Ich bin mein härtester Kritiker«

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Ich bin mein härtester Kritiker«
»Ich bin selbst mein härtester Kritiker«
FRAGEN ZUR PERSON, MUSIK UND DEN TEXTEN
© zum Abdruck frei
Beschreibe Dich einem Blinden!
1.75m groß, lockiges, langes, manchmal unzähmbares Haar, warme braune Augen, athletisch.
Liste zehn Eigenschaften auf, die auf Dich zutreffen?
Sympathisch, stur, hilfsbereit, kreativ, manchmal zerstreut, energiegeladen, in sich selbst ruhend und
ruhig, wild, ungeduldig, stark.
Was magst Du, was magst Du nicht an Dir?
Was ich mag: meinen Respekt und meine Demut Menschen und Dingen gegenüber und die Fähigkeit,
kleine Sachen zu schätzen. Was ich nicht mag: meine Ungeduld, meine Bockigkeit, phasenlange KreaTiefs.
Was magst Du und was magst Du nicht an Menschen?
Was ich mag: dass ein ständiges, fruchtbares Geben und Nehmen herrscht, das einem Freude, Liebe und
Energie gibt. Was ich nicht mag: Wenn Menschen nicht ganz bei einem sind, wenn man mit ihnen
unterwegs ist.
Vorlieben?
Filme, Zeichnen, Comics, Kaffee, Schreiben, Musik, Reisen.
Was hast Du immer bei Dir?
Eine Rupie aus Bali als Glücksbringer, habe ich von einem Freund geschenkt bekommen.
Träumst Du viel – und wenn ja, Schwarzweiß oder in Farbe?
Ich träume wahnsinnig viel und sehr gerne, alles in Farbe. Sehr wilde, kreative und meistens sogar
erzählenswerte Träume.
Was ist Deine erste musikalische Erinnerung?
Eine ganz intensive Liebe zu Michael Jackson als Fünfjährige. Zu dem Zeitpunkt war mir das peinlich, »I
Just Can’t Stop Loving You« zu hören, weil ich mich für die Kitschigkeit des Textes geschämt habe. Aber
kaum war die Familie ausgeflogen, hab’ ich mich ganz nah an die Lautsprecher gekauert und den Song
zehnmal hintereinander gehört.
Hat es Dir geholfen, in einem musischen Haus aufzuwachsen?
Es hat mir alle Möglichkeiten eröffnet, mich in die Richtung gut zu entwickeln, sowohl anspruchs- als
auch geschmackstechnisch.
Kannst Du ein Gedicht auswendig und wenn ja, welches?
Rilkes »Liebeslied«.
Bist Du eher eine melancholische oder extrovertierte Person?
Ich entwickle mich langsam zu einer eher extrovertierteren Person. Wenn es jedoch ums Schreiben und
Kreativsein geht, bin ich immer noch meistens sehr in mich selbst gekehrt.
Muss man einsam sein, um kreativ sein zu können?
Ich finde, es muss etwas im Herzen los sein, um drüber schreiben zu können; einfacher ist es auf jeden
Fall, als sich eine Geschichte aus den Fingern zu saugen, die jeder schon einmal gehört hat. In der
Einsamkeit liegt aber auch die Ruhe, und das ist in der heutigen Zeit echter Luxus.
Welche zehn CDs müssten unbedingt auf Deinem iPod sein, wenn Du auf die sprichwörtliche einsame
Insel verbannt würdest?
Herbie Hancock’s »Maiden Voyage«, Air’s »Talkie Walkie«, Janelle Monaes »Archandroid«, Earth Wind &
Fire’s »I Am«/»Let’s Groove«, Bill Evans’ »Explorations«, John Mayer’s «Continuum«, Daft Punk’s
»Discovery«, Michael Jackson’s »History«, D’Angelo’s »Voodoo«, Gorillaz’ »Plastic Beach«
Wenn nicht Musik als Beruf, was dann? Gab es andere Berufswünsche?
Einzige Möglichkeit für mich wäre noch bildende Kunst – Zeichner. Und früher auch Tänzerin.
Liest Du viel – und wenn ja, was?
Zum Lesen nehme ich mir leider nicht mehr so viel Zeit wie früher, aber ich lese sehr gerne.
In welchem Jahrhundert würdest Du am liebsten leben?
Am liebsten Anfang der 90er, wo die Musikindustrie noch ein klein wenig anders lief und man noch Kurt
Cobain live erleben konnte.
Wie oft gehst Du am Tag in Facebook?
Ehm ... smile!
Was machst Du auf den langen Überseeflügen nach Boston, Logan Airport?
Ich schreibe Texte auf Servietten, lese, versuche vergeblich auf den Sitzen zu schlafen oder ich lade noch
eine Last-Minute-Hausaufgabe auf den Berklee-Server hoch.
Lieblingsessen?
Frühstück. Müsli, den ganzen Tag.
Lieblingsfarbe?
Entweder knall Orange, intensives Türkis oder Bronze.
Lieblingsbuch, -film?
Buch: »Stadt aus Glas« von Paul Auster. Film: »Down By Law« von Jim Jarmusch.
Was macht die Liebe?
Könnte nicht besser gehen. Schlagzeuger, EPD (Electronic Production & Design)-Major, Soulmate.
Kannst Du kochen?
Zwar immer nur die gleichen Gerichte, aber die mittlerweile sehr gut.
Kannst Du zeichnen?
YESSSSS!
Magst Du Deine eigene Handschrift?
Ich schwanke immer noch zwischen ein paar Stilen, aber ich bin recht zufrieden mit ihr. Sauklaue ohne
Ende, aber mit Schwung.
Was kann Dich richtig aufregen?
Wenn ständig alles, was man tut, anhat oder sagt, auf irgendeine Weise kommentiert wird. Man sollte die
Menschen so sein lassen, wie sie sind.
Bist Du – im weitesten Sinne – glücklich?
Ja, ich bin glücklich. Sobald die eigene Mitte stimmt, kann einen nichts aus der Fassung bringen.
Wann fallen Dir Deine Texte ein? Gibt’s autobiografische Anlässe dafür?
Mir fallen Texte besonders dann ein, wenn ich viel fühle und die Gedanken raus müssen. Ich packe die
Gelegenheit beim Schopf und forme sie in Lyrics um, anstatt etwas in ein olles Tagebuch einzutragen.
Texte kommen auch dann erst zustande, wenn ich beginne, über manche Dinge wirklich in Ruhe
nachzudenken und den Gefühlen Bilder und Metaphern zuordne. Dann werden Gefühle greifbar und
können aufs Papier gebracht werden. Meist gibt es autobiografische Anlässe, denn aus Erfahrungen
Geschichten zu formen ist leicht. Jedoch finde ich mehr und mehr Gefallen an erfundenen Szenarien –
und sobald man sich traut, über etwas zu singen, was man eigentlich nicht fühlt, hat man einen
gewaltigen Schritt getan. Hat ein bisschen was mit Schauspielerei zu tun, aber irgendwo kann man sich
selbst in erfundenen Geschichten wieder finden. Von daher bleibt alles ehrlich.
Können auch Zufälle, TV-Bilder, Zeitungsnotizen, Gesprächsfetzen zu Texten inspirieren
Manchmal sind es Sätze, die aus Mündern meiner Freunde oder Passanten auf der Straße kommen und
einfach toll klingen. Die merke ich mir und verwende sie, wenn ich denke, sie passen zum Song.
Manchmal sind es aber auch belanglose Kommentare, die aber aus irgendeinem Grund hängen bleiben
und ihren Weg aufs Papier finden.
Hast Du, was Texte angeht, ein Vorbild, Vorbilder?
Auch wenn seine Texte jedem zu schnulzig scheinen – John Mayer bleibt einfach der »König des Nagelauf-den-Kopf-Treffens«. Er sagt Dinge, die schon tausendmal gesagt wurden, aber so simpel, so perfekt.
Oder James Blake, der ja sehr traurige Texte schreibt, die mir aber sehr ins Herz gehen, weil sie einfach so
klar sind.
Was bedeutet Dir Kurt Cobain?
Meister der ›Randomness‹. Exzessiver Charakter, lebte alles mit Haut und Haaren und fand die allerbesten
Bilder. Für mich der Held meiner Teen-Zeit.
Kannst Du einen fremden Songtext auswendig?
Ich saß mit zehn Jahren mit ausgedruckten Texten von Radiosongs auf meinem Bett und habe aktiv die
Lieder auswendig gelernt. So ging das für einige Jahre.
Wie viel Beachtung schenkst Du beim Texten der Tatsache, dass er sich reimt, gut klingt ... ?
Das kommt auf die Schreibphase drauf an. Die Regel, dass er gut klingen soll, gilt immer und man
versucht, so gut wie möglich dieser Regel zu folgen. Aber manchmal hat man seine rebellischeren Zeiten
und sagt sich, reimen muss es sich nicht immer. Da darf man frei sein. Hauptsache ist aber, dass das
Gesamte eine logische Ordnung hat, die greifbar ist. Der Mensch muss das Gerüst irgendwie verstehen
können.
Ist es beim Schreiben wichtig, dass Du teilweise ›amerikanisch‹ aufgewachsen bist, die Sprache
beherrschst
Gutes Englisch ist natürlich Vorraussetzung, um ausdrücken zu können, was man sagen möchte. Man
sollte aber nicht »unnatürlich« schreiben, d.h. nach Worten suchen, die klug und kompliziert klingen und
aus dem Wörterbuch stammen. Manchmal stechen sie unangenehm aus dem Gesamtenglisch hervor und
man weiß als Hörer sofort, wo und wann welches Wort im Wörterbuch nachgeschlagen wurde.
Gibt es musikalische Vorbilder, Ziele?
Ich habe sehr viele Vorbilder aus allen möglichen Musikrichtungen, von daher ist es schwierig, genaue
Namen zu nennen...Ziel ist aber trotzdem glücklich mit der Musik zu bleiben und mit ihr andere glücklich
zu machen.
Mit 13 Jahren Gitarre ›self taught‹, wie ging das? Ultimate-guitar.com?
Ja, ultimate-guitar! Erste Powerchords als Tabs lesen und auf der grottigen schwarzen Justin-Western
üben, bis der Gitarrenhals durch die Heizungswärme völlig verbogen war und nur noch ein Ton pro Saite
gespielt werden konnte. Gitarre bleibt aber immer noch eine meiner Pseudo-Skills. Ich wünschte ich
könnte besser spielen.
Drummerin bei einer Schulrockband, wie kam es dazu?
Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich in die Band gekommen bin. Es war, glaube ich,
ein Aushang in der Schule, und ich habe zu dem Zeitpunkt gerade angefangen, Schlagzeug zu lernen,
sprich 8./9. Klasse. Da dachte ich, es könnte doch nicht schaden, die Schule durch einen weiblichen
Schlagzeuger aufzuwerten. Spaß beiseite, ich wollte mit Leuten Musik machen und zum Spielen kommen,
deswegen die Schulband. Sie hat sehr viel Spaß gemacht und ich habe tolle Freunde kennen gelernt.
Geige als zweites Instrument, kann man darauf »Smells Like Teen Spirit« spielen ... war die Geige in
diesem Lebensalter nicht ziemlich unsexy?
Mich hatte ein Sommerkonzert meine Schule in der 8. Klasse so fasziniert, dass ich den dringenden
Wunsch hatte, Geige zu spielen. Ich wollte das Gefühl dieses zarten Instruments auf der Schulter spüren,
und ich habe mich sowieso nicht so sehr für die typischen Mädchensachen dieses Alters interessiert. Ich
wusste nur, dass ich sehr viel lernen würde, wenn ich mich mit der Geige vertraut mache. Leider habe ich
nach nur drei Jahren Unterricht aufhören müssen, weil dann Klavier für die Kollegstufe geübt werden
musste, und zwar intensiv.
Hauptfach Klavier fürs Abitur – Spaß oder harte Arbeit?
Schweißtreibende, nervenzerstörende, aber dennoch positive Angelegenheit. Ich lag mehrmals
verzweifelt auf dem Boden unter dem Flügel.
Definiere ›enharmonische Verwechslung‹ Bitte ohne Google!
Zwei Töne gleicher Höhe, jedoch mit unterschiedlicher Notation.
Was bringt Dir das Studium an Bostons Berklee School Of Music für Dein musikalisches Weiterkommen?
Ein Wachstum des allgemeinen Verständnisses für Musik und ihren Aufbau, ihre Gestaltung, Weltansicht,
Connections, Selbstvertrauen, Energie, Inspiration, Toleranz, Scoring, Lernmethodik, Geduld.
War Musik Deine erste Liebe oder steckte da nicht noch eine Tänzerin in Rickie Lee?
Der Tanz war für mich abgeschrieben, aber immer noch ein unerfüllter Traum, der sich aber sehr gut
durch die Musik ablösen ließ. Bis heute schlummert eine Sehnsucht nach Tanz in mir, aber ich habe
meine Berufung gefunden, und ich bin mit Liebe zur Musik aufgewachsen, die ist in mir drin von Geburt
an.
Erste Schritte als Songschreiberin »Thanks To Dean« und »Be There Soon«, das auf einer DebussyAkkordfolge beruht, erzähl mal?
Bei «Thanks To Dean« habe ich das erste Mal für einen Song an der Gitarre rumprobiert, spezielle Akkorde
aus anderen Liedern miteinfließen lassen, mich das erste Mal richtig an einem Text versucht ... Bei »Be
There Soon« hatte ich eines Nachmittags beschlossen, mein damals aktuelles Klavierstück in Pop zu
verwandeln. Dieses Nachmittagswerk habe ich ein wenig sitzen und einsinken lassen und dann, ein paar
Wochen später, mit Melodie und Text versehen. Das Stück hatte anfänglich keine wirkliche Struktur und
war viel zu kurz und eigentlich nicht albumfähig, aber durch die Band wurde es dann ein Song.
Wann und wie merkst Du, dass da ein Song in der Luft liegt und wie holst Du ihn ins Leben?
Wenn ich das Gefühl habe, dass die Melodie-Idee, die mir grade im Kopf schwirrt, songtauglich ist,
versuche ich zuerst im Kopf alles erst »auszurechnen« d.h. formtechnisch hinzubiegen oder mit anderen
weiteren Ideen zu jonglieren, um daraus einen Song zu bauen. Oder ein Satz, der an dem einen oder
anderen Tag gefallen ist, gefällt mir sehr gut und ich forme ihn in einen Song um. Dann wird gebastelt
und gebastelt und geschrieben und so lange bearbeitet, bis sich das Ganze gut anfühlt... Ich arbeite
solange daran, bis er mir selbst gefällt, damit ich den Song ruhigen Gewissens auch vor anderen
Menschen spielen kann.
Welche Erfahrungen hast Du durch die und bei der Internet-Tour gemacht?
Das war die erste Erfahrung mit regelmäßigen Auftritten – und das war eine perfekte Übung für die Band.
Wir konnten die Songs nach dem Monat echt rückwärts spielen. Manchmal konnte ich mich nicht auf
meine Stimme verlassen, entweder wegen Halsschmerzen oder sonstiger Gründe, und ab da wusste ich
wirklich, dass man höllisch gut auf dieses sein Instrument Stimme aufpassen muss. Eine TopPerformance trotz Müdigkeit oder übler Laune abliefern – das war die Lektion, die ich gelernt habe. Da
gibt es nämlich keine Ausreden, denn die will keiner hören.
Was bedeutet es Dir aufzutreten? Fühlst Du Dich wohl da oben, wenn Du singst? Hat das musikalische
Summer Camp geholfen?
Für mich ist die Bühne ein kleiner Fluchtort. Auch wenn ich nicht die Person bin, die ständig im
Rampenlicht stehen will, genieße ich die Scheinwerfer dennoch sehr, wenn ich da oben stehe. Ich fühle
mich wohl, weil ich meiner Band blind vertraue. Das Berklee-Sommercamp hat mir geholfen, endlich vor
anderen Leuten singen zu können, das hatte ich mich nämlich lange Zeit nicht richtig getraut. Schreibeund übungstechnisch war ich zu dem Zeitpunkt sehr aktiv, und ich habe enorme Schritte gemacht,
außerdem Freunde fürs Leben gefunden. War einfach ein Katapult in ein besseres Leben, weil ich endlich
wusste, was und wohin ich will.
Was lernst Du noch, wo willst Du Dich verbessern?
Ich muss noch sehr an meiner Bühnenpräsenz arbeiten. Aber da wir noch nicht viele Auftritte bisher
hatten, vertraue ich darauf, dass die Präsenz mit der Zeit kommen wird. Ich möchte mich grundsätzlich in
jedem Bereich verbessern – Songwriting, melodisches Verständnis, Performance- Skills, you name it.
Was hörst Du zurzeit?
Eher Electronica. James Blake, Burial, Massive Attack ...
Kennst Du Lampenfieber?
Nur zu gut. Aber das ist, wie ich finde, eines der tollsten Gefühle: YOU’RE ALIVE!
Was machst Du 15 Minuten vor einem Auftritt?
Mich aufwärmen, möglichst viel Unsinn, damit ich gute Laune bekomme und nicht aufgeregt bin.
Wer ist Dein härtester Kritiker?
Definitiv ich selbst. Und meine Mutter!