Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen

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Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung
im Bündnerromanischen
In questo contributo saranno esaminati i verbi della percezione sensoriale nel romancio dei Grigioni in prospettiva sincronica e diacronica. La situazione del romancio viene inquadrata nel
contesto delle lingue confinanti: l’italiano, il francese e (per certi aspetti) il tedesco. Si osserva
una gerarchia dei sensi con il senso visivo al primo posto, e questa predominanza si manifesta
tramite un’alta frequenza e una maggiore differenziazione dei verbi rispettivi.
Nei settori della percezione visiva, auditiva e tattile, un’opposizione [+ intenzione/-intenzione] determina la struttura dei rispettivi campi semantici.
In conclusione, il romancio dei Grigioni si presenta in questo settore del lessico (come in tanti
altri) come un’area linguistica in parte omogenea, in parte differenziata. Sul piano sincronico,
le concordanze con le lingue romanze confinanti sono solo parziali; certi tipi lessicali erano invece più diffusi nel passato.
Una latinità particolare (post-classica) sta alla base del tipo pan-grigionese titulare (tedlar,
tadlar ‘ascoltare’). Il surs. mirar ‘guardare’ (⬍ mirare) rispetto al tipo *wardon delle altre regioni (come dell’italiano e del francese) continua invece un tipo lessicale del latino classico.
1. Vorbemerkungen
Sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen sind zentrale Erfahrungen von
Mensch und Tier. Entsprechend spielen auch die sprachlichen Reflexe dieser Vorgänge im Wortschatz aller Sprachen eine wichtige Rolle. Die Hierarchie innerhalb
der fünf Sinne, die sich in der traditionellen Reihung spiegelt, ist jedoch keine absolute. Für den Maler ist das Sehen, für den Musiker das Hören, für den Hund das
Riechen, für den Tastevin das Schmecken und für den Masseur oder den Reiter
das Fühlen (Spüren) von hervorragender Bedeutung. Allerdings privilegiert die
Sprache (jedenfalls in den hier im Vordergrund stehenden romanischen und germanischen Sprachen) deutlich die Sinne des Sehens und Hörens vor den übrigen
Arten der Wahrnehmung. Das zeigt sich darin, dass für diese Bereiche eindeutig
auf die jeweilige Funktion bezogene Lexeme bestehen, während in den Sinnbezirken des Riechens, Schmeckens und Fühlens vielfach Überschneidungen und
Synkretismen zu beobachten sind. Die hervorragende Bedeutung des Gesichtssinns schlägt sich zudem in einer grossen Zahl von Lexemen nieder, die diesen Bereich viel stärker differenzieren, als es in den Sinnbezirken der übrigen Sinne der
Fall ist.
In der Folge möchte ich die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen beschreiben, in ihrer dialektalen Verteilung und in ihrem Verhältnis
zu den Nachbarsprachen Französisch, Italienisch und Deutsch. In historischer
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Sicht interessiert die Frage nach Kontinuität der lateinischen Basis oder Innovation, auch dies vor dem Hintergrund des Sprachvergleichs.
Das Textcorpus, von dem die folgende Untersuchung ausgeht, besteht aus Texten (vorwiegend Prosa) im Umfang von ca. 200 bis 300 Seiten in den Idiomen Surselvisch, Sutselvisch, Surmiran und Vallader. Eine statistische Auswertung dieses
Corpus wäre nur sinnvoll, wenn man von ein und demselben Text in den verschiedenen Idiomen ausgehen könnte: gleicher Inhalt, gleicher Umfang. Da so etwas
nicht existiert, geben die exzerpierten Texte einen nur teilweise repräsentativen
Eindruck von Häufigkeit und Verwendung der Verben der sinnlichen Wahrnehmung. Immerhin sind sie umfangreich genug, um ein approximatives Gesamtbild
der sprachlichen Reflexe dieses Sinnbezirks in den einzelnen Idiomen des Bündnerromanischen zu vermitteln.
Für das Surselvische wurde Toni Halter, Caumsura (1967) exzerpiert. Da im
Sutselvischen kein entsprechend ausführlicher Text vorliegt, habe ich nebst der
Novelle von Curo Mani, Igl mastral da la gaglegna (1956), die 1965 vom gleichen
Autor herausgegebene Anthologie Scrivànts sutsilvans (Prosa und Verse) und den
Beitrag La tradiziun populara da Schons exzerpiert, den Tumasch Dolf und Steafen Loringett in AnSR 43 (1929):61-173 publiziert hatten1. Das Surmiran ist
durch die Novelas von P. Alexander Lozza (1961) vertreten, das Vallader durch
La rumur dal flüm von Oscar Peer (1999)2.
2. Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung
im heutigen Bündnerromanischen
2.1 Bestandesaufnahme
Die folgenden Tabellen listen die hauptsächlichen Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen in der Reihenfolge «sehen», «hören», «riechen», «schmecken», «fühlen» auf. Die Verben werden im Hinblick auf eine historische und geographische Interpretation schon hier den jeweiligen etymologischen
Typen zugeordnet. In den zwei letzten Zeilen werden italienische und französische
Entsprechungen angeführt3.
1 Diese drei Texte werden mit den Abkürzungen SS (Scrivànts sutsilvans), MG (Mastral da la
gaglegna) und Ann. 43 (Tradiziun populara da Schons) zitiert.
2 Auf das Exzerpieren eines oberengadinischen Textes (puter) wurde verzichtet, da keine
grossen Abweichungen vom Vallader zu erwarten waren.
3 Die Formen in Klammer sind in den exzerpierten Texten nicht belegt, figurieren aber in den
Wörterbüchern.
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
Visuelle Wahrnehmung
VIDERE
MIRARE (-ARI)
*WARDON
CERNERE
surs. veser, ver
mirar
vurdar
tschearner
surm. veir
vurdar
tscherner
put. (vair)
(guarder)
vall. verer
guardar
tscharner
suts. ver
it. vedere
ait. und dial. mirare
fr. voir
guardare
ait.undliterarisch
cernere
regarder
Akustische Wahrnehmung
*AUDIRE
SENTIRE
TITULARE
surs. udir
tedlar
suts. udir
surm.
taclar, tarlar
santeir
tadlar
put. (udir)
(tadler)
vall. dudir
tadlar
it. udire (alt und lit.)
sentire
ascoltare, sentire
fr. entendre
écouter
Geruchliche Wahrnehmung
*SAPORIARE
*FRAGRITARE
*OSMARE
intr. ‘Geruch ausströmen’
surs. suarar
ferdar
suts. savurar
fardar
surm. suarar
put. (savurer)
vall. savurar
tr. ‘riechen, einen
Geruch aufnehmen’
surs.
ferdar
suts.
fardar
ismar
surm. (suarar)
ismar
put. (savurer)
(ösner)
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Geruchliche Wahrnehmung
*SAPORIARE
*FRAGRITARE
vall. savurar
*OSMARE
(ösnar)
it. intr. sentire di, avere un odore di, odorare;
tr. sentire (l’odore), odorare
fr. intr. sentir (bon, mauvais . . .);
tr. sentir, flairer
Geschmackliche Wahrnehmung
GUSTARE
*EXAGIARE
intr. ‘es schmeckt’
allg. gustar, put. guster
tr. ‘kosten, versuchen’
(allg. gustar, put. guster in älterer Sprache)
surs. schigiar
(suts. schigear, sagear, ansagear)
(surm. sager)
(put. insajer)
(vall. insajar)
it. intr. sapere di, aver sapore di,
tr. assaggiare, degustare
fr. intr. sentir (le brûlé . . .),
tr. goûter, déguster
Taktile Wahrnehmung
*TOCCARE
PALPARE
SENTIRE
surs. tuccar
palpar
sentir
suts. (tutgear)
palpar
santir
surm. tutgier
palpar
santeir
put. (tucher)
(palper)
(sentir)
vall. toccar, tocker
palpar
sentir
it. toccare
palpare, tastare
sentire, provare
fr. toucher
tâter
sentir
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2.2 Frequenz der Lexeme
Die eingangs angesprochene Hierarchie der Sinne, in der das Sehen an erster, das
Hören an zweiter Stelle steht, spiegelt sich in der Frequenz der zugehörigen Lexeme wider. Veser, mirar, udir, tedlar4 sind mit Abstand die häufigsten Verben der
sinnlichen Wahrnehmung.
In Peer, Flüm (296p.) kommt verer 379 mal, guardar 114 mal, dudir 144 mal, tadlar 20 mal vor, in Halter, Caumsura (255p.) veser, ver 90 mal, mirar 92 mal, udir 34
mal, tedlar 23 mal. Lozza, Novelas (173p.) hat 106 veir, 98 vurdar, 26 santeir ‘hören’
und 15 tadlar. In den sutselvischen Texten (197p.) ist ver 158 mal, vurdar 83 mal,
udir 56 mal und taclar/tarlar 19 mal vertreten. Wie bereits bemerkt sind diese Zahlen nur bedingt vergleichbar. Das extrem häufige Vorkommen von verer bei Peer
dürfte auch mit dem Charakter des Textes zusammenhängen: La rumur dal flüm
ist ein Werk der Erinnerung, eine Rückschau, in der Sehen, aber auch Hören, eine
zentrale Rolle spielt. Auf jeden Fall wird deutlich, dass die vier genannten Verben
in allen Idiomen die weitaus grösste Frequenz aufweisen.
Im Bereich des Sehens treten in unseren Texten eine Reihe weiterer, deutlich
schwachfrequentiger Verben auf, während für das Hören keiner von ihnen auch
nur ein einziges über das Paar udir – tedlar hinausgehendes Lexem enthält.
Unter diesen Verben, die teils nur in einem, teils in verschiedenen Idiomen belegt sind, zeichnet sich eine Gruppe ab, die man als expressiv markierte Ausdrücke
für «schauen» (mirar, guardar) qualifizieren kann5.
Am schwächsten expressiv markiert ist der am besten vertretene Typus dieser
Gruppe, vall. tschüttar ‘blicken, schauen, gucken’ (9 Belege), surm. tgitar (4), suts.
tgitar (16). Stärker markiert sind drei in unseren Texten ausschliesslich bei Peer belegte Verben: cuccar ‘gucken’ (6)6, spüffar ‘gaffen, glotzen’ (8) und splintriar ‘blinzeln’ (2)7.
Eher am Rande des Feldes der Verben der visuellen Wahrnehmung liegt das bei
Lozza zweimal belegte spiunar ‘ausfindig machen, auskundschaften’.
Für «erblicken, gewahr werden» hat ganz Romanischbünden ausser dem Engadin einen Typus, der in der Surselva tscharner (3), in der Sutselva tschearner (2)
und im Surmeir tscherner (3) lautet. In unserem Material nur im Surmiran zweimal belegt ist diglier8, im Sursilvan einmal engartar9.
Während die drei letzten Verben eine punktuelle Handlung bezeichnen, eignet
den allgemein verbreiteten Verben fixar ‘fixieren’, contemplar ‘betrachten’, observar ‘beobachten’ ein duratives Element. Fixar figuriert in unserem Material je ein4 Surselvische Formen stellvertretend für die oben aufgelisteten Verhältnisse in ganz Romanischbünden.
5 Zu Herkunft und geographischer Einordnung dieser Typen cf. unten 3.
6 Cf. surs. cuchegiar, DRG 4:313.
7 Peer 1962 splintrar ‘nach der Art des Kurzsichtigen angestrengt irgendwo hinschauen’.
8 Cf. DRG 1:101s., FEW 1:37.
9 Cf. DRG 5:619.
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mal im Sutsilvan, im Surmiran und im Vallader, 7 mal im Sursilvan. Contemplar ist
6 mal im Surselvischen, 3 mal im Surmiran belegt, observar 15 mal im Surselvischen, 5 mal im Surmiran und 9 mal im Vallader.
Eine ähnlich spärliche Frequenz wie die eben beschriebenen Verben weisen die
verbalen Fügungen auf, die visuelle Wahrnehmung ausdrücken.
An erster Stelle stehen Fügungen mit dem polyvalenten Verb dar, das in Verbindung mit Ausdrücken für «Auge», «Blick» zu Phraseologismen führt, die dt. ins
Auge fassen, einen Blick werfen auf etw. entsprechen.
Dar ögl ‘erblicken’ (vall.) ist in unserem Corpus nur einmal belegt10. Häufiger
ist vall. dar ün’ögliada (4), surm. dar en’iglieida (2), suts. dar egn’iglieada (1) ‘einen
Blick werfen auf’ (mit verschiedenen Präpositionen). Dar ün cuc (gleiche Bedeutung) findet sich 4 mal bei Peer und ist laut Wörterbüchern11 auch surselvisch
geläufig. Vall. dar ün tschüt, surm. dar en tgit ‘einen Blick werfen auf’ sind in den
Wörterbüchern verzeichnet, fehlen jedoch in unserem Material, wo nur suts. dar
en tgit einmal bezeugt ist. In Peer, Flüm findet sich jedoch (einmal) dar tschüt in
der spezifischen Bedeutung ‘im Stall nachsehen, ob alles in Ordnung ist’. Im selben Text kommt dozar l’ögliada ‘aufblicken’ dreimal vor. Vereinzelt ist surm. betg
tschancunar egl ‘kein Auge abwenden von’, bei Lozza einmal belegt12.
Keine der bisher verzeichneten verbalen Fügungen ist in unserem surselvischen
Text belegt. Dagegen begegnen die folgenden Verbalverbindungen ausschliesslich
hier: prender en mira ‘ins Auge fassen’ (1), pren mira! ‘sieh da, schau!’ (1, nur Imperativ), tener mirau ‘im Auge behalten’ (3), tener observau (1, gleiche Bedeutung).
2.3 Die Opposition [+ Intention]/[– Intention] bei «sehen», «hören» und «fühlen»
In den Bereichen «sehen» und «hören» weisen je zwei Verben eine hohe Frequenz
auf. Sie stehen zueinander in einer Opposition, die auf Vorhandensein oder Abwesenheit eines Sems «Intentionalität» beruht. Der Typus videre vertritt in ganz Romanischbünden das Sehen ohne Intentionalität. Für das intentionale Sehen (Schauen) hat das Sursilvan mirar,alle anderen Idiome Repräsentanten des Typus *wardon.
Auch im Bereich der akustischen Wahrnehmung gilt dieselbe Opposition: Hören
ohne Intention wird im ganzen Gebiet vom Typus audire abgedeckt (ausser surm.
santeir, was ein Italianismus sein dürfte), während das intentionale Hören (Horchen) hier einen in der heutigen Romania singulären Typus titulare aufweist13.
Die Opposition [+ Intention]/[– Intention] beherrscht auch den Bereich der taktilen Wahrnehmung. Hier stehen dem Typus sentire für das nicht-intentionale
Fühlen zwei Typen mit dem Merkmal [+ Intention] gegenüber: *toccare und palpare. Alle drei Verben sind in sämtlichen Idiomen belegt.
10
11
12
13
Cf. DRG 5:70.
DRG 4:311, Decurtins 2001 s. cuc.
Cf. Decurtins 2001 s. tschuncanar: buca tschuncanar giu in egl.
Zur Verbreitung dieses Typus und zur historischen Semantik cf. Liver (im Druck).
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
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2.4 Die Bereiche der geruchlichen und geschmacklichen Wahrnehmung
Anders als die besprochenen Bereiche, in denen die Opposition [+ Intention]/
[– Intention] die Hauptrolle spielt, sind die Sinnbezirke des Riechens und
Schmeckens organisiert. Während dort das Verb immer transitiv und das Subjekt
persönlich ist,ein Individuum,das etwas sieht,hört oder spürt,wird hier ein und dasselbe Lexem einerseits intransitiv, mit der Bedeutung ‘einen Geruch/Geschmack
abgeben’, andererseits transitiv, mit der Bedeutung ‘einen Geruch/Geschmack aufnehmen’ verwendet. Im Ganzen bietet sich in diesen Bereichen ein weniger einheitliches Bild als im Fall der visuellen, akustischen und taktilen Wahrnehmung.
Für «riechen», und zwar sowohl intr. ‘nach etwas riechen, duften’ als auch tr. ‘etwas riechen’ haben das Surselvische und das Sutselvische ferdar/fardar. Beide
Idiome kennen jedoch auch den Typus *saporiare, der in ganz Romanischbünden
herrscht. Im Surselvischen ist suarar (3. savura) auf den intransitiven Gebrauch beschränkt, während suts. savurar laut den Wörterbüchern auch transitiv sein kann.
In den übrigen Idiomen, die heute keine Spuren von *fragritare aufweisen14,
haben die Vertreter des Typus *saporiare beide Funktionen.
Alle Idiome ausser dem Surselvischen kennen ferner ein spezifischeres Verb für
‘wittern’: suts./surm. ismar, put. ösner, vall. ösnar. Wie surs. ferdar (und fr. flairer,
deutsch wittern) wird es auch figurativ für ‘vorausahnen’ verwendet.
Im Bereich der geschmacklichen Wahrnehmung, der in unserem Material sehr
mager belegt ist, hat sich in der heutigen Sprache eine klare Verteilung von intr.
‘schmecken’ und tr. ‘kosten’ auf zwei unterschiedliche lexikalische Typen herausgebildet. Während in älterer Sprache die Vertreter von gustare beide Funktionen
abdeckten, sind diese heute im ganzen Gebiet weitgehend auf die intransitive
Funktion beschränkt15. Für tr. ‘kosten’ gilt der Typus *exagiare: surs. schigiar, 3.
schagia, vall. insajar etc.16
3. Die bündnerromanischen Verben
der sinnlichen Wahrnehmung in der Romania
3.1 Vorbemerkungen
Im folgenden werden die bündnerromanischen Verben der sinnlichen Wahrnehmung, die unter 2. beschrieben wurden, in einen geographischen und historischen
Kontext eingeordnet. Dabei wird sich zeigen, dass Romanischbünden zum Teil mit
seinen Nachbarsprachen (Italienisch und Französisch) übereinstimmt, in mancher
Hinsicht aber auch eigene Wege geht. Oft ergeben sich Übereinstimmungen nicht
14
15
16
Cf. DRG 6:202-05.
Cf. DRG 7:1089s.
Cf. DRG 9:290-92.
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auf der Ebene der heutigen Schriftsprachen, sondern mit einzelnen Dialekten
oder mit früheren Sprachstufen. Bevor aus diesem Befund (der auch für andere
Bereiche der bündnerromanischen Lexik gilt) allgemeinere Folgerungen gezogen
werden, gilt es die entsprechenden Einordnungen von Fall zu Fall vorzunehmen.
Neben romanischen Gemeinsamkeiten spielt zuweilen auch die enge Nachbarschaft mit dem Deutschen eine Rolle.
Wir folgen wiederum der traditionellen Hierarchie der Sinne, die vom Sehen
und Hören über das Riechen und Schmecken zum Fühlen geht.
3.2 Visuelle Wahrnehmung
Die beiden zentralen Verben in diesem Bereich, die sich, wie dargelegt, in die Opposition [+ Intention]/[– Intention] teilen, entsprechen weitgehend ihren Äquivalenten in den Nachbarsprachen. Für das nicht-intentionale Sehen hat ganz Romanischbünden Fortsetzer von lat. videre, in Übereinstimmung mit it. vedere und fr.
voir. Für das intentionale Schauen herrscht in allen Idiomen ausser dem Surselvischen der ursprünglich germanische Typus *wardon, wie it. guardare, fr. regarder.
Im Surselvischen hat sich der ältere, lateinische Typus mirare erhalten17, der auch
im Spanischen und im Altitalienischen (neben guardare) für das intentionale
Sehen steht. Laut AIS I:6 («Guarda come assomiglia sua madre!») ist der Typus
mirare auch in ligurischen, toskanischen und korsischen Dialekten gegenwärtig.
Unter den weniger frequenten Verben für «schauen», die wir als expressiv markiert bezeichnet haben, steht an erster Stelle vall. tschüttar, surm./suts. tgitar. Der
Hinweis von HR 955, «Ableitung von onomat. *cutt-», ist nicht sehr aufschlussreich. Parallelen zu tschüttar finden sich im Alpinlombardischen (Veltlin,
Poschiavo) und im Dolomitenladinischen18, nicht aber in weiteren Dialekten der
Italo- und der Galloromania. Wenn die Interpretation von Kramer, EWD 2:98
richtig ist, handelt es sich um eine Ableitung von gad. cevìta ‘Käuzchen’ (und den
Entsprechungen in weiteren dolomitenladinischen Dialekten; cf. it. civetta), das
seinerseits auf ein Schallwort kyu zurückgeführt wird: «Das Blinzeln der Eule bei
hellem Licht lieferte den semantischen Anknüpfungspunkt zur Verbalableitung».
Wie sich tschüttar/tgitar lautlich zu allg. br. tschuetta ‘Eule’ verhält, müsste noch untersucht werden19.
17 Mirar ist das normale Verb für ‘schauen’. Daneben kennt das Surselvische aber auch uardar,
das vor allem in der Interjektion uarda! ‘schau da!’ vorkommt, aber sehr viel seltener ist als mirar.
18 Gard. ciutië ‘schauen, gucken’ (Forni 2002), bad. ciutié ‘heimlich schauen’ (Mischì 2000),
mar. ciütié ‘gucken, spähen’ (Videsott/Plangg 1998). Für fass. ciutèr geben Dellantonio Tajina/
Vögeli 1998 die Bedeutungen ‘sporgere; spuntare; sbocciare; apparire; comparire; nascere’. Das
Substantiv cintea ‘spioncino’ weist allerdings auf eine Grundbedeutung ‘hervorgucken’ hin.
19 Wie erklärt sich die Palatalisierung von u? Ist der Anlaut in surm./suts. tgitar eine Hyperkorrektion?
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
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Auf jeden Fall besteht, semantisch gesehen, eine Parallele zu vall. spüffar (in gewissen eng. Dialekten auch püffar, püffer) ‘glotzen’, das als Ableitung von püv
⬍ bubo ‘Uhu’ eine romanische Neubildung mit lateinischem Material darstellt.
Ausserhalb des Engadinischen lassen sich keine Entsprechungen dieses Lexems
ausmachen.
Drei weitere Verben für «schauen» mit expressiver Markierung weisen deutsches Wortmaterial auf. Dt. gucken liegt vall. cuccar zugrunde. Der Typus ist in ganz
Romanischbünden und in westschweizerischen und oberitalienischen Mundarten
verbreitet20. Vall. splintrar ‘nach der Art des Kurzsichtigen angestrengt irgendwo
hinschauen’ (bei Peer, Flüm splintriar) ist eine Ableitung des Adjektivs splinter,
put. plinter, blinder, das nach HR 822 auf dt. blind bzw. Blinder zurückgeht. Die für
ein Adjektiv auffällige Form auf -er könnte mit dem Ausdruck blinder ‘der Blinde’
im Kinderspiel zusammenhängen (HR 822), am ehesten in einer tirolischen Variante, denn im Schweizerdeutschen ist die Endung -er nicht zu erwarten. Auf tirolischen Ursprung weisen auch die Lautungen p und t. Eine neuere Entlehnung aus
dem Deutschen ist spiunar (nach dt. spionieren), das Lozza in der Bedeutung ‘(mit
dem Fernrohr) beobachten’ verwendet. Die Anwendung auf die visuelle Wahrnehmung ist bei dem in ganz Romanischbünden geläufigen Verb grundsätzlich
immer möglich; sie ist jedoch nicht zentral21.
Neuentlehnungen aus dem Lateinischen nach dem Vorbild teils romanischer
Nachbarsprachen, teils des Deutschen sind die Verben observar ‘beobachten’, contemplar ‘betrachten’ und fixar ‘fixieren’.
Von den in unserem Material ziemlich schwach belegten Verben für ‘erblicken,
gewahr werden’ führt das verbreitetste einen lateinischen Typus weiter, das zweite ist eine romanische Neubildung mit lateinischem Material und das dritte ist in
seiner Herkunft nicht geklärt.
Lat. cernere, dessen Grundbedeutung ‘scheiden, sondern’ ist (wie griech.
νω), hat die übertragenen Bedeutungen ‘unterscheiden, wahrnehmen’, vor allem mit den Augen, vorklassisch auch ‘hören’, ferner ‘geistig wahrnehmen, erkennen’. Die Bedeutung ‘wahrnehmen, erblicken’ lebt in surs. tscharner, suts. tschearner, surm. tscherner weiter22. Dies scheint in der Romania einzigartig zu sein. Im
allgemeinen knüpfen die romanischen Mundarten an die konkret-technische Bedeutung ‘ausscheiden, sieben’ an, so auch surs. tscharner ‘brechen (der Milch)’23,
oder dann an die Bedeutung ‘wählen, auswählen’.
20 Cf. DRG 4:313, FEW 16:97. In der Surselva und in Mittelbünden ist die Entlehnung aus dem
Deutschen durch das lateinische Suffix -idiare (resp. dessen romanische Reflexe) in die einheimische Sprache integriert: surs. cuchegiar, surm. cucager.
21 Surs. laghegiar ‘spähen, lauern’ (in unserem Material nicht belegt) ist eine Ableitung mit
dem Suffix -idiare von schwdt. luegen. Cf. DRG 10:292-98.
22 In unserem Material in diesen drei Idiomen belegt. Auch die Wörterbücher des Surselvischen und Sutselvischen weisen diese Bedeutung aus, während bei Sonder/Grisch nur die
Bedeutungen ‘wählen, auslesen, auswählen’ verzeichnet sind.
23 Cf. Decurtins 2001:1140, REW 1832, FEW 2:606. Auch im AIS (cf. Index p. 112s. cernere)
finden sich lauter konkret-technische Verwendungen, nebst der Bedeutung ‘wählen’.
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Ricarda Liver
Die romanische Neubildung *adoculare hat in mehreren romanischen Sprachen Spuren hinterlassen, Verben der visuellen Wahrnehmung in verschiedenen
Bedeutungen24. Im Bündnerromanischen ist es vor allem das Surmiran, das in der
Form diglier ‘erblicken’ diese Basis auch heute weiterführt25.
Surs. engartar ‘wahrnehmen, erblicken’ hat auch die Bedeutung ‘erwischen, ertappen’. Die Herkunft des Verbs, das auf das surselvische und sutselvische Gebiet
beschränkt ist, ist bis heute ungeklärt geblieben. Eine Entlehnung aus dem Deutschen steht in allen bisher gemachten Vorschlägen im Vordergrund. DRG 5:619
optiert eher für dt. ergattern als für mhd. ane-geraten, das Genelin 1900:16 vorgeschlagen hatte. Ähnlich HR 291. Die Anknüpfung an ergattern überzeugt jedoch
weder lautlich noch semantisch. Eine Verbindung mit dt. geraten, die von der reflexiven Verwendung s’engartar ‘in etwas hineingeraten’ gestützt wird, erscheint
sehr viel plausibler. Dass dt. geraten ebenfalls die Basis von surs. gartegiar, put.
gratager, vall. gratiar abgibt, ist nicht zwingend ein Hindernis für die Annahme
einer zweiten Entlehnung desselben deutschen Verbs in anderer Bedeutung.
Ein weiterer Ausdruck für ‘wahrnehmen’ im Surselvischen und Sutselvischen (in
unserem Material nicht belegt) ist cattar ad agur (avur)26.Lat.augurium scheint hier
in der Bedeutung ‘Vorzeichen’ zugrundezuliegen. Ascoli 1880-83:515: «È ‘captare
ad augurium’,che si è via via ridotto,nell’ordine ideologico,a ‘stare in osservazione’,
‘osservare’, ‘percepire’, ‘scorgere’».
3.3 Akustische Wahrnehmung
Der Bereich der akustischen Wahrnehmung ist lexikalisch viel weniger differenziert als derjenige der visuellen Wahrnehmung. Alle rätoromanischen Idiome weisen je ein Verb für ‘hören’ (– Intention) und eines für ‘hören, horchen’ (+ Intention) auf. Die bündnerromanischen Verben für nicht-intentionales Hören gehen
sämtliche auf lat. audire zurück, mit Ausnahme von surm. santeir. Hier scheint sich
der Einfluss von it. sentire bemerkbar zu machen, das im heutigen Italienischen
älteres und literarisches udire ersetzt.
Für das intentionale Hören (‘horchen, hinhören’) haben alle bündnerromanischen Idiome den Typus titulare, der auf eine besondere Latinität Rätiens hinweist. Parallelen in benachbarten alpinlombardischen Dialekten, die allerdings
mehrheitlich älteren Sprachstufen angehören, belegen eine grössere Verbreitung
des Typus in früherer Zeit. Ich habe die Wortgeschichte von brom. tedlar an anderer
Stelle ausführlicher beschrieben27.Als Fazit bleibt die Feststellung, dass lat. titula24 REW 189, FEW 1:37. Span. aojar ‘durch den bösen Blick verhexen’ ist eine besonders spektakuläre Weiterentwicklung dieser Basis.
25 Cf. DRG 1:101s., wo auch oberitalienische Parallelen verzeichnet sind.
26 Cf. DRG 1:140s.
27 Cf. Liver (im Druck).
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
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re im Bündnerromanischen und in einigen benachbarten alpinlombardischen Dialekten eine Entwicklung durchlaufen hat, die von der Bedeutung ‘mit einem Merkzeichen versehen’ zu ‘aufmerken’ und von dort zu ‘hören, horchen’ geführt hat.
Das Bündnerromanische steht damit in der lexikalischen Abdeckung des Sinnbezirks «auditive Wahrnehmung» einzigartig da.Was die strukturelle Organisation
dieses Bezirks angeht, verhält sich das Rätoromanische wie das Französische und
das Schweizerdeutsche, wo sich die Lexeme für nicht-intentionale und für intentionale Wahrnehmung jeweils in äquipollenter Opposition gegenüberstehen: weder kann sich fr. entendre auf den Bereich von écouter ausdehnen, noch schwdt.
ghöre auf den von lose. Dagegen weist das Italienische eine partizipative Opposition auf: sentire kann für ascoltare eintreten.
3.4 Geruchliche Wahrnehmung
Zweierlei fällt in diesem Bereich auf:
– Die im Bündnerromanischen vorherrschenden Verben, die auf die Typen *saporiare und *fragritare zurückgehen, sind in gewissen Gebieten sowohl intransitiv (‘einen Geruch ausströmen, riechen nach’) als auch transitiv (‘einen
Geruch wahrnehmen, riechen’).
– Die lexikalische Kontinuität vom Latein zum Romanischen ist geringer als in
anderen Bereichen.
Der in ganz Romanischbünden vertretene Typus *saporiare transponiert eine lexikalische Basis, die sich im klassischen Latein auf den Geschmackssinn bezieht
(sapor), in den Bereich des Riechens28. In der Surselva und in Mittelbünden ist
suarar/savurar auf die intransitive Verwendung beschränkt, im Engadin ist es sowohl intransitiv als auch transitiv.
Surs. ferdar, suts. fardar, das wahrscheinlich auf *fragritare zurückgeht29, knüpft
zwar an eine lateinische Basis an, die mit Geruch zu tun hat (fragrare), weitet jedoch die im Lateinischen nur intransitive Verwendung auf transitiv ‘riechen’ aus.
Auch die Nachbarsprachen Italienisch und Französisch haben sich in diesem
Bereich weitgehend von den lateinischen Verhältnissen entfernt. Beide verwenden die Fortsetzer von lat. sentire, das dort für sämtliche Sinneswahrnehmungen
zuständig ist, sowohl intransitiv (‘riechen nach’) als auch transitiv (‘etw. riechen,
einen Geruch aufnehmen’). Das Italienische setzt zudem lat. odorari in intransitiver und transitiver Verwendung fort. Fr. flairer ⬍ fragrare ist heute auf die transitive Verwendung beschränkt, während im Altfranzösischen auch die im Lateinischen alleinherrschende intransitive Bedeutung galt30.
Dasselbe geschieht in schwdt. schmöcke ‘riechen’.
Cf. DRG 6:204s.
30 Gut belegt im Sprichwort Qui de bons est, souef flaire «Wer von Guten abstammt, riecht
gut». Cf. TPMA 5:289 s. GUT (Adj.).
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Aus dem jagdsprachlichen Sektor stammt suts./surm. ismar ‘wittern’ (vall. ösnar,
in unserem Corpus nicht vertreten), das wie span. husmear auf den Gräzismus *osmare (zu griech. σμ¸ ‘Geruch, Duft’) zurückgeht. Der Typus ist auch in italienischen Dialekten weit verbreitet, nicht nur in Oberitalien, sondern südwärts bis in
die Gegend von Neapel31.
3.5 Geschmackliche Wahrnehmung
Die Belege für die Verben der Wahrnehmung in diesem Bereich sind in unserem
Corpus nur ganz spärlich vertreten; zum Teil fehlen sie ganz.
Intrans. ‘schmecken’ (‘es schmeckt’) wird in ganz Romanischbünden durch
gustar ⬍ gustare ausgedrückt32. Im Lateinischen ist gustare dagegen nur transitiv.
Für das transitive ‘einen Geschmack wahrnehmen, kosten’ hat das Surselvische
eine romanische Neubildung mit lateinischem Material, schigiar ⬍ *exagiare (zu
exagium ‘Wägen, Gewicht’). Der Worttypus, teils mit dem Präfix in- versehen, ist
im ganzen bünderromanischen Gebiet belegt33. Damit stimmt das Bündnerromanische im transitiven Gebrauch mit dem Italienischen überein (assaggiare). Das
Französische bevorzugt goûter (so auch span. gustar).
Für intrans. ‘es schmeckt’ hat keine der Nachbarsprachen eine Fortsetzung von
gustare: it. sapere (di), avere un sapore di, fr. avoir un goût de, sentir qc.
3.6 Taktile Wahrnehmung
Für aktives ‘tasten, befühlen’ stehen im Bündnerromanischen zwei etymologische
Typen zur Verfügung: palpare ⬎ allg. palpar, put. palper ‘betasten’ und *toccare
(von einer onomat. Basis *tokk-) ⬎ surs. tuccar, suts. tutgear, surm. tutgier, put. tucher, vall. toccar, tocker ‘berühren’.
Palpar hat wie seine lateinische Basis gegenüber tuccar eine semantische Komponente des intensiven und länger anhaltenden Berührens. Lat. palpare bezeichnet das liebkosende Berühren, leichte Streicheln oder Klopfen, z. B. des Halses
eines Pferdes, mit der flachen Hand (palma).
Für das passive Erfahren einer Wahrnehmung durch den Tastsinn, ‘fühlen,
spüren’, haben sämtliche bündnerromanischen Idiome Reflexe von lat. sentire.
Dabei ist oft nicht auszumachen, ob sentir ein konkret-sinnliches Spüren meint
oder ein abstraktes Merken, Empfinden. Dasselbe gilt im Übrigen für ‘sehen’, das
sowohl die konkrete visuelle Wahrnehmung als auch das geistige Erfassen aus31
32
33
Cf. AIS III:520. D’Ambra s. osemare.
Cf. DRG 7:1089s.
Cf. DRG 9:290-92. Suts. schigear, sagear, ansagear, surm. sager, put. insajer, vall. insajar.
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
79
drückt, und für ‘hören’, das neben der auditiven Wahrnehmung oft ein davon abgelöstes Erfahren, Vernehmen meint.
Was die Einbettung der bündnerromanischen Verben der taktilen Wahrnehmung in die italienische und französische Nachbarschaft angeht, gibt es wenig
Unterschiede. Die Typen sentire und *toccare sind beiderorts gut verankert. palpare dagegen ist nur in Italien erbwörtlich.
Der Typus *tastare, der in beiden Nachbarländern vorkommt (ital. tastare, fr.
tâter und Ableitungen), fehlt in Romanischbünden. Oberengadinisch taster (Pallioppi) dürfte ein ephemerer Italianismus sein.
4. Auswertung
4.1 Das Bündnerromanische im Vergleich mit den Nachbarsprachen
Was semantische Oppositionen und grammatische Funktionen angeht, stimmen
die Verben der sinnlichen Wahrnehmung des Bündnerromanischen weitgehend
mit denen der Nachbarsprachen Italienisch und Französisch überein. Dabei sind
allerdings die lexikalischen Typen, die jeweils die vergleichbaren Positionen besetzen, nur teilweise dieselben.
Die beschriebene zentrale Opposition zwischen nicht-intentionaler und intentionaler Wahrnehmung, die im Bündnerromanischen die Bereiche der visuellen,
auditiven und taktilen Wahrnehmung strukturiert, findet sich auch im Italienischen und Französischen wieder (cf. oben 2.3).Wir fassen die Ergebnisse nochmals
tabellarisch zusammen:
«sehen»
BR
IT
FR
– Intention
surs. ver, veser
vedere
voir
guardare
regarder
suts. ver
surm. veir
put. vair
vall. verer
+ Intention
surs. mirar
suts. vurdar
surm. vurdar
put. guarder
vall. guardar
80
Ricarda Liver
«hören»
BR
IT
FR
– Intention
surs. udir
sentire
entendre
ascoltare (sentire)
écouter
BR
IT
FR
– Intention
surs. sentir
sentire
sentir
toccare
toucher
palpare, tastare
tâter
suts. udir
surm. santeir
put. udir
vall. dudir
+ Intention
surs. tedlar
suts. taclar, tarlar
surm. tadlar
put. tadler
vall. tadlar
«fühlen»
suts. santir
surm. santeir
put. sentir
vall. sentir
+ Intention
surs. tuccar
suts. tutgear
surm. tutgier
put. tucher
vall. toccar, tocker
allg. palpar, put. palper
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
81
In den Bereichen der geruchlichen und geschmacklichen Wahrnehmung sind die
Übereinstimmungen zwischen dem Bündnerromanischen und den Nachbarsprachen weniger deutlich (cf. oben 2.4.):
«riechen»
BR
IT
FR
Intransitiv
surs. suarar, ferdar
sentire
sentir
sentire
sentir
fiutare
flairer
BR
IT
FR
Intransitiv
allg. gustar, put. guster
sapere, aver sapore
sentir
Transitiv
surs. schigiar
assagiare
goûter, déguster
suts. savurar, fardar
surm. suarar
put. savurer
vall. savurar
Transitiv «riechen»
surs. ferdar
suts. fardar
surm. suarar
put. savurer
vall. savurar
Transitiv «wittern»
surs. ferdar
suts. ismar
surm. ismar
put. ösner
vall. ösnar
«schmecken»
suts. schigear, sagear, ansagear
surm. sager
put. insajer
vall. insajar
82
Ricarda Liver
4.2 Historische Schichtung der etymologischen Typen
Die etymologischen Typen, die den bündnerromanischen Verben der sinnlichen
Wahrnehmung zugrunde liegen, lassen sich in die folgenden Kategorien einreihen:
1. Lateinische Kontinuität
2. Romanische Neubildungen mit lateinischem Material
3. Germanismen
4. Neuere Entlehnungen aus dem Latein oder aus Nachbarsprachen
5. Onomatopöen
6. Unsicheres
Mehr als die Hälfte der hier registrierten Typen gehören den beiden ersten Kategorien an. Das bedeutet, dass der Anteil lateinischen Wortguts, sei es klassisch,
spätantik oder frühromanisch, sehr hoch ist. Gerade bei den zentralen und hochfrequentigen unter den Verben der sinnlichen Wahrnehmung dominiert die lateinische Kontinuität: videre, mirare, cernere, audire, gustare, palpare, sentire
sind mit relativ geringen Bedeutungsveränderungen im Bündnerromanischen erhalten. Eine Ausnahme bildet einzig das germanische *wardon, das wie in Italien
und Frankreich in den meisten Teilen Romanischbündens (ausser in der Surselva,
wo mirare erhalten ist) die Basis für die Verben des intentionalen Sehens abgibt.
titulare und der in lateinischen Quellen nicht belegte Gräzismus *osmare sind
Zeugnisse einer besonderen, sicher späteren Latinität, die sich im Bündnerromanischen deutlicher als in den romanischen Nachbarsprachen durchgesetzt hat.
Romanische Neubildungen mit lateinischem Material sind *adoculare, *exagiare, *fragritare und *saporiare, ferner die Ableitung von bubo, die zu vall.
spüffar führt.
Neben dem erwähnten wichtigen Germanismus *wardon haben die wohl jüngeren Entlehnungen aus dt. gucken (vall. cuccar) und blind (vall. splintrar, splintriar) eher marginale Bedeutung.
Bei neueren Entlehnungen wie contemplar, observar, fixar, spiunar ist es kaum
möglich, Weg und Zeit der Entlehnung (aus dem Latein, dem Deutschen, aus romanischen Nachbarsprachen) mit Sicherheit auszumachen. Dagegen dürfte die
Herkunft von surm. santeir ‘hören’ aus dem Italienischen sicher sein.
Während der lautmalerische Ursprung von *toccare plausibel ist und allgemein
angenommen wird, bleibt im Fall von vall. tschüttar und dessen mittelbündnerischen Entsprechungen noch einiges offen. Die Onomatopöie, die dem Basiswort
(tschuetta) zugrundeliegt, ist jedenfalls in der verbalen Ableitung verdunkelt. Ungeklärt ist die Etymologie von surs. engartar; eine Entlehnung aus dem Deutschen
(resp. Schweizerdeutschen) steht im Vordergrund der bisherigen Vorschläge (cf.
oben 3.2).
Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung im Bündnerromanischen
83
4.3 Bilanz
Der Ausschnitt aus dem bündnerromanischen Wortschatz, den wir hier dargestellt
haben, ergibt in geographischer und historischer Hinsicht ein Gesamtbild, das sich
in die bekannte Charakteristik des Bündnerromanischen einfügt. Eine starke lateinische Substanz liefert die Basis für die zentralen Verben der sinnlichen Wahrnehmung. Einziger (alter) Germanismus in diesem Kernbereich, in dem ganz
Romanischbünden mit Ausnahme der Surselva mit dem Italienischen und Französischen übereinstimmt, ist *wardon. Die Surselva bewahrt mit mirare (wie
Spanien) eine ältere lateinische Basis. Einzigartig in der heutigen Romania ist
titulare für das intentionale Hören.
Auch was die in den Bereichen «sehen», «hören» und «fühlen» grundlegende
Opposition zwischen einer nicht-intentionalen und einer intentionalen Wahrnehmung angeht, bewegt sich das Bündnerromanische durchaus im Rahmen der benachbarten Sprachen, wenn auch einzelne Positionen dort ausdrucksseitig anders
besetzt sind.
Zuweilen weisen dialektale Parallelen ausserhalb Graubündens auf eine früher
weitergehende Verbreitung gewisser Worttypen hin, so bei mirare (cf. oben p. 74)
und *osmare (cf. oben p. 78), wo Spuren in verschiedenen, zum Teil entfernten italienischen Dialekten erkennbar sind. Im Falle von titulare beschränken sich die
Spuren für eine grössere Ausdehnung des Typus auf benachbarte alpinlombardische Gebiete.
Die Verteilung der Worttypen innerhalb des Bündnerromanischen ist ungleich.
Bekanntlich verlaufen die inneren Grenzlinien im bündnerromanischen Kontinuum auf allen Ebenen der Sprache sehr unterschiedlich34.
In mehreren Bereichen des Sinnbezirks «sinnliche Wahrnehmung» ist jedoch
das ganze bündnerromanische Gebiet homogen, so für «sehen» (– Intention) videre, «hören» (– Intention) audire, «hören» (+ Intention) titulare, «schmecken»
intr. gustare, «schmecken» tr. *exagiare, «fühlen» (– Intention) sentire, «fühlen»
(+ Intention) *toccare, palpare.
Das Surselvische erweist sich vielfach als von den anderen Dialektgebieten
verschieden: mirare ‘schauen’ ist heute auf diesen Raum begrenzt. Andererseits
fehlen im Surselvischen Spuren von *osmare und solche des Typus, der vall.
tschüttar, surm./suts. tgitar zugrunde liegt. Letzterer setzt sich über das Bündnerromanische hinaus ins Alpinlombardische und Dolomitenladinische fort (cf. oben
p. 74).
Surselvisch und Sutselvisch gehen zusammen in der Verwendung von *fragritare (ferdar, fardar), das in diesen Gebieten (und nur hier) transitives «riechen»
allein vertritt, während es im intransitiven Gebrauch neben suarar, savurar steht.
Im Gesamtbild des Sinnbezirks der Verben der sinnlichen Wahrnehmung, geographisch und historisch betrachtet, erweist sich Romanischbünden als eine
34
Cf. Liver 1999:44s.
84
Ricarda Liver
Sprachlandschaft, die in sich selbst in unterschiedlicher Weise gekammert ist, eingebunden in ein komplexes Kontinuum einer besonderen alpinen Latinität, in dem
es heute in mancher Hinsicht eine Sonderstellung innehat.
Lützelflüh
Ricarda Liver
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