Mikrokredite: Potenziale und Chancen für die Jugendlichen in den

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Mikrokredite: Potenziale und Chancen für die Jugendlichen in den
Fachbereich VI – Geographie/Geowissenschaften
Erstkorrektor:
Prof. Dr. Heiner Monheim
Raumentwicklung und Landesplanung
Zweitkorrektor: Prof. Dr. Reinhard Hoffmann
Geographie und ihre Didaktik
Wissenschaftliche Prüfungsarbeit zur Prüfung für das erste Staatsexamen
für das Lehramt an Gymnasien
Mikrokredite:
Potenziale und Chancen für die
Jugendlichen in den Slums von Nairobi
vorgelegt von:
Andreas Eberth
Am Weidengraben 202
54296 Trier
[email protected]
Matrikelnummer: 8797690
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79:;9:<
Im Laufe meines fünfjährigen Geographie-Studiums an der Universität Trier haben sich die
Themenbereiche Stadt- und Wirtschaftsgeographie sowie Entwicklungspolitik/geographische
Entwicklungsländerforschung als Studienschwerpunkte entwickelt. Vor diesem Hintergrund,
insbesondere aber durch einen dreimonatigen Aufenthalt in Kenia, Tansania und Uganda, ist
die Wahl des Themas dieser Arbeit entstanden.
Dass ich ein derartiges Interesse für entwicklungspolitische Themen und insbesondere für
Afrika entwickelte, verdanke ich Herrn Dr. Johannes Michael Nebe, mit dem ich sechs
spannende Wochen in Afrika verbringen durfte. Nach einer vierwöchigen geographischen
Großexkursion durch Kenia und Tansania konnte ich an einer von ihm geleiteten
zweiwöchigen Projektstudie in den Slums von Nairobi teilnehmen. Mein ganz besonderer
Dank geht an Dr. Johannes Michael Nebe, dass er es mir ermöglicht hat, diese in vielfacher
Hinsicht prägende Zeit zu erleben.
Ein weiterer sehr herzlicher Dank geht an Herrn Prof. Dr. Heiner Monheim für die intensive
Betreuung dieser Arbeit, die stets gute Unterstützung und für die zahlreichen wichtigen
Anregungen, Hinweise und Ratschläge.
Ebenso danke ich Herrn Prof. Dr. Reinhard Hoffmann, der die Zweitbetreuung dieser Arbeit
übernommen hat und mit dem ich ebenfalls vier Wochen in Afrika verbringen durfte.
Weiterhin danke ich Herrn StD. Armin Huber, Leiter der „Modell-AG Rheinland-Pfalz“, für
die finanzielle Unterstützung und die Möglichkeit, im Rahmen einer Mitarbeit in jener
Arbeitsgruppe an vielen interessanten Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen.
Meinem Kommilitonen und Freund Marcel Petri, der parallel eine fachdidaktische Arbeit über
den Themenbereich Mikrokredite verfasst hat, danke ich für die gute Zusammenarbeit und die
fruchtbaren Diskussionen!
Ein ganz besonderer Dank geht an meine Eltern und Geschwister für das Korrekturlesen
dieser Arbeit und die Unterstützung, die mir stets im Laufe meines Studiums zuteil wurde!
Dem Leser wünsche ich eine interessante Lektüre dieser Arbeit.
Trier, im September 2010
Andreas Eberth
I
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Vorwort…………………………………………………………………………………I
Inhaltsverzeichnis……………………………………………………………………...II
Abkürzungsverzeichnis……………………………………………………………….IV
Abbildungsverzeichnis………………………………………………………………..VI
Tabellenverzeichnis…………………………………………………………………VIII
Kartenverzeichnis………………………………………………………...................VIII
1. Einleitung………………………………………………………………………1
1.1 Hintergrund……………………………………………………………………..2
1.2 Zum Aufbau der Arbeit…………………………………………………………5
1.3 Experteninterviews…………………………………………………………......6
1.4 Sekundärliteratur………………………………………………………………11
2. Geberinteressen und Nehmerbedürfnisse – eine Diskrepanz?.....................13
2.1 Entwicklungszusammenarbeit in der Kritik…………………………………...13
2.2 Bedürfnisse der Empfängerländer……………………………………………..18
2.2.1
Wirtschaftsstruktur und informeller Sektor………………………………..18
2.2.2
Rolle und Bedeutung von Kleinbetrieben im informellen Sektor…………24
2.2.2.1 Beispiele aus den Slums von Nairobi für „income-generating-activities“...24
3. Mikrofinanzierung – Eckpunkte eines Erfolgskonzepts……………………30
3.1 Finanzsysteme in Afrika………………………………………………………..30
3.2 Überblick der historischen Entwicklung der Idee der Mikrofinanzierung……..32
3.3 Angebote im Bereich Mikrofinanzierung……………………………………...36
3.3.1
Mikrokredite………………………………………………………………...37
3.3.2
Mikroversicherungen………………………………………………………..39
3.3.3
Spareinlagen…………………………………………………………………41
3.3.4
Systeme zum leistungsfähigen Zahlungsverkehr und zur
Kapitaltransaktion…………………………………………………………....42
3.3.5
Zwischenfazit………………………………………………………………...45
3.4 Trägerorganisationen…………………………………………………………….45
3.4.1
Mikrofinanz-Institutionen (MFIs)……………………………………………47
3.4.2
Mikrofinanz-Investmentfonds (MFIFs)………………………………………52
II
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3.4.3
Internetportale………………………………………………………………....56
3.4.4
Zwischenfazit………………………………………………………………….58
3.5 Mikrofinanz-Kunden……………………………………………………………....59
3.6 Zukunft der Mikrofinanz…………………………………………………………..63
4. Zur Wirkung von Mikrokrediten und Mikrofinanzierung…………………….67
4.1 Erfolgreiche Beispiele für eine Förderung durch Mikrokredite…………………....67
4.1.1
im ländlichen Raum…………………………………………………………….67
4.1.2
in urbanen Agglomerationen…………………………………………………...69
4.2 Zur Wirkung von Mikrokrediten in Kenia…………………………………………70
4.2.1
Mikrofinanzierung in Kenia……………………………………………………70
4.2.2
In den Slums von Nairobi tätige MFIs…………………………………………74
4.2.2.1 K-Rep-Bank……………………………………………………………………74
4.2.2.2 Equity-Bank……………………………………………………………………76
4.2.2.3 Jamii Bora……………………………………………………………………...77
5. Mikrofinanzierung und Bildung…………………………………………………78
5.1 Der informelle Sektor in Kenia unter Berücksichtigung der Rolle
Jugendlicher und der Bildungssituation.........................................................................78
5.2 Berufsbezogene Bildung und Mikrokredite – ein Modell für die
Zukunft der Jugendlichen in den Slums von Nairobi?..............................................86
5.2.1
Zur Bedeutung beruflicher Bildung…………………………………………....89
5.2.2
Mikrokredite und Bildung……………………………………………………...91
5.3 Sozio-ökonomische Folgen einer Förderung junger Generationen durch
Mikrofinanzierung…………………………………………………………………97
6. Der Einfluss von Mikrokrediten auf die Erreichung der Millennium
Development Goals………………………………………………………………..99
7. Schluss……………………………………………………………………………103
Literaturverzeichnis………………………………………………………………108
Internetquellen……………………………………………………………………117
Anhang…………………………………………………………………………....119
Experteninterviews……………………………………………………………….119
III
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-9:;<=>[email protected]<=CDEF?DA
AMFI
Assoziation of Microfinance Institutions in Kenya
ATM
Automated Teller Machine
BMZ
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
CBO
Community-Based-Organization
CGAP
Consultative Group to assist the Poor
DED
Deutscher Entwicklungsdienst gGmbH
DSW
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
ebd.
ebenda
EH/EZ
Entwicklungshilfe bzw. Entwicklungszusammenarbeit
FAZ
Frankfurter Allgemeine Zeitung
GFEP
Global Financial Education Programme
GTZ
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH
HIV/AIDS
Human Immunodeficiency Virus/
Acquired Immune Deficiency Syndrome
Hrsg.
Herausgeber
ILO
International Labour Organization
IRPUD
Institut für Raumplanung an der Fakultät für Raumplanung der
Technischen Universität Dortmund
KCB
Kenya Commercial Bank
KCPE
Kenya Certificate for Primary Education
KfW
Kreditanstalt für Wiederaufbau
KPOSB
Kenya Post Office Savings Bank
K-Rep
Kenya Rural Entrepreneurs Programme
LKW
Lastkraftwagen
MDG
Millennium Development Goal
MFI
Mikrofinanz-Institution
MFIF
Mikrofinanz-Investment-Fonds
MIX-Market
Mikrofinance Information Exchange
NESC
National Economic and Social Council of Kenya
NGO
Non-Governmental Organization
IV
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SMS
Short Message Service
USAID
United States Agency for International Development
UNEP
United Nations Environment Programme
UN-Habitat
United Nations Human Settlements Programme
UNICEF
United Nations International Children’s Emergency Fund
USD
US-Dollar
vgl.
vergleiche
V
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-99:;<=>[email protected]:EF>:@
Seite
Titelbild
Alltag in Kibera, dem größten Slum Nairobis
Abb. 1
Entwicklung der Stadt- und Landbevölkerung Afrikas 2000-2025
Abb. 2
Gründe für die Entstehung von Slums und Folgen für die
Stadtentwicklung
Abb. 3
1
2
Rasantes Wachstum: Entwicklung des Slums Kibera in Nairobi
1968-2010
3
Abb. 4
Die verschiedenen „Branchen“ der informellen Ökonomie
20
Abb. 5
Deutsche Studenten in Jacobs „Art Shop“ im Slum Mathare
25
Abb. 6
Robuste Sandalen aus alten Autoreifen. Hergestellt vom
„Wikyo Akala Project“ im Slum Kariobangi
25
Abb. 7
Die Tischlerei von Rafael und John im Slums Mathare
27
Abb. 8
Mwalo, einer der Mitglieder der Gruppe „Extreme Impact“
28
Abb. 9
Lydia verkauft „Sukuma Wiki“, typisches kenianisches Gemüse
29
Abb. 10
Problembereiche afrikanischer Finanzsysteme
31
Abb. 11
Friedrich Wilhelm Raiffaisen/Hermann Schulze-Delitzsch
32
Abb. 12
Die diversifizierte Angebotspalette der Mikrofinanzierung
36
Abb. 13
Basisdaten Mikrofinanzierung
37
Abb. 14
Indikatoren kundengerechter Mikroversicherungen
41
Abb. 15
m-pesa-Logo
43
Abb. 16
Hütte eines „m-pesa-Agents“ in Silanga
44
Abb. 17
Strukturen und Akteure im Mikrofinanzwesen
46
Abb. 18
Kreditvolumen der MFIs weltweit in USD 2001-2006
51
Abb. 19
Verschiedene Arten von Mikrofinanzinvestment-Vehikeln
52
Abb. 20
Mikrofinanzierung – Kernkompetenz der KfW
53
Abb. 21
Anlagevolumen von privaten und institutionellen Anlegern in
Mikrofinanz-Investments in Milliarden-USD (Prognose)
55
Abb. 22
Zur Funktionsweise von KIVA
56
Abb. 23
Logo der dänischen Organisation MyC4
57
Abb. 24
Werbeanzeige von Microplace
57
Abb. 25
Potenzielle Mikrofinanzkunden in Entwicklungsländern
60
VI
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Abb. 26
Mikrokreditnehmer nach Ländern
61
Abb. 27
Die K-Rep-Bank kündigt die Eröffnung einer neuen Filiale an
68
Abb. 28
Vereinfachte Struktur des kenianischen Finanzwesens
71
Abb. 29
Zugang der kenianischen Bevölkerung zum Finanzwesen 2009
72
Abb. 30
Anstieg der Mikrofinanz-Kunden in Kenia 2006 bis 2009
72
Abb. 31
Verwendung der Darlehen kenianischer Kreditnehmer
73
Abb. 32
Hauptsitz und Logo der K-Rep-Bank
75
Abb. 33
Logo der Equity-Bank
76
Abb. 33a
Logo der Organisation Jamii-Bora
77
Abb. 35
Das erste Mal in ihrem Leben sehen diese Kinder das Stadtzentrum
Nairobis
Abb. 36
Organisation 204 untersuchter informeller Schulen in den Slums von
Nairobi
Abb. 37
79
80
Einfluss der sozialen Umfeldes auf Jugendliche in den Slums von
Nairobi
81
Abb. 38
Dichtes Gedränge vor dem Eingang einer informellen Schule
82
Abb. 39
Zahl der Primarschulen in Kenia 1963-2009
83
Abb. 40
Grundlagen des Capacity Developments im Bildungsbereich
84
Abb. 41
Schlüsselkompetenzen für berufliche Tätigkeiten im Bereich
Informeller Ökonomie
Abb. 42
Anteil der 15- bis 19-Jähreigen in Kenia, die zumindest jede
Klasse abgeschlossen haben
Abb. 43
Abb. 47
93
Herausforderungen für MFIs, welche Mikrofinanz-Programme
Für Jugendliche entwickeln wollen
Abb. 46
92
Mögliche Gründe für MFIs, spezielle Mikrofinanz-Programme
für Jugendliche zu entwickeln
Abb. 45
90
Beiträge verschiedener Teilbereiche zur Sicherung eines
adäquaten Bildungsangebots
Abb. 44
86
94
Folgen qualitativ und quantitativ hochwertiger Bildung für
Gesellschaften in Entwicklungsländern
97
Die Millennium Development Goals der Vereinten Nationen
99
VII
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(G9B;;B>ABCDB:EF>:@
Tabelle 1
TOP 20 Mikrofinanz-Institutionen nach Kundenzahl
48
Tabelle 2
Die sieben „I“s der Mikrofinanzierung
58
#GCHB>ABCDB:EF>:@
Karte 1
Bevölkerungsstruktur weltweit nach Regionen
95
7BCDB:EF>:@<BC">IJ9JKB>
Infobox 1
Diskurs über Dambisa Moyos „Dead Aid“
14
Infobox 2
Eine andere Entwicklungspolitik! Der Bonner Aufruf
16
Infobox 3
Armut in Afrika
17
Infobox4
Zweifelhafte Entwicklungsprojekte: Flower Farms in Kenia
22f.
Infobox 5
Vom Außenseiter zur Lichtgestalt: Muhammad Yunus
33
Infobox 6
„Banking to the Poor“: Die Grameen-Bank
34
Infobox 7
Zur Bedeutung von Genossenschaften
64
VIII
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9: &;<=>;[email protected]<A
1.1 Hintergrund
85 Prozent – 1,9 Milliarden der 2,2 Milliarden Jugendlichen weltweit leben in
Entwicklungsländern. Es sind rund 200 Millionen Jugendliche weltweit, die in Armut leben
(vgl. UN-HABITAT 2010, S. 3). In Kenia sind heute mehr als 50 Prozent der Einwohner
unter 20 Jahre alt, die Hälfte davon ist sozial und sozioökonomisch ausgegrenzt (vgl.
BINSACK/HEINE 2006, S. 38f.). Gerade diese jungen Menschen sind es, die vom Land in
die Stadt migrieren. Weil sie aufgrund zunehmend ungünstiger werdender klimatischer und
naturräumlicher Bedingungen durch Subsistenzlandwirtschaft kaum genug Ertrag erzielen,
um ihre Familien ernähren zu können, – und es im ländlichen Raum der Entwicklungsländer
kaum andere Arbeitsplätze als im primären Sektor gibt – sehen viele junge Menschen in der
Umsiedlung in die Stadt die Chance auf eine Arbeit im sekundären oder tertiären Sektor. Dies
sind Gründe, warum Afrika weltweit die höchste Urbanisierungsrate aufweist. Im Jahre 2025
wird etwa die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung in Städten leben (siehe Abb. 1). Die
große Zahl der Migranten hat verheerende Folgen für die Entwicklung der Städte in
Abb. 1: Entwicklung der Stadt- und Landbevölkerung in Afrika 2000 bis 2025.
Quelle: UNEP 2008, S. 14.
1
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Abb. 2: Gründe für die Entstehung von Slums und Folgen für die Stadtentwicklung.
Quelle: eigene Darstellung nach KRAAS 2007, S. 158.
Entwicklungsländern (siehe Abb. 2). Weil sich die Hoffnungen auf Arbeit und das „schnelle
Geld“ vielfach nicht erfüllen, bleibt den Arbeitsuchenden oft keine andere Wahl, als sich in
informellen Siedlungen, in so genannten Slums, niederzulassen. Diese Siedlungen sind meist
im Selbstbau, durch nachbarschaftliche Netzwerke oder private Kleinfirmen illegal errichtet,
ohne Baurecht oder -vorschriften zu beachten (vgl. FASSMANN 2009, S. 169). Slums
konkret zu definieren ist nicht ganz einfach, dennoch gibt es Charakteristika, welche viele
informelle Siedlungen gemeinsam haben. So kann ein Slum angesehen werden als ein
„räumlich segregiertes Wohngebiet in städtischen Agglomerationen, das
bauliche Verfallserscheinungen, einen hohen Anteil an Arbeitslosen,
unvollständigen Familien und im informellen Sektor Tätigen aufweist,
vorwiegend von unteren und untersten Einkommensgruppen bewohnt wird und
sozial stigmatisiert wird“ (BRUNOTTE 2002, S. 231).
In Kenia leben 70,7 Prozent der Stadtbevölkerung in ca. 200 solcher Slums (vgl. UNEP 2008,
S. 198; die rasante Entwicklung der Slums von Nairobi wird exemplarisch an der Ausdehnung
des Slums Kibera deutlich, siehe Abb. 3), wo 250 Hütten auf der Fläche eines Hektars dicht
an dicht lokalisiert sind und 2000 Menschen auf einem Hektar leben, es kaum Zugang zu
Wasser und Strom gibt und es an Bildungseinrichtungen und dem Zugang zu medizinischer
Versorgung mangelt (vgl. UN-HABITAT 2003, S. 70). Über die Hälfte der Slumbewohner
Nairobis sind Kinder und Jugendliche (vgl. WEHRMANN 2008, S. 25).
2
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3
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Diese vielen Kinder sind gleichsam ihrer Kindheit beraubt. Sie leben in absoluter Armut ohne
ausreichende Ernährung, ohne Zugang zu Bildung und sauberem Trinkwasser, sanitären
Einrichtungen oder gar einer adäquaten Wohnung: „Kindheit ist für diese jungen Menschen
nichts weiter als ein leeres Wort – ein gesprochenes Versprechen“ (UNICEF 2005, S. 11).
Diese Kindheit in Armut bildet den Beginn eines Teufelskreises: Arme Kinder wachsen heran
zu armen Erwachsenen, welche ihre eigenen Kinder wiederum in Armut aufziehen.
Um
diesen
Kreislauf
zu
durchbrechen,
sollten
Jugendliche
ins
Zentrum
entwicklungspolitischen Interesses gerückt werden und sollte die Notwendigkeit erkannt
werden, „that youth-specific programmes must be designed, combining training in business
skills with intensive mentoring and access to financial services“ (KALLA/SILBERNAGEL
2010, S. 10).
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, ob eine berufsbezogene Grundbildung im
Rahmen der Primarschulausbildung Jugendliche befähigen kann, mit Hilfe eines Mikrokredits
den Weg in die Selbstständigkeit im informellen Sektor zu gehen. Es werden mögliche
Optionen vorgestellt, wie die Lebensbedingungen der Jugendlichen in den Slums von Nairobi
durch Zugang zu Mikrofinanzdienstleistungen und
Bildungsangeboten verbessert werden könnten.
Dabei handelt es sich um eine Überblicksarbeit,
nicht um eine detaillierte empirische Untersuchung.
Die
einzelnen
Anregungen
Kapitel
geben,
können
zu
den
also
jeweils
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2'3'.3+'.(14-.(*#$%&-./)0(1#
+'.(12'3(1#2.(.3#56
!"#$%&'$()*++,-.-&/
01'/'-"/$#234567889:;)<=)
jeweiligen
Themenbereichen weitere Hintergründe zu erforschen.
Da die vorliegende Arbeit von der „Modell-AG Rheinland-Pfalz“, einer von inWent
unterstützen Arbeitsgruppe zum Globalen Lernen (siehe dazu auch PETRI 2010), weiter
verwendet werden wird, ist das Ziel der Arbeit, insbesondere (Erdkunde-)Lehrern einen
unkomplizierten aber fundierten Einblick ins Themenfeld Mikrofinanzierung zu geben. Die
Bezüge zur Situation in Nairobi dienen zur konkreteren Veranschaulichung und bildet ein
Novum insofern, als ein Großteil der Sekundärliteratur zum Thema ausschließlich
theoretischer Natur ist und in den seltensten Fällen auf konkrete Raumbeispiele bezogen ist.
Konzipiert ist diese Arbeit als „Tandem-Arbeit“. Während der vorliegende Teil die
theoretischen, fachwissenschaftlichen Hintergründe zum Themenfeld Mikrofinanzierung
aufbereitet, stellt der Teil von Marcel Petri einen fachdidaktischen Bezug dar und erörtert das
Potenzial von Mikrokrediten als entwicklungspolitisches Thema im Erdkundeunterricht der
Sekundarstufe II im Kontext des Globalen Lernens (siehe PETRI 2010).
4
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1.2 Zum Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit ist in sechs wesentliche Abschnitte gegliedert. Nach der Einleitung
thematisiert Kapitel zwei unter dem Titel „Geberinteressen und Nehmerbedürfnisse – eine
Diskrepanz?“ die Zusammenhänge von Gebern und Nehmern im Bereich der internationalen
Entwicklungszusammenarbeit. Dabei wird sowohl auf die in jüngerer Zeit immer immenser
werdende Kritik an der Entwicklungshilfe bzw. Entwicklungszusammenarbeit (EH/EZ)
eingegangen, als auch auf den Unterschied zwischen Großprojekten, Budgethilfe und
kleinteiliger Hilfe. Als konkretes Beispiel des Lebensumfeldes der Nehmer, sozusagen also
die Bedarfsseite, werden verschiedene Kleinbetriebe im informellen Sektor Nairobis
vorgestellt.
Das folgende dritte Kapitel mit dem Titel „Mikrofinanzierung – Eckpunkte eines
Erfolgskonzepts“ zeigt Möglichkeiten auf, wie diese Kleinbetriebe mit wenig finanziellem
Aufwand adäquat gefördert werden können. In diesem Zusammenhang wird nach einem
kurzen Exkurs zu Finanzsystemen in Afrika auf das Konzept der Mikrofinanzierung
eingegangen.
Dabei
wird
zunächst
die
historische
Entwicklung
der
Idee
der
Mikrofinanzierung dargestellt, bevor detailliert Angebote und Akteure, aber auch die
Zielgruppe für diese Produkte und Programme beschrieben werden. Das letzte Unterkapitel
des dritten Kapitels geht auf die Zukunft der Mikrofinanzierung ein und thematisiert den
Forschungsstand bzw. -bedarf.
Das mit „Zur Wirkung von Mikrokrediten und Mikrofinanzierung“ überschriebene Kapitel
vier untersucht vertiefend die Wirkungen, welche von Mikrofinanzierung ausgehen können.
Dabei werden einerseits erfolgreiche Beispiele gegeben, welche die Wirkungsweise von
Mikrofinanzierung
näher
verdeutlichen
sollen,
andererseits
wird
das
kenianische
Mikrofinanzsystem näher dargestellt.
Im fünften Kapitel mit dem Titel „Mikrofinanzierung und Bildung“ wird das Thema
Mikrofinanzierung eingebettet in den für nachhaltige Entwicklung so bedeutsamen Bereich
der Bildung. Dabei wird die Dringlichkeit einer Kooperation von Akteuren im
Mikrofinanzbereich mit Akteuren des Bildungsbereichs herausgestellt.
Ein kurzes sechstes Kapitel unter dem Titel „Der Einfluss von Mikrofinanzierung auf die
Erreichung der MDGs“ ergreift nach der Betrachtung der konkreten Situation in Nairobi
nochmals eine breitere Ebene und bildet den Übergang zu einer kritischen Evaluation des
Mikrofinanzkonzepts im finalen siebten Kapitel, dem Schluss.
5
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Aus Gründen der Praktikabilität werden stets nur die Formen des Maskulinums genutzt.
Selbstverständlich sind auch die jeweiligen Feminina hinzu zu assoziieren. Abkürzungen
werden lediglich sehr dezent eingesetzt, die entsprechenden Bedeutungen sind dem
Abkürzungsverzeichnis auf Seite IV zu entnehmen.
Vereinzelt eingebaute „Infoboxen“ geben Hintergrundinformationen zu Themengebieten, die
nicht zum engeren Kreis Thema der vorliegenden Arbeit gehören.
Methodisch ist diese Arbeit das Ergebnis eines intensiven Literaturstudiums (siehe Kapitel
1.4) und der Resultate einiger Experteninterviews (siehe Kapitel 1.3), aber auch eigener
Erfahrungen, welche im Rahmen eines dreimonatigen Aufenthaltes in Kenia, Tansania und
Uganda im Frühjahr 2009 gesammelt werden konnten.
1.3. Experteninterviews
Ergänzend zum intensiven Studium der Sekundärliteratur und verschiedener Internetquellen
wurden im Rahmen der vorliegenden Arbeit verschiedene Experteninterviews geführt. Diese
Methode zu wählen bot sich insofern an, da der „Zugang zum sozialen Feld schwierig ist“
(BOGNER/MENZ 2009, S. 8), das heißt, dass empirische Erhebungen oder Interviews vor
Ort in Nairobi aus Zeitgründen – für das Verfassen von Staatsexamensarbeiten sind lediglich
vier Monate vorgesehen – nicht möglich waren. Das Ziel lag dabei darin, einen intensiveren
Einblick in das „Mikrofinanz-Geschäft“ zu erhalten und die in der Sekundärliteratur
dargebotenen Sichtweisen mit den Ergebnissen der Expertengespräche zu verifizieren. Dabei
wurde die Auswahl der Interviewpartner ganz bewusst so getroffen, dass Vertreter von im
Mikrofinanzwesen tätigen Akteuren aus ganz verschiedenen Richtungen zu Wort kommen,
damit ein möglichst objektives Bild entstehen kann. So war es möglich, die Aussagen von
Vertretern der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in Person von Mitarbeitern
des BMZ bzw. der GTZ als Durchführungsorganisation mit den Auffassungen von Vertretern
führender NGOs wie WorldVision zu vergleichen. Komplettiert wird der Kreis der
interviewten Akteure im Bereich Mikrofinanz durch die Meinungen eines Vertreters des
EZ/EH-kritischen
„Bonner
Aufrufs“
und
eines
Mitarbeiters
der
Europäischen
Investitionsbank, welche im Bereich MFIF tätig ist.
Zudem konnte es gelingen, zwei Mitarbeiter von in Nairobi tätigen MFIs via E-Mail zu
kontaktieren und zu interviewen, was einen konkreten Blick auf die Situation vor Ort erlaubt.
Die Interviewpartner mit einer Kurzfassung des Interviews und ihrer Organisationen werden
im Folgenden vorgestellt, während die ausführlichen Interviews im Anhang einzusehen sind
6
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ab Seite 199ff.). Stellenweise wird im Verlauf der Arbeit auf im Anhang nachzulesende
Interviewauszüge hingewiesen.
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Elf Jahre von der Sozialdemokratin Heidemarie Wieczorek-Zeul geleitet, übernahm 2009 der
FDP-Politiker Dirk Niebel die Leitung des Bundesministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Bonn. Das Ministerium ist der Ort, wo die
Grundlagen der deutschen Entwicklungspolitik erarbeitet werden. Im Sinne des Ministeriums
wird Entwicklungszusammenarbeit heute
als globale Struktur- und Friedenspolitik
verstanden. Sie soll helfen, Krisen und
Konflikte friedlich zu bewältigen. Knappe
Ressourcen sollen gerechter verteilt und die Umwelt auch für die nächsten Generationen
bewahrt werden. Zudem soll die Entwicklungszusammenarbeit einen wichtigen Beitrag
leisten, die weltweite Armut zu verringern.
In der Abteilung 1 „Zentrale Dienste, Zivilgesellschaft, Wirtschaft“ ist Kim Nguyen Van der
stellvertretende Leiter des Referats Wirtschaftspolitik; Finanzsektor, welches Mikrofinanzierung als einen Schwerpunktbereich seiner Arbeit benannt hat.
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH
Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH mit Sitz in
Eschborn
unterstützt
die
Bundesregierung
bei
der
Durchführung
ihrer
entwicklungspolitischen Zielsetzungen und setzt sich
international für eine nachhaltige Entwicklung ein.
Dem obersten Ziel verpflichtet, die Lebensbedingungen
der Menschen weltweit zu verbessern, arbeitet die GTZ
in 128 Ländern an zukunftsfähigen Lösungen für
politische, wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklungen, insbesondere in
Entwicklungs-, Schwellen- und Transformationsländern. Drei der knapp 15.000 Mitarbeiter
sind Imke Gilmer, Stephanie Hartmann und Achim Deuchert, welche sich mit den
Bereichen Mikrofinanzierung/informeller Sektor/Afrika befassen.
7
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Imke Gilmer, Diplom-Politologin mit Bachelor in International Business Administration,
arbeitet bei der GTZ im Sektorvorhaben Finanzsystementwicklung in der Abteilung
Wirtschaft und Beschäftigung.
Stephanie Hartmann studierte Philosophy and Economics und arbeitet bei der GTZ in der
Abteilung Wirtschaft und Beschäftigung im Sektorvorhaben Innovative Ansätze der
Privatwirtschaft.
Achim Deuchert arbeitet für das Programm „Making Finance Work for Africa“ im
Sektorvorhaben Finanzsystementwicklung.
Detailliert wird in diesem Interview auf die unterschiedlichen Entwicklungen im Bereich
Mikrofinanzierung eingegangen und werden mögliche Folgen und Auswirkungen dieser
Entwicklungen diskutiert. Auch die Frage, wie der informelle Sektor und dessen Bedeutung
bewertet werden sollen, wird angesprochen.
Der „Bonner Aufruf“
Kurt Gerhardt ist Mitinitiator des „Bonner Aufrufs“, der für eine grundlegende Änderung
der Entwicklungspolitik eintritt. Er arbeitete von 1968 bis Ende 2007 als Journalist im WDRHörfunk, zuletzt in Brüssel als Korrespondent für EU-Politik. 1983–1986 war er Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) im westafrikanischen Niger. Er
gehört zu den Mitbegründern der politischen Initiative „Grundbildung in der Dritten
Welt“ und des Vereins „Makaranta e.V.“ zur Förderung der Grundbildung in Afrika. Kurt
Gerhardt vertritt die Überzeugung, „dass innerhalb von zehn Jahren der Übergang zur
ausschließlichen Vergabe von Krediten geschehen muss. Hilfe müsste sozusagen verkauft
werden. Gratishilfe, Geschenke soll es nicht mehr geben“ (vgl. Seite 133). Er plädiert also für
eine radikale Änderung der derzeitigen Ausrichtung der EZ/EH. Schlüssel für eine
erfolgreiche Zukunft der Entwicklungsländer ist für ihn eine adäquate und qualitativ
hochwertige Bildung, welche Kinder und Jugendliche durchaus aus befähigen könne, nach
Absolvieren der Schule Mikrofinanz-Dienstleitungen in Anspruch zu nehmen. Eine drohende
Gefahr im Mikrofinanzwesen sieht er in der zunehmenden Überfinanzierung dieses Sektors:
„Es ist in der Geschichte der Entwicklungshilfe überall zu sehen, dass wenn etwas gut zu
laufen schien, dass dann von allen Seiten Geber kamen, die Kapital reinpulverten. Weil ja alle
Geber die Erfahrung haben, dass es enorm schwierig ist, in rentable und sich selbst tragende
Projekte zu investieren. Die wenigen wirklichen Blüten werden überdüngt. Dies ist auch bei
den Mikrokrediten so. Ich habe nie wirklich verstanden, warum man da von außen so viel
reininvestiert“ (vgl. Seite 133).
8
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Die Europäische Investitionsbank (EIB)
Die Europäische Investitionsbank mit Sitz in Luxembourg erhält ihr Kapital von den
Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und hat die Aufgabe, die Ziele der Europäischen
Union durch die langfristige Finanzierung tragfähiger
Investitionen zu fördern. Im Jahre 2009 wurden
103.898 Projekte mittels Darlehen, technische Hilfe,
Garantien oder Mikrofinanzierung unterstützt. Der
Großteil der Projekte liegt im Bereich Umwelt- und
Naturschutz, Nachhaltige Entwicklung, Energieversorgung, soziale Entwicklung und
zukunftsfähiger Wirtschaftsentwicklung. Im „Africa, Caribbean and Pacific Department“ der
EIB arbeitet der Ökonom Edvardas Bumsteinas als Investment Officer und betreut den
Bereich Mikrofinanzierung.
Er hebt besonders das enorme Zukunftspotenzial der Mikrofinanzierung hervor, sofern ein
ganzheitlicher und nachhaltig ausgerichteter Ansatz seitens der MFIs verfolgt werde. In
diesem Zusammenhang geht er auf die verschiedenen, seitens des EIB entwickelten und
finanzierten Fonds zur Unterstützung von MFIs ein.
WorldVision Institut/Deutscher Verband für angewandte Geographie e.V.
Dr.
Andreas
Spaeth
„Mikrofinanzierung“
des
arbeitet
in
der
WorldVision
Abteilung
Instituts
in
Friedrichsdorf. WorldVision ist eine weltweit tätige,
christlich geprägte NGO, welche sich insbesondere um
die
Zukunft
von
Kindern
und
Jugendlichen
in
Entwicklungsländern bemüht. Bevor er zu WorldVision
kam, arbeitete Dr. Andreas Spaeth knapp zehn Jahre bei
der GTZ in Nairobi in den Bereichen Mikrofinanzierung und Nahrungsmittelversorgung.
Von 2001 bis 2003 war er erster Vorsitzender des Deutschen Verbands für angewandte
Geographie e.V. Seit 2003 ist er Sprecher des Arbeitskreises Entwicklungszusammenarbeit in
diesem Verband.
9
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Riverbank Savings and Credit SACCO, Kenya
Eine in Nairobi tätige MFI ist Riverbank Savings and Credit, welche 2008 aus einer 2005
gegründeten Selbsthilfegruppe entstanden ist und derzeit einen Formalisierungsprozess
beschreitet, sich also in einem Zwischenstadium
befindet. Ziel von Riverbank Savings and Credit
ist
es,
arme
Menschen
zu
befähigen,
wirtschaftlich tätig zu werden und somit ein
investitionsfreundliches Umfeld zu schaffen. Das Gros der 5200 Kunden und Kreditnehmer
sind im informellen Sektor tätige Bewohner der Slums von Nairobi. Die durchschnittliche
Kredithöhe liegt bei umgerechnet 25,00 US-Dollar. Fabrizio Cavalazzi ist ein ehrenamtlicher
Mitarbeiter von Riverbank Savings and Credit. Er gibt insbesondere darüber Auskunft, dass
ein enormer Bedarf an Konsumkrediten besteht, da viele Menschen zwar ihren täglichen
Lebensunterhalt dank kleiner (Gelegenheits-)Jobs bestreiten können, sie aber nicht über
ausreichend Kapital verfügen, um notwendige Einmalausgaben oder -anschaffungen zu
tätigen. In diesen Fällen sei dann die Hilfe durch einen Mikrokredit oder die
Inanspruchnahme von Spareinlagen sehr sinnvoll. Ein notwendiger Schritt sei mittelfristig die
Senkung der hohen Zinsen von bis zu 36 Prozent, allerdings fehle es dafür derzeit an Kapital.
DISC – Donyo Integrated Sports Center, Kenya
Charlie Ochieng ist der Leiter des „DISC – Donyo Integrated Sports Center“, welches
vornehmlich im Slum Korogocho im Osten Nairobis arbeitet. 2009 mit finanzieller und
ideeller Hilfe von Freunden in den USA und von der Universität Trier gegründet, ist das
ursprüngliche Ziel dieser Organisation, junge Menschen mittels sportlicher und künstlerischer
Aktivitäten wie Fußball, Theater, usw. ihre Talente und Begabungen entdecken zu lassen und
ihnen Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu vermitteln. Der große Erfolg und Zuspruch
innerhalb nur eines Jahres ermutigte den Gründer und Leiter des Zentrums, Charlie Ochieng,
im Sommer 2010 ein eigenes Mikrofinanz-Programm zu starten. Zwei Gruppen junger Frauen
leiht das DISC-Zentrum das notwendige Startkapital, um eine kleine Bäckerei (Gruppe eins)
bzw. einen Obst- und Gemüsestand (Gruppe zwei) zu errichten.
10
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1.4 Sekundärliteratur
Dem Verfassen der vorliegenden Arbeit ging ein ausführliches Studium der Sekundärliteratur
voraus. Dabei ist anzumerken, dass sich die Literatur zum Themenfeld Mikrofinanzierung
durch Quantität auszeichnet, in vielen Fällen allerdings nicht durch Qualität. Aus einer Fülle
vornehmlich englischsprachiger Monographien, Sammelbände und Zeitschriftenaufsätze galt
es daher, zutreffende und für die inhaltliche Ausrichtung dieser Arbeit förderliche
Publikationen zu filtern. Insbesondere sind in diesem Zusammenhang die Sammelbände
„Microfinance. A Reader“, 2009 herausgegeben von David Hulme und Thankom Arun sowie
„Microfinance Investment Funds. Leveraging Private Capital for Economic Growth and
Poverty Reduction“, 2006 herausgegeben von Ingrid Matthäus-Maier und J. D. von Pischke
zu nennen, welche in von international renommierten Experten verfassten Beiträgen einen
breiten Überblick zum Thema bieten.
Im Bereich der Monographien ist die Publikation „Mikrofinanz in Entwicklungsländern –
Hilfe für die Armen? Eine normative Betrachtung.“ von Nike Lohmann aus dem Jahre 2009
zu nennen, welche das Themengebiet sehr ausführlich behandelt.
Fachaufsätze unterschieden sich zwischen rein finanzwissenschaftlich ausgerichteten
Abhandlungen, etwa im „Journal of Microfinance“ und einer Fülle eher populärwissenschaftlicher Beiträge. Während erstere aufgrund ihrer zu stark ins finanzwissenschaftliche Detail gehenden Ausrichtung für die vorliegende Arbeit eher unbrauchbar
erschienen, lag bei letzteren der Schwerpunkt häufig auf zu wenig fundierten „Erzählungen“
scheinbarer Erfolgsbeispiele aus dem Bereich Mikrokreditförderung. Es kommt hinzu, dass in
den wenigsten Fällen seriöse kritische Abhandlungen publiziert wurden. In diesem Bereich
sind aber die Aufsätze „Cent für Cent gegen die Armut. Das Geschäft auf Kredit.“ von Roman
Pletter, 2010 im Magazin „enorm“ erschienen und „Microfinance of Housing in African
Cities. A critical Review of Potential Risks and Side Effects.“ der Bayreuther Geographin
Beate Lohnert, 2008 erschienen „Trialog – Journal for Planning and Building in the Third
World.“ zu nennen.
Leider gibt es – mit Ausnahme des genannten Fachaufsatzes – zum Thema Mikrofinanz kaum
Publikationen aus dem geographischen Bereich, obwohl der Bedarf geographischer
Forschungen dringend besteht (siehe Kapitel 3.6.7). An verschiedenen Stellen der
vorliegenden Arbeit wurde dennoch versucht, geographische Bezüge herzustellen.
Publikationen aus dem stadt- und wirtschaftsgeographischen Bereich, aber auch aus dem
Bereich der geographischen Entwicklungsforschung der bekannten Geographen Frauke Kraas,
11
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Günter Mertins, Martin Coy, Fred Scholz, Eike W. Schamp, Harald Barthelt und Johannes
Glückler wurden in diesen Fällen zitiert.
Um die Situation vor Ort in Nairobi möglichst authentisch zu schildern, wurde neben eigenen
Erfahrungen insbesondere aus den Publikationen von Johannes Michael Nebe zitiert. Diese
fassen die Ergebnisse von Projektstudien zusammen, die in den vergangenen zehn Jahren von
der
Universität
Trier
im
Rahmen
des
„Afrika-Schwerpunktes“
der
Abteilung
Raumentwicklung und Landesplanung im Fachbereich VI – Geographie/Geowissenschaften
durchgeführt wurden. Diese Studien untersuchten die Lebensbedingungen in den Slums von
Nairobi jeweils mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, darunter Titel wie „Slum
Improvement for the Youth in Nairobi. Income Generating Activities – Needs, Prospects,
Experiences“ (2004), „Education in the Slums of Nairobi – Problems and Perspektives of
non-formal Schools“ (2007) oder „Safer Neighbourhoods in the Slums of Nairobi: Problems
and Challenges“ (2009). Ein guter Einblick in die konkrete Situation vor Ort wird in diesen
Publikationen gewehrt.
Es kommen einige online-Quellen und -Publikationen hinzu, welche insbesondere zur
Übernahme aktueller Daten hilfreich sind, darunter insbesondere der Microfinance
Information Exchange (MIXMARKET), welcher die umfassendste und aktuellste Sammlung
aktueller Daten zum Thema Mikrofinanzierung darstellt.
Wenngleich es zahlreiche Publikationen von Muhammad Yunus gibt, so wurde doch
größtenteils darauf verzichtet, diese zu zitieren, da Qualität und Realitätsbezug seiner
Ausführungen als sehr fragwürdig einzustufen sind.
12
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2
Entwicklungszusammenarbeit in der Kritik
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$'($3'*4&$56(78
2.1 Entwicklungszusammenarbeit in der Kritik
„Aid has helped make the poor poorer, and growth slower“ (MOYO 2009, S. XIX). Mit
drastischen Worten bringt die aus Sambia stammende Mitarbeiterin der Weltbank, Dambisa
Moyo, den seit einiger Zeit weltweit geführten Diskurs über den Sinn und die Effektivität
derzeitiger Entwicklungszusammenarbeit auf den Punkt. Einen detaillierten historischen
Abriss der Ausrichtung und Zielsetzung der EH/EZ der vergangenen 50 Jahre zu beschreiben,
würde an dieser Stelle zu weit führen. Entsprechende Ausführungen dazu sind in
IHNE/WILHELM 2006, S. 6–12, MOYO 2009, S. 10–28 oder NUSCHELER 2005, S. 76ff.
nachzulesen. Stattdessen soll der Fokus auf die Kritik an der Arbeitsweise der Entwicklungszusammenarbeit gelegt werden, welche in den letzten 30 Jahren stetig zunahm und auch
gegenwärtig die öffentliche Diskussion prägt.
Bereits 1985 beschrieb Brigitte Erler in ihrer Streitschrift „Tödliche Hilfe“ Wirkungen und
Nebenwirkungen der Entwicklungszusammenarbeit aus Sicht der Zielgruppe. Drastisch
formulierte sie: „Entwicklungshilfe schadet allen, denen sie angeblich nützen soll, ganzen
Ländern wie einzelnen Betroffenen. Sie muss deshalb sofort beendet werden (ERLER 1985,
S. 8). Kurt Gerhardt unterstrich diese Auffassung und forderte "Konsequenzen aus dem
Scheitern der öffentlichen Entwicklungshilfe in Afrika“ (GERHARDT 1988, S. 8).
Diese Sichtweise, die Forderung nach Einstellung der EH/EZ, wird nunmehr auch von denen
vertreten, die eigentlich von EH/EZ profitieren sollten. Es sind die jungen Afrikaner James
Shikwati (Ökonom aus Kenia) und die bereits zitierte Dambisa Moyo (siehe Infobox 1),
welche für ein Ende der EH/EZ eintreten. Shikwati führt aus, dass das etwa seit der
Jahrtausendwende stark zunehmende Engagement Chinas in Afrika zu der Erkenntnis über die
eigentlichen Absichten der Geberländer geführt habe. Während westliche Staaten ihre eigenen
Interessen mit Worten wie Demokratie und Good Governance verschleierten, sagten die
Chinesen geradeheraus, dass sie afrikanisches Öl wollten und dafür Geld brächten (vgl. FAZ
2007, S. 13). „Chinas Direktheit hat geholfen, das ganze Fiasko der Entwicklungshilfe
offenzulegen“ (ebd.) erklärt Shikwati. Resultierend aus dieser Erkenntnis kommuniziert er
offensiv die Forderung: „For God’s Sake, Please Stop the Aid!“ (SHIKWATI in SPIEGELONLINE 2005, S.1).
13
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
14
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
Diese Thesen aufgreifend werden gegenwärtig auch in Deutschland Stimmen immer lauter,
die nachdrücklich ein Umdenken der Akteure im Bereich EH/EZ fordern, welche „massiv in
Frage gestellt wird, als eine riesige ‚Industrie’, die wenig bewirkt“ (MÜLLER/KENNGOTT
2009, S. 24). Selbstkritisch, aber auch kritisch gegenüber der afrikanischen Haltung, fordern
Vertreter des „Bonner Aufrufs“ (siehe Infobox 2) ein Ende des von den Industriestaaten
etablierten „Bemutterungsnetzwerkes“ (GERHARDT 2010, S. 11) und von internationalen
Zielvorgaben, wie der Festlegung der Geberländer, 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes für
Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen (vgl. ebd.). Ausgehend von dieser Kritik
entwickelt sich nur langsam die Einsicht, dass die zementierte Vorstellung, nur die bei
Entwicklungsagenturen angestellten und hochbezahlten internationalen Experten wüssten am
besten, was Afrika und Afrikanern wirklich helfe, an der Realität vorbei geht. Vielmehr
bedarf es einer Hilfe zur Selbsthilfe, was auch Muhammad Yunus fordert: „The poor
themeselves can create a poverty-free world. All we have to do is to free them from the chains
that we have put around them“ (YUNUS 2007, S. 250).
Denn es stellt sich die Frage, was überhaupt unter Entwicklung zu verstehen ist bzw. was
Afrikaner bzw. Europäer unter Entwicklung verstehen. Definitorisch wird in der
Entwicklungsländerforschung von „wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung von
Entwicklungsländern“ (BRUNOTTE et al. 2001, S. 310) gesprochen. Diese sehr offene
Definition impliziert, dass es sich um einen normativen Begriff handelt, in den kollektive und
individuelle Vorstellungen von Werten und möglichen gesellschaftlichen Veränderungen
einfließen und das genaue Begriffsverständnis von der Sichtweise bzw. Bezugsgrundlage der
jeweiligen Kultur abhängt. Die westliche Welt definierte Entwicklung daher lange als
„anzustrebender
Prozess
des
Nachholens
und
letzten
Endes
Aufschließens
zum
Entwicklungsniveau der Industrieländer“ (ebd.). Neuere definitorische Ansätze lassen
allerdings eine Öffnung weg von rein ökonomischen Indikatoren erkennen, so sprechen
Nohlen/Nuscheler
von
einem
„magischen
Fünfeck
von
Entwick-
lung“ (NOHLEN/NUSCHELER 1993, S. 55), welches Wachstum, Arbeit, Gleichheit/
Gerechtigkeit, Partizipation und Unabhängigkeit/Eigenständigkeit (vgl. ebd) als Zieldimensionen von Entwicklung vorschlägt und damit explizit auch soziale Indikatoren
einschließt. Dennoch bleibt die Frage des Blickwinkels bzw. die Feststellung des offenbaren
Unvermögens der Akteure der westlichen Welt, einen Perspektivwechsel einzunehmen. Denn
die EH/EZ in ihrer bisherigen Form ist mit ihrem immensen Kapitaltransfer gekennzeichnet
von
einem
europäisch-amerikanischen
Entwicklungshilfe
über
Jahre
Verständnis
geprägt
durch
von
Entwicklung.
So
war
modernisierungstheoretische
15
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
16
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
Sichtweisen, die von einer nachhaltigen Wirkung einzelner Großprojekte auf die gesamte
Gesellschaft eines Entwicklungslandes ausgingen. Über aus diesen Leuchtturmprojekten
(beispielsweise der Bau eines Staudamms) resultierende Verteilungsprozesse sollten
gesellschaftliche Modernisierung und Wohlstand gleichsam automatisch entstehen. Dass diese
als „Trickle-Down-Effekt“ (COY 2005, S. 740), als „Strategie des Durchsickernlassens“ (KAPPEL 2006, S. 2) bezeichnete Theorie in der Praxis wirkungslos geblieben ist,
zeigt die Tatsache, dass die Realeinkommen in Afrika heute niedriger sind als noch 1970 und
nahezu die Hälfte aller weltweit statistisch gesehen armen Menschen (siehe Infobox 3) auf
dem afrikanischen Kontinent leben (vgl. MOYO 2009, S. 5).
17
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
Auch wenn gegenwärtig Abstand von den beschriebenen Großprojekten genommen wird und
die Entwicklungszusammenarbeit zum einen mehr sektorbezogen durchgeführt wird, zum
anderen aber auch Budgethilfe eine immer wichtiger werdende Rolle spielt (vgl. EBERLEI
2009, S. 165ff.), ist die EH/EZ nach wie vor auf den Transfer hoher Geldsummen in
Entwicklungsländer ausgerichtet. Dies jedoch geht vollkommen an den Bedürfnissen der
Empfängerländer vorbei. Aus denen, die eigentlich Partner sein sollten, werden so Bettler.
Jegliche Eigeninitiative wird zerstört. Ferner bildet zu hoher Kapitalfluss und eine
Ausweitung der Budgethilfe einen Nährboden für Korruption und Misswirtschaft. Kritiker
sprechen
in
diesem
Zusammenhang
gar
von
einem
„Verstoß
gegen
die
Menschenrechte“ (GERHARDT 2010, S. 11): „For decades, African states were offered or
even urged to accept loans to finance large-scale development projects. Many of those were
inappropriate to Africa’s needs or simply fronts for official corruption“ (MAATHAI 2009,
S. 49).
Um wirklich eine „Entwicklung“ zu ermöglichen, die einem Entwicklungsverständnis sowohl
von Geber- als auch Empfängerländern entspricht, müssen die Menschen vor Ort in den
Entwicklungsländern endlich ernst genommen werden, muss eine aktive Beteiligung selbiger
von aufrichtigem Interesse sein und muss das „Empowerment“, die Befähigung und
Ermutigung zur aktiven Teilhabe an Entscheidungsprozessen, im Zentrum jeglichen
entwicklungspolitischen Handelns stehen.
Warum es unterschiedliche Auffassungen zur Definition des Entwicklungs-Begriffes geben
mag und warum – gemessen an europäischen oder westlichen Verhältnissen – kleine Summen
eine viel nachhaltigere Wirkung induzieren können, wird aus einer Analyse der
Wirtschaftsstruktur in Entwicklungsländer deutlich, welche im folgenden Abschnitt
exemplarisch am Land Kenia dargestellt wird.
2.2 Bedürfnisse der Empfängerländer
2.2.1 Wirtschaftsstruktur und informeller Sektor
Weltweit arbeiten rund 1,8 Milliarden Menschen im Bereich informeller Ökonomie, im so
genannten informellen Sektor; dies sind mehr als 50 Prozent der global verfügbaren
Arbeitskräfte (vgl. KAPS 2009, S. 16). 700 Millionen dieser informellen Arbeiter leben von
weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag, sind statistisch gesehen trotz ihrer wirtschaftlichen
Tätigkeit arm (vgl. Infobox 3). Nicht zuletzt als eine Folge der aktuellen Wirtschafts- und
18
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
Finanzkrise wird davon ausgegangen, dass im Jahre 2020 rund zwei Drittel aller
Beschäftigten weltweit im informellen Sektor arbeiten werden.
Schätzungen gehen davon aus, dass in den Städten in Entwicklungsländern zwischen 40 und
70 Prozent aller Arbeitskräfte im informellen Sektor arbeiten (vgl. DICKEN 2007, S. 506),
die Dunkelziffer mag weitaus höher liegen, denn „measuring its size accurately is virtually
impossible“ (ebd.). Insbesondere der Anteil der im informellen Sektor Tätigen unter der in
Marginalvierteln lebenden Bevölkerung liegt bei über 75 Prozent (vgl. BÄHR/MERTINS
2000, S. 19). Es gibt Entwicklungsländer, deren Volkswirtschaften zu 90 Prozent durch
Informalität geprägt sind (GTZ 2009b, S. 28).
Definiert wird der informelle Sektor in verschiedenen Quellen in offener Weise:
„Inreasingly, ‚informal sector has been found to be an inadequate, if not misleading,
term to reflect these dynamic, heterogenous and complex aspects of a phenomenon
which is not, in fact, a ‚sector’ in the sense of a specific industry group of economic
activity. The term ‚informal economy’ has come to be widely used instead to
encompass the expanding and increasingly diverse group of workers and enterprises
in both rural and urban areas operating informally“ (ILO 2002, S. 2).
Gekennzeichnet ist diese besondere Form der Ökonomie durch Anbau und Verkauf von
Agrarerzeugnissen im ländlichen Raum und der Produktion und des Erzeugens und
Vertreibens von Waren und dem Anbieten von Dienstleistungen in städtischen Räumen (siehe
Abbildung 4). Charakteristisch sind geringe Eintrittschancen, das heißt nahezu jeder hat die
Möglichkeit, am Bereich informeller Ökonomie zu partizipieren. Zudem werden lokale
Ressourcen verwendet und in arbeitsintensiven Prozessen verarbeitet. Für die Arbeiter und
Händler, die häufig wechselnden Tätigkeiten nachgehen und teils illegal agieren, bestehen
keinerlei Versicherungsschutz oder Absicherungen jeglicher Art, wodurch sie gegenüber
unvorhersehbaren Ereignissen sehr anfällig werden (Vulnerabilität; siehe Kapitel 3.3.2) (vgl.
BMZ 1999, S. 2). Die Tatsache der Existenz und florierenden Entwicklung des informellen
Sektors resultiert aus der in den vergangenen 20 Jahren dramatische Ausmaße annehmenden
Land-Stadt-Migration in vielen Entwicklungsländern (siehe Abb. 2). Die Verschlechterung
klimatischer Bedingungen für Ackerbau und Landwirtschaft, mancherorts auch als Folge des
Klimawandels,
entziehen
manchen
Subsistenzbauern
die
Grundlage,
ausreichend
Nahrungsmittel anzubauen, um die eigene Familie zu ernähren. Arbeitsplätze in anderen als
dem primären Sektor sind im ländlichen Raum der Entwicklungsländer in der Regel rar.
Daher
entsteht
bei
vielen
Landbewohnern
die
Vorstellung,
dass
„die
(Über-)
Lebensbedingungen auf dem Land im Vergleich zur Stadt schlechter abschneiden“
19
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
Abb. 4: Die verschiedenen „Branchen“ der informellen Ökonomie.
Quelle: eigene Darstellung; Fotos: eigene Aufnahmen
(SCHMIDT-KALLERT/KREIBICH 2010, S. 1). Verschiedenen push-Fakoren, wie geringe
Einkommen in der Landwirtschaft, fehlendes Land für neue Bewirtschaftung und geringerer
Arbeitskräftebedarf aufgrund zunehmender Mechanisierung, stehen pull-Fakoren, wie der
Glaube, in der Stadt höhere Einkommen generieren zu können und Arbeit und Wohnraum zu
finden, gegenüber. Push- und pull-Faktoren verstärken gleichermaßen den Drang von
Landbewohnern, in Städte zu migrieren (vgl. IRPUD 2009, S. 17). Ein Teil der Migranten
verlegt den Wohnsitz komplett in die Stadt, während ein anderer Teil sich nur zu saisonalen
Arbeitsaufenthalten in der Stadt einfindet oder nur ein Familienmitglied im erwerbsfähigen
Alter in der Stadt versucht, Einkommen zu generieren, das er seiner Familie auf dem Land
schickt, die weiterhin im Bereich der Subsistenzlandwirtschaft tätig ist. Solche
„Multilokale[n] Haushalte“ (SCHMIDT-KALLERT/KREIBICH 2010, S. 1.) sind ein weit
verbreitetes Phänomen in Entwicklungsländern (vgl. Kapitel 1). Das Ausmaß der
Migrationsbewegungen ist derart groß, dass Migration als „one of the driving factors for
development“ (SCHMIDT-KALLERT 2009, S. 14) angesehen wird, insbesondere vor dem
Hintergrund, dass es sich um „migration from skilled labour from lagging to leading regions“
(ebd.) handelt. Neben allen negativen Auswirkungen, die sich als Folge starker
Migrationsströme für die Stadtentwicklung von (Mega-)Städten ergeben (siehe Abbildung 2),
20
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
darunter die Expansion informeller Bebauung, innerstädtische Fragmentierung, Überlastungserscheinungen und sozio-ökonomische Disparitäten (vgl. KRAAS 2007, S. 158) –
wird die räumliche Mobilität arbeitswilliger Bevölkerung durchaus auch positiv bewertet:
„Labour mobility and voluntary migration for economic gain are the human side of the
agglomeration story“ (WORLDBANK 2009, S. 158).
Die Hoffnungen der Migranten auf ein „besseres Leben“ erfüllen sich jedoch in den
wenigsten Fällen. Der Weg in die Stadt endet häufig in einer Wellblechhütte in einem
Marginalviertel oder Slum. Beispielsweise leben in der kenianischen Hauptstadt Nairobi rund
2 Millionen Menschen, über die Hälfte der Einwohner der Stadt, auf nur 5 Prozent der
Stadtfläche in Slumgebieten (vgl. AMNESTY INTERNATIONAL 2009, S. 3). Der
informelle Sektor bildet die ökonomische Basis der Überlebensstrategie eines Großteils dieser
Slumbewohner, welche die Vorzüge der informellen Ökonomie zu nutzen wissen und zu ihrer
Ausgestaltung als „a floating, kaleidoscopic phenomenon, continually changing in response to
shifting circumstances and opportunities“ (DICKEN 2007, S. 506) beitragen.
Den informellen Sektor lediglich als Lösung aufgrund mangelnder Alternativen, insbesondere
von Migranten, zu sehen, wird der komplexen Gesamtsituation allerdings nicht in vollem
Umfang gerecht. Denn die Entscheidung, eine Arbeit im informellen Sektor aufzunehmen und
in diesem ökonomischen Bereich Einkommen und Lebensunterhalt zu verdienen, kann auch
ganz bewusst getroffen werden, denn es ist durchaus möglich, dass der informelle Sektor
„offers potential earnings above those in the formal economy“ (BILES 2008, S. 544). Wie im
folgenden Unterkapitel deutlich wird, sind auch die mittels informeller ökonomischer
Aktivitäten erzielten Löhne nicht besonders hoch. Aber die Löhne, welche für internationale
Großkonzerne arbeitende Fabriken in Entwicklungsländern zahlen, liegen oftmals noch unter
den kargen Löhnen des informellen Sektors, wie das Beispiel der Flower Farms in Kenia zeigt
(siehe Infobox 4). Daraus resultiert, dass einige Arbeiter die Informalität als „refuge against
the depredations of the free market“ (ebd.) erkennen. Sehr heterogene Bevölkerungsgruppen
nehmen daher bewusst eine der für den informellen Sektor typischen Arbeiten auf, wie sie im
Folgenden vorgestellt werden.
21
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22
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HN&)*$)7+(O:(1N%NPQ
23
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
2.2.2. Rolle und Bedeutung von Kleinbetrieben im informellen Sektor
Die Unternehmensstruktur im informellen Sektor ist geprägt durch eine Vielzahl von
Mikrounternehmen, „kleine[n] oder kleinste[n] Unternehmen, in denen der ‚Unternehmer’
entweder allein, mit wenigen Familienmitgliedern oder mit einigen, seiner Familie nahe
stehenden Arbeitskräften arbeitet“ (SCHAMP 2001, S. 399). Charakteristisch für diese
Kleinunternehmen ist, dass Wohn- und Arbeitsstätte häufig identisch sind und eine nur
geringe
betriebsinterne
Arbeitsteilung
besteht.
Sie
zählen
zum
Bereich
der
„Überlebensökonomie“ (ebd.), da selten mehr Einkommen erzielt wird, als für den
Grundbedarf der Unternehmerfamilie notwendig ist.
Wenngleich Nairobi als wichtigstes Handelszentrum Ostafrikas im Bereich formeller
Ökonomie durch Nahrungsmittel- und Textilindustrie sowie Betrieben der Metallverarbeitung
gekennzeichnet ist, prägen insbesondere unzählige Klein- und Kleinstunternehmener das
Stadtbild, denn „Schlüsselpositionen in der Wirtschaft haben weiterhin die asiatischen und
europäischen Eliten. Eine Partizipation der Afrikaner im großen Stil findet nicht statt“
(GROBER 2002, S. 13). Es bleibt für die einheimische Bevölkerung also die
Selbstständigkeit im informellen Sektor.
2.2.2.1 Beispiele aus den Slums von Nairobi für
„income-generating-activities“
Die von den zahlreichen Mikrounternehmern verrichteten Tätigkeiten, die sich durch ein
hohes Maß an Kreativität auszeichnen, werden als „income-generating-activities“ bezeichnet,
als Möglichkeiten um Geld zu verdienen, mit dem Ziel, die eigene Familie ernähren zu
können (vgl. CHRIST/EBERTH 2010, S. 1). Beispiele aus den Slums von Nairobi zeigen die
große Vielfalt und Kreativität, welche die Slum-Bewohner entwickeln, um das tägliche
Überleben zu sichern. Jacob, ein 30-jähriger Bewohner des Slums Mathare im Osten Nairobis,
entdeckte einst sein Talent zum Malen und Zeichnen und machte sich in diesem Bereich
selbstständig. In einer kleinen Wellblechhütte bietet er seine Kunstwerke zum Verkauf an
(siehe Abbildung 5). Seine Kundenkreise erschließt er im Wesentlichen durch Empfehlungen
anderer Kunden, aber leider ist „the market for art […] very small in Kenya, partly because
there is a laking power to purchase such things as expansive art items“ (NEBE 2004, S. 52).
Die meisten seiner Nachbarn und Mitmenschen in den Slumgebieten sind selbst finanziell
24
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
gesehen sehr arm und können sich seine Kunstwerke
nicht leisten. Sein Ziel ist es daher, über eine eigene
Internetpräsenz neue Kunden gewinnen und seine Werke
auf den Souvenirmärkten in den Touristenzentren
anbieten zu können. Doch allein für den Transport zu
diesen Märkten und die Verkaufsgebühr fehlt ihm das
Geld. Um sein Einkommen dennoch zu stabilisieren,
bietet er regelmäßig am Wochenende Workshops an, um
Kindern und Jugendlichen das Zeichnen beizubringen.
So gelingt es ihm, ein durchschnittliches Monatseinkommen von umgerechnet ca. 80,00 Euro zu
generieren.
Eine ähnliche Begabung hat Hiuhu, der wenige Gassen
weiter im Slum Mathare einen kleinen „Art Point“
betreibt, wo er Schmuck verkauft, den er selbst herstellt.
Da neue Materialien sehr teuer sind, verarbeitet er auch
Gebrauchsgegenstände wie Kronkorken zu Schmuckstücken um oder knüpft Halsketten aus gepresstem
Papier. Wenngleich auch er rund 80,00 Euro monatlich
verdient, besteht bei ihm ebenso der Wunsch nach einem
Abb. 5: Deutsche Studenten
in Jacobs „Art Shop“ im Slum
Mathare.
Foto: eigene Aufnahme
Standort, wo kaufkräftigere Kundschaft bedient werden
kann.
Kreativ ist auch das „Wikyo Akala
Project“
im
Slum
Kariobangi,
welches es sich zur Aufgabe gemacht
hat, Ökosandalen und Ökospielzeug
herzustellen. Aus dem Gummi alter
Autoreifen
werden
und
Schuhe
Bananenblättern
und
Fußbälle
fabriziert (siehe Abbildung 6). Dank
Abb. 6: Robuste Sandalen aus alten Autoreifen.
Hergestellt vom „Wikyo Akala Project“ im Slum
Kariobangi.
Foto: eigene Aufnahme
der Möglichkeiten des Internets ist es
dem kleinen Unternehmen gelungen,
seine Produkte weltweit über die
Webseite www.ecosandals.com zu
25
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
verkaufen. Ab 34,00 US-Dollar sind die Schuhe auf dem Weltmarkt erhältlich, 5,00 Euro
kosten sie auf den lokalen Märkten in Kenia. Der Erfolg des Unternehmens und die hohe
Nachfrage nach den Produkten machte es möglich, über 25 Kenianer im „Wikyo Akala
Project“ zu beschäftigen (vgl. ECOSANDALS 2010).
Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, hat Richard im Slum Korogocho einen kleinen
Fahrradverleih etabliert. Für 0,02 Euro verleiht er Fahrräder an Kinder und Erwachsene und
erzielt damit einen Verdienst von rund 1,00 Euro am Tag. Mit weiterem Kapital könnte er
sein kleines Unternehmen um eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder erweitern, wodurch er
mehr Einnahmen erzielen könnte.
Im unweit von Korogocho entfernten Slum Kariobangi leben und arbeiten die Dienstleister
Joseph und Kenneth. Ähnlich wie Richard verdienen auch sie etwa 1,00 Euro am Tag, durch
das Waschen von Autos. Leider schwankt der Verdienst stark, da die notwendige Ressource –
Wasser – fehlt: „One of the biggest problems ist a lack of access to water. They are forced to
buy it, which costs a lot of more money than getting it out of a public pipe” (NEBE 2004, S.
59). Ihr Ziel ist es, mittelfristig mit anderen Kleinunternehmern Netzwerke zu schließen und
dieses Problem zu lösen, zum Beispiel durch die Anschaffung eines großen gemeinsamen
Wassertanks.
Neben Dienstleistern verdienen zahlreiche Menschen in den Slumgebieten ein bescheidenes
Einkommen im Handwerk. Rafael und John betreiben kleine Tischlereien im Slum Mathare
(siehe Abbildung 7). Sie stellen Möbel, insbesondere Betten und Sessel, her. Die Herstellung
dieser Waren ist sehr aufwändig, da es an modernen Maschinen und Materialien fehlt und es
an einem Zugang zu Elektrizität mangelt. Auch der Zugang zu zahlungsfähiger Kundschaft
bereitet Umstände, denn „actually is enough interest for their products, but the local
customers do not have enough money to buy from them“ (NEBE 2004, S. 62). Daher
versuchen sie, ihre fertigen Produkte in Spezialgeschäften im Stadtzentrum zu verkaufen. Da
sie keinen eigenen Wagen haben, müssen sie die Möbel mittels öffentlichen Verkehrs ins ca.
10 km entfernte Stadtzentrum bringen, was gleichermaßen aufwändig wie teuer ist. Am Ende
des Monats bleibt ein Gewinn von 50,00 Euro, von dem allerdings bis zu fünf Mitarbeiter
bezahlt werden müssen, so dass „their profit is almost none, because every shilling goes into
either his new materials or their own survival“ (NEBE 2004, S. 64).
Da es in den informellen Siedlungsgebieten Nairobis keine offizielle Müllentsorgung gibt,
haben sich 35 Jugendliche in Mathare zur Gruppe „Extreme Impact“ zusammengeschlossen
und machen es sich zur Aufgabe, gegen Gebühr den Müll von Haushalten und
Kleinunternehmern zu sammeln (siehe Abbildung 8). Rund 400 Haushalte gehören zum
26
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
Abb. 7: Die Tischlerei von Rafael und John im Slum Mathare.
Foto: eigene Aufnahme
festen Kundenkreis der Jugendgruppe. Jeder Haushalt zahlt ca. 1,00 Euro pro Monat für den
Service der wöchentlich zweimaligen Müllentsorgung. Dadurch ist es möglich, dass jedes
Mitglied der Gruppe rund 15,00 Euro im Monat verdient. Auch Anne macht sich die Arbeit
der Jugendlichen zu Nutzen, denn sie sortiert den gesammelten Müll und verkauft
Wiederverwertbares an Handwerker und Unternehmen, wodurch sie rund 50,00 Euro im
Monat verdient, was allerdings kaum ausreichend ist, um ihre acht Kinder zu versorgen (vgl.
NEBE 2004, S. 72 f.).
Während Männer vornehmlich im handwerklichen Bereich tätig sind, finden Frauen vielfach
im Handel Betätigung. Insbesondere der Verkauf von Obst und Gemüse ist elementar, da in
den Slums nirgends die Möglichkeit besteht, Nahrungsmittel anzubauen und diese daher jeder
käuflich erwerben muss. Frauen wie Lydia und Wangari sind es, die sich im Morgengrauen zu
Fuß auf den Weg zum ca. 10 km entfernt von den im Osten Nairobis gelegenen Slums
lokalisierten Großmarkt machen, um frische Ware einzukaufen. Zur Mittagszeit wieder
zurück im Slum verkaufen sie Obst und Gemüse an kleinen Ständen am Wegesrand (siehe
Abbildung 9). Lydia, die ihren Stand am Hauptzugangsweg zum Slum Mathare North hat,
berichtet, dass der Umsatz zwar bei rund 2,00 Euro pro Tag liege, ihr Gewinn aber nur etwa
27
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
0,40 Euro betrage, da sie den
größten Teil des Umsatzes am
Folgetag dazu aufwenden müsse,
um
wieder
Großmarkt
neue
zu
Ware
kaufen
am
(vgl.
CHRIST/EBERTH 2010, S. 1).
Unweit von Lydias Gemüsestand
betreibt Steve eine kleine Bar, wo
er neben Getränken auch landestypisches Essen anbietet. Wenn er
Abb. 8: Mwalo, einer der Mitglieder der Gruppe
„Extreme Impact“.
Foto: eigene Aufnahme
40 bis 50 Kunden pro Tag bedient,
kann er einen Tagesgewinn von
1,50 Euro erzielen. Doch nicht
immer kommen ausreichend Kunden in seine Bar und bevorzugen die Konkurrenz. Hätte er
etwas Kapital, würde Steve sich einen Kühlschrank kaufen, um gekühlte Getränke anbieten zu
können und einen Fernseher anschaffen, „which attracts more customers“ (NEBE 2004,
S. 95). Weiterhin überlegt er, Computer anzuschaffen und ein kleines Internetcafé zu
eröffnen, was allerdings einen Zugang zu mehr Kapital voraussetzt.
Neben den vorgestellten Beispielen gibt es Kleinunternehmer in zahlreichen weiteren
Bereichen (siehe Abbildung 4). Allen gemeinsam sind die Probleme der schwankenden
Einkommen, die im Wesentlichen durch Wettereinflüsse bedingt sind. Denn die meisten
Kleinunternehmer, egal ob Handwerker oder Dienstleister, arbeiten im Freien, da ihnen das
Geld zum Errichten einer Hütte oder eines Unterstandes fehlt. Insbesondere in der Regenzeit
können die Bodenverhältnisse der unbefestigten Wege in den Slumgebieten derart schlecht
werden, dass es weder den Unternehmern gelingt, neue Ware zu beschaffen, noch der
Kundschaft, die Händler aufzusuchen, um etwas zu kaufen. Aber auch im Sommer kann die
Sonne derart stark scheinen und die Hitze so unerträglich werden, dass die Arbeit für einige
Zeit unterbrochen werden muss.
Diese realen Beispiele aus den Slums von Nairobi machen deutlich, dass die
Einkommensbasis eines Großteils der Kleinunternehmer durch eine jeweils geringe
Kapitalmenge deutlich verbessert werden könnte. Wie in Kapital 2.1 erwähnt, bedarf es also
nicht millionenschwerer Zuwendungen und von außen diktierter Strukturanpassungsprogramme, ein „big-push-Ansatz“ (KAPPEL 2006, S. 2) ist vollkommen verfehlt, sondern
28
9:;<=;<>3:?>@A=?>-B:CD>E-3FGC-F>-HI<3:>JE#>-3D:FG>-:-3>-KDE9KL=--C:<=M:
kleine Beträge auf der Basis
nationaler „Poverty Reduction
Strategy
Papers“
breitenwirksames
ermöglichen
können
Wachstum
und
die
Lebenssituation des Einzelnen
nachhaltig verbessern („propoor-growth“) (vgl. ebd). Vor
diesem Hintergrund erscheinen
Mikrokredite,
welche
im
folgenden Kapitel vorgestellt
werden, als probates Mittel, um
Menschen in Entwicklungsländern direkt zu unterstützen.
So könnte sich Steve dank der
Hilfe durch einen Mikrokredit
einen Kühlschrank kaufen und
Richard Werkzeug, um eine
Fahrradwerkstatt zu eröffnen.
Dank
des
Einkommens
verbesserten
würden
die
Kleinunternehmer auch deutlich über die Armutsgrenze
gehoben,
denn
wie
Abb. 9: Lydia verkauft „Sukuma Wiki“, typisches
kenianisches Gemüse, an ihrem Verkaufsstand im Slum
Mathare North.
Foto: eigene Aufnahme
die
dargestellten Beispiele zeigten, leben viele von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag.
29
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01&2.*&3-#-%*-4#0')(5/4&(*,-234#
3.1 F inanzsysteme in A frika
Ein gut funktionierendes und stabiles Finanzsystem bildet die Grundlage zum Aufbau
leistungsfähiger Wirtschaftssysteme. Während in Industrieländern bereits sehr leistungsfähige
Finanzsysteme etabliert wurden, besteht in Entwicklungsländern in diesem Bereich
erheblicher Nachholbedarf. Insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass der Aufbau eines
Finanzsystems eine wesentliche Basis für Entwicklung vieler anderer Bereiche bildet. Lokale
Finanzsysteme schaffen erst die Möglichkeit zur Geldschöpfung und zum Aufbau von
Kreditvergabesystemen. Zudem werden kapitalmarktbezogene Risiken einerseits diversifiziert
und können andererseits gesteuert oder gar kontrolliert werden. Von besonderer Bedeutung ist
die Abwicklung des nationalen und internationalen Zahlungsverkehrs über das jeweilige
lokale Finanzsystem, was von immenser Wichtigkeit für die regionale Wirtschaftsentwicklung ist. Während lange Zeit Finanzdienstleistungen in Entwicklungsländern sehr
einseitig ausgerichtet waren, im Sinne einseitiger Förderung bestimmter Zielgruppen über
spezielle Entwicklungsbanken mit mäßigem Erfolg, rückt aktuell eine ganzheitlichere
Sichtweise ins Zentrum des entwicklungspolitischen Diskurses, dergestalt dass eine Stärkung
der Stabilität und Leistungsfähigkeit ganzer Finanzsysteme erreicht werden soll (vgl. BMZ
2004, S. 7). Die Notwendigkeit wird in der Tatsache deutlich, dass lediglich eine Milliarde
Menschen weltweit ein Bankkonto haben (vgl. CGAP 2008, S. 14). Generelle Problematiken
bezüglich der Finanzsysteme Afrikas sind in Abbildung 10 dargestellt.
Übergreifend muss ein Finanzsystem auch das Sparen und Investieren in nationaler Währung
fördern. Dazu bedarf es transparenter politischer Rahmenbedingungen und wirksamer
Aufsichtsmechanismen, letztlich einer solide arbeitenden Zentralbank, welche versucht, ein
Mindestmaß an Preisstabilität zu gewährleisten und hohe Inflationsraten zu vermeiden.
In vielen afrikanischen Ländern ist ein Großteil der Bevölkerung nicht hinreichend vertraut
mit dem Bankenwesen, es fehlt an Wissen, an finanzieller %LOGXQJ Ä0DQ\ ORZ LQFRPH
KRXVHKROGV DUH UHOXFWDQW WR XVH ILQDQFLDO VHUYLFHV HYHQ ZKHQ WKH\ KDYH DFFHVV WR WKHP³
(MICROFINANCE OPPORTUNITIES 2009, S. 16). Lediglich drei bis sechs Prozent der
Gesamtbevölkerung Afrikas partizipieren an Mikrofinanz-Programmen (vgl. GIESBERT
2008, S. 3).
30
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A bb. 10: Problembereiche afrikanischer Finanzsysteme.
Quelle: eigene Darstellung nach BMZ 2004, S. 8.
Fotos: eigene Aufnamhen
F inanzierungslücke im Bereich K leinst-,
K leiner- und M ittelunternehmen
(MSM E-F inancing G ap)
Händlerin in
Kibera
Schwieriger Kreditzugang für diese
gerade im Bereich informeller Ökonomie
so wichtige Erwerbstätigengruppe
Umweltfinanzierungslücke
(E nvironmental F inancing G ap)
Häufig fehlt es an angemessenen
Investitionsfinanzierungen für
Umweltschutztechnologien und
schonende Produktionstechnologien
mit der Konsequenz negativer Folgen
für die Umwelt
Dieselkraftwerk auf der Insel Lamu/Kenia
Defizite in der ländlichen F inanzierung
(Rural F inance G ap)
Vielfach ungenügender Zugang
ländlicher Betriebe zu Finanzdienstleistungen aufgrund spezieller
Risiken im Agrarbereich (Wetterund Umwelteinflüsse) und
hoher Transaktionskosten
Subsistenzbauern
bei Rongai/Kenia
Defizite in der F inanzierung
dezentraler G ebietskörperschaften
Sollen Kommunen im Rahmen von
Dezentralisierungsprogrammen
Aufgaben der lokalen Infrastrukturentwicklung übernehmen, bedarf es
einer partiellen Finanzhoheit und einem
angemessenen Zugang zu Finanzierungen.
Nyayo-House,
zentrale Verwaltungsbehörde in
Kenia
llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll
llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll
31
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3.2 Überblick der historischen E ntwicklung der Idee der
M ik rofinanzierung
Wenngleich die öffentliche Diskussion über Mikrofinanzierung stets durch die Assoziation
mit dem Namen Muhammad Yunus geprägt ist, so ist es ± wenn es gilt, die historische
Entwicklung des Gedankens der Mikrofinanzierung zu thematisieren ± durchaus lohnenswert,
einen ersten Blick nicht etwa nach Bangladesh, <XQXV¶ +HLPDWODQG sondern vielmehr nach
Deutschland zu richten. Denn im Kontext der Industrialisierung im 19. Jahrhundert war eine
Entwicklung der erwerbstätigen Bevölkerung weg von Tätigkeiten in der (Subsistenz-)
Landwirtschaft, hin zu Arbeit im sekundären Sektor, zu beobachten. Bei allen damit
einhergehenden
Problemen,
besondere
sozialen
im
insBereich,
bedeutete die industrielle Revolution
und die Einführung der Gewerbefreiheit
für die Menschen aber auch ein höheres
Maß an wirtschaftlicher Freizügigkeit
und
Eigenständigkeit
(vgl.
LANG-
KAMP 2005, S. 24). Zu dieser Zeit
waren es Friedrich Wilhelm Raiffeisen
A bb. 11: Friedrich Wilhelm Raiffeisen (links)
und Hermann Schulze-Delitzsch (rechts)
Foto: ZEIT-ONLINE 2010
und Hermann Schulze-Delitzsch, ZHOFKH PLW GHP ÄFlammersfelder Hülfsverein³ GHP
Ä+HGGHVGRUIHU 'DUOHKHQVYHUHLQ³ XQG GHP Ä(LOHQEXUJHU 9RUVFKXVVYHUHLQ³ genossenschaftliche Selbsthilfeeinrichtungen für Bauern und Gewerbetreibende gründeten,
woraus sich in der Folge die ersten Volks- und Raiffeisenbanken entwickelten (vgl.
SÜTTERLIN 2007, S. 42f.). Diese lokal gebundenen Institute nahmen Spareinlagen entgegen
XQGYHUPLWWHOWHQ.OHLQNUHGLWHÄVLHJHK|UWHQGDPLW]XGHQHUVWHQ0LNURILQDQ]LQVtitutionen der
:HOW³/$1*.$036'DVFKDUDNWHULVWLVFKHDQGLHVHU(QWZLFNlung und bis heute
nachwirkende ist die Verbindung von sozialer Verantwortung und erfolgreichem Wirtschaften ± eine Konstellation, die auch für die moderne Struktur der Mikrofinanzierung gilt.
Mikrofinanzierung, wie sie heute verstanden wird, geht auf die 60er und 70er Jahre des
20. Jahrhunderts zurück. Hintergrund war die Tatsache, dass es ± wie bereits in Kapitel 3.1
erwähnt ± vielen Entwicklungsbanken nicht gelang, die Masse der Bevölkerung in
Entwicklungsländern zu erreichen. Diese Sachlage wahrnehmend, gründete der aus
Bangladesh stammende Ökonomie-Professor Muhammad Yunus 1976 aus Eigenmitteln die
Grameen-%DQNHLQHÄ%DQNIUGLH$UPHQ³<81866XQGgilt seither als Pionier
32
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der modernen Mikrofinanzierung (siehe Infoboxen 5 und 6). 'HU (UIROJ GHV \XQXV¶VFKHQ
Unternehmens stieß eine rasante Entwicklung ab Mitte der 1980er Jahre an, in deren Kontext
weltweit zahlreiche Mikrofinanz-Institutionen (MFIs) entstanden, welche Kleinkredite an
arme Menschen vergeben (vgl. HAUPT 2005, S. 5). Ähnlich der Volks- und
Raiffeisenbanken in Deutschland handelt es sich auch bei MFIs um Institutionen, welche ihre
Ä%DQNJHVFKlIWHPLWHLQHPVR]LDOHQ$XIWUDJ>[email protected]³.$PS 2009, S. 26). Doch warum
bedurfte es neuer Organisationen, warum wollten etablierte Banken keine Kredite mit nur
geringem
Finanzvolumen
an
bisher
unerreichte
Kundenkreise
vergeben?
Zum einen waren es die damals noch nahezu überall bestehenden Zinsbeschränkungen, die es
privaten Banken nicht erlaubt hätten, Kapitaltransfer kostendeckend zu gestalten (vgl.
SCHMIDT 2008, S. 99). Zum anderen bestanden weder ausreichende Infrastruktur noch
intensive Kontakte, dergestalt, dass die Banken die betreffenden Zielgruppen, insbesondere in
den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer, hätten erreichen können. Zudem existierten
33
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34
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ideelle Hürden, denn Banken siedelten sich immer in wohlhabenderen Stadtvierteln an. In
%H]XJDXIDUPH0HQVFKHQEHVWDQGHLQHÄVR]LDOH'LVWDQ]³/2+0$116XQGHV
KHUUVFKWH GHU *ODXEH YRU ÄWKDt microfinance cannot be profitable for banking
LQVWLWXWLRQV³52%,16216Zusammenfassend schieQHQÄEDQNVUHOXFWDQWWROHQG
because it is difficult to identify the truly reliable boUURZHUV WR WKHQ PRQLWRU ERUURZHUV¶
EHKDYLRXUVDQGLIQHHGHGWRLPSOHPHQWHIIHFWLYHSXQLVKPHQWV´025'8&+6
Die sich seit den 1980er Jahren etablierenden MFIs schufen in diesem Bereich Abhilfe und
eröffneten eine Möglichkeit für Arme, Kredite aufzunehmen. Der große Erfolg machte
deutlich, dass auch und gerade arme 0HQVFKHQ ÄEDQNDEOH³ &+5,67(16(1 HW DO S. 18), ja kreditwürdig, sind. Innerhalb dreier Jahrzehnte nahm der Mikrofinanzmarkt eine
derart rasante Entwicklung, dass er heute zu einem festen Teil des Finanzwesens geworden ist,
ÄGHUVRZRKOKLQVLFKWOLFKGHV)LQDQ]UDKPHQVDOVDXFKVHLQHUHQWZLFNOXQJVSROLWLVFKHQ(IIHNWH
NHLQH5DQGHUVFKHLQXQJPHKUGDUVWHOOW³6&+0,'76
Mit der Würdigung der Grameen-Bank (siehe Infobox 6) und deren Gründer Muhammad
Yunus (siehe Infobox 5) durch den vom schwedischen Nobelpreiskomitee vergebenen
Friedensnobelpreis im Jahre 2006, welcher diejenigen auszeichnet, die ÄLPYHUJDQJHQHQ-DKU
der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben³ (THE NORWEGIAN NOBEL
INSTITUTE 2010, S. 1), erfuhr der Diskurs zum Thema Mikrofinanzierung einen derartigen
Schub, GDVVKHXWHEHUHLWVYRQÄ0DLQVWUHDP0LFURILQDQFH³*/$8%,77 et al. 2006, S. 213)
gesprochen wird.
Je größer der Erfolg einer Sache, desto größer ist häufig auch die geäußerte Kritik ± so auch
im Bereich Mikrofinanzierung. Die folgenden Abhandlungen sollen den aktuellen kritischen
Diskurs zum Thema verdeutlichen.
35
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3.3 A ngebote im Bereich M ik rofinanzierung
ͣDŝŬƌŽĨŝŶĂŶnjĞŶ͕ĚĂƐŝƐƚŬĞŝŶ^ŽnjŝĂ52'(/'+LL"#:+4#%43#-%*#H-41MN)3O#P+4#Q-M-''41M3#4-%*#R%55O#
ǁĞŶŶĞƐŶĂĐŚŚĂůƚŝŐĨƵŶŬƚŝŽŶŝĞƌĞŶƐŽůů͞'ĂďƌŝĞůĂƌĂƵŶ͕'d#
S,%3%3-'3#*+1M#7TDA08#UVVWO#I"#XYZ"#
Eine diversifizierte Angebotspalette zeichnet Mikrofinanzierung aus (siehe Abbildung 12).
Neben dem bekanntesten Bereich, der Vergabe von Mikrokrediten, zählen auch
Mikroversicherungen, Spareinlagen und Möglichkeiten zum Kapitaltransfer dazu. Während
Mikrokredite und Spareinlagen zu den ersten und ursprünglichen Instrumenten der
Mikrofinanzierung gehören, wurden Mikroversicherungen und Finanztransaktionen erst in
den letzten Jahren ins Angebotsportfolio der MFIs aufgenommen.
A bb. 12: Die diversifizierte Angebotspalette der Mikrofinanzierung.
Quelle: eigene Darstellung
36
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3.3.1 M ik rok redite
0LNURNUHGLWHZHUGHQGHILQLHUWDOVÄNXU]IULVWLJH.OHLQNUHGLWHGLHDQKRFKIOH[LEOH.XQGHQPLW
einer vielversprechenden Geschäftsidee für produktive Zwecke vergeben werden und
P|JOLFKVW $UEHLWVSOlW]H VFKDIIHQ³ .$36 6 Anders als bei herkömmlichen
Krediten bedarf es keiner Sicherheiten.
Je nach Anbieter und Programmart unterscheiden sich Gruppenkredite und Kredite an
Einzelpersonen. Während Gruppenkredite ein Volumen von 50,00 ± 100,00 Euro betragen,
werden letztere bis zu einer Kredithöhe von 1000,00 Euro vergeben (vgl. LOHMANN 2009,
S. 113). Die durchschnittliche Kredithöhe weltweit liegt bei 525,00 US-Dollar (vgl.
WORLDWATCH 2008, S. 4; siehe Abbildung 13). Relativ kurze Laufzeiten von 6 bis 18
Monaten (vgl. TREZZA 2006, S. 22) sind ein Indiz für die erfolgreiche Wirkung von
Mikrokrediten, denn es besteht die Chance, durch die Aufnahme oder den Ausbau
wirtschaftlicher Aktivitäten das Haushaltseinkommen zu steigern und Rücklagen zu bilden.
Saisonal bedingte Einkommensschwankungen können ausgeglichen und das Konsumniveau
auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stabilisiert werden (vgl. KAPS 2009. S. 15). Trotz
aller genannten Potenziale birgt die Aufnahme eines Mikrokredits aber auch Risiken, denn
ÄZHU .UHGLWH DXIQLPPW PDFKW 6FKXOGHQ³ HEG In diesem Zusammenhang kommt der
Unterschied zwischen Investitions- (Investment Capital) und Konsum/Verbraucherkredit
&RQVXPHU &UHGLW ]XP 7UDJHQ :lKUHQG EHL HLQHP ,QYHVWLWLRQVNUHGLW GHU ÄIU GLH
3URGXNWLRQXQGIUJHVFKlIWOLFKH,QYHVWLWLRQHQEHQ|WLJW³/2+0$116ZLUGGLH
reale Chance besteht, mittels aus dieser Investition resultierender Einnahmen den Kredit
tilgen zu können, bietet ein Konsumkredit diese Gunst nicht, denn diese Art von Kredit ist
ÄIUGHQDOOJHPHLQHQ.RQVXPXQGGULQJHQGQRWZHQGLJH$XVJDEHQJHGDFKW³HEG+DWPDQ
in diesem Fall das geliehene Geld ausgegeben, muss es auf anderem Wege beschafft werden,
um den Kredit zurückzahlen zu können. Letztlich ist es situations- und kontextabhängig, ob
der jeweilige ± in der Regel sehr arme ± Kreditnehmer die notwendigen Mittel aufbringen
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A bb. 13:
Basisdaten
Mikrokredite
Quelle:
eigene
Darstellung
nach
MIXMARK ET
2010, S. 1
37
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kann, um mit Hilfe des Kredits zusätzliches Einkommen zu generieren, um selbigen, inklusive
der anfallenden Zinsen, fristgerecht zurückzuzahlen. Zum Teil ist es schwierig, die genaue
9HUZHQGXQJ GHV *HOGHV ]X EHUSUIHQ ÄJHUDGH ZHLO DUPH +DXVKDOWH VHKU IOH[LEHO VLQG
insofern dass jegliches Geld, das in den Haushalt reinfließt in vielfältiger Weise genutzt
ZLUG³VLHKH6I, Interview GILMER). Vielfach werden Kredite auch nur aufgenommen,
um die Liquidität zu managen und das möglicherweise unregelmäßige Einkommen
ausgleichen zu können: Ä'DIU VLQd Kredite auch wichtig, einfach um den Cash-Flow
auszugleichen und mit Schocksituationen umzugehen. Das ist eine Realität, die man
DQHUNHQQHQ PXVV >«@ 6R ODQJH GLH 0HQVFKHQ GLH 0|JOLFKNHLW KDEHQ GLHVH DXFK
zurückzuzahlen
und
nicht
völlig
überschuldet werden, sollte man dies
nicht verhindern und nur noch Kredite
für *HVFKlIWV]ZHFNHYHUJHEHQ³HEG
Im Vergleich zu Großkrediten bei
etablierten Geschäftsbanken sind die
Zinsen auf Mikrokredite immens.
Durchaus üblich sind Zinsen von 20 ±
50 Prozent des Kreditvolumens, der
ͣDŝŬƌŽĨŝŶĂŶnjŝĞƌƵŶŐŝƐƚĞŝŶƐĞŚƌŐƵƚĞƐ
819:.;<01:)!;<!=+,>0!?;.!30,@9:A+,>0!?;!
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weltweite Durchschnitt liegt bei 28% (CGAP 2008, S. 15). Diese Zinshöhe resultiert aus den
hohen Kosten, die für die MFIs entstehen. Insbesondere die Personalkosten sind immens, da
neben
reinen
Finanzgeschäften
oft
auch
Beratungsangebote
im
Leistungs-
und
Angebotsspektrum einer MFI enthalten sind (siehe Kapitel 3.4.1) und die Mitarbeiter oft
entlegene Gebiete im ländlichen Raum der Entwicklungsländer erreichen müssen. Zudem ist
das Risiko für die MFI schwer kalkulierbar, da die meisten Kunden kaum über materielle
Sicherheiten verfügen. Dennoch sind die anfallenden Zinsen wesentlich niedriger, als die von
informellen Geldverleihern erhobenen Zinsen, die weit über 100% betragen können (vgl.
ROBINSON 2009, S. 45). Zum Vergleich: Sollte in der Bundesrepublik Deutschland ein
Mikrokredit kostendeckend vergeben werden (wo beispielsweise die Infrastruktur keinen
determinierenden Faktor darstellt), müssten Zinsen in Höhe von 23 Prozent erhoben werden
(vgl. CGAP 2008, S. 15). Bei Modellversuchen einiger MFIs, wo Kunden die Zinshöhe
eigenverantwortlich festlegen konnten, zeigten sich durchschnittliche Zinszahlungen in Höhe
von 28 Prozent (vgl. LOHMANN 2009, S. 123), Kunden akzeptieren also durchaus
Zinshöhen von gut einem Viertel des Kreditwertes.
38
$6789780:6;0<#=9;0>[email protected]#B>:#[email protected]>C0>#EF8#:60#GBH0>:A6CD0>#6>#:0>#IAB$I#J9>#>@689K6#
Sind die Zinsen zu niedrig ± etwa herbeigeführt durch Subventionen ± kann zudem der
Eindruck bei potenziellen Kunden entstehen, es würde Geld verschenkt, was sich negativ auf
die Zahlungsmoral auswirken kann. Wenn sich auf lange Sicht ein systemischer Ansatz
etabliert (insbesondere mit transparenten Kontroll- XQG5HJXODWLRQVV\VWHPHQÄGDQQZHUGHQ
sich Zinssätze etablieren, die denen in unserem sehr ausgebauten System gleichen. Dies ist
aber eLQ OlQJHUHU 3UR]HVV³ VLHKH 6 , Interview NGUYEN VAN). Wichtig ist letztlich,
dass ein gleichgewichtetes Austauschverhältnis zwischen Kreditgeber und -nehmer entsteht
und die Voraussetzung für eine nachhaltige Wirkung des Kredites geschaffen wird, nämlich
GDV Ä(UQVWJHQRPPHQ-:HUGHQ GHV 0DUNWWHLOQHKPHUV³ 6200(5 6 ). Dass dieser
Ansatz erfolgreich sein kann, zeigen die hohen Rückzahlquoten von im Schnitt 95 Prozent
(vgl. MORDUCH 2009, S. 21).
Weltweit erhielten im Jahre 2007 rund 80 Millionen Menschen in über 100 Ländern einen
Mikrokredit (vgl. BMZ 2010, S. 2). Das nach wie vor gravierende Ausmaß weltweiter Armut
(siehe Infobox 3) ]HLJW MHGRFK Ä.UHGLW LVW NHLQ $OOKHLOPLWWHO³ 1,56&+/67,&.(5 S. 14).
3.3.2 M ik roversicherungen
Ä$FFHVV WR ORDQV GRHV QRW HOLPLQDWH WKH HFRQRPLF YXOQHUDELOLW\ RI ORZ LQFRPH
houVHKROGV³ 0,&52),1$1&( 23325781,7,(6 6 Wie aus diesem Zitat
deutlich wird, sind Mikrokredite allein noch kein Garant für eine erfolgreiche Entwicklung.
Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass gerade in Armut lebende Menschen in
Entwicklungsländern besonders von Vulnerabilität betroffen sind. Sie leiden unter einem
KRKHQ 0D‰ DQ Ä6FKXW]ORVLJNHLW³ 6&+2/= 6 E]Z Ä9HUZXQGEDUNHLW³ .5$$60(57,16 6 XQG VLQG GDKer sozialen und/oder natürlichen,
sowohl internen wie externen, Ereignissen schutzlos ausgesetzt. Jede Gesellschaft weist dabei
eine spezifische Anfälligkeit auf, abhängig vom jeweiligen natürlichen bzw. kulturellen
Umfeld. Gerade in Entwicklungsländern, welche geprägt sind von extremen UmfeldSituationen wie unwegsamen ländlichen Gebieten und städtischen Slums, kommt dies zu
tragen (vgl. SCHOLZ 2006, S. 51). Das Ausmaß der Armut in finanzieller Sicht, aber auch
PLW VHLQHQ VR]LDOHQ $XVZLUNXQJHQ LP 6LQQH HLQJHVFKUlQNWHU Ä$UWLNXODWLRQV- und
Partizipationsmöglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft sowie zum Zugang zu den
UHOHYDQWHQ9HUIJXQJVUHFKWHQ³6&+2/=6, bildet eine Determinante, um Schutz
gegen mögliche Risiken aufzubauen. Die Handlungsmacht der Akteure in der Konfrontation
39
$6789780:6;0<#=9;0>[email protected]#B>:#[email protected]>C0>#EF8#:60#GBH0>:A6CD0>#6>#:0>#IAB$I#J9>#>@689K6#
mit dem vorgegebenen Rahmen der Strukturelemente ist also stark eingeschränkt (vgl.
TRÖGER 2003, S. 26).
Um dieser Einschränkung entgegenzuwirken, bieten einige MFIs neben Mikrokrediten auch
Mikroversicherungen an. In Armut lebende Menschen bekommen so die Chance, gegenüber
Risiken (Krankheiten, Unfälle, Ernteausfälle, Überfälle usw.) vorzubeugen, finanzielle
Vorsorge zu treffen, sich sozial und ökonomisch abzusichern und den Grad der eigenen
Ä9XOQHUDELOLWlW³ ]X YHUULQJHUQ Als integraler Bestandteil sich entwickelnder Finanzsysteme
sind Mikroversicherungen HLQH DUPXWVUHOHYDQWH )LQDQ]GLHQVWOHLVWXQJ GLH ÄDQ GLH VSH]LHOOH
1DFKIUDJHXQG/HEHQVVLWXDWLRQDUPHU0HQVFKHQDQJHSDVVW>[email protected]³%0=6
Zur Zielgruppe sind jene Haushalte zu zählen, welche in der Lage sind, kontinuierlich
Prämien zu zahlen. Kleinunternehmer des informellen Sektors kommen daher auch für
Mikroversicherungen in Frage. Sie ÄHLJQHQ VLFK MHGRFK QLFKW IU GLH bUPVWHQ GLH GXUFK
,QVWUXPHQWHGHU6R]LDOHQ6LFKHUXQJDEJHVLFKHUWZHUGHQPVVHQ³%0=6
Für die MFIs bedeutet dies allerdings einen immensen Mehraufwand im Vergleich zum
reinen Mikrokredit-Geschäft, da sich Mikroversicherungen stark von Mikrokreditprogrammen
XQWHUVFKHLGHQGHQQÄVersicherungsmathematik basiert auf Wahrscheinlichkeitskalkulationen,
sie ist komplexer als Bankenmathematik, die vor allem auf der Berechnung von Zinsen
EHUXKW³ 0$+$/$12%,6 6 Daher sind Mikroversicherungen durch ein
einfaches Produktdesign, kleine Beträge, flexible Prämienzahlungen und eine schnelle
Abwicklung der Schadensfälle gekennzeichnet, worin auch ihre Attraktivität für arme
Menschen liegt. Allerdings müssen diese genau verstehen, wie eine Versicherung funktioniert,
was Bildungsprogramme voraussetzt (vgl. BMZ 2009, S. 6f.).
Da der Versicherungsbereich der wohl am wenigsten entwickelte Subsektor des ohnehin in
vielen Fällen schwach entwickelten Finanzsystems ist, bestehen erhebliche Engpässe in
Bezug auf Rahmenbedingungen und Anbieter. Damit der Versicherungssektor langfristig
erfolgreich und stabil agieren kann, bedarf es verschiedener Qualitätsmerkmale wie
finanzieller Tragfähigkeit, dergestalt, dass Versicherer effizient und mittelfristig ohne
Unterstützung von außen operieren. Weiterhin kommt es auf ein hohes Maß an
Breitenwirksamkeit an, damit breite Bevölkerungsteile Zugang zu Mikroversicherungen
erhalten, welche gemäß der Nachfrage entwickelt wurden und die Lebenssituation der
Versicherten nachweisbar verbessern können (vgl. BMZ 2009, S. 11). Dieser Nachweispflicht
der Versicherer sollte im Sinne höchstmöglicher Transparenz eine wichtige Stellung
zukommen, denn Maßnahmen zum Schutz der Kunden sind wichtig, da gerade arme
Haushalte kaum Erfahrungen mit Versicherungen haben. Missinformation und Betrug müssen
40
$6789780:6;0<#=9;0>[email protected]#B>:#[email protected]>C0>#EF8#:60#GBH0>:A6CD0>#6>#:0>#IAB$I#J9>#>@689K6#
unterbunden werden, damit das Interesse am Bereich Mikroversicherungen auf Kundenseite
nicht vernichtet wird. Leitziele kundengerechter Mikroversicherungsprogramme sind in
Abbildung 14 dargestellt:
A bb. 14: Indikatoren kundengerechter Mikroversicherungen.
Quelle: eigene Darstellung nach BMZ 2009, S. 21
K leine V ersicherungssummen machen die Versicherung attraktiv, da sie auch für NiedrigEinkommensgruppen leistbar sind und doch wirksame Absicherung bieten.
G ruppenversicherungen reduzieren Transaktionskosten und verringern die Kosten für
Kunden und Versicherer.
A ufklärung über V ersicherungen in lokaler Sprache und mit einfachen Methoden steigert
Verständnis und Vertrauen der Kunden.
V erständliche Policen, einfaches Produktdesign und keine Z ugangsvoraussetzungen
wie Voruntersuchungen senken administrative Kosten und erleichtern den Vertrieb.
K ombinierte Produkte, die mehrere Risiken abdecken, verringern die Transaktionskosten
für Versicherer und Versicherte.
F lexible Prämienzahlungen passen sich an den cash-flow der Familie an und ermöglichen
es dieser, dann die Prämie zu zahlen, wenn Geld verfügbar ist.
Z ahlungserinnerungen und andere A nreize im Produktdesign und beim Service
verbessern die Verbleiberate.
Ein eingebauter Sparanteil oder Policen mit Teilrückvergütung, falls kein Schadensfall
eintritt, ist Anreiz, im Programm zu bleiben.
V ersicherungsvermittler, die nahe am K unden sind und sein Vertrauen genießen, sind
unabdingbar.
Eine unbürok ratische Schadensbearbeitung in wenigen T agen schafft Vertrauen in
Produkte und Anbieter.
3.3.3 Spareinlagen
'HU gNRQRP -HIIUH\ ' 6DFKV PDFKW LQ VHLQHP YLHO EHDFKWHWHQ 2(XYUH Ä'DV (QGH GHU
ArmuW³GHXWOLFKGDVVGLH6FKZLHULJNHLWYLHOHU/lQGHUVLFKDXVHLJHQHU.UDIWDXVGHU$UPXW
zu befreien, in der niedrigen Sparquote der Bevölkerung liege (vgl. SACHS 2005, S. 72). Dies
ist vielfach kulturell bedingt, denn die Menschen in Entwicklungsländern haben meist keine
Erfahrung mit Sparen. Als Subsistenzbauer wird nur soviel angebaut oder produziert, wie für
den Eigenbedarf nötig ist. Selbst wenn es zu Überschüssen und zusätzlichen Einnahmen
41
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kommt, werden diese unter Familienmitgliedern, denen es schlechter geht, aufgeteilt. Auch in
den Städten Erwerbstätige schicken überschüssige Einnahmen zu ihren Familien in die
ländlichen Gebiete. =HQWUDOLVWGDKHUGLHÄ%HGHXWXQJGHVWUDGLWLRQHOOHQ)DPLOLHQGHQNHQVXQG
der
Verwandtschaftsethik
als
mögliche
Hemmnisse
individuellen
marktorientierten
:LUWVFKDIWHQV³75(1.6 Vor diesem Hintergrund besteht eine enorme Hürde für
MFIs, die Menschen in Entwicklungsländern vom Sinn des Sparens zu überzeugen und
Vertrauen zwischen MFI und Kunde aufzubauen. Die Kopplung von Kreditvergabe und
Spareinlagen hat jedoch nachhaltige Wirkungen: Wird der Kunde dazu verpflichtet, monatlich
einen bestimmten Prozentsatz seiner Kreditsumme auf einem Konto anzulegen, resultiert
daraus eine höhere Rückzahlungssicherheit. Es wird die Kreditwürdigkeit des Kunden
YHUEHVVHUW XQG K|KHUH 6LFKHUKHLWHQ ZHUGHQ HU]LHOW Ä'HU .XQGH LVW DOVR GDQN VHLQHU
Spareinlagen weniger verwundbar, während Kredite den Kunden erst einmal verletzbar
PDFKHQ³ /2+0$11 6 Trotz aller Vorzüge zeigen Untersuchungen, dass
lediglich nur gut ein Viertel aller MFIs weltweit die Möglichkeit anbieten, ein Sparkonto zu
eröffnen (vgl. PLETTER 2010, S. 16). Dies ist begründet durch den erhöhten Aufwand, der
im Vergleich zum Mikrokredit-Geschäft vorhanden ist. Um weitaus mehr Menschen einen
=XJDQJ ]X 0LNURYHUVLFKHUXQJHQ ]X HUP|JOLFKHQ LQYHVWLHUHQ GLH ,/2 XQG GLH Ä%LOO DQG
0HOLQGD *DWHV )RXQGDWLRQ³ XPIDVVHQG LQ LQQRYDWLYH HIIL]LHQWH 0LNURYHUVLFKHUXQJVV\VWHPH
und ein breites Angebot, das eine Vielzahl armer Menschen erreicht, denn es ist bewusst, dass
Ä0LFURLQVXUDQFH FDQ EH XVHG DV D VWUDWHJ\ WR H[WHQG VRFLDO SURWHFWLRQ FRYHUDJH WR H[FOXGHG
persons, such as workers in the informal economy or the rural poor, and contributes to more
LQFOXVLYHLQVXUDQFHPDUNHWV³,/207, S. 1).
3.3.4 Systeme zum leistungsfähigen Z ahlungsver kehr und zur K apitaltransaktion
Im Jahre 2010 verfügen rund 90 Prozent der Weltbevölkerung über einen Zugang zu
Mobilfunk-Dienstleistungen
(WILLIAMS/TORMA 2010, S. 14). Um künftig vermehrt
Kunden, insbesondere in abgelegenen Regionen, zu erreichen, setzen verschiedene MFIs auf
diesen
in
den
letzten
Jahren
sehr
stark
gewachsenen
Mobilfunkmarkt,
um
Finanzdienstleistungen anzubieten und abzuwickeln. Es liegt darin deshalb ein so großes
Potenzial, weil Entwicklungsländer wie Kenia die Stufe der Festnetztelefonie gleichsam
übersprungen haben und es direkt zu einem umfassenden Ausbau des Mobilfunknetzes kam.
Nahezu jeder Einwohner Kenias ist daher im Besitz eines Handys, da diese im Vergleich zu
42
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europäischen Verhältnissen sehr günstig zu erwerben sind und auch das Telefonieren bereits
gegen ganz geringe Gebühren möglich ist. Finanzgeschäfte via Handy abzuwickeln bietet
Vorteile wie den Schutz vor Diebstahl von Bargeld, geringe Transaktionskosten und die
Möglichkeit, jederzeit über Geld zu verfügen.
Konkret beinhalten Mobilfunk-Finanzdienstleistungen folgende Angebote:
-
Bereitstellung von Sparkonten
-
Möglichkeit für Dritte (Familienmitglieder, Arbeitgeber, MFI, usw.), auf
Sparkonten anderer einzuzahlen
-
Teilweise bargeldlose Zahlungsmöglichkeit bei Geschäften
-
Geldtransfer zwischen verschiedenen Guthaben-Konten
-
Gutschreiben von Telefonguthaben auf Sparkonto
(vgl. SHRIVASTAV 2008, S. 77)
Kenia ist weltweit das erste Land, wo
ÄPRELOH EDQNLQJ³ HUIROJUHLFK Oluft. Im
Jahre 2007 wurde dort das System
ÄP-SHVD³ HLQJHIKUW (siehe Abbildung
15). Es handelt sich dabei um eine
Kooperation der Firmen Safaricom und
9RGDIRQH ,P 1DPHQ ÄP-SHVD³ VWHKW
GDV ÄP³ IU ÄPRELOH³ ZlKUHQG ÄSHVD³
A bb. 15: m-pesa-Logo.
Quelle: SA FARIC OM 2010
auf Swahili, der Landessprache Kenias,
VRYLHO ZLH Ä%DUJHOG³ EHGHXWHW (V ELHWHW DOOH JUXQGOHJHQGHQ )XQNWLRQHQ GHV EDUJHOGORVHQ
Zahlungsverkehrs und des Geldtransfers. Dabei bedarf es nicht der Eröffnung eines
Bankkontos, sondern es läuft alles über das Mobiltelefon. Nahezu flächendeckend gibt es in
KeQLD VR JHQDQQWH ÄP-SHVD $JHQWV³ Dies sind Händler, bei denen man Bargeld auf ein
elektronisches Guthaben einzahlen kann (siehe Abbildung 16). Im Jahre 2009 gab es bereits
16.900 m-pesa Agents, die Hälfte davon ist lokalisiert in ländlichen Gebieten (vgl.
MIXMARKET 2010, S. 2). Im Januar 2010 nutzten bereits 9 Millionen Kunden ± das sind 40
Prozent von Kenias erwachsener Bevölkerung (ebd.) ± das Angebot. Mittels verschiedener
Codes kann man dann vom eigenen Guthaben bargeldlos Kapital auf andere Guthaben
transferieren lassen. Zudem können sich Personen ohne eigenes m-pesa-Guthaben Bargeld bei
ÄP-pesa-$JHQWV³DXV]DKOHQODVVHQ'D]XHUKDOWHQVLH]XU,GHQWLILNDWLRQSHU606HLQHQ&RGH
DXI LKU +DQG\ 6ROFKH ÄP-pesa-$JHQWV³ VLQG ]XP 7HLO DXFK PLW +Llfe von Mikrokrediten
43
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A bb. 16:
Hütte eines
ÄP-pesa-$JHQWV³
in Silanga, einem
Bezirk des Slums
Kibera in Nairobi.
Foto:
eigene Aufnahme
entstanden. Vielfach handelt es sich um Betreiber kleiner Läden oder Kiosks, die als
HUZHLWHUWHV $QJHERW ÄP-SHVD³-Dienstleistungen anbieten. Weil es mittlerweile allenthalben
ÄP-pesa-$JHQWV³ JLEW ZLUG GDV m-pesa-Guthaben zuweilen durch Ein- und Auszahlung als
sichere elektronische Geldbörse genutzt, was gerade bei Reisen, wenn größere Geldbeträge
mitgenommen werden sollen, sehr hilfreich sein kann, da man Raub und Überfälle nicht mehr
fürchten muss. Aber auch die Umstellung von Lohnzahlungen auf diesen elektronischen
bargeldlosen Weg mindert die Risiken, Opfer krimineller Aktivitäten zu werden. Denn
Untersuchungen haben gezeigt, dass in den Slumgebieten von Nairobi gerade am Monatsende
besonders viele Überfälle geschehen, da die Menschen dann ± aufgrund des erhaltenen Lohns
± über vergleichsweise viel Bargeld verfügen (vgl. EBERTH/HARBRECHT 2009, S. 38).
Durch diese Möglichkeit, auch Geld in dieser gleichsam elektronischen Form zu sparen,
NRPPW HV QLFKW PHKU GD]X GDVV ÄWKH ZD\ HQGV XS XQGHU WKH PDWWUHVV³ 0,&52),1$1&(
OPPIRTUNITIES 2009, S. 7). Ein weiterer Vorteil ± und ein Unterschied zum Beispiel
gegenüber einer Kreditkarte ± ist die Tatsache, dass Gebühren lediglich pro Transaktion
anfallen und keine feste Grundgebühr für den Bestand des m-pesa-Guthabens anfällt.
Service-Dienstleistungen wie sie m-pesa anbietet, sind ein weiterer wichtiger Schritt, um
armen Menschen ein größeres Maß an finanzieller Unabhängigkeit zu ermöglichen. Denn
gerade für multilokale Familien, die teils auf dem Lande, teils in der Stadt leben, ist die
Möglichkeit des Kapitaltransfers von enormer Bedeutung. Es entsteht die Möglichkeit, dass
ÄXUEDQKRXVHKROGVPD\SXUFKDVHSKRQHVDQGDLUWLPHIRUWKHLUUXUDOIDPLOLHVPDQ\RIZKRP
44
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DUHXQEDQNHG³0,&52),1$1&(233ORTUNITIES 2009, S. 5). Allerdings muss Seriosität
Voraussetzung sein, denn vor dem Hintergrund, dass Safaricom zu Vodafone gehört, kann der
Eindruck entstehen, dass es sich nur um Marketing und Corporate Social Responsibility
dieses global agierenden Konzerns KDQGHOW Ä'DV LVW 3UR]HQW 35 GLHVH JDQ]H 0RELOHBanking-Geschichte. Ich halte eVIUHLQH%ODVH³VLHKH6HLWH, Interview SPAETH).
3.3.5
Z wischenfazit
Im öffentlichen Diskurs nehmen Mikrokredite den höchsten Stellenwert ein. Nachhaltiger
Erfolg kann sich aber erst dann einstellen, wenn alle vier vorgestellten Möglichkeiten der
0LNURILQDQ]LHUXQJLP.RQJORPHUDWEHWUDFKWHWE]ZYRQ0),VDQJHERWHQZHUGHQGHQQÄDP
ZLFKWLJVWHQ LVW GLH (UVSDUQLVELOGXQJ 'DQQ NRPPHQ 9HUVLFKHUXQJHQ >«@ XQG GDQQ HUVW
KrediWH(VLVWZLFKWLJGDVDOV*HVDPWSDNW]XVHKHQ³3/(77(56
3.4 T rägerorganisationen
ͣtŚĂƚĐĂŶĐĂƉŝƚĂůŝƐŵĂŶĚŵĂƌŬĞƚĨŽƌĐĞƐŽĨĨĞƌŵŝĐƌŽĨŝŶĂŶĐĞ͍ʹ##
tŚĂƚĐĂŶŵŝĐƌŽĨŝŶĂŶĐĞĚŽĨŽƌĐĂƉŝƚĂůŝƐŵ͕ĨŽƌŵĂƌŬĞƚƐ͕ĨŽƌŝŶǀĞƐƚŽƌƐ͍͟#
[email protected];6AA9#UVVYO#I"#UU[Z"##
Mikrofinanzdienstleistungen werden von einer Vielzahl internationaler Akteure angeboten. Es
besteht ein komplexes Geflecht von Marktteilnehmern, welche den internationalen
Kapitalfluss von Industrie- in Entwicklungsländer unterhalten. Abbildung 17 gibt einen
Überblick über die Strukturen der Akteure im Mikrofinanzwesen, welche im Folgenden
detailliert vorgestellt werden.
45
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Abb. 17: Strukturen und Akteure im Mikrofinanzwesen.
Quelle: eigene Darstellung
46
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
3.4.1
Mikrofinanz-Institutionen
Mikrofinanz-Institutionen sind dauerhaft angelegte Organisationen, „die finanzielle
Dienstleistungen an Arme vergeben und sich auf die speziellen Bedürfnisse der Armen und
das politische und ökonomische Umfeld in den Entwicklungsländern einstellen“ (LOHMANN
2009, S. 174). Dabei kann es sich – und dies sind die Pioniere in diesem Bereich – um
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder Mikrofinanzbanken handeln. In jüngerer Zeit
bieten auch vermehrt reguläre Banken zusätzlich Mikrofinanzierungsprogramme an. Die Zahl
der weltweit bestehenden MFIs beläuft sich für das Jahr 2010 auf 1.870 registrierte
Organisationen (vgl. MIXMARKET 2010, S. 1; siehe Tabelle 1). Aufgrund ihrer Struktur und
ihrer Wirkungsweise befinden sich MFIs „an einer Schnittstelle zwischen formellem und
informellem Sektor“ (LOHMANN 2009, S. 175). Von Land zu Land ist dies zwar
unterschiedlich, in den meisten Fällen sind politische Akteure aber nicht bereit,
Mikrofinanzierung in den Finanzsektor zu integrieren, weshalb NGOs die Kreditvergabe
übernehmen – und in vielen Fällen jenseits des geltenden Bankenrechts agieren.
Neben
Angeboten
im
finanziellen
Bereich
stehen
insbesondere
nicht-finanzielle
Dienstleistungen im Vordergrund der Arbeit von MFIs. Darunter fällt die Hilfe und
Unterstützung der im Bereich Finanz- und Wirtschaftswesen zumeinst unerfahrenen Kunden
bei der Geschäftsentwicklung ebenso wie Weiterbildungen im Bereich Rechnungswesen und
Verwaltung, Beratung zur Ertragssteigerung bzw. Profiterhöhung, Sozialprojekte und – wenn
der Bedarf besteht – allgemeine Grundbildungskurse (Lesen, Schreiben, Rechnen) (vgl.
LOHMANN 2009, S. 165f). Letztlich bedarf es einer jeweils individuellen Anpassung des
Programms der MFIs an das spezifische Arbeitsumfeld. Denn die soziokulturellen, politischen
und ökonomischen Rahmenbedingungen im ländlichen Raum sind beispielsweise deutlich zu
differenzieren von der Situation in einem städtischen Slum. Um im Kontext dieser meist
schwierigen Umfeldbedingungen effizienter arbeiten zu können, um Transaktions- und
Informationskosten senken zu können, arbeiten einige MFIs vornehmlich mit Gruppen von
Kreditnehmern zusammen (siehe Kapitel ). Der Vorteil für die MFI liegt darin, dass
Screening, also die Überprüfung der fristgerechten Rückzahlung der Abschläge und
Monitoring, die Betreuung und Begleitung eines Kundenprojektes, weniger aufwändig
werden, was Kosten spart. Man erreicht gleichsam mit einer Beratung direkt mehrere Kunden.
47
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Tab. 1: TOP 20 Mikrofinanz-Institutionen nach Kundenzahl.
Quelle: eigene Darstellung nach MIKMARKET 2010, S. 1
48
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Bezüglich der Ausrichtung und des Selbstverständnisses verschiedener MFIs ist zwischen
dem so genannten „Poverty Lending Approach“ (ROBINSON 2009, S. 46) und dem
„Financial Systems Approach“ (ebd.) zu unterscheiden. Beide Ansätze verfolgen das Ziel,
armen Menschen Finanzdienstleistungen zugänglich zu machen. Der „Poverty Lending
Approach“ zielt dabei insbesondere auf die konkrete Reduzierung der Armut, ohne finanzielle
Nachhaltigkeit der MFIs zu erzielen, während der „Financial Systems Approach“ den
finanziellen Profit der MFIs ins Zentrum des Interesses rückt. Während die Arbeit jener MFIs,
die als Pioniere im Bereich Mikrofinanzierung zu charakterisieren sind, durch den „Poverty
Lending Approach“ gekennzeichnet ist, zeigt sich seit den 1990er Jahren – nicht zuletzt durch
das Eintreten neuer Akteure auf den Mikrofinanz-Markt – ein Wandel hin zum „Financial
Systems Approach“. Bei diesen „neuen Akteuren“ handelt es sich um klassische
Finanzdienstleister und private Unternehmen, welche „im Mikrofinanz-Sektor immer mehr an
Bedeutung [gewinnen] und […] die Zukunft des Sektors entscheidend prägen [werden]“
(LOHMANN 2009, S. 194). In diesem Bereich ist unter drei Typen zu unterscheiden:
-
Mikrofinanz-Banken, die sich auf Mikrofinanzierung spezialisieren und
entweder aus einer NGO hervorgegangen sind („up-scaling“) oder neu
gegründet werden („starting from the scratch“). Ein Beispiel ist die K-RepBank in Kenia (siehe Kapitel 2.2.1).
-
Große kommerzielle Geschäftsbanken, für die Mikrofinanzierung ein
Geschäftsfeld unter vielen anderen darstellt. Beispiele sind die Deutsche Bank,
die Banco de Pinchicha in Ecuador oder die Equity-Bank in Kenia (siehe
Kapitel 2.2.2).
-
Staatseigene Entwicklungsbanken, welche Mikrofinanzierung als offizielle
Aufgabe annehmen.
Im Unterschied zu im Mikrofinanz-Bereich tätigen NGOs handeln Mikrofinanz-Banken
entweder selbstständig oder als Tochtergesellschaften größerer Banken, wodurch sie dem
gängigen Bankengesetz unterliegen. Sie handeln nach dem „Financial Systems Approach“,
Mikrofinanzierung wird also als ein renditebringender Geschäftsbereich und nicht als
Entwicklungszusammenarbeit betrachtet (vgl. LOHMANN 2009, S. 195).
Die Zusammenarbeit von kleinen MFIs, die speziell an die Bedürfnisse ihrer Kunden
angepasst sind, mit größeren formellen Banken erscheint sinnvoll, denn es sollte mittelfristig
das Ziel der MFIs sein, sich selbst überflüssig zu machen, bzw. ihre Kunden zu befähigen, am
49
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
formellen Bankenwesen partizipieren zu können. Durch Kooperationen von MFIs mit
etablierten Bankhäusern kann dieser Übergang vereinfacht werden. In diesem Zusammenhang
kann auch ein Ziel für alle MFIs, ganz gleich wer der Träger oder welches der verfolgte
Ansatz ist, formuliert werden: Nachhaltigkeit im sprichwörtlichen Sinne, also eine
Ausgewogenheit im sozialen und ökonomischen/finanziellen Bereich sollte angestrebt
werden. Konkret sollten MFIs also versuchen, Gewinne zu erzielen (was bedeuten würde,
dass sie unabhängig von externem Kapital/Subventionen würden) und gleichzeitig Armut
reduzieren, indem sie Menschen befähigen, selbst wirtschaftlich aktiv zu werden, denn dieses
„concurrent achievement of these aims leads to a win-win-situation whereby the MFI as well
as the poor population can benefit“ (LOHNERT 2008, S. 30). Dass dieser Gedanke bislang
eher theoretischer Natur ist, zeigt die Tatsache, dass im Jahre 2007 weniger als 200 der
weltweit über 1000 existierenden MFIs in der Lage waren, eigenständig zu überleben. Rund
70% der MFIs arbeiten – aus finanzieller Sicht – nicht gewinnbringend und sind auf
Subventionen angewiesen, bzw. müssen selbst Kredite aufnehmen, um ihren Kapitalbedarf zu
decken (vgl. LANGERBEIN 2007, S. 23). Aus ökonomische Sicht ist eine kostendeckende
Arbeitsweise von MFIs sinnvoll, ob es ethisch vertretbar ist, hohe Gewinne im MikrofinanzGeschäft zu erzielen, wird in der Literatur kontrovers diskutiert (vgl. SCHMIDT 2008;
LOHMANN 2009, S. 231ff.). Simanowitz und Walter fassen diesen Diskurs hinreichend
zusammen:
„With no social objectives, MFIs could achieve fast growth and greater profits.
With no financial objectives, MFIs could work intensively with small numbers
of people, ensuring that few of the target group are excluded and that
dedicated staff spend long hours with individual clients to ensure their success.
Microfinance is a compromise where to social and financial objectives must be
balanced. The challenge is to marry the best-practice of poverty outreach,
impact, and self-sufficiency in order to work out compromises that allow for an
achievable mix of these three goals“ (SIMANOWITZ/WALTER 2002, S. 62).
Wenn im oben genannten Sinne wirtschaftlicher und sozialer Anspruch erfüllt werden, der
„Financial Systems Approach“ und der „Poverty Lending Approach“ also verknüpft werden,
wird von einer „Double Bottom Line“ (LOHMANN 2009, S. 235) gesprochen.
Wenngleich langfristig eine finanzielle Eigenständigkeit der MFIs prinzipiell wünschenswert
ist, so ist der Mikrofinanz-Sektor weltweit dennoch auf externes Kapital angewiesen. Denn
derzeit werden rund 100 Millionen Kunden mit Mikrokrediten im Gesamtwert von
25 Milliarden US-Dollar bedient (siehe Abbildung 18), die potenzielle Kundenzahl liegt aber
bei bis zu 1 Milliarde Kunden (vgl. SCHÄFER/OEHRI 2008, S. 18), was eine Finanzierungs50
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
lücke von geschätzten 250
Milliarden
US-Dollar
aufweist (vgl. DEUTSCHE
BANK RESEARCH 2008,
S. 1). Wenn es nun das Ziel
ist,
den
Versuch
unternehmen,
zu
dieses
prognostizierte
Potenzial
auszuschöpfen und arme
Menschen wirklich in der
Breite zu erreichen, dann
kann
eine
derart
hohe
Summe an Kapital wohl
kaum nur durch Mittel der
Abb. 18: Kreditvolumen der MFIs weltweit in USD, 2001 –
2006.
Quelle: DEUTSCHE BANK RESEARCH 2008, S. 7
Entwick-lungszusammenarbeit, sei es staatlicher Entwick-lungszusammenarbeit oder durch
NGOs und Kirchen, bereitgestellt werden. Eine Lösung in diesem Kontext kann das
Engagement des Privatsektors sein, welcher sich „als treibende Kraft der Entwicklung [entpuppt]“ (LOHMANN 2009, S. 240). Es liegt also eine duale Entwicklung vor. Während
einerseits vergleichsweise viel Kapital über die internationalen Finanzmärkte zur Verfügung
gestellt wird, was auch notwendig ist, gelingt es solide arbeitenden MFIs vielfach auch, in
erheblichem
Ausmaß
lokale
Ersparnisse
zu
mobilisieren,
wodurch
die
lokale
Finanzintermediation erfolgreich gefördert wird (vgl. BMZ 2004, S. 13). Diese lokalen
Ersparnisse bilden gleichsam also eine Quelle inländischer Ressourcenmobilisierung. Durch
diesen Zugriff auf marktbasierte Refinanzierungsquellen, also sowohl nationale Spareinlagen,
als auch in- und ausländische Schuldinstrumente, konnten MFIs in der Gesamtheit ein großes
Wachstum generieren und ihr Kreditvolumen von 4 Milliarden US-Dollar im Jahre 2001 auf
25 Milliarden US-Dollar im Jahre 2006 steigern (siehe Abbildung 18). Um weiterhin wachsen
zu können und Kapital der internationalen Finanzmärkte zu erhalten, sollten MFIs – und
dieses sind die Voraussetzungen zur Kapitalvergabe seitens international agierender Akteure – auf vier wesentliche Punkte achten: „financial sustainability, quality of management,
long-term viability of the business model and the presence of strong shareholders“ (siehe
S. 137, Interview BUMSTEINAS).
51
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3.4.2
Mikrofinanz-Investmentfonds
Mikrofinanz-Investmentsfonds (MFIFs) sind Konstrukte zur Geldanlage, die Gelder
verschiedener Geber bündeln und dann gezielt an verschiedene MFIs vergeben, sie sind
„vehicles or institutions that channel funds to the microfinance sector“ (GOODMAN 2008,
S. 19). Es kann von drei Arten von MFIFs gesprochen werden, welche sich durch den Grad
ihrer Kommerzialisierung unterscheiden. Über eine klare entwicklungspolitische Zielsetzung
verfügen dabei Mikrofinanz-Entwicklungsfonds, welche oftmals nicht gewinnbringend
ausgerichtet sind und die Erzielung finanzieller Rendite gegenüber sozialer Rendite von
untergeordneter Bedeutung ist. Diese Fonds verleihen subventionierte Darlehen an MFIs und
werden von Investoren wie Internationalen Finanzinstitutionen, Stiftungen, privaten Spendern
und Unternehmen getragen.
Die zweite Gruppe, so genannte duale Mikrofinanz-Investment-Vehikel, strebt sowohl soziale
Rendite, als auch eine unter marktüblichen Erträgen liegende finanzielle Rendite an. Anleger
in
diesem
Bereich
sind
vor
allem
sozial
motivierte
Investoren,
internationale
Finanzinstitutionen sowie private Spender.
Kommerzielle Mikrofinanz-Investment-Vehikel bilden die dritte Gruppe, welche eine
Abb. 19: Verschiedene Arten von Mikrofinanzinvestment-Vehikeln.
Quelle: DEUTSCHE BANK RESEARCH 2008, S. 15
52
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festgelegte finanzielle Zielrendite aufweist. Private und institutionelle Investoren bilden den
Großteil der Anleger (vgl. DEUTSCHE BANK RESEARCH 2008, S. 15, siehe Abbildung
19). Die weltweit größten MFIFs sind ASN Novib, Blue Orchard, responsAbility, SNS,
Triodos, Dexia und Oikocredit (vgl. MICRORATE 2009, S. 5).
Durch eine Änderung im deutschen Investmentgesetz ist es nunmehr auch für Privatanleger
möglich, ihr Geld in Mikrofinanz-Fonds zu investieren.
Der Vorteil dieses Engagements professioneller Akteure im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit liegt darin, dass sie über fundiertes Know-How im Finanzwesen verfügen
und daher ihre lokalen Partner, in der Regel MFIs, kompetent beraten und unterstützen
können und natürlich über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügen. So sieht auch
die KfW, deren Mikrofinanz-Portfolio jährlich um 36 Prozent wächst und 2009 über 2
Milliarden Euro betrug (vgl. KFW 2010, S. 1), ihre Aufgabe in der Finanzsektorentwicklung
„in the design and creation of institutions and systems that contribute to alleviation of
poverty“ (MATTHÄUS-MAIER 2006, S. VI; siehe Abbildung 20). MFIFs entstanden im
Zuge der Öffnung verschiedener MFIs gegenüber des „Financial Systems Approachs“
Mitte/Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. So wurden bis zum Jahre 2000 38 MFIFs
gegründet,
nach
der
Jahrtausendwende nochmals weitere
fünf (vgl. GOODMAN 2008, S. 14).
Diese junge Entwicklung der MFIFs
wird vermehrt gesehen als „a core
part of the funding of microfinance
institutions (MFIs)“ (GOODMAN
2008, S. 11). MFIFs fungieren
nunmehr als Medium, um Kapital
privater Anleger oder staatlicher
Entwicklungsagenturen
Entwicklungsländern
MFIs
zu
in
Gute
kommen zu lassen.
Hatten
Banken
Entwicklung
Sektors
zu
des
Vorbehalte,
Beginn
der
Mikrofinanzsich
im
Mikrofinanz-Bereich zu engagieren
(vgl. Kapitel 2), so zeigt sich durch
Abb. 20: Mikrofinanzierung – Kernkompetenz der
KfW.
Quelle: KFW 2010, S. 1.
53
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die zunehmende Etablierung der MFIFs großes Interesse der Banken an diesem Bereich. Dies
mag darin liegen, dass sich mit dem traditionellen kleinteiligen Mikrofinanz-Geschäft, das
MFIs betreiben, wohl kaum economies of scale, also Kostenvorteile durch Großserien (vgl.
KULKE 2008, S. 110), erzielen lassen. Vielmehr ist für die Arbeit von MFIs eine interne
Diversifikation und flexibles Reagieren auf die Segmentierung der Kundenbedürfnisse
wichtig, es entstehen also economies of scope (vgl. BATHELT/GLÜCKLER 2002, S. 129).
Da die wirtschaftlichen Interessen von Großbanken auf economies of scale zielen, eröffnet
sich erst mit dem Durchbruch von MFIFs ein rentables Feld für Banken, um im MikrofinanzGeschäft einzusteigen. Großangelegte Fonds können in MFIs investieren ohne die jeweils
lokalen Bedingungen selbiger berücksichtigen zu müssen.
Neben dem Engagement internationaler Institute sollten zunehmend aber auch kommerzielle
Banken in Entwicklungsländern den Einstieg in den Mikrofinanz-Sektor wagen, denn „[…]
domestic financial intermediaries […] could play a dominant role in providing financial
services to the poor“ (IVATURY/ABRAMS 2008, S. 59). Dadurch würde es möglich, einen
Kreislauf landeseigenen Kapitals zu etablieren und Entwicklungsländer würden unabhängiger
von
Geberländern
der
westlichen
Welt. Zudem würden Transaktionskosten und
Umrechnungsrisiken entfallen.
Inwieweit MFIFs für kommerzielle Banken langfristig interessant bleiben oder ob es sich
lediglich um das Nutzen von Möglichkeiten zur „Corporate Social Responsibility“
(LOHMANN 2009, S. 196), einem scheinbar sozialen Engagement zu Zeiten des
Vertrauensverlusts in Banken im Kontext der Finanzkrise, handelt, bleibt abzuwarten.
Letztlich stellt sich die Frage „in what way does social investment connect people in a
repectful, positive, uplifting way, folks across the globe, across cultures, language, religion,
differences in ressources” (PATILLO 2008, S. 229)? Eine Frage, die in lohnenswerter Weise
im Kontext des Globalen Lernens (siehe PETRI 2010) zu diskutieren ist, denn es bleibt die
Frage der Ernsthaftigkeit und Stetigkeit der in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen
Akteure, denn „Investment is not an event: it is a progress“ (PATILLO 2008, S. 230).
Untersuchungen der Deutschen Bank deuten jedoch daraufhin, dass sich MikrofinanzInvestments durchaus langfristig etablieren könnten. Die Deutsche Bank bewirbt MFIFs mit
dem Hinweis, dass sie sich durch ein „duales Renditeprofil“ (DEUTSCHE BANK
RESEARCH 2008, S. 1) auszeichneten, sie also Anlegern erlaubten, ein soziales Anlageziel,
zum Beispiel in Form der Armutsreduzierung, zu verfolgen und ein attraktives finanzielles
Risiko-Rendite-Profil böten (vgl. ebd.). Es wird prognostiziert, dass sich aus diesen Gründen
das Anlagevolumen institutioneller und privater Investoren bis 2015 etwa verzehnfachen und
54
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Abb. 21: Anlagevolumen von privaten und institutionellen Anlegern in MikrofinanzInvestments in Milliarden-USD (Prognose).
Quelle: DEUTSCHE BANK RESEARCH 2008, S. 21
auf 20 Milliarden US-Dollar ansteigen wird (siehe Abbildung 21). Dass die Rendite klar im
Vordergrund des Interesses steht, zeigt die Tatsache, dass lediglich fünf Prozent des
Investitionsvolumens an afrikanische MFIs geht (vgl. MICRORATE 2009, S. 2) und „so
lange sie dort [in Asien und Lateinamerika] noch gute Anlagemöglichkeiten finden, werden
sie [MFIF-Investoren] einen weiten Weg um Afrika nehmen“ (siehe Seite 135, Interview
SPAETH).
Handelt es sich um aufrichtiges Engagement der Privatwirtschaft, liegen durchaus Chancen in
deren Partizipation an der Entwicklungszusammenarbeit, denn „the difficult government
budget situation around the world means that private capital has to play a pivotal role“
(NEUHOFF 2008, S. 254). Je stärker allerdings die (finanzielle) Kraft der MFIFs, desto
größer muss auch das Know-How der MFIs werden, damit das Kapital der Fonds auch
zielgerichtet angelegt wird. Denn derzeit übersteigt das verwaltete Vermögen mit 6.023
Millionen US-Dollar stark das in Mikrofinanzierung investierte Geld (4.245 Millionen USDollar) (vgl. MICRORATE 2009, S. 7). Es darf also nicht zu einer Blase, zu einer
Überfinanzierung kommen (siehe dazu auch Seite 133, Interview GERHARDT).
55
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3.4.3
Internetportale
Ein vergleichsweise junger Akteur im Mikrofinanz-Sektor ist die 2005 gegründete USamerikanische non-profit Organisation KIVA. Der Name „Kiva“ ist Swahili und bedeutet
„unity“ bzw. „Einheit“, wodurch der Gedanke der weltweiten Vernetzung deutlich werden
soll. Auf der Website http://www.kiva.org werden verschiedene Kleingewerbetreibende aus
Entwicklungs- und Schwellenländern und ihre jeweilige Geschäftsidee sowie das benötigte
Kapital vorgestellt. Menschen aus aller Welt können ein Projekt ihrer Wahl nun finanziell
unterstützen, indem sie einen Betrag zwischen 25 US-Dollar und 200 US-Dollar per
Kreditkarte oder PayPal zahlen. Ist ausreichend Geld für ein bestimmtes Projekt zusammen
gekommen, übermittelt KIVA es an eine lokale MFI, welche einen entsprechenden
Kleinkredit an die betreffenden Kleingewerbetreibenden vergibt (siehe Abbildung 22). Da
KIVA das Geld zinslos an die Partnerorganisationen weiterleitet, können diese Kleinkredite
zu günstigen Zinskonditionen anbieten. Es fallen im Durchschnitt nur Zinsen von bis zu
19 Prozent an, was im Vergleich zu anderen MFIs niedrig ist (vgl. Kapitel 3.3.1). Dadurch
entsteht ein Wettbewerbsvorteil, bzw. anders formuliert eine Marktverzerrung, welche die
lokalen Finanzsysteme stört. Durch mangelnde Marktkonformität kann daher nicht von
nachhaltiger Finanzsystementwicklung gesprochen werden, „wenn KIVA[…] Kredite im
Vergleich ganz günstig weitergibt und damit örtliche Finanzsysteme untergräbt und vielleicht
sehr seriös und nachhaltig arbeitende MFIs zerstört, ist dies natürlich ein Problem“ (siehe
S. 128, Interview GILMER). Andere Vertreter der GTZ gehen sogar soweit, KIVA den
entwicklungspolitischen Sinn abzusprechen (vgl. Gabriele Braun in COEN/HOFFMANN
2010, S. 27). Dennoch wird unter den Slogans „Würden Sie dieser Frau 20 Euro leihen?“ (vgl.
BRAUN 2008, S. 92; COEN/HOFFMANN 2010, S. 26) bzw. „Armutsbekämpfung per
Mausklick“ (vgl. MODELL-AG RHEINLAND-PFALZ 2010) für diese Art der Unterstützung
armer Menschen in Zeitschriften und auf Internetplattformen geworben und das Thema zur
fachdidaktischen Diskussion aufgegriffen. Für Schüler in Deutschland erscheint diese
Möglichkeit – nicht zuletzt im Kontext aktueller fachdidaktischer Strömungen wie „Globales
Abb. 22: Zur Funktionsweise von KIVA.
Quelle: KIVA 2010
56
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Lernen“ oder „Kompetenzorientierung“ – sehr geeignet für fruchtbare Diskussionen und die
Möglichkeiten des Perspektivwechsels, des Beurteilens, Bewertens und Handelns zu üben
(siehe dazu auch PETRI 2010). Allerdings sollte bei Projekten mit Schülern stets darauf
geachtet werden, dass das einmal bei KIVA eingesetzte Geld, auch wenn der Kreditnehmer
fristgerecht den Kredit samt Zinsen zurückzahlt, für den Kreditgeber (also die Privatperson
oder Schülergruppe) in Deutschland nicht wieder in bar zurückzuerhalten ist, sondern
lediglich zur Vergabe eines weiteren Kredits an ein anderes Projekt eingesetzt werden oder an
KIVA gespendet werden kann.
Neben Kiva.org kam es in jüngster Zeit zur Entwicklung
weiterer
Internetportale
wie
unter
anderem
MyC4
(http://www.MyC4.com), einer dänischen Organisationen,
die es den Gebern ermöglicht, eine Rendite zu generieren.
Zudem legt diese Organisation großen Wert auf den
Austausch von Wissen und Erfahrungen, das heißt, es soll
ein Dialog zwischen Kreditgeber und –nehmer entstehen,
Abb. 23: Logo der dänischen
Organisation MyC4.
Quelle: MyC4 2010
sodass es sich letztlich um eine Patenschaft über den finanziellen Bereich hinaus handeln soll.
Mit dem Slogan „Invest wisely. End poverty.“ (MICROPLACE 2010, S. 1) wirbt auch das
Portal MicroPlace (http://www.microplace.com) für die Vergabe von Mikrokrediten und die
Unterstützung von Hilfe zur Selbsthilfe (siehe Abbildung 24). Im Unterschied zu KIVA
kommen die Zinsen direkt dem Kreditgeber zu Gute. Gegründet von Tracey Pettengill Turner,
einer ehemaligen Mitarbeiterin der Grameen-Bank, gehört diese Internetplattform seit 2006
offiziell zu eBay, denn eBay war „excited by the synergies between eBay’s mission to provide
economic opportunity and MicroPlace’s vision to empower the world’s working poor“
(MICROPLACE 2010, S. 1).
Zudem ist die christliche NGO „WorldVision“ zu nennen, welche Lizenz und Software von
KIVA erworben hat und einen vergleichbaren online-Service unter der Adresse
Abb. 24: Werbeanzeige von MicroPlace.
Quelle: MICROPLACE 2010, S. 1
57
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http://www.worldvisionmicro.org anbietet. Allerdings unterhält WorldVision – im Gegensatz
zu KIVA – eigene MFIs vor Ort in den jeweiligen Empfängerländern (vgl. Seite 134
Interview SPAETH
Wenngleich das Thema Mikrokredite mittels dieser modernen Möglichkeiten eine breitere
Öffentlichkeit erreicht, sind die sicherlich guten Absichten dieser online-Angebote dennoch
kritisch zu hinterfragen. Denn wie im Abschnitt zu KIVA bereits erwähnt, wird durch
problematische und nicht marktübliche Zinssätze der Wettbewerb verzerrt und die Hilfe findet
letztlich nur punktuell statt. Während der einzelne Kreditnehmer zwar sicherlich von
„seinem“ Mikrokredit profitiert, mangelt es aber an einem ganzheitlichen Ansatz und es kann
nicht von „Armutsbekämpfung per Mausklick“ die Rede sein. Diese Art der MikrokreditVergabe kann nur als Mosaikstein im weiten Feld der Armutsbekämpfung bzw.
Entwicklungszusammenarbeit gesehen werden. Dieser Kritik sind sich die Verantwortlichen
von KIVA durchaus bewusst. So erklärt KIVA-Sprecherin Fiona Ramsey, dass viele
Mikrofinanz-Institute noch nicht in der Lage seien, kostendeckend zu arbeiten (siehe Kapitel
3.4.1) und KIVA ihnen daher helfe, die nötigen Strukturen aufzubauen (vgl. DIETRICH
2007, S. 1).
3.4.4
Zwischenfazit
Ausgehend von diesen Beobachtungen kann konnotiert werden, dass alle Akteure jedweder
Couleur bereit sein sollten, von den armen Menschen, ihrer Zielgruppe, zu lernen und als
Tab. 2:
Die sieben „I“s
der Mikrofinanz.
Quelle: eigene
Darstellung nach
LOHMANN
2009, S. 268f.
58
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oberstes Ziel die Erweiterung von deren Fähigkeiten, Potenzialen und Möglichkeiten ansehen
sollten. Es muss immer ein hinreichendes Maß an Information und Weiterbildung seitens der
MFIs geboten werden, denn „just because people have bank accounts does not mean they
know banking“ (MICROFINANCE OPPORTUINITES 2009, S. 15). Diese Kennzeichen
eines kundenorientierten Charakters von MFIs fassen die sieben „I“s in Tabelle 2 zusammen.
Werden also einige Grundvoraussetzungen erfüllt, kann dem Mikrofinanz-Markt ein großes
Wachstumspotenzial zugesprochen werden: „We should understand that microfinance is still
an evolving industry […] it will continue to growth, especially in areas related to mobilebanking, microinsurance and the provision of non-credit financial services to the
underbanked“ (siehe S. 136, Interview BUMSTEINAS). Um wen es sich bei jenen
„underbanked“ (ebd.) handelt, wird das folgende Kapitel beschreiben.
3.5 Mikrofinanz-Kunden
9#:;<=>;;:[email protected]@A;A0BCAD;AE<=;FGAF>A=DB>HCB:I;AGJJ;AH;:<;AK?AA;AL-M;:;FF=A<
A=DB><=;#:;<=>;E<=;!;AFDB;ACNF<;:-:JN>M:=AI;AEFGA<;:A;F=F>=B:K:;C>=O;F
*G>;A>=CPE=B:;5;[email protected]>F=<;;E<=;&A;:I=;EJ=><;:JCAF=;NJF;>R>NA<<=;2QB=IK;=>EJ=>
$SDKFDBPQI;[email protected];:>=IRNH;:<;AT
U#-*6VWWXE6LVYZ
In Kapitel 2 wurde bereits erwähnt, dass arme Menschen die Zielgruppe von MFIs
ausmachen. Die Armutsdefinition der Weltbank, dargestellt in Infobox 3, klassifiziert Armut
nach der Höhe des Einkommens. Dies gibt einen Hinweis, dass Menschen, auch wenn sie
einem Beruf oder einer Tätigkeit nachgehen, oftmals dennoch statistisch gesehen als arm
gelten, da ihr Verdienst derart gering ist (vgl. Kapitel 2.2.2.1). Trotz ökonomischer Aktivität
– die im Übrigen einen ganzen Tagesverlauf ausfüllt – leben viele Menschen in Kenia und
anderen Entwicklungsländern weit unter der Armutsgrenze. Jene Frauen und Männer sind ein
gutes Beispiel für jene Klientel, die für eine Förderung durch einen Mikrokredit in Frage
kommt, denn „der typische Mikrokredit-Kunde ist arm, arbeitet gewöhnlich in selbstständiger
Tätigkeit in seinem häuslichen Umfeld und hat keinen Zugang zu formellen Finanzquellen“
(KAPS 2009, S. 15). Im ländlichen Raum zählen Subsistenzbauern zu typischen MikrofinanzKunden, während in urbanen Agglomerationen alle im durch Handwerk und Dienstleistungen
geprägten informellen Sektor (siehe Kapitel 2.2.2.1) Tätigen für eine Förderung durch
59
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Abb. 25: Potenzielle Mikrofinanzkunden in Entwicklungsländern.
Quelle: eigene Darstellung
Fotos: eigene Aufnahmen
Mikrokredite in Frage kommen. Abbildung 25 gibt einen Überblick über die Kunden des
Mikrofinanz-Sektors.
Auswertungen der Daten verschiedener MFIs weltweit haben gezeigt, dass rund die Hälfte
aller vergebener Mikrokredite für unternehmerische Tätigkeiten, also beispielsweise die
Diversifizierung des Angebots im eigenen Kiosk, die Anschaffung einer Nähmaschine und
Eröffnung einer Schneiderei oder den Kauf eines Motorrads und Betreiben eines
Motorradtaxi-Unternehmens genutzt wurden, während die anderen 50 Prozent der Kunden
den Kredit zur Stabilisierung des Konsums oder zur Finanzierung von großen einmaligen
Ausgaben wie Schulgeld, Baumaterial, Arztkosten, Hochzeit oder Beerdigung nutzten (vgl.
KAPS 2009, S. 15). Ist letzteres der Fall, so bedarf es bereits vor Aufnahme des Kredits einer
soliden Einkommensbasis oder ausreichender Spareinlagen, damit eine fristgerechte
Zurückzahlung des Kredits gewährleistet ist. Die fristgerechte Zurückzahlung des geliehenen
Geldes stellt in vielen Fällen eine Herausforderung für die Mikrokredit-Nehmer dar, denn
Untersuchungen machten deutlich, dass „bis zu 75 Prozent der möglichen Gewinne wegen
mangelhafter Beaufsichtigung des Produktionsprozesse sowie Diebstahl, Unterschlagung und
Veruntreuung verloren gingen“ (TRENK 1990, S. 10). Dies macht deutlich, wie wichtig die
60
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Möglichkeit ist, parallel zur Nutzung eines Mikrokredits auch ein Sparkonto zu eröffnen (vgl.
Kapitel 3.3.3), worauf der Tagesverdienst zeitnah eingezahlt werden kann, damit er Dieben
nicht zum Opfer fallen kann: „The need to find a safe place to keep savings is so strong that
some poor people willingly pay others to take their savings out of their hands and store them“
(RUTHERFORD 1990, S. 14).
Es kann klassifiziert werden, dass finanz- und profitorientierte MFIs insbesondere Menschen
unterstützen, die bereits in kleinen Unternehmen tätig sind, während subventionierte MFIs
auch sehr arme Menschen fördern und beraten, die erst am Beginn einer Existenzgründung
stehen. Abbildung 26 gibt zudem einen Hinweis, in welchen Ländern bereits zahlreiche
Menschen mit Mikrofinanzierung erreicht werden.
Neben Einzelpersonen, welche einen Kredit aufnehmen, schließen sich in vielen Fällen auch
Gruppen zusammen, die gemeinsam von einem Kredit profitieren (siehe Infobox 7). Dabei
handelt es sich um Zusammenschlüsse „which are typically located close to or within the
Abb. 26: Mikrokreditnehmer nach Ländern.
Quelle: DEUTSCHE BANK RESEARCH 2008, S. 16
61
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communities they serve, are adopted to the local context and are framed by local inputs“
(CARE INTERNATIONAL 2009, S. 12). Vorteile bieten diese Gruppen in zweierlei
Hinsicht: Zum einen entsteht ein Gruppendruck, der eine Motivation zum rechtzeitigen
Zurückzahlen der Abschläge des Kredits darstellt, zum anderen bietet die Gruppe auch Schutz
und Hilfe im Falle unvorhersehbarer Ereignisse. Ist es einem Gruppenmitglied nicht möglich,
die wöchentlich oder monatlich fällige Summe aufzubringen, da dies aufgrund von Krankheit,
unabsehbaren Naturereignissen oder dergleichen mehr nicht möglich war, kann ein anderes
Gruppenmitglied kurzfristig aushelfen. Bohle und Odgen fassen dies wie folgt zusammen:
„[…] if social sanctions are sufficiently strong, group lending can improve repayment rates by
encouraging borrowers to help each other” (BOHLE/ODGEN 2010, S. 348). Alle
Gruppenmitglieder treffen sich in der Regel einmal wöchentlich, um gemeinsam über die
finanzielle Situation zu beraten, die Einnahmen zu vergleichen, über mögliche Ausgaben zu
entscheiden und die Rückzahlung des Kredits fristgerecht zu organisieren. Diese Gruppen – in
Afrika sind zwischen 70 und 80 Prozent der Mitglieder Frauen (vgl. CARE
INTERNATIONAL 2009, S. 11) – achten strikt auf Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit,
wodurch eine höhere Verbindlichkeit entsteht als bei Einzelkrediten, wo der Kreditnehmer ein
hohes Maß an Selbstdisziplin aufbringen muss. Dieses hohe Maß an Sozialkompetenz bildet
einen enorm wichtigen Faktor, die Kreditwürdigkeit potenzieller Mikrokreditnehmer
betreffend: „Social capital of poor households is often the only actual security which helps to
prove their creditworthiness“ (LOHNERT 2008, S. 31). Generell kann seitens der Gruppe
entweder ein gemeinsames Interesse finanziert werden – es wird dann von einem
Gemeinschaftsmodell oder einer Community-Based-Organization (CBO) gesprochen – oder
jedes
einzelne
Gruppenmitglied
erhält
einen
Mikrokredit,
während
die
Rückzahlungsverantwortung aber gemeinschaftlich allen Gruppenmitgliedern obliegt
(Solidaritätsgruppe). Bei diesem Solidaritätsmodell – zumeist liegt die Gruppengröße bei fünf
Personen –
erhalten zunächst zwei Gruppenmitglieder einen Kleinkredit. Wird dieser
fristgerecht zurückgezahlt, erhalten weitere zwei Mitglieder ein Darlehen. Wird auch dies
angemessen beglichen, erhält die fünfte Person einen Kredit. Schafft es die Gruppe in
gemeinsamer Anstrengung und Verantwortung, dass auch diese Summe samt Zinsen zur
Zurückzahlung aufgebracht wird, bekommt die Gruppe die Chance, gemeinsam einen höheren
Kredit aufzunehmen. Kann allerdings ein Kredit einmal nicht zurück gezahlt werden, entfällt
für alle Gruppenmitglieder die Möglichkeit, ein Darlehen zu erhalten. Neben dem reinen
Zugang zu Geld lernen die Kreditnehmer auf diese Art auch Verantwortung zu übernehmen,
Solidarität zu üben und Teamfähigkeit zu praktizieren.
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3.6 Zukunft der Mikrofinanz
Trotz des positiven Bildes, das Mikrofinanzierung in der öffentlichen Diskussion einnimmt,
bestehen hinreichend Herausforderungen für die Zukunft. Während Mikrofinanzierung in den
Ländern Asiens und Lateinamerikas mittlerweile etabliert ist, offenbart sich erheblicher
Nachholbedarf in Afrika, ihre Wirkung ist in Asien und Lateinamerika viermal stärker, als es
in Afrika der Fall ist (vgl. LOHMANN 2009, S. 376). Im Vergleich zu Asien und
Lateinamerika sind in Afrika die durchschnittlichen Kredithöhen niedriger, der Profit ist
geringer und vielfach entstehen immense Probleme bei der Implementierung von
Mikrofinanz-Programmen, nicht zuletzt aufgrund „bad payment morale of defaulting debtors“
(LOHNERT 2008, S. 31). Im Jahre 2006 wurde auf dem Global Microcredit Summit eine
Zielvorgabe für die nächsten Jahre festgelegt: Bis 2015 sollen 175 Millionen der ärmsten
Familien der Welt, insbesondere Frauen, mit Krediten und Finanzdienstleistungen versorgt
werden. Zudem sollen bis 2015 im Vergleich zum Niveau von 1990 100 Millionen Familien
über die Armutsgrenze von 1,00 US-Dollar Tageseinkommen gehoben werden (vgl. DALEYHARRIS 2009, S. 19f.). Ob diese Ziele erreicht werden, bleibt abzuwarten. Eine Gefahr liegt
zudem darin, dass insbesondere Mikrokredite zum „Modethema“ (PLETTER 2010, S. 24)
geworden sind, was zur Folge haben kann, dass nach der Euphorie die Ernüchterung kommen
kann, „weil es so einfach nicht ist und Mikrokredite die Armut allein natürlich nicht besiegen
können. […] Dann wird die Enttäuschung groß sein, und das könnte auch die guten Ansätze
beschädigen“ (ebd.).
Um in den gerade aktuellen Zeiten starken Wachstums qualitativ hochwertige und explizit
kundenorientierte Angebote zu garantieren, sollten verstärkt Regulierungsmechanismen im
Mikrofinanzsektor etabliert werden. Das (zu) schnelle Wachstum des Sektors wird ausufern –
gleichsam wird die Wachstumsblase zum Platzen kommen – wenn seitens der jeweiligen
Regierungen nicht transparente Aufsichtsbehörden, etwa die jeweiligen Nationalbanken, den
Mikrofinanzsektor kontrollieren und bis zu einem gewissen Grad regulieren (vgl.
ROSENBERG 2008, S. 85ff.). Gerade wenn es sich um korruptionsanfällige Staaten oder
Länder, denen es an „Good Governance“ mangelt, handelt, bildet der Aufbau staatlich
organisierter Regulierungsmechanismen gewaltige Herausforderungen. Um diese Staaten mit
dem notwendigen Know-How und Fachwissen auszustatten und für diese Aufgaben zu
befähigen, arbeitet das BMZ an geeigneten richtungsweisenden Vorlagen zum Ausbau von
Kreditinformationssystemen, um ein zu schnelles und unreguliertes Wachstum des
Mikrofinanzsektors einzudämmen und mittel- bis langfristig einen stabilen Finanzsektor zu
63
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schaffen, denn „dieser Wildwuchs – man kann auch sagen, es sein ein gutes, weil Hauptsache
Zugang zu Finanzierung – ist problematisch, denn uns ist wichtig, nicht nur die quantitativen
Zugänge zu ermöglichen, sondern qualitative Angebote zu schaffen und da ist derzeit eine
Phase, wo wir sehen, dass diese zu groß werdende Blase platzen könnte“ (siehe S. 120,
Interview NGUYEN VAN). Denn allein die quantitative Ausweitung des MikrofinanzSektors ist nicht zwangsläufig und automatisch Erfolg bringend, denn Untersuchungen zur
Tiefen- und Breitenwirksamkeit von Mikrofinanzierung zur Armutsbekämpfung liegen
bislang nicht in ausreichendem Maße vor, bzw. bezweifeln die wenigen seriösen Studien, dass
Mikrofinanzierung tatsächlich die Armut verringern kann (vgl. WOLFINGER 2010, 24).
Vielfach prägt „anecdotecal evidence“ (siehe S. 127, Interview GILMER), prägen Berichte
über
einzelne
Mikrokredit-Kunden
und
positive
Wendungen
der
jeweiligen
Lebensgeschichten die öffentliche Berichterstattung (vgl. PLETTER 2010, S. 24), während es
an Nachweisen mangelt, dass
oder
ob
sich
„die
Lebensbedingungen der Bevölkerungsgruppen, die durch eine
MFI
bedient
werden,
besser
entwickelt haben als die einer
Vergleichsgruppe,
die
keinen
Zugang zu diesem Angebot hat“
(TERBERGER
2002, S. 4).
„Die Wirkungszahlen, die es
gibt, sind grobe Schätzungen“
(siehe
S.
NGUYEN
122,
VAN).
Interview
Aus
geo-
graphischer Sicht ist in diesem
Zusammenhang
Analyse
im
auch
eine
Hinblick
auf
räumliche Auswirkungen einer
Förderung durch Mikrokredite
wünschenswert. Beschränkt sich
eine
möglicherweise
positive
Wirkung von Mikrofinanzierung
auf den Kunden und dessen
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64
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Familie oder ergeben sich aus seinen verbesserten wirtschaftlichen Aktivitäten und seinem,
aus einer verbesserten Einkommensbasis resultierenden, offensiveren Konsumverhalten neue
Folgen
für
das
Wirtschaftssystem
im
betreffenden
Land?
Entstehen
neue
Wertschöpfungsketten und innovative Netzwerke zwischen kreativen Handwerkern und
Händlern im informellen Sektor und deren Zulieferern und Abnehmern (im formellen Sektor),
kommt es also zu einem so genannten „subcontracting“ (SPECHT 1998, S. 44)? Kommt es,
beispielsweise in Slums, zur Clusterbildung kreativer Milieus oder entwickelt sich ein zu
großer, letztlich für den Einzelnen existenzbedrohender Konkurrenzdruck, da es aufgrund von
Mikrofinanz-Förderung nun beispielsweise viel zu viele Schneider, aber keine an Kleidung
interessierte finanzkräftige Kundschaft in ausreichender Zahl gibt? Sind durch Mikrokredite
geförderte Kleinunternehmer derart stark, dass sie neue (Absatz-)Märkte erschließen können
und so einem Konkurrenzdruck, der möglicherweise im heimischen Slum entsteht, entgehen?
Oder wird etwa das Auftreten auf neuen Märkten erst durch den Zusammenschluss mehrerer –
durch
Mikrokredite
geförderter
–
Kleinunternehmer
möglich,
wodurch
sich
mit
Genossenschaften vergleichbare Verbände bilden könnten (siehe Infobox 7)? Werden sich
Handwerker
und
Gewerbetreibende
also
freiwillig
zu
Selbsthilfeorganisationen
zusammenschließen, welche die wirtschaftlichen und sozialen Interessen ihrer Mitglieder
fördern? Ist die Wirkung von Mikrokrediten so groß, dass sich das Kleingewerbe eines
einzelnen Gewerbetreibenden derart erfolgreich entwickelt, dass er Arbeitsplätze schaffen und
weitere Mitarbeiter einstellen kann, wodurch eine positive Wirkung auf den lokalen
Arbeitsmarkt entsteht? Können gar regionale Unterschiede innerhalb der Entwicklungsländer
etwa zwischen ländlichen und urbanen Räumen oder auch innerhalb verschiedener
Stadtviertel in der Folge einer prosperierenderen Ökonomie schrumpfen, werden also die für
Entwicklungsländer
so
typischen
„micro-geographies“
(DICKEN
2007,
S.
482)
zusammenwachsen und wird in Folge der informelle Sektor zunehmend formale Strukturen
annehmen und werden innerstädtische Disparitäten schrumpfen?
All dies sind Fragen, die es im Kontext des Themas Mikrofinanzierung und ihrer Wirkungen
künftig zu untersuchen gilt. Die Forschung sollte sich also vom engen Fokus auf Struktur,
Vergabemechanismen und Kapitalausstattung des Mikrofinanz-Sektors lösen und den Blick
auf die Folgen, auf die Wirkungen richten. Dazu bedarf es neben den bestehenden volks- und
finanzwirtschaftlichen Forschungen eines verstärkten Engagements aus dem geographischen
Bereich, welche die raumwirksamen Folgen der Vergabe von Mikrokrediten untersuchen,
denn „das wäre genau der Bereich, der […] interessant ist, da ist der logische Link am
größten“ (siehe S. 122, Interview NGUYEN VAN). Diese Notwendigkeit fasst Beate Lohnert
65
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
– eine Geographin – zusammen: „Although there are hardly any serious studies and
evaluations of the effects of microfinancing on the target groups and its impulses for
development, currently microfinance is mushrooming all over Subsahara-Africa“ (LOHNERT
2008, S. 31).
66
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
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Wenngleich der Großteil aller Berichte über die Wirkung von Mikrofinanzierung auf der
Darstellung von Einzelbeispielen beruht (einige werden im Verlauf dieses Kapitels auch
exemplarisch dargestellt), so können dennoch daraus einige allgemeine Aussagen abgeleitet
werden. Zu den positiven Effekten von Mikrofinanzprojekten gehören ein erhöhtes und
diversifiziertes Einkommen der Kreditnehmer und in einigen Fällen auch die Schaffung neuer
Arbeitsplätze aufgrund kreditfinanzierter Geschäftsausweitungen. Weiterhin können Risiken
abgefedert und die Vulnerabilität der betreffenden Bevölkerungsgruppe verringert werden,
was durch die Bildung von Ersparnissen, aber auch durch Mikroversicherungen erreicht
werden kann. Gerade wenn es sich um Gruppenkreditvergabe handelt, kann ein
Empowerment der Frau, eine Steigerung des Selbstbewusstseins und eine Zunahme der
Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Frau gegenüber ihrem Mann festgestellt werden.
Vielfach steigen auch die Ausgaben für Bildung, Ernährung und Gesundheit (vgl. BMZ 2004,
S. 12f.).
4.1 Erfolgreiche Beispiele für eine Förderung durch Mikrokredite
4.1.1 im ländlichen Raum
Gerade in den abgelegenen ländlichen Gebieten Afrikas waren Finanzdienstleistungen lange
Zeit weder bekannt, noch verfügbar. Für viele Subsistenzbauern, wie für Ogwe Kishati, der in
Rongai, rund 200 km nördlich von Nairobi lebt, waren die wenigen Ziegen und Rinder, die er
neben seiner Hütte in einem kleinen Gatter hält, Nahrungsmittel, Versicherung und
Wertanlage in einem. Dies bedeutete, immer wenn Ogwes Familie von extremen Ereignissen
heimgesucht wurde, zum Beispiel wenn ihre Lehmhütte in der Regenzeit durch lang
anhaltende Regenfälle zerstört wurde, wenn eines der vier Kinder krank wurde oder eine
Tante starb und ein teures Begräbnis bezahlt werden musste, schlachtete Ogwe eines der Tiere
und verkaufte das Fleisch auf dem Markt in Nakuru, der nächstgrößeren Stadt. Diese Art der
Vorsorge entwickelte sich immer dann zum Problem, wenn eines der Tiere krank wurde und
starb. Mit einem Mal wurde so ein großer Teil des Vermögens vernichtet. Den Erlös aus dem
67
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Verkauf des Fleisches gab
Ogwe stets umgehend aus, da
er keine Möglichkeit hatte, den
Betrag zu verwahren. In seiner
Hütte
aufbewahrtes
würde
sofort
von
Geld
Dieben
gestohlen.
Deutlich verbessert wurde die
Situation der Familie, als die
K-Rep-Bank eine Filiale in
Rongai
eröffnete
und
dort
Mikrofianz-Dienstleistungen
für die ländliche Bevölkerung
Abb. 27: Die K-Rep-Bank kündigt die Eröffnung einer
neuen Filiale in der kenianischen Kleinstadt Rongai an.
Quelle: eigene Aufnahme
anbot (siehe Abbildung 27). Ogwe ließ sich von den Mitarbeitern der Bank ausführlich
beraten und nahm in der Folge einen Kleinkredit in Höhe von umgerechnet 100,00 Euro auf
und er eröffnete ein Sparkonto.
Von dem geliehenen Geld kaufte Ogwe Baumaterial und errichtete einen Verkaufsstand an
der viel befahrenen Straße zwischen Rongai und Nakuru. Dort verkauft er selbst angebaute
landwirtschaftliche Produkte, die den Eigenbedarf seiner Familie übersteigen. Zudem bietet er
selbst gebrautes Bananenbier und landestypisches Essen wie Ugali und Chapati an. Da Rongai
ein viel frequentierter Umschlagplatz für LKW auf dem Weg von Nairobi nach Uganda ist,
zählt Ogwe heute zahlreiche LKW-Fahrer zu seinen Kunden. Der Erlös, den er mit Hilfe
seines Verkaufsstandes erzielt, reicht sowohl, um die fälligen Kreditraten zurückzuzahlen, als
auch, um einiges auf sein Sparkonto einzuzahlen. Ogwe und seine Familie sind dank der
Möglichkeiten der Mikrofinanzierung viel weniger verwundbar gegenüber unvorhersehbaren
Extremereignissen geworden und sie haben nun neben der Subsistenzlandwirtschaft eine
reguläre Einkommensbasis. Mit dem Geld, das sich nach und nach auf dem Sparkonto
ansammelt, können die Schulgebühren für die Kinder getragen werden (vgl. PLETTER 2010,
S. 25ff.).
68
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
4.1.2 in urbanen Agglomerationen
Die zwanzigjährige Edda Otieno ist die älteste von vier Geschwistern, die als „Kinderfamilie“
eine kleine Wellbechhütte in Silanga, einem Teilgebiet von Kibera, Ostafrikas größtem Slum
in Nairobi, bewohnen. Ihre Mutter starb vor drei Jahren an AIDS, wer ihr Vater ist, wissen die
Kinder nicht. Nach dem Tod ihrer Mutter musste Edda die Verantwortung für ihre
Geschwister übernehmen. Um ausreichend Geld für den täglichen Lebensunterhalt zu
verdienen, nahm Edda damals einen Mikrokredit bei der kenianischen K-Rep-Bank auf,
welche ein spezielles Förderprogramm für Jugendliche anbietet. Von diesem Geld, 140,00
US-Dollar, kaufte sie sich eine Nähmaschine. Schneidern hatte sie schon immer interessiert
und ihre Mutter hatte ihr einst beigebracht zu nähen. Mit dem Herstellen von
Kleidungsstücken gelingt es Edda nun, gerade soviel zu verdienen, dass die Miete für die
Hütte und der Erwerb von Lebensmitteln finanziert werden kann. Innerhalb der letzten drei
Jahre hat sie es nun auch endlich geschafft, den Kredit vollständig zurückzuzahlen. Dies hat
ihr seitens der K-Rep-Bank ein Lob als seriöse Kreditnehmerin eingebracht und nun hat sie
die Möglichkeit, einen weiteren Kredit aufzunehmen. Mithilfe dieses Folgekredits will Edda
eine kleine Solaranlage auf dem Dach ihrer Hütte installieren. Das „Kibera Community Youth
Programme“, wo einige ihrer Freunde arbeiten, stellt günstige Solarpaneele her, welche
speziell an die Bedürfnisse der Slumbewohner angepasst sind (vgl. UNEP 2009, S. 53). Mit
Hilfe dieser Solaranlage kann sie fortan auch abends arbeiten, da sie ihre Hütte nun
beleuchten kann. Edda erhofft sich durch längere Arbeitszeit mehr Umsatz. Mit diesen
zusätzlichen Einnahmen könnte ihr es vielleicht gelingen, ihren Geschwistern endlich den
Besuch einer Schule zu ermöglichen. Bislang hatte sie nicht genug Geld, um die anfallenden
Schulgebühren aufzubringen (zur Situation der Kinderfamilien in Nairobi siehe auch
WEHRMANN 2008, S. 20ff.; zur erfolgreichen Wirkung von Mikrokrediten siehe weitere
Beispiele in PETRI 2010, S. 122ff.).
69
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
4.2 Wirkung von Mikrokrediten in Kenia
4.2.1 Mikrofinanzierung in Kenia
Wird der informelle Sektor thematisiert, kommt Kenia insofern eine exemplarische Rolle zu,
da Untersuchungen zu selbigem weltweit erstmals im Rahmen des „Country-Mission-Report
Kenia“ der ILO im Jahre 1972 durchgeführt wurden (vgl. ILO 1972). In den Folgejahren hat
sich für den informellen Sektor in Kenia der Begriff „Jua Kali“, was übersetzt „unter der
heißen Sonne“ heißt, durchgesetzt. Dieser exemplarischen Bedeutung des kenianischen
informellen Sektors ist es geschuldet, dass insbesondere in den informellen Siedlungsgebieten
Nairobis zahlreiche NGOs mit differenzierten Arbeitsschwerpunkten tätig sind. Darunter –
wenngleich Mikrofinanzierung in Kenia einen relativ jungen Wirtschaftsbereich darstellt –
auch zahlreiche MFIs, die erfolgreich im Bereich Mikrofinanzierung arbeiten (vgl. NEBE
2004, S. 139). Weil die Förderung des Kleingewerbes als ein Schlüsselindikator für die
(wirtschaftliche) Entwicklung Kenias gesehen wurde (vgl. SCHNEIDER 1993, S. 98), wurde
der Aufbau eines Finanzsystems für die arme Bevölkerung seit Ende der 80er Jahre des 20.
Jahrhunderts als elementar betrachtet. Während die Anfänge des Mikrofinanz-Geschäfts in
Kenia in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts durch wenige Pioniere geprägt waren,
entwickelte sich jener Sektor zum Ende des vorigen Jahrhunderts und insbesondere zu Beginn
des 21. Jahrhunderts regelrecht zu einer „Industrie“ (HOSPES et al. 2002, S. 21).
Schätzungen zufolge erhielten kenianische MFIs allein zwischen 1994 und 2002 rund 80
Millionen
US-Dollar
an
Unterstützung
von
internationalen
Gebern
(vgl.
ebd.).
Hauptempfänger waren die K-Rep-Bank und die Equity-Bank (siehe unten). Wenngleich das
kenianische Mikrofinanzwesen im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern gut ausgebaut
ist, so haben dennoch zahlreiche unter der Armutsgrenze lebende Kenianer, insbesondere
solche, die in den unwegsamen ländlichen Gebieten leben, nach wie vor keinen Zugang zum
formellen Finanzwesen, obwohl es 49 kommerzielle Banken in Kenia gibt. Es sind lediglich
22,9 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Kenias, die 2009 einen Zugang zum formellen
Bankenwesen hatten (vgl. MIXMARKET 2010, S. 1). Die höchste Geschäftsstellendichte
weist hier die Kenya Post Office Savings Bank (KPOSB) mit rund 500 Niederlassungen
landesweit auf, welche auch für weniger wohl situierte Kunden die Möglichkeit zur
Einrichtung von Sparkonten anbietet. Rund 130 Geschäftsstellen unterhält die Kenya
Commercial Bank (KCB), welche allerdings keinerlei Mikrofinanz-Dienstleistungen in ihrem
Angebotsportfolio aufweist (vgl. HOSPES 2002, S. 115). Hinzu kommen 38 MFIs, welche
spezielle Mikrofinanzangebote bereithalten (vgl. MIXMARKET
70
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Abb. 28: Vereinfachte Struktur des kenianischen Finanzwesens. Von den 18,1 Millionen
Menschen, welche unter der Armutsgrenze leben, konnten 2009 nur 17,9 Prozent der
Bevölkerung Finanzdienstleistungen von MFIs in Anspruch nehmen.
Quelle: eigene Darstellung
2010, S. 3; siehe Abbildung 28). Es sind allerdings nur zehn dieser MFIs, welche wirklich
landesweit, also auch „up country“, wie es in Kenia heißt, agieren. Die Mehrzahl der MFIs
konzentriert ihr Engagement auf Kunden in den Städten, insbesondere in Nairobi (vgl.
HOSPES 2002, S. 115). 17,9 Prozent der kenianischen Bevölkerung hatte 2009
Finanzdienstleistungen von MFIs (darunter auch Mobilfunk-Banking-Anbieter) in Anspruch
genommen. Es sind weitere 26,8 Prozent der Bevölkerung, welche gänzlich informelle
Finanzdienstleistungen, etwa die Angebote informeller Geldverleiher, in Anspruch nehmen.
Der
verbleibende
Bevölkerungsteil
von
32,7
Prozent
hat
keinerlei
Zugang
zu
Finanzdienstleistungen (vgl. MIXMARKET 2009, S. 1, siehe auch Abb. 29).
71
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Abb. 29:
Zugang der
kenianischen
Bevölkerung zum
Finanzwesen 2009.
Quelle: eigene
Darstellung nach
MIXMARKET 2010,
S. 1
Erhebungen der Association of Microfinance Institutions (AMFI) haben ergeben, dass die 38
kenianischen MFIs im Jahre 2009 1,44 Millionen Kunden verzeichneten, die über insgesamt
825 lokale Büros bedient wurden [zum Vergleich: in Deutschland – mit einer rund doppelt so
hohen Einwohnerzahl wie Kenia – gibt es allein 425 Sparkassen, die 10.253 Filialen
unterhalten (vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., S. 5)]. Gegenüber 2008 stieg
die Zahl der Kunden um 400.000 an (siehe Abbildung 30). Die große Mehrzahl dieser
Kunden – 1,27 Millionen – partizipiert als Kreditnehmer am Finanzwesen. Darlehen in Höhe
von insgesamt 202 Millionen US-Dollar wurden seitens jener kenianischen MFIs vergeben
(ebd.).
Genau die Hälfte der von Kenianern aufgenommenen Kredite wird im Haushalt eingesetzt.
Es sind letztlich Verbraucherkredite, welche aktuellen Bedarf an Nahrung/Lebensmitteln,
.+,/01-234014
Kleidung oder Baumaterial decken. Weitere 44 Prozent sind Investitionskredite und werden in
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*+,Abb. 30: Anstieg der Mikrofinanz-Kunden in Kenia 2006 bis 2009.
Quelle: eigene Darstellung nach MIXMARKET 2010, S. 1ff.
72
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
bestehende oder zum Aufbau von Kleinunternehmen eingesetzt. Lediglich 4 Prozent der
Kredite werden rein zum Konsum verwandt, nur 2 Prozent werden zur Deckung der Kosten
für Bildungsangebote aufgebraucht (siehe Abb. 31).
Im Unterschied zu vielen anderen Entwicklungsländern wurde in Kenia bereits im Jahre 2000
der Schritt vollzogen, dass MFIs der nationalen Zentralbank unterstellt sind (vgl. KALAJIAN
2007, S. 1). Sie sind daher einerseits offiziell anerkannt und können gestützt auf ein offizielles
Mandat agieren, werden aber andererseits auch in begrenztem Maße reguliert. Für ein
gewisses Maß an Regulierung besteht insbesondere dann der Bedarf, wenn der MikrofinanzMarkt – wie es in Kenia der Fall ist – sehr schnell wächst und viele verschiedene Akteure auf
den Markt drängen (vgl. Kapitel 2).
Abb. 31: Verwendung der Darlehen kenianischer Kreditnehmer.
Quelle: MIXMARKRET 2010, S. 5.
73
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
4.2.2 In den Slums von Nairobi tätige MFIs.
4.2.2.1 K-Rep-Bank
Die heutige K-Rep-Bank war die erste Organisation in Kenia, welche sich im Bereich
Mikrofinanzierung engagierte. Sie entwickelte sich aus einer 1984 gegründeten NGO, welche
informell tätige Kleinunternehmer in Nairobi unterstütze. Bereits 1989 wurden erste Kredite
an andere NGOs vergeben, um damit deren Arbeit zugunsten von Mikrounternehmern in den
Slums von Nairobi zu unterstützen. Im gleichen Jahr wurden zudem erste eigene MikorkreditProgramme entwickelt und als Hauptgeschäftsfeld der K-Rep-Bank etabliert. Durch
zunehmende Professionalisierung, die Erweiterung des Angebot-Portfolios und den Ausbau
des Mitarbeiterstammes konnte die einstige NGO 1999 zu einer offiziellen Bank
umgewandelt werden (up-scaling, siehe Kapitel 3.4). Zentrale Aufgabe dieser Bank ist „to
transact Banking Business in Kenya, with a focus on micro finance, small and medium
enterprises, poor households and development oriented enterprises” (K-REP 2010). K-Rep
will damit ein Angebot für die Mehrheit der kenianischen Bevölkerung bieten, der ein Zugang
zum traditionellen Bankenwesen verwehrt blieb, so grenzt sich die Bank deutlich von
konventionellen Bankhäusern ab: „K-Rep Bank caters and uplifts living standards of the lowincome, small and micro entreprenuers who have been absolutely ignored by the mainstream
banks. K-Rep Bank takes everyone as an individual with different needs and tailors products
to be suitable to all Kenyans or group or any other entity“ (ebd.).
Es sind sieben Maxime, denen nach denen sich die K-Rep-Bank definiert:
x
„hard work & team work
x
honesty & integrity
x
respect, learning & reflection
x
solidarity with the poor
x
creativity & innovation
x
equal opportunity employer
x
modesty and fair play“ (K-REP 2010)
Anteilseigner sind neben verschiedenen kenianischen Institutionen auch die African
Development Bank und The Netherlands Development Finance Co. Wie bei vielen anderen
MFIs auch, werden sowohl Gruppen- als auch Einzelkredite vergeben, es besteht die
Möglichkeit, Sparkonten zu eröffnen und ATM-Karten zu erhalten. Ein online-Angebot
ermöglicht es, Kredite nach verschiedenen Konditionen zu kalkulieren und die monatlich
74
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
erforderlichen Rückzahlungsraten zu bemessen. Ein Vorteil für
Kunden besteht darin, dass K-Rep nicht ausschließlich
Mikrofinanz-Dienstleistungen
anbietet,
sondern
auch
zahlreiche weitere Finanzdienstleistungen, ähnlich derer von
konventionellen Banken, offeriert. Zur K-Rep-Gruppe gehören
neben der K-Rep-Bank auch die K-Rep-Advisory-Services,
welche
Beratungen
und
Schulungen
im
Bereich
Mikrofinanzwesen anbieten und die K-Rep-Development
Agency, welche wissenschaftliche Untersuchungen durchführt
und neue Mikrofinanz-Produkte entwickelt (vgl. K-REP 2010).
Seit
1998
„Adolescent
hat
Girls
die
and
K-Rep-Development-Agency
Boys
Savings
and
das
Credit
Project“ etabliert, welches in Nairobi in den Slums Kibera,
Mathare und Eastlands mit Jugendlichen im Alter zwischen 16
Abb. 32: Hauptsitz und
Logo der K-Rep-Bank.
Quelle: K-REP 2010
und 22 Jahren arbeitet. Gruppen von ca. 20 Jugendlichen werden von K-Rep-Mitarbeitern in
Workshops in Grundlagen im Bereich Wirtschaft und Finanzen ausgebildet, woraufhin ihnen
Kredite und Sparkonten angeboten werden. Die Kredite sind auf eine Laufzeit von einem Jahr
ausgelegt und sollen zur Gründung oder Expansion von Kleinunternehmen eingesetzt werden.
Das Programm hat gezeigt, dass Jugendliche durchaus verantwortungsbewusst und in der
Lage sind, einen Kredit aufzunehmen und fristgerecht zurückzuzahlen, „young borrowers are
no less credit worthy than adults“ (GTZ 2009, S.17f.). Allerdings ist dazu die Vermittlung
fundierter Kenntnisse aus dem Bereich Wirtschaft und Finanzen unabdingbar (vgl. K-REP
2010a). Ein großes Problem besteht allerdings darin, dass „most of the groups addressed tend
to be quite fragile and unpredictable in their internal dynamics” (NEBE 2004, S. 141). Dies
hat zur Folge, dass viele Jugendliche, die eigentlich an diesem Projekt partizipieren, frühzeitig
und ohne nachhaltigen Erfolg aus der Projektgruppe ausscheiden.
75
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
4.2.2.2 Equity-Bank
Im
Jahre
2008
ausgezeichnet
als
beste
„Microfinance-Bank in Africa“, wurde die EquityBank bereits 1984 als MFI gegründet (siehe
Abbildung
33).
Die
erfolgreiche
Entwicklung
innerhalb von nur einem Viertel Jahrhundert zeigt,
dass die Nachfrage seitens der armen Bevölkerung
nach Finanzdienstleistungen immens ist. So zählt die
Abb. 33: Logo der Equity-Bank.
Quelle: EQUITY 2010
Equity-Bank 2010 über 4,1 Millionen Kontoinhaber,
was bedeutet, dass 52 Prozent aller Konten in Kenia bei der Equity-Bank eröffnet wurden (vgl.
EQUITY 2010, S. 1). Zahlreiche Preise, darunter Auszeichnungen als „Beste Bank Afrikas
und des Mittleren Ostens“ oder „Beste Mikrofinanz-Bank“ belegen das Engagement der
Equity-Bank. Dass der Erfolg derart groß ist, liegt daran, dass die Equity-Bank sowohl global
orientiert, als auch lokal ausgerichtet ist und für die verschiedensten Bevölkerungsgruppen
angepasste Finanzprodukte entwickelt. So gibt es unter anderem neben speziellen Krediten
zum Hausbau auch besondere Förderprogramme für Menschen mit Behinderungen. In Kenia
– wo für Menschen mit Behinderung kaum Unterstützungsmöglichkeiten vorhanden sind (vgl.
NFSS 2010, S. 1) – ein absolutes Novum und Zeichen aufrichtigen Interesses an einer
zukunftsweisenden Entwicklung des Landes. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit
erkennt das Engagement der Equity-Bank an: „Wie schnell Equity Produkte entwickelt hat,
das ist einzigartig“ (siehe Seite 135, Interview SPAETH). Qualitativ hochwertig Produkte und
der große Erfolg bedingen sich gleichsam gegenseitig. Die gute Arbeit der Bank brachte ihr
derart umfangreiche Fördergelder aus dem Bereich der internationalen Geber ein, dass –
gerade auch im Personalbereich – ein hinreichendes Know-How aufgebaut werden konnte,
um professionelle und lokal angepasste Produkte zu entwickeln. Die unter dem Akronym
„PICTURE“ zusammengefassten Leitziele der Arbeit der Bank liegen in folgenden Bereichen:
• Professionalism
• Integrity
• Creativity and Innovation
• Teamwork
• Unity of purpose
• Respect and dedication to customer care
• Effective Corporate Governance (vgl. EQUITY 2010, S. 1)
76
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
4.2.2.3 Jamii Bora
J"[email protected]<NOD<DPC;QCMDG<CMRNOHFMHFFD<K>KNOD<DPC;H<DAC>@AST
!"#$%&$'(")*+,-&.##/0)&12345-6*,,/7869:;:<=5;>
50 Familien, welche im Slum Mathare Valley im Osten von Nairobi lebten und bettelarm waren,
schlossen sich 1999 zusammen und gründeten mit Hilfe der Schwedin Ingrid Munro die
Wohltätigkeitsorganisation Jamii Bora, was auf Kiswahili „Gute Familien“ bedeutet. Zunächst
war das Ziel, gemeinsam das Einkommen und die Lebensbedingungen aller 50 Familien durch
Kreditvergabe zu verbessern. Die Kooperation entwickelte sich derart erfolgreich, dass Jamii
Bora heute über 170.000 Mitglieder hat und stolz
behauptet: „Our experience is that any family, however
poor, miserable, and hopeless, is capable of getting
themselves out of poverty“ (JAMII BORA 2010, S. 1).
Niemand sei zu arm, um Mitglied bei Jamii Bora zu
werden (vgl. ebd.). Wer durch die Hilfe der Jamii Bora
Abb. 33a: Logo der
Organisation Jamii Bora.
Quelle: JAMII BORA 2010, S. 1
Community erfolgreich sein Einkommen verbessern konnte, übernimmt die Rolle eines Mentors
und erklärt anderen Interessierten, wie die Kreditvergabe bei Jamii Bora funktioniert.
Mittlerweile gibt es 86 Niederlassungen in ganz Kenia, welche eigenständig Mikrokredite an
Kleingruppen von bis zu fünf Personen vergeben. Es gibt spezielle Kreditprogramme zur
Gründung oder Erweiterung von Kleinunternehmen, zum Begleichen von Schulgebühren oder
zum Errichten eines Hauses bzw. einer Hütte. Die durchschnittliche Kredithöhe liegt bei 7.209
Kenianischen Schilling, rund 90,00 US-Dollar (ebd.). Innerhalb von 50 Wochen muss das
Darlehen mit einem Zinssatz von 0,5 Prozent pro Woche zurückgezahlt werden (ebd.). Zudem
entwickelte Jamii Bora 2001 ein besonderes, an ein Gesundheitskonzept gekoppeltes
Sparprogramm. Dabei zahlen die Mitglieder regelmäßig auf ein Sparkonto ein und haben die
Möglichkeit, bestimmte Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Dieser Ansatz –
der Idee von Krankenversicherungen nahe kommend – ist für Kenia, wo es keinerlei
Absicherungen im Krankheitsfall gibt, von Krankenversicherungen, wie sie aus Deutschland
bekannt sind, ganz zu schweigen, eine große Innovation. Da – gerade in den Slumgebieten –
Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit ein großes Problem darstellen (siehe dazu auch
EBERTH/HARBRECHT 2009, S. 35ff.) hat Jamii Bora im Jahre 2003 ein Programm zur
Wiedereingliederung von Alkoholikern etabliert. Das Ziel ist, dass die Sucht überwunden wird
und die betroffenen Personen nicht von der „community“, von der Gemeinschaft der
Mitmenschen im Slum, gemieden werden, sondern ihnen gezielt Verantwortung übertragen wird
und sie nach einer Zeit der Therapie auch befähigt werden, in kleinen Gruppen einen Mikrokredit
aufzunehmen.
77
6;<=><[email protected];A?BC>A?DE;"[email protected]"[email protected];[email protected];HI?D;[email protected]?DNFG6NO>DD";=>:;
45 6+7/'0+,*,8+$/),9),(:+-(),9
5.1 Der informelle Sektor in Kenia unter Berücksichtigung der Rolle
Jugendlicher und der Bildungssituation
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Die vorgestellten kenianischen MFIs arbeiten in Nairobi im besonderen Umfeld der rund 200
informellen Siedlungsgebiete, welche zwar nur 5 Prozent der Stadtfläche einnehmen, aber von
ca. 60 Prozent der Einwohner Nairobis bewohnt werden (vgl. Kapitel 1). Über 50 Prozent
dieser knapp zwei Millionen Menschen sind Kinder und Jugendliche im Alter bis 18 Jahre
(vgl. NEBE 2010, S. 2), weshalb auf diese Gruppe ein besonderer Fokus gerichtet werden
soll. Der überwiegende Teil dieser jungen Kenianer gehört nicht zu jener Gruppe Migranten,
die einst aus den ländlichen Gebieten des Landes in die Hauptstadt, die „Primate City“,
Nairobi abwanderten. Vielmehr handelt es sich um die Kinder einstiger Migranten, also um
eine neue Generation, die im Slum geboren und im Slum aufgewachsen ist. Viele dieser
Kinder kennen nur das Leben im Slum, sie haben das Stadtzentrum Nairobis und andere
Siedlungsgebiete oder Landschaften als den Slum noch nie gesehen (vgl. CHRIST/EBERTH
2009, S. 9). Gründe dafür liegen in der extremen Armut der in den Slums lebenden Familien,
welche sich die umgerechnet ca. 0,10 Euro für ein Ticket für den öffentlichen
Personennahverkehr ins Stadtzentrum nicht leisten können (siehe Abbildung 35).
Als sei das (Über-)Leben für diese Menschen inmitten des in vielerlei Hinsicht
problematischen Umfeldes (vergleiche Kapitel 1) nicht schon schwer genug, offenbart sich
zudem das kenianische Bildungssystem als Determinante für eine sichere Zukunft der
Jugendlichen:
Zwar
setzte
der
kenianische
Staatspräsident
Mwai
Kibaki
sein
Wahlversprechen, freie Grundschulbildung anzubieten, ab dem Jahr 2003 an staatlichen
Schulen um, doch gibt es in den informellen Siedlungsgebieten kaum solche Schulen (vgl.
NEBE 2007, S. 1). Das heißt, staatliche Schulen sind in Nairobi in den besser situierten
Stadtvierteln lokalisiert und für die Kinder des Slums zu weit entfernt. Zudem werden in
Slums wohnende Kinder an solchen Schulen häufig nicht aufgenommen, zum einen weil sie
ohnehin total überlaufen sind, zum anderen, da die Eltern der Schüler nicht wollen, dass ihre
Kinder Kontakt zu Slumbewohnern aufbauen. Soziale Stigmatisierung bildet ein immenses
78
6;<=><[email protected];A?BC>A?DE;"[email protected]"[email protected];[email protected];HI?D;[email protected]?DNFG6NO>DD";=>:;
Abb. 35: Das erste
Mal in ihrem
Leben sehen diese
Kinder das Stadtzentrum Nairobis. Mangel an Geld und die große Armut der Familien ist der Grund,
warum die umgerechnet 0,10 Euro für eine Busfahrt von dem im Osten Nairobis
gelegenen Slum Mathare ins Stadtzentrum nicht möglich sind. Unbeschreiblich sind die
Eindrücke, als die Schüler das erste Mal in ihrem Leben einen Aufzug betreten und auf
das Dach eines Hochhauses fahren und „ihre“ Stadt aus der Vogelperspektive erleben.
Foto: eigene Aufnahme
Problemfeld. Damit die große Zahl junger, in den Slums lebender Menschen, dennoch einen
Zugang zu Bildung bekommt, haben sich in den informellen Siedlungsgebieten so genannte
„Non-Formal-Schools“, informelle Schulen, etabliert. Diese werden von kirchlichen
Gruppierungen, NGOs oder Community-Based-Organizations, in manchen Fällen auch von
Privatpersonen, getragen. Um ihr eigenes Fortbestehen zu sichern und die laufenden Kosten
decken zu können, sind die Träger jener Schulen gezwungen, Schulgebühren zu erheben. Es
offenbart sich also eine Ungerechtigkeit im kenianischen Schulsystem, dergestalt, dass aus
vergleichsweise wohlhabenden Familien stammende Kinder staatliche Schulen kostenfrei
besuchen können, während die Kinder armer, in Slums lebender Familien, auf die Zahlung
von Schulgeld angewiesen sind. Es besteht also das Risiko, „that a new separation may take
hold, based on economic rather than racial criteria“ (SOMERSET 2009, S. 249). Mit Blick
auf die Politik gestaltenden Verantwortlichen und die Wahlversprechen Kibakis muss kritisch
angemerkt werden, dass kaum ein Kind „who grows up in a slum area gets to go to school or
fully benefits from free education“ (NEBE 2007, S. 1). Wenngleich, wie in Abbildung 36
dargestellt, die Höhe der Schulgebühren informeller Schulen aus europäischer Sicht sehr
niedrig erscheint, stellt sie für Kenianer eine nur schwer aufzubringende Summe dar, was aus
79
6;<=><[email protected];A?BC>A?DE;"[email protected]"[email protected];[email protected];HI?D;[email protected]?DNFG6NO>DD";=>:;
Abb. 36: Organisation 204 untersuchter informeller Schulen in den Slums von Nairobi:
a) Finanzierung; b) Schulträger; c) Höhe der monatlichen Schulgebühr.
Quelle: eigene Darstellung nach KATHURI/JUMA 2007, S. 19f.
dem Vergleich mit den kargen Löhnen (vergleiche Kapitel 2.2.2) deutlich wird. Diesem
Umstand ist es geschuldet, dass nur etwa die Hälfte der in den Slums lebenden Kinder und
Jugendlichen eine Schule besuchen. Den anderen 50 Prozent bleibt ein Schulbesuch aus
Mangel an Kapital verwehrt. Sie verbringen ihren Alltag in den Gassen der Slums. Weil sie
ohne (Aus-) Bildung kaum eine Chance auf eine feste Anstellung haben und ihre Eltern
vielfach nicht für den nötigen Unterhalt aufkommen, bzw. keine ausreichende Menge an
Nahrung zur Verfügung stellen können, sichern sich diese Kinder und Jugendlichen ihr
Überleben durch aus Verzweiflung motivierte kriminelle Aktivitäten und Diebstahl (vgl.
EBERTH/HARBRECHT 2009, S. 39f.). Die „Beute“ kann eine Banane oder eine Flasche
Cola sein, welche umgerechnet nur 0,20 Euro kosten würde. Um der erschütternden Realität
wenigstens für einige Stunden entfliehen zu können, schnüffeln viele dieser Straßenkinder an
Klebstoff und atmen diese in gravierendem Maße gesundheitsschädlichen Dämpfe ein.
Aber auch für die anderen 50 Prozent, die Jugendlichen, welche das Glück haben, eine
informelle Schule besuchen zu können, besteht eine stetige Unsicherheit, denn können sie,
bzw. ihre Eltern, die monatlichen Schulgebühren einmal nicht aufbringen, wird ihnen so lange
der Besuch der Schule verwehrt, bis das anfallende Schulgeld aufgebracht werden kann. In
dieser Zeit, wie auch in den Ferien, unterliegen auch die Schulkinder der Gefahr, von den
Straßenkindern in kriminelle Aktivitäten hineingezogen zu werden (vgl. ebd.). Gute Ansätze,
80
6;<=><[email protected];A?BC>A?DE;"[email protected]"[email protected];[email protected];HI?D;[email protected]?DNFG6NO>DD";=>:;
Abb. 37: Einfluss des sozialen Umfelds auf Jugendliche in den Slums von Nairobi.
Quelle: eigene Darstellung nach EBERTH/HARBRECHT 2009, S. 39f.
die in Schulen und Kirchen vermittelt werden, werden durch das Umfeld, durch den Einfluss
der Peergroups und Sozialisation, häufig kompensiert (siehe Abbildung 37).
Schulen stehen also vor der enormen Herausforderung, im (Über-)Lebensraum des Slums, der
von Selbstjustiz und dem Kampf ums tägliche Brot gekennzeichnet ist, ihrem Bildungs- und
Erziehungsauftrag gerecht zu werden.
Inhaltlich arbeiten informelle Schulen eng am von der kenianischen Regierung vorgegebenen
Lehrplan, wodurch die Teilnahme an zentralen staatlichen Abschlussprüfungen für die
Schüler und eine Anerkennung der Zeugnisse gewährleistet sind. Allerdings müssen Schüler
informeller Schulen, um das „Kenya Certificate for Primary Education (KCPE)“ zu erhalten,
das heißt an den staatlichen Abschlussprüfungen teilzunehmen, hohe Gebühren bezahlen. Die
Orientierung an den staatlichen Lehrplänen hat aber auch zur Folge, dass der Unterrichtsstoff
kaum an den spezifischen Bedürfnissen der Schüler, der im Slum lebenden Kinder und
Jugendlichen, ausgerichtet ist: „Even when children are able to go to school, the quality of the
education they receive is often poor. It is still common to see students sitting in cramped
conditions, with few books or materials, listening to a teacher who has very little professional
training“ (UNICEF 2009, S. 112; siehe Abbildung 38).
81
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Abb. 38: Dichtes Gedränge vor dem
Eingang einer informellen Schule in
Mathare, Nairobis zweitgrößtem Slum.
Foto: eigene Aufnahme
Die Gründe für diese Tatsache reichen bis zur Zeit des Kolonialismus zurück. Bevor die
Europäer nach Afrika, bzw. die Briten nach Kenia kamen, waren Bildungsangebote dezentral
organisiert, es gab „appropriate education which was vocation-specific, closely linked to
social life, and communal in approach“ (OTUNGA 2010). Die Kolonialadministration
vereinheitlichte und formalisierte schließlich das Bildungssystem und setzte Schwerpunkte
auf die englische Sprache, Mathematik und Religion. Noch heute, fast 50 Jahre nach der
Unabhängigkeit Kenias im Jahre 1963, ist das Curriculum, der Lehrplan, stark formalisiert
und bietet kaum thematischen, wie methodisch-didaktischen Spielraum für Schulen und
Lehrkräfte. Der Lehrplan ist geprägt durch einseitige Themen – im Geographieunterricht (in
Kenia als Social Science bezeichnet) durch einen länderkundlichen Durchgang, vergleichbar
mit dem Hettner’schen Schema. Auch der Umstand, dass alle Fächer auf Englisch, und nicht
in der eigentlichen Muttersprache Kiswaheli unterrichtet werden, stellt für viele Schüler eine
enorme Erschwernis dar. Man stelle sich vor, in Deutschland würden bereits ab der ersten
Klasse Fächer wie Mathematik, Geographie, Religion oder Chemie auf Englisch unterrichtet –
die Bedeutung eines muttersprachlichen Bildungsangebotes würde schnell deutlich. Auf
didaktisch-methodischer
Ebene
finden
sich
selten
andere
Ansätze
als
die
des
Frontalunterrichts.
82
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Als Erweiterung zu diesen staatlichen
Vorgaben
bieten
viele
informelle
Schulen allerdings am Nachmittag
ergänzende Angebote wie DebattierClubs,
Theatergruppen,
Sport-
aktivitäten usw. an, wodurch die
Schüler ihre Talente und Begabungen
entdecken
können.
Erst
langsam
entwickeln sich Forderungen nach
einem
reformierten
Lehrplan,
Abb. 39: Zahl der Primarschulen in Kenia 1963
bis 2009.
Quelle: eigene Darstellung nach OTIENO 2009,
S. 82.
der
erreicht, dass „learners of varying intellectual capabilities, interests and backgrounds are
appropriately empowered to realize their potential and facilitate their contribution to
development“ (ebd.). Dieser Aspekt macht den Zusammenhang von Quantität und Qualität im
Bildungsbereich deutlich. Zwar ist die Zahl staatlicher wie nicht-staatlicher informeller
Schulen in Kenia in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen (siehe Abbildung 39), „but
progress has been uneven, rapid expansion in enrollments has degraded quality […], [pupils]
learning little“ (LEWIN 2009, S. 143). Dieser Aspekt lässt sich in vielen Ländern Afrikas
beobachten, wo im Kontext der Bemühungen zum Erreichen der MDGs seit dem Jahr 2000
zwar die Quantität der Schulen gestiegen, sich die Qualität der Ausbildung an Schulen aber
nicht verbessert hat (vgl. KOMAREK 2010, S. 32).
Gerade in den Slumgebieten ist eine
angepasste Ausrichtung des Bildungsangebotes unumgänglich. Die Jugend-
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lichen müssen dergestalt ausgebildet
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werden, dass sie bestmöglich auf das
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Lebensumfeld
im
Slum
und
im
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informellen Sektor vorbereitet sind.
Allenthalben
träumen
die
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jungen
Erwachsenen im Slum davon, eines Tages Pilot, Arzt oder Ingenieur zu werden – die Chance,
diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen, wird jedoch kaum einer bekommen (vgl.
http://www.youtube.com/watch?v=jw1Byceahdo;
CHRIST/EBERTH
2009,
S.11).
Wenngleich derartige Träume förderlich für die Lernmotivation sein mögen, wäre eine
gezielte Ausbildung, an realistischen Perspektiven orientiert, nachhaltiger. Protagonisten im
Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, wie die GTZ, haben dies erkannt
83
6;<=><[email protected];A?BC>A?DE;"[email protected]"[email protected];[email protected];HI?D;[email protected]?DNFG6NO>DD";=>:;
und erarbeiten und implementieren Konzepte und Angebote, welche „individuell auf die
Bedürfnisse und die Lebenswelt der Zielgruppen [eingehen]“ (GTZ 2010, S. 1). Gerade im
Bereich informeller Schulen ist dies keine leichte Aufgabe, da auf der Ebene aller Beteiligter
angesetzt werden muss: Lehrkräfte, Schulleitungen, Lehrpläne gleichermaßen wie Unterricht
und Schüler. Es bedarf also eines ganzheitlichen „Capacity Developments“ (GTZ 2008, S. 4),
welches alle Beteiligten im (informellen) Bildungswesen derart professionalisiert, dass
Leistungsfähigkeit und Wirkung bestehender Bildungsangebote signifikant steigen (siehe
Abbildung 40). Diese Art der Professionalisierung schließt eine enge Zusammenarbeit mit der
„community“, mit den Menschen vor Ort, ein, was bislang aber noch nicht selbstverständlich
ist:
„Humanitarian actors and educational personnel are often unfamiliar with the
broader roles that communities can play. [...] It is vital to build strong
community education committees and/or parent-teacher associations through
local training and advocay. This is especially true when education systems lack
resources and external communications are poor. Active community and family
support can enhance resilience, so schooling can continue despite security or
economic problems that interrupt the normal functioning of the education
system“ (UNICEF 2009, S. 116).
Funktionierende Kommunikationssysteme mit Akteuren außerhalb des Schulwesens
aufzubauen kann insbesondere dann von Bedeutung sein, wenn es um die Zukunft der
Abb. 40: Grundlagen des Capactiy Developments im Bildungsbereich.
Quelle: eigene Darstellung nach GTZ 2008, S. 4ff.
84
6;<=><[email protected];A?BC>A?DE;"[email protected]"[email protected];[email protected];HI?D;[email protected]?DNFG6NO>DD";=>:;
Schulabsolventen geht. Denn nach acht bzw. zwölf Schuljahren stellt sich für die
Jugendlichen die Frage der beruflichen Perspektive. Handlungsbedarf besteht in diesem
Bereich in aller Dringlichkeit, denn es fehlt derzeit in Entwicklungsländern vielfach sowohl in
Städten, als auch im ländlichen Raum, an Qualifizierungsmaßnahmen, welche sich an der
Arbeits- und Lebenswelt armer Bevölkerungsgruppen ausrichten und diese dazu befähigen,
ihre Interessen zu artikulieren und zu vertreten (vgl. GTZ 2010a, S. 7). Hinzukommt, dass
jährlich mehr junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten, als Arbeitsplätze zur Verfügung
stehen, bzw. neu geschaffen werden. Vor diesem Hintergrund ist eine bestmögliche, an den
Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausgerichtete Qualifikation essentiell, um nach der Schule
eine Anstellung zu erhalten (vgl. GTZ 2009b, S. 28).
85
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5.2 Berufsbezogene Bildung und Mikrokredite – ein Modell für die Zukunft der
Jugendlichen in den Slums von Nairobi?
Gut (aus-)gebildete junge Menschen
haben weltweit – auch in Afrika –
verhältnismäßig gute Chance, eine
Anstellung
auf
dem
formellen
Arbeitsmarkt zu finden (vgl. UNHABITAT
2006,
S.
6).
Rund
1 Milliarde der 15- bis 24-Jährigen
weltweit – 85 Prozent davon in
Entwicklungsländern
–
drängen
hingegen auf den Arbeitsmarkt (vgl.
UN-HABITAT 2007a, S. 2), obwohl
sie in keinster Weise über die
notwendigen
Kompetenzen
verfügen, vielfach noch nichteinmal
die
Grundschule
abgeschlossen
haben. Für diese jungen Menschen
bietet der formelle Arbeitsmarkt
kaum Chancen.
Weltweit sind
Abb. 41: Schlüsselkompetenzen für berufliche
Tätigkeiten im Bereich informeller Ökonomie.
Quelle: eigene Darstellung nach BOEHM 1997,
S. 222f.; KARCHER/OVERWIEN 1999, S. 38ff.
Personelle Kompetenzen:
- Neugier/Kreativität
- Eigeninitiative/Selbstständigkeit
- Lernfähigkeit
- Verantwortungsbewusstsein
- Frustrationstoleranz
- Improvisationsfähigkeit
- Risikobereitschaft
Soziale/organisatorische Kompetenzen
- Kommunikationsfähigkeit/Empathie
- Kooperationsfähigkeit
- Analysefähigkeit
- Planungsfähigkeit
- Organisationsfähigkeit
Ökonomische Kompetenzen
- handwerklich-technische Kompetenzen
- kleinunternehmerisch-betriebswirtschaftliche
Kompetenzen
- Kompetenz im Umgang mit Kapital
Bildungssysteme vor die Herausforderungen einer sich zunehmend globalisierenden Welt,
aber auch des jeweiligen lokalen Kontextes gestellt. Es gilt, stets den bestmöglichen Weg zu
finden, um Kinder und Jugendliche auf ein erfolgreiches eigenständiges Leben vorzubereiten.
Gerade in – zumindest aus europäischer Sichtweise – extremen Umfeldern, wie Slumgebieten
in Entwicklungsländern, unterliegen Bildungssysteme enormen Schwierigkeiten. So müssen
sowohl die Beschäftigungsmöglichkeiten und -bedingungen der informellen Ökonomie, als
auch die komplexen sozialen Strukturen Beachtung finden, wenn es darum geht, auf welchem
Weg Bildung und Erziehung Menschen befähigen können „sich ihrer Lebensverhältnisse zu
ermächtigen […] und für ein würdiges Leben zu streiten“ (OVERWIEN et al. 1999, S. 13).
Charakteristika dieser Lebensverhältnisse der in Slums lebenden Menschen wurden bereits in
den vorangegangenen Kapiteln erwähnt. Aus diesen Darstellungen lässt sich ableiten, dass
junge Slumbewohner beruflich voraussichtlich (zumindest zunächst) im informellen Sektor
tätig sein werden. Zum Ausüben der in Frage kommenden Tätigkeiten im Bereich informeller
Ökonomie (dargestellt in Kapitel 2) bedarf es verschiedener beschäftigungswirksamer
86
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Kompetenzen (siehe Abbildung 41). Die Aneignung dieser Kompetenzen obliegt den im
informellen Sektor Tätigen – bzw. in Zukunft tätig werdenden Jugendlichen – selbst, das heißt
„die Schulausbildung stellt dabei in der Regel nur eine vergleichsweise kleine Hilfe dar“
(KARCHER/OVERWIEN 1999, S. 42).
Ausgehend von dieser Beobachtung und von der Tatsache des meist sehr einseitigen
schulischen Curriculums (vgl. Kapitel 5.1), wird der Bedarf subjektorientierter Lernprozesse
deutlich. Lernprozesse, die dergestalt organisiert sind, dass der Lernende mit seinen
spezifischen Bedürfnissen im Kontext seiner Zukunftsaussichten im Mittelpunkt steht – und
nicht das Curriculum. Dass derlei Lernprozesse im städtischen Kontext gänzlich andere sind
als im agrarisch geprägten ländlichen Raum, spricht für sich. In beiden Fällen sollten die
Lerninhalte aber stärker praktisch, teilweise produktiv angelegt werden, da es – im Sinne
einer output-Orientierung – der Vermittlung von Kompetenzen bedarf, die den Schüler
befähigen, so zu handeln, dass er das Gelernte selbstständig dahingehend umsetzen kann, dass
er in der Lage ist, sofort Geld zu verdienen. Dieser Punkt des Geldverdienens ist von
elementarer Bedeutung, denn im Gegensatz zum ruralen Leben, wo die kleinbäuerliche
Produktion das Überleben sichern kann, ist es in der Stadt unbedingt erforderlich, ein
monetäres Einkommen zu erwirtschaften (vgl. SPECHT 1999, S. 53). Selbst die
Grundbedürfnisse können im urbanen Raum ohne Kapital nicht befriedigt werden. Der
bestmögliche Weg, Einkommen im informellen Sektor zu generieren, ist der Aufbau einer
selbstständigen Tätigkeit (vgl. SPECHT 1999, S. 55). Das bedeutet, dass in der Gründung
eines eigenen Kleinunternehmens die Chance der schrittweisen Befreiung aus der Armut
liegen kann. Dies erkennend, müssten die Bildungspolitiken der jeweiligen Länder in aller
Dringlichkeit reagieren und entsprechend ausgerichtete Bildungsangebote schaffen. Konkret
sollte also bereits in der (informellen) Schule der Anreiz zur Entwicklung von Gewerbeideen
gegeben werden und sollten diese möglichen Gewerbeideen der Schüler hinsichtlich
verschiedener Kriterien diskutiert werden: Zunächst bedarf es einer Marktanalyse und
Umsatzprognose. Das berufliche Wirkungsfeld der Schüler, was aufgrund ihrer zumeist
mangelhaften räumlichen Mobilität (vgl. Abbildung 35) in vielen Fällen im Umfeld der
Schule, also im „Heimatslum“ der Schüler liegen wird, muss hinsichtlich der Nachfrage, also
der zu erwartenden Kundschaft, aber auch mit Blick auf bestehende ökonomische Strukturen,
also mit Blick auf das vorhandene Angebot von Kleinunternehmen, untersucht werden. Ist
eine Geschäftsidee daraufhin evaluiert, müssen Sach- und Finanzkapital bestimmt werden und
daraus die Höhe des Startkapitals, also einmaliger Ausgaben zur Unternehmensgründung,
definiert werden. Dazu können in Ländern, wo der informelle Sektor zunehmend anerkannt
87
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und teillegalisiert wird, auch Lizenzgebühren und dergleichen zählen. Damit das künftige
Kleinunternehmen längerfristig erfolgreich bestehen kann, müssen auch die zu erwartenden
laufenden Ausgaben festgelegt werden und mit der Bestimmung des kurz- und langfristigen
Mindestumsatzes abgeglichen werden. Um den finanziellen Ertrag des neuen Betriebs zu
erhöhen und die Nachfrage ggf. zu katalysieren, könnten bereits in der Schule auch mögliche
Marketingstrategien erarbeitet werden. Letztlich muss die Erkenntnis entstehen, dass es, will
man im urbanen informellen Sektor wirtschaften, notwendigerweise einer Marktorientierung
bedarf. Grundkenntnisse über diesen „Markt“ und betriebswirtschaftliche Unternehmensführung sind daher unabdingbar und müssen ins schulische Lehrangebot aufgenommen
werden.
Wenngleich bei einer derartigen Herangehensweise bei den Schülern Euphorie aufkommen
kann, müssen unbedingt auch mögliche determinierende Faktoren thematisiert werden. Denn
die Tatsache, dass der informelle Sektor nach wie vor nicht in vollem Maße von den politisch
Verantwortlichen vieler Entwicklungsländer anerkannt ist, stellt einen weiteren Aspekt der
Vulnerabilität der im informellen Sektor lebenden und arbeitenden Menschen dar. Ebenso wie
es Meja Mwangi bereits 1989 ausführte (vgl. MWANGI 1989, S.6ff.), finden auch heute noch
staatlich angeordnete Räumungsprogramme statt und ganze informelle Märkte oder
Siedlungsgebiete werden im Auftrag lokaler Behörden dem Erdboden gleich gemacht. In
Nairobi ist einer der größten informellen Märkte der Stadt, der unweit des „Globe
Roundabout“ nahe des Stadtzentrums gelegen ist, allenthalben von Räumungen und den damit
verbundenen Unruhen betroffen (vgl. DAILY NATION 2009, S. 7). Damit verlieren die
Kleinunternehmer nicht nur einen Großteil ihres „Hab und Guts“, sondern durch die
Zerstörung des ökonomischen Umfelds, des kreativen informellen Milieus, zerbrechen auch
bestehende Sozialstrukturen und zuvor aufgebaute Kundenstämme. Sollte es gelingen, den
eigenen kleinen Betrieb an anderer Stelle wieder neu zu errichten, müssen all diese Netzwerke
zur Nachbarschaft, zu Mitbewerbern und insbesondere zur Kundschaft erst wieder neu
aufgebaut werden, der eigene Betrieb muss sich also im neuen Umfeld erst wieder etablieren.
Diese Sachlage stellt umso mehr eine tatsächliche Determinante dar, insofern der informelle
Sektor auch von den in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen Akteuren nicht in vollem
Umfang als zukunftsweisend anerkannt wird. Zwar wird seine Bedeutung gesehen, da dort
zahlreiche Menschen leben und arbeiten (vgl. Seite 129, Interview GILMER), allerdings „ist
es umstritten, ob Privatwirtschaftsförderung im informellen Sektor tatsächlich stattfinden soll,
denn das Ziel sollte langfristiges Unternehmenswachstum sein. Im informellen Sektor gibt es
aber vielfach nur spontan entstandene Unternehmer und Händler mit wenig Potenzial. […]
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Der informelle Sektor bietet keine weitreichenden Perspektiven. […] Unterstützt man ihn,
baut man ihn auf und es entstehen Parallelstrukturen anstelle einer Formalisierung des
bestehenden Angebots“ (siehe Seite 129, Interview HARTMANN).
Aus dieser Beobachtung wird die Verantwortung des Staates deutlich, der sich die
Regierungen vieler Entwicklungsländer nach wie vor nicht bewusst sind. Auch gerade in
Kenia bedarf es neben zahlreicher erfolgreicher bottom-up-Aktivitäten, wie des Engagements
von NGOs und CBOs in den verschiedensten Bereichen, endlich eines aufrichtigen Interesses
des Staates, da wo es sinnvoll ist, die bottom-up-Aktivitäten durch top-down-Programme zu
ergänzen. In diese Richtung gehende Bekundungen und Absichtserklärungen liegen in
hinreichender Zahl vor (siehe z.B. NESC 2010) – an was es fehlt, sind konkrete Handlungen.
5.2.1
Zur Bedeutung beruflicher Bildung
Fragwürdig ist der Diskurs über den „Ort“, an welchem Maßnahmen zur Berufsbildung
angesiedelt und umgesetzt werden sollten. Vielfach werden in aktueller Literatur aus dem
Bereich der Entwicklungszusammenarbeit der Sekundarschulbereich oder gar der
außerschulische Bereich als geeignet bezeichnet, um Berufsbildungsprogramme, um
„Technical and Vocational Education and Training“, durchzuführen. In den meisten Fällen
wird der Primarschulbereich diesbezüglich ausgeblendet, obwohl der Fokus der
Anstrengungen im Bildungsbereich, der „education sector strategies“, in Ostafrika, wie auch
in den meisten Ländern Subsahara-Afrikas, auf eben diesem Primarschulbereich liegt (vgl.
GTZ 2009a, S. 6). Aus verschiedenerlei Gründen gibt dies Anlass zur Sorge. So beinhaltet die
Definition von Grundbildung (als zentrale Aufgabe von Primarschulen) neben dem Erlernen
von Grundfähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen explizit auch die Aneignung
„konkrete[r] Kenntnisse und Fertigkeiten, um den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen […]“
(LOHRENSCHEIDT/SCHÜSSLER 1999, S. 125). Um diese Kenntnisse aufzubauen bedarf
es eines hinreichenden Anteils berufsbezogener Bildung im Primarschulbereich. „Technical
and Vocational Education and Training“ und allgemeine Primarschulbildung müssen also
verknüpft werden, denn „both complement each other in preparing individuals for the world
of work“ (GTZ 2009a, S. 9). Zudem ist es für viele Jugendliche nicht möglich, nach
erfolgreich absolvierter Primarschule eine Sekundarschule zu besuchen. Zum Einen mangelt
es häufig am notwendigen Kapital, um die Schulgebühren aufzubringen, zum Anderen fehlt
es aber auch an der Zeit, denn im Kampf ums tägliche Überleben ist die Zeit für Bildung rar.
Bildung ist unabdingbare Notwendigkeit und größter Luxus zugleich. Weil teils auch schon
89
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Kinder und Jugendliche die Familie täglich beim Erwirtschaften von
Einkommen
unterstützen müssen, können sie sich „längerfristige unproduktive Lernprozesse nicht
erlauben“ (KARCHER/OVERWIEN 1999, S. 43). Schätzungen der Weltbank gehen davon
aus, dass 52 Prozent der Schüler aus 29 Ländern Subsahara-Afrikas neben dem Schulbesuch
auch zugleich erwerbstätig sind (vgl. WELTBANK 2007, S. 120). Abbildung 42 macht in
diesem Zusammenhang deutlich, dass im Jahr 2007 in Kenia nur rund 20 Prozent der 15- bis
19-Jährigen überhaupt die achte Klasse abgeschlossen hatten. Vielfach bleibt den
Jugendlichen kaum eine andere Wahl, als die Schule abzubrechen bzw. auf den Wechsel zu
einer weiterführenden Sekundarschule zu verzichten, „because they have to seek out incomegenerationg-activities to support themselves and their poor families“ (USAID 2008, S. 2).
Wird die Zeit bis zur achten Klasse nicht hinreichend genutzt, bleiben also Möglichkeiten
unter Umständen ungenutzt, wenn entsprechende berufsbezogene Kompetenzen nicht
ausreichend vermittelt wurden. Dies ist umso brisanter vor dem Hintergrund, dass Bildung
gerade im informellen Sektor einen erheblichen Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten
kann, „sofern sie sich an den Bedürfnissen und den spezifischen Arbeitsbedingungen der dort
lebenden Menschen orientiert“ (SPECHT 1998, S. 20). Untersuchungen in Pilotprojekten in
Uganda haben gezeigt, dass bei 93 Prozent derer, die in der Schule bereits integriert
berufsrelevante Inhalte vermittelt bekommen haben, wesentlich bessere Chancen auf dem
(informellen) Arbeitsmarkt hatten und unmittelbar nach dem Absolvieren der Schule eine
Anstellung erhalten haben (vgl. GTZ 2006, S. 7).
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Abb. 42: Anteil der 15- bis 19-Jährigen in Kenia, die zumindest jede x-te Klasse
abgeschlossen haben.
Quelle: eigene Darstellung nach WELTBANK 2007, S. 84.
90
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5.2.2
Mikrokredite und Bildung
„Most young people are bursting with energy and ideas, but often lack the experience,
information and financial resources to put them into practice“ (GTZ 2009, S. 16).
Enormes Potenzial, um den bereits in der Einleitung dieser Arbeit angesprochenen Kreislauf
der Armut, der Arbeitslosigkeit und sozialen Marginalisierung zu durchbrechen, liegt im
Aufbau eines Kleinunternehmens. Doch insbesondere für junge Menschen ist die
Herausforderung, diesen Schritt zu gehen, sehr groß. Es mangelt vielfach an Erfahrung, vor
allem an Information über und am Zugang zu finanziellen Möglichkeiten. Die Schule bietet
den
idealen
Ort,
möglichst
viele
Jugendliche
zu
erreichen
und
sie
mittels
Berufsbildungsprogrammen zu befähigen, von den Möglichkeiten der Mikrofinanz zu
profitieren. Zwar sind die Eintrittschranken in den Bereich informeller Ökonomie – und dies
ist nicht zuletzt ein Charakteristikum selbiger – sehr niedrig, allerdings kann konnotiert
werden, „that there is a growing need to support youths’ entry into informal-sector
employment“ (USAID 2008, S. 2). Informelle Schulen und MFIs müssten künftig
Kooperationen aufbauen, welche für beide Seiten sehr fruchtbar sein könnten. Ausgestattet
mit einem hinreichenden Maß an finanzsektor- und ökonomiebezogenem Wissen, welches sie
in der Schule erworben haben, sollten Jugendliche also nach Absolvieren der Schule die
Kompetenz besitzen, einen Mikrokredit aufnehmen zu können und mit Hilfe dieses Geldes ein
Kleinunternehmen gründen können. Ähnlich wie bei einem Mikrokredit, den Erwachsene
bzw. Frauen aufnehmen, kann es auch für Jugendliche die Wahl zwischen einem Einzelkredit
oder einem Gruppenkredit geben. So wäre es beispielsweise denkbar, dass mehrere Schüler
einer Klasse, welche ähnliche Geschäftsideen haben, gemeinsam ein Kleinunternehmen
gründen und dafür einen Gruppenkredit aufnehmen. Wenn die vorangegangenen
Bildungsmaßnahmen fruchtbar waren und ausgerichtet „at equipping them with advanced
knowledge, skills and competencies enabling them to succeed in the world of work“ (GTZ
2009a, S. 2) und die betreffende MFI ein angepasstes Kreditportfolio vorweist, dann sind
Jugendliche in gleichem Maße kreditwürdig, wie es auch bei Erwachsenen in
Entwicklungsländern der Fall ist (vgl. GTZ 2009. S 17). Es ist zwar nicht die Bildung, welche
Arbeitsplätze schafft, aber Bildung bzw. gut ausgebildete junge Menschen sind die Basis für
wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Doch damit dies in
erfolgreicher Weise geschieht, müssen alle Beteiligten aus den Bereichen Bildung und
Wirtschaft Hand in Hand arbeiten, es muss zu einer neuen Kooperation kommen. Bildung
91
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
endet nicht an der Tür des Klassenraumes, sondern verlangt nach einer Verzahnung mit der
Wirtschafts-Welt, verlangt nach einer Verzahnung von Theorie und Praxis. Da
Ausbildungsprogramme, wie sie beispielsweise aus Deutschland bekannt sind, im informellen
Sektor nicht sehr weit verbreitet sind, wären „supervised workshops“ denkbar, im Rahmen
derer Kleinunternehmer Schülern bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln und
Interesse für diese Arbeiten wecken. Dafür muss allerdings die bedeutungstragende Rolle des
informellen Sektors in Entwicklungsländern anerkannt werden. Jugendlichen Absolventen
informeller Schulen direkt einen Arbeitsplatz im Bereich formeller Ökonomie verschaffen zu
wollen, verkennt daher die Realität. Auch wenn langfristig eine volkswirtschaftliche
Integration, die Eingliederung des informellen Sektors in den formellen Sektor das Ziel ist, so
muss dies doch als Prozess, als ein einige Jahrzehnte dauernder Weg, begriffen werden. In
diesem Prozess darf auch nicht der Fehler der einseitigen Konzentration – etwa nur auf den
(Berufs-)Bildungsbereich – begangen werden. Vielmehr bedarf es eines holistischen
Engagements, das eine integrierte Beschäftigungsförderung zum Ziel hat. Dabei ist der
Ausbau von Bildungs-, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen ebenso notwendig, wie eine
adäquate Wirtschaftsförderung, Existenzgründungshilfe und Kreditvermittlung.
Eine Kombination von gleichsam externem und internem Wissen und Know-How ist wichtig.
Denn während Entwicklungsländer in Bezug auf Mikrofinanzierung zunächst komparative
Kostennachteile bei der Wissensproduktion aufweisen und es der Verfügbarmachung des in
Industrieländern bestehenden Wissens bedarf, muss zur Anwendung dieser neu erworbenen
Finanzkenntnisse das Wissen über den lokalen Kontext mit einbezogen werden, warum es
Abb. 43: Beiträge verschiedener Teilbereiche zur Sicherung eines adäquaten
Bildungsangebots.
Quelle: eigene Darstellung nach GOLD/KÖNIG 1997, S. 252f.
Grundbildung
- Lesen, Schreiben, Rechnen
- Allgemeinwissen
- Sozialkompetenz
- problemorientiertes Denken
- Teamgeist
Berufliche Bildung
- praktische handlungsfeldbezogene Fertigkeiten
- handlungsfeldbezogenes Problemlöseverhalten und Selbsthilfepotential
Kleingewerbeförderung
- Grundkenntnisse in marktgerechtem Verhalten
- marktkonformes Problemlöseverhalten
- Beratung in der Gewerbeführung
- Zugang zu Krediten
92
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einer engen Kooperation von Schulen mit MFIs/NGOs und den Akteuren der lokalen
Ökonomie bedarf (siehe Abbildung 43).
Wenngleich Jugendliche immer nur einen Teil der jeweiligen Zielgruppen (beispielsweise
Frauen, Arbeitslose usw.) darstellen, so sollte deren enorme Bedeutung schon allein aus
demographischen Gründen nicht verkannt werden (siehe Karte 1). Weiterhin besteht ein
funktionaler Zusammenhang mit den Inhalten und Strukturen des Bildungssystems sowie der
Qualifikation der Erwerbstätigen auf der einen und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Landes
auf der anderen Seite, wodurch die Qualität der Berufsbildung zu einem wesentlichen
ökonomischen Standortfaktor wird (vgl. GEORG 2006, S. 511).
Während also durchaus der Bedarf besteht, Mikrofinanz-Dienstleistungen auch und gerade
Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugänglich zu machen, so richten die meisten MFIs
ihren Fokus auf Frauen als potenzielle Kunden. Mikrofinanzprojekte für Jugendliche gibt es
derzeit nur sehr vereinzelt, lediglich 0,25 Prozent aller namhaften MFIs bieten Finanzdienstleistungen auch für junge Menschen an (vgl. MICROFINANCE INSIGHTS 2009, S. 1).
Allerdings werden vermehrt Untersuchungen über das mögliche Potenzial erarbeitet. Dass die
Nachfrage seitens der Jugendlichen gegeben sein kann und sie durch den Schulunterricht an
die Instrumente der Mikrofinanzierung herangeführt werden könnten, wurde bereits
dargestellt. Es steht außer Frage, dass junge Erwachsene ein gewisses Maß an
Eigenständigkeit aufbauen und bestehende Abhängigkeiten abbauen und im Idealfall
Abb. 44: Mögliche Gründe für MFIs, spezielle Mikrofinanz-Programme für Jugendliche zu
entwickeln.
Quelle: MACAULAY 2010, S. 14
93
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
Rücklagen bilden wollen.
Aber auch auf der Anbieterseite kann ein steigendes Interesse von MFIs an jugendlichen
Kunden erkannt werden, wie erste Untersuchungen und Studien, unter anderem von USAID,
zeigen. Wesentliche Gründe dafür sind die Erweiterung des Kundenkreises und der Ausbau
von Marktanteilen sowie die Absicht, Kunden langfristig binden zu wollen. Erst nach diesen
rein gewinnorientierten Interessen steht der Wille, einen Beitrag zu leisten, um die hohe
Jugendarbeitslosigkeit zu reduzieren (siehe Abbildung 44).
Während diese Werte die Gefahr widerspiegeln mögen, dass MFIs, wenn sie gemäß des
„Financial Systems Approach“ arbeiten wollen, bestrebt sein mögen, neue Kundenkreise zu
erschließen und nun Jugendliche rein aus profitorientierten Gründen möglicherweise
ausgebeutet werden, zeigt eine genauere Bestandsaufnahme der derzeit Jugendlichen zuteil
gewordenen Finanzdienstleistungen ein entschärftes Bild. Denn es sind immerhin 63 Prozent
aller Jugendlichen, die Leistungen von MFIs in Anspruch nehmen, welche Sparkonten
eröffnet haben, was eine gute Sicherheit und Grundlage zum Einstieg ins Finanzgeschäft
bietet. Insgesamt haben 85 Prozent aller bislang erreichter Jugendlicher einen Mikrokredit
aufgenommen und 28 Prozent eine Mikroversicherung abgeschlossen (vgl. MACAULAY
2010, S. 15). Für die MFIs bestehen – im Unterschied zum bisher etablierten MikrofinanzGeschäft – besondere Herauforderungen. Insbesondere Vorbehalte der MFI-Mitarbeiter und
mangelnde spezifische Qualifikation selbiger stellen Hindernisse dar. Dies auch vor dem
Hintergrund, dass zuweilen rechtliche Grundlagen nicht eindeutig definiert sind, ob
Abb. 45: Herausforderungen für MFIs, welche Mikrofinanz-Programme für Jugendliche
entwickeln wollen.
Quelle: MACAULAY 2010, S. 17
94
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Minderjährige überhaupt geschäftsfähig sind und es der MFI rechtlich überhaupt möglich ist,
Geld an nicht Volljährige zu verleihen und mit ihnen rechtsverbindliche Verträge zu schließen
(hier wird erneut die Bedeutung staatlicher Rahmenbedingen/Regulation deutlich). Es kommt
hinzu, dass Jugendliche als Risikogruppe gelten, da vielfach große Unsicherheiten bezüglich
der Zukunftsgestaltung und des generellen Verantwortungsbewusstsein der jungen Menschen
vorliegen. Dieser Unsicherheitsfaktor in Kombination mit einem Mangel an adäquaten Daten
und Informationen über mögliche Potenziale des Jugendsegments stellt ein kalkulatorisches
Risiko für die MFIs dar (zu diesen und weiteren Herausforderungen siehe auch Abbildung
44).
Problemfeldern stehen aber auch vielversprechende Möglichkeiten und Potenziale gegenüber.
So wird das Marktpotenzial als außerordentlich hoch eingeschätzt, was aufgrund des hohen
Anteils an Kindern und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, insbesondere für Afrika,
gelten mag (siehe Karte 1).
Gewinnt sie junge Menschen als Kunden, kann eine MFI versuchen, diese langfristig zu
binden und ihnen auch im weiteren Verlauf des Lebens jeweils angepasste Produkte anbieten.
Um Jugendliche zu erreichen, bieten sich auf modernen Technologien basierende Produkte
an, wie sie zum Beispiel in Kenia sehr erfolgreich von „m-pesa“ vermarktet werden (siehe
Kapitel 3.3.4).
Karte 1: Bevölkerungsstruktur weltweit nach Regionen.
QUELLE: DSW 2009, S. 4
95
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Damit für alle Beteiligten, für die Jugendlichen auf der einen Seite und die MFIs als Anbieter
auf der anderen Seite, das Vorhaben zum Erfolg wird, sollten bei der Entwicklung spezieller,
auf Jugendliche angepasster Programme, einige Grundlagen berücksichtigt werden:
-
Jugendliche in Marktuntersuchungen und Produktentwicklung einbinden
-
Entwicklung von Produkten, welche die unterschiedlichen Bedürfnisse von
Jugendlichen berücksichtigen
-
Jugendlichen Perspektiven eröffnen
-
Kombination von Finanzdienstleistungen mit nicht-finanziellen
Dienstleistungen, wie Bildungsangeboten etc.
-
Konzentration auf Kernkompetenzen
-
Einbinden der community
(vgl. MACAULAY 2010, S. 22).
Ein derart ganzheitliches Engagement zugunsten Jugendlicher – oder besser zugunsten einer
Zukunft der Jugendlichen – leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass „Jugendliche […] als
Akteure im gesellschaftlichen Prozess wahrgenommen [werden] und nicht als Menschen, die
sich hinten anstellen und warten müssen, bis sie Almosen erhalten oder gesagt bekommen, wo
es langgeht“ (BINSACK/HEINE 2006, S. 39).
Als konkrete Elemente und Maßnahmen, die im an beruflicher Bildung orientierten
schulischen Unterricht vermittelt werden sollten, sind unternehmerische Kompetenzen,
Finanzbildung inklusive Informationen über das Sparen sowie Gruppenkompetenz und
Teamfähigkeit zu nennen.
Im Diskurs über Mikrofinanzierung wird allenthalben die Bedeutung der Kombination von
Bildungsprogrammen mit der Ermöglichung eines Zugangs zu Finanzdienstleistungen
herausgestellt. Allerdings werden stets Trainingsprogramme der Erwachsenenbildung
angesprochen und es offenbart sich eine Kluft zwischen der Kenntnis der Bedeutung von
Finanzbildung und der tatsächlichen Umsetzung: „The question of who schould provide
consumer education is still open to debate“ (GFEP 2009, S. 2). Der Primarschulbereich als
Raum für finanzielle Grundbildung sollte in dieser Debatte ernsthaft diskutiert werden.
96
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5.3 Sozio-ökonomische Folgen einer Förderung junger Generationen durch
Mikrofinanzierung
Wenn es gelingt, die ökonomische Situation zahlreicher Einzelpersonen oder Familien mittels
eines Mikrokredits, mittels des Zugangs zu Mikrofinanz-Dienstleistungen, zu verbessern,
dann liegen darin erhebliche Potenziale für die Entwicklung einer ganzen Generation.
Dank einer hinreichenden finanziellen Ausstattung können junge Menschen ein ausreichendes
Maß an Bildungsangeboten wahrnehmen und in diesem Rahmen Hintergründe und
Fachwissen über Menschenrechte und über demokratische Strukturen einer Gesellschaft und
eines Staates erlernen. Sowohl durch eine breitere Wissensbasis, als auch durch den Aufbau
neuen Selbstbewusstseins und -vertrauens, welches aus der Aufnahme einer ökonomischen
Tätigkeit resultieren mag, kommt es zu einem „Empowerment“ der jungen Menschen.
Dadurch gestärkt und befähigt, können die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aktiv
zivilgesellschaftliches Engagement praktizieren. Sie können sich für die Belange ihrer
Umwelt und ihres Umfeldes einsetzen, können eigene Ideen artikulieren und an (lokal-)
politischen Entscheidungen partizipieren. Es kann also eine starke, Politik gestaltende
Generation entstehen, welche sich beherzt für neue politische Umgangsformen und
demokratisches Handeln jenseits korrupter Machenschaften, einsetzen könnte. Mittels dieses
Abb. 46: Folgen qualitativ und quantitativ hochwertiger Bildung für Gesellschaften in
Entwicklungsländern (links) und dies determinierende Faktoren (rechts).
Quelle: eigene Darstellung
97
!"#$%#$&'"(&)*%(&+,"-.&/+'01-+0&+23$'"&4/5&+'."01&+"+'&+6./!67%++-"$%8"
bottom-up-Approachs würden so ganz neue Strukturen entstehen. Ansätze dessen könnten
sich entwickeln, was im entwicklungspolitischen Diskurs allenthalben als Good Governance
umschrieben wird. Dass dies noch eine Idealvorstellung ist, wird durch die bereits
angesprochenen Determinanten wie den hohen Schulgebühren deutlich (siehe Abbildung 46).
Dennoch kann dem kombinierten Ansatz aus Bildungsangeboten und dem Zugang zu
Finanzdienstleistungen ein enormes Entwicklungspotenzial zugesprochen werden – auch im
Hinblick auf die Millennium Development Goals.
98
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In Kapitel 5 wurde bereits deutlich, dass durch die
Vergabe eines Mikrokredits an Einzelpersonen
oder Gruppen eine Form von „Empowerment“
stattfinden
kann,
wicklungen
und
woraus
Formen
vielfältige
der
Ent-
Partizipation
resultieren können.
Wenn in den Eingangskapiteln dieser Arbeit die
unzureichende
Wirkung
aktueller
EH/EZ
dargestellt und Mikrofinanzierung als neues und
viel versprechendes Instrument der Entwicklungspolitik vorgestellt wurde, dann gilt es am Ende
dieser Arbeit, die Wirkung von Mikrofinanzierung
in Bezug auf Armutsbekämpfung zu überprüfen.
Orientierungshilfe oder Messlatte sind, wenn es
um Bekämpfung weltweiter Armut geht, die
Millennium Development Goals (siehe Abbildung
47), acht Entwicklungsziele, welche die Vereinten
Nationen im Jahr 2000 festlegten und welche bis
zum Jahre 2015 umgesetzt oder erreicht werden
sollen. Orientiert an der in Infobox 3 dargestellten
Definition von Armut, geht es bei den MDGs
vorrangig darum, „bessere Bildungschancen zu
Abb. 47: Die Millennium
Development Goals
der Vereinten Nationen.
Quelle: UNITED NATIONS 2010, S.1
eröffnen, Zugang zu Gesundheitsdiensten für
jeden zu ermöglichen, Chancengleichheit der
Geschlechter
anzustreben
und
die
Umwelt
99
6BNDONDC7B"CPQO"[email protected]>[email protected]>[email protected]=BDOYB
nachhaltig zu schützen“ (DSW 2009a, S. 1). Gerade die angesprochenen Bereiche stehen in
engem Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum eines Landes oder gar Kontinents,
denn wächst die Bevölkerung derart rasant, wie es allenthalben in afrikanischen Ländern der
Fall ist, ist es umso schwieriger, eine ausreichende Versorgung mit Nahrung und einen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsdiensten sicherzustellen. Das hohe Bevölkerungswachstum ist die zentrale Determinante, warum in Afrika weit weniger Erfolge im Bereich
der Armutsbekämpfung zu verzeichnen sind, als in Südamerika oder Asien.
Prioritäres Ziel bis 2015 ist ausgehend von diesem Sachverhalt die Halbierung der Zahl der
Menschen, deren Einkommen weniger als ein Dollar pro Tag beträgt, gemessen an der
Situation von 1990.
Mit den MDGs, dem breitesten gemeinsamen Bekenntnis zur Armutsbekämpfung von
Industrieländern
und
Entwicklungsländern,
das
je
in
der
Geschichte
der
Entwicklungszusammenarbeit abgegeben wurde, gibt es erstmals einen konkreten Maßstab
zur Erfolgsmessung, ob es diese neue globale Partnerschaft schafft, „einen breiten
gesellschaftlichen Konsens zu erzielen und die Menschen zu einer aktiven Mitgestaltung in
neuen Allianzen zu bewegen“ (BMZ 2005, S. 3).
Während die guten Absichten der MDGs generell außer Frage stehen, fehlt es aber offenbar
an einer kohärenten Strategie für deren Umsetzung, insbesondere zur Förderung von
Unternehmen, denn „nur das Wachstum kleinerer und mittlerer Unternehmen kann Armut in
südlichen Weltregionen wirksam beseitigen“ (KAPPEL 2006, S. 1). Eine Strategie zur
Armutsbekämpfung muss also genau dort ansetzen, wo ein Großteil der Armen tatsächlich
lebt bzw. zu überleben versucht, das heißt, Armutsbekämpfungsstrategien müssen im Bereich
des informellen Sektors und der Subsistenzlandwirtschaft durchgeführt werden. Insbesondere
die
Ermöglichung
eines
Zugangs
zu
Krediten
und
Finanzdienstleistungen
für
Kleinunternehmen würde dazu beitragen, dass ein investitionsfreundlicheres Klima entsteht
und sich Cluster leistungsfähiger und innovativer kleiner und mittlerer Unternehmen bilden,
die derart leistungsfähig sind, dass sich „Einbeziehungen […] informeller Kleinunternehmer
in größere Zusammenhänge“ (KAPPEL 2006, S. 4) ergeben, dass sich also Kooperationen
(Linkages) zwischen formellem und informellem Sektor ergeben (siehe Abbildung 48; vgl.
Kapitel 2). Für die Unternehmer des informellen Sektors würde dies bedeuten, dass neue
Kundenkreise im Bereich formeller Ökonomie erschlossen werden könnten, sowohl auf der
Seite der Endabnehmer, als auch auf der Seite der Weiterverarbeiter, in dem Sinne, dass
Kleinunternehmer des informellen Sektors als Zulieferer für größere Betriebe des formellen
Sektors fungieren und in Folge bescheidene Wertschöpfungsketten entstehen, woraus eine
100
6BNDONDC7B"CPQO"[email protected]>[email protected]>[email protected]=BDOYB
Annäherung des informellen an den formellen Sektor resultiert. Durch eine Förderung mittels
Mikrofinanzierung kann es also gelingen, Unternehmen des informellen Sektors aus ihrer
minimalistischen Arbeitsweise zu befreien, so dass diese ihre Potenziale besser nutzen
können, professioneller werden und das vorherrschende Flohmarktverhalten fortan vermieden
wird (vgl. ebd.). Kommt es also zu einer Integration des informellen Sektors, bedeutet dies
qualitatives Wachstum und Produktivitätsgewinne dieses Bereichs, woraus höhere Löhne
resultieren. In diesem Zusammenhang kann gerade der Teilpunkt des MDGs Nummer acht –
„develop und implement strategies for decent and productive work for youth“ (UNITED
NATIONS 2010, S. 1) – wie bereits in Kapitel 3 beschrieben, durch Mikrofinanz-Programme
für Jugendliche tangiert werden. Erst wenn sie Arbeit haben, erhalten Jugendliche einen
eigenen Verdienst. Diese bessere Einkommensbasis für die in der informellen Ökonomie
Tätigen kann zur Verbesserung der Lebenssituation, zur Verringerung der Armut und somit
zum Erreichen der MDGs beitragen. Die Förderung von Unternehmertum und
einkommensgenerierender Tätigkeiten stellt also ein „key mechanism for development“ (UNHABITAT 2007, S. 1) dar. Viele Nutznießer von Mikrofinanz-Programmen investieren ihre
zusätzlichen Mittel in Ausgaben für bessere Ernährung, Gesundheitsvorsorge oder
Schulbildung der Kinder. Weil der Großteil der Kreditnehmer Frauen sind, werden auch die
Gleichberechtigung und die Stellung der Frau in der Gesellschaft gefördert (MDG Nummer
drei). Mikrofinanzierung ist also „ein Querschnittsthema, das auf mehrfache Art und Weise
direkte und indirekte Beiträge zur Erreichung der MDGs […] leistet“ (GTZ 2005, S. 5).
Insbesondere die MDGs eins bis sechs stehen im Vordergrund, wenn es um den Einfluss der
Mikrofinanzierung geht.
Ziel Nummer Eins, die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, mit den Teilzielen,
zwischen 1990 und 2015 den Anteil der Menschen zu halbieren, deren Einkommen weniger
als ein US-Dollar pro Tag beträgt und den Anteil Hungerleidender zu halbieren, wird
unmittelbar durch Mikrofinanzierung beeinflusst. Denn wenn die Einkommen aufgrund von
Diversifizierung und Intensivierung kleinunternehmerischer Tätigkeiten steigen, können die
Lebensbedingungen, einschließlich der Ernährungssituation, verbessert werden. Armut und
Hunger werden also reduziert.
Das zweite Millenniums-Ziel, die Sicherstellung einer Grundschulausbildung für alle Kinder
bis 2015, wird indirekt tangiert, da Menschen, die ihr Einkommen durch den positiven
Einfluss eines Mikrokredits verbessert haben und Spareinlagen gebildet haben, gezielt in
Bildung investieren können.
101
6BNDONDC7B"CPQO"[email protected]>[email protected]>[email protected]=BDOYB
Die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen, MDG
Nummer drei, wird durch Mikrofinanzierung in besonderem Maße unterstützt. Da die meisten
Kunden verschiedenster MFIs Frauen sind und selbige in manchen Fällen über 80 Prozent des
Kundenkreises ausmachen, werden die wirtschaftliche Situation sowie Mitsprache-,
Kommunikations- und Entscheidungskompetenzen gezielt gefördert. Stellung und Einfluss
der Frau innerhalb der Familie, wie auch die gesellschaftliche Rolle außerhalb der Familie
erfahren eine Aufwertung.
Die Möglichkeit, mit Hilfe von Mikrofinanzdienstleistungen Spareinlagen zu bilden, leistet
einen Beitrag zu den MDGs vier bis sechs, zur Verbesserung der medizinischen Versorgung –
konkret zur Reduzierung von Kindersterblichkeit, zur Verbesserung der Müttergesundheit und
zur Bekämpfung von HIV/AIDS und Malaria. Im Krankheitsfall kann auf das angesparte
Kapital zurück gegriffen werden und können die Rechnungen für Medikamente oder
medizinische Behandlungen beglichen werden – ohne dass das tägliche Leben aus dem Ruder
gerät. Zudem besteht die Möglichkeit, präventive Maßnahmen, wie eine Verbesserung der
hygienischen Bedingungen, zu treffen (vgl. GTZ 2005, S. 5ff.).
Bei allen Mikrofinanzierung betreffenden Erfolgsnachrichten bleibt aber dennoch das in
Kapitel 3 bereits angesprochene Problem fundierter wissenschaftlicher Wirkungsanalysen,
denn „es gibt bislang tatsächlich keine aussagekräftigen wissenschaftlichen Ansätze, die den
Impact, die Wirkung von Mikrofinanzierung nachweisen können. […] Was wir sagen können
ist, wie viel Kredite wir ausgeben, wie groß das Kreditportfolio ist, wie viele Kunden wir
haben, daraus können wir extrapolieren, wie viele Haushalte wir erreichen, aber dann kommt
die Sozialwirkungsebene, die uns große Schwierigkeiten bereitet“ (siehe Seite 122, Interview
NGUYEN VAN). Es muss also beachtet werden, dass „relating the contribution of a specific
project or programme to the achievement of development goals at country-level certainly
needs to be done with some caution“ (GTZ 2008a, S. 39).
Unabhängig von der bislang wenig untersuchten Wirkungen ist sich einer des Erfolgs „seiner“
Mikrokredite aber sicher: Muhammad Yunus ist vom erfolgreichen Erreichen der MDGs
überzeugt und er glaubt, dass das Erreichen der MDGs „will bring us to the threshold of
another bold decision – to end poverty on the planet once and for all“ (YUNUS 2007a,
S. 223).
102
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Dr. Ibrahim bringt auf den Punkt, was die vorliegende Arbeit – verschiedene Bereiche und
Facetten beleuchtend – darstellen will. Wie in Kapitel zwei belegt, gehen die Bemühungen
der Geberländer oft an den Interessen der Empfängerländer vorbei. Das angesprochene
Beispiel der „Flower Farms“ ist nur eines unter vielen weiteren Großprojekten, welche zwar
Geberinteressen – in diesem Fall frische und kostengünstige Rosen – befriedigen, die
Situation der Bevölkerung vor Ort aber keinesfalls verbessern. In diesen Fällen ist es falsch,
von Entwicklungszusammenarbeit oder gar -hilfe zu sprechen. Anstatt einer Kooperation auf
Augenhöhe grenzt der Sachverhalt vielmehr an Ausbeutung. Die sozialen und ökonomischen
Problemfelder jener Entwicklungsprojekte wurden in Infobox 4 in aller Kürze angesprochen.
Vor diesem Hintergrund muss die als Frage formulierte Überschrift des zweiten Kapitels
dieser Arbeit mit ja beantwortet werden, denn wie die vielen Beispiele im Bereich des
informellen Sektors angesiedelter ökonomischer Aktivitäten zeigen, kann der Mehrheit der
Menschen in Entwicklungsländern wie Kenia am ehesten geholfen werden, wenn sie die
Möglichkeit erhalten, ihr direktes eigenes Umfeld mitzugestalten und gewinnbringend zu
verändern. Trickle-Down-Effekte sind daher der falsche Weg und gehören als wenig
erfolgreiche Theorie in Bibliotheken – nicht aber auf den Schreibtisch der Akteure der
internationalen Entwicklungszusammenarbeit.
Vielmehr sind die Möglichkeiten der Mikrofinanzierung eine wesentlich angemessenere
Methode, um einerseits die Bedürfnisse der Empfänger viel besser zu tangieren, andererseits
aber auch die Abkehr von „Geschenken“ und Spenden einzuleiten und vielmehr Hilfe zur
Selbsthilfe zu katalysieren. Gerade weil viele Mikrofinanz-Programme eng an den jeweiligen
lokalen Kontext gebunden sind, weil vielfach in Gruppen gearbeitet wird und die Menschen
wirklich in den Prozess des Projektes einbezogen werden, sind Mikrofinanz-Programme
wesentlich nachhaltiger als reine Spenden, Großprojekte oder Budgethilfe, denn „without
community buy-in, donors come to be seen as Santa Claus, bringing with them money,
materials and inputs“ (MAATHAI 2009, S. 69). Während Spenden Eigeninitiative im Keim
103
CDEFGEFHIDJHKLGJHMND9OHPMIQ"9MQHMRSFIDHTPUHMIODQ"[email protected]
ersticken und ihre Notwendigkeit scheinbar verneinen, geben Mikrokredite einen klaren
Auftrag zum eigenverantwortlichen Handeln.
Bei all diesen positiven Eigenschaften sollte allerdings keinesfalls der Fehler zu großer
Euphorie und damit verbundener Überheblichkeit begangen werden. Mikrofinanzierung ist
nur dann ein erfolgreiches Instrument, wenn es solide organisiert und mit anderen Projekten
kombiniert wird. Die Menschen in Entwicklungsländern dürfen nicht ausgenutzt werden,
sondern es muss sichergestellt werden, dass sie über ausreichend Hintergrundwissen verfügen,
damit sie selbstständig über die verschiedenen Mikrofinanz-Programme entscheiden können
und sich bei unterschiedlichen Anbietern informieren können. Dieser Sachverhalt könnte in
Bedrohung geraten, wenn der Mikrofinanz-Markt zu groß wird und internationale Akteure,
wie die Investoren der derzeit aufkommenden MFIFs, zu großen Einfluss erhalten und reines
Gewinnstreben – gleichsam ein überzogener Financial Systems Approach – dazu führt, dass
das
eigentliche
Interesse,
die
Bekämpfung
der
Armut
und
Verbesserung
von
Lebenssituationen, aus dem Blickfeld gerät. In diesem Zusammenhang mehren sich die
(wenngleich subjektiven) Berichte über die Verschuldung von Mikrokreditnehmern und
Schicksale, die anstatt im bescheidenen Wohlstand im Selbstmord enden (vgl. BLUME 2010,
S. 5).
Die Gefahr, dass in dieser Art eine Blase entstehen kann, und das Pflänzchen
Mikrofinanzierung gleichsam überdüngt wird und schließlich eingeht, scheint insofern
gegeben, da es immer mehr Akteure, aber kaum Regulierung gibt. Dieses Risiko wäre nicht so
groß, wäre der Erfolg, die tatsächliche Wirkung von Mikrofinanzierung, gewiss. Aber wie
bereits vielfach im Rahmen dieser Arbeit angesprochen wurde, gibt es kaum seriöse
wissenschaftliche Untersuchungen, welche die sozio-ökonomischen Folgen einer Förderung
von Menschen durch Mikrokredite, Mikroversicherungen und Spareinlagen belegen.
In diesem Bereich ist die Geographie – konkret die humangeographische Entwicklungsforschung – gefordert, die bestehenden finanzwissenschaftlichen Forschungen zu ergänzen.
Leider wird dieser Bereich derzeit stark durch auf Entwicklungsländer bezogene
stadtgeographische Forschungen (Prof. Dr. Frauke Kraas, Köln; Prof. Dr. Ulrich Jürgens,
Siegen; Prof. Dr. Martin Coy, Innsbruck; Dr. Eberhard Rothfuß, Passau), Untersuchungen
zum ländlichen Raum (Prof. Dr. Theo Rauch, Berlin) oder Entwicklungstheorien (Prof. Dr.
Fred Scholz, Berlin) geprägt. Diese Auflistung macht deutlich, dass es – neben diesen
vorhandenen
wichtigen
und
qualifizierten
Forschungstätigkeiten
–
an
einer
wirtschaftsgeographisch ausgerichteten Entwicklungsforschung im deutschsprachigen Raum
fehlt. Einzig Prof. Dr. Beate Lohnert verfolgt in Ansätzen diesen Bereich. Es mangelt also an
104
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einer Fortführung der Arbeiten des emeritierten Frankfurter Wirtschaftsgeographen Prof. Dr.
Eike W. Schamp, welcher in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zahlreiche
Publikationen zum informellen Sektor veröffentlichte (vgl. SCHMAP 1989; SCHAMP 1993).
Während diese Abhandlungen Schamps Hintergründe und Perspektiven des aufkommenden
informellen Sektors untersuchen, müsste daran – da sich der informelle Sektor unterdessen
gleichsam etabliert hat – nun angeknüpft werden und „neue“ Themenfelder wie die der
Mikrofinanzierung müssen aufgegriffen und Teil dieser Untersuchungen werden.
Dabei bedarf es allerdings keiner Allgemeinplätze, sondern konkreter, auf einen bestimmten
abgegrenzten Raum bezogener detaillierter Forschungen, ähnlich wie sie bis zu diesem Jahr
regelmäßig von der Abteilung Raumentwicklung und Landesplanung der Universität Trier in
den Slums von Nairobi durchgeführt wurden.
Derartige Untersuchungen würden deutlich machen, dass Mikrofinanzierung ein integriertes
Mittel der Armutsminderung darstellt, also nicht als Einzelprojekt durchgeführt werden sollte.
Bislang werden Mikrofinanz-Programme vielfach isoliert durchgeführt und einseitig zum
Beispiel nur für die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet. Die wenigen MikrofinanzProgramme für Jugendliche werden auch ohne Vernetzung von einzelnen NGOs durchgeführt.
Eine Kooperation der verschiedensten Akteure – welche alle das gleiche Ziel, die
Verbesserung der Lebensverhältnisse und Reduzierung der Armut haben – gibt es bislang
kaum. Die in Kapitel fünf angeregte Kooperation von MFIs und (informellen) Schulen ist
bislang nur Fiktion. Netzwerk-Programme könnten diese Idee allerdings aufgreifen. Akteure
der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, wie die GTZ oder USAID, aber auch
universitäre Forschungsgruppen, könnten den Prozess der Kooperation einer MFI mit einer
Schule und die angesprochene Reform des Curriculums begleiten und die Wirkungen
untersuchen, inwieweit diese Schüler nach Abschluss der Schule tatsächlich die Chance haben,
bzw. die Chance wahrnehmen, ein eigenes Business im informellen Sektor aufzubauen.
Wenn auf einer solchen kleinteiligen lokalen Ebene mit Kooperationen und Netzwerken
begonnen würde, dann könnte zunehmend erreicht werden, dass die Vielzahl der in der
Entwicklungszusammenarbeit tätigen Akteure – staatlich oder nichtstaatlich – endlich
miteinander arbeiten, anstatt aneinander vorbei. Dass viele Organisationen nach wie vor
parallel anstatt zusammen arbeiten, ist ein zentraler Punkt, warum die Wirkung von
Entwicklungsprojekten häufig gering ist. Gerade auch in Bezug auf die Aussagekraft der
MDGs und den in Kapitel fünf dargestellten quantitativen Ausbau des Bildungswesens in
Entwicklungsländern kommt dies zu tragen: „Over the last two decades there has been a
general increase in the educational qualifications of the unemployed. This is mainly because
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the number of school leavers is increasingly faster than the number of job opportunities at the
level to which they aspire“ (BRAY et al. 1986, S. 39). Kooperation und gemeinsame
Anstrengungen zum Erreichen gemeinsamer Interessen sind von Nöten. Konkret bedarf es
dazu
des
gemeinschaftlichen
Engagements
der
Bevölkerung,
der
Akteure
der
Entwicklungszusammenarbeit und insbesondere der jeweiligen Regierung. Arbeiten alle
„stakeholder“ gemeinsam an Lösungen, haben die (Mega-)Städte in Entwicklungsländern eine
Chance, zukunftsfähig zu werden. Ist dies nicht der Fall, ist die Zukunft der vielen Menschen
kritisch, denn die Überlebensfähigkeit der Städte und die Lebensqualität innerhalb dieser
Städte wird davon abhängen, inwieweit es gelingen mag, den Bedürfnissen und Bedarfslagen
der Stadtbewohner – insbesondere derer, die in Slums und Marginalvierteln leben – gerecht
zu werden und diese an der städtischen Entwicklung partizipieren zu lassen.
Allgemein bietet das Themenfeld Mikrofinanzierung also zahlreiche Anknüpfungspunkte und
Herausforderungen, da es als solches sehr vielschichtig ist, aber eben auch in den heterogenen
Kontext der Entwicklungsländer eingebettet ist. Während die vorliegende Arbeit
schwerpunktmäßig den urbanen Raum betrachtet hat, bietet das Thema Mikrofinanzierung
genauso für den ländlichen Raum hinreichend Potenziale. Gerade Kooperationen von MFIs
mit Schulen sind gleichermaßen im städtischen, wie im ländlichen Kontext denkbar. Nur sind
eben die Berufsaussichten andere. Denn das starke Ausmaß der Land-Stadt-Migration (siehe
Kapitel 2) hat einen Strukturwandel erzwungen, dergestalt, dass zunehmend weniger
Arbeitskräfte im ländlichen Raum im primären Sektor arbeiten und mehr und mehr Menschen
Arbeit im – wenn auch meistens informellen – (städtischen) sekundären und tertiären Sektor
finden. Ein Strukturwandel, der nicht aufgrund veränderter Nachfrage oder neuer technischer
Entwicklungen entstanden ist.
In diesem Zusammenhang wäre eine veränderte Art der Kommunikation wünschenswert.
Stets wird über (entwicklungspolitische) Theorien, über Wirtschaftsbeziehungen oder, wenn
Mikrofinanzierung das Thema ist, über Yunus, gesprochen. Warum aber wird nicht über die
Menschen gesprochen, über die „grassroots people“, diejenigen, die das Zentrum des
entwicklungspolitischen Diskurses sein sollten? Der Realität sollte sprichwörtlich ins Gesicht
geschaut werden und es sollte die Situation des Subsistenzbauern, der Gemüsefrau, des
Schreiners, des Garküchenbetreibers und des Fahrradtaxifahrers betrachtet werden. Erst wenn
das mit einem aufrichtigen Interesse geschieht – verbunden mit adäquater wissenschaftlicher
Forschung – würde weniger von Erfolgen gesprochen, wo gar keine sind.
106
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Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist diese Arbeit als „Tandem“ konzipiert und steht in
engem Bezug zu den von Marcel Petri verfassten fachdidaktischen Abhandlungen.
Auch und gerade für die Fachdidaktik ist das angesprochene geographische Forschungsdefizit
im Bereich Mikrofinanzierung und informeller Sektor ein Problem. Denn wie die Arbeit von
Marcel Petri zeigt, entwickelt sich „Globales Lernen“ als fachdidaktische Strömung zu einem
„Vorzeigebereich“ des Geographie- oder Erdkundeunterrichts in Deutschland (siehe PETRI
2010). Zahlreiche Publikationen (Themenheft Praxis Geographie 09/2009; Themenheft
geographie heute 07/08 2010) aber auch bundesweite Tagungen wie der „Bildungskongress
Globales Lernen“ im Oktober dieses Jahres in Bayreuth machen dies deutlich.
Mikrofinanzierung nimmt in diesem Kontext einen viel beachteten Fokus seitens der
Fachdidaktik ein (vgl. MODELL-AG RHEINLAND-PFALZ 2010, S. 1). Damit aber die
Fachdidaktik Themen adäquat und sachlich korrekt für Schule und Schüler aufbereiten kann,
muss sie auf Forschungsergebnisse aus dem fachwissenschaftlichen Bereich zurückgreifen
können. Diese Möglichkeit ist bislang noch nicht in hinreichendem Maße gegeben.
In Bezug auf Entwicklungsländer, aber auch in Bezug auf Industrieländer wie Deutschland ist
Mikrofinanzierung also insbesondere für Jugendliche ein interessantes Thema mit viel
Potenzial, welches es auszubauen gilt, denn:
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Experteninterviews
Kim Nguyen Van, stellvertretender Referatsleiter im Referat für Wirtschaftspolitik,
Finanzsektor, BMZ am 13.08.2010.
AE: Guten Tag Herr Nguyen Van. Nennen Sie mir zum Einstieg des Interviews bitte einen
positiven Aspekt, der Ihnen spontan zum Thema Mikrofinanzierung einfällt.
NGV: Mikrofinanzierung als solches ist ein Mittel, um Menschen in Armut eine Perspektive
zu geben, sich selbstständig und eigenverantwortlich aus Armut zu befreien.
Mikrofinanzierung ist auch in dem Sinne zu verstehen, dass es nicht nur Mikrokredite geht,
sondern vielmehr auch um Versicherungen, um Sparen. Ein Mikrofinanz-System, das das
gesamte Spektrum abdeckt, bietet sehr viel Möglichkeiten, sich zu entfalten und sei es nur,
dass man die Einnahmen aus einem informellen Geschäft, die man sonst unter die Matratze
gesteckt hat, auf ein Sparkonto bringt und damit eine größere Sicherheit hat. Im Bereich der
Mikroversicherungen sind die langfristigen Möglichkeiten besonders spannend, die gegen
etwaige Risiken absichern, sei es Krankheit, Todesfall eines Haupteinkommenstieres,
Naturkatastrophen, z.B. Wetterverischerungen. Ein systemischer Effekt von Mikrofinanzierung ist der Aufbau lokaler Kapitalmärkte, das man auch dort Möglichkeiten
entwickelt, heimische Ressourcen zu mobilisieren und ein langfristiges eigenständiges System
aufbaut, das nicht abhängig ist von Fremdmitteln oder Entwicklungshilfe. Wir sehen auch,
dass es zur Zeit einige der Studien, dass eines der wesentlichen Hindernisse für
Wirtschaftswachstum der Zugang zu Finanzierung ist. Das spielt sich mittlerweile in lowincome-countries ab, wo wir sehr viel Kleinunternehmer haben, die dann auch auf die
Gewinne aus ihrem Kleinbetrieb angewiesen sind. Und da ist es wirklich ein bottle-neck,
Zugang zu Finanz-Dienstleistungen zu haben. Hier ist auch ein riesen Potenzial vorhanden,
vor dem Hintergrund, dass immer noch 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Kapital
haben. Dies hat Deutschland erkannt, Deutschland ist der größte bilaterale Geber und wir
werden weiterhin viel Energie in diesen Bereich stecken.
AE: Widerspricht dieses Ziel des Aufbaus lokaler Finanzmärkte nicht der aktuellen
Entwicklung, dass staatliche und nicht-staatliche Banken wie die KfW oder die Deutsche
Bank und viele andere mehr, mittels so genannter Mikrofinanz-Investment-Fonds eine
immense Menge an Geld aus den Industrie- in Entwicklungsländer transferieren?
NGV: Wichtig ist, dass man das ganzheitlich betrachtet. Mikrofinanz ist kein Allheilmittel. Es
muss immer einen systemischen Ansatz geben. Das beinhaltet Punkte wie entsprechende
Regulierung, Sicherung von Finanzeinlagen, Aufbau adäquater Finanzinfrastruktur usw.
Bei den Finanzfonds, die Sie ansprechen, klar, da kommen Gelder rein, jede Menge auch.
Man muss sich aber die genauen Strukturen der Fonds anschauen. Die KfW beispielsweise
arbeitet mit MFIs zusammen. Es werden also keine Parallelstrukturen aufgebaut, sondern es
werden MFIs unterstützt, immer dann, wenn eine entsprechende Rekapitalisierung über den
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jeweiligen Markt noch nicht möglich ist. Diese Fonds sind immer verbunden mit einer TAcomponent, man baut immer auch Programme auf, um das Finanzmanagement innerhalb der
MFI zu verbessern und einen eigenen Kapitalstock aufzubauen und damit auch eine Art upscaling zu machen, der MFI mehr Möglichkeiten zu lassen zu expandieren und das aber auch
auf einer vernünftigen Basis zu machen. Ein Konzept, das wir BMZ-seitig damit sehr stark in
Zusammenhang bringen, ist das von Responsible Finance, d.h. dort auch sehr stark bei
jeglicher Investition, die wir tätigen, mit dem Projektpartner typische Voraussetzungen von
Responsible Finance setzen und das verbinden mit Ansätzen auf der Regulierungsebene, z.B.
Konsumentenschutz, auf der Ebene der Bildung, um eben einen systemischen Effekt auch zu
entwickeln. Das ist uns sehr wichtig.
Zu den Risiken, was wir in Folge der Finanzkrise gesehen haben, aber auch in der
Entwicklung des Marktes, das ist das Problem der Überschuldung im Mikrofinanz-Sektor.
AE. Bezogen auf die Kunden oder bezogen auf die MFIs?
NGV: Im Sinne der Kreditnehmer. Ein typisches Szenario, das sich immer wieder abspielt ist,
dass sehr viel Geld in den Markt fließt, gerade durch MFIFs. Banken haben gerade im
Kontext der Finanzkrise den MF-Sektor als stabilen Sektor identifiziert und gehen vermehrt
dort rein. Das führt dazu, dass an vielen Ecken Überliquidität herrscht. Der fehlende Zugang
hat häufig weniger damit zu tun, dass kein Angebot da wäre für die Bevölkerung, also rein
geographisch, es sind ja meistens die Leute in ländlichen Regionen, die gar keinen Zugang
haben, und die, die in den Städten leben, haben dann meistens Zugang zu ganz vielen MFIs,
bei denen sie dann unterschiedlich hohe Kredite nehmen können und dadurch dann häufig der
Überblick verloren geht, wer wo einen Kredit aufnimmt und dann wird es schwierig, diese
Kredite zurückzuzahlen, dann werden Kredite aufgenommen, um andere Kredite zu tilgen
usw.
In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung von Kreditinformationssystemen deutlich,
sozusagen die SCHUFAs dieser Welt auszubauen. Aufbau von Kreditinformationsbüros. Die
Überschuldung ist ein großes Problem und damit einhergehend die Frage, was macht man mit
den vielen Privatinvestitionsfonds, die derzeit relativ unreguliert in den Markt eindrängen?
Der bisher gut regulierte Markt wird durch diese Fonds aufgeblasen, was kein gute
Entwicklungseffekt ist und ein großes Risiko ist, weil dies schwer steuerbar ist. Wir können
dies zwar bei unseren Fonds machen, die nach Resp. Finance arbeiten und Nachweise
verlangen, wofür der Fonds und Kredit verwendet wird, damit es nicht zu einer
Überschuldung kommt. Und dies ist ein weiteres Risiko, nämlich die Frage, ob es sich um
einen Investitionskredit oder Konsumentenkredit handelt. Weil in vielen Gegenden hat eine
Sättigung stattgefunden, so dass von manchen MFIs weniger Wert auf Investitionskredite
gelegt wird und häufig auch Konsumentenkredite vergeben werden. Was in gewisser Weise
auch übergreifend oder der Übergang fließend ist, denn wenn sich jemand ein Motorrad kauft,
kann er das privat nutzen oder aber einen Taxidienst anbieten oder kommerziell Lasten damit
transportieren. Das ist das grundsätzliche Problem im MF-Sektor, dass es nicht immer
nachvollziehbar ist, wofür das Geld letztendlich verwendet wird. Daher muss hier ein
systemischer Ansatz greifen, der auch Kreditgenossenschaften im informellen Sektor
berücksichtigt, Spargemeinschaften, Dorfgemeinschaften, die im informellen Bereich agieren,
die in irgendeiner Weise unter eine Finanzaufsicht zu stellen, ist das mittel- bis langfristige
Ziel, um einen stabilen Finanzsektor zu schaffen und solche Dinge zu einem gewissen Grad
unter Kontrolle kriegen zu können. Dieser Wildwuchs – man kann auch sagen, es sein gutes,
weil Hauptsache Zugang zu Finanzierung – ist problematisch, denn uns ist wichtig, nicht nur
die quantitativen Zugang zu ermöglichen, sondern qualitative Angebote zu schaffen und da ist
derzeit eine Phase, wo wir sehen, dass diese zu groß werdende Blase platzen könnte.
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Aber unabhängig von diesen Schwierigkeiten, hat das Mittel Mikrofinanz viele Potenziale,
einfach aufgrund der aktivierenden Funktion.
AE: Wie ist die Internetplattform KIVA zu beurteilen? Handelt es sich um ein Element, das zu
Unübersichtlichkeit führt?
NGV: Ja, KIVA ist aus der Hinsicht gut, als dass es eine Möglichkeit bietet, dass sich jeder
Einzelbürger engagieren kann und sich damit identifizieren kann und einen selbst bestimmten
Beitrag abgeben kann. Das ist an sich erstmal nichts Schlechtes. Aber, es sind gemischte
Gefühle, denn man hat nicht den systemischen Effekt, sondern eine Einzelintervention, die es
dann im Zweifelsfall schwierig macht, den Überblick zu enthalten. KIVA allein gut, aber
KIVA im Kontext der Umwelt des Kreditnehmers ist problematisch. Mann muss schauen, wie
man dieses Programm systemisch integriert in den Gesamtansatz.
AE: Die Zinssätze von KIVA sind vergleichsweise niedrig, bringt dies lokale
Finanzmarktstrukturen durcheinander?
NGV: Ja, es handelt sich um Verdrängungseffekte. Es klingt zunächst immer dramatisch,
bitter, wenn man hört, dass ein Mikrokredit Zinssätze von 20–30 Prozent hat, aber wenn man
sich überlegt, mit welchen Situationen man vor Ort befasst ist, einerseits keine Sicherheiten,
man hat keine entsprechende Finanzinfrastruktur, es ist sehr kleinteilig, die Stückkosten pro
Kredit sind sehr hoch, und man bewegt sich in einem Kontext von eher instabilen Räumen,
wo man mit großen Kapitalauf- und -abwertungen rechnen muss und die dann wieder
angepasst werden muss. Der Zinssatz kann natürlich niedriger werden, wenn man irgendwann
einen systemischen Ansatz verwirklicht hat, dann werden sich Zinssätze etablieren, die denen
in unserem sehr ausgebauten Finanzsystem gleichen werden. Dies ist aber ein längerer
Prozess.
Zudem sind die derzeitigen Zinsen viel niedriger als die von informellen Geldverleihern.
In den 70er/80er Jahren setzte die Entwicklungszusammenarbeit sehr stark darauf, im
ländlichen Raum Agrarbanken zu etablieren, die stark subventionierte Agrarkredite vergeben
haben, was dazu geführt hat, dass der komplette Finanzsektor im ländlichen Raum
zusammengebrochen ist und jegliches andere Bankgeschäft verdrängt, kaputtgemacht wurde.
Das heißt, spätestens an dem Punkt, wo der Staat andere Prioritätensetzungen durchsetzt und
dann plötzlich der Geldhahn zu ist, gibt es auf einmal gar kein Finanzsystem, keine Strukturen
mehr. Da haben die Internationen in den 70er/80ern viel kaputt gemacht. Deswegen ist es für
uns so wichtig, Mikrofinanzierung als Teil eines Gesamtansatzes zu sehen.
AE: Wenn man Ihre Ausführungen mit den Entwicklungen der Grameen-Bank vergleicht, die
von einer Ausrichtung nach dem Poverty Lending Approach zum Financial Systems Approach
gewechselt hat, kann diese Bank dann als Vorbild für andere MFIs gelten oder ist sie zu groß,
sind lokal angepasste MFIs besser, auch wenn sie nicht den finanziellen Hintergrund haben?
NGV: Grameen als Vorbild zu sehen, sollte man nicht machen. Grameen hat sich in
Bangladesh als sehr erfolgreich erwiesen, hat sich aber auch schwer damit getan, das Modell
in andere Länder zu exportieren. Es hat nirgends so funktioniert wie in Bangladesh. Das ist
ein Grund zu sagen, lokaler Kontext, lokale Bedingungen erfordern auch angepasste
Arbeitsweisen, deshalb ist es sehr wichtig, den nationalen oder lokalen Kontext zu
berücksichtigen. Was gut ist an Grameen, dass es tatsächlich gelungen ist, das in ein
nachhaltiges Geschäftsmodell zu übertragen. Wobei man, wenn man genauer schaut ins
Grameen-Modell, es sich zeigt, dass es sehr offen oder ungeklärt ist, wie genau der Gewinn
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dort entsteht, oder wie genau sich der Gewinn entwickelt. Insofern muss man auch dort sehr
vorsichtig sein. Muhammad Yunus ist auf jeden Fall der Vorreiter der Mikrofinanz, das ist
ihm sehr zu Gute zu halten. Aber ob das System, wie er es propagiert, nun wirklich das
Allheilmittel ist, das glaube ich nicht, denn es gibt in anderen Ländern unterschiedliche
Ansätze, wie man dies machen kann, wie man Mikrofinanzierung implementieren kann. Es
kommt also auf den Länderkontext und finanzielle Nachhaltigkeit an, damit nachhaltige
Strukturen entstehen und verantwortungsvoll damit umgegangen wird. Wie dies in der
Einzelstruktur organisiert wird, community-based oder im Filialsystem oder mit neuen
Technologien, Branches oder Mobilebanking, das ist zweitrangig, wenn es nachhaltig
organisiert wird.
AE: Welches sind die Folgen und Wirkungen einer Förderung durch Mikrofinanzierung? Ist
in diesem Zusammenhang das „Nähmaschinenbeispiel“ eine seriöse Evaluation? Fehlt es
nicht an einem Forschungsansatz, auch wenn es um den impact von Mikrofinanz auf die
MDGs geht?
NGV: Schlicht und einfach ja, das fehlt. Die Frage ist, wo ist die Wirkung eines Mikrokredits
wirklich zuordnenbar? Inwiefern ist der Mikrokredt ein zusätzlicher Punkt im
Finanzmanagement der Familie, des Haushalts? Da muss man schauen, kann es sein, dass ein
Kredit für irgendwelche Medikamente oder Krankenhausaufenthalt ausgegeben wird, oder
wird damit irgendeine Geschäftsidee verwirklicht? Dieser Sache nähern wir uns ein wenig.
Aber es gibt bislang tatsächlich keine aussagekräftigen wissenschaftlichen Ansätze, die den
Impact, die Wirkung von Mikrofinanzierung nachweisen können. Wir arbeiten mit Hochdruck
daran, ein MF-Vorhaben in Sri Lanka zu evaluieren nach sozialen und ökonomischen
Wirkungen. Davon erhoffen wir uns, dass das ein Beispiel sein kann. CGAP arbeitet auch an
der Entwicklung von Social Performance Indicators, die in der Form vielleicht irgendwann
auch für uns nutzbar sein werden, um die Wirkungsmessung zu verbessern. Was wir sagen
können, ist, wie viel Kredite wir ausgeben, wir groß das Kreditportfolio ist, wie viele Kunden
wir haben. Daraus können wir extrapolieren, wie viele Haushalte wir erreichen, aber dann
kommt die Sozialwirkungsebene, die uns große Schwierigkeiten bereitet. Mann kann dann
sagen Bruttonationaleinkommen pro Kopf, im Vergleich zur Kreditrate, aber…
AE: … und das im Kontext des informellen Sektors, wo ohnehin Vieles nicht statistisch erfasst
ist…
NGV: … genau. Die Wirkungszahlen, die es gibt, sind grobe Schätzungen. Von der
Wirkungsweise her, das muss man ehrlich sagen, und das sollen diese typischen Beispiele mit
dem Bäcker darstellen, ist es durchaus nachvollziehbar. Und das ist das, was wir von den
MFIs bekommen, was die Kunden berichten. Aber es wirklich schwer, da zu einer breiten
seriösen Aussage zu kommen.
AE: Es gibt hinreichend Forschungen aus dem Finanzbereich. Aber es gibt kaum
Forschungen aus dem wirtschafts- und sozialgeographischen Bereich, welche raumwirksame
Folgen untersuchen.
NGV: Genau, und das wäre genau der Bereich, der für uns interessant ist, da ist der logische
Link am größten, dergestalt, dass man z.B. Einkommen pro Haushalt messen kann, die einen
Mikrokredit bekommen haben und anhand dessen man dann sagen kann, es gibt einen
messbaren Anstieg. Schwierig wird eine Untersuchung in Richtung der „soften MDGs“,
Müttersterblichkeit, Umwelt usw., da wird die Messbarkeit schwierig.
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AE: …höchstens in Form von Mikroversicherungen, welche die Vulnerabilität vermindern,
indem Krankheiten oder Naturkatastrophen eben versichert werden und die Kosten mit Hilfe
der Mikroversicherung bezahlt werden können.
NGV: Genau, da gibt es viele Möglichkeiten, in der Richtung zu agieren.
AE: Interessant ist das achte MDG im Kontext von KIVA. Kann in diesem Zusammenhang
von einem neuen Ansatz, von einer Richtungsänderung der Entwicklungszusammenarbeit
gesprochen werden? Entstehen also Partnerschaften jenseits der staatlichen Ebene oder im
Bereich von NGOs?
NGV: Das ist die große Stärke, dass Mikrofinanzierung nicht nur „Gute-Leute-Sache“ ist,
sondern es geht wirklich darum, langfristige nachhaltige Strukturen aufzubauen. Das sehen
natürlich auch private Investoren und die Wirtschaft als solche. Die Schwierigkeit ist natürlich,
dass man das verantwortungsvoll macht. Daher ist das Konzept der Responsible Finance sehr,
sehr wichtig. Das beinhaltet auch, dass die Unternehmen, die in diesen Markt reingehen,
verantwortungsvoll investieren und eben nicht nur Geld in den Markt pumpen. Auch müssen
den Endkreditnehmern immer die entsprechenden Kenntnisse vermittelt werden, damit diese
wissen, was es bedeutet, einen Kredit aufzunehmen und wie man damit verantwortungsvoll
umgeht. Dies sollte die Basis bilden, wenn ich verschiedene Akteure außerhalb der staatlichen
Entwicklungszusammenarbeit in diesem Bereich beteiligen. Dazu zählen neben NGOs und
der freien Wirtschaft auch private Stiftungen wie die Gates Foundation, die unglaublich aktiv
in diesem Bereich ist. Man muss sehen, dass sich die verschiedenen Ansätze nicht
konterkarrieren. Daran arbeiten wir auch im internationalen Kontext, mit G20, mit der UNO,
usw.
Gerade in diesem G20-Kontext sind die Bemühungen sehr groß, alle Stakeholder mit
einzubeziehen, die in irgendeiner Art und Weise mit der Finanzsystementwicklung befasst
sind, um gemeinsame Kriterien zu erarbeiten, um zu verhindern, dass die vielen
verschiedenen Akteure sich nicht gegenseitig behindern oder aufheben, sondern eine
verantwortungsvolle Arbeit leisten.
AE: 80 Prozent der Kreditnehmer sind Frauen. Wäre es nicht sinnvoll, auch bei Jugendlichen
anzusetzen, um ein breiteres Bevölkerungsspektrum zu erreichen. Es könnte in Schulen
angesetzt werden, Finanzgrundwissen könnte in Schulen vermittelt werden, um eine
Hinführung zu Mikrofinanzierung zu erleichtern, um eine Basis für einen Berufseinstíeg im
informellen Sektor zu ermöglichen.
NGV: Zum Beispiel in Uganda arbeiten wir mit der nationalen Schulbehörde zusammen, um
Module der finanziellen Grundbildung in das Curriculum aufzunehmen und um dann auch
Lehrmaterialien zu entwickeln. Es gibt auch effiziente Maßnahmen im Bereich finanzieller
Grundbildung, wie durch Theaterspiele oder Soaps. Dies ist in Indien sehr populär, dort gibt
es Bollywood-Filme zum Thema Mikroversicherung. Hier geht es um die Frage, wie kommt
man auf eine gute Art und Weise an möglichst viele Menschen ran und diese dies auch
bewusst aufnehmen und akzeptieren.
Man muss sich immer wieder bewusst werden, dass unser Ziel dauerhaft nicht ist, den
informellen Sektor als das Gute darzustellen. Die Formalisierung des informellen Sektors ist
ein langfristiges Ziel. Es müssen auch andere Bildungsmöglichkeiten gegeben werden, als die
Selbstständigkeit in informellen Sektor. Aber wie Sie schon sagen, ist die Möglichkeit, Arzt
oder Richter oder dergleichen zu werden, in den meisten Fällen natürlich nicht vorhanden.
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AE: Hier könnte aber zunächst eine Selbstständigkeit im informellen Sektor nach der
Schulzeit eine (finanzielle Basis) ermöglichen und dann könnte nach einigen Jahren, in denen
auch Geld angespart wurde, eine Weiterbildung erfolgen oder gar ein Studium aufgenommen
werden.
NGV: Daher ist es wichtig, das Wissen zu vermitteln, wie ich verantwortungsvoll einen
Mikrokredit aufnehmen kann, welche Risiken es gibt und welche Rechte und Pflichten ich
habe.
AE: Stichwort informeller Sektor und dessen Bedeutung, wenn es um die Wirkung von
Mikrokrediten geht: Kann es einen derartigen Know-How-Zuwachs von Kleinunternehmen
geben, dass diese Zulieferer und/oder Abnehmer vom formellen Sektor werden mit der Folge
einer Angleichung des informellen an den formellen Sektor?
NGV: Das ist genau der Grund, warum wir auch einen Schwerpunkt unserer Arbeit auf
nachhaltige Wirtschaftsentwicklung legen und versuchen, Finanzsektormaßnahmen,
wirtschaftliche Maßnahmen und berufliche Bildungsmaßnahmen miteinander zu kombinieren.
Wir sehen dort genau die Schnittstelle, ein Kleinunternehmen, das irgendwann nicht nur einen
Mikrokredit braucht, sondern einen größeren Kredit, sollte die Möglichkeit haben, dann auch
mit entsprechenden Anbieter aus dem formellen Bereich in Kontakt zu kommen. Wir müssen
hier also Business Development Services anbieten und von wirtschaftspolitischer Ebene die
Hürde zur Formalisierung senken. Das schließt bürokratische Sachen mit ein, aber auch
Fragen der financial governance, also beispielsweise Steuersysteme. Hier müssen immer die
Nebeneffekte im Blick behalten werden.
AE: Unabhängig von der konkreten Entwicklung des informellen Sektors handelt es sich,
wenn wir von Mikrofinanzierung reden, aber doch immer um eine Entwicklung von unten, um
einen bottom-up-Approach.
NGV: Es muss sich ergänzen. Im besten Fall ist der Staat eben nicht korrupt und schafft
nachfrageorientiert die Vorraussetzungen, damit ein solcher Sektor, auch wenn er informell ist,
so wachsen kann, dass er irgendwann zu einer formellen Struktur wird.
AE: Um nochmals einen größeren Zusammenhang in den Blick zu nehmen, wie passt es
zusammen, dass beispielsweise der Bonner Aufruf stark gegen die staatliche
Entwicklungszusammenarbeit wettert, sich aber gleichzeitig für Mikrokredite ausspricht, wo
doch die staatliche Entwicklungszusammenarbeit bzw. das BMZ und die GTZ auch sehr
engagiert im Bereich Mikrofinanzierung und dem Aufbau nachhaltiger Finanzsysteme tätig
sind?
NGV: Grundsätzlich ist es wichtig, dass man eine Lobby für dieses Thema hat und es sind
sicherlich die dort organisierten, die dieses Thema voran treiben. Aber die Grundannahme, die
dem Bonner Aufruf voran gestellt ist, die wir nicht in der Form teilen, ist, dass die staatlichen
Partner auf Partnerseite vor allem der versagende Part sind und man sich nicht mehr auf die
Umsetzung staatlicher Kooperation einlassen solle und sich andere Partner suchen solle. Das
sind dann vor allem im Umkehrschluss private Partner. Sicherlich kann man
Rechtsstaatlichkeitsprinzipien, die unseren Maßstäben entsprechen, nicht eins zu eins auf
Entwicklungsländer übertragen, dann kommt man dort nicht weit. Die Frage ist aber, kann
man wirklich am Staat vorbei agieren oder sollte man nicht vielmehr versuchen, diesen
mitzunehmen. Das ist eine schwierige Diskussion und deshalb muss Rechtsstaatsdiskussion,
Good Governance immer ein zentraler Bestandteil dessen sein, was wir machen. Aber
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Strukturen komplett am Staat vorbei aufzubauen, wird nicht funktionieren. Diesen Spagat
muss man finden und da gibt der Bonner Aufruf nicht ausreichend Auskunft.
AE: Es bedarf also eines ganzheitlichen Ansatzes, dergestalt, dass zum Beispiel eine
Bevölkerung durch Förderung durch Mikrokredite derart befähigt wird, sich in
(lokal)politische Dinge einzumischen und so eine ganze neue Politik gestaltende Generation
aus der Mitte der Bevölkerung entsteht.
NGV: Das ist ein wichtiger Punkt und gerade in der Finanzsystementwicklung ist ein
wichtiger Player die Zentralbank. Gerade wenn auch auf der Mikroebene Stabilität erzielt
werden soll, braucht man diese Unterstützung von staatlicher Ebene. Das Geld, das wir nutzen,
das wir dort auch zur Verfügung stellen, könnte man alles auch über die Mikroebene zur
Verfügung stellen, aber das würde meines Erachtens in kürzester Zeit zu einem Finanzcrash
führen. Wir haben den Bonner Aufruf aber zur Kenntnis genommen und die Debatte als
solche auch verfolgt, aber wir würden uns der Position jedenfalls nicht anschließen.
AE: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Interview mit Imke Gilmer, Achim Deuchert und Stephanie Hartman, GTZ am
16.08.2010
AE: Mikrofinanzierung wird sehr gepriesen und hoch gelobt, auch von Gegner der
Entwicklungszusammenarbeit. Bitten nehmen Sie Stellung zu dieser Tatsache und vergleichen
Sie einige positive mit möglichen negativen Aspekten der Mikrofinanzierung.
IG: Ja, Mikrofinanzierung ist ein sehr, sehr gutes Instrument zur Armutsreduzierung, aber es
ist kein Allheilmittel. In der Diskussion gibt es einen ziemlichen Hype, gerade seit der
Friedensnobelpreis an Yunus vergeben wurde ist es in aller Munde. Aber alleine kann es die
Welt nicht verändern und kann es die Armut nicht reduzieren. Aber es ist ein sehr gutes
Instrument, um Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen, weil es den Menschen, die ein gewisses
Interesse haben voran zu kommen, die unternehmerische Ideen haben, eine Chance bietet, wie
sie ihre Lebenssituation verbessern könnten, indem sie die Möglichkeit bekommen, einen
Kredit aufzunehmen und diesen produktiv einsetzen können.
AE: Es wird immer von Hilfe zur Selbsthilfe gesprochen. Nun gibt es also konkret ein
Instrument, welches dies ermöglicht?
IG: Genau. Es gibt allerdings eine Einschränkung, denn es gibt verschiedene Arten von
Mikrokrediten. Es müssen nicht zwangsläufig reine Produktivkredite sein, gerade weil arme
Haushalte sehr flexibel sind, insofern, dass jegliches Geld, das in den Haushalt reinfließt in
vielfältiger Weise genutzt wird und es sehr schwierig ist zu trennen, was geht rein ins
Geschäft und welches Geld wird für andere Dinge ausgegeben. Viele Kredite werden auch
einfach aufgenommen, um die Liquidität zu managen, gerade weil Arme ein sehr
unregelmäßiges Einkommen haben und ein sehr niedriges Einkommen. Trotzdem schaffen sie
es dadurch dann, auch mal höhere Ausgaben zu stemmen. Dafür sind Kredite auch wichtig,
einfach um den Cash-Flow anzugleichen und mit Schocksituationen umzugehen.
AE: Also Sie befürworten es prinzipiell, wenn Kredite auch für einmalige Ausgaben, für
Konsum möglicherweise, aufgenommen werden? Es muss nicht immer zwangsläufig ein
Investitionskredit sein?
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IG: Das ist einfach eine Realität, die man anerkennen muss! Aus vielen verschiedenen
Gründen werden Kredite aufgenommen und solange die Menschen die Möglichkeit haben,
diese auch zurückzuzahlen und nicht völlig überschuldet werden, sollte man dies nicht
verhindern und nur noch Kredite für Geschäftszwecke vergeben, denn man muss anerkennen,
dass ein großer Bedarf für verschiedene Finanzinstrumente da ist und der Kredit auf
verschiedene Art eingesetzt wird, was vollkommen ok ist.
AE: Ist es ein Schutzinstrument, wenn man neben einem Kredit auch ein Sparkonto eröffnet
oder eine Mikroversicherung abschließt, um gegen mögliche Risiken besser abgesichert zu
sein und die Rückzahlung des Mikrokredits zu sichern?
IG: Ja, dies zeigt genau, wie wichtige neben Kredit Sparen und Versicherungen sind. Arme
brauchen vielfältige Finanzdienstleistungen und man sollte diese dann eben auch anbieten.
AE: In der Realität ist dies sicherlich aber nicht einfach. Können sich beispielsweise
Menschen in Slumgebieten, die kaum Hintergrundwissen über Finanzgeschäfte haben, etwas
unter Versicherungen vorstellen?
IG: MV sind das komplexeste Instrument von allen. Sowohl was das Verständnis angeht auf
der Kundenseite, aber auch auf der Anbieterseite, also die Frage wie man das Ganze anbieten
kann. Es gibt aber auch viele Beispiele, dass das Ganze funktioniert. Es ist ähnlich wie bei der
MK-Diskussion, wo es auch hieß, dass arme Menschen niemals einen Kredit zurückzahlen
könnten und nun haben jahrelange Erfahrungen gezeigt, dass gerade arme Menschen
Finanzdienstleistungen brauchen. Aber bei Versicherungen müssen eben die meisten
Informationen vermittelt werden, da das Prinzip nicht so bekannt ist, auch Verwechselungen
mit Sparen vorkommen und die Leute, wenn sie eine Versicherungspolice kaufen nach einem
Jahr fragen, warum sie nun kein Geld zurückbekommen. Aber das heißt nicht, dass das
Instrument als solches schlecht ist. Man muss einfach sicherstellen, dass die Person, die das
Produkt vertreibt auch erreicht, dass der Kunde es verstanden hat.
AE: Welche Erfahrungen gibt es in diesem Bereich? Kann man sagen, dass die Mehrzahl der
MFIs seriöse Beratungsangebote unterhält?
IG: Verlässliche Daten dazu gibt es nicht. Wir hören nur anecdotecal evidence, also
Geschichten, die erzählt werden, und dort gibt es beide Seiten. Es gibt schockierende
Geschichten über schwarze Schafe, aber auch anständige Mikrofinanz-Banken, die ihre
Kunden sehr gut aufklären. Gerade im Bereich von Mikroversicherungen variiert dies sehr
stark und es kann durchaus sein, dass die Kunden nicht so gut aufgeklärt sind und nicht den
großen Mehrwert aus dem Versicherungsprodukt ziehen. Ein Indikator kann dort sein, dass
gerade die Administrationskosten sehr hoch sind. Aber detailierte Aussagen dazu gibt es keine.
Allerdings gibt es drei Wege zum Kundenschutz: Eine Regulierung im Sinne eines
gesetzlichen Regelwerks auf das man sich berufen kann, gleichzeitig eine Finanzindustrie, die
sich verantwortungsvoll gegenüber ihren Kunden verhält und drittens bedarf es informierter
Kunden, also Financial Capability ist sehr wichtig, die Menschen müssen das Wissen haben
und dieses Wissen auch in ihren Handlungen umsetzen können.
AE: Es entsteht der Eindruck, dass es generell an einer adäquaten Forschung in Bezug auf
die sozio-ökonomischen Folgen einer Förderung durch Mikrofinanzierung fehlt, also keine
repräsentative Evaluation vorliegt, sondern es nur Untersuchungen im Finanzmarktbereich
gibt. Ist die Situation tatsächlich derart einseitig oder gibt es Belege für die Wirkung von
Mikrofinanzierung?
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IG: Man muss zwischen zwei Sachen unterscheiden. Es gibt in jüngster Zeit vermehrt
Forschung im Bereich impact, auch einige Institute, die mit größeren Studien begonnen haben
und wirklich die Wirkung betrachten wollen, also was passiert in Richtung
Armutsreduzierung. Diese ganzen Studien haben aber eine Menge Probleme. Alle versuchten
Methoden haben noch etliche Probleme, das heißt alle Ergebnisse sind nicht unbedingt
ausgesprochen aussagekräftig. Parallel dazu haben aber auch viele MFIs einen eigenen
Anspruch, ihr Handeln und überprüfen und ein social performance monitoring zu erstellen, ob
ihre Arbeit sowohl finanziell nachhaltig ist, als auch sozialen Ansprüchen genügt. Man spricht
in diesem Fall von einer double bottom line. Es werden also nicht nur finanzielle Kennzahlen
sondern auch soziale Kennzahlen definiert. In diesem Bereich passiert sehr viel.
AE: Wie kann in diesem Zusammenhang die Grameen-Bank bewertet werden, die ja auch
versucht, die double bottom-line zu erreichen? Kann die Grameen-Bank als Vorbild für
andere MFIs gelten oder sind lokal angepasste Strukturen wichtiger?
IG: Die Grameen-Bank ist eine der Vorreiter und sie haben einen großen Beitrag zum Erfolg
geleistet, weil sie MF bekannt und populär gemacht haben. Aber man muss sich immer den
lokalen Kontext anschauen und dann angepasste Programme entwickeln. Zum Beispiel
funktionieren Gruppenkredite in einigen Ländern total gut, in Osteuropa aber überhaupt nicht.
Es sind also kulturelle Faktoren, geographische Gegebenheiten etc., die man als MFI beachten
muss.
AE: Da fällt auf, dass in Asien und Lateinamerika Mikrofinanzierung erfolgreicher und
weiterentwickelter ist, als in Afrika. Woran mag das liegen?
AD: Die Finanzmärkte an sich sind in Afrika noch sehr unterentwickelt und es bedarf des
Aufbaus leistungsstarker Finanzmarktstrukturen. Die GTZ arbeitet in diesem Bereich im
Sektorvorhaben Making Finance work for Africa. Gerade in den oft sehr abgelegenen
ländlichen Gebieten ist die Herausforderung sehr groß. Moderne Ansätze wie mobile banking
und überhaupt die Frage des Kapitaltransfers in diese Regionen spielen in diesem
Zusammenhang eine wichtige Rolle.
AE: Ist es nicht ein Widerspruch, wenn es das Ziel ist, dass MFIs sich über landeseigenes
Kapital finanzieren sollen, dass derzeit zahlreiche MFIFs auf den Markt drängen?
IG: Man muss den Vorteil der lokalen Finanzierung sehen, der darin besteht, dass man keine
Fremdwährung mit dabei hat. Typischerweise wenn Kapital von außen kommt, ist dies in
einer anderen Währung und muss getauscht werden, wodurch die Gefahr großer
Schwankungen zwischen den beiden Währungen besteht, und dann MFIs möglicherweise
wesentlich mehr zurückzahlen müssen, als sie eigentlich aufgenommen hatten. Auch da kann
die Entwicklungshilfe helfen, indem sie Instrumente bereitstellt, die diese Risiken abfedert.
Prinzipiell ist es nicht schlecht, wenn zusätzliches Kapital den MFIs zugänglich gemacht wird.
AE: Eher als Übergangsweg, dass die MFIs leistungsfähig aufgebaut werden oder auch auf
langfristige Sicht?
IG: Es wird ja keine technical assistance oder Training gegeben, sondern auch nur Kredite,
das heißt es handelt sich um eine Bereitstellung von Kapital.
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AE: Kann man davon ausgehen, dass das Engagement beispielsweise der Deutschen Bank
und anderer großer Bankhäuser, als ernsthafte Entwicklungszusammenarbeit zu sehen ist
oder eher als Ausweg, um in der Finanzkrise auf einen vergleichsweise stabilen Sektor
auszuweichen und einen Imagegewinn zu erzielen?
IG: Beides spielt da eine Rolle. Es gibt viele ethisch motivierte Investoren. Das nimmt immer
mehr zu. Auch die Deutsche Bank könnte für diese Kundengruppe ein Produkt auflegen und
dieses Marktsegment erschließen. Zudem ist Corporate Social Responsibilty natürlich ein
wichtiger Aspekt, den man sich auf die Flagge schreiben kann.
AE: … also der Slogan, „that the poor are not bankable“ und die Aussage, dass Mikrofinanz
für Banken uninteressant sei, hat sich als das Gegenteil erwiesen?
IG: Definitiv.
AE: Könnte man soweit gehen, dass man diese neuen Akteure auch als ganz neuen Ansatz der
Entwicklungszusammenarbeit bezeichnet, dass sich also jenseits von staatlichen Institutionen
und NGOs die Wirtschaft engagiert und mit den Menschen in den Entwicklungsländern
Geschäfte auf Augenhöhe durchführt?
IG: Das ist die Frage, wie man Entwicklungszusammenarbeit definiert. Ob es noch
Entwicklungszusammenarbeit ist, wenn Unternehmen miteinander arbeiten, ist fraglich.
Zusammenarbeit mit der Wirtschaft prinzipiell ist nichts Neues. Wichtig ist aber, dass es
Regulierungsbehörden gibt und die entstehenden Finanzmärkte auch ein Stück weit
überwacht sind.
AE: Zeigt der Erfolg der Mikrofinanzierung, dass es für den einzelnen Menschen nicht
riesiger Mengen an Kapital bedarf, sondern dass für eine nachhaltig wirkende Entwicklung
vielmehr kleine Kapitalmengen viel hilfreicher sind?
IG: Da zeigt sich wieder, Mikrofinanz ist kein Allheilmittel. Gibt es keine
Gesundheitsversorgung, keine Schulen, keine Straßen, nützt einem Menschen im
Entwicklungsland auch kein Mikrokredit etwas. Grundlegende Dinge wie Bildung,
Gesundheit und Good Governance sind derart wichtig, dass man schwierig klassifizieren kann,
welche Einzelmaßnahme die Gesamtsituation jetzt wie voran gebracht hat.
AE: Mikrokredite werden in den Industrieländern mittlerweile über verschiedene
Internetportale als „Armutsbekämpfung per Mausklick“ kommuniziert und beworben. Wird
dieser Slogan der Sache gerecht und wie sind die Angebote von Internetplattformen wie
kiva.org zu beurteilen?
IG: Richtig ist der positive Effekt, dass dem Menschen, der wirklich etwas machen möchte,
scheinbar die Möglichkeit gegeben wird, einen Kredit zu vergeben. Schaut man sich die
Sache aber genauer an, zeigt sich, dass dies oft eben doch nicht geht. Gerade bei KIVA ist es
so, dass man in einen Pool einzahlt und das Geld an eine NGO vor Ort weitergegeben wird,
die das Geld dann auszahlt. So direkt, wie es suggeriert wird, ist es eben doch nicht. Daher ist
die Sache, dass sie die Begeisterung in der Bevölkerung am Laufen halten, natürlich positiv,
davon profitiert auch die Entwicklungshilfe insgesamt. Allerdings kommt es immer sehr
darauf an, wie die Portale im Einzelnen gestaltet sind. Wenn sich Kiva z.B. nicht an die
örtlichen Marktkonditionen hält und Kredite im Vergleich ganz günstig weitergibt und damit
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örtliche Finanzsysteme untergräbt und vielleicht sehr seriös und nachhaltig arbeitende MFIs
zerstört, ist dies natürlich ein Problem. Das muss man sich immer im Detail anschauen.
Eine Frage ist auch, was passiert, wenn der Kreditnehmer den Kredit nicht zurückzahlt. Wird
dieses Risiko dem Kreditgeber vorher kommuniziert? Peer-to-Peer-Sachen sind daher von der
Aufsicht meistens nicht erlaubt, es muss immer eine Bank zwischengeschaltet sein. Wobei
dann natürlich der Reiz am direkten Kontakt verloren geht.
AE: Wie ist die Bedeutung des informellen Sektors zu beurteilen?
IG: In Entwicklungsländern extrem wichtig, weil dort ein Großteil der Menschen beschäftigt
ist.
SH: Der informelle Sektor ist ein bedeutender Teil der Wertschöpfung und nimmt meist den
größten Teil der Wirtschaft in Entwicklungsländern ein. Allerdings ist es umstritten, ob
Privatwirtschaftsförderung im informellen Sektor tatsächlich stattfinden soll, denn das Ziel
sollte langfristiges Unternehmenswachstum sein. Im informellen Sektor gibt es aber vielfach
nur spontan entstandene Unternehmer und Händler mit wenig Potenzial. Allerdings muss man
dort zwischen zwei Kategorien unterscheiden. Es gibt eben diese spontanen Händler und
ebenso auch etablierte Kleinunternehmen mit Potenzial. Diese bilden aber ein Kontinuum,
einen fließenden Übergang zum formellen Sektor.
AE: Sollten Schüler informeller Schulen nach Abschluss der Schule prinzipiell im formellen
Sektor beschäftigt werden oder wäre der informelle Sektor eine Alternative, um überhaupt
Arbeit und Beschäftigung zu bekommen?
IG: Pragmatisch geht es erstmal darum, dass die Menschen überhaupt Arbeit haben, egal ob
im formellen oder informellen Sektor.
SH: Beschäftigung im informellen Sektor schafft Einkommen und Einkommen schafft
Perspektiven. Allerdings bietet der informelle Sektor keine weitreichenden Perspektiven. Das
heißt, langfristig sollte der informelle Sektor nicht als das Ziel gesehen werden. Unterstützt
man ihn, baut man ihn auf und es entstehen Parallelstrukturen anstelle einer Formalisierung
des bestehenden Angebots. Dies gilt auch für informelle Bildungseinrichtungen. Wird deren
Curriculum angepasst an die Bedürfnisse des informellen Sektors, wird ein Anerkennungsprozess desselben gefördert. Stattdessen bedarf es langfristig einer Formalisierung
des informellen Sektors, da eine staatliche Kontrolle in Bezug auf Sozial- und
Umweltstandards unvermeidlich ist.
AE: Gibt es Untersuchungen, ob MFIs die Vergabe eines Kredits abhängig von der
Geschäftsidee machen, die der Kreditnehmer hat? Wird dadurch ggf. Konkurrenz unter den
Kleinunternehmern zu verhindern gesucht oder gar der Zusammenschluss gleicher Branchen
gefördert?
IG: Das Interesse der MFI ist erstmal, dass der Kredit auch zurückgezahlt wird. Daher wird
natürlich gefragt, ob es realistisch ist, dass der Kreditnehmer das Geld zurückzahlen kann.
Mann kann dann zweigleisig fahren, den unternehmerischen Bereich ansprechen und den
finanziellen Bereich.
AE: Kann man den Beitrag der MF zu den MDGs klassifizieren oder ist Mikrofinanzierung in
diesem Kontext nur ein Mosaikstein unter vielen anderen Komponenten in einem
ganzheitlichen System?
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IG: Ich denke nicht, dass man sagen können wird, so und so viel Prozent der Verbesserung im
Bildungswesen resultiert aus Mikrofinanz-Programmen. Aber man kann sagen, dass
Mikrofinanzierung dazu beiträgt, dass Fortschritte bei den MDGs geschehen. Häufiger gehen
die Kinder von Mikrofinanz-Kunden eben zur Schule oder sind gesünder.
AE: Das ist vielleicht auch eine generelle Frage, auch wenn in fünf Jahren der Erfolg der
MDGs evaluiert werden wird, an welchen Faktoren macht man dies fest, ist es schon ein
Erfolg, wenn es mehr Schulen gibt oder fragt man vielleicht auch nach der Qualität der
Ausbildung?
Wie beurteilen Sie die Zukunftsaussichten von Mikrofinanzierung und was müsste sich ggf. im
Mikrofinanz-Sektor ändern?
IG: Es gibt viele Ideen, wie man insbesondere den ländlichen Raum erreichen kann, wo die
Menschen über kleine Dörfer, über große Flächen verteilt sind. Hier bedarf es des Einsatzes
neuer Technologien, wie die Überweisung von Geld per Handy.
AE: Aber das Ziel ist, dass man noch weitaus mehr Menschen erreichen wird?
IG: Ja auf jeden Fall, derzeit werden noch nicht wirklich viele Menschen erreicht und es
besteht noch ein riesiges Potenzial.
AE: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Ìnterview mit Kurt Gerhardt, Bonner Aufruf, am 30.08.2010
AE: Was glauben Sie, woran es liegen mag, dass Mikrokredite im entwicklungspolitischen
Diskurs so hoch gelobt werden?
KG: Naja, es ist zur Zeit eigentlich genau umgekehrt, denn es mehrt sich die Kritik. Aber ich
will Ihnen auch Recht geben, dass Mikrokredite sehr hochgehalten werden in der
Einschätzung Vieler, die sich mit Entwicklungspolitik beschäftigen. Das hat auch damit zu
tun, dass wir in der Entwicklungspolitik und in der Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten so
viele Pleiten erlebt haben. Wenn dann am Horizont etwas erscheint, bei dem man den
Eindruck hat „hier funktioniert etwas“, dann ist der Jubel groß, dann besteht die Neigung, das
ein bisschen höher zu jubeln, als es vielleicht angemessen wäre. Also die Not des Versagens
steckt auch hinter diesem in die Höhe heben.
AE: Wie ist in diesem Zusammenhang die Rolle von Muhammad Yunus zu beurteilen?
KG: Das ist natürlich immens. Das ist die Kern- und Schlüsselfigur des ganzen Unternehmens.
Seine Grameen-Bank war ja bekannt seit vielen Jahren, ehe sich das Mikrokreditwesen in den
vielen Teilen der Welt so ausgebreitet hat. Dafür, dass er diese – bei aller Kritik – doch enorm
wichtige Entwicklung angestoßen hat, verdient er natürlich hohe Anerkennung.
AE: Kann nicht der Eindruck entstehen, dass den Möglichkeiten der Mikrofinanzierung
„Vorschusslorbeeren“ zugesprochen werden und man die eigentlichen Folgen oder
Auswirkungen noch gar nicht in ausreichendem Umfang untersucht hat?
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KG: Nein, ich halte es für ganz normal, dass Manches auch „ins Kraut schießt“ bei aller
Begeisterung. Das wird sich einpendeln. Ich glaube aber trotz der häufiger geäußerten Kritik,
dass Mikrokredite geradezu ein Durchbruch sind in der ganz schwierigen Geschichte der
Entwicklungshilfe und dass sie wirklich ein ganz großer Trumph der Spieler sind sozusagen.
AE: Aber ist es nicht eine Gefahr, wenn derzeit vielleicht zu viele Akteure auf den Markt
treten? Auch wenn nun zahlreiche Fonds von Geschäftsbanken aufgebaut werden, kann es
dann nicht zu einer Situation kommen, dass die Zielgruppe, nämlich die relativ arme
Bevölkerung in Entwicklungsländer gar nicht mehr zwischen seriösen und vielleicht weniger
seriösen Anbietern unterscheiden kann?
KG: Viele Anbieter von Kleinkrediten sind eine gute Sache, da dies die Konkurrenz verstärkt,
was prinzipiell gut ist für die Verbraucher. Dass die Geschäftsbanken da einsteigen, ist ein
gutes Zeichen, denn das bedeutet ja, dass in deren Ansicht das System funktioniert und das ist
ja ein Qualitätsausweis sozusagen. Denn hier bei uns in Köln und in Trier gibt es auch keine
Kleinkreditbanken und wir kommen mit kommerziell angebotenen Darlehen zurecht. Dass ein
Lebensbereich privatwirtschaftlich geregelt wird, das ist ja überhaupt nichts Schlechtes. Wenn
die privaten Geschäftsbanken darein gehen, in den Mikrofinanzsektor, halte ich das prinzipiell
für gut. Und das was schief geht, wird sich ausmändeln, das sind normale Schwierigkeiten,
die im Konkurrenzkampf verschwinden werden.
AE: Wie beurteilen Sie die Verknüpfung von Mikrokrediten mit Bildungsprogrammen?
KG: Ich glaube, dass die Entwicklung der armen Länder überwiegend in den Händen der
Frauen liegt. Es gibt nichts besseres, als Frauen zu bilden. Frauen sind auch weniger
Korruptionsanfällig als Männer. Die Kopplung mit Bildungsprogrammen hat was gutes, weil
Bildung per se etwas Gutes ist. Was fragwürdig ist, ist wenn man die Dinge vermischt, dann
können die Akzente verrutschen und die Dinge bekommen Schlagseite. Das ist eine
prinzipielle Sache. Wenn andererseits jemand zu wenig gebildet ist, um ein guter
Kreditnehmer zu sein, dann spricht natürlich etwas dafür, dass man ihn einführt in die
Problematik. Oder wenn jemand Zahlen nicht lesen kann, sollte er besser keinen Kredit
nehmen. Grundwissen hat natürlich eine gewisse Plausibilität.
AE: Sie warnen davor, die Dinge zu vermischen, aber die große Mehrheit der Bevölkerung,
gerade in Afrika, wird im Bereich der Jugendlichen oder der jungen Erwachsenen liegen, die
ja auch die erste Zielgruppe sind, wenn es um Bildung geht. Wie würden Sie es beurteilen,
wenn verstärkt finanzielle und ökonomische Bildung in die Schulcurricula integriert?
KG: Ich bin dafür, dass fachlich orientierte Bildung später kommt. Das erste Ziel von Bildung
muss immer sein, Menschen denkfähiger und urteilsfähiger zu machen. Eine Funktionalisierung von Schulprogrammen ist nicht sehr gut. Das Beste was Kinder aus der Schule
mitbringen können, ist, dass sie lernen, kritisch denken und urteilen zu können. Dann können
sie sich ihre Welt denkend und entscheidend erarbeiten.
AE: Glauben Sie denn, dass die beispielsweise in einem Slum in Nairobi lebenden jungen
Menschen überhaupt noch die Zeit haben, nach Absolvieren der Grund- oder Sekundarschule,
wo sie Grundlegendes gelernt haben, Fachspezifisches zu lernen oder müssen sie nicht
vielmehr zusehen, dass sie direkt Geld verdienen, um das Überleben zu sichern?
KG: Wenn Sie eine ordentliche Grundschule besucht haben, in Afrika sind das ja oft sechs
Jahre, dann dürfte er zunächst einmal die Voraussetzungen haben, um mit
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Kleinkreditprogrammen zurecht zu kommen. Es muss aber eine gute Grundschule sein. In
weiten Teilen Afrikas ist es ja oft der Fall, dass Jugendliche zu wenig lernen. Die Qualität des
Unterrichts, das ist das entscheidende Problem.
AE: Vielfach wird – gerade auch im Hinblick auf die MDGs – lediglich auf Quantität, nicht
aber auf Qualität geachtet. Hauptsache man bekommt ein Mehr an Grundschulen…
KG: Ja, es ist Ziel, dass zahlenmäßig möglichst viele Kinder in die Schule gehen, aber bei
dem Kucken auf die Zahlen wird die Qualität oft vernachlässigt.
AE: Sie sagen, nach Absolvieren einer guten Grundschule müssten die Kinder die Fähigkeit
haben, einen Mikrokredit aufzunehmen. Könnte ein Jugendlicher also einen Mikrokredit
aufnehmen, um sich z.B. selbstständig zu machen?
KG: Wann nimmt ein junger Mensch einen Kredit auf? Sicherlich nicht in der Schulzeit, da
ist man in der Regel etwas älter.
AE: Es stellt sich aber doch die Frage – gerade für in Slums aufwachsende Kinder – nach der
beruflichen Perspektive. Was geschieht nach Absolvieren der Schule? Vielfach ist die Chance
auf einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz im formellen Sektor doch sehr gering. Dann kommt
der informelle Sektor als Möglichkeit in Frage, und kann dort dann nicht ein Mikrokredit für
junge Menschen hilfreich sein, um beruflich Fuß zu fassen?
KG: Die Kinder kommen nicht weiter, wenn sie die Schule hinter sich haben, weil es keine
Arbeitsplätze gibt. Warum gibt es keine Arbeitsplätze? Weil in Afrika wirtschaftlich zu wenig
passiert. Staatswirtschaft hat auch in Afrika weitgehend versagt. Also bleibt nur noch die
Privatwirtschaft und da gibt’s in Afrika einfach zu wenig Unternehmer. In Afrika ist ein
enormer Bedarf an verantwortungsvollen und tüchtigen Unternehmern, die wirtschaftliche
Tätigkeit anregen und leiten. Daran fehlt es weitgehend. Es wird in Afrika furchtbar wenig
produziert. Aber wenn ein afrikanischer Junge oder ein afrikanisches Mädchen nach acht
Jahren die Schule verlässt – es muss schon eine Schule sein, wo sie etwas gelernt haben – und
wenn dieser Sechzehnjährige einen begrenzt großen Kredit aufnehmen könnte und damit dann
auch ordentlich umgehen könnte, um zum Beispiel im informellen Sektor etwas zu machen, ja
wieso denn nicht?
AE: Es wäre also dort tatsächlich Potenzial gegeben, sofern die MFIs auch entsprechende
Angebote bereithalten.
KG: Auch die Kreditgeber werden schauen, was mit dem Kredit gemacht werden soll.
AE: Welches sind denn potenzielle Knackpunkte und Risiken im Mikrofinanz-Geschäft?
KG: Wo ich kritische Punkte sehe, ist in der Überfinanzierung. Es ist in der Geschichte der
Entwicklungshilfe überall zu sehen, dass, wenn etwas gut zu laufen schien, dass dann von
allen Seiten Geber kamen, die Kapital reinpulverten. Weil ja alle Geber die Erfahrung haben,
dass es enorm schwierig ist, in rentable und sich selbst tragende Projekte zu investieren. Die
wenigen wirklichen Blüten werden überdüngt. Dies ist auch bei den Mikrokrediten so. Ich
habe nie wirklich verstanden, warum man da von außen so viel reininvestiert, denn auch die
Armen können Sparen. Wenn das doch so ist, spricht einiges dafür, das für eine MikrokreditBank nötige Kapital bei den Armen und den potenziellen Kunden zu sammeln, weil dann
natürlich auch die Mitverantwortung viel größer ist, wenn die Leute das Gefühl haben, das ist
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meine Bank, an der bin ich mit Spareinlagen beteiligt. Das ist ein ganz anderes
Verantwortungsverhältnis. Das sehe ich als Problem, diese riesigen Summen, die in den
Mikrofinanzsektor reingeschossen werden. Ich habe Angst, dass da was kaputtfinanziert wird.
Wirtschaftsgeschichte durch Spenden ist immer schwierig. Wirtschaftsgeschichte durch
Tüchtigkeit, das ist das Entscheidende und dass Kredite investiv verwandt werden.
AE: Was würden Sie als Empfehlung an die Seite der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit richten?
KG: Wir sagen vom Bonner Aufruf aus, dass innerhalb von zehn Jahren der Übergang zur
ausschließlichen Vergabe von Krediten geschehen muss. Hilfe müsste sozusagen verkauft
werden. Gratishilfe, Geschenke soll es nicht mehr geben. Wenn jemand nicht die notwendige
technische Expertise hat, um unternehmerisch etwas zu machen, dann soll er diese Expertise
kaufen. Denn wenn er das tut, wird er mit dem Geld und dieser Expertise ganz anders
umgehen, als wenn er es geschenkt bekommen hat. Wenn er das Geld nicht hat, um sich die
Expertise zu kaufen, dann soll er sich’s leihen. Diese Forderung, Übergang von Geschenken
zu bezahlter Hilfe, ist nur plausibel, wenn alle entwicklungswilligen Menschen auch den
Zugang zu Krediten haben, sonst ist das unfair. Das heißt, die Entwicklungshilfe kann einen
Beitrag dazu leisten – auch die staatliche – dass Zugang zu Kleinkrediten für jeden ermöglicht
wird.
AE: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Interview mit Dr. Andreas Spaeth, WorldVision Institut, Sprecher des Arbeitskreises
„Entwicklungszusammenarbeit“ des Deutschen Verbandes für Angewandte Geographie
e.V. am 15.09.2010
AE: Was waren die Motive für WorldVision, sich im Bereich Mikrofinanzierung zu
engagieren?
AS: Das Motiv war, dass wir seit Jahren Programme hatten, die sich mit Kleinkrediten
beschäftigt hatten im Rahmen unserer Regionalprogramme. Beispielsweise ist es in Sri Lanka
immer das Problem, wie der Reiszyklus finanziert wird. Dafür gab es immer kleine
Kreditprogramme. Der Nachteil war allerdings, dass diese nie professionell gemanagt wurden,
wodurch es zum Teil hohe Ausfälle gab. Wenn also mal wieder Bürgerkrieg oder eine große
Trockenheit war, wurde gar nicht mehr danach geschaut, dass die Kredite eingezogen wurden.
Das zweite war als WorldVision nach Osteuropa kam, was meistens im Zuge von Nothilfe
war – Erdbeben und Kosovo-Krieg – was sollten wir da machen, als die Nothilfe vorbei war?
Mikrokredite waren da die richtige Antwort.
Im Grunde gibt es zwei Wellen, 1992 Beginn von Mikrokredit-Programmen in verschiedenen
Lateinamerikanischen Ländern und dann Mitte der 1990er Jahre starteten die MikrofinanzProgramme in Osteuropa.
Es sind also diese zwei Trends, Aufbau auf bestehenden Landwirtschaftsprogrammen und als
Rehabilitierungsmaßnahme aus der Nothilfesituation.
AE: Hat WorldVision im Wesentlichen eigene MFIs vor Ort?
AS: Wir haben nur eigene MFIs, die ein Netzwerk bilden und sind dort sehr erfolgreich.
Andere NGOs wie z.B. Care haben sich aus dem Mikrokredit-Geschäft herausgezogen und
machen nur noch Sparprojekte.
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AE: WorldVision unterhält eine Internetplattform zur Vergabe von Mikrokrediten ähnlich wie
auch KIVA. KIVA steht in der Kritik wegen zu geringer Zinssätze und in der Folge einem
negativen Einfluss auf die lokalen Finanzmärkte. Wie agiert WorldVision vor Ort?
AS: KIVA ist eine reine Finanzierungsorganisation ohne Netzwerk, KIVA hat keine eigenen
MFIs und macht Fundraising für fünf MFIs von WorldVision. Unsere Internetplattform
micro.com ist nur eine Adaption von KIVA, wir haben die Technologie von KIVA gekauft.
KIVA darf nach amerikanischem Recht kein Barkapital entgegennehmen, nur Geschenke.
Daher kann der vergebene Kredit auch nicht an den Geber zurückgezahlt werden. KIVA und
mirco.com ist eins zu eins. KIVA hat relativ viel Personal und das Computersystem, die
Software ist ein Web 2.0-Derivat, entstanden im Rahmen sozialer Netzwerke wie Facebook.
KIVA hatte also immer einen zeitlichen Vorsprung. Facebook- und StudiVZ-User sind
allerdings nicht die klassischen WorldVision-Spender, wodurch sich die Frage der Zielgruppe
stellt.
Diese KIVA-Kritik – billiges Geld – ist fraglich. Man muss immer einen Mix zur Verfügung
stellen. Es gibt ja auch teures Geld. Mikrokredite sind eben in der Administration nicht billig,
im Gegenteil es ist eine relative teure Intervention, weil es enorme Distanzen gibt, gerade im
ländlichen Raum und ein erhebliches Risiko besteht. Es gibt viele MFIs, die kaputtgegangen
sind. Außerdem sind die Betriebskosten riesig, auch die IT-Kosten. Wir haben auch einen
erheblichen turn-over im Personalbereich. Innerhalb von zwei Jahren müssen wir bis zu 80
Prozent des Personals neu gewinnen. Da entstehen erhebliche Schulungskosten.
AE: Die Mitarbeiter vor Ort, sind das eher Einheimische oder international tätige
WorldVision-Mitarbeiter?
AS: Wir haben eigentlich keine mehr, wo die Institution von typischen Einheimischen
gemanagt wird. Es besteht ein reger Austausch, gerade in Osteuropa. In Afrika ist es so, dass
wir vor allem Leute mit Bank-Hintergrund haben. Immer auch Leute, die in internationalen
Großbanken arbeiteten und dann nach Afrika zurückkehrten. Das Spektrum der Fachkräfte ist
groß. Prinzipiell ist es uns sehr recht, wenn die Lokalmanager immer aus einem anderen Land
kommen.
AE: … wegen geringerer Korruptionsanfälligkeit?
AS: Das ist gemischt. Es gibt immer wieder die Gedanken, dass es ja um Geld, um Vertrauen
geht. Es gibt keine Versicherung dagegen, dass Du nicht auch Enttäuschungen hast.
AE: Stichwort hohe Transaktionskosten. Kann die neue Entwicklung des Mobile-Bankings –
gerade auch in Kenia – einen Beitrag leisten, diese Kosten zu senken?
AS: Als kritischer Konsument fällt auf, dass Safaricom zu Vodafone gehört. Das ist 80
Prozent PR, diese ganze Mobile-Banking-Geschichte. Ich halte es für eine Blase. M-pesa, als
es eingeführt wurde, scheint zu funktionieren, was aber damit zu tun hat, dass das System in
Kenia zu viele outlets hat. Die Infrastruktur ist in diesem Bereich in Kenia sehr gut – in
Westafrika wäre das undenkbar. Schaut man sich dieses Konsortium an, wird deutlich, dass
vieles nur Gerede ist. Warum gibt’s das auch nur in Kenia und in einem Land mit
vergleichbarer Infrastruktur, wie Südafrika, nicht?
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AE: Wie sind die großen MFIFs, die sich derzeit entwickeln, zu beurteilen? Gutes
Entwicklungsinstrument und guter Zugang für MFIs zu Geld zu kommen oder nur Methode
der Banken im Kontext von Corporate Social Responsibility?
AS: Die katholischen Banken sind da Vorreiter. Die Deutsche Bank hat das nur geerbt, weil
sie eine Lokalbank im Großraum New York aufgekauft hat, die bereits in diesem Bereich
engagiert war. Bis 2006/2007 war der Markt überschaubar. Was sich derzeit so entwickelt ist
fraglich. Die deutschen ethischen Banken sind völlig ok. Die Deutsche Bank ist noch nicht so
ganz groß im Volumen und die gehen auch nicht unbedingt nach Mali – nur nach
Lateinamerika und Asien mit hohem Wachstumspotenzial. So lange sie dort noch gute
Anlagemöglichkeiten finden, werden sie einen weiten Weg um Afrika nehmen. Und wenn
dann, allenfalls nach Kenia, Nigeria und Ghana.
AE: Afrika liegt ja noch vergleichsweise weit zurück im Bereich Mikrofinanzierung. Liegt dies
nur an den schlechten infrastrukturellen Voraussetzungen?
AS: Es ist interessant, dass es eine kleine Trennung zwischen französischem und
englischsprachigem Sprachraum gibt. Im Senegal funktioniert eine Überweisung von oder
nach Frankreich über Credit Mutuel innerhalb von zwei Stunden. In Kenia gibt es von Anfang
an lokal gewachsene Institutionen, K-Rep beispielsweise auch, genauso wie das Phänomen
Equity, deren Erfolg durch Überförderung begründet liegt. Das ist der gleiche Fall bei der
Grameen-Bank. Equity hat es geschafft, die Geber anzuziehen und ein wirklich gutes
Management aufzubauen. Auch ist der Kundenkontakt hervorragend. Das hat auch bei
Grameen sicherlich gefehlt. Yunus und Grameen haben viel dazu getan, die Idee der
Mikrofinanzierung zu produzieren und populär zu machen, aber der wichtige Punkt der
Kundenorientierung geht absolut auf Equity zurück. Geh in Nairobi in einen Shopping-Center
wo es alle Banken gibt – KCB, Barclays usw. – die Schlangen sind vor dem Equity-Schalter
am größten. Wie schnell Equity Produkte entwickelt hat, das ist einzigartig. Das ist ein
Phänomen. Aber nur ermöglicht durch die Geberförderung. Die haben alle Produkte, für
Housing, für Behinderte usw.
AE: Ist es realistisch, dass sich MFIs mittelfristig selbst finanzieren können, indem sie – z.B.
durch Spareinlagen – selbst ausreichend Kapital generieren können?
AS: Also es gibt nicht viele MFIs weltweit, die wirklich unabhängig sind. Auch gibt es nur
wenige MFIs in Asien und Lateinamerika, die an die Börse gehen könnten. Wenn
Institutionen rund 3 Millionen Kunden haben und es eine aktive Börse in dem Land gibt, dann
ist das schon eine Möglichkeit und da wird sich auch einiges tun. Aber die wenige
Erfahrungen mit Börsengängen von MFIs bisher waren nicht glücklich, da wurden auch
Gebergelder veruntreut. Für WorldVision ist dies aber keine Option.
Es gibt halt auch nach wie vor Geber, die zinsfrei Gelder zur Verfügung stellen. Das hat auch
mit ethischem Investment zu tun, nach dem Motto wir zahlen keinen hohen Zins, denn es ist
ethisches Investment. Letztlich ist der Mix das Entscheidende.
AE: 80% der Mikrokredite werden an Frauen vergeben. Die Bevölkerungsstruktur in den
Slums von Nairobi ist aber mit über 50 Prozent durch Kinder und Jugendliche geprägt. Sollte
man also nicht vermehrt in der Schule eine finanzielle Grundbildung etablieren, damit die
Jugendlichen sich nach der Schule mit Hilfe eines Mikrokredits im informellen Sektor
selbstständig machen können?
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AS: WorldVision versucht, Jugendprodukte zu entwickeln, aber wir sind noch nicht so weit.
Wir haben auch noch nicht über die Details nachgedacht. Wir arbeiten zur Zeit noch nicht so
differenziert. Prinzipiell ist die Idee sehr interessant, sollte auch der informelle Sektor
anerkannt werden.
AE: Ist es nicht eine Gefahr, dass derzeit eine Blase entsteht und das MikrofinanzierungsGeschäft zu schnell wächst, ohne überhaupt die expliziten Wirkungen zu kennen?
AS: Die Wirkung ist sicher da! Ich kenne auch die Kritik, Überschuldung, Abhängigkeiten
usw. Ich glaube nicht, dass es nur einen geringen impact gibt, es gibt tatsächlich
Einkommenserhöhungen.
AE: Aber vielfach sind es doch nur Konsumkredite, die vergeben werden, dann ist das Geld
doch einfach weg, ohne dass ein erhöhtes Einkommen entsteht.
AS: Das stimmt, aber es wird keine Investitionsblase entstehen. Größtenteils handelt es sich
um ethisch motiviertes Engagement gestandener Entwicklungshelfer. Es gibt ja auch
zahlreiche integrierte Ansätze.
AE: Fehlt es denn nicht an geographischer Forschung zur Ergänzung der teils einseitigen
finanzwirtschaftlichen Forschung z.B. von Deutsche Bank Research?
AS: Ganz klar! Es gibt halt nur nachholende und beschreibende Forschung. Wirklich
akademisch-wissenschaftlich wurde kein Mikrofinanz-Produkt entwickelt. Alle Produkte
wurden im Feld entwickelt.
Interview mit Edvardas Bumsteinas, Europäische Investitionsbank (EIB), am 02.09.2010
AE: What is the reason for EIB to invest in microfinance?
EBU: EIB operates within and outside of the European Union. EIB operations outside of the
EU are within mandates, such as Africa Caribbean Pacific (ACP) mandate, given to the EIB
by EU Member States. In the case of the ACP Mandate, the Cotonou Agreement provides for
microfinance as one of the areas to be supported by the EIB. Within the European Union, EIB
is working with the European Commission (EC) to launch financial inclusion programmes,
such as PROGRESS, to be launched in cooperation with the European Investment Fund, later
this year. So, to answer your question „why EIB invests in microfinance“ - (i) because EIB is
mandated to do so, (ii) and because microfinance is perceived as a tool that can be used to
reach EU policy objectives.
AE: What about the future of micorfinance? Do you think, that there is a big potential of
growth for this sector?
EBU: We should understand that microfinance is still an evolving industry. As such, it will
continue to growth, especially in areas related to mobile banking, microinsurance and the
provision of non-credit financial services to the underbanked. The provision of microcredit
will remain the key objective of microfinance in developing countries with limited formal
banking services.
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AE: Will the EIB develop and diversify their commitment in the microfinance-sector?
EBU: Yes, as this is already happening with the PROGRESS in the EU, and a number of new
initiatives launched this year, e.g. REGMIFA, RIF II. Nonetheless, microfinance will remain
a small part of EIB acitivities by volume. The microfinance industry remains too small to
absorb large amounts of funding.
AE: Which are important features or characteristics of a Microfinance-Institution, which are
necessary, that it gets an EIB-credit?
EBU: We are looking for financial sustainability, the quality of management and long-term
viability of the business model. The presence of strong shareholders is also important. In most
cases, EIB does not invest directly, but through funds and MIVs. The investment policy of
such vehicles is always agreed in advance by investors and the manager.
AE: What is the difference between an EIB-microfinance funds and a commercial
microfinance funds, e.g. developed by Deutsche Bank?
EBU: In most cases (apart from PROGRESS, which was designed with the European
Commission), EIB designs and invests in microfinance funds in cooperation with other
private and public partners, including commercial banks. As such, EIB microfinance funds
share many features with other industry funds. Since EIB funds tend to pursue also nonfinancial objectives, including geographical or industry objectives, EIB funds tend to have a
bigger focus on Africa. Also, EIB is a big investor in equity instruments, which are usually
avoided by private investors due to high perceived risk.
AE: Thank you very much!
Interview mit Charlie Ochieng, Leiter des „Donyo Integrated Sports Center – DISC“ in
Korogocho/Nairobi am 09.09.2010
AE: What was the reason to offer microcredits or financial-services?
CO: We have a programme called the DISC livelihood programme. We offer micro-loans and
micro-agricultural loans. The main reason we do this is because most of the local of this
community do survive by participating in small business such selling green groceries fresh
from their gardens or rather they have purchased from other guys who plant them. We give
this facility because we seek to boost their capital base and enable them to maximise on their
profit.
AE: How do you organize it? Do you have partners like Mikrofinance Institutions or other
NGOs?
CO: We recieved a grant of $ 2500 from a friend in the United States. Where we did allocate
$ 700 to act as a loan capital base.
AE: Who are the main customers (women, youth, rural or urban population, ...)?
CO: 1.We work with the guardians of the youths who benefit from our gym. They have
formed loan groups of 5 persons where they meet once a week to contribute Khs 100, which
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they save with the DISC loan scheme. The group acts as a guarantor to each other because
they are the ones who approves the loan to the members and they stand in to re-pay in the case
of defualting.
2. DISC ladies alive; this is a ladies progragramme which seeks to empower ladies in
enterprenuership skill. We have aired 5 ladies in one group and we intend to support them
kick start a bakery and the other 5 to start a fruits palour. This one is still under inception and
we are still fundraising for it as Sebastian had promised to bring in some donors but we are
still waiting for him as all the logistics have been put in place. Still waiting for the funding to
roll out.
3. We also work with already existing groups to advance them credit at an interest.
AE: What is the reason for the majority of your customers to raise a loan?
CO: 1. start up capital for small scale business.
2. Some to meet small basic needs.
3. Farming
AE: What are people doing with the money from the microfinance programmes? Do they
invest it, perhaps for starting a business or paying school fees or whatever?
CO: Most of them is for small business. The ones we are dealing with. Small bussines that
normally require between a loan advance of 50–100 Euros but which in turn boost their
busines to be able to raise a profit of between 3–10 Euros a day in a good business day.
AE: Are your microfinance-programmes combined which lessons in financial education?
CO: This is fundamental. We organised a workshop for them in December for keeping
records, budgeting, savings. This year we have had two meeting with the propgram
beneficiairies and also we have organised the DISC ladies to be exposed from other groups
that are doing the same in a small scale way.
AE: What do you think about the potential of a cooperation of MFIs with non-formal-schools
in the informal settlements? Would it be an opportunity for a degree holder of a non-formalschool to raise a loan to start an own business in the informal sector/jua kali?
CO: This is an interesting one. There is a big probability that there can exist a co-operation.
But my experience is that most of them have a problem conforming to the special needs of the
people they want to work with vis a vis their strigent policies and most people tend to shy
away. So it depends. A degree holder to access a loan, I will say yes, but it rather depends on
the focus of a person. Jua kali artisanship is paying so much more in Kenya currently and
thats why I say it depends with the persons commitment to achieve.
AE: What about future of microfinance? Which ones are the main challenges? What has to
change?
CO: The future is so elusive yet very achievable is programs that deal with micro-credits set
to conform with the people they intend to assist. Challenges are there of course
1. Raising the initial capital boost for the loans is a headache. That’s a challange.
2. Defaulting from other members due to sickness and other problems
3. Donor policies
4. Funding of the program to run the micro-credit.
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AE: What about youth, growing up in the slums – is it possible for them to get a job in the
formal sector?
CO: Yes there is a big probability as it still depends with the person.
AE: What are the challenges for youth to start a business in the informal sector?
CO: Most luck business acumenshis, most dream to start big business rather than start slow
and progress slowly, savings, capital among many also linkages.
Interview mit Fabrizio Cavalazzi, Riverbank SACCO Savings, Nairobi am 06.09.2010
AE: When did Riverbank start deeling which issues about microfinance?
FC: They started as a self help group from 2005 and from 2008 they are a semi-formal
Microfinance Institute (a kind of Bank but not fullfill regulirized in the sense of commercial
bank). In Kenya a lot of Microfrinance Institutes start as self help group which is a group of
people who decide to save money and borrow that, but in the form of group.
AE: What was the reason to offer microcredits or financial-services?
FC: Being a Microfinance institute I should say 50 percent to help poor people (allowing them
to have loan and starting save money, open bank accounts, have the money to improve their
business) and 50 percent for Profit. A Microfinance Institute seek the sustainability and the
Interest Rate (sometimes very high as Riverbank) is due to cover the price of the money
borrowed from Commercial Banks.
After this short experience I can say that it is 100 percent Profit for Microfinance Institute, but
there are a lot of NGO, foudations, revolving funds etc. that keep the Profit out of their
activitis (In Kenya the Microfinance is very developped).
AE: Who are the main customers (women, youth, rural or urban population, ...)?
FC: It depends to the zone where you practice that: In a big City as Nairobi you don't have a
single kind of customer, but is more simple to get an Individual loan, generally women
are more able to manage a loan and repaying (this is an aptitude of Microfinance in Africa but
not all over). Generally, to answer your questions you don't have a specific issue, but you can
differentiate the loans on the base of Individuals and Groups or on the base of
what they want to do with the loan (cunsuption, business, life insurance, agriculture, school
fees etc.).
AE: What is the reason for the majority of your customers to raise a loan?
FC: In the case of riverbank was CONSUPTION, and this is normal if you have a look at the
amount of the loan demanded, but this is normal especially if you consider microfinance in an
urban contest (the majority have a kind of work and they want just to have the possibility to
buy somehting when they need it, with the microcredit is possible). You have also to consider
that Riverbank is not a big Institute and they work just with peolpe from slums, so in the
majority of cases it is hard to give them big loans.
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AE: Are your microfinance-programmes combined which lessons in financial education?
FC: No, but when they approach potential clients they explain the system of the loan and how
to request and repay it, how to offer guarentee in the case of default. I think financial
lessons are very usefull but you must also consider that in slums like in rural areas of Africa
or very poor countries, its very hard to have formations or offer financial course because:
A) They don't have any kind of education
B) It is more simple that NGO cover this part of microcredit, the most part or institues, in fact,
were NGOs and non-profit-organizations.
AE: What do you think about the potential of a cooperation of MFIs with non-formal-schools
in the informal settlements? Would it be an opportunity for a degree holder of a non-formalschool to raise a loan to start an own business in the informal sector/jua kali?
FC: I think it is possible but at the same time cannot be done by the same institution, I repeat
that the most part of people who get loans are poor (not completely but they are the minimum
to survive), and I'm speaking for Africa. If we speak about other continets like South America
or Asia, it became possible but ever done by a networking with a microfinance Institue and a
Partner charged in the Education.
AE: What about future of microfinance? Which ones are the main challenges? What has to
change?
FC: Microfinance is an huge sector, till unxeplored and till very profitable. If you can imagine
the % of the poor in the world, you'll understand why this sector is the SECTOR on this
moment concerning a big Brunch of the cooperation, so the Future for Microfinance is a
guarantee. The main challenges? Maybe the strenghten of the cooperation beetwen NGOs and
Microfianance Institute, that to answer even at your last question: We should lower the
interest rate applied to customers (in Kenya for example are in a range from 12 percent to 36
percent). If we want to consider microfianance as an exit from a poverty, they have to
understand that sustainability and profit are different and starting to apply effordable rate, that
is possible even if you have a partnership with an NGO that can lower your administrative
cost, field costs and structural costs.
AE: Thank you very much!
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