Schwanger mit Behinderung

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Schwanger mit Behinderung
Medizin
Schwangere Frauen mit Behinderung finden oft keinen Arzt
Barrierefreie Praxis Fehlanzeige
Einen Gynäkologen zu finden, der auf ihre Bedürfnisse eingehen kann, ist für viele
behinderte Frauen fast unmöglich. Doch gerade in der Schwangerschaft ist eine gute frauenärztliche Betreuung das A und O. An (nur) fünf Stellen in Deutschland hat man dies erkannt
und Spezialambulanzen eingerichtet.
Frauenärztin Dr. Gerlinde
Debus (links) hat sich in
ihrer Praxis auf die Behandlung von Frauen mit
Behinderung spezialisiert.
Auch für Patientin Bernadette Gradl (rechts) ging der
Wunsch vom eigenen Kind
in Erfüllung.
atürlich hatte sie
sich Sorgen gemacht. Sich gefragt, wie
sich ihr Leben mit dem
Baby verändern würde.
Angst bekommen, wie
sehr sie das Kind einschränken würde, sowohl
körperlich während der
Schwangerschaft als auch
später in ihrer persönlichen Freiheit. Bernadette Gradl war ihre Selbstständigkeit immer so wichtig gewesen, und dass mit dem Baby nichts mehr so sein würde wie
vorher, war ihr bewusst.
Inzwischen ist der kleine Raphael mit dem Blondschopf und
den blauen Äuglein 16 Monate alt und Bernadette Gradls ganzer Stolz. „Ich bin sehr froh, dass wir ihn bekommen haben“,
sagt die 36-Jährige. Aber noch ein Kind? Das würde sie überfordern, ist die Münchnerin überzeugt. Sie lebt von Geburt
an mit einer durch eine Zerebralparese verursachten Tetraspastik, ihre Bewegungen sind unkontrolliert, Sprechen und
Schlucken fallen der Rollstuhlfahrerin schwer. Ihr Mann ist
kleinwüchsig. Der Sohn ebenfalls.
Seltene Spezialambulanz in Dachau
Dass sich die Buchautorin trotz aller Bedenken für ein Kind
entschieden hat, ist wohl nicht zuletzt einem Zufall zu verdanken: Die Netzwerkfrauen Bayern, ein Zusammenschluss von
250 behinderten Frauen, hatten ihr den entscheidenden Tipp
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gegeben und sie an die gynäkologische Spezialambulanz am
HELIOS Amper-Klinikum in Dachau verwiesen. Seit sieben
Jahren werden hier Mädchen und Frauen mit starken körperlichen Behinderungen mit Sorgfalt, Zeit, Know How und der
nötigen Ausstattung behandelt. All dies braucht es nämlich,
um Frauen mit Handicap angemessen gynäkologisch zu betreuen. Umso erschreckender ist es, dass die Dachauer Ambulanz unter Leitung von Gerlinde Debus eine von nur ganz
wenigen im gesamten Bundesgebiet ist, die sich auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Frauen spezialisiert haben. Nur
noch in Erlangen, Frankfurt, Berlin und seit 2011 in Bremen
gibt es ähnliche Angebote (siehe Kasten). Angesichts knapp
vier Millionen schwerbehinderter Frauen, die das Statistikamt
für 2013 meldet, ein Tropfen auf den heißen Stein.
Nicht im Sinne der UN-Konvention
Für Angelika Zollmann von der Bremischen Zentralstelle für
die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau kommt
es einem Skandal gleich, dass es „in Deutschland kaum
Medizin
Die fünf gynäkologischen Spezialambulanzen für Frauen und Mädchen mit Behinderung im Überblick
Berlin: Sowohl sexualpädagogische Angebote als auch frauenärztliche Sprechstunden im Familienzentrum Balance, Mauritiuskirchstraße 3 in 10365 Berlin - Lichtenberg/Friedrichshain, Telefon: 030 23623680, www.fpz-berlin.de/index.php?page=behindertenberatung
Bremen: Barrierefreie Gynäkologische Praxis in der Frauenklinik des Klinikums Bremen-Mitte, Sankt-Jürgen-Straße 1 in 28177 Bremen, Telefon: 0421 3404415 www.kvhb.de/sites/default/files/flyer-gynpraxis.pdf oder http://www.kvhb.de/gynpraxis.php zur Übersicht
der behandelnden Ärzte
Dachau: Am HELIOS Amper-Klinikum in Dachau, Krankenhausstraße 15 in 85221 Dachau, Telefon: 08131 76-4298
unter Leitung der Chefärztin Prof. Dr. Gerlinde Debus. www.helios-kliniken.de/klinik/dachau/fachabteilungen/frauenklinik.html
Erlangen: Barrierefreie Spezialambulanz an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen unter Leitung von Prof. Dr.
Matthias W. Beckmann, Universitätsstraße 21/23 in 91054 Erlangen, Telefon: 09131 8533524, www.frauenklinik.uk-erlangen.de/e1662/
e1883/e5573/index_ger.html
Frankfurt: Ärztliche Sprechstunde und gynäkologische Untersuchung bei pro familia Frankfurt am Main, mittwochs ab 14 Uhr in
der Palmengartenstraße 14 in 60325 Frankfurt am Main, Telefon: 069 90744744 www.profamilia.de/angebote-vor-ort/hessen/landesverband-hessen/angebot/aerztliche-sprechstunde.html
Möglichkeiten zur angemessenen gynäkologischen Untersuchung von mobilitätseingeschränkten Frauen gibt“. Der Vorgabe der UN-Behindertenrechtskonvention, Menschen mit
Behinderungen eine Gesundheitsversorgung „in derselben
Bandbreite und Qualität“ wie Nicht-Behinderten einschließlich „sexualmedizinischer Gesundheitsleistungen“ zu ermöglichen, wird die Bundesrepublik so jedenfalls nicht gerecht.
Dabei hat sie die Konvention bereits 2009 ratifiziert.
„Zwar kann im Prinzip jede Frau zu jedem Frauenarzt gehen“,
sagt Angelika Zollmann, „doch faktisch ist das ganz und gar
nicht der Fall.“ Recherchen im Vorfeld zur Eröffnung der „Gynäkologischen Praxis für Frauen im Rollstuhl“ am Klinikum
Bremen-Mitte hätten gezeigt, dass keine einzige Frauenarztpraxis in der Hansestadt alle Voraussetzungen zur adäquaten
Behandlung dieser Patientengruppe erfüllte. „Dazu hätten
neben der Barrierefreiheit der Räume behindertengerechte
Toiletten, ein höhenverstellbarer Untersuchungsstuhl und ein
Hebelifter gehört, um den Frauen auf den gynäkologischen
Stuhl zu helfen“, zählt Zollmann auf. Alles Dinge, die die Bremer Spezialpraxis, in der zehn niedergelassene Ärztinnen und
Ärzte im Wechsel praktizieren und damit zumindest im Ansatz
das Recht auf freie Arztwahl garantieren, aufweise.
Vom Gynäkologen abgewimmelt
„Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass mich der Babybauch
noch weiter in der Bewegung einschränken würde“, erzählt
Bernadette Gradl in Professor Debus‘ Büro in Dachau, wo die
Rollstuhlfahrerin gerade auf ihren Termin zur Regelvorsorge
wartet. „Ich wusste nicht, ob ich überhaupt schwanger werden
konnte, ob sich meine Spastik verschlimmern, wie mein Körper die Strapazen von Schwangerschaft und Geburt verkraften würde.“ Doch die Chefärztin habe ihr nicht nur die Angst
genommen und sie in ihrem Kinderwunsch bestärkt, sondern
sie vor allem zum ersten Mal „richtig untersucht“. Nicht selten
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Foto: Barbara Schneider
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Dr. Gerlinde Debus nimmt sich für ihre Patientin eine ganze Stunde Zeit.
Für niedergelassene Frauenärzte seien Patientinnen mit Behinderung
kein attraktives Klientel, erklärt Swantje Köbsell von SelbstBestimmt
Leben e.V.
teilten ihre behinderten Patientinnen, inzwischen sind es etwa
200 im Jahr, dieses Aha-Erlebnis, berichtet Gerlinde Debus.
„Häufig kommen Frauen zu mir, die von den Gynäkologen
zuvor nur abgewimmelt worden sind“, sagt die Professorin.
Auch Bernadette Gradls erster Besuch bei einer niedergelassenen Gynäkologin war ein Fiasko. „Meine Periode wollte sich
nicht einstellen, also bin ich hin. Die Ärztin sagte, ich könne
meine Tage gar nicht bekommen. Und dann war doch auf einmal alles voll Blut“, erinnert sich die Münchnerin.
Gerlinde Debus ist überzeugt: Nur in intensiver, langjähriger
Arbeit mit behinderten Frauen können Gynäkologen den
richtigen Umgang mit ihnen erlernen, sowohl in fachlicher als
auch menschlicher Hinsicht. „Sie müssen ihre Kommunikation und ihre Handlungen an jede Frau individuell anpassen“,
sagt die Ärztin, die statt anfangs drei inzwischen fünf behinderte Frauen pro Woche behandelt. Dabei sei das Spektrum
an Behinderungen immens groß. So könne eine Spastikerin
bei Berührung derart verkrampfen, dass man sie kaum noch
untersuchen könne. Bei starken Verkrümmungen der Wirbelsäule befänden sich die Organe im Becken oft gar nicht mehr
an gewohnter Stelle. Und Frauen mit neurologischen Erkrankung seien indes oft so kraftlos, dass ihnen die Beine vom
Stuhl rutschten. „Da muss ich mir schon mal das eine Bein
auf die Schulter legen und das andere mit dem Hosenbein am
Stuhl festbinden“, erklärt Debus pragmatisch.
Leben e.V.“ an der Einrichtung der Bremer Spezialambulanz
beteiligt war. Die Rollstuhlfahrerin erklärt, wieso niedergelassene Frauenärzte kaum Interesse an der gar nicht so kleinen
Zielgruppe behinderter Frauen zeigen: „Sie sind einfach keine
attraktive Klientel. Die Behandlung ist oft sehr zeitintensiv
und zahlt sich nicht aus, da die Ärzte nur die Standard-Vergütung bekommen.“ Ein barrierefreier Praxisumbau oder auch
die Einstellung einer Kraft, die beim An- und Ausziehen sowie beim „Erklimmen“ des Behandlungsstuhls helfen könnte,
rentiert sich unter diesen Umständen einfach nicht.
Gefahr für die Gesundheit
Welche fatalen Konsequenzen es hat, wenn Frauen mit Behinderung sich von ihrem Gynäkologen nicht angemessen behandelt fühlen, nur als „Behinderte“, nicht aber als Frau eine Rolle
zu spielen scheinen, liegt auf der Hand: Viele schieben einen
Frauenarztbesuch so lange wie möglich hinaus, nehmen wichtige Vorsorgetermine nicht wahr. „Das kann etwa für die Früherkennung von Krebs schlimme Folgen haben“, warnt Swantje
Köbsell, die seit Jahren in der emanzipatorischen Behindertenbewegung aktiv ist und als Mitglied von „SelbstBestimmt
Parallelbericht mahnt Zustände an
Vor diesem Hintergrund fordert die Allianz der deutschen
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zur UN-Konvention
in ihrem Parallelbericht, den Zeitaufwand für die Behandlung
von behinderten Menschen endlich angemessen zu vergüten, berichtet Köbsell. Weiter fordere der Parallelbericht, die
Barrierefreiheit einer Praxis zum Zulassungskriterium zu
machen sowie ein Modul mit dem Schwerpunkt „behinderte
Frauen“ in das Medizinstudium sowie in die Fortbildungen
der Ärzte zu integrieren. Nur so könne in der Gynäkologie
flächendeckend ein angemessener Umgang mit gehandicapten Patientinnen erreicht werden, glaubt Swantje Köbsell.
Doch so lange dies nicht der Fall ist, können Frauen wie Bernadette Gradl nur von Glück reden, wenn sie in der Nähe einer der wenigen gynäkologischen Spezialambulanzen leben,
die sich auf ihre Bedürfnisse eingestellt haben. Gerade wird sie
in das geräumige Behandlungszimmer mit dem mehrfach verstellbaren Untersuchungsstuhl, dem Hebelift und dem großen
Paravan gerufen. Eine ganze Stunde wird sich Chefärztin
Debus nun Zeit für sie nehmen, sie eingehend gynäkologisch
untersuchen und beraten. Doch zuerst will die Ärztin wissen:
„Wie geht es Raphael? Haben Sie seinen ersten Geburtstag
schön gefeiert?“
Susanne Böllert
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