Adoniram Judson – Bedrängt, aber nicht besiegt

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Adoniram Judson – Bedrängt, aber nicht besiegt
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KIRCHENGESCHICHTE
Adoniram Judson
bedrängt, aber nicht
besiegt (Teil 3)
Chr istoph Gr unwald
„Wenn sie fragen, welche Aussichten es auf letztendlichen Erfolg gibt, dann sage ihnen:
So viele, wie es einen allmächtigen und treuen Gott gibt, der seine Zusagen erfüllt – und
nicht mehr. Sollte sie das nicht zufriedenstellen, so bitte sie, mich hier bleiben zu lassen
und es zu versuchen […] und dass sie uns unser tägliches Brot geben mögen; oder – falls sie
nicht bereit sind, ihr Brot für eine so hoffnungslose Sache, die nur durch das Wort Gottes
gestützt wird, zu riskieren – bitte sie darum, dass sie wenigstens andere nicht abhalten
mögen, uns ihr Brot zu geben. Und falls wir zwanzig oder dreißig Jahre leben sollten,
werden sie möglicherweise wieder von uns hören.“ Adoniram Judson1
„Wir kommen mehr und mehr zu der Überzeugung, dass das Evangelium nur durch viele
Prüfungen und Schwierigkeiten, durch viel Selbstverleugnung und ernstliches Gebet
in dieses Land eingeführt werden wird.“ Ann Judson2
Was Judson
sah genügte,
um den
ersten Eindruck, dass
Burma nicht
so sei wie
er es sich
vorgestellt
hatte,
zur festen
Gewissheit
werden zu
lassen
Es war keine angenehme Reise, die Judsons
nach Rangoona) führte. Im Gegenteil – besonders für die schwangere Ann war es eine harte
Zeit. In Madras fanden sie zwar eine europäische
Frau, die ihnen auf der Überfahrt und bei der
bevorstehenden Geburt behilflich sein sollte
– sie starb aber völlig unvermittelt noch bevor
das Schiff ablegte.b) Ann war also völlig auf die
Hilfe ihres Mannes angewiesen und entband
Mitte Juni ihr erstes Kind – doch es war tot! Der
Schmerz und die Trauer saßen tief. Zu all dem
kamen ungünstige Winde, ein untaugliches
Schiff und eine unfähige Besatzung, was dazu
führte, dass das Fahrzeug seinen Kurs nicht halten konnte und in gefährlichen Untiefen seinen
Weg suchen musste. Die mitgeführten Lebensmittel reichten für diese Umwege nicht aus. In
folge dessen wurde die von der Geburt und der
Trauer geschwächte Ann bald sehr krank und
wäre ebenfalls fast gestorben.
Schließlich erreichte das Boot jedoch die
Küsten Burmas und bog nord-östlich in einen
der vielen Irrawaddy-Ausläufer ein.
Im Land eines despotischen
Herrschers
Burma (die offizielle, moderne Bezeichnung des
Landes lautet „Republik der Union Myanmar“)
wurde schon im 11. Jhdt als Monarchie gegründet
und hatte auch 1813 nichts vom absolutistischen
Charakter verloren:
„Die Regierung von Burma ist ungemilderter
Despotismus striktesten Charakters. Der König
ist der anerkannte Besitzer des Grundes und
die Menschen seine Sklaven. Er ist der Herr
über Leben und Besitz seiner Untertanen. Kein
Rang oder Posten schützt einen Bürger vor der
Möglichkeit, sofort zur Exekution übergeben
zu werden, wenn dies der Wille des Monarchen
ist.“3
Das Land selbst war in Provinzen und diese
wiederum in kleinere Distrikte aufgeteilt. Über
jede Provinz herrschte eine Art Gouverneur, der
freie Hand hatte und seine Provinz ebenso willkürlich verwalten konnte, wie der Monarch das
ganze Land.
Bevor Burma von den Engländern in die Britischen Inseln eingegliedert wurde, hatte es
eine deutlich größere Ausdehnung als heute.
Im Norden stießen die Grenzen an Assam und
Tibet, im Osten wurde das Land von China und
Siam begrenzt, im Westen und Süden durch den
bengalischen Golf. Hauptverkehrswege waren
die breiten Flüsse des Landes, die es in Regenzeiten auch sehr großen Schiffen erlaubten, ins
Landesinnere vorzustoßen.
Die Bevölkerungsgröße zu Beginn des 19.
Jhdts ist nicht genau bekannt. Der britische
Offizier Symes schätzte relativ großspurig 17
Millionen Menschen – eine Zahl, welche die
Missionare anfänglich für korrekt hielten. Etwas
realistischere Abschätzungen gingen allerdings
a) Der Artikel orientiert sich bei (Orts-)Namen an den englischen Bezeichnungen der Quellen, das gilt auch für das Land Burma
(Birma) selbst. Rangoon heißt heute Yangoon.
b) Sie stürzte beim Einrichten der Kabine und war nur wenige Augenblicke später tot. Man vermutete einen Schlaganfall.
c) Heute leben in Burma ca. 68% Burmesen, 9% Shan, 7% Karen, sowie Kachin (4%), Chinesen (3%), und weitere kleinere
Gruppen. (https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/bm.html 22.10.2013)
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von nur ca. 6-8 Millionen Menschen aus. Die
ethnische Zusammensetzung war dabei (und ist
heute noch) sehr bunt. Während ein Großteil der
Bevölkerung tatsächlich burmesischer Herkunft
war, fand sich eine Vielzahl von weiteren Ethnien
im Land, so z.B. die Shan, Karen und Kachin.c) Die
vornehmlich ausgeübte Religion war und ist der
Buddhismus. Christen gab es keine!
Der Charakter der Bevölkerung wird von
Zeitzeugen einvernehmlich als unangenehm
beschrieben:
„Die Burmesen sind raffiniert, diebisch,
geldgierig, der Räuberei und dem Betrug verfallen. Wahrheit und Ehrlichkeit sind ihnen nicht
als Tugenden bekannt.“4
Ann Judson schrieb über das frappierende
Ungleichgewicht zwischen den buddhistischen
Lehren und dem burmesischen Leben:
„Lass all die, welche die einheimische
Unschuld und Reinheit der heidnischen Nationen verteidigen, Burma besuchen! Die Religion
hat hier keine Macht über die Herzen oder
Kraft zur Zurückhaltung der Leidenschaften.
Obwohl sie Diebstahl und Unwahrheit mit der
Drohung, viele Jahre in der Hölle zu leiden
verbietet, maße ich mir an zu sagen, dass es
nicht einen einzigen Burmesen im Land gibt,
der – wenn er eine gute Gelegenheit, ohne die
Gefahr entdeckt zu werden, hat – nicht zögern
würde sowohl das eine als auch das andere zu
tun. Obwohl die Religion Milde, Zärtlichkeit, das
Vergeben von Verletzungen und Feindesliebe
einschärft – obwohl sie Wolllüstigkeit, Liebe
am Vergnügen und das Anhängen an weltlichen
Dingen verbietet, entbehrt sie doch jeder Kraft
das erste hervorzubringen oder das letzte in
ihren Anhängern zu unterdrücken. Kurz: das
burmesische Religionssystem ist wie ein Alabastergebilde – perfekt und schön in all seinen
Teilen, aber es entbehrt jeglichen Lebens.“5
Rangoon
Während die Georgiana langsam dem Flusslauf
ins Landesinnere folgte, nahm Adoniram vom
Deck die ersten Eindrücke des Landes auf. Der
Blick ins Landesinnere wurde durch dichte Uferbewachsung verwehrt, die nur ab und zu von
einigen ärmlichen Fischerdörfern unterbrochen
wurde. Das was Judson sah genügte, um den
ersten Eindruck, dass Burma nicht so sei wie er
es sich vorgestellt hatte, zur festen Gewissheit
werden zu lassen. Spätestens als das Schiff
im Hafen von Rangoon anlegte, gab es keinen
Zweifel mehr. Rangoon war der Sitz des VizeKönigs und aufgrund der idealen, küstennahen
Lage das wichtigste Handelszentrum Burmas.
Dennoch bestand die Stadt hauptsächlich aus
baufälligen Hütten, die auf niedrigen Stelzen
im schlammigen Untergrund stehend ein chaotisches Wirrwar bildeten. Zwischen und unter
den Häusern suchten sich Fäkalien und Abwasser langsam einen Weg zum Fluss, jedoch nicht,
ohne markante „Aromen“ in die Umwelt auszudünsten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Rangoon ungefähr 10.000 Einwohnerd). Das bedeutendste Bauwerk war die Shwe Dagon Pagode, das goldene
Wahrzeichen der Stadt, das auch heute noch
das religiöse Zentrum des Landes darstellt und
wichtige buddhistische Reliquien enthält – so
sind z.B. (angeblich) acht Haupthaare Buddhas in
einer Schatulle in die Pagode eingemauert.
Während Ann an Bord blieb – sie war noch
zu schwach um selbst laufen zu können – verließ Judson noch am gleichen Abend das Schiff,
um sich ein erstes Bild ihrer zukünftigen Heimat
zu machen. Er kam völlig niedergeschlagen
zurück …
Als am nächsten Morgen die Sonne aufging
und ihr Licht gleißend von den goldenen Türmen der Pagode zurück über die Stadt geworfen
wurde, war die Stimmung der Judsons schon
etwas besser. Sie gingen an Land – Ann von
einer Art Sänfte getragen – und wurden von
der neugierigen und nicht besonders scheuen
Bevölkerung interessiert und belustigt begleitet,
als sie ihren Weg zum Missionshaus nahmen.
Die Baptisten aus Serampore hatten schon
1807 mit einer Mission begonnen und zeitweise
sogar überlegt, ganz nach Rangoon zu wechseln, aber 1812 war von den ehrgeizigen Plänen
nicht viel übrig geblieben. Als einziger Missionar
war Felix Carey, der älteste Sohn William Careys,
noch in Burma. Das ursprüngliche Missionhaus in
der Stadtmitte hatten sie schon vor einiger Zeit
verlassen und ein geräumiges Haus etwa eine
d) Diese Zahl ist den Berichten der Missionare entnommen. Wikipedia gibt für 1820 eine Zahl von ca. 40.000 an (19.10.2013)
15
Die Shwe Dagon Pagode in
Rangoon (heute Yangon) ist auch
heute noch ein beeindruckendes
Wahrzeichen Birmas
Obwohl
die Religion
Milde, Zärtlichkeit, das
Vergeben
von Verletzungen und
Feindesliebe
einschärft,
entbehrt sie
doch jeder
Kraft diese
Tugenden
hervorzubringen …
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Eine Karte aus
dem Jahr 1817, die
das burmesische
Königreich zeigt.
Rechts ein vergrößerter Ausschnitt
mit den für Judsons
bedeutsamen Orten
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halbe Meile außerhalb der Stadtmauern errichtet. Carey hatte in den vergangenen Monaten
die Pockenimpfung eingeführt und war dadurch
in das Interesse des Königs gerückt, der ihn an
den Königshof nach Amarapura rief, um seine
Familie zu impfen. Daher war er bei der Ankunft
der Judsons selbst nicht in Rangoon. Seine Frau
empfing die neuen Missionare umso herzlicher
und war gerade für Ann am Anfang eine große
Hilfe.
Carey kam 1813 noch einmal kurz nach Rangoon, um gleich weiter nach Kalkutta zu reisen.
Er erhielt dort neue Impfstoffe und wollte dann
mit seiner Familie zurück an den Königshof
ziehen. Am 20. August 1814 brach er mit seiner
Familie auf und so waren die Judsons schon bald
auf sich allein gestellt.e)
Ein mühsamer Beginn …
Als erstes galt es die Sprache zu lernen. Wenn
man einen Blick auf einen in burmesisch
geschriebenen Text wirft, gewinnt man viel-
leicht einen kleinen Eindruck von der gewaltigen
Aufgabe, die sich vor Judsons auftürmte.
Ein Lehrer war relativ zügig gefunden und
Adoniram widmete sich zwölf Stunden täglich
dem Sprachstudium. Ann hatte nicht ganz so
viel Zeit für das Studium, da sie den Haushalt
organisierte. In diesem Fall ein klarer Vorteil, da
sie viel mehr mit den Burmesen selbst zu tun
hatte. Sie musste das Personal anweisen, einkaufen usw. Dadurch war sie relativ schnell in
der Lage, auf einem gewissen Niveau mit den
Leuten zu kommunizieren, während Adoniram
mehr die Struktur der Sprache untersuchte, aber
weniger Praxis hatte.
Nach ca. vier bis fünf Monaten konnten die
Judsons zwar eine einfache Unterhaltung führen, aber das Lesen war ungleich schwieriger.
Die burmesische Schrift hatte weder Leer- noch
Satzzeichen, keine Absätze oder Unterbrechungen. Judson bemerkte außerdem, dass das
Burmesische keine eigenen Wörter hatte um
abstraktere, theologische Ideen zu transportie-
e) Die weitere Geschichte Felix Careys ist äußerst tragisch. Auf der Reise zum Königshof kenterte das Boot, seine Frau und
seine beiden Kinder ertranken, obwohl Carey verzweifelt versuchte sie zu retten. Später wurde er vom König angeblich als
Botschafter Burmas nach Kalkutta gesandt, wo er jedoch dem luxuriösen Leben, das ihm diese Stelle ermöglichte, verfiel.
Diese Version ist allerdings umstritten. Es gibt Belege dafür, dass er sich eigenmächtig zum Botschafter aufspielte und ein
betrügerisches Doppelleben führte. Die Quellenlage ist jedoch sehr spärlich und z.T. widersprüchlich. Tatsache ist, dass er
Alkoholiker wurde und erhebliche Schulden aufhäufte. Er traute sich selbst nicht mehr zurück an den burmesischen Hof und
trieb sich drei Jahre in Assam herum. Ein alter Freund, William Ward, bemühte sich immer wieder um ihn, bis Felix Ende 1818
einen Neuanfang wagte und sich der Mission wieder zur Verfügung stellte. Er arbeitete an literarischen Projekten, starb aber
schon mit 37 Jahren an Cholera. (Hall, D.G.E; „Felix Cary“ in: The Journal of Religion, Vol 12. No 4. (Oct. 1932), S.473-492)
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ren. Sämtliche Begriffe, die für diesen Bereich
gebraucht wurden, waren der Sprache Pali
entnommen, einem nicht mehr gesprochenen
Sanskrit-Dialekt. Pali war mit dem Burmesischen
überhaupt nicht verwandt und dennoch musste
Judson auch einen Teil dieser Sprache erlernen,
bevor er überhaupt mit der Evangeliums-Verkündigung beginnen konnte.
Ann nahm ähnliche Mühen auf sich. Sie lernte
neben dem Burmesischen auch noch Siam. Später übersetzte sie einige Schriften ihres Mannes
in diese Sprache.
Zwei mühsame Jahre vergingen, in denen nicht
viel geschah. Das Leben wurde vom intensiven
Sprachstudium diktiert – mehr konnten die
Judsons ohnehin nicht tun. Ann knüpfte einige
Kontakte und es gelang ihr sogar, die Freundin
der ersten Frau des Vize-Königs zu werden –
eine Beziehung, die sich immer wieder auszahlte.
Anfangs kamen Judsons mit dem tropischen
Klima recht gut zurecht, doch Ende 1814 stellte
sich bei Ann ein hartnäckiges und schlimmer
werdendes Leberleiden ein. Anfang 1815 entschied Adoniram, dass Ann für einige Zeit nach
Kalkutta reisen sollte, um sich dort auszukurieren. Sie schiffte sich Ende Januar 1815 ein und
kehrte im April zurück – jedoch nicht allein. Sie
war in Begleitung einer 7jährigen Waise, Emily
Vansomeren, welche die nächsten sechs Jahre
bei Judson leben sollte.f)
Am 11. September 1815 zog ein weiterer
Bewohner in das Missionshaus ein: Roger Williams, das zweite Kind der Judsons. Roger war
ein kleines, gesundes Baby, an dem die Eltern
große Freude hatten. Im März des darauffolgenden Jahres wurde er jedoch nachts immer wieder
von einem Fieber befallen, welches tagsüber
aber vollständig zurückging. Allmählich wurde
auch Adoniram krank. Er bekam heftige Kopfund Augenschmerzen, die ihn oft tagelang daran
hinderten, seinen Studien nachzugehen und
ihn nicht selten so schwächten, dass er kaum
noch stehen konnte. Er machte sich auf das
Schlimmste gefasst und versuchte in den wenigen Augenblicken, in denen die Beschwerden
etwas nachließen, seine Aufzeichnungen so zu
ordnen, dass einem möglichen Nachfolger der
Einstieg leicht gemacht würde.
Adoniram erholte sich zwar in den nächsten
Wochen, aber „Little Roger“ litt immer noch
unter den mysteriösen Fieberanfällen. Anfang
Mai trat ein erster, heftiger Hustenanfall auf
und am 04. Mai schlief Roger friedlich ein und
wachte auf dieser Erde nicht mehr auf. Er wurde
im Garten des Missionshauses begraben. Die
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Judsons litten sehr unter dem Verlust, ahnten
zu diesem Zeitpunkt aber sicher noch nicht, dass
dies erst der Anfang einer beispiellosen Leidensgeschichte sein sollte.
Der Schritt an die Öffentlichkeit
Nach drei Jahren Sprachstudium wagte Adoniram 1816 den Schritt an die Öffentlichkeit. Seine
Sprachfertigkeiten reichten noch nicht, um mit
der öffentlichen Verkündigung zu beginnen,
aber er entwarf ein erstes Traktat in Burmesisch.
Das Traktat trug die schlichte Arbeitsbezeichnung „Tract No. 1“ und diente nach Judsons
eigener Aussage dazu, den Burmesen „erste
Vorstellungen eines Erretters und des Weges
der Errettung“6 zu geben. Die Geschwister in
Serampore sandten eine Druckerpresse und im
Oktober kam auch die schon lange ersehnte
personelle Verstärkung! George Hough, ein Drucker, und seine Familie unterstützten die Mission. George begann sofort mit der Arbeit und
schon bald konnten die ersten Traktate verteilt
werden. Im darauffolgenden Jahr stellte Judson
eine burmesische Übersetzung des MatthäusEvangeliums fertig – der erste Schritt zur burmesischen Bibel!
„Auszeit“ auf See
Gegen Ende des Jahres fühlte Adoniram sich
bereit. Er wollte mit der öffentlichen Predigt
f) Was es mit Emily auf sich hatte, ist völlig ungewiss. Der Nachwelt ist über sie nichts erhalten, außer ihrem Alter und ihrem
Namen. Wir wissen, dass sie 1815 zu den Judsons zog und sie 1821 wieder verließ. In Judsons Briefen und Aufzeichnungen
wird sie seltsamerweise so gut wie gar nicht erwähnt.
Eine Seite
aus der 1832
gedruckten
Ausgabe des
von Jusdon
übersetzten
burmesischen
Neuen Testamentes.
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Aufzeichnung einiger wichtiger
Daten und Ereignisse
(aus: Judson, Edwards, „Adoniram Judson“, Anson
D.F.Randolph & Company; New York 1894, S. 561ff)
1813
Ankunft in Rangoon
1814
Careys verlassen die
Mission
1815
Ann reist nach Madras,
Indien
1815
Rückkehr von Ann
mit Emily
1815
Geburt von Roger
Williams Judson
1816
Tod von Roger
Williams Judson
1816
Fertigstellung des „Tract
No. 1“ in Burmesisch
1816
Ankunft der
Familie Hough
1817
Fertigstellung des
Mt-Evangeliums
1817
Abreise nach
Chittagong
1818
Ankunft in
Masulipatam
1818
Ankunft in Madras
1818
Abreise aus Madras
1818
Ankunft in Rangoon
1818
Ankunft der Colmans
und Wheelocks
1818
Abreise der Houghs
1819
Beginn des öffentl.
Gottesdienstes
1819
„Eröffnung“ des Zayat
1819
Taufe des ersten burmesischen Christen Moung Nau
1819
Abreise der Wheelocks
1819
Aufbruch nach Ava
1820
Audienz beim König
1820
Rückkehr nach Rangoon
1820
Taufe des zehnten
Bekehrten
(13. Juli)
(20. Aug)
(25. Jan)
(13. Apr)
(11. Sep)
(04. Mai)
(20. Juli)
(15. Okt)
(20. Mai)
(24. Dez)
(18. März)
(08. Apr)
(20. Juli)
(04. Aug)
(19. Sep)
(01. Nov)
(04. Apr)
(25. Apr)
(27. Juni)
(07. Aug)
(21. Dez)
(27. Jan)
(18. Feb)
(18. Juli)
KIRCHENGESCHICHTE
beginnen – dem einzigen Mittel, dass er als
legitim und wirksam für die Mission hielt.
Kurz zuvor hatte er davon gehört, dass in
Chittagongg) einige Exil-Burmesen zum
Glauben gekommen waren und er hielt es
für sinnvoll, sich dort Unterstützung eines
Muttersprachlers zu sichern. So brach er
am Heiligabend 1817 zu einer dreiwöchigen
Reise nach Chittagong auf. Doch es kam
alles anders.
Wieder hatte er das Pech, auf einem
schlechten Schiff mit einer unfähigen
Besatzung zu reisen. Dem Kapitän gelang
es aufgrund ungünstiger Winde nicht,
Chittagong zu erreichen, also änderte er
seine Absichten und steuerte auf Madras
zu, was ebenfalls unerreicht blieb. Nach
einigen Wochen war der (für drei Wochen
kalkulierte) Proviant aufgebraucht und
alles, was sie zu essen hatten, waren von
anderen Schiffen auf hoher See erbettelte
Lebensmittel – meist schimmeliger Reis
und faules Wasser. Judson baute körperlich dramatisch ab. Nach zwölf Wochen
erreichte das Schiff die Nähe von Masulipatamh) und er schickte eine Nachricht
mit der dringenden Bitte um Hilfe an Land.
Wenig später meldete ihm ein Mitglied der
Mannschaft, dass ein kleines Boot auf sie
zuhielt. Judson schleppte sich mit letzter
Kraft an Deck und brach bei dem Anblick
roter, englischer Uniformen in Tränen
aus – und kurz danach zusammen. Die
Engländer – freundliche Offiziere – waren
bei seinem Anblick vollkommen entsetzt,
nahmen das kaum als Mensch erkennbare
Wesen mit an Land und pflegten ihn liebevoll gesund. Als Judson wieder bei Kräften
war, wollte er zurück nach Rangoon – aber
es gab kein Schiff, was dort hinfuhr. Ihm
blieb nichts anderes übrig, als die 300 Meilen nach Madras über Land zu reisen. Auch
dort dauerte es, bis er endlich ein Schiff
nach Rangoon fand. Er erreichte die Stadt
am 04. August 1818. Die Reise, die knapp
drei Wochen dauern sollte, hatte acht Monate
beansprucht!
Und Ann? Ann begann sich nach einigen
Wochen Sorgen zu machen – und etliche Monate
später gab sie die Hoffnung fast auf. Außerdem
regierte ein neuer Vize-König über Rangoon,
welcher der Mission nicht günstig gestimmt war.
Kleinere Sticheleien und Repressionen trafen
die Mission. Hinzu kam das plötzlich rumorende
Gerücht, die Briten stünden kurz davor, in Burma
einzumarschieren. George Hough, der sich
ohnehin schon länger in Rangoon unwohl fühltei), drängte zur Abreise nach Kalkutta. Houghs
bearbeiteten Ann solange, bis sie nachgab und
ihr Gepäck auf ein Schiff brachte. Bevor das
Schiff den Hafen verließ, bereute sie allerdings
ihre Entscheidung, nahm ihre Sachen und verließ
die bestürzten Houghes, um wieder das Missionshaus zu beziehen. Aus späterer Sicht hat
diese Entscheidung die Mission in Rangoon wohl
gerettet. Houghes selbst kehrten zwei Wochen
später ebenfalls zurück, da sich herausstellte,
dass das Schiff, mit dem sie reisen wollten, seeuntauglich war. Dennoch reisten sie Ende 1819
zurück nach Kalkutta und druckten von dort aus
die Schriften für Rangoon.
Das Zayat
Obwohl sein Versuch Helfer zu gewinnen scheiterte, begann Judson nun mit der öffentlichen
Predigt. Zu diesem Zweck baute er ein Zayat:
eine kleine, Hut-förmige Hütte mit offener
Veranda, wie sie gerne von buddhistischen Lehrern genutzt wurde. Sie war sehr einfach, nicht
besonders groß (ca. 5x8m), hatte aber zwei kleinere und einen größeren Raum, in welchem sich
ein paar Menschen versammeln konnten.
Judson war zwar ohne einheimische Helfer,
aber kurz bevor sie von Houghes verlassen wurden, trafen zwei junge Paare, die Colmans und
Wheelocks, als Unterstützung in Rangoon ein.
Leider hatten beide Männer Schwierigkeiten mit
dem Klima und husteten nach nur einer Woche
Blut. Während Colman sich allmählich erholte,
verschlechterte sich Wheelocks Situation – er
g) Eine Stadt an der Küste, die nördlich der Grenze zwischen Burma und Indien liegt, s. Kartenausschnitt S. 16
h) Nördlich von Madras
i) Hough hatte Schwierigkeiten, die Sprache zu lernen und arbeitete recht abgeschottet in der Druckerei, so dass er sich
offenbar ziemlich isoliert fühlte.
j) Das enge Zusammenleben im Missionshaus, verbunden mit der Krankheit ihres Mannes, machte Elisa Wheelock sehr zu
schaffen. Sie steigerte sich scheinbar in fast paranoide Züge und drängte ihren Mann nach einiger Zeit zur Rückreise –
entgegen dem Rat aller anderen Mitarbeiter. Letztlich hatte keiner mehr Hoffnung auf seine Genesung, aber alle waren
sich sicher, dass eine Reise den Tod nur begünstigen würde. Dennoch schiffte sich Elisa mit ihrem Mann nach Kalkutta ein.
Als sie auf hoher See an ihrem Schreibtisch saß und einen Brief schrieb, wähnte sie ihren Mann schlafend hinter sich in der
Koje. Plötzlich hörte sie die sich öffnende Kajütentür, aber als sie begriff, was geschah, war es bereits zu spät. Wheelock
war im Fieberwahn an Deck gestürzt und warf sich in einem Anflug geistiger Umnachtung ins Meer. Elisa machte später die
Judsons mitverantwortlich und verbreitete in Kalkutta üble Nachrede über die Missionare. Ann sah sich später gezwungen,
den Eltern des armen Wheelock die Wahrheit zu schreiben und vermerkte über Elisa: „[Sie] ist die Wurzel der Bitterkeit, sie
bemühte sich, unsere Einheit zu verhindern. Aber nichts desto trotz […] strengen wir uns an, einen vergebenden Geist zu
kultivieren, und ich vertraue darauf, dass wir einen solchen in einem gewissen Maß erlangt haben“ (Anderson, S. 270)
KIRCHENGESCHICHTE
starb wenig später auf groteske Weise
während der Rückreise nach Kalkutta.j)
Am 04. April 1819 hielt Judson den
ersten öffentlichen Gottesdienst –
anwesend waren etwa 15 Einheimische
und einige Kinder. Es war unruhig
und die Burmesen gaben sich wenig
Mühe, Judsons Predigt aufmerksam
zu verfolgen. Dennoch öffnete dieser
04. April ein ganz neues Kapitel der
burmesischen Mission. Judson sprach
nicht mehr nur zu einzelnen Interessierten in seiner Umgebung, er begann
ein breites, öffentliches Publikum einzubeziehen. Nur wenige Wochen später ging er einen Schritt weiter, indem
er sich auf die der Straße zur Shwe
Dagon Pagode zugewandten Veranda
stellte und den Vorübergehenden
zurief: „Halt – wer da nach Erkenntnis
dürste …!“7. Und die Menschen kamen.
Viele aus Neugier, einige um zu stören, etlich um zu disputieren, aber sie
kamen.
Die Trophäe der
siegreichen Gnade
In den vergangenen Jahren hatte es
immer wieder Einzelne gegeben, die
interessiert waren und bei Judsons
Hoffnungen weckten. Bislang wurden
sie immer wieder enttäuscht, so dass
Adoniram irgendwann schrieb: „Was
habe ich als trügerischer erfahren als
erste Anzeichen?“8 Ähnlich schrieb
er auch am 1. Mai in sein Tagebuch,
dass er sehr sorgfältig führte und in
regelmäßigen Abständen als eine Art
„Arbeitsbericht“ an das Board sandte:
„Burmesischer Anbetungstag; natürlich eine Menge Besucher; unter ihnen
Moung Nauk), ein Mann, der mich gestern einige Stunden begleitete; aber
wegen seiner Stille und Reserviertheit
erregt er keine besondere Aufmerksamkeit oder Hoffnung. Heute jedoch
beginne ich, besser von ihm zu denken.“9 Schon zwei Tage später änderte
sich der zögerliche Ton: „Ich beginne
zu denken, dass die Gnade Gottes sein
Herz erreicht hat. Er äußert Empfin-
dungen der Reue für seine Sünden und
Glauben an den Retter“.10 Tatsächlich:
Am 27. Juni wurde eine große BuddhaStatue stummer Zeuge, wie Moung
Nau, die erste „Trophäe der siegreichen Gnade“11, in einem nahe gelegenen Teich seinen Herrn und Retter in
der Glaubenstaufe bezeugte.
Die Tagebücher Judsons nennen
viele weitere Namen von Interessierten, bis zum Jahresende bekehrten
sich aber vorerst nur zwei weitere Burmesen, als die junge Gemeinde schon
von der ersten Krise getroffen wurde.
Der alte Vize-König, zu welchem die
Judsons ein sehr gutes Verhältnis hatten, war abberufen und ersetzt worden. Der neue roch seine Chance und
versuchte sich durch Sondersteuern
an den Christen zu bereichern. Aber
nicht nur in Rangoon hatten sich die
Machtverhältnisse verschoben – der
burmesische König selbst war gestorben und sein Sohn ergriff die Macht
und sicherte sie anschließend mit den
bewährten Mitteln der Despotie. Die
Anzeichen zukünftiger Repressalien
mehrten sich, als ein am Christentum
interessierter Burmese aus der oberen
Gesellschaftsschicht mehr oder weniger offene Drohungen erhielt.
Königliche Abfuhr
Judson und Colman beschlossen den
Versuch zu wagen und direkt nach
Ava zu gehen. Warum nicht direkt
beim Monarchen um eine Art Religionsfreiheit werben? Wenn ihnen
diese gewährt würde, hätten sie freie
Hand und das Evangelium könnte sich
ungehindert ausbreiten.
Kurz vor Weihnachten 1819 segelten Colman und Judson den Irrawaddy
hinauf zur neuen Königsstadt Ava.
Die Reise war jedoch ein gänzlicher
Misserfolg. Der Monarch zeigte zwar
anfängliches Interesse, aber als er
den ersten Satz von Adonirams Tract
No. 1 – „Es gibt ein Wesen, das seit
Ewigkeit existiert …“12 – las, lies er
das Blatt kommentarlos zu Boden
19
fallen und wandte sich abrupt von
den Missionaren ab. Alle Anwesenden
verstanden die Geste nur zu gut. Bitter enttäuscht reisten die Missionare
heim und dachten darüber nach, die
Mission aufzugeben. Wenn sich der
Misserfolg erst einmal herumgesprochen haben würde, wären sie Spielball
der buddhistischen Priesterschaft.
Sie beschlossen nach Chittagong zu
gehen, um dort eine neue Arbeit aufzubauen – aber sie rechneten nicht
mit der Standhaftigkeit ihrer kleinen
Gemeinde. Die Neubekehrten baten
und flehten, verfassten eine Petition
und mobilisierten sogar die ungläubigen Nachbarn und Verwandten,
um auf Judsons einzuwirken. Etliche
äußerten ihr Interesse am christlichen
Glauben und so ließen sich die Missionare umstimmen.l) Der Gottesdienst
fand ab jetzt hinter verschlossenen
Türen statt und dennoch, nur knapp
drei Monate später taufte Adoniram
den zehnten burmesischen Christen.
Die Aussichten waren trotz der königlichen Abfuhr besser als gedacht. Die
erste Krise war überwunden – aber
sie gab nur einen schwachen Vorgeschmack dessen, was kommen würde
und was zu diesem Zeitpunkt noch
niemand ahnte …
QUELLENANGABEN
1 Brief an Luther Rice, Judson, S. 93;
2 Tagebucheintrag, 16. April 1815;
3 Wayland, S. 169
4 George Hough in Anderson, S. 198
5 Aus dem Missionary Magazin 1818, in Judson,
S. 73
6 Wayland, S. 181
7 Judson, S. 122
8 Wayland, S. 294
9 Wayland, S. 216
10 Wayland, S. 217
11 Wayland, S. 225
12 Judson, S. 568
BILDNACHWEIS
S. 15: http://www.backyardtravel.com/blog/destinations/my-city-yangon/ (01.12.2013)
S. 16: www.davidrumsey.com
S. 17: Adoniram Judson, „The New Testament: In
Burmese“ American Baptist Missionary Union;
1832; S. 17 (via GoogleBooks)
k) „Moung“ ist eine Bezeichnung für „junger Mann“ – „Ma“ bezeichnet eine (jüngere) Frau. Ein solches Attribut ist jedem burmesischen Namen in Judsons
Aufzeichnungen vorangestellt.
l) Colmans reisten dennoch nach Chittagong um dort eine Station aufzubauen, die eventuell später als Rückzugsort dienen könnte. Vor Ort entschieden
sie sich jedoch für den etwas südlicher und näher an der Grenze liegenden Ort Cox’s Basaar. Colman starb allerdings schon zwei Jahre später 1822.

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