Prinzessin-‐sein heute - Julim

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Prinzessin-‐sein heute - Julim
Alexandra und Michael Ritter Prinzessin-­‐sein heute Königstöchter in neuen Märchenbilderbüchern – Innovative Angebote und produktive Gestaltungen von Kindern Dass das Märchen seine Popularität auch 200 Jahre nach dem Erscheinen der Kinder-­‐ und Hausmärchen keineswegs eingebüßt hat, wird niemand bestreiten. Auch wenn es heute eher multimedial verbreitet seiner mündlichen Erzähltradition fremd geworden ist bzw. solche Erzählsituationen – wenn sie denn stattfinden – einen sinnlich-­‐ästhetisch höchst sublimen Charakter bekommen haben, sind die Motive und Figuren des Märchens doch omnipräsent. Besonders die im Volks-­‐ und Kunstmärchen verbreitete Königstochter ist auch aus dem öffentlichen Leben einer parlamentarischen Demokratie nicht wegzudenken. Ein breites Variantenspektrum, angefangen von Merchandiseprodukten wie Prinzessin Lillifee bis hin zu den großen Märchen der Gegenwart, in denen echte Prinzessinnen – oder noch märchenhafter: einfache Mädchen aus bürgerlichem Hause – echte Prinzen heiraten, prägt die Wunschtraumwelten vieler Mädchen und Frauen nachhaltig; eindrücklich wird das durch das große öffentliche Interesse an solchen Ereignissen wie z. B. der Hochzeit des englischen Prinzen William mit Kate Middleton 2011 belegt. Doch: Handelt es sich bei diesen Prinzessinnen der Gegenwart tatsächlich um Figuren, die den Märchenwelten der Grimms entsprungen sein könnten? Und wie verändern neue Rollenmuster und Geschlechterverhältnisse auch den Umgang mit so stereotyp geprägten Figuren wie der Märchenprinzessin? Der folgende Beitrag geht dieser Frage mit Blick auf aktuelle Erscheinungen im Märchenbilderbuch nach. Es wird untersucht, inwiefern die Königstochter als Stereotyp des Märchens in den komplexen Beziehungsstrukturen von Bild und Text, wie sie das neue, anspruchsvolle Bilderbuch prägen, auch gemäß veränderten gesellschaftlichen Vorstellungen und Ansprüchen an Weiblichkeit Modifikationen erlebt. Abschließend wird der Blick darauf gerichtet, wie solche Bilderbücher als Sozialisationsliteratur begriffen auch Identifikationsangebote für Kinder und Anlässe zur produktiven Auseinandersetzung mit Rollenmustern werden können. Das Stereotyp: Die Prinzessin im Grimm’schen Märchen Die große Beliebtheit der Prinzessin als Märchenfigur rührt sicherlich daher, dass sie als immer Schöne, wenn nicht gar Schönste auf verlässliche Weise das bis heute wirksamste Ideal von Weiblichkeit repräsentiert. Doch Prinzessinnen im Märchen sind nicht nur schön, sie sind auch tugendhaft, demütig und möglichst passiv; und wenn dem nicht so ist, lernen sie das im Laufe des Märchens. Denn das Ziel einer jeden Prinzessin ist klar: Sie möchte den sicheren Hafen der Ehe erreichen, einen möglichst ehrbaren und angesehenen Ehemann im Adelsstand bekommen und mit diesem und den gemeinsamen Kindern glücklich sein, bis an das Lebensende. Und dieses Ziel ist nur erreichbar für die, die sich den gesellschaftlichen Anforderungen beugen. Eindrücklich wird das zum Beispiel im Märchen vom König Drosselbart (KHM 52) deutlich: Die Hilflosigkeit der Prinzessin in der Verweigerung der Zwangsheirat bricht sich in den Beleidigungen der Freier Bahn. Dieses durch Verzweiflung geprägte Verhalten wird ihr als Hochmut ausgelegt und mit der scheinbar schlimmsten Strafe geahndet. Der Zwangsheirat kann sie nicht entgehen, nur muss sie nun mit einem gänzlich inakzeptablen Bräutigam, einem Bettler vorlieb nehmen, der sie in eine Lebenswelt einführt, die den nackten Überlebenstrieb über die eigenen Wünsche und Träume stellt. So Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 1 wird ihr Wille schließlich durch fortwährende Demütigung und den Zwang in rollengemäße Verhaltensmuster gebrochen, um dem Bräutigam in dieser Situation die Möglichkeit einzuräumen, als Retter in der Not aufzutreten. Dessen falsches Spiel und höchst zweifelhaftes Betragen wird als notwendige Erziehungsmaßnahme an der Braut gerechtfertigt und schließlich mit dem guten Ende belohnt. Es wäre sicherlich zu kurz gegriffen, die Prinzessin auf solche Verhaltensmuster zu reduzieren. Nicht umsonst weist die neuere Märchenforschung (vgl. Horn 1996, 354ff.; Röhrich 2002, 113ff.) darauf hin, dass auch die Frauen der Märchen, und nicht zuletzt die Königstöchter mitunter ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. So entflieht z.B. Allerleirauh (KHM 65) nach vergeblichen Ablenkungsmanövern dem Haus des Vaters, um der Blutschande zu entgehen und auch Aschenputtel zeigt nur vordergründig ein verschämt-­‐
passives Betragen, während sie durch geschickte Verschleierungen und Verzögerungen das gute Ende ihrer Geschichte zu kaum zu ertragender Dramatik steigert. Bei genauer Lektüre zeigen sich hier durchaus Frauen, die sich auf den Weg machen und sich für ihr Glück einsetzen (vgl. Horn 1996, 358); immer aber mit dem Ziel, in der Ehe die originäre Bestimmung zu erreichen, die ein, als Retter auftretender Prinz schließlich auch zu bieten hat. Denn die Königstöchter geraten dabei in einer Lebensphase in den Fokus, die den Übergang von der Kindheit zur Reife und damit zur Erfüllung des unterstellten weiblichen Lebenszieles, der Heirat und Familienpflege markiert. Hier sind kaum Variationen möglich und fest steht, dass ein gutes Ende notwendiger Weise die Heirat erfordert. Daran lässt das Märchen keinen Zweifel. Neue Entwicklungen: Neue Mädchenbilder in der Kinder-­‐ und Jugendliteratur der Gegenwart Sicherlich dürfen diese Beobachtungen nicht losgelöst vom historischen Entstehungskontext diskutiert werden. Das romantisch-­‐biedermeierliche Geschlechtsrollenverständnis und nicht zuletzt die persönlichen Ansichten der Brüder Grimm finden sich hier wieder.1 Doch steht gerade das Märchen in dem Ruf, Erziehungsliteratur par excellence zu sein (vgl. Mallet 1997) und Kaspar H. Spinner weist darauf hin, dass bei der Thematisierung menschlicher Grunderfahrungen ein signifikanter Zusammenhang von „Lektüre und Lösung von Entwicklungsaufgaben“ (Spinner 2010, 31) nachgewiesen werden kann. Insofern stellt sich die Frage, inwiefern im Märchen tradierte Geschlechtsrollen mit Vorstellungen von Geschlecht und Reifeprozessen heute kollidieren. Während die Geschlechterforschung die Trennung von biologischem und sozialem Geschlecht (sex und gender) betont und den konstruierten Charakter des letzteren hervorhebt, haben in den letzten Jahren auch die gesellschaftlich wirksamen Geschlechtsrollenzuschreibungen begonnen sich zu verändern. Die „Kinderliteratur als Spiegel kindlicher Lebenswelten“ (Ewers 1995) scheint auf diese Entwicklungen durchaus zu reagieren. So stellt Karin Haller fest, dass in aktuellen kinderliterarischen Neuerscheinungen „die Geschlechterdarstellungen [...] die Grenzen zueinander verwischt haben.“ (Haller 2004, 1
Neben den geschlechtsspezifischen Rollenvorstellungen ist auch das allgemeine Bild vom Kind prägend für den Blick auf das Märchen. Dem idealisierten Ursprungsmythos ‚Kind’ der Romantik (vgl. Brunken 2005) steht das Kind als Akteur und Gestalter seiner Lebenswelten in der aktuellen Kindheitsforschung (vgl. Fölling-­‐Albers 2010) gegenüber. Auch hier zeigen sich interessante Dissonanzen zwischen Märchen und Kindbild, die an dieser Stelle ausgespart bleiben müssen. Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 2 491) Vor allen Dingen weibliche Protagonistinnen dürften heute anders als früher frech, aufgeweckt und aufsässig sein und damit Attribute für sich vereinnahmen, die traditionell eher den Jungen zugestanden wurden. Spätestens bei der Thematisierung von Liebe und Partnerschaften – dem Metier der Märchenprinzessinnen – würden sich solche Veränderungstendenzen jedoch deutlich relativieren. „Sobald es um Liebe geht, wird es noch komplizierter. Da sollte man/frau nämlich am besten alles können bzw. sein: tough und doch fremdbestimmt den Mann in den Mittelpunkt ihres Lebens rückend die Mädchen, sensibel und trotzdem zu offensivem Verhalten fähig die Jungen.“ (Haller 2004, 495) Insofern kann hier davon ausgegangen werden, dass der Anspruch einer offenen Thematisierung von geschlechtertypischen Rollenmustern noch eingelöst werden muss. Wären in diesem Sinne die klassischen Märchen als potenzielle Lektüre im Sinne des gender mainstreaming abzulehnen, obwohl ihr literarischer wie auch pädagogischer Wert immer wieder betont wird? (vgl. Haas 2011) Diese Frage soll und muss an dieser Stelle offen bleiben. Sie wird im Folgenden auf Märchenbilderbücher verengt verfolgt. Märchenbilderbücher: Tradition und aktuelle Tendenzen Das Verhältnis der Textgattung Märchen und des Buchformats Bilderbuch ist nicht unproblematisch. Märchen stehen in einer narrativen Tradition der Mündlichkeit. Erst durch die Märchensammler der Romantik wurden sie als Buchmärchen fixiert und damit auch sprachstrukturell verschriftlicht. Bis heute lassen sich typische Merkmale des Märchens auf eben diese mündliche Erzähltradition zurückführen. Der abstrakte und formelhafte Sprachstil, die flächenhaften Figuren und die Eindimensionalität der Handlung lassen das Märchen zu einem Sprachspielzeug werden (vgl. Kohl 2000, 17). Sein Bausteincharakter unterstützt rekonstruktive und produktive Erzählsituationen. Die Bildhaftigkeit der Märchen (vgl. Thiele 2005, 163) ist angelegt, Vorstellungsbilder im Kopf des Zuhörers zu erzeugen. Die Märchenillustration tritt damit stärker als bei anderen Prosatexten in Konkurrenz zum Text. So verwundert es nicht, dass die Brüder Grimm ihre Kinder-­‐ und Hausmärchen anfangs ohne Bebilderung veröffentlichten 2 (vgl. Bode 2011). Mit steigender Popularität der Märchen gewannen aber auch die Illustrationen immer stärker an Bedeutung; anfangs in bebilderten Märchenbüchern, später aber auch mehr und mehr in eigens für einzelne Märchen hergestellten Bilderbüchern. Dass es sich bei diesen Bebilderungen schon immer um mehr als um anschauliche Erklärungshilfen zum Text handelte, zeigt die Vielfalt an Märchenillustrationen, die in den Veröffentlichungen der letzten 200 Jahre beobachtbar ist (vgl. Bode 2011). Gerade die entsprechenden Bildwelten und die darin vorgenommen Inszenierungen, Pointierungen und Auslassungen spiegeln die gesellschaftlichen Auffassungen der jeweiligen Zeit wider und haben die Wahrnehmung der Märchen über die Jahre nachhaltig verändert. Neben der zunehmenden pädagogischen Vereinnahmung und Glättung der Märchentexte, vor allem durch Wilhelm Grimm haben auch die Illustrationen mehr und mehr zu einer Idyllisierung der Märchenstoffe analog zur Sentimentalisierung der romantisch-­‐biedermeierlichen Kinderwelt (vgl. Weinkauff/Glasenapp 2010, 60) beigetragen, die anfangs weder im Text, noch in den frühen Illustrationen erkennbar war (vgl. Thiele 2005, 172). Damit war nun auch der Grundstein für die Darstellung der extrem trivialisierten heilen Märchenwelten im Märchenfilm ab der Mitte des 20. Jahrhunderts gelegt; eingeschlossen der auch dort vorfindlichen konservativen weiblichen Leitbilder (vgl. Heidtmann 1990, 410). 2
Wobei Erklärungen hierfür auch im Mangel an geeigneten KinderbuchillustratorInnen am Beginn des 19. Jahrhunderts, der schwierigen technischen Reproduzierbarkeit von Bildern und dem geringen Budget der Publikation zu suchen sind. Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 3 Demgegenüber hat das Bilderbuch jedoch immer auch Raum für künstlerisch anspruchsvolle Adaptionen des Märchenstoffs geboten. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben nun die starken Emanzipationsbemühungen vieler BilderbuchkünstlerInnen, die das Bilderbuch aus seinem absoluten pädagogischen Anspruch zu lösen und zugunsten mehr literarästhetischer Substanz neu auszurichten versuchten, zu interessanten Darstellungskonzepten im neuen Bilderbuch geführt (vgl. Thiele 2003, Tabbert 2010, Ritter 2011). Neben einer deutlichen Erweiterung des Formats und einer anspruchsvolleren Gestaltung von Bild und Text haben sich das Spektrum der Erzählformen und das der damit verbundenen Bild-­‐Text-­‐Beziehungen deutlich verändert. In diesem Zusammenhang sind auch die klassischen Volksmärchen als literarischer Stoff des Bilderbuchs neu entdeckt worden. Dass es sich dabei nicht nur um eine neuerliche Bebilderung der alten Stoffe handelt, betont Gundel Mattenklott, die sogar von Inszenierung im Sinne einer „subjektiven und dem Zeitgeist verpflichteten“ Neuinterpretation der Märchen im neuen Bilderbuch spricht (Mattenklott 2005, 101). Vor dem Hintergrund dabei beobachtbarer Tendenzen der verstärkten Fragmentarisierung und Entgrenzung der Märchenstoffe und der Neubestimmung gängiger Topoi (vgl. Blei-­‐Hoch 2005), verspricht ein genauerer Blick auf die Darstellung der Königstochter in Märchenbilderbuch-­‐Neuerscheinungen ertragreich zu sein. Es gilt zu untersuchen, wie innovative Tendenzen im neuen Bilderbuch Räume für veränderte Darstellungen der klassischen Figur ermöglichen. Interessant wird dabei sein zu untersuchen, wie sich für die Prinzessin mit ihrem traditionell eingeschränkten und vorgeprägten Handlungsradius neue Verhaltensoptionen entwickeln. Beispiele: Die Königstochter in aktuellen Märchenbilderbüchern Die im Folgenden untersuchten Bilderbücher arbeiten mit dem Motiv-­‐ und Figurenrepertoire, das für das europäische Volksmärchen üblich ist. Lediglich Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (KHM 1) greift dabei aber auf das Textoriginal der 7. Auflage letzter Hand der Kinder-­‐ und Hausmärchen aus dem Jahr 1857 zurück. Alle anderen Märchen verarbeiten den Märchenstoff im Sinne kunstmärchentypischer Neukonzeptionen, die aber deutlich in Stil und Gestaltung an das Volksmärchen angelehnt bleiben und mit dieser Verbindung offenkundig spielen. Motiv und Struktur: Der Drache mit den 7 Köpfen (2008) Das Drachentötermärchen des sizilianischen Künstlerehepaars Margherita Sgarlata und Riccardo Francaviglia erzählt die Geschichte der sieben Töchter eines Königs, die alle mit einer besonderen Eigenschaft ausgestattet sind: „Die erste konnte gut nähen. Die zweite konnte singen. Die dritte konnte tanzen...“ Da Abb. 1: Sgarlata/Francaviglia: Der Ritter überlegte diese zu verheiraten sind, lässt er die sieben Winde nicht lange. „Ich wähle jene, die kochen kann. Und nach Freiern rufen. So stellen sich schon bald sieben mit gutem Essen werde ich noch stärker.“ Die zwei heirateten und ritten davon. (Abbildung © bohem Ritter ein, die ebenfalls alle bestimmte Eigenschaften press, Zürich 2008) aufweisen: „Der erste konnte gut mit Schwert umgehen, der zweite...“ Der König stellt ihnen die Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 4 Aufgabe, sich durch die Erbeutung eines Drachenkopfes als würdiger Ehemann zu erweisen. Dank ihrer Fähigkeiten gelingt das allen, sie suchen sich eine Prinzessin aus und ziehen von dannen. Der letzte Ritter jedoch zähmt den Drachen, der mittlerweile nur noch einen Kopf besitzt, beweist so sein gutes Herz und lebt von nun an mit seiner Frau, der letzten verbliebenen Prinzessin im Schloss seines Schwiegervaters. Durch die nummerische Struktur, die ständig aufeinander abgestimmten Septimen humorvoll in Szene gesetzt wird eine kohärente Struktur erzeugt; eine dem Märchen typische Rhythmisierung. In den flächenhaft dargestellten, zum Teil kantigen Figuren wird diese Komik sparsam angedeutet (vgl. Abb. 1). So bleibt viel Freiraum für eigene Vorstellungen beim Lesen und Hören. Der Blick auf die Geschlechterinszenierung zeigt allerdings, dass hier stark restriktive und konservative Zuschreibungen stattfinden. Während die Prinzessinnen hauptsächlich mit Eigenschaften ausgestattet werden, die sie für ihre Rolle als Ehe-­‐ und Hausfrau prädestinieren, weisen die Ritter Charakterzüge auf, die sie für Abenteuer und Auseinandersetzungen aller Art ausrüsten. Die Modalitäten der Bündnisse werden weiterhin vom Brautvater bestimmt, die Brautwahl trifft einseitig der siegreiche Ritter. Weder kommen die Prinzessinnen zu Wort, noch haben sie anderweitig die Möglichkeit, Zustimmung oder Ablehnung kundzutun. So lassen auch die ersten sechs Prinzessinnen bei der Abreise mit dem neuen Ehemann Gefühlsregungen in Mimik und Gestik weitestgehend vermissen. Lediglich das siebente Paar zeigt eine echte Zuneigung bei der Rückkehr des Ritters, der sich aber auch aufgrund seines klugen und barmherzigen Verhaltens dem Drachen gegenüber bereits von den anderen Rittern unterschieden hat. Insgesamt spitzen die AutorInnen des Buches das bestehende Klischee der passiv-­‐
erwartenden Prinzessin durch ihre Inszenierung noch deutlich zu. Dieses wird übertrieben, fast karikiert dargestellt, ohne jedoch durch Zwischentöne oder Subtext ein Gegengewicht oder einen Umdeutungsanlass zu erhalten. Das eigensinnige Kind: Die Prinzessin und die Erbse (2010) Bereits der Titel Die Prinzessin und die Erbse suggeriert die Nähe zum bekannten Kunstmärchen von Hans Christan Andersen Die Prinzessin auf der Erbse. Allerdings sind es in diesem Bilderbuch von Brigitte Endres und Sabine Wiemers lediglich die Protagonisten, die einen Bezug zum Märchen herstellen. Die Geschichte an sich erzählt losgelöst Abb. 2: Endres/Wiemers: Weil sich aber keine traute, d er Erbse hinterher zu hüpfen, nicht sofort und auch später von Märchenmotiven von einer kindlich-­‐
nicht, machte sie es selbst. (Abbildung © Nilpferd in egozentrischen Prinzessin, die stets ihren Willen Residenz, St. Pölten 2010) bekommt. Doch eines Tages widersetzt sich eine vorwitzige Erbse den Wünschen der Prinzessin und will sich nicht einfach aufessen lassen. Sie entwischt ihr und es beginnt eine turbulente Verfolgungsjagd durch den Palast und den Schlosspark, über Bäume, in Erdlöcher und durch den Schweinestall. Am Ende gibt die Prinzessin völlig verzweifelt auf und flüstert der Erbse etwas zu. Daraufhin kommt die Erbse Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 5 freiwillig zur Prinzessin und wird nicht verspeist, sondern zur Prinzess-­‐Erbse ernannt mit Krone ausstaffiert. Am liebsten wäre sie von der Prinzessin geheiratet worden. Bild und Text zeigen die Prinzessin sehr eigenwillig und dominant. Sie ist es gewohnt ihren Willen durchzusetzen und kann es nicht akzeptieren, dass andere sich ihm nicht beugen. Dabei bleibt sie hartnäckig bei der Umsetzung ihres Willens und wird selbst aktiv – sie hätte ja auch die Hofschranzen die Erbse suchen lassen können, anstatt selbst hinter ihr herzujagen (Abb. 2). Am Ende der Verfolgungsjagd muss die Prinzessin allerdings einsehen, dass es Situationen gibt, in denen sie ihren Willen nicht erzwingen kann. Dafür wird sie mit der Freundschaft der Erbse belohnt. Was ist nun neu an dieser Prinzessin? Obwohl das Motiv der egoistischen Prinzessin, die geläutert werden muss nicht unbekannt ist (vgl. KHM 52 König Drosselbart) scheint die stärker auf Kinder in jungen Jahren orientierte Perspektive im Buch ein neues Gewicht zu bekommen. Die Prinzessin ist noch ein Kind, das seine Macht gegenüber den Erwachsenen ausspielt. Es erprobt sich im Spannungsfeld von Bestimmen und Bestimmtwerden und reift daran. Dieser kindliche Entwicklungsprozess wird anhand der märchenhaften Personage deutlich gemacht, wobei der Bezug zum trotzigen Kind vor allem durch die Bilder offenbar wird. Somit wird eine Brücke geschlagen zwischen der fantastischen, stereotypen Märchenwelt und gegenwärtig aktuellen kindlichen Entwicklungsprozessen, die darin aufscheinen Der Wunsch nach Identität: Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte (2010) Eine auf den ersten Blick ähnliche Perspektive nimmt das Buch Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte von Susanne Straßer ein. Auch hier findet sich eine kindlich dargestellte Prinzessin, die im Text auch direkt als kleine Prinzessin eingeführt wird. Ihr Problem ist allerdings, dass sie so klein ist, dass man sie in all den Märchenbüchern einfach vergessen hat. Da beschließt sie genau das zu machen, was auch ihre Heldinnen aus dem Märchen tun: einen Frosch küssen (Weil Frosch-­‐an-­‐die-­‐Wand-­‐Werfen nicht gerade die sauberste Methode ist!), sich vom Wolf fressen lassen, die langen Haare aus dem Turm hängen, hundert Jahre schlafen oder ein süßes Haus vernaschen. Doch trotz möglichst authentischer Imitation führt keiner der Versuche zum erwünschten Ergebnis: der Aufnahme in ein Märchenbuch (Abb. 3). Plötzlich klingelt es an der Tür und ein Märchenprinz steht vor der Tür. Der hat nämlich mittlerweile von der Prinzessin gehört, die unbedingt in ein Märchen will, verliebt sich sogleich in sie und nimmt sie zur Frau. So kommt das Märchen schließlich doch noch zu seinem guten Ende. Das Buch zeigt keine Prinzessin im klassischen Sinn. Es handelt sich um eine kindliche und gänzlich aktive, auf sich allein gestellte Prinzessin, die so wie andere Königstöchter auch einen Platz in einem Märchen bekommen möchte. Sie ist also auf der Suche nach einer eigenen Identität, die sich im Wunsch nach standesgemäßer Beachtung äußert. Durch die Nachahmung der Verhaltensmuster anderer Protagonistinnen im Märchen (nicht immer handelt es sich um Prinzessinnen) und das Misslingen dieser Kopien, wird sich die Prinzessin ihrer selbst bewusst und erschafft ein Märchen über eine Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen möchte. Individualität entwickelt sich hier durch die ungewollte Abgrenzung vom Stereotyp. Bestätigung findet sie durch den Prinzen, der kommt, sich in sie verliebt und heiratet. Interessant ist hier die metaliterarische Perspektive, die die kleine Abb. 3: Straßer: Eigentlich war es eine gaaaanz lange Perücke, aber das muss wirklich unter uns bleiben. (Abbildung © Hinstorff, Rostock 2010) Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 6 Prinzessin einnimmt. Sie liest über das Verhalten der Prinzessinnen und ahmt typische Rollenklischees nach. Dabei entwickelt sie sich in Auseinandersetzung mit den Rollen zu einer individuellen Persönlichkeit. Diese entsteht in einem Spannungsfeld von Enkulturation bei der Erprobung vorgegebener Rollenmuster und Individuierung durch die sich entwickelnde Selbstbewusstheit. Insofern wird hier modellhaft ein Identitätsbildungsprozess angedeutet. Zum Schluss wird dann jedoch die suchende, aktive Prinzessin wieder in ihre passive, dem Märchenstereotyp entsprechende Rolle zurückgedrängt: der rettende Prinz erwählt sie und bietet ihr damit explizit den Status, nach dem sie bislang strebte. Die klassische Schöne? Der Froschkönig (2012) Bereits die Aufmachung der neuen Froschkönig-­‐Edition von Henriette Sauvant deutet ihre tiefe Verwurzelung mit dem klassischen Märchenstoff der Brüder Grimm an. In dem auf den ersten Blick altertümlich wirkenden Folianten zeigt sich das klassische Kinder-­‐ und Hausmärchen Nr. 1 doch in überraschend neuem Gewand. Allerdings wird diese Neubearbeitung nicht in plakativ irritierenden Abb. 4: Grimm/Sauvant: Die Knospe der Zuneigung. (Abbildung Handlungsmustern deutlich, sondern durch die © Coppenrath, Münster 2012) Neuinterpretation des Stoffs in den malerisch-­‐
surrealen Bildwelten Sauvants. Diese zeigen die Königstochter als klassische, adoleszente Schönheit mit ebenmäßigen Zügen und von leichter Entrückung zeugender Körperhaltung. Doch die sich wandelnde Mimik und Gestik präsentiert dabei auch etwas Widerständiges, was sich den Zu-­‐ und Übergriffen der Männerfiguren konsequent entzieht. Der subtil in Szene gesetzte Eigensinn entwickelt entgegen der eigentlich flächenhaften Szenerie eine Transparenz, die die psychologische Dimension der Geschichte ins Spiel bringt und damit der Prinzessin eine starke, wenn auch lange nach innen gerichtete Aktivität zugesteht. Hier tritt bei der Eskalation des Konflikts zwischen Frosch und Prinzessin, beim Frosch-­‐an-­‐die-­‐Wand-­‐
werfen kein Bruch auf, da die Szene in der Darstellung ausgespart bleibt. Vielmehr bleiben sich Königstochter und zurückverwandelter Prinz bis zum Ende der Handlung weitgehend fremd. Eine langsame Annäherung, die Geburt einer zarten Zuneigung wird in einer prächtigen Blume symbolisiert, hinter der sich beide voreinander zu verstecken scheinen und die durch ihr dynamisches Erblühen und die daraus aufsteigenden wunderbaren Vogelwesen auf das Seelenleben der Protagonisten verweist (Abb. 4). So zeigt sich eine Prinzessin, die zwar optisch auf das klassische Schönheitsideal der Prinzessin festgelegt zu sein scheint, die aber in ihrem Gefühlsleben eine Autonomie erlebt, die sie aktiv handlungsfähig werden lässt. Diese Prinzessin muss den Prinzen nicht eines unangemessenen Versprechens wegen zur Frau nehmen. Sie hat Zeit ihn kennen und lieben zu lernen. Damit eröffnet Henriette Sauvant der Königstochter einen wichtigen Entwicklungsfreiraum, der sie aus ihrer vorgeprägten Bestimmung befreit zum selbst entscheidenden Individuum werden lässt; was sie nicht davon abhält, sich für den Prinzen zu entscheiden, wie der Text verrät. Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 7 Die verworfene Flächenhaftigkeit: Prinzessinnen – ein Lexikon (2008) Romasinta, Luisett von Eszett, Hastdumichgesehen, Froschauge, Ephemoptera von China, Viertelmond und Doremi sind nur einige Namen für Prinzessinnen aus diesem umfassenden Bilderbuch-­‐Lexikon, das für sich den Anspruch erhebt, das Wissen über unbekannte und unbenannte Prinzessinnen zusammengetragen zu haben. Allein hier deuten die AutorInnen Philippe Lechermeier und Rebecca Dautremer bereits an, dass es zwar ein weitverbreitetes, und scheinbar allgemeingültiges Bild der Prinzessin gibt, man über konkrete Königstöchter jedoch wenig weiß; was offensichtlich ein Mangel ist, denn hier wird viel Aufwand betrieben, die individuellen Eigenarten eindrücklich in Szene zu setzen. So wird auf jeder großformatigen Doppelseite eine besondere Prinzessin im Portrait mit ihrem eigentümlichen und ungewöhnlichen Namen und ihrer ganz besonderen Eigenschaft vorgestellt. Prinzessin Doremi hat beispielsweise eine wunderschöne Stimme, die wenn sie lacht, auch schon einmal Gläser zerspringen lassen kann. Prinzessin Viertelmond hingegen ist eine Indianerprinzessin mit einer Krone aus Federn. Sie ist die vierte Tochter von Vollmond und Einsamer Bär und liebt den Tanz um den Totempfahl zum Klang der Trommel (Abb. 5). Die Charakterisierung der Prinzessinnen verdeutlicht Individualität und Vielschichtigkeit, die im Märchen sonst Abb. 5: Lechermeier/Dautremer: Prinzessin keinen Platz findet. Die Prinzessin steht im Buch ganz allein Viertelmond. (Abbildung © cbj, München für sich, losgelöst von ihrem Gegenüber, dem Prinzen und 2008) ihrer Familie, die mit eventuellen Ansprüchen an sie herantritt. Hier wächst die Figur der Prinzessin über das Märchen hinaus und wird zur eigenständig agierenden, aktiven Person mit vielfältigen Handlungsoptionen und Lebensentwürfen. Dabei verknüpfen sich die Beschreibungen im Buch immer wieder mit anderen Märchen. So erzählt die Autorin von Prinzessin Wölkchen, die gern schläft und ordnet aber auch das Dornröschen der gleichen Familie zu. Es wird ein komplexes, in vielen Fällen auch auf intertextuellen Bezügen basierendes Netzwerk von Beziehungen zwischen den Figuren aufgebaut, so dass man die offengelegte Vielschichtigkeit der Prinzessin, die dem Stereotyp hier entgegengestellt wird, als Spielraum erlebt, der auch dazu anregen kann, eigene Prinzessinnen zu erfinden und zu beschreiben. Kinder erfinden Prinzessinnen: Stereotype Reproduktion oder Gestaltungsspielraum gegenwartstauglicher Identitätssuche So wurde dieses Bilderbuch zum Anlass für kreative Zeichen-­‐ und Schreibprozesse in einer jahrgangsgemischten Arbeitsgemeinschaft schreibender Kinder der Jahrgangsstufen 2-­‐7. 3 Den Einstieg machte die gemeinsame Lektüre von Ausschnitten des Buches. Zusätzlich wurde das Bilderbuch Die Monster sind krank von Emmanuelle Houdart (2006) angeboten, in dem in ähnlicher Form Monster vorgestellt werden, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie alle – ausgesprochen monströse – Krankheiten aufweisen. Wie auch Prinzessinnen zeigt sich das Buch großformatig mit eindrücklichen Bildern und Texten, die mit gewissen Stereotypen spielend doch viel Freiraum für originelle Ausgestaltungen bieten. Informationen zur Arbeitsgemeinschaft schreibender GrundschülerInnen in Halle/Saale unter 3
www.schreibritter.de. Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 8 Im Anschluss an die Lektüre erhielten die Kinder Papierbögen im Format DIN-­‐A3. Sie hatten nun die Möglichkeit, sich in Anlehnung an die Gestaltungen der Bücher ein eigenes Monster oder eine eigene Prinzessin auszudenken, diese zu zeichnen und zu beschreiben. Eine erste interessante Beobachtung betrifft die Auswahl des zu bearbeitenden Stereotyps. Während sich alle Jungen des Kurses für die Gestaltung eines Monsters entschieden, war die Zuordnung bei den Mädchen etwa gleichmäßig verteilt. So deutet sich an, dass es den Mädchen offensichtlich leichter fiel, aus typischen Geschlechtsrollenzuordnungen (Jungen-­‐
Monster, Mädchen-­‐Prinzessinnen) auszubrechen und souverän eigene Entscheidungen zu fällen. Bei der Gestaltung prägten sich für die Prinzessinnen bestimmte Eigenschaften heraus, die die Kinder in den Mittelpunkt ihrer Bilder, wie auch der Texte stellten. Damit knüpften sie an ein Muster an, das durch das Prinzessinnen-­‐Lexikon angeboten wurde. Bei genauerer Betrachtung ist aber auffällig, dass die meisten dieser Eigenschaften mit optischen Charakteristika der Prinzessinnen zu tun haben. Entweder sind die Prinzessinnen selbst in ihrem Aussehen besonders – natürlich besonders schön – wie zum Beispiel Claras Katzenaugenprinzessin (Abb. 6), oder aber sie beschäftigen sich mit Verschönerungen in ihrem Umfeld, wie die Prinzessin Rosetta (Abb 7.), ausgedacht von Antonina. Damit bleiben die Kinder auf das Schönheitsideal als prägendes Merkmal der klassischen Prinzessin beschränkt, obwohl dieses im Prinzessinnen-­‐Lexikon durchaus Alternativen erfährt. Bezogen auf die Lebensentwürfe der Prinzessinnen ist zu beobachten, dass diese in ihrer Eigenart ihre Daseinsberechtigung zu erfüllen scheinen. Keines der Mädchen eröffnete in seiner Beschreibung die klassische Perspektive der Heirat als obligatorisches Zielphänomen. Kann eine Ursache dafür eventuell auch in der eher expositorischen als narrativen Textstruktur gesehen werden, zeichnet sich doch ein veränderter Umgang mit der Prinzessin ab. Dass den Kindern der Märchenkontext dabei durchaus präsent ist, zeigen die intertextuellen Anleihen, zum Beispiel bei der Eingangs-­‐ und Abschlussformel des Textes bei Clara. Die selbstgestalteten Prinzessinnen scheinen Figuren zu sein, die noch im Schönheitsideal verfangen doch deutliche Abgrenzungstendenzen zum klassischen Stereotyp des Märchens zeigen. Das Stereotyp in Kombination mit seiner veränderten Darstellung in einem entsprechenden Bilderbuch eröffnet damit offensichtlich kreative Gestaltungsspielräume, Bekanntes neu auszugestalten und unterschiedliche Bedeutungssysteme konstruktiv miteinander in Beziehung zu setzen. Während die meisten Kinder diese Spielräume eher unbewusst nutzten, thematisierte Annalena (Abb. 8) diese Tendenz am Ende ihres Textes explizit. „Wenn Prinzessin Federvieh die kleine Krone nicht auf hätte, würde man sie nicht als Prinzessin bezeichnen.“ Hier reduziert sich das Prinzessinnenhafte auf die Krone, die sie klar vom normalen Bürger unterscheidet. Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 9 Die Katzenaugenprinzessin mit den blutroten Lippen Es war einmal eine Prinzessin, die war sehr ungewöhnlich. Sie war zwar schön und nett, aber sie hatte Katzenaugen und blutrote Lippen. Das war selten. Sie war glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage. Clara, 3. Klasse Abb. 6: Clara: Die Katzenaugenprinzessin mit den blutroten Lippen. (Zeichnung © A. & M. Ritter) Prinzessin Rosetta Ich gehe durch den Rosenbusch und sehe die Prinzessin Rosetta. Sie ist sehr lieb und hat Mitleid mit den anderen Prinzessinnen. Sie hat ein Schloss aus Rosen und sie hat einen Garten mit vielen Rosen und hat in dem Garten einen Tisch aus Rosen. […] Antonina, 3. Klasse Abb. 7: Antonina: Prinzessin Rosetta. (Zeichnung © A. & M. Ritter) Prinzessin Federvieh Prinzessin Federvieh stammt aus einer königlichen Familie. Schon in jungen Jahren hat sie ihre Vorliebe für Federn entdeckt. [...] Wenn Prinzessin Federvieh die kleine Krone nicht auf hätte, würde man sie nicht als Prinzessin bezeichnen. Annalena, 5. Klasse Abb. 8: Annalena: Prinzessin Federvieh. (Zeichnung © A. & M. Ritter) Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 10 Resümee Das neue Bilderbuch schafft mit veränderten Bild-­‐Text-­‐Beziehungen und seinem innovativen literarästhetischen Potenzial interessante Gestaltungsspielräume für die Neubestimmung klassischer Märchenstereotype. Diese These bestätigt sich bei der Betrachtung aktueller Märchenbilderbücher. Dabei ist zu beobachten, dass den Königstöchtern im Vergleich zum klassischen Volksmärchen heute größere Handlungsspielräume zugestanden werden. Ihre Darstellung drängt häufig aus den künstlichen, märchenhaft-­‐königlichen Lebenswelten in den Alltag ihrer kindlichen Rezipienten hinein. Diese finden damit in den Prinzessinnen Identifikationsfiguren, die ihnen in vielen Belangen ähnlicher geworden sind. Dennoch bleibt in den meisten Märchen das Hochzeitsmotiv ein wichtiges Bestimmungsmerkmal von Prinzessinnenschaft, das untrennbar mit dieser Figur verbunden scheint. Es ist jedoch nicht so, dass der klassische und artifizell überzeichnete Märchenstoff der Brüder Grimm diese Fixierungen in besonderer Weise forcieren würde. Die neue Froschkönig-­‐Edition von Henriette Sauvant zeigt, dass gerade innovative Bildwelten in der Lage sind, den historischen Text über seinen tradierten Aussagegehalt hinaus neu auszuleuchten (illustrare (lat.): erhellen, erleuchten). In der Adaption und kreativen Bearbeitung der Prinzessinnen-­‐Figur durch Kinder zeigte sich, dass hier das Schönheitsideal als bestimmendes Merkmal des Prinzessinnenstereotyps nach wie vor dominant wirkt. Die Dimension der Sinnerfüllung durch Heirat ist hier nicht mehr auszumachen. Prinzessinnen sind für Kinder offensichtlich auch heute noch Idealtypen sich entwickelnder Weiblichkeit. Der auch gegenwärtig massiv wirksame Schönheitsanspruch an Frauen spiegelt sich in den Gestaltungen der Kinder wider. In Zeiten veränderter biografischer Normalentwickelungen und erweiterter Entfaltungsspielräume für Frauen bietet die Prinzessin jedoch weniger Vorbildwirkung für klassische Identifikationsmuster wie die Ehefrauenrolle. Auch wenn dieses Motiv aus den aktuellen Publikationen von Märchen und Neugestaltungen klassischer Märchenmotive im Bilderbuch nach wie vor nicht wegzudenken ist, spielt es für die Kinder und ihren Umgang mit dem Stereotyp anscheinend keine vordergründige Rolle mehr. Hinweis: Eine gekürzte Version dieses Textes erscheint in kjlm: 1.2013. Themenschwerpunkt: Bilderbücher. Aktuelle ästhetisches Bildwelten und ihr didaktisches Potenzial, S. 19-­‐27. Primärliteratur Grimm, Jakob & Wilhelm/Sauvant, Henriette (Ill.): Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich. Münster: Coppenrath, 2012 Endres, Brigitte/Wiemers, Sabine (Ill.): Die Prinzessin und die Erbse. St.Pölten: Nilpferd in Residenz, 2010 Houdart, Emmanuelle: Die Monster sind krank. A. d. Franz. Von Edmund Jacoby. Hildesheim: Gerstenberg, 2006 Lechermeier, Philippe/Dautremer, Rebecca (Ill.): Prinzessinnen. A. d. Franz. Von Antoinette Gittinger. München: cbj, 2008 Sgarlata, Margherita/Francaviglia, Riccardo (Ill.): Der Drache mit den 7 Köpfen. A. d. Ital. von Susanne Zeller. Zürich: bohem press, 2008 Straßer, Susanne: Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte. Rostock: Hinstorff, 2010 Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 11 Sekundärliteratur Blei-­‐Hoch, Claudia: Wer hat noch Angst vorm bösen Wolf? (Post-­‐)Moderne Bilderbücher für den Unterricht. In: Grundschulunterricht 52 (2005) H. 1, 3-­‐6 Bode, Andreas: Märchenillustrationen im Wandel der Zeit. In: Franz, Kurt [u. a.] (Hgg.): Faszinierende Märchenwelt. Das Märchen in Illustration, Theater und Film. Baltmannsweiler 2011, 37-­‐96 Brunken, Otto: Kinder-­‐ und Jugendliteratur von den Anfängen bis 1945. In: Lange, Günter (Hg.): Taschenbuch der Kinder-­‐ und Jugendliteratur. Baltmannsweiler 2005, 30-­‐37 Ewers, Hans-­‐Heino: Veränderte kindliche Lebenswelten im Spiegel der Kinderliteratur der Gegenwart. In: Daubert, Hannelore/Ewers, Hans-­‐Hein (Hgg.): Veränderte Kindheit in der aktuellen Kinderliteratur. Braunschweig 1995, 35-­‐47. Fölling-­‐Albers, Maria: Kinder und Kompetenzen. Zum Perspektivwechsel in der Kindheitsforschung. In: Heinzel, Friederike (Hg.): Kinder in Gesellschaft. Was wissen wir über aktuelle Kindheiten? Frankfurt/Main: 2010, 10-­‐20 Haas, Gerhard: „Erzähl mir doch Märchen!“ Überlegungen zu Funktion und Bildungswert einer universalen Erzählform. In: Franz, Kurt [u. a.] (Hgg.): Faszinierende Märchenwelt. Das Märchen in Illustration, Theater und Film. Baltmannsweiler 2011, 17-­‐36 Haller, Karin: Von Marsmädchen und Jupiterjungs. Zur Gender-­‐Perspektive in der Kinder-­‐ und Jugendliteratur. In: Erziehung und Unterricht 154 (2004) H. 5/6, 488-­‐495 Heidtmann, Horst: Kindermedien und Medienverbund. In: Wild, Reiner (Hg.): Geschichte der Deutschen Kinder-­‐ und Jugendliteratur. Stuttgart 1990, 402-­‐454 Horn, Gisela: Starke Schwestern. Frauengestalten in den Märchen der Gebrüder Grimm. In: Deutschunterricht 49 (1996) H. 7/8, 354-­‐360 Kohl, Eva Maria: „Kannst Du mir mal deine Fee borgen?“ Wie Märchen zu Schreibspielen werden können. In: Grundschulunterricht 47 (2000) H. 4, 17-­‐21 Mallet, Carl-­‐Heinz: Märchen als heimliche Erzieher. Märchenfiguren als Vor-­‐ und Leitbilder. In: Grundschulunterricht, 44 (1997) H. 3, 4-­‐6 Mattenklott, Gundel: Märcheninszenierungen im zeitgenössischen Bilderbuch. In: Mattenklott, Gundel/Wardetzky, Kristin (Hgg.): Metamorphosen des Märchens. Baltmannsweiler 2005, 100-­‐118 Spinner, Kaspar H.: Grundmotive und -­‐symbole der Kinder-­‐ und Jugendliteratur. In: Grenz, Dagmar (Hg.): Kinder-­‐ und Jugendliteratur. Theorie, Geschichte, Didaktik. Baltmannsweiler 2010, 31-­‐41 Ritter, Alexandra: Kindliche Lesarten von Bilderbüchern. In: Kohl, Eva Maria/Ritter, Michael (Hgg.): Die Stimmen der Kinder. Kindertexte in Forschungsperspektiven. Baltmannsweiler 2011, 61-­‐72 Röhrich, Lutz: „und weil sie nicht gestorben sind...“ Anthropologie, Kulturgeschichte und Deutung von Märchen. Köln: 2002 Tabbert, Reinbert: Postmoderne Bilderbücher. In: Grenz, Dagmar (Hg.): Kinder-­‐ und Jugendliteratur. Theorie, Geschichte, Didaktik. Baltmannsweiler 2010, 105-­‐126 Thiele, Jens: Das Bilderbuch. Ästhetik, Theorie, Analyse, Didaktik, Rezeption. Bremen [u. a.]: 2003 Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 12 Thiele, Jens: Was macht das Bild mit dem Märchen? Kritische Blicke auf die Märchenillustrationen. In: Lange, Günter (Hg.): Märchen. Märchenforschung. Märchendidaktik. Baltmannsweiler 2005, 163-­‐184 Weinkauff, Gina/Glasenapp, Gabriele von: Kinder-­‐ und Jugendliteratur. Paderborn 2010 Empfehlungen weiterer neuer Märchenbilderbücher Belli, Gioconda/Erlbruch, Wolf (Ill.): Die Werkstatt der Schmetterlinge. Wuppertal: Peter Hammer, 1994 Grimm, Jakob & Wilhelm/Schroeder, Binette (Ill.): Der Froschkönig. Zürich, Hamburg: NordSüd, 1989 Grimm, Jakob & Wilhelm/Sauvant, Henriette (Ill.): Die sieben Raben. Zürich, Hamburg: NordSüd, 1995 Grimm, Jakob & Wilhelm/Janssen, Susanne (Ill.): Rotkäppchen. München, Wien: Hanser, 2001 Grimm, Jakob & Wilhelm/Pacovska, Kveta (Ill.): Rotkäppchen. Zürich: minedition, 2007 Grimm, Jakob & Wilhelm/Janssen, Susanne (Ill.): Hänsel und Gretel. Rostock: Hinstorff, 2007 Grimm, Jakob & Wilhelm/Schenker, Sybille (Ill.): Hänsel und Gretel. Bartgeheide: minedition, 2011 Grimm, Jakob & Wilhelm/Mattotti, Lorenzo (Ill.): Hänsel und Gretel. Hamburg: Carlsen, 2011 Müller, Jörg/Steiner, Jörg (Ill.): Der Aufstand der Tiere oder die neuen Stadtmusikanten. Frankfurt a.M.: Sauerländer, 1989 Nergin, Fabian: SMS-­‐Märchen. Grimm & Co. in 160 Zeichen. München: mixtvision, 2012 Pommaux, Yvan: Detektiv John Chatterton. Frankfurt a.M.: Moritz, 1994 Schneider, Karla/Harjes, Stefanie (Ill.): Wenn ich das 7. Geißlein wär. Köln: Boje, 2009 Serra, Adolfo: Rotkäppchen. Baar: aracari, 2012 Verhelst, Peter/Cneut, Carl (Ill.): Das Geheimnis der Nachtigall. Köln: Boje, 2009 Wächter, Friedrich Karl: Die Mondtücher. Ein Märchen. Zürich: Diogenes, 1988 Wiesner, David: Die drei Schweine. Hamburg: Carlsen, 2002 Die AutorInnen Alexandra Ritter, Martin-­‐Luther-­‐Universität Halle-­‐Wittenberg, Arbeitsschwerpunkte: Kinder-­‐ und Jugendliteratur: besonders Bilderbuchrezeptionsforschung, Literaturdidaktik, Kreatives Schreiben zu KJL Dr. Michael Ritter, JProf. Dr. phil., Universität Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte: Ästhetische Bildung, Bilderbuchforschung zu Theorie und Rezeption, Literaturdidaktik und Heterogenität Kontakt: www.schreibritter.de I [email protected] 13 

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