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vollständiger Bericht
Freiwillige: Quirina Kiesel
Entsendeorganisation: Welthaus Bielefeld e.V.
Projekt: ICMA – Instituto Cultural Moçambique-Alemanha
Einsatzort: Maputo, Mosambik
Maputo, den 04. Juni 2016
III. Quartalsbericht
Freiwilligendienst im Rahmen des Programms weltwärts
Bild: Hauptbahnhof „CFM – Caminho de Ferro de Moçambique” in Maputo
In drei Monaten ist es schon vorbei, mein Jahr in Mosambik. Der Countdown hat eingesetzt und mit
ihm leichte Panik. Denn die Fragen nach dem, was anschließend kommt, sind groß und noch
unbeantwortet. Das Gefühl, dass noch Zeit ist, will sich nicht mehr richtig einstellen. Denn die
verbleibende Zeit scheint wie im Flug zu vergehen. Es gibt schon jetzt Dinge zu organisieren, die
eigentlich noch weit weg liegen. Bewerbungen müssen geschrieben und Untermietverhältnisse geklärt
werden. Der langweilige Ernst des Lebens ist wieder im Anmarsch. Doch irgendwie kann ich mir ein
Leben in Deutschland, so wie es bisher war, nicht mehr vorstellen.
Percepção ••• Wahrnehmung
Die Fremde bringt einem die Heimat ganz nah – auf eine seltsame, augenöffnende Weise. Regelmäßig
fällt mir auf, was ich so alles Zuhause besitze. Ganz selbstverständlich habe ich in meiner Wohnung in
Hamburg eine komplette Küchenausstattung. Türen und Fenster, durch die es nicht zieht. Decken,
durch die kein Wasser eindringt, wenn es regnet. Doch das ist nur die materielle Seite. Erkenntnisse,
die ein gewisses Maß an vermeintlich selbstverständlichen Wohlstand in Deutschland aufzeigen,
dessen Fehlen mich aber nicht in meinem Alltag in Maputo stört. Was mich hingegen beschäftigt, sind
die kleinen, zwischenmenschlichen Situationen, in denen einem ein Spiegel direkt vor die Nase
gehalten wird. Ganz unerwartet und plötzlich. Wenn ich mir anschließend Fragen stellen muss wie:
Warum denke ich eigentlich so und nicht anders über mich? Wieso driftet die Wahrnehmung der
Menschen hier so stark von der Wahrnehmung der Menschen in Deutschland ab? Wie willkommen bin
ich in meiner deutschen Heimat eigentlich (noch – oder war ich es jemals)? Lohnt es sich nur wegen
materieller Vorzüge in ein Leben zurückzukehren, in dem man von Menschen umgeben ist, die einen
aus nicht nachvollziehbaren Gründen verachten?
„Du bist so schön.“ Die Erfahrung sehr viel Aufmerksamkeit insbesondere von Männern zu erhalten,
machen mit Sicherheit die meisten weiblichen Freiwilligen in Mosambik – zumindest meinen
Beobachtungen zufolge. Komplimente zu erhalten ist hier nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.
Ob man dies als besonders positive oder negative Erfahrung deuten mag, ist von jedem selbst
abhängig. Doch neben Komplimenten sind mir generell die positiven Reaktionen aufgefallen, die ich in
Maputo erhalten habe. Wenn ich beispielsweise sage, dass meine Mutter Deutsche und mein Vater
Mosambikaner ist, dann war häufige Reaktion darauf: „Na dann bist du doch auch Mosambikanerin!“
Ganz selbstverständlich gehöre ich hier dazu. Man stelle sich eine ähnliche Situation einmal in
Deutschland vor: „Du bist Deutsche? Hm. Nein, sag mal
ehrlich, wo kommst du her?“ Nur ungläubig nehmen einige
die Antwort zu meinem thüringischen Geburtsort hin.
Deutschkenntnisse auf muttersprachlichem Niveau sind für
diese Personen kein ausreichend überzeugendes Argument.
Dialoge wie diese können in Diskussionen ausarten und sind
mal witzig, aber häufig doch eher nervig. Was mir in den
letzten Wochen auf schmerzliche Weise stetig bewusster
wird, ist die selbstverständliche Ablehnung, mit der ich in
Ilmenau aufgewachsen bin.
„Du bist so hässlich.“ Die Erfahrung grundlos von wildfremden Menschen beleidigt zu werden,
haben im Gegenzug zur Flut an Komplimenten vermutlich (und hoffentlich) nicht ganz so viele
Freiwillige gemacht. Ich habe dies in Deutschland erlebt. Mehrfach. In bestimmten Phasen meines
Lebens sogar regelmäßig. Nun frage ich mich immer häufiger: Was ist damals eigentlich passiert? Wie
oft wurde ich, ohne Anlass dafür gegeben zu haben, zutiefst beleidigt, geschubst, bespuckt und habe
dieses Erlebnis einfach hingenommen, in eine Schublade
gesteckt und versucht zu vergessen? Verdrängung war
vermutlich ein wichtiger Mechanismus für mich, um mit
dieser unbegründeten Ablehnung klar zu kommen. In letzter
Zeit holen mich manche dieser Situationen wieder ein –
besonders im Kontrast zu meinen Erlebnissen in Maputo. Es
ist mir ein Rätsel, wie die Wahrnehmung (m)einer Person
durch andere so stark auseinander gehen kann. Und es ist
beeindruckend, wie stark diese Wahrnehmung ganz
offensichtlich vom gesellschaftlichen Kontext abhängig ist.
„Was bin ich?“ Ich habe mich ein wenig schwer getan, diese Überlegungen im Rahmen des
Quartalsberichts niederzuschreiben und war mir nicht sicher, wie relevant sie in diesem Kontext sind.
Doch ich denke, dass es wichtig ist, solche Gedanken mit anderen zu teilen – wie auch immer man sie
im Anschluss bewerten mag. Derzeit beobachte ich die Geschehnisse in Deutschland nur aus der Ferne
und es scheint ein Ruck nach rechts durch unser Land und ganz Europa zu gehen. Es ist zum Teil
erschreckend zu lesen, wie Fremdenfeindlichkeit, Missgunst und Hass wieder verstärkt um sich greifen.
Unbegründete Abneigung gegen alles und jeden der fremd zu sein scheint, ist nicht gesund für den
Einzelnen und schon gar nicht gesund für ein gemeinschaftliches Zusammenleben.
„Achte auf Deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten,
denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter,
denn er wird Dein Schicksal.“
(aus dem Talmud1)
Worte haben Kraft. Sie können das Leben eines Menschen beeinflussen – negativ und positiv. Die
Anfeindungen, die ich in meiner Kindheit und Jugend erfahren habe, hinterließen tiefe Kerben in
meinem Selbstbild. Das ist mir inzwischen klar. Meine Zeit in Mosambik hilft mir diese Kerben ein wenig
aufzufüllen.
Situação no país ••• Situation im Land
Friede, Freude, Eierkuchen. Das gibt es gerade nicht in Mosambik. Eigentlich möchte ich mir nicht
anmaßen eine Einschätzung der politischen und wirtschaftlichen Situation des Landes zu geben. Zum
einen denke ich nicht, über umfassende Kenntnisse darüber zu verfügen. Zum anderen lebe ich
tatsächlich wie in einer Blase in Maputo – geschützt und abgeschottet von all den existenziellen
Problemen, von denen ein Großteil der insbesondere ländlicheren Bevölkerung betroffen ist. Die
Herausforderungen sind groß und die Lage ist ernst. Mosambiks Präsident Filipe Nyusi war am 19. April
offiziell zu Besuch in Berlin, um mit der Bundeskanzlerin über die aktuellen Problemlagen des Landes
zu sprechen und um finanzielle Unterstützung zu bitten. Dabei ging es zentral um drei „schwierige
Entwicklungen“: die ökonomische Situation, die Dürre in Teilen Mosambiks und den
wiederaufgeflammten Konflikt zwischen den Parteien FRELIMO und RENAMO.2
1
Der Talmud (Hebräisch für Lehre/Belehrung) ist neben der Thora das wichtigste Buch der jüdischen Religion.
Quelle: bundesregierung.de „Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel und dem Präsidenten der Republik
Mosambik, Filipe Jacinto Nyusi“:
2
Quelle: bundesregierung.de3
Trockenheit. Es gibt eine große Dürre, die vor allem den Süden Mosambiks betrifft. Seit ich hier bin
hält sich der Regenfall tatsächlich merklich in Grenzen. Dies führt dazu, dass 1,5 Millionen Menschen
in Mosambik hungern müssen oder vom Hunger bedroht sind.1 In der Stadt machen sich die
Auswirkungen der Trockenheit hauptsächlich an den stetig steigenden Preisen für Lebensmittel
bemerkbar.
Inflation. Die Preissteigerungen hängen aber auch mit der allgemein problematischen
wirtschaftlichen Situation Mosambiks zusammen. Als ich in Mosambik ankam, war ein Euro ca. 43
Meticais Wert (Stand: August 2015). Inzwischen liegt der Wechselkurs bei ca. 61 Meticais (Stand: Juni
2016) pro Euro. Diese Entwicklung bringt mir den Vorteil, mehr für mein Geld kaufen zu können. Sie
verschlechtert allerdings erheblich die Situation, der Personen, denen ihr Gehalt nicht in Euro
ausgezahlt wird. In einigen Organisationen und Unternehmen wird den Mitarbeitern deshalb bereits
ein Inflationsausgleich gezahlt.
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2016/04/2016-04-19-bkinmosambik-nyusi.html (Stand: 19.04.2016)
3
Quelle: bundesregierung.de „Merkel: Dialog mit Mosambik intensivieren“
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/04/2016-04-19-besuch-stp-nyusi.html (Stand:
19.04.2016)
Korruption. Als wäre dies noch nicht genug des
Übels wurde im April diesen Jahres öffentlich
bekannt, dass unter dem vorherigen Präsidenten
Armando Guebuza versteckte Schulden von 1,25
Milliarden Euro angehäuft wurden: „Mit den jüngsten
Enthüllungen um verschwundene Milliarden von
Firmen wie EMATUM und Proíndico, für die jetzt der
mosambikanische Staat geradestehen muss, stieg das
Staatsdefizit auf über zehn Milliarden Euro, mehr als
70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 2012 hatte
das Defizit noch bei vergleichsweise moderaten 42
Prozent gelegen.“4 Eine Entwicklung, die für die
Vertrauenswürdigkeit Mosambiks von Investorenseite, wenig förderlich ist.
Quelle: DW.com4
Konflikt. „In den Provinzen Manica, Sofala, Tete und Zambezia kommt es vereinzelt zu bewaffneten
Auseinandersetzungen zwischen dem bewaffneten Arm der Oppositionspartei RENAMO und
Sicherheitskräften des Landes.“5 Neben den bewaffneten Auseinandersetzungen kam es dort
inzwischen häufig zu Überfällen auf zivile Fahrzeuge. Aufgrund dieser Vorfälle im Norden Mosambiks
warnt die Deutsche Botschaft vor Reisen via Bus und Auto in die konfliktreichen Gebiete. Die Angst vor
einem erneuten Ausbruch eines Bürgerkrieges schwingt stets ein wenig mit, wenn über die Konflikte
im Norden gesprochen wird.
Quelle: Ärzte ohne Grenzen6
4
Quelle: dw.com7
Quelle: DW.com „Mosambik buhlt um Finanzspritze aus China“ http://www.dw.com/de/mosambik-buhlt-umfinanzspritze-aus-china/a-19263833 (Stand: 17.05.2016)
5
Quelle: Aktuelle Hinweise des Auswärtigen Amtes zur Situation in Mosambik http://www.auswaertigesamt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/MosambikSicherheit.html (Stand: 02.06.2016, unverändert gültig
seit: 26.05.2016)
6
Quelle: Ärzte ohne Grenzen „Tausende fliehen von Mosambik nach Malawi“ https://www.aerzte-ohnegrenzen.de/fluechtlinge-aus-mosambik-in-ueberfuelltem-lager-in-malawi (Stand: 19.02.2016)
Für mich konkret bedeutet diese Situation, dass ich nicht mit dem Bus nach Tete zu meinem Großvater,
der sehnsüchtig auf mich wartet, und dem Rest meiner vermutlich sehr großen Familie reisen kann.
Die einzige Option ist fliegen – eine sehr teure Alternative, mit einem Preis von ca. 280 Euro für Hinund Rückflug. Dennoch ist dies immer noch ein kleines Problemchen in Anbetracht der tausenden
Flüchtlinge, die vor der willkürlichen Gewalt dieses Konflikts in das Nachbarland Malawi fliehen.7
Desenha-me a tua Liberdade ••• Zeichne die Freiheit für mich
Ab April drehte sich alles im ICMA um das vom französisch-deutschen
Kulturfond finanzierte Projekt „Zeichne die Freiheit für mich“, das in
Zusammenarbeit mit dem französisch-mosambikanischen Kulturzentrum, kurz CCFM – Centro Cultural Franco-Moçambicano umgesetzt
wurde. Geladen war Birgit Weyhe aus Hamburg zu einem ComicWorkshop mit Studierenden der Nationalen Kunsthochschule ENAV8.
Ich begleitete die Künstlerin und übersetzte während des siebentägigen
Workshops. Auch die Ausstellung der Ergebnisse des Workshops im
ICMA bereiteten wir gemeinsam vor. Das Ergebnis war eine gelungene
Ausstellungseröffnung, an der auch der Kulturminister Mosambiks (mit
mehr als einer Stunde Verspätung) teilnahm. Es war wirklich schön zu
sehen, wie stolz die Studierenden ihre Teilnahmebestätigung, die ihnen
vom Kulturminister persönlich übergeben wurde, entgegen genommen
haben.
Plakat zur Ausstellung der Comics
im KunsTraum des ICMA
7
Quellen: DW.com „Mosambik: Tausende fliehen vor Willkür und Gewalt“ http://www.dw.com/de/mosambiktausende-fliehen-vor-willk%C3%BCr-und-gewalt/a-19121142 (Stand: 16.03.2016); Neues Deutschland
„Steinreich unter den Ärmsten der Welt“ https://www.neues-deutschland.de/artikel/1009030.steinreichunter-den-aermsten-der-welt.html (Stand: 19.04.2016)
8
ENAV – Escola Nacional de Artes Visuais
Vorstellung des Buchs „Madgermanes“ von Birgit Weyhe im CaféKultur des ICMA9
Derzeit arbeiten wir an einem Ausstellungskatalog. Die Comics werden zusammen mit den
Illustrationen, die die Studierenden in einem ersten Workshop mit dem ebenfalls sehr sympathischen
französischen Künstler Alain Corbel gestaltet haben, ab Ende Juni in der Stadt Beira ausgestellt.
Mein Lieblingscomic des Workshops: „As surpresas da mata“ von Jeremias Fernando Uamba
9
Interview mit Birgit Weyhe zu ihrem Buch „Madgermanes“: http://taz.de/Zeichnerin-zu-Mosambikanern-inder-DDR/!5306342/ (Stand: 30.05.2016)
Ebenfalls großartig gezeichnet ist der Comic „Outro lado do Imprevisto“ von Dércio Martins Zaqueu
Neben den arbeitsintensiven und spannenden Ereignissen rund um Workshop und Ausstellung gibt es
eine weitere Neuigkeit aus dem Goethe Zentrum Maputo: Für drei Monate arbeitete Tatjana
Kreuzberg im ICMA-Team als Praktikantin. Die neue Kollegin hat wieder ein bisschen Schwung und
Leben ins Team gebracht. Wir arbeiteten häufig zusammen und haben auch viel Zeit in unserer Freizeit
gemeinsam verbracht.
Falar só para falar ••• Reden um des Redens willen
In Mia Coutos Buch „O último voo do flamingo“ fiel der Satz: „Es gibt Menschen, die reden nur um des
Redens willen. Und es gibt andere.“ Ich gehöre eineindeutig zu den anderen. Labern ist nicht so mein
Ding. Aber neue Sprachen zu lernen, finde ich grundsätzlich sehr interessant. Deshalb hatte ich mich
auch dazu entschlossen, den Sprachkurs „Changana“ zu besuchen.
Changana ist eine Sprache, die im Süden Mosambiks gesprochen wird. Der Kurs fand zwei Mal pro
Woche für knapp zwei Stunden im ICMA statt. Praktisch für mich, dass ich keinen langen Weg zum Kurs
hatte – zumindest dachte ich das zunächst. Letztlich hat sich diese Konstellation als nicht ganz so
vorteilhaft herausgestellt. Am eigenen Arbeitsplatzt einen Sprachkurs zu besuchen fühlte sich häufig
so an, als wäre die Arbeit noch nicht beendet. Ein Ortwechsel hätte mir vermutlich eher das Gefühl
gegeben, mit dem Sprachkurs tatsächlich einer Freizeitaktivität nachzugehen.
Ich habe nach einigen Wochen nur noch unregelmäßig an dem Kurs teilgenommen. Ich war schlicht
häufig zu müde. Und wenn ich ehrlich bin, besteht keine wirklich Notwendigkeit für mich Changana zu
lernen. In meinem Alltag reichen Portugiesischkenntnisse vollkommen aus, da ich mich den Großteil
der Zeit im Zentrum der Stadt aufhalte – wie auch immer man das wiederum bewerten möchte.
Dennoch war es spannend, einen Einblick in die kulturelle Welt der Bantusprache Changana zu
erhalten. Gesten spielen in dieser Sprache eine ganz große Rolle. Ebenso wie Hierarchien und Respekt,
der wiederum in bestimmten körperlichen Haltungen und Gesten sowie Anreden geäußert wird. Auch
der Einfluss des Changana auf die in Mosambik gesprochene Variante der portugiesischen Sprache ist
spannend.
Wenn ich eines im Laufe meines Lebens gelernt habe, dann ist es, dass jede Sprache mir eine neue
Welt eröffnet und näher gebracht hat. Deshalb wäre es eigentlich Schade zu schnell aufzugeben.
Vielleicht kommt auch in diesem Trimester ein Changanakurs mit ausreichend Teilnehmern
zusammen, sodass ich noch einmal all meine Motivation sammeln und doch noch ein wenig mehr
Changana lernen kann.
Farsa na farmácia ••• Ein Schwank aus der Apotheke
Der Winter hat in Mosambik Einzug gehalten und macht sich durch kühle Temperaturen in der Nacht
deutlich bemerkbar. Wenn man ein halbes Jahr lang, täglich Temperaturen von über 30 Grad gewohnt
war, dann fühlen sich 25 Grad durchaus frisch an und alles, was sich unter der magischen 20 Gradmarke
befindet, versetzt mich ins Frieren. Ich bin eine richtige Frostbeule geworden und wage gar nicht mir
vorzustellen, wie ich den nächsten Winter in Deutschland verkraften werde. Mit den ersten kühlen
Nächten habe ich mir auch direkt eine Erkältung eingefangen. Seit Anfang April schleppe ich diese nun
schon mit mir herum. Das Niesen und Husten kommt und geht. Da Arztbesuche hier sehr teuer sind
und ich generell nicht der Typ Mensch bin, der wegen einem Schnupfen direkt zum Arzt rennt,
beschloss ich mir Beratung in einer Apotheke zu suchen.
In den Straßen Maputos: Wohnhaus an der Kreuzung „Avenida 24 de Julho“ und „Avenida Vladimir Lenine“
Gemeinsam mit Tatjana, der Praktikantin des ICMA, betrat ich die Apotheke. Kein „Guten Tag, wie geht
es Ihnen!“ war zu hören. Die zwei Mitarbeiterinnen ignorierten uns zunächst. Dass Mosambik keine
Dienstleistungsgesellschaft ist, in welcher der Kunde König ist, habe ich inzwischen schon verstanden.
Dennoch geht freundlich anders.
Nachdem ich den Damen hinter der Apothekentheke einen guten Tag gewünscht habe, erklärte ich
einer von Ihnen, die großzügiger Weise so gnädig war, sich mir nun doch zuzuwenden, meine
Beschwerden. Ich sagte, dass ich eine Erkältung hätte und einen starken Husten. Sie schaute mich an
während ich sprach, griff anschließend wortlos zu einem Taschenrechner und tippte wild eine Reihe
von Zahlen ein. Ich ahnte schon, was gleich kommen würde, wollte dem ganzen aber nicht so recht
Glauben schenken. „530 Meticais“ sagte sie und schaute mich gelangweilt an. 530 Meticais? Ich
wunderte mich nur, ob sie mir tatsächlich gerade kommentarlos eine Nummer an den Kopf geworfen
hat.
Von 530 Meticais kann ich mindestens zweimal Mittag essen gehen oder einen mittelgroßen Einkauf
im Supermarkt machen oder auf ein tolles Konzert gehen. „530 Meticais? Und was genau ist darin
enthalten?“ fragte ich verdutzt nach kurzem Zögern. Als Antwort ratterte sie eine Liste von
Medikamenten, unter anderem Antibiotika, herunter. Immer noch ziemlich ungläubig über diese
gesamte Situation, fragte ich erneut nach: „Und wenn ich kein Antibiotika nehmen möchte?“ Die Dame
senkte wieder den Blick auf ihren Taschenrechner, hämmerte ein paar Zahlen hinein und sagte: „Dann
sind es 410 Meticais.“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, bedankte mich und verließ mit
meiner Begleitung diese Apotheke.
Diese Person im weißen Kittel – ein Kleidungsstück, das alleine schon ein gewisses Maß an fachlicher
Kompetenz ausstrahlt oder ausstrahlen soll – hat mir keine einzige Frage zu meinen Beschwerden
gestellt. Wie um Himmels Willen ist sie auf ihre teure Pillenkombination gekommen, die sie mir ohne
weitere Erklärung verkaufen wollte?
Diese Situation ist beispielhaft für eine Tendenz, die
andere Freiwillige und ich in Mosambik feststellen
konnten. Bei den kleinsten Beschwerden nehmen die
Menschen hier gleich recht starke Medikamente wie
Antibiotika ein, ohne detaillierte Feststellung dessen,
was ihnen genau fehlt. Jede Untersuchung kostet
schließlich noch einmal Geld. Das Personal in Apotheken
trägt somit eigentlich eine große Verantwortung und
sollte entsprechend gründlich erfragen, was dem
erkrankten Kunden fehlt.
Erfreulich ist, dass wir ein paar Straßen weiter eine
Apotheke gefunden habe, in der ein freundlicher
Mitarbeiter uns nicht nur höflich begrüßt, sondern auch
mehrfach nachgefragt hat, wie sich meine Beschwerden
äußern und wo genau es beim Husten schmerzt. Schon
allein damit hatte der gute Mann mich auf seiner Seite –
ich hätte ihm vermutlich alles abgekauft, nur weil er sich
in kürzester Zeit als kompetenter Ansprechpartner
herausgestellt oder zumindest verkauft hat. Am Ende
verließ ich die zweite Apotheke mit einem teuren
Hustensaft.
Die medizinische Versorgung in Mosambik ist schlecht – außer man hat keine finanziellen Probleme.
Die Menschen, die für eine ärztliche Behandlung ins öffentliche Krankenhaus gehen, müssen Stunden
lang darauf warten, behandelt zu werden. Behandlungen müssen direkt bezahlt werden. Ohne Geld
keine Behandlung. Uns Freiwilligen wird empfohlen im Krankheitsfall direkt eine der Privatklinken
aufzusuchen. Ich war bisher einmal beim Arzt und habe letztlich hundert Euro dort gelassen.
Einhundert Euro sind sehr viel Geld in Mosambik. Davon kann man sich so einige Lebensmittel kaufen.
Bild: Hospital Central de Maputo, ein öffentliches Krankenhaus in Maputo
Die Privatklinik, die ich besuchte, war gut ausgestattet – mit eigenem Labor und eigener Apotheke.
Erst Wochen später hatte ich bemerkt, dass die Apotheke dieser Privatklinik mehr als das doppelte für
die gleichen Medikamente berechnete als eine der unzähligen anderen Apotheken, die man in der
Stadt finden kann. Mehr als das Doppelte! Die Privatkliniken machen ein gutes Geschäft aus dem
schlecht organisierten Gesundheitssystem Mosambiks. Es heißt zwar, Gesundheit sei unbezahlbar,
aber die Klinken hier schämen sich nicht, ihr doch ein Preisschild zu verpassen.
Ligar para casa ••• Nach Hause telefonieren
Ich bin richtig schlecht im Kontakt halten. Deshalb muss ich mich bei allen, mit denen ich mal skypen
oder telefonieren wollte, entschuldigen. Trotz der Möglichkeiten, die modernste Kommunikationswege eröffnen, ist nach Deutschland kommunizieren irgendwie manchmal anstrengend. Einen Termin
vereinbaren, diesen einhalten bzw. nicht vergessen und dann auch noch das Glück haben, dass sowohl
die Internetverbindung als auch das jeweilige Programm mitspielen wollen. Nehmt es bitte nicht
persönlich! Whatsapp ist mein präferierter Kommunikationskanal – also schreibt mich einfach an,
wenn ich mal wieder vergessen habe, mich zu melden. Asche auf mein Haupt. Auch wenn meine
Kommunikativität nicht diesen Eindruck erweckt, denke ich trotzdem sehr oft an Zuhause, meine
Familie und meine Freunde.
Ainda nas notícias ••• Immer noch in den Nachrichten
Ein Journalistenteam aus Deutschland war zu Besuch in Mosambik, um verschiedene Beiträge für den
RBB – Rundfunk Berlin-Brandenburg aufzuzeichnen. Sie besuchten unter anderem den Stammtisch
CaféDeutsch im ICMA, an dem ich auch teilnahm.
RBB-Beitrag „Madgermanes“ von Marcus Gross (10.04.2016):
Weitere Beiträge von Marcus Gross aus und über Mosambik:
Vorstellung des Projekts meiner Mitfreiwilligen in Inhambane „Escolinha Nhassanana 1“ und
„Escolinha Nhassanana 2“ (24.05.2016)
Seit Dezember 2015 schreibe ich kurze Erfahrungsberichte für die Ilmenauer Lokalredaktion der
Thüringer Allgemeinen. Diese Beiträge sind online hier zu finden:
Interview: „Meine ersten Wochen in Mosambik waren kuschelig warm“
Mail aus Maputo (1): Stromausfall und Handdusche: Ankunft in der afrikanischen Heimat (23.12.2015)
Mail aus Maputo (2): Feste feiern in Afrika: Schöne Kleider und gigantische Torten (19.01.2016)
Mail aus Maputo (3): Spaziergang durch die mosambikanische Hauptstadt (10.02.2016)
Mail aus Maputo (4): Abfallmanagement entwickelt in Maputo eine neue Entsorgungstaktik
(08.04.2016)
Mail aus Maputo (5): Madgermanes treffen sich regelmäßig im „Jardim da Liberdade“ (11.05.2016)
Anmerkung: Die Redaktion der Thüringer Allgemeinen behält sich vor kleinere Änderungen in den
Texten vorzunehmen und Überschriften auszuwählen. Ich vermeide bewusst verallgemeinernde
Phrasen wie „Ankunft in der afrikanischen Heimat“ und nutze bevorzugt konkrete Beschreibungen –
denn afrikanisch ist nicht gleich mosambikanisch. Afrika ist ein großer Kontinent mit historisch und
kulturell unterschiedlich geprägten Ländern. Ich befinde mich in einem dieser Länder und möchte
entsprechend nicht behaupten, über den gesamten Kontinent in meinen subjektiven
Erfahrungsberichten zu sprechen.