Weiterbildung zwischen Wunsch und WirklichkeitWie ist es um

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Weiterbildung zwischen Wunsch und WirklichkeitWie ist es um
F O R U M „WEITERBILDUNG IM (DATEN-)FLUSS – PERSPEKTIVEN BERUFLICHER WEITERBILDUNG“
Weiterbildung
zwischen Wunsch
und Wirklichkeit
Wie ist es um
die Weiterbildung in Deutschland bestellt? Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da? Welche Rolle spielen Politik und Wirtschaft in diesem Umfeld? Um
diese Fragen ging es in dem Forum „Weiterbildung im (Daten-)Fluss – Perspektiven beruflicher Weiterbildung“. Außerdem wurde an einem konkreten Beispiel
gezeigt, wie ein Unternehmen seine Mitarbeiter weiterbildet.
„Anspruch und Realität beruflicher und betrieblicher Weiterbildung klaffen auseinander.“ Mit dieser These eröffnete
Professor Dr. Reinhold Weiß, Vizepräsident und Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in
Bonn, seinen Vortrag. Zum einen wolle die Bundesregierung die Weiterbildungsquote von gegenwärtig 43 auf 50 Prozent im Jahr 2015 steigern, zum anderen hätten die europäischen Bildungsminister einst für 2010 das Ziel ausgegeben,
die Weiterbildungsteilnahme europaweit auf zwölf Prozent
zu steigern.
Weiterbildungsquote stagniert
Beide Ziele scheinen jedoch nicht erreichbar zu sein. Betrachtet man den von der EU ausgegebenen Wert, so liegt
Europa im Durchschnitt erst bei 9,5 Prozent, Deutschland
gar erst bei 7,9 Prozent. Zudem stagniert die Weiterbildungsquote in Deutschland seit der Jahrtausendwende. Die Weiterbildungsspanne zwischen den Älteren und Jüngeren ist
deutlich zurückgegangen. 1979 lag der Unterschied noch bei
23 Prozentpunkten, 2007 nur noch bei zwölf. „Ältere sind
demnach sehr viel stärker in Weiterbildung involviert, als
dies früher der Fall war“, sagte Weiß.
Skandinavien, insbesondere Finnland, aber auch England
und die Niederlande sowie Österreich schneiden in Sachen
Weiterbildung besser als Deutschland ab, auch wenn die Un96
terscheidung von Erst- und Aus- und Weiterbildung dort
nicht so ausgeprägt oder überhaupt nicht vorhanden ist.
Ein weiterer gravierender Unterschied im internationalen Vergleich ist die Tatsache, dass in Deutschland längerfristige Maßnahmen (mit 400 Stunden und mehr) relativ
schwach vertreten sind. Als Grund dafür nennt Weiß andere Lösungen in anderen Ländern. So haben in manchen Ländern Mitarbeiter etwa Freistellungsansprüche. Freigestellte
Mitarbeiter bekommen kein Gehalt weitergezahlt, sondern
werden mit Anspruch auf Wiedereinstellung freigestellt. Der
Staat erbringt die Lohnersatzleistungen, oder sie werden von
Fonds der Branchenverbände übernommen. Weiß sagte: „In
Deutschland ist das Thema durch den Bildungsurlaub verkorkst.“ Das Wegebauprogramm der Bundesagentur für Arbeit gehe in diese Richtung. Doch eine im Schnitt 25 bis
30 Stunden dauernde Weiterbildung reiche nicht aus.
Strukturverschiebungen durch Krise
Betrachtet man die Entwicklung während der Finanzkrise,
so ist die Situation stabil geblieben. Allerdings gab es Strukturverschiebungen. Unternehmen nehmen mehr Fördermittel in Anspruch, es gibt mehr Teilnehmer und ein größeres
Angebot. Allerdings hat sich der Zeitumfang der Weiterbildungen deutlich reduziert, der Kosteneinsatz der Unternehmen wurde kaum verändert. Entscheider wollen selten länKONGRESS PERSONALFÜHRUNG 8/2010
Andreas Rubbel (EDEKA AG): „Wir wollen mit dem Portal
von den geringfügig Beschäftigten über die Auszubildenden bis zu den
Führungskräften alle Mitarbeiter mit spezifischen Inhalten bedienen.“
Professor Dr. Reinhold Weiß (Bundesinstitut für Berufsbildung):
„In den Betrieben müsste es eine stärkere Kultur des Lernens geben.“
ger als drei bis fünf Tage auf ihre Mitarbeiter verzichten,
wenn möglich sollten Maßnahmen in die Freizeit reichen.
Dies ist ein Grund, warum E-Learning in den Unternehmen Fuß gefasst hat.
Der Anteil an Weiterbildungen innerhalb der Arbeitszeit
ist ebenso deutlich zurückgegangen. Weiß fügte an: „Die
Betriebe müssen zudem versuchen, ihre Wirtschaftlichkeit
zu verbessern. Vor diesem Hintergrund hätte man erwarten
können, dass auch das Bildungscontrolling zunimmt. Dies
ist jedoch gleich geblieben.“
Durch den fundamentalen Strukturwandel im Hochschulsystem kommt es nach Ansicht von Weiß zu einem
Wettbewerb zwischen Hochschulen und dem dualen Ausbildungssystem, denn in Bezug auf die Bachelor-Studiengänge müsse die Frage gestellt werden, wie es um deren
Marktfähigkeit bestellt ist. Mit Weiterbildungen seien durchaus Qualifikationsstufen zu erreichen, die einer Hochschulausbildung entsprechen – dem widersprechen allerdings die
Hochschulen. Das BIBB erarbeite dazu einen achtstufigen
Qualifikationsrahmen. Von der Berufsbildung verlangt Weiß
besser strukturierte Abschlüsse sowie eine Systematisierung
der vielen regionalen Abschlüsse: „Hier sind auch die Betriebe gefragt.“
Fünf Prozent E-Learning-Anteil
„Lernen zu jeder Zeit und überall“, so formuliert Andreas
Rubbel, Projektleiter des EDEKA Wissensportals, dessen
Anspruch. Dabei handelt es sich um eine E-Learning-PlattPERSONALFÜHRUNG 8/2010 KONGRESS
form, die die Mitarbeiter des Handelskonzerns
mit spezifischen Inhalten bedient, momentan
mit etwa 30 Kursen. Derzeit werden 70 Prozent
der Online-Kurse mit einem Zertifikat abgeschlossen.
Für die Betreuung des Wissensportals hat das
Unternehmen dreieinhalb Stellen geschaffen. Die
Mitarbeiter lernen im Idealfall über einen PC in
den Geschäftsräumen des Unternehmens, viele
Kurse werden jedoch zu Hause abgearbeitet. Die
dafür verwendete Zeit wird den Mitarbeitern in
der Regel gutgeschrieben, jeder Kurs wurde mit
einer Soll-Lernzeit hinterlegt. Das Plenum interessierte an diesem Projekt, ob die abgelegten Zertifikate erfasst werden (dies ist der Fall), ob auch
Auszubildende Zugriff auf das Portal haben (spezielle Angebote sind geplant) und wie sich die
Plattform finanziert (die Konzernzentrale beteiligt sich mit 12,5 % an den Kosten, die Regionalbereiche kaufen die Kurse ab). Nach jedem Kursmodul gibt es einen Fragebogen zu der Maßnahme. Die Vorlaufzeit des Projekts hat vier Jahre in
Anspruch genommen. Allerdings findet die Mehrheit an Weiterbildungen noch immer auf dem
klassischen Weg statt, E-Learning
deckt bisher nur fünf Prozent ab.
Christoph Berger ist freier Journalist
und Redakteur in Berlin.
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