Spectrum Woodstock in Vienna

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Spectrum Woodstock in Vienna
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woodstock
Einfamilienhaus
1170 Wien, Österreich
© Manfred Seidl
Woodstock in Vienna
SAMMLUNG
Spectrum
Bei ihrem Haus auf dem Schafberg nutzten Andreas und Gerda Gerner nicht nur den ARCHITEKTIN
gerner°gerner plus
Werkstoff Holz optimal, sondern auch die Gunst des Standorts: Durch großflächige
Verglasungen kann man den Blick über Wien selbst von der Badewanne aus
STATIK
Vasko + Partner
genießen.
von Liesbeth Waechter-Böhm
Die Spaziergänger staunen. Und diskutieren kopfschüttelnd darüber, daß hier, auf dem
Südhang des Schafberges, mitten in einer der massiv gemauerten
Einfamilienhauslandschaften, wie man sie in den "grünen" Stadtrandquartieren gern findet,
ein Holzhaus steht. Aber wahrscheinlich sind es gar nicht das Holz und seine so ganz und
gar nicht rustikal-jodelnde Verarbeitung, die den Leuten zu schaffen machen. Nein, es ist
das viele, großflächig und südseitig eingesetzte Glas.
FUNKTION
Einfamilienhaus
PLANUNGSBEGINN
1998
AUSFÜHRUNG
1999
MITARBEIT PLANUNG
Dave Lefèvre
Unter den jungen Wiener Architektenteams zählen Andreas und Gerda Gerner zu den
interessantesten. Man könnte sagen, daß sie "aus der Schule von Helmut Richter"
kommen, daß sie folglich Umgang mit Stahl, Glas und Aluminium pflegen und auf einen
sogenannt "zeitgemäßen" Ausdruck ihrer Bauten Wert legen. Und diese Charakteristik gilt
auch jetzt noch, nach ihrem Sidestep in den Holzbau. Denn "Woodstock" - der bürointerne
Codename für das Haus auf dem Schafberg - wird zwar dem Anspruch silbrig
schimmernder Metalloberflächen nicht gerecht, aber in solchen Oberflächenimages liegt ja
auch nicht die Essenz dieses architektonischen Ansatzes. Ihm geht es vielmehr um den
Nutzen, der sich aus bestimmten Materialentwicklungen ziehen läßt, um konstruktive
Wahrheit und die Optimierung des Materialaufwandes.
Das Haus ist schlicht. Aber es hat ein intelligentes Konzept. Schon wie es auf dem
Südhang steht, ist eine Qualität. Denn die wundervolle Aussicht über Wien kann man hier
wirklich genießen, selbst von der Badewanne aus. Und auch das Gelände wurde sinnvoll
"modifiziert". Vor dem dreiseitig umschlossenen Kellergeschoß wurde ein großes Atrium
ausgegraben, zu dem sich der Raum mittels Glashaut auf der vierten, der Südseite öffnet.
Der Holzskelettbau hat eine Außenhaut aus unbehandeltem Lärchenholz. Es wurde in
großformatigen Platten verlegt, nur an der Betonwand im Norden, die für die nötige
Speichermasse sorgt, haben die Architekten eine schmale Lattung gewählt.
Nach Süden, zur Stadt, zum großartigen Panorama schaut viel Glas. Es schiebt sich
räumlich als sogenannter "Glaskobel" aus dem Wohnraum hinaus, es läßt im Obergeschoß
gleißendes Licht herein. Hier ist auch ein kleiner Balkon - 1,5 Meter auskragend - an die
Konstruktion angeklippt, der sich theoretisch ohne Probleme wieder wegnehmen ließe.
"Angeklippt" ist in diesem Fall übrigens wörtlich gemeint, denn die beiden Elemente, aus
© Manfred Seidl
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denen dieser Balkon besteht, funktionieren wie Wäscheklammern, die an das Tragwerk
aufgesteckt sind.
Die großflächigen Verglasungen (bis zu zwei Meter mal 3,60 Meter) haben einen
außenliegenden Sonnenschutz. Sie sind nur zum geringen Teil fix, der weitaus größere
läßt sich aufschieben. Reizvolles Detail: Vor den Fenstern der mehr privaten Bereiche etwa der Schlafräume im Obergeschoß - gibt es Holzschiebeläden, die im offenen Zustand
unsichtbar in der Fassade verschwinden, die sich aber auch so schließen lassen, daß eine
glatte Holzhaut entsteht.
Sieht man sich die Konstruktion etwas genauer an, dann weiß man: Hier hatte der Statiker
einiges zu rechnen. Die Stützen im Wohnraum zum Beispiel sind rund. Sie sind genau so
dimensioniert, wie es gebraucht wird; das "hölzerne Fleisch", das bei viereckigen Stützen
unnötig mitgeliefert wird, weil es nichts trägt, wurde weggelassen. Auch die "hölzerne
Pistole", die den vorgeschobenen, verglasten Bereich des Wohnraumes trägt, ist nach
einem ausgetüftelten Prinzip gelöst. Vom Zuschnitt her zeigt sie genau den Kräfteverlauf:
Sie wird dort schmäler, wo sie weniger zu leisten hat. Und sie ist so zwischen zwei
Deckenbalken eingespannt, daß im "Glaskobel" eine stützenfreie Ecke möglich wurde.
Architektonisch war das ein Ziel: den Werkstoff Holz und seine konstruktiven Möglichkeiten
auszuloten. Aber sicher ging es auch darum, ein Haus in diese Umgebung zu setzen, das
sich wie natürlich gewachsen verhält, das mit seiner Lärchenholzhaut auf ganz
selbstverständliche Weise altert.
Die jungen Bauherren haben ein sehr offenes, dabei überaus komfortables und sogar
preisgünstiges Haus bekommen. Denn ein Quadratmeterpreis von 18.000 Schilling (1308
Euro) ist nicht überzogen, wenn man bedenkt, daß in dieser Summe auch die
Abbrucharbeiten für ein auf dem Grundstück vorhandenes Objekt und die Erdarbeiten für
das dem Untergeschoß vorgelagerte Atrium enthalten sind. Ganz davon abgesehen, daß
den Bewohnern allerhand zusätzliche Annehmlichkeiten geboten werden, vom
Wäscheabwurfschacht aus dem Obergeschoß zur Waschmaschine im Keller bis zu einem
Zentralstaubsauger, ebenfalls im Keller, sodaß in den Wohnräumen nur noch der Schlauch
angesteckt zu werden braucht und man sich das Herumtragen des ganzen Geräts erspart.
Bleibt die Frage der klimatischen Verträglichkeit. Also jene Frage, an der sich die Meinung
der Passanten aufheizt. Die architektonische Antwort darauf fiel so aus, wie es den
heutigen Möglichkeiten entspricht: Außenbeschattung, überall querdurchlüftete Räume und
vor allem: extrem hochwertiges Glas. Das müßte ausreichen, um selbst bei
hochsommerlichen Temperaturen ein angenehmes Raumklima zu garantieren.
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Das Haus wurde im Dezember letzten Jahres bezogen. Die Probe aufs Exempel steht also
noch aus. Was sich hingegen jetzt schon bemerkbar macht, ist der passive Nutzen der
Südorientierung für den Energiehaushalt. Selbst bei ausgesprochen winterlichen
Temperaturen schaltet sich die Heizung oft erst abends ein.
Andreas und Gerda Gerner haben aber kein Energiesparhaus im engen Sinn geplant,
dafür sind sie mit den Glasflächen viel zu großzügig umgegangen. Dafür nutzt ihr Haus die
Gunst des Standortes optimal aus und die heutigen Möglichkeiten mit Holz und Glas. Die
Großzügigkeit der innenräumlichen Lösung, ihre Offenheit und Transparenz muß man
mögen. Andererseits: Nicht nur Bautechnologien entwickeln sich, unaufhaltsam ändert sich
auch das Wohnverhalten. Für die Architektur ist das ein Glück.
Spectrum, 05.02.2000
WEITERE TEXTE
woodstock Einfamilienhaus, Az W, 12.11.2001
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