Gefiederter Förster - Biodiversität und Klima

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Gefiederter Förster - Biodiversität und Klima
Aus Liebe zur Natur.
Nr. 11 | Dezember 15 – Februar 16 | CHF 7.90
Natur erfahren
Gefiederter
Förster
Natur bewahren
Nieswurz –
der Frühlingsbote
Natur erleben
Schottland –
Natur pur
Natur erleben
Natur erfahren
Natur erleben
Der stille Zauber der
Winterlandschaft
Die Stechpalme – gesunder
Weihnachtsschmuck
Freiheit
auf dem Grat
Gefiederter
Förster
Ohne Arven gäbe es wohl keine Tannenhäher.
Und ohne Tannenhäher weniger Arven. Beide
sind aufeinander angewiesen: Die besondere
Beziehung zwischen einem Vogel und einem Baum.
«S
chlimmer Räuber»,
«unmöglicher und
gefrässiger Geselle»,
«elendes Pack» – mit
solchen und anderen Schimpfwörtern
wurde der Tannenhäher einst beschrieben. Der Vogel mit dem schwarz-braunen,
weiss getüpfelten Gefieder galt als
Schädling, der alle Arvennüsschen frisst
und so den Arvenwäldern schwere
Schäden zufügt. Zehntausende von
Franken wurden als Abschussprämien
ausbezahlt.
TANNENHÄHER ALS GÄRTNER
Tatsächlich waren um 1900 die Arvenbestände in den Alpen stark dezimiert
oder gar verschwunden. Schuld daran
waren aber nicht die Tannenhäher,
sondern die Menschen: Sie rodeten die
Wälder, um Weideland zu gewinnen,
nutzten das aromatisch duftende
Arvenholz für Möbel, Wandtäfer oder
als Brennholz und sammelten sackweise
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NATURZYT
Arvennüsschen als kalorienhaltige
Abwechslung ihrer sonst kargen Kost
im Winter. Diese intensive Nutzung
konnte die Arve nicht wettmachen,
denn sie wächst äusserst langsam und
trägt erst im Alter von etwa fünfzig
Jahren erstmals Zapfen. Diese Zapfen
öff nen sich nicht von selber, um die
Samen freizugeben, und die Samen sind
gross, relativ schwer und haben keine
Flügel wie die anderer Nadelbäume.
Die Arve kann also ihre Samen nicht
dem Wind als «Luft fracht» anvertrauen,
um sie zu verbreiten. Zudem sind
die Bedingungen auf der Oberfläche
für die Samen nicht optimal, um
keimen zu können – sie benötigen eine
gewisse Bodentiefe als Keimbett.
Wie also kann die Arve sich überhaupt
fortpflanzen? Aufmerksam beobachtende Förster fanden des Rätsels Lösung:
Es ist der Tannenhäher, der den
Samen Flügel verleiht und die Rolle
des Gärtners übernimmt.
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NATUR ERFAHREN
Ein Arvenzapfen in der
Zapfenschmiede: Hier hat ein
Tannenhäher mit seinem
Schnabel die Samen aus ihrer
Schale gemeisselt.
Arven sind an das raue
Klima in den Alpen angepasst.
Sie können bis 1000 Jahre
alt werden.
DIE GUTEN INS KÖPFCHEN
Der einst verunglimpfte und verfolgte
Rabenvogel ernährt sich zu einem
grossen Teil von den Samen der Arve.
Er holt sich die violett schimmernden
Zapfen aus den Wipfeln der Bäume und
transportiert sie zu einer Zapfenschmiede.
Diese besteht aus einer Astgabel oder
einer Felsspalte, in die der Tannenhäher
den Zapfen einklemmt, oder aus einem
Baumstrunk, auf dem er den Zapfen wie
auf einer Werkbank bearbeiten kann.
Mit seinem kräft igen Schnabel meisselt
er die Schuppen vom Zapfen weg,
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NATURZYT
um an die Nüsschen zu gelangen. Diese
verstaut er in seinem Kehlsack, einer
dehnbaren Hautfalte, die dem Tannenhäher als Tragtasche dient. Vierzig
bis sechzig Nüsschen packt er in seinen
Kehlsack, um sie zu einem Versteck zu
transportieren. Doch ein Arvenzapfen
enthält ungefähr zehn Prozent taube
Nüsschen. Mit denen will der Tannenhäher natürlich nicht herumfl iegen
und dadurch kostbare Energie und Zeit
verschwenden. Also sortiert er die tauben
Nüsschen bereits an der Schmiede aus.
Er erkennt sie an der helleren Farbe
der Schale und am geringeren Gewicht.
Zudem schüttelt er die Nüsschen im
Schnabel ein paar Mal hin und her, um
ganz sicher zu gehen, dass keine taube
Nuss darunter ist.
GUT VERSTECKT
Mit dem Kehlsack voller Arvennüsschen
sucht der Tannenhäher dann geeignete
Verstecke auf. Dies können Baumstrünke
sein, Wurzeln, grössere Steine oder Felsblöcke, also auff ällige Geländemarken,
bei denen im Winter weniger Schnee
liegt. Hier hackt er mit wenigen Schnabel-
FRÜH ÜBT SICH
Dank seines räumlichen
Vorstellungsvermögens
fi ndet der Vogel die meisten
seiner Verstecke wieder –
selbst unter dem Schnee.
hieben eine Vertiefung in den Boden,
legt zwei bis zwölf Arvennüsschen hinein
und deckt das Versteck sorgfältig mit
Streu und Flechten zu. Auf diese Weise
deponiert der Tannenhäher in guten
Zapfenjahren bis zu 100 000 Nüsschen
in etwa 20 000 Verstecken! In schlechten
Zapfenjahren sind es immer noch
schätzungsweise 47 000 Nüsschen in
10 000 Verstecken. Wenn nach der
«Erntezeit» der Winter Einzug hält,
meterhoher Schnee und tiefe Temperaturen den Tieren zu schaffen machen, ist
der Tannenhäher gewappnet. Er braucht
nicht wie zahlreiche andere Vogelarten
in tiefere Lagen auszuweichen oder
in wärmere Gefi lde zu ziehen, sondern
kann von seinen Vorräten zehren.
Zielsicher gräbt er mit Schnabel und
Krallen tiefe Tunnel in den Schnee,
um an seine Verstecke zu gelangen. Die
Erfolgsquote ist beachtlich: Etwa achtzig
Prozent seiner Verstecke fi ndet der
Tannenhäher auf Anhieb wieder. Dies
ist umso bemerkenswerter, als sich die
tiefverschneite Landschaft im Vergleich
zu den anderen Jahreszeiten völlig verändert hat. Eine unglaubliche Leistung
Dank der ergiebigen Vorräte ist der
Tannenhäher unabhängig von der
Witterung und kann schon früh mit
dem Brutgeschäft beginnen. Wenn im
März oder April die Jungen schlüpfen,
werden sie mit Arvensamen gefüttert,
aber auch mit eiweissreicher tierischer
Ergänzungskost wie Käfern, Raupen,
Würmern oder Vogeleiern versorgt.
Dank des frühen Brutgeschäft s haben
die Jungen genügend Zeit, im Frühsommer eine dreimonatige «Lehre» bei ihren
Eltern zu absolvieren, um von ihnen zu
lernen, wie man Arvennüsschen knackt
und hortet. So sind sie im Spätsommer
bereit, selbstständig Arvennüsschen zu
ernten und Vorräte anzulegen.
Da der Tannenhäher «nur» rund achtzig
Prozent seiner Verstecke plündert, bleibt
ein schöner Rest an Arvennüsschen im
Boden, die zwischen Mai und Juli zu
keimen beginnen. Auf diese Weise sorgt
der schlaue Rabenvogel dafür, dass die
Arve sich ausbreiten kann, sogar an und
über der Baumgrenze. Hier kann die Arve
konkurrenzlos gedeihen, wenn auch
unter schwierigen Bedingungen. Bis vor
kurzem wurde dem Tannenhäher uneingeschränkte Wertschätzung zuteil
für seinen wertvollen Beitrag zur Verjüngung der Arvenbestände. Doch neuste
Untersuchungen zeigen, dass die Samenverstecke dem gefiederten Förster
mehr nützen als der Arve. Forscher des
Senckenberg Biodiversität und Klima
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NATUR ERFAHREN
des Vogels, der offenbar über ein exzellentes räumliches Erinnerungsvermögen
verfügt. Forscher vermuten, dass der
Tannenhäher die Nüsschen nicht nach
einem bestimmten Schema versteckt,
sondern sich an optischen Merkmalen
der Landschaft orientiert – an Felskuppen,
Arvenstämmen, auff älligem Totholz.
Das phänomenale Langzeitgedächtnis
ist für den Tannenhäher überlebenswichtig. Nur so kann er den langen und
strengen Winter in den Bergen überleben.
Über hundert Arvennüsschen muss er
in dieser Zeit jeden Tag zu sich nehmen.
Immerhin gehören die Arvensamen,
die den Pinienkernen ähneln, zu den
energiereichsten Samen unserer Wälder.
Mit ihren rund 680 Kilokalorien pro
100 Gramm lassen sie sogar Schokolade
hinter sich.
Forschungszentrums sowie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald,
Schnee und Landschaft haben nämlich
herausgefunden, dass der Tannenhäher
die Samen ausgerechnet dort versteckt,
wo sie nicht besonders gut keimen
können. Arvensamen brauchen feuchten
Boden und viel Licht, um keimen zu
können. Doch der Tannenhäher versteckt
sie vorzugsweise dort, wo der Boden
trocken ist und ein dichtes Kronendach
wenig Licht durchlässt.
Was für die Arve suboptimal ist,
macht für den Tannenhäher durchaus
Sinn. Denn wenn die Samen nicht
keimen, sind sie länger als Nahrung
verfügbar. In einem schlechten Zapfenjahr ist der Tannenhäher auf früher
angelegte Depots angewiesen. Solange
die Samen nicht keimen, stehen sie ihm
als Nahrung zur Verfügung. Auch wenn
also der Tannenhäher die Arven nüsschen an Orten versteckt, die für die
Keimung nicht unbedingt geeignet sind,
hat er doch einen wesentlichen Anteil
an der Verjüngung der Arvenbestände.
Würde er die Samen im Herbst nicht
vergraben, würde ihre Keimfähigkeit
deutlich reduziert: Bleiben die Zapfen in
den Baumwipfeln hängen, trocknen
die Nüsschen möglicherweise aus, liegen
sie am Boden im Schnee, drohen sie
zu verfaulen. In den Häherverstecken
im Boden sind die Bedingungen trotz
allem besser, sodass doch einige Samen
keimen können. Ganze Büschel junger
Arven zeugen von der eifrigen Tätigkeit
des gefiederten Försters. Freuen wir uns
also an den charakteristischen Nadelbäumen in unseren Alpen und danken
dem Tannenhäher dafür, dass er die
Arven bei der Verjüngung so tatkräft ig
unterstützt!
xxxxxxxxxx
Text Claudia Wartmann
Fotos Eike-Lena Neuschulz,
Senckenberg Biodiversität und
Klima Forschungszentrum
40 bis 60 Arvennüsschen kann der
Tannenhäher in
seinem Kehlsack
verstauen.
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Schon gewusst?
D
er Tannenhäher heisst
mit lateinischem Namen
Nucifraga caryocatactes.
Der erste Namensteil
ist zusammengesetzt aus lateinisch
nux (Nuss) und frangere (brechen).
Der zweite Namensteil ist griechischen
Ursprungs und zusammengesetzt
aus karuon (Nuss) und katagnumi
(brechen). Der Tannenhäher ist also
ein doppelter «Nussknacker». Im
Französischen und Englischen wird
der Vogel ebenfalls Nussknacker genannt
(cassenoix moucheté bzw. nutcracker).
Der deutsche Name «Tannenhäher»
ist biologisch nicht ganz korrekt, denn
der Vogel hat mit Tannen nicht viel
am Hut – er ernährt sich vorwiegend
von den Samen der Arve, die keine
Tanne ist. Das Wort «Häher» bedeutet
ursprünglich «Schreier», was für das
durchdringende «krrrrääh, krrrrrääh»
Arvenzapfen sind nicht
leicht zu knacken.
des Rabenvogels eine durchaus zutreffende Beschreibung ist.
Der Tannenhäher ziert das Signet des
Schweizerischen Nationalparks: Dank
seiner Ernährungsstrategie und seiner
besonderen Beziehung zur Arve ist er
zum Sinnbild für das ganzheitliche und
komplexe Zusammenspiel der Natur
geworden. Zum Hundert-Jahr-Jubiläum
des Nationalparks hat die Schweizerische
Post 2014 eine Briefmarkenserie herausgegeben, auf der neben Mauswiesel,
Murmeltier und Rothirsch auch der
Tannenhäher abgebildet ist.
Die Arve (Pinus cembra) wächst vor
allem in den Zentralalpen im Bereich
der Waldgrenze, wo sie widrigen Lebensbedingungen trotzt. Sie erträgt Temperaturen bis minus 45 Grad. Blitzschläge
oder schwere Schneelasten brechen oft
Äste und Wipfel ab, was den zähen Baum
aber nicht am weiteren Wachstum
hindern kann. So wachsen ausgeprägte
«Charakterbäume» heran, die bis tausend
Jahre alt werden können. Die Nadeln der
Arve stehen in biegsamen Büscheln zu je
fünf Nadeln, wodurch sie sich von anderen
Nadelbäumen leicht unterscheiden lässt.
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D
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