5,6 MB - Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft

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5,6 MB - Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft
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DIPLOMARBEIT
Sichtbar und politisch.
„Politisches“ Engagement von Frauen
im Revolutionsjahr 1848
im Spiegel der Tiroler Presse
Eingereicht bei: Univ. Doz. Dr. Erika Thurner
Institut für Politikwissenschaft
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Eingereicht im April 2001
Eingereicht von: Renate Telser
2
1. Einleitung
S. 5
2. Geschichtlicher Umriss
S. 11
2.1 Tirol vor 1848
2.2 Die Nachricht über die Wiener Ereignisse im März 1848
2.3 Politische Veränderungen in Tirol
S. 11
S. 15
S. 17
2.3.1 Volksbewaffnung
2.3.2 Vereine
2.3.3 Zeitungen
2.3.3.1 Volksblatt für Tirol und Vorarlberg
2.3.3.2 Innsbrucker Zeitung
2.3.3.3 K.K. Prov. Bothe für Tirol und Vorarlberg
2.3.3.4 Die Tiroler Schützenzeitung
2.3.3.5 Il messaggiere tirolese
S. 17
S. 18
S. 18
S. 18
S. 18
S. 19
S. 19
S. 19
3. Bevölkerung
S. 20
3.1 Einwohner und Einwohnerinnen nach Kreisen
3.2 Einteilung der Stände
3.3 Das Bild der Frauen in demographischen Quellen und Erläuterungen
S. 20
S. 21
S. 21
4. Die Konstruktion des bürgerlichen Frauenbildes
S. 23
4.1 Die Konstruktion durch männliche Kontroll- und Machtinstanzen
4.2 Die Konstruktion des bürgerlichen Frauenbildes durch die Philosophie
4.3 Die Konstruktion durch die neue Aufgabenteilung
4.4 Die Konstruktion durch die Gesetzgebung
S. 23
S. 24
S. 25
S. 27
4.4.1 Beispiel: Verehelichungsgesetze
4.4.2 Beispiel: Das österreichische Frauenrecht
S. 27
S. 30
5. Adlige Frauen in der Tiroler Presse
S. 32
5.1 Adlige auf der Flucht
5.2 Sonstige Berichterstattung über Adlige
S. 32
S. 34
5.2.1 Namensänderung
5.2.2 Geburt
5.2.3 Finanzielle Schwierigkeiten
5.2.4 Feierlichkeiten
5.2.5 Krankheit, Tod
5.2.6 Besuch bei der englischen Königin
5.2.7 Aussegnung einer spanischen Infantin
5.3 Politische Tätigkeiten adliger Frauen
5.3.1 Politische Aktivitäten der Kaiserin von Österreich
5.3.2 Politische Aktivitäten der englischen Königin
5.3.3 Wohltätigkeiten
5.4 Adlige Frauen in Tirol
5.5. Kaiserin Maria Anna und Erzherzogin Sophie
S. 34
S. 34
S. 35
S. 35
S. 35
S. 35
S. 35
S. 36
S. 36
S. 36
S. 36
S. 38
S. 39
3
6. Bürgerliche Frauen in der Tiroler Presse
S. 45
6.1 Bürgerliche Frauen in der Tiroler Presse
6.2 Neue öffentliche Räume: Aufbruch aus den Wohnzimmern
S. 47
S. 47
6.2.1 Die Damentribüne – ein öffentlicher Raum
6.2.2 Spenden als politische Wirkungsbereiche
6.2.3 Fahnensticken und -spenden als politische Territorien
6.2.4 Petitionen – politische Einflussbereiche
6.2.5 Die Presse als mediales Politikfeld
6.2.6 Wohltätigkeiten als politische Räume
6.2.6.1 Der Frauenverein von Innsbruck – eine Änderung in der Sozialpolitik
6.3 Berufe – ein öffentlicher Einbruch
6.3.1 Weltliche Lehrerinnen durch die Schulreform von 1848
6.3.2 Mädchenbildung
6.3.3 Gastwirtinnen
6.3.3.1 Emma Hellensteiner als bekannteste Pionierin im Tourismussektor
6.3.3.2 Weitere Pionierinnen im Fremdenverkehrswesen
S. 48
S. 50
S. 50
S. 53
S. 53
S. 54
S. 56
S. 58
S. 58
S. 59
S. 60
S. 61
S. 62
6.3.4 Schriftstellerinnen: Schwieriger Eintritt in eine reine Männerdomäne S. 63
6.3.4.1 Walpurga Schindl
6.3.4.2 Therese Sarnthein
6.3.4.3 Amalia Bautz
6.3.4.4 Anna Antonie Thaler
6.3.4.5 Adelinde von Perkhammer
6.3.4.6 Antonia Bogner
6.3.4.7 Angelika von Hörmann
6.3.5 Künstlerinnen
6.3.5.1 Lola Montez
6.3.5.2 Anna Rosa Stainer-Knittel
6.3.5.3 Theresia und Antonia Strigl
6.3.5.4 Johanna von Isser-Großrubatscher
S. 64
S. 66
S. 66
S. 67
S. 67
S. 67
S. 67
S. 69
S. 69
S. 73
S. 76
S. 76
6.3.6 Theaterschauspielerinnen
6.3.7 Sängerinnen
S. 76
S. 78
6.3.7.1 Die Rainer-Geschwister
6.3.7.2 Zehentmayer Lina
6.3.7.3 Perthaler Caroline
S. 79
S. 80
S. 80
6.3.8 Handel- und gewerbetreibende Frauen
6.3.9 Die Mode bürgerlicher Frauen
S. 81
S. 83
7. Der geistliche Stand
S. 86
7.1 Die Riesenpetition: Ein Sinnbild Tiroler Religiosität
7.2 Ordensschwestern – Ausbrüche aus der bürgerlichen Frauenrolle
S. 87
S. 88
7.2.1 Die Karmeliterinnen
7.2.2 Die Ursulinen
7.2.3 Die Dominikanerinnen
7.2.4 Die Barmherzigen Schwestern
7.2.5 Die Englischen Fräulein
7.3 Frauenkongregationen
7.4 Damenstifte
S. 89
S. 90
S. 91
S. 91
S. 93
S. 94
S. 94
4
8. Arbeiterinnen
S. 97
8.1 Das Bild der Arbeiterinnen
8.2 Die Erziehung der Arbeiterinnen
8.3 Die Konstruktion einer neuen Sexualität für Arbeiterinnen
8.4 Demonstrationen und Aufstände als Zeichen des politischen Protests
8.5 Barrikaden – ein neuer politischer Ort für Bürgerliche und Arbeiterinnen
8.6 Die erste öffentliche Rede einer Frau als neues politisches Terrain
8.7 Die erste Arbeiterinnendemonstration als neuer politischer Raum
8.8 Der Demokratische Frauenverein als neues Wirkungsfeld
8.9. Plünderungen – Sichtbarkeit der sozialen Missstände
8.10 Katzenmusik als Zeichen des politischen Protests für Unterschichten
8.11 Karikaturen als politisches Engagement
8.12 Arbeiterinnen in Tirol
S. 97
S. 99
S. 101
S. 102
S. 106
S. 109
S. 109
S. 111
S. 112
S. 114
S. 115
S. 116
9. Bäuerinnen
S. 121
9.1 Bäuerinnen in Tirol
9.2 Die „Schützenweiber“
S. 121
S. 126
10. Schlussbemerkungen
S. 130
11. Literaturhinweise
S. 133
11.1 Primärquellen
11.2 Sekundärquellen
11.3 Internet
S. 133
S. 134
S. 139
5
1. Einleitung
1848 gilt als das Jahr der europäischen Revolutionen. Es gilt auch als das
Geburtsjahr der Österreichischen Frauenbewegung. Aufgrund der Männerdominanz
in der Geschichtsschreibung werden Frauen selten erwähnt, auch wenn sie
keineswegs unsichtbar sind. Durch die Etablierung der Frauenforschung in
Deutschland der 70er und in Österreich der 80er Jahre begannen viele
ForscherInnen, Frauen in den historischen Quellen aufzuspüren. So auch in jenen
des Jahres 1848. Die Historikerinnen Gabriella Hauch, Carola Lipp, Tamara Citovics,
Helga Grubitsch, Gerlinde Hummel-Haasis, Sabine Kienitz, Sabine Rumpel, Beatrix
Schmaußer, Margit Stephan, Elke Haarbusch, Juliane Jacobi-Dittrich, Annette Kuhn,
Elisabeth Dietrich usw. erarbeiteten Frauengeschichte des Jahres 1848/49 von
1
verschiedenen deutschen bzw. österreichischen Bundesländern. In Tirol gibt es
wenig Sekundärliteratur zu Frauen jener Zeit. Gretl Köfler und Michael Forcher
2
starteten einen Versuch.
Deshalb der Entschluß, Frauen im Jahre 1848 anhand von Tiroler Printmedien und
anderen Quellen sichtbar zu machen und ihre politischen Räume aufzusuchen. Das
hieß vor allem intensive Quellensuche und -analyse jener Zeit: „Die Innsbrucker
Zeitung", „Der k.k. Priv. Bothe für Tirol und Vorarlberg", „Das Volksblatt für Tirol und
Vorarlberg", Das „Tiroler Wochenblatt“, „Il messaggiere tirolese“ und „Die Schützenzeitung", Zeitzeugenberichte etwa von Adolf Pichler, Gedichte von Walburga Schindl,
„Das
österreichische
Frauenrecht“,
„Tirol
und
Vorarlberg
statistisch
und
topographisch gesehen“ usw., um nur einige zu nennen. Diese Quellen werden z.T.
erstmals veröffentlicht und leisten einen wichtigen Beitrag in der Tiroler
Frauengeschichtsforschung.
1
vgl. Gabriella Hauch, Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauenleben in der Wiener
Revolution 1848, Wien 1990; Carola Lipp (Hg.), Schimpfende Weiber und patriotische
Jungfrauen. Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, Baden-Baden 1998; Helga
Grubitsch u.a. (Hg.), Grenzgängerinnen. Revolutionäre Frauen im 18. und 19.
Jahrhundert. Weibliche Wirklichkeit und männliche Phantasien, Düsseldorf 1995; Gerlinde
Hummel-Haasis (Hg.), Schwestern zerreißt eure Ketten. Zeugnisse zur Geschichte der
Frauen in der Revolution 1848/49, München 1982; Beatrix Schmaußer, Blaustrumpf und
Kurtisane. Bilder der Frau im 19. Jahrhundert, Zürich 1991.
2
vgl. Gretl Köfler und Michael Forcher, Die Frau in der Geschichte Tirols, Innsbruck 1986.
6
Frauen sind keinesfalls unsichtbar, wie es die Geschichtsschreibung lange
vermittelte. Durch die Erforschung eines politischen Mikrokosmoses (Tirol)
erscheinen schlussendlich Frauen in (fast) allen gesellschaftlichen Bereichen, in
denen Geschichte geschrieben wurde. Deutlich wurde dies vor allem in Zeiten von
Revolutionen, so auch 1848. Politische Umbrüche modifizierten die eher starren
sozialen Räume, was gerade auch für Frauen von gesellschaftlicher Relevanz war.
Sie waren in Zeiten von Revolutionen in vielfältiger Weise politisch tätig. Frauen
beeinflußten und trugen Politik mit. Durch die Zusammensetzung dieser Funde
entstand somit ein rundes und interessantes Mosaik.
Zum Verständnis der Tiroler Haltung im Jahre 1848/49 wird auf die vormärzliche
Geschichte kurz eingegangen. In Tirol kam kaum revolutionäre Stimmung auf; es gab
soziale Proteste. Mehrheitlich hielt man an der konservativen, ultramontanen
Richtung fest. Als der Kaiser im März 1848 bürgerliche Freiheiten wie Verfassung,
Volksbewaffnung, Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit gewährte, wurden diese
im Wesentlichen zur Aufrechterhaltung der Alten Ordnung Tirols genutzt. Tirol aber
ausschließlich als Hort der Reaktion anzusehen, ergibt ein falsches Bild. Die
3
Historiker Hans Heiss und Thomas Götz
belegen wesentliche (politische)
Änderungen für Tirol. Dies beweisen auch viele der angeführten Zitate. Auch (Tiroler)
Frauen profitierten von den neuen Freiheiten: Ihr Engagement galt größtenteils der
Beibehaltung und Konsolidierung des konservativen Systems. Dennoch ist es
interessant festzustellen, was die Revolutionen in Wien für Tiroler Frauen bewirkt hat,
wie sie in revolutionären Zeiten gelebt und sich politisch verhalten haben, wie sie in
der Tiroler Presse dargestellt wurden. Interessant ist auch, wie Alltags- und
Lebenssituationen von Frauen politisches Handeln strukturierten und wie Politik in
den Alltag eingriff.
Dabei ist es sehr wichtig, vom engen Politikverständnis abzuweichen. Wird über
Politik im engeren Sinne geschrieben, so waren Frauen in politischen Entscheidungsprozessen des 19. Jahrhunderts marginal. Sie besaßen (mit Ausnahme weniger
Großgrundbesitzerinnen) 1848 noch kein Wahlrecht, konnten keine politischen Ämter
3
vgl. Hans Heiss, Das „Sturmjahr“. Tirol in den europäischen Revolutionen 1848/49; in:
Fridolin Dörrer und Josef Riedmann (Hg.), Tiroler Heimat. Jahrbuch für Geschichte und
7
bekleiden und waren von institutionalisierten Regierungen, Seilschaften und anderen
Domänen (Recht, Religion, Politik, Kultur, Öffentlichkeit) ausgeschlossen. Frauen am
politischen Handeln der Männer zu messen, würde also zwangsläufig in die Irre
führen. Deshalb hier die Anwendung des „weiten Politikbegriffes“, der alle
gesellschaftlichen Bereiche als zumindest potentiell politisch betrachtet.
4
Der Fokus liegt in politischen Verhaltensweisen von „Durchschnittsfrauen“ im Alltag.
D.h. wo lebten Frauen, wie machten sie „Politik“ und wo entstanden neue Räume.
Das geschah auf der Straße, auf dem Markt, auf der Zuhörerinnentribüne, auf den
Barrikaden, in Wohnzimmern. Sie agierten als Verteidigerinnen, Kämpferinnen,
Waffenträgerinnen. Sie engagierten sich als Fahnenstickerinnen und -spenderinnen,
Lehrerinnen, Dienstbotinnen, Kammerfrauen, Karikaturen- und Zeitschriftenkollporteurinnen, Wirtinnen. Sie waren Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, usw.
5
Das Geschlecht darf aber nicht als eigenständige Kategorie angesehen werden. Es
muss im Zusammenhang mit sozialen, kulturellen, historischen Komponenten
6
betrachtet werden. Mehrdimensionalität und Schichtspezifik lassen verschiedene
Perspektiven entstehen. Heterogene Frauenbiographien heben hervor, dass
Geschichte von Frauen nicht für alle Frauen identisch ist.
7
So werden
unterschiedliche Verhaltens- und Sozialisationsmuster zwischen den Ständen
8
werden sichtbar – aber auch innerhalb der einzelnen Stände. Es zeigen sich auch
Differenzen zwischen Frauen in der Stadt oder auf dem Land. Sozioökonomische
Volkskunde 63, Innsbruck 1999, S. 235; Hans Heiss und Thomas Götz, Am Rande der
Revolution. Tirol 1848/49, Bozen/Wien 1998.
4
vgl. Anton Pelinka, Grundzüge der Politikwissenschaft, Innsbruck 1986, S. 7.
5
vgl. Gerlinde Hummel-Haasis (Hg.), Schwestern zerreißt eure Ketten. Zeugnisse zur
Geschichte der Frauen in der Revolution von 1848/49, München 1982, S. 9-32.
6
vgl. Gisela Bock, Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte; in: Jürgen Kocka
(Hg.), Sozialgeschichte in der Erweiterung. Geschichte und Gesellschaft 3, Göttingen
1988, S. 373.
7
ebda, S. 368.
8
vgl. Gisela Bock, Historische Frauenforschung: Fragestellungen und Perspektiven; in: Karin
Hausen (Hg.), Frauen suchen ihre Geschichte. Historische Studien zum 19. und 20.
Jahrhundert, München 1983, S. 35; vgl. auch Annette Kuhn, Das Geschlecht – Eine
historische Kategorie?; in: Annette Kuhn u.a. (Hg.), Frauen in der Geschichte IV. „Wissen
heißt leben...“, Beiträge zur Bildungsgeschichte von Frauen im 18. und 19. Jahrhundert,
Düsseldorf 1983, S. 29-50.
8
Unterschiede finden sich auch im politischen Handlungsfeld. Für bürgerliche Frauen
war Armenpflege beispielsweise ein (sozial)politisches Handlungsfeld, in dem sie
sich positiv erleben konnten. Für Unterschichtsfrauen bedeutete Abhängigkeit von
9
der Armenpflege der Verlust der weiblichen Ehre.
Unterschichtsfrauen waren bei den Feierlichkeiten für die Revolution nicht anwesend.
Diese partizipierten beispielsweise an Katzenmusiken für verhasste Leute (Ausbeuter
in Fabriken, Miet- und Preiswucher, usw.). Nur bürgerliche Frauen waren bei den
politischen Versammlungen präsent und besuchten sie mit leidenschaftlichem Eifer.
Unterschichtsfrauen hatten andere Sorgen, als politische Diskussionen mitzuverfolgen.
Bereiche, in denen sich die ständischen Muster überschnitten, waren etwa die
Partizipation an der Revolution. Sowohl Bürgerinnen als auch Arbeiterinnen
engagierten sich während den revolutionären Wirren in der Beschaffung von
Verbandszeug und Kleider, Geld für Munition und Waffen. Sie steigerten sich von der
Beteiligung am Barrikadenbau
Herstellung von Munition
11
10
(z.B. in Wien), über die Bewaffnung und die
(z.B. in Heilbronn) bis zur Teilnahme an den Kämpfen
gegen demokratiefeindliches Militär.
12
Auch in der Versorgung der Barrikaden-
kämpferInnen und Pflege der Verwundeten taten sie sich hervor.
Aber auch Differenzen zwischen dem revolutionären Wien und dem konservativen
Tirol zeigen sich auch in den Medien:
Während sich in Wien viele Bürgerliche an der Revolution beteiligten, hielten die
meisten TirolerInnen an der Alten Ordnung fest. Ein konservatives Engagement in
Wohltätigkeitsvereinen zur Disziplinierung armer Frauen charakterisierte viele Tiroler
Ober- und Mittelschichtsfrauen.
9
vgl. Bock, Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte, a.o.O., S. 370.
vgl. Gabriella Hauch, Frau Biedermeier auf den Barrikaden, a.o.O, S. 102f.; vgl. auch Adolf
Pichler, Aus den März- und Oktobertagen zu Wien 1848, Innsbruck 1850, S. 24-41.
11
vgl. Gertrud Schubert, Passiver Widerstand – „Verführung zum Treuebruch". Die
Heilbronnerinnen während der Besetzung ihrer Stadt 1848/49; in: Carola Lipp,
Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen, a.o.O., S. 144-158.
12
vgl. Hauch, Frau Biedermeier, a.o.O.; vgl. auch Lipp, Schimpfende Weiber, a.o.O.; vgl.
auch Hummel-Haasis, Schwestern, a.o.O.
10
9
Bei Forderungen der ArbeiterInnen fokussierten die Tiroler Printmedien fast
ausschließlich die Wiener Welt. In ihrer Existenz bedroht kämpften sie während der
Märzrevolution in Wien gegen die neu entwickelten, Arbeitsplatz raubenden
Maschinen, die ausbeutenden Fabriksherren und Steuereintreiber. Wie vehement
Arbeiterinnen dabei ihre Ziele verfolgten, zeigte sich in vielen Zeitungsausschnitten:
So entriss eine Arbeiterin einem Soldaten das Schwert und forderte ihn auf, sich mit
den Studenten zu solidarisieren. Als das Ministerium für öffentliche Arbeiten den
Erdarbeiterinnen 5 Kreuzer vom Tageslohn abzog, folgte am 21. August 1848 die
erste Arbeiterinnendemonstration in der österreichischen Geschichte.
In Tirol folgten ebenso soziale Proteste einiger ArbeiterInnen, die durch die
mechanischen Webstühle ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Zänkereien am
Markt wegen der überteuerten Kartoffelpreise zeugen ebenso von sozialen
Spannungen.
Der Großteil der Zitate aber berichtete hauptsächlich von adligen Frauen, ihren
Aktivitäten, Wohltätigkeiten und ihrer Flucht aus den bedrohten Gebieten. Am
wenigsten Spuren hinterließ die bäuerliche Bevölkerung, obwohl diese prozentuell
gesehen den größten Bevölkerungsanteil ausmachte.
Die Arbeit ist ein Versuch, die kulturellen Definitionen des Weiblichen zu
interpretieren. Sie ist keine Beteuerung darüber, dass Frauen unterdrückt waren und
es auch nach der Revolution blieben. Frauen werden in ihren politischen,
alltäglichen, kulturellen, sozialen und religiösen Beziehungen gezeigt. Der politische
Katholizismus des „Heiligen Landes Tirol“, der Tirol zu einer katholischen Einheit
formiert hatte, war entscheidend für das konservative Verhalten vieler TirolerInnen
und greift auch heute noch tief in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein. Nur so wird
die konservativ-traditionelle Stellung und Rolle der Frauen im heutigen Tirol
verständlich. Auch heute noch sind Tirol und Vorarlberg christlich-konservative
Hochburgen, die an einem traditionellen Frauenbild festhalten und die aktuelle
Frauenpolitik eng mit Familienpolitik verbinden.
10
Bild: Die Errungenschaften der Wiener Märzrevolution: 13. März: Zusammenbruch des
Metternichschen Systems; 14. März: Aufhebung der Zensur und Einführung der Pressefreiheit; 15.
März: Kaiserliches Verfassungsversprechen. Lithographie von Friedrich Berndt 1848; aus: Josef
Fontana, Von der Restauration bis zur Revolution (1814-1848); in: Josef Fontana u.a. (Hg.),
Geschichte des Landes Tirol. Bd. II, Bozen/Innsbruck/Wien 1986, S. 694.
11
2. Geschichtlicher Umriss
2.1. Tirol vor 1848
Folgende Karte zeigt Tirol von 1815 bis 1918:
Bild aus: Josef Fontana (Hg.), Geschichte des Landes Tirol. Die Zeit von 1848 bis 1970, Bd. III, Bozen/Innsbruck/Wien 1986,
Vorsatz.
12
Die Tiroler (Nord-, Ost- und Südtirol sowie das Trentino) wie die Vorarlberger Gebiete
wurden in den Napoleonischen Kriegen vom Habsburgerreich losgelöst und 1805
Bayern einverleibt. Das bayrische Königreich strebte einen zentralen modernen
Einheitsstaat an. Die Eingliederung Tirols konnte deshalb nicht ohne grundlegende
Reformen erfolgen:
13
Diese betrafen hauptsächlich das Gerichts-, Schul- und
Verwaltungswesen. In Tirol regierte man mit großer Verbitterung. Lediglich ein Teil
des Bürgertums in den Städten Innsbruck, Trient, Rovereto und Bozen zeigte eine
positive Haltung. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte die Reformen ab. Denn es
folgte gleich eine Erhöhung der Steuern, die die Wirtschaft stocken ließ. Und ganz im
Sinne des aufgeklärten Absolutismus fühlten sich die staatlichen Behörden auch
berechtigt,
den
religiösen
Bereich
zu
reglementieren.
14
Feiertage
wurden
abgeschafft, Prozessionen und Bittgänge verboten, religiöse Bräuche aufgehoben,
usw. Ein regelrechter „Kirchenkampf“ wurde ausgelöst, dreißig Priester verließen das
Land. Die sieben größten Klöster des Landes und andere geistliche Vereinigungen
wurden aufgehoben, die Stiftsgüter konfisziert.
Mit der Ausrufung der Verfassung des bayrischen Königreiches im Jahre 1808
verschwand die alte landständische Verfassung Tirols.
15
Der Widerstand gegen die
Bayern wuchs: Die Abschaffung vieler Bräuche und Sitten, der landständischen
Verfassung, die Erhöhung der Steuern konnten und wollten viele TirolerInnen nicht
akzeptieren.
16
Was folgte, waren reaktionäre Aufstände unter Andreas Hofer im
Jahre 1809.
Als im Wiener Kongress (1815) Tirol und Vorarlberg als einheitliche Provinz dem
österreichischen Kaiserreich zugesprochen wurden, änderte sich nicht viel. Zu den
bereits bestehenden hohen Steuern folgten Umlagen für den „Errettungskrieg“,
Verzehrungssteuer, erhöhte Salzpreise, Monopole, Zensur und die verhasste
zentralistische Beamtenschaft. Einzig und allein im Feld der Kirche konnten die
TirolerInnen ihre Forderungen durchsetzen.
13
17
Religiöse Bräuche und Sitten lebten
vgl. Michael Forcher, Tirols Geschichte in Wort und Bild, Innsbruck 1984, S. 123.
ebda, S. 124.
15
ebda, S. 125.
16
zit. nach Christian Kaiser, Tirol vor und nach dem 13. März, München Juli 1848, S. 8.
17
vgl. Fontana, Geschichte des Landes Tirol, a.o.O., S. 620ff.
14
13
wieder auf, Klöster genossen erneut Ansehen. Der Großteil der TirolerInnen konnte
durch Zugeständnisse im heiligen Feld der Kirche besänftigt werden. Das
absolutistische Wien aber taktierte geschickt mit diesem Schachzug: die Sorge für
das Himmelreich ließ alles Irdische vergessen.
18
Von dieser Strategie profitierten selbstverständlich die Geistlichen Tirols, aber auch
die ultramontanen Machthaber. Ihre im Katholizismus und Konservativismus
begründete Macht schien gesichert. Für den weiteren Verlauf der Tiroler Geschichte
spielte dies eine wesentliche Rolle und prägte bis heute die politische Richtung
Tirols. Menschen anderer Konfessionen erfuhren oft Diskriminierungen – im
schlimmsten Falle wurden sie verjagt. Die Vertreibung der Zillertaler ProtestantInnen
(1837) ist eines jener makabren Resultate der damaligen Politik und konservativen
Stimmungsmache. Durch die politische Legitimation solcher Anfeindungen hatte sich
in Tirol bald ein einheitlicher politischer Konservatismus mit einer großen ländlichen
Gefolgschaft formiert.
Nicht nur Andersgläubige wurden diskriminiert oder davongejagt, auch liberale
19
Geister wurden an die Wand gedrückt. Denn
„wo ist der Mann, der heute und jetzt in Tirol sagen kann, ich bin frei und
unabhängig dieser Partei gegenüber? Den Familienvater lenken sie, weil seine
Kinder in der Schule ihnen heimgegeben sind, (...) den Gewerbetreibenden
hemmen oder fördern sie in der Arbeit und im Fortkommen, Arzt und
Rechtsgelehrter hängt von ihrer Empfehlung ab, den Beamten lobt oder tadelt
der heimliche Bericht, den sie seiner Oberbehörde zustellen. In jeder
Angelegenheit hört man die Stimme zuerst, sie bestimmt die Meinung der nach
ihr Kommenden. In Stadt und Dorf ist so die Leitung des Gemeindewesens dem
Klerus verfallen. Er hat die Polizei an sich gebracht und übt sie – direkt. Nicht der
Behörde überläßt er's, sein Gesetz geltend zu machen, er selbst befiehlt und
20
straft."
18
vgl. Kaiser, Tirol, a.o.O., S. 9.
vgl. Hans Heiss und Thomas Götz, Am Rand der Revolution, a.o.O., S. S. 30f.
20
zit. nach Kaiser, Tirol, a.o.O., S. 13.
19
14
Die öffentliche Meinung wurde aber auch durch die „Katholischen Blätter“ beeinflusst.
21
Unentwegt hetzten sie gegen liberale Kreise , indem
„neben ihnen noch eine Partei bestehe, gering an Zahl, ohne Stütze, – aber klar
in ihrer Ansicht, (...) auch den Handschuh geweihter Hände aufzuheben. Diese
22
Partei verwarf unumwunden ihr gottseliges System, (...)." Darum galt den
Liberalen „der tödtliche Haß, der blindwüthende Kampf mit diesen
Andersdenkenden. Sie hießen alsbald die Liberalen, (...), und pflichtgetreu
verrieth man sie der Polizei als angehende Hochverräther, verfolgte sie mit
23
liebevoller Tücke und sehnte sich nach dem Augenblicke ihrer Vernichtung."
Auch Reiseberichte gaben die damalige Stimmung in Tirol gut wieder. Der
Reiseschriftsteller Josef K. Mayrhofer sah Brixen als eine erzkatholisch-reaktionäre
Stadt mit einer unzeitgemäßen Lebensweise.
„Einwohner. Von wegen ihrer Frömmigkeit belobt. – 3357 –. Theilen Tag und
Nacht zwischen Kirchenbesuch und stiller Arbeit (...). Haften gerne an ehrwürdig
Bestehendem (...). Tägliches Brod. Kleines ruhiges Geschäft, wohlgemischte
Waarenhandlungen, Landwirthschaft, Obstverkauf, Köstenbrennen. – Das
profane Reich der Schlotte liebt man nicht. – Die Industrie durch Kuttenfabrik für
Kapuziner vertreten (...). Zeitung erscheint im Kreise keine, es thut's auch so,
24
man hört vom Neuen nie das gute Alte."
Der Orientalist Jakob Philipp Fallmerayer bezeichnete Brixen als eine „Akropolis
stupidesten Stillstands"
25
und in einem Aufsatz „Von der Eisack" griff er das
rückständige Geistesleben in Tirol an:
„Schmollende Abgeschlossenheit und hartnäckiges Insichverharren inmitten des
europäischen Geisterschwindels ist unser Element (...). Es ist die Kirche, die
26
bewußt jeden Fortschritt aufhält."
21
Der Liberalismus war damals noch keine politische Bewegung, schon gar nicht eine Partei.
Es war mehr eine Geisteshaltung von einer Minderheit, nämlich der städtischen Intelligenz,
einem Teil des Bürgertums, vielen Studenten und Beamten. Es ging ihnen v. a. um die
volle und persönliche Freiheit jedes Menschen und um eine demokratische
Staatsverfassung als Notwendigkeit gegen die Willkür der Herrschenden.
22
zit. nach Kaiser, Tirol, a.o.O., S. 16.
23
zit. nach ebda, S. 16.
24
zit. nach Josef K. Mayrhofer; in: Hans Heiss und Hermann Gummerer, Brixen 1867-1882.
Die Aufzeichnungen des Färbermeisters Franz Schwaighofer, Wien/ Bozen 1994, S. 317.
25
zit. nach Eugen Thurnher, Jacob Philipp Fallmerayers Krisenjahre 1846 bis 1854. Auf
Grund der Briefe an Joseph und Anna Streiter in Bozen, Wien 1987, S. 48.
26
ebda, S. 13.
15
2.2. Die Nachricht über die Wiener Ereignisse im März 1848
Am 17. März 1848 trafen die ersten Nachrichten über die Wiener Ereignisse und den
Sturz Metternichs ein. Die Verkündigung der kaiserlichen Proklamation (19. März) mit
Presse-,
Vereins-
und
Religionsfreiheit,
Verfassung,
Volksbewaffnung
und
Versammlung der Provinzialstände in Innsbruck löste in den liberaleren Städten
ungeheure Euphorie aus.
Diese positive Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In Innsbruck, Bozen,
Brixen, Bruneck und Hall folgten positive Stellungnahmen, Danksagungen an den
Kaiser, die Melodie der Volkshymne ertönte in allen Gassen, tirolerische und
schwarz-rot-goldene
Fahnen
wurden
geschwenkt,
Feuerwerke
Böllerschüsse, Musik, Glockengeläute und Vivatrufe erschallten.
entzündet,
27
Auch in Trient formierten sich schnell Kundgebungen und soziale Proteste, an denen
alle Bevölkerungsschichten teilnahmen. Die bürgerliche Oberschicht und der
Magistrat forderten die Trennung von Tirol und den Anschluss an LombardoVenetien. Als wesentliche Forderungen der bäuerlichen Bevölkerung und der unteren
Schichten
galten:
die
Ermäßigung
des
Salzpreises,
die
Abschaffung
des
Tabakmonopols, die Aufhebung der Akzise, die Neuregelung des Stempelgesetzes,
die Abschaffung der Zollschranken gegen die Bayern, die Organisation des
Gemeinde- und Armenwesens.
Finanzverwaltung,
der
Verzehrungssteuergebäude.
28
Der kollektive Hass galt der Kaserne der
Tabakfabrik,
29
Kontrollposten
und
dem
Ihr Protest wirkte sich aber auch in der Verweigerung
der Abgabenpflicht, im Holzdiebstahl und Wilderei aus. Soziale Proteste sollten auch
in Innsbruck, v. a. im Armenviertel St. Nikolaus, stattgefunden haben.
30
Davon
abgesehen blieb es in Tirol ruhig.
Der mehrheitlich konservative Teil der deutschsprachigen Bevölkerung und die
ultramontanen Politiker konnten sich über die Neuerungen aber nicht freuen. In den
27
vgl. Oswald von Gschließer, Das Jahr 1848 in den österreichischen Alpenländern; in:
Alpenbote 1948, Innsbruck 1948; vgl. auch Roman Bacher, Der Tiroler Provinziallandtag
von 1848 im Rahmen der allgemeinen österreichischen Verfassungsentwicklung,
Dissertation, Innsbruck 1989, S. 23-25; vgl. Josef Fontana, Von der Restauration zur
Revolution (1814-1848), a.o.O., S. 698.
28
vgl. Heiss, Das „Sturmjahr“, a.o.O., S. 240.
29
vgl. Heiss/Götz, Am Rande der Revolution, a.o.O., S. 56f.
16
bürgerlichen Rechten sahen die Machthaber eine große Gefahr. Sie reagierten mit
31
Vehemenz dagegen, denn sie fürchteten v. a. den Verlust ihrer Macht.
Am 25. April 1848 wurde die Konstitution, die Pillersdorfsche Verfassung (benannt
nach dem Innenminister Freiherr von Pillersdorf), veröffentlicht. Pressefreiheit,
Verfassung, Volksbewaffnung, Glaubensfreiheit waren also gewährleistet.
Doch die Freude der VerfassungsbefürworterInnen währte nicht lange. Diese
„oktroyierte“ Verfassung war kein Resultat parlamentarischer Beratung, sondern ein
Produkt der Exekutive, so die kritischen GegnerInnen. Als zentraler Kritikpunkt wurde
das Vetorecht des aus Großgrundbesitzern bestehenden Senats angesehen.
Am 15. Mai kam es deshalb erneut zu blutigen Aufständen in Wien. Die Studenten
forderten in der so genannten „Sturmpetition“ eine Nationalversammlung und das
allgemeine Wahlrecht. Zwei Tage später floh der kaiserliche Hof ins sichere
Innsbruck.
Anders als in Wien ernteten in Tirol die Paragraphen 17 und 31 der Aprilverfassung
heftigste Kritik. Diese billigten nämlich allen StaatsbürgerInnen Glaubens- und
Gewissensfreiheit zu. Als Reaktion gegen diese wurde in Tirol eine „Riesenpetition“
32
initiiert.
Was änderte sich aber nun konkret in Tirol?
30
vgl. Heiss, Das „Sturmjahr“, a.o.O., S. 239.
Die bayrische Herrschaft Bayerns hatte die TirolerInnen geprägt. Aufgrund der negativen
Erfahrungen mit den reformfreudigen Bayern verwehrte die Mehrheit der Bevölkerung
vierzig Jahre später – also 1848 – jegliche Neuerungen, die mit der Revolution
eingefordert wurden. Viele hatten die bayrische Fremdherrschaft miterlebt oder hatten es
von ihren Eltern und Großeltern erzählt bekommen. Eine Gegenreaktion im Jahr 1848
schien also eine logische Konsequenz von 1805-1815 zu sein.
32
vgl. Bacher, Der Tiroler Provinziallandtag, a.o.O., S. 118.
31
17
2.3. Politische Veränderungen in Tirol
2.3.1. Volksbewaffnung
Das Recht zur Volksbewaffnung war in Tirol kein Thema. Seit über 300 Jahren
(„Tiroler Landlibell“ von 1511) führten die Tiroler eine eigene „Volksarmee“ mit dem
Recht zur Landesselbstverteidigung – mit Ausnahme einer kurzzeitigen Aufhebung
im Vormärz.
Der aufstrebende Nationalismus- und Nationalstaatsgedanke in Italien beeinflusste
auch den italienischsprachigen Teil Tirols. Dieser forcierte nun die Loslösung vom
Hause Habsburg. Auch in anderen oberitalienischen Gebieten wurde die Abneigung
gegenüber Habsburg immer größer. In einigen Städten (Mailand, Venedig) eskalierte
der Hass. Ausschreitungen waren die Folge.
Österreichische
Truppen
unter
Ra-
detzky sollten die Aufständischen niederschlagen. In den Märztagen informierte man sich in Tirol nicht über die
Wiener Ereignisse, sondern wie es
Radetzky in Mailand erginge. Als am
23. März schlechte Nachrichten von
Mailand eintrafen, stellten die Studenten Freiwilligen-Kompanien auf.
Doch der verstärkte Ruf nach einer
Einigung
Italiens
ließ
italienische
Freischärler auch ins südliche Tirol
eindringen.
Bild: Radetzkys Einzug in Mailand; aus: Emil
Niederhauser,
1848.
Sturm
im
Habsburgerreich, Wien 1990.
Zur Verteidigung des Vaterlandes und zur Verhinderung eines Vormarsches der
Freischärler ins „Trentino“,
33
wie sich nun ab April 1848 der italienische Teil Tirols
zum Zeichen einer eigenständigen Region bezeichnete, rief am 13. April Erzherzog
Johann die Tiroler zu den Waffen. Insgesamt zogen 16.000 Männer aus Vorarlberg
und dem deutschsprachigen Teil Tirols an die Südgrenze des Landes.
33
vgl. Heiss, Das „Sturmjahr“, a.o.O., S. 242.
34
18
2.3.2. Vereine
Die Märzereignisse sowie die Wahlen der Frankfurter Parlamentsabgeordneten
weckten ein reges Politikinteresse. In der Folge wurden einige politische Vereine und
Zeitungen gegründet. Ende April gründete sich der „Katholisch-konstitutionelle Verein
für Tirol und Vorarlberg" (Konservative zur Verteidigung kirchlicher Interessen),
etwas später der „monarchisch-konstitutionelle Verein" (gemäßigte Liberale und
regierungstreue Beamtenschaft) und der „Verein für parlamentarische Bildung"
(demokratische und deutschnationale Richtung).
35
2.3.3. Zeitungen
2.3.3.1. Volksblatt für Tirol und Vorarlberg
Analog zu den gegründeten Vereinen erschienen erstmals neue Zeitungen. Am 1.
Mai 1848 kam die erste Ausgabe des „Volksblattes für Tirol und Vorarlberg“ in
Innsbruck heraus, die bis 1863 erschien. Neben dieser wurde im Juli das „Tiroler
Wochenblatt" in Bozen gegründet. Beide lagen in den Händen von Konservativen,
meist Geistlichen. Als Sprachrohr des „Katholisch-konstitutionellen Vereines für Tirol
und
Vorarlberg“
wahrten
sie
v.
Aufrechterhaltung der alten Ordnung.
a.
die
katholischen
Interessen
und
die
36
2.3.3.2. Innsbrucker Zeitung
Die liberale „Innsbrucker Zeitung“ erschien zum ersten Mal am 2. Juni 1848 in
Innsbruck. Als Sprachrohr des demokratischen und deutschnationalen „Vereines für
parlamentarische Bildung“ vertrat sie stark antiklerikale Anschauungen, fungierte als
Opposition zur katholischen Presse. Sie wurde aufgrund der 1849 einsetzenden
Restauration bald wieder eingestellt.
Die Konservativen oder Ultramontanen wandten sich entschieden gegen diese
37
Zeitung. So wurde sogar häufig von der Kanzel gewarnt, diese Zeitung zu lesen.
34
vgl. Bacher, Tiroler Provinziallandtag, a.o.O., S. 120.
vgl. Fontana, Restauration, a.o.O., S. 709.
36
Dr. Johann Kerer, Dr. Alois Flir, Dekan Johann Amberg, Dr. Johann Haßlwanter, Franz
Graf Aberti und Pater Albert Jäger (Hg.), Volksblatt für Tirol und Vorarlberg, Innsbruck, Nr.
1, 1. Mai 1848, S. 1.
37
Josef Ennemoser (Hg.), Innsbrucker Zeitung, Nr. 57, 8. September 1848, S. 251.
35
19
2.3.3.3. K.K. Priv. Bothe für Tirol und Vorarlberg
Der „K.K. Priv. Bothe von und für Tirol und Vorarlberg“, einst „Der Bothe für Tyrol“
genannt, erschien von 1813-1814 und 1817-1940. Er war das öffentliche Organ des
„Monarchisch-konstitutionellen Vereines“, der gemäßigten Liberalen und der
regierungstreuen Beamtenschaft.
2.3.3.4. Tiroler Schützenzeitung
Die „Tiroler Schützenzeitung. Für alle Schützen Freunde insbes. die Schützen Tirols
und Vorarlbergs“ erschien 1846 in Innsbruck und blieb bis 1872 bestehen. Der Tiroler
Schützenverein
und
seine
Zeitung
sind
nach
wie
vor
institutionalisierte
Männerräume, in denen Frauen marginale Rollen spielten.
2.3.3.5. Il messaggiere tirolese
„Il messaggiere tirolese“ aus Rovereto von 1831 bis 1850 fungierte als offizielles Blatt
der italienischsprachigen Bevölkerung Tirols. Ab März 1848 schlug sie unter der
38
Redaktion des Abtes Giovanni a Prato eine liberale Richtung ein. Die Konservativen
in Trentino schienen nicht organisiert gewesen zu sein.
Analysen der einzelnen Zeitungen ergaben wesentliche Unterschiede in der
Darstellung: Das „Volksblatt für Tirol und Vorarlberg“ sowie der „K.K. Priv. Bothe“
vermittelten „typische Rollenbilder“. In der „Innsbrucker Zeitung“ schienen Frauen am
häufigsten auf. „Die Schützenzeitung“ ließ erwartungsgemäß die Tugendhaftigkeit
der
Männer
hochpreisen
und
reproduzierte
so
wiederum
„klassische"
Geschlechterbilder.
Warum Frauen bis jetzt noch nie erwähnt wurden? Die männlich dominierte
Sekundärliteratur ließ Frauen kaum erscheinen. Erst die Suche nach Frauen in den
Quellen ließ sie sichtbar werden. Die folgenden Einblicke geben Aufschlüsse, wie
Frauen um 1848 gesehen und sozialisiert wurden, wie das alte „Ideal der
Weiblichkeit" kreiert und verfestigt wurde.
38
vgl. Fontana, Restauration, a.o.O., S. 709f.
20
3. Bevölkerung
Im Jahre 1837 lebten in Tirol und Vorarlberg 817.132 EinwohnerInnen:
39
Diagramm 1: Bevölkerung in Prozenten
24
22
Prozente
20
22,8
18
16
14
15,8
12
12
10
Vorarlberg
12,2
11,3
Oberinntal
Unterinntal
Pustertal
13
An der Etsch
12,9
Trient
Rovereto
Die meisten Menschen lebten im Kreis Trient, gefolgt vom Unterinntal. Erklärbar war
dies durch die zwei größten Städte dieser Bezirke (Innsbruck und Trient). Weitere
Gründe waren die günstigeren Nord-Süd-Verbindungen, die besseren Infrastrukturen
und im Süden die bessere landwirtschaftliche Nutzung bedingt durch das mildere
Klima.
3.1. EinwohnerInnen nach Kreisen
40
D ia g ra m m 2 : E in w o h n e rIn n e n in P ro ze n te
54
53
Prozente
52,3
52 ,1
52
52,6
5 1,6
5 1,2
51
50 ,6
50
49
4 9,4
48,8
47,9
48
4 7,7
48,4
51,1
48 ,9
47,4
47
46
V orarlb erg
39
O b erinn tal U nterin ntal
P us tertal
A n d er
E ts c h
T rient
m ä n n lich
R ov ere to
w e ib lich
vgl. Johann J. Staffler, Tirol und Vorarlberg, statistisch und topographisch, mit
geschichtlichen Bemerkungen, Innsbruck 1839, S. 132.
40
ebda.
21
Es fällt auf, dass – mit Ausnahme von Trient und Rovereto – mehr Frauen als
41
Männer lebten. Dass es weniger Männer gab, begründete Staffler
gefährlichen Beschäftigung der Männer im gebirgigen Tirol.
in der
42
3.2. Einteilung der Stände
Staffler lieferte uns weitere interessante Hinweise über die Stände in Tirol und
Vorarlberg:
43
Diagramm 3: Stände in Prozenten
Beamte
0,29
Geistliche
0,36
Adlige
0,41
Bürger; Gewerbsleute
Tagelöhner; Dienstboten
Bauern
4,32
18
19,42
Übrige Bevölkerung
57,2
3.3. Das Bild der Frauen in demographischen Quellen und
Erläuterungen
Auf dem ersten Blick scheint das Diagramm 3 eine dazumal übliche hierarchische
Pyramide darzustellen. Somit ist es auch nichts Außergewöhnliches. Aufschlussreich
ist die zu den Daten dazugehörende Erläuterung von Staffler:
41
44
Staffler Johann J. wurde am 8.12.1783 geboren und starb am 6. 12.1868. Er war
Landrichter in Passeier, Ried im Oberinntal und Sonnenburg-Wiltau. Seit 1825 arbeitete er
über 18 Jahre lang als Gubernialsekretär in Innsbruck, 1843-1847 als Gubernialrat und
Kreishauptmann für das Pustertal, vgl. Roman Bacher, Der Tiroler Provinziallandtag,
a.o.O., S. 273.
42
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 135.
43
ebda, S. 133.
44
ebda, S. 136.
22
Jeder fünfte Mann war Familienvater bedingt durch die besondere Stellung des
Tiroler Bauernstandes.
45
Die Erwähnung des Familienvaters implizierte gleichzeitig
seine Stellung als Oberhaupt der Familie. Frauen als Mütter wurden nicht erwähnt.
Bauern machten einen Großteil der Bevölkerung aus (ca. jeder Fünfte). Ein
Geistlicher kam auf 279 EinwohnerInnen, ein Adliger auf 246, ein Beamter auf 347
46
und ein Bürger auf 23.
•
In die Kategorie „Übrige Bevölkerung“ fielen
• alle Kinder,
• alle Arbeitslosen,
• alle Personen, die mehrere Tätigkeiten ausübten
und alle Frauen mit Ausnahme der Dienstbotinnen, -mägde und
47
Gewerbetreibenden.
Diese Definition verdeutlichte besonders die Rolle und Position der Frauen in der
Mitte des letzten Jahrhunderts:
sie wurden mit Kindern, Arbeitslosen und mehrfach Erwerbstätigen in eine Spalte
zusammengefasst. Ausnahmen waren Dienstbotinnen, -mägde und Gewerbetreibende. Die restlichen Frauen erschienen weder als Mütter noch als Geistliche,
Adlige, Bürgerinnen, Bäuerinnen, Arbeiterinnen.
Diese Tatsache charakterisierte eine untergeordnete Rolle
48
der Frauen als Mütter,
Ehe- und Hausfrauen, und zeigte sie als unselbständige, der Vormundschaft des
Mannes oder Vaters unterworfene Personen.
Doch seit wann gab es diese Rollenzuschreibung? Warum und wie hat sich diese
„bürgerliche“ Frauenrolle konsolidiert? Wurde sie von Frauen widerstandslos
angenommen?
Die neue Rollenzuschreibung verlief nicht widerstandslos. Dies konnte wiederholt
zwischen den Zeilen gelesen werden. Die ständige Betonung der bürgerlichen
45
Die Tiroler Bauern waren seit dem Landlibell 1511 freie Bauern.
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 136.
47
ebda.
48
Definition von Rolle: „Unter Rolle versteht Haarbusch in Anlehnung an Parin das
gesellschaftlich gewünschte und geforderte Verhalten, das in einem ‚ideologischen
Kontext vordefiniert ist', da dies erst den Prozess der ‚Identifikation mit der Rolle' möglich
macht." zit. nach Elke Haarbusch, Der Zauberstab der Macht: „Frau bleiben." Strategien
46
23
Frauenrolle in der Presse, die gesetzliche Fixierung bewiesen deutlich, dass Frauen
sich
außerhalb
dieser
Rolle
bewegten.
49
Die
Quellen
gaben
öffentlich
Zurechtweisungen und Sanktionen an Frauen preis. Um aber den Widerstand zu
brechen, mussten sie ihre Rollen verinnerlichen. Durch ständige Sozialisation
internalisierten sie das neue Frauenbild. Sie konnten nicht mehr unterscheiden, was
von Innen kam oder was durch Fremdeinflüsse hervorgerufen worden war. Sämtliche
Handlungsspielräume außerhalb ihrer Rolle wurden solange verhindert, bis die
Frauen diese als Wahlmöglichkeiten aus ihrem Bewusstsein verdrängt hatten. Sie
50
kamen zum Schluss, dass dies immer so war.
4. Die Konstruktion des bürgerlichen Frauenbildes
4.1.
Die
Konstruktion
des
bürgerlichen
Frauenbildes
durch
männliche Kontroll- und Machtinstanzen
Eine Implementierung einer bestimmten Rolle erfolgte nicht von heute auf morgen
und auch nicht durch monokausale Erklärungen. Dies geschah auf verschiedenen
51
zeitgleichen Ebenen:
•
durch die zunehmende Industrialisierung wurde Arbeitsteilung notwendig.
Arbeitsteilung heißt Trennung in einen privaten und öffentlichen Bereich. Dem
Mann wurde aufgrund seiner „natürlichen Eigenschaften“ der öffentliche Bereich
zugesprochen, die Frau für die Privatheit bestimmt;
•
durch die Philosophie der Aufklärung wurde ein biologistisches Frauenbild
geschaffen. Die auf der Grundlage der Naturrechtsphilosophie entstandene
Kreation der polaren Geschlechter setzt sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis
zur Mitte des 19. Jahrhunderts durch;
•
durch die Festsetzung der Geschlechterrollen im Gesetz, in der Medizin, in der
Wissenschaft, Psychologie, Pädagogik;
zur Verschleierung von Männerherrschaft und Geschlechterkampf im 19. Jahrhundert; in:
Helga Grubitsch u.a. (Hg.), Grenzgängerinnen, Düsseldorf 1985, S. 225.
49
ebda, S. 223.
50
ebda, S. 225.
51
ebda.
24
•
die Kirche postuliert das Bild einer asexuellen, frommen, trieblosen und
jungfräulichen Frau. Sexuelle Praktiken wurden sanktioniert. Es sei denn zum
Zwecke der Fortpflanzung. Der Frau wurde ihre Sexualität abgesprochen;
•
die Mode entsprach dem bürgerlichen Frauenbild;
•
eine neue Welt der Gefühle wurde geschaffen und das Trieb- und Affektleben
reguliert. Die Frau sollte verzichten, dulden, ertragen und lieben;
•
geschlechterspezifische Erziehung wurde wichtig. Bürgerliche Mädchen lernten
schon von Kindesbeinen an die Verhaltensmuster einer bestimmten Rolle. Den
„typisch weiblichen Eigenschaften“ folgten „typisch weibliche Arbeiten“ wie
Handarbeiten, Sticken, Nähen.
4.2. Die Konstruktion des bürgerlichen Frauenbildes durch die
Philosophie
Philosophen galten als Beispiel, was zu ihrer Zeit gedacht und wie gelebt wurde. Sie
spiegelten also einerseits Menschen jener Zeit wider, andererseits prägten sie mit
ihren Äußerungen das politische Handeln weit über ihre Zeit hinaus. Die Philosophen
der Aufklärung legten die Basis bürgerlicher Ideologien fest, die sich bis heute in
vielen Bereichen manifestiert haben.
Auch der Zeitgeist stand gemäß der Philosophie der Aufklärung auf die Betonung der
freien Individuen und Vernunftwesen. Jeder Mensch war frei und formal gleich,
unabhängig von der sozialen Herkunft, Besitz, Rasse und Geschlecht. Die Idee der
Gleichheit
bedeutete,
jeder
Mensch
könne
einen
bestimmten
Status
und
52
ökonomische Selbständigkeit erreichen, wenn er fleißig und arbeitsam ist.
Zur Gewährleistung der individuellen Freiheit bedurfte es politischer Reglements und
Normierungen. Rechte und Pflichten eines vollberechtigten Bürgers waren aber
immer an die Position des Hausvaters gekoppelt. Doch Gesellen, Dienstboten,
Hauslehrer und Frauen konnten keine Hausväter werden. Als Konsequenz konnten
sie auch nicht an den bürgerlichen Rechten und Pflichten teilhaben. Zum politischen
Bürger gehörte also nicht nur das soziale Merkmal ökonomischer Selbständigkeit,
sondern auch eine „natürliche Qualität".
52
vgl. Ute Frevert (Hg.), Bürgerinnen und Bürger. Bürgerliche Meisterdenker und das
Geschlechterverhältnis. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert; in: Kritische Studien
zur Geschichtswissenschaft 77, Göttingen 1988, S. 20.
25
Die bürgerlichen Prinzipien der Freiheit und Gleichheit setzten sich immer mehr
durch.
53
Parallel zu den revolutionären Kämpfen um bürgerliche Freiheiten begann
man eine Frauenrolle zu kreieren, die die männliche Herrschaft sichern sollte. Es
sollte das Bild der braven Hausfrauen, guten Gattinnen und tugendhaften Mütter
54
sein. Die passenden Argumente fand man in der „Natur der Frau".
Diese „Natur" bestimmte fortan die geschlechtsspezifischen Lebensaufgaben und
Geschlechterrollen. Rousseaus Definition der Frau als „Komplementärwesen“ des
Mannes begründete er durch ihre körperliche und geistige Unterlegenheit.
55
Auch in
den Tiroler Printmedien von 1848 ließen sich vermehrt solche Bilder entdecken:
„Das Gesetz des Lebens, wodurch der Mensch an Gott, das Geschöpf an seinen
Schöpfer gefesselt wird, ist das Grundgesetz der Welt. Durch dieses Gesetz ist
das Weib an den Mann, sind die Kinder an die Eltern, ist der Knecht an den
56
Herrn, (...), jeder von dem Andern Beschützte an seinen Beschützer gefesselt.“
4.3. Die Konstruktion des bürgerlichen Frauenbildes durch eine
neue Aufgabenteilung
Die neue Industriegesellschaft konnte nur mit Arbeitsteilung effizient funktionieren.
Dem Mann wurde der außerhäusliche Bereich zugesprochen, der Frau der häusliche.
Dieses Konstrukt machte nun Frauen alleine für das emotionale Binnenklima der
57
Familie und den Haushalt verantwortlich:
„Gedicht: So Manches bricht und reißt entzwei,
Eilt nicht das Weibchen schnell herbei,
Den Schaden zuzuflicken.
Meine Frau just strickte.
58
Der Strumpf ist fertig und probiert.“
53
vgl. Haarbusch, Zauberstab, a.o.O., S. 220.
ebda, S. 219.
55
zit. nach Allgemeine Deutsche Realenzyklopädie für die gebildeten Stände. Conversationslexikon. Bd. 6, Leipzig 1865, S. 554.
56
Tiroler Wochenblatt, Nr. 26, 27.September 1848, S. 89.
57
Familie ist keine „Welt für sich", sondern ein sozialer Mikrokosmos, in dem sich die
gesellschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Zeit widerspiegeln und die in den Familien
lebenden Menschen gemäß der Gesellschaftsstruktur sozialisiert werden, vgl. Reinhard
Sieder, Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt am Main 1987, S. 11.
58
Schützenzeitung, Nr. 1, 6. Jänner 1848, S. 4.
54
26
Auch die religiöse und sittliche Erziehung der Kinder wurden ihnen anvertraut:
„Ein anderes Übel ist der Mangel an der guten Erziehung. Sonst lehrte die
besorgliche Mutter das Kind beten, und den Eigensinn brechen war ein
Hauptgrundsatz der Erziehung. Nun aber wird das Gebet im Kreise der Familie
seltener, und den Eigensinn brechen, heißt Eingriff in die natürliche
59
Entwicklung.“
„Ein Brief an alle, die ihn lesen wollen.
Vielleicht bist du ein Vater oder Mutter, der oder die du das gerade liest, und hast
Kinderlein, eins oder zwei oder mehrere. Wenn du sie lieb hast, so lehre sie Gott
fürchten und lieben. Elternwort bleibt immerfort. Gibst du den Vaterlande gute
Kinder, so ist das mehr, als wenn du das Salzbergwerk in Hall aufgefunden und
60
ihm geschenkt hättest.“
Der Mann wurde durch den Beruf, die zunehmende bürgerliche Vereinskultur und
politische Partizipation immer mehr ins öffentliche Leben verflochten.
61
Damit ging
eine Aufgabenteilung, eine Spezialisierung und Differenzierung sozialer Aktivitäten
62
einher. Macht und Einfluss des Mannes stiegen, während die der Frau sanken.
Mit diesen gesamtgesellschaftlichen Veränderungen wandelten auch die Menschen.
Dieser Wandel prägte Gefühle, Körper, Denken und Verhalten der Gesellschaft, aller
Schichten, der Männer und Frauen.
63
Die Journalisten konstatierten immer wieder
diese Änderung in der Gesellschaftsstruktur. Konservative warnten vor Genusssucht
und dem Verfall der ethischen Werte in der Gesellschaft:
„Es ist die Genusssucht, welche den Menschen hinaustreibt aus seinem Stande,
aus seiner Familie, weg vom sparsamen Herd seines Hauses. Früher war das
nicht so. Der Vater lebte für seine Familie und in seiner Familie. Da ruhte er im
Kreise der Seinen von der schweren Arbeit des Tages aus, da erzählte er den
Söhnen den Abbau oder vom Krieg, da las er in den Stunden der Ruhe aus
einem Buche – sind das nicht glückliche Stunden für den Vater, für die Mutter
64
und die Kinder?“
59
Volksblatt, Nr. 9, 23. August 1848, S. 69.
Volksblatt, Nr. 3, 5. Juli 1848, S. 10.
61
vgl. Frevert, Bürgerinnen und Bürger, a.o.O., S. 32.
62
vgl. Beatrix Schmaußer, Blaustrumpf und Kurtisane, a.o.O., S. 22.
63
vgl. Haarbusch, Zauberstab, a.o.O., S. 221f.
68
Volksblatt, Nr. 9, 23. August 1848, S. 69.
60
27
Laut den konservativen Machthabern gab es folgende Ursachen für den Sittenverfall:
die gesellschaftliche Änderung, die zunehmende Industrialisierung, die Mobilität der
arbeitenden Bevölkerung, das gesteigerte Konsumverhalten, die „Genusssucht“, der
Verlust der innerlichen Werte, die Arbeitsbedingungen, die Fabriken, wo erstmals die
geschlechtsspezifische Trennung aufgehoben wurde.
65
Nicht zufällig entrüsteten sich aber gerade in Zeiten von gesellschaftlichen
Umbrüchen konservative Kräfte: Veränderungen riefen Unsicherheiten hervor. Auch
Unsicherheit über einen möglichen Machtverlust. Somit wurde der Drang zur
Machterhaltung größer als die Lösung der sozialen Frage.
4.4. Die Konstruktion des bürgerlichen Frauenbildes durch die
Gesetzgebung
4.4.1. Beispiel: Verehelichungsbeschränkungen
Ein wichtiger Punkt zur Verinnerlichung des Frauenbildes war die Normierung der
Rolle durch den Gesetzgeber. Nichtbefolgungen wurden bestraft und sanktioniert. Zu
nennen wären hier etwa die rigorosen Verehelichungsbeschränkungen:
Presseberichte über die hohe Anzahl unehelicher Kinder wiesen auf den zunehmenden Sittenverfall hin. Auch die steigende Verarmung und Proletarisierung galt
hierfür als Indiz. Ein restriktives Eherecht sollte die Gesellschaft verbessern. 1818/20
wurde erstmals eine gesetzliche Beschränkung, der Ehekonsens, eingeführt. 1850
66
wurden die Heiratsbeschränkungen verschärft.
Heiratswillige mussten nun in der
Gemeinde um eine Heiratserlaubnis ansuchen. Konsenspflichtig wurden alle ohne
fixes Einkommen. Besonders in Tirol wurde der Konsens, der bis 1921 in einer
gelockerten Form beibehalten wurde, rigoros ausgeübt. Das Ergebnis dieser
rigorosen Gesetzgebung verdeutlicht das folgende Diagramm:
65
67
vgl. Carola Lipp, „Fleißige Weibsleut" und „Liderliche Dirnen“. Arbeits- und
Lebensperspektiven von Unterschichtsfrauen; in: Lipp (Hg.), Schimpfende Weiber, a.o.O.,
S. 38.
66
vgl. Elisabeth Mantl, Heirat als Privileg. Obrigkeitliche Heiratsbeschränkungen in Tirol und
Vorarlberg 1820 bis 1920, Wien 1997, S. 10.
67
aus: Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 137.
28
D ia g r a m m 4 : G e s c h lo s s e n e E h e n in d e n
K r e is e n ( P r o z e n t e )
0 ,8
0 ,8
0 ,7 6
0 ,7
0 ,6
0 ,5 7
0 ,6 1
0 ,5 4
0 ,5
0 ,5 4
0 ,4 9
0 ,4
0 ,3
lb
ar
o
et
er
ov
R
nt
ie
ch
Tr
ts
rE
de
n
A
l
ta
er
st
Pu
al
nt
in
er
nt
U
al
nt
rin
be
O
g
er
r
Vo
Die Prozentwerte beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung. D.h., nur jedeR 158. der
Gesamtbevölkerung heiratete (0,6% der Gesamtbevölkerung). Oder mit anderen
Worten: In Tirol und Vorarlberg fielen im Jahre 1840 auf 1000 EinwohnerInnen 5,9
Eheschließungen, 1851 waren es 6,1. Im Vergleich zu den anderen österreichischen
Regionen lag Tirol unter dem Durchschnitt.
68
Da aber nur ab dem Zeitpunkt einer Eheschließung eine Familie gegründet werden
konnte, wurden alle außerehelichen Formen des Zusammenlebens sanktioniert. Und
das besonders in Tirol.
69
Die Bevölkerungsstruktur war im Wesentlichen durch einen hohen Ledigenanteil,
eine geringe Heiratsfrequenz und ein hohes Heiratsalter gekennzeichnet. Nur eine
kleine Bevölkerungsgruppe konnte die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen: das
Bürgertum, die höheren Beamten, der Adel und wenige Bauern. Ein Beweis, dass die
Konstruktion einer glücklichen Ehe, der harmonischen Familie, des trauten Heimes
und des untergeordneten Frauenbildes nur auf bürgerliche und adlige Frauen
70
zutraf.
Wie stark Gesetzgebung und Kirche in den letzten 150 Jahren das heterosexuelle
Zusammen- und Privatleben beeinflußten, zeigt sich auch heute noch: die Ehe gilt
immer
noch
als
einzige
Voraussetzung
für
viele
gesetzliche
Vorteile
(Wohnbauförderung, Steuer, Witwenpension, Alleinerzieherinnen, Kinder usw.).
68
69
vgl. Mantl, Heirat als Privileg, a.o.O., S. 16.
ebda, S. 33.
29
Diagramm 5: Eheliche und uneheliche Kinder (Prozente)
100
80
92,3
60
93,2
85,5
40
94,2
94,1
98,8
98,8
20
ra
Vo
uneheliche
Kinder
eheliche Kinder
7,7
6,8
14,5
5,8
5,9
l
1,2
a
t
l
1,2
n
a
t
l
n
i
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0
erg
rlb
In einer ehelichen Familie lebten im Schnitt 4,6 Kinder.
71
Im Gegensatz dazu listete
Stafflers wenig uneheliche Kinder auf (1.346 zu 24.041 ehelichen Kindern). D.h. auf
100 Lebendgeborene kamen zwischen 1846-1850 in Tirol 4,2 unehelich Geborene,
in Vorarlberg 6,0.
72
Tirol und Vorarlberg lagen im Vergleich zu anderen
österreichischen Alpenländern (21,5 auf 100) weit unter dem Durchschnitt. Die
unehelichen Kinder bzw. die ledigen Mütter wurden sozial diskriminiert, oft körperlich
bestraft oder aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen. Die Kommunion und andere
73
Sakramente wurden verweigert. Folgendes Zitat drückt Ähnliches aus:
„Landeck, 28. August. So ereignete sich in unserer Gemeinden kürzlich der Fall,
dass ein außerehelich neugeborenes Kind sollte zu Grabe getragen werden. Die
Mutter bat den Kuraten um die gewöhnliche Grabbeilegung, die er ihr mit den
74
Worten verweigerte: ‚Der Bastard muss bis zum Grabe gebrandmarkt werden!‘“
Das ABGB (1811) sowie die kirchliche Obrigkeit hatten die Ehe als einzigen Ort der
Fortpflanzung konstruiert. Der Schluss lag nahe, dass uneheliche Geburten aus
Angst vor Repressalien deshalb oft verheimlicht wurden. Die große Nachfrage der
Geburtenklinik für arme und ledige Mütter in Innsbruck (das heutige Landesarchiv)
unterstrich diese Vermutung. Auch ein Vergleich mit Wien ergab, dass dort um 1848
75
die Hälfte der Kinder unehelich zur Welt kam.
70
vgl. http://www.ceiberweiber/engagement.frauen1848.
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 137.
72
vgl. Mantl, Heirat, a.o.O., S. 41.
73
ebda, S. 51.
74
Innsbrucker Zeitung, Nr. 55, 5. September 1848, S. 244.
75
vgl. http://www.ceiberweiber/engagement.frauen1848.
71
30
Unterschiede ergaben sich auch zwischen dem Anerbenrecht im Osten Tirols und
der Realteilung und Besitzsplitterung im Westen und Süden.
76
Da eine Ehe-
schließung an wirtschaftliche Selbständigkeit gekoppelt war, durften im Anerbenrecht nur die Erben des Hofes heiraten. Die restlichen Geschwister waren vom
Hoferben abhängig und wie das Gesinde ökonomisch unselbständig.
77
Auch die
langsam voranschreitende Industrialisierung bot kaum Verselbständigungsmöglichkeiten.
Im Oberinntal und Trentino entstanden durch die Güterteilung Kleinbetriebe, in denen
die Familien kaum überleben konnten.
78
Erst eine zusätzliche (oft hausindustrielle)
Nebenerwerbsarbeit ermöglichte die Sicherung der Existenz.
79
Starre Gesetze und eine durch und durch reglementierte Gesellschaft formten die
Menschen. Es hätte keiner solchen Gesetze bedurft, wenn sich die Leute
entsprechend verhalten hätten. Das machte auch das Frauenrecht klar:
4.4.2. Beispiel: Frauenrecht
Beispiele für die Konsolidierung der bürgerlichen Frauenrolle durch die Legislative
lieferte „Das österreichische Frauenrecht“ von 1850. Das Privatleben (Familien- und
Frauenrecht) wurde der bürgerlichen Frau zugesprochen. Der Untertitel brachte es
schon ans Tageslicht: „Eine practische Darstellung aller Rechte und Pflichten, welche
die Frauen aller Stände und Kronländer in dem Verhältnisse als Gattin, Mutter, Witwe
und Hausfrau, sowie in staatsbürgerlicher Hinsicht genießen und zu beobachten
haben".
80
Ein Fokus ließ die zentralen Hauptaufgabenbereiche der Frauen unmissverständlich
erkennen:
76
vgl. Mantl, Heirat, a.o.O., S. 20.
ebda, S. 22.
78
vgl. Sieder, Sozialgeschichte, a.o.O., S. 75ff.
79
vgl. Mantl, S. 29.
80
Franz Joseph Schopf, Das österreichische Frauenrecht. Eine practische Darstellung aller
Rechte und Pflichten, welche die Frauen aller Stände und Kronländer in dem Verhältnisse
als Gattin, Mutter, Witwe und Hausfrau, sowie in staatsbürgerlicher Hinsicht genießen und
zu beobachten haben. Nach den österreichischen Gesetzen und mit Rücksicht auf das
Familienleben, Pest 1857.
77
31
„Im Familien- und auch im geselligen Leben gebührt der Frau einer der
wichtigsten Standpunkte. Die Gesetze der Natur, der Religion und des Staates
haben ihr (...) Richtungen als Gattin, Mutter, Witwe, Hausfrau, und in staatsbürgerlicher Hinsicht angewiesen, ihr damit auch Rechte eingeräumt, sowie
schwere Pflichten auferlegt. Diese bilden zusammen das Frauenrecht, einen
wesentlichen Theil des Familienrechtes, und in Vielem von den Rechten des
männlichen Geschlechtes verschieden.
Die Frauen sind oft nicht in der Lage, an sich selbst die Frage stellen zu müssen:
Was habe ich in diesem oder jenem Falle zu thun? (...) Nicht immer steht ihnen
der wohlgerathene Mann oder sonst ein in den Gesetzen erfahrener Ratgeber
81
zur Seite (...)."
Die einleitenden Worte dieses Buches lauteten:
„In der neuesten Zeit haben sich Stimmen für die Emancipation des Frauengeschlechtes, das ist, Befreiung desselben von den Schranken, mit welchem es
Naturverhältnisse und gesellschaftliche Einrichtungen umgeben, erhoben. Aber
dagegen streitet schon das Werk der Schöpfung, die Natur des Ge-schlechtes.
Die Natur unparteiisch (...) hat dem weiblichen Geschlechte Gaben verliehen, die
sie dem Manne versagt hat, und umgekehrt (...). Die Tugend des Mannes ist eine
andere als die des Weibes, und ein Weib, das im Dulden erhaben ist, mag leicht
eben so bewundernswürdig sein, als ein Mann, der es im Handeln ist. Die
Hauptverrichtungen des Mannes beruhen auf dem Staate und der Wissenschaft,
die des Weibes auf der Familie und der Gesellschaft.
Die Frau befindet sich ja ohnehin schon in einem verhältnißmäßig freien Zustande, im Genusse alle nur möglichen Rechte. Das Weib ist die Beherrscherin
des Hauses, Familienmutter, vom Gesetze gegen die Thyrannei des Mannes und
bei verweigerter Unterstützung geschützt. Das Weib darf besitzen, erben, über
sein Vermögen nach Willkühr verfügen, auf Ehescheidung antragen, den Schutz
der Gesetze ansprechen wie der Mann; es darf selbst an der Wissenschaft Theil
nehmen, der Kunst obliegen, öffentlich in den verschiedensten Gebieten der
Kunstleistung auftreten, und wenn es genug Talent besitzt, sich als
Schriftstellerin einen Namen erwerben; es hat im Allgemeinen die freie Wahl,
mindestens eine Stimme bei den Hauptfragen, die über seine Zukunft
82
entscheiden; wie bei seiner Verehelichung.“
Der ausführlichste Teil befasste sich mit dem Familienleben (Seite 5-147). Das
sprach für sich. Eine neue Ebene der Sozialisation war also gefunden. Die
Legislative
korrespondierte
somit
mit
den
philosophischen,
biologistischen,
politischen, religiösen, wissenschaftlichen und medizinischen Konstruktionen. Alle
zusammen trugen wesentlich zur Verinnerlichung der bürgerlichen Frauenrolle bei.
Doch existierten auch andere Frauenbilder und -rollen? Was vermittelten die Tiroler
Printmedien von 1848? Wie wurden dort Frauen wiedergegeben?
81
82
zit. nach ebda, S. V.
zit. nach ebda, S. 1ff.
32
5. Adlige Frauen in der Tiroler Presse von 1848
5.1. Adlige auf der Flucht
In der Tiroler Presse wurden adlige Frauen am häufigsten erwähnt. Adlige waren
häufig Opfer der RevolutionärInnen. Besonders radikal ging man in Paris vor. Aus
Angst um ihr Leben flüchteten sehr viele französische Adlige nach England. Um nicht
von den revolutionären Massen gefangen genommen oder getötet zu werden, hatten
beispielsweise
„bei der Abreise von Paris der Herzog und die Herzogin von Remours
83
verschiedene Straßen eingeschlagen, und wollten sich wieder später treffen.“
Der Zorn der Masse richtete sich v. a. auch gegen die adligen Privilegien und
Feudalrechte. Die Stimmung war sehr angespannt:
„Inmitten jener Ereignisse (Straßenkämpfe und Aufstände, rot.) begab sich die
Herzogin von Orleans mit ihren beiden Söhnen (...) in die Abgeordnetenkammer,
wo ungefähr 300 Abgeordnete eingetroffen waren, und verkündete ihre
Abdankung (...) (Wenig später, r.t.) schritt eine bewaffnete und aufgebrachte
Menge in den Saal ein, richtete die Waffen gegen die Abgeordneten und
verkündete die Republik. Als sie die Herzogin von Orleans
sahen, wurden ihr die Gewehre entgegengestreckt (...), und sie fiel in
84
Ohnmacht.“
Die Herzogin von Orleans konnte sich mit ihren beiden Söhnen gerade noch retten.
Es gelang ihnen die Flucht. Der k.k. Priv. Bothe erstattete Bericht über den
Aufenthaltsort der Herzogin von Orleans:
„Koblenz, 10. März. Die Herzogin von Orleans ist nun dennoch gegenwärtig in
Ems. Sie hatte die Besuche von hier nicht angenommen. Ihre Mutter, die
verwitwete Herzogin von Schwerin kam gestern mit dem Düsseldorfer
85
Dampfboote hier an und begab sich sofort nach Ems.“
83
K.K. Priv. Bothe, Nr. 20, 9. März 1848, S. 82.
Il messaggiere tirolese, Nr. 19, 4. März 1848, S. 2: In mezzo a tale sciagura la duchessa
d'Orleans si recò a piedi coi figli, il conte di Parigi e il duca di Chatres, alla camera dei
deputati, dov'ei si trovavano in numero di forse 300, (...) essa annunciò l'abdicazione (...)
In questo mezzo la sala è invasa da una moltitudine armata con pistole (...) e
proclamavano la repubblica.
85
K.K. Priv. Bothe, Nr. 22, 16. März 1848, S. 99.
84
33
Ebenso erging es Prinz Leopold, Graf von Syrakus, Bruder des Königs von Neapel
und Neffe der französischen Königin,
86
dem französischen König Louis Phillipes und
seiner Frau Amalie. Ohne Gepäck, nur mit einem Bediensteten und einer
Kammerfrau, und mit einem kleinen Fischerboot brachen sie nach England auf:
„Die englischen Journale geben endlich bestimmte Nachricht über das Schicksal
Louis Philippes, welcher mit der Königin Amalie am 3. März früh in Brighton
angekommen ist. Der König und die Königin hatten sich seit einigen Tagen in der
Nähe von Tresport von Pachthof zu Pachthof geflüchtet, und sie waren vor
Ermüdung beinahe erschöpft. Am Donnerstag schifften sich der König und die
Königin mit einem Bediensteten und einer Kammerfrau auf einem französischen
Fischerboot ein, um den Kanal zu übersetzen. Bei ihrer Ankunft wurden der
König und die Königin von den Einwohnern begrüßt. Sie begaben sich in das
Bridgehotel, wo sie Betten verlangten. Gleich danach schrieb Louis Philippe an
87
die Königin Vittoria, um ihr seine Ankunft mitzuteilen.“
„Der Herzog von Remours, der Herzog und die Herzogin von Koburg fuhren von
London ab, um die Abkömmlinge zu erwarten. Louis Philippe und sein Sohn
Remours lagen sich bald in den Armen, dann drückte der König seine Tochter
zärtlich ans Herz. Vater und Tochter weinten. Die Mutter stieg dann aus dem
88
Wagen, und umarmte ihre Kinder.“
Im Süden, wo Radetzky mit der Niederschlagung der oberitalienischen Aufständischen beauftragt war, ergab sich das ähnliche Bild:
„Aus Mailand bringt die N.Z. Zeitung direkte Nachrichten vom 15. August. Auf
Befehl Radetzky's ist der Palast Borromeo zu einem Spital eingerichtet worden.
Radetzky hat seine Wohnung im Palast Litta aufgeschlagen. Der Herzog und die
Herzogin, die auf dem Lande waren, sind auf ausdrücklichem Befehl des
89
Feldmarschalls dahin zurückgekehrt.“
Auch in Wien wurde es für den kaiserlichen Hof und andere Adlige brenzlig. Immer
wieder sahen sie sich gezwungen, schnell und heimlich aus der Stadt zu fliehen:
„München, 16. Oktober. Das Gerücht, dass die Erzherzogin Sophie auf ihrer
Flucht von Wien den Weg nach München genommen, hat sich bestätigt: gestern
vormittag war sie auf ganz kurze Zeit unter strengstem Inkognito hier (in
München, r.t.), stieg im Herzog Mar Palais ab und begab sich dann nach
90
Tegernsee.“
86
ebda.
K.K. Priv. Bothe, Nr. 21, 13. März 1848, S. 89.
88
ebda, S. 90.
89
Innsbrucker Zeitung, Nr. 48, 23. August 1848, S. 213.
90
Innsbrucker Zeitung, Nr. 80, 18. Oktober 1848, S. 380.
87
34
„Ihre Majestäten Kaiser Ferdinand und seine Gemahlin haben sich sogleich nach
vollbrachtem Abdankungsakte nach Prag begeben. Erzherzog Franz Karl und die
91
Frau Erzherzogin Sophie sind nach München gereist.“
Für adlige Frauen gestaltete sich eine Flucht oft äußerst schwierig. Die Kleidung war
keineswegs gedacht, sich lange im Freien zu bewegen. Schwere, pompöse Kleider
hemmten die Bewegungsfreiheit, enge Schuhe verursachten Schmerzen:
„Schweiz. Berner Blätter melden aus Genf vom 16. August: heute langten einige
höhere Offiziere, aus der Lombardei hier an. Sie gehörten zu den Korps, das sich
vor den Toren von Mailand schlug, als General Fanti gefangen wurde. Nur mit
vieler Mühe konnten sie über den Simpleon entkommen, die Straße war
buchstäblich mit Flüchtlingen bedeckt, mit Weibern in seidenen Kleidern und
92
ohne Schuh, mit Kindern, usw. dass es ein wahres Erbarmen war.“
In der Eile ließen sie oft alles hinter sich:
„Flucht der französischen Königsfamilie in England: Seine königliche Hoheit der
Herzog von Remours traf mit dem Herzog und der Herzogin August von
Sachsen-Koburg (Prinzessin Clementine) (das spätere Haus Windsor, 1917, r.t.)
in der französischen Gesandtschaft auf dem Manchester Square ein. Bei der
schnellen Flucht aus der französischen Hauptstadt hatte man nicht das geringste
Gepäck mitgenommen. Bald nach der Ankunft besuchten sie dem Prinzen Albert,
“93
und die Herzogin von Sachsen-Koburg war ganz von Schmerz überwältigt.
5.2. Sonstige Berichterstattung über Adlige
Viele
Bereiche
des
gesellschaftlichen
Lebens
wurden
von
der
Presse
wiedergegeben. Keine andere Schicht bekam so viel Platz eingeräumt wie
aristokratische Personen. So wurden die LeserInnen eingeweiht:
5.2.1. Namensänderung
„6. März. Louis Phillipe und Marie Amalia haben den Namen Graf und Gräfin von
94
Neuilly angenommen.“
5.2.2. Geburt
„Madrid, 20. August. Der Hof kehrt aus La Granja zurück. Die Königin Mutter
berüchtigte Herzogin von Rianzares, will jedoch bis in die erste Hälfte des
95
Septembers daselbst verweilen, um ihre zwölfte Niederkunft abzuwarten.“
91
Tiroler Wochenblatt, Nr. 48, 13. Dezember 1848, S. 179.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 52, 30. August 1848, S. 232.
93
K.K. Priv. Bothe, Nr. 20, 9. März 1848, S. 82.
94
K.K. Priv. Bothe, Nr. 22, 16. März 1848, S. 97.
95
Innsbrucker Zeitung, Nr. 53, 1. September 1848, S. 236.
92
35
„Gries bei Bozen, 20. Oktober. Gestern nach 7 Uhr abends wurde die Herzogin
von Modena, welche seit mehreren Wochen sich hier aufhält, von einer
Prinzessin entbunden. Die feierliche Taufhandlung, wobei die Kaiserin von
96
Österreich die Patenstelle vertritt, soll in Modena vorgenommen werden.“
5.2.3. Finanzielle Schwierigkeiten
„Madrid, 20. August. Die Geldklemme des Hofes ist so groß, dass das der Isabella II. und ihrer Schwester, Herzogin von Montpensier gehörige Lustschloß
97
Vista Allegre bei Carabanchel an den Meistbietenden verkauft werden soll.“
5.2.4. Feierlichkeiten
„Schönbrunn, 27. Juli. Gestern wurde zur Namensfeier der Gemahlin des
Erzherzoges Johann, Anna, eine Feierlichkeit, welcher eine unzählige
98
Menschenmenge beiwohnte. Der Jubel war unbegrenzt.“
5.2.5. Krankheit, Tod
„München. Gestern verschied in Wasserburg die verwitwete Kurfürstin Marie
Leopoldine kaiserliche Hoheit. Sie war auf dem Wege nach Salzburg (...), als
ihrem (...) Wagen (...) in der Nähe des Spitals der Stadt Wasserburg, ein Salzfuhrwerk entgegenkam, (...) die Chaise der Kurfürstin mit dem Leiterbocke
erfaßte und rückwärts umstürzte, wodurch die hohe Frau das Genick brach und
in wenigen Minuten ihren Geist aufgab, während die Kammerfrau, die bei ihr im
Wagen saß, mit leichter Verletzung davon kam. (Die Kurfürstin, Karl Theodors
99
Gemahlin, geb. am 10. Dez 1776 geboren, Witwe seit 1799).“
„Neapel, 13. September. Die Königin Mutter ist nach kurzer Krankheit heute
100
gestorben.“
5.2.6. Besuch bei der englischen Königin
„7. März. Der Graf und die Gräfin von Neuilly haben heute einen Besuch bei
101
unserer Königin gemacht.“
5.2.7. Aussegnung einer spanischen Infantin
„Spanien, Madrid, den 18. Okt. Es heißt nun, der Herzog und die Herzogin von
Montpensier werden nach Madrid übersiedeln. Der Herold berichtet ausdrücklich
über die feierliche Aussegnung der Infantin Luisa. Ihre königliche Hoheit hat der
St. Ferdinandskapelle in Sevilla für die dortige Madonna ein von ihr gesticktes
Kleid geschenkt; das Jesukindlein aber, welches diese Muttergottes auf dem
Arme trägt, ward in feierlicher Prozession nach dem königlichen Alcazar
getragen, um von der Prinzessin persönlich neu bekleidet zu werden. Man sieht,
der Katholizismus in Spanien ist, trotz aller Staatsumwälzungen, noch der
102
alte.“
96
Innsbrucker Zeitung, Nr. 84, 25. Oktober 1848, S. 403.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 53, 1. September 1848, S. 236.
98
Innsbrucker Zeitung, Nr. 35, 1. August 1848, S. 151.
99
Innsbrucker Zeitung, Nr. 15, 27. Juni 1848, S. 66.
100
Innsbrucker Zeitung, Nr. 69, 29. September 1848, S. 312.
101
K.K. Priv. Bothe, Nr. 22, 16. März 1848, S. 97.
102
K.K. Priv. Bothe, Nr. 153, 9. November 1848, S. 727.
97
36
5.3. Politische Tätigkeiten bzw. Wohltätigkeiten adliger Frauen
5.3.1. Politische Aktivitäten der Kaiserin von Österreich
Normalerweise hatte der Kaiser die politischen Belange inne. Doch Ferdinand I. war
regierungsunfähig. Die Kaiserin Maria Anna übernahm daher politische Aufgaben
und erteilte Audienzen. Die Bedeutung dieses politischen Vorstoßes liegt auf der
Hand:
mit
dem
Eintritt
Verantwortungsbewusstsein
in
und
die
Männer
politische
dominierte
Kompetenz
Politik
wurde
zugesprochen.
ihr
Ihre
diplomatischen, politischen und sprachlichen Fähigkeiten kamen auch im folgenden
Zitat zur Geltung:
„Der Kaiser hat sich erkältet. Seine Majestät der Kaiser sind noch immer etwas
unwohl, und haben daher keine Audienzen erteilt. Dagegen geruhten Ihre
Majestät die Kaiserin den Fürsten Esterhazy und den türkischen Botschafter
103
anzunehmen.“
5.3.2. Politische Aktivitäten der Königin von England
„London. Am 5. September halb zwei nachmittags erfolgte der Schluss der
überlangen diesjährigen Parlamentssession durch die Königin. Das Parlament
104
wird sich am 2. November wieder versammeln.“
„London, 5. September. Die Königin hat gestern den mit Überbringung der
Benachrichtigungen wegen Übernahme der provisorischen Zentralgewalt für
Deutschland vom Reichsverweserbeauftragten Freiherrn von Andrian-Werburg
im Buckingham-Schloß empfangen, und aus dessen Händen das Schreiben des
105
Reichsverwesers entgegengenommen.“
5.3.3. Wohltätigkeiten
Wohltätigkeiten und Geldspenden waren Zeichen politischen Engagements von
adligen und auch bürgerlicher Frauen, in denen sie sich positiv erlebten. Durch diese
konnten sie sozial Schwachen oft helfen:
„Wels, 2. März. Abmarsch des Regiments-Kommandanten Graf Favriani. Insbes.
erleiden aber durch diesen Abmarsch die Armen der Stadt Wels einen
empflindlichen Verlust in der Person der Frau Oberstin Gräfin Favriani, geb.
Fürstin Esterhazy, dieser wahren Mutter der Armen, welche durch ihre liebreiche
Mildtätigkeit so viele Tränen der Not trocknete, und wofür ihr, nebst den
heißesten Danke, auch das Gebet der Armen für ihr und ihrer Familie Wohl mit
106
gerührtem Herzen nachfolget.“
103
Innsbrucker Zeitung, Nr. 9, 16. Juni 1848, S. 38.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 59, 12. September 1848, S. 262.
105
Innsbrucker Zeitung, Nr. 60, 13. September 1848, S. 266.
106
K.K. Priv. Bothe, Nr. 21, 13. März 1848, S. 87.
104
37
Wenn die Kaiserin Geld zur Uniformierung der Nationalgarde spendete, so war das
ein neuer Raum, den sie betrat und sich somit politisch solidarisierte:
„Die Kaiserin hat heute 1000 Gulden zur Uniformierung der Nationalgarde
107
gespendet.“
Die Presse informierte in jeder Ausgabe die LeserInnen über die Helden auf den
Schlachtfeldern. Über Radetzky beispielsweise häuften sich die Nachrichten. Wie es
Frauen erging, deren Männer in den Krieg zogen, wurde nicht geschildert. Zur
Finanzierung des Krieges und zur Versorgung der Verwundeten rief man zu
Geldspenden auf. Besonderes wohlhabende Frauen wurden angesprochen. Ihnen
vermittelte man das Gefühl, einen nicht unwesentlichen Beitrag am Kriegsgeschehen zu leisten:
„Ihr, die ihr nun mit freudig lachendem Ohre vernehmt, was unsere braven
Helden am Po und an der Adria können, vernehmt nun auch einmal, was unsere
edlen Frauen können. Mantuas Spitäler sind voll von Wackeren (...) Für die
Menge reichen die Mittel nicht aus zur wohltuenden Labung, und bedrängte
Herzen wenden sich um Hilfe für die Leidenden in Innsbruck. Und wie am Hofe
unsere hohen Frauen das Leiden und die Not vernehmen, da öffnet sich das
Herz, und eilig spenden sie nach Hunderten zur Linderung der Leiden und Not,
108
und mit der Mutter schleichet auch der kleine Prinz zu seiner Sparbüchse.“
Ein weiterer politischer Raum für (aristokratische) Frauen erkannte man in der
Öffentlichkeitswirkung der Medien. Durch die Pressefreiheit nutzten Frauen die
Medien immer häufiger als Kommunikationsforum. Spendenaufrufe oder Danksagungen wurden beispielsweise des Öfteren abgedruckt:
„Salzburg. Ihre Majestät die Kaiserin Mutter haben der Redaktion der Salzburger
konstitutionellen Zeitung für die hart bedrängten Bewohner des Ötztales 300
fl.G.M. zuzumitteln geruht und habe noch überdies das Bedauern geäußert, im
gegenwärtigen Augenblicke nicht mehr für die Bewohner des Ötztales tun zu
können. Durch diese großmütige Gabe beurkundet Ihre Majestät die gnädigste
109
Teilnahme an dem Schicksal Tirols.“
„Ihre Majestät die Kaiserin Mutter hat dem Frauenvereine auch heuer ein
Geschenk im Betrage von 100 fl. k.M. zugewendet und bei diesem Anlasse
zugleich die Versicherung beigefügt, dass es Allerhöchst Ihnen wohltue zu
sehen, dass die biederen Tiroler auch in der gegenwärtig bewegten Zeit dieselbe
aufopfernde Treue und Ergebenheit bewähren, die sie von jeher ausgezeichnet
110
hat. Innsbruck, 22. April 1848. Von der Vorstehung des Frauenvereines.“
107
K.K. Priv. Bothe, Nr. 37, 20. April 1848, S. 185.
K.K. Priv. Bothe, Nr. 101, 10. August 1848, S. 472.
109
Volksblatt, Nr. 5, 26. Juli 1848, S. 40.
110
K.K. Priv. Bothe, Nr. 39, 24. April 1848, S. 194.
108
38
Dieses Zitat gab gleich mehrere politische Frauenräume preis: Zum einen war dies
die Subvention der Kaiserin Mutter, zum anderen das offene Forum der Presse. Der
dritte politische Bereich umfasste jenen des Frauenvereines. Dieser engagierte sich
sehr stark in der Errichtung bzw. Erweiterung der Industrieschulen für arme Mädchen
und Kinderhorte. Da sich sowohl Adlige als auch Bürgerliche in diesem Frauenverein
engagierten, wurde noch später ausführlich darauf eingegangen.
5.4. Adlige Frauen in Tirol
In Tirol und Vorarlberg gab es 0,41 Prozent Adlige. Im nächsten Diagramm
111
wurde
dabei die Verteilung ersichtlich:
Adlige in Tirol und Vorarlberg (Prozente)
40
33
27
30
20
15
13
7
10
3
2
0
Vorarlberg Oberinntal Unterinntal Pustertal
An der
Etsch
Trient
Rovereto
Ein Drittel der Adligen lebte im Kreis Trient, mehr als ein Viertel im Unterinntal mit
Innsbruck. Städte waren immer beliebte Zentren Adliger bzw. Bürgerlicher. Die
wenigsten wohnten in den weit entfernten Gebieten der Bezirke Vorarlberg und
Oberinntal.
111
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 133f.
39
5.5. Die Kaiserin von Österreich und Erzherzogin Sophie
Die einzigen adligen Frauen,
die in den Tiroler Printmedien
sehr oft erwähnt wurden, waren die Kaiserin Maria Anna
und die Erzherzogin Sophie.
Durch die Flucht des kaiserlichen Hofes am 19. Mai 1848
nach Innsbruck standen sie
besonders
im
Rampenlicht
und nahmen am gesellschaftlichen Leben Innsbrucks teil.
Bild: Heimliche Flucht aus Wien am 17. Mai 1848; aus: Niederhauser,
Sturm, a.o.O.
Wie beeindruckend musste für viele TirolerInnen die Ankunft gewesen sein.
Innsbruck und ganz Tirol war stolz, als Residenzstadt der Habsburger zu fungieren,
weshalb auch sämtliche Medien euphorisch über diese Begebenheit Bericht
erstatteten:
„Der Kaiser kommt, (...) der Jubel war groß. Und so eilten Unzählige, groß und
klein, von allen Ständen der Kettenbrücke zu. Bei der Mühlauer Höhe wurden
dem Kaiser die Pferde ausgespannt und in langer Reihe zogen die Jubelnden in
buntester Mischung den Wagen des Kaisers nach Innsbruck. Daßelbe geschah
112
von der Ketten an mit dem Wagen der allgeliebten Kaiserin.“
Weitere Zitate gaben die positive Stimmung und Haltung zum kaiserlichen Hof
wieder. War die kaiserliche Familie als Repräsentantin der adligen Privilegienkurie in
Wien verhasst, so konnte sie sich in Innsbruck geborgen fühlen. Der Großteil der
TirolerInnen zeigte sich äußert loyal:
„Bei dem einfachen Mittagsmal, das im Hofgarten stattfand, beehrten
Volksmengen Ihre kaiserlich königliche Hoheiten Erzherzog Franz Ferdinand,
113
114
dessen Gemahlin, Erzherzogin Sophie und dessen Söhne (...) “
112
Volksblatt, Nr. 1, Urbani Tag (19. Mai) 1848, S. 1.
vgl. Werner Zimmermann, 1848 im Spiegel der Briefe von Sophie, Erzherzogin von
Österreich, an die Tiroler Dichterin Walburga Schindl; in: Herbert Neuner (Hg.), Südtirol in
Wort und Bild 3/1998, 42. Jg., Innsbruck 1998, S. 22-26: Erzherzogin Sophie, wurde am
27. Jänner 1805 als 10. Kind des Königs von Bayern, Maximilian I. Josef, und dessen
zweiter Frau Karoline von Baden geboren. Am 4. November 1824 heiratete sie Erzherzog
113
40
Bild: Aufzug einer Tiroler Schützenkompanie vor der Innsbrucker Hofburg. Farblithographie von Basilio
Armani 1848; aus: Fontana, Restauration, a.o.O., S. 705.
Vor revolutionären Ausschreitungen musste sich das Kaiserhaus in Tirol nicht
fürchten. Die ideologische Welt der meisten TirolerInnen bestand in der Verbindung
des weltlichen Kaiserhauses mit der katholischen Religion:
„Das Fronleichnamsfest wurde auf so feierliche Weise gefeiert wie es Innsbruck
noch nie gesehen hatte. Es schlossen sich auch Seine Majestät die Kaiserin, der
115
Erzherzog Franz Karl und die Erzherzogin Sophie dem feierlichen Zuge an.“
Die Loyalität zum Kaiserhaus war so groß, dass viele Schützenkompanien die
Innsbrucker Hofburg bewachten. In Wien aber blieb ein ratloses Ministerium zurück,
das nicht in der Lage war, die empörte Wiener Bevölkerung zu beruhigen. Viele
Staatsgeschäfte lagen brach. Chaotische Zustände und wirtschaftliche Probleme
nahmen in Wien erschreckende Ausmaße an. Durch die Abreise des Hofes kam es
zu schweren Einkommensbußen für die Bevölkerung.
Franz Karl Johann, den Sohn des österreichischen Kaiser Franz I. In dieser Ehe gebar sie
sechs Kinder, u.a. Franz Joseph, der im Dezember 1848 Kaiser von Österreich wurde.
114
Volksblatt, Nr. 1, 19. Mai, S. 8.
115
Innsbrucker Zeitung, Nr. 13, 23. Juni 1848, S. 54.
41
Deshalb war es sehr beeindruckend und nur von der Roveretaner Presse
veröffentlicht, dass „von Wien sogar eine Delegation von sieben Frauen anreiste,
welche dem (demokratischen, r.t.) Frauenverein angehören, und um eine Audienz
bei Ihrer Majestät der Kaiserin baten.“
116
Ihre Bitte lautete: Rückkehr in die
Residenzstadt.
Den sieben Frauen, darunter namentlich einer Frau Strunz, war es ein großes
Anliegen, dass der kaiserliche Hof zur Beseitigung der chaotischen Missstände nach
Wien zurückkehrt. Sie hätten kaum diesen langen und beschwerlichen Weg alleine
auf sich genommen,
117
wenn ihnen die eklatante und prekäre Situation in der
Residenzstadt nicht bewusst gewesen wäre.
Doch der kaiserliche Hof verweilte weiter in Innsbruck. Erzherzogin Sophie
unternahm zahlreiche Ausflüge im Mittelgebirge nach Mühlau, Arzl, Rum, Absam,
Zirl. Ein medial festgehaltenes Ereignis zeigte ihr soziales Engagement:
„Der älteste Sohn des Anton Partner hatte im Winter das Unglück, auf dem
Heimwege unter den Schlitten zu kommen (...). Gott hat ihm wirklich besonderen
Trost vorbereitet. Auf einer Spatzierfahrt nach Zirl besuchte die Durchlauchtigste
Frau Erzherzogin Sophie den Kranken, und die Folgen dieses Besuches sind:
Die Zusicherung einer jährlichen Unterstützung von 36 fl., eine ganz neue
118
Bettstatt, ein neues Bettgewand usw.“
Aber nicht nur dies wurde verschriftlicht. Zahlreiche Quellen erwähnten eine
Bekanntschaft, ja Freundschaft mit einer Frau aus einer unterschiedlichen
Gesellschaftsschicht: der Wirtshaustochter und Dichterin Walburga Schindl:
116
Il messaggiere tirolese, Nr. 43, 27. Mai 1848, Beilage: Rovereto, 30. maggio. Da Vienna è
pure giunta una deputazione di sette signore, che fanno parte dell‘unione delle dame, e le
quali domandarono un‘udienza da S. M. l‘Imperatrice.
117
Eine Reise von Wien nach Innsbruck dauerte unter den damaligen Straßenverhältnissen
ungefähr zwei bis drei Tage und war wegen krimineller Überfälle nicht ganz ungefährlich,
geschweige denn, wenn Frauen alleine reisten. Alleinreisende Frauen sorgten dazumal
sicher für (negativen) Gesprächsstoff, denn laut der ihnen vorgeschriebenen Rolle durften
sie ohne männliche Begleitung nicht außer Haus gehen.
118
Volksblatt, Nr. 33, 20. November. 1848, S. 201.
42
•
Erzherzogin Sophie,
46jährig,
Sissis
Schwiegermutter,
eine
Tochter des bayerischen Königs Maximilian
I. Joseph. Sie war eine Frau mit starkem
Willen.
1848
Abdankung
setzte
Kaiser
sie
nach
Ferdinands
I.
der
die
Krönung ihres Sohnes Franz Joseph zum
österreichischen Kaiser durch. Bekannt als
„der einzige Mann bei Hofe" war Sophie es,
die in den ersten Regierungsjahren Franz
Josephs die politischen Geschicke Österreichs leitete.
•
119
Bild: Erzherzogin Sophie aus: http://
www.kaisergruft.at/kaisergruft/sophie.htm
Walburga Schindl,
Wirtstochter, Bauernmädchen und anerkannte Poetin. Sie war gerade erst 22
Jahre alt, als sie sich im elterlichen Gasthaus „Bogner“ in Absam 1848 kennen
lernten.
120
Jenes Wirtshaus leitete die Witwe Notburga Schindl mit fünf Kindern.
121
Walburga
(1826-1872) musste mit ihrer jüngeren Schwester Maria die Gäste betreuen und
unterhalten. Erzherzogin Sophie liebte dieses Gasthaus, da sie sich dort gut erholen
konnte.
Auch nach der Abreise von Erzherzogin Sophie blieben die beiden in Kontakt. Die
gesammelten Briefe zwischen Erzherzogin Sophie und der Dichterin Walburga
Schindl sind sehr aufschlussreich und stellten eine relevante Quelle dar.
122
Erzherzogin Sophie übermittelte in diesen Briefen oft Grüße an die Familie des k.k.
Gubernialrates Grafen Fünfkirchen, an die k.k. Palastdame Magdalena (Lenerl)
Gräfin Wolkenstein, Vorsteherin des Innsbrucker Frauenvereines, an die Frau des
119
vgl. http://www.sisi-net.de/bio/vita_06.htm
vgl. Zimmermann, 1848 im Spiegel der Briefe von Sophie, a.o.O., S. 22.
121
vgl. Alois Brandl, Erzherzogin Sophie von Österreich und eine tirolerische Dichterin
Walburga Schindl, Wien 1902, a.o.O., S. 27.
122
ebda.
120
43
Barons Zobel, Obersten des Kaiserjäger-Regiments, und an die Mitglieder des
123
adligen Damenstiftes.
Kaiserin Maria Anna und Erzherzogin Sophie wurden in der Tiroler Presse von 1848
immer positiv dargestellt, ihre karitativen Leistungen gelobt und ihre Wohltätigkeiten
gewürdigt. Bei einer genaueren Analyse der meisten Biographien fallen wesentliche
Unterschiede auf:
Im Vergleich zur Tiroler Presse wurde der Erzherzogin Sophie größtenteils das Bild
einer „verhassten Intrigantin“ und des „bösen Geistes am Hof“
124
zugeschrieben. Der
Autor Holler wies aber gleichzeitig hin, dass es über keine andere Frau am
kaiserlichen Hof so zwiespältige Aufzeichnungen von Zeitzeugen gegeben habe. Von
einigen
Mitmenschen
wegen
ihrer
Intelligenz,
Durchsetzungskraft,
Entschlussfähigkeit und Energie bewundert, wurde sie von den meisten aber zu einer
arroganten Frau abgewertet.
Die politische Gesinnung von ihr sei dahingestellt. Es geht hier weniger um ihre
politische Einstellung als um ihre Darstellung und Diffamierung als Frau jener Zeit.
Deshalb der Versuch, ihr negatives Bild zu relativieren. Wurde Erzherzogin Sophie
zum „bösen Geist des Hofes“ auserkoren, weil sie eine Frau war, die nicht ins
vorgeschriebene Frauenbild passte? Oder war sie den Männern zu mächtig, zu klug,
zu unberechenbar?
Den endgültigen (internationalen) negativen Touch verlieh ihr schließlich wohl der
Film „Sissi“. Erzherzogin Sophie intrigierte als klischeehafte böse Schwiegermutter.
Gemäß einer Schwarz-Weiß-Malerei wurde sie der „einfachen, netten und braven“
Sissi gegenübergestellt.
Kaiserin Maria Anna war ebenfalls eine starke Frau, die ein großes politisches
125
Gespür hatte.
Während der Aufstände in Wien waren die Kaiserin und Erzherzogin
Sophie die einzigen, die am kaiserlichen Hof die Ruhe bewahrten. Die männlichen
Mitglieder aber liefen aufgeregt und planlos in den Räumen herum.
123
126
ebda, S. 15; sowie Briefe von Erzherzogin Sophie an Walburga Schindl, S. 74, S. 76, S.
79, S. 81, S. 83, S. 84, S. 86, S. 89, S. 90, S. 96.
124
vgl. Gerd Holler, Sophie, die heimliche Kaiserin. Mutter Franz Joseph I., Wien/München
1993, S. 11.
125
ebda, S. 144.
126
ebda, S. 140.
44
Kaiser Ferdinand wurde als regierungsunfähig, geistesschwach und kränklich
beschrieben, weshalb die Kaiserin Maria Anna und auch Erzherzogin Sophie die
Pflichten des Kaisers übernahmen und die politischen Geschicke einer großen
Monarchie beeinflußten:
„(...) Dagegen geruhten Ihre Majestät die Kaiserin den Fürsten Esterhazy und
127
den türkischen Botschafter anzunehmen.“
Sie waren es auch, die den Sturz Metternichs befürworteten und eine Flucht nach
Innsbruck in Erwägung zogen. Wahrscheinlich bestimmten sie auch einen günstigen
Zeitpunkt der Abreise von Innsbruck. Die loyalen TirolerInnen bedankten sich beim
Kaiserhaus in der Presse:
„Gedicht an die Kaiserin. Lebe wohl.
1. Strophe: Erhabene Frau, willst du vom Lande stoßen?
Dem Eiland, das so traulich dich empfangen.
6. Strophe: So löse, Herrin, nun den Kahn vom Strande
Und wölbt sich einst des Friedens Bogen
Im frischen Glanz über Österreichs Lande,
128
Dann denke Deiner Treuen in Tirol!“
Durch erneute Aufstände im Oktober flüchtete der kaiserliche Hof nach Ölmütz:
„Folgende Züge von der Flucht des Kaisers am 7. Okt. (nach Ölmütz, R.T)
entnehmen wir der allgemeinen Zeitung: (...) die Avantgarde erfuhr, wer sich in
der Mitte der Truppen befindet (...) und begann ein Hurrah und Hüteschwenken,
dass die kaiserliche Familie sich bewogen fand, die Wagen zu verlassen und mit
den Umstehenden über die Ursache der Abreise zu sprechen. Kaiser und
Kaiserin waren ganz verweint, die Erzherzogin Sophie konnte vor Schluchzen
keine Sylbe hervorbringen (...). In Eggenburg kamen die Mädchen entgegen, alle
129
mit schwarzgelben Bändern geziert (...).“
Auch Tiroler Abgeordnete besuchten den kaiserlichen Hof in Ölmütz, wo sie herzlich
empfangen wurden:
„Über den Empfang unserer (Tiroler, r.t.) Deputirten beim Kaiser in Ölmütz
entnehmen wir Folgendes: Der gute Kaiser empfing uns in Gegenwart Ihrer
Majestät der Kaiserin mit besonderer Freundlichkeit (...). Eben so herzlich war
unser Empfang bei Seiner kaiserlichen Hoheit dem Erzherzog Franz Karl, der
130
Frau Erzherzogin Sophie und den übrigen Mitgliedern des Kaiserhauses.“
127
Innsbrucker Zeitung, Nr. 9, 16. Juni 1848, S. 38.
Volksblatt, Nr. 7, 9. August 1848, S. 59.
129
Volksblatt, Nr. 31, 13. November 1848, S. 195.
130
ebda, S. 196.
128
45
6. Das Bürgertum in Tirol und Vorarlberg
BürgerInnen in Tirol und Vorarlberg (Prozente)
40
30
19
20
20
10
10
17
12
12
Pustertal
An der Etsch
10
0
Vorarlberg
Oberinntal
131
Das Diagramm 6
Unterinntal
Trient
Rovereto
zeigt die prozentuelle Verteilung der Bürgerlichen in Tirol und
Vorarlberg. Insgesamt waren 4,32% der Bevölkerung Bürgerliche. Adlige machten
0,41% Prozent aus. Adlige wohnten hauptsächlich in Trient (1/3) und Unterinntal
(mehr als ein Viertel). In Vorarlberg zählten Adlige nur 2,5%, während dort fast ein
Fünftel der Bürgerlichen lebte. Dies ist durch die große Ansiedlung protoindustrieller
Betriebe, v. a. der Textilfabriken, erklärbar.
B eamte in Tirol und Vorarlberg (Proz ente)
38
40
30
17
20
10
10
7
8
10
Pus tertal
An der
Ets ch
10
0
Vorarlberg
Oberinntal
U nterinntal
Trient
R overeto
132
Insgesamt gab es in Tirol und Vorarlberg 0,29% Beamte. Diagramm 7
zeigt die
prozentuelle Verteilung der Beamtenschaft in Tirol und Vorarlberg. In der
Landeshauptstadt Innsbruck waren mit 38% erwartungsgemäß am meisten Beamte
tätig.
131
132
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 133f.
ebda.
46
Das Bürgertum jedoch als homogene Masse darzustellen, würde in die Irre führen.
Markante Differenzen wurden offensichtlich: so muss zwischen den Bürgerlichen in
Wien, Tirol oder Vorarlberg unterschieden werden. Aber auch innerhalb des
Bürgertums (Bildungs-, Handels- und Besitzbürgertum; Groß- und Kleinbürgertum).
Das Bildungsbürgertum rekrutierte sich – anders als in Wien – in Tirol größtenteils
aus dem geistlichen Stand. Für die arme ländliche Bevölkerung war der Eintritt in den
geistlichen Stand oft der einzige Ausweg aus ihrer prekären Situation, die einzige
133
Möglichkeit zur höheren Bildung oder Studium.
Finanziell und politisch einflussreicher war das Handelsbürgertum (in Bozen,
Innsbruck, Trient und Rovereto), das eine wichtige Rolle in der sozioökonomischen
Entwicklung Tirols spielte. Dieses sah in den Modernisierungen (z.B. Eisenbahn)
beträchtliche Nachteile für den Handel sowie eine Bedrohung ihrer Existenz. Es
stellte sich deshalb gegen Erneuerungen und Innovationen in Tirol. Hans Heiss
beschrieb das Handelsbürgertum als volksfrömmig, mit einem „Hang zur Mystik und
Weltabgewandtheit",
134
135
das einen „militanten und ultramontanen Katholizismus"
ausübte. Die BesitzbürgerInnen spielten kaum eine Rolle für Tirol. Der größte Teil
des Bürgertums war im Gastgewerbe (Fremdenverkehr und Kurwesen) tätig. Zum
Kleinbürgertum zählten die selbständigen Handwerker.
Der Großteil des Tiroler Bürgertums sah keine Notwendigkeit, sich für bürgerliche
Rechte einzusetzen. Man stieß auf Desinteresse an Modernisierungen und
Reformen. Das Bürgertum genoss wie nirgendwo anders Privilegien des Adels. Auch
die schlechten Erfahrungen während der Angliederung an das reformorientierte
Bayern hinterließen deutlich ihre Spuren. Die meisten Bürgerlichen in Tirol waren
daher
sehr
konservativ,
reformkritisch
und
-ablehnend,
volksfrömmig
und
ultramontan geprägt:
„Bäuerlich-bieder, bürgerlich-behaglich und geistlich-fromm floß das Leben dahin,
136
und von umstürzlerischen Gelüsten war hier wohl so gut wie nichts zu spüren."
133
vgl. Hans Heiss, Bürgertum in Südtirol. Umrisse eines verkannten Phänomens; in: Ernst
Bruckmüller u.a. (Hg.), Bürgertum in der Habsburgermonarchie, Wien 1990, S. 306.
134
zit. ebda, S. 303.
135
zit. ebda.
47
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten die bürgerlich-liberalen und
deutschnationalen Lager ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein in Tirol, was sich in
der regen Vereinskultur, wie die (deutschnationalen) Männergesangs- und
Turnvereine, der Alpenverein und Schützentruppen, widerspiegelte.
137
6.1. Bürgerliche Frauen in der Tiroler Presse
Nachfolgend wird auf folgende Fragen näher eingegangen: Welche Darstellungen
von Bürgerinnen gab es in den Printmedien? Wurde die bürgerliche Frauenrolle
widerstandslos angenommen? Wie agierten sie im Alltagsleben? Gingen sie
außerhalb der Privatsphäre „Berufen“ nach? Welches politisches Engagement
entwickelten sie 1848? Welche Relevanz kam dem Engagement zu? Welche
Auswirkungen hatte das auf die politischen Entscheidungsträger?
6.2. Neue öffentliche Räume für Bürgerinnen: Aufbruch aus den
Wohnzimmern
In der Revolution von 1848 öffneten sich viele politische Wirkungsfelder für
Bürgerinnen: im neuen Vereinswesen, in der Presse, als Zuhörerinnen in der
Frankfurter Paulskirche usw. nahmen sie aktiv teil. Das spielte für den weiteren
Verlauf der (bürgerlichen) Frauenbewegung eine wesentliche Rolle, und Grundsteine
zur Emanzipation wurden gelegt. Viele adlige und bürgerliche Frauen sahen Modelle
außerhalb ihrer festgesetzten Rolle. Neue bzw. gelockerte Strukturen erlaubten es
Frauen, ihre Interessen in selbständigen Organisationen zu vertreten.
138
Gerade in Zeiten wie 1848 etablierten sich verschiedene politische Institutionen,
starre Rollen brachen auf, und politische Diskurse standen an der Tagesordnung.
Trotz allem engagierten sich aber nur wenige Frauen politisch. Diese politisch aktiven
Frauen planten oft konkrete Aktionen. Sie traten aus der privaten Sphäre. Obwohl sie
von Wahlen und direkter politischer Partizipation ausgeschlossen waren, fanden sie
neue (andere) Räume politischer Partizipation und Solidarität. Dank der Medien
wurden deshalb auch diese politischen Frauenbilder sichtbar:
136
zit. nach Gschließer, Das Jahr 1848, a.o.O., S. 32.
vgl. Heiss, Bürgertum in Südtirol, a.o.O., S. 308.
138
vgl. Carola Lipp, Bräute, Mütter, Gefährtinnen. Frauen und die politische Öffentlichkeit in
der Revolution 1848; in: Grubitsch, Grenzgängerinnen, a.o.O., S. 72.
137
48
6.2.1. Die Damentribüne – ein politischer Raum
Von großer politischer Relevanz war die Präsenz bürgerlicher Frauen auf der
„Damentribüne“ in der Frankfurter Paulskirche. Dort waren 200 Tribünenplätze für
Frauen reserviert:
„Nationalversammlung zu Frankfurt: (...) Auch wir Tiroler haben tüchtige und edle
Männer nach Frankfurt in die Paulskirche gesendet. Doch kurz zuvor will ich euch
den Versammlungsort erklären: (...). Es steht eine große Kanzel (Tribüne), von
wo hinab die Redner sprechen. In kreisförmigen Linien sind die Sitze der
Abgeordneten angeordnet. Hinter diesen folgen noch einige Bankreihen für
139
zuhörende Männer und Frauen.“
Auch das Tiroler Wochenblatt hielt fest:
„Frankfurter Nationalversammlung (...). Die Damentribüne war vollständiger als je
besetzt mit allen Farben und Flittern irdischer Freude oder Eitelkeit. Die Galerie
140
konnte kaum athmen, so vollgestopft war sie.“
Die Möglichkeit zur Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen wurde also
von einer beachtlichen Gruppe von Frauen wahrgenommen.
141
Das Zuhören war eine
Alternative, in denen Frauen an den Sitzungen der „Volksvertretungen“ teilnehmen
konnten. Dieser erstmalige Eintritt in eine bis dahin reine Männerdomäne
beeindruckte, irritierte aber auch viele Abgeordnete. Sie erregten Aufmerksamkeit.
Plötzlich waren Männer nicht mehr unter sich. Es blieb den Abgeordneten ein Rätsel,
warum Frauen ein solch gesteigertes Politikinteresse zeigten.
Wie Frauen selbst diesen neuen Raum erlebten, wurde leider nirgends geschildert.
Sie haben nicht nur still und aufmerksam dagesessen, sondern beeinflußten oft die
politische Diskussion durch Zu- oder Buhrufe:
„(...). Eine Flut der beredetsten Worte stempelten ihn zum Philister, Reaktionär
142
oder, wie das Modewort hieß, zum Heuler.“
139
Volksblatt, Nr. 3, 5. Juli 1848, S. 11.
Tiroler Wochenblatt, Nr. 2, 19. Juli 1848, S. 7.
141
vgl. Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer
Weiblichkeit. Frankfurt am Main 1986, S. 73.
142
zit. nach Hummel-Haasis, Schwestern a.o.O., S. 39.
140
49
Bild: Eine gut besuchte Versammlung mit bürgerlichen Frauen als Zuhörerinnen; aus: Heinz Rieder,
Die Völker läuten Sturm. Die europäische Revolution 1848/49, Köln 1997, S. 128.
Solche neue Räume waren von immenser Bedeutung: Frauen entwickelten ein
politisches Bewusstsein und Interesse. Sie bildeten sich ihre eigene Meinung über
Themen, äußerten Kritik an politischen Inhalten und Abgeordneten und hatten oft
politisches Feingefühl. Auch außerhalb erörterten Frauen mit großer Leidenschaft die
tagespolitischen Fragen. Manche Frau diskutierte mit ihrem Ehemann eifrig:
„(...). ‚Aber sage mir doch mal, wie könnt Ihr Euch um leere Formen so streiten?
Das schadet ja den Sachen. Ihr kommt ja mit nichts vorwärts!‘ Will der Herr
Gemahl die Fragerin mit dem herkömmlichen Satz ab und zur Ruhe weisen:
‚Liebes Kind, das verstehst Du nicht‘, so versetzt liebes Kind: ‚Ei, ich hab es mir
ja mit angehört, wie Herr A. und B. Euch das nämliche vorgehalten hat. Sind das
nun Leute, die es gewiß verstehen, so sind wir Frauen auch zur Einsicht
gekommen. Es sind ja auch unsere Dinge, und wir lassen uns vom Urteil darüber
143
nicht mehr ausschließen!‘ (...).“
Auf den Tribünen harrten ausschließlich bürgerliche Frauen („Damen“) aus.
Arbeiterinnen konnten kaum dabei gewesen sein. Diese hatten andere (existentielle)
143
zit. nach ebda.
50
Sorgen als sich für bürgerliche Rechte einzusetzen. Auch Adlige waren nicht
anwesend. Für sie bedeutete Demokratisierung und Parlamentarismus ein großer
Privilegienverlust. Dieser Raum war also ein rein bürgerlicher. Im Gegensatz dazu
verschwammen die öffentlichen Räume der Spenden, Fahnenstickerei und
Wohltätigkeitsvereine: Adlige und Bürgerinnen beteiligten sich daran.
6.2.2. Spenden als politische Wirkungsbereiche
Ein weiteres politisches Feld eröffnete sich durch Spenden vieler Bürgerinnen und
Adliger. Sie gaben dadurch indirekt ihre politische Gesinnung kund. Folgende Frauen
spendeten der Nationalgarde:
„Dem Nationalgarden-Verwaltungsrathe wurden ferner nachstehende weitere
Beiträge übergeben (...). Frau Gunz, Kaufmannswitwe 12 fl. Für welche
patriotischen Gaben hiermit der wärmste Dank erstattet und um weitere Beiträge
144
ersucht werden.“
„Für den Nationalgarden-Fond wurden dem gefert. Verwaltungsrathe weitere
145
Beiträge eingehändigt: (...) Frau Witwe Hild, 9 fl 36 kr.“
6.2.3. Fahnensticken und -spenden als politische Territorien
Fahnenstickerei und -spenden sind Räume mit politischer Symbolik. So auch in der
Revolution von 1848. Die Presse berichtete unzählige Male über diese:
„Das Preßgesetz wurde veröffentlicht. In der Nacht kamen Männer auf die
Universität und übergaben der wachhabenden Abteilung der Studenten die
Fahne mit dem Bedeuten sie aufzuhängen. In aller Frühe hingen auf der Straße
herab zwei schwarz rot goldene Fahnen. Mit welchem Jubel wurden sie
empfangen! Und wer hat sie gesandt? Frauen von Wien waren es; diese gaben
uns die Banner zum Kampf für Deutschland. Sechs dieser Frauen von Wien! Ich
möchte eine nach der anderen küssen vor lauter Freude! (...). Sie zogen zum
Standbild des letzten deutschen Kaisers – zu Joseph. Von den Fenstern sahen
schöne Frauen herab. Ich rief ihnen zu: ‚Sehen Sie, Frauen von Wien, das sind
die Farben, mit denen sie sich künftig schmücken sollen!‘ ‚Ja, ja!‘ antworteten sie,
146
das wollen wir! und winkten freudig herab.“
Männer wie Frauen setzten sich für gemeinsame Ideale ein, ihre Handlungsmöglichkeiten waren aber sehr unterschiedlich. Die Geschichtsschreibung gab aber
größtenteils nur die Partizipation von Männern wieder. Durch Sticken und Spenden
sympathisierten Frauen mit einer politischen Richtung. Eine schwarz-rot-goldene
Fahne machte etwa ihre liberale bzw. deutschnationale Haltung sichtbar:
144
145
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 41, 13. Oktober 1848, S. 164.
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 42, 20. Oktober 1848, S. 168.
51
„Von der Etsch. Der August war's, der Deutschland mit all' den wunden Flecken
zur Schau stellte. Nur ein Häufchen Liberaler feierte das deutsche Fest zur
Vereinigung Deutschlands. Böllerschüsse verkündeten am Morgen den großen
Tag, der Kapuziner Nischler sprach über das Glück, Erzherzog Johann an der
Spitze des deutschen Volkes zu sehen, und der sonst so beurteilte Dekan Santer
sang das Deum laudamus. Ein großer Festzug unter Vortragung deutscher
Fahnen, wovon eine das schöne Geschenk Meraner Frauen, eröffnete das
147
nationale Scheibenschießen.“
Fahnensticken war also politisch.
148
Die tragende Symbolik einer Fahne war jene des
Schutzes, der Verteidigung des Vaterlandes:
„Öffentlicher Dank. Von den Frauen Innsbrucks dargebrachten freiwilligen
Beiträge zur Anschaffung einer Fahne für die zur Verteidigung ihres Vaterlandes
unter der Anführung des Kapuziners Joachim Haspinger aus Wien
zurückkehrenden Tiroler Freiwilligen sind so reichlich ausgefallen, dass sie um
ein Namhaftes überstiegen. Nach dem ausgesprochenen Wunsche der
Geberinnen wurde der Geldüberschuß den Unterzeichneten übergeben, ihn zum
Besten der hiesigen unbemittelten Studierenden des Universitäts-Korps zu
149
verwenden.“
„Gräfin Maria von Chotek spendet eine Fahne zur Landesverteidigung. Heil der
150
edlen Geberin!“
„Tausende von Fahnen, die teilweise von den patriotischen Frauen als Geschenk
151
dargereicht wurden, wehten nach dem Takt des Tamburins.“
Zur Anfertigung einer Fahne trafen sich bürgerliche Frauen oft abends oder sonntags. Sie mussten den Entwurf besprechen, den Stoff besorgen und Spendengelder
organisieren. Frauen trafen dabei wiederum auf Frauen, die sie außerhalb des
traditionellen Familien- und Verwandtschaftsverbandes kennen lernten. Diese
Gruppen halfen die häusliche Isolation zu durchbrechen und gegenseitig Gedanken
auszutauschen. Gleichzeitig bildete diese Aktivität auch eine neue Form der
Frauenöffentlichkeit.
146
152
K.K. Priv. Bothe, Nr. 29, 6. April 1848, S. 149.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 60, 13. September 148, S. 254.
148
vgl. Tamara Citovics, Bräute der Revolution und ihre Helden. Zur politischen Funktion des
Fahnenstickens; in: Lipp, Schimpfende Weiber, a.o.O., S. 339.
149
K.K. Priv. Bothe, Nr. 37, 20. April 1848, S. 190.
150
K.K. Priv. Bothe, Nr. 51, 21. Mai 1848, S. 250.
151
Il messaggiere tirolese, Nr. 25, 25. März 1848, S. 2: 'Migliaia di bandiere, parte dono di
donne patriotiche, sventolavano al capo suono dei tamburi.'
152
vgl. Citovics, Bräute der Revolution, a.o.O., S. 341ff.
147
52
Die feierliche Übergabe erfolgte fast überall gleich.
153
Nach der Morgenmesse holten
die Männer die Frauen und das verhüllte Geschenk ab. Die Spenderinnen gingen
hinter den Fahnenträgern geschlossen zur Feier.
Bil
d: Fahnenweihe. Universität Tübingen; aus: Citovics; Bräute der Revolution, a.o.O., S. 347.
Auf dem Festplatz oder in einem Saal nahmen die Frauen Ehrenplätze in der
vordersten Reihe ein. Sie standen im Mittelpunkt dieser Feierlichkeiten. Die Fahne
wurde geweiht. Zahlreiche ZuschauerInnen erfreuten sich der Festlichkeit. Öffentlich
bedankte man sich bei den großzügigen Spenderinnen:
„Eppan, 6. Aug. Anlaß zu dieser Feierlichkeit war der Auszug unserer zweiten
Schützenkompanie und die kirchliche Weihe der neuen kostbaren Fahne, welche
154
die edle Frau Baronin Anna von Call unserer Kompanie verehrte.“
„Bei der Weihe der von den Frauen Innsbrucks gewidmeten Fahne hielt
Erzherzog Johann eine kräftige Anrede, und forderte durch einen Aufruf von 23.
April die Tiroler und Vorarlberger dringend auf, die vaterländischen
155
Wehranstalten zu vollenden.“
„Die wackere Standesschützen Companie unserer Stadt übt sich unter der (...)
Leitung des k.k. Herrn Hauptmanns Reißinger fast täglich in den Waffen mit dem
besten Erfolge. Am 16. d.M. hatte die Weihe des im reichsten Goldschmucke
prangenden Bandes, welches die verehrte Frau Gemahlin unseres Herrn
Kreishauptmannes, als Pathin der Schützenfahne unserer Companie spendete,
156
in feierlicher Weise statt.“
Nach einem Zeremoniell wurde die Fahne feierlich übergeben.
„Heute nachmittag fand die feierliche Übergabe und Weihe der Fahne
statt, welche Innsbrucker Frauen den von Wien zur Landesverteidigung
157
ausgezogenen Tiroler Studenten zu widmen beabsichtigt haben.“
153
ebda, S. 345.
Tiroler Wochenblatt, Nr. 11, 12. August 1848, S. 36.
155
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 18, 5. Mai 1848, S. 70.
156
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 20, 19. Mai 1848, S. 79.
157
K.K. Priv. Bothe, Nr. 40, 25. April 1848, S. 200.
154
53
Bild: Segnung der schwarz-rot-goldenen Fahne der Tiroler Studenten in Wien vor ihrem Aufbruch zur
Landesgrenze. Ölgemälde von Alois Schönn 1864, Ferdinandeum Innsbruck; aus: Fontana,
Restauration, a.o.O., S. 700; vgl. auch Hans Heiss, Am Rand der Revolution, a.o.O., Umschlagbild.
6.2.4. Petitionen – politische Einflussbereiche
Politische Öffentlichkeit von Frauen bekam 1848 eine neue Qualität. Frauen nutzten
häufig die Presse, um ihre politischen Ansichten kundzutun. Meist wandten sie aber
diese neuen Freiheiten zur Aufrechterhaltung der Alten Ordnung an. Petitionen und
Unterschriftenaktionen, welche erst die Presse- und Meinungsfreiheit ermöglichten,
bekamen für Frauen eine neue politische Dimension. Sie übten somit auf die
Entscheidungsträger
Druck
aus
und
griffen
in
den
politischen
Meinungsbildungsprozess ein:
„(...). Die Anwesenheit des Kaisers versuchte man zu benützen, um auf
kürzestem Wege aus seinem Kabinette das zu holen, was man in Wien kaum im
äußersten Vorzimmer zu begehren gewagt hätte, (...). Im Arbeitsbeutel frommer
Damen konnten jene Petitionen auf den Schreibtisch des Kaisers wandern,
welche Pillersdorf und Dobblhoff der Einhändigungs-Deputation zurückgegeben
158
hätten.“
6.2.5. Die Presse als mediales Politikfeld
Das Selbstbewusstsein einiger Frauen zeigte sich auch durch die (neue)
Öffentlichkeitsarbeit in der Presse. Anhand von Pressemeldungen, -mitteilungen und
158
zit. nach Kaiser, Tirol, a.o.O., S. 43.
54
Danksagungen traten einige in eine bis dato reine männliche Domäne. So bedankte
sich der Vorstand des Frauenvereines öffentlich bei der Kaiserin durch ihre
großzügige Spende:
„Ihre Majestät die Kaiserin Mutter hat dem Frauenvereine auch heuer ein
Geschenk im Betrage von 100 fl. k.M. zugewendet und bei diesem Anlasse
zugleich die Versicherung beigefügt, dass es Allerhöchst Ihnen wohltue zu
sehen, dass die biederen Tiroler auch in der gegenwärtig bewegten Zeit dieselbe
aufopfernde Treue und Ergebenheit bewähren, die sie von jeher ausgezeichnet
159
hat. Innsbruck, 22. April 1848. Von der Vorstehung des Frauenvereines.“
6.2.6. Wohltätigkeitsvereine als politische Räume
Politisches Engagement geschah häufig in Wohltätigkeitsvereinen. Diese waren teils
privat, teils halbstaatlich. Sie gaben Frauen erstmals die Möglichkeit, eigenständige
Initiativen in der Öffentlichkeit zu setzen, ihre Ziele und Organisationsformen selbst
zu bestimmen.
160
Frauen aus verschiedenen Ständen besetzten diesen öffentlichen
Raum.
In den ersten Wohltätigkeitsvereinen sah man die Anfänge weiblicher Fürsorglichkeit
und organisierter „Mütterlichkeit" in der Öffentlichkeit. Fürsorglichkeit galt als „typisch
weibliche Eigenschaft“ der neuen Rolle. Und deshalb fand dieses Engagement auch
die Akzeptanz außerhalb der Privatsphäre. Abgesehen von dieser Fürsorglichkeit
zeigte sich aber ein breiter Handlungs- und Spielraum für Frauen. Trotz konservativer
Wertvorstellungen
konnten
sie
sich
in
Gebiete
vorwagen,
die
bis
dahin
Oberschichtsfrauen verschlossen waren: in Schulen, Spitäler, Gefängnisse, die
Häuser der Armen, die Straßen.
So beanspruchten sie einen großen öffentlichen Raum in der Sozialpolitik. Die
einfachste Möglichkeit zum Ausbruch aus dem Wohnzimmer lag nicht in offener
161
Rebellion, sondern auf dem Weg der humanitären Wohltätigkeit.
Dieses Recht, des
sozialen
Bis
Engagements
musste
jedoch
erkämpft
werden.
dato
hatten
Oberschichtsfrauen „nur“ Almosen verteilt und die kirchliche Fürsorge unterstützt;
doch kein direktes Handanlegen war erfordert. Nun übernahmen sie oft die gesamte
Organisation, kümmerten sich um Spendengelder, verhandelten mit öffentlichen
Institutionen, besorgten Stoffe und anderes Material, traten mit Händlern in Kontakt,
159
K.K. Priv. Bothe, Nr. 39, 24. April 1848, S. 194.
vgl. Sabine Rumpel-Nienstedt, „Thäterinnen der Liebe" – Frauen in Wohltätigkeitsvereinen; in: Carola Lipp, Schimpfende Weiber, a.o.O., S. 206.
160
55
bezahlten Angestellte und Miete, usw.; kurz ein neuer Engagement-, Organisations-,
Kommunikations- und Informationsort für Frauen aus gehobenen Schichten.
Bild von der ersten Verteilung der „Rumforter Suppe“, aus: Reschauer, Das Jahr 1848; in:
http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20700.htm
Als ein Beispiel solcher Wohltätigkeitsvereine fungierte der seit 1834 bestehende
Frauenverein in Innsbruck. Ziele wurden in der Errichtung bzw. Erweiterung von
Industrieschulen und Kinderhorten gesetzt. Ganz im Sinne der konservativen Politik
Tirols versuchte man durch strenge Disziplinierung der Unterschichten, jeglichen
sozialen Protest zu unterdrücken. Die soziale Frage wurde aber nicht gelöst. Die
Presse ermöglichte ein Sichtbarwerden der Aktivitäten und Öffentlichkeitsarbeit des
Frauenvereins:
161
vgl. Bonnie S. Anderson/Judith P. Zinsser, Eine eigene Geschichte. Frauen in Europa,
Bd. 2. Vom Absolutismus zur Gegenwart, Frankfurt am Main 1995, S. 205f.
56
6.2.5.1. Beispiel: Der Frauenverein in Innsbruck
Am 7. Februar 1834 gründete Gräfin Wilczek, geb. Chorinsky, einen Frauenverein,
der innerhalb kürzester Zeit 200 Mitglieder zählte. Hauptanliegen war die Errichtung
bzw. Erweiterung von Industrieschulen für arme, arbeitslose Mädchen und
Kinderhorte in Dreiheiligen, in der Angerzellgasse und St. Nikolaus. Zweck dieser
Industrieschulen bzw. Kinderhorte war die sittliche und religiöse Erziehung armer
Mädchen und Kinder. Durch strenge Disziplinierung der unteren Schichten wollte
man dem „Sittenverfall“ entgegenwirken.
162
Dabei wurden in der Presse zwei Wirkungsfelder besonders sichtbar:
•
Durch eine neue Dimension der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit konnte der
Innsbrucker Frauenverein seinen Tätigkeitsbericht publizieren:
„Seit der Begründung des Frauenvereins ist nun beinahe ein Jahr verflossen. Der
Ausschuß des Vereins möchte deshalb die Öffentlichkeit über ein Jahr Tätigkeit
163
informieren.“
•
Soziale Wohltätigkeit erforderte von den Mitgliedern des Frauenvereins direktes
Handanlegen:
„Der Verein begann seine Wirksamkeit mit Erforschung der zur Förderung und
Erweiterung der Wohltätigkeitsanstalten sich darstellenden Bedürfnisse, und
suchte durch die aufgestellten 34 Bezirksfrauen die Zahl jener Kinder in Erfahrung zu bringen, welche sich für die beiden Institutionen eigneten. Zugleich
wurde eine Vergrößerung der Industrieschulen in Dreiheiligen und Vermehrung
der Kleinkinderwart-Anstalten veranlaßt. Der Magistrat sah eine Erhöhung von 20
auf 200 Mädchen, die Platz zum Arbeiten haben. Gleichzeitig eröffnete der
Verein ein Lokal zur Aufnahme der kleinen Kinder in der Nähe der Drei-HeiligenKirche und ein anderes in der Angerzellgasse. (...). Sobald die Lokalitäten
eingerichtet waren, ging man zur Bestellung des Personals. Für die beiden
Industrieschulen war in dieser Hinsicht bereits durch die schon angestellten und
aus städtischen Mitteln besoldeten Lehrerinnen gesorgt. Dagegen nahm es der
Frauenverein auf sich, nicht nur die Lehrerin an der Industrie-schale zu
Dreiheiligen mit einer zu der vermehrten Zahl der die Schule besuchenden
Kinder im Ebenmaße stehenden Zulage zu betheilen, sondern auch die
Anstellung des für die drei Kinderbewahr-Anstalten bestimmte Wärterinnen aus
der Vereinskasse zu bereiten. (...). Nebst dem Gehalte des Lehrers Quirin Sorg,
bestreitet der Frauenverein die Remuneration der Wärterinnen, wovon Anna
Mooser die Schule beständig, Anna Haller aber nur nachmittags besucht. (...).
Das nimmt allein einen jährlichen Aufwand von 740 fl.R.M. in Anspruch. So
waren nun durch die rühmlichen Zusammenwirken der Geistlichkeit, des
Magistrats, der Armen-Direktion und des Frauenvereins die Institutionen
162
vgl. Konrad Fischnaler, Innsbrucker Chronik mit Bildschmuck nach alten Originalen und
Rekonstruktions-Zeichnungen, Innsbruck 1929, S. 295.
163
K.K. Priv. Bote für Tirol und Vorarlberg. Extra Beilage, Nr. 8, 29. Dezember 1834.
57
begründet und erweitert, zu deren Beförderung sich die Frauen dieser Stadt
vereinigt hatten. (...). Nicht bloß in Innsbruck, sondern auch im ganzen Lande
wurde die Zweckmäßigkeit dieser Anstalten anerkannt, indem selbst ferne
Gemeinden Mädchen eigens hierher sendeten, (...), um dann zu Hause als
Lehrerinnen auftreten zu können. (...). Zur besonderen Pflicht machte es sich der
Frauenverein, die in diesen Anstalten zum häuslichen Dienste zu bringen, (...).
Der Verein hat deshalb eine dringende Bitte, möglichst viel zu andauernd mit
Arbeit zu versorgen. Um die Arbeitspreise zu regulieren und das Zubringen des
Materials zu erleichtern, wurden die Preise von Seiten des Vereins mit
Berücksichtigung aller Verhältnisse festgesetzt. (...). V.a. ergeht die Bitte an die
Hausfrauen, die hier herangebildeten Mädchen in ihrem Familienkreis als
Dienstmägde aufzunehmen, und selbe auf solche Art für die Zukunft zu sichern.
(...).
164
Der Ausschuß des Frauenvereines.“
Die Vorbildfunktion dieses Frauenvereines ließ weitere Wohltätigkeitsvereine
entstehen. 1849 entstand der Elisabethverein, dessen Mitglieder ausschließlich
Frauen waren. Durch ihre unermüdlichen Spendenaufrufe konnten sie zwischen
1850 und 1900 einige Institutionen errichten z.B. das Margarethinum als Heim für
Dienstbotinnen, ein Mädchen-, Waisen- und Erziehungshaus, das Marienheim für
berufstätige Mädchen und das Notburgaheim für alte Dienstbotinnen.
165
Der Patriotische Frauenhilfsverein in Innsbruck wurde 1874 gegründet. Durch das
Engagement in Frauenvereinen fanden viele gehobene Frauen die Möglichkeit, die
konservative Politik ihrer Männer zu unterstützen. Die Erfahrungswerte in solchen
Vereinen dürfen nicht unterschätzt werden. Während viele Innsbrucker Gehobene
bereits Organisationsstukturen kennen lernten, fehlte noch manch anderer Tiroler
Bürgerin das Gespür, sich zu organisieren. Ein Beispiel lieferte die Gründung des
Patriotischen Frauenhilfsvereines (1880) in Brixen:
Der Bürgermeister Leonhard Staub erließ ein Rundschreiben an die Frauen und
Mädchen von Brixen zur Bildung eines Patriotischen Hilfsvereins. Es erschienen 70
Frauen. Es sollten 12 Ausschussfrauen gewählt werden: Doch da den Frauen von
Brixen jede politische Erfahrung fehlte, musste die Wahl der Vorstandsfrau erst
einmal verschoben werden, worauf sie zum Gelächter und Gespött der männlichen
Mitbürger wurden.
164
166
ebda.
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte Tirols, a.o.O., S. 107.
166
vgl. Heiss, Aufzeichnungen des Färbermeisters, a.o.O, S. 258.
165
58
6.3. Berufe
6.3.1. Lehrerin und Erzieherin
Während das Engagement in Wohltätigkeitsvereinen unentgeltlich war, konnten
Frauen durch neu entstandene Berufe eigenes Geld verdienen:
Einer der gesellschaftlich akzeptierten Berufe für Bürgerinnen war im 19. Jahrhundert
jener der Lehrerin.
167
Im Auszug des Frauenvereines wurden auch Lehrerinnen und
Wärterinnen erwähnt. Auch heute noch unterrichten an Schulen mehrheitlich Frauen
(Ausnahmen sind höhere Schulen). Wahrscheinlich eine Folge der gesellschaftlichen
Anerkennung von Lehrerinnen im vorletzten Jahrhundert. Doch so selbstverständlich
war diese Berufsausübung bei weitem nicht:
„Eine Frau, die schon viele Jahre Unterricht in der französischen und
italienischen Sprache auf eine leichte und faßliche Art, sowohl für Knaben und
Mädchen als auch für Erwachsene ertheilte, wünscht auch hier Unterricht in
diesen Sprachen zu geben, und bittet daher jene, welche sie mit dem Zutrauen
beehren und in einer oder der anderen Sprache Unterricht zu erhalten wünschen,
168
es der Expedition dieses Blattes anzuzeigen.“
Da die Monarchie durch die Napoleonischen Kriege faktisch bankrott war, übergab
sie die gesamte Schulkompetenz mit Ausnahme der Schulgesetzgebung der
Kirche:
169
„(...). Die künftigen Mütter des Volkes werden von weltscheuen, kenntnißarmen
170
Nonnen erzogen (...).“
Der Unterricht für Mädchen lag bei den geistlichen Schulordensschwestern
(Tertiarinnen, Ursulinen, Englische Fräulein, Barmherzige Schwestern). Sehr wenige
weltliche Lehrerinnen unterrichteten bis in die 40er Jahre in Schulen.
171
(Meist waren
dies Lehrersfrauen oder -witwen, die den Mädchen neben Handarbeiten auch
Schreiben und Lesen beibrachten). Ordensschwestern legten erwartungsgemäß
besonderen
167
Wert
auf
eine
typisch
weibliche
Erziehung:
ausgiebiger
vgl. Gunda Barth-Scalmani: Geschlecht: weiblich, Stand: ledig, Beruf: Lehrerin.
Grundzüge der Professionalisierung des weiblichen Lehrberufs im Primarschulbereich in
Österreich bis zum Ersten Weltkrieg; in: Erna Appelt (Hg.), L'homme Schriften: Reihe zur
feministischen Geschichtswissenschaft 2, Wien 1995, S. 344.
168
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 39, 29. Sept. 1848, S. 158.
169
vgl. Barth-Scalmani, Geschlecht: weiblich, a.o.O., S. 358.
170
zit. nach Kaiser, Tirol, a.o.O., S. 17.
171
vgl. Barth-Scalmani, Geschlecht: weiblich, a.o.O., S. 361.
59
Religionsunterricht, ordentliche Hauswirtschaftskenntnisse, sittliche und tugendhafte
Erziehung und ein bisschen Allgemeinbildung.
172
Die erstmalige Zulassung weltlicher Lehrerinnen nutzten einige Frauen des
Bürgertums
als
Chance
für
ein
Leben
außerhalb
der
Frauenrolle.
Ihre
unkonventionellen Ausbrüche aus den Wohnzimmern waren aber durch die
Schulgesetze stark eingegrenzt.
173
6.3.2. Mädchenbildung
Die Tiroler Schulordnung von 1586 sah keine Trennung zwischen Mädchen- und
Bubenunterricht vor. Erst die Theresianische Schulordnung von 1774 forderte einen
getrennten Unterricht sowie die allgemeine Schulpflicht. Von da an stiegen die
Zahlen der reinen Mädchenklassen an. 1850 gab es in Tirol 350.
174
Die Schulreform
regelte nicht nur die Aufnahme von weltlichen Lehrerinnen, sondern auch die
gesamte Mädchenbildung. In den Medien ließen sich diesbezüglich unzählige
Diskussionen mitverfolgen:
„Art 1. Wie schon bekannt, soll das ganze Schulwesen (...) neu eingerichtet
werden (...). Es soll hier nur die Rede sein von den Volksschulen, weil diese den
gemeinen Mann am meisten angehen (...). Damit das in Werktagsschulen
Erlernte nicht so leicht vergessen würde, besuchten sowohl die Knaben, als die
Mädchen, bis zum 15., an den meisten Orten zum 18. Jahre, die Wiederholungsund Feiertagsschulen (...). Was soll nun künftig in den Volksschulen gelehrt und
gelernt werden (...). Anweisung zu nützlichen Beschäftigungen, z.B.
175
Obstbaumzucht, weibliche Arbeiten.“
1869 folgte eine neuerliche Schulreform. Doch manche Paragraphen behielt man
bei. So auch den § 124. Dieser schrieb den Lehrerinnen vor, dass sie neben den
Lernfächern auch in den „allgemein notwendigen und nützlichen weiblichen
Handarbeiten"
176
geübt sein müssen. Ein Gesetz, das die weibliche Sozialisation
vorantreiben sollte.
177
Ein Gesetz zur „sittlichen und tugendhaften“ Erziehung. Es
förderte jene Eigenschaften, die für das bürgerliche Ideal der Weiblichkeit notwendig
geworden waren: Ausdauer, Geduld, Tugend, sexuelle Enthaltsamkeit, Sittlichkeit,
172
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte Tirols, a.o.O., S. 110.
ebda, S. 111f.
174
ebda, S. 109.
175
Volksblatt, Nr. 29, 6. November 1848, S. 181.
176
zit. nach Barth-Scalmani, Geschlecht: weiblich, a.o.O., S. 359.
177
vgl. Anderson/Zinsser, Eine eigene Geschichte, a.o.O., S. 40.
173
60
Selbstbeherrschung, Selbstzwang, Disziplin usw.
178
Die Fächer Handarbeit und
Zeichnen sollten im wesentlichen für eine stille biedermeierliche Gemütlichkeit in der
Familie sorgen. Deshalb fand man wiederholt Angebote zum Handarbeits- und
Zeichenunterricht außerhalb der regulären Schulstunden:
„Auf mehrmaliges Ersuchen gibt der Gefertigte im Schuljahre 1848/49 für
Mädchen 3 Stunden wöchentlich d.i. Dienstag, Donnerstag und Samstag von 2
bis 3 Uhr Nachmittags für ein angemessenes Honorar Zeichnungsunterricht im
Schulgebäude. Eltern, welche ihre Töchter in dieser Kunst unterrichten lassen
wollen, werden daran mit dem Bemerken verständigt, sich bis letzten November
179
zu erklären.“
Diese
Beschäftigungen
galten
für
Oberschichtsfrauen
als
gesellschaftliche
Verpflichtung. Die Ziele waren nicht nur „Tugendhaftig- und Sittsamkeit“, sondern
auch eine Hilfe zur Unterdrückung ihrer sexuellen Bedürfnisse.
180
Die „feine
Handarbeit“ wurde nicht als Arbeit bewertet, weil sie keinen Marktwert hatte.
181
Hausarbeit wird auch heute noch nicht als Arbeit angesehen.
6.3.3. Gastwirtinnen
Nicht nur im schulischen Bereich brachen bürgerliche Frauen aus ihrer privaten
Sphäre aus, sondern auch im Gastgewerbe. Im Unterschied zum Geldbürgertum in
Wien waren zahlreiche Gastwirtshausfamilien in Tirol – begünstigt durch den
aufkommenden
Fremdenverkehr
–
zu
wohlhabenden
bürgerlichen
Familien
geworden. Anders als in anderen Ländern konnte man in Tirol den sozialen Aufstieg
schaffen. Es gab einige Aufzeichnungen, wo sich ein Knecht zum selbständigen
182
Besitzer eines Gasthauses hinaufarbeitete.
Im Gasthaus fanden Informationsaustausch, Trends, politische Diskussionen,
Leseabende und kulturelle Veranstaltungen statt. Wirtshäuser waren oft zentrale
Treffpunkte von Intellektuellen oder KünstlerInnen. Auch im Gasthaus Bogner, wo
Walburga Schindl aufwuchs, traf sich oft der literarische Kreis um Sebastian Ruf,
178
vgl. Dagmar Ladj-Teichmann, Weibliche Bildung im 19. Jahrhundert: Fesselung von Kopf,
Hand und Herz?; in: Annette Kuhn u.a. (Hg.), Frauen in der Geschichte IV, „Wissen heißt
leben...“. Beiträge zur Bildungsgeschichte von Frauen im 18. und 19. Jahrhundert,
Düsseldorf 1983, S. 220.
179
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 45, 10. November 1848, S. 182.
180
vgl. Anderson/Zinsser, Eine eigene Geschichte, a.o.O., S. 225.
181
ebda, S. 222f.
182
ebda, S. 307.
61
Alois Flir, Adolf Pichler, Cornelie Schuler und Alois Brandl. Diese Treffpunkte haben
wesentlich zur Entwicklung der Tiroler Dichtung beigetragen. Auch Walburga Schindl
183
wurde von diesen beeinflusst und gefördert.
WirtInnen organisierten oft
Schauspiele in ihrem Gasthaus. Das 4-Sterne Hotel Bogner ist beispielsweise auch
heute noch ein wichtiger Veranstaltungstreffpunkt in Absam.
Doch der Wirkungsbereich des Gastgewerbes hielt größtenteils traditionelle
Wertvorstellungen und Geschlechterbilder aufrecht: Der Mann trat zu den Gästen,
erledigte den Einkauf, hatte die Aufsicht über die Kinder und DienstbotenInnen
inne.
184
Die Wirtin ist trotz der traditionellen bürgerlichen Rolle mit anderen Leuten in
Kontakt gekommen. Wahrscheinlich wären sich beispielsweise Walburga Schindl und
Erzherzogin
Sophie
nie
begegnet,
wenn
Walburga
nicht
Tochter
einer
Wirtshausfamilie gewesen wäre.
Dass viele Wirtinnen sich einen legendären Ruf erworben haben und sich als
Pionierinnen
Erwähnungen.
im
185
modernen
Tourismus
hervortaten,
beweisen
zahlreiche
Frauen haben oft in Eigenverantwortung Gasthäuser geleitet:
„Anzeige. Die Unterzeichnete hat die Gastwirthschaft in der Bürgerstraße im
Gürtler’schen Hause übernommen, und verspricht das verehrte Publikum mit
guten Speisen und Getränken (Wein und Bier) bestens zu bedienen. Es kann
sowohl in Table d’hôte, als auch einzeln, sowohl zu Mittag als Abends zu
186
möglichst billigen Preisen gespeist werden. Frau Maria Troll.“
„Sonntag den 5. März ist bei der Unterzeichneten Tanzunterhaltung, wozu
187
ergebenst eingeladen wird. Witwe Braun zum Kaffeehaus.“
6.3.3.1. Emma Hellensteiner
Die bekannteste Pionierin des modernen Tourismus war Emma Hellensteiner. Sie
wurde 1818 in St. Johann in Tirol geboren. Sie arbeitete zuerst als Kellnerin im
Gasthof ihres Vaters. Bei den Ursulinen in Innsbruck lernte sie italienisch. In
183
vgl. Anton Dörrer, Frühes Frauenschrifttum in Tirol; in: Wort und Gebirge. Schrifttum aus
Tirol 10, Innsbruck 1963, S. 129.
184
vgl. Andersson/Zinsser, Eine eigene Geschichte, a.o.O., S. 225.
185
vgl. Gertrud Pfaundler, Tirol Lexikon. Ein Nachschlagwerk über Menschen und Orte des
Bundeslandes Tirol, Innsbruck 1983, S. 125; vgl. auch Köfler/Forcher, Frau in Geschichte,
a.o.O., S. 95-101.
186
Innsbrucker Zeitung, Nr. 92, 8. November 1848, S. 442.
187
ebda.
62
Salzburg perfektionierte sie ihre Kochkunst. Die Sekundärliteratur
188
beschreibt sie
als energische, gebildete, intelligente Frau, die schon mit zwanzig die schwierige
Brauhausleitung an der Rienz bei Toblach übernahm. Dort lernte sie Josef
Hellensteiner kennen. Dieser erbte seinerseits das Wirtshaus „Schwarzer Adler“ in
Niederdorf. Sie heirateten 1843. Sie verkauften das Brauhaus. Emma widmete sich
von nun an ganz der Gastwirtschaft in Niederdorf und gewann durch zahlreiche
Innovationen im Betrieb viele internationale Gäste (Großbritannien, USA, Ägypten,
Australien usw.). Gleichzeitig kümmerte sich aber auch um den Haushalt und um ihre
sechs Kinder. Ihr Mann war kaum im „Schwarzen Adler“ tätig. Er leitete ein Transportunternehmen. Im Jahre 1886 verlieh ihr Kaiser Franz Joseph das Goldene Verdienstkreuz als Dank für den Einsatz während der großen Überschwemmungskatastrophe von 1882.
Durch geschickte Leitung des Wirtshauses konnte Emma den Betrieb mehrmalig
ausbauen und den Pragser Wildsee und dazugehörige Wälder kaufen. Sie
übersiedelte nach Übergabe des „Schwarzen Adlers“ an einen ihrer Söhne nach
Meran. Zwei ihrer Töchter pachteten dort die Pension „Stadt München“. Später
übernahmen sie das Posthotel „Neusponding“ im Vinschgau. Nach dem Tod Emmas
189
am 9. März 1904 errichteten zwei ihrer Kinder das Hotel „Emma“ in Meran.
6.3.3.2. Weitere Wirtinnen:
•
In der Familie Told taten sich zwei Wirtinnen besonders hervor. Anna Apolonia
Martha (1785-1858), die als Löwenwirtin in Welsberg bekannt wurde, und die
Brunecker Sternwirtin Anna Told.
•
190
Die Tochter des 1796 verstorbenen Franz Georg von Steyrer, Elisabeth, die 1812
Josef Ludwig von Grebmer heiratete, ließ als Witwe den heutigen Gasthof zur
191
„Post“ in Bruneck erbauen.
•
Anna Sternberger (Bruneck und Sexten) war eine sehr tüchtige und geachtete
Wirtin und erbte den Gasthof „Sonne“.
188
192
vgl. Pfaundler, Tirol Lexikon, a.o.O., S. 125; vgl. auch Köfler/Forcher, S. 95ff.
ebda.
190
vgl. Josef Weingartner, Berühmte Tiroler Wirtshäuser und Wirtsfamilien; in: Schlern Nr.
159, Innsbruck 1956, S. 62.
191
ebda, S. 61.
192
ebda, S. 60.
189
63
•
Maria Nagele besaß den Gasthof zum „Weißen Rössl“ in Gries am Brenner. Sie
193
war eine berühmte und weitbekannte Wirtin.
•
Mit dem Tode des Jakob Hochbichler ging der ganze geschlossene Besitz „Bräu“
in Zell am Ziller an seine Tochter Antonie (1807-1862) über und wurde über vier
Generationen durch Erbtöchter mustergültig verwaltet.
194
Weitere bekannte Wirtinnen waren: Rosa Cammerlander vom „Steinbock“ in
Steinach, Therese Esterhammer vom gleichnamigen Gasthaus in Rotholz, Julie
Innerhofer vom „Grauen Bären“ in Innsbruck, Ida Jäger von der „Post“ in Lermoos,
Maria Schwaighofer vom „Pfandlhof“ im Kaisertal und die Kronenwirtin Veronika
Zeindl aus Hall.
195
Die Kabiswirtin, Anna Tutzer geb. Speckbacher erschloss das
Villnößertal für den Fremdenverkehr. Das berühmte Hotel „Elefant“ in Brixen hat die
seit 1857 verwitwete Therese Mair auf die, durch den 1870/71 fertig gestellten
196
Bahnbau, geänderten Verhältnisse umgestellt.
6.4. Tiroler Schriftstellerinnen um 1848
In der Tiroler Öffentlichkeit zählten Schriftstellerinnen zu den seltensten Ausnahmen.
Sie
wurden
oft
zu
„unangebrachten
Frauenrechtlerinnen“
197
abgestempelt.
Tätigkeiten wie stricken, nähen, sticken usw. wurden gefördert und weniger
intellektuelle Eigenschaften. Als Lektüre diente vielen fast ausschließlich das
Gebetbuch und der Hauskalender.
198
Nur einzelne hatten als Lehrerin oder Nonne
Zugang zu anderen Büchern.
Die literarisch begabten Frauen des 19. Jahrhunderts entstammten aus dem Adel
oder Bürgertum, die einen Zugang zur höheren Bildung hatten. Die meisten
Schriftstellerinnen waren ihrerseits größtenteils Töchter von Künstlern, die trotz der
konventionellen Tabus die Talente ihrer Töchter förderten und somit eine wichtige
psychische Unterstützung darstellten. Diese Frauen brachen aus der ihnen
vorgeschriebenen Rolle aus.
193
199
ebda, S. 16.
ebda S. 20f.
195
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 95f.
196
ebda, S. 99.
197
vgl. Dörrer, Anton, Frühes Frauenschrifttum, a.o.O., S. 125.
198
ebda, S. 126.
199
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 140.
194
200
Ihnen wurden enorme Stigmas angeheftet.
64
Als die Mundartdichtung sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einer selbständigen
Literaturgattung etablierte, wagten sich immer mehr Frauen aus den Unterschichten,
ihre Gedanken und Gefühle zu äußern.
6.3.4.1. Walburga Schindl
Eine wichtige Persönlichkeit in den 40ern war Walburga Schindl. Sie wurde bereits
im Zusammenhang mit Erzherzogin Sophie, der Mutter Kaiser Franz Josephs
erwähnt. Sie lernten sich im elterlichen Wirtshaus kennen. Bis zu Walburgas Heirat
im Jahre 1858 gab es zwischen beiden einen regen Briefwechsel.
Walburga Schindl wurde am 16. Februar 1826 in Absam als älteste von fünf
Geschwistern geboren (gest. am 30. April 1872 in Kemnitz). Als sie sieben Jahre alt
war, starb ihr Vater. Kaplan Sebastian Ruf, der Onkel von Walburga, brachte ihr
Latein, Rechtschreibung und literarisches Wissen (Goethe, Rückert u.a.) bei.
201
Aber
auch bekannte Stammgäste beeinflußten sie: Sebastian Ruf, Johannes Schuler
(1800-1959), die Schwester Cornelie Schuler, Adolf Prutscher (1815-1851), Wilhelm
Stricker (1833-1883), Josef von Schnell (1822-1863) und Adolf Pichler (1819-1900).
Gräfin Mallowitz nahm sie öfters zum SchriftstellerInnenkreis der Scholastika (Adolf
Pichler, Alois Flir, Sebastian Ruf, Ludwig Steub) mit. Ihr Talent wurde von vielen
bewundert. In erster Linie schrieb sie über die schöne Natur (z.B. die
Blumenritornellen), aber auch über religiöse und politische Themen.
202
In der
„Stimme aus Tirol" bemerkte sie in der dritten und vierten Strophe sozialkritisch:
„Die Zivileh' schon gar, o die kommt scho' g'wiß,
Da sein die Manderleut' alle dabei;
Nur was nachher sein wird – ich denk' mir halt schon,
Nit viel besser als in der Türkei.
Und Luther und Juden – dass Gott erbarm'!
Sein gleich wie die Christen, du mein!
Wenn sie a no' der Herrgott in Himmel laßt,
203
Wird dort bald kein Platz mehr sein."
Biographische Züge fand man ebenso. Sie beklagte sich über die Angriffe der
schonungslosen Welt auf ein dichtendes Mädchen und über die Kränkung eines
200
ebda, S. 144.
vgl. Brandl, Erzherzogin Sophie, a.o.O., S. 37f.
202
ebda, S. 51ff.
203
ebda, S. 54.
201
65
guten Freundes. Sie kritisierte die emotionslose Masse. Einige der Gedichte
Walburga Schindls zeigten ihre Identitätsprobleme. Die Enttäuschung über das
bittere Ambiente, das sie nicht verstand, wurde ebenso sichtbar:
„Frage.
Was ist denn Böses, wenn in kleinen Bildern,
Was mein Gemüt erregt, ich such' zu kleiden,
Wenn Liebe oder Leid ich such' zu schildern?
Dass mich darum die Menschen immer kränken,
Sie mich verhöhnen und mein Dichten schelten:
Ich kann nur trauern, dass sie so roh denken.
Wenn's mich vergnügt, des Herzens leise Klagen
Mit mildem Sinne tröstend anzuhören,
Soll ich denn diesen Trost mir rauh versagen?
Ich will ja nicht, dass euch sein Klagen rühre,
Die ihr vielleicht eu'r eig'nes Herz verstoßen,
So wie man einem Bettler weist die Thüre;
Die ihr's verkauft vielleicht um schnöde Dinge,
Wie Judas einst den Heiland hat verraten,
204
Den Göttlichen, um ein paar Silberlinge.“
Ihre verschriftlichten Gedanken kritisierte sie immer wieder die Nichtakzeptanz einer
Dichterin in der männlichen Gesellschaft. Folgende Zeilen gaben die damaligen
Vorurteile gegenüber einer Dichterin treffend wieder:
"Nichts findet in der Welt so vielen Tadel als ein Mädchen, das sich mit Poesie
beschäftigt, (...). Dieser Tadel kann nur Unverstand, Böswilligkeit oder Härte sein;
denn wo soll denn das Herz hin, wenn es mit seinen Gefühlen auf sich selbst
verwiesen ist, wenn es diese Gefühle nicht einmal aussprechen darf, wie und auf
welche Weise es will? Und die Behauptung, welche so oft gemacht wird, dass
Dichterinnen nicht für häusliche Verhältnisse passen, mag wohl auch viel
Falsches haben. Es ist schon wahr, die Poesie nährt sich von Träumen, aber es
ist ein großer Unterschied, ob jemand Poesie zum Geschäfte des Lebens macht
und folglich immer in Phantasien lebt und seine häuslichen Verhältnisse als
Nebensache betrachtet oder ob man nur die Kunst in das Leben hineinflicht, um
es zu veredeln und zu verschönern, so wie man einen Gemüsegarten mit Blumen
verziert. Es verträgt sich die Arbeitsamkeit und die Ordnungsliebe, welche die
einzigen Eigenschaften sind, die ein Weib zur guten Hauswirtin machen, sehr gut
mit der Poesie, so wie sie auch manchem Geschöpfe fehlen, welches nicht eine
205
Ahnung von Poesie hat."
Aus diesem Unverständnis erhoffte sie sich eine endgültige Befreiung, aber nicht
durch sich selbst als Frau, sondern durch einen gebildeten Mann.
204
205
ebda, S. 119f.; vgl. auch Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 138.
ebda, S. 133f.; vgl. auch Köfler/Forcher, ebda.
66
6.3.4.2. Therese Sarnthein
Eine weitere Schriftstellerin war Therese Sarnthein: Sie wurde am 17. August 1812
als Tochter von Felix Aigner von Aigenhofen und der bürgerlichen Theresia Stocker
geboren und heiratete den Grafen Karl Leopold von Sarnthein. Um die
Jahrhundertmitte war sie eine bedeutende Innsbrucker Persönlichkeit. Sie gehörte
zum Schulerkreis, einer kleinen, literarischen Gemeinschaft von bedeutenden Frauen
und Männern wie Beda Weber, Adolf Pichler, Alois Flir und Johannes Schuler, die
Schwester Schulers, Cornelia, seine Schwägerin und Marie Rosalie Ingram von
Liebenrain. 1851 starb ihr Mann. Sie starb zwei Jahre später in Innsbruck.
206
6.3.4.3. Amalia Bautz
Amalia Bautz wurde 1819 in Innsbruck geboren und starb 1905 in Sarajewo. Sie war
Schwester der Adelinde von Perkhammer, schrieb mehrere Gedichte:
207
„Trutzliedl.
Sie: Wenn in Sunntig du willst kemmen,
muaßt die Zither a mitnemmen.
Ohne Zither, ohne Gsang,
ist mir glei die Zeit zu lang!
Er: Wenn in Sunntig zhaus willst bleibn,
lass a’s Herz nit ummer treibm.
Ohne Herz und ohne Gmüat,
ist verpfuscht a jedes Lied!
Sie: Sei so guat und lass mi singen,
kanns alloan a zsammen bringen.
‘s gibt ja Schnadahüpflen gnua –
Wa brauchts da a Herz dazua?
Er: Sei so guat und laßs dir sagen:
So viel hats bei mir nir gschlagen,
dass um Lieb i betteln that,
‘s ist mir um di selber load!
Sie: Wegen mein brauchst di nit zkränken,
Kannst was d’willst von mir denken;
Wegen mir mach dir kao Plag –
I wer gscheiter jeden Tag!
Er: Wegen mein kannst gescheiter weren,
Wegen mein hab andre geren;
Mi siegst nimmer, i geh fort –
208
Und dös ist mei letztes Wort!“
206
vgl. Anna Maria Achenrainer, Frauenbildnisse aus Tirol, Innsbruck 1964, S. 90-98.
vgl. Ambros Mayr, Tiroler Dichterbuch, Innsbruck 1888, S. 117.
208
ebda, S. 118.
207
67
6.3.4.4. Anna Antonie Thaler
geb. 1814 in Brünn, gest. 1875 in Wien. Nach ihrer Hochzeit mit Karl von Thaler im
Jahre 1835 zog sie nach Innsbruck, wo sie in den Wochenblättern „Phönix“ und
„Harfe und Zither“ von 1850-1852 ihre ersten Novellen und Gedichte veröffentlichte.
Anfänglich publizierte sie unter dem Pseudonym Antonie Thal, später unter ihrem
wahren Namen. Um aber ihre Gattinnen- und Hausfrauenpflichten nicht zu
vernachlässigen, schrieb sie nur in der Nacht. Sie verfasste die „Novellen von
Antonie Thal“ („Die Künstlerin“, „Eine leichtsinnige Frau“, „Die Sängerinnen“,
„Hermine“; Innsbruck 1853. Weitere Werke sind:
•
•
•
•
•
der Roman „Ein seltsames Verhältnis“ (Hamburg 1873)
die Novelle „Der moderne Vampyr“ (Wien 1862)
die Novelle „Der Herr mit dem Buche“ (Graz 1867)
die Romane „Der verstoßene Sohn“, „Das englische Fräulein“
209
Gedichte „Philippine Welser“ und das Lustspiel „Die Gesellschafterin“.
6.3.4.5. Adelinde von Perkhammer
210
geb. am 7. Oktober 1817 in Innsbruck, gest. am 1. März 1876 in Meran.
6.3.4.6. Antonia Bogner
geb. 1833 in Hall, gest. 1883 in Wien. 1864 übernahm sie die Leitung der
Frauenzeitschrift „Iris" und gründete eine erste Unterrichtsanstalt für fotografische
Retusche und Malerei für Frauen und Mädchen.
211
6.3.4.7. Angelika von Hörmann
Angelika von Hörmann wurde am 28. April 1843 in Innsbruck geboren. Ihr Taufname
war Emilie, als Schriftstellerin legte sie sich den Namen Angelika zu. Sie war die
Tochter des Universitätsprofessors Dr. Matthias Geiger und der Baronesse Henriette
Benz. Im 6. Lebensjahr verlor sie ihre Mutter. Ihr Vater kümmerte sich sehr um ihre
Erziehung. Sie bekam Privatunterricht in Musik, Zeichnen, modernen Sprachen und
in verschiedensten Wissenschaften. Mit 15 verlor sie ihren Vater. Verwandte nahmen
209
vgl. Constant von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich,
enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den
österreichischen Kronländern geboren wurden oder dann gelebt und gewirkt haben, Wien
1882, Nr. 44, S. 133.
210
vgl. Mayr, Dichterbuch, a.o.O., S. 63.
211
ebda, S. 120.
68
sie zu sich auf. Sie saß fast nur noch in ihrem Zimmer und räsonierte. Ihre ersten
poetischen Versuche waren in ihrem Tagebuch verzeichnet, in die Öffentlichkeit trat
sie erstmals 1863. Zwei Jahre später heiratete sie den Volkskundler, Kunsthistoriker,
Dichter und später Universitätsbibliotheksdirektor Ludwig von Hörmann.
212
In dieser
Zeit schrieb sie Novellen, lyrische Arbeiten, Prosa, Erzählungen und Lieder.
„Ist dir genug die schlichte Frauenseele,
Die einem Tale gleicht, das bergumschlossen
Nur jene Sterne kennt, die glanzumflossen
Sein Himmelsfleckchen schmücken als Juwele:
213
(So magst du es halten...).“
Bekannte Werke waren: „Grüße aus Tirol" (1869), „Neue Gedichte" (1893), „Auf
stillen Wegen" (1906); Versepen: „Das Salig-Fräulein" (1875), „Oswald von
Wolkenstein" (1889), Erzählungen: „Das Nähmädchen" (1872), „Die Trutzmühle"
(1897). Mit ihrer Poesie übersprang sie konventionelle Schranken, mied aber
modische und emanzipatorische Frauen.
214
Als sie 1921 in Innsbruck starb, ehrte sie
der Dichter Franz Kranewitter mit den Worten: „In unserem Herzen ungeschmälert
215
bleibt Dein Name als der größten Frau Tirols.“
„Antwort
Wir glückliches Poetenvolk!
Uns kann kein Leid zu tief durchdringen,
Weil wir mit einem frohen Lied
Die Tränen uns vom Auge singen.
Oft hab' ich schmerzlich sie gefühlt
Die Reden der Empfindungslosen,
Ich rückte mir den Dorn ins Herz
Und gab zur Rache – frische Rosen.“
Adolf Pichler schrieb über Angelika von Hörmann, dass ihr in der damaligen Zeit ein
bedeutender Rang gebührt hätte. Robert Hamerling, ein epischer Dichter, war der
Meinung, keine Frau könnte ein Epos schreiben. Doch als er „Das Saligfräulein" las,
216
revidierte er seine Meinung.
212
vgl. Arnulf Sonntag, Angelika von Hörmann. Eine deutsche Dichterin in Tirol. München
1906, S. 9.
213
ebda, S. 13.
214
vgl. Achenrainer, Frauenbildnisse, a.o.O., S. 113-119.
215
zit. nach Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 139.
216
vgl. Sonntag, Angelika von Hörmann, a.o.O., S. 5.
69
6.3.5. Künstlerinnen um 1848
6.3.5.1. Lola Montez
Ein besonderes Medienecho in
der Tiroler Presse galt der in
München
lebenden
und
verhassten Lola Montez (Dolores
Eliza Gilbert) (1818-1861). Als die
25jährige
Eliza
Gilbert
unter
falschen Namen im Oktober 1846
in München eintraf und beim
König Ludwig I. um ein Gastspiel
ersuchte, hatte sie bereits in
Berlin, Warschau, London, Paris,
Bonn
Bild: Lola Montez; aus: http://www.stadtmuseumonline.de/archiv/lola1g.htm
und
Skandale
217
Baden-Baden
für
gesorgt.
Das Verhältnis zum 61jährigen König Ludwig I. sollte die Grundfeste der bayrischen
Monarchie erschüttern. Er gewährte ihr die bayrische Staatsbürgerschaft und erhob
sie in den Adelstand, woraufhin die amtierende Regierung geschlossen zurücktrat.
Der König war bereit, ihr ein standesgemäßes Palais einzurichten, dessen Kosten
218
sich bis zum Juni 1847 auf rund 55.000 Gulden beliefen (ca. 1,7 Mio. Mark).
217
Der Zweck, Lola Montez in der Geschichtsschreibung zu einer skandalumwitterten Person
zu diffamieren, ist ein sehr offensichtlicher. Es gibt bis heute über ihr Leben größtenteils
nur Gerüchte und Spekulationen. In der Sekundärliteratur wurde aber als Hochstaplerin,
männerverschlingende, verführerische Nymphe, ausländische Hure, Intrigantin, Femme
fatale und skandalumwitterte Person beschrieben. Solche negative Charakterzüge, die
einer Frau zugeschrieben wurden, sind mit großer Vorsicht zu betrachten. Wie oft sind
historische Frauenpersönlichkeiten (z.B. Margarete Maultasch, Erzherzogin Sophie usw.)
von der Geschichtsschreibung diffamiert worden? Waren diese Frauen wirklich so, wie sie
beschrieben wurden, oder wurden sie dazu gemacht?
Die Annahme, dass erfolgreiche Frauen bewusst diffamiert wurden, lässt sich leider in den
Quellen und der Sekundärliteratur nicht beweisen.
Eine selbständige, weit bereiste, viel begehrte, politisch engagierte und intelligente Frau
passte überhaupt nicht in das damalige Frauenbild. Somit hatten die männlichen
Geschichtsschreiber die Legitimation, ihr einen negativen Touch zu verleihen, sie in
Karikaturen zu verspotten, damit andere Frauen nicht ihren Beispiel folgen würden. Diese
negative Darstellung hatte seine Wirkung getan und auch noch 150 Jahre existiert in den
Köpfen dieses negative Image über Lola Montez.
218
vgl. Reinhold Rauh/Bruce Seymour, Ludwig I. und Lola Montez. Der Briefwechsel,
München 1995, S. 37.
70
Bild: Lola Montez mit Ludwig; „Der
pensionierte Apoll und
die auf Wartegeld
gesetzte Terpsichore“
1848
aus: http://www.stadtmuseum-online.de/
archiv/lola6g.htm
Mit ihrem provozierenden Auftreten zog sie sich bald den Zorn aller Münchner
Stände zu.
Bild: Lola Montez
Comtesse de Landsfeld.
Ein Pas de deux
1848
Bild: Lola Montez; aus:
http://www.stadtmuseumonline.de/archiv/lola1g.htm
Lithographie
Münchner Stadtmuseum
aus: http://www.stadtmuseumonline.de/archiv/lola7g.htm
Der Hass gegenüber Lola Montez steigerte sich immer mehr und war schließlich der
Anlaß zu den Tumulten und Aufständen im Jahre 1848:
„Auf der anderen Seite hatte ein deutscher Fürst, einer verrufenen Dirne zu
Liebe, der Scheinheiligkeit, aus welcher das System bisher seine Hauptstärke
geschöpft, offen abgesagt und auf legalem Wege der revolutionären Reaktion in
71
Deutschland die Bahn geöffnet. So war das System bereits moralisch zu Grunde
gerichtet, ehe es, der radikalen Schweiz gegenüber, seine Bankbrüchigkeit offen
zur Schau stellte. Es bedurfte bloß noch eines Vorwandes, um die im
Hintergrunde lauernde Empörung zum Vortritt auf der Bühne zu autorisieren.
Diesen Vorwand gaben ihr zuerst in München die frechen Anmaßungen der Lola
219
Montez und ihres Gelichters (...)."
Lola Montez sah sich gezwungen, schnell und inkognito zu fliehen. Um unerkannt zu
bleiben, zog sie Männerkleidung an.
„München, 9. März. Vergangene Nacht um 10 Uhr kam die Gräfin Landsfeld (Lola
Montez, R.T.) hier an, und zwar im Männeranzuge. Da man sie im bayrischen
Hofe nicht aufnahm, begab sie sich in die Wurzelstraße, wo eine ihrer früheren
Dienerinnen wohnt. Beim Eintritt in das Haus wurde sie aber von einem daselbst
wohnenden Offizier erkannt, und dieser machte sofort Anzeige bei der Polizei. In
kürzester Zeit erschienen drei Gendarmen. Die Gräfin musste nachts 12 Uhr mit
auf die Polizei wandern, woselbst man sofort Postpferde bestellte, um sie weiter
zu schaffen. Sie fuhr morgens 4 Uhr nach Pfaffenhofen und Landsberg, und
dürfte sich wohl wieder nach der Schweiz begeben. Sie darf von Glück sagen,
dass das Volk ihr Hiersein nicht erfuhr, es möchte ihr sonst übel ergangen
220
sein.“
Der Zorn des Münchner Bevölkerung gegenüber Lola Montez dürfte ungemein groß
gewesen sein, wie folgende Quellen belegen:
„München, 15. März. In der Annahme, die Gräfin Landsfeld sei hier
angekommen, sammelte sich eine Menge an, der sich immer mehr anschlossen,
und alles durchstöberte, um sie zu finden. Das Polizeihaus, wo sie die Prinzessin
versteckt vermuteten, wurde beschädigt. Eine Truppe musste einschreiten, um
221
größere Sachschäden in dieser Residenz zu verhindern.“
„München 17. März. Nach 11 Uhr wurde die Ruhe in der vergangenen Stadt nicht
mehr gestört. Das Volk aber gab sich nicht zufrieden, weil es die Gräfin Landsfeld
immer noch in der Nähe vermutete. Das Magistrat, der jeglichen Anlaß für neue
Tumulte zu untermauern versuchte, richtete ein Schreiben an Seine Majestät,
indem er – als Garantie für die Ruhe und öffentliche Sicherheit – die Verhaftung
der Gräfin anordnete. Auf jenes Gesuch traf der König folgende Resolutionen:
'Die Gräfin hat die bayrische Stadtbürgerschaft aufgegeben. In Anbetracht
dessen, dass die Gräfin auf ihre Versuche, die Ruhe des gesamten Reiches zu
stören, nicht verzichtet, sind alle richterlichen und polizeilichen Autoritäten
bemächtigt, die Gräfin, wo immer sie sich aufhält, zu verhaften, in die nächste
222
Festung zu bringen, um sie einem Prozeß zu unterziehen.“
219
Tiroler Wochenblatt, Nr. 1, 15. Juli 1848, S. 3.
K.K. Priv. Bothe, Nr. 21, 13. März 1848, S. 91.
221
Il messaggiere tirolese, Nr. 24, 22. marzo 1848, S. 3: Sulla supposizione che la contessa
di Landsfeld (Lola Montez, r.t.) fosse qui arrivata, formossi oggi un attruppamento, che
sempre più s'ingrossava e che rovistò dappertutto per ritrovarla. Il palazzo della polizia,
ove si credeva che la contessa fosse nascosta, venne guastato, e la truppa ha dovuto
intervenire per prevenire ulteriori disordini contro la stessa residenza reale...
222
Il messaggiere tirolese, Nr. 24, 22. marzo 1848, S. 3: La notte scorsa delle 11 in poi, la
tranquillità della città non fu più sturbata. Il popolo però non è ancora soddisfatto, perché
220
72
Lola Montez gelang die Flucht nach Amerika, wo sie im Alter von 43 Jahren in
Astoria, New York, starb.
In Gegensatz zu häufigen Pressemeldungen über Lola Montez wurde wenig über
Tiroler Tänzerinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen
und Dichterinnen berichtet. In den Quellen wurde einzig und allein die berühmte
Angelika Kaufmann
223
erwähnt. Und auch nur deshalb, weil sich eines ihrer Bilder in
einer Konkursmasse befand und versteigert wurde:
„Gemäldeversteigerung. Auf Ansuchen der Gläubiger über das Concurs-MassaVermögen der Eheleute Michael Bilgeri und Katharina Berchtold von Bizau wird
am Freitag den 10. d. M. März Früh 10 Uhr in der hierartigen Amtskanzlei Nro. 3
ein zu obiger Concurs-Masse gehöriges Gemälde, ein männliches Porträt
vorstellend, welches nach dem Dafürhalten der kunstverständigen Schatzmänner
von der berühmten Malerin Angelika Kaufmann herrühre, im Schätzungswerthe
von 22 fl KM. Öffentlich an den Meistbiethenden gegen baare Bezahlung
224
versteigert werden.“
Um die Jahrhundertmitte lebten in Tirol einige bekannte Künstlerinnen, Sängerinnen
usw. In mühseliger Kleinarbeit ließen sich ein paar Persönlichkeiten jener Zeit
ausgraben, auch wenn die wissenschaftliche Rezeption sie selten festhielt. Das 500
Seiten umfangreiche Buch von Gertrud Pfaundlers „Tirol Lexikon“
225
enthält sechs
Frauenbiographien, die um 1848 lebten und für sie erwähnenswert waren. Noch
krasser sind die 56 Bände von Constant von Wurzbach „Biographisches Lexikon des
Kaiserthums Österreich“, in denen sich nur 11 Tiroler Frauenbiographien jener Zeit
crede che la contessa di Landsfeld si trovi tuttora in queste vicinanze, ed il magistrato, per
torre ogni pretesto a nuovi tumulti, presentò un indirizzo al re con cui prega la M.S. di far
arrestare la contessa per garantire via meglio la tranquillità e la pubblica sicurezza. Su
questa supplica il re prese le seguenti risoluzioni: ‚La contessa di Landsfeld ha cessato di
godere della cittadinanza bavarese; in considerazione poi che la contessa non rinunzia ai
suoi tentativi di sturbare la tranquillità di tutto il regno, fin d'oggi tutte le autorità giudiziarie
e la polizia dello stato sono autorizzate ad arrestare la detta contessa dovunque si trovi e
di condurla nella prossima fortezza, per essere sottoposta ad un processo.'
223
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, 1. Teil, a.o.O., S. 56: Angelika Kaufmann (30 Okt. 1741
in Chur/Graubünden geboren). Mit 13 Jahren studierte sie klassische Kunstwerke in
Italien, 1768 ging sie nach England, wo sie zusammen mit Mary Moser als erste Frauen in
die königlich-britische Akademie aufgenommen wurde. 1781 ging sie nach Italien zurück
und starb am 7. November 1807 in Rom. Sie setzte sich in der bis dato reinen
Männerdomäne der Historienmalerei durch und genoss internationale Anerkennung.
224
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 9, 3. März 1848, S. 37.
225
vgl. Gertrud Pfaundler, Tirol Lexikon. Ein Nachschlagewerk über Menschen und Orte des
Bundeslandes Tirol, Innsbruck 1983.
73
226
befinden. Im Buch von Kleindel Walter (Hg.) „Das große Buch der Österreicher“
wurde nur die Biographie Erzherzogin Sophies erwähnt, obwohl es weit mehr Frauen
gab, die sich künstlerisch betätigten. Die Problematik, diese Frauen sichtbar zu
machen, geht aber noch weiter: Viele Frauen veröffentlichten anonym oder unter
einem (oft männlichen) Pseudonym. Nach der Heirat nahmen sie den Namen des
Mannes an, wodurch sich die Spur oft verliert. Deshalb konnten hier leider des
Öfteren nur unvollständige Angaben über die einzelnen Frauen gemacht werden.
6.3.5.2. Anna Rosa Stainer-Knittel
Die wohl bekannteste von allen ist die 1841 in
Elbigenalp geborene Anna Rosa Stainer-Knittel.
Schon
in
Kinderjahren
zeigte
sie
227
großes
künstlerisches Talent. Anton Falger, ein Förderer
ihrer ersten Zeichenversuche, spornte sie zu einer
Ausbildung in München an.
Bild: Anna Stainer-Knittel; aus:
http://museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/biographie.htm
In ihre Jugendjahre fiel auch
das Ereignis, durch das sie als
„Geier-Wally“ weltberühmt wurde: die Aushebung eines Adlerhorstes in senkrechter Felswand.
228
Bild aus:
http://www.museumonline.at/1998/
schools/tirol/tl_priv/abenteuer_
adlerhorst.htm
226
vgl. Kleindel, Walter (Hg.), Das große Buch der Österreicher. 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild, Wien 1987.
227
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 211-215.
228
ebda, S. 130.
74
Trotz großer Widerstände besuchte sie 1859 als einzige Frau die „Vorschule“ der
Münchner Kunstakademie. Das Studium in München war für sie nicht leicht, Geldnot
und Heimweh plagten sie. Außerdem musste sie sich eigenständig um die
Finanzierung ihres Studiums kümmern. Während sich der Vater über ihr Talent
freute, meinte ihre Mutter, die Malerei wäre eine brotlose Sache. Sie sollte doch
229
spinnen und Brot backen lernen, wie es sich für die Lechtaler Frauen gehörte.
Nach dem Abschluss in München lebte sie in Innsbruck, wo sie gegen den elterlichen
Willen den jungen Kaufmann Engelbert Stainer heiratete. Sie gebar vier Kinder. Anna
gab aber das Malen nicht auf. Neben der Haushaltsarbeit malte sie (Porträtmalerin,
Alpenblumen, Berglandschaften, Porzellan- und Keramikmalerei). Sie führte in
Innsbruck eine private Malschule für Mädchen.
Im Jahre 1871 wurde sie die Retterin in der Not. Als ein lebensgroßes Bild von Kaiser
Franz Josef I. in kürzester Zeit gemalt werden sollte, sah kein Künstler sich in der
Lage, dieses Werk so rasch auszuführen. Sie „war der Mann dazu". Der Kaiser lobte
ihr Werk. Auf die Frage, ob sie öfters malen würde, antwortete sie stolz: „Jawohl
230
Majestät, denn Malen ist mein Beruf!"
1873 erzielte sie ihren ersten öffentlichen Erfolg auf der Wiener Weltausstellung vor
internationalem Publikum (Selbstportrait in Lechtaler Tracht). Bis ins hohe Alter malte
Anna Rosa Stainer-Knittel weiter.
Bild: Selbstporträt in Lechtaler Tracht; aus:
http://www.museumonline.at/1998/schools/tl_priv/
heimatmuseum_reutte.htm
229
vgl. Achenrainer, Frauenbildnisse, a.o.O., S. 121.
75
Sie malte viele prominente Leute. Bis 1883 entstanden mehr als 180 Portraits.
1891
hatte sie
ihre
erste
eigene
Ausstellung
im
Tiroler
Landesmuseum
Ferdinandeum. Mit siebzig schrieb sie ihre Lebenserinnerungen. 1915 starb sie im
Alter von 74 Jahren.
231
Ihre Werke sind meist in Privatbesitz. Sogar im Ausland z.B.
Belgien, England und Amerika sind einige ihrer Bilder zu finden.
Die Biographie dieser Frau weist für die damalige Zeit beachtliche Züge auf. Sie
brach aus der vorgeschriebenen Frauenrolle aus und trat immer wieder in (reinen)
Männerdomänen ein. Es war ein ständiger Kampf gegen Klischees und Vorurteile.
Aber Mut, Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein ließen sie besiegen:
Als Anna Knittel 1859 nach München kam, ließ die Akademie der Bildenden Künste
keineswegs Hörerinnen zu. Dies änderte sich erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts,
als eine Damenakademie ihre Tore öffnete. Doch bis dahin war die Akademie eine
reine Männerdomäne.
232
Die einzige Chance zur künstlerischen Aus- und Fortbildung
bestand daher für Anna im Besuch einer privaten Kunstschule, der „Vorschule“. Nicht
nur mit ihrer Ausbildung setzte sie sich von anderen Frauen ab. Sie zeigte für
damalige Zeiten ein ausgesprochen emanzipiertes Auftreten und Handeln.
Dies war nicht zuletzt, als sie einmal in
Männerkleidung
in
der
Öffentlichkeit
auftrat, was damals ein Skandal war. Des
Öfteren war sie bei den BewohnerInnen
des Lechtales in aller Munde. Sei es
wegen
ihres
geschnittenen
Studiums,
Haare,
Meinungsäußerung
Selbstbewusstseins.
Bild: Anna Stainer-Knittel um 1870-75 mit
Kurzhaarschnitt; aus: Helga Reichart, Die
Geierwally, Innsbruck 1991, S. 120.
230
ihrer
oder
der
kurz
Art
der
ihres
233
Sie lernte sich zu engagieren, was ihr
auch Erfolg und Anerkennung brachte.
vgl. http://www.museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/heimatmuseum_reutte.htm.
vgl. Achenrainer, Frauenbildnisse, a.o.O., S. 125-129; vgl. auch Pfaundler, Tirol Lexikon,
a.o.O., S. 410; vgl. auch von Wurzbach, Biographisches Lexikon, a.o.O., 12. Teil, S.153;
vgl. auch Karl Paulin, Anna Stainer-Knittel. Aus dem Leben einer Tiroler Malerin, Innsbruck
1951.
232
vgl. http://www.museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/heimatmuseum_reutte.htm
233
vgl. ebda.
231
76
Sie war beispielsweise eine der ersten Frauen in Tirol, die einen Mann ohne
elterliche Zustimmung heiratete. Der Bruch mit dem Elternhaus war somit
vorhersehbar. Sie nahm als eine der ersten Frauen nach der Heirat einen
Doppelnamen an. Ihre starke Persönlichkeit, die dem Frauenbild widersprach, ließ
sie aber immer wieder gegen Diskriminierungen ankämpfen. So auch als sie eine
private
Malschule
in
Innsbruck
eröffnete
–
ein
erneuter
Eintritt
in
eine
Männerdomäne. Malerinnen bzw. Schriftstellerinnen hatten es sehr schwer, sich in
der männlichen Öffentlichkeit durchzusetzen.
234
6.3.5.2. Theresia und Antonia Strigl
Zwei weitere Malerinnen waren Theresia (1824-1908) und Antonia (1836-1906)
Strigl. Leider existieren kaum Daten. Sie waren beide Oberländer Kirchen- und
Historienmalerinnen.
6.3.5.3. Johanna von Isser-Großrubatscher
(geb. am 27. Dezember 1802 in Neustift bei Brixen. gest. am 25. Mai 1880 in
Innsbruck). Sie besuchte eine Schule in Meran und begeisterte sich für Dichtkunst,
Musik und für bildende Kunst. Maler Josef Kapeller gab ihr Zeichenunterricht. 1828
heiratete sie Johann Isser von Gaudententhurn, der als Landrichter tätig war. Trotz
der sieben Kinder gab sie das Zeichnen nicht auf. Ihre Ansichten von Burgen und
Schlössern dienten dem englischen Landschaftsmaler Thomas Allom als Vorlage für
Stahlstiche, wodurch Johannas Name auch in England bekannt wurde. Als ihr Mann
1863 starb, zog sie nach Innsbruck. Sie war aber nicht nur Zeichnerin, sondern auch
Schriftstellerin und Dichterin und fand große Anerkennung. Sie schrieb Erzählungen
wie „Ein Leben“, Operntexte wie „Bella Donna“, Gedichte, den historischen Roman
„Die Frauen von Sonnenburg“. Auch hat sie Sagen von Schlössern und Burgen
gesammelt.
235
6.3.6. Schauspielerinnen
Nicht erst im Biedermeier, sondern bereits in der Tiroler Barockzeit, pflegten dörfliche
Mädchengruppen das seltenere, aber gesellschaftlich anerkannte und als Sensation
gehandelte Amazonentheater. Sie traten in Konkurrenz mit den tonangebenden
234
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 126.
77
männlichen Theatergruppen. Es wurden nicht nur altbewährte Stücke von der
Genoveva, Hirlanda, Johanna D’Arc, Notburga, Wiltrud von Thaur, Gertraud Angerer
236
usw. aufgeführt, sondern auch neue Werke.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es im Innsbrucker Raum zwei reine
Mädchenbühnen: in Pradl unter der Direktorin Josefine Weiss und auf Schloß
Büchsenhausen unter der Leitung von Anna Reithmayer.
Der vormärzliche Reiseschriftsteller und Dramatiker, August Lewald, erzählte in
seinem Buch „Tyrol“ von „eigenartigen“ Künstlerinnen im Schloß Büchsenhausen.
Der Vorderösterreicher Wilhelm Brenner hatte dieses Schloß mit eigener Brauerei
gekauft. Um sein Bier an Ort und Stelle absetzen zu können, gewährte er einigen
Mädchen und Frauen aus der Nachbarschaft, Theaterstücke einem breiteren
Publikum vorzuführen. Mehrere Reiseschriftsteller „hatten ganz absonderliche Fälle
tirolerischer Spielleidenschaft angedeutet“.
237
In ihren Büchern stellten sie zur
Überraschung fest, zu ihrer Zeit hätten eigene Amazonentheater in Tirol zurecht
bestanden. Die Sensation war, und deshalb auch außer Landes Gesprächsstoff,
dass Mädchen und Frauen (von St. Nikolaus und Hötting) die alleinigen
Veranstalterinnen
und
Darstellerinnen
der
Komödien
waren.
Organisation,
Theaterregie, Bühnenarbeit, Souffleuse, verschiedene männliche Rollen, Prolog,
Heldenrolle, Heilige, Chor usw. lag in den Händen dieser Mädchen und Frauen. Das
238
bunt zusammengewürfelte Publikum war von diesen Aufführungen begeistert.
Die
Leitung
dieses
erfolgreichen
Amazonentheaters
hatte
seit
1825
die
Volksschauspielerin Reithmayer Anna. Sie war um 1775 in Hötting oder St. Nikolaus
geboren, (gestorben 1860 in Hötting). Ihr Mädchenname war Brix. Unter diesem trat
sie auch auf und wurde deshalb oft „Anna Pritzin“ genannt. Nach dem Tod ihres
Mannes, eines Schusters, stand sie regelmäßig auf der Bühne. Anna Reithmayer hat
viele Volksstücke für Tiroler Bühnen geschrieben (bis 1833 waren es schon 21): das
239
Genovevaspiel, ein Passionsspiel und Lustspiele wie „Hochzeit auf der Alm“.
Schauspielerei implizierte einen weiteren Ausbruch aus der Frauenrolle. Der
Magistrat aber verhinderte solche Amazonentheater nicht. Er sah in dieser
235
vgl. Pfaundler, Tirol Lexikon, a.o.O., S. 171.
vgl. Dörrer, Frühes Frauenschrifttum in Tirol, a.o.O., S. 130.
237
vgl. Anton Dörrer, Amazonentheater in Tirol; in: Dolomiten, 5. Juli 1952, S. 19.
238
ebda.
239
vgl. Pfaundler, Tirol Lexikon, a.o.O., S. 335.
236
78
harmlosen Freizeitbeschäftigung eine erzieherische Funktion: eine Ablenkung durch
dieses Hobby war für die armen Mädchen und Frauen besser als auf der Straße
herumzulummern. Es spielte eine wichtige Funktion in der Selbstverwirklichung.
Auftritte gaben Selbstbewusstsein, waren ein Beweis für Eigenständigkeit, Mut und
Verantwortung.
Alltagsberichte sind leider keine bekannt. Es liegt aber der Schluss nahe, dass bei
Proben oder Aufführungen sicher nicht nur über das Theater gesprochen wurde,
sondern auch über verschiedene private Angelegenheiten. Ein öffentlich akzeptierter,
von Behörden genehmigter Raum für Frauen, dessen Gesellschaftsrelevanz vielfach
unterbewertet wurde. Der Dichter Karl Immermann berichtete über das Amazonentheater in Pradl:
„Nachmittags ging ich nach Pradl hinaus, (...). Ich hatte gehört, dass
Landmädchen dort ein selbstverfertigtes Stück aufführen würden. Wir (...) fanden
den Schuppen vollgestopft von vergnügten Menschen, und die Mädchen bereits
im Feuer der Action. (...). Die Mädchen waren trefflich bunt herausstaffirt, die
welche, Männer spielen, trugen Schnurrbärte, sie recitirten und agierten in
240
abgemessener Marionettenweise. (...).
6.3.6. Sängerinnen
Volksschauspielerinnen und Theaterleiterinnen brachten es zu erheblichen Ruhm,
obwohl dieser aber meist nur lokal begrenzt war. Im Gegensatz dazu genossen
SängerInnen oft nationale bzw. internationale Anerkennung.
In dem Brief vom 21. September 1848 schrieb die Erzherzogin Sophie an Walburga
Schindl über die Verbesserung der politischen Situation, über die Treue der
TirolerInnen zum Kaiserhaus. Im letzten Absatz erwähnte sie, dass bald nach der
Rückkehr des Kaiserhauses nach Wien "etliche Tiroler und Tirolerinnen aus dem
241
Zillertal"
ihnen Lieder vorgesungen haben. Wer waren wohl diese SängerInnen?
Welche Frauenbilder vermittelten Sängerinnen?
Nähere Recherchen ergaben, dass einige „Sänger- und Concert-Gesellschaften aus
Tyrol“ im 19. Jahrhundert die Welt bereisten und den Namen Tirol durch ganz Europa
und auch Amerika trugen. Dies waren v. a. Zillertaler Familien wie Rainer, Strasser,
Holaus und Leo.
240
zit. nach Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 146.
79
6.3.7.1. Die Rainer-Geschwister
Bild: Die Ur-Rainer, Lithographie
von Otto Spechtler 1827; aus:
Fontana, Restauration, a.o.O.,
S. 669.
Die vier Rainer-Geschwister Maria, Franz, Felix und Josef sangen auf internationalen
Bühnen. Ihre Auftritte in ausverkauften Häusern begeisterten das Publikum. Wie lange sie oft unterwegs waren, schilderte Maria Rainer, die ihren Sohn Ludwig zum
ersten Mal im Alter von sechs Jahren sah (1827).
242
Ludwig trat in den Fußstapfen seiner Mutter. Mit seiner Cousine Helene Rainer
(Sopran), Simon Holaus (Bass) und Margarete Sprenger (Alt) wurden sie zu einer
„Kunstreise“ nach Amerika eingeladen. Helene heiratete in Amerika und stieg aus
dem Quartett aus. Ludwig heiratete Margarete Sprenger. Die zweite Ehe ging er mit
Lucia Gollner aus Bruck ein, eine dritte mit Anna Prantl. In Russland verbrachten sie
zehn Jahre. 1868 kehrten sie nach Tirol zurück. Schon bald gingen sie wieder auf
Tourneen.
243
In Ludwigs Gesellschaft hatten sich ausgezeichnete SängerInnen versammelt: seine
Frau Anna Prantl, deren Schwestern Therese, Isabella, Julie, Marie, Viktoria und die
Brüder Alois und Ludwig. Daneben war noch Ludwigs Schwiegertochter Christine,
seine Nichte, Frl. Pirchl-Rainer, die als Sopranistin und Jodlerin glänzte, und eine
Reihe entfernter Verwandter der Rainerfamilie: Johanna, Gusterl und Loni Hofer, die
Tenöre Johann Brixner, Adolf Körbler, Max Tannert, usw.
240
244
vgl. Brandl, Erzherzogin Sophie, a.o.O., S. 76.
vgl. Hubert Gundolf, Tiroler in aller Welt, Wien/München 1972, S. 115.
243
ebda, S. 120.
244
ebda.
242
80
Die berühmteste Sängerin der Rainer-Gruppe war Therese Prantl. Sie ist 1839 in St.
Margareten bei Schwaz geboren und 1932 in Innsbruck gestorben. Schon als Kind
zeigte sie ein großes Talent für Musik und Gesang. Als Sechszehnjährige zog sie mit
ihrer Schwester Anna und deren Mann Ludwig Rainer durch die Lande und erzielte
als „Tirolerische Nachtigall"
245
immense Erfolge. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ sie
246
sich in Innsbruck nieder, wo sie völlig verarmt starb.
Durch diese explizite Erwähnung von Zillertaler Sängerinnen von Erzherzogin Sophie
wurde erneut ein Raum für Frauen sichtbar. Doch im 19. Jahrhundert war dies
keineswegs selbstverständlich. Frauen war es verboten, in die Öffentlichkeit zu
gehen bzw. bei Gesangsvereinen teilzunehmen. Eine Teilnahme von Frauen bei
solchen Vereinen musste bei den Behörden genehmigt werden:
„Dank. Den letzten Montag fand im hiesigen Stadttheater zum Wohl der armen
Schuljugend ein ausgezeichnetes Concert statt, gegeben von der Kappelle des
Reg. Herzogs Wellington, wozu Herr Obrist von Herzinger mit zuvorkommender
Liebe die Erlaubniß ertheilte, und Fräulein Marie Sulzer die Güte hatte, dabei die
247
Gesangsstücke vorzutragen.“
6.3.7.2. Zehentmayer Lina
Ende der 30er Jahre war sie Gesanglehrerin im Innsbrucker Musikverein und erregte durch ihre merkwürdige Altstimme Aufmerksamkeit. 1841 ging sie nach
Wien.
248
6.3.7.3. Perthaler Caroline
Sie wurde am 15. Dezember 1810 in Klausen geboren (gestorben am 9. Oktober
1873 in Greis im Sellrain). Das musikalische Talent von Caroline zeigte sich schon
sehr früh. Sie war drei Jahre lang Schülerin des Carl Czerny und trat mit fünfzehn
erstmals auf. Als sie achtzehn war, machte sie Konzertreisen nach Graz, Prag,
Dresden, Berlin und Weimar. 1829 spielte sie Goethe vor, der von ihr tief beeindruckt
war. Von 1831-1870 war sie Klavierlehrerin in München. 1870 übersiedelte sie nach
Innsbruck.
245
249
vgl. Achenrainer, Frauenbildnisse, a.o.O., S. 133.
ebda, S. 130-138.
247
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 38, 22. Sept. 1848, S. 151.
248
vgl. von Wurzbach, Biographisches Lexikon, Bd. 59, a.o.O., S. 272.
249
vgl. Pfaundler, Tirol Lexikon, a.o.O., S. 300.
246
81
6.3.8. Gewerbe- und Handeltreibende
Gewerbe- und Handeltreibende
zählten
meist
zum
Kleinbürgertum. In der Regel
konnten verheiratete Frauen
laut § 92 des ABGB von 1811
am
Erwerb
herangezogen
des
Mannes
(gezwungen)
werden, ohne für ihre Arbeit
entlohnt werden zu müssen.
Bild oben: Bäckermeister mit Frau und Gesellen im Laden. Lithographie aus: Der Mensch und sein
Beruf, 1847; in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.gtour.handwerk/fam.htm
Bild unten: Ein Webermeister mit Frau und Tochter in der Stube. Lithographie aus: Der Mensch und
sein Beruf, 1847; in: ebda.
Das ABGB sprach ihnen aber auch Erwerbstätigkeit außerhalb des privaten
Raumes zu, sofern sie ihre Pflichten als
Hausfrau und Mutter nicht vernachlässigten. Ein tatkräftiger Beweis, dass
bürgerliche Frauen sich nicht widerspruchslos
in
die
private
Sphäre
drängen ließen, aber auch eine folgenschwere Legitimation für Doppel- und
Mehrfachbelastungen von Frauen.
Ein weiteres Indiz für eine Zunahme erwerbstätiger Frauen lieferte auch der § 176:
㤠176: Die Frauenspersonen, die sich einstens nur mehr im Kreise ihrer Familie
und in ihrer Hauswirthschaft bewegt hatten, nehmen auch jetzt thätigen Antheil
am Erwerbs- und Handelsbetriebe. Wir finden jetzt allerlei Befugnisse in ihren
Händen, und eine große Zahl von Frauen darin ihren Erwerb und das Mittel, sich
und ihre Familien zu erhalten. Wir können daher diesen Gegenstand, der nun
250
auch einen Teil des Frauenrechtes bildet, nicht mit Stillschweigen übergehen.“
250
zit. nach Schopf, Frauenrecht, a.o.O., S. 175.
82
Doch es gab gesetzliche Grenzen für Frauen. Öffentlicher Erwerbsarbeit war genau
reglementiert. Die Handwerkerinnung schloss Frauen aus. So durften sie arbeiten,
wenn sie
„(...) entweder für ihre Person in den Besitz eines Betriebes kömmt, oder ihr als
Witwe der Fortbetrieb des ehegattlichen Gewerbsrechtes zugestanden wird. (...).
Die Frauen sind vom Aerarial-Tabak-Verschleiße nicht ausgeschlossen; auch
finden wir sie oft bei der Lotto-Geschäftsführung, meistens Witwen, welchen
derlei Betriebszweige im Gnadenwege entweder an Stelle der Pension oder
Provision verliehen werden, besondere Instructionen enthalten, wie sich bei
251
einem solchen Geschäfte zu benehmen sei. (...).
§ 177: 1. Ledige und verheiratete Personen können freie Beschäftigungen, das
sind solche, zu denen keine Befugnis der Behörde nothwendig ist, betreiben.
Unter diese gehören:
a) als Gewerbe die Verfertigung und der Verschleiß von Putzwaaren und Strohhüten, auch Verfertigung und Ausbesserung weiblicher Kleidungsstücke ohne
Gehilfen, die Kuchenbäckerei (kalte Mehlspeisen, Mandoletti-Gebäcke ordinärer
Gattung, wie Gugelhupf, Beugeln, Torten, Strudeln, Butterpasteten usw. Und
b) als Handelsbeschäftigung (Häcklerei; kleine Krämerei, Ständchen-Nahrungen,
Greißlerei, Vitctualienhandel) bestehend in dem Verschleiße verschiedener
geringfügiger Artikel, wie: mit Weiß- und Steingutgeschirr, mit Zwirn, Strick- und
Stickbaumwolle, Bänder, Bonduren, Schnüre, Garn, Strumpfwirkerwaaren.
252
(...)“
Auch die Presse von 1848 bestätigte die These, dass sich (klein-)bürgerliche Frauen
nicht ausnahmslos in die intime Privatheit zurückdrängen ließen. Immer wieder
drangen sie in (neue) öffentliche Erwerbstätigkeit vor:
„Die Unterzeichnete macht hiermit dem verehrten Publikum bekannt, dass sich
die Porzellan-, Steingut- und Glaswaaren-Niederlage, welche früher in der
Neustadt im Fürstl’schen Hause Nro. 191 bestanden hat, gegenwärtig im
Unterberger Hause neben der Kunsthandlung befindet, und daselbst die Waaren
253
zu bedeutend herabgesetzten Preisen verkauft werden. Frau Maria Troll.“
„Von Oberhochsteg bis Bregenz wurde ein blaues Kutschen-Polster verloren, der
redliche Finder wird ersucht, dasselbe gegen Erkennlichkeit beim Eigenthümer,
welcher bei der Verlegerin dieses Blattes (Jul. Aug. Hild’s sel. Witwe) zu erfragen
254
ist, rückstellen zu wollen.“
„Unterzeichnete reinigt sowohl Manns- als Frauenkleider von allen Flecken. Sie
mögen mit Öl, Harz oder anderen Fettstoffen beschmutzt sein und giebt den
Kleidern wieder ihren früheren Glanz. Sie verspricht billige Preise und schnelle
Bedienung. Zu zahlreichem Zuspruch empfiehlt sich Katharina Dörler, nächst der
255
Seekaserne.“
251
ebda.
ebda.
253
Innsbrucker Zeitung, Nr. 92, 8. November 1848, S. 442.
254
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 11, 17. März 1848, S. 44.
255
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 50, 15. Dezember 1848, S. 201.
252
83
6.3.9. Die Mode bürgerlicher Frauen
Auf öffentliche Veranstaltungen zu gehen, war für adlige bzw. bürgerliche Frauen mit
vielen Problemen verbunden. So auch bedingt durch die Kleidung. In den Quellen
gab es einen Hinweis über die damalige Kleidung von Oberschichtsfrauen:
„Die Straße war buchstäblich mit Flüchtlingen bedeckt, mit Weibern in seidenen
Kleidern und ohne Schuh, mit Kindern, usw. dass es ein wahres Erbarmen
256
war.“
Mode wurde im 19. Jahrhundert immer mehr zu einem Status- und Prestigesymbol.
Nicht nur in den adligen Residenzen, sondern auch beim Bürgertum. Wer es sich
leisten konnte, ließ sich aufwendige und kostspielige Kleidungen anfertigen. Volks257
tümliche „Trachten“ und städtische Mode wurde immer deutlicher getrennt.
Zu Biedermeierbeginn trugen Frauen der gehobenen Stände tagsüber hochgeschlossene Kleider oder ein separates Oberteil mit eingeschnürter Taille und
knöchellangem Rock. Das Sommerkleid hatte einen gerade geschnittenen oder
ovalen Ausschnitt, der über die Schultern reichte.
Charakteristisch für die Zeit des hohen Biedermeiers (1825-35) war die enge, mittels
Korsett geschnürte Taille und die überweiten, unterhalb der Schulter angesetzten
Keulenärmel. Die Taille erschien so optisch noch schmäler. Der Rock wurde von
Unterröcken gestützt. Die Haartracht dieser Zeit wurde am Oberkopf flach gehalten,
in der Mitte gescheitelt und seitlich über den Ohren zu Spirallocken gedreht.
Für den Aufenthalt im Freien trugen
Frauen große viereckige Schals oder
halb- bis dreiviertellange Umhänge.
Die Hände wurden in einen Muff
gesteckt. Ihre Kleidung war keineswegs gedacht, lange im Freien zu
bleiben. Außerdem durften sie nicht
alleine auf eine Veranstaltung gehen
und schon überhaupt nicht abends.
258
Bild:http://www.aeiou.at/aeiou.history.gtour.mode/bied.htm
256
257
Innsbrucker Zeitung, Nr. 52, 30. August 1848, S. 232.
vgl. http://www.aeiou.at/aeiou.history.gtour.mode/bied.htm
84
Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem aufsteigenden Bürgertum änderte
sich in den 40er Jahren auch das Aussehen der Frauen, die Sprache und ihre
Kleidung. Die selbstbewussten Bürgerinnen trugen ähnlich prachtvolle, voluminöse
und luxuriöse Kleidungen wie Adlige. Ab 1842 wurde die Krinoline Mode. Der Rock
erhielt durch einen schweren Unterrock eine Kuppelform. Zwischen 1848 und
1868/69 beherrschte die Krinoline die gesamte Modesilhouette.
Zu
diesen
pompösen
Kleidungen
passte keine schlichte Frisur mehr. Es
entstanden komplizierte und kunstvolle
Nackenknoten, die Chignons, die mit
Kämmen und Drahtgeflechten zusammengehalten wurden.
259
Als Kopfbe-
deckung diente die Capot oder im
260
Sommer ein breitrandiger Strohhut.
Bild: http://www.aeiou.at/aeiou.history.gtour.mode/bied.htm
Die neue Mode nahm Frauen die Bewegungsfreiheit. Wegen der eng geschnürten
Taille konnten sie kaum atmen. Enge Schuhe sollten das Ideal eines zierlichen
Fußes schaffen. Durch diese pompösen Kleidungsstücke modifizierte sich auch das
tägliche Leben einer Bürgerlichen. So konnte sie selber keine Hausarbeit mehr
verrichten. Sie delegierte die Arbeit nun den DienstbotInnen und -mägden.
261
Aus
einer biedermeierlichen Hausfrau und Mutter wurde so eine großbürgerliche Herrin,
die Status und Prestige repräsentierte.
Die körperliche Einzwängung war auch eine symbolische. Bürgerliche Frauen
wurden in die private Sphäre hineingezwängt, da die Kleidung keineswegs gedacht
war, lange im Freien – im Öffentlichen – zu verweilen.
Kleidungsstücke wurden zu Symbolen eines bestimmten Frauenbildes. Anfang der
30er trug die Mode zur Infantilisierung der Frau bei. Unschuld, ewige Jugend,
Unselbständigkeit, Anmut und leidenschaftslose Verspieltheit bestimmten Kleidung
258
vgl. Carola Lipp, Frauen und Öffentlichkeit. Möglichkeiten und Grenzen politischer
Partizipation im Vormärz und in der Revolution 1848/49; in: Lipp, Schimpfende Weiber,
a.o.O., S. 289.
259
vgl. Sabine Kienitz, „Aecht deutsche Weiblichkeit" – Mode und Konsum als bürgerliche
Frauenpolitik 1848; in: Lipp, Schimpfende Weiber, a.o.O., S. 330.
260
http://www.aeiou.at/aeiou.history.gtour.mode/bied.htm
85
und Haltung der bürgerlichen Frau. Der Mann trat mit breiten gepolsterten Schultern
auf. Die Frau wirkte neben ihm klein, hilflos und schutzbedürftig.
262
In den 40er Jahren traten Bürgerinnen sehr selbstbewusst
auf. Sie waren sich ihres Platzes in der Gesellschaft
bewusst. Als Zeichen ihrer gehobenen Position änderte
sie je nach Anlaß ihre Kleider (Tages-, Nachmittag-,
Ballkleid usw.). Das luxuriöse Ballkleid wurde mit einem
tiefen Dekolleté und reichlichen Verzierungen getragen.
Der unbequeme Kreuzbandschuh eroberte die Ballwelt,
während sich in der Alltagsmode die Stieflette als
modischer Schuh durchsetzte.
Bild:http://www.aeiou.at/aeiou.history.gtour.mode/bied.htm
Anders war die Kleidung bei Unterschichtsfrauen und Bäuerinnen, die sich verständlicherweise kaum solche luxuriöse Kleidung leisten konnten. Die „Trachten“ der
Bäuerinnen waren meist sehr kunstvoll angefertigt und wurden an Feiertagen oder
Märkten angezogen.
Bild:
Trachtengruppe
aus
Trient,
Kolorierte Radierung von Josef Weger,
1827; aus: Fontana, Restauration,
a.o.O., S. 646.
Unterschichtsfrauen besaßen meist nur zwei Kleidungsgarnituren. Kennzeichnend für
das Alltagskleid waren einfache Leinenstoffe. Häufig trugen sie dazu Strohhüte.
Schuhwerk war besonders kostbar und wurde zumeist nur im Winter getragen. Für
besondere Anlässe trugen sie Festtagskleidung.
261
262
vgl. Kienitz, „Aecht deutsche Weiblichkeit“, a.o.O., S. 331.
ebda.
86
7. Der geistliche Stand in Tirol
G e istliche in T irol und Vorarlbe rg (Proze nte )
40
30
20
10
7
10
Vorarlberg
Oberinntal
14
16
22
18
Trient
R overeto
13
0
U nterinntal
Pus tertal
An der
Ets ch
Diagramm 8 zeigt die Verteilung der Geistlichen in Tirol und Vorarlberg.
263
Im
italienischsprachigen Teil lebten am meisten Geistliche. Eine nähere Untersuchung
der religiösen Situation ergab wesentliche Unterschiede in der Monarchie: Tirol wies
im Vergleich zu den anderen österreichischen Kronländern den höchsten Anteil von
Geistlichen auf.
angesiedelt.
264
In Tirol und Vorarlberg waren 10 männliche und 8 weibliche Orden
265
Auch mit der gewährten Religionsfreiheit in der kaiserlichen Proklamation verfuhr
man unterschiedlich: In den anderen Ländern der Monarchie kam es zu keinen
diskriminierenden Äußerungen gegenüber anderer Konfessionen. In Tirol aber
schon. Die politische Elite veranlasste Vertreibungen Andersgläubiger (z.B. 1837
Vertreibung von ungefähr 100 protestantischen Familien im Zillertal). Es wurden
bewusst protestantische bzw. jüdischen Feindbilder und Sündenböcke geschaffen.
Anfechtungen waren Normalität. So auch in den Medien. Mit Unterstützung dieser
formierte sich eine erzkatholische Einheit, deren Einfluß heute noch merkbar ist. (Die
seit der Gegenreformation gängige Bezeichnung „Das Heilige Land Tirol“ ist nur ein
Indiz dafür). Die heftigen diskriminierenden Reaktionen der Presse ließen sich über
viele Seiten hinweg verfolgen und vermittelten geradezu ein erschreckendes Bild. Es
folgten landauf und -abwärts gigantische Mobilisierungen gegen die Religionsfreiheit.
Eine davon ist die in die Geschichte eingegangene „Riesenpetition.“
263
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 133f.
zit. nach Heiss, Bürgertum in Südtirol, a.o.O., S. 306.
265
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 621.
264
87
„Gedanken über die Religionsfreiheit. Die Königin aller Moden (für sämtliche
neue Strömungen, R.T.) ist Wien. Die Braut des Tirolers ist die katholische Kirche
– eine wunderschöne Braut – ohne Tadel und Makel. Christus selbst hat sie zur
Braut gewählt. In ihrer Nähe fühlt er sich wohl. Und jetzt soll er das runzlige alte
266
Weib Luthers neben dieser Braut im Hause finden!“
„Kein Tiroler wünscht, dass sein Land eine Musterkarte aller möglichen
Religionsparteien werde. Die wollen nur unsere Mönche und Nonnen jagen, und
dann, was nun kindisch leicht erscheinen wird, das ganze Land lutherisch
267
machen.“
„Man beauftragte die Geistlichkeit, dem Landmanne den schönen Grundsatz der
Toleranz einzuflößen, welche mit der Lehre der reinen katholischen Kirche
keineswegs im Widerspruche ist, man lehre auch ihn die Prostestanten als seine
Brüder zu betrachten, zumal diese unserer Religion viel näher stehen als die
Israeliten, welche, wenn gleich nur in einer beschränkten Anzahl von Familien
doch in Innsbruck bisher noch immer unangefeindet belassen wurden, indes
einer protestantischen Gräfin der Anlaß eines Gutes im Unterinntale bloß wegen
ihres Glaubensbekenntnisses nicht gestattet wurde, was dem Volke natürlich die
Idee beibringen musste, dass die Protestanten keine Christen, und noch
268
gefährlicher als die Israeliten sind.“
„Die Vorsicht gegen die fatale Proselytenmacherei der Deutschen, nämlich der
Protestanten, erstreckte sich überhaupt so weit, dass man ein paar ältlichen
Fräulein aus Magdeburg nicht einmal gestattete eine alte Schloßruine
anzukaufen, und die akatholischen Arbeiter zur Hebung tirolerischer Industrie aus
269
den Fabriken nach und nach ganz entfernen wollte.“
7.1. Die Riesenpetition
Im deutschsprachigen Tirol wehrte man sich vehement gegen den § 31 der
Aprilverfassung, der die Religionsfreiheit gewährleistete. Im Mittelpunkt zur Wahrung
der Glaubenseinheit stand eine Riesenpetition, die auch Frauen hätten unterschreiben dürfen. Doch damit möglichst viele Unterschriften zusammenkamen,
unterschrieben Männer bereits ab dem 18. Lebensjahr. Das ABGB schrieb aber die
volle Handlungsfähigkeit mit dem 24. Lebensjahr vor. Durch diesen Schwindel
wurden 123.560 Unterschriften gesammelt. Diese gewaltige Anzahl verdeutlichte die
feindselige Stimmung gegenüber Andersgläubigen.
270
Öfters wurde von einem Ge-
samtwillen gesprochen, obwohl Frauen ausgeschlossen waren. Sie wehrten sich
gegen den Ausschluss in dieser rein konfessionellen Angelegenheit. Doch
Beteiligungen von Frauen hätte an der Glaubwürdigkeit der Petition zweifeln lassen:
266
Volksblatt, Nr. 11, 4. September 1848, S. 88.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 13, 23. Juni 1848, S. 53.
268
Innsbrucker Zeitung, Nr. 49, 25. August 1848, S. 216.
269
vgl. Josef Streiter, Die Revolution in Tirol 1848, Innsbruck 1852, S. 64f.
270
vgl. Bacher, Tiroler Provinziallandtag, a.o.O., S. 132.
267
88
„Petition gegen die christliche Duldung Andersgläubiger: Wollt Ihr protestantisch
werden? Toleranz Andersdenkender ist im Wesen des Christentums, eine
Religion der Nächstenliebe. Das Sammeln von Unterschriften ist nach den
konstitutionellen Gesetzen erlaubt. Die Unterschriften müssen aber von mündig
erklärten Männern unterschrieben werden. Es sollten nach dem Programme
dieser Petition alle männlichen Individuen vom 18. Jahre angefangen
unterschreiben. Im 18. Jahre ist das Individuum noch nicht mündig, sondern erst
im 24. Jahre. Sechs Jahre antizipierte man, um möglichst viele Unterschriften zu
erhalten und somit das Bild des Gesamtwillens und der Gesamtheit zu vermitteln.
Mithin sind die Unterschriften aller jener, welche nicht 24 Jahre alt sind,
rechtsungültig, eben weil der Unterschreibende nicht mündig ist. Warum schloß
man denn die Frauenzimmer aus bei einer rein konfessionellen Frage? Ich hörte
271
mehrere Frauenzimmer klagen: ‚Sind wir nicht so katholisch, wie die Männer?‘“
„Unterzeichnung für einen Antrag zur Erhaltung der Ruhe und des Friedens in
der Landesversammlung. (...). Wird nun die gesamte Bevölkerung der genannten
Kreise zu 550.000 angenommen, hievon die Hälfte mit 275.000 als zum
weiblichen Geschlechte gehörig ausscheiden, (...), so erübrigen noch 165.000
Männer. Nun haben hievon 123.000 ihren Willen nach dem Antrage in
glaubwürdiger Form durch die Fertigung der anruhenden Blätter ausgesprochen
und beurkundet. Wird ferner hiebei dem Umstande, dass ein bedeutender Teil
der männlichen Bevölkerung Tirols sich außer Lande befinde, Rechnung
getragen, so muss mit Verläßlichkeit angenommen werden, dass die Zahl der
Gefertigten den Gesamtwillen der Provinz vertrete. (...). Die neue Verfassung
darf die Freiheit des Landes nicht gefährden. Die Freiheit wird durch den
vernünftigen Willen der Gesamtheit, nicht der einzelnen bezeichnet und
272
bestimmt.“
7.2. Ordensschwestern – Ausbrüche aus der bürgerlichen Rolle
Religiosität und Katholizismus waren also wesentliche Merkmale für Tirol:
„Das deutsche Tirol (...) hatte nur eine zarte Angelegenheit des Herzens:
jungfräulich zu bleiben in seinem Bekenntnis. Das war nun (...) unendlich
kindlich, fromm und einfältig gedacht, wie nur Himmelsbräute pflegen, aber
solche Weltansichten schicken sich eben nur für die betende Nonnen, nicht für
273
die arbeitende Hausfrau, die wirkt und schafft, indes jene träumt und fastet.“
Tiroler Damenstifte, verschiedene Orden und Kongregationen für Frauen hatten um
die Mitte des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur. Kaiser Joseph II. veranlasste 1781
die Schließung aller Klöster, die nicht im Sozial-, karitativen- oder schulischen
Bereich tätig waren. Das geforderte soziale Engagement änderte das Wesen eines
Klosters grundlegend und galt für viele Frauen nun als die Chance zum Ausbruch der
bürgerlichen Rolle und als die Chance zur Selbstverwirklichung. Frauen in Klöstern
waren der Vormundschaft des Vaters entzogen. Sie waren eigenständige Personen,
271
Innsbrucker Zeitung, Nr. 12, 21. Juni 1848, S. 49.
Volksblatt, Nr. 4, 16. Juli 1848, S. 20.
273
vgl. Streiter, Revolution in Tirol, a.o.O., S. 6.
272
89
die sich außerhalb der Hausfrauen- und Ehefrauenrolle aufhielten. Vielmehr richtete
sich ihr Leben nach den „weiblichen Eigenschaften“ wie Fürsorglichkeit, Pflege,
Geduld. Berufe wie Krankenschwestern, Lehrerinnen, Alten- und Armenpflegerinnen
wurden in der Öffentlichkeit ausgeübt und waren gesellschaftlich akzeptiert.
Sie waren mit der Pflege Kranker und Armer voll ausgelastet. Vornehmen
BürgerInnen missfiel gleichzeitig der Gedanke, im Spital mit Unterschichtsleuten zusammengewürfelt zu werden.
274
Es etablierte sich unter dem Bürgertum immer mehr
die Privatkrankenpflege. Der Frauenverein, an der Spitze Dekan Nikolaus Leiss,
bewarb sich um Krankenschwestern bei den Ingenbohler-Kreuzschwestern für die
Hauspflege. Die Oberin Theresia Scherer schickte vier Pflegerinnen. Die Nachfrage
nach Privatpflege stieg bald weiter. Die Zahl der Schwestern wurde erhöht, und die
erste Oberin Roberta Böhner fasste den Plan, ein eigenes Krankenhaus zu bauen,
was 1880 bewilligt wurde.
7.2.1. Die Karmeliterinnen
Der erste kontemplative Orden in Innsbruck war jener der Karmeliterinnen. Diese
waren nicht karitativ tätige Klosterfrauen, sondern Nonnen mit einem streng
klausierten Leben. Der Lithograph Kravogl und seine Frau Theresia geb. Krötz hatten
veranlasst, diesen Orden nach Innsbruck zu berufen.
275
Am 11. November 1845
276
wurde die Niederlassung genehmigt. Er wandte sich an die Karmeliterinnen in Prag
und im Mai 1846 trafen die neuen Ordensschwestern ein. Es waren dies Schwester
Maria Johanna Staudinger als Superiorin, Schwester Maria Alosia Diechtl als Priorin
und Schwester Maria Elekta Kerchlikar.
Dieses neue Ordensideal fand bei Mädchen schnell Anklang. Schon vor Ankunft der
Schwestern hatten sich einige um die Aufnahme in das neue Karmeliterinnenkloster
277
beworben und nachher läutete fast täglich ein Mädchen an der Tür.
Auch die
Tochter des Stifters Kravogl meldete sich mit zwei Cousinen. Schwester Maria sah
274
vgl. Margarete Auer, Ordensniederlassungen des 19. Jahrhunderts in Innsbruck,
Innsbruck 1948, S. 164.
275
ebda, S. 135.
276
Die Daten variieren bei den verschiedenen AutorenInnen: vgl. Franz Caramelle/Richard
Frischauf, Die Stifte und Klöster Tirols, Innsbruck/Wien 1985, S. 258: In ihrem Buch wird
die Niederlassung erst im Oktober 1848 genehmigt.
277
vgl. Auer, Ordensniederlassungen, a.o.O., S. 141.
90
sich wegen Platzmangels oft gezwungen, viele Kandidatinnen auf spätere Zeit zu
vertrösten.
Im Mai 1847, ein Jahr nach der Ankunft in Innsbruck, fand die Grundsteinlegung für
das neue Kloster statt. 1848 konnte es bezogen und feierlich eingeweiht werden.
„Innsbruck. Gestern wurde die eben erst neu erbaute Kirche des neugegründeten
Klosters der Karmeliterinnen in Wilten nächst Innsbruck vom hochwürdigen
Fürstenbischofe von Trient feierlich eingeweiht, ein Beweis, wie unbegründet die
Beschuldigung ist, dass man in Innsbruck damit umgehe, die Klöster
278
aufzuheben.“
Bei der Weihe war alles genau geregelt. Voran gingen die streng verschleierten
Klosterfrauen, dahinter die Gräfinnen von Fünfkirchen und Alberti und andere
Frauen. Der Klosterbau wurde binnen kürzester Zeit fertig gestellt. Außerdem wurde
den Schwestern Dank vieler SpenderInnen (Kravogl, Graf Brandis, Fräulein Valerie
von Friedau usw.)
279
eine Dotation zugesichert. Die Kaiserin wurde zur Klosterweihe
280
persönlich eingeladen, sagte aber ab. Sie spendete dem Kloster 200 fl. L.M.
Trat eine Frau in ein Kloster ein, so konnte sie sich außerhalb der traditionellen
bürgerlichen Frauenrolle selbst verwirklichen. Die große Zahl an weiblichen Orden
und Kongregationen zeigte den Versuch neuer Lebensformen für Frauen.
281
Gab es
1550 nur acht Frauenklöster in Tirol, so existierten 200 Jahre später bereits 20.
282
Innerhalb der Klöster stieg die Anzahl der Anwärterinnen rasch an.
7.2.2. Die Ursulinen
Im 18. Jahrhundert ließ sich der Ursulinenorden in Innsbruck nieder. Der Orden blieb
aber von der Säkularisation Kaiser Josephs II. (ab 30. Oktober 1781) verschont.
Grund hierfür war ihr Engagement in der Erziehung von Mädchen. Die Chronik des
Klosters,
in
dem
ca.
40
Schwestern
wohnten,
Hutbandspende an Andreas Hofer im Oktober 1809.
erwähnte
eine
gestickte
283
Koffler Aloisia (geb. 1783 in Kartitsch, gest. in Bruneck 1855) war Oberin des
Ursulinenklosters in Bruneck. Nach einer musikalischen Ausbildung trat sie mit 16
278
Innsbrucker Zeitung, Nr. 29, 21. Juli 1848, S. 126.
vgl. Caramelle/Frischauf, Stifte und Klöster, a.o.O., S. 258.
280
vgl. Auer, Ordensniederlassungen, a.o.O., S. 144.
281
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 31.
282
ebda, S. 40.
279
91
Jahren in den Orden ein und wurde mit 28 Oberin. Über 44 Jahre versah sie dieses
Amt und hatte sich stets um die Stadtmädchenschule und Bildung der weiblichen
Jugendlichen eingesetzt.
284
Das Ursulinenkloster von Bruneck spielt heute noch eine
bedeutende Rolle im Schulwesen des Pustertals.
7.2.3. Die Dominikanerinnen
Die Dominikanerinnen führten ein strenges, von der Außenwelt völlig abgeschlossenes Leben. Sie lebten von Almosen und öffentlichen Zuwendungen. Ab 1781 eröffnete das Kloster eine Schule, wodurch sie von der drohenden Klosteraufhebung
Josephs II. verschont blieben.
285
Widmann Emilie (geb. in Bozen 1785, gest. im Kloster 1858) war Priorin des Klosters
in Lienz. Sie trat 1816 in das Kloster ein. Sie förderte den Unterricht, sorgte für eine
gute Ausbildung der zukünftigen Lehrerinnen und hob so zusehends das Niveau der
Klostermädchenschule. Im Jahre 1848 eröffnete sie in Steinach bei Meran eine
286
Filiale mit sechs Schwestern.
7.2.4. Die Barmherzigen Schwestern
Da in Innsbruck zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Bedarf an „Krankenschwestern
und Armenpflegerinnen“ groß war, setzte sich der Rechtsanwalt Dr. Alfons von
Pulciani für die Niederlassung der Barmherzigen Schwestern ein.
287
Diesen Orden
gab es bereits seit 1826 in Zams, in Ried in Oberinntal und in Imst und war bekannt
durch das soziale Engagement in der Kranken- und Armenpflege für beide
288
Geschlechter.
In Imst lebte Juliane Krismer, später Pauline als Barmherzige Schwester (gest. am 7.
April 1858 in Imst). Sie nahm 1809 an den Tiroler Freiheitskämpfen teil und war
dadurch im ganzen Land bekannt. Mit einem Stutzen bewaffnet stellte sie sich an die
„Spitze der Amazonen“.
283
289
vgl. Caramelle/Frischauf, Stifte und Klöster, a.o.O., S. 232.
vgl. von Wurzbach, Biograph. Lexikon, a.o.O., 12. Teil, S. 272.
285
vgl. Caramelle/Frischauf, Stifte und Klöster, a.o.O., S. 203.
286
vgl. von Wurzbach, Biograph. Lexikon, a.o.O., 55. Teil, S. 257.
287
vgl. Auer, Ordensniederlassungen, a.o.O., S. 100.
288
ebda, S. 101.
289
vgl. von Wurzbach, Biograph. Lexikon, a.o.O., 13. Teil, S. 234.
284
92
Der Magistrat genehmigte 1836 die Niederlassung der Barmherzigen Schwestern.
Vier Tiroler Kandidatinnen (Kresenzia Petzer von Welsberg, Tochter des Landrichters, Anna Messner von Nasserreith, Rosa Geissler aus Fügen und Zäzilia Opel aus
Imst) erhielten in München eine klösterliche Ausbildung. Nach dem Noviziat kehrten
sie 1839 mit zwei erfahrenen Schwestern zurück.
290
Schwester Vinzenza Balghuber
übernahm die Oberinnenstelle, Schwester Aloisia Aigner wurde Novizenmeisterin.
Am 1. Mai 1839 wurde die Niederlassung des Ordens feierlich eingeweiht. Die
Barmherzigen Schwestern ernteten schon sehr bald so große Anerkennung in der
Kranken- und Armenpflege, dass zahlreiche Mädchen aus den verschiedensten
Ständen sich für diese Berufe begeisterten. Viele traten ins Kloster ein. Am 19. Mai
1840 legten die vier Tiroler Novizinnen ihr Ordensgelübde ab. Gleichzeitig wurden
fünf Postulantinnen eingekleidet:
•
•
•
•
•
291
Maria Burggesser von Innsbruck – Schwester Alfonsa
Marianne Pizzinini von Abtei – Schwester Johanna
Christina Pineid von Kastelruth – Schwester Michaela
Seraphina Holzknecht von Längenfeld – Schwester Josefa
Anna Maria Pritzi von Burgeis – Schwester Bernarda
Zwei Jahre nach der Gründung zählte der Orden bereits 19 Schwestern und 15
Postulantinnen, im Jahre 1844 waren es 46 Schwestern, die im Mutterhaus in
Innsbruck und in sechs Filialen arbeiteten:
292
12 Schwestern
Innsbruck
11 Schwestern
Bozen
6 Schwestern
Brixen
6 Schwestern
Schwaz
5 Schwestern
Kaltern
3 Schwestern
Lienz
3 Schwestern
Sterzing
Mit Zams, Ried, und Imst zusammen wagten insgesamt 149 Schwestern einen
Ausbruch aus den damaligen festgeschriebenen Geschlechterrollen. Viele Mädchen
aus den verschiedensten Ständen wollten für einen „Beruf“ in der Armen- und
293
Krankenpflege diesen Orden beitreten.
290
vgl. Auer, Ordensniederlassungen, a.o.O., S. 104.
ebda, S. 109.
292
ebda.
293
vgl. Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 45.
291
93
1848 erwarben die Schwestern in Saggen ein Haus, das sie in ein Armenhaus
umwidmeten.
7.2.5. Die Englischen Fräulein
Während 1751 zwölf Fräulein in Brixen waren, so waren es 1781 bereits 29. Die
Institute der Englischen Fräulein machten sich besonders im Unterricht der Mädchen
verdient. Der Orden erlangte bald großes Ansehen. Neue Niederlassungen erfolgten
in Meran, Brixen und Rovereto:
„Die Bevölkerung Roveretos wünschte sich schon lange, eine Volksschule für
Mädchen in der Stadt zu errichten. Die Eltern wurden angewiesen, ihre Töchter in
294
die Klosterschule der Englischen Fräuleins, zu schicken.“
Von liberaler Seite kritisierte man aber diesen mächtigen Einfluß des Klerus und der
Ordensschwestern in den Bereichen der Schule, der Armen- und Krankenfürsorge:
„Gesteigerte Wuth gegen den Ordensklerus und die Verblendung im Tirolerlande
(...). Noch immer sitzen Franziskaner, Minoriten, Carmeliter, Carmeliterinnen ec.
ganz behaglich in ihrem Neste. Noch immer pflegen die barmherzigen
Schwestern eure Kranken, die Schulschwestern unterrichten noch immer eure
Töchter. (...). Weg mit den barmherzigen Schwestern, die doch bei den
Protestanten Gnade und Nachahmung gefunden. Weg mit den Schulschwestern,
295
die die Töchter unterrichten (...).“
Trotz allem wurden ihnen diese Kompetenzen zugestanden. Erst die Schulreform
von 1848 sah auch weltliche Lehrerinnen für den Mädchenunterricht vor.
Auch heute noch sind einige Orden im schulischen Bereich tätig: Die Ursulinen mit
einem wirtschaftskundlichen Realgymnasium, die Barmherzigen Schwestern leiten
eine private Volks- und Hauptschule, ein katholisches Oberstufenrealgymnasium und
eine katholische Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik mit Übungskindergarten
und Kinderkrippe.
Im Bereich der Armen- und Krankenpflege aber blieben sie zunächst ohne
Konkurrenz. Einige Privatspitäler sind heute noch in den Händen der Schwestern wie
beispielsweise das Privatsanatorium der Barmherzigen Schwestern in Saggen.
294
Il messaggiere tirolese, Nr. 18, 1. März 1848, S. 1: Scuola feminile Roveretana. Era lungo
e intenso desiderio della popolazione roveretana di poter avere nella sua città una scuola
elementare per le fanciulle. Costretti i genitori a inviare le loro figlie alla scuola nel
convento delle Vergini Inglesi (...).
295
Tiroler Wochenblatt, Nr. 27, 30. Sept. 1848, S. 92.
94
7.3. Frauenkongregationen
In den neu gegründeten Kongregationen des 19. Jahrhunderts wurden freiere
Statuten
festgelegt. Zwischen
gegründet.
296
1800-1823 wurden 23 Frauenkongregationen
Es änderte sich das Bild der Ordenschwestern. In den mittelalterlichen
Abteien und Stifte kamen Mönche und Nonnen ausschließlich aus dem adligen
Stand. Die Mehrzahl kam jetzt aus gut situierten bürgerlichen Kreisen oder aus
bäuerlichen Verhältnissen.
297
Kongregationen beschäftigten sich in der Seelsorge,
Schule und Karitas.
7.4. Damenstifte
Adlige Töchter wurden aber nicht nur im Kloster versorgt, sondern auch in
Damenstiften. In Tirol gab es drei:
•
das Maria-Theresianische in Innsbruck (1765: das von Maria Theresia
gegründete
Damenstift
in
der
Innsbrucker
Hofburg
zur
Versorgung
298
unverheirateter, adliger Mädchen,
•
das Haller Fräuleinstift (1567 von Erzherzogin Maria Magdalena gegründet und
1783 aufgehoben) und
•
das „Therese gräflich Wolkensteinische adlige Damenstift“ für Witwen in
Innsbruck (1832).
299
Diese Damenstifte waren weltliche Vereinigungen. Die Anwärterinnen mussten kein
Gelübde ablegen, konnten jederzeit austreten und nahmen an gesellschaftlichen
Veranstaltungen der Oberschichten teil.
300
Das Maria-Theresianische Damenstift war zur Versorgung der adligen Töchter
gedacht. Maria Theresia gründete es anlässlich des plötzlichen Todes von Kaiser
Franz I. Die Anzahl der Adligen wurde auf zwölf festgelegt, die Äbtissin entstammte
aus dem Kaiserhaus. Kaiserin Maria Anna war Schutzfrau des Damenstiftes von
1835-1855.
296
301
vgl. Auer, Ordensniederlassungen, a.o.O., S. 14.
ebda, S. 19.
298
ebda, S. 40f; vgl. auch Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., 1. Teil, S. 414-415.
299
vgl. Caramelle/Frischauf, Stifte und Klöster, a.o.O., S. 272.
300
Schopf, Das österreichische Frauenrecht, a.o.O., S. 185f.
301
vgl. Elinor Langer, Die Geschichte des Adligen Damenstiftes zu Innsbruck, Innsbruck
1950, S. 147.
297
95
302
Folgende Adlige lebten 1848 im Damenstift.
Die Daten zeigten Ein- und Austritt:
Caroline, Gräfin Gaisruck
Marie, Gräfin Lodron-Lateranoin
Josephine, Gräfin Bissingen-Nippenburg
Johanna, Freiin von Schneeburg zu Rubnin
22.10.1818-25.03.1864
29.03.1824-28.05.1887
Unterdechantin 1846-87
19.08.1824-02.02.1880
19.08.1824-19.05.1875
Unterdechantin 1837-46
Oberdechantin 1846-75
Marie Anna Freiin von Hingenau
09.05.1825-19.12.1870
Maria Anna, Gräfin von Inzaghi
19.12.1825-01.09.1856
Eleonore, Fürstin Hohenlohe-Waldenburg und Schillingfürst
09.10.1827-19.11.1849
Creszentia, Gräfin Thurn-Valsassina und Taxis
09.06.1828-04.01.1882
Antonie, Gräfin Coreth zu Starkenburg und Coredo
24.04.1829-26.07.1880
Albertine, Gräfin Welsberg zu Raitenau
01.09.1831-14.04.1886
Franziska Seraphine, Gräfin Leiningen-Westerburg
Mathilde, Gräfin Stadel-Kornberg
12.07.1838-1850
27.05.1847-19.07.1893
Unterdechantin 1887-93
Frauen in den Stiften, Klöstern und Kongregationen handelten durchaus auch
politisch. So setzten sie im Bereich der Armen- und Krankenpflege wichtige
Maßstäbe und konnten in diesem Raum der Sozialpolitik wichtige Forderungen
durchbringen: z.B. den Bau eines Spitals durch die Barmherzigen Schwestern. Auch
in die Belange Tiroler Politik mischten sie sich durch Petitionen ein, was folgende
Pressemeldung verdeutlichte:
„Es ist kürzlich eine lithographische Petition, angeblich im Namen aller Bürger
Innsbrucks, hier erschienen. Eine Handvoll ehrenfester Bürger, nebst einigen
gottesfürchtigen alten Frauen dieser Stadt hielten sich für erleuchtet genug, um dem
Ministerium ein Schnippchen zu schlagen. Die Petition sah die Aufhebung des Jesuitenund Liguorianerordens als einen widerrechtlichen Eingriff in die jedem Staatsbürger
303
zustehenden Rechte.“
302
303
ebda, S. 148ff.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 72, 4. Oktober 1848, S. 323.
96
Interessant ist auch folgendes Ereignis, das das politische Interesse und Engagement von Ordensschwestern zeigte:
Bei den Landtagswahlen von 1861 machten 15 Barmherzige Schwestern aus Imst,
Mils, Reutte und Landeck von ihrem eines mittels früheren Landtagsbeschlusses
gewährten Wahlrechtes Gebrauch.
304
(Bei der Reichsratswahlreform von 1907 wurde
das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für Männer eingeführt. Erst 1918
wurde das Frauenwahlrecht eingeführt).
305
Da sie keine Ehemänner hatten, die für
sie das Wahlrecht ausübten, beschlossen sie selbst zur Wahl zu gehen. Daraufhin
entstand eine heftige Debatte.
306
Man rätselte, wie man mit den Stimmen der Barm-
herzigen Schwestern umgehen sollte. Die 15 Stimmen wurden von den insgesamt
230 Stimmen abgezogen, und die Wahl für gültig erklärt. Denn indirekt wahlbe307
rechtigt waren zu dieser Zeit nur Frauen der adligen Kurie mit Großgrundbesitz.
Bei der Landtagswahlordnungsreform von 1863 galt zwar persönliches Wahlrecht,
doch Frauen sollten davon ausgeschlossen bleiben. Ihre Gatten oder Bevoll308
mächtigten wählten für sie.
1869 wurde im Tiroler Landtag über das Wahlrecht der Frauen diskutiert.
Abgeordnete wollten verhindern, dass Frauen zu den Wahlen gingen. Der Paragraph
15 wurde in der Form abgeändert, dass verheiratete Frauen ihr Wahlrecht nur durch
ihren Ehegatten oder einen Bevollmächtigten ausüben konnten.
309
Nur der Trentiner
Liberale Leonardi trat für das Frauenwahlrecht ein, was jedoch im Landtag heftige
Diskussionen auslöste. In den Gemeindestatuten von Innsbruck, Bozen und Trient
war man gegen das Wahlrecht von Frauen. Einzig in Rovereto durften die Frauen ein
indirektes Wahlrecht ausüben.
304
310
vgl. Gretl Köfler/Gertha Hofmüller, Beiträge zur Tiroler Frauenforschung. Ein Arbeitsbericht; in: Veröffentlichungen der Universität Innsbruck 170, Innsbruck S. 1989, S. 145.
305
vgl. Brigitte Zaar, Einführung des Frauenwahlrechts; in: Forum Politische Bildung (Hg.),
Wendepunkte und Kontinuitäten. Zäsuren der demokratischen Entwicklung in der österreichischen Geschichte, Wien 1998, S. 66-82.
306
vgl. Köfler/Hofmüller, Beiträge zur Tiroler Frauenforschung, a.o.O., S. 150.
307
ebda.
308
ebda.
309
ebda, S. 151.
97
8. Arbeiterinnen in der Tiroler Presse
8.1. Das Bild der Arbeiterinnen
Das Bild der unteren Schichten ist ein sehr heterogenes. Unterschichtsfrauen stellten
höchst unterschiedliche weibliche Existenzformen dar, die mit ökonomischen Daten
nur in Umrissen sichtbar gemacht werden können.
311
Meist denken wir an
verschmutzte Menschen in einer großen Fabrik. Doch diese stellten in Tirol nur einen
geringen Anteil. Wesentlich mehr waren so genannte WanderarbeiterInnen (Maurer,
Sägearbeiter, ErdarbeiterInnen, Bauarbeiter, Knechte, Mägde, Dienstbotinnen und
Hausgehilfinnen), sowie TagelöhnerInnen in der Landwirtschaft und im Gewerbe.
Weiters zählten die Lehrlinge, Gesellen und Gehilfinnen im Gastgewerbe zu der
ArbeiterInnenklasse.
312
Das auferlegte (bürgerliche) Frauenideal galt ausschließlich für adlige und
bürgerliche Frauen. Für die Frauen aus den Unterschichten entsprach dieses Modell
nicht:
•
•
•
•
•
•
•
•
sie mussten einer außerhäuslichen Arbeit nachgehen, um für sich und ihre
Familie existentielle Lebensgrundlagen zu schaffen,
ein Großteil ihres Lebens spielte sich auf der Straße ab,
sie traten in gemischten öffentlichen Räumen (z.B. Fabriken) auf,
sie verfehlten aufgrund ihrer schlechten finanziellen Lage das konstruierte Ideal
der Ehe,
folglich galt für sie auch das eheliche Fortpflanzungsdiktat nicht,
sie wurden grundverschieden sozialisiert,
sie erhielten – wenn überhaupt – eine andere Schulbildung als Frauen und
Mädchen aus gehobenen Schichten,
es funktionierten die Modevorschriften der höheren Stände nicht usw.
Gerade eben, weil dieses Ideal der bürgerlichen Weiblichkeit in keiner Weise für
Unterschichtsfrauen zutraf, wurde nicht zufällig in dieser Zeit der abwertende Begriff
„Dirne“ für sie kreiert.
310
ebda, S. 153.
vgl. Carola Lipp, „Fleißige Weibsleut" und „liderliche Dirnen". Arbeits- und
Lebensperspektiven von Unterschichtsfrauen; in: Carola Lipp (Hg.), Schimpfende Weiber,
a.o.O., S. 25.
312
vgl. Elisabeth Dietrich, Die soziale Frage der Arbeiterfamilie, Innsbruck 1993, S. 69.
311
98
„Der aufmerksame Beobachter findet in allen Klassen der Gesellschaft früher
nicht gekannte Ansprüche an das Leben, die Einfachheit des Hauses ist an
vielen Orten verschwunden (...) viele sind faul, wollen nicht arbeiten, aber reich
werden (...) wozu läßt sich nicht die faule Dirne mißbrauchen, wenn man ihr
313
einige Kreuzer gibt.“
Sieder versteht unter diesem Begriff keine Prostituierte. Er ist für ihn vielmehr eine
abwertende Bezeichnung von Männern für jene Frauen, die sich aufgrund ihrer
ökonomischen Situation nicht nach der vorgeschriebenen Rolle verhielten.
314
Selbst
viele Industriearbeiter der ersten Generation bezeichneten Mädchen und Frauen, die
315
in städtischen Industriebetrieben arbeiteten, gern als „Huren und Dirnen.“
Der
Argwohn der Männer richtete sich auf viele Bereiche: Es waren jene, wo
•
ihre Frauen mit zahlreichen Menschen zusammentrafen,
•
sie in gemischte öffentliche Räume traten und
•
sie die Frauen nicht zu kontrollieren vermochten.
Die beabsichtigte Intention war die Zurückführung von der unkontrollierbaren
Öffentlichkeit in den leichter kontrollierbaren Haushalt.
Arbeitsstruktur
in
Unterschichtsfrauen
der
nicht
industriellen
mehr
von
Phase
der
316
Doch durch die veränderte
konnte
der
Öffentlichkeit
Gesetzgeber
verdrängen.
die
Unter-
schichtsfrauen waren stets präsent. Eine Integration der Arbeiterinnen in allen
Erwerbszweigen wurde verhindert, indem
„vor allem bemerkt wird, dass die österreichische Regierung den Grundsatz
aufgestellt habe, dem weiblichen Geschlechte den Betrieb solcher
Nahrungszweige, wozu es nach seiner Persönlichkeit geeignet, auch keine
ordentliche Erlernung und Vorbereitung nothwendig ist, und in welchen es für
317
sich einen ehrlichen Erwerb finden kann, soviel als möglich zu erleichtern.
Die rigorosen Bestimmungen sahen für Frauen also genau jene Arbeiten vor, die
ihren „natürlichen“ Eigenschaften entsprachen. Einen Ausschluss von allen
„männlichen“ Berufen förderte auch die strenge Zunftordnung. Somit waren die
meisten Möglichkeiten im nicht-landwirtschaftlichen Bereich eng an Hausarbeit
313
Volksblatt Nr. 9, 23. August 1848, S. 69.
vgl. Sieder, Sozialgeschichte der Familie, a.o.O., S. 36.
315
ebda.
316
ebda.
317
zit. nach Schopf, Frauenrecht, a.o.O., S. 175 ff.
314
99
gebunden. Ein sehr großer Teil von Frauen arbeitete als Dienstbotinnen in der
Stadt:
318
„Eine Magd, welche die Hauswirthschaft gut versteht und mit guten Zeugnissen
versehen ist, sucht einen Dienst und könnte sogleich eintreten. Das Weitere sagt
319
die Verlegerin dieses Blattes.“
8.2. Die Erziehung der Arbeiterinnen
Zu den wirtschaftlichen Nöten der Unterschichtsfrauen kamen soziale und rechtliche
Verschärfungen. So machten rigorose Verehelichungsbeschränkungen eine Heirat
vom finanziellen Stand abhängig. Die Folge war, dass Unterschichten später
heirateten oder ohne Trauschein zusammenlebten, was laut Gesetzgeber ein
Vergehen war. Es bestand ein Zusammenhang zwischen den Verehelichungsgesetzen und den unehelichen Kindern. Doch wenige Politiker bezogen dies
zueinander. Für Konservative war die hohe Zahl vielmehr ein Grund für die einher320
gehende „Sittenlosigkeit". Sie suchten somit nicht nach einer Lösung der sozialen
Frage, sondern nach der bestmöglichen Disziplinierung für Unterschichten. Vor allem
der konservative Frauenverein in Innsbruck sah sich hierfür verantwortlich:
„Kinderwart-Anstalten
Die Anstalt befindet sich im städtischen Versorgungshause, hat ein geräumiges
Lokal und einen sehr großen Spielplatz. Die Zahl kann man schlecht schätzen,
321
aber ca. 60-70 Kinder, die Hälfte Mädchen.
Zu Dreiheiligen
Dort befinden sich 23 Buben und 22 Mädchen bis zu fünf Jahren. (...). Zweck
dieser Anstalt ist es: Bewahrung der Kinder vor Unfällen, Angewöhnung zur
Reinlichkeit, Ordnung, Folgsamkeit, Ausbildung des Körpers, erste Begriffe
322
unserer Religion.“
„(...). Mehr als 200 Mädchen, die bisher keine Gelegenheit fanden, sich die erforderlichen Kenntnisse zu verschaffen, um einst ihr Brot auf ehrbare Art zu
erwerben, daher häufig dem Müßiggange oder einer planlosen unnützen Beschäftigung nachgingen, bleiben jetzt von 8-11 Uhr vormittags und von 1-6 Uhr
abends unter öffentlicher Aufsicht versammelt. (...). Da auf Reinlichkeit der
Kleidung, Sittsamkeit und Anstand sorgfältig gehalten wird, so ist diese Anstalt
323
sowohl eine Beschäftigungs-, als auch eine Bildungsinstitution.“
318
vgl. Margit Stephan, Die unbotmäßige Dienstbotin; in: Lipp, Schimpfende Weiber, a.o.O.,
S. 56.
319
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 42, 20. Oktober 1848, S. 172.
320
vgl. Stephan, Die unbotmäßige Dienstbotin, a.o.O, S. 57.
321
K.K. Priv. Bote für Tirol und Vorarlberg. Extra Beilage, Nr. 8, 29. Dezember 1834
322
ebda.
323
ebda.
100
„Die Industrieschule zu St. Nikolaus
Diese Anstalt besuchten im Laufe des Jahres im Schnitt 98, seit dem Winter 127
Mädchen. Hiervon waren 23 Mädchen mit Nähen beschäftigt, 34 mit Spinnen und
70 mit Sticken. Die verschiedenen Arbeiten bestehen in Näh- und Strickarbeiten.
All diese Arbeiten wurden gegen Bezahlung geliefert und es erhielten die
Mädchen für
Näharbeit
101 fl. 31 kr.
Strickarbeit
25 fl. 22 kr.
324
Spinnarbeit
153 fl 7 kr (...).“
Ähnliche Funktionen erfüllten die Amazonentheater:
„(...). Als ich mich nach der Veranlassung dieser Comödie erkundigte, erfuhr ich,
dass die Ortsobrigkeiten sie zum Theil herbeigeführt hätten. Weil nämlich jetzt
das Dorf voll von Dragonern liege, so hätten die Herren allerhand Unfug besorgt,
Comödienspielen aber für das beste Mittel gehalten, die Mädchen in den
müßigen Stunden zu beschäftigen, und ihre Gedanken von leichtfertigen Dingen
abzuwenden. Es sei auch gelungen, denn die Mädchen thäten, wenn die
Feldarbeit vorüber wäre, nichts als lernen und probieren. Hiermit ist also,
wenigstens in Pradl, die Frage entschieden, welche Zeloten und Aesthetiker so
abweichend beantworten; die Frage nämlich: ob die Schaubühne eine moralische
325
oder eine unmoralische Anstalt sei?“
Viele Unterschichtsfrauen waren so fest in Disziplinierungs- und Erziehungsmaßnahmen eingeschlossen. Presseartikel wiesen vermehrt auf Folgen bei
Nichtbeachtung hin:
„Ein Beispiel von einen solchen Aufklärer, weiß ich euch von meinem Leben. Da
ist ein Madl von ein meinigen Vetter in die Stadt in Dienst kommen, und hat dort
mit ihrem netten Gesicht einen alten Wüstling gewaltig in die Augen gestochen.
Weil sie aber in Religion gut unterrichtet und eingeübt war, hat sie seinen
schädlichen Antrag lang widerstanden. Um sie aber doch in sein Garn zu
kriegen, hat er angefangen, sie aufgeklärt zu machen. Hat sie etwas von der
Sünd gesagt, so ist das bei ihm ein Pfaffengeschwätz gewesen; hat sie ihm die
Höll vorgestellt, so hat er sie gefragt, ob sie denn auch so dumm sei, und an
dieser alten Fabel noch glaub, kurz nach und nach hat sie sich aufgeklärt
machen lassen, ist aber dafür gar bald verunglückt (schwanger, r.t.) nach Hause
gekommen. Der Kummer ihrer Eltern und Geschwister, und ihre Schand hat sie
auf's Krankenlager geworfen, von dem sie nicht mehr aufgestanden ist. Da auf
dem Sterbebette hat sie dann unser Herr aufgeklärt, und ihr ein Licht
angezündet, dass sie gar gut gesehen hat, wer ihr's Rechte und's Wahre gesagt
hat, der Geistliche, da sie in der Religion unterrichtet, oder ihr Verführer, der ihr
326
seine Aufklärung beigebracht hat.“
324
ebda.
zit. nach Köfler/Forcher, Frau in Geschichte, a.o.O., S. 146.
326
Volksblatt, Nr. 19, 2. Oktober 1848, S. 131.
325
101
8.3. Die Konstruktion einer neuen Sexualität
Aufklärung – im zweifachen Sinne zu verstehen – brachte laut konservativen Kräften
den Sittenverfall mit sich. Aufklärung wurde oft mit dem Tode bestraft. Dienstbotinnen
und andere Unterschichtsfrauen waren besonders gefährdet. Klischees gaben sie als
schmutzige, betrügerische, verdorbene und unsittliche Frauen wieder, die oft
Liebschaften hatten.
327
Sie mussten daher – wie auch Oberschichtsfrauen – sexuell
diszipliniert werden. Doch die wirklichen Gründe lagen tiefer:
Michel Foucault beschrieb die Vertreibung all jener Formen der Sexualität
328
aus der
Wirklichkeit, die sich der Wirtschaftlichkeit der Reproduktion nicht unterwarfen
(Sicherung
des
Bevölkerungswachstums,
Produktion
der
Arbeitskraft,
Aufrechterhaltung der Gesellschaft). Es wurde eine ökonomisch nützliche und
politisch konservative Sexualität entworfen. Alle sexuellen Praktiken außerhalb des
Bereiches der Fortpflanzung wurden zuerst negiert und schließlich mit Sanktionen
versehen.
329
Die Kirche und das Zivilrecht (ABGB) hatten Sexualität mit Sünde verbunden.
330
Es
wurde zur Erziehung der christlichen Sittlichkeit ermahnt. Sie zielten darauf ab, das
Fleisch als Wurzel aller Sünden zu machen. Die Medizin, die Psychologie, die
Pädagogik usw. verhielten sich nicht anders. Jeder Bereich bestimmte auf seine
Weise die Scheidung in Erlaubtes und Verbotenes. Und alle waren um die ehelichen
(heterosexuellen)
Beziehungen
331
zentriert.
Einst
als
triebhaft,
dämonisch,
männermordend und „geil“ bezeichnet, wurden Frauen im 19. Jahrhundert zu
Geschlechtswesen
327
ohne
Geschlechtstrieb,
zu
tugendhaften
und
asexuellen
vgl. Stephan, Dienstbotin, a.o.O., S. 57.
„Sexualität ist kein Ding-an-sich, keine sachliche Kategorie. Sexualität ist ein neues,
künstliches Konstrukt, ein Sammelbegriff, der erst im 19. Jahrhundert seinen Namen
erhielt. Das Wort tauchte erstmals um 1800 im Zusammenhang mit einem von den
Biologen Linnaeus entworfenen Modell auf und bezeichnete ursprünglich geschlechtliche
Unterschiede bei Pflanzen; es dehnte sich rasch auf Fortpflanzung und
Geschlechtsunterschiede im allgemeinen aus." zit. nach Isabell V. Hull, ‚Sexualität' und
bürgerliche Gesellschaft; in: Frevert, Bürgerinnen, a.o.O., S. 50.
329
vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Frankfurt am Main
1983, S. 50.
330
vgl. Hull, ‚Sexualität', a.o.O, S. 60.
331
vgl. Foucault, Wille zum Wissen, a.o.O., S. 51.
328
102
Hüterinnen
häuslicher
wie
öffentlicher
Moral.
332
Diese
männliche
Sexualitätskonstruktion funktioniert leider heute immer noch größtenteils.
Soweit nun die Bilder und Disziplinierungen von Unterschichtsfrauen. Doch werden
auch andere Bilder in den Medien sichtbar? Wie verhielten sich die ArbeiterInnen in
den Zeiten der Revolutionen? Gibt es dafür Hinweise in den Quellen?
8.4. Demonstrationen und Aufstände als Zeichen des politischen
Protestes
Die Initialzündung zu den europäischen Revolutionen lieferten die Pariser
ArbeiterInnen:
„Ein detaillierter Ausweis über die in die verschiedenen Spitäler von Paris
aufgenommenen Verwundeten gibt die Zahl derselben auf 461 Männer, 18
Frauen und 92 Militärspersonen. Hievon sind bisher gestorben 48 Männer, eine
333
Frau und zwei Militärspersonen.“
In der Tiroler Presse von 1848 finden sich relativ viele Berichte über die Aufstände,
Demonstrationen, Streiks von ArbeiterInnen und BürgerInnen in den großen
europäischen Städten:
„Paris, 23. Juni. Aufruhr der Arbeiter und Vertreibung des Königs Louis Philipp.
Die Regierung wollte den Arbeitern helfen, indem sie öffentliche Werkstätten
errichteten. Alle 17-25jährigen mussten zum Militärdienst oder die staatlichen
Werkstätten verlassen. Am 26. Juni kam der Erzbischof von Paris begleitet von
zwei Generalvikaren, um die Arbeiter zu besänftigen und um Frieden zu
vermitteln. Man stürzte vor ihm auf die Knie, Bürger, Soldaten, Männer und
334
Frauen.“
In den europäischen Städten waren die ArbeiterInnen durch ihren politischen Protest
wesentlich an den Eskalationen beteiligt oder gaben den primären Anstoß:
332
vgl. Schmaußer, Blaustrumpf. a.o.O., S. 31.
K.K. Priv. Bothe, Nr. 21, 13. März 1848, S. 89.
334
Volksblatt, Nr. 3, 5. Juli 1848, S. 15.
333
103
Aber nicht nur Arbeiter
waren
beteiligt,
sondern
auch viele Arbeiterinnen
und BürgerInnen. Frauen
spielten
eine
wichtige
Rolle, sie vertraten und
verteidigten die Ideale der
Revolution
wie
Männer,
beteiligten sich genauso
am
Barrikadenbau
wie
Männer. In der Geschichtsschreibung
Demonstrierende Arbeiter am Abend des 13. März 1848
aus: Reschauer, Das Jahr 1848, a.o.O., in:
http://www.aeiou.at./aeiou.history.docs/20732.htm
wurden
sie
aber selten miteinbezogen.
Durch die (politische) Partizipation wurde Klassenbewusstsein geschaffen. Das Jahr
1848 gilt als wichtiger Eckstein einer organisierten ArbeiterInnenschaft, aber auch
der österreichischen Frauenbewegung.
Bild: Blutige Vertreibung der RevolutionärInnen;
aus: Reschauer, Das Jahr 1848; in: http://www.
aeiou.at/aeiou.history.docs/20721.htm
In
den
Revolutionen
fanden
sich
Bild: Kampf in Wien am 13. März 1848; aus:
Reschauer, Das Jahr 1848; in: http://www.
aeiou.at/aeiou.history.docs/20723.htm
unterschiedliche
Verhaltensmuster.
Es
verschwammen die Räume zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen den
verschiedenen Ständen. Arbeiterinnen beteiligten sich schon im März an den
Kämpfen, Bürgerinnen stießen im Mai dazu. Je nach ihrer sozialen Herkunft wurden
104
sie in den Medien unterschiedlich bezeichnet: Frauen aus der Unterschicht wurden
als „kräftige Weiber", „kecke Dirnen", und „Gassen-Nymphen“ usw. bezeichnet,
bürgerliche Frauen als „junge Damen", „hübsche Bürgermädchen" usw.
In
den
Abbildungen
von
Heinrich Reschauer wurde
immer wieder die Partizipation von verschiedenen sozialen Schichten sichtbar.
Auch Gabriella Hauch belegte die Anwesenheit von
Arbeiterinnen und Bürgerinnen am Barrikadenbau. Sie
setzten sich mit großem
Idealismus für revolutionäre
Ideale und Forderungen ein:
Bild: Errichtung der Kaiserbarrikade am 26. Mai 1848;
aus: Reschauer, Das Jahr 1848; in:
http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20772.htm
„Wie groß und herrlich standen in dieser bewegten Welt die Frauen von Wien da!
In ihrer Brust zündete der Funke der Freiheit am reinsten, sie liebten sie mit der
335
vollen Liebe des Weibes, liebten sie von ganzer Seele."
Sie kümmerten sich nicht nur um die Verpflegung (Essen, Trinken, Tabakwaren),
sondern auch um Waffen, Pulver, Blei, Kugeln, Degen, Säbel, Büchsen und
336
Musketen.
„In Klausenberg vom 12. heißt es: Unsere Stadt ist ganz auf Kriegsfuß gesetzt,
ein Theil unserer Wehr hat sich ins Lager begeben, der andere Theil versieht den
Wachdienst in der Stadt. Bei uns ist bereits Alles, Beamten, Handwerksmann,
Kaufmann, Schreiber, Herr und Diener, Jung und Alt unter Waffen, während
337
unsere Frauen Patronen und Charpie (Verbandszeug, r.t.) bereiten.“
335
zit. nach Pichler, Aus den März- und Oktobertagen, a.o.O., S. 13.
vgl. Gabriella Hauch, Blumenkranz und Selbstbewaffnung. Frauenengagement in der
Wiener Revolution 1848; in: Helga Grubitsch (Hg.), Grenzgängerinnen. Revolutionäre
Frauen im 18. und 19. Jahrhundert. Weibliche Wirklichkeit und männliche Phantasien,
Düsseldorf 1985, S. 93.
337
Innsbrucker Zeitung, Nr. 104, 29. November 1848, S. 508.
336
105
Bürgerinnen bewirteten Arbeiter mit Silberbesteck, Frauen aus mittleren Schichten
stellten Haushaltstücher zur Verfügung, die als Fahnen auf den Barrikaden
338
aufgestellt wurden. Frauen griffen aber auch zu den Waffen:
„Neapel, 4. September. Berichten aus Messina zu Folge hat die Zitadelle am 3.
dieses Monats ein schreckliches Feuer auf die Stadt begonnen, welches diese
mit gleicher Wut beantwortete. Die Einwohner verteidigten sich verzweifelt, selbst
339
die Frauen sind bewaffnet.“
Der Tiroler Dichter Adolf Pichler, ein Zeitzeuge der März- und Oktoberrevolution in
Wien, lieferte wichtige Berichte. Auszüge aus Quellen geben relevante Aufschlüsse
darüber, dass Frauen in Revolutionen in viele öffentliche Räume getreten waren:
„Die Waffen klirrten, im Nu
verschwanden die weißen Fahnen,
die Blutsfahne wogte unter den
Scharen, die Frauen warfen rote
Bänder herab. Sturm, Sturm! hallte
es durch die Reihen. Eine junge
Dame riß das rote Halstuch ab, und
gab es uns todtenbleich mit den
Worten: ‚Rot ist eine schreckliche
Farbe, wenn aber Blut fließen
muss, so kämpfen sie, wie sie
340
begonnen haben – als Helden!‘"
Bild: Kampf der Nationalgarde mit plündernden ProletarierInnen in der Nacht vom 14. auf 15. März;
aus: Reschauer, Das Jahr 1848, a.o.O., in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20744.htm
„Eines anmuthigen Vorfalls will ich erwähnen, der sich wohl an diesem Tag viel
tausendmal ereignet hat. Ein hübsches Bürgermädchen trat schüchtern zu mir,
341
und heftete mir die blaue Busenschleife auf die Brust.
(...). Durch die
Kärntherstraße steckten wir weiße Bänder auf, als Zeichen des Friedens wegen
der gemachten Bewilligungen. Aus allen Fenstern wehten uns zum Gruße Tücher
entgegen. Auf einem Erker stand eine schöne Dame mit ihrem Knäbchen. Dieses
trug eine weiße Seidenfahne mit Blumenkränzen geschmückt in der Hand. Es
ließ sie auf uns herabfallen, wir machten Front und steckten dieses Fähnlein auf
338
vgl. Hauch, Blumenkranz, a.o.O., S. 102f.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 62, 17. September 1848, S. 275.
340
zit. nach Pichler, Aus den März- und Oktobertagen, a.o.O., S. 11.
341
zit. ebda, S. 10.
339
106
342
die Spitze unserer Fahnenstange. (...) Ich habe Greise Freudenthränen weinen
gesehen, alles neigte sich vor uns wie vor Fürsten, Mütter hoben ihre Kinder in
die Höhe und riefen: ‚Unsere Kinder sollen einst davon erzählen, was sie gethan
haben; diese werden die Früchte ihres Muthes genießen, wenn wir selbst das
343
Reifen nicht mehr erleben!‘"
8.5 Barrikaden – ein neuer politischer Ort für Frauen
Eindrucksvolle Barrikadenstimmungsbilder wurden in Quellen wiedergegeben:
Bild: BürgerInnen, Handwerker, ArbeiterInnen
und Studenten beteiligten sich an der Errichtung
der Universitätsbarrikade im Mai 1848; aus:
Rieder, Völker läuten Sturm, a.o.O., S. 111.
342
zit. ebda.
zit. ebda, S. 13.
344
zit. ebda, S. 23.
345
zit. ebda, S. 24.
346
zit. ebda.
343
„(...). Später ging ich vom Platze auf die
vorliegende
Dominikanerbastei.
Der
Zugang war durch eine kleine Barrikade
geschlossen, hinter welcher Arbeiter und
Dirnen an einem Feuer kauerten. Diese
holden Wesen erhoben sich also gleich
zum zärtlichsten Gruße. (...). Dann folgten
obligate Zoten, während Schwestern in
einer schmutzigen Pfanne irgend ein
Gebräu sotten und die Arbeiter Erdäpfel
344
(...). In der Vorstadt Wieden
brieten.
war überall das Pflaster aufgerissen und
bis an den Wall hin zu Barrikaden
verwendet. Dort standen fünf Kanonen,
Bürger dabei, welche behaglich ihr
Pfeifchen schmauchten und den Mägden,
die im langen Zuge wie Ameisen durchs
Thor hinausgingen, zusprachen, ja soviel
Mehl und Gemüse als immer möglich
345
aufzukaufen. (...). Wo die Quergassen
in Hauptplätze einmündeten, bauten
Kinder und Mädchen, unbeirrt durch die
Gefahr, aus Dünger, Steinblöcken und
verschiedenen Hausgeräten Barrikaden,
während kräftige Weiber mit Pickeln und
Schaufeln das Pflaster aufwühlten, dass
von den Granitwürfeln bei jedem Schlage
346
die lichten Funken sprühten. (...)“
107
„Man rüstete sich überall zum
Widerstand; wollte man keine
Unannehmlichkeiten dulden, so
durfte man gar nicht ohne
Gewehr ausgehen. Patrouillen
zogen herum, trieben die
Männer aus den Häusern,
fingen Unbewaffnete auf, und
zwangen sie rücksichtslos mit
der Muskete an den Wall zu
gehen. Es fehlte hier keineswegs an Stoff zu lachen,
besonders gaben ihn die Weiber
347
häufig genug.“
Bild: Barrikade vor der Wiener Universität; aus:
Rieder, Völker läuten Sturm, a.o.O., S. 110
„(...). Um 11 Uhr begann das Feuer einer Batterie. Bei dieser Kanonade lief ein
Mädchen, ohne die Gefahr zu beachten, zur höchsten Stelle des Walles, nahm
die dort aufgehängte Wäsche ab und kehrte dann unter allgemeinem Gelächter
348
über Windischgrätz brummend wohlbehalten zurück. (...). Meine Quartierfrau,
die um Lebensmittel ausgegangen war, brachte die Nachricht, das Militär stehe
bereits in der Vorstadt Landstraße, eben so sei auch die Leopoldstadt von den
349
Mobilen geräumt.
(...). Hier war alles zum Widerstand entschlossen, kecke
350
Dirnen traten bewaffnet auf, von Ergebung durfte gar Niemand reden.“
So traten sowohl Bürgerliche als auch Arbeiterinnen für ihre politischen Ideale und
Ziele ein, beteiligten sie sich eifrig am Barrikadenbau, rissen Pflastersteine auf,
erschienen als Bewaffnete und Kämpferinnen, schrieen Karikaturen aus, und
„weil es sonst nichts zu schauen gab, strömte die neugierige Menge dem
Leichenhofe zu. (...). Am widerlichsten waren aber hier die Weiber und nicht bloß
der untersten Stände: oft mit ihren Kindern auf den Armen drängten sie überall
vor und hielten gerade bei Leichen, von deren gräßlicher Verstümmelung selbst
351
der Arzt gern das Auge wandte, wie Aasfliegen ihren lauten Markt.
(...).
Mehrere Leichen zeigten die Spur schrecklicher Mißhandlung, andere mit blauen
aufgedunsenen Gesichtern hatten noch den Strick um den Hals, zwei – Mann
und Weib – lagen ganz verkohlt, ein Aschenhäufchen, daneben Kopf und
352
Oberleib.“
347
zit. ebda, S. 28.
zit. ebda, S. 31.
349
zit. ebda, S. 32.
350
zit. ebda, S. 36.
351
zit. ebda, S. 40.
352
zit. ebda, S. 41.
348
108
Mit
welcher
Brutalität
vorgegangen
wurde,
zeigten
Verstümmlungen,
Misshandlungen und Gewalttätigkeiten. Auch psychische Gewalt wurde ausgeübt:
„Wien hat jetzt eine andere Physionomie. (...). Eine Dame, die ich kenne, läßt
ihren Bedienten, wenn er sie begleiten soll, in schlechtem Hauskleide einige
Schritte vor sich hergehen, aber nie läßt sie ihn hinter sich hergehen, weil sie
353
sich auf diese Weise am leichtesten einem Insulte aussetzen würde.“
Frauen war diese Brutalität sicher bekannt und trotzdem setzten sie sich mit aller
Vehemenz für ihre Ideale ein:
„15. März. Es kam die Nachricht, das Militär habe gefeuert. Frauen, Kinder und
354
Greise lagen erstochen und erschossen in den Gassen.“
„Wien hat dem Kaiser vorgestern einen herrlichen Einzug bereitet (...). Alles
jubelte (...) nur die akademische Legion gab keinen Laut von sich. Außerdem
wurde am Heidenplatz ein Mann und auf dem St. Michaelsplatz eine
355
Weibsperson, welche zu pfeifen begannen, blutig geschlagen.“
„Der Tiroler Bothe bringt: Neuestes aus St. Pölten. Wien ist mit Gewalt vom
Militär genommen, die Burg brennt, nebst einem Theil der Bibliothek und 14
Häuser (im Ganzen sind 36 Häuser abgebrannt). Auch die Augustinerkirche, in
welcher sich das herrliche Denkmal der Erzherzogin Christina von Canova
befindet, soll in Trümmer geschossen – 5000 Proletarier (und Proletarierinnen,
356
r.t.) sollen gefallen seyn.“
Brach die Nacht ein, so wurde vor einem Feuer gesungen, diskutiert, gegessen,
getrunken und gefeiert. Männer und Frauen verbrachten gemeinsam die Nacht. Dies
war der Moment, die Gerüchte über sexuelle Exzesse entstehen ließen. Es gab
keinerlei Quellen über diese Exzesse. Der springende Punkt war aber jener, dass
Unterschichtsfrauen zu Huren, sittenlosen Weibern, Dirnen, halbentblößten
Frauenzimmern, Gassennymphen abgestempelt wurden. Die Verwirrung vieler
Männer war groß: Frauen waren in das männlich definierte Terrain des Kampfes,
Krieges, Aufstandes usw. eingetreten. Verständlich deshalb äußerst abwertende
Reaktionen:
„Ein Korrespondent in der ‚Grätzer Zeitung‘ spricht in Bezug auf den nun
beendigten Wiener Aufstand folgende Wünsche aus:
(...). Möchte das Volk aus diesem blutigen Drama die Lehre ziehen, dass die
Revolution ein Heilmittel ist, welches meist verderblicher wirkt als die Krankheit.
(...). In Revolutionen entsteht die Hydra der Selbstsucht und Entartung in ihrer
353
Tiroler Wochenblatt, Nr. 3, 22. Juli 1848, S. 11.
K.K. Priv. Bothe, Nr. 23, 20. März 1848, S. 104; vgl. Pichler, Aus den März- und
Oktobertagen, a.o.O., S. 6.
355
Tiroler Wochenblatt, Nr. 16, 26. August 1848, S. 51.
356
Innsbrucker Zeitung, Nr. 90, 5. November 1848, S. 432.
354
109
scheußlichsten Gestalt. Der Friedlichste wird zum Mörder, der Freund zum
357
Verräther, das Weib zum ekelhaftesten Wesen, welches die Schöpfung kennt.“
„Viele glauben, jetzt sei alles erlaubt, was früher verboten war. Wie es unter
diesen Verhältnissen mit der Sittlichkeit aussieht, läßt sich leicht errathen. Es ist
nun fast gar keine Schranke mehr für die Zügellosigkeit und Rohheit der
gegenwärtigen Bevölkerung Wiens. Z.B. während der Barrikaden-Tage hat man
halbentblößte Frauenzimmer in den Straßen herumziehen sehen, und in jedem
inneren Hofraum jener Häuser, bei welchen Barrikaden standen, wurde Stroh
gestreut, und auf diese Lagerstätte konnte man Studenten und Arbeiter und
Nationalgardisten mit feinen Dirnen, alles durcheinander liegen sehen, ganz
ungeniert, bei Tag und bei Nacht. (...). Die vielen Nationalgardisten haben
natürlich in jedem Stadtviertel ihre Wachstuben, diese sind nun gewöhnlich die
Lokale ihrer Orgien, denn da wird bis in die tiefe Nacht hinein gezecht und
gespielt, und dann kommen die Gassen-Nymphen um die saubere Gesellschaft
in süße Träume zu lullen! Kurz, es ist genug gesagt, wenn ich dir anführe, dass
selbst die gegenwärtige Regierung sich veranlaßt fand, an allen Straßenecken
anzuschlagen: dass es nicht erlaubt sei, dass Frauen und Männer zugleich in
358
öffentlichen Bad- und Schwimmanstalten baden und sich entblößen!!!“
8.6. Die erste öffentliche Rede einer Frau als neues politisches
Terrain
Als am 26. Mai den Forderungen der Akademischen Legion nachgegeben wurde,
verabschiedeten sich 200 Arbeiterinnen von den Studenten. Eine Arbeiterin bestieg
die Tribüne und hielt eine kurze Rede. Dies war die erste öffentliche Rede einer
359
Frau.
8.7. Die erste Arbeiterinnendemonstration als neuer politischer
Raum
Am 18. August wurde den 8.218 Erdarbeiterinnen der Lohn um fünf Kreuzer (von 20
auf 15 kr) gekürzt. Im Vergleich dazu: ein Frühstück kostete 6 kr, ein Mittagessen 16
kr. Am 21. August forderten Tausende von Frauen in der Innenstadt die
Zurücknahme dieser Kürzung. Diese
Demonstration
ging
als
erste
360
Arbeiterinnendemonstration der österreichischen Monarchie in die Geschichte ein.
Auch das Tiroler Wochenblatt berichtete über die erste Arbeiterinnendemonstration in
Wien:
357
Innsbrucker Zeitung, Nr. 94, 12. November 1848, S. 452.
Tiroler Wochenblatt, Nr. 2, 19. Juli 1848, S. 9.
359
ebda, S. 107.
360
ebda, S. 118.
358
110
„Die Unruhen, die sich nach unseren letzten Mittheilungen in Wien erwarten
ließen, sind am 21.d.M. bereits zum Ausbruch gekommen. Die vom Ministerium
der öffentlichen Arbeiten an diesem Tage verfügte Herabsetzung des Tagelohnes
für öffentliche Arbeiten von 20 kr auf 15 kr gab dazu den Vorwand. Ein großer
Theil der Arbeiterbevölkerung ergriff für die dabei zunächst betheiligten
Arbeiterinnen Partei, und ihre Reklamationen nahmen schnell den Charakter des
361
offenen Ausbruchs.“
Diese Demonstration hatte ein neues Klassenbewusstsein aufgebracht. Viele
Arbeiter solidarisierten sich mit den Arbeiterinnen. Dieses gesteigerte Zusammengehörigkeitsgefühl von ArbeiterInnen waren die Anfänge der österreichischen
ArbeiterInnenbewegung:
„Die Stadt ist heute am 21. August in großer Bewegung. Generalmarsch wird in
allen Straßen der Stadt und in den Vorstädten geschlagen. Zunächst wurde die
Bewegung durch die Arbeiter hervorgebracht. Das Ministerium der öffentlichen
Arbeiten hat den Arbeitern 5 Kreuzer vom Tagelohne abgezogen. Die Arbeiter
stellten folglich die Arbeit ein, und zogen in Masse auf die Universität. Die
Studenten meinten, sie könnten nichts für sie tun, sie möchten ihre Beschwerde
bei dem Gemeinde Ausschusse vorbringen. Im Laufe des Tages wuchsen die
Arbeitermassen. Die Universität ist von zahlreichen Massen Volks umlagert. Die
akademische Legion soll gegen die Arbeiter einschreiten. Ein MunIizipialgarde
und ein Arbeiter wurden verletzt. Eine Arbeiterin entriss dem sie drängenden
362
Munizipialgarden den Säbel und brachte ihn auf die Universität.“
Zwei Tage später kam es zu heftigen Ausschreitungen zwischen ArbeiterInnen und
der Nationalgarde.
Bild: Der Volksauflauf im Wiener Prater am 23. August 1848 wurde brutal unterdrückt; aus: Rieder, Völker läuten Sturm, a.o.O.,
S. 119.
361
362
Tiroler Wochenblatt, Nr. 17, 30. August 1848, S. 53.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 50, 27. August 1848, S. 220.
111
In der so genannten „Praterschlacht“ gingen die Nationalgarden und
Sicherheitswachen mit großer Brutalität gegen den Demonstrationszug von einigen
tausend ArbeiterInnen vor: Zehn Frauen wurden schwer verwundet:
„23. August. Nachdem die Arbeiter gestern sich ruhig verhalten, und die meisten
wieder ihre Arbeiten ergriffen hatten, fand heute wieder eine Bewegung statt, die
bereits einige Kämpfe und Unglücksfälle veranlaßt hat. Über den Kampf
vernehmen wir, dass bis 10 Uhr abends 6 Tote und 61 Verwundete (10 Weiber)
363
Arbeiter eingebracht wurden.“
Die gemeinsame Verteidigung der Märzerrungenschaften, für die viele BürgerInnen
mit ArbeiterInnen gemeinsam gekämpft hatten, war nun durch diese Ausschreitungen
getrübt.
8.8. Der Demokratische Frauenverein als neues Wirkungsfeld
Sieben Tage nach der brutalen Unterdrückung des Streiks und der Arbeiterinnendemonstration wurde am 28. August der erste demokratische Frauenverein
gegründet. Die verschiedenen Regierungsformen unternahmen nichts, um die
Frauen am politischen Geschehen einzubinden. Auch die neugegründeten Clubs
waren Männersache. Gegen diesen Ausschluss konnten nur Frauen selber
Maßnahmen setzen. In diesem Sinn ist die Gründung des ersten demokratischen
364
Frauenvereins zu verstehen; der Beginn der Frauenbewegung in Österreich.
In Folge der Märzereignisse hatten sich eine
Reihe von Fahnenstickvereinen und karitativen
Unterstützungsvereinen
etabliert. Diese galten
aber nicht als politische
Vereine im engeren Sinn.
Doch der „Demokratische
Frauenverein“
richtete
sich in den Statuten
dezidiert an politische
Themen und Forderun- Bild: Politischer Damenclubb, Druckgraphik der Revolution
1848/49, Reiss-Museum Mannheim; aus: Klaus Bergmann (Hg.),
gen.
Geschichtsdidaktik. Frau in der Geschichte II. Probleme, Projekte,
Perspektiven, Düsseldorf 1979, S. 72.
363
364
ebda, S. 222.
vgl. Hauch, Blumenkranz, a.o.O., S. 130.
112
Aktiv beteiligt waren namentlich Strunz Katharina. Sie gehörte einst jener Delegation
von sieben Frauen an, die den kaiserlichen Hof zur Rückkehr nach Wien baten. Auch
eine Frau Wertheimstein und die Präsidentin Karoline Perin wurden namentlich
365
erwähnt. Diese Vereinskonstituierung löste überall große Empörung aus. Es kam
zu heftigen Reaktionen vieler Männer. Bissige Satiren und Spottgedichte entstanden.
Die Tiroler Medien erwähnten die Gründung des „Demokratischen Frauenvereines“
nicht. Dass dieser und Karoline Perin aber trotzdem für Gesprächsstoff in Tirol
gesorgt hatten, zeigte folgendes prägnantes Zitat:
„Wien, den 4. Nov. Die berüchtigte Perin sammt ihren achtjährigen Buben ist
366
verhaftet. Letzterer trug auch schon einen Säbel.“
Der Autor hätte die „berüchtigte Perin“ auf jeden Fall näher beschrieben, wenn sie in
Tirol nicht bekannt gewesen wäre. Niemand hätte mit dieser äußerst kurzen Notiz
gewusst, um wen es sich da handelte. Er gab außerdem mit dieser Beschreibung
seine Verachtung und Ablehnung gegenüber dieser Frau feil.
Demonstrationen, Streiks, Barrikaden, öffentliche Reden und Vereinsgründungen
bildeten neue Räume für Frauen. Sie galten als politische Protestaktionen gegenüber
staatlichen Obrigkeiten. Die Partizipation war aber nicht schicht-spezifisch.
Ausschließlich Unterschichtsleute engagierten sich in neuen Formen des politischen
Protestes:
8.9. Plünderung ein Zeichen politischen Protestes der Unterschichten
Durch die zunehmende Mechanisierung drohte den ArbeiterInnen der Verlust ihrer
Arbeit. Sie sahen ihre Existenz gefährdet. Aus Angst vor Arbeitslosigkeit machten
sich viele soziale Proteste von Unterschichten breit. Es folgten in den europäischen
Städten
Maschinenstürmereien
und
Plünderungen.
Sie
zertrümmerten
Dampfmaschinen und Webstühle in der Hoffnung, ihre Arbeitsplätze sichern zu
können.
365
366
vgl. Hummel-Haasis (Hg.), Schwestern zerreißt eure Ketten, a.o.O., S. 240.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 96, 15. November 1848, S. 463.
113
Bild: Zerstörung einer Textilfabrik in
Wien; aus: Rieder,
Völker läuten Sturm,
a.o.O., S. 74.
Auch Adolf Pichler beobachtete Frauen bei Plünderungen:
„(...). Später machte er die Tür auf und es flatterten Hennen heraus, die die
367
Frauen fingen und mit nach Hause nahmen.“
Maschinenstürmereien bzw.
Plünderungen
wurden
zu
Orten politischen Protestes
für Unterschichten. Durch
diese Aktionen äußerten sie
ihren
Unmut
gegenüber
sozial höhere Schichten. Sie
versuchten aber auch, auf
ihre missliche Situationen
öffentlich
aufmerksam
zu
machen.
Bild: Erstürmung des bürgerlichen Zeughauses in Wien durch das Proletariat am 14. März; aus:
Reschauer, Das Jahr 1848, a.o.O.; in: http://www. aeiou.at/aeiou.history.docs.20740.htm
367
zit. nach Pichler, Märztage, a.o.O, S. 9.
114
Bild: Plünderung eines Bäckerladens im Jänner 1848; aus:
Reschauer, Das Jahr 1848; in:
http://www.aeiou.at/aeiou.
history.docs/20702.htm
8.10. Katzenmusik als Zeichen des politischen Protestes für
Unterschichten
„Zusammenstoß in Prag. Blutige Ereignisse. Man hatte dem F.M.L.
Windischgrätz in der Folge der von ihm erteilten abschlägigen Antwort eine
Katzenmusik gebracht. Nachdem die von der Seite des anwerfenden Militärs
ergangene Aufforderung zur Ruhe nicht beachtet, und im Gewirre aus einem
Fenster des Gasthofes zum Engel die Gemahlin des F.M.L., welche eben aus
dem Fenster herabsah, erschossen worden war, trat F.M.L. Windischgrätz selbst
unter die Menge (d.h. Männer und Frauen, R.T.) herab. Die Fürstin
Windischgrätz, die ein so beklagenswertes Ende gefunden, ist eine Tochter des
Feldmarschalles Fürsten Schwarzenberg, deren Mutter in Paris im brennenden
Festsalon bei der Vermählungsfeier Napoleons umkam, als sie, dieses ihr jetzt
ermordetes Kind zu retten, sich in die Flammen stürzte. Der Mörder der
unglücklichen Fürstin ist entdeckt. Es ist ein verabschiedeter Jäger des
368
Fürsten.“
Auch Katzenmusiken waren politische Protestakte, um soziale Missstände
kundzutun.
369
Katzenmusiken fanden sich ausschließlich in den Unterschichten. In
den meisten Fällen entwickelte sich die Bereitschaft zum Protest aus dem Gerede im
Viertel, aus Gerüchten und Wirtshausgesprächen.
370
Frauen engagierten sich bei
Katzenmusiken besonders: Einerseits identifizierten sie sich mit den Idealen der
368
Innsbrucker Zeitung, Nr. 11, 20. Juni 1848, S. 47.
vgl. Carola Lipp, Katzenmusiken, Krawalle und „Weiberrevolution". Frauen im politischen
Protest der Revolutionsjahre; in: Lipp, Schimpfende Weiber, a.o.O, S. 112.
370
ebda, S. 114.
369
115
Revolution. Andererseits galten Katzenmusiken oft als einzige Form des politischen
Protestes für Unterschichtsfrauen. Für die AdressatInnen war es besonders
schmähend, wenn Frauen Missstände in der Öffentlichkeit anprangerten. Aus diesem
Grund kleideten sich oft auch Männer mit Frauenkleidern. Man wollte dadurch
verdeutlichen, dass die soziale Ordnung gestört war: Frauen, die in der politischen
371
Welt der Männer nichts zu sagen hatten, nahmen sich öffentliche Kritik heraus.
8.11. Karikaturen als neuer politischer Wirkungsbereich
Ein weiteres Wirkungsfeld des politischen Engagements von Frauen öffnete sich in
der Verteilung von Karikaturen und Zeitschriften. Auch dies wies auf ihre politische
Sensibilisierung hin. Da sich wenige Zeitungen für die Interessen der ArbeiterInnen
einsetzten, waren Karikaturen und eigene Zeitschriften geeignete Mittel ihren
politischen Protest kundzutun. Als es im Oktober zu neuerlichen Aufständen in Wien
kam, hielt Adolf Pichler fest:
„Der Stephansdom mit seinen Steinblumen stand ernst und düster in der
Dämmerung, auf dem weiten Platze wogten summend Menschen hin und her:
Buben und Mädchen schrien mit widerlich gellender Stimme Karikaturen und
372
Tagblätter aus.“
Bild: Die ersten unzensierten Pressezeugnisse im März 1848; Aquarell von J.N. Höfel, Hist. Museum
der Stadt Wien.
371
372
ebda, S. 116.
zit. nach Pichler, Märztage, a.o.O., S. 21.
116
8.12. Arbeiterinnen in Tirol
Wie sah es mit einem industriellen Proletariat in Tirol aus, welches in den Städten
Paris, Wien die Initialzündungen zu den Revolutionen gab?
In Tirol gab es einen bescheiden kleinen Anteil von Arbeiterinnen, die Mehrheit der
Bevölkerung war im Landwirtschaftssektor beschäftigt:
373
Die Bedingungen eines kollektiven Bewusstseins der ArbeiterInnenklasse waren in
Tirol um diese Zeit noch nicht günstig. Die Polizeibehörden hatten jedes Anzeichen
einer ArbeiterInnenbewegung aufs Schärfste unterdrückt.
374
Handwerksgesellen, die
mit revolutionären und kommunistischen Ideen in Kontakt kamen, wurden bespitzelt
und überwacht. Der Polizeiminister Metternichs, Josef Graf Sedlnitzky, ermahnte
auch die Tiroler Landesbehörde zu vermehrter Aufmerksamkeit. 1843 vermerkte der
Landeshauptmann von Tirol, Clemens Graf Brandis, in Tirol und Vorarlberg
existierten bereits Spuren kommunistischer Vereine.
375
Diese ersten Vorboten einer
ArbeiterInnenbewegung durften aber keinesfalls Fuß fassen. Unmittelbar vor der
Märzrevolution wurde die Innsbrucker Polizeidirektion durch ein kaiserliches
Schreiben aufgefordert, allen kommunistischen Tendenzen entgegenzutreten.
376
Doch obwohl erst 1875 ein erster „Allgemeiner Arbeiter-Verein“ gegründet wurde,
entwickelte sich ein politisches Bewusstsein einiger TirolerInnen gerade im Jahr
1848.
377
Hohe Arbeitslosigkeit durch die zunehmende Mechanisierung bzw. niedrige
Löhne sorgten auch in Tirol für soziale Spannungen. So hielt der spätere
Fürstbischof Vinzenz Gasser am 17. April 1848 in den Katholischen Blättern fest:
373
vgl. Dietrich, Die soziale Frage der Arbeiterfamilie, a.o.O., S. 69: Die Gründe hierfür liefert
uns hauptsächlich die langsame Entwicklung der Industrialisierung in Tirol: Die gebirgige
Landschaft Tirols erwies sich für die große Industrien ungünstig. Es war aber wegen seiner
strategisch wichtigen Durchzugslage durch Handel und Verkehr geprägt. Die Hauptstädte
in den Provinzen waren nach heutigen Maßstäben Kleinstädte. Weitere Gründe waren: die
ungünstige Tiroler Wirtschaftsstruktur, der Mangel an Kapital für Investitionen und
Rohstoffen, der fehlende Ausbau an Verkehrsverbindungen und -wegen, die überwiegend
bäuerlich geprägte Gesellschaft, das Fehlen bedeutender Zentren, ein schlecht
ausgereiftes Spar- und Bankwesen, die unterschiedliche Gewerbe- und Industriestruktur,
die bis ins 20. Jahrhundert hauptsächlich aus Kleinbetrieben bestand, die strenge
ultramontane Zensur.
374
vgl. Gerhard Oberkofler, Die Tiroler Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis zum Ende
des 2. Weltkrieges, Wien 1986, S. 5.
375
ebda, S. 7.
376
ebda, S. 9.
377
ebda, S. 4.
117
„Endlich droht auch noch ein dritter Kampf: es ist der Kampf der Proletarier.
Welches ist das natürlichste Verhältnis zwischen Arbeit und Verdienst? Das ist
das größte Rechenexempel, welches die neue Staatswirtschaft lösen muss,
wenn man die arbeitende Classe abhalten will, dass sie nicht mit groben Fäusten
378
die Ansätze auslöscht und an Leib und Gut des Nächsten sich endlos halte.“
Dieses Zitat gab einen wesentlichen Hinweis über das Vorhandensein marxistischer
Strömungen in Tirol. Befürchtungen vor Unruhen und soziale Spannungen aufgrund
der niedrigen Löhne und Ausbeutung waren latent da. Auch um der zunehmenden
Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, plante man die Entlassung nicht-katholischer
ArbeiterInnen:
„Die Vorsicht gegen die fatale Proselytenmacherei der Deutschen, nämlich der
Protestanten, erstreckte sich überhaupt so weit, dass man ein paar ältlichen
Fräulein aus Magdeburg nicht einmal gestattete eine alte Schloßruine
anzukaufen, und die akatholischen Arbeiter zur Hebung tirolerischer Industrie aus
379
den Fabriken nach und nach ganz entfernen wollte.“
In Tirol war aber von einer fortschreitenden Industrialisierung nur punktuell etwas zu
bemerken. Es gab Ansätze einer Textilindustrie (insbesondere Schafwoll-, Seidenund Baumwollspinnereien und Webereien) sowie die alte Tradition des Bergbaus.
380
Im heutigen Südtirol war der größte Teil der Bevölkerung in der Land- und
Forstwirtschaft beschäftigt. Großgewerbliche bzw. manufakturartige Produktion war
noch selten. Für Nordtirol, Trentino und Vorarlberg ließen sich folgende Fabriken
eruieren, bei denen Frauen beschäftigt waren:
•
die Messingfabrik in Achenrain mit 112 ArbeiterInnen,
•
die Drahtfabrik in Schwaz mit 300 ArbeiterInnen,
•
die Beinknopffabrik in Absam mit 70 ArbeiterInnen,
•
die Baumwoll- und Seidenzeugfabrik in Landeck (140 Weber und 300
Handspinnerinnen),
•
sowie jene Baumwollfabrik des Josef Strele mit 400 ArbeiterInnen,
•
mechanische Baumwoll-, Spinn- und Webefabriken in Nenzing, Bludenz,
Dornbirn, Götzis, Lauterach, Bregenz, Feldkirch, Frastanz mit insgesamt 2188
beschäftigten Frauen und Männern,
378
zit. ebda, S. 12.
zit. nach Streiter, Revolution in Tirol 1848, a.o.O., S. 64f.
380
vgl. Dietrich, Soziale Frage, a.o.O., S. 66.
379
118
•
die Tücher- und Garn-Rothfärberei, Druckerei und Bleiche in Bregenz (931
ArbeiterInnen, ZeichnerInnen, KoloristenInnen und ModelstecherInnen),
•
die Türkischrothfärberei in Frastanz (160 ArbeiterInnen),
•
die Seidenindustrie
ArbeiterInnen),
•
Lederfabriken in Trient und Rovereto (130 ArbeiterInnen),
•
Salzgruben in Hall mit 94 ArbeiterInnen.
mit
Ziehereien
und
Spinnereien
in
Rovereto
(500
381
Bild: Frauenarbeit
in einer Textilfabrik
um 1840; aus:
Bergmann,
Geschichtsdidaktik, a.o.O., S. 63.
Leider ließ sich in anderen Großbetrieben nicht herausfinden, ob und wie viele
Frauen dort arbeiteten.
Die Erwerbsarbeit vieler Unterschichtsfrauen verlagerte sich im 19. Jahrhundert von
der Heim- (Verlagssystem) zur Fabrikarbeit, v. a. in Innsbruck, Telfs, Bozen und
anderen Orten. Diese Verlagerung implizierte einen Ausbruch aus dem häuslichen
Bereich, denn auf den Verdienst von der Frau konnte kaum eine Unterschichtsfamilie
verzichten. Lediglich bürgerliche und adlige Frauen konnten es sich leisten, auf eine
Erwerbsarbeit zu verzichten. Anders jedoch Unterschichtsfrauen, die unter
schlechtesten Bedingungen am Arbeitsplatz ums nackte Überleben kämpften. In der
Textilindustrie, z.B. Baumwoll-, Seiden- und Wollspinnereien waren mehr als die
Hälfte der Beschäftigten Frauen. Durch mechanische Webstühle verloren viele
Frauen ihren existentiellen Verdienst.
381
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 355-366.
119
Überall im Lande sorgte dies für große Ärgernisse. Obwohl es in Tirol keine
Revolutionen gab, fanden sich einige Hinweise für soziale Proteste der Arbeiterinnen
in Tirol:
„Unmut über den Ruin der kleinen Gewerbe, denen durch die Gewerbefreiheit
und das Maschinenwesen der Todesstoß versetzt wurde. Wer bedauert nicht die
vielen Leute, insbes. die betagten Witwen u.a. Frauenpersonen, welche vor dem
durch Handarbeit, namentlich durch Spinnen und Stricken den Unterhalt sich
erwerben, jetzt aber durch die Maschinen um ihren kargen Verdienst gebracht
382
werden!“
Alleinstehende Frauen der Unterschicht, Ledige oder Witwen, hatten es schwer,
ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Die Frauenlöhne waren so niedrig, dass ein
selbständiges Leben nur unter Entbehrungen möglich war. Frauen verdienten
deutlich weniger als Männer, und die Preise waren stark gestiegen. Carola Lipp
schrieb:
„Bei einer Arbeitszeit von 12-14 Stunden betrug zum Beispiel der Frauenlohn in
einer Heilbronner Baumwollspinnerei 1848/49 16-20kr am Tag, während ein
383
(...) „Als Fabriksarbeiter hatte der Vater
Mann immerhin 20-40kr verdiente."
einen Taglohn von 30kr, der älteste Sohn verdiente 36kr, die Tochter 18kr und
die Ehefrau, die noch vier Kinder zu versorgen hatte, brachte immerhin noch
384
einen Lohn von 15kr nach Hause."
(Genau diese Problematik der unterschiedlichen Entlohnung für gleiche Arbeit ist
leider auch 150 Jahre später immer noch brandaktuell und permanenter
Diskussionspunkt.)
Die Existenzbedingungen von Unterschichten waren miserabel. Es gab noch keine
Krankenkassen, keine Arbeitslosen-, Unfall- und Sozialversicherung. Nur einzelne
Unternehmer kümmerten sich um die soziale Misere ihrer ArbeiterInnen. So bot der
Roveretaner Seidenfabrikant Stofella 300-350 Mädchen Unterkunft und Verpflegung
und sorgte für eine entsprechende Ausbildung. Eine Baumwollfabrik in Bozen
gründete für ihre ArbeiterInnen eine eigene Krankenkasse.
382
385
Volksblatt, Nr. 9, 23. August 1848, S. 69.
zit. nach Lipp, „Fleißige Weibsleut", a.o.O., S. 30; vgl. auch Fontana, Geschichte des
Landes Tirol, a.o.O., S. 657.
384
zit. Lipp, S. 32.
385
vgl. Fontana, Geschichte des Landes Tirol, a.o.O., S. 657.
383
120
Nach Staffler gab es in Tirol viele arme Leute. Die Zahl der Armen, die eine
öffentliche Unterstützung erhielten, wurde 1836 mit 33.469 bemessen. Im
Gerichtsbezirk Schwaz war jedeR 9. EinwohnerIn arm. Die Stadt Innsbruck hatte
ebenfalls viele arme Leute zu beklagen (jedeR 11.).
386
Staffler begründete dies –
ebenso wie die Politiker und Medien – durch
„die in der neueren Zeit so sehr gesteigerten Lebensbedürfnisse auch der
gemeinen Volksklasse, und eine theilweise, tief gewurzelte, sittliche Entartung als
sichtbar mitwirkende Ursachen an der Verarmung vieler Familien nicht
387
verkennen."
Deutlich sichtbar wurde die zunehmende Armut auch im Bregenzer Wochenblatt, wo
pro Ausgabe etliche Versteigerungen zu verzeichnen waren. Folgendes Zitat steht
deshalb exemplarisch für viele hundert andere:
„Versteigerungs-Edikt. Auf Anlangen der Anna Maria Haltmeyer verehelichten
Feßler zu Oberhochsteg wird das Anwesen der Eheleute Johann Lanz und
Kreszenzia geb. Kienbach zu Stören, (...) im Exekutions-Wege öffentlich
388
versteigert werden.“
In Tirol wie in Wien gab es für kranke und beschäftigungslose ArbeiterInnen
Unterstützungen von öffentlicher Hand:
„Der Gemeinderat hat in der gestrigen Abendsitzung beschlossen, den Witwen
der im Dienste der Stadt Wien mittellosen Gefallenen eine jährliche Pension von
200 fl. K.M., zu geben. Auch werden die mittellosen Eltern gefallener Legionen,
389
die von diesen erhalten wurden, unterstützt.“
„Wien, 6. Nov. Um den vielen bedrängten, durch die gegenwärtigen Verhältnisse
in Nothstand versetzten Mitbürgern nach Möglichkeit eine Unterstützung
angedeihen zu lassen, hat der Gemeinderath beschlossen, allen hieher
zuständigen Individuen beiderlei Geschlechts, welche dermalen mittel- und
arbeitslos sind, Arbeit anzuweisen, und in so ferne diese von der hierzu bereits
beauftragten Kommission nicht sogleich genügend ausgemittelt werden könnte,
vom 2. d. M. angefangen bis 16. d. M. einschließlich, und zwar: Den männlichen
Individuen täglich 15 kr K.M, den weiblichen, welche Kinder haben, gleichfalls 15
390
kr K.M und allen übrigen täglich 10 kr K.M auszubezahlen.“
386
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 492.
zit. ebda, S. 494.
388
Bregenzer Wochenblatt, Nr. 9, 3. März 1848, S. 38.
389
Innsbrucker Zeitung, Nr. 78, 15. Oktober 1848, S. 366.
387
121
9. Bäuerinnen und Landarbeiterinnen
9.1. Bäuerinnen und Landarbeiterinnen in Tirol
B auern in Tirol und Vorarlberg (Proz ente)
40
30
20
14
21
17
12
10
10
Pus tertal
An der
Ets ch
10
16
0
Vorarlberg
Oberinntal
U nterinntal
Trient
R overeto
Tirol hatte die höchste Agrarquote in der Donaumonarchie. Der landwirtschaftliche
Bereich
391
stellte um die Jahrhundertmitte mit 78% der Bevölkerung eine
entscheidende Lebensgrundlage dar.
392
Doch die wenigsten waren Bauern und
Bäuerinnen. Der landwirtschaftliche Bereich umfasste v. a. auch LandarbeiterInnen,
TagelöhnerInnen, DienstbotInnen, Gesinde, Mägde und Knechte.
Landwirtschaftliche Strukturunterschiede gab es zwischen dem Osten Tirols mit dem
Anerbenrecht und dem Westen und Süden mit Realteilung und Besitzsplitterung.
393
In
der bäuerlichen Hausgemeinschaft lebten der Bauer und die Bäuerin mit Kindern,
Verwandte, DienstbotInnen und TagelöhnerInnen nach einer streng gegliederten
Hierarchie und Arbeitsteilung. Frauen (Bäuerinnen und Angestellte) hatten einen
Arbeitsbereich mit „typisch“ weiblichen Dienstleistungen inne.
394
Die Arbeitsteilung
erfolgte aber nicht nur zwischen Bauer und Bäuerin, sondern auch zwischen den
männlichen und weiblichen Dienstboten und Tagelöhnern. Den Männern waren jene
Arbeiten zugeordnet, die – vereinfachend gesagt – mit Acker, Wiese, Wald und
Zugtiere zusammenhingen. Die Bäuerin war neben den Haushaltsarbeiten für die
390
Innsbrucker Zeitung, Nr. 94, 12. November 1848, S. 451.
vgl. Staffler, Tirol und Vorarlberg, a.o.O., S. 133f.
392
vgl. Elisabeth Dietrich, Die Bevölkerungsentwicklung Tirols im ausgehenden 18. und im
19. Jahrhundert; in: Chronik der Tiroler Wirtschaft mit Sonderteil Südtirol, Wien 1992, S.
129.
393
vgl. Mantl, Heirat, a.o.O., S. 20.
394
vgl. Sieder, Sozialgeschichte, a.o.O., S. 15.
391
122
Kühe, das Jungvieh, das Federvieh und die Schweine, für die Milchwirtschaft und
den Garten, für Mohn, Hackfrüchte und Flachs zuständig. Weiters backte sie Brot,
verarbeitete Milch zu Butter und Käse, konservierte das Fleisch, Obst und Kraut.
Sieder
hat
die
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
in
fünf
395
Kernaussagen
396
zusammengefasst:
•
War ein Arbeitsbereich von ökonomischem Interesse (z.B. Viehhandel und verkauf) und wurde er außerhalb des Hofes abgewickelt, so war dies ein Bereich
der Männer. Je mehr eine Tätigkeit mit der Hausarbeit zusammenhing, desto
mehr übten Frauen diese Arbeit aus.
•
Je eher eine Arbeit mit landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen verbunden
war, desto eher übernahmen Männer diese Handhabung.
•
Je mehr Kraftaufwand man für eine Arbeit benötigte, desto größer war der Anteil
der männlichen Arbeitskräfte.
•
Je feiner und monotoner eine Arbeit war, desto wahrscheinlicher wurde sie von
Frauen übernommen.
•
Je größer der Bauernhof war, desto differenzierter war die geschlechtsspezifische
Arbeitsteilung.
Der Agrarsektor deckte mehr als ¾ der Bevölkerung ab. Frauen spielten in ihm
immer wieder eine zentrale Rolle. Doch in den Medien wurden sie kaum erwähnt. In
der Geschichte der Tiroler Erbhöfe führte des Öfteren die Bäuerin den Hof: wenn
etwa der Bauer starb und ihre Kinder noch minderjährig waren
397
oder wenn Männer
durch Kriege oder Nebenerwerbsarbeiten abwesend waren. Den Bäuerinnen wurde
die Verantwortung zur Führung des Hofes zugesprochen.
398
Oft sorgten sie sich um
einen Zusatzverdienst:
„Einige treiben Bilderhandel, andere nähren sich von Schnitzwaaren aus
Zirbelbaumholz, während ihre Weiber geklöppelte Spitzen im Lande feilbieten,
399
andere flechten Strohhüte.“
395
ebda, S. 29.
ebda, S. 31.
397
ebda, S. 80.
398
ebda, S. 82; vgl. auch Lipp, Fleißige Weibsleut, a.o.O., S. 25.
399
zit. Edmund von Ambach, Tirol, und seiner Braven Liebe zum Kaiserhaus in den Tagen
der Gefahr; Augsburg 1850, S. 12.
396
123
Mit
der
fortschreitenden
Mechanisierung
im
19.
Jahrhundert
verlor
die
protoindustrielle Erwerbstätigkeit (z.B. Verlagswesen) an Bedeutung und raubte der
kleinbäuerlichen Unterschicht die wichtigste Existenzgrundlage. Probleme wie
Überschuldung der Höfe, ein veraltetes Grundbuchwesen, mangelnde Produktivität
und Absatzkrisen landwirtschaftlicher Produkte, ausländische Konkurrenz usw.
400
prägten das Bild der Tiroler Bauernfamilien. Ein Ausweg boten somit oft nur die
Saisonarbeiten als Zuverdienstmöglichkeiten.
Bild: „Kindermarkt“ in Schwaben, aus: Fontana,
Restauration, a.o.O., S. 47.
Auch Kinder gingen oft einer
Erwerbsarbeit nach (z.B. die
„Schwabenkinder“.
stieg
in
Notzeiten
Jahrhunderts
stark
Die
Zahl
des
19.
an).
Ihr
zusätzlicher Verdienst war für
die Eltern oft von großer Hilfe:
„(...). Eine wunderliebliche Jungfrau (...) war bemüht, mit dem Schnitzzeug aus
einem Stück Zirbelbaumholz einen Pfeifenkopf zu formen. (...). (Er hatte) nun
Gelegenheit, sie und ihre Arbeit zu beobachten, was ihm um so interessanter
war, weil er noch nie dergleichen Schnitzarbeiten fertigen sah, und überhaupt
401
diese Kunst im Passeyrthale von keinem einzigen geübt wurde.“
„(...). Die
Jungfrau entgegnete, dass sie sich allerdings schon ein hübsches Sümmchen
Geld verdient habe. (...). Das Schnitzen sei ihr einziger Verdienst gewesen, der
402
sie und ihren Vater reichlich ernährt (...).“
Kinder wurden als Hirten nach Deutschland (die sog. „Schwabenkinder“) geschickt,
Mädchen ab dem 12. Lebensjahr arbeiteten als Dienstmädchen und Mägde, ledige
Männer arbeiteten als Holzfäller, Maurer, Handwerker, Knechte oder Zimmerleute in
400
vgl. Elisabeth Dietrich/Wolfgang Meixner, Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen
im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert; in: Chronik der Tiroler Wirtschaft, a.o.O., S.
121f.
401
zit. ebda, S. 34.
402
zit. ebda, S. 35.
124
Süddeutschland und in der Schweiz.
403
Nach Schätzungen Stafflers gingen 1837
rund 33.000 TirolerInnen und VorarlbergerInnen einer Saisonarbeit im Ausland
nach.
404
Da Saisonarbeit mit dem Ledigenstatus verbunden war, ging die Zahl der
geschlossenen Ehen im 19. Jahrhundert zurück.
Die Bauern und Bäuerinnen bewirtschafteten gemeinsam mit Mägden und Knechten,
denen kostenlose Verpflegung und Unterkunft am Bauernhof gewährt wurde, die
Felder und Almen und betrieben gleichzeitig auch Viehzucht.
„So wechseln denn schroffe Felsenmassen mit blühend duftenden Alpenthälern,
welche zahlreiche Herden, nur von einsamen Hirten oder Hirtinnen bewacht,
405
beleben.“
„Trotz der strengen Mahnungen von der Kanzel und der noch strengeren Arbeit
ist der Zudrang zur Alpe ein sehr namhafter. Jene besteht nämlich der
Hauptsache nach dem Abmähen der Wiesen, weshalb es hier nicht Sennerinnen
406
und Almerinnen, sondern nur Mahder und Rechnerinnen gibt.“
Hauptanbauprodukte waren: Kartoffeln, Roggen, Mais, Weizen, Gerste, Hafer und
Buchweizen. Nach 1800 stieg der Ertrag der landwirtschaftlichen Produkte. Gründe
waren: eine effizientere Düngung, Verbesserungen der Geräte, Einführung von
Nutzpflanzen,
Vermischung
und
Bearbeitung
des
Bodens,
Aufteilung
und
Beurbarung der gemeinen Hutweiden, Aufhebung der gemeinsamen Weide auf den
Feldern, Gewinnung neuen Ackerlandes durch Regulierung der Flüsse und
407
Austrocknung der Möser.
Der Vingschau wurde die Kornkammer Tirols genannt.
Bauern und Bäuerinnen über 1000 Meter Meereshöhe mussten öfters das Korn
kaufen.
Einen Hauptertrag lieferte die Viehzucht (Pferde, Maulesel, Esel, Stiere, Ochsen,
Kühe, Kälber, Schafe, Ziegen, Schweine). Wein wurde im Eisacktal bei Brixen und im
Vinschgau angebaut. Ebenso gedieh Obst (Äpfel, Birnen, Pfirsich, Aprikosen,
Feigen, Mandeln, Vogelkirsche und Quitten) nur südlich des Brenners. Im südlichsten
Teil des Landes wurden Zitronen-, Orangen- und Ölbäume angebaut. Für den
eigenen Bedarf gab es Kastanien, Nüsse, Pflaumen, Zwetschgen, Kirschen. Zur
403
vgl. Mantl, Heirat als Privileg, a.o.O., S. 32.
vgl. Elisabeth Dietrich, Überblick der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Tirols zwischen
1850 und 1900; in: Tiroler Heimat. Jahrbuch für Geschichte und Volkskunde 56, Innsbruck
1992, S. 65.
405
zit. nach Ambach, Tirol, und seiner Braven, a.o.O., S. 11.
406
zit. nach Josef Streiter, Blätter aus Tirol, Wien 1868, S. 157.
407
vgl. Mittermaier, Wirtschaftspolitik, a.o.O., S. 26.
404
125
Landwirtschaft zählte auch der Flachs- und Hanfanbau, der nördlich des Brenners
die größten Erträge aufweisen konnte. Tabak durfte nur im Kreis Rovereto kultiviert
werden (jährlich 4.044.000 Pflanzen). Auch der Maulbeerbaum brachte beachtliche
408
Erträge.
Im Jahre 1815 wurde die Kornausfuhr verboten, 1817 die Ausfuhr von Kartoffeln und
Hülsenfrüchten aufgrund einer bedrohlichen Hungersnot in Tirol und Vorarlberg, von
der sich das Land lange nicht erholte. 1848 folgte erneut eine Hungersnot in Tirol.
Auf den Märkten wurden die Lebensmittel zu Wucherpreisen angeboten, die sich die
arme Bevölkerung nicht leisten konnte:
„Innsbruck. Heute sollen auf dem hiesigen Markte Zankereien ergeben haben,
weil die Händlerinnen und sogenannte Vorkäuferinnen in aller Frühe die
Kartoffeln aufkauften, um sie zu teuren Preisen wieder zu verkaufen. Wir
erlauben zu fragen: Gibt es einen Marktkommissar, eine Marktpolizei? In wessen
409
Pflicht liegt diese Polizeiaufsicht?“
Es wurde für den Verkauf dieser Waren, v. a. auf den Märkten, eine strenge
polizeiliche Aufsicht gefordert. Auf den Märkten wurden „zwey redliche Bürger"
410
zur
411
Kontrolle der Kornpreise beauftragt.
(Bauern)Märkte waren neben dem Kirchenbesuch oft die einzige Möglichkeit für
Bäuerinnen, den Hof zu verlassen und waren eine willkommene Abwechslung im
bäuerlichen Leben:
Bauernmärkte,
eine
willkommene
Abwechslung; Aquarell von Jakob Placidus
Altmutter, 1819; aus Fontana, Restauration,
a.o.O., S. 640.
408
ebda, S. 29.
Innsbrucker Zeitung, Nr. 38, 6. August 1848, S. 167.
410
vgl. Mittermeier, Wirtschaftspolitik, a.o.O., S. 143.
409
126
Im Oktober des Jahres 1848 ging z.B. ein Antrag ein, die Verzehrungssteuer auf
Brot, Kartoffeln und Mehl aufzuheben, denn Brot war in Innsbruck teurer als in Wien.
Der Grund hierfür waren die Transportkosten des Getreides. In Tirol kam Getreide
zweimal pro Jahr mit dem Schiff nach Hall (Mitte Oktober bis Ende November und
Mai bis Juni). Für die Armen rechnete man den Bedarf bis zur nächsten Ladung aus,
denn in den Zeiten dazwischen stiegen die Preise sehr stark an. Ein Komitee kaufte
Roggen, Mais, Türken und Gerste an. In den 1840er Jahren stieg – neben Kohl und
Rüben – der Kartoffelverbrauch in Wien. Die durchschnittliche Konsumption pro Kopf
und Jahr wuchs in der Zeit von 1830 bis 1850 von 47 auf 60 Kilogramm, was deutlich
412
die Verarmung eines Großteils der Bevölkerung zeigt.
9.2. Die Schützenweiber
In der Schützenzeitung wurde eine Erzählung über „Die Schützenweiber“
veröffentlicht (vom 6. Jänner bis 23. Oktober 1848).
Diese sollte sich anscheinend wirklich zugetragen haben, wurde aber nur mündlich
tradiert, bis sie der Lehrer G. aufschrieb:
Das historische Kolorit dieser Geschichte vermittelte wichtige Eindrücke über die
Einstellung der Frauen und Männer. Sie zeigte Frauenstereotypen und sehr
relevante Aspekte des Alltagslebens auf. Wie subtil in dieser Geschichte am
Frauenbild herumgeschneidert wurde, das kann jedeR in dieser Geschichte lesen.
Sie
berichtete
aber
auch
über
das
ländliche
Leben,
über
Formen
der
Mischökonomien (Bauerntum und Handwerk), über die Einstellung der Frauen zum
Schützentum, über die Doppel- und Mehrfachbelastungen von Frauen. Und vor allem
über die Rebellion der Dorfbewohnerinnen gegenüber ihren Männern. Zum Schluss
siegte aber das viel gepriesene Schützentum über die Rebellion der Frauen, die
ohne Kritik die ihnen zugeschriebene Rolle hinnahmen und das Schützentum am
Ende priesen.
Die Geschichte erzählte, dass im Dorf N. irgendwo im Mittelgebirge alle Männer –
außer drei – beim Schützenverein waren. Bei diesen handelte es sich um den
411
412
ebda.
vgl. Hauch, Frau Biedermeier, a.o.O., S. 76.
127
Bäcker, den Weber und den Schneider, dem seine Ehefrau Martha verboten hatte,
der Schützenkompanie beizutreten.
Die Frauen zollten dem Schützentum größte Abneigung. Denn ihre Ehemänner
vernachlässigten Höfe und Handwerksbetriebe durch ihre ständige Abwesenheit. Die
Schneiderin und Hebamme Martha schürte unter den anderen Frauen das Feuer
gegen das Schützenwesen. Martha riet den verbitterten Frauen, sich nichts gefallen
zu lassen und gegen das Schützentum Widerstand zu leisten. Sie hörten ihr
aufmerksam zu und begannen einen Plan aufzustellen.
Im Mai (am Urbanitag) kam der häusliche Unfriede zum öffentlichen Ausbruch. Das
Heu lag auf dem Feld und musste möglichst schnell untergebracht werden, da dicke
Gewitterwolken aufzogen. Aber die Schützen kümmerten sich wenig um das
aufkommende Gewitter. Sie nützten vielmehr die Windstille zum Scheibenschießen.
Die Frauen und Töchter aber eilten zum Feld, um das Heu noch trocken in die
Scheune unterzubringen. Die Kinder sollten die Väter zu holen. Doch diese kamen
ohne die Männer zurück. Ihnen war das Scheibenschießen wichtiger als das Heu.
Daraufhin wurden die Frauen zornig. 18 Frauen zogen mit Heugabeln oder sonstigen
Geräten die Gasse herab. Die Schützen schenkten ihnen kaum Beachtung und
schossen weiter. Als die Frauen nun erbost die Scheiben zertrümmerten und die
Pflöcke zerschlugen, beschlossen die Schützen Rache.
Abb. 1: Germania mit schwarz-rot-goldener Fahne und Schild, im Hintergrund eine deutsche Stadt (Zeichen bürgerlicher
Tüchtigkeit) und auf dem Meer ein Schiff (Symbol der Hoffnung und des Aufbruchs zu neuen Ufern); Schützenscheibe 1848
aus: Fontana, Restauration, a.o.O., S. 707.
Abb.2 : Schützenscheibe zu Ehren Erzherzog Franz Karls, eines Bruders des Kaisers Ferdinand I. und Vater des späteren
Kaiser Franz Joseph. Ölbild 1824
aus: Fontana, Restauration, a.o.O., S. 611.
128
Die Schützen beschlossen einen Gegenplan:
Isidor, Marthas Ehemann, wurde zum besten Schützen im Dorf auserkoren. Das
wurde bis spät in die Nacht befeiert. Isidor trat der Schützenkompanie bei. Schon
bald war er einen Tag, bald zwei Tage, bald drei Tage und noch länger mit dem
Stutzen weg. Immer öfter kam er betrunken nach Hause. Deshalb verweigerte
Martha ihre Haushaltspflichten. Das Heu wurde drei Wochen nicht trocken, eine
Menge vermoderte. Der Rest bekam einen Schimmelgeruch.
Aber auch die anderen Frauen des Dorfes litten durch die Abwesenheit ihrer Männer.
Neben der Erledigung der Haus- und Feldarbeit mussten sie die Arbeit des
Ehemannes übernehmen, damit die Familie überleben konnte. Die Anwältin zog die
Steuern ein, erstellte Rechnungen, veröffentlichte Dekrete, stellte Quittungen aus
und schrieb Schuldscheine. Die Krämerin führte den Laden ihres Mannes, usw.
Der Pfarrer kriegte das ganze Geschehen im Dorf mit: „Christliche Hausmütter, habt
Geduld mit euren Männern. Laßt euch ein kleines Opfer nicht gereuen und ertragt die
geringen Beschwerden, die das Schützentum mit sich zieht. Denn ich sage euch, die
Schützen werden für euch und eure Kinder weit Schwereres aushalten: sie werden
Hunger und Durst leiden, über Bäche waten und über Felsen klettern, im Kugelregen
stehen und sich auf die feindliche Bajonette stürzen, sie werden die letzte Kraft
anstrengen und weder Wunden noch Ketten scheuen, noch den Tod. Ihr werdet
dann wünschen, dass doch alle Männer Tirols gute Schützen wären. Ihr werdet die
braven Scharfschützen mit Verehrung und Dank anschauen, ihr werdet euren
Rettern mit Blumen die Stutzen umwinden. Wollt ihr meine Ermahnung befolgen und
das Schützentum schon jetzt in Ehren halten?"
Der Pfarrer hatte also im Dorf den Frieden wiederhergestellt. Die Männer und die
Frauen wetteiferten in der Befolgung der rührenden Predigt. Es brach ein Krieg
herein. Die Stutzen von N. waren so gefürchtet und dem Feind bekannt. Martha ging
sogar mit dem Plane um, sich und eine Schar mutiger Frauen mit Büchsen zu
bewaffnen. Das Vorhaben wurde in der „Frauenversammlung“ abgelehnt. Um so
eifriger statteten sie die Scharfschützen mit Kleidung und Geld aus, versorgten sie
mit Essen und Getränke und beten für ihre Männer.
129
Viele Alltagsräume eröffneten sich durch diese Geschichte. Neben der bäuerlichen
Struktur des Dorfes (Feldarbeiten) übernahmen sie in Abwesenheit ihrer Männer
deren Handwerks- und Gewerbearbeiten (Rechtsanwältin, Krämerin, Schneiderin
usw.). Frauen zeigten Verantwortungsbewusstsein, Kompetenz und Entscheidungsstärke, mussten sie doch in der Abwesenheit die Familie ernähren. Die Lösung lag in
einer offenen Rebellion gegen die Männer. Auch von einer Frauenversammlung
wurden geschrieben. Frauen dieses Dorfes trafen sich, um sich gegenseitig
Ratschläge zu geben, zu diskutieren, Widerstand zu leisten und mögliche
Handlungsstrategien gegenüber ihren Ehemännern auszudenken. Relevant war
auch der Auftritt einer geschlossenen Frauengruppe zur gegenseitigen psychischen
Unterstützung.
Doch wäre es falsch zu meinen, Frauen hätten in der Schützenzeitung ein neues,
liberaleres Bild eingenommen. Vielmehr ging es hier um die Akzeptanz des
Schützenwesens bei den Frauen. Die Frauen waren doppelt- und mehrfachbelastet.
Sie rebellierten auch dagegen, aber hierfür hatte der Autor eine einfache Lösung: Am
Schluss trat der Pfarrer auf und schlichtete den Streit, indem er den Frauen die
Relevanz des Schützentums zur Verteidigung des Vaterlandes, der Frauen und
Kinder
erklärte.
Den
emotionalen
Frauen
wurde
so
ein
rationaler
Mann
gegenübergestellt. Den Frauen wurde die enorme Wichtigkeit des Schützenwesens
bewusst und am Schluss wären sie am liebsten auch in den Krieg gezogen. Doch
auch die Erledigungen der Arbeiten zu Hause wären von gleicher Bedeutung,
betonte der Pfarrer. Doppel- und Mehrfachbelastungen wurden nicht hinterfragt,
sondern beschönigt: Es war eine Ehre für die Frauen, wenn die Männer nach Hause
kamen und alles in Ordnung vorfanden.
130
10. Schlussbemerkungen
1848 – das Jahr der europäischen Revolutionen; die Geburt der Österreichischen
Frauenbewegung. In den Märztagen jenes Jahres brodelte es in den Wiener Gassen
und Straßen. Am 17. März folgte der blutige Ausbruch der Revolution in Wien.
Während Arbeiterinnen ihre schlechten ausbeuterischen Bedingungen nicht mehr
widerstandslos annahmen und für bessere Konditionen kämpften, forderte das
Bürgertum mehr politische Rechte. Der Kaiser gab aufgrund der bedrohlichen
Unruhen in Wien den bürgerlichen Forderungen nach. Er gewährte in der
kaiserlichen Proklamation vom 19. März eine Verfassung, Volksbewaffnung,
Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit und die Auflösung des Metternichschen
Spitzelwesens. In Tirol blieb es laut Berichten des Tiroler Landeshauptmannes
Brandis und der Polizei ruhig. Einzig und allein Bürgerliche in den Städten feierten
die Errungenschaften, die fast ausschließlich bäuerlich geprägte Mehrheit zeigte sich
gegenüber den Neuerungen skeptisch und abweisend. Die politische Elite der
konservativ-katholischen Ultramontanen sahen in den „neuen“ Freiheiten eine
Einschränkung ihrer Macht – somit wurde auch ihr vehementes Engagement gegen
diese verständlich. Als auch noch der kaiserliche Hof in Folge vor erneut
aufflammenden Unruhen im Mai nach Innsbruck flüchtete, waren dies schon Gründe
genug, um Tirol als Hort der Gegenreaktion in die Geschichte der europäischen
Revolutionen eingehen zu lassen.
1849 setzte die Restauration ein. Dies veranlasste viele HistorikerInnen (mit
Ausnahme der Historiker Hans Heiss und Thomas Götz) das Jahr 1848 für die Tiroler
Geschichte als nicht relevant zu betrachten, da es zu keinen wesentlichen politischen
Veränderungen geführt hatte. Doch dieser historische Ansatz täuscht über eine Fülle
von (innen)politischen Neuerungen hinweg. Aufgrund der Einführung der Presse-,
Meinungs- und Brieffreiheit formierten sich auch in Tirol erstmals relevante
individuelle, soziale und politische Kommunikationsebenen, die es bis dato noch
nicht gegeben hatte. Eine Reihe von Zeitungs- und Vereinsneugründungen,
Volksversammlungen, Petitionen, Protesten, Ansprachen, Flugblättern, politischen
Diskussionen beeinflusste die politische Landschaft Tirols bis in die heutige Zeit. Und
von den bürgerlichen Rechten und Freiheiten profitierten auch Frauen aus
unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Es öffneten sich erstmals ganz neue
131
(politische) Perspektiven für sie. Sie traten in vielfältige Räume ein, die ihnen bis dato
verschlossen
waren.
Sie
entdeckten
Ausbruchsmöglichkeiten
aus
ihren
vorgeschriebenen Rollen. Sie fanden neue Formen der Öffentlichkeit und des
politischen Engagements. Sie griffen in politische Entscheidungsprozesse ein, auch
wenn sie von Wahlen und (männlichen) Institutionen ausgeschlossen waren.
Meist nutzten Tirolerinnen die neuen Freiheiten aber zur Aufrechterhaltung der Alten
Ordnung. So nutzte beispielsweise der konservative Innsbrucker Frauenverein das
breite Wirkungsfeld der Presse, um sich bei SpenderInnen zu bedanken, aber auch
um den Jahresbericht zu veröffentlichen. „Ehrfürchtige fromme Damen“ und Bürger
der
Stadt
Innsbruck
verfassten
eine
Petition
gegen
die
Aufhebung
des
Liguorianerordens, „im Beutel einiger Damen“ landete während des Aufenthaltes des
Kaisers in Tirol so manche Petition auf seinem Schreibtisch. Und als bei der
„Riesenpetition“ gegen die Religionsfreiheit Frauen ausgeschlossen wurden, notierte
ein Autor Klagen von „Frauenzimmern“ in der Innsbrucker Zeitung. Dem
ausschließlich männlich dominierten medialen Feld trotzte eine Frau: sie war
Verlegerin des Bregenzer Wochenblattes. So wie sie traten nun vermehrt (meist
bürgerliche) Frauen in Berufe außerhalb ihres Wohnzimmers, und auch das 1850
veröffentliche Frauenrecht hielt an einer sichtlichen Zunahme von berufstätigen
Frauen fest. Ihnen wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts „typisch weibliche“
Berufe zugestanden: Durch die Schulreform von 1848 wurden erstmals weltliche
Lehrerinnen gesetzlich zugelassen, die religiösen Orden (Karmeliterinnen, Ursulinen,
Dominikanerinnen,
Barmherzige
Schwestern,
Englische
Fräulein)
und
Frauenkongregationen erfuhren einen vermehrten Zulauf aus allen gesellschaftlichen
Schichten: denn Armen-, Alten-, und Krankenfürsorge wurden zu ihren Kompetenzen. Frauen erfuhren somit wichtige Wahrnehmungen, neue Orientierungs- und
Handlungsmöglichkeiten außerhalb des häuslichen Bereiches: Waren bis ins 19.
Jahrhundert sozialpolitische Aktivitäten von (adligen und bürgerlichen) Frauen
hauptsächlich auf Almosen- und Spendenopfer begrenzt, so beeinflußten sie nun die
Sozialpolitik durch direktes Handanlegen, was in dem Tätigkeitsbericht des
Innsbrucker Frauenvereines besonders ersichtlich wurde. Frauen trafen hier
wiederum auf Frauen außerhalb ihrer Familienstruktur und neben organisatorischen
Angelegenheiten plauderten sie über Privates. Ähnliche Handlungsmuster taten sich
beispielsweise auch bei jenen bürgerlichen Frauen auf, die sich zum Ziel gesetzt
hatten, eine Fahne zu spenden bzw. zu sticken – eine Manifestation ihrer politischen
132
Gesinnung und Haltung. Sichtbar gemacht wurden auch die gemeinsame
Partizipation vieler Bürgerinnen und Arbeiterinnen am Barrikadenbau, Aufständen
und Tumulten in den Straßen und Gassen Wiens; neue, wichtige, politische Räume
für Frauen. Auch bei sozialen Protesten, Kämpfen, Katzenmusiken, Plünderungen,
Demonstrationen, Debatten, Diskussionen, Ansprachen, Reden (die erste öffentliche
Rede einer Frau), Versammlungen waren Frauen anwesend, oft galten sie als die
Initiatorinnen wie bei der ersten Arbeiterinnendemonstration im August. Manchmal
waren nur Frauen zugelassen wie beim Demokratischen Frauenverein in Wien. Für
Tirol hielt die Presse Unmutsäußerungen und Proteste von Frauen durch die
Verdrängung der mechanischen Webstühle fest.
Politische Erfahrungen und Wahrnehmungsmuster für Frauen hatte das Jahr 1848
hervorgebracht. Auch neue Orientierungs- und Handlungshorizonte hatte es eröffnet.
Neue
Strömungen
(Kommunismus,
Nationalismus
usw.)
und
Bewegungen
(ArbeiterInnenbewegung, Frauenbewegung) wurden ermöglicht.
Auch wenn im darauf folgendem Jahr die Restauration einsetzte, so konnte dieses
(politische) Bewusstsein nicht mehr aus den Köpfen vieler Frauen verdrängt werden.
Wesentliche Schritte politischer Bewusstseins- und Meinungsbildung waren gesetzt.
133
11. Literaturhinweise
11.1. Primärquellen
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Deutsche
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Festlichkeit in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20710.htm
Kampf am 13. März 1848 in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20723.htm
Kampf vom 14. auf 15. März in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20744.htm
Plünderung in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20702.htm
Verteilung an die Armen in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20700.htm
Vertreibung in: http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/20721.htm
Stainer-Knittel, Anna in:
http//:www.museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/english/kinderzeit.htm
http//:www.museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/heimatmuseum_reutte.htm
http//:www.museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/biographie.htm
http//:www.museumonline.at/1998/schools/tirol/tl_priv/abenteuer_adlerhorst.htm
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EIN DANK
Frauen und Politik in Tirol um 1848 ist ein Thema, das in der bisherigen
Geschichtsschreibung nur sehr mangelhaft aufgearbeitet wurde.
Die vorliegende Diplomarbeit konnte daher nur mit Unterstützung zustande kommen.
Mein Dank geht daher an:
Univ. Prof. Dr. Erika Thurner, der Betreuerin der Diplomarbeit,
Univ. Prof. Dr. Gabriella Hauch, die wichtige Anregungen und Tipps lieferte,
Dr. Gerald Steinacher, für stetes Interesse und regen Gedankenaustausch und
besonders Peter Fitz für das zeitraubende und kompetente Lektorat.
Lebenslauf:
Geboren am 20.12.1969 in Meran (BZ)
Volks- und Mittelschule in Klausen (BZ)
Realgymnasium in Brixen (BZ) mit Maturaabschluss im Juli 1989
Immatrikulation des Studiums der Rechtswissenschaft und Politikwissenschaft/Geschichte im
Wintersemester 1989/1990 an der Universität Innsbruck. Neben dem Studium
verschiedenste Tätigkeiten: Bibliothekarin der AEP-Frauenbibliothek, Redakteurin und
Journalistin der AEP-Informationen, Radioproduzentin, Tutorin in Statistik,
Studienrichtungsvertreterin der Politikwissenschaft und Sennerin auf einer Alm im Pitztal.