Predigt zu Joh 8,31–37 „Jack Sparrows Kompass – Unser Wunsch

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Predigt zu Joh 8,31–37 „Jack Sparrows Kompass – Unser Wunsch
Predigt zu Joh 8,31–37
„Jack Sparrows Kompass – Unser Wunsch nach Freiheit“
am 12. So nach Trinitatis, 03.09.2006
PD Dr. Markus Mühling
Universitätsgottesdienst in der Peterskirche in Heidelberg
Die Gnade unsers HERRN Jesu Christi und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des
heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen
Liebe Gemeinde,
Kennen Sie den „Fluch der Karibik“? – „Der Fluch der Karibik“, das ist ein Film, der derzeit in den
Kinos läuft. Vielleicht haben Sie ihn ja gesehen. Dann wissen Sie, dass es eigentlich zwei Filme
sind und dass jetzt nur die Fortsetzung läuft. Vielleicht haben Sie ihn aber auch nicht gesehen, aber
ihre Kinder oder Enkel. Dann haben Sie ab heute Nachmittag die Gelegenheit, mit überragendem
Wissen mit ihnen darüber sprechen zu können. Denn ich werde ihnen den Film nun in Kurzform
erzählen:
Es handelt sich um einen Piratenfilm. Und um einen sehr romantischen. Die Piraten sind natürlich
die Guten. Genauer gesagt, ein Pirat ist der Sympathieträger – Jack Sparrow, Captain Jack Sparrow.
Eigentlich ist er gar kein richtiger Captain, denn er hat kein Schiff. Aber er möchte eines
bekommen, ein bestimmten, die Black Pearl. Und das ist sein großes Ziel. Denn er hängt an Land
rum, auf irgendeiner karibischen Insel und ist dort mehr oder weniger gebunden und gefangen und
kommt ohne Schiff nicht weg. Aber Jack hat einen wunderbaren verzauberten Kompass. Der zeigt
nicht nach Norden, sondern er zeigt ihm den Weg dorthin, wo immer er hin will. Und damit zeigt
dieser Kompass immer genau zu dem Schiff, dass er bekommen will. Und gefragt, warum er dieses
Schiff, die Black Pearl, bekommen will, sagt er: „Die Black Pearl bedeutet mehr als ein Schiff, sie
bedeutet Freiheit“. Und der verzauberte Kompass führt ihn tatsächlich zu dem Schiff und am Ende
des Film hat er das Schiff, eine Mannschaft dazu und er kann verträumt auf das Meer starren und
befehlen: „Bringt mich zum Horizont!“
Freiheit – unser Captain hat sie erreicht. So geht der Film aus. Freiheit, das ist auch das Thema des
heutigen Predigttextes. Er steht im Johannesevangelium, im 8. Kapitel (Joh 8, 31–36):
31 Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so
seid ihr meine rechten Jünger 32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch
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frei machen. 33 Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Samen, sind niemals jemandes Knecht
gewesen; wie sprichst du denn: "Ihr sollt frei werden"? 34 Jesus antwortete ihnen und sprach:
Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. 35 Der Knecht aber
bleibt nicht ewiglich im Hause; der Sohn bleibt ewiglich. 36 So euch nun der Sohn frei macht, so
seid ihr recht frei.
Der Text berichtet von einem Streit um Freiheit. Da sind also die einen, Jesu Anhänger – und sie
sagen: „Wozu sollen wir frei werden, wir sind doch schon frei und niemals Knechte gewesen.“ Und
Jesus widerspricht Ihnen: Sie irren sich waren gar nicht frei, sondern können es erst werden.
Freiheit ist ein hohes Gut. Sehr erstrebenswert. Das meinen Jesu Anhänger, das meint Jesus, das
meint Capt. Jack Sparrow und allzu oft meinen wir das auch. Aber der Streit um Jesu Angebot
zeigt: Man kann darunter unterschiedliche Dinge verstehen. Mit den Augen Jesu gesehen bedeutet
Freiheit etwas anderes als sonst, als im Allgemeinen. Und dem wollen wir nun auf die Spur
kommen. Dazu müssen wir uns noch einmal den Film und den Captain anschauen:
Der Captain hat einen verzauberten Kompass, der es ihm ermöglicht, seinen Willen zu bekommen,
das Schiff, das Freiheit bedeutet, mit dem er machen kann, was er will. Der Kompass ist also das
Mittel, alles zu bekommen, was der Captain will. Und darin eben besteht die absolute Freiheit:
Nicht mehr eingeschränkt zu sein, in dem, was man will. Wirklich das realisieren zu können, ohne
Zwänge, ohne Bindungen, die uns daran hindern. Wäre so ein Kompass nicht sehr schön? Nun, es
müsste für uns schon ein wenig mehr als ein Kompass sein: Es müsste etwas sein, was dafür sorgt,
dass man soviel Zeit hat, wie man will. Vielleicht auch dafür, dass man genug Geld hat, denn einige
Dinge kosten ja in unserer Welt Geld. Und außerdem sollten wir nicht durch überflüssige
Beziehungen eingeschränkt sein: Zu arbeiten, etwa das ganze Jahr. Denn wären wir nicht viel freier,
wenn wir in den Urlaub fahren könnten, wenn wir wollten und nicht auf die Ferien angewiesen
wären? Nun, liebe Gemeinde, sie können Sich das noch weiter ausspinnen, was diese absolute
Freiheit und Bindungslosigkeit bedeuten kann. Vielleicht sagen Sie auch: Das ist doch alles
unrealistisch, Träumerei. Ja, da haben sie wohl recht. Aber stellen sie sich diese Bindungslosigkeit
mal für einen Moment vor. Denn diese Freiheit als Bindungslosigkeit war wohl oft der Traum von
vielen Menschen in der ganzen Geschichte:
– Da ist der harmlose Film, in dem der Captain sich die Freiheit als Bindungslosigkeit durch einen
verzauberten Kompass erwirken kann.
– Da sind Menschen im Mittelalter, die die Freiheit von den Bindungen der Kirche erhalten wollen
und hoffen, die Reformation könnte sie dazu bringen.
– Da sind von anderen beherrschte Völker, die sich von den Bindungen befreuen wollen.
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– Da sind Männer oder Frauen, die sich aus den Bindungen ihrer Ehen lösen oder lösen wollen
– Da sind Teenager, die endlich erwachsen werden wollen, weil sie sich einbilden, dann endlich
freier und bindungsloser zu sein.
Wir könnten die Beispiele leicht vermehren. Und nicht nur harmlose oder alltägliche nennen. Doch
das würde hier wenig ergänzen: Denn der Punkt ist klar: Was sich die Welt erhofft, ist Freiheit als
Bindungslosigkeit. Und Jack Sparrows Kompass ist das Mittel, sie zu erreichen. Das mag utopisch
sein. Aber was geschähe, wenn es ginge?
Das müssen wir uns nun einmal anschauen: Was geschähe, wenn man die absolute Freiheit als
Bindungslosigkeit erreichen könnte?
Wenn Sie im Kino in den letzten Wochen den Film gesehen haben, können Sie es ahnen. Der Film,
soweit ich ihn erzählt habe, war sehr erfolgreich und man hat eine Fortsetzung gedreht. Es sind, wie
ich schon sagte, zwei Filme. Und was ist im zweiten Teil zu sehen? Nun, das ist doch klar: Der
erste Teil zeigt die Befreiung zur Bindungslosigkeit mit Hilfe des Kompasses. Und der zweite Teil
zeigt den Gebrauch dieser Freiheit. Darum lassen sie mich auch diesen Teil kurz erzählen:
Jack Sparrow – Capt. Jack Sparrow – hat nun die Freiheit erlangt und kann sie gebrauchen. Er muss
nur auf den Kompass schauen und er führt ihn ans Ziel. Und alle seine Matrosen sagen: „Captain –
gib uns einen Kurs, nach dem wir segeln können“. Und der Captain schaut auf seinen Kompass –
aber er kann nicht antworten, er kann seinen Männern nichts befehlen. Denn der Kompass zeigt
einmal dahin und einmal dorthin, einmal nach Norden, die nächste Sekunde nach Sünde, dann nach
Osten und dreht sich gleich einem Karussell. Was ist los? Ist der Kompass kaputt? Ist die Freiheit
wieder weg? Nun mitnichten! Ganz im Gegenteil! Die Freiheit als Bindungslosigkeit, genau die ist
nun erreicht. Und der Kompass funktioniert vorzüglich. Er ist immer noch das Mittel, alles, was
man will, erreichen zu können. Der Punkt ist, dass Jack Sparrow – Captain Jack Sparrow – nicht
mehr weiß, was er will! Er ist so frei, dass sein Kompass ihn zwar überall hin orientieren kann.
Aber sein Wollen kann sich an nichts mehr orientieren. Genau das heißt ja Bindungslosigkeit: Man
ist von nichts mehr abhängig. Und wenn man von nichts mehr abhängig ist, dann ist man frei.
Freiheit als Bindungslosigkeit, das, was wir uns also erhoffen, heißt eigentlich bei Licht betrachtet,
Freiheit als Orientierungslosigkeit. Als Wirrnis und Verwirrung.
Lassen Sie mich das noch ein wenig grob ausstreichen, dass man’s verstehe:
– Wenn sie es gebildeter wollen: Jack Sparrows unbrauchbarer Kompass, der nirgendwo mehr
hinzeigt, veranschaulicht auch Luthers Lehre vom gebundenen Willen: Ein ungebundener Wille, so
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Luther, sei nur eine res de solo titulo, eine Sache nur dem Namen nach, eigentlich gar keine Sache
oder eine widersprüchliche: Denn wenn der Wille ganz frei ist, will er eben nichts mehr und dann
ist das auch kein Wille mehr.
– Zu abstrakt? Kein Problem: Kennen Sie nicht auch den übersättigten Zustand, in dem sie genug
Zeit haben, auch keinen finanziellen Mangel und ihnen trotzdem langweilig ist und ihnen nichts
einfällt und sie nicht recht wissen, wie sie Ihre Freizeit gebrauchen können?
– Oder denken sie an die Karikatur von Kindern, die alle möglichen Spielsachen haben, ein
Kinderzimmer, voll gestopft damit, und die doch nicht in der Lage sind, nur mit einem Spielzeug
länger als eine Minute zu spielen und es dann wieder in die Ecke pfeffern.
Belassen wir es dabei: Freiheit als Bindungslosigkeit ist, auch wenn wir sie oft anstreben, überhaupt
kein großes Gut. Bindungslosigkeit macht uns nicht frei. Sondern höchstens launisch. Was aber ist
die Alternative?
Nun, auch das können wir mit unserem Film veranschaulichen: Der Film löst das Freiheitsdilemma
auf: Wenn unser Captain eben nichts mehr will und den Kompass nicht benutzen kann, dann
jemand anders. Der Captain stellt seinen Kompass einer jungen hübschen Frau zur Verfügung, die
unsterblich in einen Jungen verliebt ist, der aber irgendwohin verschleppt wurde und erst gefunden
werden will. Sie hält den Kompass in Händen und nun funktioniert er wieder. Er zeigt in Richtung
des verschleppten Jungen. Und unser Captain gibt bereitwillig den neuen Kurs ein.
Was geschieht hier: Der Captain überwindet seine Bindungslosigkeit, indem er sich an die hübsche
Frau bindet. Das Herz der hübschen Frau aber ist an den Jungen gebunden. Und daher weiß sie, was
sie will.
Freiheit funktioniert nur in Bindungen, nur in Beziehungsgefügen. Und deswegen ist der Wille, wie
Luther sagt, immer ein gebundener Wille, wenn es überhaupt ein Wille sein soll. Wir können nur
etwas wollen, wenn wir auch etwas fühlen. Wir können nur etwas wollen, wenn unser Herz an
etwas hängt. Etwas zu wollen und vielleicht zielstrebig zu verfolgen, hängt davon ab, dass ich
gebunden und gefesselt von etwas bin.
– Nur wenn Sie von einem Hobby hingerissen sind, können Sie ihre Freizeit richtig gebrauchen.
– Ein Kind kann nur Spielen, wenn es um das Spiel herum alles vergisst und sich ihm ganz hingibt.
– Und wir können Partnerschaften, Familien und Beziehungen nur in eine sinnvolle Zukunft führen,
wenn wir uns an den anderen hingeben und von ihm gebunden sind.
Wenn dem aber so ist, dass der Wille nur funktioniert, wenn er gebunden ist, ist Freiheit dann eine
Illusion? Etwas, das es gar nicht gibt? Ist der ganze ursprüngliche Wunsch von Jack Sparrow
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falsch? Ist unser Sehnen nach Freiheit falsch? Nun, Freiheit als Beziehungslosigkeit gibt es nicht.
Und wenn wir nahe dran kommen, dann würden wir eher an Orientierungslosigkeit zu Grunde
gehen. Aber dennoch gibt es Freiheit. Und hier müssen wir auf unseren Predigttext zurückkommen:
Auch Jesus geht davon aus, dass der Wille gebunden ist. Aber er steht unter einer Alternative: Der
Wille kann von der Sünde oder von der Wahrheit gebunden sein: Der Wille kann Knecht der Sünde
sein oder sich an Jesus halten: Und ein Wollen, das an den freien Sohn gebunden ist, ein solcher
Wille ist wirklich frei. Wirkliche Freiheit ist nicht Bindungslosigkeit, sondern Gebundenheit an das
Richtige, Gebundenheit an das Wahre. Was ist das Wahre? Etwa das, was uns unser Herz zeigt?
Das was wir fühlen, spüren und empfinden, dass es das Richtige ist? Vielleicht sogar das, was ohne
groß nachzudenken Spaß macht? Nein! Dem dürfen wir nicht auf den Leim gehen. Denn darin
besteht die Macht der Sünde: Das sie immer im Gefühl „gut scheint“. Dann wäre auch nichts
gewonnen. Denn die Gefühle ändern sich. Vielleicht zwar langsam, aber immerhin. Es wäre wie ein
Kompass, der langsam seine Richtung ändert. Und dann doch ganz woanders hin zeigt.
Nein, wahre Freiheit heißt, an Christus gebunden zu sein, an die Person Jesu Christi als Sohn des
Vaters. Und wahre Befreiung heißt nicht Bindungslosigkeit, sondern Herrschaftswechsel: Zu sagen:
„Jesus ist Herr.“ Das zu sagen kann man aber nur, wenn der Heilige Geist im Spiel ist und unsere
Herzen ändert, unsere Gefühle und Affekte wandelt. Das können wir mit unserem Wollen oder
Entscheiden nicht vollbringen. Aber so wie der Captain im Film die hübsche Dame bitten kann,
seinen Kompass zu benutzen, so können auch wir jemanden bitten: Wir können den Heiligen Geist
bitten, dass er unsere Herzen wandelt, hin zu Christus, dass wir uns an ihn halten. Wir können
beten.
„Freiheit“ heißt, im Herzen (an Christus) gebunden zu sein.
„Befreit werden“ heißt, einen Herrschaftswechsel vollzogen zu bekommen.
Und „sich zu befreien“ heißt, zu beten.
Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle gefallene Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne,
Amen.
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