Mitteldeutsche Zeitung - Misshandelt in einer halleschen Poliklinik

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Halle/Saalekreis - 11.09.2014
„Disziplinierung durch Medizin“
Misshandelt in einer halleschen Poliklinik
VON SILVIA ZÖLLER
Die ungeheuerlichen Vorgänge in der ehemaligen Poliklinik M itte in Halle in
den 60er und 70er Jahren sind wissenschaftlich untersucht worden. Es geht
um den Vorwurf der M isshandlung und Zwangseinweisung von jungen
M ädc hen.
HALLE (SAALE). Brutale Gewalt bei gynäkologischen Untersuchungen, Bestrafung
der weiblichen Patienten mit Kahlscheren des Kopfes, zwangsweise Tätowierung
und Nachtruhe auf einem Hocker statt in einem Bett - das war in den 60er und 70er
Hinter den Mauern dieser ehemaligen
Poliklinik im Stadtzentrum von Halle
wurden Frauen in eine geschlossene
Abteilung für Geschlechtskrankheiten
zwangseingewiesen. (BILD: STEDTLER)
Jahren Realität in einer geschlossenen Krankenhausabteilung für
Geschlechtskrankheiten in Halle. Frauen, die dem DDR-System widersprachen,
sollten hier durch Gewalt und Medikamente gefügig gemacht werden. Viele von
ihnen waren überhaupt nicht geschlechtskrank.
Was in der geschlossenen Abteilung in der ehemaligen Poliklinik Mitte vor sich ging,
ist ungeheuerlich und blieb lange im Dunkeln. Bekannt war die Einrichtung dennoch
- unter dem abwertenden Namen „Tripperburg“. Jetzt haben erstmals Wissenschaftler das Geschehen aufgearbeitet: In einer
Pressekonferenz stellten die Autoren Florian Steger, Direktor des halleschen Uni-Instituts für Geschichte und Ethik der
Medizin, und sein Mitarbeiter Maximilian Schochow sowie die Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Birgit NeumannBecker, am Donnerstag die Studie „Disziplinierung durch Medizin“ vor. Das Buch ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen.
"Hierarchisches Terrorsystem"Für Steger steht fest: In der geschlossenen Abteilung herrschte ein „hierarchisches
Terrorsystem“, in dem Frauen gegen ihren Willen untersucht und mit Medikamenten
behandelt wurden. „Hier wurde geltendes DDR-Recht mit Füßen getreten“, sagte Steger, der von den
Forschungsergebnissen „tief erschüttert“ ist. Die jetzt vorgestellte Untersuchung sei aber nur der Anfang: Steger will
ähnliche Einrichtungen aus der DDR-Zeit untersuchen, das Thema soll nun auch im Landtag behandelt werden.
Mehrfach hatte die Mitteldeutsche Zeitung 2012 und 2013 über das Schicksal der Frauen berichtet, die oftmals ohne an
einer Geschlechtskrankheit zu leiden, in die berüchtigte Abteilung eingewiesen worden waren. Viele Zeitzeuginnen meldeten
sich daraufhin, deren Erinnerungen sind neben Recherchen in Archiven Teil des Forschungsprojektes.
Begonnen hatte alles mit einem Anruf, den Heidi Bohley vom Verein „Zeitgeschichten“ in Halle im Jahr 2000 von einer
verzweifelten Frau erhalten hatte: „Sie schilderte ihre Erlebnisse in der geschlossenen Abteilung in Halle. Ihr hatte bisher
niemand Glauben geschenkt.“
Heidi Bohley glaubte ihr, denn zwei ihrer eigenen Bekannten waren selbst in den 70er Jahren in die die geschlossene
Abteilung eingewiesen worden. „Diese Frauen beschrieben den leitenden Arzt als Sadisten“, erinnert sie sich - und setzte
nach dem Anruf der Frau auf weitere eigene Recherchen. So fand sie Unterlagen, nach denen die Staatsanwaltschaft noch
zu DDR-Zeiten gegen den leitenden Arzt ermittelt hat, nachdem ein Fall des Kahlscherens einer Patientin bekannt wurde.
Und sie fand die martialische Hausordnung der Klinikabteilung aus dem Jahr 1963, in der auf die „erzieherische Einwirkung“
im Sinne des „sozialistischen Zusammenlebens“ die Rede war und drakonische Strafen aufgelistet waren.
Frage nach OpferentschädigungAuch mit Christoph Koch, dem stellvertretenden Landesbeauftragten für StasiUnterlagen, sprach Heidi Bohley über diese Geschichte, nachdem ihre eigenen
Recherchen nicht weiterführten. Nach mehreren Veröffentlichungen in der Mitteldeutschen Zeitung meldeten sich immer
mehr betroffene Frauen. Und das war für die Landesbeauftragte für Stasi-Unlagen, Birgit Becker-Neumann, der Punkt, eine
wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben: „Hier ist Misshandlung durch Medizin geschehen. Das war politisch motiviertes
Unrecht“, betonte sie am Donnerstag. Nun müsse die Frage nach der Opferentschädigung geklärt werden, denn Nachweise
für die Zwangseinweisung habe keine der Frauen erhalten.
Nun liegt die Studie vor, die zu erschreckenden Ergebnissen kommt. Auch wenn es in Leipzig, Berlin und anderen Städten
15.09.2014 10:30
Mitteldeutsche Zeitung - Misshandelt in einer halleschen Poliklinik
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weitere solcher geschlossenen Abteilungen für Geschlechtskrankheiten gegeben hat, so sei nach dem jetzigen Stand der
Forschung klar, dass Entmündigung und Disziplinierung der Patientinnen und Gewalt gegen sie in Halle anders als in den
anderen Einrichtungen im Mittelpunkt gestanden habe, so Steger.
Viele Patienten seien unter dem Verdacht der Prostitution eingewiesen worden - häufig nur als Vorwand. Und auch, dass die
Staatssicherheit in der geschlossenen Klinikabteilung ein und aus ging, ist nach der Studie belegt. (mz)
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Reaktionen auf MZ-Artikel: http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/reaktionen-auf-mz-artikel-misshandlungen-in-der-poliklinikmitte-beschaeftigen-leser,20640778,26028634.html
DDR-Geschichte: http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/ddr-geschichte-frauen-wurden-in-poliklinik-in-hallemisshandelt,20640778,25978042.html
Dezember 2012: http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/halle-das-raetsel--tripperburg-,20640778,21745242.html
Februar 2013: http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/ddr-geschichte-zeugen-bestaetigen-grausame-zustaende-in-poliklinikmitte,20640778,21863918.html
März 2013: http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/forschung-schwangere-in-poliklinik-misshandelt,20640778,21994670.html
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