Die Perlenhäklerin Die Perlenhäklerin

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Die Perlenhäklerin Die Perlenhäklerin
Die Perlenhäklerin
Erzählung
Die Perlenhäklerin
Erzählung
© 2011
1. Auflage
Kostenloses E-Book von
www.perlenhaekeln.de und www.perlenhaekeln-forum.de
Verkauf nicht gestattet.
Personen, Tiere, Orte und Handlung sind frei erfunden.
Historische Tatsachen wurden ggf. mit erzählerischer Freiheit zeitlich angepasst.
Idee und Text: Silvia Winterstein
Lektorat: Mitglied Marion, Forum-Administratorin Nina
Testhäklerinnen: Administratorin Britta-Alina,
Administrations-Assistentin Elvira
Anleitung Gentilli:
Copyright bei Silvia Winterstein 2011
Die Anleitung wird für den privaten Gebrauch und zur Nutzung in Kursen frei zur
Verfügung gestellt.
Verkauf und gewerbliche Verbreitung der Anleitung ist untersagt.
Non-commercial e-book. Not for sale. Gentilli-Tutorial free for privat use.
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Frankreich, 1920
Für unsere Mitglieder
zum 7. Geburtstag der Webseiten
perlenhaekeln.de
Marguerite Cecile rückte die Kerze näher an das Blatt Papier,
das sie in der Hand hielt und auf dem eine Liebstöckel-Zeichnung
zu sehen war. Sie hatte diese Pflanze bei einigen Frauen als
Heilkraut angewandt, obwohl es als gefährlich galt. Angereichert
hatte sie ihre Rezeptur mit harmonisierenden, milden Kräutern.
Sie schrieb die bislang gute Wirkung ihrer gelungen Mischung zu.
(Muster und Anleitungen zum Perlenhäkeln)
und zum 5. Geburtstag
des dazugehörigen Forums
perlenhaekeln-forum.de
(Forum für traditionelles Perlenhäkeln
und anspruchsvolle Fädeltechniken)
Im Gutshaus war es ruhig. Die Kinder schliefen und das Personal war nicht im Haus. Marguerite Cecile prüfte mit einem Blick
zum Fenster, ob es dicht verhängt war. Als sie sich sicher war
unbeobachtet zu sein, hielt sie die Liebstöckel-Zeichnung gegen
das Licht der Kerze. Die Skizze war filigran und detailgetreu, gezeichnet mit schwarzem Stift. Francoise hatte sie gezeichnet,
mitten im Kräuterbeet sitzend, einen großen Hut auf dem Kopf.
Sie skizzierte weder die Kinder im Haus, noch die Tiere. Ihre ganze künstlerische Hingabe galt den Pflanzen, ihren kleinen Blüten
und zarten Blättern.
Marguerite Cecile dagegen interessierte sich mehr für die Wirkung der Kräuter, die sie pflegte und verarbeitete. Sie kennzeichnete Francoises Blatt mit einer Zahl, ebenso wie sie andere in der
Rezeptur enthaltene Kräuter auf älteren Zeichnungen markiert
hatte. Die alten Zeichnungen, die frühere Damen des Gutshauses
angefertigt hatten, wurden sorgsam und unauffällig verwahrt.
Francoise wusste, dass die alten und neuen Handzeichnungen
von Marguerite Cecile mit Markierungen versehen wurden, sagte
jedoch nichts dazu. Niemand sprach über das, was Marguerite
Cecile tat.
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Deutschland,
etwa 100 Jahre später
Stephanie bemerkte erst, wie lange sie auf dem Bettrand saß,
als die Bettkante in ihre Oberschenkel einschnitt. Ihr Koffer stand
rechts neben ihr. Gepackt hatte sie ihn mit dem Notwendigsten
zum Anziehen, Pflegeartikeln und einer kleinen Handarbeitstasche mit Perlen, Häkelnadel und Garn.
Um den Koffer leicht zu halten, hatte sie ihre Turnschuhe angezogen und die Sandalen eingepackt, obwohl es sommerlich
warm war. Ein einfaches Shirt, eine schlichte KreuzmusterHäkelkette und eine robuste Jeans waren ihre Umzugskleidung.
Mit der Frisur ihrer langen braunen Haare hatte sie sich nicht aufgehalten und die Haare mit einem Band zusammengebunden.
Was sie nicht mitnahm, hatte sie in einen Pappkarton gepackt
und in den Keller getragen. Die Nachmieterin des Zimmers hatte
ihr erlaubt, ihn dort stehen zu lassen. Sie hatte ihren Karton neben Simons Umzugskarton gestellt. Ihr Freund war vor einigen
Tagen nach England abgereist und hatte seine Habseligkeiten
ebenfalls eingelagert.
Sie waren sich einmal sicher gewesen, dass sie ewig zusammen bleiben würden. Nun standen ihre Kartons gemeinsam im
Keller und sie gingen getrennte Wege.
Stephanie war sich so sicher gewesen, dass sie beschlossen
hatte, das Gleiche zu studieren wie Simon, obwohl sie an Betriebswirtschaftslehre nicht das geringste Interesse hatte. Kunst
auf Lehramt zu studieren, das wäre ihr Wunsch gewesen.
Sie sah sich vor einer Klasse mit Schülern stehen, die bei ihr
Zeichnen, Stricken und Häkeln lernen, mit Spaß und Freude und
viel Lachen. Sie würde ihnen zeigen, wie man mit Perlen umgeht.
Perlenhäkeln wurde wahrscheinlich in keiner Schulklasse in
Deutschland unterrichtet. Sie hätte es unterrichtet!
Ihre Eltern waren der Meinung, von Kunst könne man nicht leben, auch nicht als Lehrerin, weil es keine freien Stellen gäbe.
Stephanie gab ihren Traum vom Kunst-Studium auf. Ein gemeinsames Studium mit Simon bedeutete, jede Minute des Tages bei
ihm sein zu können. Das schien es ihr wert, auf ihren Wunsch zu
verzichten.
Sie lebten in einem von Simon gemieteten Zimmer, lagen entweder auf dem Bett oder saßen an einem kleinen, wackeligen
Küchentisch. Während Simon laut vorlas, was sie für die Prüfungen lernen mussten, arbeitete Stephanie mit den Perlen. Meistens häkelte sie Ketten. Häkelnadel einstechen, Perle nach rechts
kippen, neue Perlen holen, Faden durchziehen. Tausendfach
wiederholte sie diese Handbewegung und lernte dabei auswendig, was sie für das Studium wissen musste. Wirklich verstanden
hatte sie Betriebswirtschaftslehre nie.
Irgendwann begann Simon von England zu sprechen und dass
ein Auslandssemester für ihn wichtig sei. Sie hörte nicht zu, weil
sie es nicht wissen wollte. Sie häkelte und entwarf in Gedanken
Muster für neue Perlenarbeiten. Schließlich las Simon nicht mehr
laut vor. Er saß nicht mehr bei ihr, sondern erledigte Formalitäten
für das Auslandstudium. Er wurde lebhafter und aufgeregter. Stephanie wurde immer stiller. Simon suchte eine Nachmieterin und
kündigte ihr kleines Zimmer.
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Er fand eine Kommilitonin, die mit ihm zusammen nach England abreiste. Er meldete sich nicht um mitzuteilen, dass er gut
angekommen sei.
Stephanie ging ins Universitätssekretariat und beantragte ihre
Exmatrikulation. Sie packte ihren Koffer, setzte sich auf die Bettkante und dachte nach.
Ihr Geld hatte zum Leben gereicht, solange Simon und sie es
zusammenlegten. Jetzt enthielt ihre Brieftasche nur wenige Geldscheine. Sie malte sich dennoch aus, zum Bahnhof zu gehen,
sich in einen Zug zu setzen und irgendwohin zu fahren, wo sie
den ganzen Tag in der Landschaft malen und abends mit ihren
Perlen handarbeiten könnte.
Die vernünftigere Idee war, mit dem Reisebus zu ihren Eltern
zu fahren. Sie würden Stephanie in die Arme nehmen, ihr altes
Kinderzimmer gründlich staubsaugen und den Abendbrottisch
decken. Beim Essen würden sie versprechen, ihr zu helfen, einen
Arbeitsplatz zu finden, obwohl sie nichts außer Abitur und ein
abgebrochenes Studium habe. Ihre Mutter würde die Papierserviette an ihre Wange drücken, schluchzen und sagen: „Kind, du
hast zwei Jahre deines Lebens verschenkt!“.
Stephanie Riederich stand auf, griff nach ihrem Koffer und
machte sich in entgegen gesetzter Richtung auf den Weg. Sie lief
zum Bahnhof. Ihre Augen suchten die Aushänge der Last Minute
Angebote im Bahnhofsreisebüro ab. Sie schaute nicht von Ort zu
Ort, sondern von Preis zu Preis. An einem Plakat blieb sie hängen. Den Preis konnte sie aufbringen. Der Text sprach von idyllischer Landschaft und ruhiger Unterkunft. Sie sah auf den Ort,
Limoux, Frankreich. Das hörte sich gut an. Sie buchte das Angebot.
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Im Zug saß sie einem älteren Herrn mit silbergrauen Schläfen
und in einem gepflegten aschgrauen Anzug gegenüber, der interessiert zusah wie sie ihre halbfertige Häkelkette und das dazugehörige Garn mit den aufgefädelten Perlen auspackte.
„Meine Mutter hat früher auch gestrickt“, sagte er.
„Das ist Häkeln“, korrigierte Stephanie, „was hat sie gestrickt?“
„Socken, graue Socken. Wenn sie Löcher hatten, wurden sie
gestopft. Bei manchen Socken bestand die Ferse völlig aus
Stopfgarn. Wobei das angenehm war. Das Stopfgarn war weicher
als die Wolle. Wenn mir die Socken zu klein waren, wurden sie
aufgeribbelt. Ich musste meine Arme anwinkeln und meine Mutter
wickelte die Wolle um meine Unterarme.“
Stephanie fiel in einen gleichmäßigen Häkelrhythmus.
„Danach wurde die Wolle von meinen Armen auf die Beine eines umgedrehten Stuhls gewickelt und nass gemacht. Wenn sie
getrocknet war, war sie glatt und wie neu. Die Wolle wurde zu
Knäueln aufgewickelt.“
Er berichtete ausführlich über die weitere Verwendung der
Wolle und über seine Kindheit in grauen Socken. In Gedanken
nannte Stephanie ihn den grauen Herrn. Seine Erzählungen
nahmen kein Ende.
Die in ihren Händen wachsende Kette aus einem Millimeter
kleinen Perlen erweckte die Aufmerksamkeit der Mitreisenden.
Eine ältere Frau erschien neben ihr. Stephanie bemerkte eine
schwarze Stoffhose, eine weite schwarze Bluse und blickte hinauf
in ein Gesicht, umrandet von schlecht gefärbten schwarzen Haaren.
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Die Frau zeigte auf die Häkelkette, die Stephanie um den Hals
trug und hielt ihr einen Geldschein hin. Viel zu wenig für die Arbeit, die in diesem Schmuckstück steckte. Andererseits genug,
um sich im Speisewagen einen Kaffee und ein Stück Kuchen zu
kaufen.
Sie nahm die Kette ab und gab sie der Interessentin zum Anschauen.
Der graue Herr redete monoton vor sich hin. Stephanie legte
ihre Häkelarbeit zur Seite, stand auf und ging in den Speisewagen. Sie gönnte sich Kaffee und Kuchen.
Als sie Limoux erreichten, beobachtete sie, dass ihre Reisebekanntschaft und die schwarze Frau ebenfalls ihren Zielort erreicht
hatten und ausstiegen. Sie trödelte herum, ließ die beiden davon
gehen und besah sich den Ort vom Bahnhofsplatz aus.
Zweistöckige Häuser reihten sich, unterschiedlich groß und getrennt durch kreuz und quer stehende Mauern, nebeneinander.
Ein Lebensmittelgeschäft, eine Apotheke, ein Friseur, eine Bäckerei. Es gab alles, was man zum Leben brauchte.
Sie ging an einer Häuserreihe entlang. Das Dorf endete nach
wenigen Schritten mit einem unschönen rechteckigen Bauwerk
mit hohen Mauern, auf denen in großen weißen Buchstaben
Federbetten und Daunenjacken Outlet stand. Der gegenüberliegende provisorische Parkplatz war ungewöhnlich groß für diesen
Ort und zerfurcht von Autoreifen.
„Opak. Kreuzmuster“, murmelte die Frau.
Stephanie sah sie erstaunt an. Die Käuferin musste sich auskennen. Sie verwendete fachlich richtige Begriffe.
Die mürrische Frau drehte die Handfläche der linken Hand
nach oben. Stephanie sah eine wulstige Narbe. Unerwartet geschickt wurde die Kette zwei Mal um das Handgelenk gewickelt
und der Verschluss geschlossen. Wortlos übergab die Frau den
Geldschein, drehte sich um und ging mit der Kette am Handgelenk davon. Stephanie steckte das Bargeld in die Hosentasche.
Ihr Hotel war hier nicht. Sie drehte sich um. In der anderen
Himmelsrichtung war es zum Ortsausgang nicht viel weiter. Zwei
kleine Pensionen und ein trostloses Gebäude mit der Aufschrift
Heimatmuseum säumten den Weg. Ein Plakat im Fenster des
Heimatmuseums informierte darüber, wann das jährliche Geflügelfest stattfand. Sie las das Plakat, auf dem ein Foto von einer
dicken weißen Ente war und stellte fest, dass sie den Höhepunkt
des Jahres um eine Woche verpasst hatte. „Kein Unglück“, dachte sie.
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Zum Wald hin stand ein Haus mit dem Schriftzug Auberge
Canard. Das hatte Stephanie gesucht, auch wenn sie sich unter
der gebuchten Unterkunft wegen der Bezeichnung Hotel etwas
anderes vorgestellt hatte.
Das Aussehen der Auberge ließ auf eine umgebaute alte
Gaststätte schließen. Stephanie besah sich die liebevoll bepflanzten Blumenkästen vor den Fenstern, dachte an die geringen
Übernachtungskosten und schob die alte Gaststättentür auf. Die
Anmeldung war alt, aber sauber und liebevoll dekoriert. Es duftete
frisch. Stephanie stellte ihren Koffer ab und drückte eine Klingel.
Madame Lavie, die Wirtin, nahm sie freundlich in Empfang. Die
füllige ältere Dame mit altmodisch hochgesteckten weißen Haaren erledigte mit ihr die Formalitäten. Sie sprach ein wenig
Deutsch, wartete aber geduldig, bis Stephanies Französisch flüssiger wurde. Als sie gemeinsam die Holztreppe zum gebuchten
Zimmer erklommen hatten, den Koffer polternd hinter sich her
ziehend, sagte Stephanie aufrichtig: „Ich finde Ihr Haus behaglicher als ein modernes Hotel.“ Madame Lavie schnaufte vom
Treppensteigen. „Na ja, den Begriff Hotel verwendet unser Reiseveranstalter. In Deutschland würden wir Gasthof zur Ente heißen.“ Sie öffnete eine Tür. „Das ist Ihr Zimmer, ich hoffe es gefällt
Ihnen. Ab sechs Uhr gibt es Frühstück!“
Stephanie plumpste auf das Bett, es war nicht zu hart und
nicht zu weich und hatte ein kuscheliges, luftiges Federbett. Sie
verbrachte eine angenehme, traumlose erste Nacht.
*
Dass es zeitig Frühstück gab, hatte sie sich gemerkt. Geglaubt, dass sie zu dieser Zeit aufstehen würde, hatte sie nicht.
Sie war erstaunlich früh ausgeschlafen, gerade als die Sonne sich
zeigte. Stephanie freute sich auf ihren ersten Tag mit Block und
Zeichenstiften in der Natur.
Zeichnen war neben Perlenhäkeln ihre zweite Leidenschaft.
Sie hatte damit begonnen, als sie vierzehn Jahre alt war und ihre
Freundinnen Tagebuch führten. Sie benötigte kein Tagebuch um
sich zu erinnern. Sie skizzierte, was ihr wichtig war und bewahrte
die Blätter auf. Sie zeichnete mit einem schwarzen Stift, das war
ausreichend. Wenn sie die Zeichnungen durchblätterte, sah sie
jede Begebenheit, jedes Detail lebhaft und farbenreich vor sich,
als sei es gefilmt. Sie konnte den Erinnerungsfilm vor- und zurückspulen und Details heranzoomen.
Sie hatte den Eindruck, dass sie in der Erinnerung mehr Farben sehen konnte, als es auf dieser Welt tatsächlich gab. Der
einzige Ort, der dem Farbenreichtum ihrer Phantasie gleich kam,
war ein verwinkelter kleiner Perlenladen, den sie mit sechzehn
Jahren bei einem Bummel durch eine süddeutsche Altstadt entdeckte. Hunderte kleiner Döschen mit winzigen Perlen waren auf
Holztischen nebeneinander aufgereiht. Ihr Blick irrte von Tisch zu
Tisch, sie wusste nicht, wohin sie zuerst schauen sollte.
Die Besitzerin des Geschäfts ließ ihr die Zeit, die sie brauchte.
Stephanie äußerte den Wunsch, Perlen mitzunehmen und damit
zu arbeiten. Die Perlenhändlerin entschied sich, ihr ausnahmsweise an Ort und Stelle eine Technik zu zeigen, die wenig Material benötigte und schnell erklärt war. Sie rückte zwei Stühle nebeneinander und erklärte ihr das Perlenhäkeln.
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Aufgeregt verließ Stephanie mit einigen Perlendöschen, einer
Häkelnadel und Garn den Laden. Die Perlen, die Händlerin nannte sie Rocailles, hatten wenig gekostet. Stephanie konnte sich mit
ihrer Fähigkeit des eidetischen Sehens die Handbewegungen der
Perlenhändlerin jederzeit vor Augen rufen und vom ersten Moment an perfekt häkeln.
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„Zeichnen Sie Tiere?“, fragte Madame Lavie. „Auf unseren
Feuchtwiesen gibt es viele Wildvögel. Geflügel vermehrt sich besonders gut in unserem Klima. In Limoux wird Geflügelzucht betrieben.“
„Tiere zeichne ich nur, wenn sie freiwillig lange genug still sitzen. Ich suche am Waldrand schöne Pflanzen oder Beeren.“
Ihr Erstlingswerk, eine Spiralkette aus den vier Grundfarben
sowie Schwarz und Weiß, wie sie Anfängerinnen empfohlen wird,
trug sie an diesem ersten Urlaubstag zu einem weißen Shirt, als
sie sich auf den Weg zum Frühstück in der Auberge machte. Sie
fand, die Kette passte zu einem Neuanfang. Einen ähnlichen Namen hatte sie der Kette damals gegeben, sie nannte sie Novitas.
„Ah“, sagte Madame Lavie und ging in die Küche. Kurze Zeit
später kam sie mit einem Postkarten-Kalender zurück, der den
Werbeaufdruck einer örtlichen Apotheke trug. Auf den Postkarten
waren fein skizzierte Heilpflanzen abgebildet mit ihren lateinischen Namen.
Vor dem Speiseraum der Auberge angekommen, stolperte sie
beinahe über einen riesigen, schwerfälligen Hund. Er durfte offensichtlich den Speiseraum nicht betreten und schlich davor auf
und ab. Madame Lavie rief ihr einen morgendlichen Gruß zu und
ergänzte: „Das ist Oskar, der tut nichts!“
Sie durfte Oskar mitnehmen. Hinter der Auberge lagen linkerhand Feuchtwiesen und rechts ein kleines Waldstück. Zwischen grünen Wiesen und dem Weg floss ein Rinnsal, zu schmal
um es als Bach zu bezeichnen.
Stephanie sah beim Frühstück zu Oskar hinüber. Er war
durchaus hübsch, allerdings träge und überfüttert. Als Madame
Lavie den Tisch abräumte, fragte Stephanie, ob sie Oskar zu einem Spaziergang in den Wald mitnehmen dürfe. Die Gastwirtin
zog die Augenbrauen zusammen.
Oskar trottete ergeben neben Stephanie her, die in seinen Augen eine Mademoiselle war. Jeder Schritt schien ihm eine Qual
zu sein. Stephanie ging nicht weit, sie suchte eine Schneise in
den Wald hinein. Dort setzte sie sich auf einen Baumstumpf.
Oskar ließ sich erleichtert auf eine Moosfläche fallen.
„Sie wollen in den Wald? Seien Sie vorsichtig, das ist hier eine
sumpfige Gegend. Wir haben viele kleine Wassergräben. Unsere
Region ist dafür bekannt. Unsere Touristen sind Spaziergänger
und Radler, denen die feuchte Luft gesundheitlich gut tut.“
„Darf ich dich zeichnen, Oskar?“, fragte sie und streichelte ihm
über den Kopf. Der Hund, das spürte sie, würde still halten.
„Ich will am Wegrand etwas finden, das ich zeichnen kann“, erklärte Stephanie.
„So ähnlich zeichne ich“, bestätigte Stephanie.
Oskar tat, als ob er verträumt in die Ferne blickte. Er saß geduldig still, obwohl er viel lieber geschlafen hätte. Aber wenn die
Mademoiselle ihn gern anschauen wollte, spielte er eben mit.
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Später entfernte Stephanie rings um den Baumstumpf Laub
und Stöcke, bis sie einen kleinen Pilz entdeckte. Sie wählte ihn
als nächstes Motiv. Die Stunden vergingen.
Der Hund hatte sich zur Ruhe gebettet. Ab und zu öffnete er
ein Auge und grunzte. Als in einiger Entfernung Bewegungen
bemerkbar wurden, stellte er die Ohren auf. Oskar erkannte den
näher kommenden Mann als alten Bekannten und döste weiter.
Dafür war Stephanies Blick fest auf den für sie Unbekannten gerichtet. Dieser lächelte, nickte und blieb in angemessenem Abstand stehen. Er steckte die Hände in die Taschen seiner Cargohose. Ein olivfarbener Strickpullover mit Lederbesatz hing ihm
locker bis über den Gürtel. Der Mann war nur wenige Jahre älter
als Stephanie.
Er klang gut gelaunt. „Guten Morgen, Madame! Gehören Sie
zur Familie Lavie?“
„Guten Morgen. Nein, ich bin Gast in der Auberge. Ich durfte
den Hund mitnehmen.“
„Mein Name ist Fabien Beauchamp. Ich lebe im Gutshaus am
Ende des Waldwegs.“
Stephanie stellte sich ebenfalls mit Namen vor.
„Sie zeichnen?“ Fabien Beauchamp trat interessiert näher.
Stephanie drehte den Block um, damit er die Bilder besser sehen konnte. „Wissen Sie zufällig, was das für ein Pilz ist?“
Fabien Beauchamp starrte die Zeichnungen an. Nach einer
Weile hob er den Kopf und sagte: „Gleich hinter unserem Gutshaus liegt unser Entenhof. Wenn Sie Tiere zeichnen möchten,
dürfen Sie den Hof gern besuchen. Falls Sie seltene Pflanzen
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suchen, wir haben am Gutshaus einen großen Kräutergarten.
Kommen Sie vorbei, wir würden uns freuen!“
Stephanie lächelte und bedankte sich für die Einladung, ohne
verbindlich zuzusagen. Der Mann verließ sie mit einem freundlichen Gruß. Stephanie nahm es zum Anlass, ebenfalls aufzubrechen. Das Licht ließ nach und sie wollte in der Auberge zu Abend
zu essen.
Sie war keine vierundzwanzig Stunden in Limoux, dennoch
kannte sie die beiden anderen Gäste im Speiseraum. Der graue
Herr und Fabien Beauchamp saßen eng beieinander, blätterten in
großen Plänen und unterhielten sich angeregt. Stephanie setzte
sich an einen der schweren alten Holztische. Die Stühle waren
dunkel gebeizt und schön geschnitzt. Sie legte ihren Block auf
eines der apart gemusterten Stuhlkissen, die das Sitzen bequemer machen sollten.
Madame Lavie brachte ihr Apfelwein und eine Suppe und bat
darum, die Zeichnungen sehen zu dürfen. Als Oskar sie mit seinem unnachahmlichen Ausdruck in den Augen vom Papier anschaute, schmolz das Herz der Wirtin.
„Ist das bezaubernd!“, sagte sie und drückte das Blatt Papier
an ihre Brust.
„Behalten Sie es, Madame Lavie, ich schenke es Ihnen.“
„Nein, das geht nicht!“, widersprach die Wirtin, ließ das Blatt
aber nicht los.
Stephanie lachte. „Ich kann Oskar erneut zeichnen. Es ist ohnehin nur mein zweites Hobby. Ich fertige Schmuck.“ Sie fasste
an ihre Novitas-Kette und machte die Wirtin darauf aufmerksam.
Madame Lavie strich mit den Fingern über die Rocailles. „Ich
kenne die Perlen aus meiner Kindheit. Wir nannten sie Indianerperlen.“
„Ja, das stimmt. Indianerperlen waren opak, also undurchsichtig. Meistens waren es einfache, bunte Farbmischungen. Heute
gibt es diese Perlen in hunderten Farben, transparent, mit Silberund Goldkernen, mit Perlmutt-Oberfläche… Ach, in einer unglaublichen Vielfalt.“
„Sie müssen mir mehr davon zeigen“, wünschte sich die Wirtin.
„Das mache ich, ich trage jeden Tag eine andere Kette“, sagte
Stephanie „und heute Abend fertige ich eine neue an.“
Nach dem Essen schaltete Stephanie den Fernseher in ihrem
Zimmer ein, um eine unterhaltsame Hintergrundkulisse zu haben.
Sie baute ihre Perlenbehälter nach Farben auf. Sie wollte sich
eine neue Kette mit Kreuzmuster häkeln, nachdem sie die andere
vom Hals weg verkauft hatte. Sie nannte die Kette in der gedanklichen Planung Waldpilzkette. Neben ihr lag der von ihr gezeichnete Pilz. Sie schloss die Augen, rief sich den Pilz naturgetreu in
Erinnerung, roch förmlich die feuchte Erde und suchte in ihrem
Perlenvorrat nach einem warmen Braunton, wie dem der Pilzkappe. Das Braun kombinierte sie mit Moosgrün und einem dunklen,
erdfarbenen Ton. Nach einer Weile des Nachdenkens und Vergleichens der Farben nahm sie das Oliv von Fabien Beauchamps
Pullover dazu.
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Am nächsten Morgen begrüßte Oskar sie schwanzwedelnd
und sah sie erwartungsvoll an. Stephanie hatte nichts dagegen,
den Ablauf des vergangenen Tages zu wiederholen, trotzdem
wollte sie Madame Lavie nach dem Entenhof fragen, von dem der
Mann aus dem Wald gesprochen hatte.
„Ist ein Entenhof so etwas wie eine Hühnerlegebatterie? Dort
möchte ich nicht hingehen. Ich stelle mir das schrecklich vor!“
„Aber nein, Madame Riederich. Die Brüder Beauchamp betreiben einen Entenhof, der an Gourmet-Restaurants liefert, sogar
ins Ausland! Die Tiere werden sorgfältig in Bodenhaltung aufgezogen.“ Sie winkte ab. „Sie sind teuer. Ich könnte hier keine davon anbieten! Zu Weihnachten bringt mir Monsieur Beauchamp
immer eine Schlachtente als Geschenk mit.“
„Meinen Sie, ich kann das Gutshaus besuchen? Es soll einen
großen Kräutergarten haben.“
„Die Brüder Beauchamp sind sehr angesehen, Sie dürfen sie
bedenkenlos besuchen. Oskar sollten Sie hier lassen, falls Sie
doch zum Entenhof weitergehen. Er darf nicht zu den Zuchtenten!“
Oskar blieb traurig auf dem Flur liegen, während seine neue
Bekanntschaft mit ihrem Zeichenmaterial zum Gutshaus aufbrach. Sie musste den Waldweg entlang gehen, bis der Wald zur
rechten Seite zu Ende war. Das alte Gutshaus stand massiv und
unerschütterlich in einem lichten Garten. Über die Jahrhunderte
war es mehrfach umgebaut worden. Die alte Gutsmauer existierte
nicht mehr, stattdessen gab es einen Gartenzaun mit geschwungenen Bögen.
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Mitten im Garten, nahe einem kleinen Wasserdurchlauf,
stand bewegungslos eine Ente mit taubenartig grau-blauem Gefieder. Die Federn schimmerten im Sonnenlicht wie satinierte Perlen. Stephanie glaubte zunächst, das Tier sei ausgestopft. Das
Glitzern in den kleinen Entenaugen zeigte ihr jedoch, dass die
Ente sie beobachtete. Stephanie konnte den Blick nicht von ihr
abwenden, stieg über den Zaun und ging langsam näher. Sie
steuerte auf einen Findling zu, auf dem sie sitzen konnte und legte ihren Block zurecht. Die Ente wackelte mit dem Hinterteil und
brachte sich in Position.
Stephanie zeichnete das Tier mit Bleistift. Als die Sonne senkrecht auf ihren Block fiel, vernahm sie Fabien Beauchamps Stimme neben sich.
„Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.“ Er
deutete auf die Ente. „Das ist Artemisia.“
Stephanie nicke ihm amüsiert zu. „Die Ente heißt Artemisia?
Sie ist ein vorbildliches Modell.“
„Sie ist sozusagen vom Fach. Ich habe sie nach einer Malerin
benannt.“
„Was hat es mit dieser Malerin auf sich?“
„Wir haben ein Gemälde von Artemisia Gentileschi im Gutshaus, das leider eine laienhafte Kopie ist.“ Wieder deutete er auf
die Ente. „Ich mag sie genauso wenig als echt bezeichnen. Sie
war von Anfang an merkwürdig. Enten sind Herdentiere. Artemisia rannte in die Gegenrichtung, wenn die Enten wegliefen. Wenn
die Herde Lärm machte, quakte sie nicht mit, sondern zitterte vor
Angst am ganzen Gefieder. Dafür macht sie Lärm, wenn die anderen ruhig waren.“
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„Sie war nicht teamfähig?“, schlussfolgerte Stephanie.
„So könnte man es nennen“, sagte der Entenzüchter lachend.
„Ich habe sie vom Entenhof hierher gebracht. Kommen Sie, ich
zeige Ihnen den Kräutergarten.“
Dieser befand sich hinter dem Haus, mit einem Zaun vom restlichen Garten abgetrennt und die gesamte Breite des Gartens
einnehmend. Die einzelnen Pflanzenarten waren auf kleinen
rechteckigen Flächen oder in Spiralen angepflanzt worden. Teilweise wurden die Flächen von Bäumen überschattet. Einige
Kräuter wurden in Pflanztöpfen gezogen. Stephanie bewunderte
die Vielfalt und atmete den Duft tief ein.
„Was machen Sie mit den Kräutern?“, erkundigte sie sich.
„Ausgewählte Sorten füttern wir an die Enten. Die Rezepturen
sind uralt und versorgen die Tiere mit Nährstoffen. Außerdem
kann man köstliche Sachen damit zubereiten. Madame Lavie bereitet einen vorzüglichen Apfel-Kräuter-Cidre zu, sie kommt deshalb im Herbst zum Pflücken zu uns. Sie serviert den Cidre in der
Auberge.“
„Den habe ich gestern bekommen, der war lecker!“, sagte Stephanie und besah sich die Gewächse genauer. Einige Kräuter
konnte sie bestimmen, andere waren ihr unbekannt. Sie roch an
den Blüten und rätselte über deren Namen, vor allem über die
französische Bezeichnung. Wortgenaue Übersetzungen vom
Deutschen ins Französische lösten bei Fabien Beauchamp Erheiterung aus.
„Würden Sie mir über Mittag Gesellschaft leisten? Wenn Sie
zum Essen bleiben, bekommen Sie von unserer Haushälterin
einen Wildkräutersalat und helfen uns beim Abbau der erntefähigen Pflanzen.“
„Gerne, bevor die Kräuter verwelken, nehme ich die Einladung
an!“, antwortete Stephanie schmunzelnd. Sie gestand sich ein,
dass sie auch geblieben wäre, wenn es etwas gegeben hätte,
was sie nicht mochte.
Die Haushälterin rief zum Essen. Es war auf einer seitlich an
das Haus angebrachten nicht einsehbaren Terrasse gedeckt worden. Die Besucherin wurde freundlich aufgefordert, Platz zu nehmen und ein zusätzliches Gedeck wurde geholt und aufgelegt.
Währenddessen wurde Stephanie von ihrem Gastgeber dezent
über den Grund ihres Aufenthalts in Limoux ausgefragt.
„Ich habe mein Studium abgebrochen und bin hier um in Ruhe
zu überlegen, was ich tun werde, wenn ich in einer Woche zurück
in Deutschland bin.“
„Was haben Sie studiert?“
„Zwei Jahre Betriebswirtschaftslehre“, sagte Stephanie und
schaute in den Himmel. „Ich hatte mich leider gegen mein
Wunschfach Kunst entschieden. Das war ein großer Fehler.“
Fabien Beauchamp nickte verstehend und zeigte sich wissbegierig, was sie an künstlerischen Fähigkeiten und Wissen besaß.
Sie gab ihm Auskunft, erfreut, dass es jemand gab, der sich dafür
interessierte.
„Ich würde Ihnen gern die Gemälde-Kopie von Artemisia
Gentileschi zeigen und andere Kunstwerke“, kündigte ihr Gastgeber an.
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Als der Wildkräutersalat mit Käsewürfeln und Weißbrot aufgegessen war, betraten sie das Haus. Stephanie hatte helle, freundliche Räume mit edlen Hölzern und Blumenschmuck erwartet.
Das Haus hatte schäbige knarrende Dielen und vergilbte Wände,
die seit Urzeiten nicht gestrichen worden waren. Die Möbel waren
staubfrei, aber verschlissen.
Nachdem sie dunkle Gänge und Winkel passiert hatten, stieß
Fabien Beauchamp eine schwere Holztür auf und sagte: „Wir
nennen das Zimmer die Bibliothek.“
Der Raum wurde von einem großen Kamin dominiert, der stillgelegt worden war. Dort, wo einst ein warmes Feuer gebrannt
hatte, gab es nun eine sauber gekratzte leere Fläche. Neben dem
Kamin standen ein abgenutzter Sessel sowie ein zerkratzter und
wackeliger Mahagoni-Sekretär.
Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge. Es roch ungelüftet und nach alten Stoffen. Der Boden bestand aus den überall im
Haus angebrachten, knarrenden Holzdielen. Die Wände der
Bibliothek waren mit Regalen bestückt, die den Raum dunkler
erscheinen ließen als er ohnehin war.
Fabien Beauchamp zeigte auf eine Ecke des Raumes. „Die
Gentileschi-Kopie“, stellte er vor. „Sie wurde jahrzehntelang versteckt. Das Bild war zu freizügig für das Guthaus. Das Original
stammt aus dem 17. Jahrhundert. Diese Kopie hat eine der früheren Gutsdamen gemalt.“
Stephanie sah das Bild einer liegenden, teilweise mit einem
weißen Tuch verhüllten Frau. Ihr fiel auf, dass die Frau nicht verherrlicht gemalt war, sondern natürliche Proportionen hatte, einschließlich einiger Speckröllchen.
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Sie bezweifelte, dass das eine angemessene Beurteilung eines Kunstwerks war und bedauerte, nicht mehr über Kunst zu
wissen. Wie gern hätte sie eine brillante Bemerkung gemacht.
„Gibt es weitere Gemälde?“, fragte Stephanie stattdessen.
„Nein, das ist das einzige Ölgemälde. Aber die BeauchampFrauen waren von jeher künstlerisch begabt. Meine Vorfahrinnen
haben gezeichnet. Vermutlich war die Bibliothek ehemals ein einfaches Atelier. Es existieren Zeichnungen auf Papier, entstanden
über Jahrhunderte hinweg. Irgendwann wurden die Blätter thematisch sortiert und zu Büchern zusammengefügt.“
Er deutete auf die Regale, in denen große Bücher lagen, die
laienhaft zusammengeklebt wirkten. Er zog einen schweren Band
heraus, suchte eine bestimmte Stelle und zeigte seiner Besucherin das aufgeschlagene Buch.
Sie sah eine Pilzgruppe, ähnlich wie der von ihr handgezeichnete Waldpilz. Neugierig blätterte sie das Buch an anderen Stellen auf. Die Abbildungen zeigten verschiedene Arten von Pilzen.
Die Zeichnungen waren deutlich erkennbar unterschiedlichen
Alters, das Papier grau oder gelb, mal dicker, mal dünner. War
das Papier zu groß, hatte man es für die Buchbindung zugeschnitten. Sollten die Zeichnungen jemals einen Wert gehabt haben, hatte man ihn damit zerstört.
Sie stellten das Buch gemeinsam zurück und schlugen ein anderes auf. Auch hier hatte ein ordnungsliebender Mensch rücksichtslos zugeschnitten und geklebt. Dieser Band enthielt Zeichnungen von Kräutern.
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„Sind das Skizzen von Pflanzen aus dem Kräutergarten?“, frage Stephanie.
„In unserer Familie gibt es eine Überlieferung, die besagt, dass
der Kräutergarten vom ersten Gutsherrn angelegt wurde, aus
Liebe zur Gutsherrin. Um ihr Motive zum Zeichnen zu schenken,
ließ er im ganzen Land Kräuter sammeln. Er war klug und ließ
sich die Pflanzen samt eines großen Sacks der jeweiligen regionalen Erde liefern. Die Pflanzen blühten in ihrer heimischen Erde
und in unserem feucht-warmen Klima prachtvoll auf. Das Hausgeflügel, das dem Duft der Kräuter nicht widerstehen konnte, fiel
mehrfach über die Anpflanzung her und wurde deshalb geschlachtet. Es schmeckte außergewöhnlich delikat. Der Gutsherr
züchtete daraufhin Kräuter-Enten und kam zu Ruhm und Ehre.“
„Was bis heute anhält“, sagte Stephanie neckend.
„Ruhm und Ehre ja, Liebe nein“, konterte der Entenzüchter.
„Wie alt sind die Zeichnungen?“, erkundigte sich Stephanie,
um lieber wieder sachlich zu werden.
„Der Pilz, den ich Ihnen zuerst gezeigt habe, ist aus dem 18.
Jahrhundert. Wenn Sie die Seiten näher anschauen, finden Sie
seinerzeit oder später hinzugefügte Beschriftungen, wie die Namen der Pflanzen und diverse Daten.“
„Dass man die Zeichnungen beschnitten und beschriftet hat,
ist eine Schande. Trotzdem haben Sie etwas Spezielles, das es
sicher nicht in jedem Haus gibt“, sagte Stephanie respektvoll.
„In der Vergangenheit war es eine heikle, wenn nicht gar gefährliche Angelegenheit, was die Gutsdamen gemacht haben“,
erläuterte der Gutsherr. „Frauen, die Pilze und Kräuter zeichne-
ten, konnten in manchen Epochen gänzlich falsch verstanden
werden. Wahrscheinlich haben sie ihre Werke vor der Öffentlichkeit verborgen, ebenso wie das Gentileschi-Gemälde nicht aufgehängt werden durfte. Die Frauen der folgenden Generation müssen von den Zeichnungen gewusst haben, sie haben sie als Vorlagen für Handarbeiten verwendet. Es gibt nämlich“, Fabien
Beauchamp drehte sich um und ging auf drei Kisten zu, „das
hier.“ Er kniete sich hin und hob einen Kisten-Deckel an. Stephanie ging vor der offenen Holzkiste in die Knie.
„Stickereien“, rief sie begeistert. Ein großer Stapel von Stramin
und anderen bestickten Stoffen lag in dem Behälter. Stephanie
fuhr mit der Hand darüber.
„Wenn Sie sich die Stickarbeiten in Ruhe anschauen, finden
Sie den Pilz aus dem Buch, naturgetreu nachgestickt.“ verriet
Fabien Beauchamp.
Stephanie schaute auf. „Was ist in den anderen Truhen?“
Ihr Gastgeber öffnete den nächsten Behälter.
Stephanie griff hinein. „Das sind Häkelarbeiten“, rief sie erstaunt. „Meine Güte, ganz alte Spitzenkragen und Deckchen!“
„Sie kennen sich aus. Das dachte ich mir. Ich möchte Ihnen ein
Angebot machen.“ Er sah ihr in die Augen und beide standen auf.
Fabien Beauchamp deutete mit einer Handbewegung an, dass
sie an dem alten Eichentisch Platz nehmen sollte. „Über Jahrhunderte wurden die Bilder und Handarbeiten im Gutshaus aufbewahrt. Akkurat weggeräumt, damit sie nicht im Weg und unsichtbar sind“, erklärte er.
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„Warum? Sie sind schön!“, wandte Stephanie ein.
„Es gab Zeiten, in denen bestritten wurde, dass Frauen künstlerische Fähigkeiten haben und ihr kreatives Schaffen wurde verhindert. Von einer entsprechenden Ausbildung waren Frauen
ausgeschlossen. Die wenigen frühen Malerinnen der Geschichte,
die man kennt, waren auffällig oft Töchter von Malern und hatten
somit ein Schlupfloch aus der Trostlosigkeit. Die Frauen des
Gutshauses halfen sich, indem sie sich einen sicheren Raum
schufen, in dem sie schöpferisch tätig sein durften, egal welche
gesellschaftlichen Regeln galten. Nach außen dringen durfte das
nicht!“
„Auch nichts über die Handarbeiten?“
„Je nach Konvention. Eine Zeit lang war Handarbeiten ein Zubrot für die ärmeren, bürgerlichen Frauen und Bäuerinnen. Sie
handarbeiteten oder fertigten Besen. Sie können die Situation
leichter nachvollziehen, wenn Sie sich eine Gutsherrin vorstellen,
die Bürsten fertigt, weil es ihr Spaß macht. Undenkbar.“
„Die Zeiten haben sich zum Glück geändert“, stellte Stephanie
fest.
„Deshalb möchte ich die Werke ausstellen, der Öffentlichkeit
zeigen. Ich will sie unserem Heimatmuseum zur Verfügung stellen.“ Fabien Beauchamp fasste sich an sein markantes Kinn. „Ich
bin der ehrenamtliche Vorsitzende des Heimatmuseums.“ Er lächelte ein wenig beschämt. Stephanie vermutete, dass er die
Aufgabe als nicht sonderlich männlich empfand, aber einen Plan
verfolgend angenommen hatte.
„Der Heimatverein möchte, dass die Touristen, die in Scharen
wegen des Outlet-Verkaufs kommen, die Möglichkeit haben,
Ortsbezogenes, Historisches anzuschauen.“, sprach er weiter.
Er machte eine Pause. „Würden Sie sich zutrauen, aus all dem
hier“, er beschrieb mit der Hand einen Kreis durch den Raum,
„eine Ausstellung für das Heimatmuseum zu machen?“
„Gern!“, antwortete Stephanie ohne lange zu überlegen. „Ich
habe Zeit und ich habe schon Ideen! Man könnte die Handarbeiten zu den Zeichnungen sortieren. Vielleicht findet man heraus,
wer sie angefertigt hat. Man fertigt einen kleinen Aufsteller an...“
Fabien Beauchamp unterbrach sie. „Ich sehe schon, die Aufgabe ist bei Ihnen in den richtigen Händen. Ich weiß nicht, ob und
unter welchen Bedingungen ich Sie einstellen könnte, Sie sind
keine Französin und im Urlaub hier.“ Er dachte einen Moment
nach. Stephanie hatte den Eindruck, es handele sich um eine
geplante Pause, als ob er sich längst überlegt hätte, was er ihr
anbieten würde. „Ich könnte Ihre zurückliegende und anfallende
Rechnung für Kost und Logis in der Auberge übernehmen.“
Stephanie übersetzte sich diese Worte in ihre praktische Bedeutung. Für sie hieß das, sie bekäme die Übernachtungskosten
für den Buchungszeitraum zurück und ihr Aufenthalt würde bezahlt sein, während sie in Limoux blieb und an der Ausstellung
arbeitete. Damit hatte sie vorläufig eine Unterkunft und Bargeld.
„Wären Sie damit einverstanden, wenn wir die Aufgabe betrachten, als ob Sie mir einen Freundschaftsdienst erwiesen?“,
hakte Fabien Beauchamp nach.
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„Einverstanden“, sagte Stephanie mit glänzenden Augen. „Ich
heiße übrigens Steffi.“
„Nenn mich Fabien!“ Sie küssten sich freundschaftlich rechts
und links auf die Wange – froh, nicht mehr förmlich miteinander
umgehen zu müssen. Stephanie fand Fabiens Rasierwasser außerordentlich wohlriechend.
„Die letzte Truhe hat eine dunkle Geschichte“, setzte Fabien
an, um seine Vorstellung der Werke zu vervollständigen.
Die Holztür flog auf und ein Mann im Business-Anzug polterte
herein. Er war zwei oder drei Jahre älter als Fabien. Er sagte
barsch: „Ich muss dich sprechen.“ Fabien erklärte Stephanie,
dass das sein Bruder Albert sei und verließ den Raum.
Stephanie näherte sich der letzten Kiste und schaute sie erwartungsvoll an.
„Was hat das Mädchen hier zu suchen?“, hörte sie von draußen.
Stephanie befürchtete, dass ihr Besuch nicht mehr lange dauern würde und hob den Deckel der Holzkiste hoch, während Fabien im Flur mit beherrschter Stimme fragte: „Was ist los? Gibt es
Probleme?“
Stephanie bekam die Antwort nicht mit. Sie hatte den Inhalt
der Truhe vor sich. Sie saß vor einem Stapel Perlentaschen.
Wunderschön glänzende Perlen waren senkrecht und waagerecht
lückenlos zu Motiven aneinander gefügt und zu kleinen Beuteln
und Taschen verarbeitet worden. Sie entdeckte geperlte Landschaftsbilder, Blumenarrangements und Tierportraits. Es gab
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kreisrunde Täschchen, sechseckige und rechteckige Beutel, versehen mit Kordeln zum Zuziehen oder Bügelverschlüssen.
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Eine Tasche nach der anderen nahm Stephanie vom Stapel
und strich vorsichtig mit den Fingern über die Perlen. Sie fühlten
sich schmierig an, wie mit einem Staubfilm überzogen und waren
schwerer als erwartet. Die Schönheit der Perlen ließ das Glasgewicht der Perlen vergessen, es kam erst zum Tragen, wenn
man die Taschen in der Hand hielt.
Die meisten Taschen waren in einem Stück gestrickt. Einige
waren zweiteilig gefertigt und zusammengenäht worden. Man
konnte es an den Nähten erkennen und daran, ob die Perlen gerade oder versetzt übereinander standen. Bei einzelnen Taschen
identifizierte Stephanie die Technik als Perlenhäkeln.
Sie sortierte die Taschen auf drei Stapel: In Runden gestrickte
Perlentaschen, zweiteilig gestrickte Perlentaschen und gehäkelte
Perlentaschen.
Die gehäkelten Taschen bestanden aus Rocailles gleichmäßigerer, besserer Qualität und waren vermutlich jüngeren Datums.
Sie wirkten unfertig, da Fäden nicht vernäht worden waren und
Verschlussbügel fehlten. Bevor Stephanie sie näher anschauen
konnte, öffnete sich die Tür. Sie hörte Albert davon gehen und
Fabien hereinkommen.
Fabien war klar, dass sie alles gehört hatte. Er entschuldigte
sich. „Mein Bruder macht den Außendienst für unseren Betrieb.
Er nimmt unsere Verträge sehr ernst. Es gab eine Unklarheit. Tut
mir leid, dass er ungehalten aufgetreten ist.“
„Kein Problem. Macht nichts. Wann kann ich mit der Arbeit für
die Ausstellung anfangen?“
*
Die Haushälterin, eine stille, ordentlich arbeitende Witwe aus
Limoux, ließ sie am nächsten Morgen ins Gutshaus und erklärte
ihr, wie sie ohne Schlüssel das Haus betreten könne. Die Haushälterin ließ sie ohne Begleitung in die Bibliothek gehen. Stephanie sah sich um. Bücher, Truhen, Stickereien, Häkeleien, Perlenarbeiten. Womit sollte sie anfangen? Sie beschloss, die zusammengeklebten Bücher durchzusehen, die ihr als Grundlage erschienen für alles, was sie wissen musste.
Sie waren nicht dazu gekommen, über die Geschichte der Perlentaschen zu sprechen. Es war das Dringlichste, was sie wissen
wollte, als Fabien sie in der Bibliothek aufsuchte. Sie leitete auf
das Thema über, indem sie davon sprach, dass die Taschen
wertvoll seien, es Sammler gäbe, die diese historischen Arbeiten
suchten und kauften.
„Die Taschen stammen nicht von den hier lebenden Frauen“,
erklärte Fabien. „Das war damals eine Arbeit für Gefangene. Sie
sind in einem Frauengefängnis gefertigt worden.“
Diese dunkle Geschichte kannte Stephanie. Die seinerzeit
hochmodernen Perlentaschen wurden in Frankreich von Inhaftierten in Serie produziert, da die Nachfrage groß war. In Deutschland wurden sie in professionell organisierter Heimarbeit hergestellt, seltener als Freizeitbeschäftigung.
„Eine der Gutsherrinnen muss einen Taschen-Tick gehabt haben und hat alle gekauft, die sie bekommen konnte“, stellte Stephanie fest.
„Oder sie war im Gefängnis sozial engagiert und oft dort“,
mutmaßte Fabien.
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„Das heißt, das Frauengefängnis war hier in der Nähe?“
„Es ist hier in der Nähe.“, korrigierte Fabien.
„Wo?“, fragte Stephanie erstaunt.
„Das Gebäude mit dem Federbetten-Verkauf am Ortsausgang.“
„Das ist eine Bettwaren-Fabrik“, protestierte Stephanie.
„Nein. Es war ein Frauengefängnis. Wegen gesellschaftlich
nicht mehr vertretbarer Zustände wurde es geschlossen. Der Federbetten-Verkauf findet seit ein paar Jahren in dem leer stehenden Gebäude statt. Wir sind froh, dass das Outlet Arbeit und Umsatz nach Limoux bringt.“
„Und woher kommen die Federn?“, wunderte sich Stephanie.
„Aus Polen“, antwortete Fabien knapp.
„Darf man einen Fabrikverkauf eröffnen und die Waren aus einem anderen Land anliefern lassen?“
„Sie nennen es Outlet. Das ist kein französisches Wort und
kann alles heißen.“ Da er merkte, dass sich Stephanie aufregte,
beschwichtigte er. „Unsere Haushälterin hat mein Federbett dort
gekauft. Die Qualität ist ausgezeichnet.“
Aber Stephanie war in Fahrt. „Das Dorf ist um ein Gefängnis
herum gewachsen, das auf einer Sumpfwiese gebaut wurde,
stimmt’s? Die Geschäfte siedelten sich an, um den täglichen Bedarf des Gefängnispersonals zu decken. Da Limoux diese Vergangenheit peinlich ist, stellt es sich lieber als uralte Wildgänseund Hühnergemeinde dar.“
„Steffi, es geht nicht um die“, er holte tief Luft „Hühnergemeinde. Es geht mir um die Werke hier. Warte, ich zeige dir
etwas, was dir bei deiner Arbeit helfen wird. Wir haben ein Familienbuch.“ Er holte ein uraltes Buch aus einem der Regale. Zum
Schutz war es in Leinen gewickelt.
Stephanie schlug es an einer beliebigen Stelle auf. Die alte
Schrift und die fremde Sprache waren für sie schwer lesbar. Anhand der Zahlen rekonstruierte sie einen Eintrag: „Marie. Gestorben 1804. Im 17. Lebensjahr. Im…“
„… Wochenbett“, übersetzte Fabien.
„Oh Gott, mit 17 Jahren…“
Ihr Arbeitgeber auf Freundschaftsbasis zuckte bedauernd mit
den Schultern. „So war das damals. Wenn es dir gelingt, einzelne
Handarbeiten ihrem Entstehungsjahr zuzuordnen, findest du mit
Hilfe des Familienbuchs wahrscheinlich die Frau, die sie hergestellt hat.“
Stephanie nickte und überlegte sich im Geiste ihr Vorgehen.
„Ich muss zurück zu meinen Enten. Sehen wir uns beim
Abendessen? Ich habe dich als Gast angemeldet.“
Stephanie stimmte zu. Sie ließ sich auf den maroden Sessel
sinken, nachdem Fabien gegangen war. Die Bewohnerinnen des
Gutshauses waren in ihrer Vorstellung starke Frauen, die sich
durchsetzten, unabhängig davon, welche Rechte man ihnen vorenthielt oder entzog. Nun erkannte sie, dass sie es schwerer gehabt hatten als sie es sich vorstellte. Sie mussten nicht nur für
ihre Rechte und Freiheit kämpfen, sondern auch gegen schwierige Lebensumstände wie unausgereifte medizinische Versorgung.
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Die Umstände in einem Frauengefängnis mussten noch
schlimmer gewesen sein. Stephanie hielt den Kopf in die Hände
gestützt und stellte sich vor, wie die Frauen im Gefängnis gearbeitet hatten. In feuchten Gewölben mit vergitterten Fenstern fädelten sie Stunde um Stunde Perlen auf Garn. Es war kalt und
das Licht war schlecht, sie verdarben sich die Augen. Ihre Stühle
waren hart und aus unbearbeitetem Holz. Sie konnte förmlich die
Rückenschmerzen spüren, die die Frauen gehabt haben mussten. Ob sie miteinander sprechen durften?
Dennoch, tröstete sich Stephanie, war eine solche Arbeit besser als isoliert in einer Zelle zu sitzen, ohne Ansprache und Beschäftigung. Dabei verlor man den Verstand. Vielleicht hatte die
Arbeit mit den Glasperlen für die eine oder andere Frau das Überleben unter diesen Umständen bedeutet.
Die Popularität der Perlentaschen hielt mehrere Jahre an, danach kamen sie vollkommen aus der Mode. Sie wurden kaum
noch angefertigt. Die Frauen, die in Heimarbeit gestrickt oder gehäkelt hatten, ohne dass es ihren Interessen entsprach, erklärten
die Handarbeit mit Perlen für eine anstrengende Schinderei.
Schade war das für die Sammlerinnen und Sammler der Taschen. Nachdem der Höhepunkt der Beliebtheit vorbei war, klafft
in der Historie eine jahrzehntelange Lücke, in der kaum Sammlerstücke gefertigt wurden. Die Informationen über die besonderen
Perlen-Handarbeitstechniken gingen darüber fast verloren.
Stephanie kannte Frauen, die sich den alten Techniken neuerdings widmeten. An das Perlenstricken wagten sich nur wenige
heran. Stephanie hatte es gelernt und wusste, wie schwer es fiel.
Das Perlenhäkeln hatte in den letzten Jahren Anhängerinnen ge-
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funden. Gehäkelte Perlentaschen hatte sie deshalb in der letzten
Zeit vereinzelte gesehen, wenn sie sich mit Frauen traf, die ihr
Schmuck-Hobby teilten.
Sie blätterte das Familienbuch bis zur letzten beschriebenen
Seite auf. Dort standen der Eintrag über das Ableben einer Frau,
die Fabiens Großmutter gewesen sein musste, sowie der Todestag von Fabiens Vater ohne Todesursache. Der Eintrag über den
Verlust der Mutter fehlte völlig. Die Brüder hatten das Buch nicht
aktuell gehalten, genauso wie sie das Haus nicht pflegten. Sie
wollte fragen warum und klappte das Buch zu.
Stephanie hatte auf ein Abendessen zu zweit gehofft, doch Albert fand sich zusammen mit Fabien zum Essen ein. Zur Begrüßung nickte er ihr lediglich zu. Er trug einen teuren Anzug. Es war
Stephanie unverständlich, warum er sich schick kleidete, das
Haus jedoch trist und vernachlässigt war.
Wäre sie eine Gutsherrin der früheren Generationen gewesen,
hätte sie Regeln gehabt, was sie sagen durfte. Stephanie war
aber eine moderne Frau und konnte sich nichts vorstellen, was ihr
verboten wäre anzusprechen. Also stellte sie geradeheraus die
Frage: „Warum renoviert hier eigentlich keiner?“ Beide Brüder
sahen sie mit starrem Blick an. Fabien tupfte sich den Mund mit
der Serviette ab.
„Ihr müsstet die Wände streichen. Es wäre heller im Haus.“,
begründete Stephanie.
„Ich denke, es hat niemals einer der Gutsherren in diesen
Mauern eine Farbrolle in die Hand genommen…“, setzte Fabien
an, mühsam nach einer Ablenkung suchend, um eine Wendung
des Gesprächs zu erreichen.
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Albert war der Typ Mann, bei dem jeder Versuch einer Ablenkung fehlschlagen musste. Sein Nacken wurde rot und er brüllte
seinen Bruder an: „Das genau hast du vor! Meinst du, ich weiß
das nicht! Du triffst dich mit einem Architekten in der Auberge.
Hinter meinem Rücken!“
Der graue Herr war also Architekt. Deshalb kam er nach
Limoux und traf sich mit Fabien. Der jüngere Bruder plante das
Haus demnach zu renovieren und der ältere Bruder war dagegen,
fasste Stephanie das Gehörte für sich zusammen.
„Ich bin der Gutsherr!“, tobte Albert. „Hier bleibt alles, wie es
ist!“ Er stand auf und verließ ohne Gruß das Speisezimmer. Stephanie hörte ihn in das obere Stockwerk gehen. Sie hielt den
Kopf gesenkt. „Hoffentlich fällt er die Treppe rauf“, dachte sie.
„Ich begleite dich in die Auberge zurück“, sagte Fabien und
warf seine Serviette auf den Tisch.
„Oh nein, vielen Dank! Ich bin in wenigen Minuten auf meinem
Zimmer.“ Wenn Albert vom Tisch weggehen konnte, konnte sie
das ebenso. Sie versuchte, würdevoll das Haus zu verlassen. Es
war eine Unverschämtheit, wie sich Albert in Gegenwart von Gästen benahm. Sie begann sich zu überlegen, ob sie am nächsten
Tag überhaupt wiederkommen sollte.
*
Natürlich ging sie in den folgenden Tagen trotzdem in die
Bibliothek. Ihr Wunsch, die Bücher zu studieren und Fabien zu
sehen, war groß. Sie schaffte es, einen Teil des Lebens der ersten Gutsbewohnerin zu erkunden. Als der Pilz gezeichnet wurde,
war Adele die einzige Frau im Haus gewesen. Sie musste ihn
gemalt haben. Wenn man das Alter des Hauses berücksichtigte,
ergab die Recherche im Familienbuch, dass Adele mit ihrem
Mann und einem Sohn eingezogen war. Adeles Aufgabe im Haus
war für Harmonie zu sorgen, ihrem Mann das Leben angenehm
zu gestalten und die Kinder zu erziehen. Ein Hobby durften Frauen ihrer Zeit nicht ausüben.
Stephanie überlegte sich, welches Leben Adele als kleines
Mädchen geführt haben musste. Die damaligen Väter waren äußerst streng und hätten den Wunsch eines Mädchens, Malen zu
lernen sofort unterbunden. Adele war ein Kind, das gern zeichnen
wollte, was es sah und was ihm gefiel. Sie verbrachte ihre Kindheit ohne Möglichkeit zu Papier und Stift zu greifen. Möglicherweise konnte Adele weder lesen noch schreiben. Vielleicht hatte
die kleine Adele mit Kalk auf die Straße gemalt. Oder mit einem
Stock Tiermotive in die Erde gekratzt.
Als Frau und Mutter hatte Adele es gegen alle Konventionen
geschafft, ein Hobby zu betreiben. Sie musste die Unterstützung
ihres Ehemannes gehabt haben. Wahrscheinlich hatte sie sich
ihm nach der Hochzeit anvertraut und er hatte ihr die Möglichkeit
gegeben, ihren Traum zu verwirklichen. Er hatte ihr ermöglicht,
sich zurückzuziehen und zu zeichnen. Die alte Familien-Überlieferung musste wahr sein. Der Gutsherr ließ die Kräuter anliefern und die Gutsdame Adele hatte vor Blicken geschützt hinter
dem Haus gezeichnet.
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Oder sie hatte in der heutigen Bibliothek des Gutshauses bei
Kerzenschein, als die Kinder schliefen und kein Personal mehr
durch die Räume lief, mit Kohle skizziert. Ihr Mann hatte ihr den
Pilz aus dem Wald mitgebracht und saß an ihrer Seite, um ihr
zuzuschauen. Sicher hatte er sie sehr geliebt. Adele schenkte vier
Kindern das Leben, von denen zwei das Säuglingsalter überlebten und der Sohn den Gutshof übernahm. Er heiratete die sechzehnjährige Marie, die im Folgejahr starb.
Adeles Tochter heirate ebenso jung. Sie verließ das Haus und
kehrte nach dem Tod ihres Mannes, der auf seinen Ländereien
Bienenzuchten betrieb und dessen Hof durch ein Unglück abbrannte, mit Adeles Enkelin Emilie in das Gutshaus zurück.
Wie Stephanie dem Familienbuch weiter entnehmen konnte,
war Adele mit neunundsechzig Jahren gestorben. Sie nahm sich
vor, Adeles Zeichnungen in der Ausstellung einen besonderen
Platz zu geben.
Die Spur führte weiter zur Enkelin Emilie. Sie war diejenige, die
Adeles Pilz nachgestickt hatte. Wie Fabien angekündigt hatte,
war der sorgfältig gestickte Pilz in der Truhe zu finden. Als einzige
Änderung hatte Emilie eine kleine Biene in die Ecke der Stickerei
gesetzt. Stephanie schloss daraus, dass sie die Biene symbolisch
als Signatur benutzte, in Anlehnung an den Beruf ihres verstorbenen Vaters. Nach dem, was Stephanie über die Rechte der Frauen dieser Zeit wusste, war das Verwenden einer eigenen Namenssignatur frech, wenn nicht gar ein Frevel.
Das war der Grund, weshalb Fabien anderer Meinung war, als
sie ihm ihre Theorie unterbreitete. Er erklärte ihr, dass die Namensgebung in Frankreich streng gehandhabt worden war. Als
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Vornamen waren ausschließlich traditionelle Namen zugelassen.
Er vermutete, dass Emilie ihren Namen in familiärer Tradition väterlicherseits bekommen hatte, die Eltern sie allerdings Bienchen
gerufen hatten.
Stephanie versuchte sich vorzustellen, wie das Bienchen Emilie an einem der Fenster der Bibliothek saß, den Stickrahmen auf
dem Schoß hielt und die Fäden durch den Stoff zog. Sie griff nach
ihrem Zeichenblock, gab Adeles Enkelin ein Gesicht und zeichnete sie beim Sticken. Fabien kam in einer Arbeitspause vorbei, saß
still neben ihr, sah ihr zu und schlich sich leise hinaus, als er zurück zum Hof musste.
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Was war geschehen, nachdem das Stickbild fertig war? Es war
das einzige Werk, das das Mädchen mit Nadel und Faden geschaffen hatte. Stephanie hatte die historischen Stickereien
durchsucht und keine weitere mit einer Biene gefunden.
Sie war erleichtert, als sie im Stapel der Häkeltextilien fündig
wurde. Als Emilie geboren wurde, war das Häkeln bekannt geworden. Es war für sie reizvoller gewesen, diese neu aufgekommene Technik zu lernen. Emilie hatte ihre Signatur beibehalten
und jedes von ihr mit feinstem Garn gehäkelte Textil dezent mit
einer gestickten Biene versehen, was es für Stephanie leichter
machte, ihre Arbeiten zu identifizieren und ihr eine eigene Vitrine
in der Ausstellung einzurichten.
Emilie bekam drei Töchter. Die jüngeren Töchter waren Zwillinge. Stephanie verfolgte die Spur der Töchter und Schwiegertöchter, Söhne waren für ihre Nachforschungen nicht wichtig.
Aber diese Spur führte sie nicht zu den Perlenarbeiten. Sie musste sich eingestehen, dass sie darauf brannte, die Frauen zu finden, die zu den Perlen gehörten. Deshalb nahm sie sich vor, die
nächsten Nachforschungen nicht über eine Person, sondern über
einen Zeitraum zu beginnen. Für heute machte sie Feierabend.
Fabien war immer noch auf dem Entenhof. Sie hätte gern mit ihm
zu Abend gegessen. Zu zweit und ohne Auseinandersetzungen.
Sie ging zur Auberge zurück und fühlte sich zum ersten Mal ein
wenig einsam. Erst als sie freudig von Oskar begrüßt wurde, verflog das Gefühl und sie bekam Lust, eine neue Kette zu entwerfen.
*
Bei der nächsten Recherche konzentrierte sich Stephanie auf
einen großzügig berechneten Zeitraum von 1900 bis 1930, in dem
die antiken Perlenstricktaschen populär waren. Emilies Töchter
konnte sie bei dem gewählten Zeitfenster altersbedingt übergehen. Die beiden Frauen, die zur fraglichen Zeit im Haus lebten,
waren Francoise, eine spätere Nachfahrin von Emilie und Marguerite Cecile, die durch Heirat ins Haus kam.
Stephanie wuchtete mehrere der Bücher mit den Zeichnungen
auf den Tisch und suchte nach Werken, die von Francoise oder
Marguerite Cecile stammen könnten. Sie durchsuchte die Bücher
nach Jahreszahlen, in denen Francoise im Haus lebte, Marguerite
Cecile aber noch nicht und wurde mit dieser Methode fündig.
Francoise war Malerin gewesen, sie hatte sorgfältig mit feinen
Strichen skizziert und dies ihr Leben lang beibehalten. Zeichnungen, die man Marguerite Cecile zuordnen konnte, gab es keine.
Stephanie sah, dass die Beschriftungen der Blätter neben Jahreszahlen weitere Zahlen enthielten und hoffte, dass es sich um
eine chronologische Nummerierung handeln würde. Da die Bücher nach Themen sortiert waren, musste sie sich bei jeder zeitlichen Suche kreuz und quer durch die Bücher arbeiten.
Stephanie wählte das Jahr 1910 und verglich die Daten aller
Zeichnungen aus diesem Jahr. Die Zahlen ergaben keine logische Nummerierung, die Reihenfolge war lückenhaft oder es kamen Zahlen mehrfach vor. Sie versuchte es anders herum, wählte
die Zahl Sieben und schlug alle Bücher an der Stelle auf, auf der
ein Blatt die Sieben trug. Es ergaben sich verschiedene Jahreszahlen mit großen Zeitsprüngen. Sie sah keine Logik und fragte
sich, was das bedeuten könnte.
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Sie hatte vier Kräuter-Skizzen mit der Nummer Sieben, somit
vier Kräuternamen erhalten, die sie sich einprägte. Nun brauchte
sie jemand, der etwas damit anfangen konnte. Sie machte sich
auf den Weg zum Entenhof. Was die Entfernung anging, hatte
Fabien untertrieben. Sie lief einen Kilometer über matschige Wege und ausgerechnet heute hatte sie ihre Sandalen an. Ihr wurde
bewusst, was Fabien auf sich nahm, um sich mit ihr in der Bibliothek zu treffen. Als sie den Hof erreichte, sah sie große Flächen
von Feldern und Wiesen, saftig grün bewachsen und mit Holzzäunen versehen, auf denen weiße Enten frei herumliefen und
fraßen. Mehrere lang gezogene Gebäude standen im Hintergrund. Davor standen ein Lieferwagen und zwei Männer.
Einer der Männer war Fabien. Er war im Gespräch mit dem
Fahrer des Lieferwagens. Als er Stephanie entdeckte, winkte er
ihr fröhlich zu. Er trug verwaschene Jeans und leuchtend gelbe
Gummistiefel. Stephanie hielt sich abseits, bis er dem Fahrer einige Papiere übergeben hatte und auf sie zukam.
„Steffi, du hast den Weg hierher gefunden? Ich dachte schon,
der Hof interessiert dich nicht.“
Stephanie seufzte. „Ich hatte Angst, ich finde Hallen mit Käfighaltung vor“, gestand sie.
Fabien stütze die Hände in die Hüfte. „Das ist ein Bio-Hof!“
Stephanie drehte sich um sich selbst, um nochmals den gesamten Hof zu sehen und bestätigte: „Den Tieren geht es gut, das
sieht man!“ Sie wandte sich wieder dem Entenzüchter zu. „Ich bin
gekommen, um dich etwas zu fragen. Was bekomme ich, wenn
ich Löwenzahn, Vogelmiere, Oregano und Andorn mische?“
„Entenfutter“, sagte Fabien.
Das kam so prompt, dass Stephanie glaubte, er mache einen
Scherz. „Fabien, ich meine es ernst!“
„Ich auch!“, antwortete der Entenzüchter. „Komm mit, ich zeige
es dir.“
Er brachte sie in sein Büro, das in einem der langen Gebäude
untergebracht war, eingerichtet mit einem Schreibtisch, einem
Besprechungstisch und Schränken aus hellgrauem Stahlblech. Er
schloss einen Schrank auf, nahm einen Ordner heraus und forderte Stephanie auf, am Besprechungstisch Platz zu nehmen.
Er zeigte ihr den aufgeschlagenen Ordner. „Das ist die Mischung, die du genannt hast. Löwenzahn, Vogelmiere, Oregano
und Andorn. Es ist eine der Rezepturen, die wir den Enten zufüttern.“
„Du hast gesagt, die Rezepturen sind uralt. Ich habe meine
durch eine Nummerierung auf den Kräuter-Zeichnungen ermittelt.
Woher hast du deine?“
„Von einer Liste. Es ist Rezeptur Sieben. Die Zeichnungen in
der Bibliothek tragen Nummern, damit man die Kräuter bestimmen kann und keine falschen Pflanzen pflückt. Hätte ich dir das
sagen sollen, Steffi?“
„Ach, nicht wichtig. Ich wollte es nur erklärt haben“, beschwichtigte Stephanie. Sie war enttäuscht, dass sie kein Geheimnis entdeckt hatte. „Ich wollte den Entenhof sowieso besuchen.“ Sie
spielte mit den Blättern im Ordner und sah Ausdrucke aus einem
Labor. „Was ist das?“, fragte sie.
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„Nährstoffanalysen. Die Kräuter werden dem Futter der Tiere
je nach Jahreszeit beigemengt, um den Bedarf optimal zu decken. Das ist keine Zauberei. Man braucht in der heutigen Zeit die
überlieferten Rezepturen nicht mehr. Die Nährwerte sind bekannt
und werden kontrolliert zugesetzt Die notwendigen Informationen
bekommen wir vom Lieferanten.“
„Von welchem Lieferanten?“, wollte Stephanie wissen.
„Von dem wir die Kräuter beziehen.“
Stephanie stöhnte auf. „Oh, Fabien! Ihr kauft die Kräuter? Ich
habe dir die Geschichte mit den Kräutern aus eurem Garten geglaubt. Sie klang so nett! Jetzt erzählst du mir, ihr kauft das Beifutter ein!“
„Die Geschichte vom Kräutergarten kommt immer gut an. Unsere Kunden lieben sie. Wenn uns Einkäufer besuchen, zeigt Albert ihnen den Garten. Damit er wahrheitsgemäße Angaben
macht, setzen wir den gekauften Lieferungen kleinere Mengen
aus eigenem Anbau zu. Du siehst, wie groß diese Anlage ist,
Steffi. Unser Kräutergarten wäre kaum ausreichend.“
„Sind eure Enten trotzdem etwas Exklusives?“
„Sie unterscheiden sich erheblich von Tieren aus Massentierhaltung“, sagte Fabien mit Überzeugung. „Um ihre Qualität zu
bewerben, greifen wir zu den gängigen Mitteln des Marketings.
Wenn dir die Werbung eine Industrie-Tiefkühltorte verkaufen will,
zeigt sie dir eine Großmutter, die mit dem Holzlöffel in einer
Schüssel rührt. Und wir zeigen eben unseren Kräutergarten!“
Er griff über den Tisch und strich ihr mit den Fingern sanft über
die Wange. „Enttäuscht?“
Stephanie lächelte tapfer und verabschiedete sich. Sie stapfte
ernüchtert den Matschweg ins Gutshaus zurück. „Ständig lasse
ich mich verladen, ob mit Fabrikverkäufen oder Entenfutter“,
grummelte sie vor sich hin. „Fabien muss denken, mein Scharfsinn hält sich in Grenzen.“
Der Nummerierung auf den Zeichnungen schenkte sie aus lauter Enttäuschung keine Beachtung mehr. Hätte sie es getan und
die Zahlen mit Fabiens alter Rezepturen-Liste abgeglichen, hätte
sie festgestellt, dass es mehr Rezepturen gab, als auf dieser Liste
standen.
*
Stephanie fand keinen Zusammenhang zwischen den Perlenarbeiten und Francoise oder Marguerite Cecile. Sie grübelte darüber, welche von beiden die Sammlerin war. War Marguerite Cecile automatisch die Sammlerin, weil Francoise Malerin war?
Kurzentschlossen öffnete sie die Fenster der Bibliothek um
Luft und Licht hinein zu lassen und schüttete die Truhen aus. Irgendwo musste ein Hinweis sein. Sie sortierte, durchsuchte und
wendete alle Werke.
Mitten in ihrer Suche erweckte eine Bewegung an den Vorhängen Stephanies Aufmerksamkeit. Die Ente Artemisia verschaffte sich durch ein Fenster Zutritt und landete mitten in den
Handarbeiten. Stephanie scheute sich, mit den Händen nach ihr
zu greifen. Sie versuchte es mit Zureden. „Bitte, verschwinde aus
der Bibliothek!“ Die Ente pickte in den Textilien herum. „Bist du
eine Ente oder eine Elster? Verschwinde!“
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Artemisia hatte etwas gefunden, was ihr Schnabel gut fassen
konnte. Mit einem Stück Borte wollte sie Reißaus nehmen. Stephanie hechtete hinterher, bekam die Borte zu fassen und zog sie
der flüchtenden Artemisia aus dem Schnabel.
Stephanie atmete durch und besah sich die gehäkelte Borte
genauer. Sie war schmal. Muschelartig zusammengezogene Maschen wiederholten sich in regelmäßigen Abständen. Vereinzelte
Maschenbündel waren mit Fühlern und Flügeln aus feinem Garn
bestickt. Es war ein Versuch eine Borte mit einem Bienenmotiv zu
häkeln. Das sah nach Emilies Arbeit aus.
Stephanie steckte die Häkelborte, einige Perlentaschen und
gehäkelte Spitzenkragen ein, um sie in den nächsten Tagen in
der Auberge zu waschen und räumte die Unordnung auf, das sie
verursacht hatte. Sorgfältig legte sie die Handarbeiten in ihre
Holztruhen zurück.
Am Abend in ihrem Gästezimmer besah sie sich Emilies Borte
genauer. Sie zog vorsichtig ein Ende auf und untersuchte mit
welchen Maschen sie gehäkelt worden war. Eine Kettmasche, die
einfachste Masche, die man häkeln kann, wechselte sich mit vier
zusammengebündelten Maschen ab.
Eine alte Dame aus dem Schwarzwald, die hin und wieder in
Tracht gekleidet in einem Museum die Technik des Perlenhäkelns
zeigte, hatte zu Stephanie gesagt: „Was man häkeln kann, kann
man auch mit Perlen häkeln.“ Stephanie war neugierig, was herausgekommen wäre, wenn Emilie eine Perlenhäklerin gewesen
wäre und ihre Idee mit Rocailles umgesetzt hätte. Sie schrieb und
zeichnete anhand der Maschen der Häkelborte eine Anleitung
auf, wie man sie für eine rundgehäkelte Schlauchkette verwenden
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würde. Die gebündelten Maschen bezeichnete sie als Vierergruppe. Die Zeichnung von Artemisia benutze sie als Gedächtnisstütze und wählte Farben nahe denen ihrer Gefiederfärbung. Stephanie notierte:
Rapport:
1 silbergraue Rocaille 11/0(für die Kettmasche)
4 graublaue Rocailles 11/0(für die Vierergruppe)
Sie fädelte die Rocailles entsprechend auf, bis sie auf einer
Länge von fast vier Metern Perlen auf hellblauem Garn hatte. Sie
schloss neun Luftmaschen zu einem Kreis und erprobte ihren
Rapport.
Die unterschiedlichen Farben halfen ihr, die Kettmasche und
die Vierergruppe in der richtigen Reihenfolge zu häkeln. Die Farben der Vorreihen verschoben sich. Die vierte Perle der Vierergruppe kam immer in eine Kettmasche der Vorrunde. Das half ihr
bei der Orientierung.
Obwohl sie in Runden häkelte, entstand ein fast flaches Häkelstück. Das sah sie zum ersten Mal. Häkelketten waren rund
und hohl. Deswegen hießen sie Schlauchketten. Wieso entstand
hier eine flache Kette? Verwundert und fasziniert arbeitete sie
weiter.
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Die Kette begann sich zu winden und zu einer Spirale zu verdrehen, wie eine Cellini-Kette, bei der verschieden große Perlen
die Drehung sichtbar machen. Aber auf ihrem Garn waren ausschließlich Rocailles gleicher Größe!
Drei Stunden häkelte sie ohne Pause, bis die ungewöhnliche
Spirale fertig war. Sie hielt sich die Kette vor dem Badezimmerspiegel an den Hals. Glitzernd und schimmernd legte sich die
Kette auf ihre Haut. Begeistert drehte sie sich hin und her und
legte eine Hand auf die schmeichelnde Kette, die sich zart und
sanft um ihren Hals schmiegte.
Sie wollte dieser Kette einen bedeutenden Namen geben. Die
Cellini war nach dem 1500 geborenen Goldschmied und Bildhauer Benvenuto Cellini benannt. Ihr fiel die Malerin Gentileschi ein
und sie probte vor dem Spiegel die Aussprache des Namens,
fand ihn aber nicht passend. Sie sprach Artemisia aus. Schließlich war die Ente an der Entstehung der außergewöhnlichen Spirale beteiligt gewesen, aber Artemisia war ihr zu schwierig auszusprechen, auch wenn es der Vorname der Malerin war. Als
nächstes fiel ihr Emilie ein. Ein wunderschöner Name. Die Kette
Emilie zu nennen wäre eine Würdigung für die Häklerin des Ursprungsmusters.
Doch wollte Stephanie bei der Namensfindung beide Frauen,
die berühmte Malerin Gentileschi und die unbekannte Emilie berücksichtigen. Sie entschloss sich beide Namen zusammenzuführen. Müde und glücklich flüsterte sie in den Spiegel: „Hiermit taufe
ich dich auf den Namen Gentilli.“
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Gentilli Häkelschlauchkette mit Umfang 9
Rapport: 1 Rocaille 11/0(Farbe
11/0(Farbe 1)
1)
4 Rocailles 11/0(Farbe
11/0(Farbe 2)
2)
Vierergruppe
1. Unter die nächste Perle der Vorreihe einstechen, Perle der
Vorreihe nach rechts kippen, neue Perle an die Arbeit schieben,
Faden hinter der Perle durch die erste Schlaufe ziehen (2
Schlaufen verbleiben auf der Häkelnadel).
2. Unter die nächste Perle der Vorreihe einstechen, Perle der
Vorreihe nach rechts kippen, neue Perle an die Arbeit schieben,
Faden hinter der Perle durch die erste Schlaufe ziehen (3
Schlaufen verbleiben auf der Häkelnadel).
3. Unter die nächste Perle der Vorreihe einstechen, Perle der
Vorreihe nach rechts kippen, neue Perle an die Arbeit schieben,
Faden hinter der Perle durch die erste Schlaufe ziehen (4
Schlaufen verbleiben auf der Häkelnadel).
4. Unter die nächste Perle der Vorreihe einstechen, Perle der
Vorreihe nach rechts kippen, neue Perle an die Arbeit schieben,
Faden hinter der neuen Perle durch alle 5 Schlaufen auf der
Häkelnadel ziehen.
In Häkelrichtung weiterarbeiten mit einer
Kettmasche unter die
nächste Perle der Vorreihe. Immer eine Kettmasche und eine Vierergruppe im Wechsel arbeiten.
Häkeln: 1 Kettmasche, 1 Vierergruppe
Kettmasche
Unter die Perle der Vorreihe einstechen, Perle der Vorreihe
nach rechts kippen, neue Perle an die Arbeit schieben, Faden
hinter der neuen Perle holen und durch die zwei Schlaufen auf
der Häkelnadel ziehen.
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Sie trug ihre neue Kette zu einer leichten Bluse, als sie wieder
in der Bibliothek arbeitete. Fabien, der sie besuchen kam und
eine Vase mit einem bunten Strauß Feldblumen mitbrachte, fiel
es auf.
„Hübsche Kette“, erwähnte er, während er die Vase auf dem
Tisch abstellte. Nach Stephanies Erfahrung war das für einen
Mann eine außerordentliche Würdigung eines Schmuckstücks.
„Sie ist selbstgemacht. Nach einem ähnlichen Prinzip, wie die
gehäkelten Perlentaschen in der Truhe“, erläuterte sie. „Ich nenne
sie Gentilli.“
„Was bedeutet Gentilli?“
„Ein Wortspiel aus dem Namen bemerkenswerter Frauen. Woher hast du dein Wissen über Frauen in der Kunst, Fabien?“
„Von meiner Großmutter. Sie war eine kluge Frau. Sie hat mir
über frühe Malerinnen erzählt. Du wirst in unserem Fundus nichts
Selbstgefertigtes von Grand-Mère entdecken, sie war eine zarte
Person mit Rheuma in den Händen und las viel.“
„Über deine eigene Familiengeschichte hat sie dir kaum etwas
erzählt?“
„Ich weiß wirklich wenig darüber, das stimmt. Wie kommst du
mit deinen Nachforschungen voran?“
„Ich kenne die Mehrzahl der Malerinnen, die im Gutshaus lebten. Die Taschensammlerin und die Frauen danach sind mir weitgehend unbekannt. Gibt es jemand, der mir etwas über die Frauen ab 1900 erzählen kann? Jemand, der Erkundigungen über die
Dorfgeschichte eingezogen hat?“
Fabien dachte nach. „Der Apotheker käme in Frage. Er heißt
Dupont. Er ist Mitglied im Heimatverein und erzählt Anekdoten
aus dem Dorf. Ob man sie hören will oder nicht.“
„Das klingt, als sollte ich einen Einkauf in der Apotheke machen“, sagte Stephanie und zwinkerte Fabien zu. Er gab ihr einen
Kuss auf die Nasenspitze und sagte: „Dann los!“ Stephanie flog
geradezu in die Apotheke, sie spürte den Kuss auf der Nase und
strahlte vor Glück.
Als sie die Tür der Apotheke öffnete, erklang ein Glöckchen.
Sie ging auf den Verkaufstresen zu. Der Apotheker kam aus einem mit Glasscheiben abgetrennten hinteren Bereich. Er war ein
großer dünner Mann mit Glatze und trug einen weißen Kittel. Stephanie stellte sich vor. Monsieur Dupont hatte von der Vorbereitung der Ausstellung im Heimatmuseum gehört und freute sich,
die Organisatorin kennen zu lernen. Bei den gesuchten Informationen war er gern behilflich. Über Francoise gab es wenig zu erzählen. Sie war eine Gutsherrin im klassischen Stil gewesen.
Marguerite Cecile dagegen zog durch Heirat ins Gutshaus und
brachte einen eigenen Beruf mit. Sie war Hebamme.
„Kann es sein, dass sie im Gefängnis gearbeitet hat?“, fragte
Stephanie.
„Mit Sicherheit! Sie wird schwangere Insassinnen betreut haben und zu den Entbindungen gerufen worden sein.“
Stephanie jubelte innerlich. Das waren aufschlussreiche Informationen! „Vielen Dank, Monsieur Dupont, Sie haben mir sehr
geholfen!“
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Stephanie gab dem Apotheker die Hand und lief zum Gutshaus zurück. Marguerite Cecile! Die Sammlerin der gestrickten
Perlentaschen war gefunden!
*
Sie musste bis zum nächsten Tag warten, um Fabien davon zu
erzählen. Stephanie sprudelte über vor Neuigkeiten. Da ihr die
Perlenarbeiten am Herzen lagen, hatte sie das Gefühl fast am
Ziel zu sein, als sie die Sammlerin fand. Nun würde sie herausfinden, welche Frau die gehäkelten Perlentaschen angefertigt hatte.
Das war ihr nächstes Ziel.
Fabien hörte ihr zu, ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er
griff in die Brusttasche seines karierten Hemdes. „Zur Belohnung,
für die großartige Arbeit“, sagte er und hielt ihr eine außergewöhnlich schöne Feder mit einer Verbeugung entgegen. Stephanie nahm sie an und machte einen Knicks.
Die weiße Feder vor sich haltend wie ein Zepter, sah sie plötzlich weite grüne Wiesen mit behäbig umher watschelnden weißen
Enten. Der nächste Film vor ihrem geistigen Auge zeigte Artemisia in ihrer anmutigen Farbenpracht.
Stephanie legte den Kopf zur Seite und fragte betont langsam
„Wie kommt eine grau-blaue Ente in eine Herde von weißen Enten, die doppelt so groß sind wie sie?“
Auf Fabiens Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen.
„Lass mich raten“, sprach sie weiter, „eure Kunden lieben diese Geschichte?“
Fabien hob die Hände zu einer abwehrenden Geste. „Ich
schwöre, sie saß eines Tages mitten in der Herde und hatte eine
Todesangst! Sie ist eine Zierente. Unwahrscheinlich, dass sie
geflogen ist. Am ehesten hat sie jemand über den Zaun geworfen.
Ich habe sie aus der Umzäunung geholt und in unseren Garten
gebracht. Bei meiner Ehre.“
„Trotzdem bist du ein Märchenerzähler“, sagte Stephanie lachend und strich Fabien tadelnd mit der Feder über die Stirn. Er
umfasste sie daraufhin, damit sie die Arme nicht mehr bewegen
konnte und drehte sich mit ihr im Kreis. Sie gluckste und dachte:
„Wir benehmen uns wie alberne Kinder. Nein, wie Verliebte!“
Die Tür flog auf und Albert stürzte herein. „Bist du irgendwann
an deinem Arbeitsplatz?“, fuhr er seinen jüngeren Bruder an, der
schlagartig stehen blieb und Stephanie unsanft absetzte.
Stephanie machte sich los, steckte sich die Feder ins Haar und
brachte sich in Sicherheit. Sie ging zu der Perlen-Kiste, wie beim
letzten derartigen Auftritt von Albert. Sie öffnete den Deckel und
sah mit großen Augen hinein. Während sie die Brüder im Hintergrund streiten hörte, schloss und öffnete sie ungläubig den Deckel mehrmals. Es änderte sich nichts. Die Truhe war leer.
„Fabien!“, schrie sie, „sie sind weg!“
Die Streitbrüder wandten sich ihr zu. Ihre Stimme signalisierte
ernsthafte Probleme. Sie erfassten die Situation sofort.
„Was hast du mit den Sachen gemacht, Steffi?“, war Fabiens
erste Frage.
„Sie hat sie weggeschafft“, folgerte Albert voreilig und verschränkte die Arme.
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„Ich hab sie nicht genommen! Gestern waren sie noch da!“ rief
Stephanie aufgebracht.
„Es war das Einzige, was in diesem Raum wertvoll war“, bemerkte Albert.
„Steffi, wo sind die Taschen?“ wiederholte Fabien eindringlich.
Sie hatte einen Geistesblitz. „Es war Artemisia“, rief sie. „Die
hat sie genommen!“
Albert legte den Kopf in den Nacken und lachte schallend.
Sein Bruder schloss gequält die Augen.
Stephanie wurde wütend. Bei Albert war es kein Wunder, dass
er ihr einen Diebstahl unterstellte. Aber dass Fabien ihr nicht
glaubte, kränkte sie zutiefst.
„Bring sie bitte zurück“, forderte Fabien sie auf. „Wir vergessen
die Angelegenheit. Wenn du Geld brauchst…“
Albert grinste.
Stephanie ahnte, dass er sie gleich aus dem Haus werfen
würde. Das wollte sie auf keinen Fall.
„Ich habe sie nicht genommen! Wie könnt ihr das denken? Mir
einen Diebstahl zu unterstellen ist eine Frechheit!“ sagte sie
energisch und verließ das Haus. Sie versuchte einem Rauswurf
zu entgehen, in dem sie freiwillig ging. Vielmehr rannte sie. Sie
rannte den gesamten Weg in die Auberge Canard, während ihr
die Tränen über die Wangen liefen. Die weiße Feder rutsche aus
ihrem langen Haar und flog davon. Sie schaute sich nur kurz um,
lief atemlos weiter und schluchzte.
Oskar sprang an seiner Mademoiselle hoch. Stephanie drückte
ihr verweintes Gesicht in sein dichtes Fell. Sie kam in ihr Zimmer,
ohne dass Madame Lavie sie bemerkte. Sie warf sich auf ihr Bett
und weinte bis sie vor Erschöpfung einschlief. Ein Klopfen an der
Tür weckte sie.
„Madame Riederich, Sie verpassen das Abendessen!“
„Ich komme!“, antwortete Stephanie. Hastig überlegte sie, wie
sie von einer Nachfrage, ob es ihr gut ginge, ablenken könnte.
„Nachher habe ich eine Frage an Sie“, rief sie, „bis gleich!“
Mit der angekündigten Frage bat Stephanie um die Erlaubnis,
die Waschküche benutzen zu dürfen. Die Wirtin war einverstanden. Madame Lavie begleitete sie in den Keller des Hauses. Er
war über eine gefährlich anmutende Wendeltreppe zu erreichen.
Trocken und dunkel hatte der Gewölbekeller überdauert, ohne
entrümpelt zu werden. Es gab darin die althergebrachten Waschzuber und Weidenkörbe, Holzeimer und Schöpfkellen, die erstaunlich gut erhalten waren. Stephanie fand, dass das Holz einen frischen und würzigen Geruch nach Wald verströmte. Madame Lavie erläuterte, dass sie im Herbst Kräuter für Cidre in der
Waschküche verarbeitete, was wunderbar duftete.
Ein Waschbrett stand in einem Holzzuber. An die Wand gelehnt stand das Bleuel, das Holzpaddel zum Umrühren der
Waschlauge und Herausziehen der Wäsche aus der kochenden
Lauge. Eine moderne Waschmaschine, ein Wäschetrockner und
ein Bügelbrett waren wie selbstverständlich daneben gestellt worden.
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Stephanie war sich sicher, dass sie die Handarbeiten waschen
konnte. Die Waschmaschine zu benutzen, war ihr jedoch zu riskant. Sie besprach sich mit der Wirtin, ob sie mit der alten
Waschküchenausstattung hantieren dürfte.
„Damit wurde früher alles gewaschen, Madame Riederich. Also
kann es jetzt nicht schief gehen. Nur Mut! Ich schaue später wieder nach Ihnen.“
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Mit Feinwaschmittel und warmen Wasser rieb Stephanie die mitgebrachten Handarbeiten auf dem alten Waschbrett vorsichtig
sauber. Dabei merkte sie, dass es genau das war, was sie
brauchte. Sie nahm ihre mitgebrachte eigene Wäsche, legte die
Wut auf Fabien in ihre Hände und schrubbte sich mit rotem Gesicht und inmitten des Dampfes ihren Ärger von der Seele. Sie
würde sich keinesfalls aus der Bibliothek vertreiben lassen. Ausgeschlossen! Niemals! Das war sie Adele, Emilie und den anderen Frauen schuldig.
Wo war der Inhalt der Truhe? Konnte eine kleine Zierente einen Stapel Perlenbeutel abtransportieren, von dem jeder aus
mindestens zweihundert Gramm Glasperlen bestand? Nein, das
war unmöglich! Oder war es doch möglich? Wenn sich der Inhalt
nicht wiederfand, würde sie die Ausstellung ohne Perlenarbeiten
machen. Es waren genug andere Handarbeiten im Gutshaus!
Sie wischte sich die Feuchtigkeit von Gesicht und Dekolleté.
Die Gentilli-Kette fiel herunter und landete in der Waschlauge. Die
Spirale drehte sich teilweise auf und die Gentilli zeigte sich unter
Wasser als flächige Kette. Stephanie starrte in das Waschwasser
und kaute auf der Unterlippe herum. Eine reizvoller Gedanke kam
ihr in den Sinn: Was wäre, wenn sie die Drehung heraus bügelte?
Kurze Zeit später lag die Gentilli unter einem Bügeltuch aus
Großmutters Zeiten. Sie war widerspenstig, es war ordentlich
Druck nötig, bis sie platt gebügelt war.
Gerade legte Stephanie die flache Kette um ihren Hals, als
Madame Lavie die vor Dunst nebelig weiße Waschküche betrat.
Die Wirtin befühlte die auf der Leine hängenden Handarbeiten.
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„Die werden hübsch aussehen im Heimatmuseum. Dort gibt es
lediglich ein paar alte Trachten und ausgestopfte Gänse. Bleiben
Sie in Limoux, wenn die Ausstellung eröffnet ist?“
„Das geht nicht, Madame Lavie. Ich müsste eine Stelle finden
und hier gibt es keine, außer man versteht etwas von Geflügel.“
„Ach, bleiben Sie, Madame Riederich. Sie könnten ein kleines
Geschäftchen eröffnen mit Ihrem schönen Schmuck.“
Madame Lavie dachte kurz nach. „Mit einem Korb, einem
schweren Korb. War wohl eine Ente drin.“
„Darin war keine Ente“, widersprach Stephanie, lief los und ließ
die verdutzte Wirtin im Keller stehen. Als sie den Flur durchquerte, schloss sich Oskar an und lief mit. Er konnte nicht anders. Er
blieb dicht hinter seiner Mademoiselle, obwohl ihm jeder Sprung
weh tat und es in seinen Ohren pfiff.
„Warum sollte es schwierig sein, genug zu verkaufen? Zum
Federbetten-Verkauf kommen jede Menge Leute“, protestierte die
Wirtin.
Die Tür des Gutshauses ließ sich nicht mehr ohne Schlüssel
öffnen. Stephanie hämmerte mit den Fäusten dagegen. Albert
öffnete. Er sah langsam an ihr herunter. Ihr T-Shirt hatte nasse
Flecken, ihre Hände waren rot und aufgequollen, ihr Haar war im
Dampf struppig geworden, ihr Gesicht verschwitzt. Die Gentilli,
die sich durch Bügeln allein nicht dauerhaft in eine flache Form
bringen lassen wollte, stand von ihrem Hals ab.
„Die sich nicht zwangsläufig für Häkelschmuck interessieren
müssen“, ergänzte Stephanie.
Stephanie drängelte sich an Albert vorbei und rief nach Fabien. Er kam die Treppe herunter gestürmt.
„Ich habe heute Morgen eine Frau gesehen, die hatte eine solche Kette sogar als Armband um!“
„Es war die schwarze Frau!“, rief Stephanie ihm entgegen. „Sie
kannte sich mit Perlen aus, sie hat die Taschen genommen!“
„Davon kann man nicht leben“, hörte sich Stephanie sagen
und dachte: Wieso wiederholt sich dieser Satz in meinem Leben
ständig?
Stephanie richtete sich kerzengerade auf. „Eine schwarze
Frau? Ich meine, eine schwarz gekleidete Frau?“
„Ganz in Schwarz, mit schwarzem Kopftuch. Ich habe ihr Gesicht nicht gesehen. Ich war in der Früh mit Oskar draußen.“
„Kam sie aus Richtung Gutshaus, Madame Lavie?“
„Ja, sie schob ein Rad. Eines der Leih-Fahrräder der Pension
Plume.“
„War das Fahrrad beladen?“
„Welche Frau?“, wollte Fabien wissen.
„Sie war im Zug. Sie hatte schwarz gefärbte Haare, schwarze
Kleidung, eine wulstige Narbe am linken Handgelenk und ein Rad
der Pension Plume!“
Albert machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Haus.
„Albert!“, rief Stephanie ihm hinterher. Sie trommelte Fabien
mit den Fäusten auf die Brust. „Ihr müsst die Polizei rufen, Fabien! Sie hat die Taschen gestohlen.“
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Fabien hielt ihre Hände fest und nahm die zitternde Stephanie
in die Arme.
„Es ist gut, es ist alles gut, Steffi. Sie darf sie nehmen.“
„Sie darf sie nehmen? Wieso darf die schwarze Frau die Perlentaschen nehmen?“
Fabien strich ihr mit den Fingern über die feuchte Stirn. „Wenn
deine Beschreibung stimmt, war das unsere Mutter.“
„Eure Mutter? Ich dachte, die sei tot!“
„Wie kommst du darauf, Steffi?“
„Sie stand nicht im Familienbuch!“
Fabien machte große Augen. „Es stand nicht im Familienbuch,
dass sie gestorben ist? Also ist sie tot?“
Sie löste sich von ihm und schloss die Haustür. Von innen.
Fabien lächelte wie ein glücklicher kleiner Junge. Sie nahm ihn
bei der Hand und ging mit ihm die Treppe zu den Schlafräumen
hinauf.
Oskar, der sich nicht ins Haus traute, hatte japsend die Terrasse erreicht und kam allmählich zur Ruhe. Nach einer Weile sah er
keine weißen Blitze mehr, wenn er die Augen schloss. Er bemerkte zwar, dass sich Artemisia an sein Bauchfell kuschelte, war jedoch zu erschöpft, um darauf zu reagieren. Es blieb ihm nichts
anderes übrig, als zusammen mit dem Federvieh auf der Terrasse zu übernachten. Seine Mademoiselle verließ in dieser Nacht
das Haus nicht wieder.
*
„Oh Gott, Fabien.“ Stephanie fasste sich an den Kopf.
„Manchmal denkt und redet man wirklich dummes Zeug.“
„Wem sagst du das“, antwortete er. „Ich habe auch dummes
Zeug zu dir gesagt. Es tut mir leid.“
„Was unternimmt Albert jetzt?“
„Er wird Mutter ins Wohnheim zurückbringen.“
„Sie lebt in einem Heim?“
„Seit vielen Jahren. Sie ist geistig verwirrt.“
Fabien legte seinen Kopf in ihre Halsbeuge und hielt sie fest
im Arm. Lange standen sie still. Stephanie spürte seine Traurigkeit. Er streichelte ihren Rücken. „Du siehst süß aus“, sagte er
und zupfte an in ihren unordentlichen Haaren.
Als die Sonne vor dem Fenster schien, erkannte Stephanie,
dass Fabiens Schlafzimmer genauso düster war, wie die anderen
Räume im Haus. Ein großes, rotes Feuerwehrauto mit abgebrochener Leiter, das oben auf einem Regal stand, bildete einen einsamen Farbklecks. Im Regal standen landwirtschaftliche Fachbücher und Kunstbände.
Sie kuschelte sich an ihren Geliebten und überlegte, ob man
einen Mann, mit dem man eine zärtliche Nacht verbracht hatte,
auf seine Mutter ansprechen durfte. Sie hatte keine Ahnung.
„Seit wann ist deine Mutter krank, Fabien?“
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Fabien streckte sich und sagte: „Es begann als wir klein waren,
ich war noch ein Kindergartenkind. Sie sprach mit Menschen, die
nicht im Raum waren. Wenn wir uns darüber wunderten, sagte
sie, wir müssten die Stimmen hören und sollten deren Anweisungen folgen. Wir hörten aber keine Stimmen. Uns hörte Maman
nicht. Ich meine, sie nahm nicht wahr, was wir brauchten und von
ihr wollten. Sie war zu abgelenkt, zu krank.“
Er machte eine Pause, schluckte und sprach weiter. „Wenn
Mutter mit Vater allein war, schien sie vernünftig zu sein. Er fand
nichts an ihrem Verhalten sonderbar! Oder er wollte es nicht bemerken. Als ich gerade volljährig geworden war, starb er an einem Herzanfall. Mutter wurde völlig von den Stimmen eingenommen. Sie wurde gewalttätig gegen sich selbst. Wir wussten uns
keinen Rat mehr. Unser Hausarzt brachte sie in eine Klinik und
nach vielen Monaten kam sie in das Wohnheim.“
Er schwieg einen Augenblick, atmete durch und klang erleichtert als er zusammenfasste: „Das war die Geschichte meiner
Kindheit. Nun lasse ich uns ein leckeres Frühstück servieren.
Was hältst du von Frühstück in der Bibliothek?“
„Oh ja“, stimmte Stephanie zu. Sie war froh, dass das Gespräch kurz und sachlich gewesen war und sie erfahren hatte,
was sie wissen musste.
Die Haushälterin stellte duftenden Kaffee und knusprige Croissants auf den Eichentisch in der Bibliothek. Sie lächelte das Paar
an. Die beiden hielten sich beim Frühstücken über dem Tisch bei
den Händen. Endlich gab es wieder ein glückliches Paar im Haus.
Als die Haushälterin hinausging, kam Albert herein. Er trug den
Perlenkorb bei sich. Alberts Anzug war zerknittert, er war unra-
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siert und sah erschöpft aus. Er war die ganze Nacht unterwegs
gewesen, um seine Mutter zu versorgen. Sie war ohne Protest mit
ihm mitgegangen, saß mit einem verbissenen Gesichtsausdruck
im Auto und sprach nicht. Alles war unendlich langsam vor sich
gegangen. Bis zum frühen Morgen musste er im Wohnheim auf
einen Betreuer warten, dem er die Vorgänge der letzten Tage
berichten konnte. Der Betreuer schaffte es, der verstörten Frau
einige Worte zu entlocken.
„Was hat Maman gesagt?“, war auch das Erste, was Fabien
wissen wollte.
„Sie hat gesagt, dass Stimmen ihr befohlen haben, alles was
wertvoll ist, aus dem Gutshaus zu holen, da sie für immer im
Wohnheim bleiben wird.“
Er wandte sich an Stephanie und drohte ihr mit einem Blick voll
Zorn: „Der Perlenkram kommt nicht in die Ausstellung. Das verbiete ich. Oder es gibt keine Ausstellung!“ Er ließ den Korb mit
den Perlentaschen auf den Boden fallen und ging hinaus.
Fabien hatte die Hände vor das Gesicht gelegt, als Albert ihm
die Begründung für den heimlichen Besuch der Mutter im Haus
genannt hatte. Stephanie streichelte seinen Arm und zog diesen
beiseite. Er sah mit Tränen in den Augen auf den Korb hinunter.
„Sie hat sich hineingeschlichen und Handarbeiten geholt. Keine
Fotos von uns oder von unserem Vater. Selbst wenn man weiß,
wie krank sie ist, trifft einen das hart.“
„Warum hat keiner der Betreuer euch benachrichtigt, dass sie
weggelaufen ist?“, fragte Stephanie vorwurfsvoll.
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„Sie lebt nicht wie in einem Gefängnis. Sie hat ein Apartment
im Wohnheim und versorgt sich eigenständig. Sie muss nur die
wöchentlichen Termine mit ihrem Betreuer einhalten.“
„Deshalb hat sie sich tagelang in der Pension verstecken können, bevor sie die Taschen geholt hat!“
„Sie wird lange gebraucht haben, bis sie in ihrer Verwirrung alles organisiert hatte, um die eingebildeten Anweisungen auszuführen. Sie braucht im Wohnheim endlos für alltägliche Dinge.“
„Besucht ihr sie im Wohnheim?“
„Albert hat nach ihrer Einlieferung einen Besuch bei ihr gemacht. Sie hat ihn nicht zur Kenntnis genommen. Er kam zurück
und war unausstehlich. Er ist nie wieder ins Wohnheim gegangen.
Stattdessen hat er sich eingeredet, dass sie irgendwann gesund
zu uns zurückkommt. Aus diesem Grund hat er das Haus unverändert gelassen. Albert dachte, sie kehrt zurück und alles ist, als
hätte es keine Krankheit gegeben.“
„Wie Eltern, die niemals das Zimmer eines verschwundenen
Kindes aufräumen“, stellte Stephanie fest. „Was ist mit ihm los,
warum will er die Taschen nicht in der Ausstellung haben?“
„Meine Mutter hat sie angefertigt. Diejenigen, die nicht gekauft
wurden. Bevor sie krank wurde.“
„Sie war die Perlenhäklerin im Haus? Warum hast du mir das
verschwiegen?“
„Ich wollte, dass du es selbst herausfindest. Meine Mutter sollte genauso entdeckt werden, wie die anderen Frauen, deren Leben du aufgezeigt hast.“
„Und nun sollen ihre Werke nicht ausgestellt werden? Das ist
doch paradox!“
„Ich denke, Albert hat heute Nacht begriffen, dass Mutter nicht
zurückkommen wird. Er möchte verhindern, dass die Leute vor
ihren Werken stehen und sich zuflüstern, das seien die Arbeiten
von der Beauchamp, die verrückt geworden ist.“
Stephanie sah ihn bestürzt an.
Er erwiderte ihren Blick mit traurigen Augen. „Steffi, ziehst du
aus der Auberge aus und hierher zu mir?“
Stephanie legte die Hände flach auf den Tisch. „Ich könnte
mich daran gewöhnen, nur noch Französisch zu sprechen. Ich
könnte mich an den düsteren Zustand des Hauses gewöhnen.
Aber eines könnte ich sicher nicht“, ihre Stimme wurde hart, „zusammen mit deinem Bruder unter einem Dach leben!“
Fabien starrte in seine leere Tasse.
„Das versteh ich“, sagte er leise.
*
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Zur Eröffnung der Ausstellung im Heimatmuseum kamen die
Bewohner von Limoux, die sich in der Dorfgemeinschaft engagierten oder neugierig waren. Mit einem Glas Sekt in der Hand
schlenderten sie zwischen den Glasvitrinen umher und besahen
sich die Bilder an den Wänden.
Adeles schönste Zeichnungen waren weiß gerahmt und an
den frisch gestrichenen Wänden des Heimatmuseums angebracht worden. Die Blätter waren vorsichtig aus den Büchern gelöst worden, damit sie keinen weiteren Schaden nahmen. Stephanie war sich inzwischen sicher, dass Fabiens Mutter die
Zeichnungen so ungeschickt zusammengeheftet hatte.
In den Glasvitrinen lagen Kombinationen aus Zeichnungen und
Textilien, die in Zusammenhang standen. Die Zusammenhänge
hatte Stephanie mit einigen Worten erklärt und die Texte auf Aufsteller drucken lassen.
Ein besonders schönes Stück war eine Weißstickerei mit Gänsen. Ein Halogenlicht beleuchte den Stoff, damit man das weiße
Garn auf dem weißen Stoff gut sehen konnte. Die dazugehörige
Zeichnung zeigte die Gänse in gleicher Haltung auf vergilbtem
Papier. Stephanie widerstand der Verlockung, eine der vorhandenen ausgestopften Gänse in die Vitrine zu stellen. Fabien brachte
sie auf den Dachboden des Heimatmuseums.
Die Dorfbewohner lasen die Texte der Aufsteller und versuchten sich an Namen und Begebenheiten zu erinnern. Der Apotheker Dupont stand vor der Vitrine mit Emilies Arbeiten. Stephanie
hatte Emilies feine Spitzenkragen und Borten ausgestellt und angemerkt, dass sie eine Signatur verwendete. Wenn man die
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Handarbeiten durchsah, entdeckte man die Biene erst auf den
zweiten Blick, sie war jedoch auf jedem ihrer Werke.
Der Apotheker erzählte von der ersten in Paris stattfindenden
Weltausstellung, auf der einzelne Sorten Honig gezeigt wurden.
Er meinte aus den Erzählungen seiner Familie zu wissen, dass
Emilies Vater dort ausgestellt hatte. Ein einziges Glas Wiesenhonig, monatelang! Die Besucher lachten amüsiert. Die Ausstellung
machte ihnen auf diese Weise besonders viel Freude.
Überliefertes Wissen wurde genauso für die Unterhaltungen
herangezogen, wie Anekdoten und Dorfklatsch. Albert hatte richtig gehandelt, als er veranlasste, dass die Werke der Mutter zu
ihrem Schutz nicht in die Ausstellung kamen, so wurde Tratsch
vermieden.
Stephanie hatte die von der Mutter gehäkelten Perlentaschen
schweren Herzens in einen Schmuckkarton gelegt und sorgfältig
alle Informationen, die sie über die Mutter und ihre Handarbeiten
hatte, aufgeschrieben und beigelegt. Der Karton stand in der Bibliothek, tief versteckt in einem der hintersten Regale.
Stephanie hoffte, dass eine Frau der folgenden Generation
den Karton entdecken und die Werke in die Ausstellung einordnen würde, wenn die Krankheit der Perlenhäklerin keine Bemerkungen mehr auslösen würde, die einen Anwesenden verletzten.
Von den gestrickten Taschen, die von Alberts Verbot nicht betroffen waren, hatte sie ausgesuchte Stücke in die Vitrinen gelegt.
Sie hatte den Bezug zum Frauengefängnis sachlich erklärt. Niemand ging darauf ein.
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Die Haushälterin der Beauchamps und die Besitzerin des Friseurgeschäfts, die zusammen zur Schule gegangen waren, standen vor einer der Vitrinen und konnten sich von dem Anblick nicht
losreißen.
„Das ist ja unglaublich. Eine Perle neben der anderen. Man
sieht gar kein Garn“, staunte die Friseurin.
„Schau, die sechseckige Tasche. Die scheint von der Mitte aus
gearbeitet zu sein“, mutmaßte die Haushälterin, die sich ein wenig
so fühlte, als ob die schönen Sachen auch ihr gehörten.
„Stricken kann ich. Ob ich das hinbekomme? Was braucht man
für Stricknadeln, welche Stärke?“, wollte die Friseurin wissen. Sie
wandte sich an Stephanie. „Kann man das bei Ihnen lernen?“
Stephanie wäre gern bereit gewesen, diese Frage zu bejahen.
Auf die Kette, die sie trug – eine Gentilli mit einer schwarzen und
einer weißen Seite, die aus besonders geformten Perlen, die Delicas genannt wurden, gefertigt war – wurde sie ebenfalls angesprochen. Wiederholt fragte man sie, ob sie einen Kurs zum Anfertigen einer solchen Kette geben könne. Es ließ sich nicht realisieren. Das Heimatmuseum war zu klein und ein gelegentlicher
Kurs finanzierte ihr keinen langfristigen Aufenthalt in Limoux. Es
war wie jedes Mal, wenn sie über Kunst und Finanzen nachdachte. Sie kam immer zu dem Ergebnis, dass man davon nicht leben
konnte. Dennoch dachte Stephanie vor dem Einschlafen, beim
Aufwachen und eigentlich den ganzen Tag darüber nach, wie sie
in Limoux bleiben könnte. Fabien erging es nicht anders. Er hatte
versucht, eine feste Anstellung für sie im Heimatmuseum zu erreichen. Vergeblich. Es musste aus Kostengründen ehrenamtlich
geführt werden.
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Er entschloss sich ein Gespräch mit seinem Bruder zu führen,
obwohl sich bei dem Gedanken sein Magen zusammenzog.
Albert war sein älterer Bruder, er hatte das Sagen im Gutshaus.
Er hatte das Recht auf das Haus und die Entenzucht. Zumindest
nach den althergebrachten Regeln des Gutshofs.
Aber er hatte kein Recht, Fabien und Steffis gemeinsame Zukunft zu verhindern.
Am Abend nach der Ausstellung bestellte er Albert in die Auberge Canard. Er setzte sich mit ihm an einen der alten Tische im
Speiseraum.
Madame Lavie ahnte Ungutes und brachte den beiden eine
Flasche kräftigen Kräuterschnaps, von dem sie überzeugt war, er
habe eine beruhigende Wirkung und huschte schnell wieder davon.
„Steffi und ich möchten zusammenziehen, Albert“, begann Fabien. Es hörte sich an, als wolle er eine Rede halten. „Du weißt,
dass ich in der Nähe der Tiere bleiben muss. Steffi will aber nicht
ins Gutshaus ziehen. Sie hat…“, er brach ab und dachte über
eine Formulierung nach.
Albert hielt die Schnapsflasche mit der rechten und sein Glas
mit der linken Hand fest. Der Pegelstand der Flasche verriet, dass
er sich mehrmals nachgeschenkt hatte, während Fabien um Worte rang.
Sein jüngerer Bruder nahm ihm die Flasche aus der Hand, füllte sein eigenes Glas nach und trank. Er schüttelte sich, der Geschmack des Kräutertranks war intensiv und er trank für gewöhnlich keinen Alkohol. Doch nun fühlte er sich in der Lage weiter zu
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sprechen. „Steffi hat Probleme mit dir unter einem Dach zu wohnen. Dein Verhalten ist manchmal… schwierig. Wenn wir wenigstens ein Apartment für uns im Gutshaus räumlich abtrennen könnten. Ich nehme an, du willst nicht, dass das Haus entsprechend
umgebaut wird, obwohl...“, er brach ab. Albert drehte sein leeres
Glas auf dem Tisch im Kreis herum.
„Albert, hörst du mir zu?“
Der ältere Bruder hob den Kopf. „Ich weiß, was du sagen willst:
Obwohl Maman nicht zurückkommt.“
Fabien nickte.
„Ich hatte gehofft, dass sie zurückkommt“, sagte Albert den
Tränen nahe.
„Ich weiß, Albert.“
„Es wird nicht besser“, klagte Albert. „Jetzt, wo mir klar ist,
dass sie nicht zurückkommt, will ich zu ihr.“
„Wenn du bei ihr sein willst, musst du einen Platz in ihrer Welt
finden, so seltsam sie sein mag.“
„Wie meinst du das?“, fragte Albert.
Darauf wusste Fabien keine Antwort. Seine Worte waren ihm
im Moment selbst zu schwierig, obwohl sie treffend klangen.
Madame Lavie, die im Flur stand, ihre Schürze zwischen den
Händen knetete und jedes Wort belauschte, fand, dass es besser
war, vom Schnaps auf Apfelwein zu wechseln. Sie holte einen
Krug und brachte ihn an den Tisch. Sie sah lange auf die beieinander sitzenden Männer hinab. Es sah nicht aus, als würden
sie das Gespräch in Kürze fortsetzen. Dabei hatten sie eine Lösung für ihr Problem gefunden. Sie wussten es nur nicht.
Die Wirtin seufzte und wischte sich die Hände an ihrer Schürze
ab. Die Beauchamps brauchten jetzt Hilfe. Madame Lavie war
keine besonders gute Rednerin. Aber sie hatte ein großes Herz
und einen gesunden Menschenverstand. Sie setzte sich zwischen
die Brüder und sprach erst mit dem einen, dann mit dem anderen.
Sie brachte Licht in die Situation und allmählich sahen die Brüder
die Lösung, die sich logisch aus dem ergab, was sie fühlten. Als
das Ergebnis des Gesprächs von beiden angenommen wurde, tat
Madame Lavie etwas, was die beiden nicht kannten. Sie nahm sie
in die Arme wie eine Mutter.
*
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Albert Beauchamp bezog eine Wohnung in der Nähe des
Wohnheims seiner Mutter. Er erledigte den Außendienst für den
Gutshof von dort aus. In Absprache mit ihrem Betreuer besuchte
er seine Mutter regelmäßig.
Zuerst betrachtete ihn seine Mutter feindlich, weil die Stimmen
schlecht über ihn sprachen. Sie saß am Küchentisch und fixierte
ihn mürrisch. Männer in Anzügen, sagten die Stimmen, seien
grundsätzlich bösartig. Sie sprach kein Wort. Sie wollte, dass er
ging.
Albert spürte das. Er wollte nicht aufgeben und versuchte Zugang zu ihr zu finden. Mit Reden war das unmöglich. Deshalb
wollte er einen Gegenstand mitbringen, mit dem sie sich gemeinsam beschäftigen konnten. Er fragte Stephanie um Rat.
Sie besorgte ein Geschicklichkeitsspiel, ein Holzbrett mit Mulden. Sie ersetzte die Plastik-Spielsteine durch handgefertigte
transparente Glasperlen mit Motiven. Man konnte tief in die Perlen hineinsehen und die darin eingeschlossenen Motive erkennen. Die Glasperlen fassten sich angenehm glatt an und wurden
warm in der Hand. Sie hoffte, dass die ehemalige Perlenhäklerin
die Glasperlen faszinierend finden würde.
Albert baute das Holzbrett auf. „Ich habe ein Spiel für uns mitgebracht, Maman“, sagte er. Er versuchte nicht, seiner Mutter die
Spielregeln zu erklären.
Alberts Mutter griff nach einer Glasperle und hielt sie lange
zwischen den Fingern. Sie sprach kein Wort. Als sie die Kugel
weglegte, nahm Albert diese auf und hielt sie in seiner Hand. Am
Ende des Besuchs räumte er das Spiel auf und nahm es mit, wie
einen Schatz.
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Gleich welche Termine er innerhalb Frankreichs oder im Ausland hatte, er legte sie so, dass er seine Besuchsstunde einhalten
konnte.
Die Stimmen waren geteilter Meinung über diese Angelegenheit. Hinzu kam, dass der Mann neuerdings in legerer Kleidung
erschien. Das war verwirrend. Letztlich gewannen die Stimmen
die Oberhand, die das Spiel befürworteten und gaben Anweisung
es mitzuspielen.
Wenn das Glasperlenspiel aufgebaut war, griff die kranke Frau
nach einer Perle und sah hinein. Wenn sie nichts sah oder die
Stimmen zu laut waren, legte sie die Glasperle zurück. In ihrem
Zeitempfinden waren das wenige Augenblicke. Für Albert, der
neben ihr saß und in der realen Zeit lebte, verrann oft die gesamte Besuchsstunde.
Wenn sie nach der für sie gegenwärtig richtigen Perle griff,
sich konzentrieren konnte und tief hineinsah, waren die Stimmen
still. Manchmal hörte sie in diesem Augenblick den Mann, den sie
nicht als Sohn wahrnahm, eine Frage stellen und konnte sie beantworten. Diese seltenen Antworten waren für Albert Glücksmomente. Er versuchte Fragen zu stellen, die in die Vergangenheit
führten, sich jedoch weder auf seinen Vater noch auf seine Kindheit bezogen. Eines Tages erfuhr er, was alle vermutet hatten.
Seine Mutter hatte das Gentileschi-Gemälde gemalt. Das war
keine weltbewegende Information. Für Albert brachte sie jedoch
eine Nuance Klarheit in das verschwommene Bild, das er von
seiner Mutter hatte. Warum es ihr einziges Gemälde in Ölfarben
war, blieb unklar. Doch irgendwann würde die Mutter auch diese
Frage beantworten.
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Sobald er zu Hause war, rief er Fabien und Stephanie an und
berichtete, dass seine Mutter mit ihm gesprochen hatte.
*
Der deutsche Architekt mit dem Spezialgebiet Gebäude des
17. und 18. Jahrhunderts, den Stephanie in Gedanken weiterhin
den grauen Herrn nannte, war erneut mit seinen Plänen angereist. Er schimpfte über die Vermischung der verschiedenen Baustile und den schlechten Zustand des Hauses. Die untypisch angebaute Terrasse passte ihm überhaupt nicht. Alle Hausbewohner verlangten deren Erhaltung und damit blieb sie wie sie war,
hinter Bäumen und Büschen versteckt.
Bei der Sanierung innerhalb des Hauses hatte er freie Hand,
lediglich bei der Farbwahl bestand Stephanie auf einem Mitspracherecht. Sie war nach Alberts Weggang ins Gutshaus eingezogen und hatte Bedenken, der Architekt würde alles Grau streichen
lassen.
Das Haus erstrahlte bald in hellen, warmen Farben. Der einzige Raum, der unverändert blieb, war die Bibliothek. Stephanie
nannte sie ihr Perlenzimmer und füllte die Regale mit Material.
Rocailles, Verschlüsse, Handarbeitsgarne in verschiedenen Farben, Häkel-, Strick- und Nähnadeln sowie viele schöne Metallteile
und Zierperlen. Als sie fertig war, begann sie ein sorgfältig vorbereitetes Gespräch.
„Fabien, ich habe einen Traum…“
Fabien, der sie gut genug kannte, wusste sofort, was kommen
würde und genauso wie Adeles Mann alles getan hatte, um seine
Frau zu unterstützen, ihre Gestaltungskraft umzusetzen, tat Fabien was nötig war, um Stephanies Traum zu verwirklichen.
Der Eichentisch in der Bibliothek wurde mit neuen Stühlen bestückt und ringsum wurden Tageslichtlampen aufgestellt. Leichte
Stoffe ersetzten die schweren Vorhänge an den Fenstern. Der
Kamin erhielt einen Bioalkohol-Brenner, mit dem man ein rauchfreies Feuer erzeugen konnte. Die Bibliothek wurde zu einem
behaglichen Perlenzimmer mit Kursraum.
Fabien und Stephanie erstellten zusammen ein ausgewogenes
Angebot für mehrtägige Perlenkurse, die Stephanie genug Luft für
sich selbst und ihre Partnerschaft ließen. Sie bot Kurse für die
Gentilli, Cellini, für Häkelschläuche, Kugeln, flächenhaftes, türkisches und tunesisches Perlenhäkeln sowie die verschiedenen
Formen des Perlenstrickens an.
Alles, was man auf diesem Gebiet erlernen konnte, hatte sie
im Programm. Jede Technik, die sie sich einstmals hatte zeigen
lassen, konnte sie sich ins Gedächtnis rufen. Sie griff zum Material und arbeitete nach, was sie im Geiste in allen Details sah. Diese Fähigkeit und ihre Liebe zu den Perlen machte sie zu einer
ausgezeichneten Lehrerin.
Sie erhielt zahlreiche Buchungen aus Frankreich, Deutschland,
Österreich und der Schweiz, insbesondere zum Häkeln der Gentilli. Die Möglichkeit eine Cellini-artige Kette mit gleich großen
Rocailles zu häkeln, hatte sich unter den Frauen, die ihr Hobby
teilten, herumgesprochen.
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Stephanie hatte die Erläuterung, wie man eine Gentilli häkelt,
als freie Anleitung veröffentlicht. Aber viele Frauen wollten die
Technik lieber gezeigt bekommen, zumal ihnen das Zusammensein mit gleichgesinnten Frauen in einer schönen Umgebung
Freude bereitete. Es erweiterte das Wissen aller Teilnehmerinnen, denn sie brachten überlieferte Handarbeitstraditionen ihrer Regionen mit, ebenso wie moderne, selbst erprobte
Tipps und Tricks. Zu jedem Kurs gehörte ein Besuch im Heimatmuseum. Das besondere Interesse der Teilnehmerinnen galt verständlicherweise den Vitrinen mit den Perlentaschen.
„Gesammelt hat sie die 1880 geborene Marguerite Cecile“, erzählte Stephanie. „Sie lebte im Gutshaus, in dem unser Kurs
stattfindet. Als Hebamme konnte sie im örtlichen Frauengefängnis
ein- und ausgehen. Sie war offensichtlich eine Sammlerin. Die im
Frauengefängnis aus kommerziellen Gründen gestrickten Perlentaschen boten sich dafür an. Die inzwischen antiken Taschen sind
begehrte Sammelobjekte.“ Das war den Kursteilnehmerinnen in
der Regel bekannt, sie nickten zustimmend. „Dank Marguerite
Cecile und ihrer Familie“, Stephanie kitzelte die Neugier der
Frauen, „gibt es im Gutshaus Sammelstücke, die nicht ausgestellt
sind. Wer einen Strickkurs bucht, darf diese Taschen exklusiv
anfassen und studieren.“
Die Frauen, die neugierig auf das Perlenstricken geworden
waren und es sich zutrauten, fragten nach dem nächsten Kurs.
Stephanie freute sich, wenn sie bei einem Strickkurs bekannte
Gesichter im Perlenzimmer sah. Die Frauen hielten ein Nadelspiel, bestehend aus fünf nur einen Millimeter feinen Stricknadeln
in der Hand. Auf ihr Häkelgarn hatten sie zwei Millimeter große
Rocailles aufgefädelt. Die meisten hatten eine Brille auf der Nase,
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manche sogar eine Lupenbrille und konzentrierten sich auf das
Strickwerk in ihrer Hand. Leises Fluchen war genauso zu hören,
wie nette Unterhaltungen und jubelnde Erfolgsausbrüche.
Kursbuchungen von Männern gab es keine, obwohl Stephanie
ihr Angebot geschlechtsneutral formulierte. Es gab dennoch einen
engagierten männlichen Teilnehmer. Oskar sah es als seine
Pflicht an, die Kursteilnehmerinnen, die in der Auberge Canard
übernachteten, auf ihrem Weg zum Gutshaus und wieder zurück
zu begleiten. Neuen Gruppen riet Madame Lavie: „Folgen Sie
dem Hund, er heißt Oskar. Es sind wenige Minuten, die Sie zum
Gutshaus gehen müssen, immer ihm nach. Wenn Sie von einer
Ente begrüßt werden, sind Sie angekommen.“ Die Frauen lachten
und waren gespannt, was das zu bedeuten hatte.
Am Ende des Kurstages folgten die Teilnehmerinnen dem
Hund in die Auberge Canard zurück, um zusammen zu essen und
bei einem Krug Wein oder Cidre das Erlernte miteinander zu besprechen, bevor sie schlafen gingen. Wenn die Damen um Mitternacht noch zu aufgedreht waren um ins Bett zu gehen, gab die
Wirtin einen beruhigenden Kräuterschnaps aus.
Dieser Schnaps hieß von jeher Herbes de Marguerite Cecile.
Die Wirtin hätte Stephanie mehr über die Hebamme Marguerite
Cecile erzählen können als der Apotheker Dupont ihr gesagt hatte. Marguerite Cecile war Hebamme und Kräuter-Sammlerin. Sie
hatte den Kräuterbestand des Gutshauses erhalten und erweitert.
Das Rezept für den Schnaps war ein vertrauensvolles Geschenk
an die Familie Lavie. Es existierte in der Originalfassung, zusammen mit Zeichnungen, die dabei halfen, die richtigen Kräuter zu
finden.
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Die Wirtin hütete das Rezept wie ein Geheimnis. Zum Zubereiten des Getränkes benötigte sie Pfefferminze, Galgant, Wermuthkraut, Tausendgüldenkraut sowie viele weitere Kräuter, den
Holzeimer und die Schöpfkelle aus der Waschküche und vierzigprozentigen Alkohol. Der Ansatz musste mehrere Wochen im
Keller ruhen und ergab sechs Flaschen, die ihr über das Jahr
ausreichten. Den verräterischen Geruch des Alkohols überdeckte
die Wirtin, in dem sie gleichzeitig Cidre zubereitete.
Die Hebamme Marguerite Cecile kannte neben diesen Rezepten weniger harmlose Kräutermischungen, die sie anwendete, je
nachdem, ob eine Frau sich gegen Kinder entschieden hatte oder
zum Ende der Schwangerschaft nach ihr rief, um ihr Kind leichter
zur Welt zu bringen. Sie wagte nicht, diese Mischungen aufzuschreiben, deshalb kennzeichnete sie heimlich die im Gutshaus
vorhandenden Zeichnungen mit Zahlen. Die Großmutter von Albert und Fabien Beauchamp, die ahnte, dass Marguerite Cecile
Frauen in allen Lebenslagen half und in jungen Jahren mitunter
miterlebte, wie gefährlich es für die Frauen sein konnte, hielt es
für sicherer, sich nicht an die Verwandte zu erinnern. Zumal die
Rezepturen in den Folgejahren durch medizinischen Fortschritt
ersetzbar wurden. Ihren Enkelsöhnen gegenüber schwieg sie
gänzlich über Marguerite Cecile. In diesem Fall hielt es auch Madame Lavie mit dem Schweigen. Stephanie Riederich erfuhr nicht
mehr, als ihr der Apotheker erzählt hatte.
Manche Dinge bekamen ihren Wert dadurch, dass sie öffentlich wurden, andere behielten ihren Wert, wenn man über sie
schwieg.
*
Oskar verfolgte eine ähnliche Strategie, wenn er allabendlich
zum Gutshaus aufbrach, um scheinbar die Kursteilnehmerinnen
abzuholen, selbst wenn gar kein Kurs stattfand. Sobald er am
Gutshaus angekommen war und sich auf die Terrasse legte, gesellte sich das Federvieh zu ihm. Sie warteten gemeinsam, bis die
Mademoiselle zu ihnen hinaus kam. Sie streichelte Oskar über
den Kopf und gab ihm ein Stück Leberwurst. Artemisia bekam ein
Sträußchen frischer Kräuter. Die Mademoiselle sagte bedauernd:
„Heute wartet ihr leider vergebens, es sind keine Damen im
Haus.“
Oskar senkte gekonnt enttäuscht den Kopf und machte sich
auf den Rückweg. Er wusste durchaus, wenn keine Gruppe angereist war, schließlich wohnte er in der Auberge Canard. Er hatte
beschlossen, sich unwissend zu stellen. Das Federvieh mochte
die Kräuter schrecklich gern und er liebte die Leberwurst.
Wenn Oskar mit oder ohne Damenbegleitung zurückgelaufen
war, begannen für Stephanie und ihren Gutsherrn ruhige Abende.
In einer Dämmerstunde legte Fabien den Arm um Stephanie und
sagte: „Du hast das Haus völlig für dich und deine Interessen eingenommen. Das Haus ist schön geworden und es hat seine Bestimmung gefunden. Weißt du, ich habe das Gefühl, als ob all die
talentierten Frauen, die hier lebten und nach außen hin nicht
kreativ sein durften, zu ihrem Recht gekommen sind. Es war genau das, was ich erreichen wollte, als ich dich für die Ausstellung
engagierte. Dass so viel mehr daraus geworden ist, macht mich
noch glücklicher.“
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Stephanie räkelte sich behaglich in seinem Arm.
„Das heißt, meine Großmutter wäre trotzdem unzufrieden“, ergänzte er.
„Wieso?“, wunderte sich Stephanie.
„Für sie wäre es ungehörig, dass wir im Haus zusammen leben, aber nicht verheiratet sind. Im Gutshaus wurde immer ordentlich geheiratet, wobei die Beauchamp-Frauen ihren Willen
durchsetzten, wenn sie wollten. Grand-Mère hat mir erzählt, dass
die erste Frau, die in unserer Region ein weißes Brautkleid trug
aus dem Gutshaus kam. Das Kleid versetzte damals die gesamte
Gemeinde in Aufregung.“
„Das muss nach 1900 gewesen sein. Zuerst trugen nur adelige
Damen Weiß und erst danach verbreitete sich das Hochzeitskleid
unter den gutbürgerlichen Frauen. Es muss zauberhaft gewesen
sein.“ Stephanie begann zu schwärmen. „Die Korsage wurde auf
den Leib geschneidert, der Schleier war bestickt, die feine Spitze
im Schulterbereich war gehäkelt, alles war handgenäht, gefüttert
und gesäumt. Wenn ich damals gelebt hätte, ich hätte alles getan,
um einen Blick auf das Hochzeitskleid der Braut aus dem Gutshaus zu werfen. Sie muss bildschön ausgesehen haben und bewundernswert modemutig gewesen sein!“
„Grand-Mère sagte, die Braut musste geschickt und stur an ihrem Plan arbeiten, um ein solches Kleid angefertigt zu bekommen. Wie die Beauchamp-Frauen nun mal sind, hat sie ihr Ziel
erreicht. Die Braut hat bestimmt, dass das Kleid für immer aufbewahrt wird, über ihren Tod hinaus. Deshalb wird es von Frau zu
Frau im Gutshaus weitergegeben. Sehen darf es die zukünftige
Braut aber erst, wenn die Hochzeit geplant wird.“
„Das würde bedeuten, dass das Kleid im Gutshaus ist, Fabien.
Hier gibt es kein Hochzeitskleid. Wir hätten es bei der Renovierung gefunden, es gibt keinen Raum, den wir nicht bis in den hintersten Winkel ausgeräumt und geputzt hätten. Du erzählst wieder Familienlegenden!“
Fabien versuchte einen beleidigten Gesichtsausdruck zu machen. „Alles was ich erzähle, hat einen wahren Kern. Das weißt
du, Steffi.“
Augenblicklich glaubte Stephanie ihm und löste sich aus seinem Arm, um ihn ansehen zu können. „Heißt das, es gibt dieses
Hochzeitskleid wirklich? Wo?“.
„Ich habe es vor mehreren Jahren zusammen mit historischen
Trachten ins Heimatmuseum bringen lassen. Neulich habe ich die
Truhe gesehen, als wir die Vitrinen eingeräumt haben und ich die
ausgestopften Gänse auf den Dachboden gebracht habe.“
Stephanie sprang auf und zog an seinem Arm. „Lass uns zum
Heimatmuseum gehen, sofort. Ich will auf den Dachboden!“
„Moment, Steffi.“, sagte Fabien und zog sie aufs Sofa zurück.
„Die Regeln lauten, nur die Braut darf das Kleid sehen und erst
wenn eine Hochzeit geplant ist.“
Enttäuscht sackte Stephanie auf dem Sofa zusammen. Sie
würde diese Regel akzeptieren, dafür hatte sie genug Respekt
vor den früheren Gutshaus-Bewohnerinnen. Sie schaute auf ihre
grün-orangen handgestrickten Socken, die sie von einer Kursteilnehmerin geschenkt bekommen hatte und wackelte frustriert mit
den Zehen.
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Fabien räusperte sich, holte tief Luft, sah Stephanie in die Augen und brachte doch nur ein kurzes „Willst du?“ hervor.
„Was?“, fragte Stephanie aus ihren Gedanken gerissen.
„Steffi“, rief Fabien, „jetzt mach es mir nicht so schwer!“ Er
rutschte vom Sofa herunter und ging vor seiner Partnerin auf die
Knie. „Stephanie Riederich, willst du mich heiraten? Willst du
meine Frau werden?“
Stephanie traten die Tränen in die Augen. Sie schaute Fabien
eine Weile an, dann versuchte sie mit fester Stimme zu sprechen,
was ein wenig misslang, aber dann sagte sie laut und deutlich
„Ja, ich will!“
Stephanie Riederich heiratete den Entenzüchter Fabien Beauchamp in einem historischen Hochzeitskleid, einem Traum aus
Spitze und Stickerei. Sie trug ihr Haar klassisch hochgesteckt und
mit weißen Perlen verziert. Ihr Schmuck war von Kursteilnehmerinnen entworfen und angefertigt worden. Es waren weiße satinierte Rocailles, verarbeitet zu einer schlichten Kette, ergänzt mit
gefädelten silber-weißen Blüten. Als Strumpfband trug sie die
Bienchen-Borte von Emilie.
Alle Dorfbewohner waren auf den Beinen, um das Paar und
das Hochzeitskleid zu sehen. Es war der Tag des jährlichen Geflügelfestes in Limoux, als die Eheschließung von Stephanie Riederich und dem Entenzüchter Fabien Beauchamp feierlich in das
alte Familienbuch eingetragen wurde.
*
ENDE
Kräuterschnaps
„Herbes de Marguerite Cecile“
Liebstöckelblätter
Tausendgüldenkraut
Wermuthkraut
Thymian
Salbeiblätter
Pfefferminze (jeweils einige Blätter)
1 Stück Galgant (Daumennagelgroß)
2 Lorbeerblätter
2 Gewürznelken
1/4 TL Anissamen
1 TL Fenchelsamen
1 TL Kamilleblüten
Mit 700 ml Alkohol (40%) übergießen und 3 Wochen stehen lassen.
Danach wird der Kräuterschnaps gefiltert und in eine Flasche gefüllt.
Zeichnungen:
Cover
J. G. Holland Scribner's Monthly an Illustrated Magazine for the People
(New York: Scriber & Company, 1874)
Hund
My Pretty Present. (New York: Thomas Nelson and Sons)
Ente
William & Robert Chambers Encyclopaedia - A Dictionary of Universal
Knowledge for the People (Philadelphia: J. B. Lippincott & Co., 1881)
Waschküche
Sidney Morse, Household Discoveries, An Encyclopedia of Practical
Recipes and Processes (New York: The Success Co., 1908)
Handarbeitendes Mädchen
William Holmes McGuffey McGuffey's Fifth Eclectic Reader
(New York: American Book Company, 1896)
Obige Zeichnungen Copyright: 2009, Florida Center for Instructional
Technology. Free for non-commercial use. http://etc.usf.edu/clipart/
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