Felipe Fernández-Armesto, James Muldoon (ed

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Felipe Fernández-Armesto, James Muldoon (ed
Francia-Recensio 2010/4
Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
Felipe Fernández-Armesto, James Muldoon (ed.), Internal Colonization in
Medieval Europe, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2008, 385 p. (The
Expansion of Latin Europe, 1000-1500, 2), ISBN 978-0-7546-5972-3, GBP 80,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Anja-Lisa Schroll, Dormagen
Der vorliegende Sammelband ist der zweite von 14 geplanten Bänden der Reihe »The Expansion of
Latin Europe, 1000–1500«; er soll dem Band »An Expanding World: The European Impact on World
History, 1450–1800« vorangestellt werden. Im Fokus der Untersuchung liegen mittelalterliche
Grundlagen westlicher Expansion, wie das Wachstum der an den lateinischen Westen angrenzenden
Kulturen. Der hier zu besprechende Band bietet eine Auswahl bereits andernorts veröffentlichter
Aufsätze, in denen verschiedene Aspekte der »Internal Colonization in Medieval Europe« einer
näheren Betrachtung unterzogen werden. Er ist in vier große Themenblöcke unterteilt.
Das erste Kapitel, »The Matrix: Mentality and Demography«, beginnt mit einem Aufsatz Karl Leysers,
»The Ascent of Latin Europe« (S. 1–28). Anhand einzelner zeitgenössischer Werke untersucht er
exemplarisch die Wahrnehmung gesellschaftlichen Wandels im frühen 11. Jahrhundert durch
Historiographen, wobei er deren Rolle im Prozess der allgemeinen Selbstwahrnehmung unterstreicht.
Léopold Génicot, »On the Evidence of Growth of Population in the West from the Eleventh to the
Thirteenth Century (S. 29–44), legt die Schwierigkeiten bei der Berechnung mittelalterlicher
Bevölkerungszahlen dar, die eine sorgsame Erforschung auf regionaler Ebene erforderlich machen.
Jacques Heers, »The ›Feudal‹ Economy and Capitalism: Words, Ideas and Reality« (S. 45–89), zeigt
souverän kapitalistische Praktiken innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft auf, die sich keineswegs
auf Gewerbe oder Grundherrschaft beschränken, sondern auf allen sozialen Ebenen auszumachen
sind. Schließlich analysiert Lynn White, Jr., »Cultural Climates and Technological Advance in the
Middle Ages« (S. 91–201), anregend den Zusammenhang zwischen Christentum und technischem
Fortschritt. Während sich in Byzanz das Bild Gottes als passive Majestät erhielt, wurde Gott in der
westlichen Christenheit zunehmend als kreativer Schöpfer wahrgenommen, dem es nachzueifern galt.
Dies habe im Westen verstärkt zu technischen Innovationen geführt, während der Osten
vergleichsweise langsam Neuerungen entwickelt habe.
Das nächste Kapitel, »Infrastructure and Ecology«, leitet Richard C. Hoffman, »Economic
Development and Aquatic Ecosystems in Medieval Europe« (S. 123–161), ein, indem er die
Wechselwirkungen zwischen wachsender Wirtschaft und Frischwassersystemen im mittelalterlichen
Europa untersucht. Margaret Ley Bazeley, »The Extent of the English Forest in the Thirteenth
Century« (S. 163–197), betrachtet den juristischen Status der englischen Wälder im 13. Jahrhundert
mit besonderem Hinblick auf politische und rechtliche Streitigkeiten, hervorgerufen durch Änderungen
des Rechts. Weitgehend unbeachtet bleiben dagegen die Abholzung der Wälder und deren
Auswirkungen. Roberto Sabatino Lopez, »The Evolution of Land Transport in the Middle Ages«
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(S. 199–211), vergleicht das römische Straßensystem mit dem mittelalterlichen. Unterschiede erklärt
er überzeugend mit dem Fehlen einer zentralen Administration sowie einer Interessenverschiebung im
Mittelalter. Dabei bleiben sowohl regionale Besonderheiten innerhalb Europas, wie auch
Entwicklungen der arabischen Welt nicht unbeachtet. Marjorie Nice Boyer, »A Day’s Journey in
Medieval France« (S. 213–224), berechnet die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit der Geschäftsund Privatleute im 14. Jahrhundert innerhalb Frankreichs reisten, und arbeitet gleichzeitig deren
Bedingungen heraus. Robert Arthur Donkin, »The Cistercian Order and Settlement of Northern
England« (S. 225–238), untersucht, welche Auswirkungen die Ausbreitung und Niederlassung der
Zisterzienser auf bäuerliche Siedlungen in Nordengland hatten, wobei er das Interesse an einer
profitablen monastischen Wirtschaft als Motiv der Mönche herausstellt.
Das folgende Kapitel, »The Rural Economy«, eröffnet Michael Postan, »The Chronology of Labour
Services« (S. 239–263), mit einer Untersuchung zum Wandel der englischen Grundbesitzverhältnisse
im Spätmittelalter, die er mit dem Phänomen des Bauernlegens in ostelbischen Gebieten vergleicht.
Philip James, »An Italian Estate, 900–1200« (S. 265–279), stellt seine Betrachtungen zur Entwicklung
des Kirchenguts um Lucca vor, die er später in Bezug zu anderen toskanischen Kirchen setzt. Michael
Toch, »Lords and Peasants: A Reappraisal of Medieval Economic Relationships« (S. 281–300), greift
das Thema des Wandels von Grundbesitzverhältnissen auf und beschäftigt sich mit der Beziehung
zwischen Grundherren und Pächtern infolge des Verfalls des Villikationssystems. Das
Hauptaugenmerk der Analyse liegt auf deutschsprachigen Gebieten, dennoch werden einige
Vergleiche zu parallel ablaufenden Entwicklungen in anderen europäischen Ländern gezogen.
Eleonora Mary Carus-Wilson, »An Industrial Revolution of the Thirteenth Century« (S. 301–322), zeigt
am Beispiel des Walkens, dass die englische Gewerbetätigkeit im 13. Jahrhundert nicht grundsätzlich
abnahm, sondern sich lediglich von Städten in ländliche Gebiete verschob.
Im vierten und letzten Kapitel, »Urban and Commercial Expansion«, grenzt Maurice Lombard, »Urban
Evolution during the Middle Ages« (S. 323–344), die mittelalterliche Stadt, mit einem ummauerten
Zentrum für Produktion und Handel, von der antiken Stadt ab, die zuvorderst den administrativen
Bezugspunkt einer Region ausmachte. In diesem Zusammenhang werden auch die Evolution
arabischer Städte und ihre Auswirkung auf die westlich-lateinische Entwicklungen analysiert. David
Nicholas, »Settlement Patterns, Urban Functions and Capital Formation in Medieval Flanders« (S.
345–374), beschäftigt sich mit den Voraussetzungen des Städtewachstums im mittelalterlichen
Flandern und betont dabei gegenüber der älteren Forschung die Wichtigkeit eines ertragreichen
Hinterlandes, das die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sichert und Handelsmöglichkeiten
eröffnet.
Abgerundet wird der Sammelband schließlich durch einen detaillierten Index, der eine schnelle
Orientierung innerhalb des breiten Themenspektrums der Aufsätze ermöglicht. Das Gesamtkonzept
des Sammelbandes vermag allerdings nicht uneingeschränkt zu überzeugen. Nicht immer tauchen die
in der Einleitung formulierten Überlegungen zur inneren Kolonisation Europas in den folgenden
Aufsätzen wieder auf. Während eingangs beispielsweise die Bedeutung des Christentums für einen
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Wandel des Umgangs der Menschen mit ihrer Umwelt betont wird (S. XIV), greift lediglich White diese
Thematik später auf. Auch die Zurückdrängung der dichten Wälder durch zunehmende Besiedlung,
wie sie einleitend postuliert wird (S. XIIIf.), bleibt im Verlauf des Sammelbandes unbeachtet.
Dagegen werden mitunter Inhalte besprochen, deren Fokus eher überrascht. So ist zum Beispiel nicht
ganz ersichtlich, in welchem Zusammenhang Boyers Betrachtungen zur durchschnittlichen Dauer
einer Tagesreise zur mittelalterlichen Kolonisierung Europas stehen. Bedauerlich ist darüber hinaus,
dass einzelne Autoren, wie etwa Robert Arthur Donkin oder Philip James, ihre Untersuchungen
regional doch sehr stark eingrenzen und nicht in Beziehung zu europäischen Entwicklungen setzen,
was nach dem Titel des Sammelbandes zu vermuten gewesen wäre. Leider bleibt auch eine
Einbindung der zum Teil vor über 80 Jahren verfassten Aufsätze in den derzeitigen Forschungsstand
aus, ebenso wie man eine Erklärung zur Auswahl der Aufsätze vermisst.
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