Auf der anderen Seite des Spiegels Neulich hörte man von

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Auf der anderen Seite des Spiegels Neulich hörte man von
Johnen Galerie
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Auf der anderen Seite des Spiegels
Auf der anderen Seite des Spiegels
Neulich hörte man von einem Skandal, dessen Held ein einfallsreicher und sehr talentierter
Pole ist; im Vorfeld der Automobil-Messe (IAA) in Frankfurt, wo die Weltpremiere eines
Mercedes-Sportwagens stattfinden sollte, hat dieser in seiner eigenen Werkstat das Model
anhand der Prototyp-Illustrationen nachgebaut. Kurz gesagt, er hatte mit seinem Vehikel die
Zukunft bereits überholt – und etwas erschaffen, das noch nicht existierte.
Ein anderer sehr talentierter Pole, Robert Kusmirowski, ist nicht der Faszination des Luxus
erlegen und hat sich entschlossen, anstatt ein skandalprovozierender Handwerker, Künstler
zu werden. Er fing an mit eigenen Händen Dinge zu kopieren. Wie ein besessener Fälscher
zeichnete er mit höchster Genauigkeit und Perfektion Dokumente ab, stellte Artefakte aus
der Vergangenheit wieder her - vor allem solche, die der Gegenwart der Volksrepublik Polen
angehört hatten, die gekennzeichnet war von sowohl Defiziten als auch Vergeudung, welche
hin zu der Entwicklung von schokoladenähnlichen Produkten führte. Und so, diese
Ersatzerzeugnisse verwendend, fälschte er u.a. die „Volkstribüne“ , Warenzettel,
Zigarettenschachteln und sogar ..... einen Güterzugwaggon in Maßstab 1:1.
So könnte er auch den Kulturpalast in Warschau kopieren, zumal man in Las Vegas ja
bereits schon halb Europa als Nachbau vorfinden kann. In derartiger Trance könnte man
sicherlich noch weiter gehen, nur, das es hier ebenso wenig um das Brechen von Rekorden
der Unsinnigkeit geht, wie auch nicht um das in-Verlegenheit- bringen des Demiurg.
Anstatt einer nächsten Eisenbahnwaggon-Imitation, gefälschten Tickets oder eines
Reisedokumentes – das er ohne weiteres benutzen könnte (Kontrolleure sind schon oft drauf
reingefallen) – geht Kusmirowski, an dem eingeschlagenen Weg festhaltend, einen Schritt
weiter. Um nicht auf Abwege zu gelangen oder stehen zu bleiben, gibt er nicht den
Gegenstand, sondern das Geschehnis selbst wieder.
Sein nächstes Projekt befasst sich mit der Rekonstruktion einer komplizierten Situation aus
der Vergangenheit.
Der Held von „Zurück in die Zukunft“ hatte ein Auto zur Verfügung, Kusmirowski als
begeisterter Radfahrer wählte das Fahrrad als seine Zeitmaschine. Dank dieser Tatsache
ging seine Reise auch durch den Raum. Konkret: von Paris über Berlin nach Leipzig. Dem
Musterbild des Radfahrers der 20er Jahre des vergangenen Jaghunderts entsprechend,
bestieg er ein Fahrrad dieser Epoche und machte sich auf jene Strecke, die er, ähnlich wie
die Damaligen, dokumentierte. Ich muss wohl nicht hinzufügen, dass er sehr darauf bedacht
war, dass sein ganzes Reisetagebuch so aussah wie von „damals“.
In der Wiener Sezession zeigt er später- neben Fotos, Heften und Zeitungsausschnittenauch eine selbstgemachte Replik des Fahrrades. Selbstverständlich könnte man den
Vergleich zu der alljährlich stattfindenden „Schlacht bei Grünewald“, wo mit einer ganzen
Zusammenstellung der unentbehrlichen, handgemachten Accessoires ein viel
spektakuläreres Moment dargeboten wird, verschmähen, aber...
Lassen wir im Moment das Problem der Nachahmung der Realität beiseite und lenken wir
unsere Aufmerksamkeit mehr auf die Tendenz zur Mythologisierung von allem, was mit der
Entstehung eines Kunstwerkes zusammenhängt, welche mindestens genau so alt ist, wie die
Beschreibung der Schmiedehütte des Hefajstos in Homers „Iliade“. Vor allem geht es um die
eigenhändige Erschaffung eines Kunstwerkes und den Entstehungsort. Das Idealisieren des
Erschaffungsprozesses entwickelt sich fort bis zu Aktionskunst und Performance, und das
„Erschaffen in einem Arbeitsraum“ verwandelt sich manchmal in „Erschaffen eines
Arbeitsraumes“. Der Entstehungsort der Kunst wird selbst zu einem ein Kunstwerk (z.B. das
Haus von Victor Hugo, der Merzbau von Schwitters, das Haus von Gregor Schneider).
Die Neigung Sachen zu dokumentieren, wie auch der Prozess, das zu re-definieren, was
Kunst ist, ruft hervor, dass heutzutage nicht nur „Originale und Unikate“ ausgestellt werden,
sondern auch Dokumentationen (z.B. von Aktionen). In der Tendenz des Kopierens und
Nachbauens dessen, was bereits verloren gegangen ist, ob in Museen oder an den
Originalplätzen, genügt es nicht mehr, nur die Meisterwerke selbst auszustellen, sondern es
werden manchmal auch noch die Ateliers der Künstler rekonstruiert. So wurde das Pariser
2003
Johnen Galerie
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Auf der anderen Seite des Spiegels
Atelier von Brancusi anhand seiner eigenen Fotografien getreu nachgebaut. Besonders
interessant ist: man hat angefangen die Fotografien des genialen Bildhauers als autonome
Kunstwerke anzusehen.
Das was Kusmirowski in Castle Ujazdowski gemacht hat, dreht alles, worüber wir bislang
gesprochen haben, auf „die linke Seite“ um. Und was hat er gemacht? In dem Inneren der
Galerie baut er aus vorgefundenem Gerümpel sein Atelier nach, wo er quasi dem
Kunsthandwerk in der Zeit des elenden Kommunismus nachging. Nur dass er sich damals
höchstens dem Sandburgen-Bauen widmen konnte, und sein Atelier erinnert uns an die
traurigen Ergebnisse der Propaganda über die Arbeit der Werktätigen. Der Dreck, welcher
dort vorherrscht, versagt die schöne Vision eines romantischen Ateliers als heilige Stätte der
Kunst. Das wichtigste Element an diesem Ort ist ein Spiegel, denn Kusmirowski hat diesmal
nicht nur das nichtexistente Atelier wiederaufgebaut, sondern vor allem hat er eine Imitation
des Spiegelbildes geschaffen (!). Auf der anderen Seite des Spiegels, welcher nur eine
einfache Glasscheibe ist, befindet sich eine exakte und sehr detaillierte Kopie jenes nicht
wirklich erfundenen Ateliers (gemacht aus preiswerten Materialien wie Gips, Karton oder
Styropor).
Der Versuch, den Grad an Falsifikation der Realität festzustellen (die Welt der Attrappen,
Kopien und Fantasiewesen), das ist hier eine ernsthafte Sache, auf die man sich ohne solide
Assekuranz nicht einlassen sollte. Mimetismus, Nachahmung, Illusion, Realismus, Verismus
usw. – das sind die elementaren Begriffe bei Erörterungen über das Wesen der Kunst.
Zum Schluss lohnt sich zu betonen, dass das Wirken von Kusmirowski – aber auch z.B.
manche Projekte von Pawel Althamer, insbesondere seine Aktion „Film“ – eine neue Art der
Problembewältigung in der Verwirklichung von Kunst bildet, die ständig neue
Ausdrucksformen sucht. Denn in der Zeit des Niedergangs der technischen Reproduktionen
muss der Künstler sich irgendwie einfinden in die Zeit der digitalen Kommunikation und der
allgemein weitverbreiteten Manipulation von Realität und Bildung ihres virtuellen Surrogats.
PS 1: Robert Kusmirowski war Mitglied einer Heavy Metal-Band –angeblich spielte er auf
einer Tastatur in der Band Sonnyasin...
PS 2: Will man auf einem Blick mit der Ausstellung fertig werden, könnte man ihre teuflische
Ursprünglichkeit übersehen. Sogar das, dass dem Spiegelbild nichts fehlt außer der
Betrachter selbst. Der Effekt ist sozusagen vampirisch.
Text: Michal Wolinski
In: FLUID Magazin, Nr. 36, November 2003, S.24-27
2003