Gillian Flynn ueber sich

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Gillian Flynn ueber sich
Interview mit Gillian Flynn
Ich war kein nettes kleines Mädchen
Ich war kein nettes kleines Mädchen. Im Sommer bestand mein Lieblingszeitvertreib
darin, Ameisen zu fangen und an Spinnen zu verfüttern. Im Haus war meine liebste
Beschäftigung ein Spiel namens „Fiese Tante Rosie“, in dem ich die hunds-gemeine
Gouvernante war und meine Cousinen mir zu entkommen versuchten. Unser
Grundrequisit war eins dieser knallpinken Plastiktelefone, die in den 80ern der Traum
aller Mädchen waren. (Hübsche Mädchen lieben es, zu telefonieren!) Leider Gottes
wurde das Telefon den Verfolgten stets entrissen, ehe sie Hilfe herbeirufen konnten.
(Muahaha) In meiner freien Zeit sah ich mir auch gern mal einen der Softpornos auf den
verschlüsselten Kabelkanälen an. (Titten, Po, Rauschen, Flimmern, Titten!) Und wenn
eine meiner Puppen aufmuckte, säbelte ich ihr die Haare ab.
Ich will nicht darauf hinaus, dass ich ein seltsames Kind war (obwohl ich mir jetzt, wo
ich die Tatsachen schwarz auf weiß vor mir sehe, schon so meine Gedanken mache).
Auch nicht, dass
ich ein böses Kind war (hier möchte ich – meinen liebevollen Eltern zuliebe – anmerken,
dass ich wundervolle glückliche Kinderjahre im guten alten Kansas City erleben durfte).
Aber über diese kindlichen Initiationsriten – die spielerischen Kämpfchen, die frühreife
Sexualität, das erste Aufflammen von Machtspielen – erzählen Frauen so gut wie nie,
während Männer gerne und liebevoll über diese seltsamen Ausbrüche kindlicher
Aggression und ihre katastrophal unreife Sexualität plaudern. Männer besitzen ein
Vokabular für Sex und Gewalt, über das die Frauen
einfach nicht verfügen. Nicht einmal als Erwachsene. Ich kann mich an keine einzige
Frau erinnern, die sich mit ehrlichem Vergnügen über Masturbation oder Orgasmen
unterhalten hätte, bevor Sex and the City den bienchensüßen Dreh für uns entdeckte
und die entsprechenden Sätze in einem Päckchen mit Tupfenschleife präsentierte. Und
noch immer diskutieren wir nicht über unsere eigene Gewalt. Wir verschlingen die
Nachrichten über Susan Smith oder Andrea Yates – Frauen, die ihre Kinder ertränkt
haben -, aber wir wollen, dass uns diese Geschichten schmackhaft gemacht werden. Wir
legen Wert auf düstere Zusatzinformationen über Wochenbettdepressionen oder
Männer, die sie zu diesen Verbrechen getrieben haben.
Aber es gibt da eine Resonanz, die schlicht ignoriert wird. Ich glaube nämlich, dass wir
Frauen gerne Geschichten über mörderische Mütter und verlorene kleine Mädchen
lesen, weil das unser einziges reguläres Ventil ist, um wenigstens auf persönlicher Ebene
einen Ansatz zu haben, über weibliche Gewalt zu sprechen. Weibliche Gewalt ist eine
sehr spezifische Art von Grausamkeit. Sie ist invasiv. Bei einer Schlägerei unter Frauen
geht es mit Haaren und Zähnen, mit Spucke und Fingernägeln zur Sache – eine
wesentlich grausigere Angelegenheit als eine Prügelei unter Kerlen. Ganz zu schweigen
von der psychischen Komponente. Frauen verbeißen sich regelrecht ineinander. Einige
der schrecklichsten, kranksten Beziehungen, die ich kenne, bestehen zwischen
langjährigen Freundinnen und vor allem zwischen Müttern und Töchtern. Anspielungen,
tendenziöse Halbwahrheiten, verlogene Unterstützung, Liebesentzug, sexuelle und alle
anderen Arten von Eifersucht – Frauen zu beobachten, wie sie einander aufs Korn
nehmen, ist ein wahrhaft grusliges Schauspiel, das sich über viele Jahre hinziehen kann.
Geschichten über Generationen von brutalen, in einem Teufelskreis der Aggression
gefangener Männer, füllen unsere Bibliotheken und Bücherregale. Aber ich wollte über
weibliche Gewalt schreiben.
Genau das habe ich getan. Ich habe mittlerweile drei Bücher geschrieben, in denen es
weibliche Gewalt gibt. Denn es gibt einen Mangel an weiblichen Bösewichten – guten,
starken weiblichen Bösewichten. Ich wünsche mir keine übellaunigen Frauen, denen es
nur darum geht, Pläne auszuhecken, wie sie gute Männer und noch bessere Schuhe an
Land ziehen können (als hätten wir nichts Interessanteres, um das es sich zu kämpfen
lohnt), keine unterkühlten WASP-Mütter (obwohl emotionale Distanz nicht per se
schlecht ist), nein, ich wünsche mir gewalttätige, böse Frauen. Frauen, die einem Angst
machen. Sagt mir jetzt nicht, dass ihr keine solchen Frauen kennt. Der Punkt ist, wir
Frauen haben so viele Jahre damit verbracht, uns mit Girlpower aufzupeppen – bis hart
an die Grenze der Parodie -, dass wir keinen Raum mehr haben, auch unsere dunklen
Seiten zur Kenntnis zu nehmen. Aber dunkle Seiten sind wichtig. Sie wollten genährt
werden wie garstige schwarze Orchideen.