte er deshalb, ruhe auf dem Wasser. Den Anlass zu
dieser Ansicht bot ihm wohl die Beobachtung, dass die Nahrung aller Wesen feucht ist, dass die Wärme
selber daraus entsteht und davon lebt; woraus aber jegliches wird, das ist der Ursprung von allem. Nach:
Aristoteles, Metaphysik 983b 20f.
III
Für die Menschen der Antike ist ihre Vergänglichkeit eine Grunderfahrung des Lebens. In der
Bibel findet sich diese Sicht für das alte Israel. „Denn wir sterben des Todes und sind wie Wasser, das
auf die Erde gegossen wird und das man nicht wieder sammeln kann ...“ Hesekiel 18,24. Vgl. auch
Ps 39,6; 89;48 f; 90,10; 103,15f. – Für die Zeit des klassischen Altertums in Griechenland galt eine
durchschnittliche Lebenserwartung von 28 Jahren. Wer im kultivierten Rom der Kaiserzeit das Alter
von 15 Jahren erreicht hatte, konnte mit weiteren 37 Jahren rechnen, hatte also einer Lebenserwartung
von insgesamt 52 Jahren. In diese Daten sind eine hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit eingerechnet.
Krankheiten, Hunger, allgemeiner Mangel, Kriege und Naturkatastrophen sowie Herrschaftswechsel
sind weitere Faktoren dieser Statistik. Selbstverständlich gab es immer auch Menschen sehr hohen Alters. Immerhin soll Sokrates siebzig und Platon achtzig Jahre alt geworden sein. Das waren aber die
Ausnahmen.
IV
Berühmt ist Platons Höhlengleichnis: Ohne Kenntnis der Ideen, die die Wahrheit hinter den Dingen
darstellen, sind wir wie Menschen, die in einer Höhle sitzen, nie die Sonne gesehen haben und die
Schatten der Ereignisse, die die Sonne, bzw. der vom Höhleneingang kommenden Feuerschein an die
Höhlenwand werfen, für das echte, das wahre Leben halten. Dabei nahm Platon an, dass die Ideen selbstständig in einer höheren Welt existierten: der Meta-Physik.
V
So verschmolzen z.B. der ägyptische Atum-Re oder Amun-Re, wobei der überregionale Sonnengott
Re mit dem heliopolitanischen Schöpfungsgott Atum oder dem thebanischen Amun (dem Verborgenen)
eine Verbindung eingeht und so zu einer eigenen neuen Gottheit wird, die neben die beiden ursprünglichen Götter treten kann. So bezeichnet Atum-Re den Aspekt des abendlichen Sonnengottes, während
Re den Sonnengott generell meint. In der Spätzeit kommt es auch zu Verschmelzungen von männlichen
und weiblichen Gottheiten. In der Ptolemäerzeit kommt Serapis (Osiris-Apis) als neuer synkretistischer
Gott hinzu, indem Osiris eine Verbindung mit Apis, dem memphitischen Stiergott eingeht, dionysische
Züge übernimmt und auch Eingang in das römische Pantheon findet. Der Sonnengott Re kann zum
Totengott Osiris werden und mit diesem verschmelzen.
VI
„Der Begriff Henotheismus (aus griech.: heis, henos „ein“ und theos „Gott“) wurde von dem Indologen Friedrich Max Müller (1823–1900) eingeführt und bezeichnet den Glauben an einen höchsten
Gott, was jedoch im Unterschied zum Monotheismus der abrahamitischen Religionen die Verehrung
anderer untergeordneter Götter nicht prinzipiell ausschließt. Neben dem Begriff des Henotheismus wird
„Monolatrie“ mit gleicher Bedeutung verwendet.“ Aus: Wikipedia –> Henotheismus
VII
So schreibt Kelsus, ein antiker Philosoph (Platoniker) des späten 2. Jahrhunderts n. Chr. in seiner
Streitschrift gegen das Christentum: Es sei absurd zu glauben, dass sich die höchste Gottheit in einen
menschlichen Körper begebe, noch dazu einen normalen und unauffälligen, dem man das Göttliche nicht
ansieht, und dass Gott sich mit Bösem und Hässlichem abgebe und dem Leid aussetze. (in: Alethes logos
4,2–5; 4,14; 4,18; 6,75; 7,13–15) – Außerdem sei nicht einsichtig, dass Gott dies erst zu einem bestimmten
Zeitpunkt getan habe und nicht schon früher. (so in: Alethes logos 4,7).
VIII
Phil 2,3 ff. – Legt man (nach Lohmeyer, Meyer’sches Kommentarwerk IX z. St.) die Abfassung des
Philipperbriefes in das Jahr 58, also während der Gefangenschaft des Paulus und seinem erstem Prozess
in Cäsaräa, so ist dieser Christus-Hymnus eindeutig älter als die Abfassung dieses Briefes. Das Heilsschema von Erniedrigung und Erhöhung ist dem gnostischen Vorstellungskreis entnommen. Die Vorstellung eines gnostischen Erlösergottes wird durch die (literarkritisch nachweisbare, weil die hymnische Strophik sprengende) paulinische Einfügung „ja zum Tode am Kreuz“ vermieden. Denn der gnostische Erlösergott kann nicht sterben und den Tod erleiden.
IX
Einen ersten Ansatz zu apologetischer Beweisführung zeigt bereits die Areopagrede in Athen (Apg
17), die Lukas dem Paulus in den Mund gelegt hat. Sie gilt als die früheste Verschmelzung von Christentum und hellenistischer Stoa. Der einflussreichste der Apologeten war Justin, der Märtyrer. Als Platoniker dachte er über die Gottesfrage nach und wurde auf die Propheten aufmerksam. So bekehrte er
149
sich schließlich zum Christentum, der „allein zuverlässigen und brauchbaren Philosophie“. Der urchristliche Typus des charismatischen „Lehrers“ wird jetzt durch ein profanes Lehrertum abgelöst. Das hatte
auch eine praktische Bewandtnis: in der Zeit der Verfolgung war Philosophie im Unterschied zu fremden Kulten staatlich geduldet. Die Apologeten, die, wie Justin, für ihren christlichen Glauben auch das
Martyrium erlitten, haben den Grund gelegt zu der immer wiederkehrenden Auffassung, dass das Christentum in erster Linie eine geoffenbarte Gotteslehre sei, eine Lehre über den Logos, die Welt und die
Natur des Menschen. (nach K. Heussi a.a.O. S.48 f)
X
Die Logos-Vorstellung kommt aus der hellenistischen Philosophie. In sie sind aber viele andere, auch
gnostische Vorstellungen eingeflossen. Vom Logos „bei Gott“ hatte schon das Johannes-Evangelium
gezeugt. Die Apologeten scheiterten jedoch daran, dass sie den philosophischen Logos-Begriff einfach auf Jesus Christus übertrugen. So kann Justin auch die antiken Kulturwerte (logos spermatikos) für
das Christentum in Anspruch nehmen: In den antiken Philosophien stecken für ihn Keime der Wahrheit.
Alles Wahre, was jemals gesagt worden ist, ist für ihn auch christlich. Sokrates und Heraklit sind für
Justin ebenso wie Abraham Christen gewesen. Aber Christus allein ist die volle Offenbarung. So also
wird Christus bei den Gebildeten „akkreditiert“.
XI
In Alexandria war Origenes (geb. 185 in Alexandria; gest. um 254) der große Lehrer. Origenes
bietet das erste theologische System. Gott wird ganz platonisch gefasst. Der Logos wird von Ewigkeit
her und in alle Ewigkeit aus dem Wesen des Vaters erzeugt: insofern ist er dem Vater „homoousios“
(gleichen Wesens). Aber er ist Gott durchaus untergeordnet. Unter dem Sohn steht der von Sohn
geschaffene heilige Geist. Alle nachgeordneten Geister sind von Gott abgefallen und zur Strafe in materielle Leiber gesperrt. Diese Art der Weltentstehung verlangt nach Erlösung. Diese vollbringt der
Logos durch seine Menschwerdung. Er vereint sich mit der einzigen Seele, die nicht von Gott abgefallen
ist, nimmt Menschenleib an und wird zum Gott-Menschen. Er vollbringt die Erlösung durch sein Vorbild, seine Lehroffenbarung und seinen Tod. In allmählicher Vervollkommnung steigt der einzelne zu
Gott empor, das Materielle immer mehr hinter sich lassend. Dort erwarten ihn Läuterungsfeuer und
Seligkeit, Hölle oder neue Welten zu neuer Bewährung. Zuletzt werden alle, auch der Teufel der Seligkeit teilhaftig. (Apokatastasis panton). Die urchristliche Eschatologie ist vollkommen spiritualisiert.
Dabei unterscheidet Origenes zwischen der „wissenschaftlichen Religion“ und dem einfachen Gemeindeglauben. Letzterer ist für ihn Mythos, als solcher aber (relative) Wahrheit mit der man selig werden
kann. In den folgenden Jahrhunderten vollzog sich die theologische Entwicklung in Auseinandersetzung
mit der theologischen Tradition des Origenes. Seine Lehre eroberte in abgeschwächter, kirchlicher Fassung die Mehrheit der Bischofssitze des Ostens. Das „homoousios“ aber setzte sich schließlich in Nicäa
durch. Er selbst aber wurde schließlich (wegen Subordianismus) als Ketzer exkommuniziert. Nach
Heussi §17k.
XII
Für den Westen ist vor allem Tertullian (geb. ca. 150/55 n. Chr.) zu nennen. Er war Jurist, zunächst
in Rom, ab ca. 190 n.Chr. lebte er in Karthago und wird dort Laien-Christ. Er bekämpfte den Gnostizismus, seine Theologie aber steht eher den Apologeten nahe. Als Autor ist er der Schöpfer der lateinischen Traktateliteratur. Von ihm kommt die, für den römisch-katholischen Traditionsbegriff so kennzeichnende juristische Auffassung der Religion mit scharf gefassten, originellen dogmatischen Formulierungen. Damit hat er nicht nur einen großen Teil der Fachausdrücke der lateinischen Kirchensprache
geschaffen, sondern den späteren abendländischen Katholizismus vorweg genommen. Siehe Heussi
a.a.O. §17e.
XIII
Schon das Auftreten gnostischer Propheten und Lehrer hatte die werdende Kirche vor erhebliche
Herausforderungen gestellt. Inzwischen entstanden immer neue Anläufe die Autorität Jesu im Verhältnis zu Gott-Vater zu bestimmen. Die Vertreter der Logos-Theologie vertraten einen scharfen Subordianismus: Der Logos ist göttlichen Wesens, aber Gott untergeordnet. Die dynamistischen Monarchianer
dachten Christus als Menschen, der von einer unpersönlichen göttlichen Kraft erfüllt war. Andere erklärten Jesus Christus als eine Erscheinungsweise Gottes. Der Libyer Sabelius lehrte Gott habe drei
„Gesichter“ Vater, Sohn und Hl. Geist.
XIV
Der arianische Streit spielte sich vorwiegend im Osten ab, jedoch unter folgenreicher Anteilnahme
des Abendlandes (Rom). Arius war ein strenger Asket, der zu Beginn der Streitigkeiten bereits in vorgerücktem Alter war. Ursprünglich Anhänger der Melitianer war er Kleriker geworden, ging dann zu
Bischof Petrus von Alexandrien über. Mit dem war er aber alsbald zerfallen und wurde deshalb exkommuniziert. Unter dem Nachfolger Bischof Achillas wieder in seine Ämter eingesetzt, war er fürderhin
selbständiger Parochus an der Baukaliskirche in Alexandria. Über seine Lehre sind wir nur bruchstückhaft unterrichtet. Jedenfalls ist für ihn der Logos und der Vater nicht gleichen Wesens, der Sohn ein
150
Geschöpf des Vaters und ferner lehrte er, dass es eine Zeit gegeben hat, als der Sohn nicht existierte; er
habe einen Anfang gehabt, sodass die anfangslose Gleich-Ewigkeit von Vater und Sohn geleugnet wird.
Etwa 318 kam es zu einem Streit zwischen dem Bischof Alexander von Alexandria (313-328) und Arius,
wobei Arius Alexander des Sabellianismus beschuldigte. Deshalb wiederum wurde Arius auf einer großen ägyptisch-libyschen Synode in Alexandria (318 n. Chr.) von seinem Bischof Alexander exkommuniziert. Er fand Zuflucht bei Bischof Eusebius von Nikomedien. Die morgenländischen Bischöfe ermöglichten ihm die Rückkehr nach Alexandria. Von da an nahm der Streit bedenkliche Ausmaße an. Neben
Resten von Gnostikern standen um 318 immer noch verschiedene Christologien nebeneinander. Die
Mehrheit der an Origenes geschulten Bischöfe des Orients vertrat die Lehre vom untergeordneten (subordinierten) Logos. Dem gegenüber stand eine um das Jahr 320 noch unabgeklärte Strömung, aus der
die spätere Orthodoxie hervorging. Sie lehnte alle philosophischen Spekulationen ab, behauptete die
Einheit Gottes und die Gottheit Christi und setzte so an die Stelle der klaren logischen Erkenntnis ein
Begriffs-Mysterium. Befriedigte die Orientierung an Origenes das wissenschaftliche Interesse, entsprach die orthodoxe Auffassung mehr der realistischen Erlösungslehre, die durch die kirchlichen Sakramente die substantielle Vergottung des Menschen ermöglicht, weil der Stifter der Kirche selbst Gott
ist. Heussi a.a.O. §24 d-f.
XV
Ihr bedeutendster Vertreter war Athanasius, seit 328 Metropolit von Alexandria (gest. 373 n. Chr.).
Er trat für die Wesensgleichheit von Vater und Sohn ein, hat das „homoousios“ allerdings selten und
erst ab 351 n.Chr. in seinen späteren Schriften gebraucht. Später wird diese Formel bei ihm zunehmend
zum Ausdruck der Einheit Gottes, d.h. die Gottheit des Sohnes ist mit der Gottheit des Vaters identisch.
Die Vorstellung von zwei unterschiedlichen göttlichen Wesen wird damit abgewehrt.
XVI
Homoousios (griech. οµοουσιοζ) = Wesensgleichheit beschreibt das Verhältnis Gottes, des Vaters, zu Christus, dem Logos, (Λογοσ). Es ist die zentrale Aussage des Bekenntnisses von Nicäa aus
dem Jahr 325. Diese Frage der Wesensgleichheit gehört zur Kernfrage der altkirchlichen Christologie.
Arius hatte erklärt, dass Gott-Vater und Gott-Sohn (Jesus) nicht wesensgleich waren, sondern nur wesensähnlich wesensgleich , (griech. οµοιουσιοζ) – Arius’ Lehre wurde von der Mehrheit der Bischöfe
nicht anerkannt und verurteilt. Arius selbst wurde exkommuniziert. Damit wurde der Subordinatianismus (Vorstellung, dass der Sohn dem Vater untergeordnet sei) des Origenes und des Arius verworfen;
des Weiteren wurde die Präexistenz (d.h., Christus habe bereits vor der Erschaffung der Welt existiert),
die Arius ebenfalls ablehnte, verbindlich. Christus ist nach der Definition des Nizänums wesensgleich
dem Vater:
•
Er ist – als das Wort Gottes − von gleicher Substanz wie Gott-Vater (das heißt: ihm gebühren
die gleichen Attribute, die nur Gott zukommen (z. B. der Kyrios-Titel, ewig, unsterblich).
•
Er ist der Sohn Gottes: vom Vater gezeugt, nicht geschaffen („Erste Geburt des Sohnes“, die
seiner Fleischwerdung vorausgeht).
Die Dreifaltigkeit beschreibt somit Jesus (Gott Sohn) als gleich Gott Vater und dem Heiligen Geist und
nicht als „abgestuft“, wie der Subordinatianismus dies annimmt. Die Entscheidung des Konzils führte
jedoch zu keiner Einigung innerhalb der sich langsam formierenden Reichskirche. Im Gegenteil: Obwohl der so genannte „Arianismus“ (ein eigentlich sehr unscharfer Terminus) teilweise streng verfolgt
wurde, kam es noch Jahre später zu Auseinandersetzungen zwischen Arianern und Anhängern des Nicaenums. Sogar einige Kaiser waren Arianer, so etwa Constantius II., der sich sehr in der Religionspolitik engagierte. Letztlich setzte sich im Reich jedoch das Nicaenum durch, obwohl der Arianismus in
den meisten germanischen Reichen, die im Verlauf der Völkerwanderung entstanden, noch einige Jahrhunderte länger gefördert wurde.
XVII
Nicht alle Bischöfe, die das Nicänum ablehnten, waren eigentlich Arianer. Aber sie waren von
der Theologie des Origenes her mit dem Nicänum unzufrieden. Für sie schien es, dass in Nicäa die
Unterschiede zwischen den göttlichen Personen unzureichend bestimmt waren. Für die Weiterarbeit an
den in Nicäa entschiedenen Fragen haben sich vor allem die „drei Kappadozier“ (Basilius 370 Metropolit von Cäsaräa in Kappadozien,– sein Freund Gregor von Nazianz, 380/81 Metropolit von Konstantinopel und Gregor, Bischof von Nyssa in Kappadozien) verdient gemacht. Von ihnen stammt
die hilfreiche Unterscheidung von „Wesen“ (ousia) und „Person“ (hypostasis). Sie haben damit die
wirkliche Trinitätslehre ermöglicht, die sowohl die Einheit Gottes als auch die Unterschiedenheit der
Personen festhält. – Das Nicänische Bekenntnis hat sich in der Kirche des Orients niemals durchgesetzt.
Hier hatte die antiochenische theologische Schule die Vorherrschaft, die der Lehre des Nestorius folgte.
151
Nach Nestorius waren in der Person Christi eine göttliche und eine menschliche Natur geteilt und unvermischt vereint, so dass Christus sowohl Mensch als auch Gott sei und nicht irgendeine Mischung aus
beiden.
XVIII
Ein Tiefpunkt späterer Auseinandersetzungen war das Konzil von Ephesus im August 449 n.
Chr., von Papst Leo I. „die Räubersynode“ genannt. Peter Hertel (dradio kultur am 3.8.2009) schildert
den Vorgang so: „Als es (nämlich das Konzil) den Patriarch Flavian von Konstantinopel seines Amtes
enthob und den Papst exkommunizierte, schleuderte der päpstliche Gesandte Hilarius auf Latein sein
!“ Was bedeutete: „Abgelehnt!“ Daraufhin ließ PatVeto in die Marienkirche von Ephesus: „"
riarch Dioskur die Türen öffnen, und ein Rollkommando stürmte die Basilika: bewaffnete Soldaten, randalierende Mönche und ein lärmender Volkshaufen. Eine ägyptische Bruderschaft, die gewöhnlich
Kranke pflegte und Tote begrub, knüppelte jeden Widerstand nieder. Patriarch Flavian, der sich versteckt
hatte, wurde aufgestöbert, Patriarch Dioskur stürzte sich auf ihn, trampelnde Mönche misshandelten ihn
so schwer, dass er drei Tage später auf dem Transport in die Verbannung starb. Dagegen konnte der römische Delegat Hilarius entkommen und dankte für die gelungene Flucht mit einer Inschrift, die heute noch in
der römischen Laterankirche zu sehen ist. Als Papst Leo I. unterrichtet wurde, soll er ausgerufen haben:
„8
.“ Womit er zum Ausdruck brachte: dieses zweite Konzil von Ephesus
habe für ihn kein gültiges Urteil gefällt, sondern sei dem Verbrechen der Straßenräuberei gleichzusetzen.
Zwei Jahre später berief der neue Kaiser Marcian ein Konzil nach Chalcedon ein. Es kassierte die Beschlüsse von Ephesus und verbannte den Mönch Eutyches. Der Kirchenkrimi Ephesus war damit von
der Liste der allgemein anerkannten christlichen Konzilien gestrichen und ging – gemäß dem polemischen Papstwort – als „Räubersynode von Ephesus“ in die Geschichte ein.“ Soweit Hertel. – Wenn
wir uns heutzutage mit Recht über ähnliche Vorkommnisse innerhalb des Islam beschweren, ist es hilfreich, sich auch derartige Vorkommnisse in unserer eigenen christlichen Geschichte zu erinnern.
XIX
Papst Leo I. in Rom legte in einem Sendschreiben seine Position dar, nämlich dass Jesus Gott und
Mensch sei, beides ohne Einschränkung. „Hunger, Durst, Ermüdung und Schlaf sind offenbar menschlich.
Wenn Jesus aber mit fünf Broten 5000 Menschen sättigt, wenn er auf dem Meer wandelt ohne unter zu
sinken, dann ist das ohne Zweifel göttlich.“
XX
Ein Grund dafür mag darin gelegen sein, dass der Begriff des Logos den Heiligen Geist oft mitgedacht hat. Wenn Christus der Logos war, dann ist ja auch sein „Wort“ göttlicher Natur. Der Logos ist
aber immer mehr als bloßes Wort. Das Wort kommt aus dem Geist, wirkt durch den Geist, lebt durch
den Geist und vermittelt den Geist. Und zweifellos hat auch die hellenistische Kirche die alttestamentliche Tradition von Gottes Wort bedacht, das aus dem Nichts schaffen kann. Wir haben es also mit
einem höchst komplexen Verständniszusammenhang zu tun, der viele Facetten hat.
XXI
Das Nicäno-Constanti nopolitanum von 381 hat den folgen Wortlaut: „Wir glauben an einen
Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge; und an einen Herrn, Jesus Christus, den einziggeborenen Sohn, der aus dem Vater gezeugt
ist vor allen Zeiten, Licht vom Licht, wahrhaftiger Gott aus wahrhaftigem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch den alle Dinge geworden sind; der um uns Menschen und um
unseres Heiles Willen aus den Himmeln herabgekommen und aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau
Maria Fleisch geworden und Mensch geworden ist, für uns unter Pontius Pilatus gekreuzigt, gelitten hat
und begraben ist und am dritten Tage auferstanden ist nach der Schrift, aufgefahren in die Himmel und
sitzend zur Rechten Gottes, und der wiederkommen wird mit Herrlichkeit, um Lebende und Tote zu
richten; dessen Reich wird kein Ende haben. Und an den Heiligen Geist, den Herrn und Geber des Lebens, der von dem Vater ausgeht, mit dem Vater und dem Sohne zusammen verehrt und zusammen
verherrlicht wird, der durch die Propheten geredet hat; an eine heilige und apostolische Kirche. Wir
bekennen eine Taufe zur Vergebung der Sünden; wir warten auf die Auferstehung der Toten und das
Leben in der kommenden Welt. Amen.“
XXII
Die oströmische Kirche verlor nach dem fünften Jahrhundert zunehmend an theologischer Kraft,
widmete sich vor allem kultischen Fragen des Gottesdienstes und der kultischen Bilderverehrung. Nach
der Schwächung des Kaisertums kam es zunehmend zu Streitigkeiten zwischen den Metropoliten, vor
allem Alexandrias und Konstantinopels, die ihrerseits sich jeweils auch politisch in Stellung bringen
wollten. Hingegen wurden der lateinischen Kirche, die in den ersten Jahrhunderten nur wenige namhafte
Theologen hervorgebracht hatte, einige hervorragende Lehrer beschert. Zu ihnen gehören neben Irenäus,
Ambrosius und vor allem Augustinus.
152
XXIII
Über den weströmischen Staat begann das Unheil schon unter dem ersten Nachfolger Theodosius
des Großen. Im Jahr 401 n. Chr. standen die Westgoten zum ersten Mal in Italien, 404 n. Chr. brachen
germanische Stämme erneut über die Alpen nach Italien vor und breiteten sich in Gallien, der pyrenäischen Halbinsel und schließlich in Britannien aus und richteten furchtbare Verwüstungen an. Längst am
Rhein ansässige Franken, Burgunder und Alemannen besetzten das linke Rheinufer. Dreimal belagerten
die Westgoten Rom bis die „ewige Stadt“ 410 n. Chr. in ihre Hände fiel. Dazu kommt: Goten und Vandalen waren nicht nur heidnisch, sondern inzwischen arianische Christen geworden. So standen jetzt
katholische Römer im Kampf gegen arianische Germanen.
XXIV
Stärkung des Papsttums: Als Germanen das römische Imperium im Abendland auflösten war der
Kirche Roms eine neue Macht zugewachsen. Während des Zusammenbruchs des weströmischen Reiches wandelte sich das Nationalgefühl der Römer in die Verehrung der einzigen noch bleibenden Institution, der Kirche und ihrer Spitze dem Bischof von Rom. In den Stürmen der Völkerwanderung hatten
die Bischöfe große Verdienste um die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Rettung der Kultur. Adolf
v. Harnack formuliert: Seit der Völkerwanderung war die Kirche geradezu „das ins Religiöse transponierte weströmische Reich, der römische Bischof aber ihr heimlicher römischer Kaiser.“ Daraus entwickelte sich das römische Papsttum als geistliche und politische Macht. Das Papsttum war als solches
kein Erbstück des Urchristentums, sondern Auswirkung des antiken Römergeistes auf dem Boden des
katholischen Kirchentums. Nach Heussi a.a.O. §32a
XXV
Soteriologie bezeichnet in der christlichen Dogmatik die Lehre vom vollendeten Heil bzw. der Erlösung des Menschen. Der Ausdruck kommt von griechisch sot!ría „Rettung, Erlösung, Heil“ und lógos
„Wort, Lehre“, bedeutet also Lehre vom Heil bzw. von der Erlösung.
XXVI
Diese Herangehensweise geht bereits auf Tertullian im zweiten Jahrhundert zurück. Die Kirche im
lateinischen Westen denkt juristisch. Im Unterschied zu den griechischen Stadtstaaten mit ihren Königen und Despoten ist das Römerreich selbst noch in der Kaiserzeit ein in Maßen antiker Rechtsstaat.
Des Weiteren warfen auch die Fragen der Glaubensverleugnung und des Abfalls während der Verfolgungszeit kirchenrechtliche Fragen hinsichtlich der weiteren Rechte der Abgefallenen auf. – z.B. Ist die
Taufe von abgefallenen Priestern, wenn sie danach wieder taufen, eine gültige Taufe oder nicht? (Pelagianischer Streit) Quelle: Heussi a.a.O. §53
XXVII
Augustin (354-430 n.Chr.), seit 395 n. Chr. Bischof in der kleinen nordafrikanischen Küstenstadt
Hippo Regius, ist der bedeutendste lateinische Theologe des ausgehenden 4. Jahrhunderts. Er nimmt die
paulinische Sünden- und Gnadenlehre auf und entwickelt daraus die Lehre vom Urstand Adams, von
der Erbsünde, von der Prädestination
, sowie die Lehre von der „sichtbaren und unsichtbaren“
Kirche (Luther).
XXVIII
Anselm von Canterbury (1033-1109 n. Chr.), seit 1093 Erzbischof von Canterbury, findet
“ (Vorläufer darin ist
den Ausgangspunkt seiner theologischen Arbeit in dem Satz: „
schon Augustin). In seinem ontologischen Gottesbeweis schließt er aus dem im Glauben vorfindlichen
>
– weil eine im menschlichen
Begriff Gottes auf die Existenz Gottes. (=
Bewusstsein vorhandene Vorstellung, dass Gott nicht existiert, der Idee, dass er tatsächlich doch existiert, unterlegen ist). In "
%
entwickelt er seine Satisfaktionstheorie. Man versteht sie besser,
wenn man bedenkt, dass Anselm Germane ist. Wie der germanische Lehnsherr durch die Insubordination oder gar den Güterraub seines Lehnsmannes in seiner Ehre verletzt wird, so wird durch die Sünde
des Menschen, die Verweigerung der schuldigen Gehorsams und Subordination, Gott das Seine geraubt
"
und somit die Ehre Gottes verletzt. Zur Wiederherstellung seiner Ehre muss Gott Genugtuung (
) geleistet werden und eine Bestrafung und Verdammung der Sünder erfolgen. Wenn Gott darauf
verzichtet, würde er die Ordnung seines Reiches und seine Gerechtigkeit verletzen. Aber die Verdammung des Menschen ist Gott unmöglich. Der Mensch ist Gottes kostbarstes Geschöpf. So bleibt Gott
nur die Genugtuung einzufordern. Die aber kann der Mensch angesichts des Ausmaßes der Sünde nicht
leisten. Deshalb sendet Gott seinen Sohn Jesus Christus und vollzieht an ihm die ausgleichende Strafe,
die die Ehre Gottes wieder herstellt. Indem der Gottmensch sein Leben freiwillig hingibt, schafft er eine
Genugtuung von unendlichem Wert. Nun muss Gott, weil er gerecht ist, diese Gabe Christi notwendiger
Weise anrechnen. Daher macht er die Menschen zu Erben des Verdienstes Christi. – Man muss den
kulturellen Hintergrund des germanischen Erbes sehen, um die Rechtfertigungslehre Anselms zu verstehen und zu würdigen.
XXIX
Der Aufschwung der mittelalterlichen Scholastik war inspiriert von der erst durch die arabischen
und jüdischen Philosophen Spaniens vermittelte, vollständige Kenntnis der aristotelischen Philosophie,
153
allerdings mit mancherlei neuplatonischen und auch arabischen Einflüssen versetzt. Seit ca. 1230 n.Chr.
lernte das Mittelalter nun auch den echten, griechischen Text des Aristoteles kennen. Zum ersten Mal
trat das wissenschaftliche Denken der jungen germanisch-romanischen Nationen an ein System der
Weltanschauung heran, das unabhängig von christlichen Gedanken entstanden, also „natürlich“ war.
Darin lag ein außerordentlicher Antrieb zur Ausgleichung der „natürlichen“ Welterkenntnis mit dem
kirchlichen Dogma und zur Aufstellung eines eigenen kirchlichen Systems, einer großen Gott-WeltPhilosophie. Dem damals herrschenden Bedürfnis nach Autorität entsprach es, dass Aristoteles ebenso
wie das Dogma der Kirche als eine unwandelbare Autorität betrachtet wurden.
XXX
Thomas von Aquin, der „
“ (geb. 1225, gest. 1274, 1323 heiliggesprochen)
studierte bei Albertus Magnus und lehrte in Paris, Rom und Neapel. In ihm erreicht die mittelalterliche
Scholastik ihren Höhepunkt. Vernunft und Offenbarung werden zu einem harmonischen System zusammengefasst. In seiner bis zum heutigen Tage für den römischen Katholizismus maßgebenden „(
“ hat er bereits die Unfehlbarkeit des Papstes in seine Dogmatik eingearbeitet und so
im modernen Katholizismus zu normativer Geltung gebracht. Selbst die altprotestantische Theologie
bleibt, – trotz der Ablehnung der Scholastik durch Luther,– durch Thomas beeinflusst.
Kapitel 6
Die Erneuerung des Bundes – Israel und die Kirche
I
Gemeint sind die großen Traditionszusammenhänge vom Auszug aus Ägypten als einer Befreiungs) der Gabe der Thora am Sinai und der immer neuen Zuwendung Gottes in Gericht
tat durch Gott (
und Gnade, wie sie in der prophetischen und geschichtlichen Überlieferung aufbewahrt ist.
II
Das Kunstwort „Tenach“ setzt sich aus den hebräischen Namen der drei großen biblischen Überlieferungskomplexe zusammen: Der Thora (die fünf Bücher Mose), den Nebiim (die Prophetenschriften) und
den CHetubim oder Ketubim, den geschichtlichen Schriften (Josua, die Königsbücher, Chroniken u.a.)
III
Freilich hat Israel in seiner Geschichte zu Zeiten auch sakrale Institutionen gehabt. (Tempel, Opferund Entsühnungsriten u.v.a.m.). Auf sie richtet sich aber immer wieder die prophetische Kritik. Soweit
sie bestanden haben, waren sie auch immer mit heilsgeschichtlichen Bezügen (Bundeslade im Tempel,
kultische Vergegenwärtigungen der Heilsgeschichte) verbunden. Seit der Zerstörung des Jerusalemer
Tempels (70 n. Chr.) ist den Juden nur ihre schriftliche Überlieferung geblieben, die die Kirche mit der
Synagoge gemeinsam hat.
IV
Die Rede vom jüdischen „Volk“ meint den Zwölf-Stämmeverband, wie er in der biblischen Überlieferung dargestellt wird. Von ihrer ethnischen Herkunft war die Bevölkerung Israels eine Mischbevölkerung, wie sie sich in einem geographischen Durchgangsgebiet zwischen dem Zweistromland einerseits und dem alten Ägypten andererseits ergeben hat. Handel, Kriege und Deportationen, aber auch
Vermischung der hebräischen Einwanderer mit den vorgefundenen Nachbarn, haben zu einer steten
Umschmelzung der Bevölkerung geführt. Die Bezeichnung „Hebräer“ kommt vermutlich vom ägyptischen habiru und bezeichnet in einigen Texten der späten Bronzezeit aus Amarna, Ugarit, Kanaan und
Ägypten verschiedene Menschengruppen, die außerhalb der Gesellschaftsordnung standen und sich aus
Not in Abhängigkeitsverhältnisse als Söldner oder Arbeiter begeben oder ein Leben als Banditen führten. (Manfred Weippert, Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen
Diskussion, FRLANT 92, Göttingen: 1967 zitiert in W. H. Schmidt, Exodus..., S. 29) Vorwiegend gilt
der Ausdruck dort als abwertende Bezeichnung eines gesellschaftlichen Status. Einige halten es für
möglich, dass allmählich eine Verschiebung zur ethnischen Bedeutung stattfand: So könne die Verwendung des Wortes „Hebräer“ im Buch Exodus (2.Mose 2,11.13) eine Erinnerung daran bewahren, dass
die Vorfahren Israels als Apiru galten. Ronald De Vaux interpretierte beide Ausdrucke Apiru und „Hebräer“ als ethnische Bezeichnung für Gruppen, die von der Wüste ins Kulturland vorgedrungen waren. (Ronald De Vaux, Histoire ancienne d'Israël, I, Paris: 1971, S. 106–112; 205–208 zit. in W. H. Schmidt, Exodus, S. 30)
Es war und ist deshalb barer Unsinn und Unkenntnis, wenn früher, - und in gewissen Kreisen noch heute
- von einer „jüdischen Rasse“ gesprochen wird. Es gibt diese „Rasse“ nicht. Das jüdische Selbstverständnis als Gottesvolk ist nicht im Sinne biologischer Herkunft, sondern religiös begründet. So kann
man auch als „Hinzugekommener“ (sog. Proselyt) Anteil am jüdischen Gottesvolk bekommen. In diesem Sinne versteht sich die christliche Kirche als in den Wurzelstamm Israel „eingepflanzt“. – Richtig
aber ist, dass das Volk Israel seit dem babylonischen Exil durch Einführung der vorher schon geübten,
154
aber jetzt auch kultisch gebotenen Beschneidung, sich auch „dem Fleische nach“ nicht nur durch die
Mütter, sondern auch im männlichen Stamm seiner Nachkommen versichern will. So kommt es in der
Tat auch zu einer gewissen Selbststigmatisierung der Juden. Das beginnt bei der sprachlichen Unterscheidung der „gojim“ als Wort für die Fremdvölker und „haam“ für das eigene Volk und hört bei
der konsequent durchgeführten Beschneidung der männlichen Nachkommen noch nicht auf. Die Beobachtung der Speisegebote, der Sabbatruhe und der abweichenden Zeitrechnung, der Gebrauch der
hebräischen Liturgiesprache und das, vor allem in Osteuropa heute noch gesprochene „Jiddisch“
u.v.a.m. haben als gelebtes Leben inmitten anderer Kulturen auch eine absondernde Wirkung gehabt.
Der Mensch hört auch nicht auf, Jude zu sein, wenn er am Synagogen-Gottesdienst nicht mehr teilnimmt, den Sabbat, den Glauben, die Bestimmungen der Thora und die gebotenen Rituale nicht mehr
mitvollzieht oder sich gar als säkularer Atheist versteht. Im Unterschied zum Christentum, das sich immer wieder anderen Kulturen assimiliert und damit auch sein geistliches Erbe aufs Spiel gesetzt oder
gar verloren hat, hat das Judentum seine religiöse Identität auch in fremder Umgebung bewahrt. Dieser
Sachverhalt wird auch nicht dadurch gestört, dass es innerhalb des Judentums zu jeder Zeit eine geradezu
sprichwörtlich gewordene Diskussionskultur hinsichtlich der Auslegung der Überlieferung gegeben hat
und weiter gibt.
V
„Die Verwerfung des geschichtlich begegnenden Christus, auch seine Kreuzigung, ist entsprechend
der Evangelientradition nicht die unvergebbare Sünde des Jüngers gegen den Geist, sondern die vergebbare Sünde gegen den Menschensohn. Über ihr steht: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie
tun!“ (Lk 23,32). Dieses auch in wichtigen Handschriften fehlende Wort Jesu entspricht eigentümlich
der lukanischen Theologie (Apg 3,17; 17,30; vgl. 7,60), sodass man annehmen muss, dass es erst von
der Tradition zumindest formuliert, wenn nicht geprägt worden ist; aber es ist sachgemäß. Dann bezeugt
dieser lukanische Einschub aber die Differenziertheit im Urteil des Evangelisten Lukas. – So Leonhard
Goppelt a.a.O. S. 71 f.
VI
Das Judenchristentum versuchte die Messianität Jesu aus der hebräischen Bibel zu begründen. Dazu
wurden die Texte oft gegen den Wortlaut heilsgeschichtlich als Hinweise auf Jesus Christus gedeutet.
Folglich grenzten Juden und Christen ihre Bibelauslegung gegeneinander ab; beide Seiten polemisierten
heftig gegeneinander.
VII
Dazu gehört die Steinigung des Stephanus (geb. ca. 1 n. Chr.; gest. ca. 36/40 n. Chr.). Stephanus ist
ein Diakon der Jerusalemer Urgemeinde. Er gilt als erster christlicher Märtyrer. Sein Name deutet auf
seine hellenistische Herkunft hin.
VIII
Durch die Hinrichtung des Jakobus brach eine Katastrophe über die Gemeinde herein, von der sie
sich nicht mehr erholen sollte. Offenbar sahen die Anhänger der Partei des Priesteradels in Jakobus und
seinen Freunden eine ähnliche religiös-politische Gefahr für das Volk wie 32 Jahre zuvor in Jesus. – Der
Bericht demonstriert zum anderen die relative Toleranz, die die Pharisäer den Judenchristen entgegenbrachten und die in einem gewissen Widerspruch zur Ausstoßung aus der Synagoge in den Jahren nach
70 steht. Dies mag damit zusammenhängen, dass zumindest die gemäßigten Pharisäer hillelitischer Prägung damals den Judenchristen noch näher standen als den Sadduzäern. Das wird auch dadurch bestätigt, dass – trotz aller scharfen Kontroversen bei Markus und Lukas die Pharisäer (und Schriftgelehrten)
die wichtigsten Gesprächspartner Jesu und der Jünger darstellen.
IX
Bei Flavius Josephus heißt es dazu: „Der jüngere Ananus jedoch, dessen Ernennung zum Hohepriester ich soeben erwähnt habe, war von heftiger und verwegener Gemütsart und gehörte zur Sekte der
Sadduzäer, die, wie ,schon früher bemerkt, im Gerichte härter und liebloser sind als alle anderen Juden.
Zur Befriedigung dieser seiner Hartherzigkeit glaubte Ananus auch jetzt, da Festus gestorben, Albinus
aber noch nicht angekommen war, eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben. Er versammelte daher
den hohen Rat zum Gericht und stellte vor dasselbe den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird,
mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“ – Quelle: Des Flavius Josephus Jüdische Altertümer. Übersetzt und mit Einleitung
und Anmerkungen versehen von Dr. Heinrich Clementz. II. Bd. Köln 1959 (Nachdruck der Ausgabe
von 1899), 666 f.
X
Eusebius (geb. 260/64; gest. 339 oder 340) schreibt: „Als nun nach der Himmelfahrt unseres Erlösers die Juden zu dem Verbrechen an dem Erlöser auch noch die wiederholten Vergehen an seinen
Aposteln gefügt hatten, als zunächst Stephanus von ihnen gesteinigt, sodann nach ihm Jakobus, der Sohn
des Zebedäus und Bruder des Johannes, enthauptet und schließlich Jakobus, welcher nach der Himmelfahrt unseres Erlösers zuerst den bischöflichen Stuhl in Jerusalem erhalten hatte, auf die angegebene
155
Weise bestätigt worden war, als die übrigen Apostel nach unzähligen Todesgefahren, die man ihnen
bereitet hatte, das Judenland verlassen hatten und mit der Kraft Christi, der zu ihnen gesagt hatte: „Gehet
hin und lehret alle Völker in meinem Namen!“ zur Predigt des Evangeliums zu allen Völkern hinausgezogen waren, als endlich die Kirchengemeinde in Jerusalem in einer Offenbarung, die ihren Führern
geworden war, die Weissagung erhalten hatte, noch vor dem Kriege (70 n. Chr.) die Stadt zu verlassen
und sich in einer Stadt Peräas, namens Pella, niederzulassen, und als sodann die Christgläubigen von
Jerusalem weggezogen waren und die heiligen Männer die königliche Hauptstadt der Juden und ganz
Judäa völlig geräumt hatten, da brach das Strafgericht Gottes über die Juden wegen der vielen Freveltaten, die sie an Christus und seinen Aposteln begangen hatten, herein und vertilgte gänzlich dieses Geschlecht der Gottlosen aus der Menschengeschichte. Wieviel Elend über das ganze Volk damals überall
hereinstürzte, wie vor allem die Bewohner von Judäa in äußerste Not gerieten, wie viele Tausende von
militärpflichtigen Männern samt ihren Weibern und Kindern durch Schwert, Hunger und tausenderlei
andere Todesarten zugrunde gingen, wie zahlreich und verschiedenartig die Belagerungen jüdischer
Städte waren, wie furchtbar, ja über alle Maßen furchtbar die Erlebnisse derer waren, welche sich nach
Jerusalem selbst geflüchtet hatten, weil sie die Hauptstadt für eine sehr feste Burg hielten, wie der Krieg
im Ganzen und in allen seinen Teilen verlief, wie schließlich der von den Propheten verheißene Gräuel
der Verwüstung in dem seit alter Zeit berühmten Gottestempel selbst sich verwirklichte, sofern dieser
vollständig zerstört und ganz und gar durch Feuer vernichtet wurde, dies kann jeder, der will, in der von
Josephus geschriebenen Geschichte im Einzelnen nachlesen.“ – Quelle: Eusebius von Cäsaräa, Kirchengeschichte. Übersetzt von Philipp Haeuser (= BKV II.1). München 1932, S. 104f.
XI
Im Johannesevangelium ist das Bild des Jesus gegenüberstehenden Judentums durchgehend vereinfacht: Sadduzäer, Herodianer, Zeloten, auch die „Schriftgelehrten“ sind verschwunden. So übrigens
auch ihr Gegenüber, nämlich Sünder und Gerechte, Arme und Reiche. Von den, bei den Synoptikern
erwähnten Sondergruppen werden nur noch der Hohepriester, die Synhedrien und die Pharisäer genannt.
Aber die Pharisäer des Johannes-Evangeliums vertreten nicht ein jüdisches Frömmigkeitsideal, sondern
veranlassen und leiten das behördliche Vorgehen gegen Jesus. Der Evangelist redet von „den Juden“ in
Wendungen, wie man Fremden gegenüber von einem fremden Volk spricht. Diese johanneische Redeweise vollzieht eine Angleichung der vergangenen Geschichte an die Gegenwart seiner Zeit (nämlich
des ausgehenden 1. Jhdt.). – Dennoch findet sich in Joh 4,22 im Munde Jesu der Satz (zur Samaritanerin):
„Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.“
XII
Vermittels der gottesdienstlichen Lesungen hat das Johannesevangelium dem christlichen Antijudaismus durch die Jahrhunderte den Weg wohl mehr bereitet als vieles andere. Diese Wirkung verdankt sich vor allem der rituellen, ganz unpolemischen Rezitation solcher Texte im Gottesdienst vor
einer naiven Hörergemeinde. Man kann diesen Effekt auch heute noch erleben, z.B. beim Anhören der
Bach’schen Johannespassion. Die Aufmerksamkeit und der Genuss kommen aus der großartigen Musik,
auch der stellenweisen Dramatik der Texte. Dass dabei „subkutan“ auch noch andere Inhalte transportiert werden, kommt dem Hörer zunächst so gar nicht zu Bewusstsein, sondern diese bleiben als solche
im Bereich der Selbstverständlichkeiten. Es gehört einfach „dazu“ und wächst mit der Zeit ganz unbewusst zu einem Vor-Urteil.
Beim Brand Roms unter Nero (64 n.Chr.) wurden Christen und Juden unterschiedslos verfolgt, weil
man beide gar nicht unterscheiden konnte.
XIII
XIV
Das jüdische Christentum hat noch bis ins vierte Jahrhundert existiert, verlor aber zunehmend
an Bedeutung. Seine späten Spuren finden sich in nichtkanonischen judenchristlichen Evangelien (Hebräer-Ev., Nazoräer-Ev., u Ebionitem-Ev., in der Didache). Judenchristliche Gemeinden gab es in Rom,
in Ägypten (Kopten), im Zweistromland und bis nach Indien. Schließlich ist judenchristliche Tradition
auch in den Islam eingeflossen. Und es ist bis heute bedeutender als es in den europäischen Kirchen
wahrgenommen wird.
XV
„Den Verleumdern sei keine Hoffnung, und alle Ruchlosen mögen im Augenblick verloren sein, alle
Feinde deines Volkes mögen rasch ausgerissen werden, und die Trotzigen schnell entwurzle, zerschmettre und demütige. Gelobt seist du, Ewiger, der du die Feinde zerbrichst und Trotzige demütigst.“
– Zitat nach: Sidur Sefat Emet, Victor Goldschmidt Verlag Basel 1964, S. 43
XVI
Nach der Zerstörung des Tempels entsteht das rabbinische Synagogenjudentum. Um 130 n. Chr.
stellen jüdische Gelehrte maßgeblich fest, welche der überlieferten hebräischen Schriften künftig zum
jüdischen Tenach gehören sollen (Das Lehrhaus von Jabne/Jamnia um 130). Maßgeblich für das rabbinische Synagogen-Judentum ist jetzt die hebräische Bibel. Die einst in der Seleukidenzeit in Alexandria
156
entstandene griechische Übersetzung (Septuaginta) der atl. Bibel ist seitdem für Juden strikt verboten.
Des Weiteren wurde eine Selbstverfluchung für alle abtrünnigen Juden in das 18-Bitten-Gebet (Schemone Esre) eingeführt. Durch diesen „Ketzersegen“ war es den Judenchristen, aber auch anderen Häretikern, praktisch unmöglich, sich weiterhin innerhalb der Synagogengemeinden zu organisieren.
XVII
Als frühe Dokumente des kirchlichen Antijudaismus gelten der Barnabasbrief (um 100), der
Diognet-Brief (nach 120) und der Dialog mit dem Juden Tryphon (155-160). Sie enthalten erstmals jene
Thesen, die später offizielle Kirchenlehren wurden:
• Gott habe sein zuerst erwähltes Volk verworfen und seine biblischen Verheißungen auf die
Kirche übertragen; diese sei nun das „wahre Israel“.
• Die Bibel gehöre der Kirche und beweise die Wahrheit ihrer Botschaft wie auch den Irrtum des
Judentums.
• Die jüdische Thora sei durch Gottes „neuen Bund“ überholt und nur noch in allegorischer Deutung gültig.
• Die Juden seien Gott immer ungehorsam gewesen, sodass alle Schelt- und Fluchreden der
Bibel für sie gälten, während alle Verheißungen und Segenszusagen den Christen gälten. – Nach
Nicholas R.M. de Lange: Antisemitismus IV: Alte Kirche. In: Theologische Realenzyklopädie
Band 3, S. 129f.
Quellenangabe: http//books. google.de/books?id=fnkFgVwsltwC& pg=PA129.
XVIII
Anno 388 n.Chr. verbrannte eine vom dortigen Bischof aufgehetzte Gruppe Christen die Synagoge
von Callinicum in Kleinasien. Dies war offensichtlich eine Reaktion auf die Christenverfolgungen im
Sassanidenreich, an der zum Teil auch Juden beteiligt gewesen waren. In Mailand verhinderte Bischof
Ambrosius den Wiederaufbau der dortigen Synagoge, indem er dem Kaiser Theodosius die Sakramente
verweigerte. Es sei nicht recht, das Geld von Christen für den Bau von Tempeln für Ungläubige zu
verwenden und die Juden derart zu „begünstigen.“ Das Bischofswort hatte so viel Gewicht, dass der
Kaiser darauf sein Vorhaben zurückzog. Derlei Vorkommnisse wären noch etliche zu berichten.
XIX
Da Juden in die handwerklichen Zünfte nicht aufgenommen wurden, mussten sie sich auf weniger
angesehene, geächtete Berufstätigkeiten verlegen. Sie zogen etwa als Trödelhändler, Hausierer durch
das Land. Sie verlegten sich auf das Geldwesen, auf Pfandleihe oder Kreditvergabe, das im Mittelalter
für Christen nicht erlaubt war. Aber man ging schon mal „beim Juden leihen“, wenn die eigenen Mittel
nicht ausreichten. So sind einzelne wohlhabende Juden als Finanziers und Kreditgeber für kaiserliche
Unternehmungen auch gesellschaftlich aufgestiegen. – Man wurde benötigt und benutzt.
XX
Die Skulpturen von Synagoge und Ecclesia im Bamberger Dom zeigen ebenfalls das mittelalterliche Verhältnis von Christentum und Judentum. Während die Synagoge mit verbundenen Augen, entgleitenden Gesetzestafeln und gebrochenem Stab dargestellt ist, zeigt sich die Ecclesia erhaben. Sie trägt
ein Kreuz und ursprünglich auch einen Kelch. Einen weiteren Bezug zum Judentum zeigt die Darstellung der Apostel, die auf den Schultern der alttestamentlichen Propheten stehen, und der so genannte
„Augenausstecher“, der von oben herab einen Juden blendet.
XXI
So berichtet der jüdische Chronist Salomo bar Simeon über den Herzog Gottfried von Bouillon: „Er
tat den bösen Schwur, nicht anders seinen Weg zu ziehen, als indem er das Blut seines Erlösers an dem
Blute Israels rächen und von jedem, der den Namen Jude trägt, weder Rest noch Flüchtling übrig lassen
werde…“
XXII
Betroffen waren 1096 in Ostfrankreich u. a. Metz und Rouen, im Rheinland Speyer (3. Mai),
Worms (5.-18. Mai), Mainz (27. Mai), Trier, Köln (1. - 29. Juni), Neuss und Wevelinghoven (24.-25.
Juni), Altenahr (25.- 26. Juni), Xanten (27. Juni), Moers (29. Juni), Prag in Böhmen. Erst in Ungarn
trafen die Kreuzfahrer auf Widerstand und wurden an der Grenze von einem katholischen Heer vernichtend geschlagen. Die übrigen Heere erreichten zuletzt das „Heilige Land“, wo sie in Jerusalem eins der
grausamsten Massaker jenes Jahres anrichteten. Sie gingen in die jüdischen Annalen als Gezerot Tatnu
ein. Noch heute wird in der jüdischen Liturgie der Opfer gedacht.
XXIII
Einige Kirchenführer versuchten das Morden aufzuhalten. Der Kölner Erzbischof verteilte
Kölns Juden auf umliegende Dörfer und Städte, wo sie noch drei Wochen überlebten, bis man sie aufgespürt hatte. Dabei halfen oft ortsansässige Denunzianten. Nur eine Gruppe in Kerpen entging dem
157
Tod. In vielen Fällen beging die versammelte Judengemeinde kollektiven Selbstmord, sobald ihr Versteck gefunden war. (Alfred Haverkamp: Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge (= Konstanzer
Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte. Vorträge und Forschungen. Bd. 47). Jan Thorbecke, Stuttgart 1999, ISBN 3-7995-6647-3, S. 291.)
XXIV
Deshalb stellte Heinrich IV. im Reichslandfrieden von 1103 die Juden unter seinen Schutz. Doch
ein solches Dekret war nur begrenzt wirksam. Es verbot den Schutzbedürftigen das Tragen von Waffen.
Menschen ohne Waffenrecht waren jedoch im mittelalterlichen Europa praktisch vogelfrei.
von 1140 befassten sich nur wenige
Die folgenden Päpste hielten sich nun zurück: Im
mit den Juden. Als der Mönch Rudolph im Rheinland 1146 im Vorfeld des Zweiten Kreuzzugs
zu ihrem Schutz. Diese
erneut zu Judenpogromen hetzte, erließ Papst Eugen III. die Bulle
verbot Zwangstaufen, Übergriffe ohne Rechtsverfahren und erpresste Dienstleistungen, erlaubte ungestörte jüdische Feste, gebot den Schutz jüdischer Friedhöfe und drohte denen, die diese Regeln verletzten, die Exkommunikation an.
XXV
Auch Peter von Amiens erpresste von ihnen Geld und Wegzehrung für sein Heer. Das Gefolge von
Emicho von Leiningen ließ sich nicht von Raub, Plünderung und Massenmord abhalten, da dies für
einfache Bauern weit mehr Aussicht auf Reichtum bot. Verschuldete Adlige ergriffen die Gelegenheit,
ihre verhassten Gläubiger und jüdischen Geldverleiher zu beseitigen.
XXVI
Das Konzil verpflichtete alle Juden und „Sarazenen“ (Muslime) zu einer Kleiderordnung, um
„Mischehen“ auszuschließen. Es beschloss außerdem ein Ämter- und Missionsverbot für Juden und wies
ihnen das Wohnen in gesonderten Stadtvierteln zu. Christen durften nicht für sie arbeiten und nicht mit
ihnen essen. Für ihre „Wucherzinsen“ mussten Juden den Kirchen den Zehnten abgeben; andernfalls
würden sie vom Handel mit Christen ausgeschlossen. Getauften Juden wurde die Beachtung jüdischer
Riten vollständig verboten.
XXVII
Auf dem IV. Laterankonzil (1215) dogmatisierte Innozenz III. die Transsubstantiation, die
Lehre von der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Jetzt tauchte vermehrt der Vorwurf des jüdischen Hostienfrevels auf. Gerüchte über „Bluthostien“ sollten ungläubige Frevler widerlegen. Als dies misslang, wurde Juden Hostienraub und Marter des Leibes Christi, also die Fortsetzung des Gottesmords an der konsekrierten Hostie, unterstellt. Analog zur heidnischen Magie würden
Juden Hostien foltern, die sie angeblich mit Messern und Nägeln „kreuzigen“. 1290 wurden Pariser
Juden deshalb zum Tod verurteilt. In Deutschland zog der fränkische Adelige Rintfleisch 1298 durch
die Lande, um einen angeblichen Hostienfrevel in Röttingen anzuklagen. Dies führte zur Vernichtung
von 140 jüdischen Gemeinden in Franken, Bayern und Österreich. Auch in Deggendorf wurde eine
jüdische Gemeinde deswegen 1338 vollkommen ausgelöscht. Im Osten kam es 1492 in Sternberg und
1510 in Berlin zu spektakulären Hostienschänderprozessen. Im Sternberger Hostienschänderprozess
wurden 27 Juden zum Feuertod verurteilt und starben vor den Toren der Stadt auf dem Scheiterhaufen.
Alle in Mecklenburg ansässigen Juden mussten das Land verlassen. Nach dem Berliner Hostienschänderprozess starben 39 Juden auf dem Scheiterhaufen, zwei weitere – diese waren durch Taufe zum
Christentum übergetreten – wurden enthauptet. Alle übrigen Juden wurden aus der Mark Brandenburg
ausgewiesen. – Ritualmordlegenden behaupteten, dass Juden christliche Kinder schlachten, deren
Blut in ihr Passahbrot (Mazzen) einbacken und damit Unheil auf die Christen herab beschwören. Ähnlich hatten Römer früher die Abendmahlsfeier der Christen als kannibalischen Akt denunziert. Der Vorwurf der Gotteslästerung löste im 13. Jahrhundert einen groß angelegten Feldzug gegen die rabbinische Literatur aus. Der getaufte Jude Nikolaus Donin begann ihn, indem er den Talmud wegen angeblich
darin enthaltener ͈Gotteslästerungen“1239 bei Papst Gregor IX. anzeigte. Dieser verlangte daraufhin
von den Königen Englands, Frankreichs, Kastiliens und Portugals, alle Talmudexemplare einzuziehen
und alle Kleriker, die hebräische Bücher behielten, zu exkommunizieren. Wenn auch die Könige – außer
in Frankreich – dem nicht nachkamen, so folgten doch alsbald zahlreiche Bücherverbrennungen. – Im
Jahr der großen Pestepidemie tauchte erstmals der Vorwurf der Brunnenver gift ung durch Juden auf
und führte zur Vernichtung zahlreicher Judengemeinden, vor allem – wie schon 1096 – im Rheinland.
Es mangelte in mittelalterlichen Städten allgemein an sauberem Wasser. Wegen fehlender Abwasserkanäle war die Hygiene der Bevölkerung schlecht. Die Pest betraf Juden ebenso. Doch die kirchliche Propaganda hatte das Vorurteil des hei mtückischen, zu allen Verbrechen fähigen J uden längst
tief im Aberglauben der mittelalterlichen Bevölkerung verankert und bestärkte es laufend. Die Pogrome
des Jahres 1349 waren daher sehr oft eine ͈Prävention“, bevor die Pest einen Ort erreichte. Der Papst
Martin V. wies die Behauptung der jüdischen Brunnenvergiftung ebenso wie den behaupteten Ritualmord zurück: ͈Auch haben wir erfahren, dass man die Juden der Missetat anklagt, sie hätten die Brunnen
158
vergiftet und mischten in ihr Osterbrot Menschenblut. Da dieses aber den Juden mit Unrecht vorgeworfen wird, so verbieten wir allen Christen und vorgenannten geistlichen und weltlichen Predigern, dass
sie die Christen gegen die Juden in Bewegung setzen.“ – Natürlich war dies auch ein Eingeständnis
dessen, von wem die Beschuldigungen gegen die Juden ausgegangen waren. –
Zu diesen religiösen Anklagen gesellte sich im Lauf des Hochmittelalters das ökonomische Klischee
des „Wucherj uden“. Juden war der Geldhandel zugewiesen worden, da Christen das Zins- und Wechselgeschäft – damals als „Wucher“bezeichnet – verboten war. Dieses galt ihnen als ehrlos, betrügerisch
und anmaßend. Um 1330 griffen Hungerkatastrophen und Seuchen um sich, die die Gegensätze zwischen Arm und Reich und Stadt und Land verschärften. Immer mehr verarmte Bauern mussten Kredite
bei städtischen Juden aufnehmen. Unzufriedene verschuldete Bauern rotteten sich nun als „Judenschläger“zusammen, um an Ghettojuden wahllos Rache zu üben. So kam es 1336-38 erneut zu einer Pogromwelle in Franken, Schwaben, Österreich, der Steiermark, dem Elsass und Rheingau.
XXVIII
Die Beschlüsse des IV. Laterankonzils wurden nicht immer und überall und auch nicht einheitlich umgesetzt. Aber seit dem 15. Jahrhundert mussten Juden neben dem Spitzhut einen gelben
Ring oder Kreis auf dem Mantel tragen. Erst seit dem „Judendekret“ des Konzils von Basel (1434)
entstanden in den meisten deutschen Städten jüdische Stadtviertel. Diese als Ghettos oder Judengassen
bezeichneten Stadtviertel waren von Mauern umgeben und wurden nachts durch Tore verschlossen.
Dadurch wurden die Juden bei Pogromen zu einem leicht greifbaren Ziel.
XXIX
Zum Beispiel Nikolaus von Kues (
1453). Der humanistisch gebildete Theologe
J ohannes Reuchlin hatte die hebräische Sprache gelernt, um die jüdische Kabbala zu studieren. Er
übernahm die Ansicht des italienischen Humanisten Giovanni Pico della Mirandola, die spekulativmystische Deutung des Gottesnamens sei für Christen ein Weg, ihres Glaubens gewiss zu werden (
, um 1507). Reuchlin urteilte als einziger einer Gutachterkommission im Oktober 1510
positiv über den Talmud und andere jüdische Schriften und trat gegen eine beabsichtigte Bücherverbrennung ein. Dabei billigte er den Juden die Rechte römischer Reichsbürger zu: Obwohl sie wegen
ihres Gottesmords zu Recht zu Sklaven erklärt worden seien, blieben sie wie die Christen Untertanen
des Kaisers und damit Teil der
. Spanische Judenmissionare hätten den Talmud erfolgreich benutzt, um Juden zu Christus zu führen. Christus selbst habe mit seinen Gegnern diskutiert.
Auch Polemik gegen Christen könne man Juden nicht verdenken, da sie nur für ihren Glauben einträten.
XXX
Anno 1521 hielt er fest, dass der gebürtige Jude Jesus Israels Erwählung zum Volk Gottes bestätigt
habe und die Abrahamverheißung (1.Mose 12,1-3) auch für Christen gültig sei und bleibe. Gleichwohl
hielt er die meisten Juden aufgrund biblischer Weissagungen für unbekehrbar („verstockt“). In „Dass
Christus ein geborener Jude sei“ (1523) verwarf er Ritualmord- und Hostienfrevel-Legenden als erfundenen Aberglauben, machte kirchliche Gewalt gegen Juden für die erfolglose Judenmission verantwortlich, warb dafür, Juden als Menschen zu behandeln und ihnen Arbeiten in Landwirtschaft und Handwerk zu erlauben, um ihre Isolation aufzuheben. Er erwartete, einige oder viele Juden nach erfolgreicher
Reformation vom evangelischen Glauben zu überzeugen.
XXXI
Nachdem Luther von einigen Missionserfolgen von Juden gehört hatte, verweigerte er 1537 eine
Begegnung mit Josel von Rosheim, dem anerkannten Rechtsanwalt der Juden des Reichs, und begründete dies mit einem angeblichen Missbrauch seiner freundlichen Einladung von 1523. Er unterstellte
allen Juden heimliche Mord- und Raubabsichten gegen die Christen. In Wider die Sabbather (1538)
führte er die christliche Sekte der Sabbather, die keine Kontakte mit Juden hatte, auf deren Einflüsse
zurück und warb dafür, sie aus Mähren zu vertreiben. In Vom Schem Hamphoras (1543) verhöhnte er
den Talmud und die Bibelexegese der Rabbiner mit Rückgriff auf die Wittenberger Judensau. In Von
-Autoren einen Lasterkatalog
den Juden und ihren Lügen (1543) stellte er wie frühere
zusammen: Die Juden seien „1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen“; sie seien
„rechte Teufel“, die er am liebsten eigenhändig umbrächte. Private Gewalt gegen Juden lehnte er jedoch
ab. Er behauptete, sie beuteten die Christen schamlos aus, hielten sie im eigenen Land gefangen „durch
ihren verfluchten Wucher“, verhöhnten sie obendrein und seien „unsere Herren, wir ihre Knechte“. Josel
von Rosheim kam zu dem Schluss, dass sein Anliegen, mehr Rechte und Schutz für Juden im deutschsprachigen Raum zu erwirken, bei Kaiser Karl V. besser aufgehoben und Luther ein noch schlimmerer
Judenfeind sei.
XXXII
Deshalb forderte er von den evangelischen Fürsten: Sie sollten Synagogen und Judenschulen
verbrennen, ihre Häuser zerstören, sie wie Zigeuner in Ställen wohnen lassen, ihnen Gebetsbücher
159
und Talmudschriften wegnehmen, ihren Rabbinern das Lehren verbieten, ihr freies Geleit und Wegerecht aufheben, den Wucher (das Geldgeschäft) verbieten, ihnen Bargeld und Schmuck wegnehmen und
ihre jungen Männer zu körperlicher Arbeit zwingen. Falls die Fürsten diese Maßnahmen ablehnten, dann
sollten sie wenigstens die jüdische Religionsausübung verhindern; andernfalls sollten sie die Juden aus
ihren Gebieten vertreiben.
XXXIII
Nach der Erfahrung der Kreuzzüge erhielten die Juden 1236 von Friedrich II. den Rechtsstatus
von kaiserlichen Kammerknechten. Dadurch gerieten sie in direkte Abhängigkeit vom Kaiser. Dieser
ließ sich ihren Schutz mit einer „Judensteuer“bezahlen. Dieses „Judenregal“ wurde nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen Zentralgewalt im Interregnum von vielen deutschen Territorialfürsten beansprucht. Die Goldene Bulle von 1356 bestätigte den Kurfürsten das Recht dazu. Oft war die Schutzsteuer
so hoch, dass sie die jüdischen Geldverleiher zwang, hohe Zinsen zu verlangen. Das erzeugte neue Vorurteile und verstärkte den Hass auf die „Wucherer“in der christlichen Bevölkerung, die selber damals
dem Zinsverbot unterlag.
XXXIV
Andreas Osiander schrieb 1529 ein Gutachten zu einem Mordfall, das er 1540 anonym veröffentlichte, bald aber als Autor von Johannes Eck entdeckt wurde: „Ob es wahr und glaublich sey, dass
die Juden der Christen kindt heymlich erwürgen und ihr Blut gebrauchen.“ Darin engagierte er sich
differenziert gegen die antijudaistischen Ritualmordlegenden und fasste zusammen: „Wer aber will so
teuflische Hirngespinste glauben, die gegen Gottes Wort, die Natur und alle Vernunft sind?“ Philipp
Melanchthon und der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger kritisierten Luthers Schem
Hamphoras (1544) öffentlich: Sie sei „von einem Schweinehirten, nicht von einem berühmten Seelenhirten geschrieben.“ Luthers Schmähschriften fanden also auch bei seinen Anhängern nicht immer Anklang. So verteidigte Melanchthon auf dem Ständetag in Frankfurt am Main 1539 posthum die Unschuld
von 38 Juden, die 1510 wegen angeblichen Hostiendiebstahls verbrannt worden waren.
XXXV
Adolf Stoecker, u.a Domprediger und Gründer der Berliner Stadtmission, trat auf dem Hintergrund
protestantischer Traditionen sowohl antikapitalistisch als auch antiliberal und antisozialistisch auf, beides verknüpft durch einen scharfen Antisemitismus, der sich gegen den „verjudeten“ Großkapitalismus
wie gegen die „verjudete“ Linke richtete. Fernziel Stoeckers war so etwas wie ein christlich-deutscher
Gottesstaat als Ständestaat. Stoecker repräsentierte aber nur eine politische Splittergruppe.
XXXVI
Als noch mildes Beispiel sei Paul Althaus zitiert: „Sie (die Kirche) weiß sich selbst in der gegenwärtigen Lage zu neuer Bestimmung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu
gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet. Für
die Stellung der Kirche im Volksleben und für die Erfüllung ihrer Aufgabe würde in der jetzigen Lage die
Besetzung ihrer Ämter mit Judenstämmigen im Allgemeinen eine schwere Belastung und Hemmung bedeuten. Die Kirche muss daher die Zurückhaltung ihrer Judenchristen von den Ämtern fordern.“ Aus:
Erlanger Gutachten zum Arierparagraphen. – Von der frühchristlichen Gemeinde aus Juden und Heiden
ist hier nichts mehr übrig geblieben. – Darüber hinaus aber wird die Ausgrenzung von Juden nun in den
Dienst christlicher Eschatologie gestellt: „Und schließlich darf man an die Judenfrage erinnern. Wie immer
wir Deutsche sie lösen – an einem wird nichts zu ändern sein: dass die Juden in unserem Lande wie unter
den anderen Völkern der Welt sitzen bleiben. Mir scheint, dass dieses Schicksal jenseits aller schweren
Aufgaben und Nöte, die es mit sich bringt, einen klaren Sinn von Gott her hat: dass die Juden überall, wohl
besonders empfindlich bei uns, die völkische Geschlossenheit sprengen, soll hinweisen auf die Grenze und
Relativität völkischer Sonderung und Geschlossenheit und das Auge vorwärts richten auf das kommende
Reich Gottes.“ – in: Die deutsche Stunde der Kirche (S. 48)
XXXVII
Schon zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers Ende Januar 1933 wandte sich Bonhoeffer
öffentlich gegen den neuen Führerkult: „Hier, wo Jude und Deutscher zusammen unter Gottes Wort
stehen, ist Kirche, hier bewährt es sich, ob Kirche noch Kirche ist oder nicht“. – Nach dem 7. April 1933
wandte sich Bonhoeffer gegen den neuen Arierparagraph der Nationalsozialisten und schloss seinen
Aufruf mit: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ in: E. u. R. Bethge / Chr.
Gremmels (Hg.), Dietrich Bonhoeffer. Bilder aus seinem Leben, Gütersloh 1989, S.171.
XXXVIII
Es ist eine Tatsache, dass die katholische Bevölkerung z.B. in Bayern, aber auch im Rheinland,
weit weniger für die NS-Propaganda anfällig war. Bischöfe wie Graf von Gahlen (Münster) oder Kardinal Faulhaber (München) haben in ihrem Handeln und Predigen offen gegen den NS opponiert und
den Widerstand katholischer Christen ermutigt. Entsprechendes gab es nur in der evangelischen „Bekennenden Kirche“, die jedoch entsprechend verfolgt wurde.
160
XXXIX
Auch hier gab es Unterschiede: Während etwa aus dem fränkischen Neuendettelsau Tausende
von Pfleglingen in den berüchtigten Bussen mit den verhangenen Fenstern abtransportiert wurden, sind
aus den entsprechenden Anstalten in Bethel keine der Pflegebefohlenen ausgeliefert worden. Dafür
stand der, auch für die NS unantastbare Name des Anstaltsleiters, Pastor Friedrich von Bodelschwingh.
XL
Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Entstehung des säkularen Staates infolge der Neuordnung
Europas in napoleonischer Zeit. Das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ hatte aufgehört zu
existieren und den Bürgern der neu entstehenden Nationalstaaten wurden keinerlei religiöse Pflichten
auferlegt, sondern vielmehr religiöse Rechte eingeräumt. – Freilich hat das den inzwischen in den Bevölkerungen verankerten und aus den Jahrhunderten zuvor entstandenen Antisemitismus kaum gemildert.
XLI
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis der EKiD vom 18./19. Oktober 1945 spricht zwar von „unendlichem Leid, (das durch uns) über viele Völker und Länder gebracht worden ist“..., erwähnt aber mit
keinem Wort die Shoa der Juden. Anders als das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945
benannte das Darmstädter Wort konkrete „Irrwege“ der Christen, die aus Sicht der Autoren lange vor
1933 die nötigen, auch sozialrevolutionären Gesellschaftsveränderungen blockiert und so dem Nationalsozialismus den Weg zur Macht geebnet hatten. Doch ist auch hier mit keinem Wort von der Schuld
an den Juden die Rede. Vielleicht war es damals angesichts der unmittelbaren Nöte jener Zeit noch nicht
möglich, den Blick weiter zu fassen.
Kapitel 7
„Ich bin nicht von hier, – Ich bin von anderswo her !
Das Wissen der Religionen von transzendentaler Wirklichkeit
I
Die in den Grabstätten vieler früher Kulturen vorzufindenden Grabbeigaben, die in den ägyptischen
Pyramiden ihre gewaltigste Ausbildung gefunden haben, zeugen davon, dass sich die Menschen lange
Zeit den Tod überhaupt nicht vorstellen konnten. Er erscheint entweder als Zwischenzeit bis zur Wiedergeburt oder als eine Durchgangspassage in eine andere Welt, in der sich das Leben in anderer Form
fortsetzt.
II
„Die ersten Zeugnisse von Religiosität und Mythenbildung beim Menschen führen zurück bis in die
Altsteinzeit, also in die Zeit vor 130000 bis 120000 Jahren v. Chr. Die mit Phantasie und Intelligenz
ausgestatteten Menschen der Altsteinzeit entwickelten mit hoher Wahrscheinlichkeit schon früh eine
religiöse Gedankenwelt, deren Inhalte uns jedoch verborgen bleiben. Für eine Religion des Homo erectus und des Homo präsapiens gibt es bislang keine eindeutigen Beweise, doch schon beim Neandertaler
mehren sich die Anzeichen hierfür. Spätestens aus der Mittleren Altsteinzeit datieren Funde, die so etwas wie ein religiöses Weltbild des Menschen erahnen lassen, obwohl der religiöse Charakter dieser
Funde noch von manchen Wissenschaftlern stark angezweifelt wird. – Von frühester Zeit an waren Fortpflanzung und Fruchtbarkeit zentrale Themen des menschlichen Lebens. Ein weiterer Aspekt von
Fruchtbarkeitskulten zeigt sich in den Mythen, in denen eine Gottheit stirbt, nach dem Tod aber in periodischen Abständen wieder auf der Erde erscheint. Hier wird das Aufwachsen, Leben und Sterben der
Pflanzen mit dem Leben und Sterben des Menschen in Verbindung gebracht und gleichzeitig der Hoffnung auf Wiedergeburt Ausdruck verliehen. Somit wird ein zyklischer Zeitbegriff – Geburt, Leben, Tod,
Wiedergeburt – geprägt, in dem übergeordnete kosmische Vorgänge (z. B. der Jahreslauf) mit dem
menschlichen Leben in Verbindung gebracht werden. Der Brauch, die Toten zu bestatten und ihnen
Grabbeigaben in Form von Werkzeugen und Nahrungsmitteln mitzugeben macht deutlich, dass der Tod
noch nicht als etwas Endgültiges aufgefasst wurde. – Die Beobachtung kosmischer Phänomene scheint
ein wichtiger Bestandteil des Weltbildes der Megalithkulturen gewesen zu sein. Im Megalithgrab von
New Grange in Irland scheint am Tag der Wintersonnenwende die Sonne kurz nach Sonnenaufgang
durch eine exakt berechnete Öffnung direkt in die Grabkammer. Auf diese Weise symbolisierte der
Beginn eines neuen Jahreskreislaufs die Wiedergeburt der Verstorbenen.“ © 2000-2013 wissenmedia in
der inmedia-ONE GmbH, Gütersloh/München.
III
Der Apostel Paulus ist deshalb der Meinung, dass auch den Heiden Gottes Wille bekannt sei, obwohl
sie das Gesetz Israels nicht haben. Es ist ihnen aber „in ihr Herz geschrieben was das Gesetz fordert,
zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen.“ (Röm 2,14f)
161
IV
Dennoch hielt Newton sein Leben lang am Gottesglauben fest. Im Gegenteil: Wir kennen heute sein
umfangreiches Werk an theologischen Schriften. „Seine theologischen Vorstellungen haben sich aber
im Fortschreiten seiner naturwissenschaftlichen Studien verändert. In seinem Hauptwerk
führte er aus: „…er [Gott] währt stets fort und ist überall gegenwärtig, er existiert stets und überall, er
macht den Raum und die Dauer aus.“ Und in seinem Werk Opticks spricht er noch deutlicher von seinem
unitarischen Gott: „ … der, da an allen Orten ist, mit seinem Willen die Körper besser bewegen kann …
in seinem grenzenlosen, gleichförmigen Sensorium und dadurch die Teile des Universums zu gestalten
und umzugestalten vermag, wie wir durch unseren Willen die Teile unseres Körpers zu bewegen vermögen. Das Sensorium Gottes, durch das er zu allen Zeiten und an allen Orten zugleich anwesend ist:
Die absolute Zeit, die unbeeinflussbar und gleichmäßig fortschreite, und der absolute Raum, der unveränderlich feststehe, seien für den Menschen nicht sinnlich wahrnehmbar, da sie direkte Prädikate Gottes
darstellten. Dadurch aber seien erst die relativen Maße der Zeit und des Raumes möglich, mit denen sich
der Mensch zur Beschreibung seiner Welt zufriedengeben müsse.“ Er bestritt das Dogma von der Trinität und vertrat eine arianische Variante der Christologie. Aber er versuchte bis an sein Lebensende durch
alle Krisen seines Lebens und Forschens hindurch Glaube und Vernunft beieinander zu behalten. Nach
Wikipedia > Isaac Newton.
V
Religion: Eigentlich von lat.
, „wiederauflesen/-sammeln/-wickeln, bedenken, achtgeben, beachten“, und in diesem Sinn wurde es im Latein der Römischen Republik auch benutzt. So wurde mit
religio die getreue Beachtung kultischer Regeln und Überlieferungen bezeichnet – in Abgrenzung zu
als individueller beziehungsweise nicht auf die überlieferten Kultregeln festgelegter, ekstatischer
Spiritualität. Erst etwa 350 Jahre später bezog der christliche Kirchenvater Lactantius
auf das latei„anbinden, zurückbinden, festhalten, an etwas festmachen“. Religion wäre nach dienische Verb
ser Darstellung die Rückbindung an einen von Gläubigen an- beziehungsweise wahrgenommenen göttlichen Urgrund. Jedoch griff auch die mittelalterliche Entlehnung ins Deutsche (Religion), unter anderem
angelehnte Bedeutung samt der Abgrenzung zu superstitio beziein Rückgriff auf Cicero, die an
hungsweise sogenanntem Aberglaube wieder auf. (> Wiktionary)
VI
Selbst die römisch-katholische Messliturgie unserer Gegenwart als dem „Messopfer“ trägt noch diese
Spuren. Diese Opfervorstellungen finden sich nicht in den Mahlfeiern der frühen Jesusgemeinden,
durchaus aber im Kontext der Kulte der hellenistischen Mysterienriten, in dem die heidenchristlichen
Gemeinden der Asia ihr Abendmahlsverständnis ableiten.
VII
Matthias Heine schreibt am 07.10.2009 in DIE WELT: „Die ganze Geschichte lässt sich als ewiger
zyklischer Kampf zwischen Priestern und Laien erklären. ... Mit Priestern sind jene „Eliten“ gemeint,
die aufgrund einer langen Zucht – in jeder der vielen Bedeutungen des Wortes – einen exklusiven Zugang zu den Quellen politischer und kultureller Macht beanspruchen. Man kann sie heute auch Mandarine, Bürokraten, Bonzen oder einfach Experten nennen. Aber im größten Teil der Menschheitsgeschichte waren sie Priester – Spezialisten für das Übernatürliche, von dem sich bis ins 19. Jahrhundert
alle Macht ableitete. Gegen sie haben sich immer wieder Laien erhoben, die darauf beharrten, dass alle
die Riten, die Ausbildung, die Auslese und die Askese, denen sich die Priester lange Jahre unterworfen
haben, nicht notwendig seien, sondern dass jeder Mensch schon von Natur aus das Recht und die Fähigkeit habe, selbst und ohne Bevormundung die Wahrheit zu erkennen. In den religiösen Zeitaltern verlief
die Kampflinie beispielsweise zwischen Pharisäern und jüdischen Wanderpredigern, die wie Jesus die
Autorität der Schriftkundigen in Frage stellten. Später trennte sie Mystiker, Ketzer und Protestanten, die
den direkten Weg zu Gott suchten, von der Amtskirche. ... Wachsendes Misstrauen gegenüber Priestern
und Experten ist oft das Zeichen einer vorrevolutionären Situation. In der Vergangenheit sind alle großen Revolten Aufstände von Laien gegen die Priesterkaste gewesen – auch wenn deren Priesterlichkeit
nicht mehr immer so klar erkennbar war.“ ... DIE WELT. am 07.10.2009, © Axel Springer AG 2013.
VIII
In erster Linie gehört dazu das Passahfest (Passah), das mit dem Schächten des Passahlammes
(christlich „Osterlamm“) beginnt und der Zubereitung und Verzehr der ungesäuerten Brotfladen. Leonhard Rost, (Josias Passah. in: Studien zum Alten Testament. Kohlhammer, Stuttgart u.a. 1974, S. 87-93/
Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament 101 = Folge 6, H. 1). erklärt die Tierschlachtung zum Bestreichen der Türen (2.Mose 12,21-23) als nomadischen Schutzritus, um Wüstendämonen
aus der Behausung fernzuhalten. In der biblischen Erzählung ist er das Verschonzeichen für den „Würgeengel“, der so die Israeliten aussparen soll. Die ungesäuerten Brote werden auf ein bäuerliches Fest
der Wintergetreideernte zurückgeführt, bei dem altes, zur Säuerung verwendetes Saatgut von neuem
Getreide getrennt und bis zur Säuerung des ersten neuen Mehls nur ungesäuertes Brot gegessen wurde.
Jetzt soll es an den überstürzten Aufbruch aus Ägypten erinnern, der so schnell erfolgen musste, dass
162
der „Sauerteig“ des in Eile gebackenen Brotes nicht aufgehen konnte. Beide Bräuche wurden vermutlich
erst nach der Staatsgründung und dem Bau des ersten Tempels miteinander verbunden und erhielten
dabei die neue Bedeutung: Ebenfalls mit der Auszugstradition verknüpft wurde das „Laubhüttenfest“
(Sukkot), das ursprünglich auf ein bäuerliche Fest, wahrscheinlich kanaanäischen Ursprungs, zurückgeht und einen historisch-landwirtschaftlichen Doppelcharakter hat. Im 2. Buch Mose wird es als „Fest
des Einsammelns“ (hebräisch Chag ha’Assif) bezeichnet und erst im 5. Buch Mose als „Laubhüttenfest“
(Chag ha’Sukkot) mit siebentägiger Dauer: „Wenn nicht nur die Getreide-, sondern auch die Weinernte
eingebracht ist, sollt ihr sieben Tage lang das Laubhüttenfest feiern. Begeht es als Freudenfest mit euren
Söhnen und Töchtern, euren Sklaven und Sklavinnen und mit den Leviten in eurer Stadt, den Fremden,
die bei euch leben, den Waisen und Witwen.“ Mit den Laubhütten dürften hier die Schatten spendenden
Unterstände auf den Feldern gemeint sein. Erst nach dem Babylonischen Exil wird Sukkot zu einem
historischen Fest, das mit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten begründet wird und
das Wohnen in Laubhütten während der Festzeit vorschreibt.
IX
Erst die spätjüdische Apokalyptik hat das Bild des kommenden Erlöser-Königs (Messias) gegenwartskritisch in die verheißene Zukunft verlegt und damit schließlich auch gesellschaftskritisch gewirkt.
X
„... denn alle Sprache, soweit sie aus Worten besteht, will vornehmlich Begriffe überliefern. ... Aber
wenn die rationalen Prädikate auch gewöhnlich im Vordergrund stehen, so erschöpfen sie die Idee der
Gottheit so wenig, dass sie geradezu nur von und an einem Irrationalen gelten und sind. Sie sind durchaus auch wesentliche Prädikate, aber sie sind synthetische wesentliche Prädikate, und sie werden
selber nur recht verstanden, wenn sie so verstanden werden; das heißt, wenn sie einem Gegenstande als
ihrem Träger beigelegt werden, der selber in ihnen noch nicht mit erkannt ist, auch nicht in ihnen erkannt
werden kann, sondern der auf eine andere eigene Weise erkannt werden muss. Denn irgendwie unfassbar
muss er sein: wäre er das nicht, so wäre ja von ihm überhaupt nichts anzugeben. ... Die oft gehörte
Behauptung, dass die Orthodoxie selber die Mutter des Rationalismus gewesen sei, ist in der Tat zum
Teil richtig. Aber auch dies nicht einfach dadurch, dass sie auf Lehre und Lehrbildung überhaupt ausging. Das haben die rabiatesten Mystiker auch getan. Sondern dadurch, dass sie in ihrer Lehrbildung
kein Mittel fanden, dem Irrationalen ihres Gegenstandes auf irgend eine Weise gerecht zu werden und
dieses selber im frommen Erleben lebendig zu halten, dass sie vielmehr in offensichtlicher eigener Verkennung desselben die Gottesidee einseitig rationalisierte.“ Rudolf Otto, Das Heilige, Vlg. C. H.
Beck, München 1917, jetzt in Beck’sche Reihe Bd. 328, Nachdruck 1987, Seite 2f.
XI
In diesem Sinne sind auch die Berufungsvisionen der biblischen Propheten zu verstehen: Jesaja,
dessen Lippen bei seiner Berufung von einem Engelwesen mit glühenden Kohlen gereinigt werden. (Jes.
6,1ff), desgleichen die Berichte in anderen Berufungsgeschichten wo von Visionen und Auditionen oder
beidem zugleich erzählt wird.
XII
Die Erfahrung des Heiligen, dieses Angerührt- und Betroffensein ist etwas Ursprüngliches, das zum
Menschsein gehört, und selbst in den säkularisierten Gesellschaften der Moderne wieder gesucht wird.
Weil die Menschen den Angeboten religiöser Institutionen inzwischen misstrauen (Die Frage: Wie soll
ich beeinflusst werden?) und stattdessen für sich die „Unmittelbarkeit“ einer Transzendenzerfahrung
suchen, die dann auch den Zweifel ausschließt, sind viele auf der Suche nach Wegen zu diesem Ziel. –
Dazu gehört vor allem die Suche nach „Selbstfindung“ in den Angeboten der inzwischen auch wirtschaftlich relevanten Esoterik, in Meditations- und anderen Übungen, der gezielte Einsatz von Drogen
und anderem, das eine Transzendenzerfahrung möglich machen soll. Selbst bei Menschen, denen „nichts
mehr heilig ist“, meldet sich noch schattenhaft ein nahezu religiöses Gefühl, wenn z.B. in Fußballstadien
(als den modernen Tempeln) das Erleben des Außerordentlichen gesucht und gefunden wird. Die Ereignisse auf dem Rasen begleiten jeweils mehr oder weniger spontan entstandene Rituale (einschließlich
der bunten Schawls in den liturgischen Farben des Heimatvereins), die mit Sprechgesängen („Hymnen“), Rauch- und Feuerwerk einher gehen und so kollektiven Emotionen Bahn brechen, die auch den
Einzelnen ergreifen und bannen können. Auch in Staatsakten sonst säkularer Staaten finden sich Momente, die nahezu religiösen Charakter tragen. (Vereidigung, Musikaufführungen [Richard Wagner!],
militärische Zeremonien, Fahnenweihen u.v.a.m.). Dennoch unterscheiden sich all diese Inszenierungen
ganz wesentlich von dem ursprünglichen, nicht herstellbaren Ereignis der elementaren Begegnung mit
dem Heiligen. Wie dies geschieht berichten beispielhaft die Propheten der hebräischen Bibel. Hier geht
die Initiative eben nicht vom Menschen, sondern vom Gott Israels aus.
163
XIII
Allein fünf, durchaus unterschiedliche Theophanieerzählungen, berichten jedoch übereinstimmend
von der Gotteserscheinung am Berg Sinai: 2.Mose 19f; 24,1 und 9-11; 2.Mose 24,15b-18; 2.Mose 33
und 34.
Kapitel 8
Fides quaerens intellectum: – Dass wir begreifen, was uns ergreift
I
Das waren für den Frühkatholizis mus die Frage nach Sendung, Auftrag und Autorität Jesu von
Nazareth und seine Stellung innerhalb der Heilsökonomie Gottes. Die Antwort auf diese Fragen fand
die Kirche in der Ausbildung der Christologie und Trinitätslehre. Das frühe Mittelalter beschäftigte
vor allem die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott, seinem Heil, seiner Rechtfertigung und
Erlösung sowie der dazu gestifteten sakramentalen Heilsmittel in Abendmahl und Taufe. Das hohe
Mittelalter schuf die scholastische Theologie, in der die Beziehung von Gott und Mensch nochmals
neu zur Sprache kam, jetzt allerdings verbunden mit der Frage danach, inwieweit Gotteserkenntnis und
Gnadenstand menschlicher Vernunft zugänglich sind.
Nach der ersten Kirchenspaltung 1054, (der Trennung der Ostkirche von Rom), wurde zunehmend der
Auftrag und die Gestalt der Kirche zu einem Focus theologischer Auseinandersetzungen. Die Zeit der
ausgehenden Renaissance, in der ein, in innere Machtkämpfe verstrickter Adel kirchliche Ämter, einschließlich des Papsttums an sich gerissen und endgültig korrumpiert hatte, machte nun notwendig die
Kirche selbst zum Thema theologischer und schließlich reformatorischer Bewegungen. Die Zeit der
Reformation und Gegenreformation führte jedoch zur Konfessionalisierung der christlichen
um die theoGlaubensinhalte. Stritt man sich in der frühen Kirche immerhin
logische Wahrheit, so machte die Konfessionalisierung aus der einen Kirche die verschiedenen Kirchen
und die theologische Arbeit wurde zur jeweiligen Waffenkammer, mit deren Produkten man die andere
Konfession verketzert hat. Das Ergebnis war eine durchgängige Dogmatisierung von Glaubensüberlieferungen zu konfessionell verbindlichen Lehraussagen, die nun nicht mehr die Einheit der Kirche, sondern mehr die Trennung der Konfessionen begründen sollten. An diesem Unglück hatte sowohl die römische Observanz, als auch die reformatorische Seite mal mehr, mal weniger ihren Anteil.
II
Das gilt schon für Martin Luther, der noch nach den Frömmigkeitsvorstellungen seiner Zeit ins Augustiner-Kloster zu Erfurt eingetreten war, aber dort nicht den gesuchten Frieden fand, sondern zunehmend von der Verzweiflung und der Frage umgetrieben war: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
– Luther hat diese Erfahrung später durchaus nicht nur als persönliche Erfahrung, sondern als die jegliche theologische Existenz prägende beschrieben: „
&
".
III
Man kann Luthers Widerstehen mit der Haltung Galileo Galilei’s vergleichen. Als die mittelalterliche
Kirche Galilei’s Entdeckung der Jupitermonde und damit die Ablösung des mittelalterlichen Weltbildes
nicht akzeptieren wollte, hat er schließlich widerrufen. Seine naturwissenschaftliche Wahrheit konnte
warten, weil er wusste: „Und sie bewegt sich doch!“ Sein Wissen war für Galilei ein objektiver Sachverhalt und keine Frage, für die man mit seiner ganzen Person hätte eintreten müssen. Luther hingegen
konnte sich nur auf seinen, von der Bibel geleiteten Glauben berufen. Es musste für sein Gewissen als
seine subjektive Wahrheit auch persönlich einstehen, auch wenn er damit gegen Papst und Kaiser stand.
IV
Sie hatte sich im Morgenländischen Schisma von 1054 bereits von der östlichen Orthodoxie getrennt.
V
Der Skeptizismus rechtfertigte sich heimlich in Untergrundschriften mit Blick auf die Vielzahl der
Positionen. Baruch de Spinoza vertrat in seinem theologisch-politischen Traktat von 1670 die These,
Judentum und Christentum seien lediglich vergängliche Phänomene ohne absolute Gültigkeit. J ohn
Toland behauptete 1696, die Bibel sei zum Teil eine menschliche Fälschung. In radikalen Schriften
des Untergrunds diffamierten Autoren direkt oder indirekt Moses, Jesus und Mohammed als die drei
„großen Betrüger der Menschheitsgeschichte“. Von der Zirkulation eines Buches
wurde berichtet, bis es schließlich 1716 als subversive Schrift auf den Markt kam. Gegenpositionen
vertraten die als Bischöfe kirchlich gebundenen Philosophen Joseph Butler und George Berkeley. Aus:
Wikipedia > „Aufklärung“, dort weitere Quellenangaben.
VI
René Descartes (1596-1650) zweifelt auch an der Wirklichkeit seiner Außenwelt, deren er sich
erst wieder vergewissern muss: „Alles nämlich, was ich bisher am ehesten für wahrgenommen, habe ich
von den Sinnen oder durch Vermittlung der Sinne empfangen. Nun aber bin ich dahinter gekommen,
dass diese uns bisweilen täuschen, und es ist ein Gebot der Klugheit, niemals denen ganz zu trauen, die
164
auch nur einmal uns getäuscht haben. – Indessen, mögen uns auch die Sinne mit Bezug auf zu kleine
und entfernte Gegenstände bisweilen täuschen, so gibt es doch am Ende sehr vieles andere, woran man
gar nicht zweifeln kann, wenn es gleich aus denselben Quellen geschöpft ist. So z.B. dass ich jetzt hier
bin, dass ich, mit meinem Winterrocke angetan, am Kamin sitze, dass ich dieses Papier in der Hand
halte und ähnliches; vollends, dass dies eben meine Hände, dass dieser gesamte Körper der meine ist,
– wie könnte man mir dies abstreiten?“ aus: „Meditationes de Prima Philosophia“ von 1641, Übersetzung in der Ausgabe der Philosophischen Bibliothek, Felix Meiner Vlg., Hamburg 1958, S.12
VII
In seinen Meditationen entwickelt Descartes seine Erkenntnistheorie wie folgt:
„1. Die gängige Annahme, dass wissenschaftliche Erkenntnis aus sinnlicher Wahrnehmung und Denken
entspringt, muss hinterfragt werden. Keiner der beiden Quellen darf man ungeprüft vertrauen. Unsere
Sinne täuschen uns oft, da wir nicht einfach wahrnehmen, sondern frühere Wahrnehmungen, die unseren
Körper konstituieren, unsere aktuellen Wahrnehmungen bedingen – wir projizieren. Aber auch dem
Denken darf man nicht ungeprüft vertrauen, denn ein böser Dämon könnte so auf den Verstand einwirken,
dass man falsche Schlüsse zieht und sich täuscht. Deshalb ist zunächst einmal an Allem zu zweifeln.
2. Doch woher weiß ich, ob das, was mit mir geschieht, Zweifeln ist, ob ich mich täusche, dass ich „ich“
bin und dass ich „bin“? Wenn ich aber zweifle, so kann ich selbst dann, wenn ich mich täusche, nicht
daran zweifeln, dass ich zweifle und dass ich es bin, der zweifelt, d.h. ich bin als Denkender in jedem
Fall existent. Der erste unbezweifelbare Satz heißt also: „Ich bin, ich existiere“ (Original lat.:
oder dann#
). Dieser Satz ist, so Descartes, „notwendig wahr, so oft ich ihn
?
ausspreche oder denke“. Descartes analysiert dann dieses zweifelnde Ich und bestimmt es als ein urteilendes, denkendes Ding: als
.
3. Descartes geht zu einer Theorie des Absoluten über. Eine Ursache könne nicht weniger vollkommen
sein als ihre Wirkung. Da die eigene Vorstellung von Gott weit vollkommener sei als die eigene Vollkommenheit und Realität, könne daraus geschlossen werden, dass Gott existiere. – Danach wird die
Inkompatibilität von „betrügerischer“ und göttlicher Vollkommenheit aufzuzeigen versucht: ersteres
sein, wie
wäre ein Mangel, letzteres schließt jeden Mangel aus. Gott könne also kein
es argumentationshalber in der ersten Meditation noch in Betracht gezogen worden war.
4. Das hieße aber auch, dass wir auf die (in der 1. Meditation noch angezweifelten) Richtigkeit unserer
empirischen Erfahrungen vertrauen können, weil es Gott gebe und er kein Betrüger sei. Den Grund,
warum der Mensch dennoch in seinem Urteil zu fehlerhaften Schlüssen kommen kann, sieht Descartes
darin, dass die gottgegebene Wahlfreiheit des Menschen sich auch auf Dinge erstreckt, die der Verstand
nicht klar einsieht und trotzdem darüber urteilt. Obgleich die Vernunft die Überlegungen leiten möge,
besiegele der Wille letztendlich alle Urteile. Nicht durch den Willen selbst, sondern dadurch, dass er
nicht richtig gebraucht werde, würden wir zu falschen Urteilen verführt. Wir müssten uns zwar weiterhin
vor Irrtum hüten, könnten aber immerhin auf alles vertrauen, was wir klar und deutlich „
“ eingesehen hätten. Descartes Meditationen a.a.O. S 17 ff - Dieser „methodische Zweifel“ bestimmt als die cartesianische Methode ein ganzes Zeitalter der Philosophie- und Erkenntnistheorie.
VIII
Das 17. und 18. Jahrhundert ist die Zeit in der die Naturwissenschaften große Fort-schritte machen. Beispiele sind die Arbeiten der Astronomen Thomas Digges (1546–95) und Thomas Harriot (ca.
1560–1621), oder William Gilberts (1544–1603) grundlegendes Werk De Magnete (1600) über Magnetismus. Kartographie und Vermessungswesen machten Fortschritte. Viele der wissenschaftlichen und
technologischen Entwicklungen waren unmittelbare Auswirkung der Beschäftigung mit der Navigation
auf See. Sir Francis Drake (1540–96) umsegelte 1577–1580 die Welt, Martin Frobisher (1535–1594)
erforschte die Arktis.
IX
Der Begriff Deismus entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts in England. Streng genommen handelt es sich dabei lediglich um eine Gottesidee.
X
Isaac New ton erklärte die Naturkräfte durch das Eingreifen Gottes (spirituelle Kräfte). Dagegen
wandte Leibniz ein, Newton betrachte Gott als einen schlechten Uhrmacher, der sein Werk nicht vollendet gestaltet habe. Dies war Ausdruck des klassischen Deismus. Das alte Uhrmacherargument, das in
der Schöpfung eine Äußerung göttlichen Planens sah, wird verschärft. Gott habe der Welt nur am Anfang einen Plan gegeben. Jedes spätere Eingreifen seinerseits wird als Mangel der ursprünglichen Schöpfung interpretiert.
165
XI
Der Deismus war vor allem in England verbreitet. Für Lord Henry Bolingbroke waren Christentum
und Kirche lediglich Mittel, die dem Staat dazu dienen, die Instinkte des Menschen im Zaum zu halten.
Nur soweit das Christentum mit den Grundsätzen der Vernunft zu vereinbaren sei, wohne ihm Wahrheit
inne. Der Kirchenglaube dagegen sei nichts als Menschenwerk, werde nur aus Gründen der Staatswohlfahrt aufrechterhalten und von gut bezahlten Pastoren dem abergläubischen Volk trügerisch als göttliches Gebot vermittelt. In Deutschland war der Deismus weniger verbreitet als in seinem Herkunftsland.
Neben Adam Weishaupt, dem Gründer des Illuminatenordens, ist Hermann Samuel Rei marus zu nennen. Er war ein Wegbereiter der Bibelkritik, hielt sich in der Öffentlichkeit aber zurück. Die von Gotthold Ephraim Lessing zwischen 1774 und 1778 veröffentlichten Fragmente seiner Schriften (Fragmente
eines Ungenannten) führten zum so genannten Fragmentenstreit, der wichtigsten polemisch geführten
Auseinandersetzung zwischen der Aufklärung und der lutherischer Orthodoxie.
XII
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war seit 1770 Bibliothekar in der Herzog August
Bibliothek zu Wolfenbüttel. Dort fand er die Manuskripte von Hermann Samuel Rei marus und
veröffentlichte Teile daraus als „Fragmente eines Unbekannten“. Daraus entspann sich ein intensiv geführter literarischer Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (bekannt als „Zionswächter“). Lessings Veröffentlichungen seiner Schriften wurden als „der Antigoeze“ bekannt.
XIII
So hat er seine analysierenden Texte immer wieder einmal auch als dramatische Dialoge verfasst, einem Dialog zwischen „Ich“ und „Er“, zwischen „Er“ und „Ich“. Das verleiht seinen Texten nicht
nur Lebendigkeit, sondern ist viel mehr noch ein Hinweis darauf, wie sich das, „was uns unbedingt
angeht“ im Gespräch ereignet und herausstellt.
XIV
Ein merkwürdiges Kontrastprogramm jener Zeit bildet jedoch das Aufkommen all der Freimaurerlogen, der zum Teil obskuren Geheimbünde und Lehren, okkulten Praktiken, Gesellschaften und Orden.
In dem weiß gekachelten Operationsraum der Aufklärung bilden sich abgedunkelte Ecken und Nischen
in denen die Eingeweihten ihre Messen feiern und das, was ihnen Enlightenment ist, anderen ein dunkles
Geheimnis bleiben soll.
XV
Immanuel Kant (1724-1804) schuf eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche
die Diskussion bis ins 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Dazu gehört nicht nur sein Einfluss auf
die Erkenntnistheorie mit der Kritik der reinen Vernunft, sondern auch auf die Ethik mit der Kritik der
praktischen Vernunft und die Ästhetik mit der Kritik der Urteilskraft. Zudem verfasste Kant bedeutende
Schriften zur Religions-, Rechts- und Geschichtsphilosophie sowie Beiträge zu Astronomie und GeoWissenschaften.
XVI
Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? – DB Sonderband: Kant: Werke, S.
1693 (vgl. Kant-W Bd. 11, S. 53)
XVII
Hier zeigt sich, wie die Vernunft sich in Bereiche begibt, die jenseits jeglicher Erfahrung liegen:
Sie bildet metaphysische Systeme, Gottes- und Unsterblichkeitslehren, Weltanschauungen und Theosophien, aber auch Atheismen. Die Vernunft dringt in Sphären jenseits der Milchstraße vor, spekuliert
über die letzte Substanz (Spinoza), über prästabilisierte Harmonie (Leibnitz) oder die Präexistenz von
Ideen (Platon). Dabei arbeitet die Logik exakt und ihre Folgerungen sind stringent. Es gibt keine Argumentationslücken. Beim Vergleich all der philosophischen Systeme aber muss es zur Krise kommen,
nämlich einem Irrewerden der Vernunft an sich selbst. Denn die Systeme widersprechen sich, obwohl
sie in sich widerspruchfrei sind. Sie alle berufen sich auf die Vernunft und die logische Geschlossenheit
ihrer Schlussfolgerungen. Aber gleichzeitig verhüllen sie dabei ihre eigenen Prämissen, die jedoch jenseits ihrer Zuständigkeit, nämlich jenseits des objektivierbaren Bereiches der Erfahrung liegen. Ihre
Lehren sind in Wahrheit nur Projektionen einer vagabundierenden Phantasie.
Zum Ganzen lese man die pädagogisch (als „Schulfunk“ deklarierten) durchaus hilfreichen Erläuterungen bei Helmut Thielicke: Glauben und Denken in der Neuzeit, J.C.B. Mohr (P. Siebeck) Tübingen
1983, S. 301 ff.
XVIII
Kant schreibt: „Nun habe ich das Weltganze jederzeit nur im Begriffe, keineswegs aber (als Ganzes)
in der Anschauung. Also kann ich nicht von seiner Größe auf die Größe des Regressus schließen, und
diese jener gemäß bestimmen, sondern ich muss mir allererst einen Begriff von der Weltgröße durch die
Größe des empirischen Regressus machen. Von diesem aber weiß ich niemals etwas mehr, als dass ich
von jedem gegebenen Gliede der Reihe von Bedingungen immer noch zu einem höheren (entfernteren)
Gliede empirisch fortgehen müsse. Also ist dadurch die Größe des Ganzen der Erscheinungen gar nicht
schlechthin bestimmt, mithin kann man auch nicht sagen, dass dieser Regressus ins Unendliche gehe,
weil dieses die Glieder, dahin der Regressus noch nicht gelanget ist, antizipieren und ihre Menge so
166
groß vorstellen würde, dass keine empirische Synthesis dazu gelangen kann, folglich die Weltgröße vor
dem Regressus (wenn gleich nur negativ) bestimmen würde, welches unmöglich ist. Denn diese ist mir
durch keine Anschauung (ihrer Totalität nach), mithin auch ihre Größe vor dem Regressus gar nicht
gegeben. Demnach können wir von der Weltgröße an sich gar nichts sagen, auch nicht einmal, dass in
ihr ein
&
stattfinde, sondern müssen nur nach der Regel, die den empirischen Regressus in ihr bestimmt, den Begriff von ihrer Größe suchen. Diese Regel aber sagt nichts mehr,
als dass, soweit wir auch in der Reihe der empirischen Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgend
eine absolute Grenze annehmen sollen, sondern jede Erscheinung, als bedingt, einer andern, als ihrer
Bedingung, unterordnen, zu dieser also ferner fortschreiten müssen, welches der
&
ist, der, weil er keine Größe im Objekt bestimmt, von dem
&
deutlich genug zu unterscheiden ist.“ – Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. DB Sonderband: Kant: Werke, S. 1035 (vgl.
Kant-W Bd. 4, S. 479f)
XIX
Helmut Thielicke erklärt den Kant’schen Begriff der Regression so: „Die Vernunft fragt z.B.: Was
sind die Bedingungen dafür, dass es zum Ausbruch des 2. Weltkrieges kam? Und sie könnte antworten:
Eine der Bedingungen ist sicher das Versailler Diktat mit seinen verhängnisvollen Folgen, eine andere,
vielleicht die Hauptbedingung, eine so abgründige Figur wie Hitler. Doch sind diese Bedingungen auch
ihrerseits nicht aus Nichts entstanden, sondern haben wieder eigene Ursachen. So muss die Vernunft
immer weiter zurückfragen. Und je weiter sie die Bedingungsfolge nach rückwärts verfolgt, umso verschwommener wird alles. Immerhin bleibt die Vernunft da noch in den Grenzen möglicher Erfahrung
und kann ihre Sätze einigermaßen begründen und belegen. – Schließlich aber stößt sie bei diesem immer
weiter zurück dringenden regressus auf das Faktum, dass Bosheit, Angst,
(oder unheiligen!)
in der Welt sind, aus denen sich das Verdrängungsprinzip, der Selbstbehauptungswille, der Machttrieb, das Prestigebedürfnis, die Herrschaftsstrukturen und alles das ergeben, was wie ein dämonischer
Impuls die Geschichte antreibt, soweit wir sie auch zurück verfolgen können. – Wenn die Vernunft zu
diesen „entfernteren Bedingungen“ aufgestiegen ist, hebt sie zu den letzten Schritten auf die entferntesten Bedingungen an, und ihre vorletzte Frage lautet, wie das Böse in die Welt gekommen ist. Bei dieser
Frage scheiden sich dann schon die Geister, so dass es zu antithetischen Antworten der Vernunft kommt,
etwa zur Antwort von Hobbes, dass der Mensch prinzipiell eine wölfische Natur habe, oder zur Antwort
Rousseaus, dass der erste, der einen Lebensraum für sich allein beansprucht und ihn gegen den anderen
durch Zäune abgegrenzt habe, die von Haus aus gute Natur des Menschen vergiftet hätte. Zwischen
diesen einander widersprechenden Antworten ist erfahrungsmäßig, d.h. innerhalb der Kompetenzgrenze
der Vernunft, bereits nicht mehr zu entscheiden, sondern hier riskiert man Axiome der Anthropologie,
die nicht objektivierbar sind. Hier stehen wir vor unkontrollierbaren Setzungen, vor metaphysischen Hypothesen. – Von hier aus mag es dann ... zu einer allerletzten Frage kommen, zu der Frage etwa: Woher
die in sich selbst ein dualistisches
rührt das Böse selbst? Rührt es von Gott selbst als einer
Prinzip ist? Oder rührt es im Sinne Marcions von einer polar entgegengesetzten Kraft, einem dämonischen Prinzip? Diese allerletzte, an die Struktur des Seins rührende Frage ist erst recht nicht mehr innerhalb unseres Erfahrungshorizontes zu entscheiden.“ – So Helmut Thielicke: Glauben und Denken in
der Neuzeit, J.C.B. Mohr (P. Siebeck) Tübingen 1983, S. 305.
XX
I. Kant: „Es findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten noch ein Hauptstück vor,
welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden,
von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie aber
dennoch, nach ihnen, als Begriffe
die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann. Diese trägt der unter den Schola. Ob nun zwar der Gebrauch dieses
stikern so berufene Satz vor: =
Prinzips in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätze gaben) sehr kümmerlich ausfiel,
so, dass man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt,
so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer
eine Untersuchung seines Ursprungs, und berechtigt zur Vermutung, dass er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden. Diese vermeintlich
transzendentale Prädikate der Dinge sind nichts anders als logische Erfordernisse und Kriterien aller
Erkenntnis der Dinge überhaupt, und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und Allheit, zum Grunde, nur dass sie diese, welche eigentlich materiell, als zur Möglichkeit der
Dinge selbst gehörig, genommen werden müssten, in der Tat nur in formaler Bedeutung als zur logischen Forderung in Ansehung jeder Erkenntnis gehörig brauchten, und doch diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst machten.“ – Immanuel Kant: Kritik
der reinen Vernunft. DB Sonderband: Kant: Werke, S. 579 f ; vgl. Kant-W Bd. 3, S. 123 f:
167
XXI
„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser: Handle nur nach derjenigen
Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ – Immanuel
Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. DB Sonderband: Kant: Werke, S. 1766, vgl. Kant-W Bd.
7, S. 51
XXII
Mit unverhohlener Ironie bemerkt Kant: „Die philosophische (Fakultät) steht unter dieser (mit der
Jurisprudenz) verbündeten Gewalt auf einer sehr niedrigen Stufe. So heißt es z.B. von der Philosophie,
sie sei die Magd der Theologie.... – Man sieht aber nicht recht, »ob sie ihrer gnädigen Frau die Fackel
vorträgt oder die Schleppe nachträgt«.“– Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer
Entwurf. DB Sonderband: Kant: Werke, S. 3587, vgl. Kant-Werke Bd. 11, S. 228.
XXIII
E. Kant: „Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich
nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwänglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen
und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner
Existenz. Das erste fängt von dem Platze an, den ich in der äußern Sinnenwelt einnehme, und erweitert
die Verknüpfung, darin ich stehe, ins Unabsehlich-Große mit Welten über Welten und Systemen von
Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und stellt mich in
einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher
(dadurch aber auch zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich nicht, wie dort, in bloß zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne. ...“ Kant: Kritik der praktischen Vernunft. DB Sonderband: 100 Werke der Philosophie, S. 20010 (vgl. Kant-W Bd. 7, S. 300)
XXIV
Das mittelalterliche Gewissen war ein auf die Autorität der Kirche – bei Luther auf die Autorität
des aus der Bibel vernommenen Gotteswortes – gegründetes Gewissen. Als solches war es „von außen“
normiert und stand als solches ganz unreflektiert fest. Der neuzeitliche Mensch aber steht vor der Tatsache, dass das Gewissen auch dann existiert und funktioniert, wenn es von allen Autoritäten entbunden
und allen überkommenen Inhalten entleert ist. – Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Die ... Bewegung in der
Richtung auf die menschliche Autonomie ... ist in unserer Zeit zu einer gewissen Vollständigkeit gekommen. Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden, ohne die
Zuhilfenahme der »Arbeitshypothese: Gott « ... Es zeigt sich, dass auch alles ohne Gott geht, und zwar
so gut wie vorher.“ In: Widerstand und Ergebung, 1951 S. 215 f.
XXV
Von da her Friedrich Schillers Distichon: „Gerne dien' ich den Freunden, doch thu' ich es leider
mit Neigung, und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin. Da ist kein andrer Rat, du musst
suchen, sie zu verachten, und mit Abscheu alsdann thun, was die Pflicht dir gebeut.“
XXVI
Text: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III. TheorieWerkaus-gabe. Hrsg. v. Eva Moldenhauer u. Karl Markus Michel. Bd. 20. Suhrkamp: Frankfurt/M. 1971,
S. 366-369)
XXVII
Wenn auch in unserer Gegenwart christliche Ethik oft noch als eine Art „höherer“ Moral missverstanden wird, so hat das dort seine Wurzeln. So wurde z.B. aus dem biblischen Begriff der Sünde
(Singular als Begriff der menschlichen Gottesferne) die moralisch interpretierten „Sünden“ (Plural), die
man dann wieder los wird, wenn sie gebeichtet und absolviert worden sind. Das ganze moralische Missverständnis des Christentums hat hier seinen Ausdruck gefunden.
XXVIII
Bekannt ist Schleiermachers Formulierung: „Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift
glaubt, sondern der, welcher keiner bedarf, und wohl selbst eine machen könnte.“ Schleiermacher: Über
die Religion; Reden an die gebildeten unter ihren Verächtern, 2. Über das Wesen der Religion; Felix
Meiner Vlg. 1958, Philosophische Bibliothek Bd. 255; Seite 68.,
XXIX
Denn „Anschauung ohne Gefühl ist nichts und kann weder den rechten Ursprung noch die rechte
Kraft haben, Gefühl ohne Anschauung ist auch nichts: beide sind nur dann und deswegen etwas, wenn
und weil sie ursprünglich Eins und ungetrennt sind.“ a.a.O. Seite 41.
XXX
F. Schleiermacher: „Alles Anschauen gehet aus von einem Einfluss des Angeschauten auf den
Anschauenden, von einem ursprünglichen und unabhängigen Handeln des ersteren, welches dann von
dem letzteren seiner Natur gemäß aufgenommen, zusammengefasst und begriffen wird. Wenn die Ausflüsse des Lichtes nicht,– was ganz ohne euer Veranstalten geschieht, – euer Organ berührten, wenn die
kleinsten Teile des Körpers die Spitzen euerer Finger nicht mechanisch oder chemisch affizierten, wenn
der Druck der Schwere euch nicht einen Widerstand und eine Grenze euerer Kraft offenbarte, so würdet
ihr nichts anschauen und nichts wahrnehmen, und was ihr also anschaut und wahrnehmt, ist nicht die
168
Natur der Dinge, sondern ihr Handeln auf euch. Was ihr über jene wisst und glaubt, liegt weit jenseits
des Gebietes der Anschauung. So die Religion; das Universum ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit
und offenbart sich uns jeden Augenblick. Jede Form, die es hervorbringt, jedes Wesen dem es nach der
Fülle des Lebens ein abgesondertes Dasein gibt, jede Begebenheit, die es aus seinem reichen immer
fruchtbaren Schoße herausschüttet, ist ein Handeln desselben auf uns, und so alles Einzelne als einen
Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.
Was aber darüber hinaus will und tiefer eindringen in die Natur und Substanz des Ganzen ist nicht mehr
Religion, und wird, wenn es doch noch dafür angesehen sein will, unvermeidlich zurücksinken in leere
Mythologie“ – aus: Schleiermacher: Über das Wesen der Religion, in: Reden... a.a.O. Seite 31 ff
XXXI
Wäre Christus nämlich ganz und gar in die Schranken der Geschichte eingezwängt, so müsste er
auch aus „dem, was ihm geschichtlich gegeben war, begriffen“ d.h. abgeleitet werden können. Dann
hätte man das Christentum als eine Fortentwicklung des Judentums zu verstehen. Das Christentum wäre
so „nur eine Evolution ... des Judentums..., und Jesus nur ein mehr oder weniger origineller und revolutionärer jüdischer Gesetzesverbesserer“.– Schleiermacher, Glaubenslehre §93,2; II S.28
XXXII
Bekannt ist Karl Barths Kritik an Schleiermachers „Vermittlungstheologie“. Barth anerkennt das Bemühen Schleiermachers um die Christologie, muss dann aber doch bemerken: Es ist nicht
zu verkennen, „dass das Historische in der Religion, das objektive Motiv, der Herr Jesus, dem Theologen
(Schleiermacher) ein Sorgenkind ist, ein Sorgenkind, das durchaus zu Ehren gebracht werden soll und
irgendwie zu Ehren gebracht wird, aber ein Sorgenkind. Schleiermacher, der Apologet, muss sich nicht
geringe Mühe machen, dieses Moment einerseits in einer solchen Gestalt zu verstehen und darzustellen,
in der es den Einwänden des anthropozentrisch eingestellten modernen Bewusstseins entzogen ist. Er
muss an dem Christusbild der biblischen und dogmatischen Überlieferung arbeiten wie ein Künstler an
einem Marmorblock, um die Statue heraus zu bringen, denjenigen Christus, der unter diesem Gesichtspunkt genügen kann. Und ähnliche Mühe kostet es ihn, nachzuweisen, dass die unanfechtbar gewordene
Gestalt, die das Ergebnis seiner Christologie ist, von der Grundtatsache des frommen Gefühls aus gesehen, nun wirklich auch wichtig und nötig ist. Dass es nicht etwa ebenso gut auch ohne sie ginge. Beides
gelingt: die Herausarbeitung einer leidlich modernisierten Christologie einerseits und der Nachweis einer leidlich einsichtigen Unentbehrlichkeit dieser Christologie andererseits. Es gelingt nicht ohne einige
Künsteleien. Es gelingt nicht durchwegs, vielleicht nicht durchweg letztlich glaubwürdig und überzeugend. Aber immerhin: es gelingt irgendwie. Nur dass es eben ... ein schweres Stück apologetischer Arbeit ist, das zu diesem Gelingen geleistet werden musste.“ Karl Barth: Die protestantische Theologie im
19. Jahrhundert, EVZ Zürich 1960, 3. Auflg. Seite 412 f. – Vgl. zum Ganzen auch das SchleiermacherKapitel in Helmut Thielicke: Glauben und Denken in der Neuzeit, Mohr, Tübingen 1983, S.177-257.
XXXIII
Karl Barth: a.a.O., Seite 424 – Aus dem Nachlass des Predigers Schleiermacher aber wissen wir,
dass er noch anders glaubte als es innerhalb der Systematik seiner Glaubenslehre möglich zu sein schien.
Die Gewissheit der Endgültigkeit Christi bezeugen die Worte des sterbenden Schleiermachers bei seiner
letzten Abendmahlsfeier, wie sie von seiner Frau berichtet werden. Nach den Einsetzungsworten sprach
er: „Auf diesen Worten der Schrift beharre ich; sie sind das Fundament meines Glaubens.“ Dann sprach
er selbst noch den Segen und fügte hinzu: „In dieser Liebe und Gemeinschaft sind und bleiben wir eins.“
Nach wenigen Minuten danach starb er am 12. Februar 1834.
XXXIV
Kierkegaard: In seinen meist unter Pseudonymen veröffentlichten Schriften zeigte er sich als
engagierter Verfechter der Idee des Christentums gegen die Realität der Christenheit. Kierkegaard gilt
als Wegbereiter der Existenzphilosophie oder gar als deren erster Vertreter. – Den selbständigen Status
des Ästhetischen benennt Kierkegaard schon in dem Motto zu „Entweder-Oder“ mit einer rhetorischen
Frage, die er den Night Thoughts von Eduard Young (1742) entnommen hat: „Ist denn die Vernunft
allein getauft, sind die Leidenschaften Heiden?“
XXXV
„Viel Sonderbares, viel beklagenswertes, viel Empörendes ist über das Christentum gesagt worden; aber das dümmste, was man jemals gesagt hat, ist, es sei bis zu einem gewissen Grade wahr. ... Viel
Sonderbares, viel beklagenswertes, viel Empörendes ist über die Liebe gesagt worden; aber das Dümmste, was man jemals gesagt hat, ist, sie gelte bis zu einem gewissen Grade. ... Und wenn nun ein
Mensch sich durch solches Reden von Begeisterung und Liebe verraten und seine Dummheit offenbart
hat, welche doch nicht in Richtung mangelnden Verstandes zu suchen ist, da sie ihren Grund gerade
darin hat, dass der Verstand zu groß wird, im selben Sinne wie eine Leberkrankheit ihren Grund darin
hat, dass die Leber zu groß wird und sie daher ... die Dummheit ist, die das Salz annimmt, wenn es seine
Kraft verliert,... dann bleibt noch ein Phänomen übrig und das ist das Christentum. Hat der begeisterte
Blick nicht genügt, ihm zum Bruch mit dem Verstand zu verhelfen, hat die Liebe nicht vermocht, ihn
169
aus der Knechtschaft zu reißen, dann lass ihn das Christentum betrachten. Mag er darin ein Ärgernis
nehmen, er ist doch ein Mensch; mag er daran verzweifeln, jemals selbst ein Christ zu werden, er ist
dem vielleicht näher als er glaubt. Mag er sich bis zu seinem letzten Blutstropfen bemühen, das Christentum ausrotten zu wollen, er ist doch ein Mensch – aber ist er im Stande, auch hier zu sagen: „Es ist bis
zu einem gewissen Grade wahr, dann ist er dumm.“– Sören Kierkegaard: Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den philosophischen Brocken. Fischer Bücherei Bücher des Wissens, Bd.
109, Seite 105
XXXVI
Man hat in der Kierkegaard-Rezeption diesen „Moment“ gerne mit einem geometrischen Gleichnis beschrieben, nämlich als den Punkt, wo die Tangente der menschlichen Existenz den Kreis ihres
transzendenten Seinsgrundes, Gott, berührt. Von daher verstehen sich bei Kierkegaard seine Begrifflichkeiten vom „Sprung“, vom „Augenblick“ und vom „existentiellen Moment“.
XXXVII
Diese Haltung hat ihn am Ende seines Lebens in scharfe Konfrontation zum „amtlichen“, gemäßigten, verbürgerlichten Christentum der dänischen Staatskirche, gebracht: „In der prachtvollen Domkirche tritt der hochwohlgeborene, hochehrwürdige Geheime General-Ober-Hof-Prädikant auf, der vornehmen Welt auserwählter Liebling. Er tritt auf vor einem auserwählten Kreis von Auserwählten und
predigt gerührt über den von ihm selbst auserwählten Text ‚Gott hat das in der Welt Geringe und Verachtete auserwählt’,– und da ist keiner der lacht!“– in Anna Paulsen: Sören Kierkegaard – Deuter unserer Existenz, 1955, S. 202
XXXVIII
(Gerade) „die objektive Ungewissheit, in der Aneignung der leidenschaftlichen Innerlichkeit festgehalten, ist die Wahrheit“ die es für einen Existierenden gibt. Diese Bestimmung der Wahrheit ist nichts
anderes als „eine Umschreibung für den Glauben. Ohne Risiko kein Glaube. Glaube ist gerade der Widerspruch zwischen der unendlichen Leidenschaft der Innerlichkeit und der objektiven Ungewissheit.“
In: Kierkegaard: Unwissenschaftliche Nachschrift I, S. 194f.
XXXIX
(Die Taufe) „bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reu(e) und Buße soll ersäuft
werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.“ Martin Luther:
Der Kleine Katechismus (1529), Das vierte Hauptstück. Gesammelte Werke, S. 3980 (vgl. Luther-W
Bd. 6, S. 151) (c) Vandenhoeck und Ruprecht.
XL
Man wird Kierkegaards Absolutsetzung des ‚Einzelnen’ auch vor dem Hintergrund des damals schon
in der Industriealisierung beginnenden Massen-Zeitalters sehen müssen, dessen kollektivistische und
nivellierende Tendenzen schon zur Mitte des 19. Jahrhunderts erkennbar waren.
XLI
Die römisch-katholische Theologie verschrieb sich in dieser Zeit einem Traditionalismus, der sich
ausschließlich auf Weisungen von der päpstlichen Kurie stützte. Diese Haltung ging einher mit dem
Antimodernismus, einer Strömung innerhalb der gesamten katholischen Kirche in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich – ausgehend von Dekreten Papst
Pius' IX. – gegen gesellschaftliche und politische Reformen zur Durchsetzung von Menschenrechten
und Demokratie wandte. Ein Höhepunkt antimodernistischer Tendenzen in der katholischen Kirche war
1910 die Verpflichtung aller Priester auf das Ablegen des sogenannten Antimodernismus-Eids: ab dem
(Liste der Irrtümer)
1. September 1910 waren sie ausdrücklich verpflichtet, die im (@ - +
genannten „Irrtümer“ abzulehnen. Text nach: Wikipedia > Ultramontanismus.
XLII
Zu nennen sind hier Albrecht Ritschel (1822-1989), der eine richtige Schule der „Ritschelianer“
gebildet hat und Wilhelm Herrmann (1846-1922), der der Lehrer Rudolf Bultmanns war.
XLIII
Schleiermachers Ausstrahlung ins Luthertum findet sich bei Johann Chr. Konrad von Hofmann
(1810-1877), dem Erlanger Fr. H. R. von Frank, bis hin zu Theologen wie Alexander Schweitzer (18081888, nicht zu verwechseln mit Albert Schweitzer!) und gewiss auch im Neupietismus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Auch die Existentiale Interpretation des neuen Testamentes durch
Rudolf Bultmann steht in dieser Traditionslinie.
XLIV
Karl Barth (1886-1968) war von 1911-1921 Pfarrer in Safenwil (Schweiz) einer Bauern- und
Arbeitergemeinde im Kanton Aargau. Mit den sozialen Problemen vor Ort konfrontiert, wurde er schnell
ein religiös-sozialer Pfarrer, der sich für die Gemeindemitglieder in Safenwil, die als Textilarbeiter ein
ausgebeutetes Dasein bei elf bis fünfzehn Stunden Arbeit am Tag fristeten, sozial engagierte. Nicht
zuletzt aufgrund der in Safenwil vorgefundenen sozialen Wirklichkeit trat Barth am 26. Januar 1915 der
Sozialdemokratischen Partei bei, was für die damaligen Verhältnisse – gerade für einen Pfarrer – eine
mutige Entscheidung war. Er war am Aufbau der örtlichen Gewerkschaft in Safenwil beteiligt. Über
170
seinen lebenslangen Freund Eduard Thurneysen bekam er Kontakt mit den damals prominentesten religiösen Sozialisten der Schweiz, Hermann Kutter und Leonhard Ragaz. Im Jahr 1915 besuchte er darüber
hinaus Christoph Blumhardt (1842–1919), der ihn tief beeindruckte und sein eigenes Denken stark
prägte.
XLV
Karl Barth, Der Römerbrief 1919, sowie die zweite veränderte Auflage 1922 im Kaiser Verlag
München. – Am 1. August 1914 begann der erste Weltkrieg. Mit Entsetzen nimmt Barth das Manifest
von 93 deutschen Intellektuellen zur Kenntnis, die öffentlich für die Kriegspolitik von Kaiser Wilhelm
II. Stellung beziehen. Unter dieser Erklärung findet er ebenfalls die Namen seiner Berliner Lehrer, vor
allem den von Adolf von Harnack. Barth stellt rückblickend dazu fest: „Ich habe eine Götterdämmerung
erlebt, als ich studierte, ... , wie Religion und Wissenschaft sich restlos in 42 cm Kanonen verwandelten
... An ihrem ethischen Versagen zeigte sich, dass auch ihre exegetischen und dogmatischen Voraussetzungen nicht in Ordnung sein konnten.“ Karl Barth, Theologische Studien, EVZ, Zürich, 1956/1, S. 6
XLVI
Ausgehend vom praktischen Problem der Predigt, empfand Barth immer stärker die Unzulänglichkeit seiner theologischen Ausbildung. Er fragte sich, was er den Menschen überhaupt Hilfreiches zu
sagen habe. Er studierte nun erneut die Bibel, vor allem den Römerbrief des Paulus. Hilfe beim Verstehen dieses Textes als lebendiges Gotteswort fand Barth nicht bei seinen liberalen Lehrern, sondern
bei „Biblizisten“ wie August Tholuck, dem dänischen Existenzphilosophen Søren Kierkegaard und
den Reformatoren Martin Luther und Johannes Calvin. Als der Berner Bäschlin-Verlag seine Römerbriefauslegung 1919 veröffentlichte, fand sie ein enormes Echo und begeisterten Zuspruch. Leser wie
Emil Brunner, Barths späterer theologischer Mitstreiter, fanden hier das reformatorische Gottes-, Menschen- und Glaubensverständnis in neuer Sprache wieder. Seine „Römerbrief“- Kommentare machten
den Schweizer Dorfpfarrer weithin bekannt und gelten als neuer Aufbruch einer dialektischen „WortGottes“-Theologie.
XLVII
Oder auch: „Wenn wir zur Bibel kommen mit unsern Fragen: wie soll ich denken von Gott und
der Welt? Wie an das Göttliche herankommen ... dann antwortet sie uns gleichsam: Ja, lieber Mensch,
das ist deine Sache, da musst du nicht mich fragen! ... Den Inhalt der Bibel bilden eben gar nicht die
rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen ..., nicht
das rechte Verhältnis, in das wir uns zu ihm stellen müssen, sondern der Bund, den er mit allen, die im
Glauben Abrahams Kinder sind, geschlossen und in Jesus Christus ein für alle Mal besiegelt hat. Das
steht in der Bibel.” Karl Barth: Das Wort Gottes und die Theologie, München 1925, S. 27f.
XLVIII
„Während ich den Historikern aufmerksam und dankbar folge, solange sie mit jenem primitiven
Erklärungsversuch beschäftigt sind, während ich es auf dem Feld der Feststellung dessen „was da steht“,
nie auch nur im Traum gewagt hätte, etwas anderes zu tun, als mich so gelehrten Männer wie ... einfach
lauschend zu Füßen zu setzen – gerate ich immer wieder in Erstaunen über die Bescheidenheit ihrer
Ansprüche, sobald ich ihre Versuche, zu eigentlichem Verstehen und Erklären vorzudringen, betrachte. ...
Wie energisch geht (Calvin) zu Werke, seinen Text, nachdem auch er gewissenhaft festgestellt, „was da
steht“, nach zu denken, d.h. sich so lange mit ihm auseinanderzusetzen, bis die Mauer zwischen dem
1. und dem 16. Jahrhundert transparent wird, bis Paulus dort redet und der Mensch des 16. Jahrhunderts hier hört, bis das Gespräch zwischen Urkunde und Leser ganz auf die Sache (die hier und dort
keine verschiedenen sein kann!) konzentriert ist.“ – Karl Barth: Vorwort zur 2. Auflage seines Römerbriefkommentars, Chr. Kaiser Verlag München 1929, S. XI.
XLIX
Karl Barth begründet und entfaltet seine Christologie trinitarisch: „Wie könnte sie, die Gnade in
dieser uns bekannten Gestalt göttliche Wirklichkeit haben und sein, wenn sie sie nicht in jener unerforschlichen Gestalt in Gott selber hätte und wäre (erg.: wenn sie nicht da schon innertrinitarisch waltete)? Von dorther, wo sie noch nicht besondere Zuwendung, noch nicht Herablassung, noch nicht Überwindung eines Gegensatzes, von dorther, wo sie die reine Neigung, Huld und Gunst ist, die den Vater
mit dem Sohne, den Sohn mit dem Vater verbindet durch den Heiligen Geist: von dorther und von
dorther allein, kann sie das werden, was sie uns in der bekannten Gestalt ist: Zuwendung, Herablassung,
Überwindung. Und eben von daher wird sie das werden, sofern sie in der uns bekannten Gestalt göttliche
Wirklichkeit hat und ist.“ Karl Barth: Kirchliche Dogmatik II,1, S.402
L
Die Lehre von der analogia entis beantwortet die Frage danach, wie Gott überhaupt erkannt werden kann. „Der Grundgedanke dieser Analogie besteht darin, in allen Aussagen über Gott und Welt eine
bloß proportionale Gleichheit festzuhalten: Gott verhält sich zu seinem Sein wie die Kreatur zu ihrem
Sein. Wenn es sich dabei jedoch lediglich um Verhältnisse handelt, die zueinander in Beziehung gesetzt
171
werden, und wenn dadurch jede inhaltlich identische Aussage vermieden werden soll, so ist demgegenüber festzustellen, dass damit in Wirklichkeit ebenso wenig eine echte Erkenntnis gewonnen werden
kann, wie mit anderen an der Mathematik orientierten formalen Analogien. ... Die analogia entis versagt
sich daher auch der Durchführung im Einzelnen, sie ist lediglich eine bildliche Redeweise, die das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf über eine bloß negative Prädikation hinaus irgendwie positiv zu
bestimmen versucht.“ Religion in Geschichte und Gegenwart, Analogia entis. S. 1279 (vgl. RGG Bd. 1,
S. 348-349) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
LI
Es handelt sich dabei um Karl Barths Konzeption der
wie er sie in seinem AnselmBuch „Fides quaerens intellectum“ entwickelt hat: „Den meisten ist es wohl entgangen, dass man es in
diesem Anselmbuch wenn nicht mit dem, so doch mit einem sehr wichtigen Schlüssel zum Verständnis
der Denkbewegung zu tun hat, die sich mir dann eben in der „Kirchlichen Dogmatik“ mehr und mehr
als der Theologie allein angemessene nahe gelegt hat.“ So Karl Barth im Vorwort zur zweiten Auflage,
Theologischer Verlag Zürich 1931, 3. Auflage 2002, Seite 6.
LII
Diesen entfaltete Karl Barth nun aber ganz vom „ungekündigten Bund“ (Martin Buber) mit Israel her.
Der Ruf zur unbedingten kirchlichen Solidarität mit dem Judentum wurde sein Vermächtnis an die Ökumene, deren theologischer Berater er seit 1948 war.
LIII
Karl Barth hat seine, – in jungen Jahren durchaus heftigen – Stellungnahmen zu politischen und
zeitgeschichtlichen Vorgängen zwar leidenschaftlich und energisch und auch parteilich, von sich gegeben, wollte seine diesbezüglichen Voten aber immer nur als die eines Zeitgenossen, nicht aber die
eines theologischen Lehrers verstanden wissen. – Anders jedoch im Kampf der Bekennenden Kirche in
der NS-Zeit. Hier galt es zum Auftrag und Zeugnis der Kirche Stellung zu nehmen und deshalb war hier
keine Meinung, sondern ein Bekenntnis gefragt.
LV
Kerygma (griechisch
) heißt so viel wie „Botschaft“ (
x, der Überbringer einer Botschaft). Der Begriff wird vor allem im Markus-Evangelium und bei Paulus als Bezeichnung der christlichen Predigt verwendet. Dabei geht es aber nicht nur um die bloße Weitergabe einer Nachricht. Gemeint ist das „aktuell ihre Adressaten treffende […] Wort, in dem sich Gottes rettende Gerechtigkeit
Bahn bricht“. Dieser personale Charakter des Kerygmas zeigt sich auch in der Variation „Christus verkündigen” statt der traditionellen Fassung „das Evangelium verkündigen” (vgl.1 Kor 1,12; Phil 1,15;
Apg 8,5). – nach Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3.Auflage. Band 5,
Herder, Freiburg im Breisgau 1996, Sp.1406-1409., 1407.
LVI
Martin Luther, der noch nach den Frömmigkeitsvorstellungen seiner Zeit ins Augustiner-Kloster
zu Erfurt eingetreten war, fand dort nicht den gesuchten Frieden, sondern war zunehmend vom Zweifel
und der Frage umgetrieben war: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – Martin Luther hat diese
Erfahrung später durchaus nicht nur als biographische Episode, sondern als die, jegliche theologische
Existenz begründende und prägende beschrieben: „tentatio facit theologum“: In der Vorrede seiner
deutschen Schriften sagt er: „Darüber hinaus will ich dir eine rechte Weise in der Theologie zu studieren
anzeigen, in der ich mich geübt habe. Wenn du die innehältst, sollst du so gelehrt werden, dass du selbst
... gerade so gute Bücher machen könntest, wie die Väter und Konzile. ... Und das ist die Weise, die der
heilige König David im 119. Psalm lehrt (und die ohne Zweifel auch alle Patriarchen und Propheten
gehalten haben). Da wirst du drei Regeln drin finden, die den ganzen Psalm hindurch reichlich vorgetragen werden. Sie heißen: Gebet, Meditation, Anfechtung. ... Zum dritten ist da die Anfechtung. Die ist
der Prüfstein, der dich nicht allein wissen und verstehen lehrt, sondern auch erfahren, wie recht, wie
wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit. ... Denn sobald Gottes Wort durch dich zunimmt, so wird dich der Teufel heimsuchen, dich zum
rechten Doktor machen und durch seine Anfechtung lehren, Gottes Wort zu suchen und zu lieben. Denn
ich selbst (auf dass ich Mäusedreck mich auch unter den Pfeffer menge) habe meinen Papisten sehr viel
zu danken, dass sie mich durch des Teufels Toben so zerschlagen, bedrängt und geängstet, das ist, zu
einem ausreichend guten Theologen gemacht haben, wohin ich sonst nicht gekommen wäre.“ - Martin
Luther: Vorrede zum 1. Band der deutschen Schriften (1539). Gesammelte Werke, S. 283 ff. (vgl. Luther-Werke Bd. 1, Seite 16-17) (c) Vandenhoeck und Ruprecht.
LVII
„Theologie hat sich des Schreis nach Gott nicht zu schämen, der auch die gewisse Rede von Gott
muss begleiten können, wenn sie verantwortliche Rede von Gott sein soll. Theologie hat die Anfechtung
des Glaubens nicht nur beim Namen zu nennen, sondern so durchgehend mitzubedenken, dass sie als
&
. Als Theologie der Anfechtung
Ganze eine Theologie der Anfechtung ist:
172
wahrt sie die Sensibilität des Glaubens, ohne sie zur larmoyanten Verliebtheit in den eigenen oder fremden Schmerz verkommen zu lassen. Denn als Theologie des Kreuzes lenkt sie den angefochtenen Glauben auf seinen Ursprung, auf den für uns leidenden Gott zurück, der, weil er durch sein Leiden der den
Tod überwindenden Liebe zum Siege verholfen hat, der leidenden Menschheit einziger Trost ist. Er hat
die Bosheit und Sünde für immer zum Scheitern verurteilt.“ Eberhard Jüngel: „Meine Theologie“ – kurz
gefasst; in Wertlose Wahrheit: Zur Identität und Relevanz des christlichen Glaubens ..., 2. Auflg. 2003
bei Mohr Siebeck, Tübingen, Seite 15.
LVIII
Wir benützen an dieser Stelle absichtlich einen Begriff aus der politischen Geschichte Deutschlands.
Für Karl Barth war der innere Zusammenhang zwischen den kulturellen Traditionen des deutschen als
auch europäischen Kulturprotestantismus und den politischen Ereignissen und Katastrophen des
20. Jahrhunderts der Ausgangspunkt seines theologischen Engagements schlechthin. Ihm verdankt die
Kirche vor allem anderen, dass er sie daran erinnert hat, in welche Abhängigkeiten und Katastrophen
sie gerät, wenn sie ihren Gauben, ihre Hoffnung und Zuversicht ausschließlich auf die spirituellen Möglichkeiten des Menschen setzt.
LVIII
In einem Nachwort zu einer kleinen Schleiermacher-Ausgabe hat Karl Barth der Hoffnung Ausdruck
gegeben, in der kommenden Generation möge man sich um „eine Theologie des 3.Artikels, beherrschend
und entscheidend des Heiligen Geistes“ bemühen. (Schleiermacher-Auswahl, Siebenstern Taschenbuch
113/114, 1968, S. 320ff
Kapitel 9
Elemente einer erneuerten Theologie
I
Das hat schon Martin Luther richtig erkannt: „Die Ebräische Sprache ist die allerbeste und reichste in
Worten, und rein, bettelt nicht, hat ihre eigene Farbe, sodass es ihr keiner nachtun kann ... Wenn ich
jünger wäre, so wollte ich diese Sprache lernen, denn ohne sie kann man die Schrift nimmermehr recht
verstehen. Denn das Neue Testament, ob´s wohl Griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von Ebraismis und ebräischer Art zu reden. Darum haben sie recht gesagt: Die Ebräer trinken aus der Bornquelle,
die Griechen aber aus den Wässerlin, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.“
Martin Luther – WA 1, 624f.
II
Wenn beispielsweise der Grieche – und in seiner Tradition auch unsere indogermanischen Sprachen –
sagen: „Neben dem Brunnen steht ein großer Baum mit starken Ästen ... “, würde der Hebräer sagen:
„Am Brunnen erhebt sich ein gewaltiger Baum und streckt seine starken Äste gen Himmel.“ So wird
aus dem Gegenstand „Baum“ im Hebräischen ein dynamisch beseeltes Wesen, nämlich der sich in die
Höhe streckende Baum.
III
Jegliches „Wort“ ist im Hebräischen immer eine Tat. Das hebräische dabar kommt von der Wurzel
dabar (Qal), gewöhnlich im Piel dibär. Beide Formen bedeuten nur „reden“. Die Grundbedeutung ist so
viel wie hinten sein und vor wärts treiben. Also auch: die Worte aufeinander folgen lassen,
oder besser: das, was hinten ist nach vorne treiben. Das Wort dabar ist etwas, das dasjenige, was hinten
ist nach vorne treibt. Deshalb meint dabar nicht nur ein Sprechen oder bloßes Reden, sondern als „ergehendes“ Wort ist es immer auch Tat. Der Diener Abrahams erzählt Isaak „alle die Worte, die er getan
hatte.“ (1.Mose 24,66); alles, was Salomo ausgerichtet und getan hatte findet sich im Buch der „Worte“
Salomos. (1.Kön. 11,41). Versprechungen, die nicht zu Taten wurden, sind nicht bloßes Gerede, sondern
sind Lügenworte, schlechte und leere Worte, die nicht die Kraft und die Wahrheit zur Verwirklichung
hatten, oder gar etwas Böses bewirkt haben. Worte sind niemals „Schall und Rauch“ (Goethe Faust I).
Sie tun, was sie sagen. – Auch im negativen Sinne als Fluch. – Vgl. zum Ganzen Thorleif Boman, a.a.O.
S. 45 ff.
IV
Das Tatwort JHWHs ist ebenso dynamisch wie das Wort der anderen altorientalischen Götter. Der
Sinn liegt aber nicht auf dem physischen oder biologischen Bereich, sondern muss mit den höchsten
menschlichen Funktionen verstanden werden: majestätisches Befehlswort, erhaben, schöpferisch und
vernichtend. So ist auch das Dynamische des Gotteswortes nicht nur dem Wort als solchem eigentümlich, sondern ist charakteristisch für alles Göttliche und für JHWH selbst.
V
Weil JHWH das in besonderem Maße bei der Ausführung Israels aus Ägypten tat, wird sein Gottsein
mit diesem Gnaden- und Machterweis verknüpft. „Ich JHWH, euer Gott, der euch aus Ägypten führte,
173
um euch das Land Kanaan zu geben und um euch Gott zu sein (3.Mose 25,37; 11,45; 22,33; 26,45;
4.Mose 15,41).
VI
Jer 36,1; 37,6 – Das haya des Wortes JHWHs ist nach Dt-Jesaja wie das Herabkommen des fruchtbaren Regens vom Himmel. Es wird nicht zurückkehren, bis es ausgeführt hat, wozu JHWH es gesandt
hat, Jes 55,11
VII
Als die Philister die Bundeslade JHWHs nach Gat gebracht hatten, kam die gewaltige Macht JHWHs über
die Stadt – eine sehr große Bestürzung –, und erschlug die Männer der Stadt, Groß und Klein; 1. Sam 7,13
VIII
Ähnlich steht es auch mit dem „Gottesschrecken“: „Ein Gottesschrecken kam über die Städte
ringsum, so dass sie nicht die Jakobssöhne verfolgten...“ (1.Mose 35,5) Paradox erscheint uns die Redeweise in 2. Mose 20,20: „Mose sagte zu dem Volke: Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen ist Gott
gekommen, damit die Furcht über euch ‚sei’, dass ihr nicht sündigt.“ Die Furcht Gottes ist also keine Angst
im psychischen Sinne, sondern die wirkkräftige positive Macht Gottes.“ – Thorleif Boman, a.a.O. 36
IX
„Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer.“ (Ps 2,4); „Der Herr redet mit
Israel „vom Himmel“ her. (2. Mose 20,22); „Der HERR ist in seinem heiligen Tempel, des HERRN
Thron ist im Himmel.“ (Ps 11,4); „Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er
sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.“ (Ps 14,2); „Der HERR hat seinen Thron im Himmel
errichtet, und sein Reich herrscht über alles.“ (Ps 103,19).
X
Ähnlich heißt es: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist“ (Jes. 57,15). „So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der HERR
Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner ...“ (5. Mose 4,39). Schließlich heißt es nun
auch von Gottes Gesalbten (d.h. dem Messias): „Nun weiß ich, dass der HERR seinem Gesalbten hilft und
ihn erhört von seinem heiligen Himmel ... (Ps 20,7). Das aber wissen auch die Heiden: „....Seitdem wir
(die Kanaanäer) das gehört haben, ist unser Herz verzagt, und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen;
denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“ (Jos 2,11).
XI
„Der Begriff Schechina bezeichnet in der jüdischen Tradition die ‚Einwohnung‘ oder ‚Wohnstatt‘
JHWHs in Israel, die als Inbegriff der Gegenwart Gottes bei seinem Volk verstanden werden kann. Das
Bedeutungsspektrum schließt eine Reihe von Nebenbedeutungen wie ‚Ruhe‘, ‚Glück‘, ‚Heiligkeit‘ oder
‚Frieden‘ ein, immer als Merkmale, die den Wirkungskreis der Gegenwart Gottes charakterisieren und
für den Menschen spürbar werden lassen. – Die Vorgeschichte dieses Begriffs und der damit verbundenen theologischen Konzeption von „Gottes Heimstätte auf Erden“, die später in der rabbinischen
Überlieferung zu einem zentralen Topos des Judentums geworden ist, reicht in die persisch-hellenistische Zeit zurück, in der ja der Jerusalemer Tempel verloren war. Zwar kommt das Substantiv Schechina
selbst im Tenach nicht vor, die Wurzel ist allerdings häufig anzutreffen, insbesondere in dem Verb
schachan (wohnen, zelten) und dem Substantiv Mischkan (Wohnsitz, d.h. im Stiftszelt). Von seinem
Ursprung und seiner Grundbedeutung her weist der Begriff auf die Begegnung des Volkes Israel mit
seinem Gott in der Wüste zurück. Gottes Gegenwart manifestiert sich in seinem „zelten“ mitten unter
dem Volk (vgl. 2. Mose 25,8-9). Dementsprechend bestand das erste israelitische Heiligtum aus einem
beweglichen Zelt und der darin aufgestellten Bundeslade. – Die Schechina als Inbegriff der Nähe und
Präsenz Gottes ging später auf den Jerusalemer Tempel und den heiligen Bezirk der Stadt über.
In der altgriechischen Bibelübersetzung (Septuaginta) wird das hebräische Wort Schechina im Allgemeinen mit Doxa (zu Deutsch etwa ‚Herrlichkeit [Gottes]‘) wiedergegeben. In einigen Texten der Sep'
als griechisches Äquivalent der hebräischen
tuaginta wird jedoch auch die Bezeichnung
Wurzel scha-k-an verwendet, ein Begriff, der in Anlehnung an das Schrifttum der Wüstenväter später
in der lateinischen Übersetzung als ‚Tabernakel‘ (tabernaculum) auch Eingang in die christliche Spiritualität fand.“– Quelle: > Artikel Schechina in Wikipedia
XII
Wie „irdisch“ diese Vorstellung in seltenen Fällen werden kann, findet sich in der Elisa-Erzählung von
der Heilung des Aramäers Naemann (2.Kö 5, 1ff). Der wird von Elisas Rat geheilt und spricht: „Siehe,
nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem
Knecht.“ Den angebotenen Lohn schlägt Elisa aber aus. Da hat der gläubig gewordene Mann noch eine
Bitte: „Wenn nicht, so könnte doch deinem Knecht gegeben werden von dieser Erde eine Last, so viel zwei
Maultiere tragen! Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen,
sondern allein dem HERRN“ (2.Kö 5,15ff). – Dazu schreibt Gerhard von Rad: „Viele Ausleger haben
gerade wegen dieser Bitte von dem Glauben Naemanns gering gedacht. Aber der Fehler, den sie eintragen,
liegt in der stillschweigenden philosophischen Prämisse, dass auch Israel die Welt grundsätzlich in Dingliches und Geistiges geschieden habe. ... Auch der alttestamentliche Leser wird die Bitte um eine Last Erde
174
als etwas Seltsames empfunden haben. Auf keinen Fall aber hat er sich über die Unfähigkeit Naemanns,
sich ins Geistige zu erheben, gewundert. Es wird ihn bewegt haben, wie hier ein Mann, der dem Gott
Israels begegnet ist, von der Sorge spricht, wie er draußen im heidnischen Raum an der Verehrung dieses
Gottes festhalten könne. Ja er wird (da ja auch für ihn das von JHWH verliehene Land das Heilsgut
schlechthin war) es für ganz in Ordnung gehalten haben, dass Naemann seinem Glauben, wenn auch in
etwas ungewöhnlicher Weise, so etwas wie einen sakramentalen Halt zu geben versuchte. In dem theologischen Gespräch zwischen dem biblischen Glauben und dem griechischen Geist, ... wird gerade jene
Maultierlast Erde eine Rolle zu spielen haben.“ G. v. Rad: Theologie des AT, Bd.2, S.44
XIII
Dazu gehören vor allem die Textrollen aus Qumran, 1947 von einem Hirtenjungen zuerst in den
Berghöhlen des essenischen Klosters Qumrans aufgefunden. In Tel Dan im Norden Israels wurde 1994
ein Stein mit althebräischer Inschrift gefunden: Haus Davids. Der Stein wurde in einem Monument
entdeckt, das im 9. vorchristlichen Jahrhundert, 150 Jahre nach Davids Regierungszeit, zu Ehren des
Königs Aram von Damaskus errichtet wurde. Die Inschrift erwähnt Siege über einen „König von Israel“
(vermutlich Joram) und einen „König des Hauses Davids“ vermutlich Ahaziah). Der Stein, heute im
Israel Museum, gilt als die älteste Erwähnung eines „Hauses Davids“.
XIV
In der Diaspora nahmen die Juden gelegentlich eine etwas freiere Haltung ein. Bei Ausgrabungen im syrischen Dura fanden sich biblische Historienmalereien aus dem Jahr 245 n.Chr. von hohem
Rang. Dargestellt sind die Opferung Isaaks, Mose am feurigen Dornbusch, der Auszug aus Ägypten, der
Untergang der Ägypter am Schilfmeer u.a.m. Die Bilder sind aber formal und inhaltlich von den heidnischen palmyrenischen Bildern verschieden. Wo der Heide seinen Gott malt oder in Stein meißelt, malt
der Jude die Symbole des Wortes Gottes, also die heilige Geschichte. Dabei braucht er weder Gesicht
noch Gestalt, höchstens mal eine Gotteshand, um Gottes Tun darzustellen. Die großen alten Männer der
alttestamentlichen Glaubensgeschichte (z.B. Esra) werden nicht wegen ihrer Frömmigkeit dargestellt,
sondern weil Gott an ihnen gehandelt hat. Das unsichtbare „Wesen“ Gottes ist sichtbar gemacht in seinen
Taten, durch welche er auch spricht. Dasselbe gilt von anderen bildlichen Darstellungen oder Mosaiken,
die als Dekorationen jüdischer Synagogen vorzufinden sind. – Interessant ist auch die Selbsteinschätzung durch jüdische Autoren im Jüdischen Lexikon: „Selbst wo jüdische Künstler Bedeutendes geleistet
haben, gehört ihr Schaffen mehr der Kunstgeschichte des Volkes an, in dessen Mitte sie leben. Man
kann deshalb nur von einer Kunst von Juden, einer Kunst für Juden, aber keiner jüdischen Kunst sprechen.“ ... „Die Ursachen dafür, dass die Juden keine eigene bedeutende Kunst hervorgebracht haben,
sind Doppelte: [...] Die besondere geistige Veranlagung des jüdischen Volkes, das „Antihellenische“ an
ihm. Sein Geist ist nicht auf Gestaltung von Form, auf harmonisches Erleben der umgebenden Welt
gerichtet, sondern auf Erkenntnis Gottes und auf die Gesetzlichkeit des sittlichen Handelns. Erst aus
dieser Einstellung ergibt sich die bildfeindliche Fassung des zweiten der Zehn Gebote, das nie eine so
konsequente Befolgung hätte finden können, wenn jene geistige Veranlagung nicht gewesen wäre. ...“
– So der Berliner Kunsthistoriker Kurt Freyer in: Jüdisches Lexikon, Ein enzyklopädisches Handbuch
des jüdischen Wissens in vier Bänden, Hrsg. v. Georg Herlitz u. Bruno Kirschner; Jüdischer Verlag,
Berlin 1927, Band 3, Artikel „Kunst“, S 934f. – zitiert nach der Online-Ausgabe: © sammlungen.ub.unifrankfurt.de/freimann/content/pageview/362243.
XV
„Als aber Samuel alt geworden war, setzte er seine Söhne als Richter über Israel ein. [...]. Aber seine
Söhne wandelten nicht in seinen Wegen, sondern suchten ihren Vorteil und nahmen Geschenke und
beugten das Recht. Da versammelten sich alle Ältesten Israels und kamen nach Rama zu Samuel und
sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen. So setze
nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben. [...] Das missfiel Samuel, dass sie
sagten: Gib uns einen König, der uns richte. Und Samuel betete zum HERRN. [...] Samuel aber rief
das Volk zusammen zum HERRN nach Mizpa und sprach zu den Israeliten: So sagt der HERR, der Gott
Israels: Ich habe Israel aus Ägypten geführt und euch aus der Hand der Ägypter errettet und aus der
Hand aller Königreiche, die euch bedrängten. Ihr aber habt heute euren Gott verworfen, der euch aus
aller eurer Not und Bedrängnis geholfen hat, und habt gesprochen: Nein, setze vielmehr einen König
über uns! Wohlan, so tretet nun vor den HERRN nach euren Stämmen und Tausendschaften! Als nun
Samuel alle Stämme Israels herantreten ließ, fiel das Los auf den Stamm Benjamin. Und als er den
Stamm Benjamin herantreten ließ mit seinen Geschlechtern, fiel das Los auf das Geschlecht Matri, und
als er das Geschlecht Matri herantreten ließ, Mann für Mann, fiel das Los auf Saul, den Sohn des Kisch.
Und sie suchten ihn, aber sie fanden ihn nicht. ...“ 1. Sam 10,17ff
XVI
„Du sollst dir kein Götzenbild noch irgendein Bildwerk machen, weder von dem, was oben im
Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete
175
sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber
Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2.Mose 20,4f).
– Deutlicher als die Lutherübersetzung wird aus der lateinischen Fassung der Vulgata, was unter dem
&
=
=
„Bildnis“ zu verstehen ist:
. Es geht hier also um eine aus
=
=
=
Stein gehauene oder aus Holz geschnitzte Götzenstatue, die der Anbetung dient.
XVII
Das zweite Gebot des „Zehnwortes“, griechisch „Dekalog“, hebr. aseret ha-dibberot kann als Erläuterung und Ausführungsbestimmung des ersten Gebotes verstanden werden: „Du sollst neben mir
keine anderen Götter haben.“ Nämlich: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung
von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. (2. Mose 20,2
ff); oder: Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der
Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ (5.Mose 5,6 ff) „Du sollst dich nicht vor anderen Göttern
niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der
dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich
Tausenden meine Huld.“ (in 2. Mose u. 5. Mose gleichlautend).
XVIII
Das ist umso erstaunlicher als die Bevölkerung Israels von ihrer Frühzeit her immer wieder durch
Menschen anderer kultureller Herkunft, vor allem aus Mesopotamien, Nachzug erhielt. Es gibt in der
Vätererzählung eine Geschichte, die verständlich macht, was es mit Götterbildern auf sich hat und zugleich schmunzeln lässt: Rahel, die Tochter Labans, soll mit ihrem Mann Jakob und der Familie von
zuhause weg in die Heimat Jakobs ziehen. Sie hat dem auch zugestimmt (weil sie zusammen mit Lea,
ihrer Schwester, „doch keinen Anteils am väterlichen Erbe hat“, – das steht den Brüdern zu!). Zum
Abschied stiehlt sie den Hausgott ihres Vaters. (Die Rede ist von einem Teraphim. Damit bezeichnet
man ein Bild oder eine leicht transportable Figur eines Familiengottes semitischer Nomaden.) Das wird
bemerkt, sie werden verfolgt und eingeholt und es erfolgt nun eine Leibesvisitation. Jakob sagt: „Bei
wem du aber deinen Gott findest, der sterbe! Hier vor unsern Brüdern suche das Deine bei mir und
nimm's hin. Jakob wusste aber nicht, dass Rahel ihn gestohlen hatte. Da ging Laban in die Zelte Jakobs
und Leas und der beiden Mägde und fand nichts. Und ging aus dem Zelte Leas in das Zelt Rahels. Rahel
aber hatte den Hausgott genommen und unter den Kamelsattel gelegt und sich darauf gesetzt. Laban
aber betastete das ganze Zelt und fand nichts. Da sprach sie zu ihrem Vater: Mein Herr, zürne nicht,
denn ich kann nicht aufstehen vor dir, denn es geht mir nach der Frauen Weise. Daher fand er den
Hausgott nicht, wie sehr er auch suchte. Und Jakob wurde zornig und schalt Laban und sprach zu ihm:
Was hab ich Übles getan oder gesündigt, dass du so hitzig hinter mir her bist? ... Du hast all meinen
Hausrat betastet. Was hast du von deinem Hausrat gefunden? Lege das her vor meinen und deinen Brüdern, dass sie zwischen uns beiden richten. ... Laban antwortete und sprach zu Jakob: Die Töchter sind
meine Töchter, und die Kinder sind meine Kinder, und die Herden sind meine Herden, und alles, was
du siehst, ist mein. Was kann ich heute für meine Töchter oder ihre Kinder tun, die sie geboren haben?
So komm nun und lass uns einen Bund schließen, ich und du, der ein Zeuge sei zwischen mir und dir.
Da nahm Jakob einen Stein und richtete ihn auf zu einem Steinmal. Laban aber sprach zu seinen Brüdern: Leset Steine auf! Und sie nahmen Steine und machten davon einen Haufen und aßen daselbst auf
dem Steinhaufen. Und Laban nannte ihn Jegar-Sahaduta, Jakob aber nannte ihn Gal-Ed. Da sprach Laban: Der Steinhaufe sei heute Zeuge zwischen mir und dir. Daher nennt man ihn Gal-Ed, d.h. Steinhaufe
des Zeugnisses; denn er sprach: Der HERR wache als Späher über mir und dir, wenn wir voneinander
gegangen sind.“ – Heftiger Zorn und (vorsichtigen) Frieden schließen, – das ist Orient, wie er in der
Bibel (1. Mose 31) lebendig ist.
XIX
Statt eines Götterbildes enthielt das Allerheiligste des Jerusalemer Tempels die Bundeslade und
die beiden großen Cherubim. Gott IHWH galt als der, „der (unsichtbar) über den Keruben thront.“ –
Allerdings standen die Zeichen schon in der Königszeit auch in Israel auf Synkretismus und Polytheismus. Archäologische Funde aus dem Israel der Königszeit haben durchaus auch IHWH-Bildnisse zu Tage
gebracht. So zeigen Bildnisse das Götterpaar JHWH und seine Aschera. „Was die unter den Extrembedingungen der Frühzeit »normale« Alleinverehrung JHWHs in gewandelten gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen bedeuten konnte, war keineswegs von vorn herein klar, sondern musste erst entdeckt werden. Für die meisten war sie einfach durch die gesellschaftliche Entwicklung überholt. Es
waren nur einige Oppositionsgruppen, die auch unter den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen
auf die exklusive Gottesbeziehung der Frühzeit zurückgriffen und die alleinige JHWH-Verehrung auf
176
ihr Banner schrieben (Elia, Hosea). Dieser prophetische Kampf um die Ausschließlichkeit der Gottesbeziehung Israels war zugleich ein Kampf gegen die sozialen und politischen Entwicklungen der mittleren und späten Königszeit: gegen ein Auseinanderfallen der israelischen Gesellschaft in sich bekämpfende Klassen und gegen ihre politische Einbindung und Überfremdung nach außen. Erst im Zuge dieser
Auseinandersetzungen sind die Fremdgötterverbote in der heutigen Form formuliert worden. ... Und es
bedurfte noch einmal einer längeren Überzeugungsarbeit, bis sie in der ganzen Tragweite von allen gesellschaftlichen Gruppen akzeptiert wurden.“ Rainer Albertz, a.a.O Seite 301.
XX
Dem widerspricht scheinbar der priesterschriftliche „Schöpfungsbericht“ in 1. Mose 1,26f, wo es
heißt: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich s ei, die da
herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über
alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen
zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. ...“ Die
Kirche hat den priesterschriftlichen Text für ihre Lehre von der Imago Dei (der Gottesebenbildlichkeit
des Menschen) in Anspruch genommen. Das hier verwendete hebräische säläm (das ist die völlige
Gleichheit eines Bildes oder Statue mit ihrem Original) und das hebräische demut (das ist nur die approximative Gleichheit bzw. Ähnlichkeit – als Parallelismus membrorum) steht aber in Verbindung mit
dem „herrschen“ des Menschen über die Fische und Tiere. Worauf es den Verfassern der priesterschriftlichen Überlieferung offenbar ankommt, ist des Menschen Berufung zur Herrschaft innerhalb der
Schöpfung. Insofern hat der Mensch Anteil am Tun Gottes, nämlich als sein Beauftragter, zu „bauen
und zu bewahrten“. – Dasselbe gilt auch von den Psalmstellen, (z.B. Ps 8,6 ff) und in Sirach 17,2-4. Der
Mensch ist weder Gott noch Tier, sondern Verwalter der göttlichen Schöpfung. Zum ganzen vgl. Thorleif Boman, a.a.O., S. 92 ff.
XXI
Das nachexilische Judentum hat im Zuge einer strengen Auslegung des dritten Gebotes: „Du sollst
den Namen JHWHs, deines Gottes, nicht zum Frevel (d.h. in frevelhafter Weise) aussprechen ...“ das
Nennen des JHWH-Namens vermieden und stattdessen „Adonai“ (= „Herr“, in der Lutherbibel als
HERR mit Majuskeln wiedergegeben) gelesen. Seither steht als Lesehilfe unter den hebräischen Radikalen JHWH die Punktation für Adonai, was früher als „Jehova“ missverstanden wurde. Es gibt in der
hebräischen Bibel aber auch noch andere Umschreibungen des Gottesnamens, z.B. haschem, = „der
Name“ und etliche andere mehr.
XXII
Das Tetragramm JHWH ist schon früh auch außerhalb der hebräischen Bibel belegt, z.B. in der
seit langem bekannten Mescha-Stele (um 840 v. Chr.) sowie in Inschriften aus Kuntillet-Adschrud (9./8.
Jhdt. v. Chr.), auf einem Grab aus Chirbet el-Qom (8. Jhdt. v. Chr.) oder auch die Ostraka von Arad und
Lachisch. (nach der Übersicht in ThWAT III, 536 ff. sowie bei F. Scholz, in: Monotheismus, S. 167 ff).
Insbesondere ägyptische Quellen verdienen besondere Beachtung. Sie führen in den Raum des südlichen
Palästinas östlich des Golfs von Akaba. Jedenfalls ist der JHWH-Name mit der Tradition vom Auszug
aus Ägypten, mit der Gestalt des Moses und den dortigen Weidegebieten der Midianiter verbunden
(2.Mose 2,16 ff). Dort heiratet der aus Ägypten geflüchtete Mose die Tochter des Midianiterpriesters
Jithro. – Ursprünglich mag JHWH eine Vulkangottheit gewesen sein. Darauf deuten die gelegentlich
geschilderten Begleitumstände seines Erscheinens hin, nämlich das vulkanische Feuer, die Wolkensäule
und das Erbeben des Berges „Sinai“. – Entscheidend aber ist, dass aus der einstigen Lokalgottheit (zu
der man allenfalls pilgern konnte) ein Gott wird, der mit dem Volke durch die Wüste mitzieht: „Und der
HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei
Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals
wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ (2.Mose 13,17; vgl.
2.Mose 40,36-38; 4. Mose 9,15-23; Ps 78,14; 1. Kor 10,1)
XXIII
„Morphologisch erklärt sich der JHWH-Name am einfachsten als substantivierte Verbform der
3. Person Imperfekt der aramäisch/hebräischen Wurzel hji oder hwj (sein, werden, wirken) ... Formale
Parallelen für eine solche Gottesnamenbildung lassen sich vereinzelt auch aus Mesopotamien und den
vorislamischen Arabern beibringen. ... Grundsätzlich ist gegen alle diese Erklärungsversuche einzuwenden, dass die Etymologien nur in den seltensten Fällen geeignet sind, Aussagen über die aktuelle Bedeutung eines Gottes zu machen. Gottesnamen sind häufig sehr viel älter als die aktuellen Religionen,
und die Gottesvorstellungen wandeln sich unter der Hülse des gleichen Namens. ... Der Gott JHWH ist
somit älter als Israel, er war ein südpalästinischer Berggott, bevor er der Gott der Befreiung für die
Mosegruppe wurde. ... Wichtig dabei war wohl, dass er ein Gott war, der von außen kam, ein fremder
Gott, der noch nicht in das Gefüge des ägyptischen Pantheons eingebaut und damit in der Lage war,
dieses gesellschaftsstabilisierende System aufzubrechen. Als Berggott einer wilden, einsamen Region,
177
die politisch kaum organisiert war, verehrt nur von freiheitsliebenden nomadischen Stämmen, war er
doch so wenig Symbol staatlicher Herrschaft geworden, dass er für Mose und dann für seine Leute zum
Symbol der Befreiung werden konnte. ... Das Besondere der israelischen Geschichte JHWHs ist es, dass
die dynamischen Eigenschaften dieses ehemaligen Sturm- (oder Berggottes) umgebogen werden in den
politisch-geschichtlichen Raum hinein. ... Das gibt Israels JHWH-Religion von ihrem Ursprung her eine
geschichtliche politische Ausrichtung und einen deutlichen Zug zum Sozialen, der für die Religion Israels kennzeichnend bleiben sollte. Anders als die altorientalischen Staatsreligionen, die sich aus mythischer Urzeit herleiten, ist die IHWH-Religion geschichtlich begründet und hat von Hause aus nicht
die Funktion, Herrschaft zu legitimieren und die bestehende gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren.
Als Symbolwelt einer um ihr Lebensrecht kämpfenden gesellschaftlichen Außenseitergruppe, dient sie
vielmehr der Solidarisierung dieser Gruppe nach innen und ihrer Desintegration aus einer, als ungerecht
empfundenen Gesellschaftsordnung in Richtung auf eine zukünftige gesellschaftliche Integration, die
ein freies und gerechteres Zusammenleben ermöglicht. ...“ So erklärt sich „die antiherrschaftliche, gegenwärtige gesellschaftliche Zustände transzendierende desintegrative Tendenz, die sich immer wieder
in der Religionsgeschichte Israels Geltung verschaffen konnte.“ Rainer Albertz a.a.O. Seite 295 ff.
XXIV
Israels Gott unterscheidet sich von den Göttern anderer Völker dadurch, dass er nicht ortstabil in
einem Natur- oder Tempel-Heiligtum zu finden ist, sondern seine Gegenwart inmitten seines Volkes
kund tut. (Vgl. die jüdische Vorstellung von der ‚Schechina’, des ‚Wohnens Gottes’ unter Israel). Wenn
auch Israel in seiner Geschichte immer wieder „andern Völkern gleich sein“ wollte und deshalb ein
Königtum und einen Tempel errichtet hat, so bricht doch die alte revolutionäre Schicht immer wieder
hervor.
XXV
Dazu schreibt Gerhard von Rad: „Im Übrigen sind diese Gebote ja weit entfernt, so etwas wie ein
Ethos zu umreißen; vielmehr bezeichnen sie in ihrer negativen Formulierung doch nur Möglichkeiten, die
an der äußeren Peripherie des menschlichen Lebenskreises liegen, nämlich Praktiken, die Jahwe absolut
missfällig sind: Wer Jahwe angehört, bricht nicht die Ehe, verrückt keine Grenze und mordet nicht. Immerhin ist dies doch sehr wichtig: Das Heilsereignis der Übereignung Israels an Jahwe ist untrennbar von
der Bindung an gewisse Normen, die den Kreis der Erwählten sonderlich an seinen Rändern deutlich markieren.“ in Theologie des Alten Testamentes Bd. 2, S. 405f, Christian Kaiser Vlg. München 1960.
XXVI
Die hebräische Bibel überliefert Rechtstexte unterschiedlichster Traditionen und Alters. So findet
sich in 1.Mose 4,23-24 ein uralter Rachespruch: „Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla,
höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine
Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“ Dies archaische Sippenrecht billigte den Angehörigen eines Getöteten oder Verletzten eigenmächtige Vergeltung zu. Dies verbreitete Ungleichgewicht von Vergehen und Strafe sollte
nun das sprichwörtlich gewordene „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ des Talionsrechts eindämmen: Statt
für erlittenes Unrecht selbst willkürlich und unbegrenzt Rache zu nehmen, durfte der Geschädigte oder
seine Angehörigen vor Gericht nur einen äquivalenten Ausgleich für den erlittenen Schaden verlangen
(2.Mose 22,23-25; 2. Mose 24,19-21; 5.Mose 19,21). Das sollte die ausufernde Blutrache vermeiden und
das Überleben der Sippe zu schützen. Dem entsprach auch das Entstehen eines kasuistischen Rechts,
das für Vergehen die entsprechende, angemessene Strafe festlegte. Es finden sich in der Thora eine
ganze Reihe kasuistischer Rechtsetzungen, wie sie im Leben des alten Israel Geltung beansprucht haben:
Das „Bundesbuch“ 2.Mose 21-23 entspricht dem im alten Orient verbreiteten kasuistischen Recht.
WENN ein Sachverhalt vorliegt, DANN soll die Folge sein ... (Mishpatim). Das „Heiligkeitsgesetz“
(3.Mose 17-26, – Hukim) ist eine eigenständige, ältere Überlieferung. Es geht davon aus, dass der Heiligkeit Gottes auch eine (abgestufte) Heiligkeit des Volkes entsprechen sollte: „Ihr sollt heilig sein, denn
ich bin heilig, der Herr, euer Gott“ (3.Mose 19,2). Wirkungsgeschichtlich von Bedeutung ist darin vor
allem das Gebot der Nächstenliebe 3.Mose 19,18 (vgl. 19,34). Es zählt im Neuen Testament (Mt 22,39)
zu den beiden höchsten Geboten (5.Mose 6,5 und 3.Mose 19,18). Die geforderte Heiligkeit ist zugleich
ein Aussondern/Absondern um Gottes willen. Sie kann alle Bereiche menschlicher Existenz betreffen.
Ihm voraus aber liegen die Zehn Gebote als ein apodiktisches Recht: „Du sollst nicht...! “, genauer: „Du
wirst nicht...!“
XXVII
„Die Frage, seit wann Israel begann, in der genauen Erfüllung der Gebote sein Heil zu suchen, ist
schwer präzis zu beantworten. Möglicherweise kann man im chronistischen Geschichtswerk und paradoxerweise gerade in manchen ´prophetischen` Predigten diesen Weg sich anbahnen sehen (z.B.
2.Chron. 15,2 ff vgl. 13,4 ff)“ – So G. v. Rad a.a.O. S. 419 Von Rad weist aber auch darauf hin, dass die
178
Predigt der Propheten aufs Ganze gesehen keine gesetzliche Thoraauslegung kennt. Allenfalls spät,
nämlich bei Ezechiel ist ein gesetzliches Verständnis der Thora feststellbar.
XXVIII
Im 9. Jahrhundert v. Chr. begann unter König David eine erste Staatenbildung in Israel. Dazu
gehören die Prophetenerzählungen von Elia und Elieser. Vgl. dazu 1.Kö 17 bis zu 2.Kö 9 , sowie die
entsprechenden Kapitel in den Chronikbüchern der hebräischen Bibel. Bereits das vereinigte Königreich
unter Salomo unterschied sich in fast nichts von den anderen Herrschaften des Vorderen Orients. Die
Religionsdiplomatie der Könige führte zuerst im Nord-, später auch im Südreich zu religiösem Synkretismus, insbesondere zur Vermengung der JHWH-Tradition mit dem kanaanäischen Baalskult. – Im 8.
Jahrhundert v. Chr. sind es dann zunehmend die sozialen Verhältnisse, Verschwendung und Willkür der
Reichen, Ungerechtigkeit, Aushöhlung der gesellschaftlichen Moral und eine ruinöse Machtpolitik der
Könige, die in Israel die Propheten als eine neue geistliche Kraft nötig machen.
XXIX
Ohne auf Näheres einzugehen, muss hier festgehalten werden, dass diese Einzelgestalten wie
Amos, Jesaja, Micha, Hosea und andere nichts mit den bestallten Hofpropheten zu tun hatten, auch
nicht mit den umherziehenden Seher- u. Prophetengilden, wie sie auch in biblischen Texten gelegentlich
benannt werden. Sie sind jeweils Einzelpersönlichkeiten, Bauern wie Amos, aber auch, wie im Fall
Jesajas, Gebildete der Oberschicht.
Kapitel 10
Gott ist Geist und die ihn anbeten
müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten...(Joh 4,24)
I
Diese Tradition war für die Gemeinde immer mündliche Überlieferung. Abgesehen davon, dass
Schriftliches (auf Pergament u. ä. geschrieben) kostbar und teuer war, konnte ja der überwiegende Teil
der Gemeindeglieder kaum lesen oder schreiben. So verließ man sich auf die Sukzession der Amtsträger. – Für die in der röm.- kath. Kirche immer noch geübte Praxis, dass Priesterweihe nur gültig
ist, wenn sie durch einen in der bischöflichen Sukzession stehenden Bischof gespendet wird, entfallen
heutzutage allerdings solche Gründe.
II
Man wird aber in Rechnung stellen müssen, dass gewählte Presbyter und Bischöfe innerhalb ihrer
Gemeinden auch deshalb als Autoritäten angesehen waren, weil sie eine gewisse Ausstrahlung und
Überzeugungskraft besaßen, die man auch als Wirkung des Gottesgeistes verstehen konnte. Das wird
vor allem für die ersten Jahrhunderte gelten. In der späteren Papstkirche konnte nach dem Ausgang des
Investiturstreites (Bußgang Heinrichs IV. nach Canossa) niemand mehr ohne Einwilligung bzw. später
direkter Berufung durch den Papst Bischof werden.
III
Der Begriff theologia tritt bereits in der griechischen Antike auf. Dort bezeichnete Theologie die
„Rede von Gott“, das Singen und Erzählen (gr. „mythein“) von Göttergeschichten. Der älteste Beleg für
dieses mythische Verständnis von Theologie findet sich in Platons Staat (379a). Platon legt an die Göttermythen der kritisierten Theologie den kritischen Maßstab der Frage nach der Wahrheit als dem Einen,
Guten und Unveränderlichen an. Bei Aristoteles zeigt sich dann eine Umprägung des Theologiebegriffs:
Theologie als die oberste der theoretischen Wissenschaften, richtet sich nun auf das Göttliche als dem
ersten und eigentlichen Prinzip (Aristoteles Metaphysik 1064a/b). Die Theologie hat sich damit von der
Mythologie hin zur Metaphysik gewandelt.
IV
Was den Begriff „El“ betrifft, so gilt er schon in der hebräischen Bibel als nicht eigentümlich israelisch. So sind die Namen etlicher Lokal-Heiligtümer mit „El“ als Erscheinungsorte einer El-Gottheit in
der Thora bezeugt. Wie ein solcher Ort in die biblische Überlieferung Eingang findet, zeigt „Bethel“
(1. Mose 28), wo Jakob übernachtet und im Traume die Himmelsleiter geschaut hat. Die Geschichte
erzählt, wie Jakob diesen Ort weiht und liefert sogleich auch die Kultlegende für diesen heiligen Ort. Es
handelt sich also um örtliche Kulttraditionen.
V
Nach ThWB, Bd. 3, S. 79 f. – Nach der politisch-diplomatisch motivierten Hinzunahme von Heiligtümern kanaanäischer Fremdgötter in der Königszeit des alten Israel, bildet die Kultzentralisation unter J osia einschließlich der Zerstörung der „Höhenheiligtümer“ einen ersten Versuch, die
Fremdgötterkulte in Israel zu bekämpfen. Endgültig setzt sich aber der JHWH-Glaube erst in der babylonischen Exilzeit Israels durch.
179
VI
Auffällig ist, dass „Gott“ im Mk-Evangelium nur an insgesamt 6 Stellen vorkommt. Die Mt-Passion
zitiert den letzten Ruf Jesu am Kreuz nach Ps 22,2 der hebr. Bibel: „Eli. Eli, lama asabtani?“ „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
VII
ruach (hebr. fem.) meint ursprünglich „Wind“, „Hauch“, ein „Wehen“. Beim Menschen ist es
das körperlich belebende Prinzip, der Lebensodem. Sodann meint es den Sitz der Empfindungen und
die geistigen Funktionen sowie die der Willensbildung. Vor allem aber erscheint dieses Wort als ruach
JHWH, der Geist Gottes. Er ist die wirksame göttliche Kraft, aber auch das innerste Wesen Gottes. „Die
Ägypter sind ´Mensch` und nicht ´Gott`, ihre Rosse sind ´Fleisch` und nicht ´Geist`“ (Jes.31,3). Wo
immer vom „Geist JHWHs“ die Rede ist, zeigt sich die Dynamik, die damit zum Ausdruck kommt.
Dabei ist auch ein ethisches Element mit inbegriffen. Der Geist Gottes ist an Israel wirkende Geschichtsmacht, denn die Erschaffung des „neuen Israel“ (Ez 11,19; 18,31; 36,26; vgl. Ps 51,12) geschieht durch
Gottes Gerichtshandeln und seine Neuschöpfung Israels als das endzeitliche Gottesvolk. Damit ist die
Vorstellung von einer weltimmanenten Geistesmacht ausgeschlossen,– es gibt auch keine Vergottung
des Menschen in Israel. Zum Ganzen siehe Kittel: ThWB Bd.6, S. 361 ff.
VIII
Paul Tillich macht auf den Bedeutungswechsel im modernen Sprachgebrauch aufmerksam: „Als
die Kraft des Lebens darf der Geist nicht mit dem anorganischen Substrat, das durch ihn beseelt wird,
identifiziert werden. Er ist vielmehr die Macht, der Beseelung selbst und nicht ein Teil, der dem anorganischen System hinzugefügt wird. Trotzdem gab es philosophische Entwicklungen, verbunden mit
mystischen und asketischen Tendenzen der Spätantike, die Geist und Körper trennten. In der Moderne
erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt bei Descartes und vor allem im englischen Empirismus.
In ihm wurde das Wort ´spirit` durch das Wort ´mind` ersetzt und das Wort ´mind` erhielt mehr und
mehr die Bedeutung von Intellekt. In diesem Prozess verschwand das Element der Kraft, das mit dem
ursprünglichen Geist-Begriff verbunden war, und schließlich wurde das Wort für Geist ´spirit` selbst
aufgegeben. Man kann es in der gegenwärtigen Diskussion im englischen Sprachbereich kaum mehr
gebrauchen. Trotz verschiedener Versuche, es wieder einzuführen, kann es sich nicht mehr gegen das
Wort ´mind` durchsetzen. Unter diesen Umständen ist es kaum möglich, das Wort `spirit` im anthropologischen Sinn wieder einzuführen. Nur in der religiösen Sphäre wird das Wort gebraucht, dann aber
mit einem großen „S“ geschrieben und bedeutet „Geist Gottes“. Das ist interessant, weil es zeigt, dass
es unmöglich ist, den göttlichen Geist des Elementes der Kraft zu berauben – der göttliche Geist ist
schöpferisch. Der Satz „Gott ist Geist“ kann im Englischen weder durch den Satz „God is mind“ noch
„God is intellect“ wiedergegeben werden.“ – Paul Tillich, Systematische Theologie, Bd.3, Evangelisches Verlagswerk Stuttgart 1966; S. 32f.
IX
Der Gottesgeist ist die physisch-belebende Macht die den Kosmos erschafft (1.Mose 1-3). – Die Überzeugung der hebräischen Überlieferung ist, dass ein Wort mehr ist als eine bloße Ansammlung von Tönen,
die etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringt. Demnach hat ein Wort immer auch eine Wirkung. Siehe dazu
die immer noch gültige Darstellung bei Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd.2.
X
Im Neuen Testament wird die hebr. ruach mit dem Begriff πνευµα (Pneuma) wiedergegeben. Das
griechische Wort deckt mehr oder weniger dasselbe Bedeutungsfeld ab wie das hebräische Wort. Auch
πνευµα ist zunächst „Wind“, „Lebensodem“ u.a.; aber auch der Weisheitslehrer wird durch πνευµα, den
Geist inspiriert.
XI
Mk 1,9-11 par. – Die Darstellungen Jesu als Geistträger ist in den Evangelien bereits stark vom
Kerygma geprägt und unterstreichen die eschatologische Stellung Jesu, nämlich dass in ihm Gott selbst
„da ist“, wie er nirgends sonst da ist. Ältere Tradition sieht Jesus als Träger pneumatischer Kraft (Mt
12,18. 28; Mk 3,29f). In späteren Darstellungen erscheint Jesus als ein Geistträger, der ihn über alle
bisherigen Charismatiker hinaushebt (Mk 1,10; Mt 1,20); oder ihn schließlich als eschatologischen
Geisttäufer schildern (Mk 1,8; vgl. 13,11). Zum Ganzen siehe Kittel, ThWB Bd.6, S. 399 f.
XII
In Lk 4,23-27 werden die im Zitat Vers 18 genannten Wunderzeichen als Manifestation des Geistes
gerade abgelehnt und nur die Vollmacht der Verkündigung als Erfüllung jener Weissagung gesehen.
Die Wundertaten hingegen werden von Lukas kein einziges Mal auf den Geist zurückgeführt. – ThWB
Bd. 6, S. 405
XIII
Der Begriff Logos ist nur schwer ins Deutsche zu übersetzen. Der Begriff besagt mehr als die formale Übersetzung mit „Wort“ wiedergeben kann. Der Logos ist eng an die Gottheit gebunden und
könnte verstanden werden als Attribut oder eine eigenständige Person, die vor Erschaffung der Welt bei
Gott bereits existent war (vgl. Mi 5,1; Mt 2,4-7), oder etwas, das z.B. aus Gott ausfließen könnte (Emanation). Der Autor des Johannes-Evangeliums z.B. schreibt im zweiten Teil seines bekannten Prologes
180
zum Evangelium: και θεοσ ην ο λογοσ. Das wird von vielen übersetzt als „das Wort war Gott“, nicht
selten auch „von Gottes Wesen war der Logos“ (oder vergleichbar), mitunter ebenfalls „ein Gott war
der Logos“. Das setzt den Logos mit Christus gleich, was vor allem im Kontext mit nachfolgenden
Versen, u.a. Joh1,14 und Joh 1,18 geschieht.
XIV
Der Epheserbrief (ca. 70-90 n. Chr.) gehört zu den sog. Deutero-Paulinen, also einer christlichen
Briefliteratur, die von Schülern des Paulus verfasst und in seinem Namen verbreitet wurde. Der Epheserbrief lässt nichts mehr von den Anfangsproblemen der christlichen Gemeinde in der Gründungsphase
erkennen wie noch die echten Paulusbriefe. In den Vordergrund tritt in diesen späteren Briefen nun die
Aufgabe der Gemeinde, sich als Kirche in der Welt einzurichten. Sie begegnet dieser Aufgabe mit einem
neuen Selbstverständnis. Dies zeigt sich z.B. im Epheserbrief in einer neuen Auslegung des paulinischen
Bildes von der Gemeinde: Der Leib Christi umspannt den ganzen Kosmos. Christus, der Kopf dieses
Leibes, erscheint nun als Herr der Welt und zugleich als das Haupt der Gemeinde. Paulus hatte zu seiner
Zeit dieses Bild nur auf die Gemeinde bezogen. Jetzt kommt es aber darauf an, die Gemeinde, den Leib
Christi, inmitten dieser Welt als Einheit zusammenzuhalten und zu vollenden. Die Christen unterschiedlicher Herkunft können deshalb miteinander leben, weil Christus Frieden zwischen Juden und Nichtjuden hergestellt und den „Zaun der Feindschaft abgebrochen“ hat.
XV
So findet sich immer wieder die Formulierung: „Und das Wort Gottes (IHWHs) kam zu ... “. Gott
bindet seinen Geist an das Wort von Menschen. Beispiel: Die atl. Propheten sprechen nicht im eigenen
Namen. Sie sind Botschafter (hebr. schaliach = Gesandte) eines anderen. Über den Offenbarungsempfang
selbst, d.h. über die „näheren Umstände, unter denen sich dieses Ereignis im Inneren des Propheten abspielt, finden sich in den Quellen nur gelegentliche Angaben, die manche Fragen offen lassen. In dem
einen aber stimmen sie alle überein, nämlich dass Gesichte und Auditionen wie von außen her, und zwar
unversehens und unberechenbar, über die Propheten kamen. ... Dass die Propheten bei ihrem Offenbarungsempfang der Meinung waren, eine worthafte Anrede, also ein ´ =
` gehört
zu haben, ist außer Zweifel; ... und auch, dass ein solcher Offenbarungsempfang – mindestens häufig –
ein Ereignis war, das den Propheten bis ins Leibliche hinein schwer erschüttert hat.“ – zit. nach G. v.
Rad Theologie des Alten Testamentes, Bd 2, S. 71 f:
XVI
Paul Tillich widmet diesem Sachverhalt ganz grundsätzliche Überlegungen, die an dieser Stelle
nicht ausgeführt werden können. – Jedenfalls sind für ihn in allen „Lebensprozessen ein essentielles
und ein existenzielles Element – geschaffene Gutheit und Entfremdung – so miteinander verflochten,
dass weder das eine noch das andere ausschließlich wirksam ist. ... das ist die Wurzel seiner (des Lebens)
Zweideutigkeit.“ Paul Tillich, Systematische Theologie, Teil 3, Evangelisches Verlagswerk Stuttgart
GmbH, 1963, S. 130 ff. – Ignatius von Loyola schreibt: „Ich setzte voraus, dass es dreierlei Gedanken in mir gibt: solche, die mein eigen sind und allein meiner Freiheit und meinem Willen entspringen,
während die beiden andern von außen kommen: der eine vom guten, der andere vom bösen Geist.“ in:
Die Exerzitien, übertragen von Hans Urs von Balthasar, Johannes Verlag, Einsiedeln 199311.
XVII
Es ist an dieser Stelle daran zu erinnern, wie Lessing das Verhältnis von Offenbarung und Vernunft bestimmt. In seiner „Erziehung des Menschengeschlechts“, aber auch in der Ringparabel in
„Nathan, der Weise“ ist die Offenbarung nur die pädagogisch nötige Vorstufe, bis die erwachsene Menschheit sich kraft ihrer reifen Einsicht des Verstandes bedienen kann, der ihr nunmehr plausibel
macht, was die Offenbarung nur nahe legen konnte. Statt des Geistes (πνευµα) waltet jetzt der Verstand
(νουσ). Ähnlich verhält es sich, wenn inzwischen in säkularisierten Gesellschaften die Individuen in
eigener Kompetenz autonom weiterdenken, was zunächst nur auf fremde Autorität hin angenommen
werden konnte. Es ist zu fragen, inwieweit das auch für etliche zeitgenössischen Versuche gilt, den
christlichen Glauben, die Bibel oder die Kirche den kritischen Zeitgenossen plausibel zu machen. Dass
sich menschliches Leben auf Humanität und Liebe reimt, wissen doch auch solche Leute, die mit Bibel
und Kirche nichts zu tun haben. – Allerdings haben sie in diesem Wissen immer noch Teil an der christlich-zivilisatorischen Kulturgeschichte der westlichen Hemisphäre.
XVIII
Die These vom hermeneutischen Zirkel im Prozess des Verstehens, wurde erstmals von
dem Altphilologen Friedrich Ast (1778 bis 1841) aufgestellt und 1808 veröffentlicht: „Wenn wir nun
aber den Geist des gesamten Altertums nur durch seine Offenbarungen in den Werken der Schriftsteller
erkennen können, diese aber selbst wieder die Erkenntnis des universellen Geistes voraussetzen, wie ist
es möglich, da wir immer nur das eine nach dem anderen, nicht aber das Ganze zu gleicher Zeit auffassen
können, das Einzelne zu erkennen, da dieses die Erkenntnis des Ganzen voraussetzt? Der Zirkel, dass
181
ich a, b, c usw. nur durch A erkennen kann, aber dieses A selbst wieder nur durch a, b, c usf., ist unauflöslich, wenn beide A und a, b, c als Gegensätze gedacht werden, die sich wechselseitig bedingen und
voraussetzen, nicht aber ihre Einheit anerkannt wird, so dass A nicht erst aus a, b, c usf. hervorgeht und
durch sie gebildet wird, sondern ihnen selbst vorausgeht, sie alle auf gleiche Weise durchdringt, a, b, c
also nichts anderes als individuelle Darstellungen des Einen A sind. In A liegen dann schon auf ursprüngliche Weise a, b, c; diese Glieder selbst sind die einzelnen Entfaltungen des Einen A, also liegt
in jedem auf besondere Weise schon A, und ich brauche nicht erst die ganze unendliche Reihe der Einzelheiten zu durchlaufen, um ihre Einheit zu finden.“– Friedrich Ast, Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik und Kritik, Landshut 1808, S. 179
XIX
Schon Martin Luther hatte ein durchaus kritisches Verständnis der Heiligen Schrift. Auch er hat
gesehen, dass das Wort Gottes in zeitbedingte Kleider verpackt ist. Sein hermeneutischer Schlüssel hieß
deshalb: Das Wort Gottes an uns ist das, „was Christum treibet." Deshalb verwarf er den Jakobusbrief
und das Buch der Offenbarung als kanonisches Glaubenszeugnis.
XX
Die mythologische Rede von „Dämonen“ ist durchaus aktuell. Wer miterlebt, wie Hitlerreden auf
die Massen gewirkt haben, und wie sich die Szene im Berliner Sportpalast praktische zum „Gottesdienst“ verwandelt, wenn der Redner zum Schluss auch noch das Vaterunser zitiert, oder Joseph Goebbels von Endkampf redet. in den die Soldaten „wie in einen Gottesdienst gehen“, weiß, dass es die
„unsauberen Geister“, gibt und wie sie auf Menschen wirken können. Das 20. Jahrhundert bietet dafür
übrigens auch noch weitere Beispiele.
XXI
So heißt es in der synoptischen Überlieferung: „Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge
sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, und nicht
wie ihre Schriftgelehrten.“ Mt 7, 28-29.
XXII
Martin Luther, der die altkirchlichen Symbole der Kirchengeschichte nicht angetastet hat, behalf
sich für die zeitgemäße Ansage eines christlichen Bekennens nicht nur mit einer zeitgemäßen Predigt,
sondern im Kleinen und im Großen Katechismus auch mit einer aktuellen Auslegung der Zehn Gebote, des christlichen Glaubensbekenntnisses und der Sakramente. Die Confessio Augustana von 1530,
das sog. „Augsburger Bekenntnis", wurde ebenfalls zum Kriterium eines reformatorisch erneuerten
Christentums, auf das noch heute zumindest jeder Pastor der lutherischen Kirche ordiniert wird. In den
Reformierten Gemeinden gilt das Zweite Helvetische Bekenntnis und der Heidelberger Katechismus.
"
7
das Genfer Pendant zur Lutherischen "
Calvin formulierte in seiner
. In der altpreußischen Union gilt wegen der zugewanderten Hugenotten auch die
&
Gerade die Differenz der Orte und inhaltlichen Gewichtungen bezeugen das Bemühen,
den christlichen Glauben für den jeweils eigenen Standort zu formulieren.
XXIII
In der katholischen Kirche steht der Glaube der Kirche im Mittelpunkt. Die Kirche glaubt.
Glauben heißt Mit-Glauben mit der Kirche. Der einzelne empfängt und bekennt seinen Glauben in der
kirchlichen Gemeinschaft und er hängt im Glaubensgehorsam dem an, was die Kirche durch ihr unfehlbares Lehramt, den Papst als letzte Instanz, als christlichen Glauben verbindlich festgeschrieben hat.
XXIV
Dort heißt es in der Offenbarungs-Konstitution Nr. 10: „Die Aufgabe, das geschriebene oder
überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut,
dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird. […] Es zeigt sich also, dass die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander
verknüpft und einander zugesellt sind, dass keines ohne die anderen besteht und dass alle zusammen,
jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen.“
Für den katholischen Glauben ist charakteristisch, dass das Wort Gottes durch Dogmen verbindlich erklärt wird und dass der einzelne Gläubige im Glaubensgehorsam dieser Lehre zustimmt. Die evangelischen Kirchen dagegen halten keine menschliche oder kirchliche Instanz für fähig, irrtumsfreie oder
unfehlbare Aussagen über den Glauben zu machen. Zum Ganzen siehe Rüdiger Schloz in: Vortrag zum
Reformationstag, 31.Oktober 2007 in der Evangelisch-Lutherischen Adventskirche zu Quito, Iglesia
Evangelica Lutherana del Ecuador.
182
Kapitel 11
Naturwissenschaft als Verstehenshorizont der Theologie
I
Freilich ist auch die gesellschaftliche Gegenwart Europas immer noch vom Erbe des christlichen
Abendlandes geprägt. Religionssoziologisch kann man dreierlei unterscheiden: Es gibt die Bekenntnisse
), die persönliche Frömmigkeit oder Glaubensweise (personal
und Lehre der Kirchen einerseits (
belief) und die „civil religion“, das sind die kirchlichen Feiertage und Feste, die nach wie vor als willkommene Unterbrechung des Arbeitslebens hochgehalten und verteidigt werden.
II
Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hat jüngst die Auswertung einer vom Vatikan veranstalteten, weltweiten Umfrage unter den Gläubigen katholischer Konfession nach Rom berichtet.
Darin war zu vermelden, dass sich deutsche Katholiken weder die, von Rom empfohlene Enthaltsamkeit
vor der Ehe, noch das Verbot der Empfängnisverhütung, noch das Verbot des Kommunionempfanges
Geschiedener in ihrer persönlichen Lebensführung vorschreiben lassen, sondern in allen persönlichen
und z. T. intimen Dingen nach ihrer Überzeugung handeln. (Bericht des Tagesspiegels „Sexualregeln
des Vatikans sind Gläubigen egal – Umfrage der katholischen deutschen Bischöfe“ vom 4. Februar
2014, S. 5)
III
Dem hat Jürgen Habermas widersprochen: „Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint
war, bloß eliminieren, hinterlassen Irritationen, – sie eröffnen aber nicht die Chance des Verstehens,
nicht einmal diejenige, den historischen Abstand zur Vergangenheit zu überbrücken oder überhaupt zu
thematisieren.“ „ ... in der religiösen Sprache liegen, Ausdruckspotentiale bereit, die der säkularen Gesellschaft durch eine „rettende Übersetzung“ zugänglich zu machen sind, um die Einseitigkeiten eines
bloß säkularistischen Bewusstseins und seines ,aufgeklärten Selbstinteresses‘ zu überwinden.“
in Habermas, J., Glauben und Wissen. Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001, Frankfurt a. M. 2001, 9-31.
IV
„Diese Lichtquanten werden Photonen genannt. Sie besitzen eine fixe Energie, die ausschließlich
durch die Frequenz des Lichtes, also die Farbe des Lichts und durch eine völlig neue physikalische
Größe, das später so genannte „Planck´sche Wir kungsquantum“ h bestimmt ist. ... Heute wissen
wir, dass das Planck´sche Wirkungsquantum eine fundamentale Naturkonstante ist. Das heißt, sie hat
einen festen Wert, der unabhängig von äußeren Umständen ist. Es hat die gleiche Größe, sowohl bei uns
wie in fernen Galaxien und ändert sich auch nicht mit der Zeit.“ – aus: Anton Zeilinger: Einsteins
Schleier, Die neue Welt der Quantenphysik, Verlag Goldmann, 5. Auflage, März 2005, Seite 16ff.
V
Die Physiker Michelson und Morley wollten mit ihren Experimenten nachweisen, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts in dem hypothetischen Äther von der Eigenbewegung der Erde relativ
zum Äther abhängt. Es zeigte sich aber, dass die „Bewegung gegen den Äther“ keinen Einfluss auf die
Geschwindigkeit des Lichts hatte Das Michelson-Morley-Experiment falsifizierte somit die Äther-Hypothese. Einstein zog die Konsequenz der unbedingten Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und entwickelte die Spezielle Relativitätstheorie, die darauf beruht, dass es kein ausgezeichnetes, etwa mit einem Äther verbundenes Bezugssystem gibt. Deswegen gehören diese Versuche zu den bedeutendsten
Experimenten in der Geschichte der Physik. – Quelle: Wikipedia > Michelson-Morley-Experiment.
VI
Da die Lichtgeschwindigkeit mit ca. 300.000 km pro Sekunde sehr hoch ist (d.i. in einer Sekunde
achtmal um die Erde), und ihr Wert, mit sich selbst multipliziert, einen riesig großen Faktor darstellt,
bedeutet E = mc², dass jeder Masse m, selbst wenn sie sehr klein ist, eine große Menge an Energie
entspricht. So reicht z.B. die Energie eines einzigen Wassertröpfchens von ungefähr einem Millimeter
Durchmesser aus, um 100 Liter Wasser zum Kochen zu bringen. Man kann also ungeheurere Energiemengen gewinnen, wenn man es versteht, Masse unmittelbar in Energie umzuwandeln. Das ist z.B. der
Fall bei der sog. „Vernichtungsstrahlung“. Ein Teilchenpaar Elektron-Positron, das zusammen eine
Masse von ca. m = 2x10-30 kg besitzt, kann sich in masselose Strahlung auflösen: zwei Gammaquanten
von je 511 keV Energie. Die Ruheenergie des Systems vor der gegenseitigen Vernichtung, ist genau so
groß, wie die Energie der entstehenden Strahlung. – Ein anderes Beispiel ist die Ker n sp al t u n g : Ein
Atomkern des Elements Uran kann in mehrere Bruchstücke zerplatzen, deren Massen zusammen ca.
0,1% leichter sind als der ursprüngliche Urankern. Die dabei freigesetzte Energie entspricht nach E0 =
mc² genau dieser Abnahme der Masse und kann (bei Spaltung einer entsprechenden Stoffmenge) u.a.
als Explosion (Atombombe) oder Wärmequelle (Kernkraftwerk) in Erscheinung treten. Nach Anton
Zeilinger, a.a.O., S. 139.
183
Die moderne Physik formuliert die Begriffe Masse und Energie mithilfe der Energie-Impuls-Beziehung der speziellen Relativitätstheorie: Demnach hat jedes abgeschlossene physikalische System
(„Körper“ genannt) eine Gesamtenergie und einen Impuls, deren Werte je nach dem gewählten Bezugssystem verschieden sein können, sowie eine unveränderliche Masse, die eine vom Bezugssystem unabhängige Eigenschaft des Körpers ist. Die Größen bilden die vier Komponenten des Energie-ImpulsVierervektors des Körpers. Quelle: Wikipedia > Äquivalenz von Masse und Energie.
VII
VIII
Besonders eindrucksvoll zeigen sich die Eigenarten der Quantenteilchen im Doppelspaltversuch:
Ein Elektronenstrahl trifft auf eine Blende mit zwei schmalen, parallelen Spalten, dringt durch diese
hindurch und landet auf einer dahinter montierten Fotoplatte. Jedes auftreffende Teilchen schwärzt diese
Platte an der Auftreffstelle und hinterlässt dort einen gut lokalisierbaren schwarzen Punkt. Insoweit verhalten sich Elektronen nicht anders als makroskopische Partikel wie etwa Sandkörner und demonstrieren
so ihre Teilcheneigenschaften. Nach hinreichend vielen Treffern zeigt sich allerdings ein wesentlicher
Unterschied: Während Sandkörner zwei separate Haufen hinter dem Doppelspalt bilden, da sie entweder
durch den linken oder aber den rechten Spalt gefallen sind, erzeugen die Elektronen auf der Fotoplatte
ein strukturiertes Schwärzungsmuster, das aus Streifen unterschiedlicher Intensität besteht. Für den
Doppelspaltversuch heißt das: Bevor ein Elektron auf die Fotoplatte trifft und somit durch die lokale
Schwärzung seine Position als gemessen anzusehen ist, lassen sich für diesen Aufenthaltsort des Teilchens nur bestimmte Wahrscheinlichkeiten angeben – und diese lassen sich mithilfe der ElektronenWellenfunktion berechnen. Man könnte meinen, die Quantenteilchen beeinflussen sich eben gegenseitig, so dass das Streifenmuster entsteht. Das ist aber nicht der Fall! Denn es entsteht auch, wenn der
Teilchenstrom so „dünn“ ist, dass sich die Teilchen definitiv nicht beeinflussen können. Woher aber
„wissen“ die Teilchen voneinander? Im Gegensatz zu Sandkörnern besitzen Elektronen eben auch Welleneigenschaften. Sie haben dieselbe Wellenfunktion, aus der sich die Wahrscheinlichkeit des Auftreffens an diesem oder jenem Ort ergibt.
Übrigens gilt dies für alle Quantenteilchen wie Protonen, Neutronen, Atome und sogar für Fullerene –
das sind komplexe Moleküle aus 60 Kohlenstoffatomen. Sie alle erzeugen im Doppelspaltversuch das
charakteristische Interferenzmuster. Die klassisch-physikalische Betrachtungsweise scheitert daran, diesen „Teilchen-Welle-Dualismus“ zu erklären. Nach Lothar Schäfer: Versteckte Wirklichkeit.– Wie uns
die Quantenphysik zur Transzendenz führt. Hirzel Vlg. Stuttgart / Leipzig, 2004; S.33f.
IX
Zu den grundlegenden Erkenntnissen der Quantenphysik gehört die so genannte „Doppelnatur“ der
kleinsten Einheiten der Materie, zunächst entdeckt als die des Lichts und schließlich die der Materie
ganz allgemein. Die Rede von der „Doppelnatur“ (z.B. des Lichts) trägt dabei der Tatsache Rechnung,
dass im Elementarbereich der Materie, diese entweder als Teilchen oder als Welle, als Korpuskel oder
als Strahlung in Erscheinung tritt. In einem Fall hat man es also mit Lokalität, Impuls etc., im anderen
Fall jedoch mit Strahlung, Frequenz, Interferenz etc. zu tun. Es zeigte sich aber, dass die Rede von der
„Doppelnatur“ im Bereich der Quantenwelt missverständlich sein kann. Denn die jeweils untersuchte
Materie einerseits und ihr, in Bezug auf die Messwerte „jenseitiger“ Hintergrund in der kohärenten Potentialität, aus der sie emaniert, ist ja eine holistische Einheit. Die „Doppelnatur“ der Materie ist grundsätzlich nicht essentiell, sondern erst das Ergebnis von Messvorgängen. Es ist die jeweilige Versuchsanordnung, die den ei nen oder den anderen Charakter der untersuchten Materie zum
Vorschein bringt. Die Einheit von allem als das „Ganze“ bleibt als solche hinter der materiellen Welt
der Phänomene verborgen.
X
Hans Peter Dürr demonstriert dies an folgendem Beispiel: „Was ist ein Fisch? – Wir fangen und
untersuchen Fische und stellen fest: Alle Fische sind größer als 5 cm und haben Kiemen. Wenn man die
Maschen enger macht, kommen auch kleinere Fische in den Blick. Aber was wir nicht fangen können,
ist kein Fisch. Denn wir haben Vorbestimmungen des Erkennens, wir haben eine Vorstellung davon,
was ein Fisch ist. Und wir wollen den Fisch schließlich auch auf dem Markt verkaufen. Alles was sich
nicht gebrauchen lässt, findet nicht unser Interesse. Aber die Regelmäßigkeiten der Natur haben mehr
mit der Art zu tun, mit welchen Augen wir die Natur ansehen.“ H.P. Dürr: Wir erleben mehr als wir
begreifen; a.a.O.
XI
Hilfsweise muss man sich die räumlichen Verhältnisse im Atom so vorstellen, dass, wenn das gesamte Atom die Größe eines Fußballstadions hätte, der Atomkern in der Mitte des Rasens den Raum
eines Stecknadelkopfes einnimmt. Das, was das Atom in seiner jeweiligen Struktur zusammenhält, ist
ein in ihm wirkendes Kräftefeld. Die Elektronen auf dem Ring der fernen Zuschauertribünen werden
vom Stecknadelkopf, dem Atomkern dadurch festgehalten, dass sie eine negative elektrische Ladung
besitzen, während der Atomkern seinerseits positive Ladung besitzt, die beiden sich also gegenseitig
184
anziehen. Die Physik spricht von Wechselwirkungen. – Die Atomkerne jedoch bestehen ihrerseits
wieder aus verschiedenen Teilchen: Protonen, Neutronen, Mesonen, Quarks u.a. mehr. Die Quantenmechanik sagt jedoch inzwischen gar nichts mehr darüber aus, wie Atome aussehen! Es gibt sogar prinzipielle Gründe, anzunehmen, dass in der seltsamen Welt der Quanten der Begriff „Aussehen“ eigentlich
gar keinen Sinn macht. Es gibt diese „Materie“ eigentlich gar nicht. Es gibt streng genommen keine
Elektronen, es gibt keinen Atomkern. Beides sind eigentlich nur Schwingungsfiguren der Welt, die ein
Ganzes ist, aber doch ein Ganzes ohne Ränder. – Dazu und dem Folgenden auch die lehrreiche InternetDarstellung der Universität Graz unter: http://www.uni-graz.at/imawww/vqm/german/-atome2.html.
XII
Potenzialität als Möglichkeitswelle ist ein eigenes, komplementäres Sein, eine eigene Wirklichkeit,
ohne die die typischen quantenphysikalischen Effekte nicht verständlich sind. Die Herausfällung von
Realität, wie die der Materie aus der Potentialität, geschieht dabei durch ein Geschehen von Dekohärenz.
In der Wellenlehre bedeutet Superposition die ungestörte Überlagerung (Interferenz) mehrerer Wellen
des gleichen Typs. Die relevante Größe der Überlagerung ist die Amplitude (die „Höhe“) der einzelnen
Wellen. So können sich beispielsweise mehrere Wasserwellen oder mehrere elektro-magnetische
Wellen gegenseitig überlagern und sich dabei verstärken, abschwächen oder sich gegenseitig gänzlich
aufheben. –
XIII
Die Formstrukturen spielen in unserer Alltagswelt durchaus eine Rolle, aber wir haben uns nicht
klar gemacht, dass sie die Hauptsache sind. H.P. Dürr versinnbildlicht das an einer Schallplatte: Die
Schallplatte hat nur eine Rille in der die Nadel läuft. Die Rille gibt all das wieder was die Matthäuspassion ausmacht, Chor, Orchester, Instrumente, Solisten und all ihr Klang und am Ende akustische Wellen
und das, was im Zuhörer dadurch ausgelöst wird. Erst im Gehirn wird das gemacht, was wir erleben:
nämlich die Matthäuspassion. – D.h. Die ganze Information ist in einer Form (der Rille auf der Schallplatte) untergebracht und nicht in der Materie. Die kann man ändern. Heutzutage wird diese Information
in der Form von digitalen Nullen und Einsen auf einer CD aufgespeichert. Und erst dem, der den Code
knacken kann, wird die darin enthaltene Information zugänglich.
XIV
Die Nebelkammer, in der Otto Hahn und Fritz Strasser die erste Atomspaltung beobachtet haben,
konnte ja nicht die Zerfallsprodukte selbst zur Anschauung bringen. Vielmehr wurde in der Nebelkammer gesättigter Wasserdampf durch „adiabatische“ Expansion abgekühlt und dadurch „übersättigt“, so
dass die ionisierten Zerfallsprodukte als Keime die Kondensation zu Nebeltröpfchen bewirken und so
eine Spur der Spaltprodukte erzeugen, wie sie auch die Bahn eines Düsenflugzeugs am Himmel für eine
Weile markieren. Diese Kondensstreifen bilden gewissermaßen den „Fußabdruck“ der Materie.
XV
In der Quantentheorie gilt das Superpositionsprinzip, d.h. mit zwei Wellenfunktionen "1 und "2
(Zuständen) als Lösungen der Schrödinger-Gleichung ist auch deren Überlagerung 1"1+ 2"2, ein möglicher Zustand, wobei 1 und 2 komplexe Zahlen sind.
XVI
Lothar Schäfer: „Versteckte Wirklichkeit“, 2004, Hirzel-Verlag. – Im obigen Zitat steckt eine Übersetzungsschwierigkeit: Weil es im Englischen den Obergriff Wirklichkeit nicht gibt dient reality synonym als ein solcher. Deshalb entspricht dem Begriffspaar Potenzialität – Realität das Begriffspaar potentiality – actuality, das Schäfer hier auch im Deutschen verwendet. Bei der Verwendung von Realität
als Oberbegriff verliert man aber dessen auf Dinglichkeit einschränkende Herkunft von ‚res’. Möglich,
wenn auch weniger klar ist das, weil im Umgangsdeutsch Wirklichkeit und Realität synonym gebraucht
werden.
XVII
Nach den Vorstellungen der modernen Quantenfeldtheorie, in denen sich die Ansichten der theoretischen Physiker von der Realität ausdrücken, hat jedes Feld wie das Gravitationsfeld ein mit ihm assoziiertes Quantenteilchen. Dabei kann man Teilchen- und Kraftfelder unterscheiden, wobei letztere einen
ganzzahligen Spin haben und die Wechselwirkung zwischen den Teilchen vermitteln, die mit einem
halbzahligen Spin versehen sind.
XVIII
„In der Welt der gewöhnlichen Sinneserfahrung ist Kausation durch Information ein so befremdliches Phänomen, weil die einzigen physikalischen Wirkursachen, die wir kennen, energetischer Art
sind und nur ein sich selbst bewusster Geist auf Informationen reagieren kann. Ein sich selbst bewusster
Geist ist aber immer an einen lebenden Organismus gebunden, und man kann sich schwer vorstellen,
was Bewusstsein ohne Bezug zu lebenden Organismen bedeuten könnte. ... Man muss sich an dieser
Stelle auch davor hüten, über das Ziel hinaus zu schießen. Der Begriff `bewusstseinsähnliche Eigenschaften´ (engl. mindlike properties) darf nicht mit psychischen Fähigkeiten verwechselt werden. Er gilt
185
lediglich innerhalb der genauen Definition, das heißt, dass Quantenobjekte in ihrem Verhalten Eigenschaften aufweisen, die sonst nur bei einem sich selbst bewussten Geist angetroffen werden, aber nie in
einem leblosen Gegenstand, wie einem Stein oder einem Holzklotz. Elektronen haben keine Psyche. Sie
können aber mechanisch und ziellos auf die Eingabe von Information reagieren. Das unterscheidet sie
zwar von intelligenten Strukturen, die Informationen systematisch und zweckbewusst für den Erhalt der
Existenz benutzen, wir werden uns aber wegen der rudimentären bewusstseinsartigen Eigenschaften
elementarer Systeme wahrscheinlich trotzdem daran gewöhnen müssen, dass bewusstseinsartige Aspekte, Zustände oder Reaktionen auch ohne Bezug auf Lebewesen wirklich werden können, genauso
wie ein kosmisches Bewusstsein ohne einen menschlichen Körper gedacht werden kann.“ Lothar Schäfer, a.a.O. S. 61f.
XIX
So könnte übrigens die „Quantenrevolution“ den Geisteswissenschaften in der öffentlichen Wahrnehmung einen ganz neuen Stand verschaffen, denn ihnen wird im Vergleich zu den Naturwissenschaften mehr oder weniger unverhohlen der Rang abgesprochen, überhaupt Wissenschaften zu sein.
Arthur Stanley Eddington (1882-1944): „Die Natur des Universums ist die eines Gedankens oder
einer Empfindung in einem kosmischen Geist.“ (The Philosophy of Physical Science, 1939; S.151).
James Hopwood Jeans (1877-1946): „Geist ist Schöpfer und Herrscher im Reich der Materie“ (The
Mysterious Universe, 1931; S.158). John Charlton Polkinghorne (* 16. Oktober 1930): Die „Gegenwart eines Geistes“ ist Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Universums (God´s Action in the
World, Cross Currents, Fall issue. 1991; S.293). John Archibald Wheeler (1911-2008): „Information
sitzt im Kern der Physik, wie sie im Kern eines Computers sitzt.“ (Geons, Black Holes & Quantum
Foam, New York. Springer Verlag; Norton and Comp. 1998, S. 340).
XX
XXI
Was ist das Pauli-Prinzip? –Wir wissen, dass zwischen den Atomen eines Moleküls und sogar
zwischen den Atomkernen und den ihn umgebenden Elektronen vergleichsweise riesige Leerräume
existieren. 99,99% des Raumes innerhalb eines Atoms sind „leer“. Neutrinos zum Beispiel fliegen aus
dem Kosmos durch die Erdkugel hindurch, und nur ein winziger Bruchteil kollidiert dabei mit Teilchen
der Erde. Wieso aber fällt ein Laptop nicht durch die Tischplatte in die Erde hinein? Welche Kraft hindert es daran? Welche Kraft sorgt dafür, dass ein aus dem vierten Stockwerk fallendes Klavier nicht die
Pflastersteine durchschlägt und weiter in die Erde hinein stürzt? Diese Kraft ist das von Wolfgang
Pauli entdeckte Ausschlussprinzip: Es besagt, dass zwei Teilchen mit halbzahligem Spin – z.B.
Elektronen – nicht im gleichen Zustand sein können, während dies bei Teilchen mit ganzzahligem Spin
möglich ist. Der Spin ist dabei der quantisierte Eigendrehimpuls eines Teilchens, der in Einheiten des
Planck’schen Wirkungsquantums gemessen wird. Wenn bei großer Nähe die Orbits ihrer Elektronen zu
sehr ineinander fließen, dann stoßen sie sich ab. Autos schieben die Luft beiseite, Äxte zerreißen Holz,
Bohrer zerspanen Stahl usw. Diese Abstoßung äußert sich in einer unglaublich starken mechanischen
Kraft. Sie wirkt so stark und so absolut, dass es kein physikalisches Maß für diese Kraft gibt. Sie ist da,
und sie wirkt absolut unüberwindbar. – Was ist das Wesen dieser Kraft?
Sie hat kein Feld und damit keine Elastizität, keine Entfernungsabhängigkeit. Sie wirkt ab einer
bestimmten, nicht genau definierbaren Entfernung sofort und absolut.
Sie ist keine Wechselwirkungskraft, sie beruht nicht auf dem Austausch von Quanten wie alle anderen Kräfte. Sie wird deshalb auch „Prinzip“ genannt: Ausschlussprinzip.
Sie beruht auf dem Orbitzustand der Elektronen, also auf ihrem Sein in der Potentialität als unendlich ausgedehnte Wahrscheinlichkeitswelle. Nirgends zeigt sich die wirkende Realität der Wahrscheinlichkeitswelle so real und für jedermann alltäglich spürbar, wie in diesem Prinzip.
Aus diesen Gründen ist das Ausschlussprinzip keine materielle Kraft. Es wirkt zwar in der Materie, geht
jedoch nicht von den wechselwirkenden Eigenschaften der Teilchen aus und wirkt nur in der Potentialität. Es ist eine den Quantenobjekten zugehörige Eigenschaft, die nicht messbar und damit nicht physisch erklärbar ist. Sie ist immateriell. Das Pauli-Prinzip ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die
immaterielle Potentialität und ihre Symmetrien nicht nur die Wahrscheinlichkeit für den Ausgang einzelner Messungen bzw. für den Ablauf einzelner materieller Prozesse bestimmt, sondern den Aufbau
der materiellen Welt überhaupt und das ohne die Wirkung irgendwelcher Kraftfelder, sondern allein
durch ihre Symmetrien gegenüber dem Austausch ununterscheidbarer Teilchen. Das Ausschlussprinzip
ist deshalb nach Schäfer „ein rein geistiges Prinzip“ und ein Beispiel dafür, dass „Geist ebenso wirklich
ist wie die materielle Welt, aber unabhängig von ihr und fähig, auf sie einzuwirken“. zit. nach Lothar
Schäfer, a.a.O.; S. 118 / 119.
186
XXII
Offensichtlich gibt es ein Ahnen des menschlichen Geistes, das schon treffende Einsichten in das
Sein gewinnt, bevor ihm heutige naturwissenschaftliche Methoden zur Verfügung stehen: „Rückblickend erscheint es deshalb bedeutungsvoll, dass schon die frühe Naturphilosophie der Griechen auf der
Suche nach dem dauerhaften, unveränderlichen Sein den Begriff der Substanz erfanden, als das sich nie
ändernde Element und verlässlichen Träger der wechselhaften Erscheinungen der realen Welt. Hieraus
entwickelte sich der Begriff der Materie, der Stoff aus dem alle wirklichen Dinge gemacht sind: kompakt, unzerstörbar und beständig. Als Haupteigenschaft des Stoffs wurden ursprüngliche seine Einheitlichkeit, Unzerstörbarkeit und Festigkeit postuliert. ... Parmenides von Elea (um 540-470 v. Chr.) verknüpfte den Begriff der Materie mit dem des Raumes. Sein heißt `voll´ sein. Sein bedeutet, den Raum
zu füllen ... Nur was ist, ist. Was nicht ist, kann nicht sein und kann nicht gedacht werden. Folglich gibt
es kein Vakuum, weil es nichts ist. – Thales von Milet (um 640 v. Chr.) glaubte, dass Wasser der Urstoff
ist, aus dem alle Stoffe geschaffen wurden. Anaximenes von Milet (um 494 v. Chr.) wählte Luft als das
Urelement der Wirklichkeit, Heraklit (um 540 v. Chr.) das Feuer. Wegen der Vielfalt der sichtbaren
Wirklichkeit schien es Empedokles (um 490 v. Chr. in Sizilien), dass es mehr als eines einzigen Urstoffes
bedarf, um alle Dinge zu erklären; er wählte Feuer, Wasser, Erde und Luft als die vier Elemente, aus
denen die Vielfalt der Dinge durch Mischen hervorgeht. Ähnliche Überlegungen führten Anaxagoras
(um 500 v. Chr. in Ionien) zur Annahme einer unendlichen Zahl von Ursubstanzen, die alle voneinander
verschieden sind und die er die Samen und Keime der Dinge nannte. – Von hier war nur noch ein kleiner
Schritt bis zu Leukipp (um 440 v. Chr. in Milet) und Demokrit (um 430 v. Chr. in Abdera) und der
Atomtheorie: Die Welt besteht aus leerem Raum, Nicht-Sein, und aus Raum füllenden, seienden, kompakten Atomen. Die Atome des Leukipp und des Demokrit haben keine Leere in sich. Sie füllen den
Raum, den sie einnehmen, völlig aus, sind massiv, solide und fest. Sie sind unteilbar. Alle wirklichen
Gegenstände bestehen aus Atomen. Zerfall ist die Dissoziation von Gegenständen in Atome. Die Verbindung zwischen Sein und Nicht-Sein ist wieder wie die zwischen voll und leer. Demokrits Atome
füllen ihren Platz im Raum, haben einen festen Umriss, ihre verschiedenen Anordnungen führen zur
Vielfalt der wahrnehmbaren Qualitäten der Dinge wie Farbe, Geruch und Geschmack. Die Atome besitzen die Qualitäten der Dinge nicht, sondern in den Worten Demokrits: ´Man nimmt freilich Farbiges
als gegeben hin, man nimmt Süßes als gegeben hin, man nimmt Bitteres als gegeben hin, in Wirklichkeit
aber gibt es Atome und Leeres. ... Damit stehen die Bausteine der Dinge im Gegensatz zu den Eigenschaften der Dinge, die in der Erfahrung gegenwärtig sind. Die griechischen Philosophen haben es schon
voraus geahnt: Die Atome sind nicht wie die gewöhnlichen Dinge, die aus ihnen bestehen.“ Zit. nach
Lothar Schäfer, a.a.O., S. 217.
XXIII
Hans Peter Dürr erklärt diesen Gedanken am Modell eines Wollknäuels als Modell einer Welt: „Wir
können mit unserer abgetrennten Welt der Objekte leben. Aber es ist gefährlich zu sagen, das ist es. Da
steckt etwas dahinter! Das Wollknäuel ist etwas sehr kompliziertes. Ist die Wissenschaft nur der aufgewickelte Faden dieses Knäuels, dann mache ich folgenden Fehler: Die kleinen Fusseln sind dasjenige
was das Knäuel zusammenhält. – Wenn ich die verletze oder zerstöre, dann fällt das Knäuel auseinander.
Die Fusseln sind das wesentliche, das aus dem Ganzen etwas mehr als die Summe seiner Teile macht.
Die geistige Welt nimmt eigentlich nur die Fusseln wahr und überhaupt nicht dieses große Ding. Das
kann man auch in die religiöse Sprache übertragen.
Diese Fusseln sind – wir haben kaum Worte – Verbundenheit auszusagen ohne zu sagen, was verbunden
ist. Aber es gibt einige Worte und dazu gehört das Wort Liebe. Liebe drückt Verbundenheit aus. Sie
können also sagen: Eine Welt, aus der Sie die Liebe wegnehmen, ist nur ein aufgewickelter Faden!“
H.P. Dürr: „Wir erleben mehr als wir begreifen“; a.a.O. im Schlussteil des Vortrags.
XXIV
In der Friedmann’schen Näherung für die Lösung der Einstein’schen Gleichung nimmt man im
Sinne des kosmologischen Prinzips an, dass die Massendichte im Weltall konstant ist, was im Großen
und Ganzen mit den Beobachtungen übereinstimmt. Es ist dann c = 3H2/8 G, wobei G die Gravitationskonstante und H die beobachtete Hubble-Konstante ist, welche der Proportionalitätsfaktor zwischen
Entfernung und Fluchtgeschwindigkeit einer Galaxie ist, die aus der Rotverschiebung ihres Lichtes gemäß dem Doppler-Effekt zu entnehmen ist.
XXV
Schon Goethe empfand diese Notwendigkeit, wenn er in „Aufsätze und Rezensionen“ schrieb:
„Denn wozu diente all der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt
ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?“
187
Kapitel 12
„In ihm leben und weben und sind wir ...
Christlicher Glaube im Diskurs mit dem quanten-physikalischen Weltbild
I
„... denn er ist nicht ferne von einem jeden unter uns“ ist ein Zitat des, aus der zilizischen Heimat des
Paulus stammenden, Dichters Aratos von Soloi (um 310-245 v. Chr.) und dessen Lehrgedicht „Phainomena“. Ähnliche Formulierungen finden sich auch im Zeushymnus des Kleanthes und in der Aeneis
(1,250) des Vergil. – Der Verfasser lässt sich auch auf ein weiteres Zitat ein, das den stoischen Pantheismus, der die Denkbarkeit des Kosmos aus dem, Gottheit, Kosmos und Mensch durchwaltenden Logos
ableitet: „Denn in ihm leben und weben (wörtlich: und bewegen uns) und sind wir“. – Ausleger weisen
darauf hin, dass hier das Dichterzitat die Stelle des sonst üblichen Schriftbeweises aus der hebräischen
Bibel einnimmt. Es geht der Areopag-Predigt darum, die Hörer in der Vorstellungswelt abzuholen, die
ihnen vertraut ist, und nicht darum einen heidnischen Pantheismus zu verkünden. – „Wo es keine Distanz mehr zu einem transzendenten Schöpfergott gibt, fällt es entsprechend leicht, von einer Wesensverwandtschaft zwischen Göttern und Menschen zu sprechen, wie es das Zitat tut. ... Das biblische Modell für das, was Lukas mit dem Zitat verbindet, wäre das der Gottebenbildlichkeit des Menschen aus
dem ersten Schöpfungsbericht“ kommentiert Gottfried Schille: Die Apostelgeschichte des Lukas, ThHK
5, Berlin 1983, S. 358f.
II
Hans-Jürgen Fischbeck formuliert: "Potentialitäten als solche haben ... keinen Ort und keine Zeit, es
sei denn, sie werden bei Messungen als Fakten (dann sind sie keine Potentialität mehr) in die Realität
an Ort und Zeit hineingeholt. Zwar hängen Wellenfunktionen von Raum und Zeit ab, sie sind aber als
solche nicht in Raum und Zeit. Sie „leben“ ... in einem abstrakten, nur mathematisch definierten #dimensionalen Raum, dem Hilbert-Raum, und sind auch nur mathematisch fassbar." – Hans-Jürgen
Fischbeck, a.a.O., S. 2.
III
Die quantenphysikalischen Begriffe der Potentialität und Realität erinnern an entsprechende
Begriffsbildungen bei Aristoteles: In seiner Metaphysik existiert „Substanz“ durch alle ihre Aktualitäten, welche aus der Wesenheit (
) hervorgehen. (Vgl. Aristoteles Metaphysik, Holzinger Verlag, Berliner-Ausgabe 2013, S. 85-96). – Das erinnert weiter an die mittelalterliche, scholastische The. Die wurde gelegentlich auch missverstanden. Denn
ologie und ihrer Lehre von der
auf der einen Seite stand ja damals immer das Bestreben, Gott von der Welt, den Schöpfer vom Geschöpf, radikal zu unterscheiden und ihn als unerkennbar zu deklarieren. Auf der anderen Seite aber
suchte man auch den Zusammenhang von Gott und Welt und dementsprechend eine relative Erkennbarkeit Gottes zu behaupten. Der Grundgedanke dieser Analogie bestand darin, in allen Aussagen über Gott
und die Welt eine ausschließlich proportionale Gleichheit festzuhalten: Gott verhält sich zu
seinem Sein wie die Kreatur zu ihrem Sein. (vgl. RGG Bd. 4, S. 911; J.C.B. Mohr / Paul Siebeck). –
Die andere Frage, die in diesem Zusammenhang bedacht wurde, war die Frage danach, wie der Mensch
überhaupt etwas von Gott wissen, spüren, und erfahren kann und die Frage, wie Gott für die Menschen
gegenwärtig wird. (Wir sind dieser Frage schon begegnet als es um die Möglichkeit der „Gleichzeitigkeit“ der geoffenbarten Wahrheit angesichts ihrer zeitbedingten Geschichtlichkeit ging. Jetzt aber geht
es darum, was denn das Wesen der Selbstmitteilung Gottes ausmacht und wie die Gegenwart Gottes
abgelehnt, musste
erfahrbar wird). Die protestantische Theologie hat den Gedanken einer
sich aber immer wieder mit dem hermeneutischen Problem der „Aneigung“ befassen. – Karl Barth
& .
spricht stattdessen von einer
IV
Dies beweisen angeblich die Experimente von Benjamin Libet zu bewussten Willensakten. Sie
zählen schon seit längerer Zeit zu den in der Philosophie am häufigsten diskutierten empirischen Untersuchungen. Die Experimente wurden bereits in den achtziger Jahren veröffentlicht (Libet et al. 1983;
Libet 1985), sind aber zwischenzeitlich verschiedentlich wiederholt und verbessert worden (Keller und
Heckhausen 1990; Haggard und Eimer 1999; Miller und Trevena 2002; Trevena und Miller 2002). In
seinen ursprünglichen Experimenten untersuchte Libet die zeitliche Abfolge zwischen einer einfachen
Handlung, dem dazugehörigen bewussten Willensakt und der Einleitung der Handlung auf der neuronalen Ebene. Im Allgemeinen werden aus seinen Experimenten aber auch Aussagen über die kausalen
Zusammenhänge zwischen diesen Prozessen abgeleitet. Libet zufolge zeigt dies, dass das Gehirn „ 'entscheidet', eine Bewegung, oder zumindest die Vorbereitung einer Bewegung einzuleiten, bevor es irgendein subjektives Bewusstsein davon gibt, dass eine solche Entscheidung stattgefunden hat (Libet
188
1985, 536). – Viele Autoren haben hieraus weit reichende Schlussfolgerungen in Bezug auf die Willensfreiheit gezogen. In ihren Augen zeigen die Libet-Experimente, dass unser Handeln nicht von unseren bewussten Entscheidungen abhängt, sondern von unbewussten Hirnprozessen. Unsere bewussten
Willensakte sind, so diese Autoren, bloßes Beiwerk, das auftritt, nachdem das Gehirn längst festgelegt
hat, was wir tun werden. Von Willensfreiheit könnte daher keine Rede sein. In diesem Sinne bemerkt
etwa Wolfgang Prinz: „Danach scheint es – um es paradox zu formulieren –, als sei die Handlungsentscheidung längst gefallen, wenn die bewusste Intention ausgebildet wird. Wenn das zutrifft, kann die
Handlungsintention nicht die kausale Grundlage der Handlungsentscheidung sein. Vielmehr kommt die
Handlungsentscheidung in anderen Prozessen zustande, die Libet als unbewusst bezeichnet. (Prinz
1996, 99) – Der Einwand gegen die Realität der Willensfreiheit ergibt sich also daraus, dass die LibetExperimente zu zeigen scheinen, dass die Festlegung auf eine bestimmte Handlung nicht durch eine
bewusste Entscheidung der Person, sondern durch einen unbewussten Hirnprozess erfolgt. – Libet selbst
hat aus seinen Experimenten jedoch niemals eine Widerlegung der Willensfreiheit abgeleitet. Er glaubt
nachweisen zu können, dass auch eine durch das Bereitschaftspotential eingeleitete Handlung noch kurz
vor der geplanten Ausführung durch ein bewusstes „Veto gestoppt werden kann. –
Quelle: http://www.philosophieverstaendlich.de/freiheit/aktuell/libet.html. – Zum Ganzen sei auf
die eingehende Kritik der gängigen Deutung des Libet-Experiments durch Brigitte Fal kenbur g hingewiesen: Mythos Determinismus – Wie viel erklärt uns die Hirnforschung? Springer-Verlag Berlin und
Heidelberg, 2012
V
Lothar Schäfer, a.a.O., S. 126f. – Hans-Jürgen Fischbeck verweist auf die immer wieder publik werdenden Nachrichten und Berichte von Todesnähe-Erfahrungen. Er schreibt: „Dass die ontologische
Kategorie Potentialität für das Sein des Bewusstseins und die Wirklichkeit der Seele so bedeutsam ist,
erhellt aus der wohlbegründeten, aber noch nicht allgemein anerkannten Hypothese, dass sich das Gehirn bei Bewusstsein in einem makroskopischen Quantenzustand befindet. Im Licht dieser Hypothese
kann man Bewusstsein und somit das, was man seit jeher Seele nennt, als die Potentialität eben dieses
makroskopischen Quantenzustands ansehen. Das Bewusstsein konstituiert die nicht-dingliche Person
als nicht-dekohärenter makroskopischer Quantenzustand.“ Es ist für Fischbeck deshalb plausibel, anzunehmen, „dass Menschen an der Schwelle des Todes mit ihrer seelischen Potentialität in Kohärenz geraten mit einer übergreifenden Potentialität als einer transpersonalen geistigen Wirklichkeit, die diese
Gemeinsamkeiten vermittelt. Diese kann als die Wirklichkeit Gottes angesehen werden. Hans-Jürgen
Fischbeck: „ Ausflug ins Jenseits"; Manuskript 2003, S. 3.
Vorsichtiger urteilt Lothar Schäfer: „Es kann jetzt nicht entschieden werden, ob der sich selbst bewusste
menschliche Geist außerhalb des Gehirns existiert, ... Seltsamerweise kennen wir für alle Teile unseres
Körpers Sinnesempfindungen – für Füße, Hände, innere Organe, aber nicht für den Geist und das Gehirn. Ob mein eigener Geist dem blinden Zufall oder dem Wirken eines teleonomischen kosmischen
Prinzips entsprungen ist, kann ich jetzt auch nicht entscheiden. Eines ist aber sicher: Ich bin im Besitz
eines Bewusstseins, ja ich bin dieses Bewusstsein, und es ist von hervorragender Bedeutung, ob dieses
Bewusstsein in einer seelenlosen Maschine existiert oder vor einem Hintergrund der Wirklichkeit, der
selbst bewusstseinsähnliche Eigenschaften hat.“ Lothar Schäfer a.a.O., S. 126.
VI
Epistemische Prinzipien geben an, was für eine Person als gegeben und als ein bestimmtes System
von Überzeugungen evident ist. Epistemische Prinzipien geben z.B. an, wie man aufgrund von Überzeugungen in Bezug auf Selbstpräsentierendes (direkt Evidentes) zu gerechtfertigten Überzeugungen in
Bezug auf die Außenwelt (zu indirekt Evidentem) gelangen kann. Quelle: > www.mbph.de, Vorlesung,
Sommer 05, Martine Nida-Rümelin, Vorlesung 6, Chisholm Fortsetzung/ Aprioriziät.
VII
Schon Carl Friedrich von Weizsäcker hat sich mit Yoga und anderen fernöstlichen Vorstellungen
beschäftigt. Und der Quanten-Chemiker Lothar Schäfer dekretiert am Ende seiner aufschlussreichen Studie über die „versteckte Wirklichkeit - Wie uns die Quantenphysik zur Transzendenz führt, die folgende
Schlussfolgerung: „Dies ist das Ende der Suche nach der göttlichen Wirklichkeit ...“; Lothar Schäfer a.a.O.
S. 153.
VIII
Physiker und andere Naturwissenschaftler haben auf Grund ihrer Erkenntnisse längst den Dialog mit
den Religionen, bzw. auch der Philosophie neu aufgenommen. Aus der Zahl der Veröffentlichungen
seien genannt: Werner Heisenberg: Quantentheorie und Philosophie, Reclam Bd. 9948, reprint 2007;
– Erwin Schrödinger: Geist und Materie, Wien/Hamburg 1955; – Carl Friedrich von
Weizsäcker: Die Einheit der Natur, Hanser Vlg. 5. Auflg. 1971; ders. u. Gobi Krishna: Yoga und
die Evolution des Bewusstseins, Crotona Vlg. 1973; – Hans Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik,
Crotona Vlg. 7. Auflg. 2013, sowie weitere allgemeinverständliche Veröffentlichungen des Autors;
189
ders.: Sammelband Physik & Transzendenz mit Beiträgen von D. Bohm, Niels Bohr, Max Bor n,
Albert Einstein, Werner Heisenber g, Pascal J ordan, Wolfgang Pauli, Max Planck,
Erwin Schrödinger und C. F. v. Weizs äcker, Driedinger Vlg., 2. Auflg. 2012. Schließlich
Lothar Schäfer: Versteckte Wirklichkeit, – Wie uns die Quantenphysik zur Transzendenz führt, Hirzel
Vlg. Stuttgart / Leipzig 2004.
IX
Es ist an dieser Stelle des evangelischen Theologen Karl Heim (1874-1958) zu gedenken. Er hat
wohl als erster die philosophische und theologische Relevanz der neuen Quantenphysik erkannt und für
die Theologie und Glaubenslehre fruchtbar gemacht. Zu diesem Zweck arbeitete Karl Heim sowohl am
Problem der Glaubensgewissheit als auch am vermittelnden Gespräch zwischen Glaube und Naturwissenschaft. Die Früchte dieser Arbeit schlugen sich in seinem sechs Bände umfassenden Hauptwerk Der
evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart nieder. Heims Arbeit geschah inmitten, trotz
Chaos von Weltkrieg und Nachkriegszeit neuer, rasch aufeinander folgender Erkenntnisse der theoretischen Physik. Heim hat deshalb in mehreren Auflagen seine Texte teilweise deutlich umgearbeitet. – Es
zeugt von der Blindheit der Fakultäten und (von der Theologie Karl Barths beeinflussten?-?) Fachidiotie
evangelischer Theologen, dass sein Weg der Auseinandersetzung mit der neuen Naturwissenschaft nicht
mitgegangen wurde. Heims Habilitationsschrift trug den Titel: Das Weltbild der Zukunft. Eine Auseinandersetzung zwischen Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie und brachte ihm viel Kritik der
älteren Kollegen ein. Inzwischen ist in einem halben Jahrhundert die naturwissenschaftliche Forschung
vorangekommen und es wäre Zeit, sich über die „Fachgrenzen“ hinweg damit auseinander zu setzen.
X
Helmut Thielicke, Theologie des Heiligen Geistes, Der evangelische Glaube, Grundzüge der Dogmatik III, Mohr/Siebeck, Tübingen1978, S. 3 – Interessant ist: Wenn Hans Peter Dürr von jener „Wirklichkeit hinter der dinglichen Realität spricht, so formuliert er: „Es gibt nichts Seiendes, nichts, was existiert, ... Wir müssten eigentlich ganz anders darüber sprechen. Wir müssten alle Substantive vermeiden
und nur in Verben sprechen. (H. P. Dürr: Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen - Die neue
Beziehung zwischen Religion und Naturwissenschaften; Herder spektrum, Bd. 5486, Freiburg-BaselWien 2.Auflg. 2004, S. 30.) Das entspricht ganz der Beobachtung, die wir an der Struktur und Eigenart
der hebräischen Bibel machten.
XI
Früher stand an dieser Stelle noch das
(d.h. „und dem Sohn ). Im November 2007 wurde
eine Stellungnahme der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) veröffentlicht.
Gemäß dieser Stellungnahme ist die Möglichkeit vorgesehen, „dass in ökumenischen Gottesdiensten
mit Kirchen, bei denen das Nicäno-Constantinopolitanum (NC) ohne Filioque in Gebrauch ist, auch
lutherische Christen und Christinnen das NC ohne Filioque sprechen können. Nach einer ökumenischen
Übereinkunft wurde dies lange Zeit umstrittene „! =
um der ökumenischen Gemeinschaft mit den
orthodoxen Kirchen willen vor ein paar Jahren zur Disposition gestellt. – In der päpstlichen Erklärung
über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche vom 6. August
2000 wird das Nicäno-Constantinopolitanum ohne das ! = rezipiert.
XII
Klassischer Ausdruck für diese Vorstellung ist Spinozas Satz „
. Daraus ergibt sich
unter Annahme von Spinozas Satz „vom aus sich heraus zu begreifenden Seienden“, dass es nur eine
einzige Substanz geben könne. Diese Substanz ist daraus folgend mit all ihren Eigenschaften unendlich
und absolut und wurde von Spinoza mit Gott gleichgesetzt. „
ist eine von Baruch
« (Band
Spinoza in seinem, 1677 postum erschienenen Werk »+
I „Von Gott“) verwendete Formulierung, die auch vom Pantheismus aufgegriffen (Gott = Welt) beziehungsweise abgewandelt wurde (Gott = Leben des Weltalls). – Baruch de Spinoza: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Bartuschat, Verlag Meiner,
Hamburg 2007.
XIII
Matthias Kroeger schreibt: „Um das Verständnis des Durch- und Ausbruchs aus dem theistischen
Gottesverständnis ... begrifflich zu klären und zu erleichtern, möchte ich die Konsequenz dieses Vorgangs zunächst ganz neutral als „Non-Theis mus benennen. ... Mit diesem unbelasteten, über Theismus und Atheismus hinaus weisenden Begriff kann man neue religiöse Varianten und Möglichkeiten
des religiösen oder „Gott -Verständnisses benennen und freilegen, die von den Konnotationen sowohl
des Theismus als auch des Atheismus entlasten. ... Daher die heute allenthalben symptomatische Sympathie für buddhistische Motive und deren geheime Wanderung durch die westliche Welt; denn der
Buddhismus ist – jedenfalls im Urbuddhismus und im „kleinen Fahrzeug und dann wieder im Zen –
die große Weltreligion, die die religiöse Erfahrung der religiösen Tiefe aller Dinge, auch unserer selbst,
führt, ohne dabei den Glauben an einen Gott zu verlangen oder vorauszusetzen. ... „Matthias Kroeger,
190
Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche, Kohlhammer Vlg. 2005/2.
Auflage, S.87 f.
„Die ersten Überlegungen, das Konzept der Komplementarität über die Grenzen der Erkenntnisweise
der Physik hinaus auch für die anderen Wissenschaften fruchtbar zu machen, stammen von Bohr selbst.
So schlug er beispielsweise vor, das Konzept der Komplementarität zur Klärung von verschiedenen
philosophischen und psychologischen Problemen wie zum Beispiel dem Leib-Seele-Problem, der Frage
nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit und Liebe oder auch dem Verhältnis verschiedener menschlicher
Kulturen und den Schwierigkeiten ihrer Beobachtung heranzuziehen und in Hinsicht auf diese Problemstellungen konstruktiv anzuwenden.“23 – In einem Vortrag auf dem Internationalen Kongress für Anthropologie und Ethnologie in Kopenhagen24, der 1939 in der Zeitschrift ‚Nature‘25 erschien, übertrug
Bohr den Gedanken schlagwortartig auf Biologie, Mathematik, Ethnologie und Psychologie. In einem
Vortrag ‚Einheit des Wissens‘ 26 von 1954 empfiehlt Bohr den Begriff sogar der Theologie27 und
meint, dass Gerechtigkeit und Nächstenliebe in den Religionen ein klassisches Beispiel für Komplementarität seien.28 Auch das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube sei ein komplementäres.29 Nach
John Baillie sagte Bohr in seinen ‚Clifford Lectures‘ 1949 „I think you theologians should make much
more use than you are doing of the principle of Complementarity“30 („Ich denke, dass ihr Theologen
viel mehr Gebrauch von dem Prinzip der Komplementarität machen solltet, als ihr es tut.). Text bei
Schirrmacher a.a.O, S.6.
XIV
XV
Matthias Kroeger nimmt diese Frage in seiner non-theistischen Theologie couragiert auf, wenn er
schreibt: „Es gehört zu den Möglichkeiten des religiösen Mutes, dass er – im völligen Bewusstsein des
ungegenständlichen und überpersönlichen (non-theistischen) Göttlichen und im klaren Wissen, dass es
keine separate Gottheit gibt – ins Dunkel der diffusen und zwielichtigen Erfahrung hinein, die wir ständig machen, die Ansprache des ´Du` wagen kann: ´Du` – ´wer immer Du seist, ... .` Im Übrigen aber
bleibt es bei der Feuerbach´schen These, dass „Gott ein Bild ist, „das Menschen sich auf Grund von
Erfahrung (immerhin! der Verfasser) gemacht und an den Himmel geworfen haben. Personalität ist
auch bei Kroeger „ein Bild, eine Projektion, die wir uns machen (denn das ´Geheimnis` ´ist` keine Person), – allerdings eine begründete, denn das Geheimnis ist, bzw. es wirkt personal. Matthias Kroeger,
a.a.O. S. 105 f.
XVI
Darin besteht auch der Sinn der Meditations- und Einkehrwochen, wie sie in Klöstern oder auch
von Zen-Meistern jetzt überall angeboten werden. – Man muss sich aber klar machen, dass diese, dem
Buddhismus entstammenden, Meditationsmethoden auch einen religiösen „Überbau" haben. Der Buddhismus sieht das menschliche Leben als ein großes Leiden, das eben durch meditative Übungen eine
Entweltlichung erfährt mit dem Ziel einer schließlich und endlich erlösenden Rückkehr in das Große
und Ganze des Nirwanas. Wiedergeburt ist Strafe für verfehlte Reinigung. Deshalb ist die angemessenste Weise den Weg des Buddhas zu gehen, der Gang ins Klosterleben. – Entweltlichung war ja auch
das ursprüngliche Ziel christlichen Klosterlebens. Die röm.-kath. Kirche hat aber später dem Ordensleben einen anderen Sinn zu verleihen gesucht, indem Ordensleute in der Krankenpflege oder im Schulwesen, in der kirchlichen Verkündigung und inzwischen in vielen sozialen Berufen tätig wurden, wozu
das Ordensleben von den bürgerlichen Pflichten in Ehe und Familie freistellen konnte. Die Reformation
hat sich von den Klöstern ganz verabschiedet.