Abschlussbericht Drittortbegegnung Wagenburg

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Abschlussbericht Drittortbegegnung Wagenburg
Abschlussbericht
Drittortbegegnung Wagenburg-Gymnasium Stuttgart – Lycée Leclerc Saverne Bilinguales
Seminar Augsburg 14.- 18.3.2016:
Was ist Interkultur? Das Beispiel Augsburg
Das bilinguale Seminar begann für die deutsche Gruppe noch in der eigenen Schule: Am
Morgen des 14. März erhielten die 20 Schüler_innen der Klasse 9c von Herr Neuberger
(Stadtmedienzentrum Stuttgart) einen dreistündige Einführung in die Handhabe von
Kameras, Mikros und Schnittprogramm, um sich gebührend auf ihre Interviews
vorzubereiten und um noch am Abend des selben Tages als Wissensmultiplikator_innen für
ihre 35 französischen Projektpartner_innen wirken zu können.
Die erste Begegnung mit diesen fand am Hauptbahnhof Stuttgart statt, von wo aus wir die
Reise nach Augsburg gemeinsam fortsetzten. Dort wurde nur hurtig das Gepäck (plus sechs
Kameras, sechs Stative, sechs Mikros und elf Laptops!) im Jugendgästehaus abgelegt, denn
es stand gleich die dreistündige Stadtführung (auf deutsch, in zwei französisch-deutsch
gemischten Gruppen) an, die den Schüler_innen Augsburgs lange Geschichte anhand der
Besichtigung von Marktplatz, Rathaus (Goldener Saal), Fuggerei und vielen anderen
stadtgeschichtlich relevanten Gebäuden näherbrachte und ihnen erste Orientierung
ermöglichte.
Nach dem Abendessen führten die WBG-Schüler_innen in ihren jeweiligen Gruppen
(insgeamt elf deutsch-französische Fünfergruppen) vor, was bei einem gefilmten Interview
alles zu beachten ist, schließlich standen am nächsten Tag bereits die Interviews an.
Innerhalb der Gruppen einigten sich die Schüler_innen darauf, wer Kamera, wer Mikro
bedienen und wer die Fragen stellen würde.
Am 15.3. starteten die ersten 6 Gruppen nach dem Frühstück und suchten sich, mit Kamera,
Mikro und Stativ ausgerüstet, selbstständig ihren Weg durch die neue Stadt, um pünktlich
zu ihren Interviewpartner_innen zu gelangen, was allen Gruppen gelang. Währenddessen
gingen die anderen Gruppen in die Stadt, um Passant_innen nach ihrer Meinung zu
Interkultur fragten und danach, wie gutes Zusammenleben in einer Gesellschaft aussieht.
Nachmittags trafen dann die Gruppen sieben bis elf mit ihren Interviewpartner_innen
zusammen. Befragt wurden folgende Personen:
Robert Vogl, Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt ; Pfarrer Nikolaus Hueck vom
Evangelischen Forum Annahof ; Sylvia Hank von der Werkstatt Solidarische Welt e.V.; Alfons
Demmler, Forum Interkulturelles Leben und Lernen e.V ; Orhan Aykac, Alevitischen
Gemeinde Augsburg ; Christiane Lembert-Dobler vom Friedensbüro ; Steve Malki ,
« Heroes » ; Martin Dix und Tine Klink, Interkultureller Garten ; Josef Strzegowski , Jüdische
Gemeinde Augsburg ; Nimet Oswald, interkulturelles Netzwerk Altenhilfe und Hamdiye
Cakmak, Stadtteilmütter. Sie alle äußerten sich zu folgenden Fragen:
1. Was verstehen Sie unter Interkultur/interkultureller Arbeit?
2. Wie setzen Sie/setzt Ihre Organisation das Konzept in Augsburg um?
3. Was bewirkt Ihre Arbeit? Warum ist sie sinnvoll/wichtig?
4. Welchen Schwierigkeiten /Hindernissen begegnen Sie in Ihrer Arbeit?
5. Was würde die interkulturelle Arbeit in Augsburg erleichtern?
Den ereignisreichen zweiten Seminartag rundete ein Besuch in der Oper (für manche
Schüler_innen der erste !) ab – es wurden Hoffmanns Erzählungen gegeben.
Der Mittwochvormittag war für die Hälfte der Gruppen vom das Schneiden ihres
Filmmaterials besteimmt, die andere Hälfte erkundete staunend das Grandhotel Cosmopolis,
Asylunterkunft, Hotel, Künstleratelier, Café und Verantsaltungsort in einem und der
interkulturelle Ort schlechthin in Augsburg. Die Schüler_innen nutzten Führung und
Besichtigung auch, um Bildmaterial für ihre Filme zu sammeln. Nachmittags das Umgekehrte
Programm : Führung durch’s Grandhotel für diejenigen, die vormittags geschnitten hatten,
Schnittphase für die anderen.
Den Abend nutzten wir für eine Zwischenbilanz und konzeptuellen Austausch : Welche Idden
hatte jede Gruppe für die Einleitungssequenz ihres Films, wie sollten die Straßeninterviews
Eingang finden, wie das Interview ansprechend gestaltet werden. Viele Gruppen hatten bei
der Arbeit mittlerweile festgestellt, dass es, aller Vorbereitungen und Hinweise zum Trotz,
garnicht so einfach ist, einen (gleichbleibend) guten Ton zu produzieren und einen
stimmigen Bildausschnitt zu wählen!
Der Vormittag des vierten Seminartages war für alle die Endspurtphase: Es galt, die Filme bis
zur Mittagspause komplett fertigstzustellen, denn das Nachmittagsprogramm sah eine
interreligiöse Rallye durch Augsburg vor, bei der sechs Gruppen verschiedenste Aufgaben zu
Religion im Stadtbild zu lösen hatten (jede in einem anderen Viertel). Im Anschluss
reflektierte die Gesamtgruppe darüber, inwiefern Religion das Bild der eigenen Stadt prägt.
Um 19.30Uhr war es dann soweit: Alle Gruppen präsentierten ihren Interviewfilm zum
Thema Interkultur in Augsburg, wobei unabhängig von der Qualität des einzelnen Filmes den
Schüler_innen sehr deutlich wurde, wie viele unterschiedliche Facetten interkulturelle Arbeit
hat und wie notwendig sie ist, um allen Menschen in der Stadt Beteiligungs-, Begegnungsund Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten.
Nachdem am Freitagvormittag die Zimmer geräumt und das Gepäck verstaut war, durfte die
Gruppe sich mit einer dreistündigen Freizeitphase von der Stadt verabschieden und um
13.30Uhr ging es dann schon wieder Richtung Bahnhof.
Die Evaluierung des Projekts auf Schüler_innenseite ergab eine allseits geteilte Zufriedenheit
mit dem Thema aufgrund von dessen Aktualität und weil vielen Schüler_innen die die große
gesellschaftliche Relevanz von Interkultur erst durch das Seminar bewusst geworden ist.
Auch die Methoden (Erstellen eines Erklärvideos, Interviews, Arbeit mit Film/Kamera,
Starßenbefragung) fanden bei den Schüler_innen viel Anklang, auch denn das Filmschneiden
viele als sehr langwierig empfanden (z.T. mussten über einstündige Interviews auf wenige
Minuten Endprodukt zusammengeschnitten werden!). Die Schüler_innen haben auf die
Frage nach ihrem Lernzuwachs hin vor allem den Umgang mit Mikrofon, Schnittprogramm,
Filmdreh und Interviewführung sowie die aktuelle Situation von Migrant_innen in der
deutschen Gesellschaft und das Konzept der Interkultur. Zudem betonten viele
Schüler_innen, ihr Französisch durch die gemischte Teamarbeit verbessert und viel über die
Stadt Augsburg gelernt zu haben. Mehrfach gab es auch die Rückmeldung, gelernt zu haben,
„wie man mit fremden Leuten arbeitet“ – ein schöner Beleg dafür, wie wichtig solche
Schüler_innenbegegnungen sind!
Kritik gab es hinsichtlich des sehr straffen Programms und den vielen Arbeitsphasen. Zudem
haben sich die Schüler_innen mehr Laptops und Kameras gewünscht, um die Arbeit
innerhalb der Gruppen besser aufteilen zu können. Zudem wurde der Wunsch geäußert, bei
künftigen Seminaren eine Jugendherberge mit Sportplatz/Bewegungsmöglichkeiten
auszuwählen.
Aus der Perspektive der Organisatorinnen und der Begleiterinnen lässt sich Folgendes
festhalten: Thema, Arbeitsmethode sowie Konzept haben sich bewährt; die Schüler_innen
haben sich dank der durchgängig gemischten Arbeitsteams und des stark auf
Selbstorganisation setzenden Konzepts viel ausgetauscht und ihre Kompetenzen nach dem
„each one teach one“-Konzept multipliziert. Auch ist es uns gelungen, den Schüler_innen
Lebensrealitäten, gesellschaftliche Strukturen und politische Defizite aufzuzeigen, mit denen
sie in ihren sozialen Kontexten und sowie im Schulalltag kaum Berührungspunkte haben. Die
Arbeit mit der Filmkamera sowie die - völlig selbstständige – Auseinandersetzung mit ihnen
unbekannten, erwachsenen Akteur_innen der Interkultur in den Interviews ermöglichte
ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen durch Verantwortungsübernahme und einen
authetischen Erfahrungsautausch.
Nichtsdestotrotz hat das Projekt, wie die Schüler_innen selbst erkannst haben, vor allem
unter strukturellen Schwierigkeiten der Seminarorganisation gelitten: Zum einen mussten
die 55(!) Schüler_innen in einem einzigen, recht engen Raum arbeiten, was die Arbeitsphase
aufgrund von Lautstärke und schlechter Luft oft sehr anstrengend machte. Aus
Kostengründen war es nicht möglich, einen weiteren Seminarraum hinzuzubuchen. Zudem
führte die sehr große Teilnehmer_innenzahl dazu, dass die Präsentations- und
Besprechungsphasen der Gruppenergebnisse ausgesprochen lang waren und die
Schüler_innen nach einer Weile kaum mehr in der Lage waren, sich noch auf das Gezeigte zu
konzentrieren. Auch hätte eine größere Zahl an Kameras sowie Laptops (elf
Schüler_inenngruppen standen sechs Kameras sowie elf zu Verfügung) die Arbeit deutlich
effizienter gemacht. Eine bessere technische Ausrüstung stand uns nicht zur Verfügung, weil
der Transport der Geräte (von der Schule zum Bahnhof, vom Bahnhof zur Jugendherberge),
der sich ohnehin schon schwierig gestaltete, fast unmöglich gewesen wäre und weil das
Stadtmedienzentrum uns nicht mehr Kameras zur Verfügung stellen konnte. Auch bedingte
der ambitionierte Plan, binnen knapp vier Tagen Interviews zu führen und diese zu fertigen
Kurzfilmen zu schneiden, ein äußerst dichtes Arbeitsprogramm, das in Kombination mit der
räumlichen Enge zu mancher (nachvollziehbaren) Frustration führte.
Ein Aspekt, der in den Schüler_innenrückmeldungen keine Erwähnung fand, ist das
Arbeitsergebnis des Seminars – die elf Interviewfilme. Um zu gewährleisten, dass die
Schüler_innen bei den Interviewterminen gutes Bild- und Tonmaterial produzieren
(schließlich ist an diesem im Nachhinhein nichtsmehr zu ändern bzw. nicht mit unserem
kostenlosen Schnittprogramm), ohne das auch die beste Idee bei Schnitt und Gestaltung
einen Film nicht retten kann, hatten wir, wie obig beschrieben, einen Experten in’s
Wagenburg-Gymnasium eingeladen, der den Schüler_innen eine Einführung in’s Material
gab. Zudem waren alle Schüler_innengruppen mit detaillierten Anleitungen und Hinweisen
hierzu ausgestattet. Dennoch ist bei zahlreichen Filmen die Tonqualität schlecht, bei
manchen auch der Bildausschnitt ungünstig gewählt. Auch haben es manche Gruppen trotz
vielfacher Hinweise und Beispiele nicht vermocht, Ton-und Bildmaterial sinnvoll zu
verknüpfen. Hier kam sicherlich die große Zahl der Schüler_innen zum Tragen: Eine gute und
durchgängige Betreuung der Arbeitsgruppen ist bei einer kleineren Schüler_innenzahl
deutlich einfacher zu gewährleisten. Für zukünftige Seminare mit einer so großen
Schüler_innenzahl wäre es vermutlich sinnvoller, einen weniger überprüfungsintensiven
Arbeits-/Produktauftrag zu konzipieren. Es böte sich etwa eine Kooperation mit einer im
Bereich der interkultur arbeitenden Institution an, deren verschiedene Bereicht die
Schüler_innen in Gruppen dokumentieren könnten. Tatsächlich hatten wir eine solche
Kooperation mit dem Grandhotel Cosmopolis anzuberaumen versucht, eine Umsetzung war
aber aufgrund der momentan starken Arbeitsbelastung nicht möglich.
Trotz der technisch wie konzeptionell qualitativ sehr unterschiedlich ausgefallenen
Arbeitsergebnisse ziehen wir eine positive Bilanz des Seminars, da die beteiligten
Schüler_innen nach eigenem Bekunden wie unserer Wahrnehmung nach in ganz
unterschiedlichen Bereichen (technisch-methodisch, gestalterisch-ästhetisch, sozialkooperativ, sprachlich, gesellschaftlich-politisch, interkulturell-empathisch) bereichert und
mit erweitertem Horizont zurückgekehrt sind. Diese Bereicherung im Prozess macht für uns
auch die besondere Qualität dieser Begegnung aus.