Sandro Botticelli Die drei Grazien (La Primavera) 1478 Ihre Sohlen

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Sandro Botticelli Die drei Grazien (La Primavera) 1478 Ihre Sohlen
Sandro Botticelli
Die drei Grazien (La Primavera)
1478
Ihre Sohlen knicken keine Blume, im Gegenteil, die Blumen brechen unter ihren eben
gehobenen Sohlen, dicht an ihren Zehen aus der Erde. Sie sind selber Blumen,
Abbilder der Aphroditi, sie steigen aus der blühenden Wiese wie die Göttin aus dem
Meer, wie der Frühling aus der schlafenden, winterlichen Natur.
Tanzen sie? Posieren sie nur? Ihre Muskeln sind gespannt, sie blicken sich aufmerksam
in die Augen, sie verständigen sich durch Zeichen über die Bewegungen, die sie
gleich ausführen werden. Nur mit den untersten Fingergliedern berühren sie sich:
äußerste Eleganz.
Sie tragen nur spärlichen Schmuck: um den Hals, im Haar. Sie sind sich selbst Zierde
genug: sie sind nackt. Die sie umwehenden Schleier verbergen die Nacktheit nicht,
doch sie bannen jeden Versuch einer Berührung. Nur unser Blick darf das Tabu
durchdringen.
Ihre Miene, wiewohl unverschleiert, drückt das Nämliche aus, spiegelt strenge
Etikette. Hofdamen sind sie, Fürstinnen, Göttinnen. Zu dir gehören sie nicht. Sie halten
dich auf Distanz.
Greife nicht nach dem Schönen, du könntest es zerstören. Besitzen kannst du es
niemals.
Der Frühling ist ein Geschenk. Bis in den Sommer dauerte der Winter, wenn sie nicht
erschienen und tanzten. Dann schlagen die Bäume aus und der Horizont öffnet sich
ins Grenzenlose.
Die weibliche Schönheit ist ein Geschenk. Die Anmut des Körpers zeigt sich im Tanz.
Du möchtest einen schönen Körper von allen Seiten sehen. Darauf kam nicht erst der
Kubismus. Die Vielfalt des weiblichen Körpers ist eine Dreifaltigkeit.
Aglaia, Euphrosyne, Thalia heißen sie. Ihr mythischer Vater, der Ozean, begleitet sie
als Schleier, er ist ihr Kleid, sie bewegen sich schwerelos, als würden sie vom Wasser
getragen.
Ein antiker Kommentator der Aeneis sagte: Dass eine von ihnen abgewendet
dargestellt ist, während die anderen beiden uns entgegenblicken, hat seinen Grund
darin, dass eine Wohltat, die von uns ausgeht, doppelt zu uns zurückkehren soll.
So soll es auch sein mit den Wohltaten, die der Frühling bringt.