Amoklauf - Universitätsklinikum Ulm

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Amoklauf - Universitätsklinikum Ulm
Prof. Dr. Jörg M. Fegert
TÄTER UND OPFER BEI
SCHOOL SHOOTINGS
Darstellung einiger Befunde und der
zentralen Debatten im Expertenkreis zum
Amoklauf in Winnenden aus kinder- und
jugendpsychiatrischer Sicht
Gastreferat
Kinder- und Jugendpsychiatrisches Kolloquium
Zentrum Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich
20. Mai 2010
Gliederung
• Einführung
• Expertenkreis zum Amoklauf in
BW
• Themenheft Nervenheilkunde:
Inhalte
• Fazit
Datenlage zu Amokläufen
Feb. 29, 2000 Mount Morris Township
Sept. 28, 2004 Carmen de Patagones
March 2000 Brannenburg
March 21, 2005 Red Lake
March 10, 2000 Savannah
Nov. 8, 2005 Jacksboro
May 26, 2000 Lake Worth
Aug. 24, 2006 Essex
Sept. 26, 2000 New Orleans
Sept. 13, 2006 Montreal
Jan. 17, 2001 Baltimore
Sept. 27, 2006 Bailey
Jan. 18, 2001 Jan, Sweden
Sept. 29, 2006 Cazenovia
March 5, 2001 Santee
Oct. 3, 2006 Nickel Mines
March 7, 2001 Williamsport
Nov. 20, 2006 Emsdetten
March 22, 2001 Granite Hills
March 30, 2001 Gary
Nov. 12, 2001 Caro
Jan. 15, 2002 New York
Jan. 3, 2007 Tacoma
April 16, 2007 Blacksburg
Sept. 21, 2007 Dover
Oct. 10, 2007 Cleveland
Feb. 19, 2002 Freising
Nov. 7, 2007 Tuusula
April 26, 2002 Erfurt
Feb. 8, 2008 Baton Rouge
April 29, 2002 Vlasenica
Feb. 11, 2008 Memphis
October 28, 2002 Tucson
Feb. 12, 2008 Oxnard
April 14, 2003 New Orleans
March 13, 2009 Winnenden
April 24, 2003 Red Lion
Sept. 17, 2009 Ansbach
Sept. 24, 2003 Cold Spring
Zur Situation in Deutschland
•
Amokläufe an Schulen
– Meißen (1999): Amok?
– Brannenburg (2000): Amok?
– Eching (2002): Counterstrike
Spieler
– Erfurt (2002): LKA Thüringen:
Ego-Shooter „waren nicht
ausschlaggebend“
– Coburg (2003)
– Emsdetten (2006): Counterstrike
– Winnenden (2009): Ego-Shooter
– Ansbach (2009): keinerlei
gewalttätige Videospiele
http://www.killology.com/
In neunzehn Minuten kann man den
Rasen vor dem Haus mähen, sich
die Haare färben, Brötchen backen,
sich vom Zahnarzt eine Füllung
machen lassen oder die Wäsche für
eine fünfköpfige Familie
zusammenlegen.
Neunzehn Minuten dauert die Fahrt mit
dem Auto von der Grenze Vermonts
nach Sterling in New Hampshire. In
neunzehn Minuten kann man einem
Kind eine Gutenachtgeschichte
vorlesen oder einen Ölwechsel machen
lassen. Man kann eine Meile gehen.
Man kann einen Saum nähen.
In neunzehn Minuten kann man die
Welt anhalten oder einfach von ihr
abspringen.
In neunzehn Minuten kann man
Rache nehmen.
Konsequenzen aus dem Amoklauf in
Winnenden und Wendlingen
-Sonderausschuss „Konsequenzen aus dem Amoklauf in
Winnenden und Wendlingen: Jugendgefährdung und
Jugendgewalt“, Landtag von Baden-Württemberg, 15. März
2010
-Expertenkreises„Amok“, Landesregierung Baden-Württemberg,
31. März 2009
Vertreter aus Politik, teilweise Opferfamilien und Fachexperten
Ziel
Identifizierung von Risikofaktoren für Amokläufe an Schulen
und Erarbeitung von Schutzfaktoren zur Verhinderung
► Festlegung von Handlungsfeldern
► Erarbeitung eines Handlungskonzeptes
5 Themenfelder
– Gewaltprävention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
– Zugang zu Waffen
– Gewaltdarstellung in Medien, u. a. in Computerspielen
– Sicherheitsmaßnahmen an Schulen
– Stärkung des Erziehungsauftrags der Eltern.
•www.baden-wuerttemberg.de/fm7/2028/BERICHT_Expertenkreis_Amok_25-09-09.pdf
Risikofaktoren für Amoktaten
-Psychopathologische Auffälligkeiten
(Hohe Kränkbarkeit, subjektive Wahrnehmung von Kränkungen)
-Probleme in der Eltern-Kind-Beziehung (nicht: „broken-homes“)
-Schulische Defizite und Probleme
-Identifikation mit gewalttätigen Personen oder gewalthaltigen
Medien
-Verfügbarkeit von Schusswaffen
-Affinität für Schusswaffen und Schießerfahrungen
- Medienberichterstattung und Kult um die Täter
Phänomenologie von „Amokläufern“ an Schulen
• Hohe Kränkbarkeit, subjektive Wahrnehmung von Mobbing,
narzisstische Persönlichkeitsentwicklung
• Aktionsraum Schule
• Eltern-Kind-Beziehung (keine Broken Homes aber evtl.
Idealisierung und Überforderung)
• Psychopathologische Auffälligkeiten
• Beschäftigung mit Rache, Gewalt, Amoktaten, prominenten
Mördern z.B. im Internet , Gewaltspiele
• Leaking oder Andeutung und Anspielung gegenüber
Gleichaltrigen bzw. im Internet
• Verfügbarkeit von Schusswaffen
Psychopathen
– ca. 15-25 % der Patienten mit antisozialer Persönlichkeit werden
zu den sog. Psychopathen gerechnet aufgrund von
Besonderheiten in ihrem Gefühlsleben, so genannten callousunemotional traits
Æarrogant, selbstzentriert, manipulativ, oberflächlich-charmant,
unfähig zur Empathie, verletzen die Gefühle und Rechte ihrer
Mitmenschen ohne ein Gefühl der Reue oder Schuld (Forth &
Burke, 1998; Frick, 1998; Hart & Hare, 1997; Lynam, 1996)
– extremer Narzissmuss, völlige Empathielosigkeit und auch
sadistische Züge, Probleme aus schizophrenem Formenkreis mit
paranoiden Wahnvorstellungen, Halluzinationen, etc.
Æ narzisstische Persönlichkeitskomponente bei Amoktaten als
wesentliches Moment bei Tatentstehung (Allroggen et al., Druck)
– Psychopathen erkennen weniger gut Angst und Traurigkeit in der
Stimme und im Gesichtsausdruck von Mitmenschen (u. a. Blair,
Mitchell, Richell et al., 2002) Æ Fehlen einer wichtigen
Voraussetzung für eine wirkungsvolle Aggressionshemmung
Aus der Präambel:
• Der Expertenkreis
• formuliert seine Empfehlungen im Wissen, dass es keine
absolute Sicherheit vor Amokläufen an Schulen gibt
• ist sich daher bewusst, dass es keine einzelne Maßnahme
und kein Bündel für Maßnahmen gibt, die mit hinreichender
Sicherheit einen Amoklauf an einer Schule verhindern
könnten
• Zu Beginn der Diskussion war starker Wunsch nach
technischer Aufrüstung von Schulen: Videoüberwachung,
Metalldetektoren, schussfeste Türen….
Empfehlung:
Der Expertenkreis empfiehlt den Risiken für Amoktaten an
Schulen auf mehreren Handlungsebenen zu begegnen:
•durch Erfolg versprechende
Prävention Risiken verhindern
•im Rahmen entschlossener
Intervention Schäden begrenzen
•mittels intensiver Opferhilfe das
Ausmaß lindern bzw. ausgleichen
•durch verantwortliche
Berichterstattung Opfer schützen
und Nachahmungstaten vermeiden
Handlungsfelder
1. Prävention
2. Früherkennung
3. Amokandrohungen
4. Opferbetreuung und Nachsorge
5. Waffen
6. Jugendmedienschutz und
Medienkompetenz
7. Medienberichterstattung über
Amoktaten
8. Sicherheit an Schulen
Maßnahmenkatalog zur Prävention von
Amoktaten
-Ganztagesbetreuung an Schulen
-Stärkung außerschulischer Aktivitäten
-Schaffung eines positiven Schulklimas
-Angemessene Sanktionierung von Fehlverhalten
-Verstärkte Einbindung von Bezugspersonen
-Verstärkte Kooperation von Institutionen
-Erhöhung der Sicherheit an Schulen
(Expertenkreis„Amok“, Landesregierung Baden-Württemberg, 31. März 2009)
8 Handlungsempfehlungen
1. Ausbau der schulpsychologischen Beratung sowie deren Qualifizierung
2. Gewaltpräventionsprogramme , Reduktion von Mobbing und Bullying
z.B. nach Dan Olweus
3. Stärkung der Medienpädagogik
4. Sicherheit an Schulen – direktes Alarmierungssystem
5. Beratungsmodule für Rat suchende Eltern in typischen Umbruchphasen des Kinderlebens
6. Gewaltprävention im Sportjugendbereich – Modellprojekt Biathlon
7. Vorgezogene Evaluierung zur Umsetzung des neuen Waffenrechts im
Land
8. Stärkung der Strafverfolgung im Internet
(Sonderausschuss „Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen: Jugendgefährdung und
Jugendgewalt“, Landtag von Baden-Württemberg, 15. März 2010)
Gliederung Themenheft
Auszüge
1. Amokläufe an Schulen (Bannenberg)
2. Ausgewählte Erklärungsmodelle für Amokläufe
-Narzistische Persönlichkeitsentwicklung (Allroggen)
-Gewalthaltige Computerspiele (Plener)
-Verhaltensaktivierende Medikation (Kölch)
3. Einordnung von Androhungen Jugendlicher (Du Bois)
4. Rechtlicher Umgang mit Tathinweisen (Kemper, Fangerau)
5. Bullying und Cyberbulling in Schulen (Spröber)
6. Psychische Folgen für Überlebende (Kirsch, Goldbeck)
7. Präventionsmaßnahmen für „School shooting“ (Fegert)
8. Anleitungen für die Berichterstattung über Amokläufe
1. Amokläufe an Schulen (Bannenberg)
„Amokläufe“ aus kriminologischer Sicht
Prof. Dr. Britta Bannenberg
Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug
Justus-Liebig-Universität Gießen
Begriffsbestimmung „Amok“
•
•
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•
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•
•
(Versuchte) beabsichtigte Mehrfachtötung
Häufig auch Suizid, aber nicht zwingend
Motiv zunächst schwer erkennbar
Täter-Opfer-Beziehung verschieden
Oft Vorplanung und Vorbereitung, aber nicht zwingend
Tatort Schule, aber nicht ausschließlich/ junge
männliche Täter bis etwa 25 Jahre / Einzel- oder
Gruppentäter
Sogenannte Familienauslöschungen
Psychotische Täter (meistens erwachsene Männer,
nicht nur Einzeltäter)
HIER: Männliche Jugendliche und junge Männer
Auswirkungen von Amokläufen Nachahmungstäter
Nach dem Amoklauf an der Columbine High School wurden
→ in den folgenden 50 Tagen in Pennsylvania über 350
Drohungen gegenüber Schulen registriert (Kostinsky et al., 2001)
→ in den USA insgesamt etwa 350 Schüler verhaftet, weil sie
Drohungen gegenüber Schulen ausgestoßen hatten (Preti, 2008).
Das Maximum der Drohungen lag an den Tagen 8-10 nach
der Anlasstat. Betroffen waren vor allem größere Schulen
-nur 18 % der Nachahmer wurden verhaftet
-vermehrt ländliche oder Vorstadtschulen
-Schule mit einer eher homogenen Bevölkerung
→ Bei allen Amoktätern zeigten sich Auffälligkeiten, die zur
genauen Ursachenprüfung und zur Erörterung von
Präventionsmaßnahmen Anlass geben
Versuch einer Klassifikation der Täter
Täterpersönlichkeit 1
-Ängstliche stille Kinder
-Aufmerksamkeitsprobleme
-In der Grundschule bereits: Angst vor Gleichaltrigen,
Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten („Träumer“)
-Später „verstummt“, starren im Unterricht vor sich hin,
Versetzungen aus Mitleid und als Belohnung für
Wohlverhalten
Täterpersönlichkeit 2
-Rückzüglich, still, nicht aggressiv auffällig
-Verdacht oder Diagnose erheblicher Persönlichkeitsstörungen (narzisstische Persönlichkeitsstörung, depressive Phasen abgelöst von starken Hass- und Rachephantasien;
Schwelgen in der Tatplanung)
-Die Täter wissen, dass etwas nicht mit ihnen stimmt
Versuch einer Klassifikation der Täter
Täterpersönlichkeit 3
-Tagebücher, Aufzeichnungen, Äußerungen gegenüber
Mitschülern, Gleichaltrigen ...
-Einzelgänger – in der Schule zwingend Kontakt
-Äußerungen zu Suizid, Amok, großem Abgang ...
„ich werde es tun und nehme noch jemanden mit!“
Täterpersönlichkeit 4
-Unangemessene Kränkbarkeit – fühlen sich grundlos
gemobbt
-Hass, Ablehnung anderer, nicht nachvollziehbare Rache
-Pubertäre Probleme vermischt mit grandiosen Ideen
eigener Gewalt
-Zum Teil lange Tatplanung, Todeslisten, gedankliche
Vorwegnahmen der Tathandlungen (die zum Teil auch
ausgeführt werden) – sich steigernde Phasen
Versuch einer Klassifikation der Täter
Täterpersönlichkeit 5
-Probleme im Umgang mit Mädchen und Sexualität – aus
Schüchternheit und Wünschen nach Beziehungen wird
Ablehnung und Hass
-Eltern wissen oder ahnen, dass ihr Sohn psychische
Probleme hat, unternehmen aber nichts
-Lehrer bemerken Probleme nicht (unauffällige Schüler)
oder sehen aus Hilflosigkeit über die schlechten
Leistungen der verstummten Schüler hinweg
Amokläufer – Das Bild in der Öffentlichkeit
(Vossekuil et al., 2002)
•
•
Einzelgänger
→ 34 %
•
Schulversager
→5%
•
Spielt Killerspiele am PC
→ 12 %
•
Kurzschlusshandlung
→7%
•
Psychisch Krank
→ 17 %
•
Männlich
→ 100 %
Die Gruppe der Jugendlichen Amoktäter ist ebenso
heterogen wie die Gruppe ihrer Klassenkameraden oder
die ihrer Opfer
(O’Toole, 2000; Twemlow et al., 2002).
→ Es gibt kein typisches Profil des Jugendlichen Amoktäters
2. Ausgewählte Erklärungsmodelle für
Amokläufe
Narzisstische Persönlichkeitsentwicklungen bei
Jugendlichen und ihre Bedeutung bei der Einordnung von
so genannten Trittbrettfahrern
Dr. Marc Allroggen, J.M. Fegert
Wie gefährlich sind Jugendliche, die mit Amok drohen?
Dr. Reinmar du Bois, Klinikum Stuttgart
Amoklauf - Entstehungsbedingungen
•
Die Kombination von narzisstischer Störung und
erlebter sozialer Zurückweisung ist möglicherweise der
entscheidende Faktor in der Entstehung von
Amokläufen an Schulen (Twenge und Campbell, 2003, Allroggen und
Fegert 2010).
Narzisstische Persönlichkeitsstörung
gemäß DSM-IV
1. hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit
2. ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs,
Macht, Schönheit oder idealer Liebe
3. glaubt von sich besonders und einzigartig zu sein und nur von
ganz wenigen besonderen Personen verstanden zu werden
4. verlangt nach übermäßiger Bewunderung
5. zeigt übertriebene Erwartungen, hohes Anspruchsdenken
6. ist in zwischenmenschlichen Beziehung ausbeuterisch,
eigennützig
7. zeigt Mangel an Empathie, ist nicht Willens, Gefühle und
Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu
identifizieren
8. ist häufig neidisch auf andere oder glaubt andere seien
neidisch auf ihn
9. zeigt arrogante überhebliche Verhaltensweisen oder
Haltungen
Narzisstische Störung bei Jugendlichen
•
•
•
•
In der Adoleszenz
kommt es zu einer zunehmende Ablösung von den realen
Eltern und damit auch von den internalisierten
Elternrepräsentanzen
gewinnen soziale Vergleiche und Beziehungen zu
Gleichaltrigen an Bedeutung
kommt es zu umfangreichen körperlichen Veränderungen
→ schnelle Veränderung des aktuelle Selbstbildes
→ große Diskrepanz von Selbstbild und Idealselbst
→ vermehrte Schamgefühle, Gefühle der Minderwertigkeit und
Versagensängste (Streeck-Fischer, 2009)
Narzisstische Störung bei Jugendlichen
Symptomatik
• Offene Form
→ die Symptomatik entspricht im Wesentlichen der
Narzisstischen Persönlichkeitsstörung gemäß den
Kriterien des DSM-IV-TR
• Verdeckte Form
→ eher depressive Symptomatik mit sozialen Rückzug
und abgespaltenen Größenphantasien (Otway und Vignoles,
2006; Streeck-Fischer, 2009; Thomaes et al, 2009).
Narzisstische Störungen und Amokläufe
Entwicklungsbedingungen
→ Selbst äußerlich gut oder zumindest hinreichend
integrierte Jugendliche mit narzisstischen Störungen
erleben sich aufgrund des Größenselbst und ihrer
Anspruchshaltung oft als nicht angemessen beachtet.
→ zunehmende Abwertung anderer und innerliche
Rückzug, um das Größenselbst zu schützen und
Neidgefühlen abzuwehren (Bleiberg, 1994)
→ vermehrter Rückzug in eine eigene Welt
(Nebenrealität) (Lempp, 2009)
→ Wegfall von Quellen narzisstischer Zufuhr
(Bewunderung durch Andere, realistische
Erfolgserlebnisse)
→ weitere Abwertung Anderer zum Schutz des
Größenselbst
→ zunehmende Isolierung, Identitätsdisffusion und
Anfälligkeit zur Identifikation, Auftreten von
Suizidphantasien (Cramer, 1995; Mullen, 2004; Fonagy und Bateman, 2008)
Narzisstische Störungen und Amokläufe
Entwicklungsbedingungen
→ Identifikation mit Jugendlichen, die Amokläufe
begangen haben, da diese in der Darstellung der
Medien dem Erleben des narzisstischen Jugendlichen
entsprechen
→ Amokläufe werden damit nachvollziehbar und
imitationswürdig (Preti, 2008)
→ durch die gedankliche Beschäftigung mit Amokläufen
und Amoktätern und der Entwicklung eigener Pläne
entsteht bereits ein Gefühl der Macht und
Überlegenheit (MacCulloch et al., 1983) und das Gefühl von
interpersoneller Kontrolle zur Abwehr von
Insuffizienzgefühlen (Ronningstam, 2009)
→ eigene Motive werden dargestellt (Internet,
Tagebücher), um die Tat nachvollziehbar zu machen
→ es wird ein Konsens mit Gleichaltrigen hergestellt, um
Motive deutlich zu machen und die Tat damit zu
rechtfertigen (Meloy et al., 2001; Preti, 2008).
Risikoeinschätzung und Voraussage
Erkenntnisse aus früheren School Shootings
ÆM.E. O`Toole 1999 (18 nicht benannte Fälle,
Expertenbefragung)
Æ konkreter Inhalt der Drohungen wichtig
Æ (Analog zur Einschätzung der Suizidalität).
Æ Oft in der Praxis nichts anderes verfügbar
Æ (umgekehrt: in vielen Fällen hat man nicht
einmal Drohungen erhalten!)
Æ Familiendynamik wichtig, falls bekannt
Æ Persönlichkeit wichtig, falls einschätzbar
Æ Schulsituation wichtig,
Æ Status in der Gruppe wichtig, falls einschätzbar
Zusammenfassung der Risikoeinschätzung
Æ School Shooters teilen mit unzähligen jungen
Menschen das Risikomerkmal
Æ soziale Rückzug in die Cyberwelt der Computerspiele
und die Entstehung aggressiver „Nebenrealitäten“ ist
weit verbreitet
Æ ABER: Ein gemeinsamer Umstand, welcher die
wirklichen Amokläufer ungleich gefährlicher als viele
Trittbrettfahrer macht, ist schließlich, dass die
wirklichen Amoktäter vor ihrer Tat die
Kommunikation mit ihrer Umwelt abbrechen oder
nur noch dem Schein nach aufrecht erhalten
Zusammenfassung der Risikoeinschätzung
Die Gefährlichkeit einer Verdachtsperson kann
Æ anlässlich einer psychiatrischen Untersuchung
Æ anhand der genannten allgemeinen und speziell
psychiatrischen Risikofaktoren
ungefähr eingeschätzt werden.
Æ Die psychiatrische Expertise wäre also imstande, eine
Risikoprognose zu erstellen, welche den Kreis der
wirklich gefährdeten Personen stark eingrenzen
könnte.
3. Ausgewählte Erklärungsmodelle für
Amokläufe
Was wird hier gespielt?
School shootings und gewalttägie Computerspiele
Evidenz oder Hysterie?
Dr. Paul Plener, Prof. Dr. J.M. Fegert
Prävalenz USA und Deutschland (D)
90% der amerikanischen Kinder u. Jugendlichen (8-16a)
spielen zuhause Videospiele,
Über 75 % der Teenager unter 17 spielen Spiele ab 17a
>80% bekommen bei Einkäufen Spiele über 17a
JIM Studie 2008
– 1208 Jugendliche in D (12-19a)
– In JEDEM Haushalt in dem Jugendliche leben gibt es
Computer/ Laptop, 96% Internetzugang, Konsolen in
2/3
– 71% d. Jugendlichen haben Computer in Zimmer
– 51% Internetanschluss im Zimmer
– 45% eigene Spielkonsole
– 41% tragbare Spielkonsole
Anderson et al., 2008, Feierabend & Rathgeb, 2008
Verfügbarkeit von Medien in deutschen Kinderzimmern
(Quelle: KFN, 2009)
Spielekonsum in D I
Spielekonsum in D II
Spielekonsum in D III
•
•
M: 19% FIFA, 16% Need for Speed, GTA, 14% Counter
Strike, 9% WOW, 6% Call of Duty, 5 % Age of Empires,
Warcraft
W: 16% Die Sims, 9% Solitär, 6 % Singstar, 5 % Super
Mario, Abenteuer auf dem Reiterhof
TOP 5 der Videospielverkaufscharts
•
PC
– 1: Spore
– 2: Stalker: Clear Sky
– 3: The Sims: Apartment Life
– 4: Die Siedler: Aufbruch der Kulturen (no Englisch
version or title available yet)
– 5: World of Warcraft
•
Playstation 3 und X-Box 360
– 1: Assassin's Creed - Platinum
– 2: Uncharted: Drake's Fortune - Platinum
– 3: Grand Theft Auto IV
– 4: Mercenaries 2: World in Flames
– 5: Resistance - Fall of Man - Platinum
KW 37 www.pcgameshardware.com
Spielekonsum in D IV
Und was sagt die Forschung?
Die wissenschaftliche Debatte darüber, ob
Mediengewalt Aggressionen steigert, ist im
Wesentlichen beendet (Anderson et al., 2003)
Es existiert kein schlüssiger Beweis für
eine Verbindung zwischen Gewalt in den
Medien und gewalttätiger krimineller
Aktivität (Savage, 2004)
Eine wichtige verbleibende Frage ist, ob die Größe des
Effektes groß genug ist, dass man es als Bedrohung für
die öffentliche Gesundheit werten muß. Die Antwort
scheint „Ja“ zu sein. (Huesmann, 2007)
Entgegen der allgemeinen Meinung liefert
die aktuelle Literatur keine breite Basis für
die Schlußfolgerung, dass Gewalt in den
Medien aggressives oder gewaltätiges
Verhalten verursacht. (Ferguson, 2009)
Metaanalysen
•
•
•
Anderson & Bushman (2001) Meta-Analyse
– Aggressive Behavior: exp: (21)r= .19
– Aggressive Behavior: non-exp: (13)r= .19
– Aggressive cognition: (20) r=.27
– Prosocial behavior (8) r=-.16
– Aggressive affect: (17) r=.18
Sherry (2001): Meta-Analyse: r=.15
Ferguson (2007): Meta-Analyse:
– Aggressive Behavior: exp: (5)r= .29
– Aggressive Behavior: non-exp: (9)r= .15
– Aggressive thoughts: exp.: (12) r=.25
– Aggressive thoughts: non-exp.: (5) r=.13
– Prosocial behavior: exp. (3) r=.30
– Prosocial behavior: non-exp. (3) R=.13
Die Dosis macht etwas zum Gift
dosis sola (facit) fiat venenum
Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, (* 1493 in
Egg bei Einsiedeln; † 24. September 1541 in Salzburg) war ein Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker,
Laientheologe und Philosoph.
Zur Situation in Deutschland
Amokläufe an Schulen
– Meißen (1999): Amok?
– Brannenburg (2000): Amok?
– Eching (2002): Counterstrike Spieler
– Erfurt (2002): LKA Thüringen: Ego-Shooter „waren
nicht ausschlaggebend“
– Coburg (2003)
– Emsdetten (2006): Counterstrike
– Winnenden (2009): Ego-Shooter
– Ansbach (2009): keinerlei gewalttätige Videospiele
Seit 1999 !
Gewalttätige Videospiele existieren seit 1981
Geschichte „gewalttätiger“ Computerspiele
•
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1981: Wolfenstein
1987: Street Fighter
1992: Mortal Kombat
1993: Doom
Geschichte „gewalttätiger“ Computerspiele
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•
•
Counterstrike
Rainbow Six
Call of Duty
GTA
Kasuistik Biografische Anamnese
• 9-jähriger Junge
• Unerwünschtes Kind
• Unauffällige Meilensteine der
Entwicklung
• Bereits auffällig im Kindergartenalter
durch Verschlossenheit, aber auch
auffällige familiäre Situation
• Zuspitzung der Probleme in der Schule:
–
–
–
–
Hausaufgabenverweigerung
Provokation anderer Kinder
schnell aufbrausend
gewalttätig auf dem Schulhof
Kasuistik Familienanamnese
• Mutter
– 40 Jahre alt
– qualifizierter Hauptschulabschluss, kaufmännische
Angestellte
– Psychische Erkrankung (Sucht), in psychiatrischer
Behandlung
• Vater
- 45 Jahre alt
- Hauptschulabschluss, keine Berufausbildung,
Gelegenheitsarbeiter, seit längerem arbeitslos
- Psychische Erkrankung (Sucht)
- Aggressive Ausbrüche, kriminell auffällig gewesen
• Eltern trennten sich als Pat. 3 Jahre alt war
nach einem massiven Konflikt mit
Gewalttätigkeiten
• Ältere Halbschwester aus 1. Ehe der Mutter
– selbst psychisch krank (Sucht)
– Mit 17 Jahren an Krebs verstorben als Pat. 7 Jahre
alt gewesen ist
Kasuistik Sozialanamnese
• Lebt allein bei Mutter, die selbst
finanzielle Probleme hat, Hartz IV
• Besuch des Hortes, da Mutter in
Schwarzarbeit berufstätig und
alleinerziehend; 1 Freund im Hort
• Keinerlei soziale Kontakte in Schule
und im Wohnort
• Schule, Hort und Wohnort an
getrennten Orten
• Freizeit: exzessiv über viele Stunden
Playstation, PC-Spiele, Fernsehen,
Skateboardfahren, selten Malen und
Schwimmen
Kasusitik Diagnosen
• Achse-I (Klinisch-psychiatrisches Syndrom)
– Störung des Sozialverhaltens mit depressiver
Symptomatik
• Achse-II (Umschriebene Entwicklungsstörungen)
• V. a. Lese-/Rechtschreibstörung
• Achse-III (Intelligenzniveau)
• Unterdurchschnittliche Intelligenz (Testbefund)
• Achse-IV (Relevante körperliche Symptomatik)
• Keine Diagnose
• Achse-V(Aktuelle assoziierte abnorme
psychosoziale Umstände)
• Abweichende Elternsituation (Z 60.1)
• Tod der Schwester durch Krebserkrankung (Z 61.0)
• Psychische Erkrankung eines Elternteils (Z 63.7)
• Achse-VI (Globales psychosoziales
Funktionsniveau)
• Ernsthafte und durchgängige soziale Beeinträchtigung
Playstation Spiele des Pat
• Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Ford-Racing 2
• Freigegeben ab 16 Jahren
Grand theft auto San Andreas R
Grand theft auto Vice city
Terminator 3 Rebellion der Maschinen
• Unklare Altersgrenzen, aber
gewaltverherrlichend
Ultimate cheat für Grand theft auto San
Andreas
Grand theft auto San Andreas
Was fasziniert an Terminator?
•
•
•
•
„Weil man TX (Roboter) hochschmeißen und wegwerfen
kann.“
„Weil man mit einer Karre durch die Gegend fahren kann.“
„Weil man ein Raumschiff jagen kann.“
„Weil man auf einen Hubschrauber springen kann und mit
einer Minikanone feuern kann.“
•
•
Terminator 3 - Rebellion der Maschinen
Was fasziniert an GTA-Spielen?
•
•
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•
•
•
„Weil man Autos klauen kann.“
„Ständige Fortbewegungsmittel.“
„Weil man gute Waffen hat.“
„Weil man coole Stunts machen kann.“
„Weil man machen kann, was man will.“
„Dass man ganz schön viel Lebensenergie
hat.“
Grand Theft auto Vice city
Welche Effekte können Videospiele haben?
Kurzzeitig
– Priming: neuronale Verknüpfung zwischen Stimulus
und Kognition- daraus resultieren „automatische“
Verhaltensweisen
– Arousal: durch gesteigerte Anspannung verliert man
Kontrolle über sozial akzeptables Verhalten
– Mimicry: Nachahmungseffekte
Langzeitig
– Lernen durch Beobachtung: welche Verhaltensweisen
sind adäquat
– Desensitivierung: Gewöhnung an Bildern von Gewalt
etc.
– Lernen durch Belohnung: gewalttätiges Verhalten wird
im Spiel belohnt
Huesmann, 2007
Was wir wissen – und was nicht
Aggressive Gedanken und das Betätigen
lauter akustischer Signale nehmen kurz nach dem
Spielen gewalttätiger Spiele zu!
→ Nimmt gewalttätiges Verhalten zu?
Die „Treffsicherheit“ nimmt durch das Training zu!
→ Laufen Schüler aufgrund von Videospielen Amok?
Jugendliche Amokläufer beschäftigen sich intensiv mit
Gewalt, einige Täter haben gewalttätige Videospiele
gespielt und sich mit Gewaltphantasien
Beschäftigt (nicht nur in Videospielen)!
→ In welchen Punkten lassen sie sich jenen
unterscheiden, die dies ebenfalls tun?
(„Erdnussbutterproblem“)
→ Langzeitstudien
4. Ausgewählte Erklärungsmodelle für
Amokläufe
Medikamentöse Behandlung von gehemmten und depressiven
Jugendlichen – Verhaltensaktivierung als Gefahr?
Dr. Michael Kölch
Aktuelle Fragen bei der Therapie der
depressiven Erkrankungen bei
Minderjährigen
•
•
•
Bestehen spezifische Nebenwirkungen bei
Minderjährigen, die durch klinische Prüfungen bei
Erwachsenen nicht erkannt werden?
„Behavioural toxicity“
Damit ist eine vermehrte Aktivierung des Patienten
gemeint, die einen Zusammenhang mit suizidalen
Gedanken und Verhalten haben kann (Hammad 2004).
► „Black-box“-warnings durch FDA und EMEA/nationale
Zulassungsbehörden
Zusammenhänge: depressive Jugendliche
und Amoktäter?
1. Depressionen sind häufig ↔ Amoktaten sind
selten
2. Bei Amoktätern liegt eine vielgestaltige Psychopathologie zugrunde die nicht mit depressiven
Störungen gleichgesetzt werden kann
3. Es gibt eine Ähnlichkeit in manchen Symptomen
(z.B. Sozialer Rückzug, Abkapselung, Lerngeschichte von Frustrationen)
4. Der depressive Patient ist eher gehemmt, bei
Amoktätern wird diese Hemmung durch
Aggressionen durchbrochen
Zusammenfassung
•
•
•
•
•
•
Aktivierung ist ein Phänomen bei der Behandlung
depressiver Patienten mit Antidepressiva
Das Risiko für Suizidalität steigt bei jeder Behandlung
zu Beginn
Bisher gibt es keinen Hinweis, dass Suizide unter
SSRI gehäuft sind bei Minderjährigen
Post-mortem Untersuchungen geben bisher keinen
Hinweis auf evt. Zusammenhänge
Amoktaten sind bisher nicht ursächlich auf eine
medikamentöse Behandlung zurück zu führen
Bei der Behandlung entsprechender Patienten
(narzisstische Grundpersönlichkeit, über eine reine
Depression hinausgehende Psychopathologie) wird
ein entsprechendes Monitoring sinnvoll und
angemessen sein.
5. Bullying und Cyberbullying in Schulen
Die Bedeutung von Bullying und Cyberbullying für das
Schulklima und subjektiv wahrgenommene Kränkungen
• Dr. Nina Spröber, Prof. Dr. J.M. Fegert
Definition „Bullying“ (II)
Scientific concept
In summary, despite their disparate nature, most definitions of bullying include
körperlich und verbal
the notion that bullying includes both physical and verbal aggression, which is
indirekte Formen (z.B. jemanden ausschließen, bedrohen)
a systematic, ongoing set of behaviour instigated by an individual or a group
wiederholt, systematisch
of individuals who are attempting to gain power, prestige, or goods. Tactics
Einzelpersonen/ Personengruppen
might also be directed at the threat of withdrawal of a friendship.
Macht, Dominanz, materielle Güter
(Espelage & Swearer, 2003, p.368)
Definition „Cyberbullying“ (II) Smith et al (2008)
¾
¾
¾
¾
¾
Klassifizierung nach Art des Medium:
durch sms
durch e-mail
durch instant messages
…
•„negative or hurtful repetative behaviour,
•by the means of electronic communication tools,
•which involve an imbalance of power
•with the less- powerful person or group being unfairly attacked“
Cyberbullying
Prävalenz (Vorkommen) von Bullying (I)
30
25
Direkte Viktimisierung
Bullying
Bullying:
20 Mal wöchentl.“
• 7% bis 11% „ein
4. Klasse
• 17% bis 28% „gelegentlich“
15
• Zunahme
5. Klasse mit ↑ Alter
6. Klasse
7.Klasse
10
30
Viktimisierung:
25
direkt
häufiger
als indirekt
20
4. Klasse
15
indirekt:
5% bis 7% „ein Mal wöchentl.“
5. Klasse
10
6. Klasse
direkt:
10% 5bis 11% „ein Mal wöchentl.“
7.Klasse
0 bis 14% „gelegentlich“
indirekt: 11%
ein Mal
gelegentlich
direkt: 23% bis
25% „gelegentlich“
wöchentlich
Abnahme mit ↑ Alter
Indirekte
30 Viktimisierung
Indirekte25Viktimisierung
5
4. Klasse
0
5. Klasse
ein Mal
wöchentlich
gelegentlich
6. Klasse
7.Klasse
20
15
10
5
0
ein Mal
gelegentlich
wöchentlich
Zeitpunkt der Studie: 1994; Stichprobe: Schulen in Schleswig-Holstein (N = 47 (4,45%) aller Schulen
nahmen teil; N = 14 788 (N = 2219 GS; N = 12 569 WS)
Folgen und Zusammenhänge (I): individuelle Ebene
Ç Internalisierende Verhaltensauffälligkeiten
und È geringere Schulleistungen; Ç
Suizidrisiko (eg. Kaltiala-Heino, Rimpela, Marttunen, Rimpela
& Rantenan, 1999; Williams, Chambers, Logan & Robinson, 1996)
Ç externalsierende
Verhaltensauffälligkeiten, Delinquenz,
Sucht, häusliche Gewalt
(z.B. Gottheil & Dubow, 2001; Huesman, Eron, Lefkowitz
& Waldner, 1984)
Was sollte getan werden?
(Smith, Pepler & Rigby, 2005)
Zeitpunkt der Intervention:
– früh beginnen, denn wenige Kinder haben schon früh
stabile Bully-Victim Rollen (vgl. Monks, Smith and Swettenham, 2003)
– Ergebnisse / Effekte in Grundschulen besser als in weiterführenden Schulen (Stevens et al.; Hanewinkel et al.)
Systemische Perspektive:
– peer process wichtig: Bedeutung der Mitschüler wg. unterschiedlicher Rollen, nicht nur auf Bully und Victim
konzentrieren
– Lehrer & Schulleitung: Schaffung eines Klimas, das
prosoziales Verhalten fördert, Kompetenzen der Lehrer im
Umgang mit Problemen steigern / positives
Klassenmangement zu etablieren
Æ in Lehrerausbildung wichtig (Nicolaides, Toda, Smith, 2002)
– Wichtig, Eltern einzubeziehen (Olweus, 1993, Spröber, 2007)
– Community: teilweise wurden gute Erfolge erzielt (Olweus,
1993)
6. Rechtlicher Umgang mit Tathinweisen
Wann ist der Bruch der Schweigepflicht in der Psychotherapie der
Krankenbehandlung bei geäußerten Gewaltphantasien oder
Sexualphantasien eines Patienten gerechtfertigt?
Prof. Dr. Heiner Fangerau
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik
der Medizin
Dr. Andrea Kemper
Prof. Dr. J.M. Fegert
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Vertrauen als Grundpfeiler
• Schweigepflicht – vielfältig geschütztes Rechtsgut
und Grundpfeiler einer wirksamen Hilfebeziehung
• Sollte aber der Therapeut von ernstzunehmenden
Plänen seines Pat. erfahren, die einen deutlichen
Realitätsbezug aufweisen und er kann Gefahren
durch seinen Pat. im Rahmen der Therapie nicht
sicher selbst abwenden, ist der Therapeut
• a. bei Vorliegen der Voraussetzungen eines
rechtfertigenden Notstandes befugt,
• b. bei Planung einer Straftat aus in deutschland
abgeschlossenem Katalog des § 138 StGB durch
seinen Patienten verpflichtet, seine Schweigepflicht
zu brechen, sollte der Patient – oder dessen
gesetzlicher Vertreter – nicht von sich aus in die
Weitergabe der Informationen einwilligen.
Artikel 321 StGB (Schweizer Strafgesetzbuch)
Verletzung des Berufsgeheimnisses
1. Geistliche, Rechtsanwälte, Verteidiger, Notare, nach
Obligationenrecht zur Verschwiegenheit verpflichteter Revisoren,
Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Hebammen sowie ihre Hilfspersonen,
die ein Geheimnis offenbaren, das ihnen in Folge ihres Berufes
anvertraut worden ist oder das sie in dessen Ausübung
wahrgenommen haben, werden auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu
3 Jahren oder Geldstrafe bestraft. Ebenso werden Studierende
bestraft, die ein Geheimnis offenbaren, das sie bei ihrem Studium
wahrnehmen. Die Verletzung des Berufsgeheimnisses ist auch nach
Beendigung der Berufsausübung oder der Studien strafbar.
2. Der Täter ist nicht strafbar, wenn er das Geheimnis aufgrund einer
Einwilligung des Berechtigten oder einer auf Gesuch des Täters
erteilten schriftlichen Bewilligung der vorgesetzten Behörde oder
Aufsichtsbehörde offenbart hat.
3. Vorbehalten bleiben die eidgenössischen und kantonalen
Bestimmungen über die Zeugnispflicht und über Auskunftspflicht
gegenüber einer Behörde
Artikel 321 bis (Berufsgeheimnis in der medizinischen
Forschung)
1. Wer ein Berufsgeheimnis unbefugter Weise offenbart das er
durch seine Tätigkeit für die Forschung im Bereich der
Medizin oder des Gesundheitswesens erfahren hat, wird
nach Artikel 312 bestraft.
2. Berufsgeheimnisse dürfen für die Forschung im Bereich der
Medizin oder des Gesundheitswesens offenbart werden,
wenn eine Sachverständigenkommission dies bewilligt und
der Berechtigte nach Aufklärung über seine Rechte es nicht
ausdrücklich untersagt hat.
3. Die Kommission erteilt die Bewilligung, wenn:
a) die Forschung nicht mit anonymisierten Daten
durchgeführt werden kann
b) es unmöglich oder unverhältnismäßig schwierig werde, die
Einwilligung des Berechtigten einzuholen
c) die Forschungsinteressen gegenüber den
Geheimhaltungsinteressen überwiegen
Artikel 17 StGB – Rechtfertigender Notstand
Wer eine mit Strafe bedrohte Tat begeht, um ein eigenes oder
das Rechtsgut einer anderen Person aus einer unmittelbaren,
nicht anders abwendbaren Gefahr zu retten, handelt rechtmäßig,
wenn er dadurch höherwertige Interessen wahrt.
Kommentierung Donatsch et al. 18. Auflage 2010:
Die Gefahr muss unmittelbar und damit auch konkret sein, d. h.
sich nur durch ein sofortige Eingreifen abwenden lassen. Hierzu
zahlreiche Bundesgerichtsentscheide.
Dazu wichtig: Artikel 13 Sachverhaltsirrtum:
1. Handelt der Täter in einer irrigen Vorstellung über den
Sachverhalt, so beurteilt das Gericht die Tat zugunsten des
Täters nach dem Sachverhalt, den sich der Täter vorgestellt
hat
2. Hätte der Täter den Irrtum bei pflichtgemäßer Vorsicht
vermeiden können, so ist er wegen Fahrlässigkeit strafbar,
wenn die fahrlässige Begehung der Tat mit Strafe bedroht ist.
7. Psychische Folgen für Überlebende
Dipl.-Psych. V. Kirsch
Prof. Dr. L. Goldbeck
Prof. Dr. J.M.Fegert
Folgen von Amokläufen in Schulen I
Bedeutsames Absinken der Schulleistungen nach
Traumata beobachtet (z.B. Shannon et al, 1994; Nader et al.,
1990)
1 Monat nach Amoklauf in Grundschule (Pynoos et al.,
1987)
•ca. 60% Vollbild PTBS
•ca. 90% unspezifische Symptome
Thurston High School Shooting (Curry 2003); n=80
•retrospektive Befragung nach 2 Jahren
•Je näher örtlich, desto höhere Prävalenz PTBS
•Zusammenhang zwischen emotionaler Verbundenheit mit
Schule/Opfern und PTBS
Amoklauf Grundschule (Nader et al, 1990); n=100
•nach 1 Monat hohe Prävalenz PTSD, unabhängig von Nähe
zum Ereignis
•nach 14 Monaten PTBS nur bei Schülern in Seh- und Hörweite
Folgen von Amokläufen in Schulen II
Evanston School Shooting (Schwarz et al., 1991)
•Schulpersonal n=24; 6-8 Monate post-Trauma
•Eltern n=42; 8-14 Monate post-Trauma
•Kinder n=64; 8-14 Monate post-Trauma
•Prävalenz PTBS (UCLA): Erwachsene 19%, Kinder 27%
East County School Shooting (Palinkas et al, 2004) n=85
Ausgeprägte PTBS Symptomatik, Probleme mit den Medien,
verringertes Schulinteresse, mehr Absentismus, Hoffnungslosigkeit, Wut
Columbine High School Shootings (Hawkins et al., 2004)
•Interview mit 4 Eltern und 7 Kindern
•Symptomatik erst innerhalb der ersten 2 Wochen auffällig
•Studie musste abgebrochen werden
Folgen einer 2 stündigen Geiselnahme I
(Vila et al., 1999)
•Durch bewaffneten Mann; keine Verletzten/Toten
•EG (im Klassenzimmer): n=26; 6 bis 9,5 Jahre
•KG (andere Klasse im selben Schulhaus): n=21; 6-9,5
Jahre
•Im ersten Monat zeigen 96% akute Stresssymptome wie
akute und posttraumatische Belastungsreaktionen, Ängste,
oppositionelles Verhalten, Wutausbrüche,..
•Systematisches Debriefing konnte die Entwicklung einer
PTBS nicht verhindern,
•Kinder ohne direkte Betreuung und Debriefing zeigten die
stärkste Symptomatik
Zusammenfassung mögliche psychische Folgen:
Posttraumatische Belastungsstörungen
-> traumatische Trauer
-> stellvertretende Traumatisierung
andere Angststörungen (Schulphobie, Trennungsangst,..)
Schul-Absentismus
Depressionen
Leistungsabfall
Konzentrationsstörungen
sozialer Rückzug
oppositionelles und aggressives Verhalten
(Palinkas et al, 2004, Shannon et al, 1994; Nader et al., 1990, Vila et al., 1999)
Posttraumatische Belastungsstörung: Symptomatik
Traumatisches Ereignis
Vollbild = subklinisch
Mind. 4
Wochen
Gleichermaßen
behandlungsbedürftig
Autonome
Übererregung
Wiedererleben
Vermeidung,
emotionale Abstumpfung
Beeinträchtigung des psychosozialen Funktionsniveaus
Wie können wir helfen
Systematisches Symptom-Screening
Systematisches Symptom-Screening
• Betroffene und Umfeld (Geschwister, Freunde, Eltern,..)
Identifikation von Kindern und Jugendlichen, die
• PTBS, Expositionsgrad
und andere brauchen
psychische
psychotherapeutische
Unterstützung
Störungen, z.B. Depression
Initialisierung evidenzbasierter Behandlung im Einzel-,
• akutGruppensetting
und wiederholt (z.B.
im Verlauf
(bisCBITS)
mindestens 12
oder
TF-CBT,
Monate später)
Wie können wir helfen
Systematisches Symptom-Screening
Identifikation von Kindern und Jugendlichen, die
psychotherapeutische Unterstützung brauchen
Initialisierung evidenzbasierter Behandlung im
Einzel-, oder Gruppensetting (z.B. TF-CBT,
CBITS)
Screeningverfahren für posttraumatische
Belastungsreaktionen - I
Posttraumatic Diagnostic Scale (PDS; Foa et al., 1996)
•Für Erwachsene (-> Prävalenz und Einfluss z.B. elterlicher
PTBS)
•an DSM IV Diagnosekriterien der PTBS orientiert
•Deutsche Version erhältlich
Erfasst:
•Traumatyp
•Reaktion während bzw. kurz nach dem Trauma
•Symptomschwere und Häufigkeit während der letzten 4
Wochen für Index-Trauma
•Likert-Skala von 0 (einmal im Monat) – 3 (mindestens 5 Mal die
Woche)
•1= Kriterium erfüllt
•Möglicher Einsatz bei Eltern, Lehrern, Polizisten …
Screeningverfahren für posttraumatische
Belastungsreaktionen - I
Posttraumatic Diagnostic Scale (PDS; Foa et al., 1996)
•Für Erwachsene (-> Prävalenz und Einfluss z.B. elterlicher
PTBS)
•an DSM IV Diagnosekriterien der PTBS orientiert
•Deutsche Version erhältlich
Erfasst:
•Traumatyp
•Reaktion während bzw. kurz nach dem Trauma
•Symptomschwere und Häufigkeit während der letzten 4
Wochen für Index-Trauma
•Likert-Skala von 0 (einmal im Monat) – 3 (mindestens 5 Mal die
Woche)
•1= Kriterium erfüllt
•Möglicher Einsatz bei Eltern, Lehrern, Polizisten …
PDS-D: Traumatyp Bsp.
Gruppeninterventionen - Beispiele
•UCLA Trauma / Grief Program for Adolescents
•Cognitive Behavioral Intervention for Trauma in
Schools (CBITS)
•Trauma Affect Regulation: Guidelines for
Education and Therapy for Adolescents and
Pre-Adolescents (TARGET-A)
•MMTT: Multimodality Trauma Treatment (aka
Trauma-Focused Coping in Schools)
•The Safe Harbor Program: A School-Based
Victim Assistance and Violence Prevention
Program
Schluss: Politische Forderungen
Kein Aktionismus bei Notfallintervention
Waffenkontrolle
Anleitungen für die Berichterstattung über
Amokläufe
Empfehlung nach Analyse des Deutschen Presserats, September 2009
Was getan werden könnte I
•
Waffengesetz Reform in Australien 1996 nach Port
Arthur Massaker (35 Tote, 19 Schwerverletze)
•
Verschärfung der Waffengesetzgebung:
– Verbot von semi-automatischen Waffen und PumpGuns
– Keine Verkäufe zwischen Privatpersonen
– Strenge Registrierung nach polizeilicher Prüfung
der Notwendigkeit
– Keine Waffen zur „Selbstverteidigung“ verkauft
•
„Australian Firearm Buyback“: Über 700 000 Waffen
(Population: 12 Millionen) gekauft
Chapman et al., 2006
Was getan werden könnte II
•
–
–
–
–
1979-1996:
13 „mass shootings“
Zuvor durchschnittlich
627,7 Tote/ Jahr durch
Waffen
Zuvor durchschnittlich
491,7 Suizide/ Jahr mit
Waffen
Zuvor durchschnittlich
92,9 Morde/ Jahr durch
Waffen
1996-2006:
– kein „mass shooting“
– Durchschnittlich 332,6
Tote/ Jahr durch Waffen
– Durchschnittlich 246,6
Suizide/ Jahr mit Waffen
– Durchschnittlich 55,6
Morde/ Jahr durch Waffen
Chapman et al., 2006
Was getan werden könnte III
•
„Dies stellt einen enormen Wandel in der Kultur dieses
Landes bezüglich des Besitzes und der Verwendung
von Waffen dar. Dies ist ein historisches Abkommen.
Es bedeutet, dass dieses Land, durch seine
Regierung, beschlossen hat nicht den amerikanischen
Weg zu beschreiten. Wir sind keine Waffenkultur, wir
sind eine Kultur friedlicher Kooperation“.
Premierminister John Howard
•
In Meinungsumfragen 90-95% Zustimmung
•
Die bei Abstand populärste Entscheidung im ersten
Amtsjahr
Chapman et al., 2006
Fokus der Berichterstattung
•
•
•
•
•
•
•
Opfer
Angehörige
Täter
Augenzeugen
Rettungskräfte
Täter
Journalisten
→ Gefahr
• Traumatisierung und sekundäre Viktimisierung der Opfer
• Auslösung von Tatandrohungen
• Auslösung von Nachahmungstaten
Funktion einer angemessene
Berichterstattung
•
•
Erleichterung der Tatverarbeitung
Bildung von Schutzfaktoren
→ Forderung
• Schulung der Journalisten zum Thema
• Information der Presseorgane durch Krisenteams
• Sensible Berichterstattung durch staatliche
Institutionen
• Unterlassung von „gewöhnlichem“ Gebaren bei
Berichterstattung (z.B. Exklusivrechte, Verletzung der
Persönlichkeitsrechte)
• Keine Heroisierung, Fokussierung auf Tat ohne
Detailinformationen
• Einhaltung der Personen- und Menschenrechte
Fazit
•
Gewalt wird nicht erlernt, sondern die Kontrolle darüber
•
Gewalt zuhause reduzieren. Schläge, verbale
Mißhandlungen etc. sind starke Prädiktoren für Gewalt
•
Bescheid wissen mit wem das Kind Kontakte unterhält
und wie miteinander während dieser Kontakte
umgegangen wird
•
Den Kindern beibringen einmal tief durchzuatmen und
eine kleine Pause zu machen bevor sie handeln
Steinberg, 2007
“Veränderung kommt nicht allein durch Worte und Expertenberichte.
Veränderung braucht das Verantwortungsbewusstsein und den Mut
eines jeden Einzelnen zum gemeinsamen Handeln.“
(Expertenkreis Amok, März 2009)
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie /
Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm
Steinhövelstraße 5
89075 Ulm
www.uniklinik-ulm.de/kjpp
Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Jörg M. Fegert