Einkreuzung in der Rassehundezucht

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Einkreuzung in der Rassehundezucht
Foto: farbkombinat
WISSEN
Emotionen &
Kontroversen:
Kreuzungsmodelle
beim Hund
VON DR. IRENE SOMMERFELD-STUR
Es ist ein spannendes Thema zwischen Emotionen und Kontro­
versen: Die Einkreuzung in der Rassehundezucht. Doch obwohl
schon so viele Hunderassen unter den bekannten negativen gesund­
heitlichen Folgen des Reinrassigkeitsdogmas leiden (Stichwort
Qualzuchten), werden weiterhin nasenlose Krüppel wie der Mops
oder Dalmatiner mit Blasensteinen gezüchtet und ist die Ein­
kreuzung – oft letzter Ausweg, eine Rasse zu retten – bei vielen
Züchtern weiterhin ein No­go. Die Expertin für Tierzucht und
Genetik, Prof. Dr. Irene Sommerfeld­Stur, über ein heißes und doch
so wichtiges Thema, das unsere Rassehunde betrifft.
K
aum ein Thema wird in der
Rassehundezucht so emotional und kontrovers behandelt
wie das Thema Kreuzungen. Genau
genommen sind Kreuzungen in der
Rassehundezucht gar kein Thema,
denn der Großteil der Rassehundezüchter ist von den Vorzügen und
der Notwendigkeit der absoluten
Reinrassigkeit ihrer Hunde überzeugt.
Outcross zur »Blutauffrischung« wird
gelegentlich erwogen oder sogar
durchgeführt, aber auch dabei bleibt
man üblicherweise in der eigenen
12 | Hundemagazin WUFF 10/2014
Rasse, greift gerade eben mal auf
Hunde aus einer anderen Linie oder
aus einem anderen Land zurück.
Unter den Konsequenzen dieses
Reinrassigkeitsdogmas leiden heute
fast alle Rassen. Das hohe Inzuchtniveau und die zum Teil schon extrem
reduzierte genetische Vielfalt sind
eine unausweichliche Folge der langfristigen Zucht in geschlossenen
Rassepopulationen. Durch Selektion,
Zufall und den übermäßigen Zuchteinsatz einzelner Rüden gehen von
Generation zu Generation immer
mehr Gene in einer Rasse verloren.
Und Gene, die aus einer Zuchtpopulation einmal verschwunden sind,
sind irreversibel verloren.
Inzuchtdepressionserscheinungen wie
erhöhte Krankheitsanfälligkeit insbesondere in Bezug auf immunologische
Erkrankungen, herabgesetzte Fruchtbarkeit, geringere Lebenserwartung,
aber auch die Anhäufung von rezessiven Defektgenen sind die Konsequenzen. Haben in der Vergangenheit
noch gelegentliche »inoffizielle«
Einkreuzungen - ob beabsichtigt
oder unbeabsichtigt - die genetische
Varianz einzelner Rassen immer wieder mal etwas erweitert, so ist durch
die Möglichkeit der DNA-basierten
Abstammungskontrolle auch dieser
Ausweg kaum mehr relevant.
Trotz all der bekannten und negativen
Konsequenzen der Reinzucht ist
Kreuzungszucht für die meisten
Hundezüchter ein absolutes »No Go«.
WISSEN
Dabei ist Kreuzungszucht einfach nur
ein Zuchtverfahren, das genau so wie
Selektionszucht oder Linienzucht eine
Möglichkeit bietet, bestimmte Ziele in
der Zucht zu erreichen.
Unterschiede zwischen Reinzucht
und Kreuzungszucht
Bei Reinzucht steigt der Anteil homozygoter Genorte. Und dies bei gleichzeitiger Selektion insbesondere bei
den Genorten, die einem Selektionsdruck ausgesetzt sind. Das hat den
Vorteil, dass die Hunde einer Rasse
einheitlicher werden in Bezug auf die
selektierten Merkmale. Auch werden Merkmale, in denen Zuchttiere
homozygot sind, sicherer an die Nachkommen weitergegeben. Der Nachteil
der Reinzucht liegt in der Inzuchtdepression, die sich aus der schlechteren
Fitness der ingezüchteten Tiere und
aus der Häufung rezessiver Defektgene ergibt.
Davon abgesehen ist die Kreuzungszucht eine sinnvolle züchterische
Maßnahme, die sowohl in der Tierzucht als auch in der Pflanzenzucht
ständig genutzt wird. Auch in der
Hundezucht hat sich die Kreuzungszucht inzwischen in einem gewissen
Umfang etabliert. Wütend bekämpft
von konservativen Reinrassigkeits-
Foto: Nikolai Tsvetkov
Bei der Kreuzungszucht passiert
genau das Gegenteil. Der Anteil
heterozygoter Genorte steigt, und
damit auch die genetische Varianz der
Population. Damit werden die Hunde
uneinheitlicher in ihrem Aussehen
und ihren Eigenschaften, Merkmale
werden nicht mehr so sicher an die
Nachkommen vererbt. Dafür kommt
der so genannte Heterosiseffekt zum
Tragen, der zu einer allgemeinen Verbesserung der Fitness führt. Aber es
sind auch Risiken mit der Kreuzungszucht verbunden. So birgt jede Einkreuzung das Risiko des Importes von
unerwünschten Genen. Speziell rezessive Defektgene können bei einem
Kreuzungspartner in heterozygoter
und damit unerkannter Form vorliegen
und sich dann in der Population verbreiten.
Durch den übermäßigen Zuchteinsatz einzelner Champion­Rüden gehen von
Generation zu Generation immer mehr Gene in einer Rasse verloren.
fanatikern, aber doch von immer
mehr Züchtern in Betracht gezogen
angesichts der Probleme, die mit der
langfristigen Reinzucht verbunden
sind.
Es gibt diverse definierte Kreuzungsverfahren, die je nach dem erwünschten Ziel eingesetzt werden können.
Dabei liegt der Schwerpunkt entweder auf der Erzielung eines unspezifischen Heterosiseffektes und/oder
auf der Nutzung eines spezifischen
Kombinationseffektes. Sie werden im
Folgenden beschrieben.
Die Veredelungskreuzung
Soll nur die genetische Varianz einer
Population vergrößert werden, ist das
Mittel der Wahl die sogenannte Veredelungskreuzung. Das Prinzip einer
Veredelungskreuzung besteht darin,
gelegentlich Vatertiere aus einer
anderen Population einzukreuzen. Die
Kreuzungsnachkommen werden dann
wieder mit Tieren aus der Ausgangspopulation gepaart. Je nach Bedarf
können solche Veredelungskreuzungen immer wieder mal durchgeführt
werden. Als Kreuzungspartner sollte
man eine Rasse wählen, die der Ausgangsrasse in wesentlichen Merkmalen ähnlich ist. Die besten Kreuzungspartner aus einer passenden Rasse
sind ältere, gesunde Rüden, die schon
so viele Nachkommen mit bekanntem
Phänotyp haben, dass ihr Zuchtwert
bzw. auch ihre allfällige genetische
Belastung gut eingeschätzt werden
kann.
Leider ist das leichter gesagt als
getan. Denn da Kreuzungen in der
Rassehundezucht verpönt sind, findet
man auch kaum einen reinrassigen
Rüden, der die genannten Voraussetzungen erfüllt und dann auch noch für
ein Kreuzungsprojekt zur Verfügung
gestellt würde. Denn in den meisten
Rassezuchtverbänden ist es explizit
verboten, dass Rüden für Kreuzungen
eingesetzt werden. Und ein Rüdenbesitzer, der seinen Rüden trotz
dieses Verbotes eine Hündin einer
anderen Rasse decken lässt, riskiert im
schlimmsten Fall einen Ausschluss aus
dem Zuchtverband.
Hundemagazin WUFF 10/2014 | 13
Foto: Dirk Schäfer
WISSEN
Das „Pro­Kromfohrländer­Projekt“
basiert auf dem Prinzip der
Veredelungskreuzung.
Eine andere Gruppe von Züchtern
der gleichen Rasse entschied sich
für einen etwas anderen Weg der
Einkreuzung (www.igrk-kromfohrlaender.de). Um speziell das rauhaarige
Haarkleid mit dem erwünschten Bart
zu erhalten, beruht dieses Konzept
auf einer Einkreuzung sowohl von
Hunden anderer rauhaariger Rassen
als auch von rauhaarigen Mischlingen.
Dabei wird darauf Wert gelegt, dass
die Kreuzungen auf einer breiten Basis
durchgeführt werden.
»Landpinscher« (http://oesterreichischerpinscher.blogspot.co.at/p/projektziele.html). Zur Einkreuzung werden dort sogenannte »Landpinscher«
verwendet, die als Voraussetzung vor
allem phänotypische Ähnlichkeit mit
dem österreichischen Pinscher mitbringen müssen und die bei der Rasse
vorgeschriebenen Gesundheits- und
Wesensüberprüfungen absolvieren
müssen. Die Gefahr liegt hier darin,
dass von diesen Landpinschern in
den meisten Fällen keine Abstammungsinformationen bekannt sind und
damit die Gefahr des Importes von
unerwünschten Genen relativ groß
ist. Auch bei dem Landpinscherprojekt wird bei den Einkreuzungen auf
Vielfalt gesetzt. Es werden also nicht
nur einzelne Kreuzungspartner eingesetzt, sondern die Kreuzungen finden
auf breiter Basis statt. Nach fünf
Generationen können die Nachkommen in das Zuchtbuch eingetragen
werden. In den wenigen Jahren seit
Beginn des Kreuzungsprojektes ist es
immerhin bereits gelungen, nicht nur
den durchschnittlichen Inzuchtkoeffizienten der Rasse zu senken, sondern
auch die Anzahl der geborenen und
aufgezogenen Welpen zu vergrößern
(WETZSTEIN, 2009).
Einen noch etwas anderen Weg
gingen die Züchter des österreichischen Pinschers mit dem Projekt
Alle drei Konzepte sind gangbare
Wege zur Erweiterung der
genetischen Vielfalt von Rassen mit
Foto: Eriklam
Kreuzungsprojekt Kromfohrländer
und Österreichische Pinscher
Ein Kreuzungsprojekt, das auf dem
Prinzip der Veredelungskreuzung
basiert und in dem Kreuzungspartner einer passenden Rasse auch zur
Verfügung stehen, ist das „Pro-Kromfohrländer-Projekt“ (www.pro-kromfohrlaender-zucht.de). Der Kromfohrländer ist eine Rasse, die schon
von ihrer Entstehung her mit einer
sehr engen genetischen Basis belastet
war. Denn genau genommen sind nur
zwei Hunde die Gründer dieser Rasse.
Zahlreiche genetische Erkrankungen,
die in dieser Rasse auftreten, sind
die direkte Folge des hohen Inzuchtniveaus. Eine Gruppe von Kromfohrländerzüchtern ist den Weg der
Veredelungskreuzung gegangen und
hat als passende Kreuzungsrasse den
Dansk Svensk Gardhund ausgewählt.
Eine Rasse, die sowohl vom Aussehen
als auch von ihren sonstigen Eigenschaften sich nicht allzu sehr von den
Kromfohrländern unterscheidet. Dabei
werden Kreuzungen nur bei einem
kleinen Teil der Population durchgeführt. Kreuzungstiere werden über
drei Generationen mit reinrassigen
Kromfohrländern gepaart, bevor die
Nachkommen nach einer Prüfung des
Phänotyps in das Zuchtbuch eingetragen werden.
Die Züchter des österreichischen Pinschers verwendeten „Landpinscher“ zur Einkreuzung.
14 | Hundemagazin WUFF 10/2014
Foto: Dogs
WISSEN
Foto: Farinoza
Bei den sogenannten LUA­
Dalmatinern wurden zur
Verbesserung der
Gesundheit Pointer
eingekreuzt.
zu hohem Inzuchtniveau und damit
zur Verbesserung der Fitness und
der genetischen Gesundheit dieser
Rassen.
ist der Kombinationseffekt bereits in
der ersten Kreuzungsgeneration zu
erwarten, bei rezessiven Merkmalen
frühestens in der zweiten.
Die Kombinationskreuzung
Die Kombinationskreuzung ist immer
dann verwendbar, wenn es darum
geht, in eine bestehende Rasse ein
definiertes neues Merkmal hineinzubringen. Die Vorgehensweise ist
im Prinzip die gleiche wie bei der
Veredelungskreuzung, nur dass der
Kreuzungspartner gezielt in Hinblick
auf ein oder mehrere ganz bestimmte
Merkmale ausgewählt wird und sich
die Einkreuzung üblicherweise auf eine
Generation beschränkt. In Bezug auf
die Merkmale, die immigriert werden
sollen, ist zu beachten, ob es sich um
dominante oder rezessive Merkmale
handelt. Bei dominanten Merkmalen
Die LUA-Dalmatiner
Dalmatiner haben ein Problem. Ein
Transportmechanismus, der bei
anderen Hunden die beim Abbau von
Proteinen entstandene Harnsäure zu
einem Enzym bringt, das die Harnsäure zu Allantoin abbaut, ist bei ihnen
defekt. Dadurch wird die Harnsäure
nicht abgebaut, sondern mit dem
Harn ausgeschieden und es kommt
zu der sogenannten Hyperuricosurie,
die mit einem erhöhten Risiko der
Bildung von Blasensteinen verbunden
ist. Die Mutation, die für den genannten Transportdefekt verantwortlich
ist, wird rezessiv vererbt. Da aber alle
Dalmatiner die Mutation in homo-
zygoter Form tragen, sind auch alle
von der Hyperuricosurie betroffen
und damit auch alle von der Neigung
zur Bildung von Harnsteinen. Das
Gen, dessen Mutation für die Hyperuricosurie verantwortlich ist, wurde
inzwischen auf molekulargenetischer
Ebene als SLC2A9 identifiziert
(BANNASCH et al., 2008). Es wird
auch als »hua«-Gen bezeichnet, wobei
»hua« für »high uric acid« steht.
Im Jahr 1973 hatte der amerikanische
Genetiker Robert Schaible eine Idee.
Er kreuzte eine Dalmatinerhündin mit
einem Pointerrüden. Der Pointerrüde
war im SLC2A9-Gen homozygot für
das Normalgen. Die Nachkommen
aus dieser Kreuzung waren alle
heterozygot und hatten damit auch
einen normalen Purinstoffwechsel.
Wegen ihres niedrigen Gehaltes
Hundemagazin WUFF 10/2014 | 15
WISSEN
an Harnsäure im Urin wurden diese Dalmatiner als LUA (Low Uric
Acid)-Dalmatiner bezeichnet. Bei
Rückkreuzungen mit reinen Dalmatinern waren 50% heterozygote
und gesunde und 50% homozygote Hunde mit Hyperuricosurie zu
erwarten. Bei Kreuzungen der LUAs
untereinander sind 25% homozygote
und 50% heterozygote LUAs und 25%
homozygote mit Hyperuricosurie zu
erwarten. Um sicherzustellen, dass
das LUA-Gen nicht im Rahmen der
Rückkreuzungen mit reinen Dalmatinern wieder verloren geht, wurde bei
Zuchttieren vor dem Zuchteinsatz der
Harnsäurespiegel im Urin untersucht
und nur mit Hunden mit niedrigem
Harnsäurewert gezüchtet. Seit der
Verfügbarkeit eines Gentests ist der
Erhalt des LUA Gens, aber auch die
Zucht von Hunden mit sicher niedrigem Harnsäurespiegel, noch einfacher
geworden.
Die Tabelle 1 zeigt die Genotypen
der Nachkommen der möglichen
Paarungen. Der Trick bei dieser Form
der Kombinationskreuzung ist der,
dass man in jeder Rückkreuzungs-
Tabelle 1:
Dalmatiner
F1
F1 mal F1
F1 mal Dalmatiner
LUA/LUA
hua/hua
LUA/hua
LUA/LUA
LUA/hua
hua/hua
LUA/hua
hua/hua
Schaibles Projekt wurde von den
Dalmatinerzüchtern lange Zeit weltweit abgelehnt, LUA-Dalmatiner wurden als Mischlinge angesehen, obwohl
sie vom Phänotyp von anderen
Dalmatinern nicht zu unterscheiden
waren. Erst seit kurzem werden LUADalmatiner als Dalmatiner anerkannt
Foto: Kavita
Pointer
generation solche Hunde nimmt, die
das LUA-Gen in homozygoter oder
heterozygoter Form tragen und vom
Rassetyp am meisten dem Dalmatiner
entsprechen. Damit werden außer
dem LUA-Gen sehr schnell alle Merkmale des Pointers verdrängt, während
das dominante Lua-Gen erhalten
bleibt. Die Tabelle 2 zeigt, wie schnell
die Dalmatinergene wieder die Oberhand gewinnen. Bereits nach 6 Generationen ist nur mehr weniger als 1%
»Pointerblut« in den LUAs.
„Corgiboxern“ sah man
in der 3. Generation
die Einkreuzung
des Corgis nicht mehr an.
16 | Hundemagazin WUFF 10/2014
Foto: Antje Lindert-Rottke
WISSEN
Seit einiger Zeit werden bei den Labrador Retrievern immer wieder solche mit der Farbe „Silber“ angeboten.
Tabelle 2:
Rückkreuzungsgeneration
Anteil Dalmatiner
Anteil Pointer
1
75
25
2
87,5
12,5
3
93,75
6,25
4
96,88
3,12
5
98,39
1,61
6
99,2
0,80
und den Dalmatinerzüchtern steht
damit die Möglichkeit offen, Dalmatiner ohne die Schrecken der Uratsteinbildung zu züchten (http://luadalmatiner.blogspot.co.at).
Ja mei, was bist du denn
für einer ?
Der Corgiboxer
Eine vergleichbare Idee hatte der
britische Genetiker und Boxerzüchter
Bruce Cattanach (www.steynmere.
co.uk). Als Boxerfan der alten Schule
WIR FINDEN´S
ärgerte er sich darüber, dass nach
dem Kupierverbot Boxer nach seinem Gefühl nicht mehr so richtig wie
Boxer aussahen. Sein Lösungsansatz bestand in der Immigration des
dominanten Gens für angeborene
Schwanzlosigkeit. Als Kreuzungsrasse
wählte er den Welsh Corgi Pembroke.
In der ersten Kreuzungsgeneration
sahen die Hunde in etwa so aus, wie
man sich Mischlinge aus einem Boxer
und einem Corgi vorstellt: kurzbeinig
und insgesamt mehr dem Corgi ähnlich als dem Boxer und vor allem mit
Stummelrute ausgestattet. Diese
Kreuzungstiere wurden mit reinrassigen Boxern rückgekreuzt. Da die
RAUS:
ES
.AT/ R ASSEB
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G
A
R
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TIMMUNG
Hundemagazin WUFF 10/2014 | 17
WISSEN
Kreuzungstiere heterozygot für das
Stummelschwanzgen waren, fielen
aus den Paarungen etwa 50% Hunde
mit Stummelrute und 50% mit langer
Rute. Für weitere Rückkreuzungen
wurden jeweils nur die Hunde mit der
erwünschten Stummelrute gewählt.
Bereits in der zweiten Nachkommengeneration erinnerten die Hunde
wieder deutlich an Boxer und ein paar
Generationen später waren sie von
reinrassigen Boxern kaum mehr zu
unterscheiden. Ein wichtiger Aspekt
in diesem Fall ist allerdings die Tatsache, dass das Stummelschwanzgen
in homozygoter Form zum Tod in der
frühen Embryonalzeit führt. Paarungen von zwei Stummelschwanzboxern
müssen daher vermieden werden,
da in diesem Fall mit etwa 25% nicht
lebensfähigen Embryonen gerechnet
werden muss.
Der Silberlabrador
Seit einiger Zeit werden bei den Labrador Retrievern immer wieder solche
mit der Farbe »Silber« angeboten. Die
Farbe entsteht durch Verdünnung der
Farbe Braun. Das Gen für Verdünnung
ist beim Labrador Retriever ursprünglich nicht vorhanden und die Frage,
wie das Gen in die Rasse gekommen
ist, wird heftig diskutiert. Es gibt
grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die
als Ursache für dieses neue Gen in
Frage kommen. Es kann irgendwann
zu einer Spontanmutation gekommen
sein, die sich zunächst unerkannt
in der Population ausgebreitet hat.
Da das Verdünnungsgen sich rezessiv vererbt, müssten in diesem Fall
zumindest zwei heterozygote Tiere
zusammenkommen, damit silberfarbene Nachkommen entstehen können.
Die zweite – und wohl auch wahrscheinlichere – Möglichkeit ist, dass
das Gen durch eine Einkreuzung in die
Rasse gekommen ist. Unter Verdacht
steht der Weimaraner als Kreuzungspartner, u.a. weil dem Vernehmen
nach die silbernen Labradore sich auf
einen Züchter zurückführen lassen,
der gleichzeitig auch Weimaraner
gezüchtet hat.
Die Frage ist in diesem Fall, ob
die Einkreuzung bewusst oder
Tabelle 3:
Labrador F1
F1
F1 mal F1
F1 mal Labrador
F1 mal Weimaraner
d/d
D/D
D/d
D/D D/d d/d
D/D D/d
D/d d/d
silber
braun
braun
braun braun silber
braun
braun silber
Foto: farbkombinat
Weimaraner
Der Retro­Mops (links im Bild) ist der Weg zurück vom nasenlosen Krüppel zum gesunden Mops.
18 | Hundemagazin WUFF 10/2014
WISSEN
unbeabsichtigt bzw. ohne Wissen dieses Züchters passiert ist. Im ersten Fall
wäre die sinnvolle Vorgangsweise in der
ersten Kreuzungsgeneration entweder
nochmal einen Weimaraner einzukreuzen oder aber die Hunde der ersten
Kreuzungsgeneration untereinander zu
verpaaren. Denn in beiden Fällen ist ein
gewisser Prozentsatz silberner Hunde
zu erwarten. Bei Rückkreuzung mit
reinrassigen Labradoren würden keine
Silbernen entstehen können.
Die Tabelle 3 zeigt die möglichen
Genotypen und Phänotypen, die bei
den genannten Kreuzungen auftreten
können
Der Vorteil des rezessiven Verdünnungsgens ist, dass die Paarung silberner Labradore untereinander 100%
silberne Nachkommen ergibt. Der
erwünschte Phänotyp lässt sich also
leicht in der Reinzucht erhalten.
Der Retromops
Der Mops ist eine der Rassen, bei der
das Bestreben nach einer extremen
Form eines Rassemerkmals vollen
Erfolg hatte. Aus einem kleinen Molosser mit kurzer Schnauze wurde ein
nasenloser Krüppel gezüchtet, der mit
einer ganzen Reihe gesundheitlicher
Probleme zu kämpfen hat. Die extrem
zurückgesetzte Nase führt dazu, dass
Haut und Schleimhaut in tiefe Falten
gelegt sind. Die Falten der äußeren
Haut sind Brutstätten für Bakterien,
Pilze und Parasiten - die Folge sind
chronische Hautentzündungen. Die
Hautfalten im Augenbereich sind oft
verbunden mit einem Entropium, einer
Einrollung der Augenlider, was zur Reizung von Hornhaut und Bindehaut und
in der Folge zu chronischen schmerzhaften Entzündungen führt. Noch viel
schlimmer aber wirken sich die Falten
im Bereich der Schleimhaut aus, meist
verbunden mit einer Verlängerung des
Gaumensegels, denn diese Kombination führt zu einer massiven Einengung
der vorderen Atemwege und damit zu
ständiger Atemnot. Das rassetypische
Schnarchen ist daher kein »charmantes« Rassemerkmal, sondern Ausdruck
eines ununterbrochenen Kampfes um
genügend Sauerstoff. Leider ist der
Mops in den letzten Jahren sehr in
Mode gekommen, was wohl u.a. auch
an dem ihm nachgesagten besonders
netten Wesen der Rasse liegt. Aber
was nützt der beste Charakter eines
Hundes, wenn ihm die Luft zum Atmen
fehlt.
Einigen Mopszüchtern ist dieses Problem zunehmend bewusst geworden,
leider erst zu einem Zeitpunkt, zu dem
kaum mehr eine Varianz in Bezug auf
die Schädelform vorhanden war. Der
einfachste Weg, dem Mops wieder zu
besserer Lebensqualität zu verhelfen,
nämlich eine Selektion innerhalb der
Rasse auf längere Nasen und bessere
Atemkapazität, ist somit kaum mehr
möglich. Denn die Gene, die für eine
längere Nase verantwortlich sind, sind
durch die intensive Selektion bereits
mehr oder weniger vollständig verloren gegangen. Und wenn in einer
geschlossenen Population, wie es eine
Hunderasse ist, Gene verloren sind,
dann ist das ein unwiderruflicher Verlust. Die einzige Möglichkeit, verlorene Gene wieder zu bekommen, ist eine
Einkreuzung.
Diesen Weg sind einige Mopszüchter gegangen (www.retro-mops.de).
Als Kreuzungsrassen wurden Parson
Russell Terrier und Deutscher Pinscher gewählt. Das Kreuzungsmodell
entspricht einer Veredelungskreuzung
mit Betonung auf dem Kombinationseffekt. Die Einkreuzungen sind
somit nicht auf einmalige Verwendung
fremdrassiger Tiere beschränkt sondern können, je nach Bedarf, wiederholt werden. Im Unterschied zu den
LUA-Dalmatinern und den Stummelschwanzboxern liegt hier der Schwerpunkt der Zuchtstrategie ja nicht auf
der möglichst raschen Wiederherstellung des Ausgangsrassetyps. Denn die
längere Kopfform und auch die etwas
längere Körperform sollen ja erhalten
bleiben. Bei ausschließlicher Anpaarung der Kreuzungstiere an reinrassige
Möpse wäre der Kreuzungseffekt
recht schnell wieder verschwunden.
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