Die Beobachtung - Dr. Wolfgang Langer

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Die Beobachtung - Dr. Wolfgang Langer
Dr. Wolfgang Langer - IV Methoden der empirischen Sozialforschung I
2.
- SoSe 2000
1
Die Beobachtung als Datenerhebungsverfahren
Quellen:
1.
2.
3.
Urspung:
Grümer,K.-W.: Beobachtung. Stuttgart: Teubner, 1974
König, R.: Die Beobachtung. In: Scheuch, E.K.(ed.) Handbuch der empirischen Sozialforschung. Bd.2. Grundlegende
Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung. 1.
Teil. Stuttgart: Enke, 1973, S. 1 - 65
Friedrichs, J.: Teilnehmende Beobachtung abweichenden
Verhaltens. Stuttgart: Enke, 1973
Ethnologie, Sozialanthropologie
Definition als sozialwissenschaftliches Erhebungsverfahren:
"... ein Verfahren, das auf die zielorientierte Erfassung sinnlichwahrnehmbarer
Tatbestände gerichtet ist, wobei der Beobachter sich passiv gegenüber dem
Beobachtungsgegenstand verhält und gleichzeitig versucht, seine Beobachtung zu
systematisieren und die einzelnen Beobachtungsakte zu kontrollieren." (Grümer
1974, S. 26)
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Worin unterscheidet sich die wissenschaftliche von der Alltagsbeobachtung?
Tab.1: Vergleich der wissenschaftlichen mit der Alltagsbeobachtung
Vergleichsdimension:
Alltagsbeobachtung:
Voyeur / Nachbarin
1. Gegenstand
habituelle WahrnehZielorientierte, konmung der eigenen Um- trollierte Wahrnehwelt
mung
2. Auswahl
Subjektive Bedeutung,
Interesse Motivation,
Präferenz
Theoriegeleitet
3. Beschreibungssprache
Alltagssprache
Intersubjektiv nachvollziehbare Protokollsätze
4. Einfluß auf das
Feld
1. Selbst Handelnder
2. Unreflektierter
Einfluß
Beachtung des „Beobachtereffekts“:
1. Reaktion des Felds
auf „Fremden“
2. Subjektive Wahrnehmung des Beobachters
Wissenschaftliche Beobachtung
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Tab. 2:
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Klassifikation der Beobachtungsverfahren anhand der Dimensionen Strukturiertheit und Teilnahme
nicht teilnehmend
teilnehmend
unstrukturiert
zufällige Alltagsbeobachtung
explorative, anthropologische Methode
strukturiert
hypothesentestendes
Verfahren kontrollierter Beobachtung
Vollständige Teilnahme an Feldaktionen
Grümer (1974, S. 33) führt als weitere Unterscheidungskriterium die Frage ein,
ob die Beobachtung offen oder verdeckt im Sinne einer feldspezifischen Tarnung
erfolgen soll.
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Problem der Festlegung der Beobachtungseinheit:
Definition:
"Beobachtungseinheit ist die kleinste Einheit in einem Beobachtungsverfahren,
an der Messungen, d.h. Beobachtungen vorgenommen werden können." (Grumer
1974, S. 40f.)
Unstrukturierte Beobachtung:
Beobachter kann relative frei über die Sequenzen entscheiden.
Strukturierte Beobachtung:
Forscher definiert für den Beobachter die
Beobachtungseinheit und zwingt ihn diese
zu erheben.
Die Definition der Beobachtungseinheiten erfolgt sowohl in zeitlicher als auch in
inhaltlicher Hinsicht.
Lütke definierte im Rahmen seiner Beobachtungsstudie in Hamburger Krankenhäusern in zeitlicher und räumlicher Hinsicht, wobei er sich am „typischen
Tagesablauf“ des Pflegedienstes orientierte. Seine Beobachter schleuste er als
„Praktikanten“ ein, so daß sie „verdeckt“ arbeiten konnten.
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Definition der Beobachtungseinheiten in der Krankenhausstudie von
Lüdtke (1993)
(Grümer 1974, S. 262)
Die Beobachter hatten die Weisung, zu den angegebenen Zeitpunkten in den
entsprechenden Räumlichkeiten die jeweiligen Interaktionsabläufe zu beobachten
und zu protokollieren.
Strukturierte vs. Unstrukturierte Beobachtung:
Die Strukturierung der Beobachtung erfolgt anhand eines "Beobachtungsschemas" analog zum Vorgehen eines vollstrukturierten Interviews. Beim "Beobachtungsschema" handelt es sich um eine Art Fragebogen, der drei Funktionen
erfüllen soll:
1. Sprachliche Lenkung der Beobachtung
2. Inhaltliche Lenkung der Beobachtung
3. Erleichterung der Aufzeichnung / Dokumentation der Beobachtung.
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Lüdke hat in seiner Studie drei separate Beobachtungsschema verwendet, die zur
Erhebung und Kodierung der Aktivitäten des Pflegepersonals, ihrer Interaktion
mit dem Patienten sowie der Reaktion des Patienten dienen: (Grümer 1974, S.
263- 265)
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Die Beobachter hatten die Anweisung, sich in der Rolle des Praktikaten zu den
vorgegebenen Zeiten an den vorgeschriebenen Räumen aufzuhalten und „verdeckt“ die Aktivitäten des Personals, seine Interaktion mit dem Patienten sowie
dessen Reaktion darauf zu protokollieren. Hierbei identifizierten sie jeweils die
Schwester, den Pfleger oder Arzt anhand einer zweistelligen Ziffer, deren erste
Stelle die Statusgruppe und deren die fortlaufende Nummerierung auf dem Personalbogen erfaßt. Die Patienten sollten jeweils über ihre Zimmernummer und der
Vergabe eines Kleinbuchtstabens (a,b,c, etc.) innerhalb des Zimmers im Uhrzeigersinn identifiziert werden. Die Beobachter kodierten die einzelnen Interaktionssequenzen unter Angabe der beteiligten Akteure in folgender Form:
(Grümer 1974, S. 267)
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Für die Beobachtung des Interaktionsverhaltens von Kindern auf öffentlichen
Spielplätzen hat Friedrichs (1973) das folgende dreiblättrige Beobachtungsschema
entwickelt: (Grümer 1974, S. 269-272)
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Vorteil der "strukturierten Beobachtung" gegenüber der
"unstrukturierten":
1. Sie ist kontrolliert. Sowohl das Verhalten des Beobachters als auch die Auswertung wird durch Verhaltensanweisungen eindeutig festgelegt.
2. Sie ist standardisiert. Das Verhalten des Beobachters wird situations- und
interpersonell eindeutig festgelegt. Ausschluß von inter- und intrapersoneller
Variation der Beobachter.
3. Sie ist systematisch. Sie erfolgt unter einer einheitlichen Zielorientierung und
Gerichtetheit der Beobachtungsakte.
Anforderungen an das Beobachtungsschema
Beobachtungsschemata müssen die folgenden Bedingungen erfüllen, um einen
ausreichenden Grad von Präzision zu erreichen:
1. Eindimensionalität:
Die Messung in einem Schema sollte möglichst nur auf einer Dimension
erfolgen und nicht auf mehreren gleichzeitig.
2. Ausschließlichkeit der Kategorien:
Jedes beobachtete Ereignis sollte nur einer einzigen Beobachtungskategorie
zugeordnet werden können.
3. Vollständigkeit der Kategorien:
Ein Kategorienschema muß so erschöpfend sein, daß alle möglichen Beobachtungsereignisse erfaßt werden.
4. Konkretion der Kategorien:
Die Kategorien müssen beobachtbaren Sachverhalten entsprechen.
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5. Begrenzung der Anzahl der Kategorien:
Aufgrund der begrenzten Beobachtungs- und Registrierungsfähigkeit sollte
ein Beobachtungsschema nicht mehr als 10 Kategorien umfassen.
6. Kategorien sollten aufgrund einer theoretischen Konzeption entwickelt
werden.
Die Unstrukturierte Beobachtung
Im Gegensatz zur strukturierten gibt der Forscher kein Beobachungsschema vor,
sondern er beschränkt sich lediglich auf die Entwicklung eines „Leitfadens“
anhand dessen der Beobachter vorgeht. Letzterer legt selber die Beobachtungssequenzen fest und erstellt jeweils direkt nach einer von ihnen ein Protokoll.
Mayring (1990a, S. 57) faßt den Grundgedanken der teilnehmenden unstrukturierten Beobachtung folgendermaßen zusammen:
„Grundgedanken: Mit teilnehmender Beobachtung will der Forscher eine größtmögliche Nähe zu seinem Gegenstand erreichen, er will die Innerperspektive der
Alltagssituation erschließen. Dabei wird höchstens halbstandardisiert vorgegangen.“
Er hält die un- bzw. halbstrukturierte Beobachtung für besonders geeignet, „wenn
der Gegenstand in soziale Situationen eingebettet ist;
der Gegenstandsbereich von außen schwer einsehbar ist;
die Fragestellung eher explorativen Charakter hat.“ (ders. 1990a, S. 59)
Die zugehörigen Arbeitsschritte faßt er in der folgenden Abbildung zusammen:
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(Mayring 1990a, S. 58)
Grümer (1974, S. 48) vergleicht die unstrukturierte mit der strukturierten Beobachtung anhand der folgenden Problembereiche:
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Grümer (1974, S. 44) vergleicht ebenfalls die Vor- und Nachteile, die die Beobachtung in „fremden“ sowie der „heimischen“ Kultur bietet:
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Teilnehmende vs. nichtteilnehmende Beobachtung
Bei der "teilnehmenden Beobachtung" schlüpft der Beobachter selbst in eine
Rolle seines Beobachtungsfeldes. Beispielsweise in Lüdkes Krankenhausstudie
nimmt er die Rolle des / der Praktikanten/Praktikantin ein.
Problem:
Welche Rolle seines Beobachtungsfeldes soll der Beobachter einnehmen, ohne daß er wiederum die Beobachteten in ihrem Handeln
beeinflußt ?
Wie den Erfolg des Feldzuganges ist, das Vertrauen eines „gate keeper“
zu gewinnen, der den Beobachter in die entsprechend Subkultur oder Gruppe
einführt.
Weinberg und Williams (1973) haben ein fünf-Phasen-Modell der Feldannäherung entwickelt, wobei der Beobachter folgende Rollen in der Fremd- und
Selbstwahrnehmung übernimmt.
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Für die einzelnen Phasen der teilnehmenden Beobachtung geben Weinberg und
Williams (1993, S. 86) die folgenden Empfehlungen für den Umgang mit den
Beobachteten sowie den außenstehenden Kollegen ab:
„Annäherung
Beziehungen zu den beobachteten Personen: Nichts versprechen (oder andeuten), was man nicht liefern kann (oder will). Beziehungen zu Außenstehenden:
Es gibt keine "illegitimen" Bereiche der Forschung. Forscher müssen bereitwillig sein, konventionelle Ansichten über empfindliche Themen zu ignorieren; und sie müssen den Mut haben, sich deswegen nicht zu schämen.
Orientierung
Beziehung zu beobachteten Personen : Lassen Sie sich nicht durch die ersten
Tage in der neuen Umgebung entmutigen. Bleiben Sie skeptisch gegenüber dem,
was sie in den ersten Tagen sehen und hören. Da erste Eindrücke zwar andauern,
oft aber falsch sind, sollen die Beobachtungen und Notizen, die während dieser
Zeit gemacht werden, mit Vorbehalt betrachtet werden.
Beziehung zu Außenstehenden: Vermeiden Sie es, defensiv zu sein. Man darf
nicht versuchen, anderen zu imponieren, da oft Eindrücke verbreitet werden, die
gar nicht stimmen. Eine Bestätigung der Ergebnisse durch die meisten Außenstehenden ist wertlos.
Initiation
Beziehungen zu beobachtete Personen : Lassen Sie sich nicht durch Prüfungen,
die einem von seinen beobachteten Personen gestellt werden unsicher machen.
Es ist für jede Gruppe selbstverständlich, einen Fremden testen zu wollen;
nehmen Sie es nicht persönlich. Nicht vergessen, daß solche Prüfungen gemacht
werden, um die Reaktion des Forschers zu testen.
Beziehungen zu Außenstehenden: Nochmals: Stehen Sie zu Ihren Überzeugungen.
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Assimilation
Beziehungen zu beobachteten Personen : Sie werden von ihren beobachteten
Personen wahrscheinlich nicht so akzeptiert, wie Sie meinen (oder meinen, sein
zu sollen); erwarten Sie es auch nicht. Vergessen Sie nie, warum Sie da sind, die beobachteten Personen werden es bestimmt nicht vergessen.
Beziehung zu Außenstehenden: Man soll nie aufhören, in dieser Phase über sein
Projekt zu sprechen. Die Fragen und Kritik die von Außenstehenden kommen,
können dazu dienen, an den Verfestigungen in der Ordnung Ihrer Daten zu
rütteln. Man sollte sich alte Aufzeichnungen anschauen, um festzustellen, inwieweit sich die Ansichten geändert haben.
Abschluß
Beziehungen zu beobachteten Personen: Bereiten Sie Ihren Abgang aus der
Gruppe genügend vor. Man soll seinen Teil dazu beisteuern, um einen glatten
Abgang zu sichern. Planen Sie ein, weiteren Kontakt mit dem Feld zu halten
(wenn auch nur in Form einer Zusammenfassung der fertigen Arbeit), und lassen
Sie dies die beobachteten Personen wissen.“
Quelle:
Martin S. Weinberg & Colin J. Williams:
Soziale Beziehungen zu devianten Personen bei der Feldforschung.
In: Jürgen Friedrichs (ed.): Teilnehmende Beobachtung abweichenden Verhaltens. Stuttgart: Enke, 1973, S.83 - 108
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Problem der Zuverlässigkeit und Gültigkeit der Beobachtungsdaten
Definition der Zuverlässigkeit der Beobachtungsdaten:
"Zuverlässigkeit (Verläßlichkeit) von Beobachtungsdaten und Beobachtungsverfahren liegt dann vor, wenn deren Anwendung unter kontrollierten
Erhebungs- und Meßbedingungen zu gleichen Ergebnissen führt." (Grümer
1974, S.56)
Mittel zur Bestimmung der Zuverlässigkeit: Simultan- / Parallelbeobachtungen:
1.
Messung der Übereinstimmung zwischen zwei unabhängigen Beobachtern (Interbeobachterreliabilität).
2.
Messung der Übereinstimmung der Beobachtungen eines Beobachters
zwischen verschiedenen Beobachtunssequenzen (Intrabeobacherreliabilität)
Definition der Gültigkeit der Beobachtungsdaten:
"Allgemein ist ein Verfahren oder ein Meßinstrument dann gültig, wenn es das
tatsächlich mißt, was es zu messen beansprucht. Damit sind zwei Gültigkeitsaspekte angesprochen: die formale udn die inhaltliche Gültigkeit. Die formale
Gültigkeit sagt etwas über die Dimensionalität aus ... , während die inhaltliche
(interne, logische) Gültigkeit feststellt, ob die intendierte Dimension getroffen
wurde." (Grümer 1974, S.61)
Regeln für die Gültigkeit von Beobachtungsdaten:
1.
Die inhaltliche Gültigkeit ist umso höher, je weniger Spielraum die
Kategorien des Beobachtungsschemas dem Beobachter für Schlußfolgerungen lassen.
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2.
Versuchen Sie die Gültigkeit durch den Vergleich mit den Daten anderer
Erhebungsverfahren (Interview, Dokumentenanalyse, Offizialstatistik) im
Sinne der Übereinstimmungsgültigkeit zu bestimmen.
3.
Versuchen Sie ihre direkten Beobachtungsergebnisse durch die Erhebung
"indirekter Beobachtungen" (externer Datenquellen) zu validieren.
Fehlerquellen der Beobachtung
Grümer (1974, S. unterscheidet zwischen den "inter-" und "intrasubjektiven
Fehlerquellen" der Beobachtung:
1.
Intersubjektive Fehlerquellen:
a)
Rollendefinition des Beobachters: Zentrale vs. periphäre Rolle
b)
Auswahl der Schlüsselpersonen, die Zugang zu Feld ermöglichen vs.
verhindern können
c)
Intensität der Interaktionen:
Je arbeitsteiliger ein Feld organisiert ist, desto eher passive Rolle
möglich.
Je emotionaler eine Interaktion ist, umso aktiver die Teilnahme.
Ziele und Machtstrukturen des Feldes legen den Grad der Teilnahme fest. (Verbrecherbande vs. Vorstandssitzung)
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2.
Intrasubjektive Fehlerquellen:
a)
Subjektivität der Perzeption des Beobachters.
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"Wir glauben nur das was wir sehen, leider sehen wir was wir glauben
wollen".
Verzerrung der Beobachtung durch Vorurteile und Meinungen des
Beobachters.
Übersehen von Selbstverständlichkeiten und Routinehandlungen im
Feld.
Psychische und physische Erschöpfung des Beobachters.
b)
"Going native": Überidentifizierung des teilnehmenden Beobachters
mit den Urteilsmaßstäben und Verhaltensweisen seiner Probanden im
Feld. Dies hat den Verlust der für eine kontrollierte Beobachtung notwendigen Distanz zum Beobachteten zur Folge. Hierdurch werden die
Aufzeichnungen des Beobachters wertlos, da sich in ihnen die Beobachtungsakte und gruppeninternen Wertungen nicht mehr trennen lassen.
c)
Intrarollenkonflikte des Beobachters.
Gerade bei teilnehmenden Beobachtung muß der Beobachter seine eigentliche Rolle als Wissenschaftler gegenüber seinem Probanden stets
verleugnen und sich möglichst an die Rollenerwartungen seines Feldes
anpassen. Hieraus können massive Rollenkonflikte entstehen. Beispielsweise kann er bei der Beobachtung einer "Jugendbande" vor der Entscheidung stehen, bei einem "Einbruch" mitmachen zu müssen oder seine
Tarnung aufgeben zu müssen.
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Empirische Beobachtungsstudien:
1.
William F. Whytes Street Corner Society
Versehen mit einem vierjährigen Harvardstipendium führt William F. Whyte als
gelernter Ökonom 1936 bis 1939 eine Beobachtungsstudie in einem Bostoner
„Slum“ durch, den überwiegend Italo-Amerikaner bewohnten. Für dieses Stadtviertel verwendete er das Synonym Cornerville. Sein Forschungsstil bestand
darin, mit Hilfe der teilnehmenden Beobachtung die Sozial- und Interaktionsstruktur dieses Stadtviertels zu rekonstruieren. Hierbei unterstellt er zunächst,
daß der Stadtteil durch eine italienische Subkultur sowie ein gewisses Maß an
Desorganisation geprägt sei. Was seine Untersuchung auszeichnet, ist die
präzise Dokumentation der Durchführung seines Forschungsvorhabens.
Als seine „Vertrauenspersonen“ oder „gate keeper“ fungierten eine Sozialarbeiterin, die in diesem Viertel tätig war, und „Doc“, der die „Norton Street
Gang“ anführte. Auf Empfehlung ersterer zog er in den Stadtteil, mietete dort ein
Zimmer und lernte Italienisch. „Doc“ stellte ihn im italienischen Kulturclub
seiner Gang als „Freund“ vor und ermöglichte ihm hierdurch den Feldzugang. Es
gelang Whyte „Doc“ in ein öffentliches Sozialprojekt einzuschleusen, bei dem es
sich um ein Erholungszentrum für Jugendliche handelte. Dort knüpfte Whyte
Kontakte zu anderen Jugendgangs und identifizierte bei ihnen sehr ähnliche
Strukturen wie bei der „Norton Street Gang“.
Am Ende seines dritten Forschungsjahres stellte Whyte fest, daß er zwar die
Rollenstruktur der Jugendgangs sehr genau untersuchte hatte, nichts aber über
Struktur der Familienverbände oder der Kirchengemeinden wußte. Ebenfalls
hatte er wenig in Erfahrung gebracht über die „Rackteers“. Bei ihnen handelte es
sich um organisierte kriminelle Banden, die ihren Lebensunterhalt mit illegalem
Glücks- und Wettspiel sowie Schiebereien aller Art verdienten. Nach seiner
Heirat 1938 bezog Whyte mit seiner Ehefrau eine Wohnung, die direkt gegenüber
dem „Cornerville social and athletic Club“ lag, in dem sich die Verbrecherbande
von Toni Cataldo regelmäßig traf. Über seine Vermieter, die Martini, lernte
Whyte Toni Cataldo kennen, der ihn mit seiner Ehefrau zum Essen zu sich nach
Hause einlud. Es erwies sich für Whyte als vorteilhaft, daß er nun verheiratet
war, da die „höhren Kreise“ von Cornerville jeweils im Familienverbund miteinander verkehrten. Cataldo führt ihn in seinen Sportclub ein, wo er trotz häufiger
Abwesenheit großen Einfluß besaß. Obwohl sich Cataldo von Whyte später
distanzierte, konnte er im Sportclub bleiben und die Rollenstruktur der „Bande“
systematisch untersuchen. Mit Hilfe des „positional mapmakings“ identifizierte
er erstens zwei Fraktionen innerhalb der Bande, die Tony und Carlo anführten.
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(Grümer 1974, S. 156)
Zweitens zeigte sich, daß die „Führerschaft“ in den Substrukturen der Gang ein
erhebliches Problem darstellte, da er auf den unteren Ebenen keine „Subführer“
identifizieren konnte. Drittens bestand eine wesentliche Funktion der beiden
„gang leader“ darin, zwischen der Gang und der italienischen Gemeinde sowie
ihren Repräsentanten zu vermitteln.
Grümer (1974, S. 159f.) bewertet aus methodologischer Sicht die Studie von
Whyte folgendermaßen:
„Methodisch können wir „Street Corner Society“ als eine deskriptive Studie
verzeichnen, die datenerhebungstechnisch mit zwei Instrumenten arbeitet: mit
teilnehmender Beobachtung und Interviews, wobei erstere den größeren Raum
in dieser Studie einnimmt. Für beide Verfahren läßt sich aber generell ein
Vorgehen zeigen, daß man als unsystematisch oder nicht standardisiert bezeichnet bezeichnen kann. Diese Bezeichnungen implizieren aber nicht, daß WHYTE
seine Datensammlung ohne Bezug zu einer soziologischen Theorie vornahm.
Das Gegenteil war vielmehr der Fall. ... Nur zweimal im Verlauf seiner Untersuchung benutzte er systematische Verfahrensweisen: das „positional mapma-
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king“ zur Analyse der Clubstruktur und die Analyse von „set events“ und „pair
events“ zur Untersuchung von Interaktionsmustern.
Zusammenfassend läßt sich „Street Corner Society“ als deskriptive, explorative
Untersuchung klassifizieren, deren Möglichkeiten zu generalisierenden Aussagen über die Struktur von städtischen Vorortsbezirken oder auch nur über
Gruppen zu gelangen, sehr begrenzt ist.“
Originalquelle:
2.
William F. Whyte: Street Corner Society. Chicago, 1955
(19431)
Laud Humphreys: Toiletten-Geschäfte. Teilnehmende Beobachtung homosexueller Akte
Ebenfalls im Bereich abweichenden Verhaltens ist die Beobachtungsstudie von
Laud Humphreys (1973) angesiedelt. Von April 1966 bis April 1967 führte er in
einer ungenannten amerikanischen Großstadt eine verdeckte Beobachtungsstudie
zum Sexualleben Homosexueller in öffentlichen Toiletten durch. Der Gesetzgeber des betreffenden Bundesstaates ahndete die Homosexualität strafrechtlich,
wobei er den Tatbestand folgendermaßen definierte und eine 2-jährige Haftstrafe
als Mindestsanktion androhte:
„H 563.230. Das abscheuliche und zu verachtende Verbrechen gegen die Natur
- Strafen. Jede Person, die des zu verachtenden und abscheulichen Verbrechens
gegen die Natur überführt werden kann, begangen mit einem Menschen oder
einem Tier, mit den Sexualorganen oder mit dem Mund, soll mit Gefängnis nicht
unter zwei Jahren bestraft werden.“ (Humphreys 1973, S. 286)
Seine Beobachtungen dieses strafrechtlich zu sanktionierenden Verhaltens führte
er von Montag bis Freitag in 19 Bedürfnisanstalten durch, die in 5 öffentlichen
Parks lagen. Seine zeitlichen Beobachtungsphasen orientierten sich hierbei am
Tagesablauf eines beruftätigen „Schwulen“. Die erste Phase erstreckte sich von
der Öffnung der Toiletten um 7.30 h bis 8.30 h, währenddessen sich gewöhnlich
Angestellte zu ihrem Arbeitsplatz in der City begeben. Die zweite Phase deckte
die Mittagspause von 13 h bis 14 h ab, während die dritte von 16 h bis 19 h nach
Arbeitsschluß angesiedelt war. Er bemühte sich durch die Auswahl sowohl der
einzelnen Standorte als auch der Zeiträume ein möglichst repräsentatives Bild
der Homosexuellenszene zu erhalten. Über ihre Autokennzeichen gelang es
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Humphreys rd. 100 Mitglieder der örtlichen „Schwulenszene“ zu identifizieren,
die sich regelmäßig zum Oralverkehr (Fellatio) dort trafen. Selbstverständlich
anonymisierte er seine Feldnotizen, um bei einer zu erwartenden Festnahme
durch die Sittenpolizei nicht zur Zeugenaussage gezwungen werden zu können.
Humphreys beobachtete insgesamt 120 Geschlechtsakte homosexueller Männer,
wobei er rd. 60 Stunden in öffentlichen Toiletten verbrachte. Unmittelbar nach
jeder Beobachtungssequenz protokollierte er diese mit Hilfe eines Tonbandgerätes, das er in seinem vor der Toilette geparkten Wagen unter einem Karton
versteckt hatte.
„Der folgende Auszug aus einem Tonbandprotokoll vom Oktober 1966 mag dem
Leser einen Eindruck von meinen Beobachtungsmethoden in jener Phase meiner
Untersuchung vermitteln
Ich hielt mich etwa 5 Minuten in dieser Toilette auf. Während der ganzen Zeit
stand der Neger, der den Ford fährt, in den 30-igern und gepflegt gekleidet ist,
am Urinal und masturbierte. Er machte auch keinen Versuch, zu verbergen, was
er tat. Zur gleichen Zeit war da auch ein junger Neger - sehr gepflegt, sehr gut
gekleidet, 18 bis 20 Jahre alt, würde ich sagen - mit Brille, vielleicht Student
dem Typ nach. Er stand während der ganzen Zeit am Fenster und sagte nichts.
Ich stand ganz in seiner Nähe am Fenster, aber er machte keinen Annäherungsversuch. Ich ging zum anderen Fenster, während er blieb, wo er war. Als ich den
Raum verließ, stieg der Mann mit dem weißen Chevrolet aus seinem Auto und
ging hinein . . . Jetzt, wo ich die beiden Neger beschreibe, weiß ich, daß der
Mann a11ein in seinem Wagen saß. Der jüngere Mann war offenbar zu Fuß
gekommen. Nun gut weiter zu einigen anderen Plätzen. Es ist jetzt 4.47 Uhr,
der Verkehr ist sehr dicht, viel Ablenkung . . . Ich nähere mich jetzt wieder der
Toilette, aber es wird wohl nicht viel bringen hineinzugehen, denn es sind keine
Autos davor geparkt - ich fahre also weiter nach Hillside.“ (Humphreys 1973,
S.260)
Um seine Beobachtungssequenzen vergleichen zu können, entwickelte
Humphreys folgendes Beobachtungsschema, das neben einem standardisierten
Kurzprotokoll eine detaillierte Lageskizze sowie eine Kurzbeschreibung des
Handlungsablaufes umfaßt:
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Als Beobachtungsleitfaden entwickelte Humphreys (1973, S. 264 f.) folgende
Kurzinstruktionen für die Beschreibung der Interaktionssequenzen:
„Beschreibung der Aktivität (merke: Wenn möglich folgende Angaben: Aufenthalt in Auto, Verzögerung etc. vor Eintreten in Toilette . . . Art von Unterbrechungen und Reaktionen darauf . . . Alles was gesprochen wird . . : beobachtete Masturbation . . . Aktivitäten der Aufpasser . . .
Reaktion auf Teenager und deren Teilnahme . . . Reaktionen auf Beobachter . .
. Länge der sexuellen Akte . . . Ausspucken, Händewaschen, Abwischen etc.):“
Dem vorherigen Lageplan entspricht folgender Handlungsablauf:
„X stand am rechten Fenster und A saß auf Toilette als O hereinkam. O ging
zum ersten Urinal. X ging zum 3. Urmal, zog Reißverschluß auf urinierte aber
nicht. Begann mich anzusehen. Ich zog Reißverschluß hoch und ging zum linken
Fenster. X ging zurück zum gegenüberliegenden Fenster. Ich sah, wie Y aus
seinem Auto stieg und sich der Toilette näherte. Er ging sofort zum dritten
Urinal. Nach etwa 2 Minuten ging X zum mittleren Urfinal und begann, sich an
Y heranzumachen.
Inzwischen hatte Y eine Erektion. - X langte herüber und masturbierte ihn mit
der rechten Hand, sich selbst mit der linken.
Ich ging zu dem am weitesten entfernten Fenster. A sah mich an. Ich lächelte
und nickte. X und Y gingen zusammen zu Box 1. X zog Hosen herunter und setzte
sich. Y stand vor ihm, mit geöffneter Hose, Erektion war deutlich zu sehen, er
masturbierte noch eine Minute weiter. Dann führte er Penis in X's Mund ein.
Erreichte Höhepunkt nach ca. 3 Min., dabei Hände hinter Hals von X verkrampft. Ging dann zum Waschbecken. Wusch sich die Hände und ging.“
Humphreys gelang es, auf der Basis eines Materials die folgenden Teilnehmerrollen bei sexuellen Begegnungen oder Kontakten in öffentlichen Toiletten zu
identifizieren:
„Mitspieler:
Insertee der Fellator oder „Schwanzlutscher"; Mann in dessen Mund der Penis des Partners eingeführt wird.
Insertor derjenige, der "geblasen" oder "gelutscht" wird
(beim Analverkehr der "Ficker") ; Mann, der seinen Penis in
den Mund eines anderen einführt.
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Aufpasser: ("watchqueen"):
Warter, Männer, die warten 1. auf eine bestimmte Person, 2.
auf einen besonderen "Trick" oder 3. auf eine Chance, sich
am Geschehen zu beteiligen.
Masturbanten, jene, die entweder 1. nur masturbieren oder
2. masturbieren während sie warten.
Voyeure, jene, die bei der Beobachtung sexueller Akte Lust
empfinden; zuweilen handelt es sich bei diesen gleichzeitig
um Masturbanten.
straights,
Personen, die nicht an den sexuellen Aktivitäten teilnehmen.
Diese Rolle ist meist zeitlich eng begrenzt (3 Minuten oder
weniger); sie kann jedoch im Laufe der Zeit in die eine oder
andere der teilnehmenden Rollen "einmünden". Es gibt eine
Hypothese, die besagt, daß diese Männer entweder zu heterosexuell orientiert oder zu gehemmt sind, um sich am Spiel
zu beteiligen. Wenn sie nicht erfassen, was gespielt wird,
könnten diese Männer in Verlegenheit geraten und negativ
auf das Geschehen reagieren.
Teenager (Chicken):
straights wie oben, Enlisters oder "Anwärter", Jugendliche,
die am Spiel teilnehmen möchten (und deshalb Warten, aber
schlechte Auf passer sind) ; sie sehen zu, um die Strategie zu
lernen, im allgemeinen läßt man sie aus Angst jedoch nicht
teilnehmen.
Toughs oder "Rowdies, Schläger", Jugendliche, die die anderen Besucher der Toiletten bedrohen, manchmal sie wirklich auch körperlich angreifen, z. B. ausplündern.
Hustlers "Anwärter" (Enlisters), die für ihre Rolle als Insertor Bezahlung verlangen. Falls ihnen das Geld verweigert
wird, werden sie mitunter zu Schlägern (Toughs).
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Vertreter gesellschaftlichen Kontrollorgane.
Es gibt drei Hauptgruppen: 1. Mitglieder der Sittenpolizei, 2.
Polizeibeamte und 3. Parkangestellte.“ (Humphreys 1973,
S.266f.)
Aus seinem Beobachtungsmaterial entwickelte Humphrey ein 7-Phasenmodell
der Interaktionsrituale homosexueller Männer bei ihren Sexualkontakten im
öffentlichen Raum:
1.
Phase der Annäherung:
In ihr warten der Akteur X vor dem Toilettenhäuschen, taxiert mögliche Partner
und hält nach Polizisten Ausschau, um eine Festnahme „inflagranti“ (auf frischer
Tat) zu vermeiden.
2.
Phase der Positionseinnahme:
Der Akteur X stellt sich vor das Urinal, öffnet den Reißverschluß und präsentiert
seinen „Schwanz“. Gleichzeitig hält er nach links und rechts nach geeigneten
Sexualpartner Ausschau.
3.
Phase des Manövrierens:
Der Akteur X wechselt seine Position entweder im Raum (vom Urinal zum
Fenster oder zum einem anderen Urinal) oder gegenüber Personen. In letzteren
Fall begibt es sich zu Akteur Y und versucht mit ihm Kontakt aufzunehmen. Rd.
Zweidrittel der beobachteten Akteure näherten sich hierbei einem anderen Mann
, der direkt am Urinal stand.
4.
Phase der Einigung oder des Kontrakts:
In dieser Phase signalisieren die Akteure X und Y ihr wechselseitiges Einverständnis und einigen sich über die Rollenverteilung bei Oralverkehr.
„Zu Beginn haben die Teilnehmenden [nach dem Manövrieren, W.L.] noch kein
deutliches Einverständnis zur sexuellen Interaktion gezeigt. Durch Körperbewegungen, insbesondere das Entblößen des eregierten Penis, haben sie dieses
Einverständnis signalisiert. Jetzt muß es zur Einigung der Partner kommen,
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wobei es wohl um die zu spielenden Rollen als auch um den Eindruck des beiderseitigen Einverständnisses geht. 80% der beobachteten Einigungen kommen
auf eine von zwei Arten zustande, abhängig von der Rolle, die der Initiator zu
spielen wünscht. Derjenige, der die Rolle des Insertee anstrebt, erfaßt den
entblößten und eregierten Penis seines Partners. Der potentielle Insertor wird in
die Box hineingehen, in der der Insertee sitzt. Kommt es bei keinem dieser
Schritte zur Ablehnung, so gilt dies als Einigung.“ (Humphreys 1973, S. 273)
5.
Phase des Vorspiels
Beide Akteure X und Y masturbieren wechselseitig, um ihre Erregung zu steigern. Y streichelt die Hoden von X. Diese Phase dient ebenfalls dazu, durch
beschleunigte Erregung möglichst bald die Befriedigungsphase zu erreichen und
damit den Entdeckungsgefahr durch die Polizei möglichst gering zu halten.
6.
Phase der Befriedigung
Akteure X und Y setzen ihren Oralverkehr fort bis X als „Insertee“ seinen Samenerguß im Sinne des Orgasmus hat.
7.
Ende der Begegnung
Nach der Reinigung des „Schwanzes“ mit Toilettenpapier sowie dem Ordnen der
Kleidung ziehen beide Akteure ihre Reisverschlüsse wieder hoch und verlassen
die Toilette. Sofort danach verlassen mit ihren Autos den Ort des Geschehens.
Humphreys konnte seine Beobachtungsstudie nur „verdeckt“ durchführen, indem
er zur Tarnung in die subkulturspezifischen Rollen des „Aufpassers“, „Masturbators“ oder „Voyeurs“ schlüpfte.
Quelle:
Laud Humphreys: Toiletten-Geschäfte. Teilnehmende Beobachtung homosexueller Akte.
In: Jürgen Friedrichs (ed.): Teilnehmende Beobachtung abweichenden Verhaltens. Stuttgart: Enke, 1973, S. 254 - 287
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Die Aktualität der Beobachtungsstudie Humphreys belegt der folgende Spiegelartikel, den Sie unter der angegebenen URL im Internet anfordern können:

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