Leseprobe - Dorothy L. Sayers

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Leseprobe - Dorothy L. Sayers
M ANFRED S IEBALD
Dorothy L. Sayers
L EBEN | W ERK | G EDANKEN
Dorothy L. Sayers (1942)
NEUFELD VERLAG
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
10
II. Das Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
34
1. Die Dichterin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2. Die Kriminalschriftstellerin . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3. Die Dramatikerin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
a) Die Komödien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
b) Die geistlichen Dramen . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
c) Die Hörspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4. Die Essayistin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5. Die Übersetzerin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
34
40
79
79
80
97
107
120
III. Die Gedanken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
129
I.
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über www.ddb.de abrufbar
NEUFELD VERLAG
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson
Umschlagbild Dorothy L. Sayers: Used by permission of
The Marion E. Wade Center, Wheaton College, Wheaton, IL,
USA.
Umschlagbild: © ShutterStock®
Satz: David Neufeld, Schwarzenfeld
Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
© 2007 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
ISBN 978-3-937896-51-9, Bestell-Nummer 588 651
(Eine frühere Ausgabe dieses Buches erschien
im Verlag R. Brockhaus, Witten)
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit
Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de
6
1.
2.
3.
4.
5.
Schöpfer und Schöpfertum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Arbeit und Beruf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Frau und Mann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Schuld und Sühne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Jesus Christus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
129
134
137
141
146
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
152
Auswahlbibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
175
Zum Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
190
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
191
Vorwort
Vorwort
I
hre Biographie dürfe frühestens 50 Jahre nach ihrem Tode
geschrieben werden, und dann auch nur, wenn überhaupt
noch jemand ihre Werke läse. So verfügte es Dorothy L.
Sayers vor ihrem Tod – und es gab bereits 30 Jahre nach ihrem
Tod eine ganze Reihe von Büchern, die sich ausführlich mit
ihrem Leben und ihrem Werk beschäftigten.1
Das vorliegende Buch will nicht eine weitere lückenlose und
naturgetreue Darstellung von mehr oder weniger wichtigen biographischen Details und Ereignissen abgeben. Es möchte stattdessen – ausgehend von den wichtigsten Lebensumständen – in
die Gedankenwelt einer Frau einführen, die weit über ihre Zeit
hinaus Wichtiges zu sagen hatte.
Im Falle von Dorothy L. Sayers gilt es, ein Leben zu beschreiben, aus dem man gut vier oder fünf Leben hätte machen können.
Sie begegnet uns in den verschiedenen Stadien ihres Lebens als
Meisterin so verschiedener Metiers, als so sprühende, niemals
vorauszuberechnende Persönlichkeit und als so gedankenreiche
Christin, dass man eigentlich mehrere Bücher über sie schreiben müsste. Die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit ihrer
Werke machen es auch schwer, eine chronologisch genaue und
doch übersichtliche Darstellung durchzuhalten – wie an einigen
der bisher vorliegenden Dorothy L. Sayers-Biographien abzulesen ist. Ein nach Leben, Werk und Gedanken getrennter Überblick hat demgegenüber einige Vorteile. Auf dem Hintergrund
der Lebensgeschichte der Autorin können die Werke wenigstens
kurz in ihrem Zusammenhang gewürdigt werden, und in einem
dritten Teil lassen sich einige häufig wiederkehrende Motive
ihres Denkens nach Problemkreisen geordnet zusammenfassen.
In Form einer knappen Anthologie will dieser dritte Teil dadurch
dem Mangel an erhältlichen deutschen Übersetzungen insbe6
sondere der Essays begegnen, dass er hauptsächlich Dorothy L.
Sayers selbst zu Worte kommen lässt.
Versucht man, das Werk eines Autors auf dem Hintergrund
seines Lebens und seiner Zeit zu sehen und es als Einheit zu
begreifen, dann stellt sich immer die Frage nach wiederkehrenden Motiven oder nach Konstanten, die durch Werk und Leben
laufen. Man könnte z. B. stilistische oder strukturelle Parallelen
oder Entwicklungen nachweisen, eine einheitliche Literaturtheorie formulieren oder das Hauptaugenmerk auf bestimmte politische Einstellungen legen. Doch bei Dorothy L. Sayers bietet
sich wohl am ehesten an, Leben und Werk von ihrem christlichen Glauben her zu betrachten. Dieser Glaube ist bei ihr eine
der natürlichsten Konstanten, und von ihm aus lässt sich manches normalerweise schwer Erklärbare durchaus verstehen.
Deshalb beschreibt dieses Buch die Frau, Dichterin, Gelehrte,
Autorin, Dramatikerin, Apologetin und Übersetzerin Dorothy L.
Sayers vor allem von ihrem Christsein her.
Nur ein Teil ihrer Werke liegt in deutschen Übersetzungen
vor, von denen einige zudem seit vielen Jahren vergriffen sind.
Auf den Wortlaut der vorhandenen Übersetzungen wird im folgenden zurückgegriffen; und wo mehrere vorliegen, habe ich
die meines Erachtens beste ausgewählt. Um aber dem deutschsprachigen Leser einen Eindruck auch von den bislang nicht
übersetzten Werken zu vermitteln, wurden einige Gedichte und
Auszüge aus Dramen und Essays von mir eigens für das vorliegende Buch übersetzt. Ebenso wurde mit den Äußerungen
englischsprachiger Autoren zu Frau Sayers und ihrem Werk
verfahren.2 Schwierig ist es, deutschen Lesern einen Eindruck
von der Art und der Qualität derjenigen Übersetzungen zu
vermitteln, die Frau Sayers selbst anfertigte. Z. B. wäre eine
Übertragung ihrer englischen Fassung der Werke Dantes ins
Deutsche eine Übersetzung aus zweiter Hand und von daher
wenig sinnvoll. Ich beschränke mich deshalb in Kapitel II. 5
auf die Beschreibung ihrer Übersetzungsziele, ihrer Leistungen
und ihrer Auffassung vom Übersetzen überhaupt. Eine weitere
7
Vorwort
Schwierigkeit besteht bei der Würdigung der Kriminalromane:
Wie kann man sie beschreiben, ohne dabei auf Schritt und Tritt
Gefahr zu laufen, die Lösung der Kriminalfälle zu verraten? Es
ist zu hoffen, dass diese Schwierigkeit auf den nachfolgenden
Seiten so bewältigt wird, dass die eigene Begegnung des Lesers
mit Lord Peter Wimsey immer noch spannend bleibt.
Wie in einer Geschichte von Dorothy L. Sayers das Zusammentragen der Indizien und das Herausfinden der Wahrheit
immer der Hilfe vieler Informanten bedarf, so wäre auch die
Entstehung dieses Buches, insbesondere das Zusammentragen
des umfangreichen Materials, nicht ohne die tatkräftige Hilfe
anderer denkbar gewesen. Einige seien an dieser Stelle dankbar
erwähnt: Aiden Mackey in Bedford, Prof. Alan Jacobs in Wheaton, Dr. Gisbert Kranz mit der Inklings-Bibliothek; die freundlichen Damen und Herren an den Universitätsbibliotheken in
Mainz und Princeton und an der British Library in London;
Carmen Birkle und Liane Gürbig, die das Manuskript durchsahen, und Prof. Alfred Hornung, der mir eine Reihe wertvoller
Hinweise gab. Besonderer Dank gebührt über seinen frühen Tod
hinaus Carsten Peter Thiede, der die Originalausgabe anregte
und verlegerisch betreute – und natürlich auch all jenen Freunden wie Johannes Hansen, Dr. Jürgen Spieß und Jan Vering,
die sich bei höflicher Nachfrage nach meinem Ergehen plötzlich
in ein Gespräch über Dorothy L. Sayers verwickelt sahen und
mir dann wichtige Fragen oder Antworten mitgaben. Meiner
Familie schließlich danke ich für die liebe- und verständnisvolle
Gewährung eines »busman’s holiday«.3
8
Vorwort zur Neuauflage
N
achdem in den vielen Jahren seit der Veröffentlichung
dieses Buches noch immer keine weitere deutschsprachige Arbeit über Dorothy L. Sayers erschienen ist,
bietet es sich im fünfzigsten Jahr nach ihrem Tod an, dieses Buch
in überarbeiteter Form noch einmal aufzulegen. Viele wertvolle
Gespräche bei internationalen Konferenzen und bei den Treffen
der Dorothy L. Sayers Society haben mein Bild dieser außergewöhnlichen Frau inzwischen immer wieder erweitert – stellvertretend nenne ich Barbara Reynolds, Christopher Dean,
Janice Brown, John Thurmer und Jasmine Simeone. Aber auch
an die reichen Erträge meiner Besuche bei Marjorie Mead und
Chris Mitchell im Marion E. Wade Center in Wheaton muss ich
denken. Nicht zuletzt ist es aber immer wieder die Begegnung
mit den Gedanken und Texten von Dorothy L. Sayers selbst,
die einen dankbar macht und in Bewegung bringt. Auch noch
lange Zeit nach dem fünfzigsten Jahrestag ihres Todes wird man
ihrer Arbeit abspüren, dass sie damit nicht reich oder berühmt
werden wollte. Ihre Arbeit war für sie vielmehr – wie sie es in
einem ihrer Essays beschreibt – Ausdruck ihrer Fähigkeiten, sie
fand darin geistliche, geistige und körperliche Befriedigung, und
sie war das Medium, durch das sie sich Gott darbrachte.4
Mainz, Mai 2007
Manfred Siebald
9
Das Leben
I. Das Leben
D
ie Familie, in die Dorothy Leigh Sayers am 13. Juni 1893
in Oxford hineingeboren wurde, weist auf der väterlichen und der mütterlichen Seite manches auf, was in
ihrem späteren Leben Bedeutung haben sollte. Ihr Vater war der
anglikanische Pfarrer Henry Sayers (1854–1928), selbst Pfarrerssohn und zu jener Zeit Direktor der Chorknabenschule an
Christ Church, einem der renommiertesten Colleges in Oxford.
Nach seiner Studienzeit am Magdalen College war er Leiter
verschiedener Schulen gewesen, bevor er zurück nach Oxford
ging. Hier, in einem durch den christlichen Glauben geprägten
Elternhaus, liegen sicherlich einige der Wurzeln des Glaubens
der Tochter. Zwar gab es in ihrer geistlichen Entwicklung durchaus Unterbrechungen und Umwege, aber die christliche Weltsicht von Dorothy L. Sayers lässt sich schon von ihrer Jugend
an verfolgen.
Will man Dorothys geistreichen Witz, die Bildhaftigkeit ihres
Denkens und ihre Ironie als Familienerbe erklären, so wird man
auf der Seite ihrer Mutter fündig. Helen Mary Sayers war eine
geborene Leigh, und diesen Mädchennamen gab man der Tochter als zweiten Vornamen. (Auf die Initiale »L.« legte Dorothy
übrigens ihr Leben lang großen Wert – wer sie vergaß, war eines
Tadels oder einer Beschwerde sicher.) Ein Großonkel ihrer
Mutter war Percival Leigh, einer der Begründer der satirischen
Zeitschrift Punch. Die Mutter selbst wird als geduldige, freundliche und hilfsbereite Frau beschrieben.
Das Geburtshaus in der Oxforder Brewer Street beherbergte
nicht nur Dorothy und ihre Eltern, sondern auch ihre Großmutter, eine unverheiratete Tante, einen Papagei und eine Reihe von
Dienstboten. Als Dorothy vier Jahre alt war, zog dieser Haushalt
nach Bluntisham-cum-Earith in East Anglia um, wo ihr Vater
eine Pfarrstelle übernahm. Hier fand die kleine Dorothy eine
10
Die Familie von Rev. Henry und Helen Mary Sayers
Dorothy als Kind
11
Das Leben
Heimat, der sie später in ihrem Roman The Nine Tailors ein
liebevolles Denkmal setzte. Das große Pfarrhaus und das Leben
in einer Landgemeinde, der Lateinunterricht durch ihren Vater
und verschiedene Gouvernanten – alles prägte und formte sie,
weckte ihre Beobachtungsgabe und bedeutete genügend Freiraum für ihr manchmal ungestümes Temperament.
Eine Schule besuchte sie erst, als sie sechzehn Jahre alt war.
Es fiel ihr nicht leicht, sich in die Godolphin School in Salisbury
einzufügen – zwar war sie sprachlich (Französisch, Latein und
Deutsch) und musikalisch (Geige und Gesang) gut ausgebildet, aber es fehlte ihr sowohl an naturwissenschaftlichen und
mathematischen Kenntnissen als auch an sportlichen Neigungen. Im Laufe der Zeit spielte sie dann jedoch eine aktivere Rolle
als Herausgeberin der Schulzeitung und als Mitglied im Debattierklub. Bereits während dieser Schulzeit begann sie Gedichte
zu schreiben.
Gesundheitliche Schwierigkeiten unterbrachen mehrmals
ihre Schullaufbahn: die Windpocken verzögerten ihren Schulbeginn um mehrere Monate, eine schwere Masernerkrankung
mit gleichzeitiger Lungenentzündung brachte sie an den Rand
des Todes und hatte einen fast völligen Haarausfall zur Folge
(weswegen sie eine Perücke tragen musste), und eine Art Ner-
Dorothy (rechts) mit ihren Eltern und ihrer Cousine Ivy (links)
Dorothy (hinten, rechts) mit Studentinnen des Somerville College
12
13
Das Leben
venzusammenbruch ließ sie den Rest ihrer Schulzeit zu Haus
nicht von vornherein selbst so nannte, würde sie sicher jemand
verbringen.
anders so nennen.5
Nach einem dennoch glänzenden Schulabschluss und mit
1915 machte sie wiederum ein glänzendes Examen – in mit-
dem begehrten Gilchrist-Stipendium für moderne Sprachen in
telalterlicher Literatur – und wurde 1916 zunächst Lehrerin an
der Tasche begann sie 1912 am Somerville College in Oxford ihr
der High School von Hull im Norden von England. Da sie dem
Sprachstudium. Dies geschah zu einer Zeit, als weibliche Studie-
Lehrberuf nicht viel abgewinnen konnte, kehrte sie 1917 nach
rende zwar zugelassen, aber noch nicht zur Erlangung eines aka-
Oxford zurück, auf eine Lektorenstelle beim Verlag Basil Black-
demischen Grades berechtigt waren. (Eine solche Regelung trat
well. (Bei diesem Verlag war 1916 bereits ihr erster Gedichtband
erst 1920 in Kraft, und Dorothy L. Sayers war eine der ersten
Op. 1 erschienen.) Ihrer poetischen Neigung war sie während
524 Absolventinnen, die im gleichen Jahr einen Titel verliehen
ihres ganzen Studiums nachgegangen – ihre Gedichte hatte sie
bekamen.) Sie genoss ihr Leben als Studentin, gab zahllose Tee-
zum Teil an Freunde verteilt, oder sie hatte sie in Oxforder Stu-
parties, war Mitglied des Bach-Chores und gründete mit eini-
dentinnen- und Studentenzeitschriften veröffentlicht – doch
gen literarisch interessierten und begabten Freundinnen die
nun gab ihr die Lektorentätigkeit Gelegenheit zu weiteren Ver-
»Gesellschaft zur gegenseitigen Bewunderung«. Diesen Namen
öffentlichungen in angesehenen Anthologien. 1918 erschien ihr
schlug Dorothy vor, denn, so sagte sie, wenn sich die Gruppe
zweiter Band Catholic Tales and Christian Songs.
Die Bibliothek des Somerville College, Oxford
Die Dining Hall des Somerville College
14
15
Das Leben
versuchte, einen Verleger für ihren nebenbei geschriebenen
ersten Kriminalroman Whose Body? zu finden. Die Arbeit als
Texterin in der Werbebranche gab ihr nicht nur Freiraum für
eine solche kreative Nebenbeschäftigung, sondern sie förderte
auch die dafür nötigen Fähigkeiten: »Hier lernte sie, knappe,
lesbare Prosa zu schreiben, Abgabetermine einzuhalten, Fakten
auszugraben und diese abzuwägen und genau wiederzugeben.«8
Als sie 1923 in Fisher Unwin einen Verleger gefunden hatte, war
das zugleich der Eintritt in das literarische Leben Londons. Sie
genoss den Erfolg ihres Romans in vollen Zügen und fuhr nur
an Wochenenden in das Haus ihrer Eltern. Diese waren 1917 in
eine andere, ruhigere Pfarrstelle nach Christchurch bei Upwell
umgezogen, wo es Dorothy längst nicht so gut gefiel wie in Bluntisham, wo sie aber dennoch viele Stunden zubrachte.
Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet von mehreren
unglücklichen Beziehungen. Nachdem eine Freundschaft mit
Dorothy während ihres Studiums am Somerville College
In diesem Jahr traf sie auch Eric Whelpton, einen jungen
Kriegsheimkehrer, in den sie sich verliebte oder mit dem sie
zumindest eine tiefe Freundschaft verband.6 Als seine Assistentin beim Aufbau eines Schüleraustauschs an der Ecole des
Roches in Verneuil sur Avre folgte sie ihm 1919 für ein Jahr in
die Normandie. Nachdem sie 1920 an der Universität Oxford
endlich ihren Bachelor- und gleichzeitig ihren Magistergrad verliehen bekam, zog sie nach London, wo sie, wie sie es ausdrückte,
zwei Jahre lang »einer Reihe von Gelegenheitsarbeiten«7 nachging und unter anderem Sprachen an einer High School lehrte.
Die nächste berufliche Veränderung führte sie in die renommierte Werbeagentur von S. H. Benson, wo sie in eine völlig
andere Welt als die akademische eintauchte. Sie lebte jetzt in
einer eigenen Wohnung, pflegte ein extravagantes Äußeres und
16
Oxford, Kuppel der Radcliffe Camera (Lesesaal der Bodleian Library)
17
Das Leben
Bierwerbung für Guinness, von Dorothy L.
Sayers gemeinsam mit
John Gilroy in der Londoner Werbeagentur S. H.
Benson entworfen
einem Journalisten gescheitert war, weil er Dorothys eindeutige
Maßstäbe auf dem Gebiet außerehelicher Sexualität nicht anerkennen wollte (für sie war das eine »Frage praktischen Christentums«9), verliebte sie sich in einen Motorradmechaniker.
Warum sie es nach der vorangegangenen strikten ethischen Entscheidung zuließ, von diesem Mann im Januar 1924 ein Kind zu
bekommen, ist schwer zu verstehen. Abtreibung jedenfalls war
für sie kein Diskussionsgegenstand – sie hatte sich bereits während ihrer Zeit in Frankreich sehr um eine ungewollt schwangere
junge Frau bemüht, hatte sie beschworen, das Kind auszutragen, und hatte ihr nach der Geburt tatkräftig geholfen, eine neue
Existenz aufzubauen. Die Geburt ihres eigenen Sohnes verheimlichte sie jedoch vor ihrer Familie. Die Identität des Vaters war
bis auf ein oder zwei Freunde niemandem bekannt,10 und sie
Dorothy L. Sayers zur Zeit ihrer
Heirat (1926)
18
Oswald Atherton »Mac«
Fleming, ihr Mann
19
Das Leben
hielt das Kind, John Anthony, praktisch bis zu ihrem Tod aus
ihrem Leben fern. Zunächst wurde der Junge von ihrer Cousine
Ivy Shrimpton in Sidelings erzogen; für sein späteres Leben in
Schule und Universität sorgte die Mutter. Er starb 1984 im Alter
von 60 Jahren; seinen bürgerlichen Namen John Anthony Fleming hatte er bei der Adoption durch den Journalisten Arthur
»Mac« Fleming erhalten, den Dorothy 1926 heiratete. Er war
vor dem Krieg Werbeagent für die Firma Daimler gewesen und
schrieb im Laufe seines Lebens einige Kochbücher, ein Werk
über die Kurzgeschichte und eine Vielzahl von Zeitungsartikeln
und Geschichten. Aus einer ersten Ehe hatte er zwei Töchter,
doch diese Familie hatte er nach dem Krieg verlassen – weswegen es 1925 zur Scheidung kam.
Die Ehe, die Dorothy mit ihm führte, ist aufgrund ihrer Aussagen in Briefen wohl kaum als glücklich zu bezeichnen. Er
war zwar ein guter Amateurphotograph und Maler, aber nicht
der literarische Partner, den sie sich wohl erhofft hatte, und
er war vor allem nicht die menschliche Persönlichkeit, die ihr
vorschwebte. Er seinerseits beklagte den Mangel an Liebe in
ihrer Ehe und tröstete sich mit Alkohol. Das Ehepaar bewohnte
zunächst Dorothys Wohnung in London, die es auch dann noch
beibehielt, als Dorothy im Jahre 1928 ein Haus in Witham, Essex,
erstand. Dieses Haus, gekauft von einem Teil des Erbes, das ihr
Vater ihr bei seinem Tod in diesem Jahre hinterließ, sollte bis zu
ihrem eigenen Tod ihr Zuhause bleiben. Die Erinnerungen der
dortigen Nachbarn an sie sind – wohl je nach persönlicher Erfahrung – unterschiedlich: Die einen empfanden sie als freundlich
und liebenswürdig; die anderen empfanden sie als exzentrisch,
beklagten eine gewisse Reserviertheit und beschwerten sich
darüber, dass sie sich im Geschäft an Warteschlangen vorbei
nach vorn drängte. Doch einig waren sich alle darüber, dass sie
eine (in ihrem späteren Leben auch in körperlicher Hinsicht)
imposante und geistig dominierende Gestalt war.11
Ihre persönlichen Lebensumstände und familiären Veränderungen hinderten Dorothy nicht daran, mit großer Energie ihre
20
Kriminalschriftstellerei weiterzuführen. Dabei war ihr Erfolg
vor allem begründet durch die Figur ihres mondänen, gebildeten
und scharfsinnigen Amateurdetektivs Lord Peter Wimsey, der
in fast allen Büchern die Hauptrolle spielte. Ihr zweiter Roman,
Clouds of Witness, erschien 1926 beim Verlag Fisher Unwin, der
inzwischen vom Verlagshaus Ernest Benn übernommen worden
war. Auch die nächsten beiden Bücher (Unnatural Death, 1927,
und The Unpleasantness at the Bellona Club, 1928) wurden dort
verlegt. Alle weiteren Detektivromane und -geschichten erschienen bei dem neugegründeten Verlag Victor Gollancz: die Kurzgeschichtensammlung Lord Peter Views the Body (1928) und
die Romane Strong Poison (1930), The Documents in the Case
(1930, mit Eustace Barton), The Five Red Herrings (1931), Have
His Carcase (1932), Murder Must Advertise (1933), Hangman’s
Holiday (Kurzgeschichten, 1933), The Nine Tailors (1934),
Gaudy Night (1935) und In the Teeth of the Evidence (Kurzgeschichten, 1939).
Sie war 1932 Mitbegründerin und – nach dem Tode des von
ihr sehr verehrten Gilbert Keith Chesterton12 – von 1948 bis
1957 auch Präsidentin des Londoner »Detection Club«, einer
Vereinigung von Kriminalautoren, die sich u. a. die Pflege und
Weiterentwicklung der Detektivliteratur zum Ziel gesetzt hatte.
Frau Sayers beteiligte sich an verschiedenen gemeinsamen Hörspiel- und Romanprojekten der Mitglieder.13 Sie stellte mehrere
Sammlungen von Kriminalgeschichten zusammen und kommentierte in Einleitungen und Artikeln die Theorie und Praxis
des Detektivromans. Schon als junges Mädchen hatte sie – was
gewöhnlich ihre Umwelt erschütterte – neben den mittelalterlichen französischen Epen und den literarischen Meisterwerken
in englischer Sprache stets die neuesten Krimis verschlungen.
Nun war sie selbst zu einer der maßgeblichen Autorinnen dieses
Genres geworden.
Ein literarischer Kriminalfall bildete auch ihren Einstieg in
eine nächste Karriere. Überredet von einer Oxforder Freundin,
der Dramatikerin Muriel St. Clare Byrne, brachte sie mit dieser
21
Das Leben
zusammen Lord Peter Wimsey auf die Theaterbühne, und zwar
in dem Kriminalstück Busman’s Honeymoon (1936), aus dem
sie einen weiteren Wimsey-Roman (desselben Titels) machte,
der im Jahr darauf erschien. Der Erfolg am Theater ermutigte
sie, in den nächsten Jahren eine Reihe von Stücken zu schreiben. Eine weitere Komödie war Love All (1940), doch schon
1937 hatte sie auf Einladung der Freunde der Kathedrale von
Canterbury auch ein geistliches Drama geschrieben. The Zeal of
Thy House war ein Historienspiel um William von Sens, einen
Baumeister der Kathedrale. Es folgten The Devil to Pay (1939),
eine Neufassung des Faust-Stoffes, die ebenfalls beim Festival
von Canterbury aufgeführt wurde, und The Just Vengeance
(1946), ein Beitrag für das Lichfield Festival. Mit dem monumentalen The Emperor Constantine, das 1951 beim Festival
von Colchester gespielt wurde, versuchte sie, die Wichtigkeit
der christlichen Bekenntnisse anhand der Entstehung des nicänischen Glaubensbekenntnisses darzustellen. Bei ihren drama-
Dorothy L. Sayers im von ihr mitgegründeten »Detection Club«,
London (1939)
22
tischen Bemühungen arbeitete die Autorin in allen Phasen der
Produktion engagiert mit – oft zum Leidwesen der Theaterleute,
aber stets mit dem Bemühen, das Geplante und vor allem das
Beste aus einem Stück zu machen.
Einen Höhepunkt ihres dramatischen Schaffens bilden ihre
biblischen Hörspiele, die, von der BBC in Auftrag gegeben, zu
großen Erfolgen wurden. He That Should Come (1938) war eine
Szenenfolge über die Geburt Jesu, und The Man Born to Be
King (1941/42) ein Zyklus von zwölf Hörspielen über das Leben
Jesu. Vor allem das letztere Werk wurde viele Jahre hindurch
immer wieder im Rundfunk gesendet und in vielen Ausgaben
neu aufgelegt.
Bereits vor dem Krieg hatte Dorothy L. Sayers ihre Ansichten über literarische Probleme, über zeitgenössische britische
Politik, über den Zustand der abendländischen Kultur, über die
Frauenfrage, über Sünden und Tugenden des modernen Menschen und über Inhalte des christlichen Glaubens in Vorträgen,
Radiosendungen und Zeitungsartikeln geäußert. Während des
Krieges führte sie diese scharfsinnigen, tiefsinnigen und manchmal hintersinnigen Betrachtungen fort und veröffentlichte sie
zunächst einzeln (z. B. Begin Here: A Wartime Essay [1940]
und The Mind of the Maker [1941]) und später in Sammelbänden (wie Unpopular Opinions [1946] oder Creed or Chaos?
[1947]). Wenn auch eine zunächst vom Informationsministerium
geplante Mitarbeit in der offiziellen Kriegspropaganda aufgrund
von Meinungsverschiedenheiten nicht zustandekam, setzte sie
sich doch als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens nach Kräften für das ein, was sie das »Wohl der Nation« nannte.14 Ihr
Abschied vom Kriminalroman und ihre verstärkte Hinwendung
zu politischem Engagement, zu Literatur- und Kulturkritik und
zur christlichen Apologetik war dabei für sie nichts Unvorhergesehenes, sondern eher die Rückkehr zu dem, was sie als ihr
eigentliches Metier betrachtete. Einem Interviewer sagte sie:
»Es wäre gut, sich den Gedanken aus dem Kopf zu schlagen,
ich sei eine Kriminalschriftstellerin, die in der Mitte ihres Lebens
23
Das Leben
plötzlich ›fromm wurde‹ und anfing, das Evangelium zu predigen . . . ; das genaue Gegenteil ist wahr. Ich hatte an meinem
College ein Studium absolviert ... Nachdem ich auf verschiedene
Art und Weise genügend Geld zum Leben verdient hatte, konnte
ich die Detektivromane beiseite lassen und zurückgehen zu der
Literaturkritik, Lyrikübersetzung und so weiter, für die ich ausgebildet wurde und für die ich qualifiziert bin.«15 Sie arbeitete
in den Nachkriegsjahren übrigens nicht nur an »ernsthaften«
Projekten, sondern schrieb z. B. auch kleine lehrhafte Kinderbücher, wie Even the Parrot (1944). Für Punch verfasste sie »The
Pantheon Papers« mit gespielt wissenschaftlichen, satirischen
Artikeln über die Heiligen und Festtage der säkularisierten
Gesellschaft.
Die regelmäßigeren Bahnen, in denen ihr Leben seit dem
Umzug nach Witham verlief, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie stets gleichzeitig mit einer Fülle von verschiedenartigen Aufgaben und Projekten befasst war. Sie hielt Vorträge
für das Girls Training Corps, warb für den örtlichen Parlamentskandidaten, unterstützte die Theatergesellschaft von Witham
und arbeitete in einer ganzen Reihe von weiteren sozialen, kulturellen und karitativen Vereinigungen mit – z. B. an ihrem alten
College in Oxford. In London wurde sie Kirchenvorsteherin von
St. Thomas in der Regent Street und später von St. Paul’s, Soho.
Schon während des Krieges hatte sie mit anderen zusammen in
der Nachbargemeinde das Zentrum St. Anne’s House gegründet, einen kirchlichen Treffpunkt vor allem für Intellektuelle
»ohne Unterschied von Rasse, Glauben und politischer Zugehörigkeit«16. Sie selbst trug zum Programm Vorträge und Dramenaufführungen bei, und durch ihre Vermittlung gehörten
auch Berühmtheiten wie T. S. Eliot, Gabriel Marcel und Charles
Williams zu den Rednern. Williams und C. S. Lewis zählten zu
ihren engeren Freunden, und sie kannte neben diesen beiden
auch die meisten anderen Mitglieder jener Oxforder Gruppe
von Autoren, die sich »Inklings« nannte und zu der u. a. auch
J. R. R. Tolkien und Owen Barfield gehörten.17
24
Titelblatt der Erstausgabe (1944)
25

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