Grundkurs Deutsche Literatur, 5. Stunde Novelle

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Grundkurs Deutsche Literatur, 5. Stunde Novelle
Grundkurs Deutsche Literatur, 5. Stunde
Einige allgemeine Bemerkungen zum Begriff „Epik“
Die Epik ist der drei grundlegenden Gattungen der Literatur, neben Drama und Lyrik. Die Großgattung Epik umfasst die erzählende Literatur. Die Epik umfasst jede Art fiktiver erzählender (narrativer) Dichtung in Versen oder Prosa. In Anlehnung an Goethe wird sie oft eingestuft als die mittlere der drei „Naturformen der Poesie“ und als solche „klar erzählend“. Demnach ist sie nicht so
subjektiv wie die „enthusiastisch aufgeregte Lyrik“ und weniger objektiv als die „persönlich handelnde“ Dramatik (nach J. W. Goethe: Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des
West-östlichen Divans, 1819).
Der Epik liegt die anthropologische Situation des Erzählens zugrunde. Ein Erzähler vermittelt ein
Geschehen an einen oder mehrere Zuhörer bzw. Leser.
Während die Frühformen der epischen Gattungen (Epos, Volksmärchen) anfangs noch mündlich
überliefert worden waren, bevor sie verschriftlicht (schriftlich festgehalten) wurden, herrscht in der
modernen Zeit die schriftliche Vermittlung epischer Texte vor, und nur wenige epische Gattungen
(Witz, moderne Sage) werden heutzutage noch mündlich tradiert.
Fiction does not imitate reality out there. It imitates a fellow telling about it. (Baker, Sheridan
1981: Narration. The Writer’s Essential Mimesis)
Selten ist die zentrale Bedeutung des Erzählers prägnanter zusammengefasst worden als in diesem
Zitat Bakers. Worüber aber reden wir, wenn wir über den Erzähler eines narrativen Textes sprechen? Natürlich über eine fiktionale Figur, die mit der Person des Autors (des Schriftstellers bzw.
Verfassers) nicht identisch ist. Diese Figur unterscheidet sich jedoch von den literarischen Figuren
eines epischen Textes grundlegend: Bei einer literarischen Figur stehen uns explizite Aussagen im
Text über sie, Beschreibungen ihres Charakters und Schilderungen ihrer Handlungen, zur Verfügung. Aus diesen Elementen können wir implizite Charakterisierungen der Figuren ableiten. Der
Erzähler dagegen ist zwar immer anwesend, weil wir uns psychologisch keinen Text, keine Zeichenfolge, ohne einen Urheber dazu denken können (und wir denken uns den Urheber der Zeichen
unwillkürlich anthropomorph, analog zu einer realen Person). In der Regel stehen uns jedoch keine
expliziten oder außertextlichen Aussagen über den Erzähler zur Verfügung, sondern wir müssen
unser Wissen über den Erzähler aus dem von diesem erzählten Text selbst ableiten (ein klassischer
hermeneutischer Zirkel).
Um Aussagen über den Erzähler zu treffen, untersuchen wir gewisse typische Konfigurationen wie
die Erzählformen und das Erzählverhalten, von denen in den ersten Stunden die Rede war.
Formen der Großepik, Fortsetzung
Novelle
Der Begriff Novelle kommt aus dem römischen Recht (vgl. Gesetzesnovelle). Das italienische Wort
novella bezeichnet eine Neuigkeit. Typisch für eine Novelle sind die folgenden Eigenschaften:
1) Zusammenziehung eines Vorgangs zu einem krisenhaften Vorfall.
2) Geflecht von Vorgang und Mensch; Verknüpfung von Schicksal und Charakter und die Frage
ihrer Verflechtung.
3) Wendepunkt, Kristallisation. Während der Roman mehrere Handlungen und Geschehnisse
verknüpft, wird in der Novelle „alles in einem einzigen Vorfall zusammengefasst, von dem aus das
Leben (des Helden) dann nach rückwärts und nach vorwärts bestrahlt wird; und dieser Vorfall ist
seltener und eigentümlicher Art, so dass er sich der Phantasie einprägt.“ (Ernst, 89).
Zu diesem Wendepunkt wird häufig hingeführt durch ein Dingsymbol, ein äußeres, gegenständliches Zeichen des Angel- und Drehpunktes (zum Beispiel die Buche in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche). Nach einer Novelle von Boccaccio, in der ein Falke diese Rolle
spielt, wird das Dingsymbol auch kurz Falke genannt (Falkentheorie) Aber nicht in jeder Novelle
muss ein solches Dingsymbol erscheinen. Theodor Strom: „Den Boccaccioschen Falken lass ich
unbekümmert fliegen.“
4) In der Form Konzentrierung des Erzählten, Verdichtung und abgekürzte Darstellung. Die natürliche (chronologische) Reihenfolge der Geschehnisse, wie sie die Erzählung bietet, wird häufig verändert. Die Handlung gipfelt meist in einem Punkt. Der strukturelle Aufbau ist verwandt mit dem
des Dramas: knappe Exposition, zusammenraffendes Hinführen zum Höhe- und Wendepunkt, fallende Handlung und Ausklang.
5) Keine ausführliche Milieuschilderung (vgl. Roman)
6) Die Länge der Novelle ist nicht entscheidend. Es gibt Großformen der Novelle und Kleinformen
des Romans (sog. Kurzromane). Die Novelle steht somit zwischen der großen epischen Form des
Romans und den Formen der Kurzepik (Erzählung, Geschichte).
Beispiele für Novellen in der deutschen Literatur: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas; Die
Marquise von O; Die Verlobung in St. Domingo etc.; Johann von Eichendorff: Aus dem Leben eines
Taugenichts (1826); Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche (1842); Eduard Mörike: Mozart
auf der Reise nach Prag (1855). Höhepunkt der deutschen Novellendichtung zur Zeit des Poetischen Realismus (ca. 1850–1890): Theodor Storm: Immensee (1859), Aquis submersus (1876), Der
Schimmelreiter (1888); Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla (1865–74).
Roman
Der Roman ist die epische Großform der Neuzeit. Es dauerte lange, bis er als Kunst anerkannt wurde. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts sah man ihn als „Halbkunst“ an, weil er keinen strengen
Regeln unterlag und als Unterhaltungsliteratur aufgefasst wurde. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er dem Epos gleichgesetzt.
Thomas Mann meinte, man solle das Verhältnis von Roman und Epos umkehren und den Roman
nicht als eine Verfallsform des Epos auffassen, sondern im Epos eine frühe Form des Romans sehen.
Der Roman stammt vom Epos ab, unterscheidet sich von diesem jedoch äußerlich durch die Prosaform und weicht in Stoff, Struktur und Erzähltechnik von diesem ab. Zwar kann der Roman, wie
das Epos, ein weit ausladendes Weltbild geben; die geschilderte Welt hat sich jedoch gewandelt: sie
ist „prosaisch“ geworden.
Von der Novelle unterscheidet sich der Roman durch seine „epische Breite“: eingängige Beschreibungen des Milieus und der Figuren; Nebenhandlungen; parallel zueinander verlaufende Handlungsstränge.
Im 20. Jahrhundert Auflösung der Struktur: Die Geschehnisse laufen nicht mehr chronologisch ab,
und auch die Kausalität entfällt weitgehend.
Im 19. Jahrhundert traten der individuelle Mensch, seine Psyche und seine Entwicklung, in den Mittelpunkt. Entsprechend kamen Charakter-, Entwicklungs- und Bildungsromane auf.
Mit den Inhalten änderte sich auch die Position des Erzählers: Der auktoriale Erzähler wird allmählich abgelöst vom beobachtenden, unsicheren, reflektierenden Erzähler. Anstelle des Berichts benutzt er häufiger epische Mittel, die eine subjektive Sicht erlauben (innerer Monolog, erlebte Rede).
Unterschiedliche Romanformen: Abenteuerroman; Schelmenroman (Grimmelshausen: Der Abenteuerliche Simplizissimus Teutsch, 1669), Reiseroman, Entwicklungsroman, psychologischer Roman (Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, 1774), Bildungsroman (Keller: Der grüne Heinrich,
1854/55), Künstleroman, Zeitroman, Großstadtroman (Döblin: Berlin Alexanderplatz, 1928) historischer Roman, Romane des sozialistischen Realismus, experimentierende Romane.
Formale Gestaltungsprinzipien: Briefroman, Tagebuchroman etc.
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Exkursion: Ballade
Die Ballade wird aufgrund ihrer äußeren Form der Lyrik zugerechnet, aber sie enthält auch epische
und dramatische (= für das Drama typische) Elemente. Episch ist an einer Ballade, dass etwas erzählt wird. Eine Ballade hat also – anders als die meisten Gedichte – eine regelrechte Handlung.
Das dramatische Element sehen wir daran, dass in einer Ballade (wie in einem Theaterstück) auch
Dialoge auftauchen können. Man kann also die Ballade als erzählendes Gedicht mit dramatischen
Elementen definieren.
Schon Goethe hat sich zur Frage der Abgrenzung und Überschneidung der literarischen Gattungen
geäußert und behauptet, dass sich an den „Balladen der Völker“ die ganze Dichtkunst vortragen
lassen, „weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern wie in einem lebendigen Ur-Ei zusammen sind“. In der Weimarer Klassik hat es ein Balladenjahr (1797) gegeben, in dem Goethe und
Schiller ihre bekanntesten Balladen geschrieben haben. Während Schiller so genannte Ideenballaden verfasst hat, sind viele Balladen Goethes so genannte „numinose“ Balladen, in denen eine geheimnisvolle, unheimliche übernatürliche Macht in das Schicksal der Menschen eingreift.
Goethe: Der Erlkönig
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
er hat den Knaben wohl in dem Arm,
er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
„Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“
„Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?“
„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“
„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
manch bunte Blumen sind an dem Strand,
meine Mutter hat manch gülden Gewand.“
„Mein Vater, mein Vater, und hörst du nicht,
was Erlenkönig mir leise verspricht?“
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
in dürren Blättern säuselt der Wind.“
„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön:
meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
und wiegen und tanzen und singen dich ein.“
„Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?“
„Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
es scheinen die alten Weiden so grau.“–
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
„Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!“
Dem Vater grausts; er reitet geschwind,
er hält in den Armen das ächzende Kind,
erreicht den Hof mit Müh und Not;
in seinen Armen das Kind war tot.