Das Tageslicht naht, Harry Belafonte

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Das Tageslicht naht, Harry Belafonte
Quelle:
, 03.04.2012 / Feuilleton / Seite 13
Das Tageslicht naht
Harry Belafonte stellte in Berlin seine Autobiographie »My Song« vor und
präsentierte den Dokumentarfilm »Sing Your Song«
Von Gerd Schumann
»Größter Entertainer des Jahrhunderts« ist viel weniger
als die halbe Wahrheit; Foto: dapd
Eines Abends in Harlem, New York. Melvin Love
kehrt erschöpft und niedergeschlagen von ihrem
Tagesjob als Haushälterin in ihre winzige
Wohnung zurück. »Millie«, wie Harry seine
Mutter nennt, eine schöne Jamaicanerin, starrt
tieftraurig ins Leere. Nach einer Weile fragt der
verunsicherte Sohn, damals fünf Jahre alt,
zaghaft, was geschehen sei. Sie antwortet nicht,
sagt nur: »Wenn du mal groß bist, denk daran: Leg dich abends niemals schlafen, wenn du
es tagsüber unterlassen hast, dich gegen eine Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen.«
Harold George Bellanfanti Jr., der am 1. März 1927 geboren wurde, erinnerte sich oft an die
Episode mit Millie, nennt diese sein »Rosebud«: Es sei der Augenblick gewesen, »der sich
mir dauerhafter und folgenschwerer eingeprägt hat als jeder andere«. Die Zeiten als Kind
illegal in Harlem lebender Immigranten verformten seinen Namen zu Belafonte – vom
»Schönen Kind« zum »Schönen Brunnen«. Die Erweckungsgeschichte eines Widerständigen
blieb und wurde zu seinem Leben.
Am Sonntag präsentierte Belafonte in Berlin seine Autobiographie »My Song« und den
Dokumentarfilm »Sing Your Song« im Doppelpack und wohl nicht zufällig an Kultstätten des
Ostens. In der »Volksbühne« hatte Erwin Piscator inszeniert, bevor der vor der
»Nazimaschine«, wie Belafonte sie nennt, fliehen mußte: Piscator, sein späterer
Schauspiellehrer. Im »International« an der Karl-Marx-Allee, dem Premierenkino der DDR,
liefen früher Belafontes Hollywood-Streifen.
Nun also der Dokumentarfilm von Susanne Rostock, der demnächst in die Kinos kommt. Er
erzählt Geschichte, indem er Belafontes Leben erzählt – ein Mann, der großen Wert auf die
Feststellung legt, daß er zuerst politischer Aktivist war und dann erst »Actor« wurde,
gemeinsam mit dem zweiten schwarzen Superstar Sidney Poitier, »darbende Schauspieler in
Harlem«. Sie riskierten allerhand in ihrem Kampf gegen das US-Apartheidsystem der
Fünfziger und Sechziger – in Greenwood, Mississippi hätte sie fast der Ku Klux Klan
geschnappt. Prominenter Bote der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die die
»Macht der Kunst entdeckt« hatten, unterstützt von vielen weißen Kollegen, Belafonte nennt
Marlon Brando zuvorderst, auch Walter Matthau, Paul Newman, Tony Curtis, Rod Steiger –
allesamt Piscators Leute.
Zuletzt hatte ich die Stimme des Sängers auf der Beerdigung einer Freundin gehört, die vom
Krebs besiegt worden war. »On an island in the sun/ We’ll be playing and having fun/ And it
makes me feel so fine/ I can’t control my brain.« Ich kannte Monika aus Kuba, und ihre
Kinder mochten an die Insel in der Sonne, auf der du dich zum wahnsinnig werden gut fühlst,
gedacht haben, als sie den Song für den endgültigen Abschied von ihr auswählten. Der
Klang dieser Stimme… wie Samt- und Schmirgelpapier in einem, sanft und rauh, kehlig und
immer etwas heiser. Die Sounds der Schwarzenghettos und der West-Indies. »Talking blues
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mit einem Hauch Caribian Wind«, nannte das Günter Amendt im Vorwort zu »Was mich
bewegt«, seine Gesprächen mit Belafonte von 1982.
»King of Calypso«, das war der Adelstitel, den ihm die Plattenfirma RCA verpaßt hatte. 1956
verdrängte er den anderen »King«. Dessen Debütalbum »Elvis Presley« mußte Belafontes
»Calypso« weichen – ein tief symbolischer Akt: An die Stelle des weißen Rockers – der
Rock’n’Roll stammt aus dem tiefschwarzen Rhythm’n’Blues – tritt das »andere Amerika«.
Von Belafontes Langrille wurden über eine Million Exemplare verkauft. Als SingleAuskopplung erreichte der »Banana Boat Song« weltweit Kultstatus, ein Worksong, »Schrei
aus dem Herzen armer Arbeiter«, aufgeführt im Wechselgesang. Er kam aus einer Ecke der
Welt, in der die Schwarzen früher Sklaven gewesen waren, Trinidad, Martinique, Jamaica.
»Bananen stauen bis der Morgen kommt«, klagt der Sänger stakkatohaft, sehnt den Tag
herbei, »Day-O«, und die Crew antwortet: »Das Tageslicht naht, und wir wollen nach Haus.«
Als Kind war Belafonte auf den Bananendampfern der United Fruit Company nach Jamaica
gefahren, wo er einige Jahre verbrachte. »Ich wußte, wovon ich sang.«
Was für eine Erscheinung, geschmeidiger Gang, elegant, aufrecht – so hatte ich gestaunt,
als ich Belafonte Ende der Siebziger zu einem Interview in Düsseldorf traf, unter meinen
rechten Arm geklemmt eine eingerollte Zeichnung von Stefan Siegert. »A smiling Marx«
freute sich Belafonte über den breit lachenden Vater des Kommunismus. Damals schien die
Welt noch in Ordnung. Am Abend trat er dann vor 7000 bis 8000 Menschen in der
Philipshalle auf, ein begeisterndes Konzert für »Lehrlinge und Schüler« zum Sondertarif, fünf
oder zehn Mark, weiß nicht mehr, jedenfalls wenig Geld für einen »der größten Entertainer
des Jahrhunderts« (Süddeutsche Zeitung).
Das ist viel weniger als die halbe Wahrheit. Viel mehr ist Belafonte – ein Überlebender aus
jenen Zeiten, als die Ellenbogengesellschaft noch nicht überall gesiegt hatte. Belafonte
machte und machte und blieb trotz mancher Niederlage Optimist. Ohne Hoffnung sei alles
nichts, meint er, nein, kein Fossil, quicklebendig.
Die Philipshalle steht inzwischen nicht mehr, auch die DDR wurde abgerissen. An der
schieden sich schon immer die Geister. Dazu sagte Belafonte in Berlin wenig. Auch nicht zu
Kuba. In seiner Autobiographie berichtet er von 1974, als er Fidel Castro begegnete. Der
»Beginn einer langen Freundschaft« sei das gewesen. 2009 lud ihn der Kubaner zu sich
nach Hause ein, Belafonte drehte einen Film ȟber mein Leben in der
Bürgerrechtsbewegung«. Und das ist strikt jener Gewaltlosigkeit verbunden, die er seit seiner
Begegnung mit Martin Luther King vertritt.
Belafonte geht seinen mühsamen Weg weiter, manchmal auch belächelt, »We are the world«
auf allen Kanälen, Getreidesäcke aus Flugzeugen über Hungergebieten abgeworfen,
ausgemergelte Frauen, die Körner einsammeln. Als er sich vor einigen Jahren in Berlin als
UNICEF-Sonderbotschafter zu Wort meldete, schwang so etwas wie Müdigkeit in seiner
Stimme mit. Die persönlichen Bemühungen bei Staatsmännern in den reichen Ländern:
Freundlich empfangen, doch letztlich ohne Ergebnisse gegangen. Verflucht.
Es werde eine »Politik ohne Moral« praktiziert, die Beseitigung der Not sei eine schier
»endlose Aufgabe«, sagt er. Und sein ganzes Leben sei eine »Hommage« an Paul Robeson
(1898–1976), den ersten großen schwarzen Sänger und Schauspieler, als Kommunist auf
der McCarthy-Liste. Er teile dessen Überzeugung, daß »Künstler die Wächter der Wahrheit
und die wahren Dokumentaristen der Geschichte sind«. Wider die Gleichgültigkeit.
Standing ovations in Volksbühne und im International. Day-O. Der Morgen naht. Sein Song
noch einmal zum Schluß. Das Buch hat er Millie gewidmet.
t Harry Belafonte: My Song - Die Autobiographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 622 Seiten, 24,99
Euro * Susanne Rostock: »Sing Your Song«, Dokumentarfilm, USA 2010, 98 min, ab 19. April

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