Wirkungen einer Selbsttoetung auf Zurueckbleibende

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Wirkungen einer Selbsttoetung auf Zurueckbleibende
„Betroffen“ – Wirkungen einer Selbsttötung auf Zurückbleibende
Anmerkungen zu einem oft vergessenen Thema
von
Manfred Holtze
In Hessen sterben jährlich ca. 800 Personen durch Selbsttötung. Unterstellt man,
dass jeder Mensch in der Regel fünf enge Bezugspersonen in Familie und Freundeskreis hat, gibt es Jahr für Jahr allein in Hessen 4.000 Trauernde nach einem Suizid.
Nimmt man dann noch Personen aus anderen Bezugsfeldern hinzu, erweitert sich
der Kreis der Betroffenen nicht unerheblich. Sie alle stehen auf je eigene Weise vor
dem Problem, wie sie mit dem durch Selbsttötung verstorbenen Menschen, mit dem,
was seine Tat in ihnen ausgelöst hat, mit anderen Betroffenen und der Öffentlichkeit
umgehen sollen. Sie haben sich diese Aufgaben nicht ausgesucht, müssen sie dennoch bewältigen. Dabei stehen sie, das ist eine zusätzliche schmerzliche Erfahrung,
oft allein.
Wirkungen einer Selbsttötung auf Hinterbliebene
Stirbt jemand, dann müssen Angehörige die Tiefen der Trauer über diesen Verlust
durchleiden. Dabei ist hilfreich, dass ihnen die Ursache des Verlustes in der Regel
bekannt ist und deshalb auch nicht weiter hinterfragt wird: z. B. ein Herzinfarkt. Bei
der Selbsttötung ist das anders. In einer 1998 erschienenen Untersuchung über „Suizide von Schutz- und Kriminalpolizeibeamten und -beamtinnen in NordrheinWestfalen von 1983 bis 1997“ stellt Dieter Hartwig behutsam fest, dass dem Motivbereich „Beziehungsschwierigkeiten“ (darunter v. a. auch Eheschwierigkeiten) „die
größte Bedeutung für suizidales Verhalten zukommen“ dürfte (Hartwig, S. 55). Nun
mangelt es dem Beweggrund „Eheschwierigkeiten“, anders als der Ursache „Herzinfarkt“, an Eindeutigkeit. Die überwiegende Mehrheit der Verheirateten weiß andere
Lösungswege als den Suizid zu wählen. Treten Eheprobleme auf, lebt man mit diesen, klärt sie z. B. mittels Beratung oder lässt sich gar scheiden. Auf diesem Hintergrund wird schnell deutlich, dass „Eheschwierigkeiten“ keine hinreichende Erklärung
für einen Suizid sind. Das gilt übrigens für nahezu alle, in der Berichterstattung der
Medien über Suizidfälle genannten Motive. Hinterbliebenen genügen diese Motive
jedenfalls nicht. Sie werden vielmehr von einer Fülle quälender Fragen geplagt, die –
wenn überhaupt – nur sehr schwer zu beantworten sind: Wäre der Suizid vermeidbar
gewesen? Habe ich Hinweise übersehen oder nicht ernst genommen? Hätte ich
noch helfen können? Oder bin ich gar selbst schuld? Daneben empfinden die Betroffenen oft auch Wut und Zorn auf den Suizidanten, weil sie sich von ihm verraten und
verlassen fühlen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Umgebung häufig mit Unverständnis, stummer
oder offener Verurteilung und Ausgrenzung reagiert. Statt Zuwendung erleben die
Betroffenen Abwendung. Das schürt ihr Misstrauen und lässt sie verstummen, wo
Reden hilfreich wäre. Bei betroffenen Kolleginnen und Kollegen und auch Vorgesetzten werden zudem Ängste vor Schuldzuweisungen und beruflichen Konsequenzen
ausgelöst. Von all dem kann eines leicht überlagert werden: Die Trauer um den Menschen, der für sich nur noch den Suizid als Ausweg sah. Das Gefühl der Trauer kann
deshalb selten ungebrochen gelebt werden. „Vielleicht ist das deswegen so, weil es
in Bezug auf Menschen, die sich das Leben genommen haben, so schwierig ist, zwischen tatsächlicher Schuld und Schuldgefühl zu unterscheiden.“ (Kind, S. 81)
Nun haben Reinhard Haller und Albert Lingg 1986 im Rahmen einer Suizidstudie
festgestellt, dass der Suizid eines Angehörigen von den Betroffenen „zweifelsohne
manchmal auch als Erlösung empfunden wird“ (Haller/Lingg, S. 303). Dieses zunächst befremdende Empfinden lässt sich gut verstehen, wenn der Tat eine lange
Leidensgeschichte mit dem Suizidanten vorhergegangen ist.
Bekannt ist ja, dass der Suizid nicht selten als Drohung eingesetzt wird, um Kontrolle
auszuüben und eigene Belange durchzusetzen. Diese Drohung gipfelt oft in einer
ausgeklügelten Dramaturgie der Suizidhandlung bis hin zum erweiterten Suizid durch
Mitnahme z. B. von Kindern. Darin zeigt sich, dass suizidale Menschen „nicht ‚für
sich’ suizidal geworden sind, sozusagen im luftleeren Raum, sondern eigentlich immer ‚in Bezug auf jemanden’. Man spricht deshalb ja auch vom sogenannten ‚signifikanten Anderen’, also von einer Person, die durch die Suizidalität angesprochen
werden soll.“ (Kind, S. 75) In der Regel ist dieser „signifikant Andere“ im privaten Bereich des Suizidanten zu finden. Der Fall des britischen Waffenexperten David Kelly
zeigt aber, dass es sich dabei auch um Personen aus dem Berufsfeld oder dem öffentlichen Raum handeln kann. Kelly fühlte sich, wie seine Witwe vor dem untersuchenden Richter aussagte, vom Verteidigungsministerium verraten.
Zurück zu jenen Betroffenen, die den Suizid als Erlösung empfinden. Sie müssen
erleben, dass es in der Regel nicht bei diesem Empfinden bleibt. Meist stellen sich
auch hier Wut, Zwiespalt und beklemmende Fragen ein, so dass die Betroffenen,
statt erlöst zu sein, von Gefühlsverwirrungen gequält, einen weiteren Leidensweg vor
sich haben und nicht selten selbst suizidgefährdet werden.
Ein Suizid hat bei unmittelbar Betroffenen immer auch körperliche Folgen. Neue
Krankheiten stellen sich ein. So wurde bei einer Mutter, deren Sohn sich vor einen
Zug gelegt hatte, Brustkrebs entdeckt. Kurz darauf erkrankte ihr Mann an Prostatakrebs. Wenn Körper und Seele streiken, bleibt oft wenig Kraft, den Erfordernissen
des Alltags nachzukommen.
Dem Grauen einer Selbsttötung kann man nicht entkommen. Deshalb werden nicht
selten Abwehrmechanismen aktiviert. Es handelt sich hierbei um Bewältigungsversuche, die weitgehend unbewusst wirken und zumindest kurzfristig entlasten. Eine häufige Form der Abwehr ist die Projektion. Hierbei werden Gefühle und Gedanken, die
mit dem eigenen Selbstverständnis nicht vereinbar sind, nach außen verlagert. So
kann der geäußerte Verdacht, Kolleginnen und Kollegen bzw. Vorgesetzte einer
Dienstgruppe bzw. eines Reviers hätten den Angehörigen oder die Angehörige in
den Tod getrieben, Ausdruck einer Projektion, also sachlich unberechtigt sein. Der
Verdacht kann aber auch zutreffen. Denn eine schwedische Untersuchung ergab,
dass 20 Prozent aller Suizide durch Mobbing am Arbeitsplatz ausgelöst werden. „Das
mag übertrieben erscheinen, weil ein Suizid immer mehrere Ursachen hat, aber auch
große Probleme am Arbeitsplatz können Auslöser von Katastrophen sein.“ (Otzelberger, S. 43)
Die Bewältigung seelischer und körperlicher Probleme wird den Betroffenen häufig
durch die ökonomischen Folgen eines Suizids zusätzlich erschwert, vor allem wenn
der Suizidant Schulden hinterlässt. Der Weg in die Sozialhilfe ist dann oft nicht zu
umgehen.
Einige Schlussfolgerungen
Die erste Konsequenz, die aus den beschriebenen Wirkungen einer Selbsttötung auf
Zurückbleibende zu ziehen ist, ist der sorgfältige Ausbau von Präventionsprogrammen, um die Anzahl der Suizide und damit auch die der Betroffenen zu verringern.
Dabei ist die Tatsache als ermutigend zu werten, dass die Zahl der Selbsttötungen
während der vergangenen Jahre in Deutschland auffallend gesunken ist. Man verfiele jedoch einer Allmachtsphantasie, rechnete man damit, die Zahl der Suizide durch
Prävention gegen Null reduzieren zu können. Die Aufgabe bleibt: Betroffene müssen
mit den Wirkungen einer Selbsttötung umgehen; und Nichtbetroffene sind gefordert,
sich Betroffenen gegenüber zu verhalten.
Wenig hilfreich sind Distanzierung, falsche Rücksichtnahme (das Problem nicht ansprechen, um die Betroffenen zu „schonen“) und verurteilendes Verhalten. Betroffene
brauchen vielmehr menschlichen Beistand und soziale Unterstützung. „Sie brauchen
die Möglichkeit, ihrem Erleben, ihren schmerzhaften Empfindungen, Zweifeln und
Überlegungen Gestalt zu verleihen, indem sie sie in Worte fassen können.“ (Heilborn-Maurer/Maurer, S. 195) Das kann in individueller Begleitung, in Selbsthilfegruppen (möglichst nicht „einfacher“ Trauergruppen), durch Seelsorge und professionelle
Beratung oder durch therapeutische Hilfen geschehen.
Auch wenn es sich klischeehaft anhört, bleibt doch festzustellen: Viele betroffene
Männer wollen nicht akzeptieren, dass sie Hilfe benötigen. Sie igeln sich ein, versuchen, sich in die Arbeit zu stürzen und müssen schließlich doch schmerzhaft erkennen, dass sie nicht mehr die alten sind. Sie brauchen besonders viel Ermutigung, ihre
eigene Ohnmacht wahrzunehmen und als eine Seite ihrer Person auch anzunehmen.
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal gesagt: „Verstehen kann man
das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts.“ (zitiert nach Otzelberger, S.
234) Damit werden die großen Herausforderungen noch einmal auf den Punkt gebracht, denen sich Zurückbleibende nach einem Suizid ungewollt ausgesetzt sehen.
Um diese zu bestehen, brauchen sie geduldige Hilfe und Mitgefühl. Sie brauchen
Vertrauensbrücken, die ihnen helfen, ihre Lebenswege neu zu gestalten.
Literatur
Reinhard Haller u. Albert Lingg: Selbstmord. Verzweifeln am Leben?, Wien o. J.
(1987) – Dieter Hartwig: Suizide von Schutz- und Kriminalpolizeibeamten und beamtinnen in Nordrhein-Westfalen von 1983 bis 1997; in: Suizidprophylaxe – Theorie und Praxis. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS),
Heft 2/1998, S. 52-57. – Ursula Heilborn-Maurer u. Georg Maurer: Nach einem Suizid. Gespräche mit Zurückbleibenden, Fischer-Tb. 3250, Frankfurt am Main 1988. –
Jürgen Kind: Suizidalität – Weg zum Tod oder Suche nach dem Leben; in: Suizidprophylaxe, Heft 2/1995, S. 75-81. – Manfred Otzelberger: Suizid. Das Trauma der Hinterbliebenen. Erfahrungen und Auswege, dtv-Tb. 36258, München 2002.

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