Stadtforschung und Statistik - Schibri

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Stadtforschung und Statistik - Schibri
EDITORIAL
Sechs, elf – und Gera?
Zuerst wollte ich „Pflichtlektüre“ über dieses Editorial setzen und so auf den Hammersen-Aufsatz
hinweisen. Denn dieser Beitrag sollte von jedem nicht nur gelesen, sondern auch konsequent
umgesetzt werden. Dann aber habe ich es doch bei dem Hinweis auf die Ex-AG belassen. Bei der
Premiere in Koblenz waren es sechs, beim zweiten Treffen – in Dresden – wurden daraus elf. Wie
viele fahren nach Gera?
Damit bin ich bereits auf zwei Artikel eingegangen, die diese Ausgabe umrahmen. Doch auch
dazwischen finden Sie Lesenswertes. Vieles, das ich Ihnen ans Herz legen möchte.
Hier eine Umfrage unter Opernbesuchern, dort eine unter Häuslebauern. Der demografische
Wandel, Bildung und Jugendkriminalität sind weitere Themen. Andere Beiträge gehen auf die
Bundestagswahl 2005 ein, werfen den Focus dabei jeweils auf einen Teilbereich und liefern
ernüchternde bis erschreckende Erkenntnisse.
Und die VZ: Lange Zeit sahen wir viele Fragezeichen. Nun aber scheint sich die gekrümmte Linie in
eine gerade, in ein Ausrufzeichen zu verwandeln. Ein triftiger Grund mehr, sich dem Thema
zuzuwenden.
Diese Ausgabe befasst sich nicht nur mit den großen Problemen der Statistik, sie wirft auch einen
kleinen Blick auf den VDSt. Der Wechsel an der Verbandsspitze ist Anlass, das neue Führungsquartett vorzustellen.
Immer wieder lesenswert und informativ finde ich das, was einige Neumitglieder über sich
berichten.
Martin Schlegel, Hagen
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
1
Stadtforschung und Statistik
Zeitschrift des Verbandes Deutscher Städtestatistiker
Ausgabe 1 • 2007
Inhalt
Seite
Editorial
John-Philip Hammersen
Uwe Schubert
Klaus Boers, Susanne
Kunadt, Jost Reinecke
Karl-Heinz Reuband
Werner Münzenmaier
Josef Fischer,
Jens Vöckler
Sechs, elf – und Gera?
1
Manager-Revolution
4
Skandale – Konflikte - Emotionales
Klare Botschaften, kurze Sätze
5
Konkrete Hilfe für unsere
Arbeit
Ergebnis der Fußball-WM
Zahl des Jahres 2006: 3.
8
Die Zahl zum Sommermärchen
Umfrage in Neubaugebieten
Was bewirkt die neue Wohnung?
9
Buchbesprechung
Eigenwillig und Heilsam
10
Ein vorübergehendes Problem?
Jugendliches Delinquenzverhalten
11
Buchbesprechung
Die Methode muss zur Aufgabe passen
14
Krise der Oper oder des Publikums?
Die soziale Stellung der Opernbesucher
15
Gerd Strohmeier
2
Nicht nur für WerderFans
Münster und Duisburg
Köln und Düsseldorf
Gesamtwirtschaftliche Indikatoren 1996 - 2003
Veränderungen in deutschen Großstädten 22
15 Städte im Blick
Chico, Groucho, Harpo und Zeppo
Marx Brothers
19. August 1977
Enorme Unterschiede zwischen Groß- und
Kleinstädten
Bundestagswahl 2005
für Städte und Gemeinden
Frauen: Schule und Wahlrecht
Lothar Eichhorn,
Jessica Huter
Wer baut warum?
Klare Verbindung zwischen Arbeitslosigkeit
und Wahlabstinenz
Nichtwähler bei der Bundestagswahl 2005
Plädoyer für ein anderes Wahlrecht
Mehrheitswahl statt Königsmacher
25
Detaillierte Analyse
26
32
Vor 100 Jahren
r = 0,66
33
Ein besserer Weg?
40
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
INHALT
Simon Buhl
Volker Hannemann
Klaus Marquardt
Andreas Baumann,
Karsten Stephan
Eckart Bomsdorf
Tobias Terpoorten
Reto U. Schneider
Bernhard Schletz
Horst-Jürgen Wienen
Neuer Versuch – Neuer Weg
Der registergestützte Zensus 2011
41
VZ 2006
150 Millionen Einwohner in Nigeria?
46
Erst dagegen – dann ausgewertet
Mitgezählt
48
Impressum
49
Rudolf Schulmeyer,
Hermann Breuer,
Ruth Schmidt,
Roland Jeske
Kein ungefährlicher Weg
Uni-Siegen bietet an:
Erhebung und Auswertung räumlicher
Daten
50
Servus Bruno
53
Einwohnerprognose im Spannungsfeld von
Wissenschaft, Politik und Realität
Ist der demografische Wandel
zu stoppen?
54
Analyse amtlicher Schuldaten im Ruhrgebiet
Bildung ist kleinräumig
60
Einladungen nach Köln
66
Unwahre Antworten, eine Umfrage-Tatsache
Ja. Nein. Weiß nicht.
67
Frühjahrstagung 2007
Willkommen in Thüringen
70
Zweites Treffen der Ex-AG
Im Welterbe Dresdner Elbtal
Statistische Woche in Dresden
Weder Sekt noch Selters
Anne-Kristin Detert,
Michael Haußmann,
Hans-Jürgen Neuhausen,
Frank Neumann,
Antje Seidel-Schulze
Der Weg zur nächsten VZ
Ein damaliger VZ-Gegner
berichtet
Ein Weg zur schnellen
Analyse
Die klare Antwort: Nein!
Erhellende Erkenntnisse
eines Nicht-Statistikers
Tolles Erlebnis
72
Rückblick
74
Ohne Statistik ist die Welt nur ungefähr
Neue geben Einblicke
74
Stabwechsel beim Verband Deutscher
Städtestatistiker
76
Das neue
Führungsquartett
Funktionen und Funktionsträger
79
Weitere Ansprechpartner
Autorenverzeichnis
80
Mehr Vielfalt im Verband
Fehlt Ihr Name?
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
3
BEVOR DER ERNST BEGINNT
Manager-Revolution
Martin Schlegel, Hagen
Die rheinische Mittelstadt Turmkirchen hat schon mal Bemerkenswertes geleistet (vgl. „Aqua Romana“ in Stadtforschung und Statistik, Ausgabe 1/2006, S. 4). Mutig, entschlossen und entscheidungsfreudig folgen sie immer wieder dem herrschenden Trend, wie auch das jüngste Beispiel zeigt.
„Turmkirchens Politik ist keine Kirchturmspolitik. Wir setzen internationale Standards,“ erklärte der
Bürgermeister dem Rat, der ihn daraufhin beauftragte, sichtbar zu machen, dass die Verwaltung
keine schlappe Behörde ist, sondern von Managern geleitet wird. Unverzüglich mutierte der Amtsleiter zum „Central-Manager“, der Abteilungsleiter wurde treffend als „Decision-Manager“ bezeichnet
und aus dem sprachlich umständlichen „Sachgruppenleiter“ wurde „Team-Manager“. Auch die
Sachbearbeiter atmeten auf, wurde für sie doch der „Operating-Manager“ vorgesehen; für die
Auszubildenden fiel der Karriere verheißende „Junior-Manager“ ab. Hausmeister, Putzfrauen und
die übrigen Arbeiter werden einheitlich als „Front-Manager“ geführt.
Es hätte eine Sonderbehandlung bedeutet und wäre inkonsequent – mithin Turmkirchen unähnlich –
gewesen, Bürgermeister und Beigeordnete auszusparen. So bekamen die Beigeordneten den Titel
„CD-Manager“, wobei CD für Central-Decision steht, und der Bürgermeister ließ sich überreden, der
Stadtverwaltung fortan als „Global-Manager“ vorzustehen.
Umgesetzt sind diese Änderungen noch nicht, da die Gleichstellungsstelle wegen Unklarheiten bei
der weiblichen Schreibweise bislang kein OK gegeben hat.
Von diesen fulminanten Einschnitten, dieser regelrechten Manager-Revolution inspiriert, beschloss
die Redaktion dieser Zeitschrift, ebenfalls internationale Standards einzuführen.
Die Zeitschrift heißt demnächst: „Town-Research And Statistic – Newspaper of the Verband Deutscher Staedtestatistiker“. Großen Wert legen wir auf die Umgestaltung des Inhaltsverzeichnisses.
„Table of contents“ wäre korrekt, wir haben uns – weil viel progressiver – für das kurze und knappe
„toc“ entschieden. Da wir inhaltsorientiert sind (künftig: content fixed), entspann sich eine längere
Debatte bei der Frage, in welcher Sprache die Artikel erscheinen sollen. Der Kompromissvorschlag
„The headlines may be in german, aber der Text sollte auf Englisch sein“ war nicht zielführend. Der
Beschlussvorschlag: „Sie bleiben in Deutsch.“ erhielt eine knappe Mehrheit, nachdem in die Mitte
des Satzes „for the next time“ eingefügt wurde.
Die Debatte ist nicht einfach und nicht abgeschlossen, sie verdient eine rege Beteiligung. Denglish
droht allerorten. Verfolgen Sie den Fortgang im „VDSt Newsletter“.
4
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
STUTTGARTS WEG ZUR RELIGIONS„UN“ZUGEHÖRIGKEIT
Die Arbeit mit den Medien – Skandale, Konflikte, Emotionales
Klare Botschaften, kurze Sätze.
John-Philip Hammersen, Nürnberg
Es ist schon ein Kreuz mit den
Medien: Da hat man – aus eigener Sicht, versteht sich – ein
spannendes Thema in Arbeit,
aber kein Journalist scheint
sich dafür zu interessieren.
Statistiker haben es in dieser
Hinsicht sicherlich besonders
schwer: Ihnen haftet das Stigma der „Zahlenquäler“ an, die
sich einer besonders trockenen
Materie widmen. Nicht sehr
verlockend für Journalisten.
Dabei lassen sich auch vermeintlich trockene Themen
mediengerecht aufbereiten –
vorausgesetzt, man beachtet
ein paar Regeln.
Unabdingbar:
Vertrauen
Dazu einige grundsätzliche
Anmerkungen: Ziel von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
sollte es immer sein, ein Produkt, eine Leistung oder auch
einen Sachverhalt möglichst
positiv in der öffentlichen
Meinung zu besetzen. Dafür
ist eines unabdingbar: Vertrauen. Zunächst muss ein
Journalist seiner Quelle vertrauen, schließlich muss die
Öffentlichkeit, also der Leser/
Zuschauer/Hörer, den Medien
vertrauen. Dies lässt sich aus
Sicht einer Institution, die als
Quelle für Medienberichte
dient, am einfachsten durch
völlige Transparenz herstellen. Wer sich gegenüber den
Medien öffnet, der zeigt,
dass er nichts zu verbergen
hat. Nichts mögen Journalisten weniger als auswendig
gelernte Sprachhülsen, Nebelkerzen oder Halb-Informationen.
Vertrauen ist aber nicht alles.
Ein Journalist kann Ihnen großes Vertrauen entgegen bringen, sich aber dennoch nicht
für Ihre Themen interessieren.
Warum? Dafür müssen wir uns
vor Augen führen, was Medien
interessiert und warum.
Die Ware Nachricht
Journalisten sind auf der Jagd
nach Nachrichten. Nachrichten
sind die Ware der Journalisten.
Eine Nachricht zeichnet sich
meist dadurch aus, dass es
eine Information ist, die der
Konsument wissen muss (um
sich eine Meinung zu bilden).
Erste Aufgabe einer Institution, die ihre Themen medial
verwertet sehen will, ist es
also, Nachrichten zu generieren. Eine Nachricht ist kurz,
lässt sich verkaufen und ist für
sich allein genommen im besten Fall schon die Schlagzeile.
Beispiele: „US-Präsident Bush
lässt
Verteidigungsminister
Rumsfeld fallen“ oder „Union
und SPD in Umfragen gleichauf“.
Nachrichten beschränken sich
zunächst auf den Kern der Information, auf die eigentliche
Botschaft. Unter Journalisten
gibt es in diesem Zusammenhang den Begriff des „Küchenzurufs“: Das Bild geht davon
aus, dass ein Paar gemeinsam
zuhause ist, einer der beiden
sitzt vor dem Fernseher, der
andere bereitet in der Küche
das Abendessen vor. Die Frage
ist nun: Was wird derjenige vor
der Glotze seinem Partner in
der Küche zurufen, wenn er im
Fernsehen etwas Interessantes
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
sieht? Wird er rufen: „Die
Bundesagentur sieht unterschiedliche
Entwicklungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer in West und Ost“
oder „Die BA gibt Ältere im
Osten auf“?
Wenn Sie also eine Nachricht
aus Ihrem Thema herausfiltern
wollen, dann beschränken Sie
diese auf den absoluten Kern
und prüfen Sie die Tauglichkeit
auf den „Küchenzuruf“. Dabei
gilt: Verständlichkeit und Griffigkeit vor Differenzierung.
Schließlich wollen Sie den
Journalisten auf Ihr Thema
aufmerksam machen und nicht
abschrecken.
Journalisten brauchen
Nachrichten
Weniger Details
Dabei fällt es vielen Menschen
äußerst schwer, ihre tiefen Detailkenntnisse in einem Thema
stark zu vereinfachen. „Das
kann man so simpel nicht sagen“ ist dann oft zu hören.
Folge: Journalisten werden in
Pressemitteilungen mit komplexen Darstellungen von noch
komplexeren Sachverhalten
überhäuft. Und noch mehr:
Wenn man sich einmal zum
Gang in die Öffentlichkeit entschlossen hat, dann will man
auch alles loswerden, was einem am Herzen liegt. Gut gemeint, aber grundfalsch. Stellen Sie sich folgende Situation
vor: Sie sitzen in einer Runde
mit Freunden oder Kollegen,
plötzlich wirft Ihnen einer einen Ball zu. Was geschieht?
Sie werden ihn auffangen, und
zwar ganz unwillkürlich. Was
aber passiert, wenn fünf Bälle
auf einmal auf Sie geworfen
Küchenzuruf
Das Ball-Problem
5
KLARE BOTSCHAFTEN, KURZE SÄTZE
Statistiker lieben Fakten
Anwalt des Lesers
Journalisten verlangen
Geschichten
werden? Sie werden nicht einen einzigen fangen. So verhält es sich auch mit Informationen. Eine gezielte, wohl formulierte Botschaft erreicht ihren Adressaten, die Flut rollt
über ihn hinweg.
Medien. Und wer sich medienwirksam darstellen will, tut
gut daran, diese Gesetze zu
beachten, anstatt sie ändern
zu wollen.
Information und
Unterhaltung
Was bedeutet dies alles nun
für die Praxis? Wie interessiere
ich Medien für mein Thema?
Für Statistiker gilt: Lösen Sie
sich von der reinen Zahl, vom
mathematischen Prozess, auch
wenn er für Sie als Fachfrau/
Fachmann noch so faszinierend sein mag. Der „Normalmensch“ will wissen, was Ihre
Erkenntnisse für ihn bedeuten,
was er daraus für sich, für sein
Leben ableiten kann. Und da
haben Sie als Statistiker einen
echten Vorteil: Sie erheben Daten und Zahlen, die Entwicklungen aufzeigen. Sie können
ein Stück in die Zukunft sehen.
Und: Sie können Fakten liefern. Ihre Ergebnisse sind keine aus der hohlen Hand kommenden Vermutungen, sondern ganz klar belegbar.
Was interessiert die Medien
noch? Grundsätzlich Skandale, Konflikte, Überraschendes
und vor allem: Emotionales.
Denn Medien wollen nicht nur
informieren, sie wollen und
müssen unterhalten, weil sie
sich sonst nicht verkaufen lassen. Emotionen spielen dabei
eine wichtige Rolle: Trauriges
und Lustiges, Themen, die
Ängste auslösen und solche,
die Mitgefühl oder Empörung
hervorrufen.
„Die Medien wollen eben doch
immer nur schlechte Nachrichten“ – so oder so ähnlich werden Sie jetzt denken. Stimmt.
„Bad news are good news“
gilt noch immer und wird weiter gelten. Warum? Weil Medien eine bestimmte Rolle in unserer Gesellschaft haben. Sie
sind Anwalt des Lesers/Zuschauers/Hörers – nie Anwalt
einer staatlichen Institution.
Medien überwachen eher
staatliche Institutionen, sehen
diesen auf die Finger – und finden im Aufdecken von Skandalen (echten oder vermeintlichen) ihre Rolle als vierte
Macht im Staat. Medien sehen
sich auch als Übersetzer. Sie
machen ihren Konsumenten
die komplizierte Welt verständlich. Da geht Einfachheit
häufig vor sachlicher Detailtreue.
Das kann man gut finden oder
nicht – so sind die Gesetze der
6
Akzeptieren Sie also die Regeln der Medien.
Warum übersetzen die Medien
diese Botschaft auf diese Weise? Antwort: Weil so die nackten Zahlen plötzlich eine Story
bekommen, weil so die Nachricht emotional anspricht, versteckte oder auch offene Ängste auslöst. Nun werden Sie
sagen: „Es kann nicht unsere
Aufgabe sein, emotional anzusprechen.“ Mag sein, aber
auch Journalisten sind nur
Menschen. Sie lesen jeden Tag
hunderte von Pressemitteilungen und Agenturmeldungen.
Und sie werden über diejenigen stolpern, die sie auf Anhieb interessant finden, die
durch eine starke Schlagzeile
ansprechen. Sie sollten wissen:
Jeden Tag werden in Deutschland etwa 6000 Pressemitteilungen verschickt, von Verbänden, Parteien, Institutionen,
Unternehmen, Vereinen oder
Initiativen. Dazu laufen in einer normalen Nachrichtenredaktion täglich gut und gerne
2000 bis 3000 Agenturmeldungen ein. Versetzen Sie sich
in die Lage des Journalisten
und bedenken Sie: der Wurm
muss bekanntlich dem Fisch
schmecken, nicht dem Angler.
Stories statt Zahlen
Aber Journalisten wollen Geschichten erzählen, keine Aufreihung von Zahlen. Also liefern Sie Geschichten. Verknüpfen Sie Ihre Zahlen und Ergebnisse mit einer Story. Nehmen
wir die demographische Entwicklung. Da wird eine Pressemitteilung vermutlich so überschrieben: „Zahl der Geburten
in der Bundesrepublik Deutschland anhaltend rückläufig“
oder „Demographischer Wandel beschleunigt sich“. In der
Zeitung des nächsten Tages
liest sich das dann so: „Deutsche sterben aus“ oder „Immer mehr Rentner, immer weniger Beitragszahler“.
Journalisten sind aber auch auf
andere Weise ganz normale
Menschen: Sie brauchen Themen, die sie in ihrer Redaktionskonferenz verkaufen können. Ein Redakteur, der einige
Tage hintereinander kein Thema anbieten kann, gilt bei der
Chefredaktion ganz schnell als
ideenlos. Jeder Redakteur ist
also dankbar für gute Themen,
gute Informationen, gute Kontakte. Liefern Sie ihm das. Bauen Sie Drähte zu den Medien
auf, besuchen Sie Redaktionen. Schlagen Sie Ihre Themen
vor, die sie zuvor wie oben beschrieben mediengerecht aufbereitet haben.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
KLARE BOTSCHAFTEN, KURZE SÄTZE
Kein Amtsdeutsch
Zur mediengerechten Aufbereitung gehört unbedingt auch
eine verständliche Sprache.
Hier sind Institutionen und Behörden immer in der Gefahr,
Experten- oder Amtsdeutsch
zu verwenden. Die Folge sind
wahre Wortungeheuer. „Die
Maßnahme wurde vollumfänglich zur Durchführung gebracht“ soll wohl heißen: Wir
haben etwas gemacht. Und
„Die konstante Evaluation der
erhobenen Daten führt dazu,
dass der Grad der Zielerreichung besser beurteilt
werden kann“ meint: Wir prüfen anhand unserer Daten laufend, ob wir unsere Ziele erreichen.
Worte können, gerade wenn
sie besonders gewählt klingen
sollen, die eigentliche Botschaft vernebeln. Vor allem
führen gestelzte Formulierungen dazu, dass Leser – in diesem Fall Journalisten, die Sie
mit einer Pressemitteilung erreichen wollen – aus der Lektüre aussteigen. Vermeiden Sie
daher Substantivierungen und
Passivformulierungen.
TV und Radio
Soweit die Empfehlungen vor
allem im Umgang mit Printmedien. Was aber ist mit Fernsehen und Radio? Für das Fernsehen gilt Vorstehendes in verschärfter Weise. In einem TVBeitrag lässt sich deutlich weniger Text unterbringen, die
Botschaften müssen noch klarer und simpler sein. Zahlen
können im TV nur über Grafiken transportiert werden –
diese müssen sich auf den ersten Blick erklären. Und noch
viel wichtiger: Ein Fernsehredakteur denkt in Bildern,
nicht in Fakten. Er recherchiert
einen Film, keinen Bericht. Es
gilt: Was sich nicht im Bild einfangen lässt, das lässt sich im
TV-Beitrag nicht unterbringen,
da es zu so genannten TextBild-Scheren käme (im Bild
sieht man etwas anderes als
das, was der Sprecher aus dem
Off erzählt). Wenn Sie also einen Fernsehjournalisten für ihr
Thema begeistern wollen,
müssen Sie ihm aufzeigen, wie
er das in Bilder umsetzen
kann. Wer kann gute, klare,
verständliche O-Töne vor der
Kamera geben? Wie kann eine
statistische Erhebung so in
eine Story gekleidet werden,
dass sie sich am besten an einem Fallbeispiel in einem Film
darstellen lässt? Wieder das
Beispiel
demographischer
Wandel: In der XYZ-Straße
wohnten 1976 noch 60 Kinder
und nur 20 Rentner. Heute hat
sich das Verhältnis umgekehrt.
Die Kamera kann anhand von
Familien und deren O-Tönen
und Erinnerungen die Entwicklung einfangen und am Beispiel der XYZ-Straße das Problem greifbar machen.
Radio lebt dagegen allein vom
gesprochenen Wort. Es gibt
keine unterstützenden Bilder,
keine Grafiken. Hier kommt es
also wesentlich auf klare Aussagen an. Kurze Sätze, kurze
Botschaften. Überlegen Sie
sich, was der Hörer im Gedächtnis behalten soll und machen Sie sich klar, dass es vermutlich nur ein Fakt oder eine
Zahl sein wird – nämlich das
Erstaunlichste, Überraschendste oder Emotionalste dessen,
was Sie zu sagen haben. Legen
Sie den Schwerpunkt darauf.
Wenn Sie bis zu diesem Punkt
gelesen haben, werden Sie
vielleicht sagen: Jetzt wird alles einfacher, jedes Thema
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
lässt sich so medial verwerten.
Langsam. Seien Sie ehrlich: Es
gibt Themen, die sind von wissenschaftlichem
Interesse,
aber für die breite Öffentlichkeit ganz einfach nur langweilig. Machen Sie daher sich
selbst und Freunde und Verwandte zum Maßstab: Würde
sie das Thema, dass Sie im
Kopf haben, als Normalbürger
interessieren?
Text – Bild – Schere
Entscheidungen
treffen
Daher: Überhäufen Sie Journalisten nicht mit allen möglichen Themen, nach dem Motto: Eines wird er schon fressen.
Wählen Sie das Thema aus,
dass die besten Chancen hat
und bereiten Sie es gut auf.
Wenn Sie bei einem Journalisten dauernd abblitzen, wird
er irgendwann ein wirklich gutes und starkes Thema von Ihnen nicht mehr erkennen.
Vernebelnde Worte
TV: Noch klarere Botschaften
Über Statistik:
Wie das Salz zur Suppe
gehören Zahlen zur Rede.
Aber wir wissen genau,
wie eine versalzene Suppe
schmeckt.
7
Auch ein Ergebnis der Fußball-Weltmeisterschaft
Zahl des Jahres 2006: 3.
Martin Schlegel, Hagen
Die Redaktion hat sich die
Wahl nicht leicht gemacht, ist
nach ausführlicher Debatte
aber zu einem einmütigen Ergebnis gekommen:
Die Zahl des Jahres
2006 lautet: 3.
Genauer: 3. Platz.
Denn mit dieser Zahl ist die Position gemeint, den die deutsche
Fußballnationalmannschaft bei der WM in Deutschland erreichte.
Diese Mannschaft, von der
manch einer vor der WM unkte, sie werde die Vorrunde
wohl nicht überstehen, wuchs
zu einem Team, das frischen
Angriffsfußball beherzt in Szene setzte.
Spieler und Trainer wirkten
ganz entscheidend mit, dass
diese WM zu einem begeisternden Erlebnis wurde und
Deutschland mancherorts in
einen Fußballtaumel fiel. Sie
halfen mit, der gesamten Welt
vor Augen zu führen, dass
Deutschland nicht nur aus den
so genannten deutschen Tugenden besteht, sondern dass
Begeisterung und Freude auch
bei uns dazugehören. Ohne
Ausschreitungen, vorbildlich
friedlich.
In Anerkennung und Würdigung
der Leistung dieser jungen Spieler ist die 3 zur Zahl des Jahres
2006 erklärt worden.
8
Andere Vorschläge
waren:
1 500 000 000 000 Euro
Staatsschulden
Mitte 2006 wurde diese Grenze übersprungen, ein Wert,
der sich fast jeder Vorstellungskraft entzieht. Möchten
wir diesen Schuldenberg abtragen, müsste der Staat als
erste Maßnahme keine weiteren Schulden aufnehmen, was
schon kräftiges Kürzen bedeutet. Wenn zudem jeder Einwohner pro Monat 10 Euro
aufbringt, dann sinken die
Staatsschulden Monat für
Monat um 820 Mill. Euro. Natürlich muss wirklich jeder
mitmachen, auch Säugling
und Senior.
Nach einem Jahr ist der Berg
10 Mrd. Euro niedriger. Er
misst nicht mehr 1 500 000
000 000, sondern nur noch 1
490 000 000 000 Euro. Nach
150 Jahren sind die Schulden
endlich bei 0 angekommen.
Nach sechs Generationen sind
die Schulden weg, die wir in
zwei Generationen aufsummiert haben.
Wollen wir schneller schuldenfrei werden, muss jeder
eben mehr aufbringen. Doch
10 Extra-Euro pro Person und
Monat bedeutet für eine vierköpfige Familie bereits 480
Euro im Jahr.
82 800 000 Handys in
Deutschland
Im August 2006 stieg die Zahl
der Handy-Anschlüsse auf diesen Rekordwert. Damit gibt es
in Deutschland mehr Mobiltelefone als Einwohner. Die
günstige Preisentwicklung und
der ungebrochene Trend zum
Zweithandy haben nach Angaben der Experten die Entwicklung bewirkt. Trotz der hohen
Handy-Dichte ist Deutschland
keineswegs Spitzenreiter. In
Europa liegt Luxemburg vorne:
138 Handys je 100 Luxemburger. Auch in Italien (123) und
Tschechien (115) gibt es mehr
Mobil-Telefone als Einwohner.
345 Euro soziale Grundversorgung
Hierbei handelt es sich um den
Betrag für die Regelleistung
zum Lebensunterhalt nach
SGB II. Dieses sogenannte
sozio-kulturelle Existenzminimum wird oft als offizielle
Armutsschwelle herangezogen. Der Betrag von 345 Euro
ist eine nicht unumstrittene
Größe, die von einigen Sozialverbänden als zu niedrig kritisiert wird. Gerichtlich wurden
die 345 Euro aber als vertretbar eingestuft.
2,3% Wachstum/ Verschuldung
Dieser Wert tritt gleich doppelt
auf. Er entspricht sowohl dem
voraussichtlichen Wirtschaftswachstum 2006 als auch der
voraussichtlichen Neuverschuldung des Staates.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Umfrage in Neubaugebieten: Ruhe – Gute Luft – Nachbarschaft
Was bewirkt die neue Wohnung?
Uwe Schubert, Hagen
Laut Vorausberechnung des
LDS NRW soll sich Hagens Einwohnerzahl von 198 800 am
01.01.2005 auf 168 600 am
01.01.2025 verringern. Hagen
würde demnach 30 200 Einwohner verlieren. Ein Ansatzpunkt diese negative Einwohnerentwicklung abzuschwächen, besteht in der Ausweisung von Neubaugebieten. Mit
ihnen können Zuzüge angelockt und mit Fortzugsgedanken beschäftigte Hagener gehalten werden.
Eine Umfrage sollte helfen, die
Motive der Neubaubezieher zu
erforschen. Dazu besuchten Interviewer im Mai 2005 insgesamt 416 Haushalte, die sich
zwischen Januar 2003 und Februar 2005 für den Bezug eines Neubaues entschieden
hatten. 239 von ihnen gaben
bereitwillig Auskunft. Dies entspricht einer Antwortquote
von 58 %, ein äußerst zufrieden stellendes Ergebnis.
ben. Das Schaubild 1 zeigt den
Anteil der Haushalte, der sehr
gut oder gut urteilte, mit der
vorgefundenen Situation also
überaus zufrieden ist.
Besonders glücklich sind die
Haushalte mit dem nachbarschaftlichen Umfeld und der
Entfernung bis zum Kindergarten. Mehr als 80 % vergeben
die Schulnote 1 oder 2. Auf
den Plätzen 3 bis 6 folgen vier
Umweltaspekte, die bei mehr
als 70 % auf äußerste Zufriedenheit stoßen. Dies sind das
Grünflächenangebot, die Luftgüte, die Sauberkeit im Wohnumfeld und die Stille/Ruhe. Bei
mehr als 60 % der Befragten
trifft die Entfernung zur Schule, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die
Parkplatzsituation auf Zustim-
mung. Etwas zurückhaltender
werden die Verkehrssituation
im Wohngebiet, die Spielmöglichkeiten für Kinder und
die Sportmöglichkeiten bewertet. Nur noch knapp jeder
zweite Haushalt empfindet sie
als sehr gut oder gut. Fragt
man nach der Entfernung zur
nächsten Einkaufsmöglichkeit
für den täglichen Bedarf und
der Miethöhe/den Tilgungsraten, erhält man nur noch von
40 % die Antwort sehr gut
oder gut. Am Ende der Rangskala trifft man abgeschlagen
auf das Freizeitangebot für Jugendliche. Nicht einmal jeder
Fünfte vergibt hier Bestnoten.
Für eine richtige Einschätzung
der heutigen Situation ist es
wichtig zu wissen, wie sich die
Lage vor dem Umzug darge-
Lob für das Umfeld
Hausbaumotive
Schaubild 1
Der weit überwiegende Teil
der Neubaubezieher, nämlich
88 %, ist innerhalb Hagens
umgezogen. Nur bei 12 % der
befragten Haushalte handelt
es sich um Neubürger. Die
Neubaugebiete haben also
überraschenderweise nur wenige Neubürger angelockt,
aber dazu beigetragen, viele
Hagener in ihrer Heimatstadt
zu halten.
Die interviewten Haushalte
sollten bewerten, wie sie 15
vorgegebene Aspekte der Lebensqualität angetroffen haben. Dazu sollten sie Schulnoten zwischen 1 und 6 verge-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
9
EIGENWILLIG UND HEILSAM
stellt hat. Hat sich die Situation durch den Umzug verbessert, ist sie gleich geblieben
oder hat sie sich verschlechtert? Deshalb sollten die Haushalte die 15 Aspekte nicht nur
aus Sicht der neuen Wohnung,
sondern auch aus dem Blickwinkel der alten Wohnung bewerten. Die Ergebnisse visualisiert das Schaubild 2. Die
Items sind dabei nach der Größe der Veränderung geordnet.
Oben stehen die positiven Veränderungen, unten die negativen. Insgesamt neun Aspekte
haben sich verbessert, vier
sind annähernd gleich geblieben und lediglich bei zweien
stellt sich die Situation nach
dem Umzug schlechter dar.
Ruhe, die Verkehrssituation im
Wohngebiet und die Parkplatzsituation. Spürbare Verbesserungen um über 15 Prozentpunkte verzeichnen die Sauberkeit im Wohnumfeld und
das Grünflächenangebot. Den
Beziehern der Neubaugebiete
sind diese Faktoren besonders
wichtig. Neubauten in Gebieten, die nicht über ein entsprechendes Wohnumfeld verfügen, haben kaum Zukunft.
Bei diesem Verbesserungsschub können die anderen
Faktoren nicht mithalten, was
zum Teil daran liegt, dass sie
schon am alten Wohnort eine
gute Bewertung erhielten (z.B.
Entfernung zum Kindergarten).
Um zum Teil weit über 20 Prozentpunkte verbesserte sich
die Luftgüte, das nachbarschaftliche Umfeld, die Stille/
Schaubild 2
Bücher, nicht nur für Werder-Fans
Eigenwillig und Heilsam
Martin Schlegel, Hagen
Möchten Sie gerne ein Individualist sein? Möchten Sie ein
Mensch sein, der sich durch
seine Einzigartigkeit abhebt
und dabei auch noch glücklich
und lebensfroh ist und nicht in
individueller Einsamkeit versinkt? Mit Hilfe der eigenen
Lebensphilosophie kann sich
jeder Mensch zum Mitarbeiter
seines Lebens machen. Die eigene Lebensphilosophie führt
zur Distanzierung von der
Vermassung und zur Selbstübernahme der Lebensführung. Zudem ermöglicht sie
Selbstinterpretation
und
Selbstentschlossenheit.
Das erläutert der praktische Philosoph Prof. Dr. Lutz von Werder
10
und leitet den Leser in drei
Schritten zur Entwicklung der eigenen Lebensphilosophie an.
In seinem anderen Buch stehen Gefühle im Zentrum. Leid
wie Melancholie, Verzweiflung, Depression, Ekel und
Angst vor der Einsamkeit, vor
Alter und Tod. Diese leidvollen
Gefühle erwecken den Wunsch
nach Überwindung des Leidens, nach Heilung auch mit
Hilfe der philosophischen Therapie. Hier zeigt der Autor, wie
die philosophische Lebenskunst von Buddha über Platon, Seneca, de Montaigne,
Freud, Jung, Heidegger bis
Foucault und Wilber die philo-
sophische Therapie von Ängsten, Depressionen, Verzweiflung und Melancholie praktiziert hat Das Buch stellt Übungen und Anwendungsmöglichkeiten der philosophisch-heilsamen Seelenführung vor und
ist gleichzeitig das Begleitbuch
zum „Philosophischen Radio“
im WDR 5.
Lutz von Werder: Eigenwillig –
Philosophische Lebenskunst für
Individualisten
Schibri-Verlag, 264 Seiten,
ISBN 3-937895-11-6, 15,- €
Lutz von Werder: Heilsam –
Philosophie als Psychotherapie.
Schibri-Verlag, 280 Seiten,
ISBN 3-937895-32-9, 15,- €
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Kriminalität – ein vorübergehendes Phänomen?
Jugendliches Delinquenzverhalten
Klaus Boers, Münster, Susann Kunadt, Jost Reinecke, Bielefeld
Der medialen Darstellung zufolge hat Jugendkriminalität –
insbesondere kriminelles Verhalten von Jugendlichen mit
Migrationshintergrund – in
den letzten Jahren stark zugenommen. Jedoch begeht der
weit überwiegende Teil der Jugendlichen Bagatelldelikte und
in den meisten Fällen ist
Delinquenz ein vorübergehendes Phänomen. Gerade weil
aber viele Straftaten weniger
schwerwiegend sind und darum oftmals nicht angezeigt
werden ist das so genannte
“Dunkelfeld“ polizeilich nicht
registrierter Delikte besonders
groß. Insgesamt kann allerdings bereits aus den Daten
der Polizeilichen Kriminalstatistik und des justiziellen
„Hellfeldes“ keine konstante
Zunahme der Jugendkriminalität in den letzten Jahren belegt
werden (vgl. dazu auch Boers,
Reinecke & Walburg, 2006).
Gefährliche und schwere Körperverletzungsdelikte nehmen
lediglich in den westdeutschen
Bundesländern weiterhin zu,
Raub- und Eigentumsdelikte
hingegen sind seit Ende der
1990er Jahre bundesweit stabil oder sinken.
Zur Erklärung kriminellen Verhaltens existieren bisher viele
verschiedene Ansätze, deren
Erklärungskraft je nach Standpunkt umstritten ist. Alles in
allem herrscht in Deutschland
Mangel an umfassenden Dunkelfelduntersuchungen, die auf
wiederholten Befragungen basieren und damit zuverlässig
die Entwicklung und den Verlauf delinquenten Verhaltens
abbilden können.
Das Forschungsprojekt
Unter Leitung von Prof. Dr.
Jost Reinecke (Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Klaus
Boers (Universität Münster)
wird in den westdeutschen
Städten Münster und Duisburg
eine Längsschnittstudie durchgeführt, bei der Schülerinnen
und Schüler1 im Jugendalter
jährlich zu ihrem delinquenten
Verhalten wiederbefragt werden. Die kriminologisch und
jugendsoziologisch orientierte
Studie dient zur Strukturanalyse delinquenten Verhaltens im
Lebenslauf. Um der Dynamik
und Entwicklung im Jugendalter gerecht zu werden, handelt
es sich bei ihrer Konzeption
um ein kombiniertes Kohortenund Paneldesign: Neben der
Beobachtung ein und desselben Jahrgangs über vier bzw.
sechs Jahre (in Münster von
2000-2004, in Duisburg von
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
2002-2007) sind Vergleiche
zwischen den Geburtskohorten
in den jeweiligen Klassenstufen möglich.
Anfang 2000 wurden in Münster Schüler der 7. Jahrgangsstufe (durchschnittlich 13 Jahre alt) an Haupt-, Realschulen,
Gymnasien und Sonderschulen
befragt (angestrebte Vollerhebung). Die Befragung dieser
Schüler wurde in den Jahren
2001, 2002 und 2003 wiederholt. In den vier Querschnittsuntersuchungen sind zwischen
1.816 und 1.947 Personen enthalten. Das Vier-Wellen-Panel
besteht aus 813 Schülern. Zu
Vergleichzwecken wurden im
Jahr 2000 ebenfalls Schüler
der 9. und 11. Klassen an
Gymnasien und Berufskollegs
interviewt.
In Duisburg wurde in den Jahren 2002 und 2003 ein paralleles Erhebungsdesign gewählt;
Längsschnittstudie in
Münster und Duisburg
Grafik 1: Kombiniertes Kohortenund Paneldesign: Städtevergleich und zeitliche Entwicklung
11
JUGENDLICHES DELINQUENZVERHALTEN
Es wurden Schüler sowohl der
7. bzw. später 8. als auch der
9. bzw. später 10. Klassen befragt (angestrebte Vollerhebung). Die Siebtklässler aus
dem Jahr 2002 wurden desweiteren in den Jahren 2004,
2005 und 2006 erneut interviewt. Geplant ist eine letzte
Erhebung Anfang 2007. Das
momentan vorliegende VierWellen-Panel (2002-2005) für
diesen Jahrgang umfasst 1.769
Personen.
Zusätzlich liegen Querschnittsdaten von Schülern der Stadt
Bocholt (7., 9. und 11. Klasse)
aus dem Jahr 2001 vor.
Grafik 2: Selbstberichtete Delinquenz in Duisburg: Täteranteile Eigentumsdelikte (Daten gewichtet)
Grafik 3: Selbstberichtete Delinquenz in Duisburg: Täteranteile Sachbeschädigungs- und Gewaltdelikte
sowie Drogenhandel (Daten gewichtet)
Die schriftlichen Befragungen
wurden im Klassen- bzw. Kursverband sowie – aufgrund des
Verlassens der Schule nach der
Jahrgangsstufe Zehn (Haupt-,
Real- und teilweise Gesamtschulen) – postalisch in jährlichem Abstand durchgeführt.
Die Schüler sollten zu 16 Gewalt-, Sachbeschädigungs-, Eigentums- und Drogendelikten
angeben, ob sie diese jemals
begangen hatten und wenn ja,
wie oft in den letzten zwölf
Monaten. Neben den verschiedenen Deliktformen und deren
Begehungshäufigkeiten wurden die Schüler um Auskunft
zu persönlichen und sozialen
Merkmalen gebeten. Genauer:
Der der Studie zugrunde liegende theoretische Rahmen
zur Erklärung delinquenten
Verhaltens beinhaltet drei
Untersuchungsebenen:
1. Individuelle Ebene (z. B.
Delinquenzverhalten, delinquenzorientierte Einstellungen und Bewertungen)
2. Sozialstrukturelle Ebene (z.
B. soziale Lage, Bildungsressourcen, Lebens-, Freizeit- und Medienkonsumstile, soziale Netze und
Kontrolle, Lebensraum)
3. Formelle soziale Kontrollebene (z. B. Kriminalisierung durch die Justiz)
Auf kleinräumiger Ebene der
jeweiligen Städte ermöglicht
die differenzierte Erhebung
eine Analyse nach Herkunftsortsteil der Täter sowie die
Identifikation besonders prekärer, stark belasteter Stadtgebiete.2 Darüber hinaus können
die so gewonnenen Befunde
mit offiziellen Strukturdaten
der Städte und einzelner Stadtteile verbunden und einer simultanen Analyse zur Erklärung delinquenten Verhaltens
unterzogen werden.
Neben der geschilderten Erfassung selbstberichteter Delin-
12
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
JUGENDLICHES DELINQUENZVERHALTEN
quenz wurden die Duisburger
Schüler um Einwilligung zur
Erhebung ihrer polizeilichen
und gerichtlichen Registerdaten gebeten, wodurch ein
Abgleich mit den offiziellen
„Hellfelddaten“
ermöglicht
3
wird. Alle Befragungen verliefen anonym, so dass die Identifikation und Zuordnung der
Fragebögen ein und derselben
Person über die Jahre hinweg
anhand eines auszufüllenden
persönlichen Codes vorgenommen werden muss.
Erste Ergebnisse
Hinsichtlich der Verbreitung
und Entwicklung von Jugendkriminalität in Münster und
Duisburg lässt sich bereits folgendes Fazit ziehen: Der allergrößte Teil der Jugendkriminalität ist im Rahmen der Normsozialisation
entwicklungstypisch und vor allem durch
drei Phänomene gekennzeichnet: Sowie sie im unteren und
mittleren Delinquenzbereich
relativ weit verbreitet ist (Ubiquität), bleibt Jugendkriminalität in den meisten Fällen episodenhaft und geht von selbst
zurück, das heißt ohne formelle
Kontrollinterventionen
(Spontanbewährung). Intensives Begehen von Straftaten
konzentriert sich auf eine Minderheit weniger Mehrfachtäter. Das Meiste “regelt sich
also bei den meisten Jugendlichen von allein“.4
Die Grafiken 2 und 3 geben exemplarisch für die Stadt Duisburg die Täteranteile für die jeweils letzten zwölf Monate beginnend mit der 7. Klasse in
2002 bis zur 10. Klasse in 2005
wieder.
Das Ausmaß der selbstberichteten Taten ist vor allem ist vor
allem zwischen der 7. und der
8. Klasse angestiegen. Bereits
in der 9. Klasse konnte jedoch
eine weitgehende Stagnation
bzw. eine Rückläufigkeit festgestellt werden. Für die 10.
Klassen zeigt sich ein weiterer
Rückgang
der
selbstberichteten Taten, zum Teil
deutlich unter die Werte aus
Klasse 7. Besonders trifft dies
für Ladendiebstähle und Sachbeschädigungsdelikte zu. Im
Vergleich zum “Hellfeld“ sind
die hier dargestellten im
“Dunkelfeld“ erhobenen Daten deutlich höher.
Betrachtet man die erhobenen
Daten auf kleinräumiger Ebene, so ergeben sich hinsichtlich
der Gesamtdelinquenzbelastung deutliche Unterschiede
zwischen den einzelnen Ortsteilen und Stadtbezirken. Während 29 Prozent aller befragten Schüler aus Duisburg für
das Jahr 2004 (2. Halbjahr
Klasse 9 und 1. Halbjahr Klasse 10) angaben mindestens
eine Straftat begangen zu haben, variiert diese Gesamtprävalenz von Ortsteil zu Ortsteil zwischen 0 (Hochemmerich) und 52 Prozent (Mündelheim).
Nicht einmal jeder fünfte Befragte
aus
Bruckhausen,
Beeck, Baerl, Kaßlerfeld und
Bissingheim gab an, delinquent gehandelt zu haben; Jedoch liegt die Gesamtprävalenz der Schüler aus Alt-Homberg, Buchholz, Neudorf-Süd
und Hochheide bei mindestens
40 Prozent. Die Zahlen deuten
darauf hin, dass es in Duisburg
Stadtteile gibt, deren Jugendliche (zum Teil deutlich) delinquenter sind als Gleichaltrige
aus anderen Distrikten. Tabelle
1 ist die teilweise sehr große
Varianz der Prävalenzen innerhalb der sieben Duisburger
Stadtbezirke zu entnehmen.
Diese ersten Auswertungen
auf kleinräumiger Ebene sollten allerdings aufgrund der
teilweise sehr kleinen Fall-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Tab. 1: Jahresgesamtprävalenz der 10. Jahrgangsstufe und Ausländeranteil 2004 für Duisburg, differenziert nach Ortsteilen und Stadtbezirken (eigene Daten gewichtet)
zahlen mit großer Vorsicht interpretiert werden. Elaboriertere Analysen werden zeigen,
ob es sich dabei um signifikante Unterschiede handelt und
welche Faktoren dafür verantwortlich sind.
13
DIE METHODE MUSS ZUR AUFGABE PASSEN
Des weiteren kann aber anhand der Daten kein Zusammenhang zwischen steigenden
Gesamtprävalenzen und steigendem Anteil ausländischer
Einwohner in den jeweiligen
Ortsteilen und Stadtbezirken
belegt werden. Die Auswertungen der Duisburger Daten
von Boers, Reinecke und Walburg (2006) bestätigen bereits
fehlende signifikante Unterschiede bezüglich der Gesamttäteranteile zwischen verschiedenen Migrantengruppen und
einheimischen
Befragten
(S. 83f.): „Migration spielt in
Duisburg überraschenderweise
kriminologisch keine größere
Rolle. Die männlichen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich dort hinsichtlich der
selbstberichteten Delinquenz
kaum. (…) Vieles spricht da-
für, dass die vergleichsweise
große ethnische Homogenität
in
einigen
Duisburger
Migrantenvierteln mit einem
nicht zu unterschätzenden
Potenzial an informeller sozialer Kontrolle einhergeht (…).“
Die Daten selbstberichteter
Delinquenz aus Duisburg widersprechen also zunächst einmal dem, was in der Öffentlichkeit immer wieder problematisiert wird: Besonders kriminelles Verhalten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Anmerkungen
1)
2)
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden vereinfacht von Schülern, Tätern etc.
gesprochen, es sind jedoch immer
beide Geschlechter gemeint.
Es wurde nach dem Stadtteil gefragt, in dem die Schüler wohnen
und nach dem Stadtteil, in wel-
chem sie die jeweiligen Delikte
begangen haben.
3) Eine detaillierte Darstellung der
Stichproben und Erhebungsabläufe findet sich in den jeweiligen
Methodenberichten der einzelnen
Befragungen, die über die Autoren erhältlich sind.
4) Diese Ergebnisse stehen in Einklang mit den bisherigen Erkenntnissen anderweitiger kriminologischer Forschung (vgl. dazu Kunz,
2004).
Literatur
Boers, Klaus; Reinecke, Jost &
Walburg, Christian (2006). Jugendkriminalität – Keine Zunahme im Dunkelfeld, kaum
Unterschiede zwischen Einheimischen und Migranten. Befunde aus Duisburger und Münsteraner Längsschnittstudien, in:
Monatsschrift für Kriminologie
und Strafrechtsreform, Vol. 89
(2), 63–87.
Kunz, Karl-Ludwig (2004). Kriminologie. Eine Grundlegung.
Stuttgart, UTB.
Buchbesprechung
Die Methode muss zur Aufgabe
passen
Martin Schlegel, Hagen
Ein dünnes Buch zu einem Riesen-Thema. Das waren meine
ersten Gedanken, als ich „Einführung in das Methodenspektrum sozialwissenschaftlicher Forschung“ in die Hand
bekam. Doch auch wenn man
statt der 120 Seiten das zehnoder zwanzigfache verfasst
hätte, wäre das Thema nicht
abschließend behandelt. Zudem gilt: Kurz ist gut – wenn
man Wesentliches lesbar vermittelt. Das gelingt den fünf
Autorinnen durchgängig, da
ist kein Durchhänger, da
kommt keine Langeweile auf.
Das Ziel, die Lust am Forschen
14
zu vermitteln, wird erreicht,
obwohl die Autorinnen die
wissenschaftsorientierte Sprache pflegen.
Auch der Ansatz, das Buch in
zehn eigenständige Beiträge
zu teilen, erleichtert den Zugang. So erfahren wir einiges
über quantitative Erhebungen
und die Auswertung statistischer Daten. Besonders wertvoll sind aus meiner Sicht aber
die Ansätze, denen wir Stadtstatistiker bislang eher wenig
Raum geben, denen wir uns
aber nicht verschließen dürfen.
Beispielsweise der Weg, über
teilnehmende Beobachtung zu
Erkenntnissen zu kommen.
Oder die biographische Fallrekonstruktion. Auch die beschriebenen halbstrukturierten
Erhebungsmethoden und das
Gruppendiskussionsverfahren
führen zu sicheren Ergebnissen.
Verfasst wurde „Einführung in
das Methodenspektrum sozialwissenschaftlicher Forschung“
von: Silke Brigitta Gahleitner,
Susanne Gerull, Begona Petuya
Ituarte, Lydia SchambachHardtke und Claudia Streblow.
Das Buch ist im Schibri-Verlag
erschienen, Milow 60, 17337
Uckerland. Preis: 10 Euro.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Krise der Oper oder des Klassikpublikums? – Gebildete Ältere
Die soziale Stellung
der Opernbesucher
Karl-Heinz Reuband, Düsseldorf
Untersuchungen des Opernpublikums sind außerordentlich selten in der Bundesrepublik. Deshalb ist auch wenig
über die Zusammensetzung
des Publikums bekannt. Umfragen unter Abonnenten, die
vereinzelt vorliegen, können
kein Ersatz dafür sein. Denn
sie erfassen nur einen Teil der
Besucher. Nicht berücksichtigt
bleiben die Personen, welche
die Karte im freien Verkauf erwarben, denen die Karte geschenkt wurde und die Mitglieder einer Besucherorganisation, einer Theatergemeinde, sind. Angesichts dessen ist
es ungeklärt, ob und wie sehr
sich die unterschiedlichen
Gruppen von Besuchern in ihrem sozialen und kulturellen
Profil unterscheiden und welche Art von sozialer Selektivität mit welcher Gruppe verbunden ist.
So gibt es denn mehr offene
als geklärte Fragen: Sind
Abonnenten, so fragt sich z.B.,
musikalisch stärker interessiert
als andere Besucher und haben sich deshalb für ein Abonnement entschieden? Oder
sind die Erwerber von Kaufkarten die „wahren“ Opernfreunde, weil sie sich unabhängig von vorgegebenen
Wahloptionen gezielt für den
Besuch spezifischer Opernvorstellungen entscheiden? Spiegeln diejenigen, die Karten im
freien Verkauf erwerben, eher
einen Querschnitt der Bevölkerung wider als die Abonnenten? Und wie verhält es sich
mit den Personen, die Mitglied
einer
Besucherorganisation
sind?
Im Folgenden wollen wir der
Frage der sozialen und kulturellen Differenzierung des Opernpublikums unter Rückgriff auf
eine groß angelegte Besucherumfrage nachgehen, die wir in
den Opernhäusern der Städte
Düsseldorf und Köln durchgeführt haben.1 In einem ersten
Schritt wird die soziale Differenzierung anhand der Merkmale
Geschlecht und Alter zu untersuchen sein. In einem zweiten
Schritt geht es um die soziale
Exklusivität, diskutiert am Beispiel von Bildung und Berufsstatus. Und in einem dritten
Schritt wird die Frage des musikalischen Interesses und der
Häufigkeit des Opernbesuchs
zu untersuchen sein.
Methodisches
Vorgehen
Die Befragung der Opernbesucher wurde im Zeitraum
zwischen 2003 und 2005
durchgeführt. Die Feldphase
wurde über einen längeren
Zeitraum gestreckt, um jahreszeitliche Schwankungen auszugleichen und um eine hohe
Zahl unterschiedlicher Opernaufführungen zu berücksichtigen. Einbezogen wurden in
Düsseldorf 15 Aufführungen
(von 13 verschiedenen Opern)
mit insgesamt 2.403 Befragten, in Köln 7 Aufführungen
(von 4 Opern) mit 1.219 Befragten. Angesichts der umfas-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
senden empirischen Basis dürften die Düsseldorfer Befunde
für die Gesamtheit der Düsseldorfer Opernbesucher repräsentativer sein als die der Kölner. Gleichwohl kann man
näherungsweise auch die Kölner Befragung als einen Querschnitt durch das Kölner
Opernpublikum ansehen und
die Befunde in die Diskussion
miteinbeziehen.
Verteilt wurden die Fragebögen durch studentische Mitarbeiter, die per Namensschild
als Vertreter der Universität
Düsseldorf zu erkennen waren.
Postiert vor den Aufgängen
zum Parkett und den Rängen
gaben sie, meist mit einem
kurzen Kommentar versehen,
einer systematischen Zufallsauswahl der Zuschauer – meist
an jeden Dritten oder Vierten –
den Fragebogen einschließlich
Anschreiben und Rücksendeumschlag. Der Fragebogen
konnte entweder am Ende der
Vorstellung am Hauptausgang
in eine Urne geworfen oder
portofrei an die durchführende
Institution, das Sozialwissenschaftliche Institut der Heinrich-Heine-Universität,
gesandt werden. In der Regel
wurden je nach Aufführung
zwischen 50 und 60 % der verteilten Fragebogen ausgefüllt
zugegeben oder zugeschickt.
Diese Quote kann als überaus
erfolgreich angesehen werden.
Der doppelte Zugang – Rückgabe per Urne oder Post –
dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben.
Geringe Kenntnisse
der Besucherstruktur
Verteilung der
Fragebögen
Lange Feldphase
15
DIE SOZIALE STELLUNG DER OPERNBESUCHER
Abonnement oder
Einzelkauf
Ältere sind für
Abonnements, Jüngere
für Einzelkarten
Tab. 1: Geschlecht und Alter
nach Art des Kartenerwerbs
und Opernhaus (in %)
16
Ähnlich wie in anderen deutschen Opernhäusern verfügt
die Mehrheit der Zuschauer in
Düsseldorf und Köln über ein
Abonnement oder ist Mitglied
einer Besuchsorganisation. Der
Anteil der Erwerber einer Kaufkarte beläuft sich lediglich auf
einen Anteil von rund einem
Drittel und der Anteil von sonstigen Besuchern mit Personalkarte, Freikarte etc. auf einen
Wert von höchstens 5 %.2 Neben diesen Besuchergruppen,
gibt es bei jeder Aufführung
immer auch Personen, denen
die Karte geschenkt wurde
(weil der Besitzer der Karte
verhindert war, krank oder andere Gründe hatte). Diese Kategorie von Besuchern kann
naturgemäß nicht in den Statistiken der Opernhäuser erfasst
werden, wohl aber im Rahmen
einer Besucherumfrage. Rund
16 – 17 % der von uns befragten Besucher entfielen auf diese Kategorie. Von wem die
Karten verschenkt wurden, haben wir in Teilerhebungen unserer Befragungsserie in Düsseldorf erfragt. Danach stammen diese Karten zu 54 % von
Personen, welche die Karte im
Vorverkauf erwarben, 22 %
von Personen mit einem Abonnement und 19 % von Personen mit Mitgliedschaft in einer
Theatergemeinde. Der Rest
von 5 % entfällt auf sonstige
Varianten des Kartenerwerbs.
Insgesamt spiegelt diese Zusammensetzung die zuvor erwähnten überwiegenden Arten des Kartenerwerbs wider.
Alter und
Geschlecht
Wie stellt sich nun die soziale
Zusammensetzung der Personen je nach Art des Kartenerwerbers dar?3 Wie man Tabelle 1 entnehmen kann, bilden
Männer die Mehrheit der Personen, welche die Karten im
freien Verkauf erwarben. Frauen sind hingegen mit Werten
zwischen 50 und 59 % unter
denen anzutreffen, denen die
Karte geschenkt wurde, die
über ein Abonnement verfügen oder einer Theatergemeinde angehören. Bedenkt
man, dass der Frauenanteil in
der Bevölkerung bei rund 54 %
liegt, erweist sich die mehrheitliche Repräsentativität der
Frauen in diesen Besucherkategorien nicht als sonderlich
bemerkenswert. Eine nennenswerte Abweichung von der
Verteilung in der Bevölkerung
ist es nicht.
Weitaus stärker als das Geschlecht variiert die Alterszusammensetzung.
Danach
zählen die Besitzer von Kaufkarten zu den Jüngsten, Abonnenten zu den Ältesten, dicht
gefolgt von den Mitgliedern in
Theatergemeinden. Mehr als
die Hälfte aller Abonnenten
und Mitglieder von Theatergemeinden sind 60 Jahre und
älter. Errechnet man das
Durchschnittsalter, gemessen
am arithmetischen Mittel, erhält man in Düsseldorf unter
den Befragten mit Kaufkarten
einen Wert von 53,0 Jahre, unter Befragten mit Abonnement
60,1 Jahre. In Köln beläuft sich
das Durchschnittsalter bei Personen mit Kaufkarte auf 49,0
Jahre, bei denen mit einem
Abonnement auf 58,0 Jahre.
Zugleich wird deutlich, dass
sich die Variation der Werte
um den Mittelwert je nach Art
des Kartenerwerbs unterscheidet. Gemessen an der
Standardabweichung variiert
die Alterszusammensetzung
jeweils bei den Erwerbern von
Kaufkarten stärker als von Karten per Abonnement oder
Besucherorganisationen. Am
stärksten variieren die Werte
bei geschenkten und sonstigen
Karten.
Errechnet man den Median,
der nicht wie das arithmetische Mittel für „Ausreißer“ in
der Verteilung anfällig ist und
eine genauere Einschätzung
ermöglicht (er teilt die Verteilung an dem Punkt, jenseits
dessen sich jeweils die Hälfte
der Verteilung befindet), erhöht sich überall das Durchschnittsalter: die beschriebenen Unterschiede jedoch bleiben bestehen. Angesichts eines Durchschnittsalters der Bevölkerung von 48 Jahren, gemessen am arithmetischen
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
DIE SOZIALE STELLUNG DER OPERNBESUCHER
Mittel, kommen lediglich die
Personen mit einer Kaufkarten
der Alterstruktur der Bevölkerung am nächsten. Aber auch
sie sind immer noch etwas älter als der Durchschnitt der
Gesamtbevölkerung.
In diesem Muster eines überhöhten Alters, das alle Opernbesucher kennzeichnet, dürfte
sich in maßgeblicher Weise der
Zusammenhang der Liebhaber
von Opernmusik und indirekt
ein Generationseffekt niederschlagen: Die Angehörigen der
jüngeren Generationen sind
weniger für klassische Musik
und Oper aufgeschlossen und
gehen deshalb auch seltener in
ein klassisches Konzert oder
ein Opernhaus. Sie haben einen anderen Musikgeschmack.
Und dieser dürfte in dem
Maße, wie sie älter werden,
weitgehend beibehalten werden.4
Wie sehr die Vorliebe für
Opernmusik eine Funktion der
Generationszugehörigkeit ist,
zeigt sich deutlich auch in einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage mit rund 1000
Befragten, die wir 2004 unter
Düsseldorfer Befragten mit
deutscher Staatsangehörigkeit
18 Jahre und älter durchführten5 : unter denen, die auf eine
entsprechende Frage angaben,
Opern würden ihnen „sehr
gut“ oder „gut“ gefallen, lag
das Durchschnittalter bei 57,8
(arithmetisches Mittel) bzw.
61 Jahren (Median). Würde
man sich auf die Befragten beschränken, welche Opern als
„sehr gut“ einstuften, lagen
die jeweiligen Werte gar bei
59,9 bzw. 63 Jahren.6
Wie aus diesen Befunden ersichtlich wird, weicht das hohe
Durchschnittsalter des Düsseldorfer Opernpublikums –
selbst unter denen mit einem
Abonnement – vom Alter der
Liebhaber klassischer (Opern-)
Musik kaum ab. Würde man
innerhalb der Opernbesucher
zusätzlich das Ausmaß der
Vorliebe für Opermusik berücksichtigen (in der Abstufung „sehr gut“, „gut“, etc.),
um den Vergleich noch stringenter durchzuführen, würde
sich daran nichts ändern.
Nicht viel anders verhält es
sich, wenn man die Bewertung
klassischer Musik als Maßstab
wählen würde. Zwar gibt es in
der Bevölkerung mehr Klassikliebhaber als Opernliebhaber,
doch ihr Altersmuster der Musikliebhaber erweist sich als
ähnlich. So haben diejenigen,
die klassische Musik als „sehr
gut“ oder „gut“ beurteilen,
ein Durchschnittsalter von
52,8 (arithmetisches Mittel)
bzw. 53 Jahren (Median). Unter den Befragten, die klassische Musik als „sehr gut“ bewerten, liegt das Durchschnittsalter bei 56,0 (arithmetisches Mittel) bzw. 57 Jahren
(Median) dann bereits deutlich
niedriger – übrigens auch im
Vergleich zum analogen Fall
einer Einstufung von Opernmusik als „gut“. Klassische
Musik setzt vermutlich niedrigere Hemmschwellen, bewirkt
in der Bevölkerung eher eine
gewisse Akzeptanz als Opern.
Doch wie immer auch die Konfiguration von Klassik- und
Opernpräferenz aussehen mag
– an dieser Stelle ist in erster
Linie bedeutsam, dass das
hohe Alter der Düsseldorfer
Opernbesucher im Wesentlichen als eine Folge der generationsmäßigen Ausdifferenzierung von Klassikpräferenzen zu begreifen ist. Was bedeutet: es spiegelt sich in der
Altersverteilung des Opernpublikums weniger eine Krise
der Oper als Institution als
eine Krise des klassischen
Musikgeschmacks wider. Sollte der Generationseffekt anhalten, droht der Kreis der
Liebhaber klassischer Musik –
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
und damit auch der Kreis der
Opernbesucher – zu „vergreisen“. Er ist längerfristig vom
„Aussterben“ bedroht.
Vom Aussterben bedroht
Bildung und beruflicher Status
Wie exklusiv ist nun das Operpublikum gemessen an der Bildung und dem Berufsstatus,
und welchen Anteil hat daran
die Art des Kartenerwerbs?
Opernbesuch – ebenso wie der
Besuch eines Schauspielhauses
– gilt traditionell als ein exklusives Anliegen der höheren
Schichten. Pierre Bourdieu hat
sogar gemeint, dass er als ein
Bestandteil eines Lebensstils
anzusehen ist, bei dem die Angehörigen höheren sozialen
Schichten versuchen, sich von
den unteren Schichten abzugrenzen und ihre eigene Stellung durch die Stilisierung kultureller Kompetenz zu überhöhen.7 Wie berechtigt oder unberechtigt diese „Distinktionsthese“ auch sein mag – sicher
ist: Mehr als die Hälfte der
Opernbesucher ist in hohem
Maße gebildet und verfügt
über Abitur. Und die meisten
von ihnen haben eine Hochschule besucht.
Opernbesucher sind
älter…
…und gebildeter.
Wie Tabelle 2 zeigt, sind die
höher Gebildeten am ehesten
unter den Personen vertreten,
welche die Karten im freien
Verkauf erwarben oder denen
die Karten geschenkt wurden.
Unter den Abonnenten und
Mitglieder von Theatergemeinden liegt das Bildungsniveau
niedriger. Gleichwohl gibt es
auch unter ihnen eine Überrepräsentation der Gebildeten
im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. So verfügen in Düsseldorf und Köln rund ein Drittel
der Bevölkerung mit deutscher
Staatsbürgerschaft im Alter
von 18 Jahren an über Abitur.
Unter den Opernbesuchern mit
17
DIE SOZIALE STELLUNG DER OPERNBESUCHER
Tab. 2: Bildung und Berufsstatus
nach Art des Kartenerwerbs
und Opernhaus (in %)
Theatergemeinden senken die Hemmschwelle
18
einem Abonnement sind es in
Düsseldorf immerhin noch 50
% und unter den Mitgliedern
von Theatergemeinden, 41 %.
In Köln liegen die entsprechenden Anteile unter den Abonnenten und Mitgliedern in
Theatergemeinden sogar bei
63 bzw. 54 %.
Zu einem Teil ist die im Vergleich zu den Kaufkarten-Erwerbern geschwächte soziale
Exklusivität der Abonnenten
und Mitglieder von Theatergemeinden eine Folge ihres
höheren Lebensalters. Sie gehören nicht den Generationen
an, die seit den 60er Jahren die
Bildungsexpansion durchliefen. Doch ist dies nicht der einzige Grund: Wie weitere Analysen zeigen, sind Abonnements und Theatergemeinden
tatsächlich in der Lage, in
überproportionaler
Weise
schlechter Gebildete, ungeachtet des Alters, für den Opernbesuch zu mobilisieren. Die
Hemmschwelle für Opernbesuch ist reduziert: womöglich durch die Verfügbarkeit
kostengünstiger Karten und
spezifischer Zusatzprogramme,
die u.a. Einführungen in die
Aufführungen und Erläuterun-
gen zu den Inszenierungen
bieten.8
Angesichts der Überrepräsentativität besser Gebildeter ist
es nicht verwunderlich, dass
gemessen an der Berufsverteilung in der Gesamtbevölkerung Angehörige von Berufen
mit hohem sozialen Status unter den Opernbesuchern erheblich überrepräsentiert sind.
So erreicht der Anteil von Personen mit früherem oder gegenwärtigem Arbeiterberuf im
Opernpublikum lediglich Werte um 2 % und weniger (mit
Ausnahme der „Sonstigen“ in
Düsseldorf), während der entsprechende Anteil in der Bevölkerung (hier gemessen über
unsere Bevölkerungsumfrage)
bei 18 % liegt. Demgegenüber
sind leitende Angestellte und
Beamte überrepräsentiert, sie
sind mit Werten über einem
Drittel unter den Opernbesuchern vertreten, in der Bevölkerung lediglich zu 16 %.
Untergliedert man nach Art
des Kartenerwerbs, zeigt sich,
dass die leitenden Angestellten und Beamten ebenso wie
die akademischen freien Berufe nahezu gleich stark auf die
unterschiedlichen Besuchergruppen verteilt sind. Lediglich
in Düsseldorf scheinen letztere
unter den Kartenerwerbern
leicht überproportionale vertreten zu sein. Diese Ähnlichkeit muss angesichts der Korrelation zwischen Bildung und
Berufsstatus zunächst erstaunen. So hätte man angesichts
des niedrigen Bildungsniveaus
der Abonnenten dort auch
mehr Angehörige mit niedrigem Berufsstatus erwartet.
Aber zum einen ist der Zusammenhang zwischen Bildung
und Berufsstatus nicht perfekt.
Zum anderen ist auch die variierende
Alterszusammensetzung ein möglicher Grund:
Bildung ist generationsbedingt
auch eine Frage des Alters.
Und dies wirkt sich auch unabhängig vom beruflichen Status
aus.
Kulturelle Orientierung und Besuchshäufigkeit
Fragt man nach musikalischen
Vorlieben und der Bewertung
von klassischer Musik und
Opernmusik, antworten erwartungsgemäß mehr als 90 %
des Opernpublikums mit „sehr
gut“ oder „gut“. Beschränkt
man sich auf die uneingeschränkt positive Bewertung
(„sehr gut“), erweisen sich die
Abonnenten in ihrem Urteil
über klassische Musik ähnlich
positiv eingestellt wie die
Kaufkartenerwerber (in Düsseldorf 75 bzw. 76 %, in Köln
70 bzw. 72%). Gleiches trifft
für die Opernmusik zu. Auch in
der Zahl der Schallplatten und
CD´s mit klassischer Musik, die
sie besitzen, überwiegen Gemeinsamkeiten zwischen ihnen.
Wie aber sieht es im Alltag mit
der Praxis der Musikrezeption
aus? Wir haben in unserer Erhebung den Befragten die Frage gestellt „Wie oft hören Sie
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
DIE SOZIALE STELLUNG DER OPERNBESUCHER
konzentriert – d.h. ohne
gleichzeitig andere Dinge zu
tun – klassische Musik (über
das Radio, Schallplatten oder
CD`s)“. Und wir haben sie gefragt, wie häufig sie „nebenher klassische Musik (z.B.
während der Autofahrt bei der
Arbeit usw.)“ hören. Wie man
Tabelle 3 entnehmen kann, geben in Düsseldorf wie in Köln
zwischen 12 und 15 % der Befragten an, täglich konzentriert klassische Musik zu hören. 26 bzw. 28 % tun dies
mehrmals in der Woche. Fasst
man die beiden Häufigkeitsangaben zusammen, kommt man
auf etwas mehr als ein Drittel,
die mehrmals die Woche konzentriert klassische Musik lauschen. Der Anteil derer, die
dies nebenher tun, beläuft sich
auf etwas mehr als zwei Drittel. Klassische Musik ist für
Opernbesucher offenbar in hohem Maße Bestandteil ihres
Alltags.
Unterscheidet man nach der
Art des Kartenerwerbs, wird
deutlich, dass sich Abonnenten und Erwerber von Kaufkarten kaum in der Häufigkeit
des Hörens klassischer Musik
unterscheiden. In Düsseldorf
z.B. sind es 48 % der Kaufkartenerwerber, die täglich
oder mehrmals in der Woche
konzentriert der Klassik lauschen, unter Abonnenten sind
es 44%. Nebenher hören es
71 % der Kaufkartenerwerber
und 73 % der Abonnenten.
Wenn es eine Gruppe gibt, die
in nennenswertem Maße seltener Klassik rezipiert, dann
jene, denen man die Karte
schenkte und die einer
Theatergemeinde angehören.9
kann, zählen Abonnenten, gefolgt von den Mitgliedern von
Theatergemeinden zu den eifrigsten Besuchern.10 In Düsseldorf gehen 53 % der Abonnenten mindestens einmal im Monat in das Düsseldorfer Opernhaus. In Köln liegen die entsprechenden Werte zwar niedriger (womöglich auch aufgrund der ausgewählten
Opernaufführungen, einer anderen Organisation des Abonnements oder aus anderen
Gründen). Doch auch hier zählen die Abonnenten zu den
häufigsten Besuchern.
Fragt man nicht nach dem allgemein üblichen Opernbesuch,
sondern nach der Häufigkeit,
mit der in den letzten 12 Monate Aufführungen im Opernhaus in Düsseldorf bzw. Köln
besucht wurden, erhält man
bei den Befragten mit freien
Kartenerwerb in Düsseldorf einen Durchschnitt (arithmetisches Mittel) von 4.7, bei denen mit Abonnement von 8.2
und bei den Mitgliedern einer
Theatergemeinde von 7.2. Der
niedrige Wert unter den Besuchern mit Kartenerwerb bedeutet nicht notwendigerweise auch eine hohe Opern-
abstinenz. In gewissem Umfang wird diese „Abstinenz“
kompensiert durch Opernbesuche an anderen Orten. So
geben die Düsseldorfer Befragten an, im Durchschnitt 3.1
mal in einer Oper außerhalb
Düsseldorfs gewesen zu sein,
unter den Abonnenten liegt
die entsprechende Zahl bei
2.1. und unter den Mitgliedern
von Theatergemeinden bei 1.0.
Die Unterschiede in der Häufigkeit des Opernbesuchs verringern sich also durch die Einbeziehung auswärtiger Opernbesuche. Ungeachtet dessen
aber bleiben diejenigen, die
ein Abonnement haben oder
einer festen Organisation angehören, die häufigsten Besucher von Opernaufführungen.
Vertiefende Analysen erbringen, dass die bestehenden Unterschiede in der Häufigkeit
des Opernbesuchs je nach Art
des Kartenerwerbs nicht durch
die subjektive Bedeutung von
Musik allein erklärt werden
kann. Berücksichtigt man bei
der Analyse neben den sozialen Merkmalen auch die Häufigkeit, mit der konzentriert
oder nebenher klassische Mu-
Käufer von Einzelkarten
besuchen andere Städte
Tab. 3: Geschlecht und Alter
nach Art des Kartenerwerbs
und Opernhaus (in %)
Welchen Stellenwert aber haben die unterschiedlichen Kategorien von Zuschauern für
die Institution der Oper? Wie
man der Tabelle entnehmen
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
19
DIE SOZIALE STELLUNG DER OPERNBESUCHER
Überaltertes
Stammpublikum
Krise des
Klassikpublikums
20
sik gehört wird, bleibt der Tatbestand erhalten, dass Abonnenten häufiger das Opernhaus in Düsseldorf bzw. Köln
besuchen als die Erwerber von
Kaufkarten, Mitglieder einer
Theatergemeinde stehen tendenziell zwischen den Abonnenten und den Erwerbern von
Kaufkarten. Weiterhin zeigt
sich: selbst wenn man die Häufigkeit des Opernbesuchs innerhalb der letzten 12 Monate
in anderen Städten berücksichtigt, zählen die Abonnenten
nach wie vor zu den häufigsten Operngängern, gefolgt
von den Mitgliedern in Theatergemeinden und dann den
Erwerben von Kaufkarten.
Die Tatsache, dass qua Abonnement sowohl eine feste Zahl
als auch ein fester Rhythmus
des Opernbesuchs vorgegeben
ist, bedingt offenbar, dass
Abonnenten die häufigsten
Besucher von Opernaufführungen repräsentieren. Sobald jemand erst einmal Mitglied geworden ist, entfaltet die Zugehörigkeit offenbar zwangsläufig eine eigenständige Dynamik. Diese führt den Einzelnen
auch dann in das Opernhaus,
wenn es für ihn zeitlich ungünstig ist und er anderes lieber
täte. Besäße er kein Abonnement und wäre darauf angewiesen eine Karte im freien
Verlauf zu erwerben, würde er
in einer für ihn ungünstigen Situation häufiger auf einen Besuch verzichten.
Die durch feste Vorgaben bestimmte Regelmäßigkeit des
Opernbesuchs letztlich auch
die Mitglieder von Theatergemeinden. Die Tatsache, dass
sie sich seltener in der Praxis
der Musikrezeption für klassische Musik aufgeschlossen
zeigen als Abonnenten, dürfte
bei ihnen die spezifische Wahl
des „Abonnements“ mit erklären (Theatergemeinden bieten
gewöhnlich Opernaufführung
nur als Bestandteil eines umfassenden Angebots von Theatervorstellungen an). Diese
Tatsache dürfte auch ihre reduzierte Häufigkeit des Opernbesuchs im Vergleich zu normalen Abonnenten erklären.
Gegenüber den Erwerbern von
Kaufkarten stellen sie allerdings, auch wenn man das
musikalische Interesse berücksichtigt, gleichwohl die etwas
häufigeren Operngänger dar.
Dies gilt auch dann, wenn man
nicht die allgemeine Häufigkeit des Opernbesuchs in Düsseldorf bzw. Köln als Maßstab
wählt, sondern auch die Zahl
der lokalen und überlokalen
Opernbesuche in den letzten
12 Monaten. Die Erwerber von
Kaufkarten, mögen sie auch
musikalisch interessiert sein,
sind als regelmäßige Operngänger weniger verlässlich.
Die soziale Zusammensetzung
der unterschiedlichen Erwerbergruppen hat nicht zuletzt auch Implikationen für
den Zusammenhang zwischen
den sozialen Merkmalen und
der Häufigkeit des Opernbesuchs. Weil die Befragten
mit Abonnement und in
Theatergemeinden am häufigsten in das Operhaus am
Wohnort gehen und zugleich
überproportional alt und niedrig gebildet sind, wird die aus
Bevölkerungsumfragen her bekannte Beziehung zwischen
Alter und Nutzung des Opernbesuch in den Besucherumfragen reproduziert (je höher
das Alter, desto eher kommt es
zum Opernbesuch), nicht aber
ist dies bei der Beziehung zwischen Bildung und Besuchshäufigkeit der Fall: Innerhalb
der Gruppe der Opernbesucher
verfügen die häufigen Besucher, die mehrmals im Jahr
Aufführungen in der Oper besuchen, nicht über eine über-
proportional hohe, sondern
über eine überproportional
niedrige Bildung.11 Der ausgeprägte Zusammenhang zwischen Häufigkeit des Opernbesuchs und Alter sowie Alter
und Bildung bewirkt, dass die
engagiertesten Opernbesucher
das niedrigste Bildungsniveau
unter den Opernbesuchern innehaben.
Fazit
Das Opernpublikum ist sozial
höchst selektiv. Ältere Menschen und Personen mit höherer Bildung sind im Opernpublikum erheblich überrepräsentiert. Am größten ist die
Überrepräsentation Älterer unter Abonnenten und Mitgliedern von Theatergemeinden –
mithin jenen, die das „Stammpublikum eines Opernhauses“
bilden. Genau diese Besuchergruppe aber ist es zugleich, bei
der die Überrepräsentation höher Gebildeter am geringsten
ist. Die altersmäßige soziale
Homogenität geht mit einer
Heterogenität in der Bildung
einher.
Wie der Vergleich mit einer
Bevölkerungsumfrage für Düsseldorf dokumentiert, spiegelt
das hohe Alter der Opernbesucher in erster Linie nicht
eine Krise der Institution Oper,
sondern eine Krise des Klassikpublikums wider. Verantwortlich dafür ist die generationsbedingten Ausdifferenzierung
des Musikgeschmacks: je jünger die Menschen sind, desto
weniger stehen sie der klassischen Musik aufgeschlossen
gegenüber. Gewiss wird ein
Teil von ihnen zu einem späteren Zeitpunkt in höherem Alter
zur Klassik finden. Andererseits aber gibt es auch genügend Hinweise dafür, dass
Generationseffekte in gewissem Umfang auch mit steigendem Alter erhalten bleiben.12
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
DIE SOZIALE STELLUNG DER OPERNBESUCHER
Nur wenn es gelingt, in der
nachwachsenden Generation
eine Vorliebe auch für klassische Musik zu wecken, wird
das klassische Musikleben – in
Form klassischer Konzerte und
Opern – längerfristig überleben.
Der Vergleich der Kölner und
Düsseldorfer Opernbesucher
erbrachte ähnliche Beziehungen zwischen Art des Kartenerwerbs und sozialen und musikalisch-kulturellen Merkmalen. Allenfalls vom absoluten
Niveau her unterschieden sie
sich im Alter und ihrer Bildung.
Die Kölner erwiesen sich als
jünger und als besser gebildet.
Wie sehr sich darin eine längerfristige Folge des lokalen
kulturellen Angebots widerspiegelt oder ein je nach Stadt
unterschiedliches Meinungsklima gegenüber klassischer
Musik und Opern, ist eine bislang ungeklärte Frage. In Ermangelung
entsprechender
Daten für Köln können wir darüber nichts aussagen. Aber
dass es lokale Unterschiede in
der Aufgeschlossenheit für
klassische Musik geben kann,
daran kann aufgrund anderer
Untersuchungen kein Zweifel
bestehen.13
3
4
Anmerkungen
1
2
Die Untersuchung ist Teil eines
größeren Projekts zur Teilhabe an
der Hochkultur und umfasst neben dem Opernbesuch auch andere Formen der Teilhabe an kulturellen Einrichtungen. Sie ist finanziert von der Fritz Thyssen
Stiftung (AZ 20.030.080).
Nach der Theaterstatistik 2003/
2004, entfielen in Düsseldorf 25
% der Karrten auf Tageskarten,
19 % auf Platzmieten, 29 % auf
Besucherorganisationen, der Rest
auf Vorzugskarten, Ehrenkarten,
sowie Schüler, Studenten und
Jugendkarten. In Köln entfielen
39 % auf Kaufkarten, 19% auf
Platzmieten, 23% auf Besucherorganisationen
(vgl.Deutscher
Bühnenverein, Hg., Theaterstatistik 2003/2004. Köln 2005, S.
S. 52ff, eigene Berechnungen.).
5
6
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Ein stringenter Vergleich mit unserer Erhebung ist an dieser Stelle
allerdings nicht möglich: (1) weil
in in unserer Befragung ebenfalls
geschenkte Karten einbezogen
sind, die keiner Art des Kartenerwerbs eindeutig zugerechnet
werden können (2) in die Statistiken des Bühnenvereins auch andere Veranstaltungen, wie „Kinder- und Jugendstücke“, eingehen.
Nicht immer dürfte in unserer
Umfrage die Unterteilung in
Abonnement und Mitgliedschaft
in einer Theatergemeinde völlig
trennscharf sein. So dürfte für einige Befragte die Mitgliedschaft
in einer Theatergemeinde als eine
Art Synonym für Abonnement
verstanden worden sein, bedeutet
doch die Mitgliedschaft in einer
Theatergemeinde, über eine Art
von Abonnement zu verfügen.
Insgesamt dürfte sich die Gleichsetzung in Grenzen halten und
die Befunde nicht beeinträchtigen. Des Weiteren ist zu beachten, dass sich Abonnenten z.T.
auch in Aufführungen einfinden,
die an kein festes Abonnement
vergeben wurden. In diesen Fällen besitzen sie entweder ein
Wahlabonnement oder haben
ihre im Abonnement erworbene
Karte gegen eine andere getauscht. Sie stellen somit einen
Kreis derer, die sich bewusst –
ähnlich wie die Kaufkartenerwerber – für die spezifische Aufführung entschieden.
Vgl. K.-H. Reuband : Musikalische
Geschmacksbildung
und
Generationszugehörigkeit. Klassik-Präferenzen im internationalen Vergleich, in: A. Klein, Hrsg.,
Deutsches Jahrbuch für Kulturmanagement 2002. Band 6. Baden-Baden 2003, S. 5-17; vgl.
auch Sterben die Opernbesucher
aus? Eine Untersuchung zur sozialen Zusammensetzung des
Opernpublikums im Zeitvergleich,
in: A. Klein und T. Knubben,
Hrsg., Deutsches Jahrbuch für
Kulturmanagement 2003/2004.
Band 7. Baden-Baden 2005, S.
123-138
Ausgewählte Ergebnisse zur Nutzung
von
Hochkultureinrichtungen, einschl. Opernhaus,
finden sich dargestellt in K.-H.
Reuband: Teilhabe der Bürger an
der „Hochkultur“. Über die Nutzung kultureller Infrastruktur und
ihre soziokulturellen Determinanten, in: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Düsseldorf 2006
Unter denen, welche klassische
Musik schätzen, liegt der Altersdurchschnitt niedriger. Unter denen, die klassische Musik „sehr
gut“ oder „gut“ einstufen, liegt
der Durchschnitt bei 52,8 (arith-
7
8
9
10
11
12
13
metisches Mittel) bzw. 53 Jahren
(Median). Unter denen, die sie besonders positiv – mit „sehr gut“ –
bezeichnen, liegen die Werte bei
56,0 (arithmetisches Mittel) bzw.
57 Jahren.
P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M.
1982
Der Kostenvorteil könnte vor allem bei den Mitgliedern von
Theatergemeinden eine gewisse
Bedeutung haben, unter den
Abonnenten jedoch wohl nicht.
Denn vom Netto-Haushaltseinkommen her gesehen, scheinen
diese keineswegs in einer ungünstigeren Lage. Im Gegenteil, sie
verfügen sogar über etwas höhere ökonomische Ressourcen. So
verfügten in Düsseldorf, wo wir
die Frage zum Einkommen stellten, 30 % der Abonnementen
über ein Netto-Haushaltseinkommen von 5000 Euro und mehr,
unter den Kaufkartenerwerbern
waren es 26 %, unter den Mitgliedern von Theatergemeinden
lediglich 14 %.
Dieses Ergebnis bleibt auch dann
bestehen, wenn man der Tatsache Rechnung trägt, dass diese
Gruppen alters und bildungsmäßig etwas anders zusammengesetzt als die übrigen Besucher.
Dies geschah durch Multiple
Klassifikationsanalysen (MCA).
Auch die folgenden Analysen, bei
denen der Effekt der anderen Variablen berücksichtigt wird und
über deren Ergebnisse hier berichtet wird, basieren auf dem gleichen Verfahren.
In Köln ist im Vergleich zu Düsseldorf die Stellung der Mitglieder
von Theatergemeinden weniger
deutlich ausgeprägt, aber dennoch ebenfalls vorhanden. Dies
wird deutlich, wenn man auch die
übrigen Häufigkeitsangaben berücksichtigt.
So haben z.B. in Düsseldorf Personen, die mindestens einmal im
Monat in die Oper aufsuchen, zu
49 % eine Gymnasialbildung. Unter denen, die dies mehrmals im
Jahr aber nicht monatlich tun,
sind es 55 %. Und unter denen,
die einmal im Jahr oder seltener
in die Oper gehen, sind es 68 %.
Vgl. P. Hartmann: Lebensstilforschung. Darstellung, Kritik und
Weiterentwicklung.
Opladen
1999
So ergaben Umfragen, die wir
2001 in Hamburg und 2002 in
Dresden durchgeführt haben, in
der Bevölkerung ein breiteres Interesse für klassische Musik als in
Düsseldorf. In allen Altersgruppen
lag der Anteil von Personen mit
positiver Bewertung von Opern
und klassischer Musik höher als in
Düsseldorf
Köln und Düsseldorf:
Ähnlichkeiten beim
Kartenerwerb
Kölner sind jünger und
besser gebildet
Über Statistik:
Eine gute Statistik ist wie
ein guter Bikini: Knapp.
21
Gesamtwirtschaftliche Indikatoren 1996 bis 2003 – Städteranking
Veränderungen in deutschen
Großstädten
Werner Münzenmaier, Stuttgart
Zu einem umfassenden Städteranking gehört neben dem Niveau geeigneter Indikatoren
auch deren Dynamik. Dieser
Beitrag ist insofern die Fortsetzung des Artikels in Ausgabe
2/2006 von „Stadtforschung
und Statistik“.
Wirtschaftlich besonders starke
Städte
Die genannte Untersuchung
hatte unter Anderem zum Er-
Abb. 1: Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts je Erwerbstätigen in
den 15 größten Städten Deutschlands 1996 bis 2003
22
gebnis, dass die Städte München, Frankfurt am Main,
Stuttgart und Düsseldorf bei
mindestens einem der vier
volkswirtschaftlichen
ProKopf-Indikatoren einen 1. oder
2. Platz belegt haben. Entsprechend soll zunächst untersucht
werden, welche Entwicklung
die Indikatoren in diesen vier
Städten genommen haben:
Beim Bruttoinlandsprodukt je
Erwerbstätigen und beim
Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer hat Stuttgart im
Untersuchungszeitraum
die
höchsten absoluten Zunahmen
erreicht: Beim Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen betrug die Zunahme 12.510 Euro
je Erwerbstätigen und war damit um mehr als 2.000 Euro je
Erwerbstätigen höher als bei
den nächstfolgenden Städten,
nämlich Dresden und Hamburg
(vgl. Abbildung 1); ähnlich
groß war der Abstand beim
Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer, wo Stuttgart mit
5.650 Euro je Arbeitnehmer
Abb. 2: Entwicklung des Arbeitnehmerentgelts je Arbeitnehmer in
den 15 größten Städten Deutschlands 1996 bis 2003
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
VERÄNDERUNGEN IN DEUTSCHEN GROSSSTÄDTEN
die nächstfolgende Stadt,
nämlich München, beim Zuwachs um fast 1.000 Euro je
Arbeitnehmer hinter sich gelassen hat (vgl. Abbildung 2).
Bemerkenswert waren auch
die prozentualen Veränderungen Stuttgarts, die bei
+ 20,6 % (Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen) bzw.
+ 15,4 % (Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer) lagen
und lediglich von der sächsischen Landeshauptstadt Dresden wegen der dort 1996
deutlich niedrigeren Ausgangsbasis übertroffen wurden.
Beim Primäreinkommen und
beim Verfügbaren Einkommen
je Einwohner erreichten München und Frankfurt die
höchsten absoluten und relativen Zuwächse im Zeitraum
1996 bis 2003. Stuttgart blieb
beim Primäreinkommen je Einwohner mit + 4.070 Euro je
Einwohner relativ deutlich hinter München (+ 5.340 Euro je
Einwohner) bzw. Frankfurt
(+ 4.680 Euro je Einwohner)
zurück (vgl. Abbildung 3),
beim Verfügbaren Einkommen
war der Zuwachs Stuttgarts
mit 3.420 Euro je Einwohner
nur unwesentlich niedriger als
derjenige
Münchens
mit
3.430 Euro je Einwohner, aber
höher als derjenige Frankfurts
mit 3.020 Euro je Einwohner
(vgl. Abbildung 4). In der relativen Veränderung lag Frankfurt bei beiden Einkommensgrößen an der Spitze, Stuttgart
und München je einmal auf
dem 2. oder 3. Platz.
Abb. 3: Entwicklung des Primäreinkommens je Einwohner in den 15
größten Städten Deutschlands 1996 bis 2003
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Insgesamt betrachtet konnte
München seine bereits 1996
unter den Großstädten erreichte Spitzenstellung bei beiden
Einkommensarten weiter ausbauen. Stuttgart konnte sich
weiter vorschieben und nicht
zuletzt gegenüber Düsseldorf
aufholen. Gleichermaßen hat
Frankfurt seine Mitte der 90er
Jahre des vorigen Jahrhundert
relativ schwache Basis bei den
Pro-Kopf-Einkommen durch
hohe absolute und relative Zuwächse verbessert. Die nordrhein-westfälische
Landeshauptstadt Düsseldorf bewegte sich bei den absoluten
Veränderungen überwiegend
im oberen Mittelfeld, hat aber
– basisbedingt – bei den relativen Veränderungsraten eher
unterdurchschnittliche Werte
eingenommen.
Abb. 4: Entwicklung des Verfügbaren Einkommens je Einwohner in
den 15 größten Städten Deutschlands 1996 bis 2003
23
VERÄNDERUNGEN IN DEUTSCHEN GROSSSTÄDTEN
Entwicklungen in
einzelnen Städten
Stuttgart boomt
Bremen wächst langsam
Köln bleibt in der Mitte
Hamburg vor Düsseldorf
München und
Frankfurt im Plus
Dortmund vor Essen
24
Auffallenderweise hat allein
Stuttgart bei allen vier Indikatoren im Zeitraum 1996 bis
2003 besonders hohe Zuwächse aufgewiesen, die badenwürttembergische
Landeshauptstadt kam bei den Steigerungsraten aller hier untersuchten gesamtwirtschaftlichen Größen absolut und relativ ausschließlich auf die Plätze 1 bis 3. Hierfür hat eine
wichtige Rolle gespielt, dass
im genannten mittelfristigen
Zeitraum beim Verarbeitenden
Gewerbe die Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen und
noch mehr das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer überdurchschnittlich stark angestiegen sind, wovon Stuttgart
strukturbedingt
wesentlich
profitiert hat. Als Folge der
günstigen Entwicklung beim
Arbeitnehmerentgelt haben
dann auch die Einkommen am
Wohnort Stuttgart zwischen
1996 und 2003 überdurchschnittlich stark zugenommen.
Zwar hat München beim
Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer und noch mehr bei
den beiden Einkommensgrößen je Einwohner besonders hohe, teilweise sogar die
höchsten Zuwachsraten aller
Großstädte erreicht, bei der
Arbeitsproduktivität blieb die
bayerische Landeshauptstadt
jedoch mit 8. Rang in der absoluten und relativen Entwicklung gerade auf einem mittleren Platz der Veränderungsskala.
Insoweit ähnlich war die Situation für Frankfurt am Main,
das bei beiden wohnortbezogenen Pro-Kopf-Einkommensgrößen die höchsten relativen
Zuwachsraten aufwies und bei
den absoluten Zuwächsen gemeinsam mit München bzw.
mit Stuttgart an der Spitze lag.
Auch beim Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer hat
Frankfurt noch überdurchschnittlich gut abgeschnitten,
ist dagegen bei der Entwicklung der Arbeitsproduktivität
hinter den meisten anderen
Großstädten zurückgeblieben.
Teilweise umgekehrt stellt sich
die Situation für Bremen dar,
wo die dort beschäftigten Arbeitnehmer mit einer deutlich
unterdurchschnittlichen
Zunahme des Pro-Kopf-Arbeitnehmerentgelts leben mussten, sich dagegen die Arbeitsproduktivität durch hohe Zuwachsraten
ausgezeichnet
hat und auch bei der Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommensgrößen – absolut und relativ – jeweils der 4. Platz eingenommen wurde.
Insoweit zum Teil ähnlich war
die Situation in Hamburg, wo
die Arbeitsproduktivität stark
zunahm, das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer jedoch
ungefähr mittlere Zuwachsraten aufwies und gleiches für
die beiden Pro-Kopf-Einkommensgrößen gilt.
Düsseldorf blieb bei allen
hier untersuchten Indikatoren
leicht hinter der absoluten Entwicklung Hamburgs zurück
bzw. hat wegen des schon erreichten höheren Niveaus im
Ausgangsjahr 1996 bei den relativen
Veränderungsraten
durchweg schlechter abgeschnitten.
Vergleichbare Entwicklungen
lassen sich für Dortmund
feststellen, wo überdurchschnittlichen Produktivitätssteigerungen die niedrigsten
Zuwachsraten aller Großstädte
beim Pro-Kopf-Arbeitnehmerentgelt gegenüberstanden; bei
den Einkommensindikatoren
bewegte sich die Entwicklung
Dortmunds ebenfalls unter
dem Großstädtedurchschnitt.
Essen blieb bei den beiden
Einkommensgrößen und noch
mehr beim Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen hinter der Entwicklung von Dortmund zurück, lediglich beim
Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer hat es etwas besser
abgeschnitten.
Im Vergleich zu diesen beiden
Ruhrgebietsstädten zeichnet
sich Duisburg durch zumeist
höhere absolute Zuwächse
und vor allem – auch basisbedingt – höhere relative Steigerungsraten aus.
Köln erreichte bei den beiden
wohnortbezogenen Einkommensgrößen etwa mittlere
Wachstumsraten, blieb dagegen beim Arbeitnehmerentgelt
hinter dem Durchschnitt der
Großstädte zurück und verzeichnete beim Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen unter allen Großstädten die mit
Abstand schlechteste Entwicklung.
Insofern vergleichbar war die
Situation in Hannover, das
beim Bruttoinlandsprodukt je
Erwerbstätigen die zweitschlechteste Entwicklung aller
Großstädte aufwies und bei
den Einkommensgrößen sowie
beim Arbeitnehmerentgelt je
Arbeitnehmer durchweg etwas
besser abschnitt als Köln.
Demgegenüber konnte Nürnberg beim Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer und
beim Bruttoinlandsprodukt je
Erwerbstätigen, also bei beiden produktionsortbezogenen
Größen, absolut und relativ
überdurchschnittliche Zuwächse verzeichnen, blieb dagegen
bei den Einkommensgrößen
hinter der durchschnittlichen
Entwicklung der Großstädte
zurück.
Die schlechteste Entwicklung
aller Großstädte hat bei den
beiden Einkommensgrößen die
Bundeshauptstadt Berlin genommen, und auch beim
Bruttoinlandsprodukt je Erwerbtätigen wurde beim Zu-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
MARX BROTHERS
wachs gerade der drittletzte
Platz erreicht; deutlich besser
war dagegen der Zuwachs
beim Arbeitnehmerentgelt je
Arbeitnehmer mit einem ungefähr mittleren Rang unter den
Großstädten.
Dresden konnte beim Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen und beim Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer hohe
Zuwächse verzeichnen, bei
den prozentualen Steigerungsraten wurde sogar die beste
Entwicklung aller Großstädte
gemessen; dagegen blieb die
sächsische Landeshauptstadt
beim Wachstum des Primäreinkommens je Einwohner –
vor Berlin und Leipzig und gemeinsam mit Essen – absolut
und relativ am Ende unter den
Großstädten, und auch beim
Verfügbaren Einkommen waren die absoluten Zunahmen nach Berlin, den Ruhrgebietsstädten und Leipzig - die niedrigsten aller deutschen Großstädte.
Leipzig blieb bei fast allen Indikatoren hinter der Entwicklung Dresdens zurück bzw. hat
lediglich beim Verfügbaren Einkommen etwas besser abgeschnitten. Hohe Zuwächse wurden im Zuge des Aufholprozesses Ostdeutschlands in
beiden Städten beim Pro-KopfArbeitnehmerentgelt erzielt, bei
der Arbeitsproduktivität konnte
dagegen Leipzig – wohl auch
strukturbedingt – die Spitzenentwicklung Dresdens bei weitem nicht erreichen.
Dresden wächst stärker
als Leipzig
Aufholprozess in
Ostdeutschland
Chico, Groucho, Harpo und Zeppo
Marx Brothers
Martin Schlegel, Hagen
Ich weiß nicht, wie lange es
noch hin ist, wenn Sie diese
Zeilen lesen. Ich weiß aber,
dass es vom Beginn der Geraer
Frühjahrstagung an noch 142
Tage sind. Dann, am 19. August, ist der 30. Todestag von
Groucho Marx. Uns ist er vorwiegend aus den Filmen bekannt, die er mit seinen Brüdern Chico, Harpo und Zeppo
gedreht hat. „A Night at the
Opera“, „At the Circus“ oder
auch „A Night in Casblanca“ –
unvergessbare Werke.
1932/33 bestritten Groucho
und Chico – unterstützt durch
heute unbekannte Sprecher –
eine Radio Show: „Flywheel,
Shyster & Flywheel“. Einmal
pro Woche schlüpfte Groucho
in die Rolle des unverschämten
und chaotischen Rechtsanwalts Flywheel und Chico verkörperte seinen unfähigen Assistenten Ravelli. Dafür erhielten beide zusammen 6500
Dollar pro Woche, ein Spitzenhonorar für damalige Zeiten.
Eine kleine Kostprobe aus Folge 12, die am 13. Februar
1933 über den Äther ging:
Richter: Emmanuel Ravelli,
schwören Sie, die Wahrheit
zu sagen, nichts als die
Wahrheit!
Chico: Wollen Sie, dass ich
meinen Job verliere?
Richter: Ravelli, wann wurden
Sie geboren?
Chico: Ich wurde nicht geboren.
Ich hatte eine Stiefmutter.
Richter: Ravelli, teilen Sie dem
Gericht Ihren Geburtstag
mit.
Chico: Warum wollen Sie das
wissen, Richter? Sie kaufen
mir ja doch kein Geschenk.
Groucho: Er hat Recht, Euer
Ehren. Seit Ihrem Platz auf
dem Richterstuhl haben Sie
nichts mehr gekauft.
Richter: Das Gericht erachtet
diese Bemerkung als absolut überflüssig und ekelhaft.
Chico: Hey, Richter. Dazu hat
man mich letztes Mal verurteilt.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Richter: Wozu hat man Sie verurteilt?
Chico: Zu Ekelhaft. Ich musste
mit jemandem in der Zelle
sitzen, der Schweißfüße
hatte.
Richter: Ravelli, nun geben Sie
endlich Ihr Alter an.
Chico: Ich bin 28.
Richter: 28? Aber das haben
Sie doch schon vor zwei
Jahren zu Protokoll gegeben.
Groucho: Na, wenn Ravelli etwas vor Gericht aussagt,
dann bleibt er auch dabei.
So geht es weiter, Zeile für Zeile, Folge für Folge. Dichtgedrängte Gags. Doch drängt
sich schnell die Frage auf, was
das alles mit Statistik zu tun
habe. Vordergründig nichts –
vielleicht mit folgender Ausnahme: Uns wird noch einmal
klar, dass vor allem kurze und
kurzweilige Texte gelesen werden. Bei statistischern Berichten sollten wir uns das immer
wieder vor Augen halten.
Über Statistik:
„Ich bin auf die Welt gekommen, um zu rechnen,
nicht um zu reden“, sagt
manch ein Statistiker.
Doch wer nur rechnet, also
Zahlen produziert, aber
nicht redet, also Zahlen
präsentiert, der ist ein
ziemlich uneffizienter
Statistiker. Niemand nimmt
wahr, was er tut.
25
Enorme Unterschiede zwischen Groß- und Kleinstädten
Bundestagswahl 2005 für Städte
und Gemeinden
Josef Fischer, Jens Vöckler, Leipzig
Der Erstabdruck dieses
Beitrags erfolgte im
Statistischen Quartalsbericht 3/2006 der Stadt
Leipzig
Abbildung 1
26
Die Dokumentation und Analyse politischer Wahlen gehört
zu den Kernaufgaben städtestatistischer
Dienststellen.
Dem großen fachlichen und öffentlichen Interesse an Wahldaten trägt auch das Amt für
Statistik und Wahlen der Stadt
Leipzig seit vielen Jahren durch
eine entsprechend umfangreiche Berichterstattung Rechnung. Unter dessen Federführung entstand nach aufwändigen Vorarbeiten des Statistischen Bundesamtes erstmals nach der Bundestagswahl 2002 eine Veröffentlichung der Bundestagswahlergebnisse nach Gemeinden,
also nicht nur nach Wahlkreisen oder Bundesländern. Der
vorliegende Bericht mit Ergebnissen der Bundestagswahl
2005 ergänzt die Berichterstattung des Statistischen Bundesamtes und anderer. Er basiert
wiederum auf Vorarbeiten des
Statistischen
Bundesamtes,
das die Wahlergebnisse für
1 576 Gemeinden mit über
10 000 Einwohnern bereitstellte. Dafür sei dem Bundeswahlleiter vielmals gedankt.
Die
Bundestagswahl
am
18.09.2005 fand ein Jahr vor
Ablauf der vierjährigen Legislaturperiode statt. Vor der
Wahl änderte die PDS ihren
Namen in Die Linke. und stellte auch Bewerber der WASG
(Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit) auf. Sie zog mit
Fraktionsstärke in den Bundestag ein. Lag 2002 die SPD noch
knapp vor der Union, so war
das 2005 umgekehrt, wobei
aber der Abstand geringer als
erwartet war. Die rot-grüne
Regierung
unter
Kanzler
Schröder wurde abgelöst, jedoch nicht durch SchwarzGelb, sondern durch eine große Koalition von Union und
SPD unter Führung der ersten
deutschen Kanzlerin Merkel.
Die drei Oppositionsparteien
FDP, Die Linke. und GRÜNE
verfügen über 166 Sitze, also
nur über ein reichliches Viertel
der bedingt durch 16 Über-
hangmandate insgesamt 614
Sitze. Eines dieser Überhangmandate erzielte die CDU im
Dresdener Wahlkreis 160, wo
es wegen des Todes einer
Direktkandidatin zwei Wochen
nach dem eigentlichen Wahltermin zu einer viel diskutierten Nachwahl kam.
Die 299 Wahlkreismandate
entfielen auf: SPD 145, CDU
106, CSU 44, Die Linke. 3,
GRÜNE 1. Die 3 Direktmandate der Linkspartei wurden in
Berlin-Ost, das der GRÜNEN
ebenfalls in Berlin errungen.
Die FDP errang als einzige der
Bundestagsparteien kein Direktmandat.
Die Tabelle gibt für ausgewählte Großstädte, darunter
alle mit über 200 000 Einwohnern, die Wahlergebnisse der
Bundestagswahl 2005 auf Basis der Zweitstimmen wieder.
Die Reihenfolge der Städte basiert auf den Wahlberechtigtenzahlen, die sich durch die
nicht wahlberechtigten Minderjährigen, insbesondere aber
wegen der ebenfalls nicht
wahlberechtigten Ausländer
teilweise deutlich von den Einwohnerzahlen unterscheiden.
Obgleich 2005 die Unionsparteien in insgesamt 860 der
1 576 Gemeinden über 10 000
Einwohner die Zweitstimmenmehrheit erzielten, lag die SPD
in 60 der 82 Großstädte vorn,
am klarsten in den Ruhrgebietsstädten, die Union nur
in 21 Großstädten. Gera ist die
einzige Großstadt mit Stim-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BUNDESTAGSWAHL 2005 FÜR STÄDTE UND GEMEINDEN
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
27
BUNDESTAGSWAHL 2005 FÜR STÄDTE UND GEMEINDEN
Tabelle 2
menmehrheit der Linkspartei.
In den meisten West-Großstädten liegen die GRÜNEn auf
Platz 3 vor der FDP und der
Linkspartei. Letztere liegt in
den Oststädten meist auf Rang
2 oder 3.
Zur Bundestagswahl vom
18.09.2005 gab es in Deutschland rund 12 400 Städte und
Gemeinden, davon 1 576 mit
über 10 000 Einwohnern. Für
Letztere stellte das Statistische
Bundesamt
dankenswerterweise die Ergebnisse einzeln,
für die kleineren Gemeinden
zusammengefasst zur Verfügung. Die Gemeindeergebnisse sind die wesentliche
Grundlage für die folgende
Auswertung.
Die 1 576 Städte und Gemeinden über 10 000 Einwohner repräsentierten fast 73 % der
Bevölkerung
Deutschlands
bzw. knapp 72 % der Wahlberechtigten zur Bundestagswahl 2005. Sie sind hier nach
28
der Gemeindegröße zu fünf
Gruppen mit jeweils über 10
Mio. Einwohnern untergliedert, wobei die 15 größten
deutschen Städte mit über
400 000 Einwohnern eine
Gruppe bilden. Knapp 11 000
Gemeinden unter 10 000 Einwohner, in denen insgesamt
über 22 Mio. Menschen leben,
umfasst die sechste Gruppe,
wodurch sie bezüglich der
Wahlergebnisse das größte
Gewicht hat.
Auch die Gemeindeergebnisse dokumentieren den
Mehrheitswechsel von SPD
zur Union. Zwar gab es in
sieben Gemeinden über
10 000 Einwohner 2005 gegenüber 2002 einen Wechsel
der Zweitstimmenmehrheit
von der Union zur SPD, aber
in 80 Gemeinden von der
SPD zur Union.
Für diese Gruppen gelten im
Ergebnis der Bundestagswahl
2005 ähnlich wie bereits bei
der Vorwahl von 2002 folgende interessante Aussagen:
Je größer die Städte,
umso geringer ist der Anteil der Wahlberechtigten
an den Einwohnern.
In den Städten über 400 000
Einwohner sind 70,9 % der
Einwohner wahlberechtigt, in
den Gemeinden unter 10 000
Einwohnern 77,9 %. 2002 betrugen die Werte 70,8 bzw.
77,1 %, der Abstand hat sich
also noch vergrößert. Er erklärt
sich durch die größere Anzahl
der Ausländer in Großstädten
und die Beschränkung des
Wahlrechts auf Deutsche. Die
Unterschiede zwischen ostdeutschen Städten und Gemeinden und denen im
Altbundesgebiet sind noch
deutlicher, da der Ausländeranteil und jener der Jüngeren,
noch nicht Wahlberechtigten,
im Osten des Landes unterdurchschnittlich ist.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BUNDESTAGSWAHL 2005 FÜR STÄDTE UND GEMEINDEN
Je größer die Städte,
umso geringer ist tendenziell die Wahlbeteiligung.
In der Gruppe der größten
Städte betrug sie 76,8 %
(2002: 78,2 %), in der Gruppe
der weiteren Großstädte
76,3 % (77,7 %), in der Gruppe der kleinsten Gemeinden
waren es 79,0 % (80,1 %).
Diese Unterschiede sind nicht
so groß wie die zwischen Ostund Westdeutschland (samt
Berlin-West) mit 74,3 % bzw.
78,5 %. Sie bestätigen indirekt
das soziale Gefälle, denn sozial Schwächere gehen unterdurchschnittlich zur Wahl. In
Großstädten ist z.B. der Anteil
der Leistungsempfänger deutlich höher als in kleinen
Gemeinden. Bemerkenswert
ist, dass die Wahlbeteiligung
in der Gruppe der kleineren
Großstädte am niedrigsten ist.
Vielleicht spielt hier eine Rolle,
dass von den 15 größten Städten die Mehrzahl Landeshauptstädte mit entsprechendem Regierungs- bzw. Beamtenapparat sind.
Je größer die Städte,
umso größer ist der Anteil
der Briefwähler an den
Wahlberechtigten.
In den 15 größten Städten
wählten
18,2 %
(2002:
18,3 %) der Wahlberechtigten
per Briefwahl. In den kleinsten
Gemeinden waren es 11,9 %
(11,8 %). Insgesamt ist der
Briefwähleranteil von 14,3 %
bei der Wahl 2002 auf 14,5 %
gestiegen. In den vier mittleren Städteklassen ist der Anstieg des Briefwähleranteils
deutlich ausgeprägt, am stärksten bei den sonstigen Großstädten, wo er sich von 15,5 %
auf 16,3 % erhöhte. Bezieht
man die Anzahl der Briefwähler auf die der Wähler, so
ist auch in den größten Städten der Briefwähleranteil gestiegen. Der Trend zu höherer
Briefwahlbeteiligung
insbesondere in Großstädten, aber
nicht nur dort, hält schon viele
Jahre an. Er ist beispielsweise
bei den letzten vier Bundestagswahlen nachzuweisen. Er
dürfte weniger durch höhere
berufliche Einbindung oder hö-
here körperliche Gebrechlichkeit begründet sein. Die Briefwahl entwickelt sich immer
mehr von einer (geduldeten)
Sonderform der Wahl zu einer
Standardvariante.
Je größer die Städte,
umso geringer ist der Anteil der ungültigen Stimmen.
Diese Feststellung gilt zumindest für die Bundestagswahlen
von 2002 und 2005. Bei beiden Wahlen war das für die
Erststimmen stärker ausgeprägt als für die Zweitstimmen. In der Regel führen
Mehrfachwahlen zu mehr ungültigen Stimmen. Der Erklärungsansatz kann für 2002
gelten, als mit der Bundestagswahl weitere Wahlen in
Mecklenburg-Vorpommern
und teilweise in RheinlandPfalz (hier überwiegen jeweils
die kleinen Gemeinden) sowie
in Hessen durchgeführt wurden. Er kann für 2005 nicht
herangezogen werden, da es
hier nur in sehr wenigen Fällen
weitere Wahlen gab.
Abbildung 2
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
29
BUNDESTAGSWAHL 2005 FÜR STÄDTE UND GEMEINDEN
Die Union wird stärker in
kleineren Gemeinden als
in größeren Städten gewählt.
Die Stimmenanteile der Unionsparteien CDU und CSU
nahmen von den größten Städten zu den kleinsten Gemeinden kontinuierlich zu. Allerdings verzeichneten die Unionsparteien 2005 gegenüber
2002 in allen Gruppen Verluste, am geringsten bei den
größten Städten (bei Zweitstimmen –2,6 %) am stärksten
bei den kleinen Gemeinden
(-4,4 %). Damit hat sich das
Stadt-Land-Gefälle der Union
bei den Zweitstimmen von
15,0 % auf 13,3 % reduziert.
Der Unterschied sowohl bei
Erst- als auch Zweitstimmen
von den kleinsten Gemeinden
bis zu den ganz großen Städten
ist dennoch deutlich größer als
bei der SPD, wo die größte Differenz 8,9 % beträgt.
Die SPD wird stärker in
größeren Städten als in
kleineren Gemeinden gewählt.
Die SPD-Stimmenanteile nahmen sowohl 2002 als auch
2005 mit jeder Gemeindegrößenklasse bis zu den Großstädten zu, bei den größten
Städten aber wieder leicht ab.
Diese Zunahme bei größeren
Gemeinden ist naheliegend,
da die SPD den wichtigsten
Gegenpol zur Union bildet.
Noch stärker als die Unionsparteien büßte die SPD 2005
zur Wahl 2002 in allen Gruppen bei Erst- und Zweitstimmen Anteile ein. Der Rückgang
bei den Zweitstimmen betrug
in der Gruppe der größten
Städte 3,3 %, bei den kleinen
Gemeinden 4,8 %.
Die FDP hat bezogen auf
die Zweitstimmen ein relativ stabiles Potential in
allen Städtegruppen.
30
Die Anteile schwanken 2005
nur von 10,2 % in den Städten
von 10 000 bis 40 000 bis
9,3 % in den kleineren Großstädten. Bei den Erststimmen
gibt es jedoch ein kontinuierliches Gefälle von 5,1 % in den
kleinsten Gemeinden bis
4,2 % in den größten Städten,
was 2002 nicht so war.
Die Wähler von Die Linke
differenzieren sich mehr
nach Ost-West als nach
Größenklassen.
Bei den Zweitstimmen hat die
Linkspartei ihre Höchstwerte in
den Gemeindegruppen am
Rand, die niedrigsten Werte
bei nicht benachbarten Innengruppen. Der maximale Unterschied in den sechs Gruppen
beträgt 2,2 %. Im Wahlgebiet
Ost (ohne Berlin-West) betrug
der Anteil jedoch 25,3 %, im
Wahlgebiet West hingegen
4,9 %, was insgesamt zum
Überschreiten der 5-%-Hürde
und damit zum Einzug in Fraktionsstärke in den Bundestag
reichte.
Die GRÜNEN werden stärker in größeren Städten
als in kleineren Gemeinden gewählt.
Ähnlich wie die SPD verloren
die GRÜNEN 2005 zu 2002 in
allen Gruppen Stimmenanteile,
wobei diese in den größten
Städten (12,8 % der Zweitstimmen) deutlich höher lagen
als in der Gruppe der kleinen
Gemeinden (6,0 %). Ein ähnliches Gefälle gibt es auch bei
den Erststimmen.
Sonstige
werden
am
stärksten in kleineren Gemeinden und ganz großen
Städten gewählt.
Die 19 Sonstigen (2002: 18)
sind eine sehr inhomogene
Gruppe
unterschiedlichster
Parteien, die zusammen nur
3,9 % (2002: 3,0 %) Zweit-
stimmen erhielten, darunter
NPD 1,6 %, REP 0,6 %,
GRAUE und FAMILIE je 0,4 %.
Ihr Ergebnis wird hier nicht
weiter interpretiert.
Der Vergleich der Erst- mit den
Zweitstimmen in Abbildung 3
zeigt, dass es bei den großen
Volksparteien SPD und CDU/
CSU deutliche Erststimmenüberhänge (mehr Erst- als
Zweitstimmen) gegeben hat,
bei GRÜNEn, FDP und neuerdings auch der Linkspartei dagegen
Zweitstimmenüberhänge.
In den 15 größten Städten gab
es sowohl bei Erst- als auch
Zweitstimmen zwei Mal eine
Unionsmehrheit, zehn Mal
eine SPD-Mehrheit, drei Mal
unterschiedliche Mehrheiten.
Bei den 67 anderen Großstädten dominierte die Union doppelt in 15 Städten, die SPD in
47 Städten, die Linkspartei in
einer Stadt, vier Städte haben
keine Doppelmehrheit. Je kleiner die Gemeinden werden,
umso mehr verschiebt sich
auch hier die Dominanz von
der SPD zur Union. Bezogen
auf alle Gemeinden mit mindestens 10 000 Einwohnern dominierte bei Erst- und Zweitstimmen die Union in 841 Gemeinden, die SPD in 631 Gemeinden und die Linkspartei in
neun Gemeinden. In 95 Gemeinden gab es unterschiedliche Mehrheiten, davon war
in 64 Städten die Union bei
den Erststimmen, die SPD bei
den Zweitstimmen vorn.
In der Abbildung 4 lässt sich ein
Zusammenhang zwischen der
Gemeindegrößenklasse
und
den Erststimmenüberhängen
der SPD bzw. den Zweitstimmenüberhänge des früheren Koalitionspartners GRÜNE
erkennen. Mit zunehmender
Gemeindegröße steigen nicht
nur die Stimmenanteile dieser
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BUNDESTAGSWAHL 2005 FÜR STÄDTE UND GEMEINDEN
Abbildung 3
Abbildung 4
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
31
FRAUEN: SCHULE UND WAHLRECHT
Erststimmenüberhänge
Grüne vor der FDP
Die Linke: Ostdeutschland, Ruhrgebiet und
Saarland
FDP: Bayern und BadenWürttemberg
Parteien, sondern auch die
entsprechenden relativen Überhänge der SPD von 2,8 auf 6,1
bei den Erststimmen, bei den
GRÜNEN von 1,8 auf 4,0 bei
den Zweitstimmen an.
Bei CDU/CSU und FDP sind die
Überhänge zwischen den Erstund Zweitstimmen größer als
bei SPD bzw. GRÜNEN. Ein Anstieg der prozentualen Überhänge mit der Gemeindegröße
lässt sich nicht ausmachen,
obgleich bei den Unionsparteien ein klares Gefälle der
Stimmenanteile von kleinen zu
größeren Gemeinden existiert.
2002 hatte die PDS durchgängig
leichte
Erststimmenüberhänge, am stärksten in
der größten Städteklasse mit
Berlin, wo zwei Direktmandate
gewonnen wurden. 2005 verzeichnet die Partei mit dem
neuen Namen Die Linke. generell leichte Zweitstimmenüberhänge. Dies dürfte der veränderten Wählerschaft vor allem
im Westen geschuldet sein. Die
WASG-Anhänger hatten hier
vor allem Zweitstimmen gesammelt, während an Direkt-
mandate über die Erststimmen
– außer vielleicht im Saarland –
nicht zu denken war.
Die Dominanz von CDU/CSU
und SPD in der deutschen
Parteienlandschaft wird dadurch belegt, dass diese Parteien in 1 393 der 1 576 Städte
mit über 10 000 Einwohnern
jeweils die ersten beiden Plätze in der Rangfolge der Zweitstimmen belegten. In weiteren
123 der betrachteten Gemeinden siegte die SPD vor
Die Linke., in 41 Gemeinden
die CDU vor Die Linke. Diese
164 Gemeinden sind ebenso
wie jene 16 Städte, in denen
Die Linke. stärkste Partei nach
Zweitstimmen wurde, bis auf
eine Ausnahme alle in den
neuen Bundesländern gelegen.
Die FDP wurde in Grünwald
(Bayern) und Königstein im
Taunus zweitstärkste Kraft, die
GRÜNEN in Tübingen.
Drittstärkste Partei wurde in
90 % aller westdeutschen Gemeinden außerhalb des Saarlandes mit mehr als 10 000,
aber weniger als 100 000 Einwohnern die FDP. In allen
saarländischen Gemeinden bis
auf Völklingen wiederum wurde Die Linke. zur drittstärksten
Kraft gewählt. In 54 % der ostdeutschen Gemeinden dieser
Größenklasse sowie in allen
ostdeutschen Städten bis
400 000 Einwohner lag die
CDU an dritter Stelle, meist
hinter der SPD und Die Linke.
In den 15 Großstädten mit
über 400 000 Einwohnern und
ihrer spezifischen Wählerstruktur konnten sich in 13 Fällen die GRÜNEN vor der FDP
behaupten, nur in Dresden und
Düsseldorf gelang dies nicht.
In Berlin, Dresden, Duisburg
und Leipzig wurde Die Linke.
jeweils als drittstärkste Partei
hinter SPD und CDU gewählt.
Der Vergleich der Bundestagswahlergebnisse von 2005
mit denen von 2002 zeigt auch,
dass Die Linke ihre Stimmengewinne besonders im Osten sowie im Ruhrgebiet und im Saarland erringen konnte, die FDP
besonders in Bayern und Baden-Württemberg.
Frauen: Schule und Wahlrecht
Martin Schlegel, Hagen
Man soll nicht glauben, dass
die folgenden Nachrichten erst
100 Jahre alt sind:
Am 15. März 1907 erläutert
der preußische Kultusminister
Konrad von Studt die Reform
des Mädchenschulwesens. Er
hält die bisherige Ausrichtung
auf Gefühl und Ästhetik für
einseitig und verlangt, in Zukunft solle mehr Gewicht auf
32
die Förderung des Verstandes
gelegt werden. Deswegen verlangt er, den Grammatikunterricht auszudehnen und
den einfachen Rechenunterricht durch Mathematik zu ersetzen. Im Mittelpunkt der
Mädchen- und Frauenausbildung sollen weiterhin Deutsch
und Religion stehen.
Bei der Reichstagswahl am 15.
März 1907 in Finnland wurden
erstmals Frauen in das Parlament gewählt. Die meisten
Frauen sind Mitglied der sozialdemokratischen Partei.
Im norwegischen Storting wird
am 14. Juni 1907 der Gesetzentwurf abgelehnt, der das allgemeine Wahlrecht für Frauen
vorsieht. Frauen wird aber das
Wahlrecht zuerkannt, wenn sie
oder ihr Mann Steuern bezahlt
haben.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Klare Verbindung von Arbeitslosigkeit und Wahlabstinenz
Nichtwähler bei der Bundestagswahl 2005
Lothar Eichhorn, Jessica Huter, Hannover
Im. September 2005 fanden
vorgezogene Wahlen zum 16.
Deutschen Bundestag statt.
Begründet wurden die Neuwahlen mit mangelnder Unterstützung für den politischen
Kurs der Bundesregierung
bzw. einer angesichts der anstehenden Aufgaben erneuten
Bestätigung dieses Kurses.
Kernstück dessen war die Umgestaltung der Arbeitsmarktund Sozialpolitik. Angesichts
der zum Teil vehementen Proteste gegen diese Neuausrichtung ist das Wahlverhalten bei
der Bundestagswahl, die von
einigen zu einer Abstimmung
bzw. Richtungswahl über
„Modernisierung“ contra „Erhalt des Sozialstaats“ hochstilisiert wurde, interessant und
soll im folgenden näher betrachtet werden.
Die Höhe der Wahlbeteiligung
bzw. die der Nicht-Beteiligung
ist ein Indikator für die Zustimmung bzw. Ablehnung des politischen Systems: Wer sich
von den politischen Parteien
nicht repräsentiert fühlt oder
gar die parlamentarische Demokratie an sich ablehnt, kann
dies durch Stimmabgabe für
radikale Parteien, durch bewusste Abgabe eines ungültigen Stimmzettels oder – was
häufiger geschieht – Wahlenthaltung zum Ausdruck bringen. Der Grad der Identifikation mit einem politischen System ist von zahlreichen, zum
Teil sehr subjektiven Faktoren
abhängig. Bedeutsam ist vor
allem, dass diejenigen, die für
sich im Rahmen des gesell-
schaftlichen Systems keine
oder nur geringe Lebens- und
Entwicklungschancen ausmachen können, eher zu einer
Ablehnung des politischen Systems, das ihnen vermeintlich
wenig oder nichts zu bieten
hat, neigen. Wenn „der Politik“ die Lösungskompetenz für
drängende Fragen abgesprochen wird, trägt dies zu einer
Entfremdung des Wahlvolks
von seinen politischen Repräsentanten bei.
Die seit Jahren wohl drängendste Frage in Deutschland,
auf die derzeit niemand eine
seriöse Antwort zu geben imstande ist, ist die der Massenarbeitslosigkeit. Da der soziale
Status, die Teilhabechancen
und das Selbstwertgefühl in
dieser Gesellschaft stark von
der Erwerbsarbeit und vom beruflichen Erfolg geprägt sind,
ist eine verfestigte Dauerarbeitslosigkeit ein großes Problem auch für die Legitimationsbasis der parlamentarischen Demokratie. So ergaben
z.B. die Ergebnis des ALLBUS,
einer großen Repräsentativbefragung, für das Jahr 2000 ein
eindeutiges Bild. Den Befragten wurde die These vorgelegt:
„Die Demokratie in Deutschland ist die beste Staatsform.“
Dieser These stimmten 80%
der West- und 49% der Ostdeutschen zu. Bei den Arbeitslosen sank der Zustimmungsgrad auf 69% im Westen und
40% im Osten – das niedrigste
Ergebnis aller sozialen Gruppen 1 .
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Anknüpfend an einen Aufsatz
zur Bundestagswahl 20022,
sollen die regionalen Unterschiede in der Wahlbeteiligung, der Zusammenhang mit
der Höhe der Arbeitslosigkeit
und Veränderungen der Wahlbeteiligung gegenüber der
letzten Bundestagswahl untersucht werden. Die Ebene ist
dabei die der Landkreise und
kreisfreien Städte, weil die Arbeitslosenquoten nicht auf
Ebene der Bundestagswahlkreise verfügbar sind.
Wahlbeteiligung und
Arbeitslosigkeit
Entwicklung in den
Bundesländern
In Deutschland insgesamt lag
die Wahlbeteiligung 2002 bei
79,7% und 2005 bei 77,7% –
ein Rückgang um -1,4%. Entsprechend erhöhte sich der
Nichtwähleranteil von 20,9%
auf 22,3%. Dabei gab es in
West- und Ostdeutschland gegenläufige Bewegungen. In
Bayern (-3,6 Prozentpunkte),
Bremen (-3,3 Prozentpunkte)
und Baden-Württemberg (-2,4
Prozentpunkte) ging die Wahlbeteiligung besonders stark
zurück, aber auch in allen anderen westdeutschen Bundesländern sowie in Berlin stiegen
die Nichtwähleranteile, während in allen fünf ostdeutschen
Flächenländern die Wahlbeteiligung stieg. Das West-Ost-Gefälle der Wahlbeteiligung, das
bei der Bundestagswahl 2002
noch klar ausgeprägt war, hat
sich damit stark verringert (näheres vgl. Tab. 1). Die Spann-
Zentraler Indikator
Wahlbeteiligung
West-Ost-Gefälle bei der
Wahlbeteiligung
33
NICHTWÄHLER BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2005
weite der Wahlbeteiligung auf
Ebene der Bundesländer reichte 2002 von 68,8% (SachsenAnhalt) bis 81,5 % (Bayern),
betrug also 12,7 Prozentpunkte. 2005 reichte sie von 71,0%
(Sachsen-Anhalt) bis 79,4%
(Niedersachsen und Saarland)
und lag damit nur noch bei 8,4
Prozentpunkten.
Ähnliches ist bei den ungültigen Zweitstimmen zu beob-
achten. Deren Anteil an allen
abgegebenen Stimmen stieg
bundesweit im Vergleich der
Jahre 2002 und 2005 von
1,2% auf 1,6%. Diese Zunahme betraf alle Länder bis auf
Mecklenburg-Vorpommern,
wo es eine klare Abnahme um
-0,5 Prozentpunkte gab. Die
Spannweite lag 2002 bei 1,7
Prozentpunkten zwischen den
Extremwerten Bayern (0,7%)
und
Mecklenburg-Vorpommern (2,4%); 2005 betrug sie
nur noch 1,4 Prozentpunkte
zwischen den Extremwerten
1,1% (Hamburg) und 2,5%
(Saarland).
Es drängt sich die Vermutung
auf, dass dieses Ergebnis auch
etwas mit der regionalen Herkunft der Spitzenkandidaten
der Union zu tun hat. Der Spit-
Tab. 1: Wahlbeteiligung, Nichtwähler und ungültige Zweitstimmen bei den Bundestagswahlen am 22.9.2002 und am 18.9.2005
Tab. 2: Ergebnisse der Bundestagswahlen 2002 und 2005 (Zweitstimmen) in Deutschland
34
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
NICHTWÄHLER BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2005
zenkandidat des Jahres 2002,
Edmund Stoiber aus Bayern,
war seinerzeit offenbar für
Wähler im Süden und Südwesten hoch attraktiv, aber für
Wähler aus dem Norden und
vor allem dem Osten weniger.
Die Spitzenkandidatin des Jahres 2005, die jetzige Bundeskanzlerin Angela Merkel, löste
anscheinend einen Gegeneffekt mit rückläufigen Werten
im Süden aus.
Die Partei der
Wahlverweigerer
Von diesen regional geprägten
Besonderheiten
abgesehen
bleibt natürlich die insgesamt
rückläufige Wahlbeteiligung
ein großes Problem. Die Tabelle 2 verdeutlicht dies mit einer
Gegenüberstellung der gesamtdeutschen Bundestagswahlergebnisse 2002 und
2005 auf Basis absoluter Zahlen der Wähler, Wahlberechtigten, ungültig Stimmenden
sowie der Ergebnisse für die
im Bundestag vertretenen
Fraktionen.
Die Zahl der Wahlberechtigten
stieg in den drei Jahren um
0,7%, gleichwohl nahm die
Zahl der Wähler um -1,1% ab.
Die „Partei der Nichtwähler“
nahm, gemessen an den jeweiligen absoluten Zahlen, um
7,6% zu und liegt nun bei 22,3
% bzw. 13,8 Millionen Menschen. Die Zahl der ungültigen
Stimmen stieg sogar um 29%.
Nun mag sicher die eine oder
andere Zweitstimme unabsichtlich ungültig gemacht
worden sein – in der Regel
dürfte aber die Ungültigmachung des Stimmzettels Ausdruck eines Protestes gegen
„die Parteien“ oder „den
Staat“ sein. Fasst man Nichtwähler und ungültig Stimmende zur Gruppe der „Wahlverweigerer“ zusammen, so er-
gibt dies bundesweit 2005 eine
Zahl von fast 14,6 Millionen,
8,5% mehr als 2002. Die „Partei
der Wahlverweigerer“ käme auf
23,6% und wäre die zweitstärkste Partei hinter der SPD.
Die Tabelle 2 listet weiter die
Ergebnisse der im Bundestag
vertretenen Fraktionen auf.
Danach haben alle Parteien,
die in der gegenwärtigen und
der letzten Bundesregierung
vertreten sind bzw. waren,
kräftig an Stimmen verloren.
Die Grünen verloren -6,6% ihrer Wähler, die CDU/CSU -10%
und die SPD gar -12,4%. Gewinnen konnten die damaligen
und heutigen Oppositionsparteien FDP (+31,3%) und „Die
Linke.“ (+114,9%), die das
seinerzeitige Ergebnis der PDS
mehr als verdoppelte; von der
höheren Wahlbeteiligung in
Ostdeutschland konnte vor allem diese Gruppierung profitieren. Damit haben die zwei
Parteien stark gewonnen, die
die zentralen Reformen der
letzten Legislaturperiode, die
Hartz I-IV-Gesetzgebung, von
ganz verschiedenen Richtungen aus scharf ablehnten – die
einen, weil sie ihnen längst
nicht weit genug, die anderen,
weil sie ihnen viel zu weit gingen. Die vier Parteien (SPD,
CDU, CSU, Grüne), die die
Kompromisse der Hartz-Gesetzgebung mittrugen und verantworteten, steckten herbe
Verluste ein. Insgesamt gingen
ihnen gut 4,4 Millionen Stimmen verloren.
Bezieht man die Wahlergebnisse der Fraktionen auf alle
Wahlberechtigten – d.h. nicht
auf die gültigen abgegebenen
Zweitstimmen, wie es üblicherweise zur Ermittlung des
Wahlergebnisses und zur Sitzverteilung im Bundestag geschieht – so ergibt sich, dass
die CDU/CSU noch 26,9%, die
SPD 26,2%, die FDP 7,5%, die
Linkspartei 6,7% und die Grü-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
nen 6,2% der Wahlbevölkerung vertreten. Die beiden
Fraktionen der derzeitigen
Großen Koalition in Berlin vertreten damit 53,1% der Wahlberechtigten, obwohl sie mit
402 von 614 Sitzen im Bundestag im Parlament beinahe eine
Zweidrittelmehrheit haben.
Ein Gedankenexperiment: Etwa
5 936 100 Ausländer im Alter
von über 18 Jahren lebten laut
Bevölkerungsfortschreibung
Ende 2004 in Deutschland. Diese haben, da dies bei Bundestagswahlen nur deutschen
Staatsbürgern über 18 Jahren
zusteht, kein Wahlrecht. Wenn
man diese zu den ca. 61,9 Mio.
Wahlberechtigten hinzunimmt,
ergäbe sich für die SPD ein Anteil von 23,9% und für die CDU/
CSU ein Anteil von 24,5% an
allen Menschen, die in Deutschland leben und über 18 Jahre
alt sind. Die derzeitige Koalition
hat zwar eine komfortable
Mehrheit im Bundestag, aber –
so gesehen – keine Mehrheit
im Volk.
Große Koalition:
Keine Mehrheit im Volk?
Arbeitslosigkeit
und Wahlenthaltung
Das Streudiagramm zeigt den
Zusammenhang zwischen der
Arbeitslosenquote der abhängigen Erwerbspersonen im
September 2005 in Prozent
und dem Nichtwähleranteil in
Prozent. Jeder Kreis im Diagramm repräsentiert dabei einen Landkreis bzw. eine kreisfreie Stadt. Da nach wie vor
gravierende Unterschiede im
Niveau der Arbeitslosigkeit
zwischen Ost- und Westdeutschland existieren, sind
diese farblich unterschieden:
westdeutsche Kreise sind hellgrau, ostdeutsche Kreise sind
dunkelgrau dargestellt. Auf
der x-Achse ist die Arbeitslosenquote (Explanens) abgetragen, auf der y-Achse der Nicht35
NICHTWÄHLER BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2005
Schaubild Streuungsdiagramm
Streudiagramme und Korrelationsanalyse
Aus der Lage der Punkte im Streudiagramm lassen sich erste
Erkenntnisse ablesen: Je diffuser die Punkte sich als eine Art
Wolke ballen, desto geringer ist der Zusammenhang der beiden dargestellten Merkmale. Je mehr die Punkte entlang
einer Linie, der sog. Regressionsgraden, angeordnet sind,
desto stärker ist der Zusammenhang. Mit einer solchen
Korrelationsanalyse lassen sich Zusammenhänge und ihre
Stärke messen – mehr nicht. So kann auch nicht von einem
Kausalzusammenhang gesprochen werden. Verlaufen die
Punkte tendenziell von links unten nach rechts oben, so liegt
eine positive Korrelation vor – je stärker das eine Merkmal
ausgeprägt ist, desto stärker ist auch das andere. Bei einer
negativen Korrelation verliefe die Linie von links oben nach
rechts unten.
Der Korrelationskoeffizient „r“ nach Pearson misst Richtung
und Stärke eines Zusammenhangs. Er kann Werte zwischen 1 und +1 annehmen. Werte unter Null bedeuten eine negative Korrelation, Werte über Null eine positive Korrelation. Je
größer der Betrag von „r“ ist, desto stärker ist der Zusammenhang. Je mehr sich der Betrag dem Wert Null annähert,
desto schwächer ist er.
wähleranteil (Explanandum).
In Form von Linien ist jeweils
der Bundesdurchschnitt auf
beiden Achsen abgetragen,
36
wodurch das Diagramm in vier
Quadranten aufgeteilt wird.
Im vorliegenden Streudiagramm ist die Punktwolke klar
strukturiert: Die Punkte verteilen sich von links unten nach
rechts oben. Es besteht also
ein positiver Zusammenhang.
Der Korrelationskoeffizient „r“
nach Pearson nimmt einen
Wert von +0,66 an. Die ostdeutschen Kreise und kreisfreien Städte befinden sich größtenteils im rechten oberen
Quadranten, weisen also sowohl eine überdurchschnittliche Arbeitslosenquote als
auch einen überdurchschnittlichen Nichtwähleranteil auf.
Aufgrund der im Diagramm
entstehenden eindeutigen OstWest-Struktur stellt sich die
Frage, ob der Zusammenhang
überzeichnet ist und sich dadurch ergibt, dass im Osten
nach 40 Jahren DDR und nicht
nur positiven Erfahrungen mit
„dem Westen“ die Akzeptanz
der parlamentarischen Demo-
kratie generell geringer ist als
im Westen des Landes. Daher
wurde der Zusammenhang
auch zusätzlich für Ost und
West getrennt berechnet: Es
ergaben sich Werte von +0,45
für Westdeutschland und
+0,48 für Ostdeutschland, also
geringer ausgeprägte aber immer noch eindeutige Korrelationen. Eine Überzeichnung
des Gesamtergebnisses durch
die ostdeutschen Kreise und
kreisfreien Städte liegt damit
nicht vor. Die Höhe der Wahlbeteiligung
korrespondiert
also mit der Arbeitsmarktsituation. Ist letztere schlecht,
sinkt offenbar die Zustimmung
zum politisch-gesellschaftlichen System der Bundesrepublik Deutschland. Die Ursache
hierfür dürfte in schwindendem Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der politischen Führung zu finden sein.
Der Vergleich mit dem Ergebnis einer ähnlichen Untersuchung3 zur Bundestagswahl
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
NICHTWÄHLER BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2005
2002 fördert interessante Ergebnisse zu Tage. Bei dieser
früheren Untersuchung betrug
„r“ +0,86 (+0,57 für Westdeutschland, +0,58 für Ostdeutschland). Der Zusammenhang ist also schwächer geworden, was auf den ersten
Blick erstaunlich ist, denn die
Arbeitslosigkeit stagnierte ja
zwischen 2002 und 2005 auf
hohem Niveau. Bemerkenswert ist gegenüber der früheren Untersuchung eine stärkere Durchmischung der Westund Ostgebiete: einige Westkreise weisen sowohl bei der
Arbeitslosenquote als auch
beim Nichtwähleranteil überdurchschnittliche Werte auf,
und Westen und Osten haben
sich in beiden Indikatoren einander genähert. Ein Indiz dafür
ist auch die sinkende Spannweite der regionalen Nichtwähleranteile in beiden Jahren: Diese betrug im Jahr 2002
22,9 Prozentpunkte, im Jahr
2005 nur noch 17,0 Prozentpunkte.
Regionale Veränderung der Wahlbeteiligung
Um diese Abschwächung des
Zusammenhangs näher zu untersuchen, wird die regionale
Veränderung der Wahlbeteiligung in Prozentpunkten näher
betrachtet. Diese ist in der thematischen Karte in fünf Größenklassen dargestellt. Die
Klassierung ist dabei so gewählt, dass vier von fünf Kategorien die Rückgänge in der
Wahlbeteiligung abbilden und
für eine gestiegene Wahlbeteiligung nur eine nach oben offene
Klasse zur Verfügung steht.
Farblich reichen die Kategorien
in abgestuften Schattierungen
von Hell- bis Dunkelgrau:
Klasse 1 (Zunahme, 106 Landkreise und kreisfreie Städte)
Klasse 2 (Abnahme um 0 bis 1
Prozentpunkte, 24 Gebiete)
Klasse 3 (Abnahme um mehr
als 1 bis 2 Prozentpunkte,
85 Gebiete)
Klasse 4 (Abnahme um mehr
als 2 bis 3 Prozentpunkte,
84 Gebiete)
Klasse 5 (Abnahme um mehr
als 3 Prozentpunkte, 140
Gebiete).
Nahe dem Bundesdurchschnitt
von -1,4 Prozentpunkten
sind die Gebiete der Klasse 3.
Auffällig sind aufgrund ihrer
fast einheitlichen Färbung einerseits vor allem die Kreise
und kreisfreien Städte der neuen Bundesländer, andererseits
die Bayerns und Baden-Württembergs. Mit Ausnahme der
Städte Dresden, Schwerin und
Berlin und der Landkreise
Müritz,
Ostprignitz-Ruppin,
Hildburghausen und Sonneberg, in denen nur eine leicht
negative Veränderung bis hin
zu -1 Prozentpunkten festzustellen ist, weisen alle anderen
Regionaleinheiten der neuen
Bundesländer eine gestiegene
Wahlbeteiligung auf. Die thüringischen Kreise Eichsfeld
(+0,1 Prozentpunkte im Vergleich zu 2002), Jena (+0,9),
Saale-Holzland-Kreis
(+1,6)
und Greiz (+2,2) und die sächsischen Kreise Stollberg (+3,3),
Mittlerer
Erzgebirgskreis
(+4,4), Weißeritzkreis (+5,2),
Meißen (+4,4) und Kamenz
(+4,4) sowie die Stadt Potsdam (+1,9) und der Landkreis
Potsdam-Mittelmark
(+1,2)
(Brandenburg) wiesen bereits
bei der Bundestagswahl 2002
eine
überdurchschnittliche
Wahlbeteiligung auf, und diese stieg 2005 noch einmal an.
Die maximale Zunahme hat im
brandenburgischen Schönebeck mit +7,6 Prozentpunkten
stattgefunden. Das Pendant
dazu, nämlich das Gebiet mit
der höchsten Abnahme der
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Wahlbeteiligung, ist mit -8,9
Prozentpunkten
FreyungGrafenau in Bayern. Dass dieser negative Höhepunkt in
Bayern zu finden ist, ist kein
Zufall: In Bayern hat die Wahlbeteiligung – von den Landkreisen Schweinfurt, Würzburg
und Nürnberger Land einmal
abgesehen – überall um 3 und
mehr Prozentpunkte abgenommen. In keinem anderen
Bundesland waren in so vielen
Gebieten ähnlich starke Rückgänge zu konstatieren wie
dort.
Auch
Baden-Württemberg
weist nahezu überall Rückgänge in der Wahlbeteiligung von
2 und mehr Prozentpunkten
auf. Die Stadt Freiburg und der
sie umgebende Landkreis
Breisgau-Hochschwarzwald
schaffen es mit einem Minus
von 2 Prozentpunkten bzw.
1,9 Prozentpunkten noch in
die mittlere Kategorie und heben sich damit deutlich vom
Rest des Landes ab. Auch der
Raum um Stuttgart und der um
Mannheim sowie der Kreis
Konstanz und der Bodenseekreis weisen vergleichsweise
geringere Abnahmen in der
Wahlbeteiligung auf. Interessanterweise ergeben sich in
diesen beiden Bundesländern,
was den Rückgang der Wahlbeteiligung angeht, keine größeren Unterschiede zwischen
Stadt und Land. Demgegenüber sind nennenswerte Unterschiede bei der Wahlbeteiligung üblich – mit höherer Beteiligung im ländlichen Raum
und geringerer in den Städten.
Große Zonen mit einer überdurchschnittlich stark zurückgegangenen Wahlbeteiligung
finden sich außerdem in Nordrhein-Westfalen. In SchleswigHolstein, Rheinland-Pfalz, dem
Saarland und Hessen finden
sich zahlreiche Gebiete der
mittleren Kategorie, deren Minus in der Wahlbeteiligung
37
NICHTWÄHLER BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2005
38
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
NICHTWÄHLER BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2005
also in etwa dem des bundesweiten Durchschnitts von -1,4
Prozentpunkten entspricht. Es
ergeben sich aber keine klaren
Strukturen. Auffällig ist als einziges hellgrau dargestelltes
Gebiet im Westen der hessische Hochtaunuskreis – der
einzige Kreis Westdeutschlands, in dem die Wahlbeteiligung gleich blieb.
Auch in allen Kreisen Niedersachsens gab es Abnahmen,
die geringsten von –1,0 Prozentpunkten in der Stadt Salzgitter und im Ammerland. Die
innerhalb
Niedersachsens
höchste Abnahme gab es im
Landkreis Cloppenburg mit
-3,9 Prozentpunkten. Hier
dürfte eine ähnliche Erklärung
greifen wie in Süddeutschland:
Dem streng katholischen Oldenburger Münsterland, in
dem die Union regelmäßig
deutliche Mehrheiten erringt,
lag
ein
Kanzlerkandidat
Stoiber eher als die (ostdeutsche, protestantische, kinderlose) Kandidatin Merkel; auch
im benachbarten, ebenfalls
katholischen Kreis Vechta fiel
die Wahlbeteiligung um -2,9
Prozentpunkte.
Protestpotential:
Nichtwähler plus
Linkspartei
Ein erstes vorläufiges Zwischenfazit: Der statistische Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Wahlbeteiligung fiel 2005 niedriger aus
als 2002, weil die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland stieg,
während sie im Westen, am
stärksten in Bayern, sank.
Es gibt aber noch einen weiteren statistisch belegbaren Faktor, der vor allem in Westdeutschland einen hohen Erklärungswert hat, nämlich die
Kandidatur der „Linkspartei“.
2002 trat zwar in ganz
Deutschland die PDS an, aber
diese wurde in den „alten Ländern“ weitgehend als ostdeutsche Regionalpartei angesehen, während sie in Ostdeutschland Wahlergebnisse
erzielte, die mit denen von
SPD und CDU durchaus vergleichbar waren. 2005 war die
Lage völlig anders, weil Teile
des linken Randes der SPD sich
von dieser aus Protest gegen
die als unsozial angesehenen
Arbeitsmarktreformen abgespalten und die „Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG)“ gegründet hatten. WASG und PDS
kandidierten 2005 gemeinsam
als „Die Linke.“, und zwar mit
einem ehemaligen Bundesfinanzminister und SPD-Vorsitzenden als Spitzenkandidaten.
Damit gab es auch im Westen
Deutschlands eine fundamentale und realistische Alternative für Protestwähler.
Sieht man den Nichtwähleranteil und den Anteil der „Linkspartei“-Wähler an allen Wahlberechtigten zusammen als
Protestpotenzial an, so ergibt
sich bei der Korrelationsanalyse mit der Arbeitslosenquote für alle Kreise Deutschlands ein hoher Wert von
+0,82 im Vergleich zu +0,66
(wenn man nur die Nichtwähler heranzieht). In den
Kreisen
Westdeutschlands
steigt die Korrelation von
+0,45 sogar deutlich auf
+0,57. Interessanterweise fällt
in den Kreisen Ostdeutschlands die Korrelation mit
+0,45 sogar geringer aus als
nur der Zusammenhang von
Nichtwähleranteil und Arbeitslosenquote (+0,48). Das mag
daran liegen, daß in Ostdeutschland die „Die Linke“
zwar erheblich an Stimmen gewann, aber nicht mehr unbedingt als Fundamentalopposition wahrgenommen wird. In
den beiden Ländern, wo sie
an der Regierung beteiligt ist,
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
stieg die Wahlbeteiligung nur
wenig (+0,6 Prozentpunkte,
Mecklenburg-Vorpommern)
bzw. ging gar zurück (-0,2 Prozentpunkte, Berlin). Auch die
Stimmengewinne der Linkspartei waren in diesen Ländern
weniger stark ausgeprägt.
Fazit
Die Wahlbeteiligung ist von
2002 auf 2005 bundesweit zurückgegangen, wobei sie in
nahezu allen westdeutschen
Regionen sank und umgekehrt
in nahezu allen ostdeutschen
Regionen stieg. Zugleich stieg
auch der Anteil ungültiger
Stimmen.
Eine Korrelationsanalyse ergab, dass es einen deutlichen
Zusammenhang zwischen der
Höhe der Arbeitslosigkeit und
der Wahlabstinenz gibt. Die
Legitimation der parlamentarischen Demokratie nimmt ab,
wenn das politische System
die als zentral empfundenen
Fragen, vor allem die Arbeitslosigkeit, nicht beantworten
kann und keine Lösungen findet. Noch deutlicher wird in
Westdeutschland der Zusammenhang, wenn man in die
Analyse nicht nur die „Nichtwähler“, sondern auch die
Wähler der als Fundamentalopposition
angetretenen
„Linkspartei“ einbezieht.
Anmerkungen
1
2
3
Vgl. Statistisches Bundesamt
(Hrsg.), Datenreport 2004, Bonn
2004, S. 652
Vgl. Lothar Eichhorn, Arbeitslosigkeit und Wahlbeteiligung in regionaler Sicht, Statistische Monatshefte Niedersachsen, Heft 12/
2004, Hannover 2004, S. 640-642.
Vgl. Fußnote 2; Untersuchung und
Methode sind im Prinzip gleich,
2002 wurde aber die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt herangezogen, 2005 die des Wahlmonats
September. Der Jahresdurchschnitt
stand für 2005 nicht zur Verfügung.
Außerdem wurde Berlin 2002 noch
dem Westen zugeordnet.
Entgegengesetzter Verlauf in Ost und West
Beziehung zwischen
Arbeitslosigkeit und
Wahlbeteiligung
Über Statistik:
Es stimmt nicht, dass Statistiker festgestellt haben,
die Charaktere von Politikern ließen sich auf zwei
Grundmuster reduzieren:
Die einen wollten die
Prioritäten gleichmäßig
verteilen und die anderen
versprächen allen ein
überdurchschnittliches
Einkommen.
39
Plädoyer für ein anderes Wahlrecht – Regierbarkeit erhalten
Mehrheitswahl statt
Königsmacher
Gerd Strohmeier, Passau
Deutsche Verhältnisse
in Österreich?
Bessere Regierbarkeit
40
Immer wieder ist im Rahmen
der Nationalratswahl in Österreich vor „deutschen Verhältnissen“ gewarnt worden –
eben davor, dass die großen
Parteien trotz eines klaren
„Lagerwahlkampfs“ gezwungen sind, eine Große Koalition
zu bilden, die sich dann weniger als „Große Reformkoalition“, sondern mehr als
„Große Krisenkoalition“ erweist. Die aktuelle Lage in
Österreich erinnert stark an die
Situation nach der Bundestagswahl 2005, bei der das
deutliche Einziehen der „Linken“ in den Bundestag sowohl
eine rot-grüne als auch eine
schwarz-gelbe Koalition verhinderte und letztlich eine
schwarz-rote Koalition erzwang. Hätten sich CDU/CSU
und SPD (wie einige Zeit zu erwarten) nicht auf eine Große
Koalition einigen können,
wäre es entweder zu einer
höchst instabilen Dreiparteienkoalition, einer kaum handlungsfähigen Minderheitsregierung oder sofortigen Neuwahlen (mit vermutlich ähnlichem Ausgang) gekommen.
Mit anderen Worten: Deutschland bewegte sich an der
Grenze zur Unregierbarkeit –
eine Grenze, die nun in kürzester Zeit wieder erreicht und
sogar überschritten werden
kann.
Die schlechte Regierbarkeit
und niedrige Reformfähigkeit
haben eine Ursache: die Verhältniswahl. Verhältniswahlsysteme verfolgen – über die
Wahl von Parteilisten – das
Ziel, die bei der Wahl zum Ausdruck gebrachten parteipolitischen Präferenzen der Wähler
möglichst exakt im Parlament
abzubilden. So erhält z.B. eine
Partei für 20% der Wählerstimmen in etwa auch 20%
der Parlamentsmandate. Da
eine Partei in der Regel keine
absolute Mehrheit der Wählerstimmen gewinnt, hängt die
Regierungsbildung meist von
einer Koalitionsbildung ab.
Mehrheitswahlsysteme verfolgen – über die Wahl in Einerwahlkreisen – das Ziel, einer
Partei eine absolute Parlamentsmehrheit zu sichern. So
erhält z.B. eine Partei für eine
relative Mehrheit der Wählerstimmen in der Regel eine absolute Mehrheit der Parlamentsmandate. Auf diese Weise begünstigt die Mehrheitswahl, was die Verhältniswahl
behindert: dass eine Partei allein die Regierung stellen und
ihr Wahlprogramm umsetzen
kann. Infolgedessen führt die
Mehrheitswahl in der Regel zu
einer besseren Regierbarkeit,
höheren Reformfähigkeit sowie in der Folge zu einer größeren Verlässlichkeit und Verantwortlichkeit bzw. Zurechenbarkeit (politischer Entscheidungen) – nach der weit
verbreiteten Meinung jedoch
auch zu einer größeren Ungerechtigkeit als die Verhältniswahl. Schließlich erhält bei der
Mehrheitswahl in der Regel
eine große Partei ohne absolute Mehrheit der Wählerstimmen eine absolute Mehrheit der Parlamentsmandate –
und zwar hauptsächlich zulasten kleiner Parteien, die sich
in den Einerwahlkreisen meist
nicht durchsetzen können. Aus
diesem Blickwinkel erscheint
die Mehrheitswahl als ungerecht. Aber ist die Verhältniswahl gerecht?
Ist ein Wahlsystem gerecht,
das zu einer Regierung führt,
die per Koalitionsvertrag hinter
dem Rücken der Wähler, ja sogar gegen den Willen der
Wähler gebildet wird? So haben z.B. bei der Bundestagswahl 2005 35,2% die CDU/
CSU und 34,2% die SPD gewählt, allerdings nicht 69,4%,
sondern nur 35% der Wähler
eine Große Koalition gewollt.
Ist ein Wahlsystem gerecht,
das die großen Parteien zur
Bildung eines „Machtkartells“
zwingt? So ist eine Regierung
in Form einer Großen Koalition, die vom Wähler nicht gewählt wurde, nicht gewollt ist
und nicht abgewählt werden
kann, nur schwer mit demokratischen Grundsätzen zu vereinbaren.
Ist ein Wahlsystem gerecht,
das kleine Parteien in die Position eines mächtigen „Königsmachers“ bzw. übermächtigen
„Mitregenten“ bringt? So hatte z.B. die FDP zur Zeit der sozialliberalen Koalition (1969 –
1982) nur zwischen 5,8% und
10,6% der Wählerstimmen,
damit jedoch stets einen weitaus größeren Anteil an Kabinettsmitgliedern, politischer
Gestaltungskraft und politischer Verhinderungsmacht –
sowie letztlich sogar (wie der
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
DER REGISTERGESTÜTZTE ZENSUS 2011
Regierungswechsel von 1982
zeigt) die Möglichkeit, einen
Regierungswechsel in Form eines Partnerwechsels (d.h.
während der Wahlperiode
bzw. ohne erneutes Wählervotum) herbeizuführen.
Ist ein Wahlsystem gerecht,
bei dem eine Partei die Mehrheit der Wählerstimmen gewinnt, schlussendlich jedoch
die Wahl – mangels Koalitionsoptionen – verliert? So
wurde z.B. bei der Bundestagswahl 1976 die Wahl eindeutig
von der CDU/CSU (48,6% der
Wählerstimmen; + 3,7%) gewonnen, jedoch die Regierung
von den beiden Wahlverlierern, der SPD (42,6% der
Wählerstimmen; - 3,2%) und
der FDP (7,9% der Wählerstimmen; - 0,5%), gestellt.
Was sind die (ernsthaften) Optionen nach der nächsten –
vielleicht schon bald stattfindenden – Bundestagswahl?
Erstens: erneut eine Große Koalition, die letztlich weder von
der CDU/CSU noch von der
SPD noch von deren Wählern
(mehrheitlich) angestrebt wird.
Zweitens: eine „Kleine Koalition“, in der der Einfluss der
kleinen Regierungspartei definitiv nicht klein, sondern – gemessen an ihren Wählerstimmen – überproportional
groß ist, und die möglicherweise den eigentlichen Wahlgewinner zum faktischen
Wahlverlierer macht. Aus diesem Blickwinkel braucht
Deutschland die Mehrheitswahl: wegen des Arguments
der besseren Regierbarkeit,
wegen des Arguments der höheren Reformfähigkeit und
wegen – nicht trotz – des Arguments der größeren Gerechtigkeit. Zu empfehlen wäre
konkret die Mehrheitswahl mit
proportionaler Zusatzliste, da
diese – im Gegensatz zur
„klassischen Mehrheitswahl“
– nicht nur die Bildung einer
Einparteienregierung, sondern
auch die parlamentarische Repräsentation kleiner Parteien
fördert. Die Große Koalition
hätte jetzt die Möglichkeit, die
Mehrheitswahl einzuführen –
und damit dafür zu sorgen,
dass sich die „deutschen Verhältnisse“ von abschreckenden Verhältnissen zu vorbildhaften Verhältnissen entwickeln.
Höhere Reformfähigkeit
Mehrheitswahlrecht ist
jetzt möglich
Neuer Versuch – Neuer Weg – Neue Daten
Der registergestützte Zensus 2011
Simon Buhl, Düsseldorf
Die Europäische Kommission
bereitet derzeit einen Entwurf
für eine „Verordnung über
Volks- und Wohnungszählungen“ vor, die als dauerhafte,
verbindliche Rechtsgrundlage
geplant ist. Als Termin für die
nächste europaweite Zensusrunde ist 2010/2011 vorgesehen. Das Bundeskabinett hat
am 29. August 2006 beschlossen, dass sich Deutschland an
dieser EU-weiten Volkszählungsrunde mit einem registergestützten Verfahren beteiligen wird.
Die heutigen amtlichen Bevölkerungszahlen beruhen auf
den Zahlen der letzten Volkszählungen und den seitdem erfolgten Fortschreibungen um
Geburten und Sterbefälle sowie um die von den Gemeinden gemeldeten Zu- und Fortzüge. Die letzte Volkszählung
fand im Westen Deutschlands
1987, im Osten Deutschlands
1981 statt; somit stellen derzeit 19 bzw. 25 Jahre alte Bevölkerungszahlen die Basis der
Bevölkerungsfortschreibung
und letztlich auch der amtlichen Einwohnerzahl dar. Die
ebenfalls darauf aufbauenden
Zahlen zum kommunalen Finanzausgleich, zur Abgrenzung von Wahlkreisen, die Angaben über die Altersstruktur
und die Erwerbsbeteiligung
der Bevölkerung werden im
Laufe der Zeit ständig ungenauer; gleichwohl bilden sie
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
u.a. eine wichtige Grundlage
für politische Entscheidungen.
Bedenkt man außerdem, dass
in die Zeit seit der letzten Bestandsaufnahme der Bevölkerung noch Ereignisse wie die
Wiedervereinigung Deutschlands, die Öffnung der innereuropäischen Grenzen und die
EU-Osterweiterung fielen, so
erscheint eine Aktualisierung
der europäischen und insbesondere der deutschen Bevölkerungszahlen dringend geboten.
Verbindliche
Rechtsgrundlage
Entwicklungen seit
1987
Die letzte Volkszählung in der
Bundesrepublik Deutschland
fand im Jahr 1987 statt, nach41
DER REGISTERGESTÜTZTE ZENSUS 2011
Alternativen zur
traditionellen VZ
Verschiedene Modelle
Mildere Mittel
42
dem sie eigentlich für das Jahr
1983 vorgesehen war. Das
„Volkszählungsurteil“1
des
Bundesverfassungsgerichts
1983 stoppte jedoch die ursprünglichen Pläne, sodass die
Zählung erst 1987 durchgeführt werden konnte, nachdem
sie auf eine neue – gemäß
dem Volkszählungsurteil verfassungsmäßige – gesetzliche
Grundlage gestellt worden
war.
Das Urteil von 1983 hatte allerdings nicht nur Konsequenzen für die Volkszählung in
den 1980er Jahren. Mit dem
Urteil wurden grundlegende
Entscheidungen getroffen, die
seitdem bei der Planung von
Volkszählungen bzw. Zensen
in Deutschland von der amtlichen Statistik zu berücksichtigen sind. Beispielhaft sei hier
die Forderung an den Gesetzgeber genannt, sich vor einer
erneuten Volkszählung mit
dem „Stand der Methodendiskussion
auseinandersetzen…, um festzustellen, ob
und in welchem Umfang die
herkömmlichen Methoden der
Informationserhebung
und
-verarbeitung
beibehalten
werden können.“2 Die Richter
forderten, dass die amtliche
Statistik für zukünftige Zählungen nach „milderen Mitteln“
gegenüber einer Totalerhebung suchen sollte. Ein zentraler Aspekt des Volkszählungsurteils war zudem das Rückspielverbot, das es untersagt,
Einzeldaten aus dem abgeschotteten Statistikbereich an
andere staatliche Behörden
weiterzugeben. Dadurch konnten in der Zählung 1987 festgestellte Fehler in den Einwohnermelderegistern nicht
korrigiert werden, was insbesondere Auswirkungen auf die
späteren Überlegungen zu alternativen
Zensusmodellen
hatte, die Registerdaten der
öffentlichen Verwaltung nutzen wollten.
Bereits 1991 wurden im Rahmen des „5. Wiesbadener Gesprächs“ zu dem Thema
„Volkszählung 2000 – oder
was sonst?“ erste Überlegungen zu Alternativen gegenüber
einer traditionellen Volkszählung angestellt, u.a. auch zu
Auswertungen der Melderegister. Die ausschließliche
Nutzung der Register wurde
allerdings als problematisch
angesehen. Dagegen sprachen
der unzureichende Datenkranz, die als zu hoch eingeschätzten Registerfehler und
nicht zuletzt die Tatsache, dass
die Melderegister von den Gemeinden selbst beeinflusst
werden können.
Von 1992 bis 1995 wurden
durch die Arbeitsgemeinschaft
„Künftige Zensen“3 verschiedene Zensusmodelle geprüft;
u.a. auch solche, bei denen zuvor eine Registerbereinigung
hätte stattfinden sollen. Aufgrund der damaligen Erkenntnisse sprach sich die amtliche
Statistik 1995 für eine Kombination aus Vollerhebung und
Stichprobe im Rahmen zukünftiger Zensen aus.
1996 wurde von Eurostat ein
Vorentwurf einer Zensus-Verordnung vorgelegt. Dieser
wurde von der damaligen Bundesregierung ebenso abgelehnt wie die Durchführung einer klassischen Volkszählung;
eine solche hielt man aufgrund
der zu hohen Kosten und der
befürchteten Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung als
nicht durchführbar. Auf Drängen Deutschlands legte Eurostat statt einer Verordnung nur
„Leitlinien für das gemeinschaftliche Programm der
Volks- und Wohnungszählung
im Jahre 2001“4 vor; diese
wurden 1997 im Ausschuss für
das Statistische Programm der
EU gebilligt. Die Leitlinien wa-
ren jedoch nicht rechtsverbindlich sondern ein „Gentlemen’s
Agreement“ und so waren
Deutschland und Schweden
die einzigen EU-Mitglieder, die
sich nicht an der EU-weiten
Zensusrunde der Jahre 2000/
2001 beteiligten.
Da die Durchführung einer traditionellen Zählung somit aus
politischen Gründen nicht
mehr möglich war, wurde
1997 in Deutschland die Arbeitsgruppe „Gemeinschaftsweiter Zensus 2001“5 eingerichtet, um die Arbeiten an den
damaligen Konzepten der verschiedenen Modelle zur Ersetzung eines traditionellen Zensus fortzusetzen. Ein erstes
Modell für einen registergestützten Zensus wurde von
der AG 1998 vorgestellt.
Die Komplexität des Modells
und die Unsicherheit über die
Qualität der Melderegister
machten jedoch Tests notwendig. Ein solcher „Zensustest“
wurde schließlich im Jahre
2001 durchgeführt.6 In ihm
wurden die Verfahren, die bei
einem registergestützten Zensus zum Einsatz kommen sollten, getestet und die Qualität
der Melderegister sollte ebenso beurteilt werden wie die
Validität der Daten aus den
verschiedenen untersuchten
Quellen. Auf Grundlage der Erkenntnisse aus dem Zensustest
wurde das Modell für einen
registergestützten Zensus in
Deutschland von den Statistischen Ämtern des Bundes und
der Länder in der Folgezeit
weiterentwickelt.
Das aktuelle Modell
Das Modell für einen registergestützten Zensus besteht aus
unterschiedlichen Bausteinen.
Grundlage bilden verschiedene
existierende Registerdaten der
öffentlichen Verwaltung und
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
DER REGISTERGESTÜTZTE ZENSUS 2011
einige primärstatistische Elemente, die mittels geeigneter
Verfahren verknüpft werden.
Einen Überblick über die verwendeten Datenquellen und
den Ablauf im Modell gibt Abbildung 1.
Beim Zensus 2011 ist vorgesehen, Daten aus folgenden
Quellen zusammenzuführen:
• Melderegisterauszüge
sämtlicher gemeldeten Personen aller Gemeinden,
• Daten aus erwerbsstatistischen Registern (Daten der
Bundesagentur für Arbeit
über sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Arbeitslose sowie die Daten
von Gebietskörperschaften
und sonstigen Behörden
über Beamte, Richter etc.),
• Gebäude- und Wohnungsdaten aus einer postalischen Befragung der rund
17,5 Mio. Gebäude- und
Wohnungseigentümer,
• Daten aus einer ergänzenden Haushaltsstichprobe
bei ca. 8 % der Bevölkerung
sowie
• Registerauswertung oder
Datenerhebung bei Verwaltern oder Bewohnern von
Sondergebäuden wie Gemeinschaftsunterkünften,
Anstalten,
Wohnheimen
und ähnlichen Einrichtungen (für ca. 2 Mio. Personen).
Die
Melderegistereinträge
werden zunächst anhand einer
zweiten
Melderegisterlieferung, die ca. vier Monate nach
dem Zensusstichtag erfolgt,
um temporäre Fehler bereinigt
(z.B. nachträgliche Ummeldung nach einem Umzug oder
Anmeldung vor dem Stichtag
Geborener erfolgt erst nach
dem Stichtag). Um Doppelzählungen bei einem registergestützten Zensus zu vermeiden, wird der gesamte Regis-
Abbildung 1
terbestand auf Mehrfachfälle
untersucht und korrigiert. Hierbei können auch Fälle festgestellt und bereinigt werden,
bei denen Personen nur mit
Nebenwohnsitz, aber nicht mit
Hauptwohnsitz gemeldet sind.
Den Personen in dem bereinigten Melderegisterbestand werden anschließend Erwerbsangaben zugeordnet, sofern für
sie ein entsprechender Datensatz aus den o.g. erwerbsstatistischen Registern vorliegt. Da für die Selbstständigen und andere Erwerbsbeteiligte, wie mithelfende Familienangehörige, keine flächendeckenden Register bestehen, werden die erwerbsstatistischen Merkmale für diesen Personenkreis im Rahmen
der Haushaltsstichprobe ermittelt. Angaben zur Erwerbstätigkeit nach dem Konzept der
International Labour Organization (ILO), wie sie von der EU
gefordert werden, müssen
ebenfalls in der Haushaltsstichprobe erhoben werden.
Mit Hilfe der Daten aus den
Melderegistern und der Befragung der Gebäude- und Wohnungseigentümer
werden
dann anhand verschiedener
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Kriterien Personen zu Haushalten zusammengeführt und
Wohnungen zugeordnet.
Die ergänzende Stichprobenerhebung dient in dem Modell
zwei Zielen. Zum einen werden
mit ihr Fehler in den Melderegistern identifiziert (Überoder Untererfassungen), diese
werden gemeindeweise hochgerechnet und schließlich (statistisch) korrigiert. Die Statistischen Ämter des Bundes und
der Länder haben sich dafür
ausgesprochen, diese Korrekturen insbesondere in Gemeinden über 10.000 Einwohner
durchzuführen. Ausschlaggebend dafür waren die Erkenntnisse aus dem Zensustest von
2001, in dem festgestellt wurde, dass die Fehlerrate der
Melderegister mit zunehmender Gemeindegröße ansteigt.
Die vergleichsweise kleinen
Gemeinden weisen demzufolge genauere Melderegister
auf; ein Vorgehen wie in den
größeren Gemeinden wäre
hier im Verhältnis zum Nutzen
zu teuer und zu aufwändig.7
Zum anderen ist die ergänzende Stichprobe notwendig –
und dies unabhängig von der
Gemeindegröße –, um Daten
Ansteigende Fehlerrate
43
DER REGISTERGESTÜTZTE ZENSUS 2011
Zensustest
Abbildung 2
44
zu Merkmalen zu erheben, für
die keine Angaben aus Registern vorliegen. Dies ist zum
Beispiel bei Informationen zur
Bildung oder Ausbildung der
Bürgerinnen und Bürger der
Fall oder – wie bereits erwähnt
– bei erwerbsstatistischen Angaben zu Selbstständigen.
Wie der Zensustest gezeigt
hat, sind die Fehlerraten der
Melderegister bei Sondergebäuden, wie zum Beispiel
bei Gemeinschaftsunterkünften, Anstalten oder Wohnheimen, sehr hoch. Aufgrund dieser Tatsache werden diese Bereiche gesondert behandelt,
um die Fehlerraten durch eine
gezielte Erhebung zu minimieren. Zu den Sondergebäuden
zählen auch die sog. sensiblen
Bereiche, wie bspw. Justizvollzugsanstalten oder Obdachlosenunterkünfte, für die
die Daten anonym erhoben
werden müssen. Ein weiterer
Bereich, der zu den Sondergebäuden zu zählen ist, sind
die Gebäude, die von Angehörigen ausländischer Streitkräfte, diplomatischer und berufskonsularischer Vertretungen
bewohnt werden. Dieser Personenkreis ist – internationalen Regelungen folgend –
beim Zensus nicht zur Wohnbevölkerung Deutschlands zu
zählen.
Im Ergebnis der Zusammenführungen der verschiedenen
Bausteine des registergestützten Zensus erhält man den
zensustypischen
Datensatz,
mit dem verschiedene räumlich und fachlich gegliederte
Auswertungen vorgenommen
werden können.
Ergebnisse 2011
Die Ergebnisse des Zensus
2011 liefern Informationen
über die demografische und
sozioökonomische Struktur der
Bevölkerung, der Erwerbstätigen, der Haushalte und Familien. Daneben werden gleichzeitig auch Daten zu Gebäuden
und Wohnungen ausgewiesen,
die sich teilweise auch in Verbindung mit den zuvor genannten personenbezogenen Merkmalen kombinieren lassen.
Die räumliche und fachliche
Gliederung der auszuweisenden Ergebnisse des Zensus
2011 werden sich in erster Linie an den Vorgaben der EUVerordnung orientieren. Dort
werden einige Kernmerkmale
aufgeführt sein, die in einer
bestimmten räumlichen und
fachlichen Gliederung ausgewiesen werden müssen.
Einen Überblick darüber, in
welcher Differenzierung sich
die Ergebnisse mit dem Modell
des registergestützten Zensus
darstellen lassen, gibt Abbildung 2.
Aufgrund der verschiedenen
Quellen, die im registergestützten Zensus genutzt
werden, muss bei der Betrach-
tung der Ergebnisse eine Differenzierung erfolgen. So liegen
die primärstatistisch ermittelten Gebäude- und Wohnungsangaben wie bei einem herkömmlichen Zensus vor und
lassen auch kleinräumliche
Auswertungen zu.
Anders verhält es sich dagegen
bei den demografischen Daten, den Haushaltsdaten und
den erwerbsstatistischen Angaben, die auf Registern basieren. Aufgrund der Ungenauigkeiten der zugrunde liegenden
Register können unterhalb der
Gemeindeebene Verzerrungen
auftreten. Auf der Gemeindeebene entsprechen die Ergebnisse in ihrer Qualität denen
eines herkömmlichen Zensus,
wenn es sich um Gemeinden
über 10.000 Einwohner handelt. Wie bereits im vorherigen
Abschnitt erwähnt, werden in
diesen Gemeinden die im Rahmen der Stichprobe aufgedeckten Registerfehler hochgerechnet und gemeindeweise
korrigiert. In den Gemeinden
unter
10.000
Einwohner
kommt dieses Verfahren nicht
zum Einsatz, was aufgrund der
tendenziell höheren Qualität
der Register auch nicht notwendig ist.8
Erwerbsstatistische Angaben,
die nicht in Registern vorhanden sind (Selbstständige, mithelfende Familienangehörige,
Erwerbstätigkeit nach ILOKonzept), Angaben zu Berufen, zum Bildungsstand und
zur Pendlerstruktur müssen
komplett im Rahmen der Stichprobe erhoben werden. Daher
sind Ergebnisse auf Gemeindeebene nur für solche ab 10.000
Einwohner verfügbar. In Gemeinden unter 10.000 Einwohner werden diese Merkmale
ebenfalls im Rahmen der
Haushaltsstichprobe erhoben,
allerdings mit einem reduzierten Stichprobenumfang. Daher
können die Ergebnisse für die
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
DER REGISTERGESTÜTZTE ZENSUS 2011
„kleinen Gemeinden“ nur auf
Kreisebene ausgewiesen werden.9
Die aufgezeigten fachlichen
und räumlichen Gliederungsmöglichkeiten der Ergebnisse
stellen letztlich einen Kompromiss aus den Forderungen
verschiedener Interessengruppen dar. Sie sind das Ergebnis
der methodischen Entwicklungen am Modell des registergestützten Zensus unter der
Nebenbedingung der Forderungen nach möglichst hoher
Ergebnisqualität und -akzeptanz, bei gleichzeitig möglichst
geringen Kosten und möglichst
geringer Belastung der Bürger
durch Befragungen.
Ausblick und Fazit
Nach dem Beschluss des Bundeskabinetts vom August
2006, dass sich Deutschland
an der 2010/2011 EU-weiten
Volkszählungsrunde mit einem
registergestützten Verfahren
beteiligen wird, müssen nun
die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Durchführung
des Zensus im Jahr 2011 geschaffen werden. Dazu ist zunächst ein Zensusvorbereitungsgesetz für das Jahr 2007
geplant, in dem der Aufbau eines Adress- und Gebäuderegisters durch die Statistischen Ämter des Bundes und
der Länder ermöglicht wird.
Dieses Register dient im eigentlichen Zensus als Adressleitband und Organisationsdatei, als Grundgesamtheit für
die Stichprobenziehung und
zur Vollzähligkeitsprüfung für
die verschiedenen Erhebungsteile. Daneben wird im
ZensusVorG der Aufbau einer
Gebäudeeigentümerdatei geregelt sein, die die Grundlage
für die postalische Gebäudeund Wohnungszählung im
Zensus bildet.
Die bereits mehrfach erwähnte
EU-Verordnung zur Zensusrunde 2010/2011 ist für 2008
geplant. Im Anschluss an deren Inkrafttreten wird dann mit
einem nationalen Zensusanordnungsgesetz zu rechnen
sein, in dem die konkrete
Durchführung für 2011 geregelt sein wird.
Nach dem Stichtag, der in
Deutschland vermutlich in die
erste Jahreshälfte 2011 fallen
wird, werden ca. 1,5 bis 2 Jahre benötigt, um alle Daten zu
erheben, zu verarbeiten und
zusammenzuführen
und
schließlich Ende 2012/Anfang
2013 erste Ergebnisse präsentieren zu können, die in vielen
Bereichen eine deutliche Verbesserung der Datenqualität
darstellen werden:
• Neuausrichtung der im Jahr
2011 auf 24 bzw. 30 Jahre
alten Zahlen beruhenden
Bevölkerungszahl,
• Aktualisierung der Auswahlgrundlage und des
Hochrechnungsrahmens für
amtliche und nichtamtliche
Stichprobenerhebungen,
• detaillierte Angaben zu den
Gebäuden und Wohnungen
in Deutschland,
• Gewinn an aktuellen – teilweise kleinräumlichen – Ergebnissen zu Haushalten,
demografischen Merkmalen
der
Bevölkerung,
zur
Erwerbssituation abhängig
beschäftigter
Arbeitnehmer,
• zusätzliche Informationen
über den Anteil der Bevölkerung in Anstalten und
Wohnheimen sowie
• Informationen über die
Qualität der Melderegister.
Anmerkungen
1
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BVerfG, 65,1 - Volkszählung vom
15. Dezember 1983, In: Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts (Hrsg.): Entscheidungen des
2
3
4
5
6
7
8
9
Bundesverfassungsgerichts. 65, S.
1-71.
Vgl. hierzu und zum Folgenden:
BVerfG, 65,1 - Volkszählung vom
15. Dezember 1983, In: Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts (Hrsg.): Entscheidungen des
Bundesverfassungsgerichts. 65, S.
1-71.
Diese Arbeitsgruppe setzte sich
zusammen aus Vertretern der Statistischen Ämter des Bundes, der
Länder und der Gemeinden sowie
aus Vertretern der für die Melderegister zuständigen Ressorts. Der
Abschlussbericht der Arbeitsgruppe ist zu finden in: Künftige Zensen in Deutschland. Ergebnisse
der Untersuchung der Arbeitsgruppe „Künftige Zensen zu Inhalt und Methoden“, Hrsg.: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden
1995.
Leitlinien für die Volks- und
Wohnungszählung 2001, verabschiedet durch den Ausschuss für
das statistische Programm auf der
27. Sitzung am 26./27. November
1997 in Luxemburg.
In der Arbeitsgruppe waren die
Statistischen Ämter des Bundes
und der Länder sowie Bundesressorts vertreten.
Zur Methode und den Ergebnissen des Zensustests vgl. „Statistische Ämter des Bundes und der
Länder: Ergebnisse des Zensustests“; Statistische Analysen und
Studien
Nordrhein-Westfalen,
Band 17/ 2004, S. 28ff.
In den Gemeinden unter 10.000
Einwohner sollen jedoch andere
Korrekturmechanismen zum Einsatz kommen, die derzeit von den
Statistischen Ämtern des Bundes
und der Länder entwickelt werden.
Vgl. Fußnote 7. Aufgrund der Tatsache, dass in den Gemeinden unter 10.000 Einwohner keine
gemeindeweise Korrektur mittels
der Stichprobenergebnisse vorgenommen wird, können die Ergebnisse bzgl. der demografischen
Daten, den Haushaltsangaben
und die erwerbsstatistischen Ergebnisse (ohne Selbstständige)
daher Verzerrungen aufweisen.
Inwiefern hier jedoch noch Möglichkeiten
bestehen
Kreisergebnisse dazu zu nutzen, um
auch für die Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern Ergebnisse nachzuweisen, ist Gegenstand eines Forschungsauftrags.
Dieser Forschungsauftrag ist vom
Statistischen Bundesamt ausgeschrieben und hat zum Ziel, externen Sachverstand aus der Wissenschaft bei der Optimierung der
Haushaltsstichprobe zu nutzen
und die Möglichkeiten des Einsatzes sog. Small-Area-Verfahren im
Zensus 2011 zu eruieren.
Beschluss des
Bundeskabinetts
Zensusvorbereitungsgesetz
45
Volkszählung 2006 im bevölkerungsreichsten Land Afrikas
150 Mio. Einwohner in Nigeria?
Volker Hannemann, Weyhe
Historie
Ungenauigkeiten und
Manipulationen
130 Mill. oder
160 Mill. Einwohner
46
Die ehemalige britische Kolonie Nigeria in Westafrika ist
seit 1960 unabhängig. In dieser Bundesrepublik kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen, Bürgerkriegen und
Militärdiktaturen. Korruption,
Repressionen, Entführungen,
Wahlfälschungen sind an der
Tagesordnung. Die jetzige
(bereits) IV. Republik hat immer noch mit inneren Unruhen, häufig von militanten Bewegungen unterstützt, zu
kämpfen. Ursachen dafür sind
zu suchen in den bis zu 380
geschätzten unterschiedlichen
Ethnien, in der Teilung in einen
moslemischen Norden und einen christlichen und animistischen Süden und nicht zuletzt
in der völlig unzureichenden
Bekämpfung der Armut trotz
reicher Erdölvorkommen.
Nigeria ist das mit Abstand bevölkerungsreichste Land Afrikas, aber niemand kennt eine
annähernd realistische Einwohnerzahl, obwohl Nigeria –
leider überwiegend negative –
Erfahrungen mit mehreren
Volkszählungen hat. 1953 gab
es einen ersten Versuch einer
Volkszählung mit einer Bevölkerung von 31,6 Mio. Einwohnern. Politische Spannungen,
Befürchtungen, dass die Zählung zu Steuerzwecken benutzt würde, logistische Probleme und unzureichend geschulte Zähler führten zu eine
geschätzten Untererfassung
von 10%. Die Ergebnisse der
nächsten Zählung 1962 wurden wegen angeblicher Manipulationen und Übererfassung
annulliert. Die Ergebnisse der
Wiederholungszählung 1963
mit 55,6 Mio. Einwohnern
wurden amtlich anerkannt, obwohl es auch hier zu Ungenauigkeiten, erheblichen Manipulationen und Übererfassungen
zum Zwecke regionaler und lokaler politischer Macht kam.
Dass die Ergebnisse nicht stimmen konnten, zeigt der Vergleich mit den Zahlen von
1953: ein jährliches Bevölkerungswachstum von 5,8% (auf
regionaler Ebene sogar bis zu
13%) ist absolut unrealistisch!
Im UN Demographic Yearbook
wurde diese Zahl auf 46 Mio.
verringert. Die Ergebnisse des
nächsten Zensus von 1973
wurden nach heftigen kontroversen Debatten und Diskussionen schließlich annulliert.
Der bisher letzte Zensus fand
1991 statt. Um mögliche Unruhen zu vermeiden, wurden Fragen nach Religion und Stammeszugehörigkeit aus den Erhebungsbögen gestrichen und
die Öffentlichkeit umfassend
informiert und aufgeklärt. An
drei Tagen im November
mussten die Einwohner von 6
bis 18 Uhr zu Hause bleiben,
um von 800 000 Zähler befragt
zu werden. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse wurden
diese vornehmlich von den
bevölkerungsärmeren Bundesstaaten abgelehnt und nicht
akzeptiert. Amtlich festgesetzt
wurde schließlich eine Einwohnerzahl von 88,9 Mio.
Vorbereitung
In Nigeria wissen die Politiker
um die Bedeutung von Einwohnerzahlen insbesondere in
Bezug auf Infrastrukturpla-
nung und finanzielle Mittelzuweisung. Fehlplanungen (z. B.
hoffnungslos überlastete Telefon- und Stromleitungen) auf
Grund unzutreffender Einwohnerzahlen werden allerorts beklagt. Verstärkt wurde dieser
Effekt zu allen Zeiten zusätzlich durch übertriebene, unrealistische Bevölkerungsprognosen. So ergibt heute die Summe der für die einzelnen Bundesstaaten auf Grund von Prognosen (besser Schätzungen)
mit der Basis 1991 angegebenen Bevölkerungszahlen eine
Gesamtbevölkerungszahl von
etwas mehr als 159 Mio., was
jedoch weit über den Schätzungen vieler Statistiker von
130-135 Mio. Einwohnern
liegt.
Auch um belastbare Daten für
die sozioökonomische Planung
zu erhalten hatte Nigeria sich
entschlossen, vom 21. – 25.
März 2006 eine Volkszählung
durchzuführen. Bereits in 2004
wurde eine Staatliche Bevölkerungskommission (NPOPC) gegründet, die den Masterplan
für die geplante Zählung erarbeitete. Ein kritischer Punkt
war die unverzügliche Bezahlung von rund 1,8 Mio. Zählern
und Mitarbeitern in einem
Land , das fast dreimal so groß
ist wie die Bundesrepublik
Deutschland und dabei 36
Bundessaaten und 774 örtliche
Verwaltungseinheiten hat. Intensive internationale Verhandlungen haben dazu geführt, dass sich die EU mit
121,4 Mio. $ und das Entwicklungsprogramm der Vereinten
Nationen (UNDP) mit 104 Mio.
$ an den Zählungskosten be-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
150 MIO. EINWOHNER IN NIGERIA?
teiligten. Unterstützung kam
auch von der Behörde für Internationale Entwicklung der
USA (USAID), vom Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen (UNFPA) und vom Amt
für Internationale Entwicklung
in Großbritannien (DFID).
Der UNFPA hat stark für die
Ausbildung von Trainern als
Multiplikatoren unterstützt,
insbesondere die Schulung von
Personal für die anschließende
Auswertung und Analyse der
Zählungsergebnisse. 70 Journalisten wurden darin unterwiesen, wie man zweckmäßigerweise die Öffentlichkeit
über den Zensus informiert.
Aufklärung der Öffentlichkeit
durch Zeitungen, Rundfunk, TV
und Internet wurde intensiv
vorbereitet. Auf kritische Fragen nach der Religions- oder
Stammeszugehörigkeit wurde
verzichtet, um Proteste und
Unruhen zu vermeiden. „In
den letzten zwei Jahren hat die
Staatliche Bevölkerungskommission intensiv und nachhaltig mit allen unterstützenden
Partnern, Bundesstaaten und
örtlichen Verwaltungen zusammengearbeitet, um eine
verlässliche Grundlage für eine
genaue, zuverlässige und akzeptierte Zählung zu schaffen“,
versicherte der Leiter der Kommission Anfang des Jahres.
Verkehrsstaus – waren unheimlich still und frei von Bussen, Taxis und Privatautos. Dafür spielten jetzt dort Kinder
lautstark Fußball.
Früh am Tage versicherte Präsident Obasanjo landesweit im
Rundfunk und Fernsehen, dass
die Zählung ein Erfolg würde
und kein Geheimplan dahinter
stecken würde. Auch betonte
er, das die Zählung nicht politisiert werden sollte und daher
auch nicht zu einem Wettkampf um politische Macht
führen dürfe, obwohl bei vorausgegangenen
Zählungen
das Vertrauen in den Sinn und
Zweck gefehlt habe. Der Zensus diene allein dem Wohle aller und deshalb sei Ruhe nötig.
Trotzdem wurden etliche Einwohner ungeduldig, weil sie
nicht unverzüglich von den
Zählern aufgesucht wurden.
Auch gab es in einigen Gebieten Materialengpässe, woanders legten Zähler ihre Arbeit
nieder, weil sie noch nicht bezahlt worden waren. Auch
wurde beklagt, dass die ersten
drei Zählungstage nicht - wie
von vielen gefordert - zu nationalen freien Tagen erklärt worden waren. Unter Polizeischutz
wurden viele Obdachlose gezählt. Vereinzelt wurden auch
Zähler tätlich angegriffen. Die
Polizei wurde angewiesen,
Bevölkerungsansammlungen
zu verhindern. Kurz vor der
Zählung kam es zu Gewalttätigkeiten, bei denen 10 Personen getötet und zahlreiche
verletzt wurden. Die Polizei
verstärkte daraufhin die Sicherheitsmaßnahmen. Am ersten Tag wurden wieder neun
Personen, darunter drei Polizisten, bei Unruhen getötet.
Auch gab es sechs Verletzte,
als Polizisten in eine Menschengruppe feuerten.
Der Fragenkatalog beinhaltete
Fragen zu Ausbildung, Beruf,
Einkommen, Größe des Hauses, Wasserversorgung, Toiletten, Energieversorgung, Besitz
von Radio, Telefon und TV.
Die gewaltige logistische Herausforderung wurde von vielen thematisiert, aber die größeren Probleme befürchtete
man nach Bekanntgabe der Ergebnisse. Allein 42 000 Kontrolleure beaufsichtigten die
mehr als 1 Mio. Zähler, um
eine korrekte Zählung sicher
zu stellen. Sogar Esel und Kamele wurden für Zähler Trans-
Polizeischutz
19 Tote
Fragenkatalog
Durchführung
Schon am ersten Tag der Zählung, dem 21. März, glich Nigerias bedeutendste Stadt Lagos einer Geisterstadt, denn
die Bevölkerung befolgte die
Anordnung der Regierung, aus
Anlass der Zählung in der Zeit
von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr zu
Hause zu bleiben. Alle Märkte,
Geschäfte, Einkaufszentren,
Restaurants, Tankstellen und
Freizeitzentren hatten geschlossen. Die Straßen der
Stadt – berüchtigt wegen der
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
47
MITGEZÄHLT
portmittel in abgelegene Gebiete zur Verfügung gestellt.
Neueste Technik, z. B. GPS
und Satellitenaufnahmen kamen um Einsatz. Weil die Zählung schleppend begann, wurden schnell Stimmen von Zählern laut, die eine Verlängerung des Zählungszeitraumes
forderten, um eine vollständige Erfassung der Personen zu
gewährleisten.
Am dritten Tag, dem 23. März
gab Präsident Obasanjo bekannt, dass der Zensus um
zwei Tage bis zum Montag
verlängert würde. Auch warnte er, dass die Polizei entschlossen gegen jegliche Versuche, die Zählung zu stören
oder zu behindern, vorgehen
würde. Gleichzeitig appellierte
er an alle Arbeitgeber, ihren
Beschäftigten frei zu geben,
damit sie gezählt würden. Viele kleine Kaufleute und Händler hatten sich darüber beschwert, dass sie keine Einnahmen mehr hätten.
Am vierten Tag, dem 24. März
kam es vermehrt zu Gewalttätigkeiten, wachsendem Aufruhr und 30 Festnahmen, weil
die Zählung verlängert werden
sollte. Die Polizei verstärkte
ihre Patrouillen und Kontrolleinsätze. Die Volkszählung wurde am Montag, dem 27. März
beendet.
Ergebnisse
Mit Spannung werden nun die
Ergebnisse des Zensus erwartet. Angekündigt wurden sie
für Ende 2006. Aber Ergebnisse von Volkszählungen waren
in Nigeria immer problematisch, weil ethnische und reli-
giöse Gruppen versuchten,
größere Bevölkerungszahlen
für sich zu reklamieren, um ein
größeres Stück vom Kuchen
der Erdöleinnahmen zu erhalten und über mehr politischen
Einfluss zu verfügen. Hinzu
kommt erschwerend, dass der
muslimische Norden und der
christliche und animistische
Süden etwa gleich groß sind.
Dennoch verspricht sich die
Regierung belastbare Daten
für ihre Entwicklungsstrategien und -politik in einem Land,
wo die meisten Einwohner –
trotz der enormen Öleinnahmen – in erbärmlicher Armut leben.
Nun hat die staatliche Wahlkommission (INEC) angeregt,
die Ergebnisse erst nach der
für April 2007 geplanten Wahl
zu veröffentlichen...
VZ 87: Erst dagegen – dann ausgewertet
Mitgezählt
Klaus Marquardt, Herne
Rechtsschutzfibel
48
Sie stehen noch in meinem Bücherregal: die “Rechtsschutzfibel zur Volkszählung” und
der Ratgeber von Verena
Rottmann und Holger Strohm,
“Was Sie gegen Mikrozensus
und Volkszählung tun können”. Ja, ich war dabei, bei
den
Volkszählungsgegnern,
die
gegen
die
Datensammelwut des Staates ihr
grundsätzliches
Misstrauen
unters Volk streuten – na ja,
was halt so dabei sein heißt,
wenn man in der Universitätsstadt Göttingen überwiegend
an seiner Diplomarbeit sitzt
und in der Mensa im langen
Stau vor Stammessen 2 oder
Wahlessen 1 den flugblattverteilenden
Kommilitonen
nicht ausweichen kann. Zu der
einen oder anderen Informationsveranstaltung mag ich
auch hingegangen sein, doch
das ist mir nicht mehr in Erinnerung.
Reines Mitläufertum, so ganz
ohne eigene widerständige Energie, kann’s aber auch nicht
gewesen sein. Schließlich habe
ich – wohl Anfang 1987 – strategisch wohlbedacht aus meinem zweiten Wohnsitz am
Studienort meinen einzigen
gemacht und meinen Eltern
zuhause nicht einmal mehr einen Nebenwohnsitz gegönnt.
Denn sie würden, so versicherten sie mir, pflichtbewusst alle
notwendigen Angaben zum
abwesenden
Haushaltsmit-
glied machen. Also: ernst
war’s mir schon und auf die
Abgabe meines Erhebungsbogens musste die Stadt Göttingen so lange warten, bis sie
mir den Gerichtsvollzieher zur
Vollstreckung des angedrohten Zwangsgeldes vorbei
schickte. Das war mir zu teuer.
Mit der – falschen – Angabe,
ich wohnte nur zur Untermiete, konnte ich mich immerhin
um das Ausfüllen des Wohnungsbogens drücken und
kam mir dabei nach der Niederlage bei meiner Teilnahmeverweigerung wenigstens ein
bisschen subversiv vor.
Eine Diplomprüfung, zwei Jahre Berufstätigkeit bei einem
entwicklungspolitischen Ver-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
MITGEZÄHLT
ein, zwei Jahre Arbeitslosigkeit
und anderthalb Kinder später
erhielt ich bei der Stadt Herne
eine ABM-Stelle: Auswertung
der rückübermittelten Daten
aus der Volkszählung 1987.
Wie einem manchmal das Leben zuzwinkert. Einer Freundin
in Berlin vermochte ich sogar
zu begründen, dass mir die Ironie zwar bewusst sei, warum
ich aber in meiner, schließlich
auch
manifest-materiellen
Gründen geschuldeten, Entscheidung nicht wirklich einen
Widerspruch zu meiner Haltung vier Jahre zuvor sehe.
Wenn man sich mit der Auswertung der gesammelten Daten so viel Zeit lasse, könne es
um die zugrunde liegenden
staatlichen Motive nicht ganz
so schlimm bestellt sein wie
damals vermutet. – Ich konnte
sie nicht wirklich überzeugen.
Selbstverständlich hat allein
der Rollenwechsel durch die
Arbeit zunächst für die
Statistikstelle, mittlerweile für
die Stadtentwicklung meine
Einschätzung des Instruments
Volkszählung verändert. Aber
auch wenn es mir gelänge davon zu abstrahieren, könnte
ich dem Großteil meiner damaligen Argumente nicht mehr
beistimmen. Ich will mich aber
auch nicht von ihnen distanzieren, sie jugendlichem Überschwang oder politischer Unreife
unterschieben.
Die
Volkszählungsgegner haben
schließlich mit dem Urteil des
Bundesverfassungsgerichts
1983 die Formulierung eines
Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung und die
rechtliche Begründung für abgeschottete
kommunale
Statistikstellen initiiert, die den
Gemeinden eine gewisse Teilhabe an der staatlichen Statistik erst ermöglichen.
Wenn ihre Argumente auch
überpointiert gewesen sind
und den guten Aspekten von
staatlicher und kommunaler
Planung nicht gerecht wurden
(es gibt auch schlechte), so ist
ihre Sorge doch keineswegs inaktuell in unserer Zeit: in der
die Verknüpfbarkeit aller gesammelten persönlichen Daten
von allen Menschen keine
technische Schranke mehr hat;
in der ich täglich über 100
Spammails erhalte und mein
PC dutzende Male von außen
auf offene Ports gescannt
wird; in der Millionen Kundinnen und Kunden vieler
Einzelhandelsketten diesen für
ein paar Rabattprozente einen
umfassenden Einblick in ihre
Konsumgewohnheiten gewähren; in der ein befreundeter
Pfarrer, weil er in der falschen
Straße wohnt, einen Privatkredit nur zu sehr schlechten Konditionen erhalten hätte, wenn
es ihm nicht gelungen wäre,
reputierliche Bürgen seiner
Zahlungsfähigkeit aufzubieten;
in der eine Hamburger Rechtsanwältin, die eigentlich am
New-York-Marathon teilnehmen will, am JFK-Airport beiseite genommen und gefragt
wird, wie sie denn zum Mandat bei einem PKK-Prozess gekommen sei, und, als sie die
Auskunft mit Verweis auf die
anwaltliche Schweigepflicht
verweigert, den nächsten
Retourflug nehmen muss. Ein
bisschen mehr der damaligen
Sensibilität täte gut.
Auswertung der Herner
Daten
Sorge wegen der
Datenverknüpfbarkeit
Na ja, die Rechtsschutzfibel
kann ich demnächst wirklich
mal entsorgen …
Über Statistik:
„Mein Chef kommt auch
ohne Statistiken aus.“
„Ach, muss der keine
Entscheidungen fällen?“
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
49
IRSI - Uni Siegen bietet an und sucht Partner:
Erhebung und Auswertung
räumlicher Daten
Andreas Baumann, Karsten Stephan, Siegen
Leicht zu bedienende
Abfrage
Kostenfreie Software
Das „Informationssystem regionaler sozialwissenschaftlicher Indikatoren“ (IRSI) ist ein
kostengünstiges und leicht zu
bedienendes System zur Abfrage und Auswertung räumlich
bezogener Daten. Es lässt sich
über ein internes Netz oder
das Internet verwenden. Es
wurde an der Universität Siegen im Rahmen des Regionalforschungsprojektes ISIS (Informationssystem sozialwissenschaftlicher
Indikatoren
Siegen) in Kooperation mit der
Stadt Siegen entwickelt und
wird zur Regionalforschung
und Stadtplanung eingesetzt.
Mit IRSI lassen sich z.B. Daten
zur Bevölkerung, zu Infrastruktureinrichtungen oder zu anderen spezifischen Themenbereichen nach beliebig gewählten
räumlichen Einheiten (z.B.
Stadtteile, statistische Bezirke,
Straßen) zusammenstellen und
auswerten, ohne dass die
NutzerInnen dazu spezielle
Kenntnisse der internen Datenbankstruktur haben müssen.
Die Software basiert auf OpenSource-Komponenten und ist
daher kostenfrei einsetzbar.
IRSI ist ohne großen Aufwand
(Zeit, Schulungen) auf andere
Städte oder Kreise übertragbar. Das Projekt sucht derzeit
Kooperationspartner, die das
Informationssystem einsetzen
wollen.
Datenauswertung
mit Raumbezug
In der wissenschaftlichen Regionalforschung und der admi50
nistrativen Regionalplanung
werden Informationen benötigt, die sich auf bestimmte
räumliche Ebenen beziehen. In
der Stadt Siegen sind dies neben Informationen, die sich
auf das gesamte Stadtgebiet
beziehen, auch solche zu Baublöcken, statistischen Bezirken, Straßenzügen, Stadtteilen
oder anderen verwaltungstechnisch relevanten Gebietsebenen. Viele dieser Informationen liegen nicht auf der
Ebene der räumlichen Einheit
vor, auf der sie benötigt werden. Häufig lassen sich die zugrunde liegenden Daten aber
von einer kleineren zu der gewünschten größeren Ebene zusammenfassen. Zum Beispiel
lassen sich Daten, die auf der
Adressenebene vorliegen, zu
statistischen Bezirken oder zu
Stadtteilen aggregieren. Diese
Aggregationen, kombiniert mit
zusätzlichen statistischen Auswertungen, können sehr zeitaufwändig sein und ist für
datenbanktechnisch unbedarfte Personen kaum zu leisten.
IRSI wurde entwickelt, um diesem Problem zu begegnen.
Der Ansatz von IRSI verbirgt
die skizzierte Komplexität des
Problems vor den AnwenderInnen. Aufgrund der durch das
System vorgeschlagenen und
möglichen
Auswertungen
müssen diese lediglich das gewünschte Ergebnis einer Auswertung definieren. Die notwendigen Datenbankoperationen zur Generierung der
Ergebnistabelle werden dann
automatisch durchgeführt. Die
AnwenderInnen haben dabei
keinen Zugriff auf die Originaldaten. In den folgenden Abschnitten werden die praktische Anwendung und der
technische Hintergrund des
Systems näher erläutert.
Anwendung des
Informationssystems
Der Zugang zu IRSI erfolgt mit
einem Webbrowser über internes Netz oder das Internet.
Vier Schritte sind notwendig:
• Anmeldung und Authentifizierung
• Auswahl der Gebietsebene
mit Auswahl der Gebietseinheiten
• Auswahl der zur Verfügung
stehenden Informationen
und Auswertungsfunktionen
• Ausgabe der Ergebnistabelle
Anmeldung und
Authentifizierung
Zur Anmeldung wird die
Adresse des IRSI-Servers mit
einem Web-Browser über eine
verschlüsselte Verbindung angewählt. Der Zugang zum
System erfolgt nur nach einer
Authentifizierung mittels gültigem Anmeldenamen und
Passwort. Über die Einrichtung von Nutzergruppen
durch die Systemverwaltung
kann auf Basis der Anmeldung festgelegt werden, welche Daten von wem ausgewertet werden dürfen.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
ERHEBUNG UND AUSWERTUNG RÄUMLICHER DATEN
Auswahl der
Gebietsebene
Im zweiten Schritt wird anhand einer vorgegebenen Auswahlliste festgelegt, für welche Gebietsebene die Daten
ausgewertet werden sollen
(siehe (A) in Abbildung 1). Für
die gewählte Gebietsebene
können dann (B) entweder die
Daten zu einer bestimmten
Einheit (z.B. Bezirk „Stadtmitte“) oder die Daten zu allen
Einheiten (z.B. „alle“ Bezirke
der Stadt) angefordert werden.
Im Beispiel werden Daten zu
allen Stadtteilen ausgewertet.
neriert werden können. Weiterhin werden nur die Auswertungsfunktionen
angezeigt, die aufgrund der Art der
Daten berechnet werden können. Die Berechnung des
„Durchschnitts“ ist beispielsweise für die Variable Alter
sinnvoll, nicht aber für die Variable Geschlecht. Generell
kann das Informationssystem
unter
anderem
folgende
grundlegenden Auswertungsfunktionen anbieten: Zählen,
Anteile in Prozent, Summe,
Durchschnitt, Standardabweichung.
Auswahl der
Auswertungsfunktionen
Sind
Gebietsebene
und
Gebietseinheiten gewählt, ermittelt das Informationssystem
die zur Verfügung stehenden
Daten mit den möglichen Auswertungsfunktionen und bietet
diese zur Auswahl an. Folgende Auswahlen müssen getroffen werden (siehe Abbildung
1): (C) Freie Benennung der
Ergebnisspalte, (D) Objektklasse, (E) Objekteigenschaft,
(F) Gültigkeitszeitraum der Daten und (G) Auswertungsfunktion mit (H) eventueller
Kategorieangabe. So wird in
der vierten Zeile des Beispiels
eine Spalte der Ergebnistabelle
mit der Überschrift „Anteil
Frauen“ angefordert, die den
Anteil der Frauen in Prozent im
Jahr 2003 beinhalten soll.
Dazu ist als Objektklasse der
Eintrag „Person“ auszuwählen, als Objekteigenschaft
„Geschlecht“, im Zeitfeld das
Jahr „2003“, als Auswertungsfunktion „Anteil in %“ und als
Kategorieangabe die Eigenschaft „W“ (=weiblich).
Ausgabe der
Ergebnistabelle
Anhand der festgelegten Definition generiert IRSI intern die
benötigten Datenbankabfragen und erzeugt die angeforderte Ergebnistabelle in einer
HTML-Ansicht (siehe Abbildung 2). Diese kann durch ein-
faches „Kopieren und Einfügen“ in Textverarbeitungsprogramme (MS Word, OpenOffice Writer) und in Tabellenkalkulationsprogramme (MS
Excel, OpenOffice Calc) übernommen werden. Zusätzlich
besteht die Möglichkeit, die
Ergebnistabelle in gängige
Dateiformate (z.B. CSV) zu exportieren.
Weiterhin können die NutzerInnen die Ergebnistabelle lokal
speichern. Komplexe Abfragezusammenstellungen können
hierdurch standardisiert und
leicht verändert wiederholt
werden.
Interne
Datenbankstruktur
Alle Informationen des Systems werden in einer MySQL
Datenbank gespeichert.
Abb. 1: Eingabemaske zur
Definition der Ergebnistabelle
Im Verlauf der Definition der
Ergebnistabelle bietet IRSI nur
diejenigen Daten an, die für
die gewünschte Gebietsebene
zur Verfügung stehen oder geStadtforschung und Statistik 1/ 07
51
ERHEBUNG UND AUSWERTUNG RÄUMLICHER DATEN
Abb. 2: Ergebnistabelle
Abb. 3: Beispielausschnitt der
Gebietszuordnungstabelle
Grundsätzlich wird zwischen
Datentabellen und Verwaltungstabellen unterschieden.
Die Datentabellen enthalten
die eigentlichen Daten und deren Zuordnung zu den räumlichen Einheiten. Das bisher erläuterte Auswertungsbeispiel
(siehe Abbildung 1) greift intern auf drei Datentabellen zurück. Diese enthalten auf der
Adressenebene folgende Informationen: ‚Bevölkerung 2004‘
mit dem Feld ‚Alter‘, ‚Bevölkerung 2003‘ mit dem Feld ‚Geschlecht‘ und ‚Schulen 2003‘
mit dem Feld ‚Schülerzahl‘.
52
Wenn die Informationen auf
Adressenebene vorliegen, ist
eine räumliche Aggregation
und eine Auswertung der Daten auf allen übergeordneten
Gebietseinheiten (wie Straße,
Baublock, statistischer Bezirk,
Stadtteil, Stadt) möglich.
Die Verwaltungstabellen organisieren die räumliche Zuordnung und das Anbieten der
möglichen Auswertungsfunktionen während der Definition
der Ergebnistabelle. Als eine
wichtige Verwaltungstabelle
ist die Gebietszuordnungstabelle zu nennen (siehe Abbil-
dung 3). Ausgehend von
Adressen (Straße, Hausnummer, Buchstabe) erfolgt in dieser Tabelle die räumliche Zuordnung der Einheiten zu den
höheren Gebietsebenen. Im
Siegener Informationssystem
wird beispielsweise jeder
Adresse die Nummer des entsprechenden Baublocks, die
Nummer des statistischen Bezirks, die Nummer des Stadtteils usw. zugeordnet.
Die Gebietszuordnungstabelle
kann jederzeit verändert oder
erweitert werden: So können
neue Gebietsebenen ergänzt
werden. IRSI integriert diese
dann automatisch in das Auswertungssystem.
Weiterhin
kann durch dieses Konzept
IRSI ohne großen Aufwand um
übergeordnete Ebenen erweitert werden: z.B. die Kreisebene als höchste Ebene statt
der Stadtebene wie im Siegener System.
Als eine weitere wichtige
Verwaltungstabelle stellt die
Inhaltstabelle quasi das Inhaltsverzeichnis des Informationssystems dar. Dort werden
die in den Datentabellen enthaltenen Daten beschrieben
und damit für das Informationssystem zugänglich gemacht. Neue, in das Informationssystem
aufgenommene
Datentabellen, stehen dann
sofort für die Auswertung zur
Verfügung. Das Einstellen der
Daten erfordert somit keinen
Programmieraufwand, da lediglich die Inhaltstabelle erweitert werden muss.
Insgesamt erlaubt die Gesamtkonzeption des Systems auf der
Grundlage von Datentabellen,
Gebietszuordnungstabelle und
Inhaltstabelle eine Übertragung
auf andere Städte und Regionen ohne großen Aufwand. Neben dem Einstellen der Datentabellen müssen dazu lediglich
die Gebietszuordnungstabelle
und die Inhaltstabelle neu er-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
SERVUS BRUNO
stellt werden. Das Informationssystem steht dann sofort zur
Verfügung.
Technische
Umsetzung
Die technische Umsetzung von
IRSI basiert auf php-Programmen, die über einen Apache
Webserver auf eine MySQLDatenbank zugreifen. Die
Originaldaten verbleiben daher geschützt auf dem zentralen Server. Lediglich die Auswertungsergebnisse werden
über das Netz übermittelt. Das
Siegener System läuft auf
Linux-Servern (Debian Sarge)
der Universität Siegen. Ein Einsatz unter MS Windows ist
ebenfalls problemlos möglich.
Exkurs: IRSI und GIS
Räumliche Auswertungen, wie
sie mit IRSI erzeugt werden
können, lassen sich ebenfalls
mit Geographischen Informationssystemen (GIS) erstellen.
Die Auswertungsmöglichkeiten von IRSI stellen dabei nur
einen kleinen Teil der Möglichkeiten Geographischer Informationssysteme dar. Dennoch
bietet der IRSI-Ansatz mehrere
Vorteile:
• IRSI ist sehr einfach zu bedienen und stellt vorbereitete Auswertungsfunktio-
nen zur Verfügung. Der Einsatz von GIS-Software erfordert hingegen wesentlich
mehr Fachwissen und Einarbeitungszeit.
• Viele Städte bzw. Kreise besitzen bereits die für IRSI
zentrale
Gebietszuordnungstabelle, so dass ein
entsprechendes
System
sehr schnell implementiert
werden kann.
• IRSI und GIS schließen sich
nicht aus. Auf der einen Seite können die Möglichkeiten Geographischer Informationssysteme im Rahmen des IRSI-Ansatzes genutzt werden. Beispielsweise können neu zu erstellende räumliche Einheiten mit
einem GIS definiert und in
der von IRSI benötigten Tabellenform verwendet werden. Umgekehrt lassen sich
mit IRSI gewonnene Ergebnisse mittels GIS weiterverarbeiten, etwa um thematische Karten zu zeichnen.
• Die IRSI Software ist kostenfrei und die IRSI Komponenten basieren ausnahmslos auf Open-Source.
Seit einigen Jahren werden
zwar ebenfalls offene,
lizenzkostenfreie GIS-Systeme entwickelt, diese werden aber bisher in Städten
kaum eingesetzt.
Bisheriger Einsatz
und zukünftige
Entwicklung
An der Universität Siegen wird
IRSI bisher in erster Linie für
Stadtforschungszwecke eingesetzt, was an drei kurzen Beispielen erläutert werden soll:
Im Rahmen der Magisterarbeit
eines der Autoren wurde IRSI
verwendet, um den Einfluss
der räumlichen Verteilungsstruktur der ausländischen Bevölkerung auf Nachbarschaftsverhältnisse und Einstellungen
der deutschen Bevölkerung zu
untersuchen. Zweitens wird
IRSI derzeit im Rahmen einer
Sozialraumanalyse eingesetzt,
um die Verteilung verschiedener
Bevölkerungsmerkmale
wie Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Segregation
über das Stadtgebiet zu analysieren. Diese Forschung geschieht im Auftrag der Stadt
Siegen sowie verschiedener
Migrationsfachdienste. Drittens werden mit IRSI kriminalsoziologische Regionalanalysen erstellt, die die räumliche
Verteilung der Kriminalitätsbelastung untersuchen.
Weiterhin sucht das Projekt Kooperationspartner
in
der
Regionalforschung oder der
kommunalen Verwaltung, die
das Informationssystem für ihre
Zwecke einsetzen möchten.
Einsatz für die
Stadtforschung
Linux oder Windows
Servus Bruno
Martin Schlegel, Hagen
Er war einer der Ersten, die ich
kennen lernte, als ich in den
VDSt eintrat – kein schlechter
Start. Dieser Heidelberger Diplom-Soziologe mit dem glatten Haupt, der aber ansonsten
viele Ecken und Kanten aufweist. Wenn er sich zu Wort
meldete und – mit Vorliebe
aus der hintersten Reihe – mit
kräftiger Stimme loslegte,
dann wurde auch der Letzte im
Raum hellwach. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit wies
Bruno nun den Vorstand in seine Schranken und verlangte
energisch Beschlusstreue. Das
geschah zwar scharfzüngig,
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
war aber vielfältig amüsant;
zwei triftige Grunde, auf jeden
Fall gut zuzuhören.
Nun geht Bruno Schmaus demnächst in den Ruhestand. Doch
wir müssen nicht auf ihn verzichten; in der Ex-AG sehen
wir uns weiter.
53
Einwohnerprognose im Spannungsfeld von Wissenschaft,
Politik und Realität
Ist der demografische Wandel zu
stoppen?
Eckart Bomsdorf1 , Köln
Schaubild 1
Schaubild 2
Schaubild 3
54
Wir wissen es angeblich alle,
aber manche wollen es immer
noch nicht wahrhaben: die
Veränderung
der
Altersstruktur der Bevölkerung in
Deutschland – und nicht nur
dort – wird immer dramatischer. Immer mehr Älteren stehen immer weniger Jüngere
gegenüber. Lassen Sie mich
anfänglich auf einige vor allem
unter Politikern aber auch in
der Öffentlichkeit verbreitete
Irrtümer hinweisen (Schaubild
1), wobei meines Erachtens einige Fakten von der Politik
bewusst ignoriert werden, weil
nicht sein kann, was nicht sein
darf. An den entsprechenden
Stellen wird später die Fehlerhaftigkeit der meisten Aussagen deutlich.
In den Medien und in der Politik, aber auch im Bereich der
Wissenschaft wird zur Verdeutlichung der Dimensionen
des demografischen Wandels
in Deutschland gerne der Umfang des Wanderungsüberschusses zitiert, der erforderlich ist, um bis 2050 das Verhältnis der mittleren zur älteren Generation ständig konstant zu halten. Diese auf einer
Studie der UN basierende Zahl
besagt, dass bis 2050 netto
180 Millionen Menschen nach
Deutschland
einwandern
müssten (Schaubild 2). Eine im
Verhältnis zum gegenwärtigen
Bevölkerungsumfang von rund
82 Millionen Einwohnern sehr
große Anzahl. Diese immer als
eine für Deutschland spezielle
Situation interpretierte Aussage relativiert sich, wenn andere Länder betrachtet werden,
für die hinsichtlich der Konstanz der Altersstruktur dasselbe gelten soll, z.B. die USA
oder Japan. In diesen Ländern
müssten im genannten Zeitraum netto 590 Millionen beziehungsweise 520 Millionen
Menschen einwandern. Vollends fragwürdig wird die praktische Relevanz dieser Zahlen,
wenn für Nordkorea ähnliches
gefordert wird. In diesem Land
müssten nämlich im genannten Zeitraum über 5 Milliarden
Menschen einwandern. Würden die genannten Einwanderungen stattfinden (woher sollen diese kommen?), so würde
sich für Deutschland für 2050
eine Einwohnerzahl von 299
Millionen ergeben, die entsprechenden Einwohnerzahlen
für die USA, Japan und Nordkorea würden 1065 Millionen,
820 Millionen bzw. 6233 Millionen betragen. Diese Zahlen
zeigen, dass es sich bei der
eingangs genannten Betrachtung letztlich um keine realistische Untersuchung, sondern
eher um Zahlenspielereien
handelt.
Die Fakten
Demografischen Wandel hat
es immer schon gegeben. Er
wurde jedoch solange ignoriert, wie er von einem Zuwachs an Lebensqualität begleitet wurde – oder anders
formuliert: Bisher hat der Zuwachs an Lebensqualität zum
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
IST DER DEMOGRAFISCHE WANDEL ZU STOPPEN?
demografischen Wandel beigetragen. Die Entwicklung der
Bevölkerungspyramide,
die
den Altersaufbau der Bevölkerung wiedergibt, weist darauf
hin, dass die Veränderung der
Altersstruktur in Deutschland
ein kontinuierlicher Prozess
war und noch ist (Schaubild 3).
Dieser ist in den letzten Jahrzehnten nur langsam in das
Blickfeld von Politik, Medien
und Gesellschaft gerückt.
Besonders deutlich wird dies
bei Betrachtung der Entwicklung des Durchschnittsalters
der Bevölkerung in Deutschland (Schaubild 4). Dieses ist
seit 1910 nahezu gleichmäßig
gestiegen; die vergangene Entwicklung fordert gerade dazu
auf, diese Tendenz in die Zukunft fortzuschreiben. Die einfache visuelle Fortschreibung
bis 2050 stimmt näherungsweise durchaus mit den Werten überein, die sich aufgrund
umfangreicher Modellrechnungen für die Entwicklung und
das Durchschnittsalter der Bevölkerung ergeben.
Fertilität, Mortalität und Migration sind die Komponenten
der Bevölkerungsentwicklung.
Meistens werden in diesem
Zusammenhang bei der Fertilität und der Mortalität Perioden- oder Querschnittswerte
angegeben, obwohl eine
kohortenspezifische, genauer
geburtsjahrgangsabhängige
Betrachtung sinnvoller wäre.
So zeigt die Betrachtung der
tatsächlichen Geburtenzahlen
der Mütterkohorten seit 1946,
dass die Geburtenzahlen der
einzelnen Kohorten bereits für
den Geburtsjahrgang der Mütter 1946 unter dem für die Reproduktion dieses Jahrgangs
erforderlichen Wert von 2,1
Kindern pro Frau bzw. 2100
Kindern je 1000 Frauen liegen
(Schaubild 5). Modellrechnun-
gen der Geburtenzahlen für
die Mütterkohorten bis 1972
zeigen einen weiteren Rückgang und weisen auf eine Stabilisierung der Geburtenzahlen
auf einem niedrigeren Niveau
hin.2
Die in Schaubild 6 angegebenen Werte für die Lebenserwartung im Jahre 2005 Geborener stellen die Ergebnisse
beispielhafter Modellrechnungen dar. Hierbei handelt es
sich natürlich um Werte aus einer Generationensterbetafel –
nur aus einer solchen Tafel
können reale Werte für die Lebenserwartung ermittelt werden. Mit den Werten aus einer
Periodentafel würden beispielsweise die Probleme der
Alterssicherungssysteme systematisch unterschätzt.
Die in Schaubild 7 wiedergegebenen drei Kurven zeigen u.a.
wie volatil die Wanderungen
sind. Sie weisen auf die Problematik von wissenschaftlich
fundierten Bevölkerungsvorausberechnungen hin, die häufig von mittleren Entwicklungen ausgehen. Dabei ist die
Migration die am ehesten politisch direkt beeinflussbare
Größe.
Der demografische Befund ist
eindeutig. Seine Grundaussagen haben sich in den letzten
Jahren nicht verändert:
• Die Fertilität stagniert auf
niedrigem Niveau.
• Die jüngeren Generationen
reproduzieren sich nur zu
2/3.
• Die Lebenserwartung steigt.
• Der Wanderungssaldo ist
meist positiv (Höhe wechselnd).
• Das Durchschnittsalter der
Bevölkerung nimmt zu.
• Der Bevölkerungsumfang
nimmt ab.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Schaubild 4
Schaubild 5
Schaubild 6
Schaubild 7
55
IST DER DEMOGRAFISCHE WANDEL ZU STOPPEN?
Schaubild 8
Schaubild 9
Schaubild 10
Schaubild 11
56
Der demografische Wandel ist
sicher, auch wenn sein Umfang nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden kann. Das
Problem ist die Veränderung
der Altersstruktur, weniger die
Veränderung des Umfangs der
Bevölkerung. Die Politik hat
diese Erkenntnisse in ihren
Konsequenzen noch zu wenig
wahrgenommen; die Wissenschaft ist sich in ihrer mahnenden Rolle zum Teil uneins.
Die Folgen
Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf den
Bevölkerungsumfang sowie
die Bevölkerungsstruktur in
Deutschland und seinen Gemeinden sind differenziert zu
sehen. Während grundsätzlich
davon auszugehen ist, dass
langfristig der Bevölkerungsumfang in Deutschland zurückgeht und gleichzeitig bei
der Altersstruktur eine Verschiebung zu den Älteren hin
stattfindet, gibt es durchaus
Regionen, in denen voraussichtlich sowohl der Bevölkerungsumfang zunimmt als
auch eine Veränderung der
Altersstruktur nur in gegenüber Deutschland gedämpfter
Form stattfindet. Deutlich wird
dies bei einem Vergleich der
Bevölkerungsentwicklung in
Deutschland
insgesamt
(Schaubild 8) sowie in den Millionenstädten Deutschlands
(Schaubild 9).3 Diese natürlich
auf Annahmen beruhenden
Modellrechnungen zeigen unterschiedliche Entwicklungen.
Besonders differenziert ist die
unterschiedliche Entwicklung
der Altersstruktur der Bevölkerung in den Millionenstädten
sowie in Deutschland zu sehen
(Schaubild 10). Während in
Berlin die Bevölkerung in ähnlichem Umfang wie in
Deutschland altert, bleibt die
Bevölkerung in Hamburg,
München und Köln vergleichsweise jung. Dies ist jedoch keineswegs darauf zurückzuführen, dass in den drei letztgenannten Städten die Fertilitätsrate besonders hoch wäre,
vielmehr beruht diese gedämpfte Alterung vor allem in
Hamburg und München auf
den sehr hohen Wanderungen
(Schaubild 11). Die Wanderungsabhängigkeit des Bevölkerungsumfangs ist in allen
vier betrachteten Städten wesentlich größer als in Deutschland insgesamt.
Die Millionenstädte Deutschlands entziehen sich also in
unterschiedlicher Weise dem
Bundestrend: Berlin liegt fast
im Bundestrend: es schrumpft
leicht und ergraut deutlich.
Hamburg und München wachsen, Köln bleibt jung und hält
seinen Bevölkerungsumfang.
Obwohl die Alterssicherungssysteme kein direktes Thema
dieses Beitrags sind, erfordert
die aktuelle Situation der gesetzlichen Rentenversicherung
– der Staat muss bis zum Jahresende bei den Rentenzahlungen mit vorgezogenen Zuschüssen oder sogar Krediten
aushelfen – einige Bemerkungen, die durchaus mit unserem
Thema zu tun haben. Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf Systeme lebenslänglich gezahlter
Renten sind evident: Der Anteil
der Rentenempfänger an der
Bevölkerung steigt sowohl
durch geringe Fertilität als
auch durch Steigerung der Lebenserwartung. Die Rentenzahldauer nimmt durch die
steigende Lebenserwartung
zu. Dies gilt letztlich sowohl
für Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung als
auch für lebenslänglich gezahlte Renten aus anderen
Quellen.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
IST DER DEMOGRAFISCHE WANDEL ZU STOPPEN?
Die Politik ignoriert die Realität teilweise. So ist aus offiziellen Quellen immer wieder zu
hören, dass das Verhältnis von
Beitragszahlern zu Rentenempfängern gegenwärtig bei 4
zu 1 liegt. Diese Aussage ist so
nicht richtig. Zurzeit gibt es allein über 18 Millionen Renten
wegen Alters bzw. Erwerbsunfähigkeit und dies bei nicht
einmal 30 Millionen Beitragszahlern, d.h. das genannte
Verhältnis liegt schon jetzt
eher bei 2 zu 1. Die Politik und
teilweise auch die Wissenschaft nimmt hier offenbar bei
der Aussage eines Verhältnisses von 4 zu 1 einfach das Verhältnis der 20- bis unter 65Jährigen zu den mindestens
65-Jährigen – dass dieses die
falsche Zahl ergibt, ist unmittelbar einsichtig. Demnach
wird ceteris paribus das Verhältnis von Beitragszahlern zu
Rentenempfängern 2030 eher
bei 1 zu 1 als vielfach angegeben bei 2 zu 1 liegen.
Als Problemlöser wird oftmals
eine Veränderung der nur
schwer zu verstehenden Rentenformel verstanden, für die
in Schaubild 12 die Entwicklung der letzten 13 Jahre dargestellt ist (auf die Erläuterung
der einzelnen Größen wird hier
bewusst verzichtet) – und die
Entwicklung ist mit Sicherheit
noch nicht zu Ende, wie auch
die aktuelle Diskussion um die
finanzielle Situation der GRV
zeigt.
Wie wirken
Änderungen der
Einflussgrößen?
Die Auswirkungen von Veränderungen in der Fertilitätsrate
auf den Bevölkerungsumfang
Deutschlands lassen sich relativ einfach darstellen (Schaubild 13), wobei als Basis der
Status Quo gewählt wurde.
Entsprechend gilt dies für die
isolierte Betrachtung einer
Veränderung der Nettozuwanderung (Schaubild 14).4
Für die Änderung der Lebenserwartung bzw. der Sockelwanderung lassen sich ähnliche Zusammenhänge darstellen. Die Formel oben rechts
fasst die vier Komponenten in
ihren Auswirkungen auf den
Bevölkerungsumfang des Jahres 2050 zusammen. Sie gibt
eine Antwort auf die Frage:
Wie wirken sich Änderungen
in den Bevölkerungskomponenten auf den Bevölkerungsumfang aus?
Formel
Schaubild 12
Bei Beachtung der Bedeutung
der einzelnen Variablen lassen
sich die Koeffizienten der Gleichung wie folgt interpretieren:
• Eine Steigerung der Fertilitätsrate um 0,1 (Anstieg
bis 2010, danach Konstanz)
führt zu einer Zunahme des
Bevölkerungsumfangs 2050
um 2,48 Millionen.
• Eine Steigerung der Lebenserwartung um ein Jahr führt
zu einer Zunahme des
Bevölkerungsumfangs 2050
um 0,95 Millionen.
• Eine Steigerung der jährlichen Nettozuwanderung
um 50.000 Personen führt
zu einer Zunahme des Bevölkerungsumfangs 2050
um 2,81 Millionen.
• Eine Steigerung der jährlichen Sockelwanderung um
100.000 Personen führt zu
einer Zunahme des Bevölkerungsumfangs 2050 um
0,41 Millionen.
Schaubild 13
Schaubild 14
Die Lösung?
Im Folgenden werden die Bevölkerung und auch der Altersaufbau der Bevölkerung im
Jahr 2050 bei unterschiedli-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
57
IST DER DEMOGRAFISCHE WANDEL ZU STOPPEN?
Schaubild 15
chen Annahmen über die Fertilität und die Wanderungen
vergleichend dargestellt.
Schaubild 15 zeigt neben der
Bevölkerungspyramide
für
2003 diejenige für 2050 unter
der fiktiven Annahme, dass zukünftig keine Wanderungen
mehr auftreten.
Schaubild 16 zeigt demgegenüber die Entwicklung, falls bei
den Bevölkerungskomponenten die aktuellen Werte weitgehend konstant gehalten
werden.
Schaubild 16
Schaubild 17
Schaubild 17 stellt für 2050
neben der Pyramide von
Schaubild 15 noch die Entwicklung dar, die sich ergeben
würde, wenn versucht wird,
die fehlenden Wanderungen
durch eine erhöhte Fertilität
auszugleichen. Dabei genügt
es nicht die Fertilität auf 2,1
Kinder pro Frau zu steigern,
wenn die Bevölkerung langfristig stabil bleiben soll, da die
gegenwärtige Müttergeneration schon zu klein ist, um den
angestrebten Effekt zu erreichen.
Schaubild 18 stellt in zwei Szenarien dar, welche Änderungen notwendig sind, um bezogen auf den Bevölkerungsumfang die fehlenden Geburten
auszugleichen (Zieljahr 2050):
Szenario 1:
Fertilitätsrate konstant auf
heutigem Niveau
Benötigter jährlicher Wanderungsüberschuss: 330.000
Personen
Benötigte jährliche Zuwanderung: 830.000 Personen
Szenario 2:
Fertilitätsrate sinkt auf 1 Kind
pro Frau.
Benötigter jährlicher Wanderungsüberschuss: 530.000
Personen
58
Benötigte jährliche Zuwanderung: 1.030.000 Personen
Die in den Schaubildern 15 bis
18 für das Jahr 2050 dargestellten Bevölkerungspyramiden weisen darauf hin, dass
praktisch weder höhere Fertilität Wanderungen ersetzen
kann noch Wanderungen die
niedrige Fertilität ausgleichen
können. In allen Fällen kommt
es zu von der Altersstruktur
her nicht vertretbaren Alterspyramiden, wenn der Bevölkerungsumfang 2050 annähernd
auf dem heutigen Niveau sein
soll.
Schaubild 19 zeigt im Hinblick
auf Fertilität und Nettowanderung drei vom Bevölkerungsumfang 2030 abhängige
Bevölkerungsisoquanten, die
sich gut interpretieren lassen.
Sie zeigen, welche Kombination von Fertilität und Zuwanderung die Bevölkerung auf einem gegebenem Niveau halten kann.
Unter Berücksichtigung der
aufgezeigten Zusammenhänge
zwischen Fertilität, Wanderungen und Bevölkerungsumfang
bzw.
Bevölkerungsstruktur
bietet sich eine Hybridlösung
an, um eine vom Bevölkerungsumfang und von der
Alterstruktur der Bevölkerung
her vertretbare Entwicklung
bis zum Jahr 2050 zu erhalten:
Bei einer Nettozuwanderung
von rund 200.000 Personen
jährlich, einer bis 2025 auf 1,7
steigenden Fertilitätsrate und
einem langfristig auf 65 Jahre
steigendem faktischen Renteneintrittsalter würde beispielsweise 2040 bzw. 2050 der
Bevölkerungsumfang und ein
die Erhöhung des Renteneintrittsalters berücksichtigender
dynamischer Altenquotient nahezu auf dem Niveau von
2004 sein (Schaubild 20).5
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
IST DER DEMOGRAFISCHE WANDEL ZU STOPPEN?
Resümee
Anmerkungen
Ich möchte zum Schluss kein
großes Resümee ziehen, sondern nur darauf hinweisen,
dass wir der Politik und der
Gesellschaft
den
demografischen Wandel sowie dessen mögliche Folgen noch stärker verdeutlichen müssen. Dies
ist uns noch nicht in hinreichendem Maße gelungen, wie
auch der Umgang der Politik
mit den Erkenntnissen aus der
10jährigen Arbeit der EnquêteKommission Demografischer
Wandel des Deutschen Bundestages zeigt. Im Übrigen
fehlt uns 15 Jahre nach der
Vereinigung beider deutscher
Staaten und fast 20 Jahre nach
der letzten Volkszählung in der
Bundesrepublik sowie nahezu
25 Jahre nach der letzten
Volkszählung in der DDR eine
wirklich verlässliche Grundlage für qualitativ und quantitativ hochbelastbare Bevölkerungsvorausberechnungen.
Eine Volkszählung ist bereits
kurzfristig dringend erforderlich.
1
2
3
4
5
Der demografische Wandel ist
nicht aufzuhalten. Stellen wir
uns ihm und nutzen wir die
Chance, ihn aktiv mitzugestalten. Oder formulieren
wir es zukunftsorientiert etwas
schärfer: Wer den demografischen Wandel ignoriert,
verspielt unsere Zukunft und
vor allem die unserer Kinder.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Dieser Beitrag enthält nur einen
Teil der in meinem Vortrag auf
der Hauptversammlung des Verbandes
Deutscher
Städtestatistiker am 26.9.2005 in Braunschweig präsentierten Folien. Der
Text eher als Vortragsskizze denn
als eine ausführliche Darstellung
der Problematik anzusehen. Auf
Literaturangaben wird weitgehend verzichtet.
Vgl. Bomsdorf, Eckart, und Bernhard Babel: Ein Modell zur Beschreibung
der
kohortenbezogenen Entwicklung der Fertilität in Deutschland. Wirtschaft
und Statistik 9/2004, S. 10521059.
Vgl.: Deutschlands Millionenstädte im demografischen Wandel.
Fakten und Perspektiven bis
2040. Heft 116 der Materialien
zur Bevölkerungswissenschaft des
Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden 2005. Berechnungen für weitere deutsche
Großstädte finden sich in
Bomsdorf, Eckart, und Bernhard
Babel: Großstädte Deutschlands
im demografischen Wandel. Fakten und Perspektiven bis 2040.
Band 2, Köln 2006.
Vgl. Bomsdorf, Eckart, und Bernhard Babel: Wie viel Migration
und Fertilität braucht Deutschland? Wirtschaftsdienst 85/2005,
S. 387-394.
Vgl. Bomsdorf, Eckart: Höhere
Fertilität, steigendes Rentenzugangsalter und Migration. Wie
die zukünftige Belastung der Gesellschaft in Deutschland erträglich gestaltet werden kann. Deutsche Rentenversicherung 60/
2005, S. 439-459.
Schaubild 18
Schaubild 19
Schaubild 20
59
Sozialraumgestützte Analyse amtlicher Schuldaten im Ruhrgebiet
Bildung ist kleinräumig
Tobias Terpoorten, Bochum
Abb. 1: Aufbau Bildungsmonitor
Die PISA-Studie aus dem Jahr
2000 hat Deutschland eine
deutliche Bildungsungleichheit
bescheinigt. Es zeigte sich ein
starker Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und der
sozialen Herkunft der Schüler
und Schülerinnen. Das deutsche Schulsystem setzt nahezu
perfekt die gesellschaftliche
Ungleichheit in eine Bildungsungleichheit um (BÖTTCHER
2005, S.7). In der 2003er PISAStudie wurde dies noch einmal
bekräftigt. In einem Bundesländervergleich wurde aufgezeigt, dass der Schulerfolg eines Kindes stark von Bildungsgrad und Einkommen der Eltern abhängig ist. Es wurde
Quelle: eigene Darstellung
60
auch bestätigt, dass neben den
familiären Merkmalen die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen
der jeweiligen Schulstandorte
einen Einfluss auf die Kompetenzen der getesteten Schüler
haben.
Eine Analyse der Ergebnisse
erfolgte auf Ebene der Kreise
und kreisfreien Städte (vgl.
BAUMERT/CARSTENSEN/SIEGLE
2005). Jedoch sind Städte und
Kreise in sich oftmals hochgradig differenziert. Die gesellschaftliche Ungleichheit findet
sich in einer kleinräumigen sozialen Fragmentierung der
Wohnbevölkerung wieder –
häufig liegt eine starke räumliche Trennung zwischen reichen und armen Wohngebieten innerhalb einer Stadt vor.
Analysiert man nur auf der
gesamtstädtischen Ebene geht
diese kleinräumige Differenzierung verloren. Der im Folgenden vorgestellte Ansatz richtet
den Fokus auf eine kleinräumige Auswertung von vorhandenen amtlichen Daten
und kann aufzeigen, dass
Schulen innerhalb einer Stadt
unter ganz unterschiedlichen
Standortbedingungen und Problemlagen agieren und somit
Bildungschancen und Bildungserfolge in einem, insbesondere kleinräumigen, Raumbezug stehen. Eine hohe Bedeutung hat dieser Sachverhalt
deshalb, da es scheint, dass
sich in Prozessen der Verräumlichung von Bildung soziale
Ungleichheit reproduziert und
sogar weiter verstärkt (MACK/
SCHROEDER 2005, S. 338).
Im Folgenden wird am Beispiel
des Ruhrgebiets eine GIS-gestützte1 Methode vorgestellt,
die Daten der Schulstatistik
auf
kleinräumige
demografische Indikatoren und
Merkmale sozialer Lagen der
Bevölkerung bezieht und so
den Zusammenhang von unterschiedlichen Bildungschancen und der räumlichen Ungleichverteilung der Bevölkerung innerhalb der Städte
transparent macht. Das Verfahren stellt ein Instrument für
ein umfassendes kleinräumiges Bildungsmonitoring dar,
mit dem Bildungsstrukturen in
einem sozialräumlichen Kontext über die Zeit analysiert
werden können. Entwickelt am
Zentrum für interdisziplinäre
Ruhrgebietsforschung (ZEFIR)
der Ruhr-Universität Bochum,
findet die Vorgehensweise in
ähnlicher Form im Rahmen des
Studierendenmonitors der Bochumer Universität Verwendung – einige Erkenntnisse aus
dem Studierendenmonitor fließen zudem in den Bildungsmonitor mit ein.
Aufbau des
Bildungsmonitors
Das Schema in Abbildung 1
zeigt die Vorgehensweise und
den Aufbau des Bildungsmonitorings in Form von drei
Bearbeitungsschritten. Zuerst
werden die Sozialräume der
Region mit Hilfe von Indikatoren typisiert. Im zweiten
Bearbeitungsschritt
werden
die Schulen über ihre Adresse
ihrem jeweiligen Sozialraum
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BILDUNG IST KLEINRÄUMIG
zugeordnet. Die vorliegenden
Schuldaten lassen sich dann
über den Schulstandort mit einem ganz konkreten Sozialraumtyp in Verbindung bringen. Im dritten Bearbeitungsschritt können daraufhin die
Informationen der Sozialräume
kombiniert mit den Daten jeder einzelnen Schule ausgewertet werden.
Schritt 1: Typisierung der Räume
Eine Analyse der Sozialräume
bildet einen grundlegenden
Baustein des Bildungsmonitorings. „Bildungsferne“ wie
„bildungsnahe“ Sozialräume
lassen sich mit Daten der Räume ermitteln. Dabei werden
die Raumeinheiten in Sozialraumtypen gleicher sozialstruktureller Ausprägung zusammengefasst.
Insgesamt
werden alle 11 kreisfreien
Städte des Regionalverbands
Ruhr mit ihren 389 statistischen Bezirken berücksichtigt.
Die 42 Gemeinden des Ruhrgebiets fließen als Ganzes in die
Analyse mit ein. Es wird mit
einem Set von vier Indikatoren
gearbeitet, mit denen es – wie
sich später zeigt – möglich ist,
die Räume zu typisieren und
diese in „bildungsnahe“ oder
„bildungsferne“ Sozialräume
einzuteilen. Dabei beschreiben
der Jugend- und der Altenquotient die demografische Dimension, der Nichtdeutschenanteil die ethnische Dimension
und der Arbeiteranteil die soziale Dimension („Sozialer
Rang“) der Stadtgebiete. Im
Rahmen einer Clusteranalyse
werden Stadtgebiete, die in
den genannten Dimensionen
eine ähnliche Struktur aufweisen, zusammengefasst. Es
wurden sechs Sozialraumtypen
ermittelt (vgl. Abbildung 2).
Diese werden mit Hilfe der jeweiligen Indikatorenausprä-
gung näher beschrieben.2 Von
einigen Städten und Gemeinden lagen Daten zur Arbeitslosigkeit und Sozialhilfedichte
vor – diese Werte wurden für
eine ergänzende Interpretation
den entsprechenden Sozialraumtypen nach der Clusteranalyse hinzugefügt.
In den Sozialräumen fünf und
sechs findet sich eine eher
„bildungsferne“ Bevölkerung,
gekennzeichnet durch einen
hohen Nichtdeutschenanteil
und einen niedrigen sozialen
Rang. Der soziale Hintergrund
der Bevölkerung dieser Sozialräume lässt sich als eher niedrig einstufen. Es überwiegen
niedrige Schulabschlüsse, eine
niedrige berufliche Qualifikation und ein geringes Einkommen. Die Sozialräume des Clusters vier sind gekennzeichnet
durch einen niedrigen sozialen
Rang mit einem dem entsprechenden hohen Arbeiteranteil.
Der Nichtdeutschenanteil entspricht dem Ruhrgebietsdurchschnitt. Leicht darüber liegen
in diesen Quartieren die
Sozialhilfedichte und der
Arbeitslosenanteil. Ab dem
Cluster drei werden die Sozialräume stets „bürgerlicher“
und „bildungsnäher“. Dabei
unterscheiden sich diese Cluster vor allem auf Grund ihrer
demografischen Zusammensetzung. Zum Sozialraumtyp
drei gehören vor allem familiengeprägte Umlandgemeinden des Ruhrgebiets. Der
Nichtdeutschenanteil ist niedrig, ebenso der Arbeitslosenanteil und die Sozialhilfedichte. Sozialraumtyp zwei
und besonders eins sind alternde Wohngebiete der deutschen Mittel- und z.T. Oberschicht mit einer „bildungsnahen“ Bevölkerung. Bezogen
auf die Lebenssituation von
Kindern und Jugendlichen stellen die Sozialraumtypen die
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Abbildung 2: Sechs Sozialraumtypen (Cluster), Stadtteile und Gemeinden im Ruhrgebiet 2002
Quelle: eigene Berechnung und Darstellung
sozialräumliche Polarisierung
von Lebenslagen und Lebenschancen der jungen Generation dar, die „zwei Kindheiten“,
die den sozialen Hintergrund
der Ergebnisse von Vergleichsstudien wie PISA bilden (vgl.
STROHMEIER 2002).
Die Karte (Abb. 3) ist das Ergebnis der Typisierung. Den
Stadtgebieten und Gemeinden
wurde ihr jeweiliges Sozialraumcluster zugewiesen. Deutlich erkennt man an den Städten Essen, Bochum und Dortmund die für die Ruhrgebietsstädte typische Zweiteilung
des Stadtgebiets in einen besser gestellten Südteil (Sozialraumtyp 1 und 2) und einen
eher „benachteiligten“ Nordteil (Sozialraumtypen 4, 5 und
6).3 Die Kernstädte des Ruhrgebiets werden von Gemeinden umschlossen, die dem
Sozialraumtyp vier zugeordnet
wurden. In einem zweiten Ring
61
BILDUNG IST KLEINRÄUMIG
Abbildung 3: Sozialraumtypen im Ruhrgebiet 2002
Quelle: eigene Darstellung
AbB. 4: Soziale Herkunftsgruppen und Sozialraumtypen
Quelle: Einschreibungsbefragung Ruhr-Universität Bochum Wintersemester 04/05 und 05/06 – eigene Berechnung und Darstellung
schließen sich die Gemeinden
des Typs drei an, in denen vor
allem (deutsche) Familien
wohnen.
Exkurs:
Befragung bestätigt Raumtypen
Dass mit der hier dargestellten Typisierung tatsächlich
Bildungsmilieus beschrieben
62
werden können, bestätigen
Ergebnisse einer Studierendenbefragung im Rahmen des
o.g.
Studierendenmonitors
der Ruhr-Universität Bochum.
Während der Einschreibung
wurde nach dem Wohnort zur
Zeit des Abiturs gefragt. Über
Schulabschluss und berufliche
Position der Eltern lässt sich
die so genannte „soziale Herkunftsgruppe“ der Studierenden erstellen.
Bei der Ermittlung der sozialen Herkunftsgruppe wird die
Methodik des Hochschulinformationssystems (vgl. BMBF
2004) verwendet. Dabei wird
das Elternhaus der hohen sozialen Herkunftsgruppe über
einen hohen Ausbildungsabschluss (z.B. Studium) und
eine hohen beruflichen Position (z.B. höherer Beamter) einer der beiden Eltern definiert. Eine Einordnung in die
niedrige soziale Herkunftsgruppe erfolgt bei einer niedrig einzustufenden Ausbildung (z.B. Lehre) und einer
eher niedrigen beruflichen Position mit geringem Einkommen (z.B. Facharbeiter).
Das Diagramm (Abb. 4) zeigt,
dass ab dem Sozialraumtyp
vier die Anteile der gehobenen
und hohen sozialen Herkunftsgruppe deutlich abnehmen. In
den als benachteiligt typisierten Gebieten fünf und sechs
wohnen demnach zumeist
„bildungsferne“ Schichten mit
einem niedrigen schulischen
Abschluss und einer niedrigen
beruflichen Stellung.
Schritt 2:
Verräumlichte
Schuldaten
Der Schuldatensatz LDS NRW
enthält auch ein Adressverzeichnis aller Schulen des Landes. So können die Schulstandorte räumlich verortet
werden. Die Zuweisung der
Schulen in kreisangehörige
Gemeinden erfolgt über den
Gemeindenamen. An diese
Schulstandorte lassen sich die
Daten der Schuldatei anfügen.
Für jede Grundschule liegt z.B.
die Zahl der Übergänger von
der Grundschule zu den weiterführenden Schulen vor. Diese Daten können nach Schul-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BILDUNG IST KLEINRÄUMIG
typ zusammengefasst werden
und ermöglichen damit eine
Berechnung von Übergangsquoten. Bei den weiterführenden Schulen sind die Anzahl
und die Art der erreichten Abschlüsse für Auswertungen
von hohem Interesse.
Schritt 3: Analyse
der Schuldaten
Die dargestellte Verortung der
Schulstandorte
ermöglicht
vielfältige Analysen der amtlichen Schulstatistik. So kann
die Übergangsquote von den
Grundschulen zu den weiterführenden Schulen als kleinräumiger
Bildungsindikator
verwendet werden, da fast jeder Stadtteil im Ruhrgebiet
über eine Grundschule verfügt.
Der Indikator ermöglicht eine
annähernd flächendeckende
Analyse der Schulstandorte
und kann kleinräumige Unterschiede im Bildungsverhalten
aufzeigen. Da das Einzugsge-
biet einer Grundschule zumeist
das direkte Wohnumfeld ist,
kann die Übergangsquote mit
den ermittelten Sozialraumtypen in Beziehung gesetzt
werden. Abbildung 5 zeigt am
Beispiel von Kernstädten des
Ruhrgebiets die Sozialraumtypen und die errechneten
Übergangsquoten zum Gymnasium.
In den Stadtteilen der Sozialraumtypen eins und zwei geht
zumeist die Hälfte der Kinder
zum Gymnasium, in einigen
Stadtteilen sind es vier Fünftel.
Das Ausbildungsniveau der Eltern in diesen Gebieten ist
eher hoch; die Kinder werden
früher und verstärkt zur schulischen und beruflichen Qualifikation ermutigt. Zudem erlangen die Kinder infolge der elterlichen Erziehung und gezielter Förderung Fähigkeiten, die
in der Schule vorteilhaft sind
(BECKER/LAUTERBACH 2004, S. 12).
In Gebieten des Typs fünf und
sechs liegt die Übergangsquote zum Gymnasium oftmals unter 30 %, in Einzelfällen knapp über zehn Prozent.
Die Eltern haben zumeist einen
niedrigen Schulabschluss und
sehen auch für ihre Kinder keine höhere Schullaufbahn vor.
In der Tabelle (Abb. 6) sind die
Übergangsquoten im Mittel
über alle sechs Sozialraumtypen und für die verschiedenen Schulformen dargestellt.
Diese Ergebnisse beziehen sich
auf das Ruhrgebiet – Auswertungen anderer Städte haben
ein ähnliches Bild gezeigt
(Strohmeier/Terpoorten/
Kersting 2005). Die Ergebnisse
machen deutlich, dass sich Bildungschancen in unserer Gesellschaft systematisch entlang
der Grenzen von sozialer und
sozialräumlicher Ungleichheit
verteilen, d.h. je mehr ein
Sozialraum von Armut und Benachteiligung geprägt ist, desto geringer ist der Anteil der
Abb. 5: Übergangsquoten zum
Gymnasium und Sozialraumtypisierung am Beispiel von
Kernstädten des Ruhrgebiets – Schuljahr 2003/2004.
Quelle: Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW Schuldaten 2003/2004 / KOSTAT 2003 /
Volkszählung 1987 / eigene Berechnung und Darstellung
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
63
BILDUNG IST KLEINRÄUMIG
Abb. 6: Mittlere Übergangsquoten (in %) zu den weiterführenden
Schulen nach Sozialraumtyp im Ruhrgebiet – Schuljahr 2003/2004.
Quelle: Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW
Schuldaten 2003/2004; eigene Berechnung und Darstellung
Kinder, die zum Gymnasium
wechseln, und umso höher ist
der Anteil derer, die nach der
Grundschule die Hauptschule
besuchen.
Neben den Übergangsquoten
lassen sich eine Vielzahl weiterer Schuldaten an die jeweilige
Schule koppeln, räumlich auswerten und bezüglich bildungsrelevanter Aspekte evaluieren (z.B. Schulprogramm,
angebotene Förderkurse, Zusammensetzung der Schüler-
Abb. 7: Unterschiedliche sozialräumliche Einzugsgebiete weiterführender Schulen am Beispiel zweier Gymnasien der Stadt Essen
schaft nach Nationalitäten, Art
der Schule, usw.). Es lässt sich
anzeigen, ob die Ganztagsschulen wirklich in den benachteiligten Sozialräumen liegen, in denen sie zum Ausgleich milieubedingter Benachteiligungen der Kinder vor allem benötigt werden. Auch die
Frage, ob ein hoher Anteil von
Schülern mit Migrationshintergrund im Sozialraum von
einem Angebot an Förderkursen im Schulprogramm begleitet wird, kann beantwortet
werden.
Aufzeigen von Schülerströmen
Neben der Darstellung von
Übergängerzahlen lassen sich
diese auch als dynamische
Ströme zwischen den Schulen
mit einem GIS darstellen und
auswerten. Durch Verknüpfungen innerhalb der GIS-Datenbank werden die Grundschulen mit den weiterführenden
Schulen in Beziehung gesetzt.
So lassen sich z.B. die Einzugsgebiete (in Form von Grundschulstandorten) jeder weiterführenden Schule abfragen
und kartografisch darstellen.
Ein Ergebnis zeigt Abbildung
7, an der man deutliche Unterschiede zwischen den Einzugsgebieten der beiden weiterführenden Schulen erkennen
kann.
Quelle: LDS NRW Schuldaten – Schuljahr 03/04 /
KOSTAT 03/ Volkszählung 87/ eigene Berechnung und Kartografie
64
Zum Gymnasium 1 im Essener
Norden kommen vor allem
Kinder von Grundschulen, die
in den als eher „bildungsfern“
typisierten Sozialraumtypen
vier und sechs agieren. Die
Schülerschaft des Gymnasiums
2 im Essener Süden setzt sich
vor allem aus Kindern von
Grundschulen der „bildungsnahen“ Sozialraumtypen eins
und zwei zusammen. Man
kann vermuten, dass aus diesen unterschiedlichen Einzugsgebieten auch eine unterschiedliche Zusammensetzung
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
BILDUNG IST KLEINRÄUMIG
der Schülerschaft nach sozialer
Herkunft der Schüler resultiert.
Ein möglicher Indikator hierfür
wäre die Anzahl und Art der
erreichten Schulabschlüsse. So
könnte ein hoher Anteil an
Schülern, die die weiterführende Schule mit dem Abitur verlassen, ein Indikator für ein
„bildungsnahes“ Einzugsgebiet sein – ein hoher Anteil an
Schülern, die die Schule ohne
einen Abschluss verlassen,
könnte auf ein eher „bildungsfernes“ Milieu hinweisen4 . Da
nur Daten von einem Schuljahr
ausgewertet wurden, liegen
für eine solch kleinräumige Betrachtung der Abschlüsse bisher noch keine belastbaren Ergebnisse vor.
Fazit
Bildungsmonitoring ist ein Instrument, das Daten der Schulen mit den Standorten und
Einzugsgebieten jeder einzelnen Schule in Verbindung
bringt. Im Gegensatz zu einer
Datenbank, in der die
Schuldaten abfragbar sind, ermöglicht die kombinierte Auswertung und direkte (sozial)räumliche kartografische Darstellung der Ergebnisse eine
schnellere und komplexere
Analyse und Interpretation der
vorliegenden Schuldaten und
Schulstandorte. An den Beispielen konnte gezeigt werden, dass sich Schuldaten –
insbesondere die der Grundschulen – nicht isoliert vom sozialen Umfeld der Schulen bewerten lassen. Die aktuelle
PISA-Auswertung geht in die
richtige Richtung und berücksichtigt das sozialräumliche
Umfeld auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte. Jedoch wurde in den oben beschriebenen Analysen deutlich,
dass die meisten Städte in sich
sehr viel kleinräumiger differenziert sind. Der Fokus der
Analyse muss also nochmals
schärfer gestellt werden. Der
hier vorgestellte Monitor unternimmt diesen Schritt. Besonders bezogen auf die kreisfreien Städte ist es möglich,
bildungsrelevante Fragestellungen bis auf die Ebene der
Stadtteile zu beantworten.
Hiermit gelingt eine recht präzise Bestimmung und Beschreibung des unterschiedlich
schwierigen „Geländes“, in
dem
Bildungseinrichtungen
operieren. Weiterhin erlaubt
der Monitor eine Schärfung
und Evaluierung der Schulprofile, bezogen auf die Eigenheiten der unterschiedlichen
Sozialräume. Unschärfen liegen in den kreisangehörigen
Gemeinden vor. Hier fehlt es
bisher an kleinräumigen sozialraumbeschreibenden Statistiken.
Der Bildungsmonitor kann der
Bildungspolitik und den Schulverwaltungen eine Entscheidungsgrundlage liefern, welche Schulen auf Grund ihres
sozialen Umfeldes besonders
unterstützt und gefördert werden sollten. Vorhandene Ressourcen können zielgerichtet
zugeteilt und Unterstützungsmaßnahmen entsprechend der
schulischen Standortvoraussetzungen konzipiert werden.
Er ermöglicht zudem eine laufende kleinräumige Bildungsberichterstattung und sollte im
breiten Kontext von Beobachtung, Analyse und Steuerung
des Schulwesens eingebunden
werden. Hierbei ist auch denkbar, die landesweiten Vergleichsarbeiten wie VERA
(Zentrale Lernstandserhebungen (Vergleichsarbeiten) in
den Grundschulen NRW) und
Lernstand 9 (Zentrale Lernstandserhebungen in der Jahrgangsstufe 9 NRW) in den Monitor mit einzubinden. Die Ergebnisse könnten so ergänzend unter einer sozialräum-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
lichen Betrachtungsweise ausgewertet werden.
Wird ein solcher Monitor langfristig angelegt, ist neben einer
Erfassung und Darstellung der
bestehenden Strukturen des
Bildungswesens auch das frühzeitige Erkennen von Veränderungen und Entwicklungsprozessen möglich. Er kann somit
auch als eine Art „Frühwarnsystem“ fungieren. Dabei berücksichtigt der Bildungsmonitor nicht nur Veränderungen und Entwicklungen jeder
einzelnen Schule, sondern
auch die des direkten Schulumfeldes und der Einzugsgebiete.
Frühwarnsystem
Literatur:
Baumert, J./ Carstensen, C.H./
Siegle, T, (2005): Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lebensverhältnisse und regionale
Disparitäten des Kompetenzerwerbs. In: PISA-Konsortium
Deutschland (Hrsg.): PISA 2003
– Der zweite Vergleich der Länder in Deutschland. S. 323-366,
Münster
Becker, R. & Lauterbach, W.
(2004): Dauerhafte Bildungsungleichheit – Ursachen, Mechanismen, Prozesse und Wirkungen. In: Becker, R. & Lauterbach, W. (Hg.): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde
zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. S. 9-40, Wiesbaden
Böttcher, W. (2005): Soziale Auslese und Bildungsreform. - Aus
Politik und Zeitgeschichte 12/
2005:7-20, Bonn
Bundesministerium für Bildung
und Forschung (BMBF) (Hg.)
(2004): Die wirtschaftliche und
soziale Lage der Studierenden
in der Bundesrepublik Deutschland 2003 – 17. Sozialerhebung
des Deutschen Studentenwerks
durchgeführt
durch
HIS
Hochschul-Informations-System. S. 471-472. Berlin
Mack, W. / Schroeder, J. (2005):
„Schule und lokale Bildungspolitik“ In: Kessl, Fabian /
Reutlinger, Ch. / Maurer, S. und
Frey, O. (Hg.): Handbuch Sozialraum. S. 337-354, Wiesbaden
Strohmeier, K. P. (unter Mitarbeit
von Neubauer, J., und Prey, G.)
Schnelle Analyse
65
EINLADUNGEN NACH KÖLN
(2002): Bevölkerungsentwicklung und Sozialraumstruktur im
Ruhrgebiet.
Projekt
Ruhr
GmbH, Essen
Strohmeier, K. P. / Terpoorten, T. /
Kersting, V. u.a. (2005): „Was
ist anders im Ruhrgebiet? Die
Segregation der Wohnbevölkerung in den Großstädten im
Ruhrgebiet und im übrigen
NRW im Vergleich. Sozialstruktur und Bildung.“ Gutachten für
die Projekt- Ruhr GmbH (unveröffentlicht), Essen
Anmerkungen
1 Ein Geografisches Informationssystem (GIS) ist ein computergestütztes räumliches Analyseinstrument mit Datenbankanbindung.
2 Lesebeispiel für das Diagramm.
Der Wert 0 auf der x-Achse beschreibt das Ruhrgebietsmittel
des jeweiligen Indikators. So
steht z. B. die 0 für den Indikator
3
„Jugendquotient“ für 32,3 %.
Die Säule des jeweiligen Indikators zeigt die Höhe der Standardabweichung von diesem Mittelwert im jeweiligen Cluster. Der
Jugendquotient der Stadtteile
und Gemeinden des Clusters 5
liegt etwa 1 Standardabweichung
(SA Jugendquotient 5,3 %) unter
dem Ruhrgebietsmittelwert – somit liegt der Jugendquotient im
Cluster 5 bei ca. 27 %. Eine Darstellung im Diagramm gibt die Sozialstruktur der Cluster im Vergleich zur Gesamtregion, anders
als eine reine Zahlendarstellung,
schnell und übersichtlich wieder
und erleichtert so eine Interpretation und Beschreibung.
Der Kohlebergbau im Ruhrgebiet
wanderte von Süd nach Nord. Im
Süden des Ruhrgebiets wurde die
Kohle anfangs im Tagebau abgebaut. Er blieb geprägt von viel
Grün und war folglich bevorzugter Wohnstandort der Bessersituierten. Um den steigenden Bedarf
an Kohle zu decken, mussten später die ergiebigen, aber auch auf
Grund des Reliefs nur noch im Untertagebau zu gewinnenden
4
Kohlelager des nördlichen Ruhrgebiets abgebaut werden. Je
nördlicher der Bergbau wanderte,
je mehr die Industrialisierung voranschritt, desto mehr wurden die
Stadtgebiete im Norden vom
Bergbau geprägt. Während im Süden schon z. T. in den 20er Jahren
der Bergbau eingestellt wurde
und der Strukturwandel schon beginnen konnte, begann der Niedergang des Bergbaus in den
nördlichen Gebieten erst in den
60er Jahren mit entsprechend
späterem Strukturwandel.
Auf Stadtebene lässt sich dieser
Zusammenhang erkennen. So finden sich z.B. Schüler, die die
Schule ohne Abschluss verlassen,
verstärkt in den altindustriell geprägten Städten des Ruhrgebiets.
In Gelsenkirchen (10,4%), Bottrop
(9,4%) und Herne (9,4%) verließ
2005 etwa jeder zehnte Schüler
eine weiterführende Schule ohne
Abschluss. Im eher bürgerlichen
Münster wiederum war es nur jeder zwanzigste Schüler (5,3%)
(Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW:
Schulstatistik 2005).
Einladungen nach Köln
Martin Schlegel, Hagen
Wann waren Sie das letzte Mal
in Köln? Lange her? Nur vorbeigefahren oder umgestiegen? Dabei bietet die Medienund Domstadt doch so viele
Gründe für einen Besuch. Im
Frühjahr erlebt man bunte Umzüge, Karneval genannt. Ein
Gang durch die Einkaufspassagen lohnt zu jeder Zeit.
Dazu ein Gang am Rhein und
durch die Museen. Dann Köln,
die Stadt Heinrich Bölls. Viele
denken auch an Adenauer. Die
Statistik sei nicht vergessen;
ist Köln doch eine der wenigen
Städte, in denen eine Frau
Zahlenregie führt.
66
In diesem Jahr gibt es einen
weiteren guten Grund, in Köln
Station zu machen: Der 31.
Evangelische Kirchentag. Anfang Juni kommen weit über
100 000 Menschen freundlich,
friedlich und fröhlich zusammen, hören, singen und diskutieren. Viele hundert Veranstaltungen garantieren, dass
für jeden etwas dabei ist; vorausgesetzt, er und sie ist bereit, zuzuhören, mitzudenken,
sich auf Gedanken anderer
einzulassen. Wer hingeht, sollte neugierig sein.
So ein Kirchentag ist schon etwas besonderes. Vom Themenspektrum – keine Fixie-
rung auf christliche Themen –
und auch von den Leuten her.
Geistliche und Gewerkschafter, Politiker und Polizisten,
Unternehmer und Unterhalter,
Müllmänner und Millionäre,
Gläubige und Ungläubige begegnen sich. Und, wie schrieb
der Spiegel noch: Zu einer normalen Großveranstaltung rükken zwei Gruppen an, um unter den Besuchern abzusahnen: Diebe und Dirnen. Beim
Kirchentag nur erstere.
Aber nach Köln sind Sie nicht
nur für 2007, sondern auch für
2008 eingeladen. Dann findet
dort die Statistische Woche
statt.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Unwahre Antworten, eine Umfrage-Tatsache
Ja. Nein. Weiß nicht.
Reto U. Schneider, Zürich
Die Internetumfrage, die wir
im vergangenen September
unter den Lesern des NZZ-Folio
durchführten, erbrachte ein
wenig schmeichelhaftes Resultat. Nicht für uns, sondern
für 139 der 1883 Teilnehmer.
Sie gaben an, das NZZ-Folio
zum Thema „Katastrophen“
habe ihnen besonders gut gefallen. Bloß: dieses Folio hat es
nie gegeben. Wir haben es
samt gefälschtem Titelblatt in
die Auswahlliste geschmuggelt. Das war gemein, aber
aufschlussreich.
Wir leben im Zeitalter der Umfragen. In der Woche, in der
dieser Artikel entstand, haben
Umfragen zum Beispiel ergeben, dass 70 Prozent der Araber Israel als Gefahr sehen, 90
Prozent der Altenrheiner Eltern
mit dem Fahrplan des Schulbusses unzufrieden sind, 42
Prozent der englischen Frauen
frühmorgens im Zug Sexphantasien haben. Die Informationspornographie aus steilen
Kurven und drallen Kuchen hat
mittlerweile die Frontseiten erreicht und erzeugt dort den
Eindruck, nichts sei einfacher,
als eine Umfrage durchzuführen.
Welch ein Irrtum! Wer sich nie
mit den Feinheiten des Fragebogendesigns auseinandergesetzt hat, weiß nicht, mit welchem Monster er es zu tun hat.
Die Probleme beginnen bei der
naiven Annahme, dass die
Leute die Wahrheit sagen.
Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen lügen Menschen
einige Dutzend Mal pro Tag.
Warum sollten sie es ausgerechnet dann nicht tun, wenn
sie eine wildfremde Person
nach ihren Sexgewohnheiten
und dem Monatslohn fragt?
Viele Leute merken dabei noch
nicht einmal, dass nicht
stimmt, was sie sagen.
Das war offensichtlich auch in
unserer Umfrage der Fall. Wir
können nur darüber spekulieren, was dazu geführt hat,
dass 139 Leute ein Heft besonders gern gelesen haben, das
sie nicht gelesen haben konnten. Sicher ist, dass die falsche
Antwort mit den zwölf Heften
zu tun hatte, die zur Auswahl
standen. Hätten die Leute ihre
Lieblingsthemen nicht bloß ankreuzen können sondern selber aufschreiben müssen, wäre
keiner auf «Katastrophen» gekommen.
Bei den meisten Umfragen
werden
heute
MultipleChoice-Fragebogen eingesetzt.
Zu jeder Frage stehen vorgegebene Antworten zur Auswahl. Das macht die Auswertung einfacher, können die Daten so doch direkt einem
Statistikprogramm gefüttert
werden, aber es hat eine Reihe
von Nachteilen. Einer davon ist
- wie unsere Umfrage zeigt -,
dass vorgegebene Antworten
die Leute auf Ideen bringen,
die sie sonst nicht gehabt hätten. Auch machen MultipleChoice-Fragebogen differenziertes Antworten unmöglich.
Kein Kommentar, kein Hinweis, wie die Antwort gemeint
ist; alles, was den Teilnehmern
bleibt, ist, etwas von dem
nachzuplappern, was die Meinungsforscher
als
Auswahlsendung mitgeliefert haben. Das wirkt sich vor allem
dann fatal aus, wenn die Frage
unklar formuliert ist oder bei
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
den Antworten nicht an alles
gedacht wurde. Auch in unserer Umfrage gab es einen solchen Fall. Wir fragten
nach dem Durchschnittsgewicht von Folio-Redaktoren
und bekamen einige E-Mails
mit der Frage, ob auch FolioRedaktorinnen gemeint seien.
Eine verhängnisvolle Zweideutigkeit: Das Durchschnittsgewicht der Folio-Männer beträgt 76,8 Kilogramm. Jenes
von Männern und Frauen zusammen 71,4 Kilogramm. Die
Schätzung lag bei 75,9 Kilogramm. Ob die missverständliche Formulierung einen Einfluss auf das Resultat
hatte, bleibt unklar.
Bei einer anderen Frage haben
wir es bewusst darauf angelegt, dass sie unterschiedlich
verstanden wird. Sie tauchte in
zwei Versionen auf: Die eine
Hälfte der Teilnehmer wurde
gefragt: «Finden Sie, dass jeder Schweizer Rekrut das Folio
lesen sollte?», die andere:
„Finden Sie, dass man es jedem Schweizer Rekruten selber überlassen sollte, ob er das
Folio lesen will?“. Dieselbe
Frage in einem anderen Kleid mit erstaunlichen Auswirkungen. Die erste Version appellierte wahrscheinlich an den
Wunsch nach einer besser informierten Jugend: 46 Prozent
fanden, dass jeder Schweizer
Rekrut das Folio lesen sollte.
Ganz anders bei der zweiten
Frage, die nach einer Einschränkung der Freiheit des
Einzelnen klang: Nur 19 Prozent wollten es nicht jedem
Schweizer Rekruten selber
überlassen, ob er das Folio lesen will. Der andere Wortlaut
Der Erstabdruck erfolgte
in NZZ-Folio, Ausgabe
Januar 2006.
Lob für ein nichtexistentes Heft
Zeitalter der Umfragen
67
JA. NEIN. WEISS NICHT.
Irrende Meinungsforscher
Unterschied zwischen
Wort und Tat
68
hat die Zustimmung mehr als
halbiert!
Wer eine ernsthafte Umfrage
durchführt, hat natürlich kein
Interesse daran, die Teilnehmer in die Irre zu führen. Trotzdem sind unsere Testfragen
kein Gag, sie rütteln auch an
der Aussagekraft seriöser Befragungen. Wenn dieselbe Frage anders formuliert aus Befürwortern Gegner macht, können dann nicht alle Fragen so
gestellt werden, dass sich das
Resultat einer Umfrage ins Gegenteil verkehrt? Wenn 139
Leute ein Heft, das sie nie gesehen haben, zu ihrem Lieblings-Folio erklären, haben
dann nicht noch viel mehr Leute Nummern, die ungeöffnet
bei ihnen zu Hause liegen, zu
ihren Favoriten erkoren - ohne
auch nur eine Zeile darin gelesen zu haben? Nagen die 139
Leser des „Katastrophen“Hefts nicht auch an der Glaubwürdigkeit der 317 Leser, die
angaben, das Heft «Krankenkassen» sei besonders toll gewesen?
Eine Umfrage kann Einstellungen und Verhalten nie direkt
erheben. Wir können nicht
feststellen, ob jemand ein Folio wirklich gelesen hat, ob tatsächlich 97 Umfrageteilnehmer (5 Prozent) eine Tätowierung tragen und 434 (23
Prozent) das Folio auf der Toilette lesen. Eine Umfrage verrät nie, was die Leute tatsächlich denken oder tun, sondern
nur, was sie sagen, sie würden
es denken oder tun. Die Wahrheit lässt sich dem Leben nicht
mit einem Fragebogen abringen.
Das hat der amerikanische Soziologe Richard LaPiere schon
1930 herausgefunden. Er reiste mit einem befreundeten
Paar aus China durch die USA.
Die beiden wussten nicht, dass
LaPiere sie für ein später berühmt gewordenes Experiment
benutzte. Er führte exakt Buch
über alle Begegnungen mit
Hotelpersonal, Gepäckträgern,
Kellnern. Damals lebten erst
sehr wenige Asiaten in den
USA, und viele Leute hatten ihnen gegenüber Vorurteile. Zu
LaPieres Überraschung wurden
die drei Reisenden fast überall
ausgesucht höflich behandelt
und nicht abgewiesen. Ohne
sich zu erkennen zu geben,
schickte er nach der Reise den
besuchten Hotels und Restaurants einen Brief mit der Frage:
«Würden Sie Angehörige der
chinesischen Rasse als Gäste
aufnehmen?» Fast alle sagten
Nein, obwohl sie kurze Zeit zuvor genau das getan hatten.
LaPiere zog daraus den
Schluss, dass es mit Fragebogen grundsätzlich unmöglich
sei, herauszufinden, wie ein
Mensch in einer bestimmten
Situation handle. Offenbar
weiß er es selbst nicht.
Etwas sagen und dann nicht
Wort halten, das mögen die
Demoskopen gar nicht. Als bei
der letzten Bundestagswahl in
Deutschland die Meinungsforscher mit ihren Prognosen
danebenlagen, waren die
Schuldigen schnell gefunden:
Das Verhalten der Wähler sei
„unbefriedigend“, hieß es.
Dass sich der Bürger jedoch zu
einem besseren Befragten umerziehen lässt, ist unwahrscheinlich, denn der Unterschied zwischen Wort und Tat
ist einer von vielen Störeffekten, die eine Umfrage zum
Hochseilakt machen. Ein anderer hat seine Ursache darin,
dass die Teilnehmer in einem
Fragebogen nicht vor allem ein
Erhebungsinstrument sehen,
sondern ein Kommunikationsmittel. Sie wissen, dass andere
Menschen ihre Antworten auswerten werden, und wollen ihnen etwas mitteilen. Als erstes
natürlich, was für tolle Kerle
sie sind.
Das war in unserer Umfrage
nicht anders. Bei der Frage
«Welche der folgenden Bücher
haben Sie gelesen?» behaupteten 416 Teilnehmer
„Ulysses“ von James Joyce.
Das sind nur geringfügig weniger als jene, die den Bestseller
„Sakrileg“ von Dan Brown angekreuzt hatten. Wer je die
über 1000 Seiten, des selbst
von Literaturliebhabern als
„schwierig“
bezeichneten
Werks, in Angriff genommen
hat, wird zumindest einem Teil
der 416 vermeintlichen JoyceKenner Hochstapelei unterschieben. Es ist ein Merkmal
von Umfragen, dass niemand
für seine Behauptungen geradestehen muss. Und solange
man nicht zur Prüfung vorgeladen wird, macht man sein
Kreuzchen eher bei Joyces
„Ulysses“ als bei Metzlers
„Grissini & Alpenbitter“, das
mit 75 Stimmen (4 Prozent)
am schlechtesten abschnitt.
Aufdecken lässt sich diese
Schummelei mit Umfragen, bei
denen die Teilnehmer befürchten müssen, ihre Antworten
könnten überprüft werden. Für
eine Untersuchung mit dem Titel „Lügen Männer bei Angstumfragen?“ gaben Männer
an, wie stark sie sich vor Fischen, Ratten, Mäusen und einer Achterbahnfahrt fürchteten. Einen Monat später wiederholte man den Test, informierte die Männern aber zuvor
darüber, dass man sie nach
dem Ausfüllen des Fragebogens an ein Pulsmessgerät
anschließen und ein Video mit
Fischen, Ratten, Mäusen und
einer Achterbahnfahrt zeigen
würde. Dieser Zusatz wirkte
sich dramatisch auf die Antworten im Fragebogen aus.
Mit der Möglichkeit konfrontiert, ihre Angst könnte
objektiv gemessen werden,
schätzten die Männer sie im
Fragebogen plötzlich höher ein
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
JA. NEIN. WEISS NICHT.
als einen Monat zuvor im ersten Test.
Selbst anonym durchgeführte
Umfragen, die keine Gefahr
bergen, dass man plötzlich als
Lügner dasteht, sind vor Verfälschungen nicht sicher.
Wenn kein anderer da ist, den
man belügen kann, belügen
die Leute halt sich selbst. Jeder
Fragebogen ist eine Einladung
zur Selbsttäuschung. Natürlich
hätte man «Ulysses» gern gelesen, einmal hat man ja tatsächlich vierzig Seiten geschafft, und bis die Umfrage
ausgewertet ist, ist ja noch etwas Zeit.
Der Mensch legt sein zutiefst
soziales Wesen in Umfragen
nicht ab. Das ist der Grund dafür, dass die Antwort nicht nur
von der Frage abhängt, sondern auch davon, wer sie
stellt. In einer Untersuchung
haben männliche Studenten
ein und denselben Fragebogen
zum Beispiel anders ausgefüllt,
je nachdem, ob sie von einer
Forschungsgruppe „Auswirkungen der Frauenbewegung“
befragt wurden oder von einer
Forschungsgruppe
„Selbstkonzept“.
Wie stark soziale Normen Meinungsbefragungen
beeinflussen, hat auch eine Untersuchung gezeigt, bei der die
Versuchsteilnehmer die Leistung eines Computers einschätzen mussten. Ihr Urteil
fiel deutlich positiver aus,
wenn sie die Evaluation an seinem Bildschirm vornahmen,
als wenn sie dafür einen ändern Computer benutzten. Offenbar haben Menschen sogar
Hemmungen, einem Computer
offen ihre Meinung zu sagen.
Alle diese Effekte sind schon
lange bekannt. Nur: Was kann
man dagegen tun? Wie sollen
wir die 139 „Katastrophen“Leser und die 416 Möchtegern-Joyce-Kenner behandeln?
Was machen wir mit den Teil-
nehmern, die das Durchschnittsgewicht der Folio-Redaktion auf 120 Kilo schätzten? Sollen wir sie von der
Auswertung
ausschließen?
Oder wäre das übertrieben?
Wahrscheinlich haben sie sich
ja nur bei einer Frage einen
Spaß erlaubt. Ungerecht wäre
es jedenfalls gegenüber jenen
Leuten die sich tatsächlich bis
zur letzten Seite durch
„Ulysses“ gekämpft haben.
Die Fragebogenforschung hat
verschiedene Methoden hervorgebracht, um Antworten
auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Zum Beispiel kann man
die gleiche Frage anders formuliert mehrmals einsetzen.
Fallen die Antworten nicht
konsistent aus, wurde die Befragung offenbar nicht ernst
genommen. Oder man enttarnt Leute, die zu sozial erwünschten Antworten neigen,
mit sogenannten Lügenskalen:
Das sind Fragen nach negativem, aber verbreitetem Verhalten. Wer auf die Frage
«Greifen Sie manchmal zu
Notlügen?» mit «Nein» antwortet, dürfte genau das getan haben.
Diese Verfahren sind aufwendig und werden vor allem verwendet, um Fragebogen vor
ihrem Einsatz in wissenschaftlichen Studien auf ihre
Aussagekraft hin zu prüfen.
Doch so raffiniert sie auch
sind, Umfragen liefern immer
nur eine Karikatur der Realität.
Sie zeigen im Extremfall nicht
mehr, als an welcher Stelle
eine bestimmte Person Kreuzchen gemacht hat. Unsere
nicht einmal das.
Die 1883 im Internet ausgefüllten Fragebogen könnten nämlich theoretisch von einer einzigen Person stammen. Natürlich ist es unwahrscheinlich,
dass sich jemand diese Mühe
gemacht hat, aber dass Leute
an anonymen Internet- und
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Telefonumfragen
mehrmals
teilnehmen, um das Resultat
zu manipulieren, ist wahrscheinlich. Vor allem wenn sie
wissen, dass das Ergebnis in
den Medien publiziert wird.
Und selbst wenn sich keine
Wiederholungstäter an unserer
Umfrage beteiligten, gehorchte die Auswahl der Teilnehmer
doch höchst dubiosen Regeln.
Mit der Entscheidung, eine
Internetumfrage
durchzuführen, haben wir einen Viertel
der Folio-Leser zum Vornherein ausgeschlossen: jene,
die das Internet nicht regelmässig benutzen. Und auch
von den Internetbenutzern
wurden nur jene berücksichtigt, die von der Umfrage erfahren und gerade Zeit und
Lust hatten, die Fragen zu beantworten. Aus repräsentativen Umfragen wissen wir, dass
das Durchschnittsalter unserer
Leser bei 45 Jahren liegt. Die
Teilnehmer der Internetumfrage waren durchschnittlich
40 Jahre alt. Die Methode hat
sich die Teilnehmer sozusagen
selbst ausgesucht und damit
wohl für die 32 Prozent gesorgt, denen das Heft über
Studenten besonders gefallen
hat. Wer sonst ist ständig online und hat Zeit?
Trotz ihren Mängeln sind anonyme Umfragen beliebt, vor
allem weil sie im Internet vollkommen automatisiert werden
können und deshalb billig
sind. Kaum eine Site, auf der
die Besucher nicht ihre Meinung zu Kampfhunden, Osteoporosebehandlungen
oder
NZZ-Folio-Rubriken abgeben
können. Als beliebtes Element
auf Websites von Zeitungen
finden die Resultate auch den
Weg in herkömmliche Medien.
Welche Folgen die Flut der Kuriositäten aus dem Reich der
Prozente dort hat, bleibt
ungewiss. Weil diese InstantUmfragen die Macht haben,
Einladung zur
Selbsttäuschung
Problematische
Internetumfrage
69
WILLKOMMEN IN THÜRINGEN
nicht nur Meinungen zu transportieren, sondern sie auch zu
prägen, müsste der Staatskundeunterricht um das Fach
«Umgang mit Umfragen» erweitert werden.
Dort würde man als erstes erfahren, dass Misstrauen das
wichtigste Instrument beim
Deuten von Umfragen ist. 500
Teilnehmer unserer Befragung
(27 Prozent) behaupten, die
Rubrik «Guter Rat» regelmäßig gelesen zu haben. Den
«Guten Rat» finden Sie auf
Seite 13 - in dieser Ausgabe
des Folios zum ersten Mal.
Anmerkung der
Redaktion:
Die NZZ-Folio ist eine Monatszeitschrift, die der „Neuen Züricher Zeitung“ beiliegt, und
sich jeweils einem besonderen
Thema widmet. In der Ausgabe, der dieser Beitrag entnommen ist, lautete das Motiv
„Statistik – Zählen und gezählt
werden“. Weitere, ebenfalls
lesenswerte Beiträge handeln
von EUROSTAT, das als „Echo-
lot Europas“ bezeichnet wird;
befassen sich mit widersprüchlichen medizinischen Studien
und gehen auf die stetig wachsende Bedeutung ein, die die
Statistik bei Gerichtsurteilen
spielt. Statistik im Sport, beim
Lotto und über den Bestseller
„Der Bibelcode“ ergänzen das
Spektrum.
Eigentlich jeder Statistiker sollte diese Ausgabe gelesen haben.
Frühjahrstagung 2007
Willkommen in Thüringen
Bernhard Schletz, Gera
Die Ostthüringer Stadt Gera,
im grünen Herz Deutschlands
und an der Wiege des Vogtlandes gelegen, sagt zur
Frühjahrstagung der Kommunalstatistiker ein herzliches
„Willkommen“. Vom 19. bis
21. März 2007 sollen sich die
Mitglieder des VDSt und deren
Gäste im Oberzentrum des
Freistaates Thüringen wohl
fühlen und im regen Meinungsaustausch die Jahrestagung 2007 in Kiel vorbereiten.
Die Stadt Gera erlebte bis zum
Jahr 1989 einen regen wirtschaftlichen Aufschwung und
damit eine stetige Zunahme
der Einwohnerzahlen bis auf
fast 135 000 Personen. Danach wirkte besonders die veränderte wirtschaftliche Situation auf eine erhöhte Abwanderungsrate und auf verminderte
70
Geburtenzahlen, so dass bisher eine Abnahme der Einwohnerzahl auf rund 104 000 Personen zu verzeichnen war. Mit
der zahlenmäßigen Abnahme
der Einwohnerzahl war auch
ein beschleunigter Anstieg des
Durchschnittsalters der Geraer
Bevölkerung zu verzeichnen,
womit der Zustand einer
„schrumpfenden und alternden Stadt“ auch auf Gera zutrifft. In den zurückliegenden
Jahren wirkten sich für Gera
besonders die Förderprogramme Urban II und Stadtumbau
Ost sowie die Maßnahmen bei
der Vorbereitung der Bundesgartenschau 2007 sichtbar
günstig auf die städtische Entwicklung der Stadt Gera aus.
Umfassende Bauprojekte wirkten auf die Verschönerung der
Stadt und auf eine Verbesse-
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
WILLKOMMEN IN THÜRINGEN
rung der Versorgung der Einwohner der Stadt und des Umlandes.
Erstmals wird für eine Frühjahrstagung des VDSt eine Verbindung der Unterbringung
mit dem Tagungsgebäude bei
begünstigter Verkehrslage bestehen. Das „Dorint Novotel
Gera“ bietet uns einen kostengünstigen Hotelaufenthalt und
eine umfassende Betreuung.
Kurze Wege in die Stadtmitte
von Gera und zum Hauptbahnhof sowie eine direkte Anbindung an die Autobahnabfahrt
58 a der A 4 sowie zu den
Bundesstrassen B 2, B 7 und B
92 sichern eine gute verkehrstechnische Erreichbarkeit; eine
Haltestelle der Straßenbahnlinie 3 befindet sich vor dem
Hotel.
Ist die Stadt Gera in Vorbereitung der Bundesgartenschau,
die am 27. April 2007 beginnt,
auch zum Zeitpunkt unserer
Tagung bestimmt noch ein riesiger Bau- und Pflanzplatz, so
sind bestimmt die gegenwärtigen Verkehrsbehinderungen
vorüber und ein sehenswertes
Stadtbild zu vermitteln.
Wir freuen uns auf alle Gäste
in unserer Stadt und wünschen
auch Ihnen einen angenehmen
Aufenthalt zur Frühjahrstagung 2007 in unserer Stadt.
Eine erweiterte Übersicht zur
Stadt Gera finden Sie im
Internet unter:
„www.gera.de“.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
71
Zweites Treffen der Ex-AG
Im Welterbe Dresdner Elbtal
Horst-Jürgen Wienen, Bochum
Hervorragende
Vorbereitung
Königstein
72
Dank sei Stefan P. aus N. im
Fläming halbwegs zwischen
Berlin und Leipzig: Mein
Freund war einer der mutigen
Teilnehmer an den Leipziger
Montagsdemonstrationen, die
mit dem Ruf „Wir sind das
Volk!“ und dann mit der wichtigen Abwandlung „Wir sind
ein Volk!“ Auslöser der Auflösung der DDR wurden. Der Beitritt
zur
Bundesrepublik
Deutschland wurde durch den
entsprechenden Vertrag von
1990 besiegelt, dessen nun
alle Deutschen am Tag der
Deutschen Einheit, dem 3. Oktober jeden Jahres, gedenken.
Ohne das alles wäre ich
höchstwahrscheinlich
nicht
mehrfach dienstlich (bis 2002)
nach Dresden gekommen und
ebenso nicht „nachdienstlich“
als Mitglied der Ex-AG.
Endlich konnte ich, wie die anderen – drei mit ihren Ehefrauen – alles das einmal länger
und eingehender erleben, was
die Landeshauptstadt Dresden
in ihrem Faltblatt – amtlich
korrekt – als „Welterbe Dresdner Elbtal“ bezeichnet. Bislang
hatte ich immer die Stadt und
davon lediglich die Altstadt
selbst durchstreift, jetzt sollte
ich auch das Elbtal und die
sächsische Schweiz endlich
kennenlernen. Zeitlich war die
Statistische Woche so organisiert, dass von Montag bis
Mittwoch das wissenschaftliche Programm lief und sich danach jeder am Donnerstag und
Freitag der Ex-AG anschließen
durfte. Immerhin kamen elf
Teilnehmerinnen und Teilneh-
mer der Einladung nach, somit
durchaus statistisch signifikant
mehr als bei der Premiere
anlässlich der Frühjahrstagung
2006 in Koblenz.
Wie sich herausstellte, war der
Zuspruch der Ex-AG-Teilnehmer zum vorangehenden wissenschaftlichen
Abschnitt
recht unterschiedlich. Zwei aus
der Schar der Kolleginnen und
Kollegen, die man seinerzeit in
studentischem Jargon als die
activitas bezeichnet hätte,
stiegen komplett ein, andere
selektiv je nach Interesse. Man
wurde unmittelbar mit einer
neuen Begrifflichkeit für den
städtestatistischen Dienst konfrontiert, der „Nummerischen
Heimatkunde“, den einer der
Referenten in die Debatte einführte. Einige erschienen nur
zur Hauptversammlung des
Verbandes am Dienstag insbesondere wegen der Verabschiedung des langjährigen
bisherigen Verbandsvorsitzenden und der Begrüßung des
per Briefwahl bereits gewählten neuen. Wiederum andere
kamen pünktlich zu Beginn
des Ex-AG-Programms am
Donnerstag Morgen. Ich selbst
habe so etwas wie eine mittlere Variante gewählt: die Anreise am Dienstag aus Berlin, wo
ich einige Tage verbracht hatte, mit dem Ziel, im Anschluss
an die erwähnte Hauptversammlung und dem folgenden
Mittwoch in aller Ruhe zu erkunden, was mir bis dahin bei
den Dresdenbesuchen zuvor
kennenzulernen nicht gelungen war.
Was gab es denn nun Donnerstag und Freitag? Geboten
wurde ein vom Leiter der ExAG hervorragend vorbereitetes
Programm mit einer geradezu
höchstpersönlichen und liebevollen Betreuung bei der Abwicklung. Wie zu erfahren
war, hatte er sogar zuvor alles
eingehend erprobt: sämtliche
geplanten
Ausflugsfahrten,
Hotelübernachtungen, Besichtigungen und dergleichen
mehr. Kann man mehr verlangen?
Für den Donnerstag stand ein
Tagesausflug nach Königstein
im Elbsandsteingebirge auf
dem Programm. Bei mediterranem Wetter erfolgte die Anreise mit der S-Bahn von Dresden
aus elbeaufwärts. Endlich hatte ich einen ersten, ja langersehnten Eindruck vom Welterbe Elbtal. Alle, die gut zu
Fuß waren, wanderten vom
Bahnhof Königstein in rund einer Dreiviertel Stunde auf die
Festung Königstein; die anderen benutzten den Festungsexpress, einen Oldtimer-Omnibus. Oben erwartete uns ein
überwältigender
Rundblick
beim Gang die Festungsmauern entlang. Einige Sehenswürdigkeiten erforderten
ihre Zeit, wie etwa das Artillerie-Museum oder die Brunnenanlage. Allseits gelobt wurde
die Gastronomie, besonders
die raffinierten Kuchensorten
und die appetitanregende ungewöhnliche Schneideform der
Kuchen in einer allen anwesenden Freunden guten Essens
bis dahin unbekannten lang
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
IM WELTERBE DRESDNER ELBTAL
gestreckten Form. Nach der
Rückfahrt klang der Tag mit einem gemeinsamen Abendessen in einer dem Hotel nahegelegenen Gaststätte aus.
Der Freitag startete im Rathaus: Der „Beauftragte für
Nachhaltigkeit der Landeshauptstadt Dresden“, auch zuständig für das Büro Welterbe
Dresdner Elbtal, führte in einem fulminanten Vortrag in
die vielfältigen Fragestellungen der Stadtentwicklung ein.
Die Diskussion um den politisch und rechtlich reichlich
umstrittenen Bau der Waldschlösschen-Brücke, von den
Befürwortern genau im Mittelpunkt des Welterbes im lieblichen Elbetal als notwenig erkannt, ließ er dabei keineswegs aus.
Mittags, wiederum bei Kaiserwetter, fuhren wir mit einem
der neun im Elbtal kreuzenden
Raddampfer nochmals elbeaufwärts, diesmal jedoch nach
Pillnitz, und spazierten durch
den Schlosspark mit seinen
Schlössern. Auf dem Schiff
oder im Schlossbereich speisen, das war für manche von
uns schwer zu entscheiden!
Zurück in Dresden, gerade passend zur Tee- bzw. Kaffeezeit,
fand sich die Ex-AG auf der
Terrasse des Landtags ein, mit
einem wunderschönen Blick
auf das historische AltstadtDresden.
Den Abend gestalteten die
Teilnehmer individuell: Ich entschied für mich, dem Tipp eines Kollegen zu folgen, und
schlenderte über die Elbbrücke
bis zum Goldenen Reiter – einer vollvergoldeten Reiterstatue von August dem Starken – und weiter durch die
Dresdner Neustadt, um von
dort aus später am Abend die
Altstadtfront jenseits der Elbe
in voller Illumination zu genießen. Das war das Welterbe bei
Nacht...
Monats an der ursprünglichen
Stelle in Anwesenheit der Bundeskanzlerin eröffnet, übertrifft alles.
Wer bis hierher gelesen hat,
wird vielleicht fragen, was ich
denn wohl am Mittwoch unternommen habe. Nun, morgens konnte ich das Deutsche
Hygiene-Museum besuchen.
Es ist das einzige in Deutschland, womöglich sogar auf der
Welt. Die aktuelle Zusatzausstellung „Mythos Dresden“
aus Anlass des 800sten Geburtstags der Stadt in diesem
Jahr ließ ich mir nicht entgehen. Ein Rundgang durch die
Altstadt schloss sich an, auch
um den Fortschritt des Wiederaufbaus nach dem Bombardement am 13. Februar 1945
persönlich zu erkunden und es
nicht bei der Kenntnis aus der
gerade besuchten Ausstellung
und den Medien zu belassen.
Ein markantes Beispiel ist die
wiedererstandene
Frauenkirche, die ich seinerzeit als
Ruine sah, das Lutherdenkmal
davor „eingebettet“ in Steine
und Geröll.
Ein ganz besonderes Glück
hatte ich, als mir jemand umständehalber eine Eintrittskarte für das Historische Grüne
Gewölbe zum Einlass zwischen
19:30 h und 19:45 h anbot; die
Warteliste erstreckte sich immerhin bis etwa Mitte Januar
2007 (oder es bedurfte eines
früh beginnenden und langen
Anstehens, um eine Karte aus
dem schwankenden Restkarten-Kontingent des jeweiligen Tages zu ergattern, diese
Mühe blieb mir also erspart).
Ohne überheblich zu wirken,
möchte ich behaupten, viel
Schönes auf dieser Welt bereits gesehen zu haben; aber
diese berühmte Preziosensammlung, frisch Anfang des
Zu Recht sprach der Nachhaltigkeitsbeauftragte bei seinen
Ausführungen davon, dass
Dresden in den Kreis der Weltkulturstädte zurückgekehrt sei.
Bei der angesprochenen Eröffnung gab der sächsische Ministerpräsident den Hinweis,
dass die Dresdner Museen nun
wieder auf Augenhöhe mit
dem Louvre und dem
Metropolitan Museum in
New York seien.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Mythos Dresden
Zwei kleine Nachträge darf ich
nicht vergessen:
Nachtrag Nr. 1: Wer sich näher über das Welterbe Dresdner Elbtal informieren will,
dem sei ein Blick ins Internet
empfohlen:
www.unesco-welterbe.de/de/
presse/texte/deutsch/
dresden.doc;
Eingehende Informationen zu
Pillnitz und seinen Schlössern
erhält man unter:
www.schloesser-dresden.de/
de/pillnitz.
Und alles über Statistische
Wochen findet sich wie immer
unter www.staedtestatistik.de.
Grünes Gewölbe
Nachtrag Nr. 2: Unser Leiter
der Ex-AG plant intensiv zusammen mit dem örtlichen
Statistik-Chef das Programm
der „Ex-AG Gera 2007“. Auf
ein Wiedersehen dort!
August der Starke
73
Statistische Woche in Dresden
Weder Sekt noch Selters
Martin Schlegel, Hagen
Wie viel soll man beim Rückblick auf die Statistische Woche in Dresden eigentlich
schreiben? Eine Seite? Schon
steht der Vorwurf im Raum,
man werde der Stadt nicht gerecht. Der Vorwurf wäre völlig
berechtigt. Frauenkirche, Rathaus, Ständehaus, Schloss,
Hofkirche, Semper Oper, Zwinger, Augustusbrücke, Elbe –
um nur ein paar Highlights zu
erwähnen – und zudem das
vielfältige Tagungsprogramm.
Das kann man nicht in eine
Seite zwängen.
Und vor allem: Das Ambiente.
Selten habe ich eine Stadt mit
so viel Ambiente erlebt. Vielleicht lag es mit daran, dass
die Statistische Woche wieder
glänzend vorbereitet und
durchgeplant war und das
Wetter bestens mitspielte.
Gute Referate – wenn auch
mal ein Überraschungskandidat darunter war – in einem
guten Tagungsgebäude erlaubten eine tolle Tagung.
Auch das Rahmenprogramm,
das durch die Ex-AG schon ein
paar Tage früher begann,
passte bestens. Und wenn
dann mal ein Fehler passierte wie beim Besuch im Grünen
Gewölbe geschehen –, wurde
vorbildlich reagiert.
Eine Seite als Rückblick kann
also nicht sein. Doch der angemessene Umfang – die Sektvariante – ist nicht drin. Ich
sehe eigentlich nur eine Lösung: Machen Sie sich selbst
ein Bild von Dresden. Fahren
Sie mal hin.
Ohne Statistik ist die Welt nur ungefähr.
Computer: Motor der Statistik
Neue geben Einblicke
Martin Schlegel, Hagen
„Statistiker sind humorlose Gesellen.“ An diesem Vorurteil stimmt aber auch gar nichts. Erstens sind
wir keine Gesellen, sondern Meister. Zweitens begegnen uns immer wieder viele humorvolle Kolleginnen und Kollegen. Ganz offenbar wird das bei den Neumitgliedern. Beim Eintritt in den VDSt
bekommt jeder traditionsgemäß ein paar Halbsätze zugemailt, mit der Bitte verbunden, einige davon
zu ergänzen. Das in den Rückläufen gezeichnete Bild zeigt eine deutliche Verbindung aus Ernsthaftigkeit und Humor, eine gute Basis für qualitätsvolle Arbeit.
Lesen Sie selbst, was einige der Neumitglieder aus den Halbsätzen gemacht haben, wo ihre Interessen und Befürchtungen sind, was sie von Statistik erwarten und was Statistik leisten soll. Lernen Sie
die Neuen auf diesem Weg schon ein wenig kennen, bevor Sie ihnen persönlich begegnen.
Anne-Kristin Detert,
Statistik-Abteilung, Gera,
[email protected]
74
Die Hauptaufgabe der Statistik besteht darin, umfassende, relevante und aktuelle Informationen über alle gesellschaftlichen Bereiche möglichst zeitnah und kontinuierlich den
Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, der Wissenschaft und nicht zuletzt
dem interessierten Bürger bereitzustellen.
Wichtig bei einer Grafik ist, dass Inhalt und Aussage auch ohne beschreibenden Text
verstanden werden können.
Mein Lieblingsgebiet in der Statistik ist die Bevölkerungsstatistik.
Wäre ich nicht Statistiker geworden, keine Ahnung – bin ich ja auch nicht „von Hause aus“.
Die Statistik steht vor dem Problem, nicht immer ausreichend genug ernst genommen zu
werden.
Ein Tag ohne Statistik ist für mich im Urlaub oder am Wochenende auch mal ganz ok.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
NEUE GEBEN EINBLICKE
Ein Computer ist für mich ein notwendiges aber nicht immer zu verstehendes Arbeitsmittel.
Die Stadt, in der ich arbeite, bereitet sich mit Hochdruck auf ihre Gastgeberrolle bei der
BUGA 2007 vor!
Die Stadt, in der ich arbeite, ist die Stadt der Mobilität.
Ein Computer ist für mich der Motor der Statistik, mit dem immer höhere Geschwindigkeiten erreicht werden können.
Statistik und Politik, das ist wie Auto fahren mit eingeschalteten Scheinwerfern. Also
sicherer und schneller, aber das Licht kostet auch ein bisschen was.
Eine gute Statistik erkennt man daran, dass die Entwickler die Ausstattung auf die Zielgruppe zugeschnitten haben, so dass sie anschließend auch gerne verwendet wird.
Eine gute Statistik erkennt man außerdem daran, dass sie nicht nur im Neuzustand benutzt wird, sondern auch noch als Oldtimer.
Meine Hoffnung besteht darin, dass die Städtestatistik dank ihrer Flexibilität und Wendigkeit den wachsenden Anforderungen der Informationsgesellschaft gerecht wird.
An viele Ziele kommt man schneller mit dem kleinen Smart als mit dem großen ICE.
Wäre ich nicht Statistiker geworden, dann vielleicht Hausmann (mit s statt ß).
Michael Haußmann,
Diplom-Geograf,
Abteilungsleiter im
Statistischen Amt Stuttgart,
[email protected]
Eine gute Statistik erkennt man daran, dass die umfassend und doch leicht verständlich ist.
Die Hauptaufgabe der Statistik besteht darin, Entwicklungen und Zusammenhänge aufzuzeigen.
Statistiken liefern wichtige Informationen, aber bedürfen einer sorgfältigen Interpretation.
Eine gute Tabelle ist eine Tabelle in der „mein“ Handballverein ganz oben steht.
Statistik ist für mich das Informationsmittel der Mündigen.
Im nächsten Jahr möchte ich keine Wahl und keinen Bürgerentscheid durchführen müssen.
Hans-Jürgen Neuhausen,
Diplom-Sozialwissenschaftler,
Stadt Krefeld,
FB 31 Bürgerservice, Leiter der
Abteilung Statistik und Wahlen,
[email protected]
Eine gute Statistik erkennt man daran, dass sie objektive Sachverhalte nachvollziehbar
darstellt.
Die Hauptaufgabe der Statistik besteht darin, Politik und Öffentlichkeit nicht hinters Licht zu
führen.
Statistiken liefern wichtige Informationen, aber sie können falsch interpretiert werden.
Mein Lieblingsgebiet in der Statistik ist die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsstatistik.
Wenn ich in einer eigenen Tabelle einen Fehler entdecke, korrigiere ich ihn umgehend.
Umfragen nützen dem, der sie in Auftrag gibt.
Ein Computer ist für mich ein nützliches Arbeitsgerät.
Wer ohne Zahlen argumentiert, hat ein Argumentationsproblem.
Der Datenschutz ist für mich wichtig, wenn es sich um personalisierte Einzeldaten handelt.
Die nächste Volkszählung sollte ein registergestützter Zensus sein.
Frank Neumann,
Diplom-Volkswirt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Stadt Köln, Amt für Stadtentwicklung und Statistik,
Abt. Statistik und Informationsmanagement,
[email protected]
Eine gute Statistik erkennt man daran, dass sie zitiert wird (und gleichzeitig methodisch
nachvollziehbar und plausibel ist).
Wichtig bei einer Grafik ist, dass sie auch ohne großen Begleittext verständlich ist.
Wenn ich in einer eigenen Tabelle einen Fehler entdecke, hoffe ich erstens, dass sie noch nicht
veröffentlicht gedruckt ist und zweitens, dass ich die Ursache des Fehlers ohne
weiteres finde.
Im nächsten Jahr möchte ich meiner großen Tochter die Städte London und Manchester
zeigen.
Die Statistik steht vor dem Problem, dass sie oft kein „Bestseller“ ist.
Ohne Statistik ist die Welt nur ungefähr.
Ein Computer ist für mich (auch privat) lebensnotwendig (Kinoprogramm, Emailen mit
Freunden, Online-Banking, Fahrplanauskünfte des ÖPNV, Bibliotheken“gänge“).
Wer ohne Zahlen argumentiert, ist ignorant.
Statistik und Politik, das ist eigentlich untrennbar.
Antje Seidel-Schulze,
Dipl. Soz.Wiss., Deutsches
Institut für Urbanistik,
Arbeitsbereich Wirtschaft und
Finanzen, Berlin,
[email protected]
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
75
Stabwechsel beim Verband
Deutscher Städtestatistiker
Zwölf Jahre hat er den Verband als Vorsitzender erfolgreich geführt: Dr. Ernst-Joachim Richter
verabschiedete sich in seine nächste – außerberufliche – Lebensphase. Die Mitgliederversammlung
dankte ihm während der Statistischen Woche 2006 in Dresden für sein Engagement für die Anliegen
der Städtestatistik, die er in zahlreichen Gremien und
Projekten sowie bei ungezählten Anlässen kompetent
und überzeugend vertreten hat mit der Ehrenmitgliedschaft im Verband Deutscher Städtestatistiker.
Der Neue: Rudolf Schulmeyer, bisher stellvertretender
Vorsitzender. Dr. Richter übergab ihm mit dem Mitgliederverzeichnis symbolisch die Verantwortung für
die 300 dem Verband Deutscher Städtestatistiker angehörenden Kolleginnen und Kollegen.
In den folgenden Zeilen stellt sich das Quartett an der
Spitze des Verbandes kurz vor.
Rudolf Schulmeyer,
Vorsitzender des Verbandes Deutscher Städtestatistiker
Amtsleiter in Frankfurt am Main, Bürgeramt, Statistik und Wahlen
Zum Berufseinstieg hat es den Diplom-Volkswirt 1975 direkt in die Städtestatistik verschlagen, und
die hat ihn festgehalten. Bis 1997 im Statistischen Amt der Stadt Köln, zuletzt als Leiter der
Abteilung Stadtforschung, Strategisches Informationssystem und Datenverarbeitung. Seit 1997 als
Leiter des Bürgeramtes, Statistik und Wahlen der Stadt Frankfurt am Main.
Seine Arbeitsschwerpunkte: Aufbau und Weiterentwicklung eines zeitgemäßen kommunalen Informationssystems durch Integration zukunftsweisender DV-Technik, Methoden und Raumbezug mit
der Informationsbasis aus amtlicher Statistik, Verwaltungsverfahren und kommunaler Marktforschung. Inhaltliche Schwerpunkte bilden Demografie, Wahlanalyse, Umfrageforschung, Geografisches Informationssystem und Raumbezug.
Bei der langen Zeit in der Städtestatistik kein Wunder: Die Teilhabe an interkommunalen und
internationalen Forschungs- und Kooperationsprojekten sowie die Mitarbeit beim Deutschen Städtetag. Aber auch diverse Mitgliedschaften und Funktionen: Mitglied im Verband Deutscher Städtestatistiker seit 1975, von 2003 bis 2006 stellvertretender Vorsitzender. Seit 1976 Mitglied der
Deutschen Statistischen Gesellschaft, zurzeit kooptiertes Vorstandsmitglied. 2000/01 stellvertretender Vorsitzender des KOSIS-Verbundes, 2004/05 Vorsitzender. Seit 2004 Geschäftsführung der
Arbeitsgemeinschaft Kommunalstatistik (KOSTAT) und der KOSIS-Gemeinschaft Kommunales
Rauminformationssystem (KORIS).
Schulmeyer: „Der Verband ist heute so wichtig wie bei seiner Gründung vor 125 Jahren. Es ist
erfreulich, dass in den Städten die Bedeutung fundierter Informationsgrundlagen wieder erkannt
wird. Es geht darum, die kommunale Planungshoheit und Selbstverwaltung zu erhalten und den
demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel zu beherrschen. Das in den Städten verteilte Expertenwissen und die fachlichen Kompetenzen zu vernetzen und damit zum Nutzen der
eigenen Stadt zu verstärken ist ein Hauptanliegen des Verbandes Deutscher Städtestatistiker.“
76
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
STABWECHSEL BEIM VERBAND DEUTSCHER STÄDTESTATISTIKER
Hermann Breuer,
Stellvertretender Vorsitzender
Abteilungsleiter Statistik und Informationsservice im Amt für Stadtentwicklung und
Statistik der Stadt Köln
Als gebürtiger Kölner verbrachte ich in dieser Stadt meine Jugend. Am Gymnasium Kreuzgasse erwarb ich
1972 meine Hochschulreife und startete 1974 nach dem Zivildienst ein Studium an der Rheinischen
Friedrich-Wilhelm Universität Bonn mit den Fächern Geschichte, Geographie und Politologie und dem
Studienziel Lehramt. Nach vier Semestern hielt ich einen Kurswechsel für angezeigt und konzentrierte mich
auf die Geographie mit dem Abschlussziel Diplom und nahm interessante und skurrile Nebenfächer wie
Städtebau und Wasserwirtschaft in mein Studienprogramm auf. Sie brachten mich zwar nicht zum konstruktiven Wasser- und Kanalbau, aber die Arbeit an Fragestelllungen der Stadtsanierung und -erneuerung,
der Flächennutzungs- und Bauleitplanung ergänzten sich bestens mit dem innovativen Curriculum von
Politischer Geographie und Wirtschaftsgeographie. Das Hauptforschungsfeld meines wichtigsten Hochschullehrers, Professor Klaus-Achim Boesler, die Raumwirksamkeit staat–lichen Handelns, ließ mich bald
ahnen, das dies "mein Ding" sein könnte.
Mein Berufseinstieg in der Industrie- und Handelskammer zu Köln mit dem Projektauftrag, den Strukturatlas der Kammer neu aufzulegen, brachte mich – bei Licht besehen – 1981 schon recht nah an das heran,
was man heute Informationsmanagement und GIS nennt. Der Strukturatlas der IHK, ein wirtschaftliches
Standortprofil aller Kommunen im Kammergebiet in Verbindung mit einer Datensammlung ansiedlungsrelevanter Kennziffern der ausgewiesenen und geplanten Gewerbegebiete, wird heute längst datenbankgestützt fortgeschrieben und im Internet bereitgestellt. Aber die Arbeit zusammen mit Graphikagentur und
der Bereisung aller Wirtschaftsförderungsinstitutionen war der für mich der beste aller Einstiegsjobs.
Danach ging’s zurück an den Lehrstuhl von Professor Boesler mit Forschungsprojekten zur Raumwirksamkeit der Rohstoffpolitik der Bundesregierung am Beispiel der Nichteisen-Metallindustrie und ihrer Vernetzung in bzw. mit der Standortregion. Weitere Gutachten reichten von regionaler Wirtschaftsentwicklung
und Arbeitsmarktprognosen bis zur Wahrnehmung kommunaler bzw. öffentlicher Räume durch Frauen
und Mädchen und der Ermittlung der Mental Map ihrer „Angsträume“.
Nach fünf Jahren wechselte ich 1988 auf eine Planstelle Grundsatzfragen im Amt für Wirtschaftsförderung
der Stadt Köln und von dort geriet ich 1990 endgültig ins Gravitationsfeld der Statistik. Ein Kulturschock
ersten Ranges, von dem ich mich nur langsam erholte. Nachdem der Statistikvirus nach abgeschlossener
Inkubationszeit dann endgültig von mir Besitz ergriffen hatte, lagen harmonische Jahre vergleichsweise
ruhigen Statistikerlebens vor mir. Schon bald ließ ich mich zum Eintritt in der VDSt überreden und
übernahm dann auch willig den Finanzausschuss, der in Finanzen und kommunales Controlling umfirmierte. Die Städtestatistik schien gut beraten, sich früh auf moderne Stadtsteuerung einzustellen und sich mit
ihren für die damalige Zeit doch innovativen Datenmodellen erfolgreich in der Kommunalverwaltung zu
positionieren.
Allerdings befand sich der Ausschuss doch schon bald in eine Position „zwischen Baum und Borke“:
Diejenigen, die von Amts wegen die Aufgabe Controlling und Stadtsteuerung ausfüllten, nahmen die
Statistik günstigstenfalls als ärgerliche Konkurrenz wahr, ungünstigstenfalls nahmen sie sie gar nicht ernst.
Schlussendlich hat der Rückzug des Controllings von seiner strategischen Zielausrichtung zur reinen
Kostenkontrolle die Aufgabenstellung dieses Ausschusses erodiert. Die dramatische Einnahmesituation in
den Städten und die hieraus folgenden organisatorischen Rahmenbedingungen für die kommunale Statistik waren nicht zuletzt auch die Faktoren, die meiner Meinung nach den VDSt zu Anpassungsmaßnahmen
seiner Organisationsstrukturen, sprich Auflösung der Ausschüsse brachte.
Nach turbulenter Zeit der Amtsauflösung, kommissarischer Amtsleitung und harter Landung mit weiteren
Schiffbrüchigen namens Stadtentwicklung und Baukoordination und Neufirmierung unter dem Segel von
Stadtentwicklung und Statistik, segele ich nunmehr mit meinen Kollegen aus den Bereichen Stadtforschung, Informationsservice, Raumbezugssystem und Data Warehouse auf den Meeren der Kölner
Verwaltung. Wir bekehren ungetaufte Verwaltungseingeborene mit der Kunst, Daten und Informationen
als Würfel und in Raumbezügen zu denken, Umfragen über uns zu starten und gemeinsam mit uns das
Gebet „zum großen Monitor“ zu sprechen. Das Segeln am Wind schweißt zusammen und mit den
Erfahrungen aus mancher Havarie, aber auch aus erfolgreichen Eroberungen hoffe ich dem VDSt dienen zu
können.
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
77
STABWECHSEL BEIM VERBAND DEUTSCHER STÄDTESTATISTIKER
Dr. Ruth Schmidt,
Dr. Roland Jeske,
Schriftführerin
Amt für Statistik und Wahlen, Leipzig, Abteilungsleiterin Information
Geboren wurde ich in Halle an der Saale. Dort verbrachte ich auch meine Schulzeit,
die ich mit dem Abitur an der Martin-Luther-Universität Halle beendete.
Anschließend studierte ich Mathematik an der Universität Halle und der Technischen Hochschule Merseburg. Nach dem Diplomabschluss 1975 ging ich als Assistentin an die Sektion Mathematik der Bergakademie Freiberg, wo ich 1980 promovierte. Die nächsten Jahre war ich im Schulungszentrum des VEB Kombinat Robotron in Leipzig als Dozentin tätig, zunächst für Großrechneranlagen, dann, nach
Geburt der Kinder, für PC, Assembler- und Datenbankprogrammierung. 1986
wechselte ich in die Dozentur Produktionsplanung- und steuerung an der Sektion
Polygrafie der Technischen Hochschule Leipzig.
Da ich in Leipzig wohnte, konnte ich die aufregende Zeit 1989 in dieser Stadt selbst
erleben; die Teilnahme an einer der Demonstrationen vor dem 9.10.1989 gehört zu
den beeindruckendsten Erlebnissen in meinem Leben. Beruflich hatte ich mich
schon seit einiger Zeit für die Arbeit einer Stadtverwaltung interessiert. Nach Neubildung der Ämter der Stadtverwaltung Leipzig bewarb ich mich im Amt für Statistik und Wahlen, wo ich seit 1991als Abteilungsleiterin beschäftigt bin. Zu den
Aufgaben der Abteilung Information gehören die Datenverarbeitung des Amtes, die
Bibliothek und der statistische Auskunftsdienst, sowie die Führung der kleinräumigen Gebietsgliederung, die Hausnummernvergabe und die Straßenbenennung. Hinzu kommt bekanntermaßen in regel- und unregelmäßigen Abständen die Durchführung von Wahlen. Eine interessante Ergänzung zu den genannten Aufgaben ist
für mich seit 1996 der Vorsitz eines der zehn Stadtbezirksbeiräte der Stadt Leipzig.
Seit 1991 bin ich Mitglied des Verbandes Deutscher Städtestatistiker; 2002 wurde
ich zum ersten und 2006 zum zweiten Mal zur Schriftführerin im Vorstand des
Verbandes gewählt. An die ersten Jahre der Mitgliedschaft im VDSt denke ich
besonders gern und dankbar zurück. Die Unterstützung von Kollegen beim (Wieder-) Aufbau der Kommunalstatistik in Leipzig sowie der fachliche Erfahrungsaustausch waren und sind eine große Hilfe. Weiterhin freue ich mich, dass es mir
möglich ist, einen Teil meines Wissens im jährlichen Grundkurs für Kommunalstatistik in Bamberg weiterzugeben.
Schatzmeister
Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz
Geboren bin ich in Bielefeld, der „freundlichen Stadt am Teutoburger
Wald“, der Metropole Ostwestfalens, wo ich meine Kindheit verbrachte
und am seinerzeitigen Bavink-Gymnasium das Abitur machte. Anschließend studierte ich Statistik an den Universitäten in Dortmund und Sheffield. Nach dem Diplom trat ich meine Assistentenstelle am Statistiklehrstuhl der Universität Konstanz an. Dort promovierte ich im Fach Statistik
und wechselte schließlich zur Stadt Konstanz, um die Abteilung „Statistik
und Wahlen“ zu leiten.
Wenngleich mich der letzte Stellenwechsel zum Leiter der Abteilung Wirtschaft, Landwirtschaft und Umwelt des Statistischen Landesamtes Rheinland-Pfalz ein wenig von der Kommunalstatistik entfernt hat, denke ich
gern an die Zeit in der Kommunalstatistik zurück und freue mich, Kollegen
aus der Städtestatistik zu treffen. Auch fachlich besteht als Ansprechpartner unseres Amtes zur Kommunalstatistik Kontakt zu den Kollegen in
Rheinland-Pfalz. Neben meinen primären Aufgaben in der Wirtschaftsstatistik gilt ein besonderer Augenmerk dem rheinland-pfälzischen Unternehmensregister sowie Methoden- und Qualitätsfragen der Statistik. Beim
Reformprozess der Unternehmensstatistiken vertrete ich das Landesamt in
zahlreichen Bund-Länder-Arbeitsgruppen.
78
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
Verband Deutscher Städtestatistiker
Funktionen und Funktionsträger
Der VDSt besteht nicht nur aus einigen Hundert Mitgliedern, einige von ihnen haben
eine Funktion, sind damit hervorragende Ansprechpartner für Ihre Fragen und Probleme. Deshalb folgt hier diese Liste.
Vorsitzender: Rudolf Schulmeyer, Frankfurt, [email protected]
Stellvertretender Vorsitzender: Hermann Breuer, Köln, [email protected]
Schatzmeister: Dr. Roland Jeske, Bad Ems, [email protected]
Schriftführerin: Dr. Ruth Schmidt, Leipzig, [email protected]
Vorsitzender der AG Ost: Dr. Reiner Pokorny, Potsdam, [email protected]
Stellvertreter: Werner Ley, Magdeburg, [email protected]
Vorsitzende der AG Nord-West: Dr. Helga Kreft-Kettermann, Münster, [email protected]
Stellvertreter: Berthold Haermeyer, Dortmund, [email protected]
Vorsitzender der AG Süd: Florian Breu, München, [email protected]
Stellvertreter: Joachim Hahn, Heidelberg, [email protected]
Tagungsbeauftragter: Hans Teschner, Bielefeld, [email protected]
Programmbeauftragter: Hermann Breuer, Köln, [email protected]
Beauftragte für Umfragen: Ulrike Schönfeld-Nastoll, Oberhausen, [email protected]
Leiter der Ex-AG: Dr. Ludwig von Hamm, Freiburg, [email protected]
Schriftleiter von Stadtforschung und Statistik: Martin Schlegel, Hagen, [email protected]
Geschäftsführer der Kosis-Gemeinschaft: Wolf Schäfer, Nürnberg, [email protected]
Stellvertreter: Hans Teschner, Bielefeld, [email protected]
Arbeitskreis Stadtforschung, Statistik und Wahlen beim Deutschen Städtetag:
Vorsitzender: Ernst-Otto Sommerer, Dortmund, [email protected]
Stellvertreterinnen: Prof. Dr. Ulrike Rockmann, Berlin, [email protected]
und Dr. Helga Kreft-Kettermann, Münster, [email protected]
Fachreferenten:
Bevölkerung: Hans Teschner, Bielefeld, [email protected]
Steuern, Finanzen: Hans-Rainer Burisch, Essen, [email protected]
Bauen, Wohnen: Christian Eichner, Dresden, [email protected]
Wahlen: Dr. Josef Fischer, Leipzig, [email protected]
Wirtschaft, Arbeitsmarkt: Hermann Breuer, Köln, [email protected]
Fremdenverkehr, Agrarsektor: Klaus Kosack, Bonn, [email protected]
Gesundheit, Soziales: NN
Stadtforschung und Statistik 1/ 07
79
Autorenverzeichnis
Baumann Andreas, MA in Soziologie, Diplom-Ingenieur in Versorgungstechnik, Universität Siegen
Boers, Klaus, Prof. Dr., Leiter des Projektes Kriminalität in der modernen Stadt, Institut für Kriminalwissenschaften, Universität Münster,
[email protected]
Bomsdorf, Professor Dr. Eckart, Universität Köln, Seminar für Wirtschafts- und Sozialstatistik, [email protected]
Breuer, Hermann, Diplom-Geograf, Köln, Abteilungsleiter im Amt für Stadtentwicklung und Statistik, [email protected]
Buhl, Simon, Diplom-Kaufmann, Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW, Referat Bevölkerung, Zensus, Wahlen, \o
„mailto:[email protected]:[email protected][email protected]
Detert, Anne-Kristin, Statistik-Abteilung Gera, [email protected]
Eichhorn, Professor Dr. Lothar, Statistisches Landesamt Niedersachsen, Hannover, [email protected]
Fischer, Dr. Josef, Amtsleiter, Amt für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig, [email protected]
Hammersen, John-Philip, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg,
[email protected]
Hannemann, Prof. Volker, Diplom-Geograf, Weyhe, [email protected]
Haußmann Michael, Diplom-Geograf, Statistisches Amt Stuttgart, Abteilungsleiter, [email protected]uttgart.de
Huter, Jessica, Statistisches Landesamt Niedersachsen, [email protected]
Jeske, Dr. Roland, Diplom-Statistiker, Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz, Bad Ems, [email protected]
Kunadt, Susann, Diplom-Soziologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld, [email protected]
Marquardt, Klaus, Diplom-Geograf, Stadt Herne, Fachbereich Stadtentwicklung, Stadtforschung und Wahlen, [email protected]
Münzenmaier, Dr. Werner, Ministerialrat im Finanzministerium Baden-Württemberg, Stuttgart, Stuttgart, [email protected]
Neuhausen, Hans-Jürgen, Diplom-Sozialwissenschaftler, Krefeld, Leiter der Abteilung Statistik und Wahlen, [email protected]
Neumann, Frank, Diplom-Volkswirt, Köln, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Stadtentwicklung und Statistik, [email protected]
Reinecke, Jost, Prof. Dr., Leiter des Projektes Kriminalität in der modernen Stadt, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld,
[email protected]
Reuband, Prof. Dr. Karl-Heinz, Sozialwissenschaftliches Institut Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, [email protected]
Schletz, Bernhard, Diplom-Wirtschaftler, Gera, Abteilung Statistik und Wahlen, [email protected]
Schmidt, Dr. Ruth, Diplom-Mathematikerin, Leipzig, Abteilungsleiterin im amt für Statistik und Wahlen, [email protected]
Schneider, Reto U., stellvertretender Redaktionsleiter des NZZ-Folio, [email protected]
Schubert, Uwe, Diplom-Statistiker, Leiter des Ressorts Statistik und Stadtforschung, Hagen, [email protected]
Schulmeyer, Rudolf, Diplom-Volkswirt, Amtsleiter, Frankfurt, [email protected]
Seidel-Schulze, Antje, Diplom-Sozialwissenschaftlerin, DIFU-Berlin, [email protected]
Stephan, Dr. Karsten, Diplom-Sozialwissenschaftler, Projektleiter an der Universität Siegen, [email protected]
Strohmeier, PD Dr. Gerd, Universität Passau, [email protected]
Terpoorten, Tobias, Diplom-Geograf, Ruhr-Universität Bochum, ZEFIR, [email protected]
Vöckler, Jens, Diplomingenieur, Amt für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig, jens.vö[email protected]
Wienen, Dr. Horst-Jürgen, Diplom-Volkswirt, Städt. Verwaltungsdirektor a.D., Bochum, [email protected]
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Stadtforschung und Statistik 1/ 07