SegelReporter.com (2013-08) Dahl: Segeln ist in der Krise

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SegelReporter.com (2013-08) Dahl: Segeln ist in der Krise
 http://segelreporter.com/panorama/segeln-­‐in-­‐der-­‐krise-­‐zukunftsforscherin-­‐anne-­‐marie-­‐dahl-­‐analysiert-­‐die-­‐probleme/ Segeln in der Krise: Zukunftsforscherin Anne-­‐Marie Dahl analysiert die Probleme "Der Segelsport muss sich ändern" 09.08.2013 von Øyvind Bordal Schwierigkeiten im Bootsbausektor, abnehmende Mitgliederzahlen und ein steigendes Durchschnittsalter in Segel-­‐Clubs. Was ist passiert? Was für ein Bild zeichnet sich ab, wenn wir weiter in die Zukunft blicken? SR hat bei der Zukunftsforscherin Anne-­‐Marie Dahl nachgefragt. Abb: Die dänische Zukunftforscherin und Seglerin Anne-­‐Marie Dahl. © Dahl In den 1970er Jahren explodierte der Markt für Sportboote regelrecht. Die Menschen verfügten über mehr Freizeit und Wohlstand. Sie investierten in massenproduzierte Kunststoff-­‐Boote. Auch die 80er Jahre waren eine gute Zeit für den Segelsport und für den Bootshandel. In den 90ern begann die Entwicklung von neuen Booten und neuen Regatta-­‐Formaten. Aber die Kurve hat einen Knick bekommen. Dabei hat heutzutage hat die Professionalisierung des Sports zugenommen. Und die digitalen Möglichkeiten können Top-­‐Segel-­‐Events einem breiten Publikum zugänglich machen. Es gibt schnellere, gleitfähige Boote mit einem höheren Spaßfaktor, Boat-­‐Sharing-­‐Programme und viele andere Wege, das Segeln neu und besser zu organisieren. Doch bei der Masse der Segler sind die neuen Möglichkeiten noch nicht wirklich angekommen. Die meisten bleiben bei der traditionellen Art und Weise, die Dinge anzugehen, obwohl sich die Gesellschaft extrem verändert hat. Infolge dessen wird die Zahl der Segler kleiner und kleiner – und älter und älter. Das Wachstum findet in zeitgenössischeren Sportarten wie zum Beispiel dem Kitesurfen statt. Abwärtsspirale Bis zur Finanzkrise 2008 verlief die Abwärtsspirale fast unmerklich. Aber dann traf es den Bootsmarkt heftig. Er steckt in einer tiefen Krise. Nur sehr wenige neue Boote werden verkauft. Die Mitgliedszahlen in Segelvereinen © SEGELREPORTER.com Seite 1 von 5 sind rückläufig, der Gebrauchtbootmarkt ist nahezu zusammengebrochen. Zu viele Boote stehen zum Verkauf, zu wenig Käufer sind ernsthaft interessiert. Die Zahl der Segler, welche unseren Sport neu erlernen, ist sehr begrenzt – tatsächlich versuchen sich eine Menge Kinder und junge Erwachsene für eine kurze Zeit am Segeln, doch die meisten von ihnen hören wieder auf und verschwinden, wenn sie die Phase erreichen, in der die Kenntnisse gefestigt werden. Was bringt die Zukunft? Was kann getan werden, um die Entwicklung in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu verbessern? Die Suche nach einer Antwort führt zu einer leitenden dänischen Zukunftsforscherin, welche eine interessante Analyse der Situation präsentiert. Sie hat einen erfrischenden Blickwinkel auf uns Segler und einige radikale Ideen. Eine ihrer Beobachtungen zeigt, dass sich bestimmte Aspekte des Segelsports im Gegensatz zu den momentanen Megatrends entwickeln. Um gegensteuern zu können, muss die Zukunftsentwicklung unseres Sports in Abstimmung mit der Entwicklung der Gesellschaft im Allgemeinen stehen. Das erfordert einen Wandel! Zukunftsforscherin Anne-­‐Marie Dahl: „Die Leute wollen keine Vereine mehr“ „Ich glaube, dass viele Leute beim Segeln den Nervenkitzel, den Kick wollen. Das, was sie heutzutage nicht möchten, sind Vereine oder generell langfristige Verpflichtungen. In Zukunft werden die Menschen leicht und spontan aufs Wasser gehen – und es wird eine Geschichte geben, die davon erzählt.“ Anne-­‐Marie Dahl taucht per Skype-­‐Verbindung aus Aarhus, Dänemark, auf dem Bildschirm auf. „Das, womit ich arbeite“, erklärt sie, „sind große, starke Trends in unserer Gesellschaft, welche uns beeinflussen. Ich beschäftige mich am meisten mit der Gesamtheit, Perioden von fünf bis zehn Jahren. Und ich spreche viel über den Konsumenten, die Kultur, das Freizeitkonzept der Zukunft, welches gleichzeitig damit verbunden ist, wie wir arbeiten werden… solche Dinge eben. Als Zukunftsforscherin bin ich in der Lage, etwas über die Trends, welche unsere Gesellschaft bewegen, zu sagen und auch, wohin uns diese Entwicklung wahrscheinlich führen wird.“ Der globale Laufsteg Was kann eine Zukunftsforscherin also über die kommenden Jahre für die Segel-­‐ und Bootsgemeinde sagen? „Allgemein wurden den Menschen im Laufe der letzten 10-­‐20 Jahre immer mehr Möglichkeiten geboten“ sagt Dahl. „Gleichzeitig wurden wir reicher und reicher. Eine unglaubliche Anzahl von möglichen Aktivitäten schwirrt jeden Tag vor unseren Augen herum, sehr sichtbar und präsent durch soziale Medien und andere elektronische Wege der Kommunikation. Letztens las ich einen passenden Artikel: Es ist wichtig, auf dem globalen Laufsteg gesehen zu werden. Wir alle befinden uns auf die eine oder andere Art auf diesem Laufsteg. Dies gilt zum Beispiel für den Fall, dass eine abgelegene Region Leute dafür begeistern will, vor Ort einen uralten Stein zu betrachten. Und dies gilt auch, wenn man ein Segelverein ist, der mehr Leute dazu bringen will, zu segeln. Man muss sichtbar sein.“ Individualisierung Sie fährt fort: „Auf der einen Seite steht uns mehr Geld zur Verfügung und wir haben mehr Möglichkeiten. Viele Leute könnten sich leicht ein Boot leisten, wenn sie wollten. Aber auf der anderen Seite dreht sich die Welt © SEGELREPORTER.com Seite 2 von 5 dort draußen ständig weiter. Es gibt immer viele andere Angebote. Gleichzeitig sehen wir einen sehr starken Megatrend, der Individualisierung genannt wird. Diese Individualisierung ist sehr emotional orientiert: Ich möchte exakt das machen, worauf ich gerade Lust habe – hier und jetzt.“ Spontaneität nicht einfach für Segler „Dies ist eine der Haupterklärungen, denke ich, dass unter anderem weniger in ein eigenes Boot investiert wird. Was ist mit den ganzen anderen Möglichkeiten und dem Bedürfnis, exakt das zu machen, was ich jetzt und hier möchte? Das Ganze mag sehr wohl in einem Interessenkonflikt mit einer großen Investition wie einem Boot stehen. Man kann auch nicht einfach ein Boot kaufen, man muss es erhalten und pflegen. Vielleicht muss man sogar eine Segelschule besuchen, um zu lernen, damit umzugehen. Das Gefühl der Spontaneität, des leichten Zugangs, ist bei Segelbooten oft schwierig.“ Interne Differenzen in der Familie „Die wachsende Individualisierung findet auch innerhalb von Familien statt. Familienmitglieder sind oft an verschiedenen Dingen interessiert. Oft wollen sie gar nicht wirklich zusammen etwas unternehmen. Sie favorisieren die Möglichkeit, etwas zusammen, aber separat zu machen – zum Beispiel Urlaub in einem Sommerhaus, aber jeder muss mit seiner eigenen digitalen Plattform ausgestattet sein. Segeln dagegen erfordert eine bindender Entscheidung. Auf einem Boot ist man näher beieinander und muss an den selben Dingen interessiert sein. Die Individualisierung hat es dem Segelsport schwer gemacht! Heutzutage werden Kinder gefragt, ob sie ein Boot kaufen möchten. Meine Eltern haben mich nie gefragt – wir wurden auf das Boot gelotst und los ging‘s. Kinder sind zu autarken, individuellen Persönlichkeiten mit starker Stimme innerhalb der Familie geworden.“ Kitesurfen funktioniert! „Sportarten wie Kitesurfen sind nicht ohne Grund erfolgreich. Man kann es ganz alleine machen kann – mit anderen coolen Individuen, die das auch ganz für sich alleine machen. Kitesurfen passt gut in einen Trend, der sich so beschreiben lässt: In einer Welt, in der alles möglich ist, tendieren wir dazu, unsere eigenen Grenzen auszutesten. Wie weit kann ich gehen? Wilde, gefährlich anmutende Sportarten passen besser in dieses Bild, als in einem Boot mit der guten alten Familie die Küste entlang zu schippern. Sieht auch besser aus auf Facebook…“ Temporäre Veranstaltungen „Wir leben in einer Welt, in welcher Regeln und Normen aufgebrochen werden, und wir sind, wie schon gesagt, extreme Individualisten. In so einer Welt müssen wir unser eigenes Selbstbild schaffen. Das manifestiert sich in einem Dialog. Ein großer Teil dieses Dialogs findet auf Facebook statt. Und natürlich ist es vorzuziehen, cool und tough zu wirken! Jede Sache, der der Hauch des vorübergehenden, Event-­‐mäßigem anhaftet – , seht her, was ich gerade mache‘ – scheint im Moment einen Wert zu besitzen. Vor allem für junge Menschen. Mit Mama und Papa draußen vor der Küste herumzuhocken… nun, das ist nicht wirklich cool, nicht wahr?“ Traditionelle Vereine sind out „Und dann gibt es Mitgliedschaften. Ich halte viele Vorträge für Freiwilligenorganisationen, Clubs und Vereinigungen, und alle spüren sehr stark, dass alles, was mit bindenden Mitgliedschaften zu tun hat, mit Situationen, wo man in einem Komitee tätig sein muss, eine Sitzung zu besuchen hat… die Menschen wollen all das nicht mehr wirklich. © SEGELREPORTER.com Seite 3 von 5 Es ist eine langfristige Bindung, und damit etwas, was gegen alle diese Werte verstößt, welche ich bereits erwähnt habe. Wenn ich morgen etwas anderes machen will, möchte ich nicht gefangen sein. Alles, was nach Verpflichtung und Regelmäßigkeit klingt, ist problematisch. Und diese Tendenz wird wahrscheinlich noch wachsen. Auch, weil sich die Arbeit in unsere Freizeit hineinschmuggelt. Arbeit war einmal das, was man von acht bis vier tat. Und wenn wir Lust hatten, konnten wir danach segeln gehen. Heutzutage wächst Arbeit und Freizeit für viele Leute mehr oder weniger zusammen, es gibt keine klare Grenze mehr. Dies bedeutet, dass Freizeitaktivitäten etwas sein sollten, was spontan dazwischengeschoben werden kann, wann immer man Zeit und Lust hat.“ Hier und jetzt „Ich glaube, dass viele Menschen beim Segeln den Nervenkitzel, den Kick wollen. Aber sie wollen keine Verpflichtung. Stellt euch 20 Facebook-­‐Freunde vor, welche zusammen ein Boot besitzen. Man kann das Boot buchen, wann immer man will. Oder sogar noch spontaner und flexibler, stellt euch ein Unternehmen oder eine Vereinigung vor, die ein Boot besitzt und das Erlebnis auf einer kommerziellen Basis anbietet? Das wäre interessant! Es wäre außerdem hilfreich, eine Geschichte mit dem Erlebnis zu verbinden und das Ganze damit in ein Event zu verwandeln. Hier sind wir beim Spinnaker-­‐Einpacken, beim Fangen eines Dorsches, was auch immer. Macht es projekt-­‐orientiert, verbindet es mit einer Geschichte! Man kann das Erlebnis hier und jetzt haben, es gibt ein paar coole Fotos und etwas, was man hinterher bei Facebook posten kann. Ich glaube, solche Dinge könnten sehr beliebt sein! Das Konzept, einfach zum Hafen runterzugehen und zu segeln, und hinterher nach Hause zu gehen – exakt auf die gleiche Art und Weise, wie man zum Fitness-­‐Center fährt – das ist der Weg der Zukunft.“ Virtuelle Gemeinschaften „In den letzten Jahren gab es so viel Individualisierung, dass alles nur noch um mich – mich – mich ging. Aber in der Jugendkultur, welche einen großen Teil meiner Arbeit ausmacht, sehe ich etwas Neues – etwas, was zur gleichen Zeit sehr sozial ist. Es ist nicht genug, nur ich zu sein, ich muss auch Teil einer unbestimmten, coolen Gemeinschaft oder eines Teams sein. Solche Gemeinschaften manifestieren sich häufig in sozialen Medien. Diese Einstellung kann sehr gut in der Segelumgebung funktionieren: Jetzt sind wir zusammen auf See, gegen die Macht der Natur kämpfend, wir sind ein Team auf einem Boot… vielleicht gibt es eine Art Wettbewerb, zwei Teams gegeneinander… Menschen lieben es, solche Kicks zu haben, vor allem zusammen mit anderen Leuten.“ Der „langsame“ Gegentrend „Man könnte auch etwas völlig anderes machen. Es gibt eine starke Gegentendenz zu all dieser schnellen, auf Zeit ausgerichteten Effizienz. Es ist ein Trend, welcher, so denke ich, an Stärke zunehmen wird in einer Welt, in der alles drunter und drüber geht und in der viele Leute tatsächlich nicht mit dieser Schnelllebigkeit umgehen können. Wir träumen immer von Dingen, von denen es nicht genug gibt. Deshalb sehen wir Aktivitäten basierend auf dem inneren Frieden, der Präsenz – all diese Achtsamkeit, welche auch noch hinzukommt. Dieser Trend, oder vielmehr Gegentrend, der sich nur um LANGSAMKEIT dreht… Ich denke, Segler können sich dies zu Nutze machen. Segeln ist etwas, was wirklich Zeit und Präsenz fordert! Statt sich für Meditation oder Achtsamkeit zu entscheiden, kann man genauso gut raus auf‘s Wasser gehen, um Frieden und Präsenz zu finden.“ © SEGELREPORTER.com Seite 4 von 5 Geschichten erzählen „Früher waren Freizeitaktivitäten eine lebenslange Entscheidung. Jetzt nicht mehr. Heutzutage müssen gewichtige Geschichten über das Segeln erzählt werden. Der Segelsport trägt sich nicht mehr von selbst, es ist keine wahrscheinliche oder vernünftige Familienentscheidung für die meisten Leute. Die Menschen tendieren zu viel stärker individuell und gefühlsbetont ausgerichteten Aktivitäten. Wir leben in einer Erlebnis-­‐Ökonomie, in welcher alles in Form von Geschichten verkauft und erzählt wird. Wir können noch nicht einmal mehr essen gehen, ohne dass uns der Koch beim Essen von der Ziege erzählt, von der der Käse stammt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es überall Geschichten gibt. Und ich kann wirklich nicht erkennen, dass die Seglergemeinschaft gut darin ist, die nötigen Geschichten zu erzählen. Segeln bietet in der Tat eine breite Palette, und so ist es doch möglich, viele verschiedene Geschichten zu erzählen. Und sie können ganz einfach in Verbindung zu der gleichen Person stehen, einer Person, die sich manchmal gerne in extremen Situationen auf dem Wasser mit den Jungs befindet – und sich manchmal sehr gestresst fühlt und segelt, um auf dem Meer Ruhe zu finden.“ Leute sind gewillt, zu zahlen „Wenn ich ein bisschen spezifischer sein sollte, würde ich sagen, dass Segelvereine mehr Event-­‐orientiert sein sollten. Sie sollten eine Reihe von verschiedenen Veranstaltungen im Sommer arrangieren, bei denen jeder dazukommen und mitmachen kann. Das könnte alles sein, von „Kommt mit aufs Wasser, um die Stille zu erleben – lasst uns für drei Stunden nicht sprechen“ bis „Fühlt den Adrenalinkick, wenn wir vorwinds mit Spinnaker fahren“. Verschiedene Geschichten, Veranstaltungen, bei denen jeder mal hineinschnuppern kann. Und die Leute werden dafür bezahlen wollen, da bin ich mir sicher. Geld ist es nicht, was fehlt. Erlebnisse, zusammen mit einer Geschichte, sind etwas, wofür Leute gerne bezahlen. Vielleicht bekommt man sogar ein lokales Restaurant dazu, für das Essen zuständig zu sein. Solche Dinge können sich auch leicht als ein gutes Geschäft herausstellen! Verschiedene Arten von kleinen Veranstaltungen mit einem bestimmten Thema, ich glaube daran! Solche Sachen können sehr effektiv durch Facebook verbreitet werden. Ich weiß nicht, ob Segelvereine typischerweise eine Facebookseite haben, aber wenn nicht, sollten sie sich eine einrichten!“ à à Anne-­‐Marie Dahl’s Blick in die Zukunft kann in ein Szenario übersetzt werden: Wie wird Segeln im Jahre 2020 aussehen? http://segelreporter.com/regatta/segeln-­‐in-­‐der-­‐krise-­‐geraten-­‐segelvereine-­‐noch-­‐mehr-­‐unter-­‐druck/ Wie wir 2020 segeln: Alternative Segelkonzepte
Schweizer Boatsharing „Sailbox“ funktioniert bestens http://segelreporter.com/panorama/alternative-­‐segelkonzepte-­‐schweizer-­‐boatsharing-­‐sailbox-­‐funktioniert-­‐bestens/ © SEGELREPORTER.com Seite 5 von 5