- Bushi-no

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- Bushi-no
Justus Gerhardt
Das harmonische System
- Ein Kompass für den Weg des Glücks -
Widmung
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Für meine geliebte Maureen, den warmherzigsten und gefühlvollsten Menschen,
den ich kenne. Ohne Dich wäre dieses Buch niemals entstanden.
Inhaltsverzeichnis
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Titel & Einband
Widmung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I
Die Welt, in der wir leben
I. Die Lage der Welt
1) Die größten Probleme der Welt von morgen
2) Das Individuum als Teil des Kollektivs
3) Unser einseitiger Fortschritt
II. Die Lage unserer Gesellschaft
1) Die multikulturelle Falle
2) Freiheit als Problem
III. Die Situation des Individuums
1) Unser aller Wunsch
2) Der Verlust des Gleichgewichts
3) Die größten Denkfehler der Menschen
4) Die größten Verhaltensfehler der Menschen
5) Was können wir dagegen tun?
II
Der Ursprung unserer Probleme
I. Der Wandel des Weltbildes
1) Der ursprüngliche Denkfehler
2) Die Festlegung der Zeit
3) Getrennte Wege
II. Die Folgen unserer Ideologie
1) Unser Versuch, sich damit zurechtzufinden
2) Die Sehnsucht nach Reizen
3) Der Verlust unserer Fähigkeiten
III. Der Umgang mit dem Wandel
1) Das Zusammenspiel von Logik und Emotionen
2) Die Ursache der Wirklichkeitsverzerrung
3) Die „Suchmaschine“
III
Der Mensch: Intelligenz & Charakter
I. Unsere Grundbedürfnisse
II. Intelligenz
1) Die verschiedenen Erscheinungsformen der Intelligenz
2) Der kleine Unterschied
3) Weitere Formen der Intelligenz
4) Die subjektive Einschätzung von Intelligenz
5) Dummheit
III. Charakter
1) Unsere elementaren Gefühle
2) Die verschiedenen Persönlichkeitstypen
3) Mischtypen
IV. Die Auswirkungen
1) Überdurchschnittliche Intelligenz
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2) Unschöne Charakterzüge
3) Die Einschätzung anderer Menschen
IV
Emotional begabte Menschen und ihr Potential
I. Das emotionale Potential
1) Fluch oder Segen?
2) Die Expression des Potentials
3) Die Voraussetzung für emotionales Potential
4) Grenzen der Begabung
II. Emotional begabte Menschen
1) Handlungsoptionen
2) Assoziationen und Urteile
3) Die Seele
4) Die Umsetzung von Ideen
III. Elementare Gefühle
1) Wie können wir mit unseren Schwächen umgehen?
2) Emotionen sind Brücken
V
Harmonie & Ki
I. Harmonie
1) Standpunkt & Bewegung
2) Timing
3) Der Lebensweg
II. Ki
1) Die Tugenden des Bushido
2) Yin & Yang
3) Die Kampfkunst „Aikido“
4) Der Weg der Mitte
III. Der Umgang mit Harmonie & Ki
1) Ausgewogenheit
2) Ki in der Medizin
3) Angewandte Harmonie
VI
Kommunikation
I. Entstehung und Zweck der Kommunikation
1) Gefahr des Missbrauchs
2) Unser Standpunkt
3) Die Beurteilung einer Situation
4) Die Ebenen der Kommunikation
II. Wahrnehmung
1) Die Arten der Wahrnehmung
2) Körpersprache
3) Ganzheitliche Wahrnehmung
III. Interpretation
1) Interpretationsebenen
2) Verbale Kommunikation
3) Missverständnisse
4) Streitgespräche I
5) Unser Wortschatz
IV. Intensive Kommunikation
1)
2)
3)
4)
5)
6)
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Psychogespräche
Streitgespräche II
Kinästhetik
Symbolik
Geschenke
Die Zukunft der Kommunikation
VII
Partnerschaft & Sexualität
I. Regeln der Partnerschaft
1) Partnersuche
2) Intelligente Partnersuche
3) Erfolgsdruck - der Feind jeder Suche
4) Der Beginn einer Beziehung
5) Die Aufrechterhaltung einer Partnerschaft
II. Das Konzept einer erfolgreichen Partnerschaft
1) Mutterliebe
2) Die ersten eigenen Erfahrungen
3) Die Formen der Liebe
4) Der Unterschied zwischen den Geschlechtern
5) Untreue
6) Die Beurteilung einer Partnerschaft
7) Singles
8) Die faire Trennung
III. Sexualität
1) Die falsche Mentalität
2) Der Kardinalfehler
3) Zärtlichkeit versus Sex
4) Aussichten
VIII
Freundschaft & soziale Kontakte
I. Freundschaft
1) Das soziale Orbitalmodell
2) Die Realität
3) Soziale Armut
4) Freundessuche
II. Das Konzept für eine echte Freundschaft
1) Beste und gute Freunde
2) Mitleidskontakte und echtes Mitgefühl
3) Transformation von Freundschaften
4) Das Ende einer Freundschaft
5) Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler
III. Soziale Kontakte
1) Die sozialen Ebenen
2) Ausgrenzung und Gewalt
3) Gruppenbildung
4) Gruppeneffekte
5) Unterschiede zwischen den Geschlechtern
6) Unsere Rolle im sozialen Gefüge
IX
Familie & Erziehung
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I. Der Lebenszyklus
1) Die Etappen unseres Lebens
2) Unsere letzte Reise
II. Erziehung
1) Kinderwunsch
2) Der Leistungsdruck in den Schulen
3) Kinder lernen anders
4) Einseitigkeit in der Erziehung
5) Voraussetzungen für jede sinnvolle Erziehung
6) Antiautoritäre Erziehung
7) Autoritäre Erziehung
8) Schaukelpädagogik
9) Die individuelle Erziehung
10) Kommunikation mit Kindern
III. Weitere Faktoren in der Erziehung
1) Ungewollte Kinderlosigkeit
2) Späte Elternschaft
3) Scheidungskinder
4) Geschwister
5) Haustiere & Spielzeug
6) Die Zukunft unserer Kinder
X
Beruf & Hobbys
I. Beruf
1) Berufswahl
2) Bewerbung und Berufseinstieg
3) Lohn
4) Karriere
5) Probleme durch übertriebenen Ehrgeiz
6) Harmonisch erfolgreich werden
7) Männer und Frauen im Berufsleben
8) Mobbing
9) Qualifikation und Stellenwert
10) Vorschläge
II. Hobbys
1) Die Notwendigkeit von Hobbys
2) Sport
3) Urlaub
4) Musik
5) Spiele
6) Weitere Hobbys
XI
Unsere eigene Rolle
I. Der Weg des Glücks
1) Das harmonische „Betriebssystem“
2) Der „Quantensprung“
3) Sich ändern lernen
4) Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung
5) Die richtige Motivation
6) Instanterfolge
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7) Autokommunikation
8) Der richtige Zeitpunkt
9) Probleme erster und zweiter Ordnung
10) Schuldgefühle
11) Ehrlichkeit
12) Initiative & Gerechtigkeit
II. Weitere Maßnahmen
1) Verantwortung und Selbständigkeit
2) Konsequenz
3) Vernunft
III. Die ersten positiven Folgen einer Änderung
1) Gelassenheit und innere Ruhe
2) Organisation
3) Etikette
4) Empathie
5) Zivilcourage & Hilfe
6) Fazit
XII
Gesundheit
I. Signale des Körpers
1) Indikatoren der Gesundheit
2) Ernährung
3) Diäten
4) Schlaf und Entspannung
5) Haltung
6) Atmung
7) Körperpflege
8) Gespräche
II. Psychosomatische Krankheiten
1) Das „Recht auf Krankheit“
2) Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele
3) Das psychosomatische Prinzip
4) Asthma
5) Kopfschmerzen und Migräne
6) Herz-Kreislauferkrankungen
7) Sexualstörungen
8) Rheumatische Erkrankungen
9) Vegetative Dystonie
10) Erkrankungen des Immunsystems
11) Krebs
12) Depressionen
13) Hautkrankheiten
14) Hypochondrie
III. Suchterkrankungen
1) Adipositas (Fettsucht)
2) Anorexia nervosa (Magersucht)
3) Der Ausbruch aus dem Teufelskreis
4) Bulimie (Ess- und Brechsucht)
5) Drogen
IV. Unterstützende Maßnahmen
1)
2)
3)
4)
5)
6)
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Medikamente
Homöopathie
Traditionelle chinesische Medizin
Aktive Entspannung
Erste Hilfe bei seelischen Problemen
Unser eigener Beitrag
XIII Glaube & Religion
I. Philosophie
1) Das Manko der heutigen Philosophie
2) Die geschichtliche Entwicklung der westlichen Philosophie
II. Religion
1) Der Zweck der Religion
2) Menschen brauchen Mythen
3) Der Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube
4) Der Unterschied zwischen Glaube und Dummheit
5) Die Krise der Religionen
6) Die Kirchen
7) Die Bibel
8) Die Predigt
III. Die Lehre der Religion
1) Die Aufgaben Gottes
2) Unsere Aufgabe
3) Die Theodizeefrage
4) Gottes Reich
5) Gelebter Glaube
XIV Weitere Einflüsse auf unser Leben
I. Finanzielle Einflüsse
1) Geld
2) Werbung und Konsum
3) Wirtschaft
4) Die Globalisierung
II. Gesellschaftliche Einflüsse
1) Bildung & Medien
2) Kunst, Kultur & Ästhetik
3) Geschichte
4) Politik
5) Krieg
6) Bürokratie
XV
Zusammenhänge
I. Die These
1) Der Kern des harmonischen Systems
II. Erklärungsversuche
1) Die harmonische Denkweise & intuitive Analytik
2) Wohin führt unsere Reise?
3) Die Suche nach der Weltformel
III. Die fundamentalen Zusammenhänge
1) Energie
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2) Yin & Yang oder der Dualismus der Zustände
3) Bewegung
4) Mathematik
5) Die Quantentheorie
6) Das Prinzip des kleinsten Zwanges
IV. Gefahren & Chancen
1) Schwarze Schafe
2) Chancen, die wir nutzen sollten
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Ein Wort zum Schluss
Literaturhinweise
Danksagung
Über den Autor
Vorwort
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„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Diese Aussage trifft auf den
Menschen in vielerlei Hinsicht zu; sowohl in den kulturellen und
gesellschaftlichen Bereichen, als auch beim Individuum selbst. Das Gebilde
„Mensch“ beinhaltet mehr als die Materie, aus der er besteht, also Wasser,
organische Moleküle und Salze. Er ist sich selbst und seiner räumlichen
Umgebung bewusst und handelt in und mit dieser.
Doch leider ging uns Menschen in den letzten 4000 Jahren das feine Gespür
jenseits unserer „räumlichen Umgebung“ weitestgehend verloren. Durch die
zunehmende Industrialisierung und Technisierung vermag heutzutage kaum
noch jemand „das Gesamte“ zu erfassen, also das Universum in seiner
Vollständigkeit und Harmonie zu erkennen und zu verstehen.
Seit ungefähr 150 Jahren erleben wir einen immensen Wissenszuwachs auf
naturwissenschaftlicher Ebene. Doch leider lässt sich auf diesem Weg nur die
halbe Wahrheit erkunden, denn wir Menschen erleben unsere Welt zum gleichen
Teil auf emotionale, psychische, mystische und metaphysische Art. Diese
Verständnisebenen sind unserem Denken jedoch, aufgrund des enormen
Erfolges der Rationalität und deren bestechender Argumentation auf der Basis
von Fakten, inzwischen beinahe völlig verlorengegangen.
Die drei Komponenten, aus denen wir bestehen, unser Körper, das Bewusstsein
und unsere Seele sind nicht länger im Einklang miteinander und der kosmischen
Ordnung. Das ist der Grund, weshalb es heutzutage, in den eigentlich besten
Zeiten der Menschheitsgeschichte, sehr viele unausgeglichene, unzufriedene und
unglückliche Menschen gibt. Sie haben den Bezug zu sich selbst, der Natur, dem
Universum und zu ihren Mitmenschen verloren. Sie treffen den Takt der Sinfonie
unserer Welt nicht richtig und fühlen sich folglich permanent deplatziert.
Da ein Mensch jedoch mehr ist, als ein komplexer Mechanismus, und ohne
Spiritualität nicht zu seiner vollen Persönlichkeit heranreifen kann, besteht für
jeden Einzelnen von uns die Notwendigkeit, sich selbst um Komplettierung zu
bemühen.
Doch weil vielen der Grund für ihre Orientierungslosigkeit nicht bekannt ist,
wissen sie auch nicht, was sie ändern müssten, um zu einem harmonischeren
und erfüllteren Leben zu gelangen. Die alleinige Ausrichtung auf das logischrationale Denken, sowie die materielle Prägung unserer Kultur, verwehrt ihnen
diesen Weg noch zusätzlich.
Aus einer inneren Leere heraus, und dem unbestimmten Wunsch nach mehr
Lebensinhalt und Harmonie, versuchen sie sich in den verschiedensten
Richtungen zu orientieren. Der Zugang zu faktischer Bildung steht uns offen;
theoretisch ließen sich tausend Leben mit all dem Wissen füllen, das uns bereits
jetzt zur Verfügung steht.
Doch es gibt so unerträglich viele Informationen, in Form von Büchern,
Zeitschriften und dem Fernsehen. Widersprüchliche Ratgeber und Leitlinien
anderer geben uns den Eindruck, dass unser Leben eigentlich gar nicht zu
bewältigen sei.
Zugleich erleben wir heutzutage ein erneut aufflackerndes Interesse an der
anderen Seite der Wahrheit, einen „Boom“ der Spiritualität, bei dem den
Hilfesuchenden viel versprochen wird. Die rapide Zunahme von Sekten,
Aberglauben und zweifelhaften Heilsbringern erschwert uns jedoch, in diesem
Bereich ebenso seriöse und wertvolle Quellen zu finden, wie sie im rationalen
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Zweig längst selbstverständlich sind. Auf dem Gebiet der Spiritualität ist es
unverhältnismäßig schwerer, an geeignete Informationen zu kommen und
gleichgesinnte Menschen zu treffen.
Es ist dringend notwendig, die Handbremse zu ziehen und diese
Fehlentwicklungen umgehend zu stoppen! Da der emotionale und spirituelle
Bezug zu unserer Umwelt weiterhin vonseiten der Gesellschaft vernachlässigt
wird, ist es wichtig für uns persönlich, das dahinter liegende System zu
verstehen, bevor es aus dem Erbe an Wissen restlos verschwindet und mühevoll
rekonstruiert werden müsste
Diese Lücke möchte ich mit diesem Buch schließen und einen gewissen Standard
schaffen, anhand dessen sich jeder Einzelne sein individuelles Weltbild
erschließen kann. Sicher lesen Sie dieses Buch nicht, um Ihre Fertigkeiten im
Lesen zu verbessern, sondern bringen eine gewisse Neugier und Hoffnung mit,
der ich hoffentlich gerecht werden kann. Glauben Sie mir, ich kann diesen
Wunsch sehr gut nachvollziehen!
Ein Bekannter von mir wunderte sich, als ich mich kürzlich über eine Firma
echauffierte, die sehr viel Geld mit der Naivität mancher Menschen verdient. Er
meinte, er wisse auch, dass diese Praktiken an Betrug grenzen, verkündete
aber, dass die Welt betrogen werden will, und dass er gerne daran mitverdienen
würde. Die eigentliche Tragik an seiner Aussage ist, dass er kein Einzelfall,
sondern ein typischer Repräsentant unserer Gesellschaft ist.
Lange Zeit fragte ich mich, ob das was ich kenne, also beispielsweise solche
Menschen, denn schon alles gewesen sein soll, was das Leben zu bieten hat. Ob
es denn gar nichts „Wertvolleres“ gibt, und allein die Stochastik unser Schicksal
dominiert. In einem solchen Fall würde es auch keinen Sinn machen, sich für
irgendetwas einzusetzen oder nach dem Glück zu streben. Denn die habgierigen
und unlauteren Menschen würden sich wie fallende Dominosteine gegenseitig
anstoßen, und jeden mühevoll erzielten Teilerfolg wieder zunichtemachen.
Ich überlegte mir, ob es möglich wäre, das Glück günstig zu beeinflussen, und
beispielsweise eine Partnerschaft und Freundschaften zu erfahren, die mehr sind
als das, was „man“ erwarten könnte. Ich wollte einfach kein unabänderliches
Schicksal hinnehmen und beobachtete mich und meine Mitmenschen deshalb
sehr genau.
Schnell wurde mir klar, dass es tatsächlich eine höhere Ordnung in der Natur
gibt, aber nur die wenigsten von ihr wissen, geschweige denn nach ihr leben.
Diese Ordnung, die ich „das harmonische System“ getauft habe, ist der Grund,
weshalb Sie dieses Buch in Ihren Händen halten. Ich will diese Erkenntnisse
allen Menschen zugänglich machen, denn sie betreffen uns auch alle. Je mehr
wir selbst über die natürliche Harmonie in Erfahrung bringen können, desto
mehr ist uns allen geholfen. Es ist an der Zeit, nicht mehr belogen zu werden!
Ich möchte in diesem Buch zeigen, wo die großen Irrtümer in den meisten
praktizierten Vorgehensweisen liegen, und warum diese Wege gar nicht zur
Harmonie führen können. Ferner, welche vielschichtigen Probleme sich für die
Menschheit allgemein, und den Einzelnen speziell ergeben, und wie sich der
richtige Weg finden und verfolgen lässt
Da der emotionale Bereich weitestgehend ohne geordnete Strukturen der
Mathematik auskommen muss, ist es relativ schwierig, Licht ins Dunkel zu
bringen. Doch auch hier gibt es Grundlagen, Prinzipien und Gesetze, die es uns
erleichtern, das Gesamtbild als solches zu begreifen.
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Da ein derartiges Projekt niemals vollständig sein kann, muss ich an einigen
Stellen die komplexen Sachverhalte vereinfachen und idealisieren, um deren
Quintessenz zu isolieren. Dass einige Passagen dennoch etwas ausführlicher als
andere ausgefallen sind, ließ sich dabei ebenso wenig vermeiden, wie die
zahlreichen Überschneidungen. Doch genau auf sie kommt es auch an; unsere
Lebensbereiche sind nicht isoliert, sondern voneinander abhängig.
Bei diesem Buch handelt sich nicht um ein reines Sachbuch oder
Nachschlagewerk, in dem es um die „Systematik der Harmonie“ geht, sondern
um ein „harmonisches System“, das nicht nur theoretisch verstanden werden
sollte, sondern selbst erfahren werden muss Denn das harmonische System hat
etwas mit Freude zu tun, und nicht damit, alles richtig zu machen.
Dieses Buch soll einen philosophischen Exkurs in unsere Welt darstellen, mit
logisch und emotional nachvollziehbaren Thesen, Tatsachen, Erkenntnissen und
Prognosen. Ich möchte stets sowohl psychologische, als auch wissenschaftliche
Betrachtungen heranziehen, damit Sie nach der Lektüre ein geschultes
Verständnis für die Zusammenhänge der unterschiedlichen Lebensbereiche
haben. Das Ziel dabei ist, vermeidbare Fehler nicht selbst machen zu müssen,
sondern Alternativen zu entwickeln, rechtzeitig entgegenzuwirken und
unangenehme Folgen bereits im Vorfeld zu vermeiden.
Dabei erhebe ich nicht den Anspruch auf „die eine“, völlig neue und perfekte
Idee, sondern möchte aus dem großen Wissensschatz, der bereits existiert,
geeignete Beispiele herauskristallisieren und so verknüpfen, dass am Gesamtbild
jedem klar wird, welche Lebensbereiche er persönlich vernachlässigt.
Ich möchte auch nicht den Fauxpas vieler Bücher begehen und zu
wissenschaftlich argumentieren. Es ist zwar didaktisch sinnvoll, exakte
Definitionen und Statistiken zur Beweisführung heranzuziehen, aber sie
verkomplizieren das wirkliche, da intuitive Verständnis. Und was nützt mir ein
Buch voller Weisheit, wenn ich allein schon die Begriffe nicht verstehe?
Ein Minimum an Fachsprache zielt auf ein Maximum an Verständlichkeit, wobei
ich natürlich darauf geachtet habe, dass nicht gerade das Wichtigste unter den
Tisch fällt. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass das beste Buch nichts nützt,
wenn man es bereits nach wenigen Sätzen zur Seite legt, weil es langweilig oder
unverständlich geschrieben ist, möchte ich einen besonderen Weg gehen und Sie
in meine Gedankenoperationen einbeziehen. Ich spreche Sie direkt an, wobei
mein Stil offen, nachdenklich, kritisch und zuweilen auch ein wenig belehrend
und unbequem ist. Das hat auch seinen Grund:
„Es gibt ein Ding, das man desto weniger schätzt, je mehr man seiner bedarf: Es
ist der gute Rat.“ (Leonardo da Vinci)
Dennoch sollte mein Buch für Sie nur eine unverbindliche Orientierung darstellen
und keinen verbindlichen Maßstab. Es entspricht meinen Erfahrungen und
Beobachtungen, die innerhalb der Welt, die ich kenne, Gültigkeit besitzen. Sie
sollten also stets kritisch bleiben und alle Aussagen mit Ihren eigenen
Vorstellungen vergleichen.
Vielleicht ist dieses Werk auch einfach nur ein zu dick geratener Brief an einen
guten Freund; denn ich habe lediglich das Buch geschrieben, das ich vor einigen
Jahren selbst gerne besessen hätte.
Wir leben nur einmal; höchstens! Ich denke, dass sich die Mühe lohnt, die es
anfangs kostet, sein Leben zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern, und
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hoffe, dass ich Ihnen mit diesem Buch den richtigen Impuls für Ihre weitere
Entwicklung verleihen kann.
Frankfurt am Main; November 1998 – Oktober 2000
Zuletzt ein Hinweis in Sachen Form: Ich verzichte in diesem Buch darauf, dass
Begriffe wie „Lehrer“, „Kranker“, „Betroffener“ et cetera immer sowohl in
männlicher, als auch weiblicher Form auftreten. Ein „Fachmann“ kann auch eine
Frau sein; ich weiß das und Sie wissen das, deshalb ist eine solche
Vereinfachung sprachlicher und nicht sexistischer Natur. Alle Aussagen gelten für
beide Geschlechter; andernfalls weise ich deutlich darauf hin.
Kapitel I
Die Welt, in der wir leben
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„Das kann uns nicht passieren!“ Wie oft hören wir diese Aussage von Menschen,
die verantwortlich für die Sicherheit anderer sind? Mit unumstößlicher Gewissheit
behaupten sie, Herr jeglicher Lage zu sein. Und wie oft stellt sich diese
Selbstüberschätzung als prekärer Irrtum heraus?
Statt verantwortlich und kompetent zu handeln, die nötigen Initiativen zu
ergreifen und sich eigene Fehler einzugestehen, spielen die meisten Menschen
eine potentielle Gefahr lieber herunter. So ist es bei Kernkraftwerksbetreibern,
bei Biotechnologen, bei den Militärs, bei Börsianern, kurz, bei allen Menschen,
die extrem fortschrittsgläubig sind, und dabei auf ihren eigenen Vorteil schielen.
Zugegeben, meistens passiert nichts und diese Personen behalten mit ihrer
Verharmlosung recht. Bislang sind wir noch immer davongekommen; von den
Opfern einmal abgesehen. Solange nichts passiert, stellt auch keiner
unangenehme Fragen, aber wehe, wenn sich doch ein Zwischenfall ereignet!
„Man hätte es ja nicht wissen können“, ist die Ausrede, die nach ausnahmslos
jedem Unglück verlautbart wird. Aber das stimmt nicht; vieles hätte man wissen,
und mit etwas weniger Geldgier und eigensinnigem Leugnen auch zumeist
verhindern können. Verantwortung zu tragen bedeutet mehr, als geschehene
Katastrophen finanziell abzuwickeln, sich auf widrige Umstände zu berufen und
Sündenböcke zu präsentieren.
Wir vergessen leicht, dass es nicht immer das grausame Schicksal der Natur ist,
das uns Leid beschert, sondern unser eigenes Verhalten und die Profitgier vieler
Menschen. So manches, als „Naturkatastrophe“ deklarierte Unglück, wie eine
Dürre oder Überschwemmung, ist in Wahrheit menschengemacht.
Auch unvernünftiges Verhalten provoziert Katastrophen. Los Angeles steht
beispielsweise in den nächsten Jahren ein Erdbeben der Superlative bevor. Man
muss kein Hellseher sein, um abschätzen zu können, wie viele Opfer zu beklagen
sein werden. Doch obwohl die Menschen schon lange von dieser Tatsache
wissen, wird die Stadt weiterhin größer.
Nun gibt es aber auch Lebensbereiche, in denen man nur sich selbst schaden
kann, indem man das Falsche tut. Zumindest im persönlichen Bereich sollte uns
also selbst reiner Egoismus in die richtige Richtung führen. Dass dies dennoch
nicht geschieht, liegt hauptsächlich an der mangelnden Übung und Kenntnis der
Zusammenhänge. Denn was ist das Richtige?
Wer sich im Leben nicht ausschließlich auf seinen Schutzengel verlassen möchte,
der kommt nicht daran vorbei, die Welt und ihre Gesetze zu verstehen. Das
erfordert zunächst die Investition von Arbeit und Engagement, zahlt sich aber
langfristig durch einen guten Überblick und die Fähigkeit zur Vorhersage
kommender Ereignisse aus.
Das harmonische System beruht auf der Annahme, dass jedem natürlichen
Prozess ein System zugrunde liegt, so wie es aus dem Unterbereich der
naturwissenschaftlichen Phänomene bereits bekannt ist. Und wenn dies zuträfe,
dann wäre es möglich, die verschiedenen untergeordneten Systeme miteinander
zu vergleichen, sie zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten.
Ein hypothetisches System, das den Namen „harmonisch“ verdient, muss
allgemein anwendbar und stimmig sein. Es ist wichtig, dass man darin alle
untergeordneten Prinzipien und Teilbereiche integrieren kann, und einem schon
durch deren Anordnung klar wird, dass alles zueinanderpasst
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Unser persönliches Ziel hierbei ist es, bislang als unabhängige Phänomene und
Lebensbereiche verstandene Teile einer übergeordneten Struktur zuzuordnen
und sie als Gesamtheit zu verstehen.
Um einen Einblick in das harmonische System zu bekommen, sollten wir uns
zunächst mit einer Zustandsbeschreibung befassen. Da sich Harmonie ebenso
wenig direkt greifen lässt, wie beispielsweise Liebe oder Glück, ist es sinnvoll,
dort nach ihr zu suchen, wo sie fehlt. Das ist auch insofern vernünftig, da wir
meist erst durch ihre Abwesenheit bemerken, dass es im Leben noch etwas gibt,
das jenseits unseres gewohnten Verständnisses liegt.
Wenn wir uns also nun mit unseren Sorgen, Ängsten und Nöten beschäftigen,
dann tätigen wir den ersten Schritt in Richtung Tatort. Ich möchte dabei
zunächst differenzieren, zwischen den globalen Problemen und denen unserer
Gesellschaft, wobei ich darunter Westeuropa und Nordamerika verstehe, um
schließlich auf unsere persönliche Situation zurückzukommen.
Es gibt sowohl Unterschiede in der Dimension, als auch in der Wahrnehmung der
einzelnen Gebiete. Zwar wird die globale Erwärmung in den nächsten
Jahrzehnten
die
Lebensbedingungen
der
gesamten
Weltbevölkerung
verschlechtern, aber unsere eigenen Beziehungssorgen machen uns dennoch
mehr betroffen.
Das eine nehmen wir mit einem unguten Gefühl zur Kenntnis, während uns das
andere fast schon physisch bedrückt. Ebenso verhält es sich mit völlig anderen
Kulturkreisen und Regionen auf der Welt. Ein Zugunglück im eigenen Land, bei
dem 30 Personen sterben, schockiert uns mehr, als eine Seuche in Afrika, bei
der die Zahl der Opfer in die Tausende geht.
Andererseits können uns die globalen Ereignisse nicht wirklich kaltlassen. Das
Waldsterben beispielsweise ist zwar ein abstraktes Phänomen, denn kaum ein
Stadtmensch kann das Ausmaß der bereits vorhandenen Schäden selbst
wahrnehmen. Aber wenn die düsteren Prognosen der Experten wahr sind, und
daran besteht kein Zweifel, dann betrifft das früher oder später jeden von uns.
In unserer subjektiven Wahrnehmung ist eine private Krise vielleicht
dramatischer, aber in der objektiven Dimension ist die Tragödie im Fall des
Waldsterbens wesentlich größer.
I. Die Lage der Welt
Die Realität unserer modernen, westlichen Gesellschaft ist längst nicht mehr
geprägt von einem täglichen Kampf um das nackte Überleben. Vielmehr
begegnet uns ein Überschuss in den meisten Bereichen, sei es an Nahrung,
Wohlstand oder Informationen, weshalb in diesem Zusammenhang auch schon
oft der Begriff „Überflussgesellschaft“ gefallen ist.
An sich ist ein Leben im Überfluss erstrebenswert, dennoch würden sich
hierzulande nur wenige Menschen als wirklich glücklich bezeichnen. Das klingt
nach einem Widerspruch, denn eine gesicherte Existenz sollte doch ein
glückliches und erfülltes Leben eher erleichtern, denn erschweren. Wo steckt der
Fehler in dieser Überlegung?
Die Natur lehrt, alles zu nehmen, was im Überschuss vorhanden ist. Diese
Grenze findet der Mensch aber nicht mehr. Er muss es immer übertreiben, daher
herrscht zeitgleich zum Überfluss an Gütern, ein großer Mangel an immateriellen
Werten, wie Harmonie, Zuneigung oder Zugehörigkeit.
Und diese Entbehrung ist es, die schließlich zu der starken Unzufriedenheit führt,
die sich quer durch alle Schichten unserer Gesellschaft bahnt. Außerdem steigen
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unsere Ansprüche proportional mit unserem Wohlstand, was die Lage noch
zusätzlich verschlimmert.
Der Kampf ums Überleben wird also nicht eingespart, sondern verlagert sich
quasi nur in andere Bereiche des täglichen Zusammenlebens. Die hohe
Spezialisierung in der Arbeitswelt, die komplizierte Struktur unserer Gesellschaft,
die Bürokratie und die Überflutung durch die Medien verhindern darüber hinaus,
dass der Einzelne die Übersicht behalten kann.
Im schnellen Strudel der Veränderung, der sich seit Beginn der Industrialisierung
Mitte des 19. Jahrhunderts immer schneller dreht, haben viele Menschen ihre
Orientierung inzwischen vollständig verloren, und können ihren Kindern in Folge
auch keine verschaffen.
Auf diese Weise gingen viele Fähigkeiten mit den Generationen verloren.
Genauso, wie uns unsere Eltern nicht beigebracht haben, wie man Gänse rupft,
was deren Eltern oder Großeltern noch konnten, können sie uns immer nur das
zeigen, was sie selbst erlernt und erworben haben. Im Fall der Gänse mag der
Verlust an Fähigkeiten noch zu verschmerzen sein, im Falle der Intuition und
dem Gespür für Harmonie hingegen nicht.
Das Wissen ging auch nicht einfach verloren, sondern wurde durch neue Ideen
ersetzt. Vor allem die Glorifizierung des technischen, naturwissenschaftlichen
und intellektuellen Fortschritts bewirkte eine Neuorientierung der bis dahin
überwiegend emotional begabten Menschen. Die Anhäufung von zunehmend
mehr Besitz korrelierte mit einem Verlust an Solidarität.
Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass frühere Generationen über weniger
Wissen verfügten als wir. Ihr geistiges Spektrum war unumstritten geringer,
doch dafür kannten sie sich besonders gut im Wesen der Menschen und der
belebten Natur aus. Wir meinen unseren Vorfahren in allen Punkten überlegen
zu sein, haben aber die Vorteile unserer Zeit mit ebenso großen Nachteilen
erkauft.
Die moderne Medizin hat einige Infektionskrankheiten besiegt oder beherrschbar
gemacht, was Millionen Leben gerettet hat. Andererseits verfügt das Militär
einiger Länder über biologische Waffen, die nichts anderes sind, als noch
„bessere“ Krankheiten. Sie wären imstande eine weitaus größere Seuche
auszulösen, als ihre natürlichen Pendants.
Die Technologie hat unseren Komfort verbessert, doch zumeist auf Kosten derer,
die auf der anderen Seite der Welt um ihre Existenz fürchten. Kurzum, wir haben
von allem mehr als die Menschen vor 200 Jahren, sowohl mehr Positives, als
auch Negatives, konnten also unsere Grenzen erweitern, aber nicht den
Schwerpunkt verlagern.
Der Phantasie des Menschen sind scheinbar keine Grenzen gesetzt, solange es
darum geht, wie man der Menschheit nutzen könnte. Oder besser der eigenen
Bevölkerung, denn wir dürfen nicht vergessen, dass die Grundlagenforschung
meist im Auftrag des Militärs betrieben wurde und noch immer wird.
Das bedeutet im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen, dass wir alle jederzeit
durch die Fehler oder emotionalen Probleme einzelner Personen ausgelöscht
werden können. Und es bedeutet im Hinblick auf Umweltverschmutzung und
weltweite Gier, dass die andauernden Fehler von Milliarden, eines Tages auch
den Einzelnen betreffen werden. Viele Fakten sprechen für diese Entwicklung,
die verständlicherweise Angst und Unsicherheit in die Zukunft mit sich bringt.
Wie steht es um die Lage der Welt, und was sind die größten Risiken der
nächsten Jahrzehnte?
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1) Die größten Probleme der Welt von morgen
Es gibt genügend Sprengstoff in der Welt der Zukunft, dennoch möchte ich mich
auf die fünf größten, bekannten Gefahren beschränken. Ich will weder ein
Katastrophenbuch schreiben, noch Schwarzseherei betreiben, aber mit
Nachdruck darauf hinweisen, dass wir Menschen aus unseren Fehlern lernen,
und die Verantwortung für unsere Gattung und unsere Umwelt übernehmen
müssen. Denn sonst wird es sehr schwierig für die kommenden Generationen
werden.
1. Die sicherste Gefahr ist die Erschöpfung unserer Ressourcen. Die Erde ist ein
geschlossenes System und kennt als solches Grenzen. Es ist nur eine Frage
der Zeit, bis unser Raubbau ein bitteres Ende finden wird. Die Möglichkeit zum
Recycling und zur erneuerbaren Energie besteht, doch das wird nicht viel an
der Tatsache ändern, dass aus so manchem Wasserhahn der Welt eines Tages
nur noch Sand rieseln wird. Allen Prognosen und Beschwichtigungen zum
Trotz gilt: Wenn Schluss ist, ist Schluss! Wer glaubt, in Europa wird sich das
nicht ganz so schlimm bemerkbar machen, der hat recht. Aber die ärmeren
Menschen werden kommen, um sich ihren Anteil von uns abzuholen, ob wir
sie willkommen heißen oder nicht.
2. Die unnötigste Gefahr ist der Umgang mit der Kernenergie. Die Handhabung
von Radioaktivität ist definitiv die gefährlichste Technologie der Welt. Sie kann
ganze Landstriche für Jahrtausende unbewohnbar machen. Das ist spätestens
seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl bekannt, interessiert uns aber
dennoch herzlich wenig. Vielleicht ist noch nicht genug passiert, damit wir
endlich begreifen, dass wir die Kernenergie nicht einmal wirklich brauchen.
Sie kostet unter dem Strich sogar mehr als andere Konzepte; und nur daran
festzuhalten, weil sie „schon da“ ist, scheint reichlich leichtsinnig zu sein.
3. Die risikoreichste Gefahr ist die Veränderung der DNA. Mithilfe der Gentechnik
werden neue Impfstoffe produziert, vielleicht sogar Heilmethoden für
Krebskrankheiten, Rheuma oder Nervenleiden. Neue Lebensmittel wird es
geben und neue Lebewesen. Organe können vermutlich in nicht allzu ferner
Zukunft gezüchtet werden, und eigentlich ist das alles nur genial. Wenn da
nicht das unbekannte Risiko der Eigendynamik wäre. Wir hantieren dort mit
Lebewesen, die bekanntlich auf Selbsterhaltung ausgelegt sind. Unbelebte
Toxine, wie Quecksilber oder Dioxin sind irgendwann abgebaut; biologische
Organismen reproduzieren sich hingegen immer weiter, bis ihre Nahrung stark
dezimiert ist. Was wäre denn, wenn wir Menschen den perfekten Wirt für
unsere synthetischen Geschöpfe abgeben würden? Wir können Mutationen,
also eigenmächtige Veränderungen nicht völlig ausschließen. Und selbst wenn
es nicht zu einer solchen Katastrophe kommt, verringern wir durch die
Monokultur unserer Superpflanzen die natürliche Artenvielfalt. Ohne das, was
die Natur in Jahrmillionen erschaffen hat, wirklich verstanden zu haben,
maßen wir uns an, bessere Geschöpfe als sie kreieren zu können. Viele
natürliche Arten, wie der Tiger sind auch schon ohne Gentechnik vom
Aussterben direkt bedroht. Doch nicht etwa, weil er für diese Welt nicht genug
entwickelt ist, sondern weil wir seine Spielregeln geändert haben. Um eines
klarzustellen: Es geht hier nicht um Ethik, sondern um reine Vernunft. Bisher
ging alles gut, aber das ist keine Garantie dafür, dass es auch weiterhin so
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bleiben wird. Wer sogar noch die Ethik ins Spiel bringen möchte, der kann am
Beispiel der „Krebsmaus“ sehen, wie weit unsere Moral bereits pervertiert ist.
Es ist einfach abstoßend, dass ein Lebewesen, das künstlich so verändert
wurde, dass es zur Tumorbildung neigt, patentiert werden kann. Ich möchte
noch anmerken, dass dasselbe sicherlich auch für die „Lebewesen“ gelten
wird, die in vielleicht 25 Jahren aus der Robotertechnologie und
Nanotechnologie hervorgehen. Künstliches Leben unterliegt allen Regeln der
Natur, aber mit einer Ausnahme: Es ist kein Teil davon.
4. Die unnötigste Gefahr sind die Kriege, die noch kommen werden. Es existieren
hochwirksame ABC-Waffen, also atomare, biologische und chemische
Arsenale, die zur Massenvernichtung eingesetzt werden können. Besonders in
den ehemaligen sowjetischen Ländern ist es Terroristen theoretisch möglich,
sich mit solchen Waffen einzudecken. In der Hand von religiösen Fanatikern
wird aus einer potentiellen Bedrohung eine Gegenwärtige. Mit dem Ende des
Kalten Krieges ist eine Beruhigung eingetreten, die erfahrungsgemäß
unvorsichtig ist. Auch die Beherrschung der weltweiten Datennetze durch
Mathematiker und Informatiker könnte künftige Kriege entscheiden.
Informationen haben inzwischen einen Stellenwert eingenommen, der unser
Leben wesentlich beeinflusst Sie zu beherrschen bedeutet Macht auszuüben;
nicht ohne Grund arbeiten bei der „National Security Agency“, dem größten
amerikanischen Geheimdienst, rund 40000 Informatiker. Der Mensch liebt
Kriege, denn er hasst seine Mitmenschen, weil sie ihm fremdartig erscheinen.
Um es mit den Worten von Helmuth von Moltke zu sagen: „Der ewige Friede
ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner.“
5. Die menschlichste Gefahr ist vielleicht sogar die Schlimmste von allen. Ich
spreche von der Überbevölkerung, die definitiv noch für große Probleme
sorgen wird. Sie gleicht einem Krebsgeschwür, denn die Geburtenrate der
Weltbevölkerung ist außer Kontrolle geraten.
Bleiben wir einen Moment beim letzten Punkt. Wir sollten in Anbetracht der
Dringlichkeit dieser Problematik die Pietät für einen Moment vergessen und
vernünftig überlegen.
„Eine menschliche Atombombe bedroht unseren Planeten.“ (Paul Ehrlich)
Die Menschheit hat ihre „kritische Masse“ längst überschritten. Für uns
persönlich ist das nur schwer erkennbar, aber die Bedingungen, unter denen
zwei Drittel der Menschheit leben müssen, sind desolat.
Dass sich die Zahl der Menschen verringern muss, ist unumstritten. Doch was
können wir dagegen tun? Die Zahl der Nachkommen in den Industrienationen ist
stetig rückläufig. Es sterben hierzulande mehr Menschen als geboren werden.
Wir sind also nicht schuld an der Überbevölkerung. Oder etwa doch?
Kinderreichtum ist gekoppelt an Armut. In Ländern, in denen es keine soziale
Absicherung gibt, zählt nur das, was man essen kann. Eine arme Frau in
Pakistan kann um so mehr essen, je mehr Kinder sie hat, die für uns Kleidung
nähen und Teppiche knüpfen können. Ihr Anspruch auf die Deckung ihrer
Grundbedürfnisse ist legitim. Und da ihr nur durch Kinderreichtum geholfen ist,
und ihr im Übrigen auch die Mittel zur Verhütung fehlen, bleibt ihr folglich gar
nichts anderes übrig, als viele Kinder zu bekommen.
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Ich bin überzeugt davon, dass es den Eltern dort genauso großes Leid bereitet,
ihre Kinder sterben zu sehen, wie uns. Dennoch bleibt ihnen solange keine Wahl,
ihre Strategie zu ändern, bis Geburtenkontrolle und Hilfe einhergehen. Wenn
sich jemand sicher sein kann, im Alter versorgt zu sein, dann käme er in der
Regel nicht auf die Idee, mehr als fünf Kinder in die Welt zu setzen.
Wir hingegen verfügen über ein beträchtliches Maß an Luxus und könnten eine
Geburtenkontrolle mit Verhütungsmitteln, sowie die Etablierung weltweiter
Mindestlebensstandards durchaus mitfinanzieren. Aber natürlich nicht, ohne
selbst auf einigen liebgewonnenen Komfort zu verzichten.
Statt dessen beschreiten wir lieber einen Weg, mit dem wir unser Gewissen
beruhigen und dennoch nichts an der Lage dieser Menschen ändern. Gelegentlich
finanzieren wir einige Projekte oder retten ein paar Menschen vor dem akuten
Hungertod. Diese Halbherzigkeit ist zwar verständlich, verschärft die Entwicklung
aber sogar noch mehr. Die Zahl der Menschen, die in bitterster Armut leben,
wird immer größer, während hierzulande einige wenige den ganzen Reichtum
der gesamten Welt für sich allein beanspruchen.
Wenn wir das Problem nicht in den Griff bekommen, wird sich die Natur letzten
Endes selbst regulieren. Und das würde sie dort tun, wo das Übel seinen
Ursprung hat. Mit einer Infektion, die durch Fortpflanzung übertragen wird, und
besonders in armen Ländern auftritt, da es dort am meisten Kinder gibt.
Vielleicht wird es eine ähnliche Grippeepidemie geben, wie zum Ende des Ersten
Weltkrieges. Es ist nur wenigen bekannt, dass diese Seuche mehr
Menschenleben kostete als der Krieg selbst. HIV und Hepatitis sind ebenfalls
Viren der Sorte, die theoretisch imstande wären, einige Millionen Menschen zu
töten, und es werden neue Stämme folgen.
Ein alternatives Horrorszenario bestünde darin, dass die Zahl der
Weltbevölkerung weiter zunimmt, bis sich die Lage so sehr zuspitzt, dass sich
die Ärmsten der Armen nicht mehr mit ihrem hoffnungslosen Leben abfinden,
während andere Menschen in den Industrienationen im Überfluss leben. Dann
hätten sie nichts mehr zu verlieren und würden einen Exodus von biblischen
Ausmaßen starten.
Die Frage ist nicht, ob etwas dieser Art geschehen wird, sondern wann. Ob nun
ein gigantischer Vulkanausbruch die Weltbevölkerung dezimiert oder der
Hunger; früher oder später wird etwas geschehen müssen, damit das
Gleichgewicht der Natur wiederhergestellt wird. Es ist nicht möglich, dass einige
Wesen endlos im Überfluss schwelgen, während die meisten darunter leiden.
Was bedeutet denn eigentlich „Überfluss“? Wir Menschen vermehren uns nicht
nur fleißig, sondern verbrauchen auch immer mehr Rohstoffe und Energie. Jeder
von uns benötigt zirka 10 bis 70 Mal mehr von allem, wie ein Mensch vor
hundert Jahren. Das ist eine erschreckende Zahl, wenn man bedenkt, dass die
Rohstoffe eines Tages aufgebraucht sein werden, und einige Zeit davor nur noch
in schwer erschließbaren Quellen vorhanden sind.
Die eigentliche Problematik in beiden Fällen ist, dass wir global Schaden
anrichten, und dann beim Individuum sentimental werden und halbherzig helfen
wollen.
„Jeder hat ein Recht auf Leben“, ist eine häufig verkündete Aussage, die absolut
wünschenswert und richtig ist. Ich denke, dass ihr jeder von uns beipflichtet.
Aber wir vergessen, dass es vielen gar nicht vergönnt ist, eine Lebensqualität zu
haben, wie sie „artgerecht“ und human wäre. Die nackte Existenz genügt einem
Menschen nicht, um halbwegs zufrieden zu sein.
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Durch Nahrungsmittelspenden helfen wir der armen Bevölkerung in den
Entwicklungsländern, sich kurzfristig über Wasser zu halten. Aber im Gegenzug
vermehren sich diejenigen Menschen, die nicht verhungerten, und neuer Mangel
entsteht. Es gleicht dem irrwitzigen Versuch, einen leckgeschlagenen Kahn mit
einem Fingerhut auszuschöpfen. Wie bei einer Hydra vergrößert sich die Not
proportional zu unserer halbherzigen Hilfe.
Wollten wir wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe leisten, würde uns das viel mehr
kosten, und so wichtig ist uns das Wohl der anderen dann auch wieder nicht. Um
es vorwegzunehmen: Diese Gleichgültigkeit ist das eigentliche Problem der
Menschheit.
„Die Probleme, die die eine Generation erregen, erlöschen für die folgende
Generation nicht, weil sie gelöst wären, sondern weil die allgemeine
Gleichgültigkeit von ihnen absieht.“ (Cesare Pavese)
„Überbevölkerung“ ist ein ebenso unpopulärer Begriff wie „lebensunwertes
Leben“. Doch auch wenn sich keiner in unserer Wohlstandsgesellschaft traut,
eine Grenze zu ziehen, leuchtet uns beim Anblick der Menschen in den
Entwicklungsländern intuitiv ein, dass kaum einer von ihnen ein lebenswertes
Leben führt.
Wir sind weder direkt schuld an ihrer Lage, noch könnten wir kurzfristig helfen,
ohne ihnen langfristig zu schaden. In diesem Dilemma entscheiden wir uns
daher, wegzusehen und lediglich verbal Anteil an ihrer Situation zu nehmen.
Doch das hilft niemandem, weder den Betroffenen, noch unserem Gewissen.
Wir sollten uns statt dessen bemühen, eine verträgliche Lösung zu finden, die es
allen Menschen dieser Welt ermöglicht, in bescheidenem Wohlstand zu leben.
Und dies gelingt nur, wenn gleichzeitig die Anzahl sinkt. Beide Entwicklungen
gehen miteinander einher, doch eine der Parteien muss beginnen und
langfristige Konzepte entwerfen.
Natürlich ist es möglich, auch weiterhin auf die selbstregulierende Kraft der
freien Marktwirtschaft zu vertrauen. Doch die Praxis der letzten fünfzig Jahre
belehrte uns eines Besseren. Die „Armutsschere“, also der finanzielle Graben
zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern, ist weiter geöffnet, als
jemals zuvor.
Und je mehr globale Rohstoffe wir verbrauchen, desto geringer wird die Chance
derjenigen Länder, sich aus eigener Kraft zu befreien, die wir indirekt ausbeuten.
Die Weltmarktpreise werden von den Industrienationen festgelegt, und derart
gedrückt, dass sie die armen Länder damit sogar noch gegeneinander
ausspielen. Von dem Erlös einer Kiste Bananen erhält der Hersteller des Kartons
inzwischen mehr Geld, als der Lieferant der Bananen. So kann und darf das nicht
weitergehen!
Von den Ressourcen ist es vor allem das Trinkwasser, das immer mehr
verknappt. Wassermangel wird eines der größten Umweltprobleme der nächsten
50 Jahre werden. Das ist in unseren Gefilden schwer nachvollziehbar, aber auch
hierzulande wird es schon bald zu spüren sein.
Die Weltgesundheitsorganisation führt bereits jetzt 80 Prozent aller Krankheiten
in den Entwicklungsländern auf verschmutztes Wasser zurück. Und schon bald
wird das weltweit verfügbare Trinkwasser nicht mehr für alle Menschen
ausreichen.
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Schuld daran ist der bereits genannte Bevölkerungswachstum und steigende
Ansprüche an Hygiene und Komfort. Bodendegradation und Klimaveränderungen
werden die Not zusätzlich verschärfen. Durch Verschwendung, Gier und
Dummheit wurden auch schon einige Grundwasserreserven vom Menschen
selbst unbrauchbar gemacht.
Unser wichtigstes Grundnahrungsmittel mausert sich allmählich vom
Naturprodukt zu einem kostbaren Wirtschaftsgut. Schon bald wird es eine
ähnliche Rolle wie das Erdöl spielen. Da die Anzahl, die Macht und die Ansprüche
von uns Menschen immer weiter steigen, die Rohstoffe jedoch knapper werden,
sollten wir uns nicht länger ausschließlich als Individuen verstehen, sondern
auch als Teil der Menschheit. Das widerstrebt zwar unserer Natur, Gruppen zu
bilden und uns von anderen Gruppen abzugrenzen, ist aber essentiell, da durch
die zunehmende Vernetzung und Interdependenz der Völker, auch unsere
Zukunft als Individuum von derer aller Menschen abhängig sein wird.
Wir konnten beispielsweise in den letzten Jahrzehnten erleben, dass es auch in
Europa Auswirkungen hat, wenn der Regenwald in Brasilien abgeholzt wird.
Nebenbei erwähnt ist inzwischen bereits ungefähr die Hälfte des tropischen
Regenwaldes gerodet. Die Auswirkungen können wir an den veränderten
Klimaverhältnissen sehen, die sich durch Dürren und Überschwemmungen
bemerkbar machen. Die Wissenschaftler streiten sich zwar noch darüber, ob es
überhaupt Zusammenhänge gibt, aber es leuchtet doch intuitiv ein, dass der
Mensch nicht ohne Wälder leben kann! Genauso wie es feststeht, dass auch
keiner von uns mehr Fisch essen wird, wenn jemand anderes die Meere
endgültig überfischt hat. Salopp gesagt bedeutet das: Weg ist weg!
Selbst die Großmächte mit ihren wirtschaftlichen und militärischen Mitteln
werden davon nicht verschont bleiben, wenn es dem Großteil der Menschheit
schlechter geht. Besonders wohlhabende Menschen können sich von der
Problematik natürlich „freikaufen“ und auch in größter Hungersnot noch
schlemmen. Aber diese Vormachtstellung ist illusionär, da sie immer mehr Angst
um ihren Wohlstand haben müssen, je weniger die Allgemeinheit besitzt. Sie
zahlen ihren Preis mit dem Verlust ihrer Freiheit und sind Gefangene in ihrem
goldenen Käfig.
2) Das Individuum als Teil des Kollektivs
Die „conditio humana“ ist ernst, aber unter bestimmten Bedingungen zu
verbessern. Wenn wir uns sowohl als Individuum behaupten können, als auch
den Bezug zu unserer Art wahren, und „Mensch“ sind, dann besteht Hoffnung.
Egozentrik können wir uns aber nicht leisten, wenn wir unseren Nachkommen
eine schöne Welt hinterlassen wollen. Denn solange jeder von uns nur rafft,
werden alle weniger bekommen. Vor allem müssen wir unsere Gleichgültigkeit
überwinden und echte Anteilnahme etablieren.
Interesselosigkeit finden wir in vielerlei Bereichen, oft gepaart mit gutgemeinten
Ansätzen, wie zum Beispiel in unserem Bestreben nach Umweltschutz. Durch das
Verbrennen von fossilen Rohstoffen wie Kohle und Erdgas erwärmt sich unser
Planet; der sogenannte „Treibhauseffekt“ ist jedem hinreichend bekannt.
Und was tun wir, um für uns als Individuum den heißen Sommer angenehmer zu
machen? Wir betreiben Klimaanlagen mit Strom, der durch seine Erzeugung,
eben diesen Effekt verursacht. Damit einzelnen Menschen Linderung widerfährt,
müssen alle Schaden erleiden. Solange genug davon vorhanden ist, werden
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wertvolle Energie und Rohstoffe völlig sinnlos verschwendet, ohne dass es
irgendeinen von uns stört.
Das ist wie am Ende eines jeden Jahres, wenn alle Behörden ihr restliches Geld
sinnlos verprassen, nur damit ihr Etat im nächsten Haushaltsjahr nicht gekürzt
wird. Dieses rudimentäre Jäger- und Sammlerverhalten steckt in uns allen und
sollte endlich durch eine kollektive Vernunft ersetzt werden.
Es liegt an uns, ob wir in einer künstlichen, in Genlaboren hergestellten Welt
leben wollen, die auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten wird, oder ob wir nicht
die eine oder andere Unannehmlichkeit des Lebens ertragen können.
„Selber Verzicht üben“, das klingt für uns noch schlimmer, als wenn die
Menschen in den Entwicklungsländern auf Kinder verzichten sollen. Letzteres ist
vielleicht unethisch und ungerecht, aber dass wir selbst auf unseren Komfort
verzichten sollten, geht uns zu weit.
3) Unser einseitiger Fortschritt
Vor rund 400 Jahren erklärte Francis Bacon die Wissenschaft zur zweiten großen
Institution neben dem Staat. Aber technischer Fortschritt ist nicht
gleichbedeutend mit humanem Fortschritt; das bemerken wir mittlerweile
schmerzlich. Denn technischer Fortschritt nutzt nur denen etwas, die ihn sich
leisten können. Was fehlt, ist der kulturelle Fortschritt, der politischer,
moralischer und sozialer Natur ist.
„Es geht nicht darum, den technischen Fortschritt aufzuhalten oder zu drosseln,
sondern darum, diejenigen seiner Züge zu beseitigen, welche die Unterwerfung
des Menschen unter den Apparat und die Steigerung des Kampfes ums Dasein
verewigen.“ (Herbert Marcuse)
Die Wissenschaft macht enorme Fortschritte und hat deshalb mittlerweile einen
Status erlangt, der sogar den einer Religion übertrifft. Alles, was machbar ist,
wird gemacht. Und alles, was noch nicht machbar ist, wird es bald sein. Dieser
Gotteskomplex macht den Menschen übermütig.
„Macht euch die Erde untertan“, heißt es in der Bibel. Doch war diese Aussage
wirklich so gemeint, wie der moderne Mensch sie interpretiert? Ist eine
schonungslose Ausbeutung des Bodens und seiner Mitmenschen ein Zeichen
guter Herrschaft?
Ethik, vor allem die des Utilitarismus wird zu Konsumware, und so hingebogen,
wie sie die Wissenschaft gerade braucht. Angewandte Ethik soll die Zweifel und
Schuldgefühle der Ausübenden mit dem Verweis auf den potentiellen Nutzen
zerstreuen.
Denken wir an den Abbau der Ozonschicht durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe.
Man hat zu Anfang wirklich nicht ahnen können, dass diese Nebenwirkung
eintritt, denn diese Treibgase waren vielversprechend. Ungiftig, nicht brennbar
und günstig herzustellen; ein Segen der Wissenschaft, aber nur ein scheinbarer.
Der eigentliche Skandal war jedoch nicht die Unkenntnis, die jeder Veränderung
vorauseilt, sondern die Unfähigkeit der Hersteller und Gesetzgeber, diese Stoffe
binnen eines Jahres endgültig und weltweit abzuschaffen, nachdem ihre
verheerende Nebenwirkung bekannt wurde.
So sind wir Menschen: Wir neigen dazu, leichtfertig Fehler zu begehen, und
wenn etwas schiefgeht, laufen wir weg, wie kleine Kinder, deren „Zündeleien“
außer Kontrolle geraten sind.
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Ich sagte bereits, dass Verantwortung zu tragen, nicht nur bedeutet, die
finanzielle Absicherung möglicher Schäden zu gewährleisten, sondern aus der
Erfahrung anderer Menschen zu lernen und vorsichtig vorzugehen. Vorsicht hat
nichts mit Ängstlichkeit oder Zögern zu tun, sondern mit der Bereitschaft, sich
alle möglichen Konsequenzen seiner Taten zu überlegen.
Der deutlichste Irrtum in diesem Zusammenhang ist die falsche Vorstellung von
Fortschritt. Die beinahe anarchisch wissenschaftlich-technische Entwicklung stellt
tatsächlich ein Problem dar. Der Fortschritt wird als Selbstzweck betrachtet,
ohne seine Nachfrage und die Kosten zu beachten.
Die gängige Ansicht lautet: Wenn wir eine Erfindung nicht tätigen, dann werden
es die anderen tun. Diese Angst, durch Zurückhaltung in eine wirtschaftlich
untergeordnete Rolle zu gelangen, katapultiert uns regelrecht in die Falle hinein.
Alles was eine Veränderung bewirkt, wird deshalb gleich als „Fortschritt“
deklariert.
Das Alte wird durch die vermeintlichen Verbesserungen ersetzt, noch ehe sie
sich behauptet haben. In Folge basiert jeder künftige Fortschritt auf einem
vorangegangenen, der möglicherweise schon ein Schritt in die falsche Richtung
war.
„Am Ende hängen wir doch ab von Kreaturen, die wir machten!“ (Johann
Wolfgang von Goethe)
Die „Klick-und-glotz-Bereitschaft“ unserer Spaßgesellschaft ist der beste Beweis
dafür, dass „Fortschritt“ mittlerweile eher mit „Oberflächlichkeit“ gleichzusetzen
ist, denn nach dem „Warum“ fragt so gut wie niemand mehr.
Natürlich finden am Rande des gesellschaftlichen Spektrums auch wirkliche
Fortschritte statt, aber von diesen bemerken wir nur wenig. Über die Folgen des
falsch verstandenen Glaubens in den Fortschritt werde ich an jeweiliger Stelle
des Buches genauer eingehen. Interessant ist es in diesem Zusammenhang auch
die Gegenbewegung zu sehen, die ebenfalls floriert.
Da uns Menschen anscheinend außer Kontrolle geraten ist, welche Entdeckungen
getätigt und welche Erfindungen realisiert werden sollten, regt sich in vielen ein
hilfloser und unspezifischer Protest gegen jeglichen Fortschritt. Er gleicht einer
Art ohnmächtigem Protektionismus, der besagt, dass alles so bleiben soll, wie es
ist, aber zugleich auch besser werden muss
Aufgrund unserer Hilflosigkeit vertrauen wir darauf, dass sich irgendjemand
ausreichend Gedanken über die Risiken und Gefahren gemacht hat, und
begnügen uns mit passiver Enthaltung. Wir sind zwar nicht vom Nutzen aller
Neuerungen überzeugt, und können des öfteren keinen Sinn darin entdecken,
vertrauen aber durch unsere Nichteinmischung auf „die anderen“, wer auch
immer das sein mag.
Eine schwierige Lehrzeit erwartet uns, denn der Umdenkprozess wird lange
brauchen. Es würden uns sicherlich viele Gründe einfallen, unseren Anspruch auf
Enthaltung zu untermauern, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir
persönlich gefragt sind, unseren Teil zu unserer Zukunft beizutragen.
Wir tragen auch auf globaler und gesellschaftlicher Ebene die Verantwortung für
die Konsequenzen unseres Handelns. Wir haben vom Wohlstand unserer Zeit
profitiert und werden es auch weiterhin tun. Es wäre also durchaus zumutbar,
künftig ein wenig kürzerzutreten.
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Indem wir uns wie ein guter Gast auf dieser Welt benähmen und nicht wie ein
Herrscher könnten wir zur Wiederherstellung des Gleichgewichts der Kräfte
beitragen. Was spricht denn eigentlich dagegen, sich anständig zu benehmen?
Brauchen wir unsere Dekadenz, um glücklich zu sein? Oder stört sie uns nicht
sogar eher?
Wer langfristig denkt, wird feststellen, dass man nur wahrhaft glücklich werden
und bleiben kann, wenn man harmonisch lebt; also unter Beachtung der
Natürlichkeit seiner Aktionen.
II. Die Lage unserer Gesellschaft
Das Kontinuumgefühl, also unser kollektives Verständnis ging im Laufe der
letzten Jahrtausende verloren. Dabei hätte es nicht im Gegensatz zu unserem
Individuationsprozess
stehen
müssen,
und
kann
glücklicherweise
wiedergewonnen werden. Hier findet sich auch der Übergang von den abstrakten
Problemen, zu denen wir primär keinen Bezug haben, wie dem Artensterben,
und den konkreten, die ihren Ursprung in der menschlichen Soziologie und
Psychologie haben.
Bei all diesen und weiteren Überlegungen möchte ich, dass uns stets bewusst
ist, dass wir es im Vergleich zu den Menschen in den Entwicklungsländern
ungleich besser haben. Da Probleme aber immer relativ und subjektiv sind, mag
der „kleiner, als erwartet ausgefallene Gewinn“ für manchen von uns schon
einen Verlust oder gar ein Problem darstellen.
1) Die multikulturelle Falle
Wir stecken in einer multikulturellen Falle! Diese Aussage mag für Sie vielleicht
im ersten Augenblick befremdlich klingen, aber ich werde sie genauer erklären.
Das Angebot, wie wir unser Lebenskonzept gestalten können, ist geprägt von
einem sehr großen Variationsreichtum. Dank der modernen Medien erhalten wir
Zugang zu dem Wissen und der Kultur jedes Volkes in jeder Epoche und sind
damit in der Lage, unser Leben bunt und abwechslungsreich zu gestalten. Doch
wir sind nicht multikulturell geboren worden, sondern werden dazu gemacht.
Verschiedene Kulturen lassen sich nicht so einfach miteinander vermischen und
kombinieren, wie wir es uns manchmal wünschen.
Wenn beispielsweise in einem Kindergarten die aggressiven Kinder von Eltern
autoritärer Kulturen auf die hiesigen, liberal erzogenen Kinder treffen, dann sind
Konflikte unvermeidbar.
In manchen Kulturen ist es Sitte, seine Kinder durch Schläge zu erziehen. Das
mag uns missfallen, wird sich aber deshalb nicht ändern. In Folge sind diese
Kinder nicht in der Lage, gesittet zu diskutieren, sondern schlagen sofort zu; so
wie sie es daheim „gelernt“ haben. Die Erzieher sind dagegen machtlos, da
solchen Kindern die Einsicht fehlt. Und würden sie den Eltern sagen, dass sich
ihre Kinder daneben benehmen, würden diese daheim zur Strafe noch mehr
Prügel bekommen.
Unabhängig von unseren Ansichten ist es ein gerne geleugnetes Faktum, dass
manche Völker aggressiver und gewaltbereiter sind als andere. In ihrer Heimat
sind alle Einwohner daran „gewöhnt“, sodass deren Zusammenleben in unseren
Augen zwar „rauer“ verläuft, aber ebenso gut funktioniert wie unseres.
Geraten solche Menschen jedoch in eine friedlichere Umgebung, ist das ein
idealer Nährboden für Gewalt. Hierzulande werden beispielsweise gewalttätige
Jugendliche mit Sozialpädagogen in kostspielige „Erlebnisferien“ geschickt. Diese
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Maßnahmen sind „nett gemeint“, aber wirkungslos bei Jugendlichen, die es
gelernt haben, nur durch Strafen ihr Verhalten zu ändern. Es ist nicht möglich,
ihnen durch Zuneigung und Verständnis beizukommen, da ihre Kultur zu tief in
ihnen verwurzelt ist. Eine Mischung aus hiesiger Friedfertigkeit und der Gewalt
zu Hause verwirrt sie sogar eher noch mehr, da sie sich auf nichts einstellen
können.
Und hier beginnt auch unsere eigene Problematik, denn es zählt zu den
schwierigsten Projekten, sich aus einer Fülle von Möglichkeiten ein brauchbares
Konzept zu schneidern. Ein Hybrid ist zwar in der Regel stabiler, da vielseitiger,
aber eben auch komplexer und unüberschaubarer.
Ein konkretes Beispiel hierzu: Einmal angenommen, Sie wären ein rein
katholisch geprägter Christ. Dann könnten Sie auf ein solides, bewährtes und
erprobtes Konzept aufbauen, und innerhalb des bestehenden Systems von der
Erfahrung vieler Generationen profitieren. Das hätte den Vorteil, dass Sie nicht
alle Detailfragen selbst lösen müssten, und schnell auf Gleichgesinnte stoßen
würden.
Der Nachteil liegt aber auf der Hand: Indem Sie sich festlegen und ein
„Komplettangebot“ nutzen, laufen Sie natürlich auch Gefahr, „aufs falsche Pferd
zu setzen“, und sind relativ unflexibel und unaufgeschlossen, was andere
Ansichten betrifft.
Dem modernen Menschen gefällt die Vorstellung nicht, sich festlegen zu müssen.
Vielmehr sucht er ein universelles Konzept, das irgendwie immer gerade das
rechtfertigt, was er tun möchte. Je komplexer und heterogener ein solches
Gemisch ist, um so besser lässt sich alles hineininterpretieren.
So fügt ein solcher Mensch zu seiner im Christentum verankerten Spiritualität
noch einen Brocken Buddhismus, einige indianische Weisheiten, indische Rituale,
ein Quäntchen Ökumene, sowie ein wenig atheistische Autonomie hinzu, und
schmeckt das Ganze mit unschlüssigen, liberalen Ansichten ab. „Gegen
Faschismus, für die Umwelt, für Gleichberechtigung und Tierschutz“, das kann
sich sehen lassen. „Es soll jeder das machen, was er will“, lautet seine
Philosophie.
Eine solche Ideologie könnte in der Tat auch sehr verlockend und tiefgründig
sein, doch steckt hinter den aufgeschnappten Phrasen und Weisheiten meist
grobes Unverständnis. Das Ziel dieser Menschen ist es, eine politisch korrekte
Anschauung zu repräsentieren, nicht sie zu verstehen, was ungleich aufwendiger
wäre. Aber genauso wie ein Medikament, das aus mehr als drei Wirkstoffen
besteht, wird ein solcher „Weltanschauungscocktail“ äußerst unseriös.
Passen wirklich alle Teile nahtlos zusammen? Das kann theoretisch
funktionieren, da sich viele Religionen im Kern ähneln. Doch viel zu selten
begegnet uns ein Mensch, der diese Mammutaufgabe erfolgreich bewältigt hat.
Die meisten Verfechter von „Privatideologien“ täuschen sich ganz einfach. Ihre
Teilkonzepte widersprechen sich, aber das interessiert sie gar nicht weiter.
Anstatt wenigstens schlechte oder falsche Begründungen für „ihre“ Ansichten zu
liefern, werden sie bei Kritik rasch patzig und ausfallend.
Es ist wirklich sehr schwierig, sich ein maßgeschneidertes Lebenskonzept aus
den besten Zutaten zu basteln. Da ständig neue Informationen und Erfahrungen
hinzukommen, würde ich behaupten, dass es ein Leben lang dauert. Doch das
muss kein Nachteil sein, da wir mit unserer Ideologie auch nicht zu einem
bestimmten Zeitpunkt „fertig“ sein müssen, sondern auch ein Leben lang Zeit
zur Verfügung gestellt bekommen, um uns zu vervollkommnen.
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Wir müssen uns immer wieder mit den grundlegenden Prinzipien
auseinandersetzen, und dürfen bei allem Streben die Basis unserer
Überlegungen nicht vergessen. Es genügt nicht, das jeweilige System
anzuwenden, das gerade am besten zu der Situation passt Unser Leben ist ein
Prozess, also muss auch unser System ein Prozess sein. Um es dennoch zu jeder
Zeit „kohärent“, also durchdringend, zusammenhängend und schlicht zu halten,
bedarf es einiger Gedankenarbeit.
Pädagogik und Religion waren nur zwei Beispiele von vielen. Es existieren derzeit
mehr Wissen und mehr Möglichkeiten zur Lebensgestaltung, als es der
intelligenteste und unermüdlichste Mensch jemals auch nur ansatzweise erfassen
könnte.
Die Folge des Versuches, alles zu bekommen, ist Halbwissen und daraus
resultierendes Halbverständnis. Letzteres ist sogar noch gefährlicher, als
überhaupt kein Wissen, da wir dazu neigen, uns mit Halbwissen zu
überschätzen. Es wäre zwar denkbar, dass sich ein Mensch in diesem Wirrwarr
noch zurechtfindet, aber ich könnte diese Methode dennoch nicht empfehlen.
Es ist besser, auf manche Themengebiete komplett zu verzichten, um anderen
den Vorrang zu gewähren. Diese Vorgehensweise kann zwar schiefgehen und wir
erreichen vielleicht niemals das Höchstmaß, aber es ist immer noch besser, sich
einer Sache völlig zu widmen, anstatt halbherzig vorzugehen und letztendlich
gar nichts zu erreichen.
Im Übrigen wissen die meisten Menschen auch überhaupt nicht, was das
wirkliche Höchstmaß ist. Jeder glaubt beispielsweise, wenn er zum ersten Mal
verliebt ist, dass es niemanden geben könnte, der ihn noch glücklicher machen
könnte, als sein erster Partner. Doch rückblickend würden die Meisten darüber
schmunzeln, wie naiv sie damals waren. Und genauso verhält es sich auf den
anderen Gebieten auch; wir täuschen uns oft in der objektiven Beurteilung einer
Situation.
Wir müssen uns tagtäglich entscheiden; wer also nicht jedes Mal alles von Grund
auf überlegen möchte, muss sich beizeiten ein solides und realistisches Konzept
aufbauen. Eine gelungene Mischung besteht aus möglichst wenig verschiedenen
Teilen in einer sinnvollen Zusammensetzung.
Dazu ist es absolut erforderlich, die reinen Komponenten zu verstehen, und die
sich ergebenden Widersprüche der Mischung zu klären. Es genügt nicht, sich von
allem ein bisschen zu nehmen, denn das wäre genauso falsch, wie ein
komplettes System ungeprüft zu übernehmen.
Meiner Ansicht nach gibt es ein harmonisches System, dem alles, was wir
kennen und nicht kennen untergeordnet ist. Teile davon wurden von weisen
Menschen aus allen Epochen und Kulturen entdeckt und verschiedene
Bezeichnungen dafür vergeben. Doch wie es typisch für uns Menschen ist, wurde
das Nichtverstandene um wilde Spekulationen ergänzt.
Die ausgereiften Ideologien der Menschheit unterscheiden sich zwar, doch die
Quintessenz aus allen mir bekannten Phänomenen und Themen ist so
strukturiert, dass ein übergeordnetes System dahinter stecken muss. Sollte es
uns gelingen, dieses Ursystem besser zu begreifen, steht jedes daraus
abgeleitete Detail wieder in einem sinnvollen Kontext. Nicht das Beste von allem
sollte unser Augenmerk verdienen, sondern das alles Vereinende.
Und warum sollten wir ein System erzeugen und künstlich in unser Leben
integrieren, wenn es bereits eines gibt, aus dem alles hervorgeht? Versuchen wir
doch statt dessen dieses Ursystem zu begreifen.
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Aber es wird knifflig, diesem Gefüge nachzuspüren, weil wir selbst ein Teil davon
sind. Es erweist sich bekanntlich schon als Herausforderung, ein System in seine
Fotosammlung zu bringen. Deshalb ist eine gewisse Bescheidenheit im
Nachvollziehen des höchsten Systems unverzichtbar. Beweise dürfen wir nicht
einfordern. Es geht letztendlich auch nicht darum, das harmonische System am
Genick zu packen und zu analysieren, sondern unser eigenes Leben in seinen
Kontext zu stellen.
2) Freiheit als Problem
Ein großes Problem unserer Gesellschaft ist die Freiheit. Das klingt paradox,
denn Freiheit ist zugleich unser wertvollstes Gut. Doch wir verstehen nicht,
vernünftig
damit
umzugehen.
Materieller
Wohlstand,
zunehmende
Gleichberechtigung der Geschlechter und die Möglichkeit, das zu tun, wozu man
Lust hat, verhindern tiefgründige soziale Kontakte mehr, als sie zu fördern.
Es stellt sich die Frage, wo Freiheit ihre Grenzen hat. Tatsache ist, dass Einzelne
ihre Bedürfnisse zurückschrauben müssen, damit eine Gemeinschaft homogen
und stabil ist. Die Frage ist nur, wer sich wem unterordnet? Wo ist denn das
Ende der Freiheit? Bei der Pornographie, der Gewalt und Drogen? Bei Gier,
Macht und Korruption? Soll die Presse frei sein, die Gerichte, die Kirche? Wie frei
sind wir denn überhaupt momentan?
Die Antwort auf die letzte Frage lautet: zu sehr. Wir brauchen den anderen nicht
mehr, denn wir können beinahe alles allein. Da wir auf unsere Mitmenschen
nicht mehr angewiesen sind, und sie eher beneiden als schätzen, herrscht eine
malade Stimmung untereinander.
„Es gibt kein Wort heutzutage, mit dem mehr Missbrauch getrieben wird, als mit
dem Wort „frei“. Ich traue dem Wort nicht, aus dem Grunde, weil keiner Freiheit
für alle will. Jeder wählt sie für sich, aber nur so, dass die anderem ihm zu
gehorchen und zu folgen haben.“ (Otto von Bismarck)
Die neue Freiheit ist eine Form von Willkür, die uns einfach alles erlaubt, jenseits
von Anstand, Schamgefühl und Ethik. Dies, und viele Menschen um uns herum
zu haben, wie es beispielsweise in der Großstadt der Fall ist, macht uns so
gleichgültig.
Über eine gewisse Stammesgröße hinaus können wir keinen Nutzen in einem
guten Kontakt zu anderen Menschen erkennen. Sie bleiben anonyme und
ungenutzte „Möglichkeiten“ für den Fall, dass wir irgendwann neue Freunde und
Verbündete brauchen.
Fakt ist, dass vor allem Habgier, Angst, Bequemlichkeit und Neid unsere
Gesellschaft stabilisieren. Nur weil sich der Einzelne davor fürchtet, dass andere
in diesen „Disziplinen“ obsiegen könnten, spielt er nach Kräften mit. Doch nicht
jeder, der an diesem Wettkampf teilnimmt, ist wirklich davon überzeugt;
vielmehr versuchen manche, „normal“ zu sein, indem sie sich diesem Trend
anpassen.
Gleichgültigkeit ist das Gift unserer Gesellschaft; sie wird als Freiheit deklariert
und als persönliche Note vermarktet. Diese Stabilisierungsform der Gesellschaft
ist
zwar
hinreichend
für
einen
Zusammenhalt,
aber
keineswegs
zufriedenstellend.
Wir reden beispielsweise seit geraumer Zeit darüber, dass der Kunde in
Geschäften hierzulande kein König mehr ist, weil es Verkäufern an Freundlichkeit
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fehlt. Wir wandeln uns vom Industrieland zur Dienstleistungsgesellschaft, und
beklagen in diesem Zusammenhang unseren Mangel an Höflichkeit und
Mitgefühl. Das Problem ist aber noch viel globaler als wir bislang annehmen,
denn wir erziehen bewusst die Einzelkämpfer, die wir dann kritisieren.
Welches
Wort
haben
Sie
in
den
letzten
Wochen
öfter
gehört;
„Zusammengehörigkeit“ oder „Wettbewerb“? Lehrt uns das Fernsehen, wie man
Menschen umsorgt und pflegt, oder wie man sie ausnützt, verprügelt und
ermordet? Schulkinder verhalten sich so, wie wir es ihnen beibringen. Wer
Teamgeist zeigt, wird bestraft, wer abweichende Ideen hat, wird schlecht
benotet und wer im Leistungsstreben versagt, wird als „mangelhaft“, also
minderwertig eingestuft.
Nun mal ehrlich; glauben Sie, dass unsere Kinder und Jugendlichen verrohen,
weil es „böse Computerspiele“ gibt, oder weil wir sie ständig auf den Wettbewerb
trimmen und ihnen weismachen, durch Anpassung und Unterwerfung zu Freiheit
gelangen zu können?
„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten
Menschen sich vor ihr fürchten.“ (George Bernard Shaw)
Je mehr eine Kultur von der Harmonie abweicht, um so mehr Druck wird auf den
Einzelnen ausgeübt, damit er sich in seinem öffentlichen und privaten Verhalten
eine Fassade der Konformität mit der Norm aufrechterhält. Abweichler sind
Außenseiter, und wer sich nicht der Gruppe anschließt, wird gefürchtet,
gemieden und von ihr ausgeschlossen.
Im Falle der Kriminalität ist diese Vorgehensweise von Vorteil. Aus Furcht
entsteht eine Solidarität der Masse, die kriminelle Personen solange jagt, bis sie
gefasst werden. Doch unsere momentan vorherrschende Gleichgültigkeit und
Abneigung beinhaltet die meisten unserer Mitmenschen und schießt deshalb
über das ursprüngliche Ziel hinaus.
Wir richten uns viel zu sehr nach den Regeln, was „man“ tut. Dieses
ungeschriebene Gesetz unserer Gesellschaft wird von uns nicht infrage gestellt,
weil wir lieber die irrationalen Aktionen befürworten, als die Angst und das
Misstrauen unserer Mitmenschen uns selbst gegenüber zu riskieren. So gesehen
sind wir alle ansatzweise neurotisch und antisozial.
Mit finanziellen Geschäften wollen wir den anderen übervorteilen, anstatt uns auf
kameradschaftliche und faire Weise zu einigen. Darauf basiert unsere allgemein
akzeptierte freie Marktwirtschaft, ein Konzept, das vielleicht das beste, bisher
entdeckte Handelsprinzip ist, aber keinesfalls befriedigend funktioniert, da der
Aufwand und Wert einer Arbeit nicht im Verhältnis zu der materiellen Entlohnung
steht.
Die freie Marktwirtschaft nutzt die tief verwurzelte Gier der Menschen, um sie zu
Höchstleistungen anzuspornen. Da jedes Lebewesen Vorteile genießen möchte,
wird mittels Wettbewerb ein Anreiz geschaffen, durch Leistung an diese Vorteile
zu gelangen. Leider wird jedes System, das auf negativen Emotionen, wie
Machthunger, Gier oder Missgunst basiert, auch von denen übernommen und
beherrscht, die besonders rücksichtslos vorgehen.
„Was mit Gewalt erlangt worden ist, kann man nur mit Gewalt behalten.“
(Mahatma Gandhi)
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Mittlerweile wird deshalb nicht mehr Leistung honoriert, sondern reine Gier. Wer
ins Leere expandiert, die Massen begeistert oder Firmen zerschlägt und
bestattet, der verdient unverhältnismäßig mehr, als jemand der versucht, sein
Geld auf konstruktive Weise zu erlangen.
Wir akzeptieren solche vorgefundenen Prinzipien und Bräuche und resignieren
vor ihnen, indem wir uns mit ihnen stillschweigend arrangieren. Da wir durch
unsere Teilnahmslosigkeit eine Art „stilles Einverständnis“ geben, ist es nur
folgerichtig, wenn wir dafür vom Leben mit „Glücksentzug“ bestraft werden. Wir
bekommen das, was wir verdienen, weil wir es selbst zulassen. Das ist ein Punkt
des harmonischen Systems, den viele von uns nicht einsehen und wahrhaben
möchten.
Manche resignieren schon in jungen Jahren, denn sie sehen, dass sie den
Ansprüchen unserer Gesellschaft an einen Menschen nicht gerecht werden
können. Nicht jeder ist vollkommen gesund, überdurchschnittlich begabt und
zudem im richtigen Elternhaus aufgewachsen.
So ist das Abfallprodukt einer auf Leistung basierenden Gesellschaft, eine große
Zahl völlig unselbständiger Menschen, die sich schon aufgegeben, bevor sie eine
Integration versucht haben. Sicherlich sind sie nicht ganz unbeteiligt an ihrem
Los, aber eine zweite Chance wird ihnen in aller Regel nicht gewährt. Die Parole
unserer Gesellschaft lautet: Mitmachen und Maulhalten, sonst fällt man durch
den sozialen Rost.
III. Die Situation des Individuums
Es gilt hierzulande als normal, dass jemand im Laufe seines Lebens zunehmend
unglücklicher wird. Die Bürde des Lebens lässt uns eben verbittern. Doch woher
kommt eigentlich diese Annahme?
Meist wird uns erst in der sogenannten „Midlifecrisis“ klar, dass wir den falschen
Weg eingeschlagen haben, woraufhin wir notdürftig versuchen, eine andere,
meist ebenso falsche oder gar im Kern identische Richtung einzuschlagen. Das
verläuft oft radikal und panikartig; dementsprechend verhält sich auch die
Ausbeute eines solchen Unterfangens.
Der Grund für die allermeisten Irrwege liegt in unserer schnelllebigen,
konsumorientierten „Genuss-sofort-Gesellschaft“ begründet. Keiner will mehr
etwas mühsam erlernen, sondern umgehend genießen. Ohne Anstrengung, ohne
Geduld aufwenden zu müssen und ohne persönlichen Einsatz aufzubringen.
Einfach eine Packung aufreißen und essen, einen Film ansehen und mehr wissen,
im Internet surfen und per „Mausklick“ etwas bewirken. „Das kann ja nicht
funktionieren“, möchte man meinen, aber dennoch glauben viele fest daran.
Realistisch betrachtet ist unser ganzes Leben mit allen Wechselwirkungen und
Folgen nur ein großes Provisorium. Sobald wir etwas erworben, erschaffen oder
erarbeitet haben und glauben, endlich „fertig“ zu sein, beginnt der Kreislauf von
Neuem. Wir können zu keinem Zeitpunkt behaupten, dass alles „gut“ ist, und die
Tatsachen so akzeptieren, wie sie sich uns präsentieren. Es ist wie beim Putzen
eines großen Hauses; sobald wir im letzten Raum angelangt sind, können wir im
Ersten erneut beginnen.
Der einzig vernünftige Ausweg aus dieser Misere ist es, alles so schnell, präzise,
kompetent und entschlossen wie möglich zu erledigen, dabei den Überblick zu
behalten und so weit wie möglich zu vereinfachen, bis wir sagen können: „Mehr
kann ich für den Moment nicht tun!" Also ist nicht Perfektion das Ziel, sondern
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sicher Entscheidungen treffen zu können und die Weichen für eine bessere
Zukunft zu stellen.
Was wir bereits jetzt erkennen können, ist die Tatsache, dass jede Veränderung,
sei es im privaten Bereich oder auf der Welt, immer beim kleinsten Teil, dem
Individuum ansetzen muss. Also bei uns.
1) Unser aller Wunsch
Unsere Welt ist ein großes Puzzle aus unglaublich vielen Teilen. Die Realität
verhält sich in wichtigen Punkten anders, als es uns das Fernsehen zeigen will.
Gut und Böse werden dort, wie in einem Märchen, getrennt in zwei Personen
dargestellt, und sind gut für uns erkennbar. Diese Einfachheit entzündet unsere
Sehnsucht nach einem Überblick, der uns in der realen Welt leicht verlorengeht.
In Wirklichkeit sind auch wir „irgendwie“ gut und böse, jedoch in einer Person
vereint. Es ist manchmal schon schwierig, sich selbst genau zu kennen. Die
Komplexität der inneren und äußeren Welt sollte uns aber dennoch nicht davon
abschrecken, beide zu vereinen. So verschieden wir Menschen auch sind, uns
alle verbindet ein gemeinsamer Wunsch: Wir möchten uns wohlfühlen, und
streben nach Glück, Anerkennung und Aufmerksamkeit.
Doch nicht alle Wege führen zu diesem Ziel. Die einen arbeiten hart, um sich
Luxusgüter leisten zu können, andere erbringen viel Leistung, um Anerkennung
zu ernten. Manche leben nach strengen Gesetzen und Moralvorstellungen, und
wiederum anderen gefällt es, diese zu übertreten. Und so mancher Mensch
benötigt das Gefühl, gebraucht zu werden, und ergreift deshalb einen sozialen
Beruf, in dem er sein „Helfersyndrom“ ausleben kann. Dies verschafft ihm ein
gutes Gefühl und ein ruhiges Gewissen, da er glaubt, besser zu sein als andere.
Der eine sucht seine Freiheit als Hausbesitzer, der andere als Hausbesetzer.
Doch egal welchen Erfolg wir anstreben, langfristig macht nur ein solides,
vielseitiges und ausgeglichenes Konzept Sinn. Schönheit vergeht mit der Zeit,
Intelligenz wird ebenso gefürchtet, wie bewundert. Sportliche Erfolge gibt es
meist nur in jungen Jahren, und auch die Bestätigung vom anderen Geschlecht
ist vergänglich.
Wir benötigen ein System, das unsere Wünsche berücksichtigt und auf unsere
Person zugeschnitten ist. Dennoch muss es universell sein, damit der Austausch
mit unseren Mitmenschen funktioniert. Vielseitig und komplex, aber
unkompliziert und verständlich; das hört sich unwahrscheinlich an.
In der Tat gibt es keinen Königsweg, kein Konzept, das zu allen Menschen
passen würde. Daher muss sich jeder Einzelne von uns darum bemühen, seinen
eigenen Weg zu finden. Allerdings gibt es sehr viele Optionen und Wege, die
garantiert niemanden zum Ziel bringen, sodass es durchaus möglich ist, einige
grundlegende Tatsachen festzuhalten, die für alle Menschen Gültigkeit besitzen.
Jeder von uns erstrebt beispielsweise eine Zugehörigkeit in der Gesellschaft. Da
uns aber weder alte Traditionen sagen, was wir tun sollten, noch unsere
Instinkte, was wir selber möchten, bleiben drei Möglichkeiten:
1. Wir können das tun, was alle machen, was gleichbedeutend mit
Konformismus ist. Dann werden wir zwar akzeptiert, doch es gelingt uns
nicht, unsere Individualität auszuleben. Der eigene Körper wird
funktionalisiert, das heißt, für die Arbeit, Freizeit und Sexualität „benutzt“.
Man verliert den Bezug zu ihm, weil er wie ein Werkzeug missbraucht wird,
das dem Willen zu gehorchen hat. Dass dies lange Zeit funktioniert, ändert
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nichts daran, dass man eines Tages die Rechnung für sein Fehlverhalten
präsentiert bekommt.
2. Wir können das tun, was die anderen von uns wollen, uns also dem
Totalitarismus unterwerfen. Sich unterzuordnen bedeutet aufzuhören, sein
Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Flucht in eine Krankheit, aber auch
die Ablenkung durch viel Arbeit sind zwei mögliche Symptome, die in Folge
einer gestörten Beziehung zu unseren Mitmenschen zu erkennen sind. Das ist
zwar „bequem“, mehr aber auch nicht!
3. Wir können aber auch das tun, was wir selbst wollen. Das bedeutet
Individualismus, sofern wir dennoch die grundlegenden Regeln unserer
Gesellschaft respektieren. Übertreiben wir es damit, gleiten wir leicht ab in
Egoismus, völlige Autonomie und Anarchie. Letztere wären aber keine
Steigerung der Freiheit, sondern stehen für Bindungslosigkeit im negativen
Sinne, da wir als „Rudeltiere“ eine hierarchische Rangfolge benötigen. „Man
kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein“, hat Lenin
gesagt. Der reine Individualismus unserer Tage erweist sich inzwischen als
gefährlich, und mancher Irrweg könnte mit ein wenig mehr Vertrauen in
seine Mitmenschen und Kooperation vermieden werden. Jeder der sich selbst
der Nächste ist, hat große Probleme, andere Menschen zu verstehen und zu
schätzen.
Doch wie kam es eigentlich zu dieser Fehlentwicklung in unseren Gedanken?
Warum handeln wir nach solch fragwürdigen Prinzipien? Ist dieses
Daseinsverständnis die einzige Möglichkeit, oder ist es möglich, das uns in
Fleisch und Blut übergegangene Weltbild infrage zu stellen, um gegebenenfalls
Änderungen daran vorzunehmen?
Fakt ist, dass unsere Realität weder richtig noch falsch ist, sondern das, was wir
als gegeben vorfinden, wenn wir in die Welt aufbrechen.
Fakt ist aber auch, dass viele junge Menschen perspektivlos sind. Ihre
Erlebniswelt ist reduziert auf Genuss, Konsum und Gefühle, die den Weg nach
außen nicht mehr finden. Wie eine Sprudelflasche, die sich in der Sonne
aufheizt, bis sie platzt. Die Zahl der Suizide unter jungen Menschen, als deren
letzte Fluchtmöglichkeit, steigt nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in unserer
zunehmend undurchsichtigen Welt nicht mehr zurechtfinden.
2) Der Verlust des Gleichgewichts
Alfred
Adler
stellte
bereits
bei
Kindern
fest,
dass
sie
unter
Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Sie sehen in ihrem Leben keinen Sinn, und ich
behaupte, dass ihnen auch jeder tiefere Sinn von der Gesellschaft vorenthalten
wird.
Kritiker dieser These könnten anführen, dass es uns so gut geht wie nie zuvor,
doch genau das ist das Problem. Wir haben mit dem Überfluss die
Verhältnismäßigkeit verloren. Eine korrekte Einschätzung der eigenen Situation
kann uns aber nur dann gelingen, wenn wir einen sicheren Punkt haben.
Deshalb sollten wir zwei Dinge erwerben: Einen sicheren Pol in uns selbst, und
die Fähigkeit relativ zu denken und zu fühlen, also auf absolute Fixpunkte nicht
mehr angewiesen zu sein.
Emotionen könnten unser Fixpunkt sein, denn sie bleiben zeitlebens
unverändert. Wir empfinden Wut, Liebe und Angst als Erwachsener genauso wie
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in der Kindheit. Aber unser Umgang mit den Emotionen erfolgt mit den Jahren
anders.
Unser Körper, unser Geist und unsere Seele sind „konstruiert“ für diese Welt,
allerdings nur für den Planeten, wie er einst war. Das menschliche Konstrukt
„Welt“ ist so schnelllebig, dass wir mit unserer eigenen Entwicklung nicht mehr
Schritthalten können. Und da sich alle Menschen beim Basteln beteiligen, fällt
dem Einzelnen das Nachvollziehen äußerst schwer.
Beispielsweise funktioniert das allgemeine Streben nach Perfektion in Sachen
Jugend, Schönheit, Erfolg, Ansehen und Liebe nicht, oder macht zumindest nicht
wirklich glücklich. Das wird jedem halbwegs intelligenten Menschen irgendwann
klar.
Wenn wir von Intelligenz sprechen, möchte ich einen Punkt vorwegnehmen.
Manche Psychologen behaupten, dass beruflicher und privater Erfolg zu 80
Prozent der emotionalen Intelligenz entspringt und nur zu 20 Prozent auf der
Logik und Rationalität basiert. Ich bin vorsichtig mit solchen Prozentangaben,
stimme aber in dem Punkt zu, dass es aller erdenklichen Fähigkeiten bedarf, um
sein Leben erfolgreich zu meistern.
Gesucht ist nicht der Weg zum Glück, sondern der Weg des Glücks! Das Glück ist
kein Objekt, das wir erlangen könnten, sondern ein Prozess, der solange einen
Effekt zeigt, bis wir pausieren oder ihn beenden.
Wer diesen Weg betritt, muss das Glück nicht in der Ferne suchen oder eine
weite Reise tätigen, sondern braucht es nur vom Boden aufzulesen.
Vollkommenes Glück gibt es zwar nur für den Augenblick; aber durch
Selbstbejahung erschaffen wir uns einen Schlüssel für einen Neuanfang, der
dauerhafte Zufriedenheit in Aussicht stellt. Und diese Zufriedenheit lässt sich
dann indirekt zu Glück ausbauen.
Die simple Formel des Reaktionsprinzips, „Actio = Reactio“ ist in diesem Bereich
nicht völlig hinreichend. Es ist schon richtig: Wenn sich nichts ändert, bleibt alles
beim Alten. Aber es ist nicht so einfach, einige Veränderungen vorzunehmen,
und anschließend für immer glücklich zu sein.
Wir müssen endgültig weg vom binären „Schwarz-Weiß-Denken“ und dem
verantwortungslosen „Nicht-Handeln“, und uns zuwenden zu einem multiplen,
interdisziplinären und ganzheitlichem Verständnis.
Unser Ziel sollte es sein, kreativ und verantwortungsvoll mit unserem Leben
umzugehen, und dabei mit höchstmöglicher Effizienz unsere eigene Entwicklung
zu unterstützen. Der Grenzwert, des theoretisch Möglichen, variiert dabei von
Mensch zu Mensch. Unser emotionales Potential reguliert auch das individuelle
Tempo und die Bereitschaft zur Selbstentfaltung.
Manche tun intuitiv das Richtige, wissen aber keine plausible Erklärung, warum
dies so ist. Wenn man sie nach Gründen und Motiven befragt, antworten sie, sie
würden „aus dem Bauch heraus“ handeln. Andere bemühen sich in preußischer
Manier nach korrekter Etikette zu leben, sind aber nur bedingt glücklich damit.
Die Allermeisten stolpern aber vor sich hin und deklarieren ihren Lebensstil
einfach als das Maximum. Das ist insofern bequem, da sie dann auch keinen
Grund mehr haben, sich weiterentwickeln zu müssen.
„Ich lebe in der Gegenwart, was morgen ist, das sehe ich ja dann.“ Leider ist
eine solch kapitulierende Haltung weitverbreitet, da die Anforderungen und der
Druck von außen immer größer werden.
Geht es nach den Erwartungen der Gesellschaft, dann sollten wir stets der Beste
sein, um einen Beruf zu finden, und immer fit, gutgelaunt und attraktiv, sonst
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bekommen wir keine Freunde. Es muss immer und überall Leistung erbracht
werden, jeder Mensch soll alles können, flexibel sein, alleine und in der Gruppe
arbeiten, niemals krank werden, möglichst keine eigenen Gefühle zeigen, aber,
die der anderen lesen können, die Kunst der Kommunikation perfekt
beherrschen, wortgewandt sein, sich präsentieren können, vorzeigbar sein und
auch noch überraschen können.
Vor allem in hierarchisch geführten Betrieben, die einer Miniaturgesellschaft
ähneln, wie Krankenhäuser oder Universitäten ist dieser Trend deutlich sichtbar.
Auch die Chefs mancher Betriebe säen bewusst Zwietracht, denn dann kann sich
der Einzelne nicht zur Wehr setzen.
Damit auch ja keine Solidarität unter den Menschen aufkommt, herrscht eine
bewusst gesteuerte Politik des Denunziantentums. In einer Hackordnung, die
bereits im Kindergartenalter beginnt, werden wir regelrecht zu Einzelgängern
erzogen. Durch die ständige Andeutung von Arbeitslosigkeit, Rationalisierung
und den obligatorischen Prüfungen, wird uns zeitlebens Angst gemacht. Sogar
die Renten sind heutzutage nicht mehr sicher.
Labilere und ehrgeizigere Personen beginnen daraufhin automatisch, andere zu
verraten, um ihren eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen. Anstatt gemeinsam
auf ein Ziel hinzuarbeiten, wird intrigiert und denunziert, wann immer sich die
Gelegenheit dazu bietet. Hauptsache, man ist der Beste.
Während es früher noch akzeptiert wurde, dass jemand in der Schule
beispielsweise überwiegend naturwissenschaftlich begabt war, in den Sprachen
jedoch nur mittelmäßig, wird er heute solange bearbeitet, bis er sich überlastet
und die gewünschte Leistung zusätzlich auch noch bringt.
Die permanente Überforderung, mit all ihren negativen Folgen, wird hierbei
bereitwillig in Kauf genommen. Der Unterricht selbst ist mittlerweile vor allem
auf die Fähigkeit ausgerichtet, Prüfungen zu bestehen. Es werden keine
Unterscheidungskriterien gelehrt, sondern nur Zuordnungen. Ein sich noch in der
Entwicklung befindliches Kind ist dieser künstlichen Welt völlig ausgeliefert und
wächst hinein, ohne es zu bemerken. Das stetige Streben nach Leistung und
Anerkennung wird bereits Grundschulkindern vermittelt, und zieht sich wie ein
roter Faden durch unser gesamtes Berufsleben.
Obwohl es inzwischen bekannt sein sollte, dass ein helleres Licht auch schneller
erlischt, werden hierzulande noch immer Menschen (seelisch) verschlissen. Das
„jeder gegen jeden“, des „Sozialdarwinismus“, das dem Stärkeren die bessere
Position zusichert, ist aber ganz sicher nicht im Sinne der natürlichen Harmonie.
Ich sprach bereits davon, dass infolge dieses Leistungsdrucks viele schon vorab
resignieren. Im Berufsleben zu scheitern ist sicherlich schlimm, denn ohne
qualifizierten Abschluss muss man sein Leben lang Aushilfsjobs annehmen. Die
psychischen Folgen kann sich jeder ausmalen.
Aber was ist mit denen, die nichts in sich selbst investiert haben? Diejenigen
Menschen, die sich keine Gedanken um ihre Zukunft machen oder nur alles in
sich hineinfressen? Was ist mit denen, die alles stillschweigend erdulden, aber
innerlich längst kochen oder verzweifeln?
Kurz gesagt: was ist mit denen, die ihr Leben auf Sand bauen? All die
Illusionisten und Schauspieler, die Rollen verkörpern und einen Deckel auf ihre
Seele aufdrücken. Was ist mit denen, die ihr Heil in einer anderen Person, ihrem
Beruf oder haltlosen Theorien suchen. Was wird aus diesen Menschen?
3) Die größten Denkfehler der Menschen
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Es gibt einige klassische Denkfehler, die jegliche Entwicklung in die richtige
Richtung verhindern oder zumindest sehr verzögern. Ich werde in den einzelnen
Kapiteln immer wieder darauf zurückkommen, um konkrete Beispiele zu
erörtern, möchte sie aber der Anschaulichkeit halber einmal aufgelistet haben:
• Die Ursache mit der Wirkung vertauschen. Nicht alles hat einen Grund, aber
eine Ursache. Wir neigen aber dazu, keine oder falsche Verknüpfungen
herzustellen. Wir schlagen den Sack und meinen den Esel. Ganz suspekt wird
es, wenn jemand dann auch noch versucht, einen Denkfehler mit einem
weiteren zu rechtfertigen.
• Glauben, dass etwas „von selbst“ besser wird. Es stimmt, dass sich Dinge
auch ohne unser Zutun ändern, aber gewiss nicht zu einem höheren Grad an
Ordnung, und schon gar nicht so, wie wir es gerne hätten. „Wer nichts macht,
macht nichts falsch“, spricht der Volksmund. Doch die Folgen von Passivität
sind fatal; kein Mensch wird uns achten oder bereit dazu sein, sein Umfeld zu
verbessern, wenn wir es nicht tun.
• Darauf bestehen, dass „andere Menschen“ handeln müssen. Diese
Bequemlichkeit, Sturheit und Naivität ist eng verwandt mit der völligen
Passivität und verhindert ebenfalls jeglichen Fortschritt. Haben Sie eigentlich
eine Vorstellung davon, was viele „einzelne“ gemeinsam bewirken könnten?
Wenn jeder auch nur einen Tag des Jahres damit verbringen würde, in seiner
näheren Umgebung den Müll von der Straße aufzusammeln, dann wäre alles
picobello sauber. Aber wer soll den Anfang machen? „Ich jedenfalls nicht,
denn ich bin zu alt, zu jung, zu krank, zu reich, an dem Tag nicht da, ich habe
die Verschmutzung nicht verursacht ...“ Um Ausreden ist keiner von uns
verlegen, vor allem wenn es um unsere kollektive Verantwortung geht. Erich
Kästner hat es folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Es gibt nichts Gutes,
außer man tut es.“
• Resignieren, da es „keinen Sinn macht“, etwas zu unternehmen. Wenn wir zu
neuen Ufern aufbrechen wollen, müssen wir das Alte auch verlassen können.
Für ein neues und besseres Leben sollten wir auch etwas riskieren. Immer auf
„Nummer sicher“ zu gehen genügt jedenfalls nicht.
• Etwas „versuchen“ zu ändern. Es stimmt schon; man kann nicht immer alles
richtig machen; das wäre absolut unmenschlich. Aber wir kennen den
Unterschied, ob wir alles gegeben haben und dennoch keinen Erfolg hatten,
oder ob wir einfach nur zu faul gewesen sind. Andere mögen wir vom
Gegenteil überzeugen, uns selbst jedoch nicht. Die große Gefahr liegt darin,
wenn wir „versuchen“, etwas zu tun. Wer beispielsweise nur „versucht“, einen
Gegenstand vom Boden aufzuheben, der tut es nicht. Wer von „versuchen“
spricht, bevor er sich einer Aufgabe stellt, der drückt sein Scheitern bereits im
Vorfeld aus. In dem Moment, in dem ich etwas „zum letzten Mal versuche“, es
also endlich tue, wird es mir auch gelingen!
• Alles machen müssen, was machbar ist. Das ist das Credo dieser Generation.
Wir glauben, die Welt bereist, unzählige Beziehungen gehabt und viele Jobs
ausgeübt zu haben, würde uns glücklich machen. Doch genauso, wie uns
materieller Besitz nicht erfüllt, machen nur diejenigen Erfahrungen Sinn, die
wir auch wirklich verstanden haben.
• Annehmen, dass eine Idee richtig ist, nur weil es „alle“ glauben. Aus einer
Theorie die tausend Menschen teilen, wird noch lange keine Wahrheit! Sich in
der Masse zu verstecken, ist aber zur Mode geworden. Manchmal ist es nötig,
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einen Umweg zu nehmen, um zum Ziel zu gelangen. Um es mit Gotthold
Ephraim Lessing zu sagen: „Es ist nicht wahr, dass die kürzeste Linie immer
die gerade ist“. Anstatt die Irrtümer anderer zu übernehmen, sollten wir uns,
wenn möglich, selbst ein Bild von allen Situationen machen.
• Illusionen erzeugen und schützen. Fanatiker verstehen sich darin, alle
Unstimmigkeiten schönzureden, andere zu belügen und es sogar selbst zu
glauben. Unter Berücksichtigung des vorangegangenen Punktes ist es
gruppendynamisch betrachtet möglich, solche Illusionen zu einem Kult zu
erklären oder ihnen den Status einer Ideologie zu verleihen.
• Erwartungshaltungen. Enttäuschung ist die Folge jeder Erwartung, selbst
wenn sich viel verbessert. Denn bestenfalls werden wir nur bestätigt, aber
nicht angenehm überrascht.
• Vorurteile. Was ein Vorurteil ist, wissen Sie, und in aller Regel enthält es
einen wahren Kern. Vorurteile sind Erfahrungswerte anderer Menschen, die
wir mitsamt deren Interpretationen übernehmen. Das macht sie zwar
wertvoll, aber gefährlich; denn um ein Vorurteil bis auf dessen wahren Kern
„abzuschälen“, brauchen wir bereits viele gesicherte Kenntnisse, mit denen
wir es auf Plausibilität prüfen können.
All diese Verhaltensweisen können nicht funktionieren! Zumindest nicht
gewinnbringend und auf lange Sicht. Natürlich ist es theoretisch möglich, sich
ein Leben lang in der Gesellschaft zu verstecken oder Illusionen hinzugeben. Und
manche Menschen ahnen vielleicht nicht einmal, welche Schutzmechanismen
und welches Misstrauen sie mit sich herumtragen.
Aber lohnen wird es sich für sie nicht. Würden sie denselben Betrag an
Aufmerksamkeit und Energie in sinnvolle Projekte investieren, dann würde ihre
Anstrengung köstliche Früchte tragen.
4) Die größten Verhaltensfehler der Menschen
Das waren die größten Denkfehler, doch es gibt auch einige eng damit
verwandte Verhaltensfehler, die ich auflisten möchte:
• Bequemlichkeit. Die meisten Menschen wissen heutzutage selbst mit ihrer
vielen Freizeit gar nichts anzufangen. Es ist paradox, aber je besser es uns
wirtschaftlich geht, desto unzufriedener werden wir, da wir unserem Wunsch
nach Bequemlichkeit noch mehr nachgeben. Unsere eigene Trägheit kann uns
zwar nicht vernichten, aber sehr unglücklich machen.
• Eigene Defizite mithilfe anderer Menschen kompensieren wollen. Wir suchen
Hilfe und schmieden Pakte; es ist zu einem Geschäft geworden, sich
gegenseitig zu schützen. Sogar einige Partnerschaften basieren darauf.
Grundsätzlich ist das kein Fehler, aber es wird leicht vergessen, dass Allianzen
immer nur so gut sind, wie ihr schwächstes Glied. Daher ist es auch ein
folgenschwerer Fehler, wenn wir uns nach „unten“ orientieren, uns also an
Menschen ausrichten, die uns in der jeweiligen Fähigkeit unterlegen sind. Das
zu tun hätte den Stillstand unserer Entwicklung zur Folge, also den seelischen
Tod bei lebendigem Leib.
• Ersatzbefriedigungen und Statussymbole als Charakterstütze verwenden.
Wenn mein Selbstwertgefühl zu gering ist, um allein durch meine
Persönlichkeit repräsentiert zu werden, muss ich mir teure Gegenstände und
Kleidung zulegen, um mich aufzuwerten. Warum das Auto angeblich unser
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•
„liebstes Kind“ ist, wird in diesem Zusammenhang wohl klar. Auch das
besitzergreifende Verhalten vieler Menschen in ihren sozialen Beziehungen
macht diese Schwäche deutlich.
Verdrängen. Jeder Mensch kennt die negativen Folgen von starkem
Konkurrenzstreben:
Ehrgeiz,
Gefallsucht,
Selbstverleugnung
und
Gleichgültigkeit. Doch es reicht nicht, sich darüber nur bewusst zu sein.
Vielleicht wäre unser Leben gar nicht zu bewältigen, wenn wir
Ungerechtigkeiten nicht auch ausblenden könnten. Aber es als Philosophie zu
betreiben ist wenig sinnvoll, da es allenfalls eine Übergangslösung darstellt.
Die Flucht in unwichtige und langwierige Projekte. Ablenkende Aktivitäten, die
unseren Geist voll beanspruchen und somit verhindern, dass wir uns mit uns
selbst konfrontieren, könnte man auch als „aktives“ Verdrängen bezeichnen.
Selbst etwas Richtiges zu tun kann falsch sein; nämlich dann, wenn wir es
tun, um vor einer noch größeren Verantwortung zu flüchten.
Eng verwandt damit ist die Oberflächlichkeit, die viele an den Tag legen. Sie
kümmern sich um ihr Image, vergessen dabei aber ihr wirkliches Ich zu
ergründen und zu zeigen.
Gewohnheitsrecht. Wer Veränderungen vollziehen möchte, kämpft immer
gegen das Gewohnheitsrecht. Alte Rituale, Sitten, Gebräuche und
eingefahrene Verhaltensregeln sind vorrangig, nur weil „sie da sind“, und weil
„es schon immer so war“. Es ist sehr schwer, dagegen anzugehen, vor allem
weil sich Traditionalisten immer für Gralshüter höherer Werte halten.
Gegeneinander arbeiten statt miteinander. Wenn wir etwas als typisch
menschlich bezeichnen müssten, dann wohl die Intrigen, Kungeleien und
Vorteilnahmen. Wo existiert eine Gruppe von mehr als fünf Personen, die
ohne diese Methoden auskommt? Soziales Verhalten wird in unserer
Gesellschaft auch nicht gerade gefördert. Wenn wir etwas für andere tun,
dann nur ungern oder gegen Bezahlung.
Die bereits beschriebene Wissensexplosion bewirkt, dass wir nur noch zu
kurzen Aufmerksamkeitsspannen fähig sind. Bei den meisten Menschen
wechseln sich Langeweile und Überforderung ständig ab. Die tägliche
Reizüberflutung trägt dazu bei, dass wir uns in unser Schneckenhaus
zurückziehen und dort bleiben.
Eine erhöhte Aggressionsbereitschaft ist zwar bereits eine Folge dieser
Fehlverhalten, katalysiert die Entwicklung in die falsche Richtung aber noch
zusätzlich. Auf Gewalt lässt sich nur schwer mit Verständnis reagieren.
Vielmehr breitet sich Aggression wie ein Lauffeuer aus, wenn jeder seinen
Unmut an seine Mitmenschen weitergibt.
Im Berufsleben werden diese Entwicklungen am deutlichsten, denn dort trifft
jeder auf andere Menschen. Ein Beruf ist heutzutage nicht mehr ausschließlich
zur Wahrung der finanziellen Grundlage, also zum Schutz seiner Existenz und
der seiner Familie zu verstehen.
Arbeit
ist
auch
ein
wichtiger
Beitrag
zur
Selbstdarstellung
und
Selbstverwirklichung geworden. Die tägliche Routine lässt uns jedoch auf lange
Sicht verkümmern, da nicht alle Fähigkeiten für die Erfüllung unserer Aufgaben
benötigt werden. Es war zwar schon immer der Fall, dass „Arbeit“ eine gewisse
Monotonie innewohnt, fraglich ist aber die Art der Arbeit, die wir mittlerweile
verrichten.
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Bedenkt man, dass viele Menschen gar nicht verstehen, wofür ihre Tätigkeit im
Endeffekt gut ist, ist es um so frustrierender, dass der Weg bis zu einer
abgeschlossenen Ausbildung noch härter geworden ist. Wer keinen, keinen
guten, oder besser gesagt, keinen gutbezahlten Beruf hat, der ist in unserer
Gesellschaft wenig wert, weil er, so denken viele, keinen Beitrag zur
Gemeinschaft leistet und keinen „Zweck“ erfüllt. Die Karriere ist zum Spiegel des
Selbstwertgefühls geworden, und berufliche Leistung zum Zeichen für
persönliche Perfektion.
Anders gesagt: Wer heutzutage keine steile Karriere macht, der muss sich dafür
rechtfertigen, denn er gilt als Versager. Am finanziellen und materiellen
Wohlstand wird die Leistungsfähigkeit einer Person gemessen. Auf den Punkt
gebracht bedeutet das: Wer nichts hat, ist auch nichts wert!
Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist eigentlich jedem bekannt, aber das
Streben danach ist die moderne Jagd, bei der man seine Intelligenz, Raffinesse,
Geschicklichkeit und Ausdauer unter Beweis stellen kann. Anders ließe sich die
Gier von den Personen, die bereits wohlhabend sind, nicht erklären. Die Angst
davor, nicht mehr zu jagen, hindert diese Menschen am eigentlichen Leben.
„Leben ist das was passiert, während man eifrig dabei ist, andere Pläne zu
machen!“ (John Lennon)
Ich bezeichne diese Menschen übrigens bewusst als „wohlhabend“ und nicht als
„reich“, denn wirklich „reich“ sind nur diejenigen, die zufrieden mit ihrem Leben
sind, und das trifft auf diese Menschen selten zu.
Der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand und der Verlust des
Arbeitsplatzes gehen meist einher mit einem Identitätsverlust. „Die Arbeit war
mein Leben“, hört man viele sagen. Das zeigt besonders eindrucksvoll, dass
dieser Weg in eine Sackgasse geführt hat. Arbeit sollte stets ein wichtiger Teil
unseres Lebens sein, aber viele bezahlen für ihre Karriere sehr viel später einen
hohen Preis.
Frauen verzichten auf Kinder und Männer auf Ruhephasen. Das immer wieder
diskutierte „Burnout Syndrom“ beschäftigt sich mit solchen ausgebrannten
Menschen, die ihr Leben lang dem vermeintlichen Glück hinterhergerannt, und
durch diese Einseitigkeit schließlich kläglich gescheitert sind. Das ist vergleichbar
mit einer Farbdruckerpatrone, bei der zwar nur eine Farbe vorschnell
aufgebraucht wurde, die man aber dennoch komplett wegwerfen muss
Das Glück kommt zu uns, und man sollte nicht versuchen, es zu ergreifen.
Genauso wie Freundschaften oder eine Partnerschaft ist Glück ein „Geschenk“
und als solches immer freiwillig und nicht erpressbar Je weniger Druck angelegt
wird, und je weniger Erwartungen man an sein Leben stellt, desto reicher wird
man beschenkt. Oder schenken Sie am liebsten solchen Personen etwas, die
ständig Forderungen an Sie stellen?
Doch nicht nur beruflich, sondern auch in der Freizeit herrscht eine Hektik und
Leistungsbereitschaft, die dort eigentlich nichts verloren hätte. Laufend wird ein
neuer „Kick“ gesucht, bei dem man seine Fähigkeiten auf die Probe stellen kann.
Das kann übermäßiger Alkoholkonsum sein, ein übervoller Terminkalender oder
Extremsportarten wie Bungeejumping und Freeclimbing, bei denen man bewusst
sein Leben aufs Spiel setzt, und dies auch noch als reizvoll erachtet.
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„Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung.“
(Laurence Sterne)
Der Einzelne flüchtet sich regelrecht in Aktivitäten, damit er sich selbst beweisen
kann, er wäre auch schon in die Ferne gereist, hätte sein Leben riskiert und
seine Jugend voll ausgelebt.
Wer diese Leistung nicht bringt, also am Montag im Büro nicht stolz verkünden
kann, er sei auf einer Party gewesen, hätte zu viel Alkohol getrunken oder hätte
etwas Verrücktes getan, der ist langweilig und wird ausgegrenzt.
Diese Erbarmungslosigkeit, vor allem die der Jugend, ist ein Zeichen für eine
innere Isolation, die durch Schnelllebigkeit kompensiert werden soll.
Dass junge Menschen ihre Grenzen herausfinden müssen, ist völlig normal. Aber
im Grunde ist die vermehrte Aggression unter Jugendlichen als Hilflosigkeit zu
verstehen. Die Angst zu versagen lähmt sie und lässt eine Mauer entstehen, die
verstärkt wird durch weitere Aggression und Macht. Wenn man schon nicht
geliebt wird, dann sollen einen andere zumindest fürchten.
Der vorhin erwähnte rote Faden zieht sich auch durch ganz private Bereiche, wie
unsere Partnerschaft und Freundschaften. Auch hier ist die Mauer, die man um
sich herum errichtet hat, aktiv, denn Gefühle gelten als Schwäche. Schwächen
sind mangelnde Leistung und werden auch hier nicht toleriert.
In der Sexualität muss alles ausgelebt werden, so oft und extrem wie möglich.
Diese Botschaft wird uns zumindest tagtäglich im Fernsehen vermittelt. Denn
Sexualität verleiht uns ebenfalls Macht. Also muss auch hier Leistung im
Vordergrund stehen und der Mensch wie eine perfekte Maschine funktionieren.
Typische Freundschaften verhalten sich meist oberflächlich, denn es ist
schwierig, einem anderen Menschen bedingungslos zu vertrauen, wenn man
darin ungeübt ist. Dazu besteht auch keine Notwendigkeit, denn wir werden zu
Individualisten erzogen, die fremde Hilfe nicht benötigen. Also halten wir eine
Illusion der Freundschaft aufrecht, die uns zumindest vorgaukelt, harmonisch zu
sein.
5) Was können wir dagegen tun?
Wir leben in einer bipolaren Welt, die uns in zwei voneinander verschiedene
Richtungen zieht. Zum einen wäre da der gesellschaftliche Druck, mit all seinen
Regeln, Leitlinien und Vorstellungen. Wir sind regelrecht erfüllt von Vorurteilen,
die wir selbst niemals überprüft haben. Uns wurde stets gezeigt, was „man“ zu
tun und zu lassen hat. Wir orientieren uns aneinander und denken das, was wir
denken sollen. Das ergibt Fehler, die sich fortpflanzen, so wie beim Mogeln in
der Schule. Wenn wir von jemandem abschreiben, der Fehler macht, dann ist
auch unser Ergebnis falsch. Auch die Behauptung, dass es viele machen, ändert
daran nichts.
Zum anderen gibt es aber unsere innere Stimme, die uns ermahnt, nicht länger
in die falsche Richtung zu gehen. Was sollen wir nun tun?
Jeder hat Pläne, aber nur wenige setzen sie auch um. Unser inneres Muster führt
uns instinktiv in Richtung der Harmonie. Und je nachdem wie stark dieser
Wunsch in uns ausgeprägt ist, wie mutig wir sind und wie groß unser
emotionales Potential ist, desto besser können wir unser Leben regulieren.
„Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.“ (Hesiod)
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Der Weg der Harmonie beinhaltet auch Umstellungen und Entbehrungen. Vor
allem festgefahrene Situationen und verdrängte Probleme müssen neu aufgerollt
werden. Deshalb geben sehr viele bereits nach kurzer Zeit wieder auf und fallen
in das alte, da vertraute Verhaltensmuster zurück.
Das Risiko, Gleichgesinnte, Partner und Freunde zu verlieren ist sehr groß. Wer
garantiert mir, dass meine innere Stimme recht hat und ich nicht nur eine große
Dummheit begehe? Was ist, wenn mir die Kraft fehlt, durchzuhalten? Und vor
allem: Werde ich, wenn ich auf dem richtigen Weg angelangt bin, völlig alleine
sein?
Jeder, der seiner inneren Stimme folgen möchte, wird irgendwann mit diesen
Fragen konfrontiert und muss sich überlegen, ob es die bloße Aussicht auf
Harmonie und Glück wert ist, alles über den Haufen zu werfen, und sein Los
selbst in die Hand zu nehmen. Keine Ausreden, keine Selbsttäuschungen und
kein Schutz der Masse mehr. Das ist natürlich beängstigend.
Völlig ohne Absicherungen den Sprung ins kalte Wasser zu wagen erfordert ein
großes Maß an Mut, Zuversicht und Gottvertrauen. Doch es wird kein
Vabanquespiel, wenn wir die Ursachen unserer Denkfehler, Verhaltensfehler und
Probleme noch näher betrachten, und uns ein profundes Verständnis für das
harmonische System aneignen.
Kapitel II
Der Ursprung unserer Probleme
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Das Leben kommt nicht in Häppchen daher. Wir kennen das doch alle:
Manchmal gibt es Wochen, in denen so gut wie nichts Interessantes passiert.
Falls wir überhaupt Post bekommen, dann allerhöchstens Rechnungen und
Werbung. Und dann plötzlich erhalten wir gleich mehrere Briefe von alten
Bekannten, so als wäre unsere Post wochenlang gesammelt worden, bevor sie
an uns ausgeliefert wird. Das Telefon klingelt Sturm und plötzlich wollen uns alle
sprechen.
Um zu klären, dass unser Leben nicht durch scheinbar unbeeinflussbare Zufälle
gesteuert wird, sondern tatsächlich ein System dahintersteckt, müssen wir
zuerst zu den kulturellen Anfängen zurückkehren und die Ursprünge der heute
spürbaren Fehlentwicklung näher betrachten.
I. Der Wandel des Weltbildes
Die Realität der früheren Jahrhunderte änderte sich nur sehr langsam. Jeder
Mensch dieser Zeit konnte ein zwar beschwerliches aber vorhersehbares Leben
führen. Die Bürger mussten im Feudalismus, und später im Absolutismus,
horrende Abgaben leisten, sodass ihnen selbst nur das Allernötigste zum Leben
blieb. Zudem war es normal, dass ab und zu ein Krieg oder eine Hungersnot
vorherrschte, und die eigenen Kinder eventuell schon früh durch Krankheiten
starben.
Die Monotonie des Alltags ließ die Menschen in Legenden und Geschichten
flüchten, erfüllt von Fabelwesen, Aberglaube und Mystik. Ihre Zukunft lag völlig
in Gottes Hand, denn sie schöpften Vertrauen und Zuversicht aus ihrem
Glauben. Es gab keinen Unterschied zwischen ihrer sozialen Rolle und der
persönlichen Identität. Die Position, die man zu Beginn des Lebens einnahm,
wurde in aller Regel bis zum Tode beibehalten, was Vor- und Nachteile hatte.
Man konnte zwar in der Gesellschaft durch persönliche Leistung nur
unwesentlich aufsteigen, musste aber auch nicht tagtäglich seinen Platz in der
Hierarchie verteidigen.
Wenn diese Menschen sich eine Zukunft vorstellten, dann eine, in der alles so
ähnlich wäre, wie sie es kennen, nur reichhaltiger. Ausreichend Nahrung und
Sicherheit waren die bescheidenen Wünsche dieser Menschen an ihre Zukunft,
die eine Form der „besseren Gegenwart“ darstellen sollte.
Der heutige Mensch hat die Mystik verbannt, und die Religionen durch Ökonomie
und Wissenschaft ersetzt. Gottvertrauen ist unnötig, wenn wir alles selbst
erklären, erschaffen und verändern können. Die einzig wahrnehmbare Gottheit
ist materieller Wohlstand, also Geld.
„Nach der Aufklärung ist das Abendland wissenschaftlich zwar ein Riese
geworden, aber seelisch und religiös ein Baby geblieben.“ (Franz Alt)
Die meisten Rätsel konnte der Mensch mithilfe seiner wissenschaftlichen
Methodik lösen, jedoch nicht das um sich selbst. Unser Leben ist eigentlich noch
immer nicht sicher, deshalb möchten wir es wenigstens so sicher wie nur irgend
möglich machen.
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Wir lagern Nahrungsmittel ein und stellen mehr davon her, als wir brauchen. Wir
entwickeln ständig neue Medikamente und haben ein soziales Netz erschaffen,
mit Altersvorsorge, Lebensversicherung und Krankenkassen.
Doch unsere kurzfristigen Erfolge haben, wie so oft, längerfristig eine
gegenteilige Wirkung. Der Preis unseres Handelns muss von den kommenden
Generationen bezahlt werden. Ohne Rücksicht auf Vernunft, Ethik und
Philosophie setzt sich die Wissenschaft seit der Industrialisierung durch. Denn
der Mensch folgt unaufhaltsam seiner Theorie, dass sich jedes Problem, das der
Fortschritt mit sich bringt, durch weiteren Fortschritt lösen lassen kann.
Ein Beispiel: Es wird Schätzungen zufolge zu Beginn des nächsten Jahrhunderts
nur noch ein Drittel der jetzigen Artenvielfalt geben. Deshalb möchten einige
Biotechnologen dem Artensterben durch Generierung neuer Lebensformen und
dem Klonen bereits ausgestorbener Wesen begegnen. Das klingt zunächst findig,
doch die durch neue Technologien erschaffenen Lebewesen werden nicht die
Natur ersetzen können, weil es uns Menschen an der nötigen Zeit und Geduld
fehlt, mit der die Natur im Laufe der Evolution erschaffen wurde.
„Das menschliche Wissen ist dem menschlichen Tun davongelaufen, das ist
unsere Tragik. Trotz aller unserer Kenntnisse verhalten wir uns immer noch wie
die Höhlenmenschen von einst.“ (Friedrich Dürrenmatt)
Der Mensch hat die Homöostase der Natur, also ihre Fähigkeit, sich selbst zu
regenerieren und konstant zu halten, ausgehebelt. Die Kapazität der
Selbstregulation ist inzwischen überschritten. Wir modernen Menschen möchten
als Zukunft keine bessere Gegenwart, sondern eine völlig andere Welt. Unsere
Zukunft ist nicht mehr das, was sie lange Zeit war; sie ist nicht mehr eine
Fortsetzung der Gegenwart, sondern ihre Konsequenz.
Während die Menschen im Mittelalter noch diffuse Angst vor dem Jüngsten
Gericht haben mussten, ist es dem heutigen Menschen „gelungen“, diese Furcht
zu konkretisieren. Heutzutage wissen wir, dass wir vernichtet werden können
und müssen es nicht mehr glauben. Wir brauchen auch keine Götter mehr, die
uns bestrafen, denn wir können einander selbst ausrotten. Doch woher kam
eigentlich die Abneigung gegen die Gegenwart, und wieso versprechen wir uns
von der Zukunft automatisch ein besseres Leben?
1) Der ursprüngliche Denkfehler
Damit der Mensch diese Welt begreifen konnte, musste er sie gedanklich in viele
kleine Teile zerlegen und benennen. Das bedeutet, dass unsere Weltanschauung
auf einem theoretischen Bild basiert, das wir selbst angefertigt haben, und nicht
auf der Welt, wie sie tatsächlich ist.
„Wir können nur eine Welt begreifen, die wir selbst gemacht haben.“ (Friedrich
Nietzsche)
In der Naturwissenschaft wird jedem Ereignis eine Gesetzmäßigkeit unterstellt.
Mit dem Vergleichen und Zusammenfassen der gewonnen Erkenntnisse entsteht
daraus ein Konzept, das wiederum ähnliche Phänomene erklären soll.
Da sich dieses Prinzip in den meisten, objektiv zugänglichen Bereichen, wie der
Physik und der Chemie, sehr bewährt hat, geht der Naturwissenschaftler
automatisch davon aus, dass er mit seinen Regeln an alles gedacht hat. Seine
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Gesetze werden schließlich immer wieder überprüft und verfeinert. Tatsächlich
stimmen die Thesen meistens für sich genommen auch, doch leider gibt es einen
grundsätzlichen Denkfehler in dieser Vorgehensweise.
Denn es ist unmöglich, komplexe Sachverhalte in kleine Bauteile zu zerlegen,
diese zu erklären, und daraus wiederum sämtliche Schlüsse auf das Gesamte zu
ziehen. Beim Zerlegen eines Phänomens gehen Informationen verloren, die nicht
auf wissenschaftlicher Ebene zu finden sind.
Das Wissen über das Leben, das Gehirn und das Bewusstsein beispielsweise, hat
mehr als nur biochemische und elektrochemische Hintergründe. Zwar vermag es
die moderne Medizin, gewisse Empfindungen mittels chemischer Botenstoffe
auszulösen oder zu unterdrücken, aber die eigentliche Substanz eines Gefühls
kann auf diesem Wege nicht erforscht werden, weil Gefühle eben keine Substanz
besitzen. Die Grenze des methodischen Systems ist, dass wir auf dieser Basis
ausschließlich diejenigen Sachverhalte erforschen können, die wir selbst
„erschaffen“ haben.
Das bedeutet konkret, dass wir nur durch die vier Schritte, beobachten,
zerlegen, benennen und katalogisieren zu unseren Erkenntnissen kommen. Das
klingt für uns auch völlig normal, da wir uns gar keine andere Methodik
vorstellen können, um unbekannte Strukturen zu verstehen. Aber es ist nicht die
einzig denkbare Möglichkeit, und es wird nicht seit jeher auf diese Weise
vorgegangen.
Erst durch die Erfindung der Schrift begann der Mensch damit, gewissen
Gegenständen Namen zu geben. Das schriftlich fixierte Wort erlaubt es uns,
Situationen der Gegenwart zu entziehen. Der konkrete Bezug geht verloren, und
man ist in der Lage zu abstrahieren. In diesem Moment begann der Mensch,
auch sich selbst von anderen Gegenständen und Personen zu unterscheiden. Es
gab Unterschiede, die immer genauer untersucht wurden. Diese wurden
gesammelt, zusammengefasst und die ersten Theorien entstanden.
Subjekt, das „Ich“, und Objekt, die „gegenständliche Welt“ wurden strikt
voneinander getrennt. Was diesem Tag folgte war ein eifriges und unermüdliches
Katalogisieren. Für absolut alles musste ein Begriff gefunden werden, damit man
es unterscheiden und somit begreifen konnte. Die Einführung der Zahlen,
insbesondere der „Null“ erforderte ein enormes Abstraktionsvermögen, brachte
aber im Gegenzug die unglaubliche Möglichkeit mit sich, Ereignisse sogar
quantifizieren zu können. Der Mensch als Individuum war geboren.
Die Religiosität der Naturvölker war Ausdruck ihres Weltbildes. In der
prähistorischen Zeit konnte der Mensch sich selbst und die Natur nur als Einheit
verstehen. Deshalb beruhten Gottheiten auch auf Phänomenen, die mit dem
Ablauf des gesamten Lebens aller Lebewesen in diesem Umfeld
zusammenhingen. Das Selbstverständnis des Menschen und seine Denkart
waren untrennbar verwoben mit dem Ablauf seines Lebens und seiner gesamten
Umgebung. Ein kollektives Denken umspannte diese Menschen.
Mit
der
Einführung
der
Schrift
wurden
aus
den
Naturreligionen
Universalreligionen, bei denen ausschließlich der Mensch, insbesondere einzelne
Personen im Mittelpunkt stehen, und nicht mehr das Kollektiv. Vor allem wurde
seit dieser Zeit der Tier- und Pflanzenwelt eine untergeordnete Rolle
zugesprochen. Die Aufgabe der Natur besteht nunmehr darin, dem Menschen zu
dienen und ihm seine Bedürfnisse zu erfüllen.
Gutenbergs Buchdruck ermöglichte schließlich die weitläufige Verbreitung des
gedruckten Wortes, und damit den Siegeszug der Rationalität. Das „Ich“ des
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Einzelnen gewann zunehmend an Bedeutung. Die Vereinzelung der Menschen,
die damals begonnen hatte, ist mittlerweile zu der Vereinsamung der heutigen
Zeit geworden, und ist sozusagen die ungewollte Steigerung unserer
individuellen Ausprägung.
2) Die Festlegung der Zeit
Einen weiteren Effekt, den das Objektivieren von Gegenständen mit sich
brachte, war die Festlegung der Zeit. Seither wird unterteilt in Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft, damit man auch dem Ablauf der Zustände eine
Dimension geben konnte. Dass Zeit nicht unbedingt so linear verlaufen muss,
wie wir das empfinden, bestätigen einige interessante Erkenntnisse der Physik.
Das was wir unter Zeit verstehen, ist auch nur das Phänomen, das wir Zeit
genannt haben. Und auch das geschah nur, um die Welt noch weiter unterteilen
zu können, in der Hoffnung, sie dadurch besser zu verstehen.
Eine geregelte Landwirtschaft ist beispielsweise abhängig von der Kenntnis um
die Jahreszeit. Daher macht es durchaus Sinn, solche Unterscheidungen zu
treffen. Absolute Zeit gibt es aber nur in einer festgestellten, und als statisch
definierten Welt. Das relative Zeitempfinden weicht oftmals davon ab, was
bedeutet, dass für uns Menschen auch das subjektive Zeitempfinden von
Bedeutung ist.
Die „sich wandelnde Welt“ und die „Zeit“ sind zwar identisch, aber es wäre zu
kompliziert für uns, beide als Einheit zu begreifen. Daher trennen wir die Zeit
von unseren Betrachtungen zunächst ab, und gehen davon aus, dass dies unsere
weiteren Beobachtungen nicht verfälscht. Doch genau diese Trennung zerstört
die ureigene Information und den Zusammenhang zwischen den Ereignissen.
Genau deshalb sind wir auch oft erstaunt darüber, wie sich manche Dinge
entwickeln, respektive entwickelt haben. Im Grunde beinhaltet jeder Prozess
bereits seine möglichen Zustände in der Zukunft, ebenso wie den seiner
Vergangenheit. Dennoch können wir die Zukunft erst dann erkennen, wenn sie
zur Gegenwart wird.
Unsere Zukunftsprognosen, die wir aus Neugier erstellen, basieren aber fast
ausschließlich auf der Rationalität von Statistiken, der Extrapolation der
gegenwärtigen Situation sowie den empirischen Erfahrungswerten, die uns das
belegen sollen, was wir erhoffen.
Es wird nicht versucht, die Entwicklung aufgrund des „gesunden
Menschenverstandes“ und der Intuition vorherzusagen. Im Prinzip lässt sich
beinahe jeder Prozess gedanklich verfolgen, wenn man nur überlegt, wie er nach
allen Indizien verlaufen muss Anstatt ausschließlich nüchtern vorzugehen, kann
man meist „erspüren“, ob man mit seinen Vermutungen richtig liegt. Ein simples
Beispiel soll das verdeutlichen, denn es ist wirklich nicht einfach, vierdimensional
zu verstehen.
Einmal angenommen wir möchten herausfinden, ob sich ein bestimmtes Produkt,
sagen wir eine neue Handcreme, gut verkaufen lässt Dann könnten wir
Marktanalysten und Werbestrategen beschäftigen, die Umfragen starten, einen
passenden Namen finden und im besten Fall einen Bedarf des Marktes ausfindig
machen, oder sogar durch Werbung selbst erzeugen.
Oder aber wir fragen uns selbst, ob dieses Produkt gebraucht wird, und was wir
tun müssten, damit wir es überhaupt selber kaufen würden. Nun muss unser
Geschmack nicht identisch mit dem anderer Menschen sein, aber es ist eigentlich
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nicht besonders schwierig, sich zu überlegen, wie die Menschen, die man sie
selbst in seinem Leben kennengelernt hat, auf dieses Produkt reagieren würden.
Vermutlich unterschiedlich, da sie sich ebenfalls voneinander unterscheiden. Wer
keine Handcreme benutzt, wird auch diese nicht wollen, egal wie gut sie ist. Aber
welche Ansprüche hätten diejenigen, die unsere Zielgruppe darstellen würden?
Es dauert nur wenige Minuten, um sich völlig sicher zu sein, wie man die
Vermarktung bewerkstelligen müsste, wenn man seinem Gefühl vertraut.
Vorausgesetzt natürlich, man ist geübt darin.
3) Getrennte Wege
Es ist einfach nicht möglich, das Gesamte zu begreifen, indem man versucht es
in Worte zu fassen, denn Worte sind aus der Unterteilung heraus entstanden.
Und genau diese Unterteilung erschwert das Begreifen des Unbegreiflichen.
„Den Inhalt eines Begriffes allgemeingültig definieren, also endgültig festlegen
zu wollen, ist an sich schon wahrheitswidrig.“ (Hans A. Pestalozzi)
Wir sehen Emotionalität getrennt von Rationalität. Schwarz und Weiß;
Gegensätze, die anscheinend nicht vereinbar sind. Zwei verschiedene Wege, die
getrennt voneinander betrachtet werden.
„Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
Zum Schauen des wunderbaren Wesens, in Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden nach dem Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.“
(Lao Tse)
Lao Tse sah die beiden scheinbaren Extreme, die greifbare, räumliche Welt und
die Welt des Nichtseins, die nichtstoffliche Welt, in sich vereinigt. Sie
unterscheiden sich nur dem Namen nach, also in dem, was der Mensch
gedanklich getrennt und unterteilt hat. Diese Trennung führte zu dem Problem,
dass uns vieles unvollständig und disharmonisch vorkommt.
Es fehlt eine Seite, die wir längst vergessen haben, und zwar in beiden
Richtungen. Die Rationalität stößt auf die Grenze des Sinnes; manche logischen
und richtigen Gedankenoperationen führen nicht zu einem Ziel, obwohl sie
keinen Fehler enthalten. Ein Beispiel hierfür sind paradoxe Gedankenspiele, die
sich aus Wahrscheinlichkeitsrechnungen ergeben.
Und manch spirituelle Überlegung ist zu weit von unserer vorgefundenen Realität
entfernt, um brauchbar für unser Leben zu sein. Die beiden Wege, Logik und
Spiritualität sind an sich zwei Seiten derselben Medaille; die Trennung beider
Seiten erfolgte durch uns, vor rund 4000 Jahren.
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Die getrennten Wege führen auch weiterhin voneinander weg; es liegt an uns,
ob wir das möchten. Denn je größer der Abstand beider Wege ist, desto
schwieriger gestaltet sich der Spagat, den wir bewerkstelligen müssen, um
damit zurechtzukommen.
II. Die Folgen unserer Ideologie
Ich sprach bereits von dem Leistungsdruck, der uns Menschen an die
Zeiteinteilung bindet. Versagensangst ist die Folge von Überforderung. Schon in
der Schule, begegnet uns eine Erwartungshaltung, die verständlicherweise
Blockade und Abwehr der Pennäler hervorruft. Da sie ihre Aufgaben dennoch
erledigen müssen, ist negativer Stress die Folge, den sie als „unvermeidbares
Übel“ empfinden. Ist das wirklich so; ist unser Leid unvermeidbar?
1) Unser Versuch, sich damit zurechtzufinden
Uns alle begleitet eine Bürde aus latenter Angst, die uns unseren Lebtag
verfolgt, bestehend aus fehlendem Selbstvertrauen und körperlicher
Verklemmung. Angst und Schmerz, also Signale des Leids bekunden unsere
Angepasstheit an einen desolaten Zustand. Unser Lebensstandard wir laufend
erhöht, ohne die Lebensqualität und unser Wohlbefinden tatsächlich zu steigern.
Der rein technische Fortschritt ist eine leere Expansion, denn er macht unser
Leben zwar perfekter, aber nicht besser.
Der sogenannte „Fortschritt“ unserer Zeit ist ein Kind unserer Erwartungshaltung
an andere Menschen. Wir möchten, dass sie ihre Arbeit noch schneller,
effizienter, günstiger und hochwertiger gestalten.
Das Problem dabei ist, dass diese Erwartung wie ein Bumerang zu uns
zurückkehrt und wir trotz Auto, Computer, Organizer und Handy noch dieselben
Menschen sind, wie vor 4000 Jahren. Sigmund Freud machte deutlich, wie
schwer das Leben sein kann:
„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zu viel
Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können
wir Linderungsmittel nicht entbehren. Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei:
Mächtige
Ablenkungen,
die
unser
Elend
gering
schätzen
lassen;
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Ersatzbefriedigungen, die es verringern; Rauschstoffe, die uns für dasselbe
unempfindlich machen. Irgendetwas in dieser Art ist unerlässlich“
Freud selbst wählte die wissenschaftliche Arbeit um sein Elend zu lindern, also
Leistung und Fortschritt als Flucht vor der Sinnleere. Er ist ein Paradebeispiel für
den modernen Menschen. Durch seine Selbstanalysen ist es vielen bewusst
geworden, was für ein Paradoxon unser Leben doch zu sein scheint.
Die von ihm erwähnten „Beschäftigungsmaßnahmen“ kennt jeder von uns.
Schon Mephistopheles riet Faust zur Genesung seiner „Raserei“: „Begib Dich auf
ein Feld, fang hacken an und graben.“
Auch Goethe weiß, wovon er sprach, denn auch er war das, was wir heutzutage
einen „Workaholic“ nennen würden. Der Dichter Goethe konnte nur überleben,
weil der Wissenschaftler in ihm, die schlaflosen Nächte füllte. Ist das der Weg,
den auch wir gehen wollen?
Zugegeben, wir können sehr froh sein, dass sowohl Freud als auch Goethe so
arbeitswütig waren, da wir sonst nicht in den Genuss ihrer Überlegungen
gekommen wären. Dennoch bleibt die Frage offen, inwieweit sie selbst damit
zufrieden waren.
Außerdem waren sie zu ihrer Zeit Ausnahmen; Vertreter eines gewissen
Menschenschlags, der sich mehr oder minder freiwillig diesem Ehrgeiz
verschrieb. Heute sind diese Eigenschaften Standard, denn es wird von jedem
von uns erwartet, übermenschliche Leistung zu erbringen.
„Mächtige Aufgaben“, wie übertriebener Ehrgeiz, finden sich heutzutage ebenso
gehäuft, wie Beispiele für „Ersatzbefriedigungen“. Letztere tauchen in Form von
Geld, Macht und Aggression auf breiter Front auf. Auch die Gewalt, die sich
gegen uns selbst richtet, gehört dazu. Es sterben heutzutage mehr Menschen
durch Selbstmord, als im Straßenverkehr! Das sollte uns zu denken geben. Denn
die Kompensation der inneren Leere durch Ersatzhandlungen wäre nicht nötig,
wenn wir von vorneherein richtig leben würden.
Ein Motiv, das uns immer wieder begegnet, ist der Gewöhnungseffekt. Der
Mensch ist in der Evolution als Sieger hervorgegangen, weil er imstande ist, sich
jeder noch so ungünstigen Lebenssituation anzupassen.
Das hat immense Vorteile, denn so sind wir in der Lage, allerlei Mängel und
harsche Bedingungen zu ertragen, ohne sie überhaupt zu bemerken. Der
Nachteil liegt jedoch auf der Hand: Wir sind prädestiniert für Selbstbetrug und
Abhängigkeiten jeglicher Art.
Wer beispielsweise auf dem Land groß geworden ist und biologisch angebaute
Lebensmittel kennt, der wird bemerken, wie schlecht die synthetischen und
degenerierten Pendants aus dem Supermarkt sind. Stadtmenschen finden sie
hingegen schmackhaft.
Die erste Zigarette und der erste Schnaps schmecken ekelhaft und signalisieren,
wie schädlich sie für das Wohlbefinden sind. Wer daran aber gewöhnt ist, will
nicht mehr davon lassen.
Bei unserer süßen, salzigen und fettreichen Nahrung müssten Naturvölker
regelrecht erbrechen. Wir glauben, dass sie „normal“ ist. Und genauso wie diese
Beispiele es zeigen, sind die meisten Situationen nicht vom Schicksal bestimmt
oder genetisch bedingt, sondern pure Angewöhnung.
Unsere Anpassungsfähigkeit erlaubt uns zwar unseren Irrsinn, was aber nur zur
Überbrückung von kurzzeitig schlechten Zeiten, nicht aber als Dauerzustand
gedacht war.
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2) Die Sehnsucht nach Reizen
Eine gewichtige „mächtige Ablenkung“ unserer Zeit ist der Konsum. Bereits in
der Schule hat ein „Markendiktat“ Einzug erhalten. Dabei ist unser einziger
Mangel der an Mangel. Wir wollen alles mitnehmen und auskosten, und bloß
nichts versäumen. Außerdem sind wir geneigt, uns damit zu beeilen, denn das
Leben ist sehr kurz.
Viele versuchen daher, die Kerze an beiden Enden anzuzünden, und verlieren
sich in ihrer Genusssucht Unser Konsumverhalten und die Wegwerfmentalität
hat auf nahezu alle Lebensbereiche übergegriffen. Einfach gesagt: Uns geht es
zu gut!
Der große Wohlstand, die künstliche Sicherheit und die fehlende Gefahr lassen
uns träge werden. Wir haben verlernt, unsere Mitmenschen zu schätzen und zu
brauchen. Alles ist selbstverständlich geworden.
Eine Überflutung mit ständig wechselnden Reizen wird von vielen bewusst
gesucht. Optische, akustische, chemische und haptische Signale werden
herbeigesehnt, um der Schnelllebigkeit einen Sinn einzuverleiben.
„Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen nicht wissen, was sie wollen, aber
alles tun, um es zu bekommen.“ (Donald Marquis)
Solch rastlose Menschen fangen alles an und bringen fast nichts zu Ende; zu
groß sind ihre Nervosität und ihre Konzentrationsprobleme. Sie haben keinen
festen Grund unter ihren Füßen und verlieren leicht die Orientierung. Durch ihre
Oberflächlichkeit erreichen sie niemals die volle Intensität des Lebens. Sie haben
viel gesehen, aber nichts erreicht, da sie sich selbst durch Haben und nicht
durch Sein definieren. Ist das der Preis unserer modernen Zivilisation? Oder
anders gefragt: Ist diese Ideologie ihren Preis wenigstens wert?
Nein, denn die geistige und seelische Leere ist mit materiellen Gütern nicht zu
füllen.
Unsere
Freizeitkultur
befriedigt
nicht
nachhaltig.
Die
Unterhaltungsindustrie boomt, und wir folgen brav wie die Lemminge.
Künstliche Bedürfnisse werden erzeugt durch das „Progressionsphänomen“.
Neues wird zum Standard, schließlich selbstverständlich und kurz danach
langweilig. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen ist von Anfang an zweitrangig.
Das Tempo, mit dem wir vorgehen, wird aber immer größer. Wir überschlagen
uns regelrecht mit unseren Neuerungen.
Normalerweise braucht eine technische Neuerung von der Veröffentlichung, bis
zur breiten Akzeptanz in der Bevölkerung in etwa 20 Jahre. Mit dieser Regel ist
seit Beginn des Computer- und Internetzeitalters Schluss. Auch ohne selbst
einen konkreten Sinn darin zu sehen, folgt die Masse blind dieser neuen
Euphorie. Das olympische Prinzip: „Dabei zu sein, ist alles“, wird
umfunktionalisiert und auf den Konsum übertragen.
Das eigentliche Problem hierbei ist, dass wir gelernt haben, dass alles noch
verbessert werden kann, und zwar innerhalb kurzer Zeit. Anders gesagt: Wir
wissen, dass nichts gut genug ist, was bereits existiert, da es schon in
absehbarer Zeit etwas viel Besseres auf diesem Gebiet geben wird. Also kann
uns nichts mehr zufriedenstellen, da der Markt bereits an der Fertigstellung von
etwas noch viel Atemberaubenderem ist.
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Wer sich in den letzten Jahren einen Computer zulegen wollte, kennt das
Problem des schnellen Alterns; schon kurz, nachdem wir ihn erworben haben,
genügt es nicht mehr den Anforderungen der Softwareindustrie.
Wir glauben, mit diesem Konsumverhalten ein Höchstmaß an Lebensqualität
anzustreben, können aber das bereits Erreichte gar nicht mehr genießen. Der
schlimmste Tag wäre für uns der, an dem wir alles Machbare erreicht hätten;
wenn mit den Neuerungen Schluss wäre, und wir aufhören müssten, unsere
Entwicklung zu beschleunigen. Dabei brauchen wir viele Erfindungen überhaupt
nicht. Sie sollen nur dazu dienen, Abwechslung in unser ansonsten eher
langweiliges Dasein zu bringen.
Bis wir von einer Erfindung erfahren, haben wir meist noch keinen Gedanken
daran verschwendet. Wir haben uns gut ohne sie zurechtgefunden und nichts in
der Art vermisst Ist die Erfindung aber erhältlich, dann müssen wir sie unbedingt
haben. Die Waschmaschine wurde von den Hausfrauen noch herbeigesehnt, der
elektrische Dosenöffner war bereits unnötig, und der Eierkocher ist absolut
überflüssig.
Ob wir solche Erfindungen brauchen ist sekundär, denn wir werden schon eine
Anwendung dafür finden. Sie zu besitzen und vorzeigen zu können ist oft schon
Motiv genug. „Ich bin modern und gehe mit der Zeit“, ist die Selbstaussage, die
uns mit diesem Verhalten signalisiert wird. Der Psychologe Viktor Frankl
beschreibt die moderne Hetze folgendermaßen:
„Es gibt auch auf psychologischem und nicht nur auf physikalischem Gebiet
einen Horror Vacui, die Angst vor der Leere. Im Versuch, das existentielle
Vakuum durch Motorenlärm und Geschwindigkeitsrausch zu übertönen, sehe ich
die psychodynamische vis a tergo der so rapide zunehmenden Motorisierung. Ich
halte das beschleunigte Tempo des Lebens von heute für einen, wenn auch
vergeblichen Selbstheilungsversuch der existentiellen Frustration; denn je
weniger der Mensch um sein Lebensziel weiß, desto mehr beschleunigt er auf
seinem Weg das Tempo.“
So lässt sich auch beispielsweise die gegenwärtige Beschleunigung der
Naturwissenschaft veranschaulichen. Der Kampf um Posten, Publikationen und
Patente hetzt die Forscher gegeneinander auf. Schon lange ist nicht mehr die
Verbreitung von Wissen gefragt, sondern dessen Vermarktung. Bislang
funktioniert das noch sehr gut, doch durch die immer höhere Spezialisierung des
Einzelnen, die Kommerzialisierung des Ganzen und der teilweisen Unsinnigkeit
einiger Forschungsbereiche, wird sich dieses System in absehbarer Zeit selbst
ausbremsen.
Frankl erachtet auch die steigende Aggression in unserer Gesellschaft, sowohl
gegen sich selbst als auch gegen andere, als ungerichtete Aktivität zur
Erzeugung von Bewegung. Die Sehnsucht nach sinnvoller Bewegung und damit
verbundenem Existenzgefühl erzeugt Hilflosigkeit und Angst. Ein „um sich
schlagen“ ersetzt die triste Leere und seelische Stille.
Akustischer Lärm ist allgegenwärtig. Die wenigsten Menschen ertragen eine
Stille, die sie mit ihren Gedanken alleine lässt Wer sich nicht ständig mit etwas
beschäftigt und neue Reize empfängt, der ist seinem Innersten geradezu
ausgeliefert und beginnt zu grübeln.
Ruhe wird zwar erwünscht, aber wenn sie tatsächlich einmal eintritt, werden
viele nervös und unruhig. Schnell wird zur Fernbedienung gegriffen und das
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Radio oder der Fernseher eingeschaltet. Musik oder Gespräche, egal, um welche
Geräusche es sich handelt, die Hauptsache ist, dass eine Geräuschkulisse die
Anwesenheit anderer Menschen simuliert und so die Einsamkeit und
Nachdenklichkeit vertreibt.
Freud sprach auch von der Möglichkeit der Rauschstoffe, um das Leben
annehmbar zu machen. Alkohol und Drogen stumpfen die Wahrnehmung ab und
machen das unerträgliche Sein zumindest kurzfristig etwas vertretbarer.
Es gibt auch etwas harmlosere Mittel, die zwar keinen Rausch erzeugen, aber
dennoch
befriedigende
Veränderungen
in
uns
hervorrufen.
Der
Medikamentenabusus und der Erfolg der Lifestyledrugs zeigen deutlich die
Popularität einer Flucht in diese Scheinwelten. Es sind nicht mehr nur die
„Versager“, die zu Drogen greifen. Der Alkoholmissbrauch findet sich in allen
Gesellschaftsschichten,
ebenso
wie
der
Griff
zu
Schlaftabletten,
Schmerztabletten, Psychopharmaka und Appetitzüglern.
3) Der Verlust unserer Fähigkeiten
Der Mensch verfällt, wenn er keine Aufgabe und keine befriedigenden Kontakte
im Leben findet. Anders gesagt: Ein solcher Mensch erfüllt keinen Zweck und ist
für die Gesellschaft entbehrlich. Folglich wird er vom harmonischen System nicht
länger unterstützt. Das wiederum verstärkt sein Leiden und die Abkehr vom
rechten Weg. Wer einmal in einen Teufelskreis hineingeraten ist, der findet nur
schwer aus eigener Kraft wieder heraus.
Es gibt kein Tier, das nicht selbst wüsste, was es für sein Wohlbefinden und
seine Gesunderhaltung benötigt, oder wie es seine Nachkommen behandeln
müsste, damit sie sich optimal entwickeln. Der zivilisierte Mensch scheint das
aber vergessen zu haben, oder präziser gesagt, er hat es verlernt.
Im Vergleich zu den Naturvölkern wird klar, wie groß und wertvoll unser Stand
der Zivilisation ist. Wer wollte schon so primitiv leben wie sie? Aber auch der
Preis, den wir dafür entrichten müssen, wird erkennbar.
Würden wir den Erfolg einer Gesellschaft nicht ausschließlich mit unseren
Maßstäben messen, und hätten wir nicht in das Leben dieser Völker eingegriffen
und ihre Kultur mit unserer vermischt, wie sähe es dann aus? Warum sind diese
Menschen nicht unglücklich, weil sie keinen Computer besitzen? Warum
beneiden sie uns zwar um unsere Nahrung und Behausungen, nicht aber um
unsere Aktienfonds und Espressomaschinen?
Fortschritt soll in der Regel dazu dienen unsere Lebensqualität zu verbessern.
Ein Beispiel ist das Gesundheitswesen. Durch Hygiene, Schutzimpfungen und
einer inhaltsreichen Ernährung sind wir „technisch“ diesen einfacheren Kulturen
voraus. Dennoch werden auch wir häufiger als diese krank und schlagen uns mit
den sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ herum.
Unser Körpergefühl hat im Vergleich zu den ursprünglichen, naturverbundenen
Völkern deutlich an Substanz verloren. Wir verstehen uns sehr gut darin, defekte
Körper zu reparieren, aber haben den Bezug zur Gesundheit als solche verloren.
Wir werden zwar älter, haben aber dafür schon in jungen Jahren Krankheiten,
die es in einfachen Kulturen überhaupt nicht gibt.
Ein weiteres Beispiel ist die Erziehung unserer Kinder. Zu wissen, was richtig ist,
ist ein Urgefühl, ein angeborenes Gespür. Wir wissen intuitiv, wie wir ein Baby
halten müssen und brauchen keine Bücher um es zu erlernen. Im längerfristigen
Bereich hingegen, also der Erziehung, ist manchen Eltern hierzulande das
urtümliche Gespür abhandengekommen. Sie wären ohne fremde Hilfe nicht in
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der Lage, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu stillen. Das ist ein Armutszeugnis für
eine Kultur, die den anderen überlegen sein möchte!
Und genau hier ist auch der Ursprung für viele unserer individuellen Probleme zu
suchen. Kleinkinder schreien, wenn etwas für sie nicht „richtig“ ist. Selten wird
das von den Eltern vollständig und erschöpfend beachtet, da sie keine Zeit für
ihren Nachwuchs aufbringen wollen oder können.
Angst und Unsicherheit ist von diesem Zeitpunkt ein stetiger Begleiter des
jungen Lebewesens. Anscheinend ist das eigene Verhalten, das lediglich
legitimen Bedürfnissen entspringt, „falsch“. Folgerichtig empfindet sich das Kind
selbst als falsch und deplatziert Um dennoch zu bestehen sind Kinder auf äußere
Autoritäten angewiesen. Sie lernen sich anzupassen und klammern sich an den
Schutz, der ihnen gegeben wird.
Ihre nichterfüllte Hoffnung wird an eine äußere Zeitskala geknüpft, vertagt und
fortan in der Zukunft gesucht. Ihre Bedürfnisse und Wünsche sind ab diesem
Zeitpunkt in der frühen Kindheit untrennbar mit Bedingungen verknüpft, die erst
in der Zukunft erfüllt werden. Es entsteht die klassische „Wenn-dannBeziehung“; wenn dies und jenes geschieht, dann bin ich glücklich.
Die kausale und temporäre Verknüpfung des glückserfüllten Zustandes an
Bedingungen und äußere Umstände prägt unser Verständnis von der Welt und
unserem Leben. Sich glücklich zu fühlen ist für die meisten nicht der
Normalzustand ihres Lebens, sondern das Ziel. Das Gefühl, etwas Unbestimmtes
verloren zu haben, dominiert über viele Jahre ihr Handeln. Ein Gewinn ist für sie
untrennbar verknüpft mit einem zukünftigen Ereignis, wie dem Kennenlernen
von weiteren Personen.
Doch genauso, wie wir den Zustand der letzten Erfüllung erreichen wollen, so
sehr fürchten wir uns auch davor. Finanziell bessergestellte Menschen kennen
die missliche Lage, dass sie sich nicht länger vormachen können, dass es ihre
schlechte Stimmung heben könnte, wenn sie einen gewissen Gegenstand
besitzen würden. Denn sie besitzen ihn bereits und anderen Luxus ebenfalls,
aber glücklich hat sie das nicht gemacht.
„In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was
man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.“ (Oscar Wilde)
„Angenehm“ ist es, seine materiellen Wünsche zu verwirklichen, aber es stillt
nicht dieses Gefühl der Unvollkommenheit. Im Gegenteil, die Frustration
verstärkt sich, denn man müsste dann ja theoretisch wunschlos glücklich sein,
aber man ist es nicht.
Die Folge ist Verwirrung, Ratlosigkeit und der Selbstvorwurf, undankbar zu sein.
Schließlich entsteht Panik, gekoppelt mit Enttäuschung und Depression. Wie die
Windhunde auf der Rennbahn den künstlichen „Hasen“ niemals bekommen,
erreichen diese Menschen auf ihrem Weg nicht das verlorene Gefühl, dass alles
richtig so ist, wie es ist.
Mit den Jahren werden die Denkstrukturen unserer Kindheit gefestigt, und eine
individuelle Realität samt entsprechendem Umgang damit erzeugt. Wir lernen
mit unserem Leben zurechtzukommen, wie es sich uns präsentiert. Wir sind, wie
ich schon sagte, in der Lage, auch unter schlechten Bedingungen zu überleben.
Dieser Vorteil ist in unserem Fall ein Nachteil, denn wir leben momentan unter
schlechten Bedingungen. Nicht Hunger oder ein harsches Klima, Feinde oder der
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Mangel an Rohstoffen ist unser Problem, sondern die Einseitigkeit und der
Mangel an Harmonie.
Leider greift der typisch menschliche Überlebensinstinkt auch bei den
ursprünglich einseitig erzogenen Menschen. Sollten ihre spätere Erfahrungen
nicht mit dem Muster übereinstimmen, das sie in ihrer Kindheit geprägt hat,
dann werden sie auf Biegen und Brechen versuchen, ihre Ansichten dahingehend
zu beeinflussen, dass sie dem erwarteten Wesen entsprechen. Wir interpretieren
das Bild unserer Welt auf die Weise, wie wir es sehen möchten, und deklarieren
diese selbsterdachte Welt zur einzig Wirklichen.
Seit der Mensch sich seiner selbst bewusst ist, verspürt er zunehmend das
„Getrenntsein“ vom Ganzen. Wir wissen auch von unserem Dilemma und
versuchen mithilfe von Philosophien, Religion und Naturwissenschaften zum
Ursprung zurückzukehren.
Die jeweiligen Teile wurden zwar immer mehr verfeinert und fast bis zur
Perfektion erkundet, doch leider führten uns diese Wege nur noch weiter weg,
weil versäumt wurde, die Gesamtheit aller Bereiche einzubeziehen.
Diese Fehlschläge führten dazu, dass wir nunmehr häufig ratlos sind, denn es
scheint unmöglich, alle Ansätze miteinander zu verbinden. Doch wenn dies nicht
gelingt, was sollen wir dann tun? Lassen wir den uns verbliebenen Rest des
emotionalen Schatzes von der Naturwissenschaft auch noch entzaubern? Oder
ignorieren wir die Fakten und Beweise, die uns die Forschung bereits erbracht
hat, und lehnen sie ab, um eine naive, aber pseudoharmonische Weltsicht
aufrechtzuerhalten? Wir stehen wirklich vor einem Problem.
III. Der Umgang mit dem Wandel
Vor allem die Verwissenschaftlichung des zwischenmenschlichen Umgangs hat
Schwierigkeiten mit sich gebracht. Der Wunsch, objektive, allgemeine und
reproduzierbare Ergebnisse zu bekommen, entspricht dem Charakter des Homo
sapiens. Dass er aber seine eigene unveräußerliche Identität vernachlässigt,
indem er sich auf Couch und Objektträger legt, wird ihm erst allmählich klar.
Können wir mit all dem Wissen, das uns dank der modernen Psychologie zur
Verfügung steht, überhaupt noch Mensch sein? Wann immer ich zugegen bin,
müsste ich Tausende von Regeln beachten und gleichzeitig locker und spontan
sein. Ein Widerspruch in sich. Und selbst wenn es mir gelänge, viele Regeln zu
beachten, würde ich zeitgleich andere Leitsätze damit verletzen. Für jede
Theorie und jeden Experten lässt sich eine vergleichbar qualifizierte Meinung
finden, die das exakte Gegenteil behauptet.
Die Verwissenschaftlichung und Exklusivität der Psychologie ist eine der
traurigsten Entwicklungen unserer Zeit. Fachbegriffe, die nur noch Insidern
zugänglich sind, verhindern, dass die Lehre der Psyche allen Menschen
zugänglich ist.
Doch nicht der am Besten gerüstete, sondern jeder Mensch sollte die Möglichkeit
zu einer erfolgreichen und harmonischen Lebensführung haben. Äußere
Faktoren, wie Gesundheit oder unser finanzielles Einkommen grenzen unsere
Möglichkeiten bereits genug ein. Und grundsätzlich betrachtet sind sich alle
Menschen biologisch und psychisch sehr ähnlich. Wir alle empfinden die gleichen
Gefühle und haben vergleichbare Bedürfnisse. Es ist also ein Fehler, die
Psychologie nur einem elitären Zirkel verständlich machen zu wollen.
Selbsterfahrungsgruppen, Seminare und zahllose Bücher vermitteln den
Eindruck, dass theoretische Bildung der Schlüssel zum Glück ist. Dies ist sogar
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bedingt richtig, da Wissen ein Werkzeug von vielen ist, um etwas zu verstehen.
Aber ich möchte klarstellen, dass nicht allein Bücherwissen zu einer persönlichen
Erfahrung verhilft. Wer sich als „Wolf im Schafspelz“ mit Fremdwörtern und
Fachausdrücken brüstet, ohne seine Absichten auf dem Prüfstand gehabt zu
haben, der wird früher oder später straucheln, denn er begibt sich in eine
trügerische Naivität. Er weiß um seine Lage, versteht aber nicht genug darüber,
um sie zu verändern.
Was bewirkt denn eine zu rationale und wissenschaftliche Sichtweise? Ich
möchte ein simples aber anschauliches Beispiel bringen, indem ich einen Cocktail
beschreibe:
Physikalisch gesehen lassen sich Masse und Volumen messen, deren Quotient,
also die Dichte bestimmen, sowie viele andere solcher Eigenschaften, wie die
Viskosität der Flüssigkeit, die Farbe und Farbintensität, der Auftrieb, der den
Eiswürfeln widerfährt, die Temperatur, sowie die elektrische Leitfähigkeit.
Die Chemie ermittelt mir die Zusammensetzung mit den dazugehörigen Anteilen,
den Alkoholgehalt und den pH Wert. Ich erfahre etwas über die Strukturen der
Inhaltsstoffe und deren Wechselwirkungen. Die Biologie erklärt mir nun die
Stoffwechselvorgänge, die das hypothetische Konsumieren dieser Flüssigkeit zur
Folge hätte.
Aber nur mein Gefühl sagt mir, dass ich Durst habe. Auch dies ist ein
biologischer Vorgang, aber es geht noch weiter; ich beginne beim Anblick des
Glases zu assoziieren. Ich erinnere mich, wie köstlich das Getränk duften müsste
und überzeuge mich davon.
Das wiederum induziert weitere individuelle Gefühle. Wer keinen Alkohol mag
oder ihn nicht trinken darf, empfindet anders, als jemand, der in Trinkstimmung
ist. Während der eine mit Enttäuschung reagiert, ist der andere entzückt.
Auch die Ästhetik lässt sich nicht wissenschaftlich erklären. Natürlich gibt es
typische Farben, die ein Lebensmittel in der Natur hat. Aber bietet das Glas,
logisch betrachtet einen „schönen Anblick“? Ist das Getränk denn allein aufgrund
seiner Zusammensetzung „schmackhaft“? Symmetrie, Farbe, Lichtbrechung und
Ordnung allein können das hübsche Arrangement nicht erschöpfend erklären.
Die Kernfrage lautet, was für mich persönlich entscheidend ist? Die
physikalischen Daten oder die Empfindung? Löst die Fotografie des Getränkes,
also das „virtuelle Getränk“ nicht abgeschwächt dieselben Empfindungen hervor?
Die Verheißung eines Genusses ist nun wirklich nicht messbar!
Sicherlich, die Logik hat auch ihre Berechtigung, denn was nützt mir der
schönste Cocktail, wenn die Menge nicht ausreicht? Das ist ein objektives
Merkmal. Umgekehrt gilt aber auch: Will ich nichts davon haben, dann
beeindruckt mich auch eine große Menge nicht.
1) Das Zusammenspiel von Logik und Emotionalität
Die Außenwelt wirkt auf die innere Welt und färbt in Form unserer Taten wieder
auf die Außenwelt ab. Nur das Wechselspiel beider Wege zugleich kann einen
Gewinn für unser Leben darstellen.
„Die Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum
Handeln.“ (Max Planck)
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Reiner Rationalismus kann nicht glücklich machen. Andererseits sind wir ebenso
umgeben von allerlei „alten Weisheiten“ und Scharlatanerie, also Unwahrheiten,
die uns auf emotionaler Ebene in die Irre leiten.
Das „alte Wissen“ hat sich inzwischen so verbreitet, dass wir es kaum noch
loswerden. Noch immer glauben Menschen an Glücksbringer, Amulette und
Zaubertränke, mit denen sie unwiderstehlich oder zum Nichtraucher werden,
ihnen neue Haare sprießen oder das Fett wegschmelzen soll. Es gibt etlichen
Hokuspokus, und zunehmend mehr Menschen hören auf „Omas Geheimrezepte“,
anstatt sich auf fundierte Tatsachen zu verlassen. Der Wunsch dahinter ist
deutlich: Alles sollte einfach, überschaubar, menschlich und ein wenig rätselhaft
bleiben.
Doch das völlig Falsche zu tun kann etwas teilweise Falsches, da Einseitiges,
nicht revidieren. Uns begegnet derzeit ein Overflow an Spiritualität, eine wahre
Inflation des Glaubens. Zu viele, häufig widersprüchliche, inkompatible,
gegensätzliche oder gar unsinnige Philosophien wirken auf uns ein, ohne dass
wir sie wirklich verstehen. Die Einseitigkeit auf emotionaler Ebene ist nicht
minder falsch, wie die der Logik. So ist mittlerweile ein kommerzieller Markt des
Glaubens entstanden, und wie auf jedem anderen Markt, sind auch hier die
meisten Angebote Schrott.
Heute kann jeder ganz einfach seine „Absolution“ erwerben, in Form von
Tarotkarten, Büchern von indischen Gurus und okkulten Gegenständen. Diverse
akustische Mittel, wie Mönchschoräle und Walgesänge sorgen für die
musikalische Untermalung. Die Prinzipien und Lehren werden dabei zumeist bunt
vermischt und so verzerrt, bis etwas herauskommt, das uns zusagt. Ein paar
Kultgegenstände für zuhause, mal eben übers Internet bestellt, das soll uns die
Erleuchtung bringen.
„Und wenn es nicht funktioniert, wechsle ich meinen Glauben eben wieder.“ So
oder ähnlich gehen viele Menschen heutzutage vor und glauben allen Ernstes,
dass sie etwas anderes damit erreichen könnten, als Unkenntnis und Frustration.
Bereits römische und griechische Philosophen warnten vor dem einseitigen
Denken, indem sie sich damit auseinandersetzten. Sie wollten sagen: „Seht her
was passiert, wenn wir es so machen“. Aber die Menschen haben diese
Warnungen missverstanden, und als Anregung gedeutet, denn sie begannen
damit, sie in die Tat umzusetzen. Dabei wurde schon ihnen verdeutlicht, was der
richtige Weg wäre.
Der ideale Grundzustand befindet sich zwischen den Extremen. Sofern es nur
Extreme gibt, und das ist meistens der Fall, dann ist der dynamische Wechsel
zwischen ihnen entscheidend. Ruhe und Anspannung, ein- und ausatmen, nur
dieses permanente Wechselspiel erlaubt es uns zu leben.
Wir stehen in ständigem Wettbewerb mit unseren Mitmenschen und wollen
ihrem Urteil entgehen oder mit ihnen Schritthalten. Deshalb fühlen wir uns
permanent beobachtet, bedroht und bewertet. Anstatt nur die zu erfüllende
Aufgabe vor Augen zu haben, vergeuden wir sehr viel Zeit und Energie an dieses
Spiel. Unseren Gefühlen gegenüber, die uns sagen wollen, was gut für uns ist,
hegen wir Misstrauen und vertrauen im Zweifelsfall eher unserem geübten
Intellekt, der aber eine Angelegenheit des Herzens gar nicht beurteilen kann.
Selbst wenn wir noch so brillante Denker sind, und alles Wissen einsetzen, das
uns zur Verfügung steht, können wir die Seele nicht überflüssig machen. Wenn
der Intellekt nicht zuständig ist, dann sollte er sich auch nicht übermäßig
einmischen.
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Unser Unterbewusstsein regelt in jedem Augenblick viele Beobachtungen,
Berechnungen, Synthesen und Ausführungen, und dennoch haben wir es
bewusst degradiert. Dabei ist es sogar energiesparend und effizient, seinen
Gefühlen keinen Maulkorb zu verpassen, sondern ihnen ein gleiches Stimmrecht
einzuräumen.
Unser gesamter Organismus in seiner Dreieinigkeit besteht aus Erwartungen, die
im Laufe der Evolution an ein Lebewesen, das unsere ökologische Nische
besetzen möchte, gestellt worden sind. Viele anderen Arten und Gattungen
wurden ausgelöscht, weil sie nicht ebenso vielseitig waren. Es soll jetzt nicht der
Eindruck entstehen, dass dieser Prozess vorbei wäre, aber er läuft verglichen mit
unserer Lebensspanne, endlos langsam ab.
Wir sind durch Selektion als einer der Sieger hervorgegangen, und sind folglich
für ein Leben auf diesem Planeten zumindest besser entwickelt, als Tausende
ähnlicher Anwärter auf unsere Rolle im Ökosystem. In der Regel gelangen wir
deshalb auf diese Welt mit einem ausgezeichnet durchdachtem Körper und
erfreuen uns guter Gesundheit.
Unsere Augen beispielsweise erfassen die elektromagnetische Strahlung in
einem Bereich, der es uns erlaubt, die Strukturen der Erde gut zu erkennen.
Auch unsere Lungen wissen genau, was sie zu tun haben. Es gibt noch etliche
ungeklärte Vorgänge in unserem Organismus, aber jeder Teil von uns hatte oder
hat einen Sinn. Demnach können wir nur sinnvoll existieren, wenn wir auch alle
Teile und Fähigkeiten einsetzen.
Eine Hand mit zehn Fingern wäre nicht so vielseitig, wie zwei Hände mit jeweils
fünf. Es würde keine Rolle spielen, welche der beiden Hände überrepräsentiert
wäre, sinnvoll ist ausschließlich das Mittelmaß, bei dem sich beide Hände zu
einem kompletten Werkzeug ergänzen.
Natürlich ist es auch möglich, völlig ohne Hände zu leben, genauso wie es
möglich ist, ohne seine spirituelle oder rationale Seite auszukommen. Vollständig
ist man deswegen aber nicht, und wenn man schon die Wahl hat, wieso sollte
man aus Bequemlichkeit oder Angst auf Teile von sich verzichten?
Wir Menschen sind gewiss nicht die Krone der Schöpfung, aber wir sind bestens
ausgerüstet für unser Leben. Prinzipiell fehlt es uns an gar nichts. Dessen sollten
wir uns bewusst werden, denn die meisten von uns glauben, ihnen fehle noch
etwas zum Glück. Wer nicht komplett ist, den plagt ein Gefühl, etwas verloren zu
haben. Dieser Phantomschmerz treibt ihn dazu, immer weiterzusuchen, solange
bis er die fehlenden Stücke wieder in sein Leben aufnimmt.
„Niemand ist so beflissen, immer neue Eindrücke zu sammeln wie der, der die
alten nicht zu verarbeiten versteht.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)
Auch wenn wir uns aus gesellschaftlichen Gründen spezialisieren, steckt in uns
noch das große Spektrum der Natur. Wir müssen einen ganz bestimmten Beruf
erlernen und können nicht von allem ein bisschen machen. Das ist auch gut so,
denn eine kleine Auswahl entspricht einer gehobenen Effizienz und ist den
Bedürfnissen und Anforderungen unserer Gesellschaft angepasst
Prinzipiell sind wir aber nach wie vor universal. Jeder von uns könnte die Rolle
eines anderen Menschen einnehmen, wenn es erforderlich wäre. Doch leider
erleben einige Menschen erst in Extremsituationen, in denen sie wirklich
gefordert werden, welche Möglichkeiten in ihnen geschlummert haben.
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Wir haben auch die Wahl, wie wir mit Mühe, Leid und Schmerz umgehen. Ob uns
Entbehrung ruhelos oder geduldig macht, und ob wir durch Niederlagen in die
Knie gezwungen werden oder erst recht kämpferisch werden; all das ist ein
Produkt unserer freien Entscheidung. Müssen wir also wirklich ständig
unzufrieden sein? Liegt das tatsächlich in der Natur des Menschen? Wozu
brauchen wir Selbstmitleid, wenn es uns doch nur schaden kann?
2) Die Ursache der Wirklichkeitsverzerrung
Die Dichotomie von Logik und Emotionen hat einige Ursachen, die unter
anderem in den verschiedenen Charakteren und ihrer gesellschaftlichen
Hierarchie begründet sind. Unsere Gesellschaft wird durch die lautesten
Stimmen geprägt, die naturgemäß weder die durchschnittlichen noch die
intelligentesten Menschen repräsentieren.
In aller Regel handelt es sich um Extremisten, also Verfechter von nicht
akzeptierten Randgruppen, die ihre Ansichten dadurch belegen möchten, indem
sie diese lautstark verbreiten. Die Mehrheit von uns folgt einer solchen
Bewegung, wenn sie einigermaßen plausibel erscheint. Durch die sich
lawinenartig potenzierende Gruppendynamik entsteht letztendlich eine
Sogwirkung auf die Unentschlossenen und Skeptiker.
Unseren Kindern geben wir das weiter, was wir gelernt haben und für richtig
einschätzen. Aber im Prinzip sind wir gar nicht imstande, objektiv und neutral zu
beurteilen, ob wir tatsächlich im Recht damit sind. Auch das Fernsehen, das
inzwischen nicht mehr aus unserem Leben und unserer Meinungsbildung
wegzudenken ist, vermittelt uns oftmals eine Verzerrung der Wirklichkeit.
Einmal angenommen es gab vor einigen Tagen ein schweres Erdbeben in der
Türkei, bei dem viele Menschen starben. Dann berichten die Journalisten
tagelang von allen erdbebenähnlichen Ereignissen rund um die Welt. Es entsteht
der Eindruck einer besonderen Häufung, was aber trügt. Eigentlich gibt es die
kleineren Beben immer, aber sie werden in den Nachrichten nicht jedes mal
erwähnt. Wenn jedoch eine Begebenheit besonders ins öffentliche Interesse
gerückt ist, dann werden krampfhaft ähnliche Ereignisse gesucht, um uns daran
zu erinnern.
So gibt es immer eine Zeit der scheinbar gehäuften Flugzeugabstürze,
Eisenbahnunglücke,
Autounfälle,
Nahrungsmittelskandale
und
anderen
Katastrophen.
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Das Fernsehen hat darüber hinaus mittlerweile beinahe jede Schamgrenze
überschritten. Mittlerweile ist dort sogar schon vormittags die Rede von Sex, und
das „Reality-TV“ lässt sich ständig neue Geschmacklosigkeiten einfallen, um uns
noch zu ekeln oder zu schocken.
Vielleicht dürfen wir schon bald live daran teilhaben, wie Menschen im Minenfeld
zerfetzt werden, oder Spielshows beiwohnen, in denen Kinder mit Hunden um
einen Knochen kämpfen. Das war schließlich schon bei den Reitervölkern eine
Form der Unterhaltung.
„Hui, ist das gruselig“, werden wir dann denken, während die Werbepause
unsere Gedanken auf den Konsum zurückkehren lässt Die Vermischung von
Information und Unterhaltung bleibt nicht folgenlos. Es braucht keine
soziologischen Untersuchungen, um herauszufinden, dass wir bei schnellen
Themenwechseln abstumpfen und unser Mitgefühl restlos verkümmert.
Es ist keine Frage, ob wir die Fernsehwelt auch weiterhin von der echten
unterscheiden können, denn das werden wir immer können. Es geht darum,
dass es bedenklich ist, wenn dem Wunsch nachgegeben wird, in der virtuellen
Welt das auszuleben, was wir uns im richtigen Leben nicht trauen.
Die Schnittstelle unserer Eindrücke muss äußerst solide sein, um das alles
vertragen zu können. Nur wenige, emotional besonders begabte Menschen
können sich das Muster, die Blaupause der absoluten, unverzerrten Realität
bewahren. Intuitiv verstehen sie, dass ihr Weg nicht mit diesem Strom sondern
dagegen verlaufen sollte.
Doch da uns in der Schule nicht vermittelt wird, was es bedeuten könnte, solche
alternativen und unorthodoxen Ideen zu verfolgen, trauen sich die meisten
dennoch nicht, ihren eigenen Weg wirklich zu gehen. Diejenigen, die es gerne
tun würden, finden sich in einem Heer von Individualisten wieder, die in alle
theoretisch möglichen Richtungen streben, da sie aufgrund mangelnder
Begabung ungerichtet oder fehlgeleitet sind.
Das verstärkt wiederum die Orientierungslosigkeit der Masse, die nicht
durchschaut, welche Menschen tatsächlich im Recht sind, und welche nur
vorgeben, es zu sein. Es funktioniert innerhalb unserer Gesellschaft sehr gut,
falsch zu leben, da es viele tun, und jeder genau genommen anonym damit
bleibt. Das Ganze verhält sich ebenso wie unser System „Geld“.
Papier, das auf eine bestimmte Weise bedruckt ist, wird von uns als Geld
betrachtet, und ihm ein Wert zugeordnet, der den von beliebig bedrucktem
Papier bei Weitem übersteigt. An sich ist es nur Papier, da aber alle mitspielen,
kann es als Tauschobjekt gehandelt werden. Und genauso tauschen wir auch
wertlose Ideen miteinander aus, und geben ihnen einen Gehalt, den sie nicht
wirklich besitzen, indem wir sie kollektiv verehren.
Wenn ich beispielsweise behaupten würde, das Leben sei „hart und ungerecht“,
dann würden mir spontan viele beipflichten. Darunter wären aber auch
Unzählige, die selbst kein so einschneidendes Erlebnis erfahren haben, um zu
einer solch absoluten und melancholischen Feststellung zu gelangen. Dennoch
haben sie davon „gehört“ und teilen diese Ansicht, ohne einen eigenen Grund
dafür zu haben.
Wir sind in der Lage, Entscheidungen unabhängig von unseren Gefühlen zu
treffen. Das macht uns fehlbar und verletzlich. Oftmals ist dieses Vorgehen von
Vorteil, um die Neutralität und Überparteilichkeit zu wahren, aber der Umgang
damit erfordert viel Erfahrung. Deshalb ist es besser, sowohl zu verstehen was
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man tut, als auch seine Taten auf Gefühle zu stützen. Logik kann emotionale
Sachverhalte und Situationen allenfalls beschreiben, nicht aber erklären.
Es gibt Menschen, die intuitiv das Richtige tun. Das ist im Prinzip auch
ausreichend, denn der Einäugige ist unter den Blinden ein König. Doch es ist
immer besser, über sich und sein Handeln auch Bescheid zu wissen. Dann ist es
reproduzierbar, kann an den richtigen Stellen korrigiert und erweitert werden
und ist zusätzlich auch auf andere übertragbar. Schließlich ist es schön, wenn es
auch den Menschen, die uns nahe stehen, gutgeht.
3) Die „Suchmaschine“
Wir müssen die Herausforderung der modernen Welt mit all ihren Möglichkeiten
annehmen und uns ihr stellen. Dazu müssen wir sie akzeptieren und
kennenlernen. Wenn es viele Möglichkeiten gibt, dann hat man die Qual der
Wahl. Aber die Chancen steigen in diesem Fall mit unseren Möglichkeiten; man
darf nur nicht die Übersicht verlieren.
Das Medium „Internet“ ist ein perfektes Beispiel für diese Problematik. Im
Internet gibt es alles, denn es ist die größte Bibliothek und das größte Kaufhaus
der Welt. Aber das Überangebot und die Undurchsichtigkeit machen es zur Qual,
sich dort zu informieren. Doch es gibt „Suchmaschinen“, die uns dabei helfen,
die Spreu vom Weizen zu trennen, und das zu finden, was wir benötigen.
In Analogie ist es also nötig, eine „Suchmaschine“ für unser Leben zu finden, die
brauchbare Informationen aufspürt, hinderliche filtert, und dennoch zugleich die
Ausgewogenheit wahrt. Diese tauglichen Instrumente gab uns die Natur mit; wir
nennen sie Intuition, Empathie und Vernunft.
Es hilft noch nicht viel, die Struktur der Gesellschaft zu kritisieren und ihr einen
Mangel an Harmonie zu attestieren. Die Herausforderung an uns ist der richtige
Umgang mit dem, was wir in unserem Leben vorfinden und Zufriedenheit damit
zu erlangen.
Die gesamte Gesellschaft zu verändern ist das utopische Ziel der Idealisten. Es
ist wesentlich sinnvoller und aussichtsreicher eine passive Revolte anzustreben,
indem wir durch Andersartigkeit innerhalb eines kleinen Wirkungskreises
vorleben, dass man auch anders verstehen und handeln kann, als es die meisten
glauben.
Als ersten Schritt in diese Richtung beschäftigen wir uns nun mit dem Erkennen
der objektiven Realität und gleichgesinnter Menschen, die uns bei diesem
schweren Vorhaben unterstützen können.
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Kapitel III
Der Mensch: Intelligenz und Charakter
Die Anthroposophie sieht den Menschen als Mittelpunkt aller Dinge. Obwohl ich
diese Ansicht nicht teile, kann ich nicht leugnen, dass wir Menschen uns
hauptsächlich für diejenigen Themen interessieren, die uns selbst betreffen.
Dazu gehört auch „unser“ Glück und „unsere“ Harmonie; also macht es Sinn, die
Suche nach der Harmonie auch bei uns selbst zu beginnen. Was macht uns
Menschen eigentlich aus? Womit sollte jemand beginnen, der etwas mehr
Harmonie und Ausgeglichenheit in sein Leben bringen möchte?
Am Besten wäre es, wir hätten einen Ansatzpunkt oder Schlüssel, mit dessen
Hilfe ein komplettes Bild des Menschen entstehen könnte. Wie bereits
festgestellt, ist es aber unmöglich, die komplette Persönlichkeit eines
Lebewesens anhand einzelner Merkmale vollständig zu analysieren und zu
kennzeichnen. Dennoch sind einzelne Aspekte bei einer Einschätzung sehr
aufschlussreich und können uns helfen, uns und unsere Mitmenschen besser zu
verstehen.
I. Unsere Grundbedürfnisse
Zunächst sollten wir uns Gedanken über die Grundbedürfnisse eines Menschen
machen, denn nach ihnen richtet sich sein Handeln. Vier davon sind
wesensimmanent:
1. Integrität, also die Unversehrtheit von Körper, Geist und Seele. Das beinhaltet
sowohl den Schutz von Leib und Leben, als auch das Bedürfnis nach einem
geregeltem Seelenleben und psychischer Stabilität.
2. Harmonie, in Form von friedlicher Koexistenz, Übereinstimmung und
Gemeinschaft. Wenn wir von der Gemeinschaft geduldet oder besser,
erwünscht und gebraucht werden, erhält unsere Existenz eine tiefere
Bedeutung. Nur Eremiten ziehen die völlige Isolation von einer Gruppe und
dem Kollektiv auf Dauer vor.
3. Selbstverwirklichung, also der Ausdruck der inneren Potentiale und die
Entfaltung unserer Persönlichkeit. Jeder von uns möchte, dass sein Wirken
Spuren auf der Welt hinterlässt Die Vorstellung, völlig bedeutungslos zu sein,
ist für uns unerträglich.
4. Bewusstsein und Bewusstseinserweiterung Wir möchten spüren können, dass
wir am Leben sind, vielerlei Emotionen empfinden und ihnen nachgehen. Vor
allem aber darf an keinem Punkt des Lebens Schluss mit unserer Entwicklung
sein. Wir möchten ständig neu inspiriert und gefordert werden.
Sofern unsere Primärbedürfnisse, wie Hunger, Durst, Schlaf, sexuelle
Befriedigung und Sicherheit gewährleistet sind, treibt uns eine weitere und
mindestens ebenso starke Kraft an, die Neugier. Für ihren Wissensdurst riskieren
manche Menschen sogar ihr Leben. Und jeglicher Fortschritt beginnt mit dieser
inneren Rastlosigkeit.
Doch leider wird Neugier in unserem schulischen oder beruflichen Lehrplan nicht
gefördert. Wir erlernen es, Daten zu selektieren, sie einzuordnen und mit ihnen
umzugehen, werden aber in dem Moment lästig, in dem wir damit beginnen,
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„unlogische“ Fragen zu stellen, wie: „Warum ist einer Farbe kein Klang
zugeordnet?“
Diese Fragestellung ergibt keinen konkreten Sinn, sondern beinhaltet „nur“ den
Wunsch, mit den Ohren sehen zu können, also einzelne Wahrnehmungen
miteinander zu verknüpfen. Spätestens in der Schule werden uns solche
unlogischen Ideen ausgetrieben, sodass wir auch später nicht im Traum daran
denken, ihnen nachzusinnen. Auswendiggelerntes Wissen wird in unserem
System gefördert und nicht Freidenken.
Unterlassen wir das aber, fehlt uns ein Teil unserer Bewusstseinserweiterung,
unserer Selbstverwirklichung und der Realisierung unserer Impulse. Um unseren
Platz in der Gesellschaft nicht zu verlieren, ordnen wir uns dennoch bereitwillig
unter. Zu einer lebendigen Datenbank degradiert worden zu sein, ist einer der
Gründe, weshalb so viele Menschen weit über ihre Schulzeit und Studienzeit
hinaus unglücklich sind.
„Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen wächst der
Zweifel.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
Durch unsere Art der Erziehung werden Menschen genormt und in
Leistungsklassen eingeteilt. Bewertet wird nach Noten und nicht nach Werten.
Dennoch scheint diese einseitige Bewertungsart aussagekräftig genug sein, um
auch weiterhin in Gebrauch zu bleiben, denn sonst würde es ja nicht so
gemacht. Intelligenz muss also verschiedene Ausdrucksformen besitzen.
II. Intelligenz
Doch wie erkennt man denn auf Anhieb, ob jemand intelligent ist? Wie kann der
Charakter eines Mitmenschen aufgrund weniger Merkmale transparent für uns
werden?
Nun, letzteres wäre wahrlich etwas viel verlangt, da sich viele Charakterzüge
erst in bestimmten Situationen zeigen, aber wir können unser Gegenüber häufig
in den extremen Zügen seines Charakters ertappen.
Doch betrachten wir zunächst die Intelligenz. Es gibt so schrecklich
begriffsstutzige, niveaulose, vulgäre und einfach dumme Menschen.
Grobschlächtig und unbeholfen folgen sie ihren einfachsten Instinkten. Doch
trotz ihrer offensichtlich „fehlenden“ Intelligenz scheinen sie lebensfähig zu sein.
Da stellt sich die Frage, was eigentlich Intelligenz genau ist?
Mit diesem Thema beschäftigt sich die Menschheit seit ihrer Entstehung, denn
Klugheit war und ist vor allem eine wichtige Komponente im Kampf ums tägliche
Überleben. Damals wie heute steht ein scharfer Verstand in hohem Ansehen, da
ein kluger Mensch die eigene Gruppe weiterbringen kann. Und ebenso lange wird
diese Eigenschaft zugleich gefürchtet, da sie sich jederzeit auch gegen die
eigenen Reihen richten kann. Denn Intelligenz ist nicht an bestimmte Absichten
geknüpft, sondern universell einsetzbar; das macht sie für uns so wertvoll.
1) Die verschiedenen Erscheinungsformen der Intelligenz
Neben den sozialen und emotionalen Eigenschaften unterscheiden wir Menschen
uns in diversen Begabungen. Einige sind körperlicher Natur und beinhalten
Stärke, Geschicklichkeit und Ausdauer. Sie definieren also unseren maximal
erreichbaren Gesundheitszustand.
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Die kognitiven Fähigkeiten hingegen, also diejenigen, bei denen ausschließlich
das Gehirn und unser Nervensystem beteiligt sind, sind ausschlaggebend für
das, was wir zusammenfassend "Intelligenz" nennen. Intelligenz ist keine
isolierte Befähigung, sondern ein Sammelsurium unterschiedlichster Talente, von
denen wir primär unterscheiden, können zwischen:
1. Schulische Intelligenz, also oben erwähnten Fähigkeiten der Datenaufnahme,
Verarbeitung und Wiedergabe.
2. Problemerkennungsintelligenz, der Fähigkeit in jeder Situation schnell eine
sinnvolle und brauchbare Idee zu entwickeln und umzusetzen. Also vor allem,
Strukturen und Regelmäßigkeiten aufzuspüren und Daten sortieren zu
können. Beispielsweise kann ein polizeilicher Ermittler nicht auf die Fähigkeit
verzichten, Unstimmigkeiten in den Aussagen der Zeugen zu erkennen. Das
Sortieren von Rohdaten und die sinnvolle Bewertung ist eine Notwendigkeit in
unseren Tagen.
3. Straßenintelligenz, der Begabung überall zurechtzukommen. Diese Qualität
wird
auch
„Rattenintelligenz“
genannt,
da
diese
Tiere
wahre
Überlebenskünstler und Meister der Anpassung sind.
4. Praktische Intelligenz, also der Fertigkeit, die gegenständliche Welt nach
seinen Vorstellungen zu verändern.
Schulintelligenz wird jedem bekannt sein. Sie fördert den Wissenszuwachs, die
Allgemeinbildung und die Logik. Sie ist unverzichtbar für eine solide Basis.
„Diese Erkenntnis: ich denke, also bin ich, ist von allen die Erste und
zuverlässigste.“ (René Descartes)
Diese Art des Verständnisses trifft aber auch rasch auf Grenzen. Wer versucht
sein Leben allein auf diese einfache Struktur aufzubauen, der gleicht einer
Person, die versucht, mit einzelnen Vokabeln eine fremde Sprache zu erlernen.
So jemand wird nur sehr schwer über die Grundlagen hinauskommen, denn er
kann sich selbst nicht aus seinen Überlegungen „wegdenken“.
Die
Problemerkennungsintelligenz
hilft
uns
dabei,
eine
komplexe
Konfliktsituation zu erfassen, uns für eine Sache einzusetzen und gewisse
Fähigkeiten sicher zu beherrschen. Sie umfasst auch Engagement, also die
Handlungsbereitschaft, die essentiell für unser soziales Leben ist. Wir müssen
binnen Sekunden wichtige Entscheidungen treffen können. Wer das mittels
abwägen, zögern und vertagen macht, der ist nicht in der Lage zu improvisieren
und wird früher oder später straucheln.
Vor lauter theoretischen Kenntnissen geht immer mehr Menschen die praktische
Intelligenz verloren. Sie üben sich in Kreuzworträtseln, Zahlenspielen und
Denksportaufgaben, lernen Wissenswertes aus Geschichte, Wirtschaft,
Wissenschaft und Technik, sind aber hilflos, wenn etwas nicht „nach Plan“ läuft.
Sobald ein Vorgang anders vonstattengeht als üblich, werden sie unruhig und
wissen nicht mehr, was zu tun ist.
„Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden; es ist nicht genug
zu wollen, man muss es auch tun.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
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Manche ursprünglichen Beschäftigungen gehören nicht mehr zu unserem
Repertoire. Wer kann heutzutage noch Brot backen, Kühe melken, Kleidung
nähen oder Nahrungsmittel anbauen und zubereiten? Alles ist zu kaufen und
automatisiert, deshalb können einige unserer Zeitgenossen nur noch Knöpfe
drücken und nach Vorschriften agieren.
Das gelingt ihnen zwar ausgesprochen gut, macht sie aber zu stupiden
Handlangern einer kopflastigen Gesellschaft. Vielfach wollen sie auch gar nicht
mehr tun und haben sich ihre Unfähigkeit für praktische Umsetzungen zur
Philosophie gemacht; aber das ist ein anderes Thema.
2) Der kleine Unterschied
Wir Menschen sind „Gewohnheitstiere“, das erschwert die Flexibilität unseres
Geistes. Vor allem viele Männer können nicht an eine Aufgabe herantreten, ohne
sich vorher einen Plan auszuarbeiten. Es wird uns in der Schule schließlich auch
gelehrt, schriftlich, rechnerisch und bedacht an ein Problem heranzugehen, also
zunächst eine Skizze anzufertigen und anschließend zu handeln. Dass nicht jede
Aufgabe vom Schreibtisch aus erledigt werden kann, wird dabei leider oft
vergessen.
Mich packt manchmal das kalte Grausen, wenn ich miterlebe, wie ansonsten
intelligente Menschen unfähig sind, sich selbst zu helfen oder simple
Entscheidungen zu treffen. Ausgestattet mit zwei linken Händen sitzen sie vor
einer praktischen Aufgabe und wissen nicht, was sie tun sollen. Sie können
nichts umfunktionalisieren, nicht aus zwei Gegenständen einen machen, oder
zeitgleich mehrere Aufgaben souverän erledigen. Doch ohne Praxis ist die beste
Theorie nichts wert.
Frauen behalten in der Regel eher den Überblick und können aufgrund der
menschlichen Entwicklungsgeschichte und ihrer Rolle in dieser, einen Haushalt
mit Kindern, Wäsche, Einkäufen und anderen Tätigkeiten gleichzeitig
koordinieren. Aber auch das ist rückläufig, denn im Zuge der Emanzipation
übernehmen viele Frauen auch schlechte männliche Verhaltensweisen und büßen
dadurch ihre Vielseitigkeit und Flexibilität ein.
Wie gehen die beiden Geschlechter denn vor? Einmal angenommen, es geht
darum einen neuen Computer in Betrieb zu nehmen, aber es fehlt dem Käufer
noch sehr an Erfahrung mit dieser Thematik. Wenn der Computer nicht starten
will oder nur unsinniges Verhalten zeigt, was nicht so ungewöhnlich ist, wären
die Reaktionen der Geschlechter sehr unterschiedlich.
Ein typischer Mann würde fluchen und der Technik die Schuld geben. Er wäre
verärgert, warum die Hersteller so ein „unausgereiftes System“ verkaufen, und
würde versuchen, ohne Handbuch am Gerät herumzuspielen, bis sich etwas tut.
Dabei geht er systematisch vor und drückt nacheinander jeden Knopf. Eventuell
notiert er sich, was er schon gemacht hat. Für ihn steht fest, dass im Zweifelsfall
der Computer defekt ist, denn an ihm selbst kann der Fehler schließlich nicht
liegen.
Eine Frau neigt in der gleichen Situation dazu, sich selbst die Schuld geben. Sie
ist zwar gewissenhaft nach dem Handbuch vorgegangen, glaubt aber, dabei
etwas falsch gemacht zu haben. In der Regel wird sie spätestens jetzt
jemanden, der sich besser auskennt, um Hilfe bitten, oder das Handbuch noch
genauer inspizieren, wenn sie den Ehrgeiz hat, es alleine zu schaffen.
Dieser eigentlich „kleine Unterschied“ der Intelligenz hat einige soziale
Auswirkungen, auf die ich im einzelnen noch zu sprechen kommen werde.
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3) Weitere Formen der Intelligenz
Die Straßenintelligenz ist es, die uns wirklich lebenstauglich macht. Was nützt es
mir, theoretisch mit großen Geldsummen an der Börse spekulieren zu können,
wenn ich nicht einmal genug zum Leben habe? Was bringt die Genialität eines
Forschers, der unfähig ist, Forschungsgelder dafür aufzutreiben? Was macht ein
Bürohengst, wenn sein Auto liegenbleibt und er das Handy vergessen hat?
Straßenintelligenz
beinhaltet
auch
die
emotionale
Intelligenz,
also
Selbstbewusstsein, Selbstmanagement, Selbstmotivation und Empathie.
Emotionale und soziale Intelligenz ermöglichen uns eine erfolgreiche
Kommunikation und das Verständnis um uns selbst. Wer seine Gefühle und die
der anderen erkennen kann und intelligent mit ihnen umzugehen versteht, ist im
Leben immer der Gewinner.
„Emotionale Intelligenz“ ist zum Modebegriff der neunziger Jahre geworden. Wie
aus dem nichts ist sie in der Literatur aufgetaucht und liefert sich seither heftige
Schlachten mit anderen Formen der Intelligenz. In der Tat ist sie sehr wichtig,
aber auch sie ist nur in Verbindung mit den anderen Werkzeugen brauchbar.
Denn es ist äußerst töricht, zu den Sternen aufbrechen zu wollen, ohne über
eine breite Basis zu verfügen.
Intelligenz ist also zusammenfassend die Fähigkeit eines Lebewesens, sein
Denken bewusst auf die Anforderungen einzustellen, die von seiner Umgebung
an es gestellt werden. Neue Bedingungen und Aufgaben können mithilfe unseres
Verstandes erkannt und bearbeitet werden. Ein wirkungsvolles und
zweckmäßiges Handeln ist somit an das Vorhandensein von Intelligenz geknüpft.
Sie ist zugleich die Voraussetzung, Umsetzung und Koordination einer Vielfalt
von Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Anschauliches oder abstraktes Denken, sprachliche oder numerische Qualitäten,
sowie die Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme sind weitere Beispiele von
Intelligenz. Goethe benutzte rund 5000 verschiedene Wörter in seinen Werken.
Ein reicher Wortschatz und eine gute Rhetorik weisen immer auf Sachkenntnis
und Kompetenz hin.
Doch die meisten Menschen unserer Zeit verfügen gerade noch über einen
Wortschatz von 500 Begriffen. Dabei „kennen“ wir weit mehr Begriffe, als wir
selbst anwenden. Die sprachliche Verarmung ist ein trauriges Phänomen und ist
paradoxerweise in der Vereinfachung der Kommunikationsmöglichkeiten
begründet. Wozu sich anstrengen, wenn es auch einfach geht?
Es gibt aber noch weitere Kriterien bei der Einschätzung der Intelligenz eines
Menschen, die ich der Vollständigkeit halber auflisten möchte:
• Kreativität, also die Möglichkeit etwas zu zweckentfremden oder neu zu
erschaffen. Ohne Phantasie kann nichts Neues entstehen. Auch musische und
künstlerische Fähigkeiten fallen in diese Kategorie.
• Wahrnehmungsgeschwindigkeit
und
Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, also ein gutes Tempo vorzulegen
bei seinen Gedankenoperationen. Letztere ist ein Maß, wie schnell auf die
richtige Information zugegriffen werden kann. Sie kennen bestimmt das
Gefühl, dass Ihnen ein Begriff „auf der Zunge liegt“, Sie ihn aber nicht
aussprechen können. Dann sind die Recherchen des Gehirns erfolglos
geblieben. Sie sind sich sicher, dass Sie es „eigentlich“ wissen, aber irgendwie
fällt Ihnen das passende Wort im Moment nicht ein.
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• Räumliches Vorstellungsvermögen. Es ist unverzichtbar für unsere
Orientierung und zur Herstellung von Gegenständen.
• Gedächtnisfähigkeit. Vor Erfindung des Buchdrucks waren die Menschen auf
mündliche Überlieferung angewiesen, was sie zu wahren Gedächtniskünstlern
machte. Und das ist auch wichtig, denn was nützen uns Kenntnisse, die wir
schnell wieder vergessen? Je nach Struktur und Organisation unseres
Gedächtnisses sind die Informationen parat und gut abgeheftet oder diffus
verteilt. Und je nach Interesse für die Daten verpassen wir ihnen eine
Dringlichkeit. Zur Not auch eine „Aufdringlichkeit“, indem wir sie stetig
wiederholen, um sie uns einzuprägen. Letzteres ist bei Schülern sehr beliebt,
da sie für die von der Schule gestellten Aufgaben nur etwas wissen, aber nicht
verstanden haben müssen.
• Anpassungsfähigkeit. Das bedeutet ursprünglich nicht Unterordnung, sondern
das Erkennen eines komplexen Gefüges und die Integration der eigenen
Person in dieses. Wer sich in einer fremden Kultur eine Existenz aufbauen
möchte, kommt nicht darum herum, sich in sie zu integrieren, ohne seine
eigene Struktur zu verlieren.
• Auch Charme ist ein Teil der sozialen Intelligenz. Oftmals wird er
ausschließlich dem Charakter zugeordnet und behauptet, er wäre nicht zu
erlernen. Das ist meiner Ansicht nach nicht völlig zutreffend, denn zum einen
verfolgen wir mit seiner Hilfe ein konkretes Ziel, nämlich die Erleichterung
einer Konversation. Und zum anderen kann fast jeder von uns charmant
werden, wenn es sich in seinen Augen lohnt, beispielsweise beim Werben um
die Gunst eines Mitmenschen. Und je öfter wir uns charmant geben, desto
größer wird unsere Wirkung ausfallen.
• Empathie, also die Fähigkeit, Gefühlsregungen anderer Menschen zu
verspüren und soziale Analysen zu erstellen. Ein guter Lehrer oder Chef
braucht diese Eigenschaft, sonst ist sein Handeln ungerichtet, da ein Feedback
ausbleibt.
Die
Grundlage
für
jegliche
Empathie
ist
eine
gute
Selbstwahrnehmung. Je sensibler und sicherer wir unsere eigenen Gefühle
erkennen, zuordnen und interpretieren können, desto eher gelingt uns dies
auch bei anderen Menschen. Zudem gelingt uns die Expression unserer
Gefühle besser, wenn wir sie richtig deuten und zuordnen können. Damit
steigt die Bandbreite der Wahrnehmung und die Wahrscheinlichkeit, besser
verstanden zu werden. Kleine Kinder verfügen beispielsweise noch über ein
kollektives Gefühl, da sie viel durch Nachahmung erlernen, und daher
zwangsläufig sensibel für die Gefühle anderer Menschen sein müssen. Es kann
sogar vorkommen, dass ein Kind zu weinen beginnt, wenn sich ein anderes
Kind verletzt. Es sieht den Schmerz des anderen und fühlt regelrecht mit ihm.
Dieses Mitgefühl versagen sich die meisten Erwachsenen, da sie es für
gefährlich halten, zusätzlich zu den eigenen Sorgen, auch noch die ihrer
Mitmenschen zu erleben. Das Mitgefühl der Erwachsenen beschränkt sich
daher meist auf Lippenbekenntnisse und Schweigen.
• Remotivation bei Enttäuschungen und Verlusten. Diese Eigenschaft wird oft
bei der Betrachtung von Intelligenz vernachlässigt, dabei ist es
überlebenswichtig, mit Frustrationen klarzukommen. Optimismus oder
Pessimismus sind zwar Charaktereigenschaften, spielen aber bei der
Ausprägung der anderen Formen der Intelligenz eine dominante Rolle. Wer
sich nicht selbst „aus dem Sumpf“ ziehen kann, der hat den Frustrationen, die
unvermeidbar im Leben sind, nichts entgegenzusetzen. Beispielsweise müssen
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•
•
•
•
•
•
•
Spitzensportler immer ihr Bestes geben, auch wenn sie in letzter Zeit öfters
verloren haben. Wenn es ihnen nicht gelingt, sich wieder aufzurappeln, dann
werden sie von ihren Konkurrenten endgültig übertroffen. Eng damit verwandt
ist die Selbstmotivation im Alltag. Nur wer sich immer wieder begeistern kann
und seiner natürlichen Neugier folgt, kann aus eigener Kraft wachsen.
Führungskunst. Für diese benötigen wir nicht nur Empathie, sondern vor allem
Autorität und innere Stabilität. Ein schwacher und unsicherer Anführer ist ein
gewesener Anführer.
Beziehungspflege
und
die
Fähigkeit,
Kontakte
zu
knüpfen.
Zwischenmenschliche Kontakte müssen nicht nur errichtet, sondern auch
aufrechterhalten werden. Sobald sich jemand aus Bequemlichkeit für längere
Zeit auf seinen Lorbeeren ausruht, läuft er Gefahr, seine Freunde wieder zu
verlieren.
Soziale Kompetenz und die Fähigkeit, Konflikte in diesem Bereich zu lösen.
Das beinhaltet auch die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur psychologischen
Introspektion, die ich im folgenden „Autokommunikation“ nennen möchte.
Mogeln und täuschen. Vielleicht verwundert es Sie, solch unschöne
Eigenschaften als intelligent zu bezeichnen, aber die Realität gibt mir recht,
wenn ich behaupte, dass es selten die braven Menschen sind, die die
Filetstücke im Leben ergattern. Ein gewisses, ethisch vertretbares Maß an
„Laisser-faire“ eröffnet uns viele Möglichkeiten.
Auch eine profunde Allgemeinbildung mit guten, gesicherten Kenntnissen aus
vielen Bereichen, erleichtert das Leben ungemein. Wissen ist die Sammlung,
Speicherung, Bewertung und Synthese von Daten. Auch wenn es nicht unser
Ziel sein sollte, „mitreden“ zu können, kann es schon sehr deprimieren, wenn
wir eine Redewendung, ein Fremdwort, eine Bezeichnung oder einen
Sachverhalt nicht kennen. Es ist unangenehm, peinlich und grenzt uns aus
dem Kreis der Wissenden mit einem Schlag aus. Der beste Weg ist in einem
solchen Fall sofort nachzufragen, bis Klarheit geschaffen wurde. Das kostet
uns zwar einen Moment der Blöße und Unsicherheit, ist aber ein Garant dafür,
das nächste Mal besser Bescheid zu wissen.
Doch bei allem Wissen dürfen wir nicht ignorieren, dass auch das Vergessen
ein Teil unserer Intelligenz darstellt. Unnütze oder obsolete Daten müssen
herausgefiltert und gelöscht werden. Vergessen zu können ist auch eine
Gnade, denn nur das Löschen von Daten und Impressionen ermöglicht ein
seelisches Gleichgewicht.
Zuletzt sind noch der Fleiß, Ordnungsliebe und die Beharrlichkeit eines
Menschen zu nennen, die zwar selbst keine Form der Intelligenz darstellen,
mit deren Hilfe sich aber Defizite der Intelligenz ausgleichen lassen können. In
einem „kreativen Chaos“ zurechtzukommen gelingt nur sehr wenigen
Menschen. Da in der Regel nicht unsere Arbeit gemessen wird, sondern die
Leistung, die wir erbringen, also unsere Arbeit pro bestimmte Zeiteinheit,
kann Fleiß mangelnde Intelligenz innerhalb gewisser Grenzen kompensieren.
Wer weniger weiß, muss eben mehr tun, um das Gleiche zu erreichen. Was
natürlich nicht bedeutet, dass bereits sehr intelligente Menschen durch diese
Eigenschaften nicht auch noch einen zusätzlichen Bonus erhalten können.
Obwohl Intelligenz wie wir sehen konnten, eine komplexe Materie darstellt, wird
nach wie vor fast ausschließlich die schulische Leistung bei der Beurteilung eines
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Menschen berücksichtigt. Dabei konnte jeder von uns in seiner eigenen Schulzeit
erkennen, dass dieses System dem einzelnen nicht gerecht werden kann.
Manch einer wird zu übertriebenem Fleiß gezwungen, andere schummeln und
wiederum andere werden deswegen aggressiv oder frustriert. Aber so richtig
motivierend wirkt das Notensystem auf keinen. Ich frage mich, warum trotzdem
immer noch so viele Personalchefs auf Einserschnitte bei den Schulnoten Wert
legen. Wer immer glatt durchs Leben ging, der ist im Zweifelsfall unfähig, sich in
Krisensituationen zu helfen, denn er hat schlichtweg keine Erfahrung mit dem
Verlieren.
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch jederzeit durch Fremdverschulden in
Notlagen geraten können. Ein Beispiel aus einem anderen Lebensbereich soll
dies verdeutlichen: Viele Motorradfahrer glauben, sie wären sicher, weil sie ihr
Fahrzeug gut beherrschen und souverän führen können. Das mag sogar
zutreffen, aber sie könnten auch dann verunglücken, wenn ihnen ein
Betrunkener die Vorfahrt nimmt, und sie selbst völlig korrekt gefahren wären.
Im Berufsleben können sich laufend solche Situationen ergeben, die uns trotz
guter Arbeit in Schwierigkeiten geraten lassen. Daher können wir es uns gar
nicht leisten, irgendeine Form der Intelligenz zu vernachlässigen. Jede ist
theoretisch gesondert zu betrachten, in praxi aber nur ein Ausschnitt aus dem
Gesamtverständnis.
Menschen mit mittleren bis guten Noten haben gelernt zu kämpfen. Ihre
Niederlagen haben sie infrage gestellt und gestärkt. Das bedeutet nicht, dass sie
zwangsläufig besser qualifiziert für eine Tätigkeit sind, aber eben auch nicht das
Gegenteil davon.
Ein Mathegenie kann im Leben völlig hilflos sein, ebenso wie es ein reiner
Praktiker schwer haben dürfe, seine Fähigkeiten vorzustellen, wenn er schon
aufgrund seiner Schulnoten nicht in ein Bewerbungsgespräch eingeladen wird.
Die Lebenserfahrung ist ein weiteres wichtiges Kriterium für Intelligenz; auf
lange Sicht vielleicht sogar das Wichtigste. Und ein breiter Erfahrungsschatz
lässt sich nur erwerben, indem man viele Lebenslagen durchlebt hat. Wobei wir
natürlich auf so manchen Irrweg verzichten sollten.
„Weise ist nicht, wer viele Erfahrungen macht, sondern wer aus wenigen lernt,
viele nicht machen zu müssen.“ (Karlheinz Deschner)
Es ist daher als Kunstfehler zu werten, wenn es eine Gesellschaft zwanghaft
erreichen möchte, einen Anfang Zwanzigjährigen allumfassend ausgebildet zu
haben, denn Reife braucht Zeit. Natürlich kann man Irrwege vermeiden und
seine Reise beschleunigen, aber gerade persönliche Erfahrungen sollte man nicht
zu sehr forcieren.
Das Wort „Erfahrung“ klingt großartig und hat immer den Klang und
Beigeschmack von „sexueller Erfahrung“. Dabei gehören auch triviale
„Weisheiten“ dazu, wie die, dass man auf der Rückreise eines Urlaubes immer
mehr Gepäck hat, als auf der Hinreise. Das ist an sich eine unwichtige
Erkenntnis, die jedoch nur jemand bestätigen kann, der schon einmal selbst
verreist ist, also eine ganz spezielle Erfahrung gemacht hat.
4) Die subjektive Einschätzung von Intelligenz
Jede dieser Eigenschaften ist charakteristisch für einen Menschen und kann von
uns durch Beobachtung seiner Vorgehensweise erkannt und „erspürt“ werden.
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Zwar sind uns die Motive einer Person meistens unbekannt, aber durch
Einschätzung seiner generellen Fähigkeiten und der Interpretation seiner
Handlungen wird schnell klar, ob wir uns in dieser Hinsicht getäuscht haben.
Dann können wir gegebenenfalls unser Urteil korrigieren. Selbstverständlich
müssen wir selbst intelligent genug sein, um andere Menschen richtig beurteilen
zu können.
Aber kaum jemand ist in allen oben genannten Punkten ein Meister. Vielleicht
mag es Ihnen nicht gelingen, Ihr Gegenüber in puncto mathematische
Fähigkeiten genau einzuschätzen, weil Sie vermuten, dass er Ihnen darin weit
überlegen ist. Dafür können Sie aber erkennen, dass beispielsweise seine
Redegewandtheit nicht so gut ausgeprägt ist, wie Ihre eigene.
Und schon haben Sie Anhaltspunkte, die Sie bei allen weiteren Überlegungen
bedenken sollten. Falls Ihnen dieser Mensch ein Leid klagt, dann wissen Sie,
dass es eher auf diejenigen Punkte zurückzuführen ist, die er schlechter
beherrscht als Sie. Denn wenn Sie in vergleichbarer Situation besser
zurechtgekommen wären, dann muss es so sein!
Die Verhaltenswissenschaft sucht mit sogenannten „Intelligenzquotienten“ nach
objektiven Maßstäben. Dabei begeht sie denselben Fehler wie ihre Kollegen aus
der Pädagogik, die Schulnoten als Wertmaßstab definieren.
„Jedermann klagt über sein Gedächtnis, niemand über seinen Verstand.“
(François de la Rochefoucauld)
Für uns sollte der relative Maßstab Mittel der Wahl sein. Wenn wir andere
Talente mit unseren eigenen in Relation bringen, erhalten wir einen subjektiven
Maßstab, mit dessen Hilfe wir die Intelligenz unseres Gegenübers ausloten
können. Wir wissen selbst am Besten, was wir überdurchschnittlich gut
beherrschen und wovon wir kaum eine Ahnung haben.
Wir dürfen auch das jeweilige Intelligenzalter anderer nicht automatisch mit
ihrem biologischen Alter gleichsetzen. Es gibt Kinder, die ihre Welt zwar
durchaus verstehen, denen aber noch die richtigen Worte fehlen, um sich
entsprechend auszudrücken. Ebenso gibt es aber auch ältere Personen, die weit
hinter dem Mittelmaß an Intelligenz zurückliegen, das für ihr Alter zu erwarten
wäre. Zum Teil gibt es gravierende Diskrepanzen zwischen Lebensalter und
Verhalten. Das Lernen ist ein Reifeprozess, der niemals enden sollte. Die Reife
ist also letztlich entscheidend bei unserer Beurteilung der Intelligenz einer
Person.
Ebenso müssen wir die Unterschiede in der Denkstruktur der Geschlechter
berücksichtigen.
Männer
und
Frauen
denken
und
empfinden
sehr
unterschiedlich. Frauen haben ein ausgezeichnetes emotionales Gedächtnis. Sie
erinnern sich an Situationen und Details besser als Männer, die ihrerseits eher
Leitstrukturen wahrnehmen.
Wer bei einem länger zurückliegenden Gespräch, welche Kleidung getragen hat,
oder wie die Tapete des Verhandlungsraumes aussah, können Männer meist
nicht sagen. Dafür wissen sie noch genau, wer welche Argumente präsentiert
hat, und ob jemand Versuche unternahm, ihnen den Kampf anzusagen. Männer
sind zielorientierter als Frauen und achten nicht auf Nebensächlichkeiten. Ihnen
entgeht deshalb häufig einiges, da es zu subtil für ihre Wahrnehmung ist. Dafür
sind sie jederzeit bereit, einem Kräftemessen zu begegnen und lassen sich nicht
so leicht einschüchtern.
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Die einzelnen Anteile der verschiedenen Ausprägungen von Intelligenz sind
sowohl beim Individuum, als auch innerhalb der Gesellschaft unterschiedlich
verteilt.
Anhand der Gaußschen Verteilungskurve können wir festhalten, dass sich die
meisten Menschen (rund 85 %) in einem bestimmten Bereich aufhalten, dem
sogenannten „Mittelmaß“.
Stark abweichen, in Richtung Begabung oder totaler Unfähigkeit werden
dementsprechend wenige. Dennoch variiert die Form der Kurve, für jede
einzelne Form der Intelligenz, also welches Niveau jeweils als Mittelmaß gilt. Das
ist auch von Gesellschaft zu Gesellschaft stark verschieden.
Manche Nationen haben viele Analphabeten, aber dafür ein hohes Maß an
Straßenintelligenz. Unsere Gesellschaft verfügt über perfekte Theoretiker, die
aber im sozialen, emotionalen und praktischen Bereich erhebliche Defizite
aufweisen. An „guten Ideen“ und „Ratschlägen“ mangelt es hierzulande jedoch
keinem.
Das jeweils theoretische Maximum jeder Form der Intelligenz ist auch von
Mensch zu Mensch unterschiedlich. Während der eine für eine bestimmte
Leistung alles geben muss, macht ein anderer das „mit Links“. Die Ausprägung
ist dieselbe, das zugrunde liegende Potential aber verschieden. Anders gesagt:
Während der eine Mensch schon an seinem Limit ist, um das Abitur zu machen,
muss der andere dafür kaum etwas tun.
Es ist sinnvoll, sich einmal zu überlegen, wie wir uns selbst und andere auf den
einzelnen
Gebieten
einschätzen
würden.
Anders
als
bei
den
Extrembetrachtungen der Verhaltensforschung müssen wir uns nicht um Details
wie völlige Unfähigkeit oder Genialität kümmern, denn in der Regel verkehren
wir nur mit Personen, die unserem Horizont entsprechen oder unweit davon
anzusiedeln sind.
5) Dummheit
Nichtsdestotrotz müssen wir uns der Tatsache stellen, dass es auch (und
überwiegend) dumme Menschen gibt. Wir finden sie auf Jahrmärkten und in
Bierzelten, im Fußballstadion und bei Autorennen.
Zurzeit wird lebhaft diskutiert, ob Internetzugänge an den Schulen zur Bildung
der Schüler beitragen können. Das mag sogar stimmen, doch wir müssen uns
klarwerden, dass es immer Menschen geben wird, die einfacher geartet sind als
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andere. Nicht jeder kann zur Elite gehören. Wer heutzutage gerne Alpenromane
und Sportzeitschriften liest, wird sich auch im Internet nur diejenigen Inhalte
ansehen, die ihm gefallen. Um intelligent mit dem Computer umgehen zu
können, muss man auch ohne Computer intelligent sein. Schon vor 50 Jahren
galt der Spruch: „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen!“
Aber Dummheit ist für eine funktionierende Gesellschaft notwendig. Es muss
auch Menschen geben, die einfache Tätigkeiten ausführen. Wenn sie für ihren
Beruf überqualifiziert wären, würde er sie viel zu sehr unterfordern und quälen.
Intelligenz ist relativ; Glück hat derjenige, der weder zu dumm, noch zu
intelligent ist, um in unserer Gesellschaft zu leben. Mangelnde Intelligenz ist
auch keine Schande; Niveaulosigkeit aber schon. Mir persönlich sind jedenfalls
einfach gestrickte Menschen, die dazu stehen, wesentlich lieber, als solche, die
mit Ach und Krach ihr Studium beenden und sich trotzdem für die Allergrößten
halten!
III. Charakter
Nicht nur die Intelligenz ist ausschlaggebend für die richtige Einschätzung
unseres Gegenübers. Ebenso wichtig, wenn nicht in vielen Bereichen sogar noch
wichtiger ist das, was wir allgemein als „Charakter“ bezeichnen.
„Denken ist wundervoll, aber noch wundervoller ist das Erlebnis.“ (Oscar Wilde)
Ein Erlebnis beinhaltet die damit verbundenen Emotionen, die wiederum eine
Angelegenheit des Herzens sind. Der Verstand kann uns zwar sagen, was wir
lassen sollten, aber nur das Herz sagt uns, was wir tun müssen. Es ist somit ein
wesentlicher Ausdruck unseres Charakters. Zunächst aber spiegelt dieser wider,
wie und wofür die Intelligenz eingesetzt wird, also ob wir es beispielsweise
grundsätzlich mit einem egoistischen oder kollektiv-denkendem Menschen zu tun
haben.
Natürlich nützt uns binäres Denken bei solchen Einschätzungen wenig, denn es
gibt niemanden, der in jeder erdenklichen Situation egoistisch handelt, oder zu
jeder Zeit die Gesellschaft anderer genießt. Aber es gibt diese Extreme
zumindest als Modell. Ich möchte nun dieses Modell anwenden, und Personen
hinsichtlich des Grades ihrer Ausprägung parzellieren.
Sie sehen übrigens: Auch ich unterteile in meiner Erfassung zunächst alles, um
es besser verstehen zu können. Doch der Unterschied meiner Vorgehensweise
zu der allgemein Praktizierten liegt darin, beim Zusammenfügen zu bedenken,
dass eine gewisse Unschärfe auftritt, die daraus resultiert, dass möglicherweise
Zusammenhänge verlorengehen.
In unserem Fall, beim Einteilen von Wesensmerkmalen, ist eine Einschätzung
ohnehin immer subjektiv. Das ist aber weniger tragisch, da diese Art der
Charakterisierung nur „mechanisch“ im Hintergrund verläuft, sozusagen als
zusätzlichen Hinweis für das, was uns unser Gefühl über eine Person verrät. Da
alle nun folgenden Einschätzungen bewusst und somit logisch vorgenommen
werden, ist ihr Stellenwert auch geringer als der unserer emotionalen
Wahrnehmung, und daher auch nur als Ergänzung zu verstehen.
Es schadet aber nicht, wenn man seine Gefühle auch erklären und in Worte
fassen kann. Zumindest kann man leichter kommunizieren, wenn man zuvor
einige Sachverhalte definiert hat.
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1) Unsere elementaren Gefühle
Es gibt einige Grundgefühle, die jeder von uns besitzt. Alle anderen Gefühle
leiten sich als Mischform davon ab, ähnlich, wie das gesamte Farbspektrum mit
den Grundfarben Rot, Gelb und Blau dargestellt werden kann. Diese
Grundgefühle sind: Wut, Trauer, Furcht, Glück, Liebe, Überraschung, Ekel,
Scham und Schuld.
Bei der Herstellung von Gegenständen und in Sachen geistiger Abstraktion hat
die Menschheit beeindruckende Fortschritte erzielt, aber unsere Gefühle und
Bedürfnisse sind noch dieselben, wie vor Tausenden von Jahren.
Eine Emotion besteht aus einem dieser Gefühle, einem psychologischen und
biologischem Zustand sowie Handlungsbereitschaft. Wut beispielsweise äußert
sich biologisch in Form innerer Erregung und Nervosität, psychologisch durch
Mutlosigkeit und Resignation, sowie in der Handlungsbereitschaft zu schreien
oder zu kämpfen, je nachdem, was die Situation erfordert.
Eine Emotion darf nicht gleichgesetzt werden mit einer Stimmung. Man kann
zwar den ganzen Tag mürrisch sein, also eine schlechte Laune haben, aber es
wäre anstrengend genauso lange Wut zu verspüren.
Das jeweilige Temperament eines Menschen schafft die Grundlage, mit der diese
Emotionen verarbeitet und ausgelebt werden. Es reicht von schüchtern und
melancholisch, bis zu optimistisch und kühn.
Der Mensch ist äußerst paradox. Das muss uns stets klar und gegenwärtig sein,
wenn wir versuchen, fremde Ideen nachzuvollziehen und uns in andere Personen
hineinzuversetzen. Ein Mensch, der beruflich High-Tech-Computer entwickelt,
spielt abends mit seinen Freunden Karten. Ein anderer fliegt Hunderte von
Kilometern, um an einem Strand Muscheln zu sammeln. Manch mächtiger
Manager steigt aus und wird Landwirt.
„Es liegt in der menschlichen Natur, vernünftig zu denken und unvernünftig zu
handeln.“ (Anatole France)
Solch ein seltsames Verhalten lässt sich nicht in Schubladen einteilen. Doch
andererseits gibt es auch hier leicht vorhersehbare und nachvollziehbare
Elemente. Jeder gesunde Mensch ist im Prinzip von gleicher „Bauart“.
„Die Menschen sind in ihren Anlagen alle gleich, nur die Verhältnisse machen
den Unterschied.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
Sicher, es gibt äußerliche Unterschiede, doch selbst der physische Unterschied
der Geschlechter ist, bezogen auf die Gemeinsamkeiten, nur gering. Alle
Menschen benutzen ihre Hände gleichermaßen; sie falten sie, greifen und
berühren damit. Und alle besitzen die gleichen Grundgefühle; daher liegen
Vergleiche nahe und sind legitim. Auch kulturelle Unterschiede sind evident, aber
es gibt Gemeinsamkeiten, die jeder Kultur übergeordnet sind.
In Analogie zu einem Computer könnte man sagen, dass wir sowohl die
Hardware, als auch das Betriebssystem von Geburt an besitzen. Das was wir
daraus machen, und welche Fähigkeiten wir wie stark ausprägen, also wie die
weitere Software beschaffen ist, das müssen wir uns erarbeiten oder erhalten
wir durch die Erziehung.
2) Die verschiedenen Persönlichkeitstypen
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Der Charakter eines Menschen ist dafür verantwortlich, wie er seine Umwelt
wahrnimmt und sich für gewöhnlich verhält, das heißt, wie er auf sie
üblicherweise reagiert. Er ist typisch für einen Menschen, um nicht zu sagen
„charakteristisch“. Wir müssen in diesem Zusammenhang unterscheiden,
zwischen einem Charakterzug, einem Zustand und der Dimension.
1. Ein Charakterzug ist ein persistenter Teil unserer Persönlichkeit und
beschreibt, ob jemand beispielsweise grundsätzlich ängstlich ist, und das auch
in den letzten Jahren immer war.
2. Ein Zustand ist vorübergehend. Auch ein Mensch, der üblicherweise nicht
ängstlich ist, kann sich vor einer bestimmten Situation oder Aufgabe fürchten.
Unser Temperament kann gewisse Zustände beeinflussen, also Neigungen
erzeugen.
3. Die Dimension gibt, wie bei der Intelligenz, den Grad der Ausprägung eines
Charakterzuges an. Sind gewisse Züge besonders gefestigt, dann können wir
von einer „schwierigen Persönlichkeit“ sprechen. Dies ist dann gegeben, wenn
der Betroffene selbst oder andere unter der Dimension dieser Eigenschaft
leiden, beispielsweise, wenn seine Ängstlichkeit einen Betroffenen dazu
bewegt, sein Haus nicht mehr zu verlassen.
Bei den folgenden Charaktermerkmalen handelt es sich ausnahmslos um solche
Extreme. Dies sei betont, denn auch wenn wir einige dieser Charakterzüge,
mehr oder minder ausgeprägt bei uns und anderen entdecken können, handelt
es sich bei den jeweiligen Personen trotzdem in aller Regel noch nicht um eine
schwierige Persönlichkeit.
Die Einteilung ist ein Modell, und als solches nur bedingt aussagekräftig.
Wirkliches Verständnis kann auf dieser zweidimensionalen Ebene nicht erlangt
werden. Dennoch ist es interessant zu sehen, wie wir bereits mit wenigen
Bausteinen ausgezeichnete Näherungen und Personenbeschreibungen anfertigen
können.
Der Umgang mit schwierigen Menschen ist oft, wie der Name schon sagt,
„schwierig“, aber oft nicht zu vermeiden. Wir sollten deshalb in unserem eigenen
Interesse erlernen, auf sie angemessen eingehen zu können.
Zwar könnte man jetzt zurecht protestieren, sie sollten doch auf uns eingehen,
schließlich machen sie ja die Probleme. Aber man darf nicht vergessen, dass wir
Charaktere nicht ändern können. Es ist schon schwer, bei sich selbst die
Dimension eines Wesensmerkmales zu verändern und das, obwohl wir uns
kennen und es tun wollen. Wie sollte es dann gelingen, von einem anderen
Menschen zu erwarten, er solle uns zuliebe Riesensprünge machen? Wir können
von anderen nichts verlangen, was uns selbst misslingen würde.
In der Tat haben wir primär nur Einfluss auf uns selbst. Wir sollten zwar bei
unseren Zeitgenossen nicht alles akzeptieren und ihnen klare Grenzen aufzeigen,
aber um das zu tun, müssen wir auch wissen, wo diese Grenzen liegen. Auf
jeden Fall ist es hilfreich, ein wenig Personologie zu betreiben:
1. Die dependente Persönlichkeit zeichnet sich durch ein starkes Bedürfnis nach
Verstärkung, Unterstützung und Führung aus. Ein solcher Mensch zögert davor,
etwas ohne Rückversicherung zu unternehmen. Er lässt oft andere die
Entscheidungen treffen, die für ihn persönlich wichtig sind. Ein solcher Mensch
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hat große Mühe, sich in Projekte einzubringen, schwimmt lieber mit dem Strom
und ist im Gegenzug dazu bereit, die Meinung anderer zu übernehmen. Dies
kann soweit gehen, dass er völlig assimiliert und sogar den Geschmack und die
Denkstrukturen seines Vorbildes übernimmt.
Der dependente Mensch wird geplagt von einer Angst vor Bindungsverlust, denn
ohne Führung zu sein, wäre für ihn das Allerschlimmste. Deshalb ordnet er sich
bereitwillig unter und sagt zu allem „Ja“, um nicht zu missfallen Als gutmütiger
Mensch, lässt er sich gerne ausnutzen, himmelt sein Vorbild an und steht in
seinem Schatten.
Wenn man ihn kritisiert oder tadelt, ist er rasch betroffen oder ängstlich. Durch
Trennungen wird er sehr verstört und sucht schnellstmöglich einen neuen „Wirt“,
mit dem er eine Symbiose eingehen kann. Die Rolle des Hintermannes ist ihm
auf den Leib geschrieben. Er würde sich niemals auflehnen, denn er will nicht an
der Spitze stehen.
Oftmals bleibt er deshalb weit unterhalb seiner Möglichkeiten und entfaltet sein
Potential nicht richtig. Für gute Freundschaften ist dieser Menschentyp
ungeeignet, da er sich meistens nur auf eine Zielperson konzentrieren kann.
Denn es ist schwer möglich, mehrere unterschiedliche Meinungen zu
übernehmen und zeitgleich zu vertreten. In der Regel sucht sich ein dependenter
Mensch deshalb sein Vorbild in Form des Partners, da er diesen für sich allein
beanspruchen kann.
Er „klammert“ in der Partnerschaft und möchte am liebsten immer in der Nähe
seines Gefährten sein. Sein Festhalten in der Liebe schmeichelt den meisten
Partnern zunächst, kann aber auch gefährlich erdrückend werden. Zudem sind
dependente Menschen selten in der Lage mit Innovationen zu begeistern, da sie
nur fremde Ideen wiedergeben und andere Menschen kopieren.
Ein dependenter Mensch ist nach einer Trennung in der Lage, sich binnen
weniger Tage oder Wochen völlig zu verändern, um sich so jemand anderem
anzupassen. So wie ein Chamäleon seine Farbe verändern kann, wechselt der
Dependente seine Ansichten. Besonders auffällig ist es, dass ein Mensch dieses
Typs besonders oft die Rolle eines Liebhabers, respektive einer Geliebten
einnimmt. Nicht, weil er so leidenschaftlich wäre, sondern weil er über Jahre
hinweg die „Nummer Zwei“ sein kann, ohne sich abzuwenden. Er selbst ist dabei
in der Regel aber nicht fest liiert, und lässt sich daher vom anderen freiwillig
ausnutzen.
Die Ursache für diese Art der Persönlichkeit liegt einerseits in der Tatsache
begründet, dass wir alle von Geburt an abhängig sind. Andererseits sind
erzieherische Gründe dafür verantwortlich, dass manche Menschen diese
Merkmale nicht im Rahmen des Abnabelungsprozesses verlieren, sondern sogar
noch ausprägen. Wurden sie in der Kindheit vernachlässigt, oder das genaue
Gegenteil davon, nämlich überbehütet, dann haben sie später den starken
Wunsch nach Sicherheit und Führung. Besonders Einzelkinder sind gefährdet, da
sie kaum Konflikte mit Gleichaltrigen austragen durften. Dies führt fast immer zu
einem gewissen Grad an Dependenz oder wiederum zum Gegenteil davon, dem
Narzissmus
Im Umgang mit dependenten Persönlichkeiten gilt es, sie in ihren eigenen
Initiativen und Erfolgen zu bestärken und ihnen dabei zu helfen, Fehlschläge
nicht so tragisch zu nehmen. Wir sollten sie nach ihrem eigenem Standpunkt
fragen, sie vorsichtig von uns abnabeln und ihnen nicht zu viel abnehmen. Wenn
uns ein abhängiger Mensch um Rat bittet, sollten wir ihm auch unsere eigenen
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Schwächen zeigen, ihn nicht zu viel kritisieren, nicht ausnutzen und ihn langsam
und behutsam seine Aktivitäten und Autonomie ausdehnen lassen. Auf keinen
Fall sollten wir ihn, sozusagen als „Therapie“, im Stich lassen, denn das würde
ihn sehr verunsichern, und hätte keinen positiven Effekt, da er sich umgehend
ein neues Vorbild suchen würde.
2. Eine depressive Persönlichkeit äußert sich in ihrer Weltanschauung. Eine
solche Person ist pessimistisch und sieht stets die finstere Seite der Dinge.
Mögliche Risiken werden überschätzt, positive Aspekte ignoriert oder
geringgeschätzt. Sie ist für gewöhnlich traurig und verdrossen.
Ihre „Anhedonie“, das heißt, die Unfähigkeit selbst bei schönen Erlebnissen,
Freude und Vergnügen zu empfinden, führt dazu, dass sie sich in ihrer negativen
Sicht der Dinge bestätigt sieht. Dies geht häufig einher mit einer
Selbstentwertung, dem Gefühl von Untauglichkeit und Schuld, selbst wenn
andere Menschen sie vom Gegenteil überzeugen möchten.
Ein depressiver Mensch empfindet die Welt als hart und ungerecht und fühlt sich
seinen Aufgaben nicht gewachsen. In seinen Prognosen wird es mit allem
schlimm ausgehen. Es fehlt ihm an Perspektiven und Ideen, wie man sein Leben
schöner gestalten könnte. Paralysiert von seiner Furcht ist der Depressive in sich
verschlossen. Das Weltgeschehen interessiert ihn nicht, und selbst das eigene
Leben erlebt er nur als passiver Zuschauer.
Im Umgang mit einer solchen Person müssen wir einiges beachten. Wir sollten
viele Fragen stellen, die ihr Interesse auf das Positive lenken und sie in
angenehme Aktivitäten einbeziehen. Indem wir gezielt unsere Wertschätzung
zeigen, und ihn nicht auffordern, sich zu rühren, keine Moralpredigten halten
und uns nicht von seiner Verdrossenheit anstecken lassen, können wir einem
depressiven Menschen sehr helfen.
3. Die ängstliche Persönlichkeit macht sich zu häufig und zu intensiv Sorgen,
angesichts der Gefahren des täglichen Lebens. Ihre Angst dehnt sich ungewollt
auch auf andere aus, beispielsweise ihre Kinder. Hinter jeder Reise, jedem
„Zuspätkommen“ und jeder neuen Erfahrung könnte etwas Furchtbares stecken,
das Leib, Leben und Seelenheil bedroht. Das bringt dauerhaft eine übermäßige
physische Anspannung mit sich, die sich in Form von Schlafstörungen,
Herzklopfen und Verspannungen äußern kann.
Dieser Typus Mensch, der im Angsthaben seine Identität gefunden hat, versucht
sein Augenmerk auf potentielle Gefahren zu richten, selbst wenn diese nur
geringfügig sind. Unwahrscheinliche und belanglose Ereignisse werden
überdramatisiert.
In gewisser Weise sind solche Persönlichkeiten deswegen aber auch gut
vorbereitet, da sie alle Eventualitäten berücksichtigt haben. Für die Gesellschaft
können sie nützlich sein, denn sie sind geübt darin, versteckte Gefahren zu
entdecken. Im Unterschied zu einer depressiven Person plagen den Ängstlichen
immer konkrete Ereignisse, nicht diffuse. Diese können zwar fiktiv sein, beziehen
sich aber stets auf einen spezifischen Sachverhalt. Daher ist ihre Angst
vorhersehbar, kalkulierbar und überfällt die Betroffenen nicht aus heiterem
Himmel.
Dennoch ist es nicht immer leicht, mit solchen Menschen umzugehen. Ihre
pedantische Ängstlichkeit verdirbt den Angehörigen oft deren Spontaneität und
Lebensfreude. Am besten ist es, ihre Angst nicht noch zusätzlich zu provozieren,
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beispielsweise durch den unnötigen Hinweis, wie „gefährlich“ es später am Tag
werden könnte, in den „verwinkelten Gebirgsstraßen“ zu fahren, vor allem mit
„den alten Reifen“. Auch zynische und makabere Sprüche sind bei ängstlichen
Menschen fehl am Platz.
Indem wir Verlässlichkeit demonstrieren und Kompromissbereitschaft an den
Tag legen, können wir diese Personen ihre innere Ruhe finden lassen. Es kostet
uns überdies nicht sehr viel Überwindung bei ihnen anzurufen, wenn wir gut am
Ziel einer Reise angekommen sind, von der sie wussten Ihnen bedeutet das
jedoch äußerst viel, da sie schreckliche Ängste in dieser Zeit ausstehen. Jegliche
Überraschungen sollten wir bei diesen Menschen lieber unterlassen, da sie keine
Zeit hätten, sich darauf einzustellen.
Zwar müssen wir dringend darauf aufpassen, dass wir unsere Entscheidungen
auch weiterhin unbeeinflusst treffen, aber es hilft schon sehr, wenn wir solchen
Persönlichkeiten
keine
eigenen
Ängste
mitteilen
und
betrübende
Gesprächsthemen unterlassen. Statt dessen sollten wir sie reaktivieren und
ermutigen, auch selbst ein wenig aufgeschlossener und mutiger in die Welt
aufzubrechen.
4. Die histrionische Persönlichkeit ist dadurch geprägt, dass sie viel
Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, und es nur schlecht erträgt, in Situationen
zu geraten, in der sie nicht im Mittelpunkt stehen kann. Sie strebt eifrig nach
Zuneigung und nutzt alle Mittel, um beachtet zu werden.
Eine solche Person ist sehr affektiv und drückt ihre häufig wechselnden Gefühle
und ihren Pathos dramatisch überspitzt aus. Sie beschwört mit ihrem emotional
geprägtem Redestil Stimmungen herauf und lässt es dabei an Präzision und
Aufmerksamkeit fürs Detail fehlen. Eine solcher Charakter neigt dazu, Personen
in seiner Umgebung übermäßig zu idealisieren oder abzuwerten. Das kann sich
auch spontan abwechseln!
Diese ständig überdrehte Art kann sich soweit zuspitzen, dass es zu
Symptomen, wie Krämpfen, Nervenzusammenbrüchen oder Ohnmachtsanfällen
kommen kann. Dieses Verhalten erinnert stark an Kinder in ihrer Trotzphase und
Jugendliche, die sich in der Pubertät befinden, lässt sich aber durchaus auch bei
Erwachsenen finden.
Das Wort „histrionisch“ leitet sich vom lateinischen „histrio“ ab, einem
Theaterschauspieler, der zu Flötenklang Pantomimen aufführte. Es hat nichts mit
dem Begriff „hysterisch“ zu tun, welches sich vom griechischen „hustera“
ableitet, was soviel wie „Gebärmutter“ bedeutet. Der Begriff „hysterisch“ hat im
Sprachgebrauch einen abwertenden Beiklang bekommen, und induziert die
Vermutung, nur Frauen würden solche Charakterzüge an den Tag legen. Es ist
zwar richtig, dass dieses Wesensmerkmal mehrheitlich bei Frauen anzutreffen
ist, aber nicht ausschließlich!
Histrionische Zeitgenossen finden sich häufig in der Welt der Schauspieler,
Politiker und Entertainer, da sie dort die Aufmerksamkeit erhalten, die sie zum
Glücklichsein benötigen.
Ihre psychische Instabilität und die ständig wechselnden Emotionen bewirken
vor allem in ihrem Liebesleben turbulente Probleme. Sie befinden sich immer in
Extremsituationen, da sie durch das Chaos zu Aufmerksamkeit seitens ihrer
Umgebung gelangen.
Im Umgang mit ihnen sollten wir uns zunächst einmal nicht über ihre
theatralische Art wundern. Wir sollten ihnen ihren Auftritt lassen, aber deutliche
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Grenzen ziehen. Wenn sie sich „normal“ verhalten und ausnahmsweise von ihrer
„Show“ ablassen, sollten wir sie darin mit gesteigerter Aufmerksamkeit
verstärken.
Mit Stimmungswechseln ist aber immer zu rechnen, und diese können aus
heiterem Himmel erfolgen. Zwei Dinge müssen wir deswegen im Umgang mit
ihnen auf jeden Fall vermeiden: Uns von ihrem Auftritt erweichen zu lassen und
uns über sie lustig zu machen.
5. Eine narzisstische Persönlichkeit empfindet sich als Ausnahmewesen; in ihrer
Sicht ist es selbstverständlich, wenn sie außerhalb der normalen Maßstäbe steht,
und folgerichtig mehr und besseres als andere bekommt.
Sie hat den Kopf voller Ehrgeiz und will sowohl im Beruf, als auch im Liebesleben
„Erfolge“ verbuchen. Dies gelingt ihr auch häufig, denn sie achtet sehr auf ihre
physische und modische Erscheinung, und bemüht sich darum, gepflegt und
vorbildlich aufzutreten. Sie erwartet, dass man ihr Aufmerksamkeit und
Vorrechte gewährt, fühlt sich aber ihrerseits zu nichts verpflichtet.
Will man einem Narzissten seine Privilegien streitig machen, dann gerät er leicht
in Rage, da er überzeugt davon ist, dass sie ihm zustehen. Er nutzt andere
geschickt aus, und manipuliert sie schamlos, um seine eigenen Ziele zu
erreichen.
Ein narzisstischer Mensch bekundet wenig Empathie und ist von den Gefühlen
anderer nur geringfügig berührt. Der Umgang mit einem solchen Zeitgenossen
ist daher nicht einfach. Es ist schier unmöglich, ihn davon zu überzeugen, dass
auch er nur „ein Mensch unter vielen“ ist.
Aber wir können von seiner Durchsetzungskraft und seinem Selbstvertrauen
profitieren. Er ist der richtige Typ, wenn es darum geht, wichtige Verträge
abzuschließen, andere zu motivieren oder für den Außendienst. Wir sollten ihm
daher für Aufrichtigkeit und Teamarbeit unsere Anerkennung zeigen.
Um Konflikte zu vermeiden, die entstehen könnten, weil er Aussagen anderer
sofort auf sich bezieht, sollten wir sie ihm erklären. Mit Kritik müssen wir
sparsam sein und sie nur sehr präzise anwenden, niemals jedoch seine Person
angreifen. Wir sollten über eigene Erfolge schweigen, seine Formen und
Gebräuche respektieren und auf keinen Fall opponieren.
Wenn wir keine Gefälligkeiten von ihm erwarten und uns nicht manipulieren
lassen, dann dürften eigentlich keine ernsthaften Konflikte entstehen. Das
diplomatische Zurückstecken ist im Umgang mit diesem Menschenschlag leider
nicht zu vermeiden, außer natürlich, indem wir uns von solchen Personen völlig
fernhalten.
6. Rechthaberische Persönlichkeiten können nicht konstruktiv kritisieren. Statt
dessen versuchen sie andersdenkende Menschen ständig zu korrigieren und zu
attackieren. Eigene Vorschläge und Ideen äußern sie, wenn überhaupt, nur
zusammen mit dem Verweis auf angebliche Schwächen und Fehler, die andere
gemacht haben. Hämische Freude überkommt sie, wenn ihre Kontrahenten in
Schwierigkeiten geraten, denn das gibt ihnen die Gelegenheit, erneut darauf
hinzuweisen, dass sie es natürlich schon vorher besser wussten Sie sind „Meister
des Offensichtlichen“ und verkünden Binsenweisheiten à la:
• „Wir müssen jetzt in die Zukunft blicken!“
• „Wir brauchen eine Lösung, die optimalen Gewinn abwirft!“
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• „Das Problem bedarf einer umfassenden Lösung.“
• „In der Industrie gibt es Wettbewerb!“
Das sind Sätze, die unglaublich intelligent klingen, aber in Wirklichkeit trivial
sind. Alles in allem fühlt sich dieser Typ Mensch vor allem in Machtpositionen
wohl, und ist daher in der Politik, den Gerichten und der Wirtschaft zuhause.
Diskussionen mit einer rechthaberischen Person verlaufen aufgrund seiner
Hybris äußerst zäh und unproduktiv, da weder ein wechselseitiger
Ideenaustausch stattfinden kann, noch Kompromisse wahrscheinlich sind.
Rechthaberische Menschen neigen zum „Missionieren“, also dazu, anderen ihre
Sichtweisen aufzudrängen. Nur sie kennen die „besten“ Bücher, wissen, wie man
Speisen „richtig“ zubereitet, welche Städte die „schönsten“ sind et cetera. Der
Superlativ ist ihr Eigentum.
Falls wir dazu gezwungen sind, mit einem solchen Mensch zurechtzukommen,
dann sollten wir vor allem vermeiden, dass andere Personen zugegen sind.
Sobald sie ein Publikum haben, laufen rechthaberische Persönlichkeiten zu
Höchstform auf, und werden zusätzlich zur Eigensinnigkeit auch noch
unverschämt, unkorrekt und polemisch.
7. Das Bild der zwanghaften Persönlichkeit ist geprägt von ihrem
Perfektionsdrang. Ein solcher Mensch achtet oft übermäßig, und zum Schaden
des Endresultates, auf Details, Verfahrensweisen, darauf Ordnung zu halten oder
auf die Organisationsstruktur als solche. Mit viel Starrsinn und Dickköpfigkeit
passt er darauf auf, dass alles exakt so funktioniert, wie es von ihm vorgesehen
wurde. Aus Furcht davor, Fehler zu begehen, zögert er zum Teil sehr lange und
erhebt permanent kleinliche Einwände gegen fremde Vorschläge.
Mit moralischer Strenge wird gewissenhaft und peinlich genau ergründet, welche
Möglichkeit die absolut Beste wäre. Durch sein ständiges Nachprüfen wird
gewährleistet, dass alles gut genug abläuft. Solche Personen können sich in
unserem „Zeitalter der Obsessionellen“ sehr gut ausleben. Erfolg ist heutzutage
hochangesehen und ihre Kompetenz führt geradlinig darauf zu. Gibt man einer
zwanghaften Persönlichkeit einen klaren Auftrag, dann kann man sich darauf
verlassen, dass keine Fehler in dessen Ausführung gemacht werden; zumindest
keine, die auf Irrtümern beruhen.
Nicht selten aber stellen solche Menschen in ihrer Liebe zu Ordnung und Gesetz
die Barmherzigkeit und den gesunden Menschenverstand zurück. Aus „Prinzip“
wird von ihnen beispielsweise eine Rechnung verschickt, bei der das Porto und
der Arbeitsaufwand die in Rechnung gestellte Summe bei Weitem übersteigen.
Ohne das Klischee der Beamten zu bestätigen, möchte ich anmerken, dass sich
solche Menschen in Behörden sehr gut aufgehoben fühlen müssten
Unter diesen Persönlichkeiten finden wir auch Menschen mit übertriebener
Ordnungsliebe und Waschzwang. Sie erwarten, dass auch wir ihre Genauigkeit
befolgen, aber das wäre natürlich unmöglich. Mit ihnen auszukommen ist
dennoch nicht schwierig, wenn man sie zu nehmen weiß. Man sollte ihren Sinn
für Ordnung und Strenge zu schätzen wissen, denn er bietet häufig gute Dienste
in Sachen Bürokratie, Recht, Gesetz und Finanzen. Ihr Urteil ist stets
wohldurchdacht und basiert nicht nur auf Intuition. Wir können sie also getrost
alles planen lassen.
Wenn wir ihnen zeigen, dass wir vertrauenswürdig und berechenbar sind, dann
gibt es eigentlich wenig Probleme mit diesen Menschen. Gibt es dennoch
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Konflikte, dann sollten wir Kritik mit Zahlen und Fakten üben, vermeiden,
ironische Bemerkungen über ihr Wesen zu machen und sie nicht in Verlegenheit
bringen, mit zu viel Zuneigung, Anerkennung oder teuren Geschenken.
In aller Regel sind sie sehr zufrieden mit sich und ihrer Welt. Es würde ihnen
lediglich gut bekommen, wenn wir ihnen vorleben, wie man auf unabänderliche
Situationen gelassener reagieren kann. Und natürlich müssen wir ihnen sanft
klarmachen, dass ihre Liebe zur Perfektion nicht in jedem Menschen gleich stark
ausgeprägt ist, und dass sie dies tolerieren sollten.
8. Die paranoide Persönlichkeit ist geprägt von Misstrauen Ein solcher
Zeitgenosse verdächtigt laufend seine Mitmenschen, böse Absichten zu haben.
Er ist stets auf der Hut und bereit dazu, eventuelle Gegner zu entlarven, denn er
hegt unentwegt Zweifel an ihrer Loyalität.
Eifersucht ist eine Form, in der sich dieser Charakterzug äußern kann. Solche
Personen suchen bis ins Detail nach Unstimmigkeiten, ohne das Gesamtbild zu
berücksichtigen.
Entdecken
sie
einen
vermeintlichen
Verräter
oder
Oppositionellen, dann schlagen sie mit maßloser Gegenwehr zurück. Sie achten
sehr auf ihre Rechte und Fragen des Vorrangs. Negativ fällt dabei ihre
Unnachgiebigkeit ins Gewicht. Sie sind rational, kalt, logisch, haben wenig oder
nur sehr zynischen Humor und taube Ohren für die Argumente anderer
Menschen.
Das kann soweit gehen, dass ein typischer Diktatorcharakter zum Vorschein
kommt, der unfähig ist, Zärtlichkeit oder positive Emotionen auszudrücken.
Solche Menschen haben in jedem Fall ein mehr als gesundes Misstrauen und
einen großen Sachverstand, den sie als Waffe einsetzen können. Juristische
Kenntnisse und gute Allgemeinbildung sind bei ihnen in der Regel anzutreffen.
Diese benutzen sie, um ihre Mitmenschen wegen jeder Ordnungswidrigkeit vor
Gericht zu bringen.
Wie kann man nun mit solchen Menschen umgehen? Auf jeden Fall: Nicht
kritisieren! Am Besten ist, wir legen unsere Absichten offen dar und zeigen
ihnen, dass wir Respekt vor ihnen haben. Indem wir Kontakt halten, geben wir
ihnen keinen Anlass, uns zu misstrauen Es ist wichtig, bei unserer
Argumentation darauf zu achten, „ihre Sprache“ zu sprechen, uns auf allgemein
anerkannte Regeln zu berufen, aber auf lange Diskussionen zu verzichten.
Wir sollten zwar Missverständnisse aufklären, um einer solchen Person die
Möglichkeit zu geben, ihr Fehlverhalten zu ändern, aber vermeiden, dass das
Gespräch Endlosschleifen bildet.
Gespräche hinter ihrem Rücken sollten wir grundsätzlich unterlassen, denn das
würde ein paranoider Mensch früher oder später herausfinden. Wir müssen auf
jeden Fall aufpassen, dass er keine Macht über uns bekommt. Dies könnte direkt
durch Beeinflussung oder indirekt durch Intrigen geschehen.
Das zu vermeiden gelingt, indem wir deutlich zeigen, wo die Grenzen liegen. Zu
guter Letzt: Gewisse Reizthemen wie Politik, Religion oder Finanzen sollten wir
überhaupt nicht ansprechen. Diese Zündstoffe jeder Diskussion wären es nicht
wert, sich deshalb mit einem solchen Menschen in die Haare zu kriegen.
9. Eine schizoide Persönlichkeit wirkt leidenschaftslos und schwer ergründlich.
Komplimente oder Kritik sind ihr scheinbar gleichgültig. Sie wählt sich immer
Beschäftigungen aus, bei denen man alleine ist, hat wenig enge Freunde und
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wenn, dann meist nur im Kreis der Familie. Bindungen einzugehen ist nicht ihre
Stärke; die Gesellschaft mit anderen wird von ihr nicht gesucht.
Es ist wichtig, die Begriffe „schizoid“ und „schizophren“ klar voneinander zu
unterscheiden. Beide haben dieselbe sprachliche Wurzel, das griechische Präfix
„schizo“, was soviel wie „abgeschnitten“ bedeutet. Schizoide Menschen
schneiden sich jedoch nur von der Welt und ihrem Trubel ab, während
Schizophrenie eine Krankheit ist, bei der ein Mensch von Wahnideen geplagt
wird und von seinem klaren Verstand abgeschnitten ist.
Es ist in unserem Kulturkreis sehr leicht, als schizoider Mensch zu leben. Solche
Personen, die in ihrer inneren Welt zuhause sind, finden wir beispielsweise im
Kreis der Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker sehr häufig. Sie
lieben es, in der Anonymität einer Großstadt zu leben, und entgehen den
unbarmherzigen Anforderungen unserer Gesellschaft an die Kommunikation,
indem sie die Neuen Medien wie E-Mail und Internet nutzen, und sich dadurch
persönliche Auftritte ersparen.
Wir sollten ihr Bedürfnis nach Einsamkeit respektieren, ihnen angemessene
Aufgaben zuteilen und uns sehr langsam an sie herantasten. Oftmals sind es
sehr sensible Menschen, die im Schutze der Isolation ihre künstlerische Seite
verwirklichen.
Wir dürfen sie nicht zu intensiven Gefühlsäußerungen drängen und nicht mit zu
viel Konversation knebeln. Es wäre hilfreich, sie ein wenig davor schützen, sich
zu sehr zu isolieren, es aber dabei zu belassen. Diese Menschen haben gelernt
alleine zu leben, und es ist ihr gutes Recht, das auch zu tun.
10. Ein passiv-aggressiver Mensch widersetzt sich im beruflichen und privaten
Bereich für gewöhnlich den Forderungen der anderen. Er diskutiert Anweisungen
auf übertriebene Art und kritisiert grundsätzlich die Autoritätspersonen. Seine
Aggression äußert sich jedoch nicht offen, sondern versteckt. So eine Person
lässt ihre Arbeit schleifen, ist absichtlich uneffizient und schlampig, und sabotiert
somit die Zusammenarbeit der Gemeinschaft.
Absichtlich werden von so einem Menschen Dinge „vergessen“, und sich beklagt,
wo er nur kann. Er fühlt sich ungerecht behandelt und hält seine Form des
Protestes daher für legitim. Der Passiv-aggressive lässt sich oft krankschreiben
und versucht das Betriebsklima durch Intrigen zu vergiften. Er stellt vor allem
für das zwischenmenschliche Klima von Gruppen eine Gefahr dar, da er mit
seiner gesäten Zwietracht alles lahmlegen kann und dennoch keine Ruhe gibt.
„Wer Freude am Klagen hat, wird immer was zum Klagen finden.“ (Jeremias
Gotthelf)
Ein solcher Mensch hasst seine Arbeit, würde aber selbst mit einer großzügigen
Abfindung nicht den Betrieb verlassen, denn er versteht seine Schlacht als
gerechte Mission und sich selbst als Sprecher aller Beteiligten. Argumenten
gegenüber ist er unzugänglich, da es ihm mehr um den Protest als solchen, als
um echte Veränderungen geht.
Eine besondere Variante sind Menschen, die ihr Leben irgendeinem Gedenken
widmen. Das kann ein vergangener Krieg sein oder ein weit zurückliegendes
Unrecht. Sie sind davon besessen, sich und andere immer wieder an dieses
spezielle Ereignis zu erinnern. Dabei boykottieren sie die Sache mehr, als ihr zu
nützen. Denn wer ein Gedenken erpressen will, der erreicht zwar, dass es nicht
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in Vergessenheit gerät, bewirkt aber Unmut und Widerstand in den übrigen
Beteiligten.
Vermutlich befindet sich mindestens ein Mensch dieser Sorte in jeder größeren
Gruppe. Wir sollten also erlernen, mit ihnen klarzukommen, denn sonst kann
uns das Zusammenleben mit ihnen sehr belasten.
Die Ursache für eine solche Ausprägung ist in der Erziehung zu finden. Kinder
probieren in ihrer Entwicklung alle Verhaltensweisen aus. Was funktioniert wird
von ihnen beibehalten. Sind sie nun antiautoritär erzogen worden, dann konnten
sie ihre Aggressivität kultivieren. Da es für aktive Aggressivität aber allerorts
Strafen gibt, haben sie sich für eine „stille“ Form des Stänkerns, also für
Brunnenvergifterei und Rufmord entschieden.
Mit reichlich Raffinesse ausgestattet ist es diesen Personen häufig möglich, alles
zu vertuschen und von sich abzulenken. Sie verfügen über ein hohes Maß an
Straßenintelligenz und sind sozial geschickt, wenn auch wegen ihrer Hetzerei
gemieden.
Wir sollten unbedingt liebenswürdig zu ihnen sein, sie oft nach ihrer Meinung
fragen und ihnen dabei helfen, sich auszusprechen. Aber wir müssen ihnen
gleichzeitig die Spielregeln ins Gedächtnis rufen, während wir ehrliche Empathie
bekunden. Auf keinen Fall dürfen wir sie ignorieren oder von oben herab
behandeln.
Auch ein Wettrüsten ist sinnlos, denn diese Menschen sind „Heckenschützen“.
Sie verstecken sich und schlagen bei der nächstbesten Gelegenheit zu, selbst
wenn bis dahin etliche Wochen vergehen. Sie sind sehr nachtragend und
verzeihen nicht. Wir sollten uns daher stets daran erinnern, dass sie fest davon
überzeugt sind, sie würden einer höheren Gerechtigkeit dienen.
11. Mit einer aggressiven Persönlichkeit verbinden wir automatisch einen
tyrannischen Gewalttäter, der unberechenbar, sadistisch und kaltblütig vorgeht.
Dies ist aber nur die extremste Form dieses Menschenschlages. Viel häufiger
vertreten ist der Choleriker, der schnell in Rage gerät. Kritische Bemerkungen
interpretiert dieser Typus für gewöhnlich als Angriff auf seine Person.
In Folge gerät er in eine Lage, die auf ihn bedrohlich wirkt. Um nicht in
emotionale Konflikte mit sich selbst zu geraten, spielt er sich auf und verschafft
seiner Argumentation mit offener Aggression Geltung. Sobald er in Fahrt kommt,
kann ihn auch die Passivität oder Aufgabe seines Gegners nur mäßig
besänftigen. Er sieht es als persönliches Recht an, seiner ungezügelten Wut
freien Lauf zu lassen.
Um mit einem aggressiven Menschen auszukommen, dürfen wir es nicht soweit
kommen lassen, dass er „rotsieht“, denn dann wäre eine friedliche Klärung nur
noch schwer möglich. Um aber nicht unterwürfig zu sein, und immer nachgeben
zu müssen, bleiben nur zwei Optionen offen; entweder den Kontakt zu dieser
Person unverzüglich zu beenden oder, falls es nicht anders geht, sehr behutsam
mit ihr umzugehen.
Das bedeutet, auf jegliche Form von Provokation, Kritik, Diskussion und Humor
ihr gegenüber zu verzichten, und dabei dennoch auf den eigenen Forderungen
zu beharren. Da aber ein solches Verhältnis allenfalls im Berufsleben, nicht aber
im privaten Umgang auf Dauer Erfolg haben kann, rate ich zu dem erstem Weg,
vor allem, wenn es bereits zu physischer Gewalt gekommen ist.
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12. Die selbstunsichere Persönlichkeit ist hypersensibel und fürchtet nichts
mehr, als kritisiert zu werden. Sie hat Angst davor, sich lächerlich zu machen,
und meidet die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen, solange sie nicht sicher
ist, dass diese ihr bedingungsloses Wohlwollen entgegenbringen.
Ein solcher Mensch scheut alle Situationen, in denen er gekränkt oder in
Verlegenheit gebracht werden kann, also neue Bekanntschaften, Bewerbungen
oder die Entwicklung einer intimen Beziehung.
Aus Angst vor Misserfolg suchen sich solche Charaktere häufig Positionen oder
Partner, die weit unter ihren Möglichkeiten liegen. Lieber nehmen sie einen
sicheren zweiten Platz ein, als im harten Kampf um die besseren Stücke
eventuell Blessuren zu bekommen. Sie kommen oft leicht durchs Leben, da ihre
demonstrative Unfähigkeit die Hilfsbereitschaft und den Beschützerinstinkt in
ihren Mitmenschen weckt.
Eine häufige Ursache für ihr Verhalten sind Minderwertigkeitskomplexe, die seit
der Pubertät bestehen, und sich nicht im Laufe der Zeit zerstreut haben. Wer mit
einem solchen Menschen umgehen möchte, sollte sich vorsichtig annähern und
einen langsam steigenden Vertrauensaufbau anstreben.
Ziel ist es, einer selbstunsicheren Person zu zeigen, dass sie zu mehr fähig ist,
ohne zu viel dabei riskieren zu müssen. Wir helfen ihr, indem wir ihre Meinung
für wichtig nehmen und keine ironischen Bemerkungen darüber machen. Dazu
wäre es hilfreich, wenn wir ihren Widerspruch ertragen können und sie für all
das loben, was sie gut gemacht hat. Mit barscher Kritik sollten wir indes sparsam
sein. Das wäre Wasser auf die Mühlen ihrer Ängste. Immer für sie da zu sein ist
ebenso wichtig, wie sich nicht über so manch feige Einstellung aufzuregen.
Letztlich sollten wir ihre Schwäche auch nicht ausnutzen, denn oftmals sind sie
liebenswerte und bescheidene Menschen, von denen wir noch etwas lernen
können.
13. Die selbstüberzeugte Persönlichkeit ist den narzisstischen Personen sehr
ähnlich. Sie ist sehr von sich und ihren Fähigkeiten überzeugt und strahlt das
auch aus. Aber anders als die Narzissten fordert sie kaum Sonderrechte. Es
genügt ihr, passiv bewundert zu werden.
Selbstgerecht, selbstgefällig und arrogant stellt sie sich zur Schau und will im
Mittelpunkt stehen. Ihre demonstrative Überlegenheit entspringt aus einer tiefen
Überzeugung, dass ihre Existenz von größter Bedeutung für die Menschheit ist.
Die Zahl dieses Typus ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen, da sehr
viele Menschen Bücher über Selbsterfahrung und Selbstbewusstsein gelesen
haben, und sich daraufhin einbildeten, dass Bescheidenheit und Demut in ihrem
Verhalten nicht länger einen Platz einnehmen sollten. Sie waren ursprünglich
unsicher, überschritten die Grenze und fielen in das gegenteilige Extrem.
Der Unterschied zu den rechthaberischen Persönlichkeiten ist minimal und zeigt
sich nur im Fehlen von Machtallüren und Dominanz. Diese Menschen sind zwar
von sich selbst überzeugt, versuchen aber nicht, andere zu bekehren.
Mit ihnen umzugehen ist daher auch leichter als mit narzisstischen und
rechthaberischen Persönlichkeiten. Wir sollten ihnen ihren Auftritt lassen und nur
unterschwellig zeigen, dass sie in Wirklichkeit weit weniger unentbehrlich sind,
als in ihrer Vorstellung. Wenn sie mal wieder zu Höhenflügen ansetzen, wäre es
nicht falsch, ihnen mit ein wenig Humor einen Dämpfer zu verpassen.
Selbstbewusstsein ist eben doch etwas anders als Egozentrik.
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Natürlich gibt es noch weitere Charakterzüge und Persönlichkeiten, aber diese
dreizehn sind am Häufigsten. Soziopathische Persönlichkeiten, sadistische und
schizotypische Personen mit völlig bizarren Ansichten sind in der Regel bereits
als pathologisch einzustufen. Ebenso möchte ich Borderline-Persönlichkeiten,
selbstschädigende Personen, multiple Persönlichkeiten oder solche, die
traumatische Veränderungen erlitten haben nur am Rande erwähnen.
Zwar sind sie besonders gefährlich für die Harmonie der Bevölkerung, aber zum
Glück in der deutlichen Minderheit. In ihren extremsten Ausprägungen gehören
sie in psychiatrische Behandlung und fallen oft bereits in jungen Jahren auf.
Gespräche und Aufmerksamkeit allein könnte ihnen nicht helfen.
Natürlich wäre es falsch zu leugnen, dass ein Teil aller Persönlichkeiten in uns
steckt, also auch der sehr Extremen, aber in der Regel hat ein unkomplizierter
Charakterzug die Oberhand. Ein narzisstisch und zugleich soziopathischer
Mensch, also jemand, der Gesetze und Spielregeln unserer Gesellschaft nicht
anerkennt, wird wissen, dass er sich zurückhalten muss, um nicht bestraft zu
werden. Er wird seine Arroganz in Form von Macht und Dekadenz ausleben, aber
aus Angst vor Strafe gesetzestreu bleiben. Zwar hält er dies nicht für richtig,
denn schließlich glaubt er, über dem Gesetz zu stehen, aber er weiß, dass die
Gemeinschaft über seine „Allmacht“ anders denkt, als er selbst.
3) Mischtypen
Einige Mischtypen der Charaktere treffen wir häufiger an, deshalb möchte ich sie
kurz vorstellen.
• Die
dependent-histrionische
Persönlichkeit
bringt
sich
laufend
in
Schwierigkeiten und zieht Katastrophen magisch an. Diese geschehen dann
zwangsläufig auch, wobei der Verursacher anschließend auch noch erwartet,
dass ihm andere aus dem Schlamassel wieder heraushelfen. Kaum ein Monat
vergeht, ohne dass sich ein solcher Mensch verletzt, Probleme im Beruf hat,
persönliche Krisen durchlebt und andere Personen hineinzieht. Natürlich sind
in seinen Augen stets „die anderen“ Schuld an seiner Misere und müssen auch
dafür geradestehen. Die mangelnde Eigenverantwortung und die exzessiv
ausgelebte
Opferrolle
sind
gepaart
mit
einem
großen
Aufmerksamkeitsbedürfnis.
• Eine narzisstisch-dependente Persönlichkeit gibt es auch, obwohl es kaum zu
glauben ist. Diese Menschen führen eine Art Doppelleben. Zum einen sind sie
beruflich kompetent, erfolgreich und gefragt. Auf logischer Ebene sind sie der
Mehrheit zweifelsfrei überlegen und kosten das auch meist aus. Der offene
Egoismus und ein Schein von Unfehlbarkeit gehen auch eventuell einher mit
gespielter Bescheidenheit. Doch im Privatleben sind solche Menschen völlig
unfähig, hilflos und abhängig. Wenn es darum geht, gefühlsmäßige
Entscheidungen zu treffen, schmilzt ihre Kompetenz dahin. Sie sind nicht in
der Lage, festgefahrene Probleme und Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Niemand der ihre berufliche Rolle kennt, könnte erahnen, wie schwach dieser
Mensch im privaten Bereich ist. Das teilweise selbstgefällige oder zumindest
erhabene Auftreten täuscht über ihre innere Zerrissenheit hinweg.
• Die schizoid-zwanghafte Persönlichkeit begegnet uns häufig, aber wir
erkennen sie meist nicht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt und versucht nicht
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aufzufallen. Sie ist in jeder Hinsicht durchschnittlich und lässt sich auf keinen
unnötigen Kontakt mit anderen Menschen ein. Freiwillig besetzt sie Stellen,
die unter ihrem Niveau liegen, und verrichtet still und sorgfältig ihre Arbeit.
Das ist sehr beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, mit welcher
Anstrengung sie ihre Anonymität schützen muss Wenn wir einen solchen
Menschen erkennen wollen, dann müssen wir in einer großen Menschenmenge
kurz innehalten. Wir werden spüren, wer sich unserer Beobachtung besonders
entziehen will. Ähnlich wie Katzen, möchten diese Personen alles
mitbekommen, ohne selbst zur Kenntnis genommen zu werden und sich
einzumischen. Sehr viele Menschen unternehmen den hilflosen Versuch,
Ordnung in ihr Leben zu bringen, indem sie jeden Samstag ihr Auto waschen
oder den Garten übermäßig pflegen. Der schizoid-zwanghafte Mensch
verknüpft darüber hinaus mit seinen Ritualen eine große Hoffnung. Insgeheim
träumt er von einem großen Durchbruch. Das ewige Versteckspiel zehrt an
seiner Kraft, und aufgrund seiner Passivität wird er oft ausgenutzt. Das
wiederum fördert eine innerlich wachsende Aggression gegenüber allen oder
ganz bestimmten Menschen. Es heißt: „Stille Wasser sind tief“; auf diese Form
der Persönlichkeit trifft es wahrlich zu, denn viele Amokläufer gehören ihr an.
Wenn es nach einem Gewaltverbrechen in den Nachrichten heißt: „Er war
immer freundlich und ist niemals aufgefallen“, dann haben wir ein Exemplar
dieser Menschen demaskiert.
Zusätzlich zu den Charakterzügen lässt sich noch eine weitere Unterteilung
treffen, zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen. Introvertierte
Personen leben in ihrer inneren Welt, sind Träumer und gerne mit sich allein. Sie
genießen die Ruhe, sind häuslich und mit wenigen, intensiven Freundschaften
glücklicher, als mit vielen Oberflächlichen.
Extrovertierte Menschen hingegen sind gesellig und lieben es, sich unter die
Leute zu mischen, denn das ist ihr „Lebenselixier“. Alleine zu sein wird ihnen
schnell zu langweilig. Sie haben weniger Berührungsängste und kommen
schneller mit fremden Leuten in Kontakt. Jeder Mensch tendiert, zusätzlich zu
seinen übrigen Charakterzügen in eine dieser beiden Richtungen.
Natürlich finden wir bei schizoiden Persönlichkeiten fast ausschließlich
introvertierte Menschen, während histrionische oder narzisstische Personen
extrovertiert sein müssen, um den von ihnen gewünschten Effekt zu erzielen,
aber dennoch lässt sich die Ausprägung unabhängig vom Charakter betrachten.
Eine weitere Grundeinstellung ist das bereits angesprochene Temperament.
Während das eine Extrem, der sogenannte „Typ-A-Mensch“, in Richtung „Kampf
gegen die Zeit“ tendiert, Wettbewerbssinn zeigt und sich immer im
Stresszustand befindet, verhält sich das andere Extrem, der „Typ-B-Mensch“
gegenteilig. Ruhig, gemütlich, passiv, bequem und friedfertig, so präsentieren
sich diese Stoiker.
Wie viel Prozent unserer Persönlichkeit nun genetisch bedingt sind oder durch
Erziehung beeinflusst werden können, wird seit Jahrzehnten lebhaft unter
Psychologen, Biologen, Verhaltensforschern und Psychotherapeuten diskutiert.
Fest steht: Alle unsere Befähigungen korrelieren und interagieren miteinander!
Intelligenz und Charakter sind eine Mischung aus Vererbung, Kultur und
Erziehung; zu welchen Anteilen ist letztendlich auch nicht wichtig. Es ist jedoch
sinnvoll, das Zusammenspiel der einzelnen Faktoren zu kennen, um
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beispielsweise zu wissen, was man als Elternteil tun kann, damit sein Kind nicht
die eigene Ängstlichkeit bekommt, oder zumindest nicht in dieser starken Form.
Oder wie man verhindern kann, dass es so schizoid wird wie sein Partner. Das
sind die eigentlich interessanten Fragen, denn sie verlassen das Feld der Theorie
in Richtung Praxis. Und vor allem: Was kann ich tun, damit ich selbst nicht mehr
so abhängig, schüchtern, launisch oder aggressiv bin?
Es geht nicht darum, seinen Charakter vollständig zu ändern. Das wäre weder
harmonisch noch erfolgversprechend. Aber eine Änderung der Dimension kann
durchaus erreicht werden, vor allem bei Menschen mit einem großen
emotionalen Potential.
IV. Die Auswirkungen
Dass jemand zu wenig intelligent sein kann, um es im Leben zu etwas zu
bringen, leuchtet uns allen ein. Aber ist es auch möglich, zu intelligent zu sein?
1) Überdurchschnittliche Intelligenz
Es bietet enorme Vorteile, seinen Mitmenschen geistig überlegen zu sein, vor
allem, wenn es insgesamt, das heißt in allen „Disziplinen“ und nicht nur einseitig
der Fall ist. Aber selbst jemand, der seelisch völlig stabil ist, wird seine Probleme
in einer Gesellschaft wie der Unsrigen haben, die alles Extreme ausgrenzt.
Einsamkeit ist der Preis, der von einem überdurchschnittlich intelligenten
Menschen zu entrichten ist, denn es werden sich nur schwer Gleichgesinnte
finden lassen, die seinen Gedanken folgen, und ihm neue Denkanstöße liefern
können. Eine hohe Spezialisierung im Beruf und eine Spreizung der
Interessengebiete kann allenfalls die innere Zerrissenheit kompensieren, nicht
aber die Einsamkeit. Komplettes Glück ist nur innerhalb einer Gruppe denkbar,
da wir mit unseren Mitmenschen wechselwirken möchten.
Sogenannte „Wunderkinder“ haben es immer schwer im Leben. Es hat den
Anschein, dass heute jedes zweite Kind eine überdurchschnittlich große
Begabung hat, glaubt man zumindest den Eltern. In Wirklichkeit nimmt nur die
Zahl der Eltern zu, die ihre Kinder und deren angeborene Intelligenz und Neugier
manipulieren und missbrauchen Denn nur, wenn ein Mensch aus eigenem
Antrieb sein Lerntempo steigern will, ist es sinnvoll, dies zu tun.
Es gibt viele Eltern, die unbedingt ein solches Multitalent „ihr Eigen nennen“
möchten, und deshalb schon vor der Einschulung mit einem Lerntraining oder
musikalischer Früherziehung beginnen. Um ihrer eigenen Existenz einen Sinn zu
verleihen, möchten sie in ihren Nachkommen „etwas Besonders“ erkennen,
koste es, was es wolle.
Den Preis zahlt das vermeintliche Wunderkind, da es von Anfang an auf
Leistungsbereitschaft, Gehorsam und Egozentrik gedrillt wird. Die Japaner sind
führend auf diesem Gebiet, denn sie haben eine besonders perfide Möglichkeit
der Konditionierung entwickelt.
Was hierzulande durch Inkonsequenz und Inkompetenz der Pädagogen und
Eltern an Potential der Kinder verschwendet wird, wird dort maßlos übertrieben
gefördert. In unserem Land kommen wirklich begabte Kinder oft in die
Sonderschule, dort gehen sie einen schulischen Weg, voller Drill, Wettbewerb
und Prüfungen. Dieser beginnt zum Teil schon vor der Geburt. Bereits im
Mutterleib wird versucht, dem Fötus etwas beizubringen, und ihn durch Klänge
zum Denken und Träumen zu animieren.
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Sobald das Kind auf der Welt ist, beginnt ein Leidensweg, der für unser
Verständnis kaum nachvollziehbar ist. Aufnahmeprüfungen existieren bereits für
den Kindergarten; Schon Zweijährige werden mit Daten gefüttert wie ein
Computer. Versager dieses Systems gleichen einem „Ronin“, einem herrenlosen
Krieger aus den Zeiten des Bushido, denn sie bereiten ihrer Familie große
Schande.
Ziel dieser Vorgehensweise ist eine Gleichschaltung der Individuen innerhalb der
Gesellschaft und die Förderung des Nationalstolzes. Ein Japaner identifiziert sich
als Teil von seiner Familie, seiner Firma und seiner Nation. Die Unterordnung
und Anpassung erschafft perfekt funktionierende Menschen, die Überstunden
eingerechnet, auch 80 Stunden in der Woche arbeiten können. Japan gelang
durch diese harte Disziplin der Sprung eines armen Landes zu einer Weltmacht,
doch um den psychischen Preis mancher Einwohner.
Prinzipiell hat sich der Mensch im Laufe der Evolution schon in jeder Form der
Kinderdressur geübt. Von der völligen Verwahrlosung der Straßenkinder in den
Slums, die wie Hunde vegetieren müssen, über Kinderarbeit, bis hin zur
Extinktion und Nivellierung ihres Charakters aus religiösen oder politischen
Gründen. Kinderprostitution und Kindersoldaten sind nur die offensichtlichsten
Vertreter einer gestörten Menschheit.
Aber es gibt sie auch wirklich, diese Genies; sie bereichern ihre Gesellschaft und
verdienen unseren größten Respekt. Vermutlich ist die starke Abweichung von
dem Durchschnitt die Folge eines genetischen Defektes. Zwar sind beide
Elternteile wirklich hochbegabter Kinder in der Regel selbst überdurchschnittlich
intelligent, doch ihr Kind übertrifft sie bei Weitem.
Man könnte sogar von einer Krankheit sprechen, bei der die Gedächtnisfähigkeit
und Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit überproportional entwickelt sind.
„Krankheit“ deshalb, weil ihre Gabe sie automatisch von der Gesellschaft isoliert.
Kein „normaler“ Mensch hält es mit einem Genie auf Dauer aus, da eine
Freundschaft unter ungleichen Personen instabil ist.
Es gibt zwar spezielle Vereine, in denen sich Hochbegabte miteinander
austauschen, aber das kann den Kontakt zur breiten Öffentlichkeit nur schwer
kompensieren. Wer die Biographien früherer Wunderkinder betrachtet, wird
feststellen, dass Neid überhaupt nicht angebracht ist. Mir ist kein
überdurchschnittlich intelligenter Mensch bekannt, der nicht große Probleme
wegen seiner Begabung hatte und hat.
Die Kehrseite der echten überdurchschnittlichen Intelligenz sind die vielen
Menschen, die sich selbst dieser Fähigkeit rühmen. Die Sorte „Wichtigtuer und
Schlaumeier“ kennen wir alle. Sie sind immer präsent, wenn es darum geht,
„große Ideen“ zu verkünden. Mit wahrer Intelligenz haben ihre „Weisheiten“
jedoch recht wenig zu tun. In aller Regel handelt es sich um selbst erklärte
Experten und Meister. Denn meist wiederholen sie aufgeschnappte Sprüche,
ohne einen tieferen Einblick in die jeweilige Materie zu haben.
2) Unschöne Charakterzüge
„Alle Menschen sind von Geburt an gleich.“ Dieser demokratische Grundsatz, der
unter anderem schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der
„Déclaration des droits de l’homme et du citoyen“ aus der Zeit der Französischen
Revolution verankert ist, bezieht sich aber lediglich auf die Grundrechte und
Grundbedürfnisse eines Menschen, nicht aber auf seine Fähigkeiten. Bereits auf
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dem Gebiet der Intelligenz zeigt sich ganz deutlich, dass eine solche Annahme
widerlegt wäre.
„Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere.“ (George
Orwell)
In seinem Buch „Animal Farm“ beschreibt George Orwell die Entwicklung und
den Niedergang einer Gemeinschaft von Tieren auf einem Bauernhof. Das obige
Zitat beschreibt das Ende der Demokratie, da die Schweine die Herrschaft über
den Hof schließlich an sich reißen konnten.
Sie sind narzisstisch und verfügen über mehr Straßenintelligenz und Kampfgeist,
als die übrigen Tierarten. Die Analogie zum Nationalsozialismus war vom Autor
gewollt. Der Mensch besitzt eben nicht nur gute Seiten. Herrschen kann nur ein
starker Mensch, der auch bereit dazu ist, durchzugreifen, wenn es eine Situation
erfordert. Also einer, der seine Intelligenz auch dafür nutzt, seine unschönen
Charakterzüge in die Tat umzusetzen.
Der Mensch, und damit meine ich jeden von uns, neigt in gewisser Weise dazu,
sich selbst, seine Mitmenschen und seine Umwelt zu zerstören. Das steht in
keinster Weise im Gegensatz zu obigen Profilen. Vielmehr ergänzt es eine
Persönlichkeit
zu
einem
kompletten
Charakter.
Narzissmus
und
Aggressionsbereitschaft erwähnte ich bereits, doch es gibt noch weitere
Schattenseiten in unserer Psyche, von denen wir uns am liebsten trennen
würden.
• Die Lust an der Grausamkeit und dem Sadismus. Ein Paradebeispiel der
Geschichte ist die spanische Inquisition und der daraufhin folgende
Glaubenskrieg in ganz Europa mit seiner fanatischen Hexenjagd.
Jahrzehntelang wurden unschuldige Menschen der Ketzerei beschuldigt,
gefoltert und abgeurteilt. Die Strafe war zumeist der Scheiterhaufen. So etwas
gibt es heutzutage nicht mehr? Weit gefehlt! Im Kleinen sind wir alle
Schaulustige, die gespannt den Nachrichten über Katastrophen folgen.
Kriminalbücher und Thriller sind deshalb so spannend, weil wir bequem auf
dem heimischen Sofa Urängste wecken, aber auch jederzeit wieder loswerden
können. Wir wünschen niemandem Leid, aber unsere Neugier wird sehr groß,
wenn jemand einen Unfall hatte oder ein Krieg in der Welt stattfindet.
• Egoismus und übertriebene Individualisierung. Jeder von uns stellt sich in
gewisser Weise über andere Personen. Müssen wir ja auch, denn sonst wären
wir der „Verlierer“, und der will keiner sein. Deshalb versucht sich jeder so gut
wie möglich zu profilieren und auszuleben. Und bei diesem Ego-Trip stören die
anderen bloß. Also werden sie gnadenlos ausgebootet.
• Unschönen Behauptungen schenken wir eher Glauben als Schönen. Was ist
denn daran schlimm? Nun, der einzelne darf glauben, was er möchte. Aber
jede Gesellschaft besteht aus einzelnen Personen. Und hierzulande ist es
irgendwie Brauchtum geworden, eher Kritik als Lob empfangen zu können.
Hinter jedem Lob vermuten wir eine hinterlistige, eigennützige Schmeichelei.
Inzwischen ist diese Form der Paranoia zu einem Teil unserer kollektiven
Denkstruktur geworden. Und als „für das Zusammenleben besonders
förderlich“ kann man das nicht gerade bezeichnen.
• Rollenspiele und Fassaden. Ich werde darauf noch ausführlich eingehen,
möchte aber jetzt schon anmerken, dass wir uns selbst gegenüber
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unaufrichtig sind, weil wir Rollen verkörpern, die von uns erwartet werden.
Eigentlich wollen wir zwar ganz wir selbst sein, erfüllen aber dennoch
bereitwillig die Erwartungen unserer Gesellschaft, um keinen Ärger zu
riskieren. Unser „Alter Ego“ macht zu oft Sachen, die wir normalerweise nicht
gutheißen. Zusammen mit unseren egoistischen Anwandlungen entsteht eine
explosive Mischung. Bertold Brecht beschrieb das folgendermaßen: „Erst
kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
• Kriminelle Intelligenz. Etwas außerhalb der Legalität befinden wir uns doch
eigentlich zu jeder Zeit. Wer von uns ist moralisch völlig integer? Ein
Seitensprung hier, Steuertricks dort; eigentlich sind wir ja dagegen, aber
irgendwie auch nicht, zumindest nicht, wenn es sich um unser eigenes
Wohlergehen handelt. Mit den verschiedenen Rollen hat das nichts zu tun,
eher mit der Tatsache, dass wir uns selbst und andere mit zweierlei Maß
bewerten. „Der eigene Hund macht keinen Lärm - er bellt nur“, sagte Kurt
Tucholsky. Kriminelle Intelligenz dient der Perfektionierung dieser Strategie.
Wir sollten uns endgültigen vom Bild des tumben und einfallslosen
Verbrechers mit Dreitagebart lösen. In Anbetracht der Raffinesse und
Flexibilität mancher Krimineller müssen wir uns diesen Abkömmling der
Straßenintelligenz vergegenwärtigen.
Das sind alles keine ruhmreichen Seiten unserer Persönlichkeit, aber sie treten
zu oft in unserem Verhalten ans Tageslicht, um sie unter den Tisch fallen zu
lassen. Ehrlichkeit ist bei jeder Analyse Pflicht. Wer schon bei seinen
Betrachtungen mogelt, der beweist sich damit nur, dass er selbst besonders
betroffen davon ist.
3) Die Einschätzung anderer Menschen
Wir müssen auch andere Menschen einschätzen können, und sollten deshalb
stets alle Grundlagen und Aspekte der Charakterkunde in unsere Überlegungen
miteinbeziehen. Wenn wir über eine bestimmte Person nachdenken oder
versuchen, uns in sie hineinzuversetzen, nützt es absolut gar nichts, wenn wir
bei dieser gedanklichen Operation völlig von uns selbst ausgehen. Dabei würden
wir in der Regel die falschen Schlüsse ziehen, weil wir von falschen Annahmen
ausgegangen wären. Und mit schlechten Steinen lässt sich nun mal kein gutes
Haus bauen.
Da uns aber häufig, vor allem zu Beginn des Kennenlernprozesses, wenig über
die Vergangenheit und die Erlebnisse einer Person bekannt ist, müssen wir
anhand unseres ersten Eindruckes, unserer Intuition und der oben genannten
Kriterien vorgehen. Mit ein wenig Übung gelingt es uns jedoch noch vor Beginn
eines Gespräches, unser Gegenüber hinsichtlich Intelligenz und Charakter richtig
einzuschätzen.
Äußerliche Ähnlichkeit zu bereits bekannten Menschen kann, aber muss kein
Garant für eine innere Ähnlichkeit sein. Auf jeden Fall zeigt uns der erste
Eindruck die ungeschminkte Wahrheit. Der andere hatte noch keine Gelegenheit
uns zu verwirren, und uns mit einem Bild von sich abzulenken, das er uns nur
vorspielen möchte, denn auch er ist noch am sondieren. Diese Zeit sollten wir
nützen, da alle weiteren Eindrücke möglicherweise schon verfälscht werden
könnten.
Auch auf den jeweiligen Beruf können wir anhand des Äußeren eventuell
Rückschlüsse ziehen. Es gibt gewisse Gemeinsamkeiten innerhalb verschiedener
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Berufsgruppen. Doch rate ich zur Skepsis, denn diese Rückschlüsse sind nur
sehr vage. Nicht alle Informatiker, Banker oder Metzger sehen auch typisch aus.
Auf solche Interpretationen und die Methodik der Kommunikation werde ich noch
ausführlich zu sprechen kommen. Viel interessanter ist es nun zu erfahren, was
emotional begabte Menschen ausmacht, und warum ausgerechnet sie ihr
Potential auf jedem Gebiet der Intelligenz besonders gut ausschöpfen können.
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Kapitel IV
Emotional begabte Menschen und ihr Potential
Um im Leben dauerhaft glücklich zu sein, und um unsere Grenzen stetig
erweitern zu können, brauchen wir den Kontakt zu Gleichgesinnten. Eine
entscheidende Rolle spielen hierbei die emotional begabten Menschen.
Natürlich ist jeder von uns in gewissem Umfang emotional begabt, aber ich
spreche von denjenigen Personen, die über eine besondere Gabe verfügen, ein
emotionales Potential, das es ihnen in hohem Maße ermöglicht, Gefühle von sich
und anderen wahrzunehmen, diese zu analysieren und wirkungsvoll darauf
einzugehen.
Man könnte diese Menschen auch hochsensibel nennen, was jedoch nicht
gleichbedeutend mit „empfindlich“, im Sinne von „weinerlich“ wäre. Vielmehr
verfügen sie über feine Antennen, die ihnen alles signalisieren, was um sie
herum geschieht.
Das ausgelebte Potential ermöglicht ihnen eine eigenständige Art der
Wahrnehmung und Verarbeitung ihrer Empfindungen. Da diese Fähigkeit in
unserer Gesellschaft, bedingt durch die grundsätzliche Suche nach Gründen und
rationalen Erklärungen, jedoch nicht zwingend benötigt wird, verlieren sie die
meisten von uns oft schon in jungen Jahren oder kultivieren sie erst gar nicht.
Fest steht: Nicht jeder hat „das gewisse Etwas“, das undefinierbare Talent, das
einem Menschen eine „Aura“, also eine fast magische Ausstrahlung verleiht. Der
Grund dafür ist, dass das emotionale Potential nicht bei jeder Person
gleichermaßen ausgeprägt ist.
I. Das emotionale Potential
Doch was genau ist dieses „Potential“? Ich möchte es als das individuelle
Höchstmaß der Ausprägung unserer emotionalen Wahrnehmungsmöglichkeit
definieren, die absolute, aber persönliche Grenze, die sich durch häufigen,
richtigen und intensiven Gebrauch der emotionalen Fähigkeiten ergibt.
Wir können entweder primär emotional begabt sein, es also gar nicht anders
kennen. Das ist die Ausnahme und setzt die intensive Förderung unserer Talente
durch unsere Eltern voraus. Oder aber wir sind von Geburt an begabt,
kultivieren diese Fähigkeiten aber erst sekundär, also durch Eigeninitiative im
späteren Leben. Prinzipiell gilt: Die Begabung selbst muss vorliegen, aber der
Grad ihrer Ausprägung ist ausbaufähig.
Neuere Ansätze sprechen von „sozialer Intelligenz“ oder „sozialer Kompetenz“
und geben Tipps zur richtigen Kommunikation, ähnlich einem Kochrezept. Aber
das ist der falsche Weg, da er sich nur mit der „Technik“ befasst, nicht aber mit
der Idee, die dahintersteckt.
Es verhält sich eigentlich recht einfach: Wenn wir einem unbekannten Menschen
begegnen, wissen wir bereits nach wenigen Sekunden, ob wir ihn sympathisch
finden oder nicht. Vielleicht können wir uns in dieser Zeit kein umfassendes
Urteil bilden, und täuschen uns hinsichtlich mancher seiner Eigenschaften, aber
ob wir ihn mögen oder nicht, das steht erst einmal fest.
Es ist kein Zufall, wer sympathisch auf uns wirkt und wer nicht. Sowohl
gleichartige, als auch entgegengesetzte Menschen faszinieren uns besonders. Bei
uns ähnlichen Personen können wir Übereinstimmung entdecken, während uns
komplementäre Charaktere einen Einblick in eine „andere Welt“ ermöglichen.
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Das bedeutet, dass jeder Mensch andere Attribute sympathisch findet und eine
Einteilung nur subjektiv wäre.
Es ist jedoch unumstritten, dass es Menschen gibt, die dem Gros der
Bevölkerung zusagen, weil sie besonders charismatisch und ehrlich auftreten.
Bei ihnen haben wir das Gefühl, sie schon seit Ewigkeiten zu kennen und mit
ihnen „irgendwie“ verbunden zu sein. Diese Charismatiker gehören zu den
wenigen Menschen mit einem hochgradig ausgeprägtem Potential, was zur Folge
hat, dass sie uns völlig transparent erscheinen.
Unabhängig von ihren Zielen und Vorstellungen gewähren sie uns einen Einblick
in
ihre
momentane
Befindlichkeit
und
ihre
Schwächen.
Bekannte
Persönlichkeiten, wie der Dalai Lama, Mahatma Gandhi oder John F. Kennedy,
scheinen uns vertraut zu sein, auch wenn wir sie niemals persönlich
kennengelernt haben.
In unserem Bekanntenkreis sind solche Personen eher die Ausnahme, da sie, wie
gesagt, äußerst selten sind. Aber die „Vorstufe“ solcher Persönlichkeiten ist
relativ häufig anzutreffen, also Menschen mit hohem, aber nicht richtig
ausgeprägtem Potential. Die Häufigkeit dieser „Prächarismatiker“ in der
Bevölkerung verhält sich ungefähr nach der Gaußschen Verteilung, die wir aus
dem letzten Kapitel kennen. Die eigentliche Frage ist also weniger das
Vorhandensein von Potential, sondern der Grad der Ausprägung, den der
einzelne an den Tag legt.
Mit ein wenig Übung lassen sich „Prächarismatiker“, also die Personen mit einem
noch sehr ausbaufähigen Potential, leicht und sicher erkennen. Oft genügt es,
ihre Ausstrahlung, die Körperhaltung, den Glanz in ihren Augen oder ihre Schrift
zu betrachten. Sie sind gekennzeichnet durch Charme, Humor, Esprit,
Originalität und einem gesunden Selbstvertrauen, vor allem aber durch
Individualität. Wer auffällt, ohne störend, aufdringlich oder unpassend zu wirken,
der verfügt über diese Ausstrahlung.
Doch das sind nur Anhaltspunkte, besser ist es, auf sein Gefühl zu vertrauen,
denn das täuscht sich niemals. Man darf nur nicht den Fehler begehen und seine
Gefühle derart interpretieren, dass sie einem das widerspiegeln, was man in
einem Mitmenschen sehen möchte.
1) Fluch oder Segen?
Viele Menschen wissen gar nicht, über welche Gabe sie verfügen. Sie spüren
lediglich, dass sie nicht allein damit sein wollen, und wünschen sich nichts
sehnlicher, als Kontakt zu jemandem, der sie in diesem Punkt wirklich versteht
und inspirieren kann. Ihre Angst, damit in die Öffentlichkeit zu treten ist sehr
groß, denn alle, die diese Gabe nicht haben, fürchten sich instinktiv davor und
grenzen sie aus.
„Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit Außenseitern an, die spüren,
was notwendig ist.“ (Robert Jungk)
Besonders die ausgeprägten Rationalisten, die vergleichsweise häufiger in
unserer Gesellschaft vorkommen, tun solche Begabungen ungeprüft als
„Psychoquatsch“, „Esoterik“ oder „Hokuspokus“ ab.
Prächarismatiker wissen oft nicht, ob überhaupt andere Menschen existieren, die
ebenfalls dieses große Potential besitzen und begnügen sich deshalb mit den
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Freunden, die sie bereits haben. Sie resignieren, obwohl sie innerlich genau
wissen, dass Selbsttäuschung ihre Lage auf lange Sicht nur verschlimmern wird.
Die fehlende Entfaltung lässt sie langsam ausbrennen, denn ihre Gabe wird
durch Nichtgebrauch zur Qual. Es gleicht der Überladung von Akkumulatoren,
die ab einer gewissen Kapazitätsüberschreitung ihre Energie wieder abgeben
müssen, oder andernfalls zerstört werden.
Prächarismatiker spüren ganz deutlich, dass sie das Falsche tun, wenn sie ihre
Begabung unterdrücken und verstecken, können aber oft nicht dagegen
angehen. Eine häufige Folge ist die innere Isolation und die Abkehr von der
äußeren Welt. Ihre Gefühle der ursprünglichen und tiefgründigen Art sind zu
empfindlich, als dass sie sie leichtfertig in die „kalte“ und sinnentleerte Welt
entlassen könnten.
Da sie sich aber täglich eben dieser Realität stellen müssen, scheint es ihnen
unumgänglich, eine Notlösung einzugehen. Ihre Seele bekommt einen
untergeordneten, geheimen Platz zugewiesen und wird vom Willen dominiert,
mit anderen Worten, ruiniert.
2) Expression des Potentials
Dabei ist der Weg aus dieser bedrückenden Situation so einfach wie
einleuchtend. Mit derselben bewundernswerten Energie, mit der man lange Zeit
einen Deckel auf seine Emotionen gedrückt hat und sich selbst geißelte, können
phantastische Möglichkeiten erschlossen werden. Denn es ist mit dieser
Begabung beispielsweise nicht nur möglich, die Reaktionen von anderen richtig
zu interpretieren, sondern sogar ihre Handlungsweisen vorauszuahnen. Alles was
wir dafür benötigen, ist ein gewisses Potential und uneingeschränktes Vertrauen
in dieses.
Wer dieses Risiko eingeht, der „weiß“ mit der Zeit intuitiv, wie sich seine
Mitmenschen fühlen, und das sogar über große räumlichen Distanzen. Diese
Ereignisse, die man vormals als „Zufall“ gedeutet hatte, mehren sich
zunehmend. Es wird ein Gespür entwickelt, das jeder von uns kennt, und über
das immer wieder berichtet wird, das wir aber aufgrund unserer anerzogenen
Denkweise ignorieren. Emotional begabte Menschen können beispielsweise
spüren, dass sie heute „X“ begegnen werden, dass Post von „Y“ im Briefkasten
ist, oder dass „Z“ sie anruft.
Eineiige Zwillinge sollen angeblich über diese Gabe verfügen, und auch einige
bekannte Persönlichkeiten behaupten, sie zu besitzen, doch logisch betrachtet
kann das doch gar nicht funktionieren. Oder etwa doch? Die Frage lautet: warum
eigentlich nicht?
„Zufall“ ist ein Begriff, der den Rationalisten helfen soll, die Grenzen ihres
Systems zu verwischen. Alles, was unerklärlich ist, ist in ihren Augen entweder
„paranormal“ oder, wenn es sich häuft, „zufällig“. Aber selbst das größte Chaos
ist lediglich eine Version von Ordnung.
Wenn man sich selbst fördert, sein Potential erforscht und seinen Weg trotz der
Unsicherheit, ob es tatsächlich funktionieren wird, verfolgt, fällt es einem
zunehmend leichter, Menschen mit wenig Potential binnen Sekunden als solche
zu erkennen. Ebenso spürt man die Präsenz eines emotional begabten
Menschen. Es ist wie ein unsichtbares Band, das zwei Personen miteinander
verbindet. Man ist einander sofort vertraut und hat das Gefühl, man kenne den
anderen schon lange, und ist sich nur erst jetzt begegnet.
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Dass es funktioniert kann beinahe jeder für sich selbst herausfinden, indem er es
einige Wochen ausprobiert, ohne die Ergebnisse seiner Gabe gleich als
Hirngespinst zu verurteilen. Diese Gefühle sind zwar weder messbar, noch liegen
sie einem bislang bekannten Mechanismus zugrunde, dennoch muss mehr
dahinter stecken, als pure Einbildung.
Ich vermute, dass sich das emotionale Potential in unserer Evolution parallel zu
unseren anderen Wahrnehmungsmöglichkeiten entwickelt hat, sozusagen als
zusätzlicher Sinn. Für das Überleben in der freien Natur ist es unentbehrlich, die
Anwesenheit anderer Lebewesen zu erspüren. Und ebenso wie unser
Geruchssinn mittlerweile stark verkümmert ist, benötigen wir auch unsere
emotionale Wahrnehmung nicht mehr dringend. Wir sind in der Lage, verbal zu
kommunizieren und brauchen nicht länger auf der Hut vor Raubtieren zu sein.
Auf das Phänomen, des „Vertrautseins“ berufen sich auch unter anderem auch
die Anhänger der Theorie einer Wiedergeburt. Sie behaupten, dass wir anderen
Menschen bereits in einem vorigen Leben begegnet sind, und dass unsere Seele
nach unserem Tod in einen neuen Körper wandert, unser Geist, und damit auch
unser Erinnerungsvermögen, aber gelöscht wird.
Ich denke, dass sie sich täuschen, denn das Gefühl, einander vertraut zu sein,
hat nichts Übernatürliches oder Mystisches an sich. Es ist ein Erkennen des
anderen, nicht mit den Augen, sondern mit dem „Herzen“. Im Prinzip basiert
unser gesamtes Miteinander sowie das Zusammenspiel der Natur darauf.
Sehen Sie einem Moment aus dem Fenster und überlegen Sie, ob das was Sie
dort sehen alles ungerichteter Zufall sein kann. Wissenschaftlich betrachtet mag
das meiste davon erklärbar sein, aber genügt dieser einseitige Aspekt?
Die Naturwissenschaften betrachten immer die „treibende Kraft“, wenn sie
Prozesse erklären möchten. Das ist zumeist ein energieärmerer, da
ungeordneterer Zustand, den ein Endprodukt einnimmt. Dennoch laufen
genauso viele gegenteilige Prozesse ab, denn sonst gäbe es kein Leben.
Betrachten wir alle denkbaren Zustände, die ein System einnehmen kann, dann
bemerken wir, wie hochspezifisch unsere Natur vorgeht. Ich behaupte, dass es
unmöglich ist, durch „Versuch und Irrtum“ innerhalb von 5 Milliarden Jahren zu
dem Planeten zu gelangen, auf dem wir leben.
Es müsste nicht einmal den Naturwissenschaften widersprechen, wenn es ein
harmonisches Element gäbe, das für geordnete Abläufe sorgt. Der Volksmund
spricht beispielsweise im Zusammenhang von guten Freundschaften vom
Einnehmen einer gleichen „Wellenlänge“, einem physikalischen Begriff. Es gibt
übrigens signifikant viele Parallelen zwischen Wissenschaft und Psychologie,
doch bleiben wir einen Moment bei diesem Beispiel.
Es ist bekannt, dass zwei Wellen, die in Phase sind, sich also exakt überlagern,
einander in ihrer Amplitude verstärken. Ebenso verstärken sich zwei Personen,
wenn sie auf derselben Wellenlänge liegen. Hierfür gibt es einen Trendbegriff; es
wird von „Synergieeffekten“ gesprochen, also von sich zusammenlegenden
Energien, doch die Idee ist wesentlich älter. Im asiatischen Weltbild ist von „Ki“
oder „Chi“ die Rede, einer universellen, kosmischen Energie, von der wir alle ein
Teil sind, und die wir in uns tragen. Das ganze Universum soll aus einer
einheitlichen Urkraft bestehen, die sich nur in ihrer auftretenden Form
unterscheidet.
Albert Einstein konnte diese 4000 Jahre alte, spirituelle Theorie mathematisch
belegen, indem er bewies, dass es sogar einen einfachen Zusammenhang
zwischen Materie und teilchenloser Strahlung, also Licht, gibt. Ich glaube nicht,
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dass er die spirituelle These kannte, doch das beweist, dass man auf
unterschiedlichem Weg zu einem analogen Ergebnis gelangen kann.
Bevor wir uns weiter mit zwischenmenschlichen Kontakten beschäftigen, sollten
wir zunächst die „Natur“ der Natur begreifen, um fortan die Dinge in ihrem
Zusammenhang, und nicht länger isoliert voneinander zu betrachten. Ob wir von
Emotionalität oder Rationalität, von Psychologie oder Mathematik, von Energie
oder Materie sprechen, gemeint ist immer nur die jeweils betrachtete Form des
gleichen Effektes. Im Prinzip handelt es sich stets um einen bestimmten Aspekt
des Ganzen, der untrennbar vom Rest ist.
Ich erwähnte bereits, dass wir Menschen diese Trennung zwar gedanklich
vornehmen müssen, da wir nicht in der Lage sind, in einem Schritt das
Gesamtbild zu erkennen. Nichtsdestotrotz sollten wir bedenken, dass es unsere
Reinkulturen nur in unseren Gedankenmodellen gibt, aber sich die Realität
komplexer verhält.
3) Die Voraussetzung für emotionales Potential
Es
gibt
zwei
extreme
Menschentypen,
erfolgsorientierte
und
misserfolgsängstliche Personen. Das emotionale Potential eines Menschen wird
vor allem durch diese grundlegende Charaktereigenschaft und deren Dimension
geprägt.
• Ein erfolgsorientierter Mensch ist ein Gewinnertyp. Das hat mit Glück wenig zu
tun; vielmehr erkennt er die Möglichkeit des Glücks, die gewisse Situationen
beinhalten. Der Gewinner sucht im Leben instinktiv nach denjenigen
Situationen, die seine positiven Überzeugungen bestätigen. Er kostet sein
Umfeld aus, kann seine Erfolge genießen und ist bereit, für sein Glück selbst
einzustehen. Er wartet nicht darauf, dass andere Menschen seinen Weg
bereiten, und verlässt sich nicht auf „göttliche Fügung“.
• Der misserfolgsängstliche Mensch ist handlungsunfähig und führt alle
Einflüsse in seinem Leben auf äußere Faktoren zurück. Er geht auf Situationen
zu, die objektiv zum Scheitern verurteilt sind. Er ist sich dessen sogar
bewusst, denn dieses provozierte Scheitern erneuert und bestätigt seine
Gefühle von Schuld, Misstrauen und eigener Unfähigkeit. Er leidet zwar unter
diesen Gefühlen und den Resultaten seiner Aktionen, lässt sich aber nicht
davon abbringen, ähnliche Fehltritte auch weiterhin zu begehen.
Ich muss gestehen, dass mir diese selbstschädigenden Handlungen
misserfolgsängstlicher Menschen nicht völlig klar sind. Ich vermute, dass diese
Merkmale in frühester Kindheit geprägt wurden, und solche Personen auch
später nach den Mustern handeln, die in ihren Augen „normal“ sind. Da
Demütigung, Angst und Schuldgefühle sehr starke Emotionen sind, könnte es
das instinktive Bedürfnis nach Gefühlen sein, das diese Menschen antreibt. Denn
es ist besser, sich schlecht zu fühlen, als gar nichts zu empfinden.
Wir suchen eigentlich immer nach dem, was wir schon kennen. Wenn nun also
Verachtung und Aggression unsere früheste Kindheit geprägt hat, dann sind
eben diese Emotionen unsere „Zielgefühle“. Selbst Hass und Aggression ist im
Prinzip eine Form der „Zuwendung“, und daher immer noch besser als
Nichtbeachtung. Wir werden uns folglich instinktiv an diejenigen Menschen
wenden, die uns in dieser Form Bestätigung geben.
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Natürlich sehnt sich jeder Mensch nach Liebe, ebenso wie nach frischer Luft.
Doch bevor wir ersticken, atmen wir auch bereitwillig schlechte Luft ein. Und
außerdem: Wer von uns weiß denn, wie gut Luft maximal sein kann, bevor er sie
selbst atmen durfte?
Verlierertypen finden sich daher häufiger unter denjenigen Menschen, die schon
in frühester Kindheit die unangenehmen Seiten der Zuwendung kennengelernt
haben, oder derart missachtet wurden, dass ihnen eine Differenzierung zwischen
guten und schlechten Formen der Beachtung schwerfällt.
Im Endeffekt hemmt jede Form von Misserfolgsangst einen Menschen daran,
sein Potential zu entfalten. Das rasche negative Ergebnis, sowie die Genugtuung,
schon von vorneherein gewusst zu haben, dass etwas nicht funktioniert, reicht
den Verlierertypen aus, um keine Bereitschaft zu entwickeln, ihr wirkliches
Potential zu kultivieren.
Natürlich ist eine erfolgsorientierte Geisteshaltung nur eine notwendige, aber
noch keine hinreichende Voraussetzung für die Entfaltung seines Potentials.
Grundsätzlich verhindern alle emotionalen Hindernisse, wie Schuldgefühle,
Lügen und dergleichen, den freien Blick in Richtung Glück.
Auf diese Aspekte komme ich auch noch zurück. Für uns gilt es aber zunächst
einmal festzuhalten, dass aller Anfang im Kopf beginnt, und jeder Versuch, sein
Potential zu entfalten, ohne wirklich etwas verändern zu wollen, mit absoluter
Sicherheit zum Scheitern verurteilt ist.
4) Grenzen der Begabung
In Partnerschaften können wir recht häufig beobachten, dass ein Partner den
anderen verändern möchte, um ihn auf eine gemeinsame, höhere Stufe zu
bringen. Dass dies ein aussichtsloses Unterfangen ist, bemerken die Betroffenen
oft erst nach etlichen Jahren.
Doch es könnte gar nicht funktionieren! Das ureigenste Potential ist
ausschließlich angeboren und wird durch die Eltern in jungen Jahren definiert.
Vieles kann später noch erlernt werden, aber es wird kein Potential de novo
gebildet.
Der umgekehrte Prozess ist jedoch möglich; Potential kann eingebüßt und
irreversibel verloren werden, sodass es nicht möglich ist, das zerbrochene Stück
wieder zu flicken. Allerdings bedarf es schon gravierender Einschnitte, um unser
Potential wirklich zu zerstören.
Bei kleineren Traumata wird es lediglich eingekapselt und versteckt. Die
Begabung ist theoretisch verfügbar und wird nur verdrängt, damit sie den
Betroffenen nicht quält. Sogenannte „Deckerinnerungen“ maskieren die
eigentlichen Erinnerungen an schlimme Erlebnisse. Anstatt beispielsweise an
einen Peiniger zu denken, erscheinen dem Betroffenen in seinen Träumen
diverse Symbole.
Kommt es allerdings zu Missbrauch, Krieg oder ähnlich einschneidenden
Ereignissen, ist es möglich, dass sich unsere Psyche vor uns selbst schützt und
einen Teil abtötet, ähnlich wie der Körper gewisse Gliedmaßen opfert, bevor er in
toto abstirbt.
II. Emotional begabte Menschen
Menschen lernen wir am besten kennen, indem wir sie handeln sehen. Allein
durch die Art, wie sie an Probleme und Aufgaben herangehen, wird uns klar, mit
was für einem Menschen wir es zu tun haben. Ich möchte im folgenden
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Abschnitt den emotional begabten Menschen beschreiben, wobei klar sein sollte,
dass ich nicht erzählen möchte, was irgendwelche fremden Leute tun, sondern
dass ich damit an Sie und mich appelliere, ihnen nachzueifern.
1) Handlungsoptionen
Es gibt grundsätzlich zwei Verhaltensweisen, mit denen wir anderen Menschen
begegnen können, respektive sie uns. Wertschätzung oder Geringschätzung,
jeweils verbunden mit dem Bestreben, Lenkung oder Freiraum für sie
einzuräumen. Kombiniert ergeben sich daraus vier Möglichkeiten:
1. Wertschätzung und Gewährung von Freiraum, also antiautoritäres Verhalten.
2. Wertschätzung und Lenkung, also ein familiärer, partnerschaftlicher und
freundschaftlicher Umgang.
3. Geringschätzung und Freiraum, was soviel wie gleichgültiges Verhalten
bedeutet.
4. Geringschätzung und Lenkung, also autoritäres Gebären.
Bevor wir mit einem anderen Menschen in Kontakt treten können, benötigen wir
einen eigenen Standpunkt. Doch er allein reicht nicht aus, um die Brücke zu
einer anderen Person zu schlagen. Vor allem ist es die Empathie, also die
Fähigkeit, Gefühle anderer zu verspüren und richtig zu interpretieren, die es uns
ermöglicht, Gefühle mit anderen Menschen auszutauschen. Was geschieht, wenn
ein Mensch nicht zur Empathie fähig ist?
Soziopathen und Gewaltverbrecher sind solche Extreme, denn sie können keine
empathische Verbindung aufbauen, sondern handeln aus ihrer Isolation heraus.
Ihnen ist das Leid ihrer Opfer nicht wichtig, da sie es nicht an sich heranlassen.
Sie blenden die Gefühle anderer Personen aus, und handeln gemäß ihrer eigenen
Vorstellung, wie sie sich vermutlich fühlen. Nicht selten sind beispielsweise
Vergewaltiger fest davon überzeugt, dass es ihren Opfern gefällt, was sie mit
ihnen tun. Soziopathen verfügen teilweise über ein hohes Maß an rationaler und
krimineller Intelligenz, sind aber nicht in der Lage emotional zu begreifen. Das
ist natürlich keine Entschuldigung für die grausamen Verbrechen, die sie
begehen, wohl aber eine Begründung für ihr abnormes Verhalten.
Die Ursache hierfür findet sich wiederum in der frühesten Kindheit. Kurz nach
unserer Geburt beginnt das Wechselwirken zwischen uns als Individuum und den
anderen, von uns räumlich und seelisch getrennten Menschen. Unser Potential
ist maximal, aber noch völlig ungenutzt, da unsere körperliche Trennung von der
Mutter frisch, und unsere Erfahrungen noch ungetätigt sind. Daher ist die erste
Lebensphase auch unsere Wichtigste. Unsere ersten Interpretationen,
Vermutungen und vor allem unsere ersten Emotionen werden geprüft. Bereits
hier wird deutlich, was uns den Rest unseres Lebens begleiten wird:
„Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln:
Erstens durch Nachdenken, das ist der Edelste.
Zweitens durch Nachahmen, das ist der Leichteste.
Drittens durch Erfahrung, das ist der Bitterste.“
(Konfuzius)
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Wir erlernen, uns emotional mit unseren Eltern zu identifizieren und ihnen zu
gefallen. Ein Verhalten, das wir modifiziert auch in jedem künftigen Lebensalter
praktizieren werden. Wir ahmen das Verhalten unserer Eltern nach, üben uns
also im „zweiten“ der drei Wege. Bekanntermaßen schlüpfen wir in die Rolle vom
gleichgeschlechtlichen Elternteil und versuchen den andersgeschlechtlichen Teil
damit für uns zu gewinnen.
Der Mensch strebt nach Routine, im Alltag und im Leben. Auch das ist eine
Angewohnheit vom ersten Tag an, denn ohne Regelmäßigkeit und Ordnung sind
wir nur sehr schwer in der Lage, unser inneres Zentrum im Gleichgewicht zu
halten und unsere Bedürfnisse zu stillen. Daher versuchen wir unser Leben durch
Ordnung zu reglementieren und zu erleichtern. Ohne die Gesetzmäßigkeiten der
Natur zu kennen, gäbe es für uns keine Routine. Nur durch Nachdenken, dem
„ersten“ Weg, lassen sich Ereignisse planen und vorhersehen. Das glauben wir
zumindest, da uns der dritte und bitterste Weg, die Erfahrung lehrt, dass auch
trotz der besten Planung etwas misslingen kann.
Eine weitere, aber nicht ausschließlich emotionale Angewohnheit ist das
systematische Ordnen. Der Mensch liebt es, zu klassifizieren und zu ordnen, was
ihn interessiert. Das war in der frühen Geschichte der Menschheit auch
überlebenswichtig, um Beutetiere aufzuspüren, oder essbare Pflanzen von
giftigen unterscheiden zu können. Es ist beinahe ein weiteres Grundbedürfnis,
etwas als schön und ästhetisch zu empfinden, wenn es sich besonders gut in die
Vorstellung einfügt, die wir davon haben.
Ein neuentdeckter Vogel ist für uns ein „richtiger“ Vogel, wenn er so aussieht
und sich so verhält, wie diejenigen, die wir bereits kennen. Lässt er sich nicht
zuordnen, so ist er allerhöchstens „vogelähnlich“, ein Begriff, der gleichzeitig
auch eine geringere Wertschätzung beinhaltet. Andersartigkeit ist zwar
erwünscht, jedoch nur, wenn sie in Maßen auftritt und noch zu klassifizieren ist.
Je mehr Übereinstimmungen etwas mit dem hat, das wir bereits kennen und
akzeptieren, desto besser finden wir es.
Hierbei zeigt sich auch, dass Logik und Emotionalität dasselbe Ziel verfolgen und
zusammenarbeiten, aber nicht unbedingt immer zum gleichen Ergebnis führen.
Nicht zuletzt deshalb fällt es uns Menschen oft schwer, völlig andersartige
Kulturen als gleichwertig zu betrachten.
Allein durch den Begriff „anders“ grenzen wir uns automatisch davon ab und
gehen in die sichere Distanz eines Beobachters und Bewertenden. Je mehr sich
das Fremde von den uns bekannten Dingen unterscheidet, desto mehr sind wir
neugierig, aber zugleich auch misstrauisch und ablehnend.
Für eine teilweise Bereicherung des eigenen Lebens scheint das Andersartige
ungeeignet, da es sich nicht, ohne zu viel Aufwand betreiben zu müssen, in
unser bereits existentes Weltbild einfügen lässt Und da das, was wir bereits
kennen, per se immer das „Beste“ und „Schönste“ ist, lehnen wir alles
Andersartige zunächst einmal ab.
Auch bei der Partnerwahl ist der Bereich der Ästhetik in zweierlei Hinsicht
wichtig. Zum einen geht es um einen potentiellen Paarungspartner. Dieser sollte
gewisse biologische Merkmale haben, die Sicherheit und Gesundheit für unsere
gemeinsamen Nachkommen versprechen. Krank aussehende Menschen haben
deshalb oft schlechte Chancen einen Partner zu finden. Der übertriebene
Schönheitskult unserer Gesellschaft tut sein Übriges, um diese Kriterien noch
zusätzlich zu verschärfen.
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Ein anderer, meist unbewusster Aspekt ist aber, dass auch ein Partner ein
Objekt darstellt, das klassifiziert werden muss Wir sollten nicht glauben, dass
nur emotionale Prozesse unbewusst ablaufen können. Wir haben exakte, logisch
erarbeitete Vorstellungen, wie ein gutaussehender Mensch auszusehen hat. Mit
diesem Bild gehen wir auf Partnersuche.
Manchen Menschen ist aber bewusst, dass eine solch rationale Vorgehensweise
kaum zu demjenigen Partnern führt, der dauerhaft zu ihnen passen kann. Sie
streben daher eine solidere Grundlage für eine Beziehung an.
Die
Folgen
der
irrtümlich
logisch-rationalen
Vorgehensweise
sind
bemerkenswert, denn wenn ein Erwachsener etwas als sympathisch oder
ästhetisch „empfindet“, dann basiert das nicht unbedingt auf einem Gefühl. Und
hier kehre ich zum Thema „Empathie“ zurück. Wer nicht ausschließlich
klassifizieren, also bewerten möchte, der muss in der Lage dazu sein, andere
Menschen als Ganzes zu erkennen, und das kann auf logischer Ebene nicht
gelingen.
2) Assoziationen und Urteile
Bei unserer Reizbeeinflussung und Meinungsbildung gibt es einen Effekt, den ich
„Verknüpfungseffekt“ nennen möchte, und der im Wesentlichen auf der
„klassischen Konditionierung“ beruht.
Die klassische Konditionierung ist bekannt durch Iwan Pawlows Experiment mit
einem Hund. Jedes Mal, wenn der Hund Futter erhielt, ertönte das Läuten einer
Glocke. Der Hund zeigte eine Reaktion auf das Futter, beispielsweise Sabbern,
Erregung und Schwanzwedeln.
Dieses Schema wurde vielfach wiederholt; der Hund war stets freudig, seine
Nahrung zu erhalten, und jedes Mal läutete dabei die Glocke. Nach vielen
Wiederholungen ließ man nun ausschließlich das Geräusch ertönen, ohne Futter
zu reichen. Trotzdem zeigte der Hund dieselben Signale, die er immer zeigte,
wenn er sein Futter bekam. Er war klassisch konditioniert, verknüpfte also ein
Signal, hier das Läuten der Glocke, mit seinen anderen Wahrnehmungsarten und
Erwartungen.
Wir alle kennen folgende Phänomene: Ein bestimmter Gedanke lässt uns einen
Geschmack beinahe schmecken, ein bestimmtes Parfum weckt Erinnerungen an
vergangene Ereignisse, und mit einen warmen und weichen Gegenstand aus Fell
verknüpfen wir Hautkontakt und Geborgenheit. Das alles ist die Folge einer
klassischen Konditionierung.
Der von mir erwähnte Verknüpfungseffekt zieht aber noch weitere Kreise, denn
er ist allgemeiner anwendbar. Allein schon eine Assoziation versetzt uns in
Stimmungen und Handlungsbereitschaft. Wenn wir beispielsweise eine
bestimmte Person abgrundtief verachten, so distanzieren wir uns normalerweise
von ihr. Wenn diese Person nun aber Gemeinsamkeiten mit uns hat, dann ist das
für uns unerträglich.
Wenn ein solcher Mensch beispielsweise in unserer Anwesenheit ein neues Lied
im Radio hört und Gefallen daran findet, dann verbinden wir die Vorstellung, das
Lied ebenfalls zu mögen, mit der, uns auf einer Ebene mit dieser Person zu
befinden, ja sie schon fast zu mögen.
Deshalb wird uns das Lied ganz sicher nicht zusagen. Dies ist keine
Trotzreaktion, auch keine bewusste Verleugnung „aus Prinzip“, sondern eine
instinktive Abwehr. Der Zusammenhang wird uns, wenn überhaupt, erst später
klar, wenn wir von einem Menschen der uns nähersteht, gesagt bekommen, er
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würde dieses Lied mögen. Wir erinnern uns daran, es grässlich gefunden zu
haben, und fragen uns nun, weshalb.
Worauf ich damit hinaus will ist folgendes: Alle Signale und Wahrnehmungen
werden von uns verallgemeinert, um eine Lehre daraus zu ziehen, auf die wir
zugreifen können, ohne uns an konkrete Ereignisse erinnern zu müssen.
Letzteres wäre sehr zeitintensiv und mit den Jahren kaum noch zu bewältigen.
Wir reduzieren Erlebnisse zu einem „Erinnerungsbrei“, den wir mit einem Etikett
aus Gefühlen versehen.
Wenn wir von einem Hund gebissen werden (das muss nicht der von Pawlow
sein), so sind für uns ab diesem Zeitpunkt alle Hunde gefährlich. Pauschal und
stereotyp wird alles über einen Kamm geschoren, das in dieses Schema
hineinpasst
Solche Verknüpfungseffekte finden in vielen Bereichen des täglichen Lebens statt
und bleiben meistens unentdeckt. Um nicht ein bestimmtes Image zu
bekommen, vermeiden wir es, eine gewisse Kleidung zu tragen, die uns
eigentlich gefällt oder Ansichten zu äußern, die wir insgeheim vertreten.
Emotional begabte Menschen vermeiden den Verknüpfungseffekt, denn sie
trauen sich, zu urteilen. Sie vertrauen ihrem subjektivem, aber geübten Gefühl
und richten sich danach. Wenn beispielsweise jemand anscheinend „grundlos“
unsympathisch auf uns wirkt, dann soll das auch so sein.
Wir brauchen keine Rechtfertigung für unsere Empfindungen. Für unsere
Handlungen und ausgesprochenen Urteile schon, nicht aber für unsere
Emotionen. Wir sprechen stets für uns selbst, deshalb dürfen wir uns auch ein
ungerechtfertigtes Urteil erlauben, das lediglich auf unserer persönlichen
Wahrnehmung basiert.
Dieser Mut zum Urteilen ist bei emotional begabten Menschen besonders stark
ausgeprägt. Sie scheuen nicht davor zurück, der allgemeinen Meinung zu
widersprechen. Im Gegenteil; sie können gar nicht anders, als gegen
Ungerechtigkeiten lautstark zu protestieren. Außenstehende schütteln oft den
Kopf, da sie den Protest nicht verstehen, und sich lieber dem konspirativen
Mantel des Schweigens unterordnen, der für gewöhnlich über Ungerechtigkeiten
ausgebreitet wird.
Der emotional begabte Mensch kann aber nur durch aktive Einmischung in das
Weltgeschehen mit seiner inneren Unruhe fertig werden. Sein Potential zwingt
ihn regelrecht dazu, in die richtige Richtung zu gehen.
Wir handeln stets nach dem, was uns wie die Wirklichkeit erscheint. Das kann
sich mit der objektiven Realität decken, muss es aber nicht. Entscheidend sind
keine Tatsachen, sondern das, was wir glauben. Wir übernehmen viel Wissen
ungeprüft von anderen Menschen; das bringt der rasante Fortschritt unserer
Welt mit sich. Aber wir bewerten stets, was wir persönlich davon als richtig und
wichtig erachten. Und nur das, was übrig bleibt, zählt in unseren
weitergehenden Beurteilungen.
Das menschliche Bewusstsein wird nicht ausschließlich von konkreten
Sachverhalten und Fakten geleitet. Die exakten Zahlen und Gesetzmäßigkeiten
der Wissenschaften sind nicht maßgeblich, wenn es um die virtuelle Realität
unseres Bewusstseins geht. Zur Argumentation eignet sich die Logik, da sie
bestechend ist. Aber entscheiden wird letztendlich immer unser Gefühl.
„Die Vernunft formt den Menschen, das Gefühl leitet ihn.“ (Jean-Jacques
Rousseau)
97/470
Gelassenheit versetzt uns in die Lage, weise zwischen Fakten und Gefühlen zu
entscheiden. Gelassenheit ist ein Ausdruck der inneren Harmonie und sollte nicht
mit Überheblichkeit oder Gleichgültigkeit verwechselt werden. Sie kann nicht
separat durch gewisse Techniken erlangt werden, sondern nur durch ein
komplettes, kohärentes und harmonisches System.
Sigmund Freud unterteilte unser Bewusstsein in drei Sektoren; „Über-Ich“, „Ich“
und „Es“. Das „Über-Ich“ wacht über die Einhaltung von Regeln und
Moralvorstellungen. Es kann Ideen aufrechterhalten, auch wenn sie eigentlich
ungünstig für uns sind. Dadurch sind wir in der Lage positives Verhalten, wie
Rechtschaffenheit und Gesetzestreue, aber auch negative Eigenschaften, wie
Vorurteile, Selbstzerstörung und Aufopferung zu stabilisieren. Das „Es“ ist
unsere animalische Seite. Es verkörpert unsere Gelüste und primären
Bedürfnisse und sendet sie dem „Ich“. Dieses muss sie mit dem „Über-Ich“
„absprechen“ und geregelt ausführen.
Ich denke, dass diese Unterteilung sinnvoll, aber unvollständig ist. Es gibt sie
nicht wirklich, die verschiedenen Stimmen in uns, also „Engelchen“ und
„Teufelchen“ auf unserer Schulter, die uns abwägen lassen, ob wir das Richtige
tun. Vielmehr bestehen wir aus einem amorphen Gemenge aus Logik und
Emotionalität, das sich nur theoretisch zerlegen lässt, in Wirklichkeit aber in
unserer typisch menschlichen Widersprüchlichkeit wiederzufinden ist.
Wir Menschen suchen stets Sicherheit. Wir planen und sichern alles ab, ähnlich
einem Bergsteiger, und das macht auch Sinn. Würden wir nur in den Tag
hineinleben, könnten wir keine Standards etablieren. Deshalb haben wir aber
auch eine Angst vor dem „Loslassen“, eine Furcht vor Veränderung und Freiheit.
Doch andererseits verleiht uns gerade die Freiheit wieder ein sicheres Gefühl.
Uns wird allerorts Flexibilität abverlangt, doch wir sind eigentlich alles andere als
flexibel. Wir wollen Sicherheit und Garantien und müssen widerwillig
eingestehen, dass die Zukunft nicht planungssicher ist. Es ist Wunschdenken,
das uns leitet, aber Pflichtbewusstsein, das wir an den Tag legen. Die alte Regel,
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, ist schlichtweg Betrug, denn zum
Vergnügen kommen wir vor lauter Pflichtbewusstsein meist nicht mehr.
Emotional begabte Menschen machen den ersten Schritt, indem sie dieses
Wunschdenken analysieren. Wünsche sind emotional und das Denken ist
rational. Die Verbindung von Gefühlen, also Hoffnungen und Ängsten, mit Logik,
also Fakten und Tatsachen, ist nicht zufällig oder willkürlich entstanden. Es
existiert tatsächlich immer ein Weg, eine Handlungsoption oder eine Stellung, in
der beide Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden.
Ich denke, uns allen ist klar, dass Gefühle weder beweisbar noch widerlegbar
sind. Es gelingt auch nicht wirklich, verschiedene Gefühle ins Verhältnis
zueinander zu setzen. Was aber durchaus möglich ist, ist ein Gesamtkonzept zu
entwickeln, das Logik und Emotionalität wieder zu einer Einheit verknüpft.
3) Die Seele
Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang das Wort „Seele“. Was ist eine
Seele? Wie viel Seele besitzen wir?
Diese Fragen lassen sich nur indirekt beantworten. Wir besitzen soviel Seele, wie
die Differenz unserer Bauteile zum Gesamten ausmacht. Die Seele ist das Plus,
sozusagen der Klebstoff, der unsere physikalisch-physische Natur zu einem
lebendigen Menschen ergänzt. Lokalisieren lässt sie sich freilich nicht, da wir
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keine Seele besitzen, sondern sie verkörpern. Unser Leib ist das Gefäß und das
Werkzeug einer Seele. Beide gehen eine Symbiose ein, da sie ohne einander
nicht existieren können. Körper, Geist und Seele bilden eine physiologisch
untrennbare Einheit.
Der Geist ist der Teil des Komplexes, der unser Bewusstsein ausmacht. Wir
trennen ihn namentlich von der eigentlichen Seele, da wir ihn eher „verstehen“
können. Dabei ist er nicht weniger abstrakt als der übrige Teil unserer
„Software“. Wir können den Geist in einer Gedankenoperation nicht von uns
trennen, da er die Plattform dieses Vorgangs ist. Das wäre, als wollten wir unter
den Teppich schauen, auf dem wir momentan stehen.
Die Seele können wir jedoch bei unseren Überlegungen ausklammern, da wir nur
unbewusst auf sie zurückgreifen können. Das ist der Grund, weshalb sie zur
vermeintlichen Vereinfachung von Sachverhalten auch meist unberücksichtigt
bleibt. Aber das ist ein großer Fehler.
Die Komponenten wirken zu jeder Zeit aufeinander, sind weder räumlich noch
zeitlich voneinander getrennt und agieren in der Realität ausschließlich
zusammen. Das eröffnet theoretisch folgende Möglichkeiten:
1. Der Körper beeinflusst unser seelisches Befinden. So wirkt sich Schmerz auf
unser Gemüt negativ aus. Mit einem akut gebrochenen Bein oder Migräne hat
kein Mensch gute Laune.
2. Der Körper wirkt auf den Geist. Ein kranker Mensch verfügt nicht über seine
gesamte mentale Stärke und kann sich nicht richtig konzentrieren.
Konzentrationsschwächen gehören daher zu den häufigsten Symptomen für
allerlei Stoffwechselstörungen.
3. Der Geist wirkt auf den Körper. Kenntnisse können umgesetzt werden.
Handwerkliches Geschick entspringt zum einem dem emotionalen Wunsch
nach Veränderung, wird aber erst durch nüchternes und überlegtes Vorgehen
ermöglicht.
4. Der Geist beeinflusst die Seele. Dies ist der Fall, wenn wir uns vorschreiben
möchten, was wir empfinden sollten. Aber auch dann, wenn wir bewusst einen
besseren Weg einschlagen, und uns verändern möchten.
5. Die Seele beeinflusst den Körper. Am deutlichsten wird dies im Bereich der
Gesundheit. Jeder chronische Schaden der Seele manifestiert sich auch
körperlich.
6. Die Seele beeinflusst den Geist. Genialität kann sich erst durch das richtige
Verhältnis zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit entwickeln.
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Bei dieser Betrachtung wird uns schnell klar, dass die Seele unseren Geist und
unseren Körper fördern, aber auch schädigen und ausbremsen kann. Besonders
bei älteren Menschen ist es meist der pure Lebenswille und Altruismus, der sie
noch am Leben hält. Die Aufgabe, für ihren Partner zu sorgen, ist der einzige
Grund für sie noch länger „durchzuhalten“, und sich nicht ihrer „Müdigkeit“
hinzugeben.
Stirbt der Partner, so hätte es für sie keinen Sinn, noch länger am Leben
festzuhalten. Folglich sterben viele ältere Menschen kurz, nachdem sie ihren
Partner verloren haben. Die vom Arzt festgestellte Todesursache mag vielleicht
„Herzversagen“ sein, also ein körperlicher Defekt, aber die Ursache, weshalb es
dazu kam, ist tief in der Seele verankert. Es ist also nicht nur philosophisch zu
verstehen, wenn jemand an „gebrochenem Herzen“ stirbt.
Körper und Geist werden in unserer Gesellschaft oft ausreichend gefördert, wenn
man von der Neigung zur Fettleibigkeit einmal absieht. Das Problem ist, dass
meist die dritte, unsere seelische Komponente sträflich vernachlässigt wird.
Harmonie knüpft aber vor allem an der Seele an. Es ist zwar relativ einfach, die
emotionalen Bedürfnisse für einige Zeit zu vernachlässigen, aber das schlägt sich
genauso nieder, wie körperliche Untätigkeit oder geistige Unterforderung.
Unzufriedenheit ist das erste Signal, das uns zeigen soll, dass wir etwas an
unserer Lage verändern sollten.
Wobei wir wieder bei den emotional begabten Menschen wären. Sie verschaffen
ihrer Emotionalität Freiraum, genauso wie ein Sportler seinen Körper und ein
Denker seinen Geist pflegt.
„Jedes Erschaffene besitzt eine nur ihm eigene Gestalt, das Leben soll zu dieser
Gestalt hinführen.“ (Aristoteles)
Der emotional begabte Mensch erfährt einen Individuationsprozess, denn er wird
zu dem Menschen, der er eigentlich bereits ist, das heißt, er exprimiert seine
innere Gestalt und trägt sie nach außen. Dadurch bringt er seine Einzigartigkeit
zum Ausdruck, denn er hebt sich von der Gesellschaft ab. Es geht ihm darum,
mündig zu werden, sich also von der Gesellschaft teilweise abzukoppeln, um
anschließend wieder in ihr leben zu können.
Das klingt zunächst widersprüchlich, aber es ist ja auch nötig, erst aufzuwachen,
um dann über einen Traum nachdenken zu können. Entledigt von kollektiven
Maßstäben, Normen und Werten, kann ein emotional begabter Mensch die Welt
betrachten, analysieren, hinterfragen und umfassend verstehen. Wenn er diesen
Prozess durchlebt, wird er sich bewusster für das Wesen der Harmonie. Das
Unbewusste leitet ihn nicht länger in die falsche Richtung, der Ballast ist
entsorgt und behindert ihn nicht mehr beim Beschreiten seines Lebensweges. Er
hat dadurch sowohl Autonomie, als auch Beziehungsfähigkeit erworben.
Unsere Psyche reguliert sich selbst, ebenso wie unser Körper. Störungen in der
Psyche und mangelndes Wohlbefinden sind ein Zeichen für zu große
Einseitigkeit, Unter- oder Überforderung. Es ist zu vergleichen mit einseitiger
Ernährung. Solcherlei Schwierigkeiten werden von begabten Menschen
überwunden, durch eine Phantasie, die nichts auslässt, ihrer Hoffnung Spielraum
zu verschaffen.
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„Der Mensch darf nicht aufgeben. Man kann vernichtet werden, aber man darf
nicht aufgeben.“ (Ernest Hemingway)
Phantasie und Träumereien sind die Mutter aller Geniestreiche. Träumer werden
in unserer Gesellschaft nicht gerne gesehen, da sie sich Freiheiten
herausnehmen, die logisch betrachtet unproduktiv sind. Der Gedanke, respektive
das Gefühl wiegt bei ihnen mehr als „handfeste Arbeit“. Sind sie nun zu
beneiden oder sollten wir ihr Verhalten ablehnen? Auf jeden Fall bereichern uns
ihre Gedanken, denn jede Innovation beginnt mit einer Idee.
Eine gewisse Risikobereitschaft gehört zum Leben einfach dazu, denn
Erfahrungen können wir nicht ausschließlich durch Nachahmung oder
Nachdenken machen. Eine nicht vollzogene Handlung ist schlimmer als eine
potentiell Missglückte Denn sie schließt die Erfahrung aus, die selbst einem
Scheitern abzugewinnen gewesen wäre. Sie bringt keinen Gewinn, stellt keine
Chance dar und verändert rein gar nichts. Zögern und abzuwarten ist daher nur
sehr selten die klügste Strategie.
Unsere Gedanken drehen sich oft im Kreis, unsere Gefühle schwanken zwischen
den Extremen hin und her und der Körper bekommt laufend Impulse von außen.
Wie sollen wir auf solch einer bewegten Ebene zur Ruhe kommen und das
Gleichgewicht halten?
Die Antwort ist genauso simpel, wie einleuchtend. Der Ruhepunkt liegt in der
Mitte, also in der Ausgewogenheit unserer drei Komponenten. Wer etwas „auf
den Punkt bringt“, oder sich konzentriert, der hat klare Ideen und Konzepte.
Emotional begabte Menschen verstehen es, alle drei Belange zu repräsentieren,
ohne dass sie sich gegenseitig behindern. Auch äußere Impulse, wie schikanöse
Mitmenschen oder Unglücksfälle sind nicht in der Lage, dieses kohärente
Zusammenspiel ernsthaft zu beschädigen. Das wiederum verleiht ihnen eine
große psychische Stabilität.
Ein solcher Mensch entfaltet seine Persönlichkeit durch Öffnung und eine
lebensbejahende Einstellung. Im Gegenzug erhält er weitere Lebensfreude und
Gesundheit. Durch sein Charisma zieht er seine Mitmenschen in den Bann. Er ist
sich auch nicht zu schade, einen Teil seiner Energie in andere zu investieren,
denn er weiß, dass es nicht vergebens ist, selbst wenn es manchmal danach
aussieht. Er kann Verluste hinnehmen und verfolgt keine kurzfristige Taktik,
sondern eine langfristige Strategie.
Einige Samen fallen immer auf guten Boden. Langfristig rechnet es sich, anderen
Menschen zu helfen, denn wenn es unseren Mitmenschen bessergeht, kehrt das
zu uns zurück. Nicht unmittelbar, aber vor allem dann, wenn wir es benötigen.
4) Die Umsetzung von Ideen
Veränderungen treten immer dann ein, wenn es Zeit für sie ist. Die Dinge
geschehen, wenn man sie geschehen lässt Übermäßige Beschleunigung ist dabei
ebenso unangebracht wie künstliches Ausbremsen. Wer ohne Erwartungshaltung
und Anspruchsdenken an die Zukunft herangeht, wird etwas erhalten. Und wenn
er das, was er vom Leben geschenkt bekommt, zu schätzen weiß, wird er
merken, dass es meist besser ist, als er zu Anfang dachte.
Im Grunde sind wir alle unzufriedene Weltverbesserer. Ich möchte soweit gehen,
und behaupten, dass Unzufriedenheit mit den gegebenen Tatsachen ein weiteres
Grundbedürfnis ist, zumindest aber eine fundamentale Charaktereigenschaft.
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Wir möchten wirken, um uns unserer Existenz zu versichern, und diese uns
selbst gegenüber zu legitimieren. Wir haben Pläne und wollen sie einbringen.
Das muss nichts Großartiges sein, aber wir planen grundsätzlich alles; den
Sommerurlaub genauso wie den Rest der Freizeit. Welche Farbe unser nächstes
Auto haben soll oder was wir abends gerne essen würden. Unsere Karriere, die
Finanzen und die Erziehung unserer Kinder sowieso.
Wenn aber wirklich alles perfekt wäre, dann wäre uns wieder langweilig. Wir
kämpfen daher gegen jeden, der andere Ansichten als wir hat, um ein
künstliches Spannungsfeld zu erzeugen. Selten gewinnt dabei die beste Idee,
denn meist obsiegen die radikalsten Personen. Was tut ein emotional begabter
Mensch, wenn er seine Ideen verwirklichen möchte, aber andere Menschen einer
Verwirklichung im Wege stehen? Welche Möglichkeiten haben wir denn
überhaupt?
Will ich das Verhalten oder den Standpunkt einer Person verändern, dann könnte
ich sie überreden und ihren Willen brechen. Dazu müsste ich nur kraftvoll und
entschlossen genug vorgehen. Das ist die Methode, die beispielsweise „Drücker“
bei Haustürgeschäften anwenden. Aber ist das harmonisch?
Wäre es nicht besser, Andersdenkende zu überzeugen? Letzteres würde keine
brachiale Gewalt erfordern und hätte den Effekt, dass wir sie nicht kontrollieren
müssten Die Freiwilligkeit und Überzeugung des anderen nimmt uns diese Arbeit
ab. Um andere zu überzeugen müssen aber gewisse Sachverhalte vorausgesetzt
werden können:
• Unsere Idee muss gut sein, vor allem besser als die anderen, die geäußert
werden.
• Sie muss einleuchten, also schlicht, aber zugleich ausgereift sein.
• Sie muss brauchbar sein und in der Praxis funktionieren. Falls es sich um
völlig neue Konzepte handelt, dann sollten sie „aller Wahrscheinlichkeit nach“
funktionieren.
• Die Idee muss gut präsentiert werden, damit der andere sie versteht und
überhaupt in seine Vorstellungen integrieren könnte.
• Sie muss ihren Sinn selbst erklären und einen Versuch wert sein.
Beinahe jeder von uns glaubt, dass seine eigenen Vorstellungen auch die
richtigen für andere Menschen sind. Zugleich sind wir aber eher wenig
beeindruckt, wenn uns jemand seine Ideen unterjubeln möchte. Autonomie ist
ebenso eine Voraussetzung für die Entfaltung des eigenen Potentials, wie das
Verbreiten seiner Ideen.
Autonomie, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit sind aber nicht zu
verwechseln mit Egoismus, Egozentrik oder dem Ego-Trip. Letzterer bedeutet
Geltungsstreben, sich in den Mittelpunkt zu stellen, sowie andere Menschen
manipulieren und unterdrücken zu wollen. Der Egoist schielt auf den eigenen
Vorteil und seine Egozentrik erlaubt ihm dieses Verhalten. Er ist, seiner Ansicht
nach, wichtiger, kompetenter, besser, klüger und schöner als andere.
Der dominante Mensch unterdrückt andere, um selbst besser dazustehen. Das
ist eine Spielart des „Konkurrenzausschlussprinzips“. Ein emotional begabter
Mensch hingegen benötigt nicht unbedingt die Zustimmung seiner Umwelt,
möchte sie aber bereichern, wenn dies auf freiwilliger Basis geschehen kann.
Innere Sicherheit, wie sie ein erfolgreiches Selbstkonzept erfordert, erlaubt es
ihm, selektiv zu reagieren. Er ist in der Lage, angemessen und objektiv zu
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urteilen, und auch gegen sich selbst zu entscheiden, falls er mit seinen Ansichten
im Unrecht ist.
Und hier wird, wie schon erwähnt, die Bereitschaft zu urteilen von großem
Nutzen sein, genauer gesagt, die Fähigkeit, über andere urteilen zu können,
ohne sie zu verurteilen, und ohne von deren Reaktionen abhängig zu sein.
Selbstsicherheit steht immer im Kampf mit schleichenden Ängsten. Dies kann
sich beispielsweise in der Furcht äußern, nicht ernst genommen zu werden, oder
in der Sorge, andere zu enttäuschen. Angst verhindert aber einen lockeren und
spontanen Umgang mit anderen Menschen. Das Problem mancher emotional
begabter Menschen ist, dass ihre Ängste proportional mit der Begabung
wachsen. Je intelligenter, schöner und kreativer sie sind oder werden, desto
größer ist der Erwartungsdruck, der auf sie einwirkt. Manche besonders begabte
Menschen befinden sich daher ständig in einen Zustand zwischen Genie und
Wahnsinn. Ich will diesen Aspekt nicht verschweigen, damit nicht der Eindruck
entsteht, dass das Leben für emotional begabte Menschen nur Zuckerschlecken
wäre.
Weniger begabte Menschen wollen sich nicht mit dem Synonym der
Zweitklassigkeit abfinden, sondern streben nach Opportunität mit den
Begabteren. Diese werden daher oft diffamiert und benachteiligt. Wenn ein
Mensch in dem Dilemma steckt, entweder sein Potential gegen den Widerstand
seines Umfeldes auszuprägen, oder es zu verleugnen, dann erkennt er die
Problematik des harmonischen Weges. Um die Gestalt anzunehmen, für die wir
geschaffen wurden, müssen wir zeitlebens Energie investieren. Sobald wir
aufhören, unser Potential zu entfalten, endet auch automatisch die „gute Zeit“.
Selbstsicherheit verlangt aber nicht nur Begabung, sondern auch einen
unabhängigen Umgang mit dieser. Das bedeutet, dass nicht die Meinung anderer
die Kontrollfunktion übernehmen dürfen, sondern ausschließlich objektive
Wertungen und das eigene Empfinden. Und wo kein Geltungsstreben und
Darstellertum vorherrschen, kann auch keine Angst mehr greifen.
Der durchschnittliche Mensch blökt mit der Herde und hat sich fremde Ideen
angeeignet, die er vertritt, ohne sie zu verstehen. Er denkt nicht das, was er
will, sondern das, was von ihm erwartet wird. Durchschauen lässt sich ein
solches Vorgehen, wenn wir ihn nach den Hintergründen für seine
Überzeugungen befragen. Er wird sie nicht glaubhaft darlegen können, da sie
nicht in sein Lebenskonzept integriert, sondern nur aufgesetzt wurden.
Ein Beispiel ist die politische Einstellung. Jeder kennt einige Namen prominenter
Politiker und kann sie einer Partei, einem Amt oder Mandat zuordnen. Allein
diese Tatsache, sowie gehört zu haben, Herr „X“ sei ein guter Politiker, bringt
den Durchschnittsmenschen dazu, sich eine Meinung über ihn zu bilden.
Wenn es ihn aber nicht wirklich interessiert, wird er seine Ansicht nicht kritisch
überprüfen, sondern stößt einfach jedes mal dazu, wenn er mitbekommt, dass
jemand sagt, Herr „X“ sei kompetent. Es ist mehr ein Wiedererkennen, denn
aktives Denken und Urteilen.
Der emotional begabte Mensch kann sich damit nicht zufrieden geben. Es geht
ihm sowohl um faktisches Wissen, als auch um eine Meinung, die er vertreten
können will. Natürlich kann er sich nicht auf allen Gebieten auskennen; ihn
interessiert auch nicht alles gleichermaßen. Aber in seinen Spezialgebieten wird
der emotional Begabte ein Experte oder Meister sein. Und auf allen anderen
Feldern simuliert er kein Wissen, sondern gibt offen zu, dass er davon nichts
oder nur wenig davon versteht.
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Auch an dieser Eigenschaft lassen sich solche Personen erkennen. Denn sie
geben sich keine Blöße, wenn sie Unwissen oder Fehler eingestehen, weil sie das
mit einer Selbstverständlichkeit tun, die ihrerseits derart beeindruckend ist, dass
allein ihre Ehrlichkeit die Unkenntnis in anderen Gebieten aufwiegt.
Im Kapitel „Kommunikation“ werde ich ausführlich erläutern, wie Gespräche
aufgebaut sind und welche Funktionen sie erfüllen. Doch eines möchte ich
vorwegnehmen, und zwar „Problemgespräche“. Ein emotional begabter Mensch
weiß, dass das Sprechen über ein Problem nicht mit diesem gleichzusetzen ist.
Ein Gespräch ist zwar in der Lage, ein Problem kurzfristig zu verstärken, indem
es auf den „Tisch“ gelangt, aber es stellt eine produktive Inangriffnahme dar,
und sollte deswegen nicht gemieden werden.
Wer glaubt, Harmonie lasse sich durch statische Vermeidung erzeugen oder
aufrechterhalten, der täuscht sich. Harmonie ist dynamisch und kann erst durch
Konflikte erzeugt werden. Damit ein gesunder Wald entstehen kann, müssen
Bäume auch sterben. Sie machen den Platz für jüngere, kräftigere und besser
angepasste Bäume frei.
Dasselbe gilt auch für Ideen. Statische Harmonie verzerrt diese Dynamik und
führt zur Artefaktbildung. Eine Harmoniehülle ohne Inhalt wird krampfhaft
festgehalten, lange, nachdem der Geist entfleucht ist. Indem ich über ein
Problem offen und ehrlich in seinem vollen Umfang spreche, verschaffe ich ihm
zwar eine „Berechtigung“, doch die gäbe es auch ohne mein „Einverständnis“.
Ich begrüße damit lediglich den „geliebten Feind“ und gehe seine erfolgreiche
Bewältigung an.
III. Elementare Gefühle
Ebenso, wie es möglich ist, Formen der Intelligenz und Begabung zu
unterscheiden, lassen ich eine Handvoll Mechanismen charakterisieren, denen
jeder Mensch unterliegt, besonders aber der emotional Begabte. Sie sind
sozusagen unsere nichtrationalen Leitstrukturen, die zwar nicht zum reinen
Überleben gebraucht werden, aber dennoch einen zentralen Platz in unserem
Leben einnehmen. Die wahre Triebfeder hinter unserem Handeln ist meist weder
Vernunft, noch ein überlebensnotwendiges Bedürfnis. Denn wir handeln in aller
Regel aus Freude, Angst oder Langeweile heraus, und nicht aus zwingenden
Gründen.
Doch Gefühle sind übertragbar; sie werden weitergereicht wie Viren. Wir lösen
mit unseren gefühlsbedingten Handlungen Effekte aus, die unseren Charakter
widerspiegeln. Folglich ist es wichtig, mit seinen ungeliebten Emotionen
umgehen zu können. Es stellt sich nur die Frage, wie?
1) Wie können wir mit unseren Schwächen umgehen?
Ich möchte nun auf einige zusammengesetzte Gefühle eingehen, die wir aber
auch als „ein“ Gefühl verspüren. Und dabei besonderes Augenmerk auf die
unangenehmen Empfindungen legen, da wohl kaum einer von uns Probleme
damit hat, zu viel Freude zu verspüren oder zu glücklich verliebt zu sein.
1. Ich denke, Langeweile kennt jeder von uns. Gelegentlich gibt es Phasen, in
denen wir einfach nichts mit uns anzufangen wissen. Häufen sich solche
Ereignisse jedoch, kann das allerdings bedenklich werden.
Es ist ausgesprochen wichtig, sich in Phasen der Langeweile auf die Zukunft zu
besinnen. Die Vergangenheit, wie auch immer sie aussieht, führte zur
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Gegenwart und diese, verbunden mit unseren Gefühlen und Gedanken und den
daraus resultierenden Taten bestimmt wesentlich die Zukunft. Langeweile über
einen größeren Zeitraum hinweg zuzulassen ist bedrohlich und sollte ernst
genommen werden.
Denn aus Langeweile entwickelt sich leicht Unzufriedenheit, und daraus
wiederum auf Dauer Aggressionen oder Depressionen. Je unzufriedener wir mit
uns selbst sind, desto mehr sind wir geneigt, andere Menschen abzuwerten,
anstatt sie objektiv einzustufen. Das wiederum zerstört die Möglichkeit,
Inspirationen und Anregungen von außen zu erhalten, und verschlimmert
zusätzlich unsere soziale Situation. Es ist auch bekannt, dass Langeweile eine
mindestens ebenso große Eingangspforte für kriminelle Aktivitäten ist, wie Gier
oder Hass
Langeweile ist an sich nichts anderes, als die Armut an essentiellen Reizen. Und
sie verschlimmert sich, wenn wir versuchen, sie mit unsinnigen Reizen zu
kompensieren, wie beispielsweise unser „Auto spazieren zu fahren“.
Unsere meist monotone Arbeit, der oft über den kritischen Punkt hinaus
nachgegangen werden muss, erzeugt ein Gefühl der Unsinnigkeit unserer Taten.
Wir spüren, dass es an der Zeit wäre, diese Tätigkeit zu beenden, müssen sie
aber übertreiben, da wir vertraglich dazu verpflichtet sind. In unserer Freizeit
betäuben wir dann unsere innere Leere mit Alkohol, Konsum, Fernsehen oder
anderen fragwürdigen Beschäftigungen.
Wir sehen: Langeweile kommt nicht von ungefähr. Und genauso schnell, wie sie
über uns hereinbricht, können wir uns ihrer wieder entledigen. Aber an sich ist
es kein schlimmes Los, zu viel Zeit zur Verfügung zu haben, denn die gesamte
Problematik lässt sich durch einige kleine Veränderungen überflüssig machen.
Langeweile hat immer Ursachen. Die allermeisten sind in unserem eigenen
Verhalten verankert, in Erwartungen, Untätigkeit und falschen Vorstellungen. Es
ist nicht falsch zu träumen, aber man sollte stets versuchen, diese Träume
zumindest teilweise in die Tat umzusetzen.
„Jeder Mensch, der sich für etwas engagiert, hat eine bessere Lebensqualität als
andere, die nur so dahinvegetieren.“ (Bruno Kreisky)
Wir könnten die Zeiten der Langeweile sehr gut nutzen, um uns über unser
Leben klarer zu werden. Frisch gestärkt und mit neuen Ideen kehren wir
anschließend zurück. Wenn wir dann noch langfristige Reformen einleiten,
verbessern wir automatisch unsere Chancen auf mehr Kontakt zu
Gleichgesinnten, verbunden mit der Aussicht, von ihnen weitere Anregungen zu
erhalten. Wer es einmal geschafft hat, den Teufelskreis der Langeweile zu
durchbrechen, der wird immer etwas mit sich und seiner Freizeit anzufangen
wissen!
2. Überforderung, die Antipode der Langeweile ist nicht minder brisant. Wer sich
aufgrund seiner Mehrfachbelastung von Beruf, Privatleben und Erziehung
hoffnungslos überfordert fühlt, gerät leicht in Versuchung, dies mit Alkohol oder
Medikamenten zu kompensieren. Oder er beginnt damit, andere Menschen zu
schädigen, wie beispielsweise ein Elternteil, der seine Kinder schlägt. In aller
Regel wird ein überforderter Mensch versuchen, auf irgendeine schädliche Weise
sein trostloses Leben auszugleichen.
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Schon viele Kinder sind in unserer Gesellschaft innerlich gespalten. Einerseits
haben sie Eltern, die von der Erziehung kaum eine Ahnung haben, ja nicht
einmal Interesse daran zeigen, zum anderen werden sie in ein Schulsystem
gesteckt, das ihnen alles abverlangt, sie aber nur einseitig fördert, und trotz
guter Zensuren in eine ungewisse Zukunft entlässt
Es gilt als erwiesen, dass uns zu viel negativer Stress, der sogenannte
„Disstress“ nicht bekommt. Einseitige rationale Überforderung, bei gleichzeitiger
Deprivation, also dem Entzug von Sinnesreizen, zerreißt unsere Persönlichkeit
auf Dauer. Dabei muss dieser Stress meist nicht sein, denn wir erzeugen wir ihn
häufig selbst.
„Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht
nutzen.“ (Seneca)
Manchmal ist es notwendig, sich einfach etwas Zeit für sich selbst zu nehmen.
Auch wenn noch anderes zu tun wäre, sollten wir uns etwas Zeit zum Ausruhen
und Nachdenken gönnen. Auch das ist „genutzte“ Zeit, denn wir nutzen sie für
unser Wohlbefinden.
„Die Zeit verweilt lange genug für denjenigen, der sie nutzen will.“ (Leonardo da
Vinci)
Es ist am Besten, sich immer der Sache, mit der man gerade beschäftigt ist,
völlig zu widmen. Dies fällt uns zuweilen schwer, weil wir uns über andere Dinge
Sorgen machen. Aber es hilft, da man dabei abschaltet, positive Resonanz und
Erfolg auf anderen Gebieten erhält, und auch mal auf andere Gedanken kommt.
Das wiederum stärkt die seelische Verfassung und hilft indirekt dabei, die
ursprünglichen Sorgen differenzierter und schärfer erfassen und bewältigen zu
können.
Dabei sollte man sich keinesfalls verstellen oder seine Sorgen verdrängen,
sondern lediglich das Problem vom restlichen Leben für kurze Zeit trennen, um
nicht in Folge weitere Probleme zu erzeugen.
Wenn wir jemanden kennen, dem wir vertrauen können, dann sollten wir von
dieser Möglichkeit unbedingt Gebrauch machen. Andere Sichtweisen helfen das
eigentliche Problem zu erkennen und eröffnen uns bisher nicht bedachte
Möglichkeiten. Es kann auch helfen, sein Umfeld zu ordnen, beispielsweise
gründlich aufzuräumen und auszumisten. Denn mit den Gegenständen ordnen
sich auch unsere Gedanken und Gefühle.
Der richtige Umgang mit der Zeit ist entscheidend für ein erfolgreiches
Selbstmanagement. Im Zuge der alltäglichen Überforderung kann es durchaus
nötig sein, manche Termine zu verlegen oder abzusagen.
Natürlich gibt es auch hier Grenzen und Fehlerquellen. Wer immer alles auf
später vertagt, der sollte sich gewahr werden, dass die verstrichene Zeit nicht
zurückkehrt. Wer statt mit seinem Kind zu spielen lieber gearbeitet hat, der kann
das Versäumnis vielleicht noch eine Woche später nachholen, nicht aber in vielen
Jahren. Wer sein Privatleben auf sein Rentenalter verschiebt, der wird es
vielleicht gar nicht erleben. Daher ist es erforderlich, sowohl das zu tun, was
man tun möchte, als auch das, was getan werden muss, und das jeweilige
Unternehmen zu genießen.
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3. Alltagsglück ist zwar selbst kein Gefühl, aber die Sehnsucht danach schon.
Wir wünschen uns selbst und anderen Glück und verbinden es automatisch mit
der damit verbundenen Freude. Glück begegnet uns täglich, doch aus einer
negativen, passiven oder gleichgültigen Haltung heraus können wir es nicht
erkennen.
Es ist weder räumlich noch zeitlich von uns entfernt, denn man muss es nur
direkt vor seinen Füßen auflesen und zulassen. Wir können es sogar durch eine
offene Haltung etwas herausfordern, ein wenig Handlung erzeugen und gespannt
verfolgen, wie sich die Situation entwickelt.
Das „große Glück“ liegt in uns selbst und ist verbunden mit der Entfaltung
unseres Potentials. Es ist die Verwirklichung des harmonischen Systems.
Alltagsglück findet dagegen unabhängig davon statt, es ist sozusagen am
„Wegesrand“ anzutreffen. Wie Blumen wächst es einige Schritte von unserem
eigentlichen Ziel entfernt, ist aber für aufmerksame Menschen jederzeit
zugänglich. Es lohnt sich, gelegentlich den Ernst des Lebens zu vergessen und
sich glücklich und dankbar zu schätzen, für all die wundervollen Momente, die
man bereits erleben durfte.
4. Wer von Alltagsglück und der Freude daran spricht, der muss sich auch mit
der Charaktereigenschaft auseinandersetzen, die das Erkennen und Induzieren
von Freude erst ermöglicht, dem Humor.
Auch dieser ist kein Gefühl, sondern eher eine Charaktereigenschaft, aber es
erfordert viel „Gefühl“, um humorvoll zu sein. Um etwas auf humoristische Weise
erklären oder darstellen zu können, muss man den Stoff oder die Darbietung
sehr gut beherrschen. Humor ist sozusagen die Steigerung von Ernsthaftigkeit,
da er einer Erzählung oder Darbietung den Glanz von Leichtigkeit und
Unbeschwertheit verleiht. Professionelle Komiker sind im realen Leben oft sehr
ernste Menschen, da ihnen ihr Beruf sehr viel Energie und Hingabe abverlangt.
Es ist Empathie und Führungsqualität nötig, um mehrere Menschen zur gleichen
Zeit auf ihrer humorvollen Seite zu erreichen. Die Bereitschaft der meisten
Menschen zu lachen, ist äußerst gering, vor allem, wenn es um ihre Arbeit oder
Seriosität geht. Daheim oder in der Kneipe lachen sie über die dümmsten
Kalauer, aber das ist nur gestellt.
Echter Humor findet sich nur selten und wenn, dann zwischen den Zeilen. Er
entzieht sich einer direkten Analyse und verbirgt sich vor unseren Augen, die
nach Fakten forschen. Wer einen gelungenen Scherz „erklären“ möchte, wird
keinen Humor mehr darin entdecken, denn er hat ihn durch seine logische
Analyse vernichtet.
Emotional begabte Menschen kommunizieren immer mit einer gewissen Ironie,
denn sie wissen, wie die Aussagen des anderen in Wirklichkeit gemeint sind. Sie
kennen einander so gut, dass sie die wirklichen Einstellungen und Glaubenssätze
ihres Gegenübers nicht verletzen, indem sie sich darüber lustig machen.
„In seinem Lachen liegt der Schlüssel, mit dem wir den ganzen Menschen
entziffern.“ (Thomas Carlyle)
Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Wir sind so niveauvoll und
intelligent, wie das, worüber wir lachen.
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5. Niemand kann sagen, er wäre nicht neidisch, denn Neid gehört untrennbar zu
unserem Charakter. Wir sollten Neid nicht zwangsläufig mit Missgunst
gleichsetzen, denn er hat auch gute Seiten. Dieses Gefühl weist uns das auf das
hin, was andere besitzen, wir aber nicht. Es verdeutlicht uns also indirekt die
Missstände und verbesserungsfähige Aspekte unseres eigenen Lebens. Anders
als fiktive und unrealistische Träume sind diese Ziele anscheinend erreichbar,
denn wir können sehen, dass jemand anderes das besitzt, was wir gerne hätten.
Diese Tatsache zwingt uns dazu, uns nicht auf unseren Lorbeeren auszuruhen,
sondern uns immer weiterzuentwickeln und andere Ideen zu prüfen. In diesem
Fall sprechen wir von „Ehrgeiz“, der nur eine andere Seite von Neid darstellt.
„Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“
(Arthur Schopenhauer)
Neid kann aber auch krankhaft und zermürbend werden, dann nämlich, wenn wir
die Situation anderer komplett besser als die Eigene einschätzen. Und hierbei
irren wir leicht, da wir immer nur den Teilaspekt sehen, der uns interessiert,
nicht aber die Gesamtheit aller Konsequenzen.
Wenn uns Neid überkommt, dann müssen wir bedenken, dass die beneideten
Personen selten in allen Punkten mehr Erfolg haben als wir. Realistischer Neid
bezieht sich aber stets auf die gesamten Lebensumstände.
Vielleicht besitzt eine Person mehr Einfluss oder Geld als wir, aber wären wir
auch bereit gewesen, den Preis dafür zu zahlen? Dieser Mensch hat in die
Karriere viel investiert, dafür auf Kinder verzichtet oder Eheprobleme riskiert.
Wollen wir das auch haben?
Sicher, es gibt auch Menschen, denen es anscheinend komplett besser geht. Sie
sind stadtbekannt, beliebt, wohlhabend. Die Liste ließe sich noch verlängern.
Aber können wir sicher sein, dass sie mit all dem tatsächlich so glücklich sind,
wie wir vermuten?
Der einzige Weg zu echtem Glück ist der Blick nach innen. Das gilt für uns,
genauso wie für alle anderen Menschen; so gesehen gibt es eine übergeordnete
Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Auch wenn vieles dagegen spricht, lässt
sich Glück weder kaufen noch manipulieren. Der ärmste und kränkste Mensch
der Welt kann an seinen äußeren Lebensumständen vielleicht nur wenig ändern.
Aber er kann sich genauso glücklich fühlen, wie der reichste und gesündeste
Mensch; es liegt allein bei ihm.
Vielleicht klingt das wie Hohn für Sie, aber ich werde im Verlauf dieses Buches
immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es eben doch kein
unabänderliches Schicksal gibt, wie das so oft behauptet wird. Natürlich gibt es
behinderte Menschen oder solche mit chronischen Schmerzen; sie haben es
völlig unbestritten schwerer. Doch auch sie können sowohl Alltagsglück erleben,
als auch das große Glück in sich selbst kultivieren.
6. Angst ist eines der stärksten Grundgefühle und nicht zuletzt deshalb ein
Leitmotiv vieler Taten. Angst kann bekanntlich lähmen, aber auch ungeahnte
Kräfte verleihen. Jeder gesunde Mensch ist in der Lage, auf einem 15 Zentimeter
breitem Brett entlangzugehen, ohne sein Gleichgewicht zu verlieren. Anders
sieht es aus, wenn sich dasselbe Brett in mehreren Metern Höhe befindet. Allein
die Furcht vor einem potentiellen Sturz lässt uns an unserer Fähigkeit zweifeln,
das Brett fehlerfrei zu überqueren.
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Dieses Beispiel zeigt, dass wir uns selten wirklich sicher sind, und besonders bei
ungewohnten Schwierigkeiten gehemmt reagieren. Der Einsatz, das wäre in
diesem Fall unsere Gesundheit oder gar der Tod, ist zu hoch, um „mal eben“
riskiert zu werden.
Andererseits ist diese schützende Angst hinderlich, wenn wir gefordert werden.
Wären wir geübter gewesen und hätten uns seit einer Weile mit Balanceübungen
in Form gehalten, dann wäre auch unsere Angst weitaus geringer. Was wir
benötigen, ist Übung und die daraus resultierende Erfahrung, die uns bestätigt
und ermutigt, auch in gefährlicheren Situationen ruhig zu agieren.
Eine unspezifische und allgemeine Vorbereitung auf unseren Alltag ist folglich
sehr wichtig. Wer immer erst wartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist,
bevor er sich Gedanken macht, der hat kaum eine Möglichkeit, sicher durchs
Leben zu gehen.
Nicht nur ängstliche Persönlichkeiten haben Angst. Neurotiker und Menschen mit
Phobien haben welche, aber obsessionelle und paranoide Persönlichkeitszüge
treten auch vermehrt in ansonsten gesunden Menschen auf.
„Niemand ist frei, der nicht über sich selbst Herr ist.“ (Matthias Claudius)
Angst ist der Preis der nie erreichten Vollkommenheit unseres Fortschrittes. Wer
hätte es nicht gerne, das „Rundum-sorglos-Paket“, das unsere Befürchtungen
widerlegt und zerstreut, sowie Garantien für ein langes und glückliches Leben
bietet?
Wir wissen, dass die Feuerwehr kommt, wenn es brennt, vertrauen auf die
Polizei, die uns schützt, oder zumindest die Banditen nach ihrer Tat dem Gericht
übergibt, und wir glauben daran, dass Ärzte uns heilen können, wenn wir
erkranken. Wenn doch etwas passiert, zahlt die Versicherung, im schlimmsten
Fall der Staat. Eigentlich müssen wir kaum etwas für uns tun. „Unser Leben geht
uns nichts an“; in der Tat gibt es viele Menschen, die so denken.
Diese mangelnde Eigeninitiative bezahlen sie aber teuer mit Angst. Kommt denn
wirklich jemand, wenn Not am Mann ist? Am liebsten würden wir noch leben, um
beobachten zu können, ob unsere Lebensversicherung tatsächlich zahlt. Oder
eine andere Versicherung abschließen, die garantiert, dass die erste
Versicherung ihren Pflichten nachkommt.
Früher musste jeder sehen, wo er bleibt. Hatte er nichts zu essen, dann musste
er hungern. Das war hart, aber keiner gab sich Illusionen hin. Angst konnte man
sich gar nicht leisten, denn das wäre das Ende gewesen.
Heute werden wir ernährt und unsere Sorgen und Ängste gleich mit. Im Grunde
haben wir alle vor derselben Vision Angst, nämlich dass all unser liebgewonnener
Komfort fort wäre. Wir alle bauen fleißig an einer Zukunft, die dann exakt so
kommen muss, wie wir sie „bestellt“ haben, sonst wären wir um die Früchte
unserer Arbeit betrogen. Verlustängste plagen uns um so mehr, je mehr wir
besitzen und je weniger wir davon wirklich verdient haben.
Naturkatastrophen, Unglücksfälle, Krankheiten und andere Menschen prägen
unser Bild der Angst. Und Verdrängungsmechanismen, eine Spielart der
emotionalen Selbstregulation, helfen uns, mit unseren Ängsten kurzfristig
klarzukommen. Doch sie überstreichen eine längst baufällige Konstruktion mit
frischer Farbe. Und ähnlich, wie sich der Rost unter dem Autolack seinen Weg
entlang frisst, kehren verdrängte Ängste eines Tages übermächtig zurück.
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Wer über ausreichend emotionale Intelligenz verfügt, baut sein Leben lieber von
vorneherein angstarm auf. Völlig ohne Angst zu leben wäre anormal, aber es ist
gesund, sie weder zu fürchten, noch zu verdrängen. Es stimmt, wir können
jederzeit alles verlieren, unser Hab und Gut, unsere Freiheit, unsere Gesundheit
und unsere Angehörigen.
In Amerika erschießt man Einbrecher, die einem Angst einjagen. Hierzulande
hadert man in Angst, dass einem nichts passiert. Beides ist falsch. Es gibt keine
wirksame Absicherung vor der Zukunft.
Alles doppelt und dreifach abzusichern und zwanghaft nachzusehen, ob man
auch ja sein Auto abgeschlossen hat, hat noch keinen einzigen Diebstahl
verhindert. Vorsicht darf nicht unsere Lebensqualität beeinträchtigen, sondern
bedeutet, Vorsorge zu tragen, also bereit zu sein, falls das Unbekannte
zuschlägt.
Wer seelisch ausgeglichen ist und sich stets in geistiger Bewegung befindet, der
kommt auch nicht in Bedrängnis, wenn ihm das Leben schwer zuspielt. Denn er
weiß, dass es auch dann noch weitergeht.
Es gibt nicht für alles und jeden Sicherheit; das gab es nie und wird es niemals
geben, gleich, welchen Fortschritt wir erlangen. Und eigentlich sollten wir froh
darüber sein, denn das Unbekannte hält uns emotional am leben. Wenn es
wirklich gar nichts mehr zu fürchten gäbe, dann wäre unsere Zukunft wahrhaft
trist.
7. Schuldgefühle sind weit verbreitet; wir alle kennen und fürchten sie. Auch wer
nicht an eine „Nemesis“ glaubt, die göttliche Rache, wird mir zustimmen, dass es
eine höhere Gerechtigkeit im Leben gibt. Sofern wir es nicht mit einem
soziopathischen Menschen zu tun haben, können wir davon ausgehen, dass die
meisten Personen über eine Institution verfügen, die wir „Gewissen“ nennen.
Das Gewissen richtet über unsere Taten und verschafft unserer Existenz ihre
Daseinsberechtigung. Persönliche Verfehlungen können wir leugnen und
vielleicht vor anderen Personen und irdischen Gerichten verbergen. Innerlich
jedoch werden wir uns selbst richten. Schuldgefühle gleichen emotionalen
Säuren und fressen unsere Seele auf. Ich möchte drei Ebenen des Gewissens
unterscheiden:
1. Das neutrale Gewissen bezieht sich nur indirekt auf andere Menschen und
wirkt überwiegend in uns selbst. Einmal angenommen, wir haben mehr Glück
als Verstand. Anders als unsere Freunde bekommen wir für unseren Beruf
mehr Lohn, haben mehr Freizeit, sind immer gesund und führen eine
glückliche Beziehung. Dürfen wir das eigentlich genießen? Sollten wir uns
nicht als Ausgleich selbst im Weg stehen? Unser Gefühl sagt, dass es
ungerecht wäre, wenn nur wir dieses Glück haben. Die alleinige Antwort auf
die oben gestellten Fragen muss lauten: nein! Wenn wir Glück haben, dann
haben wir es uns auch verdient, sonst hätten wir es nicht. Indem wir es
zuließen, und durch richtiges Verhalten begünstigten, ohne es manipulieren
und zwingen zu wollen, haben wir uns darum verdient gemacht. Wem es
hingegen an Glück mangelt, der sollte sich gut überlegen, woran es wohl
liegen könnte. Mit Geld und Macht kann man sich auch bereichern, wenn man
es nicht verdient, aber echtes Glück stellt sich nur dann ein, wenn
Zufriedenheit und Gerechtigkeit schon vorhanden sind. Das neutrale Gewissen
ist folglich eher ein Indikator, denn ein Kontrollorgan.
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2. Die Bibel spricht von Nächstenliebe, davon, dass wir alle Menschen wie Brüder
behandeln müssen. Unser kollektives Gewissen meldet sich zu Wort, wenn
uns dies nicht gelingt. Die meisten Menschen sind uns relativ gleichgültig;
deswegen fühlen wir uns manchmal schuldig. Nicht jede unserer Taten ist
richtig, und vor allem im zwischenmenschlichen Umgang geschehen Dinge,
die nicht völlig koscher sind. Doch das kollektive Gewissen sollte uns
unbedingt Spielräume lassen; kleinere Fehler sollten wir uns selbst verzeihen
können. Es sollte von uns nur sparsam beachtet werden, denn es dient vor
allem zum Schutz vor starkem Hass gegenüber ganzen Gruppen.
3. Wenn wir normalerweise von Schuldgefühlen sprechen, dann meinen wir
damit diejenigen, die dem individuellen Gewissen entspringen. Besonders im
Umgang mit Freunden, dem Partner oder der Familie meldet es sich oft zu
Wort. Wir wissen jeweils ganz genau, was wir falsch gemacht haben, und
daran müssen wir arbeiten. Das beginnt damit, sein direktes Umfeld
einzubeziehen. Die Bibel spricht von „Buße tun“ und „in sich gehen“, meint
damit aber eigentlich sehr weltliche Veränderungen und Fortschritte.
Es besteht ein ganz wesentlicher, aber oft verkannter Zusammenhang zwischen
Schuldgefühlen und Krankheiten; nicht nur seelischen Dissonanzen, sondern
auch körperlichen Beschwerden. Im zwölften Kapitel werde ich darauf noch
ausführlich zu sprechen kommen. Nur soviel vorweg: Eine Krankheit kommt
niemals aus heiterem Himmel. Es liegen stets Faktoren vor, die gesunde
Menschen erkranken lassen. Chronische Schuldgefühle sind sozusagen ein
„Garant“ dafür, zu erkranken, ohne daran zu sterben, was einer Erlösung oder
Flucht gliche. Durch eine Krankheit werden diejenigen Strafen vollstreckt, zu
denen uns das Gewissen verurteilt hat.
Wir alle begehen in unserem Leben Fehler, und manche davon sind nicht
wiedergutzumachen. Ferner sind Schuldgefühle ein ständiger Begleiter in der
Erziehung und der Partnerschaft.
Im Teenageralter sind wir zum ersten Mal in der Lage, Sympathie für ganze
Gruppen zu entwickeln. Deshalb machen wir davon auch reichlich Gebrauch.
Plötzlich leiden wir mit all den armen und unterdrückten Menschen auf der Welt
mit, werden zum Vegetarier und engagieren uns lautstark gegen das gesamte
Unrecht auf der Welt.
Diese neue Option ermöglicht uns neue Betätigungsfelder. Die Möglichkeit,
Schuldgefühle empfinden zu können, auch wenn wir nur mittelbar verantwortlich
für bestimmte Taten sind, sorgt für weitreichende Probleme. Und es gibt
mehrere Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen:
1. Verharmlosung. „So schlimm ist es doch gar nicht.“ Das funktioniert nur eine
kurze Zeit, denn meist werden wir von der Realität eingeholt.
2. Rechtfertigung. Es gibt ein französisches Sprichwort, das besagt: „Qui
s’excuse, s’accuse“, „Wer sich rechtfertigt, klagt sich an“. Denn durch
offensives Leugnen kann man sich nicht selbst von seiner Unschuld
überzeugen.
3. Sündenböcke suchen. In früheren Kulturen des Nahen Ostens haben
Dorfbewohner ein Ritual erfunden, mit denen alle ihre Sünden und damit
verbundenen Schuldgefühle loswerden konnten. Einem Ziegenbock wurden
sinnbildlich alle Taten aufgeladen, und dieser anschließend in die Wüste
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geschickt. Wer sich jetzt über diese „elegante“ und naive Methode amüsiert,
der vergisst, dass wir dieses Ritual nach wie vor praktizieren. Nach jedem
Skandal ist stets nur ein einzelner Mensch oder ein kleiner Kreis schuld. Das
ist schon sehr merkwürdig, denn unter den Nutznießern befanden sich
vormals fast alle.
4. Das Eingestehen seiner Fehler ist die beste Methode. Das ist meist nicht
leicht, wirkt aber sympathisch, denn das gibt es selten! Auch wenn wir
anschließend für unsere Tat bestraft werden, entfällt das weitere Misstrauen,
und eine direkte Wiedergutmachung kann erfolgen. Ist diese nicht möglich,
dann kann eine indirekte Entschädigung darin bestehen, dass wir ab sofort
andere Menschen besser behandeln. Verantwortung zu übernehmen zeugt von
Charakterstärke und ist eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft.
5. Die schlechteste Methode ist es, längere Zeit einen Zustand zu beklagen, ohne
zu handeln. Das ist unproduktiv, nützt keinem etwas und zerfleischt uns
innerlich auf Dauer.
8. Auch Egoismus ist ein uns wohlbekanntes Phänomen. Charles Darwins
revolutionäre, aber oft missbrauchte Lehre vom „Gesetz des Stärkeren“ hat sich
einen zweifelhaften Ruf eingehandelt, weil sich jeder Egoist mit ihr,
beziehungsweise ihrer Abwandlung, dem „Sozialdarwinismus“ rechtfertigt. Es sei
„von der Natur gewollt“, wenn er sich über die anderen stellt, so lautet seine
Erklärung.
Heutzutage sind sich viele selbst der Nächste und behandeln ihre Mitmenschen
grundsätzlich wie Fremde oder Kontrahenten. Der Mensch identifiziert sich nicht
mit seiner gesamten Art, sondern nur mit seinem Individuum.
Da diese Aufrechterhaltung von Grenzen um seine Persönlichkeit sehr viel Kraft
kostet, ist ihm aber klargeworden, dass kleine Gemeinschaften auch für ihn
unverzichtbar sind. Deshalb sucht er Gleichgesinnte und bildet Gruppen, um sich
von noch fremderen Menschen zu distanzieren. Eine solche Hausmacht wirkt wie
eine Phalanx.
Der Kampf wird heute selten ums nackte Überleben geführt, sondern wesentlich
perfider und diffiziler. Der Egoist verteidigt alles, von dem er glaubt, es
beschützen zu müssen, weil es ihm gehört.
Er muss Unsummen an Energie zur Machterhaltung aufbringen, da er nichts im
Leben loslassen kann. Der Begriff „Freiheit“ impliziert aber die Loslösung von
Besitz und Macht. Doch die Angst und das Bedürfnis nach Sicherheit verhindern
beim Egoisten diese Freiheit. Er nimmt lieber die Unfreiheit in Kauf und
entscheidet sich für den Besitz.
Vor allem aber findet ein Kampf um geistige Objekte statt. Gekämpft wird um
Wissen und Glauben, um Ideen und Ansichten, die verteidigt werden, wie das
eigene Leben. Daran ist zu sehen, wie sehr Wissen bereits zu einem „geistigen
Gut“ verkommen ist. Es gehört nicht mehr der Allgemeinheit, sondern dem
Einzelnen.
So werden Informationen bewusst verfälscht, vorenthalten und verschwiegen.
Dabei sollte man annehmen, dass es einen Menschen erfreuen sollte, dass sich
jemand für sein Wissen und damit auch für seine Person interessiert. Doch das
wäre eine krasse Fehleinschätzung! Hierzulande wird um Wissen gekämpft, wie
um Wasserquellen in der Wüste!
Es gibt Wissen, das geheim sein muss, beispielsweise, weil es sich hierbei um
eine neue Entdeckung oder Erfindung handelt, und sich der Entdecker oder
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Urheber nicht die Früchte seiner Arbeit stehlen lassen will. Schließlich hat er
Jahre seines Lebens dafür geopfert, und möchte dafür seine verdiente, meist
finanzielle Anerkennung. Das ist legitim, da dieses Wissen zuvor auch nicht zur
Verfügung stand, und somit erst ab seiner Veröffentlichung ins Allgemeingut
übergeht.
Dann gibt es geheimes Wissen, das eine Person oder Gruppe schützen soll. Das
können Staatsgeheimnisse, militärische Daten, aber auch intime Details eines
Einzelnen sein. Dazu gehören beispielsweise auch unsere Krankengeschichte
oder unser Liebesleben.
Doch manche „Datenschützer“ übertreiben es recht gerne, bei der Einteilung
dessen, was privat ist. Die meisten Menschen denken, dass es ihr Wissen ist,
wenn es ihre Zeit gekostet hat, es zu erlangen. Wissen ist zur Währung unseres
Geistes geworden.
Egoismus ist keinem von uns fremd, da er essentiell für unsere Existenz ist. Aber
über die Auswirkung müssen wir uns klarwerden. Je mehr Rechte wir für uns
einfordern, ohne sie anderen zu gewähren, desto mehr entfernen wir uns von
der Gemeinschaft. Auf lange Sicht bedeutet dies Ächtung und Isolation, also
weniger Rechte für uns, und nicht mehr.
9. Aggression ist ein Phänomen, das eigentlich keiner großen Erklärung bedarf.
Ein plötzliches Durchdrehen und „rotsehen“ haben die meisten von uns schon
einmal erlebt. Das rationale Verständnis wird überflutet mit vielerlei konträren
Emotionen, wenn wir überkochen. In solchen Momenten sagen oder tun wir
Dinge, die uns hinterher leidtun. Man spricht deswegen auch von
„Affekthandlungen“.
Nicht selten enden solche Aggressionen in Gewalt. Unzurechnungsfähig schlagen
die Betroffenen auf alles und jeden ein. Ursache für überschäumenden Jähzorn
ist häufig eine emotionale Erinnerung an schlechte oder schlecht verarbeitete
Ereignisse. Einige, aus dem Erinnerungsvermögen bereits verschwundene
Ereignisse, erwecken in bestimmten Situationen Muster, die sofort den
Ausnahmezustand einleiten.
Deshalb kann es sein, dass wir noch Jahre nach einem Ereignis, auf objektiv als
Nichtigkeiten zu bewertende Ereignisse, übertrieben heftig reagieren. Dies ist
beispielsweise der Fall, wenn uns jemand an unsere Eltern und deren schlechte
Eigenschaft, uns andauernd Vorschriften zu machen, erinnert. Wenn nun unser
neuer Partner oder Kollege auch damit beginnt, dann werden wir sofort
zurückversetzt, und in übertriebene Wut und Erregung befördert. Bedenken wir
hierbei auch den Verknüpfungseffekt.
Besonders im Straßenverkehr nimmt die Aggression immer mehr zu. Die Fahrer
glauben, sie befänden sich in einem geschützten Raum, vergleichbar mit ihrem
Wohnzimmer. Aufgrund dieser Anonymität sind sie der Ansicht, dass sie tun und
lassen dürften, wozu sie Lust haben. Die Delikte wie jemandem die Vorfahrt zu
nehmen, riskante Überholmanöver zu begehen, Trunkenheit am Steuer und
Raserei nehmen immer mehr zu. Vor allem junge Menschen neigen zu dieser
Form der Selbstüberschätzung, die oftmals in Unfall und Tod endet.
Problematisch ist auch die Darstellung von Gewalt und Pornographie im
Fernsehen, auf Videos und im Internet. Das Handeln der Protagonisten eines
Films hat nie ein Nachspiel; es wird immer nur der schnelle Sieg der Gewalt
gezeigt, nicht die langfristigen Folgen. Und weil der „Tag danach“ immer
ausbleibt, scheint Gewalt legitim und nachahmenswert zu sein. Die perfide
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Vermischung von realen Nachrichten und fiktiven Filmen im Fernsehen tut ihr
übriges, um unsere Hemmschwellen zu senken und uns dazu zu bewegen, selbst
Gewalt zu favorisieren.
Immer wieder begegnet uns im Leben Aggression, sowohl bei uns selbst, als
auch bei unseren Mitmenschen. Sie ist eine elementare und relativ
unbeeinflussbare Handlungsoption, die unser Territorialverhalten begleitet. Ist
Aggression daher grundsätzlich als „schlecht“ einzustufen?
Nein, denn sie sichert auch unser Überleben und unseren Platz in der
Gesellschaft. Diese hat sich aber, wie wir bereits feststellen konnten,
dahingehend geändert, dass rohe Gewalt keinen Vorteil mehr bringt.
Wir haben uns entschieden, Verbrecher von bestimmten, unabhängigen
Personen stellen und verurteilen zu lassen, und das Recht nicht selbst in die
Hand zu nehmen. Dies geht bekanntlich so weit, dass wir gar keine Selbstjustiz
mehr ausüben dürfen, und andernfalls selbst verurteilt würden. Die Gesellschaft
stellt ihre Regeln auf, die für alle Personen Gültigkeit besitzen, die zu dieser
Gesellschaft gehören möchten.
Insofern beschert es den Ausübenden von Gewalt einen Vorteil, weil sie die
härteren Mittel ausüben können. Andererseits werden sie in dem Moment
gleichzeitig zum Feind der gesamten Gesellschaft, da sie deren Spielregeln
verletzt haben.
So gesehen bringt uns unsere, biologisch gesehen sinnvolle Aggression in die
Zwickmühle. Wir sind zwar keine Einzelkämpfer mehr und leben nicht mehr in
Kleingruppen, brauchen also den Apparat der Gewalt nicht mehr unbedingt. Aber
wir haben durch unsere kulturelle Evolution nicht unsere biologischen Urinstinkte
verloren.
Was natürlich auch seine Vorteile hat, da die Androhung von Strafen, also das
Prinzip unserer Justiz, nicht wirklich abschreckend wirkt. Das kriminelle Element,
das Menschen zu Tätern macht, wird auch gebraucht, um rechtschaffene
Menschen vor eben diesen Tätern zu schützen. Dem Räuber der uns „eins
überbraten“ möchte, auf das Gesetzbuch hinzuweisen, macht genauso viel Sinn,
wie einem Raucher zu sagen, dass seine Leidenschaft der Gesundheit schadet.
Es hat aber keinen Zweck, unser Rechtssystem in diesem Punkt zu kritisieren,
denn es gibt kein besseres Konzept, solange wir Menschen Hass, Gier, Neid und
Aggression empfinden. Es ist allenfalls möglich, die Gesellschaft vor
Wiederholungstätern zu schützen, und selbst das ist oft nicht durchführbar. Im
Prinzip müssen wir also trotz aller Zivilisation stets in der Lage sein, uns selbst
zu verteidigen.
Und gerade weil uns unsere angeborene Aggression auch schützen kann, sollten
wir sie nicht nur dulden, sondern aktiv in unser Leben integrieren. Grundsätzlich
sollten wir festhalten, dass es keine schlechten Gefühle gibt, sondern nur
intensive und weniger intensive. Alle Emotionen haben sowohl einen Sinn, als
auch eine Berechtigung. Wir sollten sie deshalb akzeptieren, kennenlernen,
kultivieren und ausleben. Aber über die Methoden muss nachgedacht werden,
denn Gewalt auszuleben ist immer falsch! Wenn wir unsere Aggressionen jedoch
bereits im Vorfeld kanalisieren, und dosiert an die richtige Adresse schicken, ist
sie äußerst hilfreich.
Ein simples Beispiel: Wer empfindet es nicht als Vergnügen, seine angestauten
Aggressionen durch einen Schlag auf den Tisch auszuleben. Oder durch Schläge
auf einen Sandsack, Holzhacken, Aufräumen oder Putzen abzureagieren?
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Aggressionen erzeugen Energie, die wir entladen können, sie verleiht uns Macht
und Stärke und trägt somit sehr zu unserem seelischen Gleichgewicht und
Selbstbewusstsein bei. Seine Aggressionen nicht ausreichend auszukosten, hat
dieselbe Wirkung, wie ans Bett gefesselt zu sein. Der Mensch ist nicht
friedliebend, das zu behaupten wäre Wunschdenken. Wer sich in Watte packt,
seine Aggressionen verdrängt und unterdrückt, lebt genauso falsch, wie
derjenige, der sie ungehemmt auslebt. Unausgelebte Aggression richtet sich
automatisch gegen uns selbst!
Andererseits macht es einen Unterschied, ob wir einen Tisch nur schlagen, ihn
zerstören, oder gar ein anderes Lebewesen schädigen. Dieses wird sich wehren,
weil es ebenfalls das Urgefühl der Erregung in sich spürt.
„Wir sind nie grundlos wütend, aber selten aus einem guten Grund.“ (Benjamin
Franklin)
Wir Menschen sind Jäger und Sammler, wobei wir den Begriff „Jäger“ auch ruhig
durch „Raubtiere“ ersetzen könnten. Unser Gebiss und unsere Krallen mögen
stumpf geworden sein, aber unser Geist beschäftigt sich laufend damit, wie wir
unsere Mitstreiter übervorteilen und ausschalten könnten.
In der Regel lebt jeder Mensch seine Gefühle bereits aus, nur häufig versteckt in
unbewussten Ersatzhandlungen. Ein Mann, der im Berufsleben wenig Erfolg und
Anerkennung findet, möchte seine Aggression am liebsten an Kollegen und dem
Chef auslassen. Diese Option bleibt ihm aber verwehrt, denn er würde diesen
Disput verlieren und entlassen werden.
Also misshandelt er an deren Stelle seine Frau oder die Kinder. Er möchte Macht
verspüren und sich somit selbst signalisieren, dass er lebt und Spuren auf der
Welt hinterlässt Diese Form bereitet ihm jedoch weder wirkliche Befriedigung,
noch ist sie ethisch vertretbar, da sie auf Kosten anderer, völlig unbeteiligter
Menschen geschieht, die zudem wehrlos sind.
Es wäre folglich besser, wenn dieser Mann die Möglichkeit hätte, die
Anerkennung auf anderen Gebieten zu finden, und seine Aggression auszuleben,
ohne anderen Lebewesen damit zu schaden. Eine bewusste Selbstanalyse und
gezielte Ersatzhandlungen können hierbei im akuten Notfall sinnvoll sein.
Natürlich ersetzen sie keine dauerhafte Ausgeglichenheit, aber sie stellen
kurzfristig das kleinere Übel dar.
Meistens ist es besser, rechtzeitig, also in guten Zeiten, einen Kanal zu bauen,
als zu warten, welchen Weg sich das „Wasser“ von selbst bahnt. Zumindest kann
so ein direkter Bezug zu den Ursachen entstehen und dem Aggressiven echte
Linderung verschaffen.
Gewalt erzeugt Gegengewalt; folglich ist Gewalt falsch, Aggression aber sinnvoll.
Im Prinzip erwacht spätestens im Moment des Kampfes unsere angeborene
Aggression, die sich nicht an unsere selbstauferlegte Gewaltlosigkeit halten
möchte.
Wenn wir aber im Falle eines tätlichen Angriffes wirkungsvoll agieren möchten,
dann sollten wir unsere aggressive Seite bereits kennen. Wir müssen ja auch
den Umgang mit technischen Geräten und dergleichen zunächst einmal erlernen.
Wieso sollte das mit unseren Gefühlen anders sein? Auch der richtige Umgang
mit Aggression sollte rechtzeitig geübt werden, was durch einfache Mittel
erreicht werden kann. Wir müssen dazu die aggressive Energie:
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• Dosiert herauslassen und ein Gefühl für sie entwickeln.
• Zerstreuen, durch Sport oder andere körperlich anstrengende Betätigungen.
• Bewusst induzieren, um diese Kraft auch kontrollieren und dosieren zu
können, und um nicht von ihr überrascht oder überwältigt zu werden.
• Akzeptieren und genießen, denn sie schenkt uns Stärke.
Ferner sollten wir nicht übersehen, dass sich unser Potential nur erweitern lässt,
wenn wir beide Richtungen auf dem Gefühlsspektrum erkunden, also sowohl die
angenehmen Gefühle, als auch die unangenehmen ergründen.
Es läuft im Leben nicht immer alles glatt. Wir werden häufig mit unterschiedlich
schweren Enttäuschungen konfrontiert und sind gezwungen, uns damit
auseinanderzusetzen. Je schwerer uns eine Person verletzt hat, desto weniger
können wir diese Tatsache „einfach so“ hinnehmen und akzeptieren. Wir wollen
eine Erklärung für ihr Verhalten, einen plausiblen Grund dafür, warum sie so mit
uns umging. Da wir in aller Regel auch auf Nachfrage keine Resonanz erhalten,
müssen wir zu folgenden vier Schritten in der Lage sein:
1. Objektive Bestandsaufnahme der Situation. Das bedeutet, dazu fähig zu sein,
seine Gefühle von den Fakten zu trennen.
2. Subjektive Sicht der anderen Person. Also Theorien über ihr Verhalten
entwickeln, unter Berücksichtigung aller uns bekannten Informationen. Es
genügt nicht, ihr „diabolische Bosheit“ zu unterstellen, und damit ihr
Verhalten erklären zu wollen. Wir sollten nicht nach Schuldigen suchen,
sondern nach Ursachen.
3. Die Auswertung dieser Fakten, wobei auch wieder unser eigener Standpunkt
eingehen darf.
4. Eine abschließende Beurteilung, die dem Sachverhalt am Nächsten kommt.
5. Schließlich müssen wir in der Lage sein, mit jeder Kränkung weiterzuleben
und wieder neues Vertrauen in andere Menschen fassen zu können.
All das vollzieht sich überwiegend auf faktischer Ebene und kann mitunter sehr
lange dauern. Doch nur so können wir Klarheit über die Lage gewinnen. Dass wir
zusätzlich Gefühle entwickeln ist nur menschlich, aber sie dürfen unsere
Wahrheitsfindung nicht trüben. Erst nach der abschließenden Beurteilung sollten
wir ihnen nachgeben, denn erst dann sind wir in der Lage „fundiert zu fühlen“.
Nur so können wir diese oder eine ähnliche Situation in Zukunft früher erkennen
und ihr rechtzeitig wirkungsvoll begegnen. Im Prinzip birgt jeder Verlust eine
große Lehre; es kommt auf unseren Umgang damit an.
2) Emotionen sind Brücken
Ich denke, nun ist klar, was einen emotional begabten Menschen charakterisiert.
Er wird nicht von Selbstmitleid erfüllt, weiß, dass Herumgejammere nicht mit
echter Emotionalität gleichzusetzen ist, und muss sich weder besser noch
schlechter machen, als er in Wirklichkeit ist. Er kann sich selbst und seine
Mitmenschen, sowie alle Situationen, die sich ihm stellen, souverän, rasch und
richtig einschätzen. Er ist selbstkritisch und präzise, kann aber auch die Kritik
anderer zulassen. Er schaut nicht weg, sondern mischt sich ein, wenn es eine
Situation erfordert.
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Zuletzt kann er mit verschiedenen Charakteren umgehen, Brücken zwischen
ihnen schlagen und vermitteln. Er ist einer von der Sorte Mensch, an die wir uns
instinktiv wenden, wenn wir in emotionaler Not sind, denn er ist in der Lage, uns
zu trösten, und kann unsere Probleme und Handlungsweisen nachvollziehen und
verstehen.
Emotional begabten Menschen gelingt es, sich uns anzugleichen, und sich mit
uns zu synchronisieren. Sie sind Katalysatoren, die ihre Umwelt positiv
verändern, ohne selbst Schaden dabei zu nehmen.
Ganz klare Sache: Wer weiß, dass es solche Menschen gibt und über genügend
Potential verfügt, der möchte ihnen nacheifern. Und damit wir das können,
beschäftigen wir uns jetzt noch genauer mit der Materie.
Kapitel V
Harmonie & Ki
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Was ist das denn nun für eine „Kraft“, die den Menschen umgibt und
durchdringt? Was für ein Wesen hat diese geheimnisvolle Ausstrahlung von
Ruhe, Ausgeglichenheit und innerer Stärke, die wir bei den emotional begabten
Menschen besonders ausgeprägt vorfinden?
Im Mittelalter dachte man, dass unsere Welt aus vier Elementen, Feuer (warm &
trocken), Luft (warm & feucht), Erde (kalt & trocken) und Wasser (kalt & feucht)
besteht. Der Mensch setzte sich analog aus vier Säften zusammen, und konnte
aufgrund dessen einen von vier extremen Charakteren besitzen:
1. Wenn die gelbe Galle (cholon) die Überhand hat, handelt es sich um einen
Choleriker.
2. Wenn die schwarze Galle (melan cholon) überwiegt, wird der Mensch zum
Melancholiker.
3. Ist das Blut (sanguis) dominant, finden wir den fröhlichen Sanguiniker vor.
4. Der Phlegmatiker entsteht, wenn der Schleim (phlegma) im Überschuss
vorliegt.
Zusätzlich war unser Bewusstsein in drei Ebenen gestaffelt: vegetativ,
animalisch und rational. Natürlich sind diese Betrachtungen aus heutiger Sicht
obsolet, was aber nichts daran ändert, dass sie gar nicht mal so falsch waren.
Unser Charakter wird zwar aus heutiger Sicht nicht von den „Körpersäften“
geprägt, aber alleine, dass die Begriffe noch in unserem Sprachgebrauch sind,
zeigt, dass sie zumindest den Sachverhalt treffend beschreiben.
Das Mittelalter lehrt uns, dass Ideen einfach sein können, ja, dass sie es sein
müssen, damit sie überzeugen können. Unsere heutigen, mathematischen
Funktionen und Korrelationen mögen richtig sein, haben aber keine Bedeutung
für unseren Alltag. Das bedeutet konkret, dass wir sie für interstellare Reisen,
Teilchenbeschleuniger und dergleichen benutzen können, aber für unser
tägliches Leben ebenso wenig brauchen, wie einen Computer bei der
Gartenarbeit.
Harmonie, wie wir sie uns wünschen, bedeutet Einfachheit, Symmetrie und
Ästhetik; das sollten wir nicht vergessen, wenn wir sie verstehen und erleben
möchten.
I. Harmonie
Das ganze Konzept einer hypothetischen Harmonie basiert auf einer höheren
Ordnung, also einer Kraft, die gezielt Zustände verändert und energetisch
günstig beeinflusst Die Definition eines Wörterbuches für den Begriff „Harmonie“
könnte beispielsweise lauten: „Harmonie ist die Übereinstimmung einzelner Teile
zu einem ästhetischen und funktionellen Ganzen. Das ausgewogene und
maßvolle
Verhältnis
der Teile
zueinander ermöglicht
eine
gewisse
Übereinstimmung und Verwandtschaft zwischen diesen Komponenten.“
Ein Beispiel aus der Evolutionsbiologie: Die korrekte Faltung eines kleinen
Proteins, das aus 100 Aminosäuren besteht, würde, wenn dieser Vorgang allein
durch Versuch und Irrtum vonstatten ginge, länger dauern, als unser Universum
alt ist.
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Dieser lebenswichtige Prozess läuft aber tagtäglich unzählige Male in allen
Lebewesen ab, mit extrem minimalen Fehlerquoten. Das bedeutet, dass es sich
die Natur gar nicht leisten könnte, alles dem Zufall zu überlassen. Eine höhere
Ordnung muss existieren und für das sorgen, was wir im Ergebnis dann als
„Harmonie“ bezeichnen.
Harmonie wird von uns in der Regel nur dort erkannt, wo sie fehlt. Ihre
Abwesenheit ist somit quasi die Voraussetzung für ihr besseres Verständnis.
Doch es macht wenig Sinn, jemandem in der Wüste demonstrieren zu wollen,
wie ein üppiger Regenwald aussieht.
„Das Universum ist vollkommen. Es kann nicht verbessert werden. Wer es
verändern will, verdirbt es. Wer es besitzen will, verliert es.“ (Lao Tse)
Auf der Suche nach der Wahrheit und dem Streben nach Fortschritt wendet sich
der moderne Mensch oft komplexen und komplizierten Systemen zu. Er vergisst
dabei leicht, dass die Erkenntnis und wirklicher Fortschritt vor allem in den
einfachen Dingen und Prinzipien begründet liegt.
Eisblumen beispielsweise bestehen aus nur zwei Elementen und sind doch von
unendlicher Vielfalt! Und genauso verhält sich die höhere Ordnung. Sie besteht
aus wenigen, einfachen Strukturen und bildet dennoch ein in sich geschlossenes
System. Die Schlichtheit ist das Geheimnis der Natur; sie gilt es zu studieren
und zu pflegen.
Unsere Denkprozesse basieren bereits seit frühester Kindheit auf der Annahme,
dass die komplexe Realität, die unsere Vorfahren erschufen, die einzig denkbare
Realität ist. Folglich bauen wir jede neu hinzugewonnene Erkenntnis auf dieses
Konzept auf. Eine Maxime unseres Selbstverständnisses besagt, dass
komplizierte und komplexe Mechanismen vielseitiger und leistungsfähiger wären
als einfache. Beispielsweise sollte man meinen, dass ein Gerät, das mehr
Computerchips als ein anderes enthält, automatisch besser ist. Aber es ist auch
anfälliger, denn mehr Bauteile müssen aufeinander abgestimmt werden und
können kaputtgehen.
Der pragmatische Grundsatz, den ich im übrigen sehr schätze, besagt, dass sich
jede Idee an ihrem Erfolg messen lassen muss Der moderne Mensch besitzt aber
zu wenig Geduld, um mittelfristige und langfristige Veränderungen abzuwarten.
Von ihm werden nur die kurzfristigen Erfolge bilanziert. Das verzerrt das
Ergebnis, und zwar in Richtung Logik und Komplexität, denn Harmonie braucht
mehr Zeit, um sich bemerkbar zu machen.
Da die Wahrheit einfach ist, müssen auch all ihre Erscheinungsformen einfach
sein. Es ist daher immens wichtig, sich eine breite Basis zu schaffen, und somit
ein großes geistig-emotionales Spektrum zu haben. Ein starkes Fundament ist
die Voraussetzung um Fortschritte zu machen. Denn Schritte sind auf festem
Grund sicherer und man kommt schneller voran. Wichtigstes Ziel sollte hierbei
die Vermeidung von Einseitigkeit sein.
1) Standpunkt & Bewegung
Die natürliche Harmonie ist wesentlich dadurch begründet, dass jedes Wesen
oder Ding einen festen Platz in Raum und Zeit hat, aber zugleich in Bewegung
ist. Es ist daher auch möglich, seine persönlichen Grenzen zu erweitern, da uns
der Radius der Bewegung einen Spielraum an Möglichkeiten offenlässt
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Eines der wichtigsten Prinzipien aller Dinge und „göttlicher“ Baustein alles Seins
ist diese Bewegung. Gäbe es die Bewegung nicht, würde alles in sich
zusammenstürzen. Das gilt für Atome, Gesellschaftsformen, den Menschen und
ganze Universen. Die kreis- oder spiralförmige Fortbewegung ist ein natürliches
Element der Dinge. Alles verläuft in gewissen Zyklen.
Nichts ist beständiger als der Wandel. Daher ist auch Harmonie nichts
Statisches, an dem es mit aller Gewalt festzuhalten gilt, sondern verlangt
physische und mentale Beweglichkeit. Genau deshalb sollten wir auch jeden Tag
ein kleines Stück auf unserem persönlichen Weg voranschreiten. Es ist nötig,
den eigenen Standpunkt von Zeit zu Zeit zu überprüfen und Korrekturen
vorzunehmen.
Ein Stillstand auf dem Lebensweg gleicht dem inneren Tod. Wer also meint, er
wäre zu alt, zu weise oder einfach bereits gut genug um sich weiterzuentwickeln,
der gleicht einem ans Bett gefesselten, alten Menschen, der nur noch auf den
Tod warten kann.
So wie unser Körper aufgrund einer Behinderung zum Gefängnis werden kann,
so kann auch ein zu sturer und unbeugsamer Geist über seinen eigentlichen
Todespunkt hinaus, zwar weiterhin existieren, nicht aber leben.
2) Timing
Harmonie bedeutet auch, das richtige Prinzip zur richtigen Zeit anzuwenden. Das
setzt ein großes Repertoire von Möglichkeiten voraus, wie wir auf gewisse
Sachverhalte reagieren können. Dieses muss zunächst aufgebaut und
anschließend immer wieder geprüft und eingeübt werden.
Doch das alleinige Wissen, Verstehen und Beherrschen bringt wenig, wenn das
„Timing“ nicht stimmt. Wir sollten zu Geduld und Ausdauer fähig sein, aber auch
reflexartige Standortwechsel vollbringen können, je nachdem, was die Situation
erfordert. Der zeitliche Aspekt verbindet die Theorie mit der Praxis. Harmonie
finden wir immer dort, wo mit möglichst wenig Aufwand ein möglichst großer
Effekt erzielt wird, also dort, wo effizient vorgegangen wird. Wer nicht nur weiß
wie etwas funktioniert sondern es verstanden hat, der hat auch ein Gefühl des
zeitlichen Umgangs damit.
Auch Erfindungen und Ideen können zu früh getätigt und veröffentlicht werden;
viele Genies wurden erst nach ihrem Tod von ihrem Umfeld verstanden und
entsprechend geehrt, weil die Gesellschaft ihrer Zeit noch nicht reif genug für
sie, oder einfach anderweitig orientiert war.
Die Spuren für das Vorhandensein einer höheren Ordnung liegen hierzulande
sehr weit zurück, da die rationelle Denkweise und die gegenständliche
Betrachtungsweise der Dinge schon früher Einzug nahmen, als in anderen
Gebieten der Welt.
Bevor wir deshalb gleich einen kurzen Abstecher in den asiatischen Teil der Erde
tätigen, möchte ich auf zwei Punkte hinweisen. Erstens: Japanische und
chinesische Wörter werden in bildhaften Schriftzeichen geschrieben. Sie sind
weniger abstrakt als unsere Buchstaben und haben zudem häufig Bedeutungen,
die ein einzelnes deutsches Wort nicht vollständig wiedergeben könnte. Zudem
ergeben sich phonetische Variationen, sodass man in der deutschsprachigen
Literatur beispielsweise sowohl „Lao Tse“, als auch „Lao Tzu“, „I Ging“, als auch
„I Ching“ liest. Das soll nicht zu Verwirrungen führen, deshalb schließe ich mich
der Schreibweise an, die ich am häufigsten bei meinen Recherchen entdecken
konnte.
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Zweitens ist es mir sehr wichtig, dass Sie nicht glauben, asiatische Ideen seien
zwangsläufig esoterisch, nur weil sie seit einigen Jahren missbraucht und
vermarktet werden. Im Kern sind sie wertvoll, deshalb sollten wir sie weder von
vorneherein idealisieren noch verdammen, sondern statt dessen lieber
ergründen.
3) Der Lebensweg
Bereits im zweiten Kapitel habe ich davon gesprochen, dass der Mensch die zwei
Wege, die eigentlich einer sind, getrennt hat und sich nunmehr auf ihnen
separat fortbewegt. Logik und Emotionalität sind diese beiden Wege, die seit
ihrer Gabelung voneinander wegführen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal
die Aussage von Lao Tse wiederholen, denn sie ist wichtig, um das Wesen der
Harmonie und der Einheit alles Existenten zu verstehen.
„Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
in Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden nach dem Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.“
Harmonie ist nun die Verknüpfung beider Pfade. In der asiatischen Philosophie
ist von „Tao“ die Rede. Tao ist das vereinigende Prinzip, das Prinzip, dem alle
anderen Prinzipien untergeordnet sind, und denen es zur selben Zeit gleichwertig
ist.
Dieses Tao kann nur existieren, respektive Gültigkeit besitzen, wenn man
gleichermaßen in Richtung „des wunderbaren Wesens“ und in Richtung „der
räumlichen Begrenztheiten“ geht. Aber nicht, sowohl als auch oder
nacheinander, sondern instantan, also zeitgleich.
Es gibt sie nicht wirklich, die getrennten Wege, denn „beides ist eins dem
Ursprung nach und nur verschieden nach dem Namen“. Der Mensch empfindet
diese Wege nur als getrennt. Er selbst hat sie separiert in seinem Wunsch alles
festzulegen. Doch wie soll man das Unbegreifliche begreifen können? Wo sollten
wir beginnen?
Wenn man sich im Wald verläuft, dann ist es hilfreich, bis zu einem bekannten
Punkt des Weges zurückzukehren und von dort aus neu zu starten. Genauso
können wir auf unserem Lebensweg und unserer spirituellen Queste verfahren.
Wir benötigen einen fixen Punkt, von dem aus wir aufbrechen können. Wir
brauchen zwar kein konkretes Ziel, aber wir sollten ungefähr wissen, wohin
unsere Reise führt. Doch dazu müssen wir zunächst lokalisieren, wo wir
momentan sind, woher der Weg kam, und worin der Fehler lag, der zu unserer
seelischen Desorientierung geführt hat. Erst dann können wir den Kurs
korrigieren. Wir benötigen also mindestens eine feste Größe, an der wir uns
orientieren können, und die uns einen soliden Halt gibt. Diese Größe gibt es, und
sie nennt sich „Ki“.
II. Ki
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Ki hat nichts mit „künstlicher Intelligenz“ zu tun, sondern ist die universelle
kosmische Energie, die Struktur, die alles verbindet und ermöglicht. Es ist nicht
möglich eine direkte Übersetzung des japanischen Wortes zu finden, aber wir
werden uns Schritt für Schritt an die umfassende Bedeutung herantasten, indem
wir erfahren, worin sich Ki äußert.
Dann werden Sie auch ihr eigenes Bild davon bekommen und sind nicht auf
Definitionen anderer angewiesen. Ich bin sicher, Sie kennen Ki bereits, auch
wenn Sie das Wort vielleicht noch nie gehört haben.
Es gibt viele Namen für diese Kraft: Sie ist das „Mana“ der Kulturen Polynesiens,
das „Huna“ der Hawaiianer. In Afrika wird sie „Ntu“ genannt, und in der
indischen Kultur des Hinduismus ist von „Pranja“ die Rede. Im chinesischen
Taoismus wird sie „Chi“ oder auch „Qi“ genannt, von dem sich das japanische
Wort „Ki“ dann auch ableitete.
Doch auch hier im Westen gibt es Worte dafür: Die alten Griechen nannten diese
Energie „Pneuma“, die Römer hingegen „Spiritus“. In der Bibel ist vom „Odem“,
dem Atem Gottes die Rede, der Adam, und mit ihm alle Menschen zum Leben
erweckte.
Man erkennt an diesen Worten unmittelbar, dass sowohl die Geisteshaltung, als
auch die Atmung eine wesentliche Rolle bei der Erfassung von Ki spielen. Die
geistige Entwicklung und die generelle Lebenshaltung werden von ihr geprägt. Ki
muss erkannt, erspürt und aufgenommen werden. Man muss mit Ki arbeiten, es
fließen lassen und auf andere übertragen, um es zu verstehen. Ki muss ein
Leben lang praktiziert werden und dafür eignen sich viele Wege.
Durch die Atemkraft wird das universelle kosmische Ki aufgenommen und zum
individuellen Ki umgewandelt. Dabei dürfen wir nicht das Bild vor Augen haben,
dass Ki in Form von Materie, wie der Sauerstoff eingeatmet würde. Vielmehr ist
die Art der Atmung entscheidend dafür, wie Ki den Körper durchdringen kann.
Ki ist eine schöpferische Kraft und äußert sich in seiner höchsten und reinsten
Form in Form der Erleuchtung. Das „ich-zentrierte Selbst“ wird hierbei durch den
Fluss von Ki zum „ich-losen Selbst“, welches wiederum Ki auf offene,
geschmeidige, flüssige und dynamische Art und Weise über Körper, Geist und
Seele wieder abgibt. Der wahre Inhalt und tiefste Sinn der Harmonie wird durch
die Erleuchtung in seiner gesamten Bedeutung verstanden.
Ein auch hier im Westen bekanntes Beispiel zur Erlernung von der richtigen
Atmung und des Umgangs mit Ki ist das „Zen“. Das ist eine vom Buddhismus
geprägte Lehre von innerer Gelassenheit und Seelenfrieden. Mithilfe von
Selbstdisziplin konnten schon die Samurai, also der japanische Kriegsadel, zu
ungeahnten Kräften kommen. Es entschied zu jener Zeit über Leben und Tod,
das richtige Prinzip zur richtigen Zeit anzuwenden. Das mag heutzutage nicht
mehr so dramatisch sein, aber dennoch ist der richtige Umgang mit Ki wichtig
für unsere innere Ruhe und Ausgeglichenheit.
1) Die Tugenden des Bushido
Mit dem Begriff „Samurai“ assoziieren viele Menschen barbarische Kämpfer, die
blutrünstig und kaltblütig waren. In der Tat waren sie nicht besonders zimperlich
in der Kriegführung, aber auf keinem Fall ungebildet oder unethisch.
Die Samurai waren geprägt vom „Bushido“, dem „Weg des Kriegers“, einem
(überwiegend) ungeschriebenen Ehrenkodex, der über viele Generationen
weitergereicht wurde und auch noch im heutigen Japan zu finden ist.
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Grundlage dafür sind die Lehren des Konfuzius und des Mencius. Ähnlich wie
Sokrates und Platon wollten sie eine gesunde Gesellschaft erschaffen. Werte, wie
Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Mitleid, Treue, Ehre, Besonnenheit,
Höflichkeit, Wagemut und Standhaftigkeit waren Bestandteile dieser
Weltanschauung. Viele dieser Worte wecken in uns gemischte Gefühle, weil sie
nicht mehr in dieser ursprünglich reinen Form auftreten, sondern negiert,
entfremdet oder vermischt wurden. Vielleicht entlocken sie uns noch ein müdes
Lächeln, weil wir sie für „fromme Tugenden“ halten, die es nicht wirklich gibt,
oder zumindest nicht mehr.
• Aufrichtigkeit und Wahrheit werden durch geschickte Interpretationen auf ein
Maximum gedehnt und oft sogar bis ins Gegenteil verkehrt. Ehrlichkeit wird
dazu eingesetzt, um seine eigenen, egoistischen Ziele durchzusetzen. Ein
Sprichwort besagt: „Ehrlich währt am längsten“, ein anderes behauptet, „Der
Ehrliche ist immer der Dumme“. Was nun tatsächlich zutrifft, bestimmt die
Qualität der erfahrenen Ehrlichkeit. Wahrheit ist die Voraussetzung für
jegliche Aktion. Ist sie aber nur geheuchelt oder wird sie an Erwartungen
geknüpft, dann kann sie auch nicht funktionieren.
• Gerechtigkeit wurde zu Recht degradiert, also einer Frage der
Rechtsprechung. Wenn ein Täter bestraft wird, ist für uns damit Gerechtigkeit
ausgeübt worden. Ist das wirklich gerecht? Steht vor einer Verurteilung nicht
eine Straftat? Die meisten Vergehen sind Folgen unserer Emotionen. Könnten
wir Ängste und Triebe regulieren und produktiv mit unseren Gefühlen
umgehen, wären viele Verbrechen zu vermeiden. Das wäre wahre
Gerechtigkeit.
• Mitleid ist zu einer Schwäche geworden, und in seinen Genuss zu kommen
noch mehr. Wenn wir an Mitleid denken, dann an herablassende Güte, um
sich selbst zu profilieren. Dabei ist Mitleid, oder auch Mitgefühl ein
unverzichtbarer Baustein des Miteinanders.
• Das Wort Treue wird heutzutage überwiegend in Form von Untreue gebraucht
und auch das nur im Zusammenhang von sexuellen Seitensprüngen und
finanziellen Transaktionen. Dass sich Treue zuerst auf Selbsttreue bezieht,
wurde mittlerweile „vergessen“.
• Von Ehre wird zwar viel gesprochen, aber sie ist nicht besonders häufig
anzutreffen.
• Aus Besonnenheit wurde entweder Bequemlichkeit und Feigheit, oder sie
wurde abgeschafft, denn alles muss schnell und kräftig vonstatten gehen,
sonst erfüllt es nicht unseren Anspruch an Leistung.
• Höflichkeit ist in der Regel geheuchelt und daher mehr ein Ausdruck der
Oberflächlichkeit unseres Gegenübers.
• Wagemut hingegen wird häufig verwechselt mit riskanten und dummen
Aktionen.
• Und Standhaftigkeit wird mit unbeugsamer Sturheit gleichgesetzt.
Ich möchte mit dieser Feststellung nicht verbittert klingen, aber viele Tugenden
haben deutlich an Substanz verloren. Wir sollten ihre eigentliche Bedeutung
herausfinden und sie wieder in unsere persönliche Ethik integrieren.
Auch wenn mancher bei dem Wort „Tugenden“ an Relikte alter Epochen denken
mag, so sollten wir feststellen, dass Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Ausdauer et
cetera nie aus der „Mode“ kommen. Und da es weniger darauf ankommt,
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darüber zu reden, als diese Tugenden anzuwenden, erübrigt sich die falsche
Scheu vor ihnen.
„Um sich selbst zu erkennen, muss man handeln.“ (Albert Camus)
Doch was haben gelebte Tugenden mit Ki und damit auch mit unserem eigenen
Weg zur Harmonie zu tun? „Erleuchtung“ ist ein weit entfernter Zustand, der am
Ende das Weges steht, nicht an dessen Anfang.
2) Yin & Yang
Die weitläufig bekannte Lehre des Taoismus ist das Prinzip von Yin & Yang, das
durch sein Symbol bereits hervorragend verdeutlicht wird.
Zu jedem Yin gibt es ein Gegenstück, das Yang. Doch nicht der Gegensatz an
sich ist entscheidend, denn dieser ließe sich auch in unserem „Schwarz-undWeiß-Denken“ finden, sondern der Dualismus beider Extreme.
Es gibt kein Yin ohne ein Yang, ebenso wie es kein Yang ohne ein Yin gibt. Erst
beides gemeinsam beschreibt die Wirklichkeit. Jedes für sich ist eine
Grenzstruktur. Es gibt kein Positiv ohne ein Negativ, kein Weiß ohne Schwarz
und kein Leben ohne Tod. Erst die gegenseitige Ergänzung und
Wechselbeziehung erschafft die Einheit, und nicht die bloße Addition der
Einzelteile.
Die „Leere“ macht Platz für die „Fülle“; es gibt sie nicht isoliert voneinander. Tag
und Nacht, Himmel und Hölle, Gut und Böse, Form und Medium, Logik und
Emotionalität, Thermodynamik und Kinetik; all das sind theoretische Extreme,
die nur in Kombination auftreten und eine Wirkung entfalten.
Laut der chinesischen Philosophie bildet das Prinzip von Yin & Yang die Basis des
gesamten Universums. Es ist das Prinzip von allem innerhalb der Schöpfung und
der Ursprung von Leben und Tod. Yin und Yang stellen gegensätzliche, aber
zugleich komplementäre Aspekte des Universums dar. Jeder Gegenstand, jede
Handlung und jedes Lebewesen kann im Sinne einer Vorherrschaft von Yin und
Yang betrachtet werden. Innerhalb jedes Yin steckt auch ein Teil von Yang, und
umgekehrt. Das ist durch die „Augen“ der beiden „Fische“ bestens symbolisiert.
So ist zum Beispiel Kälte Yin und Hitze Yang. Ein Feuer enthält somit viel Yang,
ist im Vergleich zur Sonne aber kalt, und enthält folglich auch etwas Yin.
Diese Philosophie unterscheidet sich von unserer Westlichen dadurch, dass
Vergleiche angestellt, und nicht absolute, quantifizierbare Fakten gesucht
werden. Nichts existiert, das weder Yin noch Yang hat, und alle Vorgänge
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werden von sich dauernd verändernden, alternierenden Beziehungen dieser
beiden formlosen Aspekte beeinflusst
Der westliche Geist müsste sich jetzt fragen: Was bringt denn ein solcher
Vergleich, wenn keine absoluten Zustände erfasst werden?
Wir sind es gewohnt, einem Zustand eine Zahleneinheit und eine Maßzahl
zuzuordnen. Ein Gegenstand wiegt ein Kilogramm, hat eine absolute Temperatur
von 293 Kelvin und so weiter. Das ist für die Physik und die Chemie auch sehr
treffend.
In der Medizin und der Psychologie wird diese Form des Verständnisses aber
schon kritisch. Hat jemand Kopfschmerzen der Stärke 5? Ist er traurig mit einem
Wert von 250? Nein, er ist „sehr“ traurig, im Vergleich zu sonst, also im
Verhältnis zu seinem individuellen Normzustand.
Auch hier werden Relationen verwendet. Zwei Zustände werden miteinander in
Bezug gesetzt, um den Weg, der zwischen ihnen liegt zu erfassen. Nichts
anderes beschreibt das Prinzip von Yin & Yang.
Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass auch hierzulande
Vergleiche mit dem „Durchschnitt“ angestellt werden, aber das Ergebnis mit
Zahlen versehen wird, um es seriöser wirken zu lassen. Bestes Beispiel hierfür
ist die Bestimmung unseres Intelligenzquotienten. Doch jeder der sich mit dieser
Materie auskennt, bemerkt, dass dieser Test weder wirklich aussagekräftig in
puncto Intelligenz ist, noch so „wissenschaftlich“ ist, wie es die Betreiber gerne
hätten. Beziffert wird lediglich die Abweichung vom statistischen Mittelwert einer
Grundgesamtheit.
Daher wird beim Prinzip von Yin & Yang gar nicht erst versucht absolute
Zustände zu erfassen. In einem abgeschlossenen System, wie unserem
Ökosystem, beeinflussen sich alle Bereiche gegenseitig. Indem einer gestört
wird, werden alle gestört. Yin und Yang sind Extreme, die es in ihrer reinen Form
nur theoretisch gibt.
Ein dynamisches Gleichgewicht zwischen ihnen bedeutet aber nicht, dass wir uns
starr in ihrer Mitte befinden sollten. Eine Beeinflussung polarisiert zunächst, wird
aber ausgeglichen, da sie wechselseitig ist. Der Energieinhalt eines solchen
Systems bleibt vom Betrag her zwar immer konstant, was aber nicht bedeutet,
dass nichts geschieht.
Ein dynamisches Gleichgewicht bedeutet auch nicht, von einem Extrem ins
andere zu fallen, sondern stellt einen sinusförmigen Verlauf des Lebens dar. Ist
Yin Maximal, dann liegt ein Minimum an Yang vor. Beide Kurven sind um den
Wert „π“ verschoben.
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Die bereits mehrfach erwähnten „beiden“ Wege, der rationale und der spirituelle
sind nicht abgeschnitten voneinander, sondern ergänzen sich erst zu einem
Mittelweg. Addieren wir beide Kurven, so löschen sie einander aus. Wird eine
Kurve nur leicht verändert, ist eine erneute Spannung und Polarisation die Folge.
„Wer eine Leere machen könnte aus sich selbst, leicht zu durchdringen für die
anderen, wäre Meister aller Situationen.“ (Lao Tse)
Ich möchte diese Aussage erweitern: „... da er dann die Fülle aller Möglichkeiten
sein eigen nennen kann.“
Allmählich wird klar, wohin uns unsere Reise führt. Indem wir die Tugenden
aktiv leben, erfahren wir die kosmische Kraft Ki. Mit ihrer Hilfe gelangen wir
schließlich über die „räumlichen Begrenztheiten“ hinaus und werden zu einem
Teil des harmonischen Ganzen. Und dieses wiederum verleiht uns die Kraft,
weiterzumachen und zu verstehen, worin dieses System begründet liegt.
Dann wären wir „leer“ und nicht mehr an die räumlichen Grenzen gebunden.
Andere könnten uns „durchdringen“, ohne dass wir an Kraft oder Substanz
verlieren würden. Das würde uns zu „Meistern aller Situationen“ machen, und,
so möchte ich anmerken, auch wahrhaft glücklich.
Wir müssen selbst die „Leere“ darstellen, um die Fülle, die „Erfüllung“ zu
erhalten. Ki induziert Gefühle und verbindet somit Körper, Geist und Seele. Ki ist
die verbindende Kraft zwischen der räumlichen Begrenztheit und dem
wunderbaren Wesen, zwischen Yin und Yang, zwischen Fülle und Leere.
Der wissenschaftlich orientierte Mensch sträubt sich natürlich gegen die
Einführung einer neuen „Energie“. Die Physik kennt einige Energieformen und
möchte ihre Definition für dieses Wort nicht entwertet sehen, durch die
Anwendung des Begriffes auf, aus ihrer Sicht, „esoterische“ Modelle.
Die physikalischen Beschreibungen für Energie treffen den Begriff Ki aber in
vielen Punkten so gut, dass ich sie hier auch anwenden möchte. Ich bin mir
bewusst, dass Ki nicht messbar, sehr wohl aber wahrnehmbar ist. Es stellt sich
die Frage: Ist etwas existent, auch wenn es nicht messbar ist?
Ich denke schon, denn die Apparate zur Messung gewisser Effekte entstanden
und entstehen durch den Menschen. Sie können also theoretisch maximal so
„empfindsam“ sein, wie der Mensch selbst, also nur das wahrnehmen, von
dessen Existenz der Mensch bereits etwas weiß, dessen Vorhandensein er
vermutet oder das, was er für theoretisch möglich hält.
Auch der Mensch ist nur ein Teil des Universums und sollte trotz seiner
beachtlichen Erfolge nicht vergessen, dass es mehr geben kann, als er bereits
weiß oder vermutet. Immer wieder wurden wir eines Besseren belehrt, als wir
glaubten, kurz vor einer kompletten Erklärung für alles zu stehen.
Es geht mir hier aber nicht darum zu mutmaßen, dass es eines Tages vielleicht
ein Gerät geben könnte, das Ki wahrnimmt. Vielmehr möchte ich zeigen, dass
dies gar nicht nötig ist, denn alles war, ist und wird wieder Ki.
Ki ist Energie und Energie ist Ki. Die der Physik bekannten Ausdrucksformen von
Energie sind nur Teile des Ganzen und erklären Wahrnehmungen auf
mathematisch-rationale Weise. Für die gegebenen Fragen mag eine solche
Betrachtung auch durchaus zutreffen, aber es gibt sie momentan noch nicht, die
physikalische „Weltformel“, also die Gleichung, die alles beinhaltet. Und selbst
wenn, wäre sie letztendlich nur ein Teil des Ganzen und ihm somit automatisch
untergeordnet.
126/470
Ki ist keine Esoterik, sondern die Grundlage aller Energien und Kräfte. Ki ist die
fundamentale Kraft alles Seins und Nichtseins. Der erste Hauptsatz der
Thermodynamik besagt, dass Energie austauschbar, umwandelbar, aber nicht zu
vernichten ist. Dasselbe trifft auf Ki auch zu.
Der zweite spricht von der Richtung, welche die Energie einschlagen kann,
welche Zustände stabiler sind. Indirekt besagt er auch, dass es einen völlig
energiefreien Zustand nicht geben kann. Ki ist dieser Prozess der Umwandlung.
Der dritte Hauptsatz verdeutlicht die Entropie, also das Maß an Unordnung eines
Zustandes. So ist es kein Problem, kaltes und warmes Wasser zu vermischen,
aber unmöglich, die vereinigten Moleküle wieder zu trennen. Auch Yin & Yang
interagieren zu jeder Zeit und bilden einen Gesamtzustand.
Doch wie können wir das Wissen um die Existenz von Ki nutzen? Gibt es ein
erlernbares System, das Ki einbindet in unser Streben nach Harmonie?
Ich sprach bereits von Zen, dem Bushido, Buddhismus und Taoismus. Es gibt
sehr viele Möglichkeiten, sein Gespür für Ki und die Harmonie zu schärfen. Die
meisten Kulturen verstanden es, diesem „Phänomen“ nachzugehen. Deshalb ist
die Art des Weges zur Harmonie oder die Bezeichnung der einzelnen Etappen
zweitrangig. Alle diese Wege führen mehr oder weniger geradlinig in Richtung
des wunderbaren Wesens.
Nach dem „Satz von Hess“ spielt es energetisch gesehen keine Rolle, wie viele
und welche Teilschritte zwischen zwei Zuständen liegen. Mit anderen Worten:
Wir können unseren Weg umständlich gestalten oder so lange hinauszögern bis
wir sterben, aber wir können uns nicht vor unserer Lebensaufgabe drücken.
Es liegt letztendlich beim Einzelnen, das Beste daraus zu machen. Gewarnt sei
nur vor Irrwegen oder Heilsversprechen, wie sie diversen Sekten ertönen und
davor, mit falscher Absicht heranzugehen.
„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glück ist der Weg.“ (Buddha)
Wer versucht, mithilfe einer besonders spirituellen Lebenshaltung zu einer Art
„Instanterleuchtung“ zu gelangen, dem wird es misslingen Die Ideen anderer
Menschen sollen uns inspirieren, aufmerksam machen und uns helfen. Sie
können uns fördern auf unserem Weg, aber gehen müssen wir schon selbst.
Es geht um unser Glück, also sollten wir niemals irgendwelche fremden Ideen
ungeprüft übernehmen. Wir spüren ganz genau, ob uns etwas guttut, und ob wir
es aus freien Stücken tun. Sobald uns jemand manipulieren möchte, sollten wir
uns seinem Einfluss entziehen. Und dennoch wäre es ratsam, die Augen
offenzuhalten, denn viele brauchbare Ideen sind bereits „auf dem Markt“.
3) Die Kampfkunst „Aikido“
Ein perfektes Beispiel für das Wesen der Harmonie und eine Anwendung von Ki
finden wir in einer noch relativ jungen japanischen Kampfkunst, dem „Aikido“.
Ich möchte auf sie stellvertretend für alle tauglichen Methoden zur Orientierung
auf dem Lebensweg eingehen.
Kampfkunst, ganz allgemein, ist mehr als eine Form von Sport, zumindest kann
sie es sein, wenn wir uns damit intensiv beschäftigen. Wer eine Kampfkunst
erlernt, bekommt eine gelassenere Geisteshaltung und kann potentiell prekäre
Situationen realistisch einschätzen. Anstelle einer diffusen Angst vor einem
Überfall und Körperverletzung wird ein Sicherheitsgefühl etabliert, das primär
der Prävention dient.
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Es wäre ein gefährlicher Irrglaube, zu meinen, innerhalb kurzer Zeit einige
Techniken erlernen zu können, die uns hundertprozentig vor Gewalt schützen.
Erlernbar ist lediglich der intuitive Umgang mit Gefahren, und wie wir uns selbst
testen und richtig einschätzen können. Wer in einer gefährlichen Situation die
Ruhe bewahren kann und durch geschicktes und bedächtiges Handeln eine
Eskalation vermeidet, der hat bereits eine gute Chance, mit einem „blauen
Auge“ davonzukommen.
Durch ein gezieltes Abwehrverhalten und der Ausstrahlung, kein leichtes Opfer
zu sein, können in der Regel schlimmere Verletzungen vermieden werden. Dass
uns unsere Angst „im entscheidenden Moment“ nicht lähmt, das ist der große
Gewinn dieser Sportarten. Die Statistiken belegen eindeutig, dass
Vergewaltigungen und ähnliche Gewaltverbrechen meist schon dadurch
verhindert werden können, dass eine massive und resolute Gegenwehr erfolgt.
Vier prinzipielle Schritte werden den Ausübenden einer Kampfkunst direkt oder
indirekt vermittelt.
1. Gefahrenerkennung. Wann und wo droht mir Gefahr?
2. Vermeidung. Wie kann ich mich präventiv schützen? Dafür brauchen wir
Wissen und unser emotionales Gespür.
3. Konfrontation mit der Gefahrensituation. Wie verhalte ich mich im Fall der
Fälle? Keine spezielle Technik ist hierbei zu erlernen, sondern die
grundsätzliche Kenntnis der eigenen Kräfte und die richtige Einschätzung der
Situation und des Aggressors. Es kann schon etwas bringen, wenn man
wirklich weiß, wie schnell man weglaufen kann, weil man es einmal
ausprobiert hat.
4. Abwehr. Hier wird geübt, wie man sich konkret wehren kann.
Über Überfälle, Vergewaltigung und dergleichen wird nicht gerne gesprochen.
Viele Vorurteile hemmen uns an der Auseinandersetzung mit dieser
unangenehmen Materie. Gemäß der Vogel-Strauß-Methode stecken wir unsere
Köpfe lieber in den Sand und hoffen, dass uns nichts passiert.
Doch es trifft nicht immer die anderen; es kann jedem von uns passieren, in eine
gewaltsame Auseinandersetzung verwickelt zu werden. Und die traurige
Wirklichkeit beweist, dass uns in einer solchen Situation niemand zu Hilfe
kommen würde. Zivilcourage wird in unserer Gesellschaft in der Regel nur verbal
ausgeübt.
Warum sollten wir uns also nicht vor einer solchen, durchaus realistischen
Gefahr ebenso schützen, wie vor Karies, Sonnenbrand und AIDS?
Nicht immer geht es um Leib und Leben. Die meisten Handgreiflichkeiten dienen
der Durchsetzung und Androhung von eigentlicher Gewalt. Es ist
unwahrscheinlich, aus heiterem Himmel von einem Axt schwingenden Irren
angegriffen zu werden. Meist geht es „nur“ um Machtdemonstrationen, bei
denen jemand festgehalten oder geschubst wird.
Notwehr übt, wer sich selbst, Nothilfe, derjenige, der eine andere Person
verteidigt. Beides ist unser Recht und in gewissem Maße auch eine Pflicht. Wenn
wir in der Lage wären, anderen Menschen in Notlagen zu helfen, ist dies mehr
wert, als alle Lippenbekenntnisse zusammen. Medizinische „Erste Hilfe“ ausüben
zu können ist sehr sinnvoll, besser ist aber, zudem noch manches Verbrechen zu
verhindern.
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Wir Menschen neigen dazu potentiell unangenehme Themen zu verdrängen.
Wozu sich mit Problemen beschäftigen, wenn sie nicht akut sind? Wer sich lieber
in dem naiven Glauben, ihm passiere schon nichts, wiegen möchte, der sollte
sich aber im Ernstfall nicht wundern, wenn er überfordert ist.
Kampfkunst lehrt vor allen Dingen, Anti-Opfer-Signale auszustrahlen, und hilft
uns dabei, echtes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu gewinnen. Gerade
weil man Angst vor einer gewissen Situation hat, fühlt man sich gelähmt. Die
vagotone Schockphase, also unsere „Schrecksekunde“ dauert real zwischen 0,6
und 20 Sekunden.
Diese Zeit lässt sich langfristig günstig beeinflussen und die Reaktionszeit
verbessern. Ob nun ein Brand in der Küche entsteht, uns ein Kind vors Auto läuft
oder wir einen Gegenstand umwerfen, der auf den Boden zu fallen droht: Eine
gelassene, aber reflexartige und sichere Haltung kann uns in jeder Lage zugute
kommen. Gefahrlos lässt sich keine Gefahr überwinden, aber wir können uns
optimal vorbereiten, und auch ohne jemals in einen Kampf verwickelt zu werden,
ständig davon profitieren.
Aikido ist darüber hinaus eine besondere Kampfkunst, denn sie verbindet eine
gewaltfreie
Verkörperung
von
Harmonie
mit
einer
wirkungsvollen
Selbstverteidigung. Wie kann das sein? Muss Aggression nicht zugkräftig, also
mit Gegengewalt bekämpft werden?
Genau das ist einer der Denkfehler vieler Menschen. Sie versuchen einen „Sieg“
zu erringen und zwar, indem sie besser sein wollen als ihre Kontrahenten. Aikido
hingegen folgt der natürlichen Harmonie. Wörtlich übersetzt heißt Ai-ki-do: „Weg
der Harmonie mit Ki“.
Es gibt in dieser Kampfkunst, die entfernt auf dem Bushido basiert, anders als in
den meisten anderen, keine Wettkämpfe, da ein Kräftemessen dem eigentlichen
Ziel, dem „Ich-Loslassen“ schaden würde. Konkurrenz polarisiert die Charaktere;
ein friedliches und absichtsloses Tun würde dadurch verhindert.
Es gibt viele Spiele, die auf dem Prinzip von Gewinnen und Verlieren fußen. Doch
nicht immer ist der Sieger auch ein Gewinner. Dann nämlich nicht, wenn er ein
Verlierertyp ist, und seinen, für ihn überraschenden Sieg dadurch auskostet,
indem er triumphiert und maßlos prahlt. Allein durch seine Verbissenheit bleibt
er auch als Sieger nur ein Verlierer.
Wenn jemand einen Sieg durch Radikalismus erlangen konnte, und dadurch
seine Mitstreiter gedemütigt hat, wird er nicht viel Anerkennung ernten.
Entweder „rächen“ sich die Unterlegenen, oder sie „feiern“ ihn ohne wirkliche
Freude. So oder so bleibt allenfalls ein schaler Siegesgeschmack übrig. Ist der
Sieger aber ein Gewinnertyp, dann bräuchte er den Sieg nicht erst zu erringen,
denn er war bereits vor dem Kräftemessen der Gewinner.
Aus diesem Grunde ist ein Wettkampf beim Aikido nicht angebracht. Ein guter,
weil begabter Ausübender wird ohnehin als solcher erkannt und respektiert.
Aikido ist eine körpersprachlich kodierte Form der Harmonie. Sie wird weniger
durch Worte, denn durch Handeln erlernt.
Es erfordert keine übermäßig hohe Kondition und kann somit von beiden
Geschlechtern bis ins hohe Alter betrieben werden. Was hingegen vorausgesetzt,
aber zugleich auf sanfte Art und Weise gefördert wird, ist ein hohes Maß an
geistiger
Konzentration,
Beweglichkeit,
Gleichgewichtssinn
und
Reaktionsvermögen. Grundsätzlich gibt es drei Wege, einem bevorstehenden
Ereignis, wie einem (verbalem) Angriff zu begegnen:
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1. Wir verhalten uns aktiv und kommen dem anderen zuvor. Das ist meist die
Methode unserer Wahl. Sie erweist sich als wirksam, kann aber leicht zu einer
Steigerung der Aggressivität führen. Außerdem wird der Angreifer einen
alternativen Angriff ausführen, wenn wir zu unentschlossen vorgehen.
2. Wir sind passiv; das bedeutet, wir setzen uns nicht zur Wehr. Das ist sehr
idealistisch, denn wer einen Angriff verschläft, wird mit voller Wucht
getroffen. Jesus Christus riet, die andere Wange ebenfalls hinzuhalten, wenn
man geschlagen wird; das ist unbestritten ein Zeichen von Größe, aber sehr
schwer für uns umzusetzen.
3. Wir verhalten uns neutral und zwar solange, bis der Zeitpunkt dafür
gekommen ist, aktiv einzugreifen. Das ist Aikido.
Im Aikido wird versucht, eine Eskalation des Konfliktes zu verhindern, damit sich
die destruktiven Aggressionen nicht immer weiter hochschaukeln und ernstere
Probleme daraus entstehen. Nicht Anspannung und damit verbundene
Verkrampfung ist die zugrundeliegende Philosophie, sondern flüssige
Bewegungen. Siegen durch Nachgeben oder besser formuliert: Siegen durch
Vermeidung von Gewalt.
„Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf.“ (Shaolin Weisheit)
mithilfe der geistig-körperlichen Kraft, also Ki, Zentrierung des Unterbauches
und der Atmung wird Energie auf den Übungspartner (nicht Gegner!) übertragen
und die Gewalt neutralisiert.
mithilfe von kreis- und spiralförmigen Bewegungen wird eine Art „Kraftvakuum“
erzeugt, in dessen Sog der Angreifer gerät. Da kein Schaden, wie Verletzungen
oder bleibende Schmerzen entstehen, verpufft die Gewalt des anderen, indem er
sein Zentrum verliert. Sein Angriff war ein Verstoß gegen die Harmonie; die
folgerichtige Wiederherstellung der Harmonie, also die Anwendung des Prinzips
von Yin & Yang, bringt ihn zu Fall.
Einem Außenstehenden muss es wie ein Tanz vorkommen, denn er wird nicht
gespannte Muskeln und einen Stand, der einer Festung gleicht, beobachten
können, sondern ein fast unbeschwerliches Zusammenspiel und Fließen der
Kräfte. Der Mittelpunkt eines sich drehenden Kreisels steht still, aber dennoch
geht aus ihm die eigentliche Kraft hervor. Im „Auge“ eines Tornados mag man
glauben, das Unwetter wäre verschwunden, aber in dieser zirkulären Mechanik
steckt eine unvorstellbare Kraft.
Ebenso verhält es sich mit der flexiblen, intuitiven Konzentration, die auch in
gefährlichen Momenten frei beweglich bleibt. Improvisationsvermögen ist in allen
Lebensbereichen mindestens genauso wichtig, wie Wissen und Können.
Aikido macht sich diese intuitive Phantasie zunutze. Gelernt wird durch stetiges
und konzentriertes, aber entspanntes Üben. Ziel ist es, intuitiv zu lernen, also
nicht mehr über jeden Schritt nachzudenken.
All unsere Antworten auf äußere Umstände müssen entschlossen, innerhalb
eines winzigen Zeitfensters erfolgen, also, ohne dass wir erst großartig
überlegen müssen; denn dafür fehlt uns meist die Zeit. Wie ein Reflex sollten wir
einen Angriff zu einem harmonischen Ganzen ergänzen. Die „Schwingungen“
eines Angriffes eilen der Durchführung zeitlich voraus, deshalb ist eine prompte
Antwort auch möglich.
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In der partnerschaftlichen Übung wird jedem ein Spiegel vorgehalten, und man
erkennt sowohl die Fehler in seiner Bewegung, als auch die der Geisteshaltung.
Der stetige Wechsel von Angreifer und Verteidiger lässt zudem Eitelkeit und
Stolz überwinden. Geworfen zu werden, also seinen „Standpunkt“ zu verlieren,
ohne automatisch auch seine Würde verloren zu haben, stärkt das Vertrauen in
sich und den Übungspartner. Es gibt keine Rivalität, denn man darf auch
Schwäche zeigen. Aber man verliert deswegen nicht, sondern trägt dazu bei,
eigene Fehler zu erkennen und zu beheben.
Durch das ständige Training wird man im positiven Sinne „abgehärtet“. Nicht
abgestumpft und kalt sondern unempfindlicher, ohne dabei seine Sensibilität zu
verlieren. Das prägt auf diesem Weg die vorhandene Persönlichkeit. Aikido kann
einem Menschen nicht läutern, aber dabei helfen, seinen bereits vorhandenes
Potential auszuprägen.
Geübt wird, weil es Spaß macht und nicht um seinen Grad zu verbessern oder
anderen etwas zu beweisen. Deshalb wird durch das Aikido sowohl die
körperliche Entwicklung unterstützt, als auch die Aufnahme und Umsetzung von
Ki.
Und nichts anderes ist auch der alltägliche Umgang mit anderen Menschen; eine
Übertragung von Informationen und Gefühlen, von Wissen und von Ki. An
anderer Stelle nennen wir es Kommunikation, hier Aikido; es ist ein und
dasselbe.
Ein Aikidoka arbeitet hauptsächlich mit der Kraft des Angreifers, denn würde er
selbst den gleichen Kraftbetrag oder gar mehr aufbringen, so würde dies die
Gewalt verdoppeln, anstatt Harmonie bewirken. Auch wer Aikido nicht kennt,
versteht, dass es in einem Wortgefecht in aller Regel nichts bringt, sich
durchzusetzen, indem man die Stimme erhebt. Selbst wenn der andere zum
Schweigen gebracht wird, so bleibt der Konflikt unverändert. Ein sinnvolles
Führen und Ergänzen hingegen führt zu einem Ergebnis, mit dem beide
Beteiligten zufrieden sein können.
Harmonie durch Ergänzung ist in den allermeisten zwischenmenschlichen
Konflikten ein wichtiges Element zur Schlichtung. Aikido ist somit eine generelle
Erfahrung, die in allen Lebensbereichen umgesetzt werden kann. Auch dort kann
man nur glücklich sein, wenn man in allen Bereichen der natürlichen Ordnung,
dem Wissen, der Phantasie und der eigenen Spontaneität folgt. Denn Wissen
und Handeln ist ein und dasselbe!
Ein weiterer Aspekt des Aikido ist das Erkennen für die „harmonische Distanz“ zu
seinem Gegenüber. Man entwickelt mit der Zeit ein Gefühl für den richtigen
Abstand, den man zu jemand anderem einhalten muss, um außerhalb seines
direkten Wirkungskreises zu stehen. Im Aikido wird das sowohl ohne, als auch
mit Übungswaffen, wie dem Holzschwert, dem Stab oder dem hölzernen Messer,
trainiert.
4) Der Weg der Mitte
Doch nicht nur im Kampf hat die harmonische Distanz eine wesentliche
Bedeutung, auch im Alltag ist es häufig entscheidend, welche „Position“ wir
gegenüber jemand anderem beziehen, sowohl körperlich, als auch geistig und
emotional. Es ist ein Wechselspiel und Suchen nach dem Mittelweg, zwischen
Respektbezeugung und sicherem Abstand. Auch hier fließt Ki, wir dosieren mit
unserer Distanz die „Menge“ und zeigen durch Zuwendung oder Abwendung
unsere Wertschätzung und Gefühle.
131/470
Selbst der skeptischste Logiker muss mir recht geben, dass es physikalisch
gesehen, keine Auswirkung haben könnte, ob ich fünfzig Zentimeter Abstand zu
einer anderen Person habe oder einen Meter. Für unser Empfinden macht dieser
Tatbestand jedoch entscheidende Unterschiede. Wir spekulieren automatisch
über die Absichten des anderen und versuchen instinktiv wieder eine
harmonische Distanz zu ihm einzunehmen.
Vielleicht haben Sie jetzt den Eindruck bekommen, dass Harmonie etwas ist, das
nur einem „elitären Zirkel“ vorbehalten wäre, da sie sich scheinbar an viele
Bedingungen knüpft. Harmonie bedeutet aber nicht ausschließlich Spiritualität.
Auch der uns bekannte rationale Intellekt ist eine Komponente des
ganzheitlichen Verständnisses.
„Wir müssen auf der Erde das Gleichgewicht halten, einen Fuß im Spirituellen
und einen Fuß im Physischen haben.“ (Lynn Andrews)
Weder das eine noch das andere Extrem sollte überbetont werden. An Logik
mangelt es hierzulande jedoch den Wenigsten und das ist glücklicherweise schon
die halbe Miete. Ein Mensch wird und bleibt glücklich, wenn er sowohl
weltbezogen als auch spirituell ist, und beide Bereiche gleichermaßen fördert.
Eine ausgeglichene Bilanz verkörpert das Gleichgewicht. Es wäre genauso
sinnlos, aus falschem Verständnis heraus völlig religiös zu werden, wie das
alleinige rationale Denken und Handeln. Entgegen der landläufigen Meinung ist
es eben doch nicht möglich, sein Glück zu erzwingen. Wohl aber ist es möglich,
eine Hälfte zu einem Gesamtwerk zu ergänzen. Nicht der direkte und starre Blick
auf das Glück führt zu diesem Ziel, sondern der indirekte über die
Komplettierung unserer Persönlichkeit.
Indem wir die idealen Rahmenbedingungen erschaffen, kann uns die Harmonie
aufsuchen. Wir müssen nicht das Glück ergreifen, es kommt zu uns von selbst,
wenn wir uns absichtslos und ohne Erwartungshaltung vervollkommnen.
„Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür
hält.“ (Seneca)
Die meisten Menschen sind sich gar nicht darüber bewusst, wie wenig sie ihren
Kurs ändern müssten, um viel damit zu bewirken. Harmonie kann überhaupt
kein „Kraftakt“ sein! Der beste Weg ist stets der sparsamste und zugleich
anmutigste. Es bedarf oft nur einem Funken, den man aufbringen muss, um ein
großes Feuer zu entfachen. Diesen muss man zwar zunächst investieren und
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richtig einsetzen, und das Feuer von Zeit zu Zeit ein wenig schüren, aber dann
wird man durch die entstehende Wärme vielfach belohnt. Das Brennholz hierfür
bietet uns das Leben in Hülle und Fülle.
Vor allem die häufig gestellte Frage nach dem Sinn und Zweck des Lebens sollte
ein für alle Mal vom Tisch. Die Frage ist unberechtigt, denn sie wurde aus reiner
Hilflosigkeit vom Menschen erzeugt. Wir sind mit unserer einseitigen Art des
Verständnisses an das Ende der berühmten „Fahnenstange“ gelangt, und
verstehen die Welt, die wir in unseren Gedanken schufen, nicht mehr. Die
natürliche Ordnung, also die reale Welt kennt diese Frage aber überhaupt nicht.
Oder anders: Was würde eine Antwort bedeuten? Wären wir glücklicher, wenn
wir wüssten, dass unser Leben „Sinn“ macht?! Oder wenn wir wissen, für wen es
eine tiefere Bedeutung hätte? Sollte unser Leben nicht allein deshalb schon
etwas bewirken, weil es existiert? Und könnten wir ihm einen tieferen Sinn
verleihen, als uns ernsthaft darum zu bemühen, zeitlebens das Richtige zu tun?
Wir sollten aufhören, nach „Tricks“ und Abkürzungen zu suchen. Es gibt sie
nicht, denn es ist nicht möglich, die natürliche Ordnung zu betrügen. Wir können
jedem etwas vormachen, vielleicht sogar für kurze Zeit uns selbst, aber es
ändert nichts daran, dass es falsch ist. Allein die Tatsache, dass etwas so ist, wie
es ist, ist Existenzberechtigung genug!
Es kann auch nicht schaden, gelegentlich unseren rationalen Verstand etwas
auszublenden und zu versuchen, kritikloser an die Dinge heranzugehen. Dem
skeptischen Menschen wird es nicht schwerfallen, an allem einen Haken zu
finden oder Fragen zu stellen, die sich nicht so leicht beantworten lassen, aber
das fördert sein Verständnis für das tiefere Wesen der Dinge auch nicht mehr.
„Man sieht nur mit den Augen des Herzens gut; das Wesentliche ist für die
Augen unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry)
Ist Harmonie denn nicht existent, nur weil sie niemand erklären kann? Sollten
wir statt dessen nicht lieber versuchen, möglichst viel davon aufzunehmen?
Nicht, um sie dann anschließend zu analysieren und katalogisieren, sondern
einfach nur, um sie erlebt zu haben. Etwas zu „verstehen“ geht über den
Erlebnisbereich deutlich hinaus.
Ich muss noch nie verbranntes Fleisch gerochen haben, damit mir bei diesem
Geruch instinktiv unwohl wird. Ich muss nicht gestorben sein, um zu wissen,
dass ich das (noch) nicht möchte. Die Intuition wird vor lauter Logik häufig
vernachlässigt, doch Bücherwissen ist nicht alles.
Das Paradoxe ist, dass wir eigentlich ständig von „Instinkten“, „Intuition“, dem
„richtigen Riecher“ und dergleichen reden, uns aber dennoch nicht über die
Zusammenhänge klarwerden. Wissen ist kein Selbstzweck, sondern nur ein
Mittel zum Erreichen von Weisheit. Ein weiterer Weg ist die Harmonie. Sie hilft
uns das Wissen zu verstehen und angemessen zu handeln.
„Lernen ohne Denken ist verlorene Arbeit und Denken ohne Lernen ist
gefährlich.“ (Konfuzius)
Haben wir diese Lektion gelernt und verstanden, dann setzen wir unser Wissen
um. An diesem Punkt schließt sich der Kreis. Wir kehren zum Ursprung zurück,
denn hier helfen uns die Tugenden in ihrer ursprünglichen Bedeutung. Sehen wir
sie uns nun noch einmal mit anderen Augen an.
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„Bemerken, was recht ist und es nicht tun, beweist Mangel an Mut.“ (Konfuzius)
In seiner für ihn typischen Art, das Gegenteil von dem zu beschreiben, was er
erklären möchte, weist uns Konfuzius darauf hin, Mut zu zeigen, wenn er
angebracht ist.
• Mut im Alltag zu beweisen, Zivilcourage bis hin zu zivilem Ungehorsam,
Stellung zu beziehen, also Standhaftigkeit zu praktizieren und sich nicht hinter
Ausreden zu verstecken, seinen Mann, respektive seine Frau zu stehen,
Verantwortung für sich, seine Mitmenschen und seine Umwelt zu
übernehmen, Handeln, wenn es nötig ist; das ist richtig, harmonisch und
verleiht einem Menschen einen tieferen Wert.
• Ebenso ist Höflichkeit nicht nur eine gute Sitte, sondern mitfühlende Achtung.
Nicht nur ich persönlich bin wichtig, sondern das menschliche Kollektiv. Wir
ziehen alle an einem Strang, und wenn dieser nicht um unseren Hals
gewickelt sein soll, müssen wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen.
• Aufrichtigkeit und Ehre vereinfachen das tägliche Leben ungemein, da wir uns
nicht merken müssen, was wir verbergen wollen, oder was wir wie
verschleiert haben. Es ist so angenehm, zu wissen, woran man wirklich ist.
Aber obwohl jeder von uns Ehrlichkeit schätzt und bei anderen vermisst, sind
die wenigsten dazu bereit, selbst aufrichtig zu sein. Der Verlierer einer solch
trotzigen Taktik sind wir selbst.
„Ohne Wahrheit ist es unmöglich, irgendwelche Prinzipien oder Regeln zu
befolgen.“ (Mahatma Gandhi)
• Selbstbeherrschung,
Besonnenheit
und
Geduld
sind
unverzichtbare
Bestandteile unseres Lebens. Wir müssen unsere Gefühle dafür nicht
dominieren und unterwerfen, sondern zu ihnen stehen und sie äußern. Es
klingt wie ein Widerspruch, wenn wir uns als Bild einen „selbstbeherrschten“
Choleriker vorstellen, der seinem Ärger tüchtig Luft macht. Doch woher
kommt denn seine Aggression? Sie ist ein Ausdruck dafür, wie schwer es ihm
fällt, mit seinem Temperament zu leben. Würde er sich unzensiert, aber in
entschärfter Form verständlich machen können, dann wäre es für ihn unnötig,
an anderer Stelle zu übertreiben.
• Mitgefühl und Anteilnahme ist praktizierte Nächstenliebe, also die höchste
Form des Miteinanders.
„Wenn Du andere glücklich sehen willst, übe Dich in Mitgefühl. Wenn Du selbst
glücklich sein willst, übe Dich in Mitgefühl.“ (Dalai Lama)
• Bleibt noch die Treue. Sie ist der entscheidende Ausdruck, ob wir uns als Teil
des Ganzen verstehen, und ob wir wissen, wohin wir gehören, oder ob wir nur
hilflos und ohne Orientierung durch das Leben irren.
III. Der Umgang mit Harmonie & Ki
Das tiefste Wesen ist nicht allein durch eine einzige Betrachtungsweise
vollständig zu ergründen. Es wäre auch falsch zu denken, man könnte es durch
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die geschickte Kombination mehrerer Wege verstehen; letztendlich bleibt es
unbegreiflich.
Aber wir können uns annähern und ein Teil davon sein, indem wir es begreifen
lernen, ohne es ergreifen und festhalten zu wollen. Das bedeutet konkret im
Einklang mit der Harmonie zu leben, sie intuitiv zu erfassen und zu praktizieren,
und nicht nur rational zu verstehen. Fehlt dieser Einklang, dann haben wir ein
Problem.
1) Ausgewogenheit
Mein Namensvetter Justus von Liebig hat anschaulich erklärt, was ein Mangel an
etwas bedeutet. Er wollte zeigen, welche Zusammensetzung ein guter
Kunstdünger für die Landwirtschaft haben muss, und verwendete hierzu das Bild
eines Holzfasses
Dieses besteht aus dem Boden und einigen Planken, die von zwei Eisenringen
festgehalten werden und sich ähnlich einem Torbogen gegenseitig stabilisieren.
Jedes dieser Bretter soll nun eine Komponente des Düngers darstellen, also
beispielsweise Phosphat oder gebundenen Stickstoff.
Erfolg hat der Dünger nur dann, wenn von allen Stoffen ausreichend enthalten
ist. Dann ist symbolisch gesehen jede der Planken lang genug, um das Fass mit
Flüssigkeit füllen zu können. Ist nun von einer Komponente zu wenig vorhanden,
dann schwappt das Wasser über den Rand, ganz gleich, wie viel von den
anderen Bestandteilen vorhanden ist. Einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass
stets das schwächste Glied einer Kette die Gesamtstabilität determiniert.
Harmonie gleicht nun dieser Flüssigkeit und wir dem Fass Schnell wird nun klar,
dass wir nur soviel Harmonie in unserem Leben wiederfinden können, wie es
unsere schlechteste oder schwächste Eigenschaft zulässt; völlig unabhängig
davon, was wir sonst so alles vorweisen.
Jemand der wohlhabend, gutaussehend, intelligent und beliebt ist, muss nicht
zwangsläufig glücklicher sein, als jemand der in diesen Punkten nur
durchschnittlich abschneidet. Denn wenn die wohlhabende Person nun keine
glückliche Partnerschaft hat oder seelisch unausgeglichen ist, dann kann sie das
auch mit den anderen Erfolgen und Eigenschaften nicht kompensieren. Sie wird
es natürlich versuchen, aber funktionieren wird es nicht!
Also ist nicht Perfektion das Kriterium der Harmonie, sondern Ausgewogenheit.
Lieber ein bisschen weniger Geld zu haben und dafür etwas gesünder zu sein.
Lieber weniger Freunde zu haben und dafür bessere, lieber etwas weniger
erfolgreich im Beruf aber dafür zufriedener zu sein.
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Wir können uns nicht aussuchen, in welche Situation wir hineingeboren werden.
Unser Charakter und unser Potential sind gegebene Größen. Auch die
Grundprinzipien des Denkens vermitteln uns unsere Eltern. Aber was wir im
späteren Leben daraus machen, ist allein uns selbst überlassen. Innerhalb von
so vielen Jahren sollte es uns möglich sein, unseren Horizont zu erweitern.
Nun charakterisiert uns Menschen aber auch unsere Gier. Schnell kommt jemand
auf die Idee, Harmonie für sich und sein Leben ergattern zu wollen. Es fällt
vielen Menschen sehr schwer, etwas nicht zu tun, um etwas zu erreichen; das
wäre in diesem Fall, seine Habgier nicht auszuleben.
Das widerstrebt unserer Logik, denn eigentlich sollte es uns in dem Maße besser
gehen, indem wir etwas für unser Glück tun. Bei dieser Betrachtung wird aber
allzu leicht vergessen, dass es auch das Richtige sein muss, das wir tun müssen.
Allein damit, seine eigene Mitte zu finden und andere zu ergänzen, ist es nicht
getan.
Wir wollen stets etwas hinzugewinnen, aber von nichts trennen. Bloß nichts
aufgeben, denn es könnte ja wieder wichtig werden. Und teilen nur dann, wenn
es uns Vorteile beschert.
Glückseligkeit kann aber nicht durch geschickte Jagd erworben werden. Und
Harmonieerhalt kann nicht durch sammeln erfolgen, egal wie sensibel und
intelligent dabei vorgegangen wird. Wir müssen unentwegt geben, um etwas zu
erhalten; und zwar in dieser Reihenfolge. Wir müssen geben, nicht bis wir etwas
erhalten, sondern um des Gebens willen. Dann fließt auch Ki.
Anders als bei unseren finanziellen Transaktionen ist nicht die Vermehrung,
sondern die Teilung der Harmonie gefragt. Harmonie ist kein Privateigentum, sie
muss nicht verteidigt und gehortet werden. Eine solche Behandlung würde sie
zerstören.
Es gibt radikale Methoden, mit denen angeblich die innere Ausgeglichenheit
wiederhergestellt werden soll. Der Mensch überlegt sich in seiner Bequemlichkeit
ständig neue „Hau-Ruck-Verfahren“, die als Harmonieersatz herhalten sollen.
„Rebirthing“ und die „Urschrei-Methode“ seien hierbei stellvertretend genannt.
Oder die zahlreichen „Selbsterfahrungsgruppen“, mit ihren mystischen und
pseudopsychologischen Spielchen.
Findige Unternehmer oder Menschen mit starkem Geltungstrieb erfinden gerne
neue Methoden, die fünfzig verkorkste Jahre an einem Wochenende vergessen
machen sollen. Funktionieren Rosskuren dieser Art? Ja und nein, denn einerseits
zeigen sie eine Wirkung, andererseits verändern sie aber nicht wirklich etwas.
Einmal angenommen Sie haben jahrelang falsch und einseitig gelebt, und
wollten radikal eine Besserung erzeugen. Stellen Sie sich bildlich vor, sie hätten
sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und drohen nun abzustürzen. Eine radikale
Methode hängt Ihnen nun jeweils ein Gewicht an die Beine und an die Arme.
Der positive Effekt ist unmittelbar spürbar: Sie werden nicht fallen. Das ist schon
mal sehr gut, aber andererseits hängen Sie nun da, hälftig verankert im Glück,
im selben Maße im Unglück. Ist das etwa eine brauchbare Lösung? Dank dem
Gewicht gelingt Ihnen der Weg zurück ins Zimmer erst recht nicht mehr.
Bestenfalls erzeugen solche Ideen Verblendung, Verdrängung oder Abhängigkeit.
Die Kompetenz über unser Glück sollten wir daher nicht an andere abgeben.
Eine derartige Gruppe ist auch nicht gleichzusetzen mit dem Kollektiv. Letzteres
verkörpert die Gesamtheit unserer Art, oder besser die Gesamtheit aller
Lebewesen, und ist wirklich wichtig für unser Glück. Auch fremde und ungeliebte
Personen tragen ihren Teil zu unserer Harmonie bei, ebenso die Tiere und
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Pflanzen. Wir sollten daher nicht länger versuchen, unsere Mitmenschen und
Umwelt zu manipulieren und zu bekämpfen, sondern unseren vorgesehenen
Platz darin einzunehmen.
„Je mehr Gewaltlosigkeit angewandt wird, um so wirksamer wird sie und um so
unerschöpflicher, und am Ende steht die ganze Welt mit offenem Munde da und
ruft: Ein Wunder ist geschehen! Alle Wunder entspringen dem lautlosen Wirken
einer unsichtbaren Kraft. Gewaltlosigkeit ist die unsichtbarste und wirksamste.“
(Mahatma Gandhi)
Sich als Teil der Menschheit oder Natur zu verstehen, bedeutet nicht, alle
Menschen zu lieben, oder jeden Grashalm und Käfer zu verehren, sondern sie
wahrzunehmen und zu respektieren. Um zu wirken, sollten wir auch von der
Masse abweichen, aber eben nicht ausschließlich. Ein synergistischer Effekt stellt
sich nur ein, wenn wir sowohl Individuum, als auch Teil des Kollektivs sind. Ich
denke, dass wir das alle unbewusst wissen. Dennoch wehren wir uns dagegen
und auch gegen die Vorstellung, dass es eine Macht wie Ki wirklich gibt. Schade
um die vielen ungenutzten Chancen!
2) Ki in der Medizin
In der chinesischen Medizin wird propagiert, dass der menschliche Körper von
„Meridianen“ durchzogen wird, also Kanälen für den Fluss unserer
Lebensenergie. Ferner dienen die Körperflüssigkeiten als Lebensessenz, und
Verbindung zwischen fünf massiven und sechs hohlen Organen.
Das ist nicht der Körper, wie er von Leonardo da Vinci dargestellt wurde,
sondern ähnelt mehr der zu Beginn dieses Kapitels erwähnten Lehre des
Mittelalters. Die Organe sind hierbei nicht auf ihre physische Komponente
reduziert, sondern über ihre Funktion festgelegt. Isoliert voneinander können sie
zwar ihren Dienst verrichten, aber erst durch Teamwork wird daraus ein
sinnvolles Ganzes. Das Ki, das unsere Existenz ermöglicht, hat medizinisch
gesehen drei Ursprünge:
1. Das ursprüngliche Ki, das unsere Eltern auf uns übertrugen. Es hauchte uns
das Leben ein. Es wird im Laufe der Zeit verbraucht. Wird es nicht erneuert,
stirbt der Mensch. Es gleicht einem Start ins Leben, einem Handgeld, um sich
eine Existenz aufzubauen.
2. Das Nahrungs-Ki ist schwächer, wird dafür aber ständig erneuert. Deshalb ist
eine richtige Ernährung auch so wichtig. Dieser „Inhalt“ der Nahrungsmittel
geht über das Vorhandensein von Mineralien, Proteinen und Vitaminen weit
hinaus.
3. Das Luft-Ki erlangen wir über die Atmung. Auch dieses wird verwendet und
stetig regeneriert.
Gesetzt den Fall, dass dieses Nahrungs-Ki wirklich existiert, also unserer
Nahrung eine Kraft innewohnt, die über die stoffliche Komponente hinausgeht,
bekommen unsere Fertiggerichte eine völlig neue Bedeutung. Sie stillen zwar
den Hunger nach „Verbrennungsenergie“, eventuell sogar unseren Bedarf nach
essentiellen Molekülen, aber nicht das Bedürfnis nach Ki. Deshalb befriedigt uns
der Verzehr solcher Speisen auch nicht wirklich, selbst wenn sie gut schmecken.
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Ki manifestiert sich im Augenblick zwischen zwei Zuständen; es ist der Weg
eines Prozesses. Im Bezug auf Nahrung bedeutet dies, dass auch die
Komposition der Nahrung, sowie die langfristige Abwechslung und in gewisser
Weise sogar die zeitliche Einnahme der Speisen von Bedeutung sind.
3) Angewandte Harmonie
Eine Form der Harmonieerzeugung, das Aikido, haben wir bereits kennengelernt.
Eine weitere ist Qi Gong. Auch das ist eine Bewegungslehre, und auch hier gibt
es Meister. Wörtlich übersetzt bedeutet Qi Gong einfach „Beherrschung von Ki“.
In China erfreut es sich in den letzten Jahrzehnten einer wachsenden
Anhängerschaft, denn es verspricht Beweglichkeit und Wohlbefinden, bis ins
hohe Alter und kann, anders als Aikido, alleine praktiziert werden, weil es keine
Kampfkunst ist.
Ebenso wie Aikido hat es nichts mit Religion oder Sekten zu tun, auch wenn es
teilweise auf die asiatischen Religionen aufbaut. Aber genauso, wie sich kein
gläubiger Buddhist vor dem christlichen Weihnachtsfest zu fürchten braucht,
muss niemand Berührungsängste mit diesen fernöstlichen Bewegungslehren
haben.
Qi Gong Meister können ihr Ki benutzen, um akrobatische Kunststücke zu
vollbringen. Vermutlich hat jeder von uns schon im Fernsehen gesehen, wie
solche Menschen Marmorplatten zerschlagen können. Beeindruckender als so
eine Darbietung ist aber deren Fähigkeit über ihren Körper hinaus Einfluss auf
Energieflüsse zu nehmen. Durch Veränderung von elektromagnetischen Feldern
innerhalb ihres Körpers können sie Detektoren zum Ausschlag bewegen, sich
tagelang lebendig begraben lassen oder schmerzfrei mit Nadeln durchbohren.
Nicht jedes dieser Phänomene ist rational erklärbar, manche sind sicherlich auch
nur Schwindel. Natürlich lässt sich ein Stein auch mit hinreichend Kraft und der
Kenntnis von Brechwinkeln zertrümmern. Aber es gibt auch telepathische
Experimente, die nach wie vor unklar sind. Auch Telekinese, die Fähigkeit,
Gegenstände zu bewegen, ohne sie zu berühren, wird diesen Personen
nachgesagt.
Doch auch wir selbst kennen ähnliche Phänomene. Der höchste Grad an
Harmonie tritt dann ans Tageslicht, wenn es uns gelingt unser Ki „supraleitend“,
also ohne Reibung fließen zu lassen. Das kann beispielsweise erreicht werden
durch meditative Konzentration, wie sie bei Leistungssportlern zu beobachten
ist.
Alles um sie herum wird ausgeblendet und sie vergessen, dass sie eigentlich eine
Höchstleistung vollbringen. Bis zu einem gewissen Punkt wird jede Tätigkeit
schwerer. Aber ab diesem Moment funktioniert alles wie von selbst. Vielleicht
kennen auch Sie das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, wie Sie eine bestimmte
Glanzleistung eigentlich vollbracht haben.
Es ist vergleichbar mit der sexuellen Ekstase; hierbei wird die Wahrnehmung
auch auf das Wesentliche reduziert. Unser Handeln verselbständigt sich und
unser Bewusstsein wird ausgeblendet, um mehr Kapazität für die eigentliche
Aufgabe bereitstellen zu können.
Qi Gong Meister nutzen diese Kraft, Aikidomeister tun es, begnadete Künstler
und Musiker ebenfalls. Sie alle verstehen, was ich mit dem Begriff „Ki“ zum
Ausdruck bringen wollte. Ob wir nun an eine höhere Ordnung glauben möchten
oder nicht, es liegt in unserer Hand sie zu nutzen. Mit Logik ließe sich es nicht
erklären, warum ein bestimmter Mensch sein Ki fließen lassen kann, und damit
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mehr erreicht, als jemand der versucht, auf „konventionelle“ Art zum Ziel zu
gelangen. Fest steht, dass es funktioniert, und dass wahre Meisterschaft auf
geistigem, seelischem oder körperlichen Gebiet niemals ohne diesen Fluss an
Energie, Leidenschaft, Leichtigkeit und Motivation erfolgen kann.
Kapitel VI
Kommunikation
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Das verbindende Glied unseres Zusammenlebens ist die Kommunikation. Kaum
ein anderer Lebensbereich ist so komplex und eröffnet uns eine solche Vielzahl
von Möglichkeiten.
Doch es ist schwierig, zwischen Ursache und Wirkung in dieser Thematik zu
unterscheiden, da alle Elemente zusammenhängen und interagieren. Zudem
versucht jede Gruppe ihre Kommunikation elitär zu gestalten und mit
Fachbegriffen zu „verschlüsseln“, um Außenstehende fernzuhalten. Ihr
Standesgehabe dient ausschließlich dazu, triviale Vorgänge zu verschleiern, um
selbst möglichst unentbehrlich für ihre Gesellschaft zu sein.
Dabei ist es geradezu idiotisch, wenn jemand von sich behauptet, er könne so
gut kommunizieren, dass ihn „normale Menschen“ gar nicht verstehen. Wenn
dem wirklich so ist, dann verfehlt dieser Mensch durch seinen Perfektionismus
das eigentliche Ziel der Kommunikation, nämlich komplexe Sachverhalte einfach
zu umschreiben.
I. Entstehung und Zweck der Kommunikation
Kommunikation ist alles, ohne sie wäre ein Zusammenleben in einer Gruppe
kaum möglich. Wenn wir über sie nachdenken, dann meistens im
Zusammenhang
mit
unseren
Tagen,
dem
sogenannten
„Kommunikationszeitalter“.
Neue Medien wie Mobilfunk und Internet ermöglichen bisher nicht gekannte
Formen der Verständigung. Dennoch wäre es von unserer Generation
vermessen, einen besonderen Anspruch auf die Kommunikation zu erheben.
Zwar hat sich die Art, die Menge und die Entfernung des Gedankenaustausches
vergrößert, aber im Kern verfolgen wir nach wie vor dieselben Ziele wie unsere
Vorfahren. Kommunikation entwickelte sich parallel zur Entstehung des Lebens
und diente ursprünglich zweierlei Zwecken:
1. Um
Imponiergehabe,
Überlegenheit
und
Territorialverhalten
zu
demonstrieren. Andere Tiere und Menschen sollten von der Anwesenheit eines
Wesens wissen, und entweder angelockt oder abgeschreckt werden; je
nachdem, ob es sich bei ihnen um Beute, Artgenossen oder Feinde handelte.
2. Dem Sexualverhalten und dem Werben um einem Partner. Die geschlechtliche
Fortpflanzung, die Selektion und der evolutive Druck machten es nötig, sich
um einen Geschlechtspartner zu bemühen. Dieser war jedoch nicht immer
zugegen, sondern aufgrund des ersten Grundes meist räumlich getrennt.
Deshalb wurden Maßnahmen nötig, die der Verständigung über große
Distanzen dienen.
Beides sind unverändert die Hauptziele aller Lebewesen in der Natur, also auch
unsere. Das physische Territorium wird nach wie vor mit „Duftmarken“
geschützt. Diese sind im Vergleich zu früher lediglich eleganter geworden, und
beispielsweise durch Zigarettenrauch und Parfüm ersetzt worden. Oder
abstrahiert, indem wir beispielsweise mithilfe von Hinweisschildern visuelle Reize
stimulieren und mit Symbolen Assoziationen wecken. Wer von uns würde nicht
intuitiv die Bedeutung eines Totenkopfes auf einem Chemikalienfläschchen
verstehen?
140/470
Das Signalisieren von Eigentum und dem beanspruchten Revier nimmt oftmals
interessante Wege. Unseren Sitzplatz im Zug reservieren wir durch das Ablegen
unserer Jacke, wenn wir ihn kurzfristig verlassen. Unseren Arbeitsplatz
kennzeichnen wir individuell mit Gegenständen, Zetteln und Aufklebern. Und
unsere Kugelschreiber knabbern wir an, damit sie uns niemand mopsen will. Wo
immer wir auftauchen, möchten wir sagen: „Hier bin ich!“; alles was wir für uns
beanspruchen wird markiert.
Das kann sehr offensichtlich erfolgen, beispielsweise mit dem Beschriften eines
Gegenstandes mit unserem Namen, aber auch subtil, indem wir ihn bewegen,
mit dem Daumen einkerben, oder einen anderen Gegenstand, der uns gehört,
darüber legen.
Wo immer wir sind, stecken wir unseren „Claim“ ab und versuchen, uns unsere
Artgenossen vom Leib zu halten. Gelingt dies nicht, gebrauchen wir ein
Repertoire an stärkeren Warnsignalen und Drohgebärden. Der männliche
Machismo zeigt das primitive Imponierverhalten einiger Exemplare unserer
Spezies, das noch immer unverändert vorherrscht. Machtallüren werden
unterstrichen durch die Andeutung von Kampfbereitschaft. Der feste Glaube
dieser Personen, ein Recht auf einen höheren Platz in der Rangfolge zu haben,
ist in ihrem Weltbild, also ihrer relativen Wirklichkeit, fest verankert.
Wer sich nicht als Teil eines Kollektivs versteht, der erklärt sich in aller Regel
zum Herrscher über die anderen und lebt in der Illusion seiner
Selbstüberschätzung. Das beanspruchte Machtgebiet kann die ganze Welt oder
ein Kontinent sein, ein Land, eine Provinz, eine Stadt, ein Haus, ein Auto, ein
Zimmer, ein Schreibtisch oder auch nur ein einzelner Gegenstand.
Es können Personen direkt inbegriffen sein, über die man sich bewusst stellt.
Dies macht ein Diktator, ein geistliches Oberhaupt, ein Musikidol, aber auch ein
Ehemann, der sich zu Hause wie ein Patriarch aufführt. Es kann aber auch
indirekt erfolgen, und nur der „unterdrückte Wunsch“ sein, sich „eines Tages“
über den anderen in der Rangfolge ansiedeln zu können.
Je nachdem, wie stark der Ehrgeiz und das Machtstreben in uns ausgeprägt ist,
kann diese Selbstüberschätzung im extremsten Fall sogar bis zum Größenwahn
oder Gotteskomplex führen. Normalerweise werden diese narzisstischen
Charakterzüge aber der absoluten Realität angepasst und abgeschwächt, da ein
solches Verhalten in einer Gruppe nicht sonderlich geschätzt und toleriert würde.
Man kann jedoch davon ausgehen, dass es viele Menschen gibt, die nur darauf
warten, bis sich ihnen eine Gelegenheit zum Herrschen bietet. Dies belegt auch
die Tatsache, dass sich in jedem Unrechtsregime schnell „patriotische“ Anhänger
finden lassen, die bereit sind, für Macht, Ruhm und Geld, Verbrechen zu
begehen. Eventuelle Gewissensbisse kann ein Mensch durch Automatisierung
seiner Handlungen bewältigen. Jemand, der beispielsweise tagtäglich
Tierversuche durchführt, hat nach einer Weile keine ethischen Bedenken mehr,
weil seine „Arbeit“ zur Routine wurde.
Für viele Historiker und Soziologen ist es unfassbar, woher Kriegsverbrecher
„plötzlich“ kamen; dabei vergessen sie, dass sie in jeder Gesellschaft, zu jeder
Zeit latent existieren, sich aber zurückhalten müssen. In gewisser Weise steckt
dieses Verhalten in uns allen. Ich würde deshalb nicht pauschal ausschließen,
dass auch in uns, unter gewissen Umständen, unsere animalische Herkunft ans
Tageslicht tritt. Ein ähnliches rudimentäres Verhalten dieser Art zeigen wir
tagtäglich. Wir vergleichen uns mit anderen Menschen, um unsere eigene
Identität zu verstehen.
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Die Tatsache, sich an Artgenossen orientieren zu wollen, um sich selbst mit
ihnen in Relation zu setzen, ist ein sekundärer Aspekt, der Kommunikation
notwendig machte. Wird in der Gruppe gelebt oder finden Treffen nur selten
statt? Wenn ein Zusammenhalt der Art stattfindet, wer erledigt dann welche
Aufgaben? Wie lässt sich eine Gruppe von Individuen vereinbaren? Wer ist der
Anführer, sofern es einen gibt?
Wir
nennen
unsere
Antworten
und
Lösungen
auf
diese
Fragen,
„Gesellschaftsform“, „politisches System“ oder „Zivilisationsgrad“. Das klingt
nach ausgereiften Ideen und stabilen Organisationsformen. Wir als Individuum
und unsere Bedürfnisse sind aber nicht anders als vor ein paar Tausend Jahren.
Das Imponiergehabe und das Flirten sind nach wie vor alltägliche Bestandteile
unseres Lebens. Nur die Umwege, die wir nehmen, um uns miteinander zu
messen und zu paaren, sind weitaus vielseitiger, komplexer und subtiler
geworden.
Durch unsere Fähigkeit zu abstrahieren und zu planen, ergeben sich viele
Situationen, wie sie die Tierwelt nicht kennt. Unsere Fähigkeit vierdimensional zu
denken, ermöglicht es uns unter anderem, eine Unterscheidung zwischen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu treffen. Das hohe Maß an
Spezialisierung im Berufsleben und die Varietät der Angebote, die uns das
heutige Leben beschert, verkomplizieren unser Vorgehen noch zusätzlich.
Grundsätzlich versuchen wir aber noch immer Stärke, Schutz, Leistungsfähigkeit
und Gesundheit zu demonstrieren. Da diese Eigenschaften in großen
Gemeinschaften aufgrund der vielen Individuen rein statistisch sehr häufig
anzutreffen sind, unterstreichen wir zusätzlich unsere positiven Eigenschaften,
und versuchen uns irgendwie von unseren Artgenossen zu unterscheiden.
Kommunikation bedeutet also zu wirken. Wir hinterlassen bewusst und
unbewusst Spuren, um unsere Existenz zu verspüren. Erst die Reflexion unserer
Handlungen an anderen Menschen und unserer Umwelt beweist uns, dass wir
leben.
Ob wir uns dazu eine außergewöhnliche Frisur zulegen, ungewöhnliche Kleidung
tragen oder uns mit Gegenständen schmücken; das Ziel ist stets, das Interesse
auf uns zu ziehen, uns zu differenzieren und von der Masse abzuheben. Bei
dieser Vorgehensweise wollen junge Menschen erfahrungsgemäß eher
provozieren und Ältere lieber gefallen.
Unabhängig davon was wir im Einzelnen erreichen wollen, sollten wir mehr über
das Wesen der Kommunikation in Erfahrung bringen. Dann könnte unsere
Wirkung gezielter, einfacher und nachhaltiger ausfallen, und unser Leben in der
Gemeinschaft unkomplizierter und zugleich tiefgehender werden.
1) Gefahr des Missbrauchs
Was ist Kommunikation denn nun genau? Bevor wir uns über dieses Thema,
seine Anwendung und Wirkung genauer informieren, müssen wir erneut
bedenken, dass Kommunikation ebenso wie alles andere, zum Guten wie zum
Schlechten eingesetzt werden kann. Denn sie ist der Schlüssel zu anderen
Menschen.
Wir können mit ihrer Hilfe unser Gegenüber „beeinflussen“, aber auch
„manipulieren“. Manipulation bedeutet, hinterlistiges Agieren zu unserem
eigenen Vorteil. Diese Dominanz wäre aber kein Ausdruck von Stärke, sondern
bereits der Versuch, andere zu unterdrücken.
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Die meisten Ratgeber zum Thema Kommunikation bieten uns Möglichkeiten an,
uns in Gesprächen durchzusetzen, also „Ellenbogen einzusetzen“ und andere
mundtot zu reden. In diversen Kursen können wir erlernen, wie wir wirksame
Kommunikationstechniken effektiv zu unlauteren Zwecken missbrauchen
Das ist aber gar nicht unser Ziel, oder sollte es zumindest nicht sein. Besser ist
eine lebendige, kontroverse Form des Miteinanders, denn nur so können wir
wirklich etwas dazulernen und enge Kontakte knüpfen. Eine produktive
Verständigung entlässt alle Beteiligten als Gewinner. Sie wären bereichert und
verstünden die Motive und Absichten des anderen besser.
Ein echter Gewinn ist nicht dann gegeben, wenn wir einen anderen Menschen
übervorteilt und „besiegt“ haben, sondern wenn wir mit ihm gemeinsam eine
Lösung, einen symmetrischen Kompromiss oder ein verbessertes Verständnis
erzeugen konnten.
„Nicht Sieg sollte der Zweck der Diskussion sein, sondern Gewinn.“ (Joseph
Joubert)
Ich möchte mich deshalb ausdrücklich gegen den Missbrauch wertvoller und
potenter Kenntnisse aussprechen und davon entschieden distanzieren.
„Psychotricks“, wie sie einige Motivationspsychologen versprechen, funktionieren
ohnehin nicht auf lange Sicht.
Dauerhaft hat Manipulation keine Chance, da sie die Wahrheit nur schlecht
ersetzen kann, und der Mensch feine Antennen für falsche Absichten besitzt.
Kurzfristig ist es aber sehr einfach, einen Menschen zu blenden, wenn wir
wissen, welche Bedürfnisse er hat, und auf welcher „Wellenlänge“ wir ihn gezielt
ansprechen können. Dies kann uns leider auch versehentlich passieren, denn
wenn wir besonders geübt in treffsicheren Bemerkungen, Spitzen und
Verdächtigungen sind, ist die Gefahr groß, unser Talent und Wissen unbedacht
einzusetzen.
Wir sollten also stets bedenken, ob unsere Ziele und Ansichten ethisch und
moralisch vertretbar sind, bevor wir versuchen, andere darin einzubeziehen.
2) Unser Standpunkt
Um mit anderen in Kontakt treten zu können, müssen wir zunächst selbst einen
Standpunkt haben. Und damit diesen jemand teilen kann, muss er auch zu teilen
sein. Das klingt trivial, ist aber, wie wir noch sehen werden, an einige
Bedingungen geknüpft.
Inwieweit wir von unserem Standpunkt aus auf den anderen zugehen würden,
bestimmt unser Ziel, und legt automatisch den effektivsten Weg fest. Indem wir
das Ziel, das wir verfolgen, vor unserem geistigen Auge formen, erfahren wir
bereits viel über den Weg, den es bis zu seiner Verwirklichung zu gehen gilt.
Bei der Festlegung, was eigentlich unsere Ziele sind, sollten wir uns auch immer
fragen, wie wir uns beim Erreichen dieser fühlen würden. Lohnt sich der
Aufwand? Was sind die möglichen Risiken, was die potentiellen Gewinne für alle
Beteiligten? Es benötigt Entschlossenheit, Geschick und Intelligenz, um seine
Absichten umzusetzen.
Wie weit wollen wir gehen? Was genau wollen wir beim anderen erreichen? Je
nachdem, ob wir nur etwas erzählen, uns mitteilen oder erklären wollen, oder
eine Resonanz von ihm erwarten, müssen wir verschiedene Mittel einsetzen.
Unser Standpunkt kann sein:
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1. Wir haben eine Information. Diese kann für uns wichtig sein, für den anderen,
für beide oder neutral. Ein Beispiel wäre ein Vortrag, die Nachrichten im
Fernsehen oder ein Artikel in der Zeitung.
2. Wir haben ein Gefühl oder eine gefühlsbehaftete Geschichte, die wir mit
jemandem teilen möchten. Dies kann ein Gespräch oder Telefonat mit einem
Freund sein, aber auch eine Ansichtskarte oder ein Liebesbrief.
3. Wir möchten einen Vorschlag für eine gemeinsame Aktion machen. Das ist der
Fall, wenn der Kontakt zu einem Menschen ausgebaut oder aufgefrischt
werden soll.
4. Wir haben ein Anliegen, eine Bitte, eine Frage oder eine Forderung. Das kann
zum Beispiel bedeuten, einen Termin ausmachen zu wollen, ein Gespräch im
Berufsleben zu führen oder auch ein Geschäft abzuschließen. Dann möchten
wir eine Resonanz des anderen erwirken und ihn zum Handeln bewegen.
5. Wir möchten Aufmerksamkeit bekommen und beachtet werden. Dies ist
möglich durch ein spezielles Outfit, Verhalten oder mithilfe von
körpersprachlichen Signalen.
6. Wir möchten in Kontakt mit einem speziellen Typ von Menschen treten. Dann
gehen wir zu Orten, an denen wir Gleichgesinnte unseres Alters finden
können. Discobesuche, Partys oder ein Verein bieten beispielsweise die
Möglichkeit zum „Small Talk“, also einem zwanglosen Plausch mit anderen
Menschen.
7. Wir möchten nicht alleine sein und suchen die anonyme Gesellschaft anderer.
Das ist der Fall, wenn wir zwar nicht auffallen und keinen Menschen direkt
kennenlernen, aber dennoch andere um uns herum haben möchten. In einem
solchen Fall mischen wir uns unters Volk, gehen in den Park oder in die Stadt
zum Bummeln, setzen uns in ein Café oder besuchen ein Schwimmbad.
Die jeweilige Intensität eines Anliegens, also wie stark unser Bedürfnis nach
Kommunikation ist, bestimmt letztendlich den äußeren Standpunkt, von dem aus
wir starten.
Wir sollten aber auch nicht unseren inhaltlichen Standpunkt vergessen, der mit
Informationen, unseren Interpretationen, Gefühlen und einer Erwartung in die
Reaktion des anderen behaftet ist. Also als wie groß sich unser Toleranzbereich
erweist. Möchte ich mein Ziel auf eine ganz spezielle Art durchsetzen oder bin
ich zu Kompromissen und Zugeständnissen bereit? Eine sture Person hat dabei
eher Probleme, als ein Mensch, der nur seine Grundidee umsetzen möchte. Alles
in allem ist jeder Standpunkt ein „dicker Brocken“, den wir unseren Mitmenschen
schmackhaft machen müssen.
Denn der Mensch, mit dem wir kommunizieren möchten, hat in der Regel im
Moment andere Anliegen, befindet sich in einem von uns verschiedenen
Gemütszustand, und denkt momentan an andere Dinge.
Unseren Standpunkt können wir aber nur vermitteln, wenn unsere Zielperson ihn
versteht. Nur indem wir mit unserem Mitmenschen auf einer Ebene
kommunizieren, erhalten wir sein Interesse und seine Akzeptanz. Er wird uns
anhören, wenn wir seine Sprache sprechen. Dadurch können wir sein Interesse
gewinnen und die angeborene Neugier in ihm wecken. Das bedeutet konkret,
dass wir an seine Faszination für das Unbekannte, Mysteriöse und Verborgene
(in uns) appellieren sollten.
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So ein Vorgehen hat nichts mit Geheimniskrämerei zu tun, sondern damit, eine
Brücke zu ihm zu schlagen. Indem wir ihm zeigen, dass wir erreichbar sind, und
ihn für unsere Ideen öffnen, wird er wissen wollen, was sich auf der anderen
Seite dieser Brücke befindet.
Gelingt dies nicht, oder spüren wir „negative Schwingungen“, dann ist es oft
besser, ein Gespräch zu vertagen, als es mit aller Gewalt durchzusetzen. In der
Zwischenzeit
können
die
Voraussetzungen
verbessert
und
erkannte
Disharmonien beseitigt werden. Wenn wir schon im voraus bemerken, dass es
eine besonders schwierige Situation werden wird, dann bleibt uns noch ein wenig
mehr Zeit, um den eigenen Standpunkt genau zu definieren, und eine
Grundstrategie für unser Vorgehen zu entwickeln. Was will ich? Was bin ich
bereit einzugestehen? Was wäre völlig indiskutabel? So kann aus einer
Zwangspause eine kreative Pause werden.
Normalerweise findet ein Gespräch aber eher spontan statt, sodass wir unser
Konzept parallel zu dessen Verlauf aufbauen müssen. Das ist jedoch nicht nur
eine Frage von Timing, also dem richtigen Augenblick, wann wir das Gespräch
beginnen sollten, sondern von „Präkommunikation“, die uns auf die eigentliche
Situation vorbereiten soll.
Ich bin bei meiner bisherigen Überlegung davon ausgegangen, dass wir mit
jemandem, den wir noch nicht kennen, in Kontakt treten möchten. Das werde
ich auch weiterhin tun, aber für den Fall, dass wir angesprochen werden und
darauf reagieren müssen, gilt selbstverständlich das Gleiche.
In dieser Situation können wir es dem Sprecher leichter machen und ihm
entgegenkommen, indem wir uns auf eine gemeinsame Sprache und Ebene
einigen. Prinzipiell lassen sich die Ideen von beiden Parteien umsetzen, da die
Rollen ohnehin laufend alternieren. Falls wir den anderen bereits kennen,
vereinfacht sich das Vorgehen natürlich entsprechend.
Bevor wir in Aktion treten können, müssen wir unsere sensorische Schärfe
verbessern. „Wie ist die Situation?“ Das ist die erste Frage, die wir uns
automatisch stellen müssen.
3) Die Beurteilung der Situation
Die Ausstrahlung eines Menschen auf uns ist bereits eine Form der
körpersprachlichen Verständigung, die aber vom anderen nicht beabsichtigt
wird. Sie bleibt deshalb eine Frage der Qualität unserer Interpretationen.
Solche Merkmale können die Veränderungen seiner Hautfarbe, der Atmung,
Muskelbewegungen des Körpers oder die Mimik sein. Die Palette reicht von
offensichtlich bis subtil. Wir beobachten unser Gegenüber und schätzen ihn
hinsichtlich seines Charakters, seines Temperamentes und seiner momentanen
Stimmung ein.
Bleiben wir einen Moment bei der Atmung, denn sie ist ein gutes Zeichen für
unsere Analyse. Unsere Lunge plant die zukünftigen körperlichen Aktionen. Es ist
beispielsweise nicht möglich aus dem Stand heraus nach vorne zu preschen,
ohne vorher Luft zu holen.
Wir halten unseren Atem an, um nicht weinen zu müssen, oder unterdrücken
unsere Wut, indem wir den Ärger schlucken. Die Lunge ist das Organ, das uns
am deutlichsten die Absichten unseres Gegenübers mitteilt. Kräftig Luft zu holen
bedeutet Freiheit und Wohlbefinden zu verspüren. An uns unangenehmen Orten
trauen wir uns nicht tief zu atmen, und würden am liebsten schnell wieder
145/470
verschwinden. Hingegen wird unsere Atmung sanft wie das Meeresrauschen,
wenn wir uns sicher und geborgen fühlen.
All das können wir schon aus einigen Metern Entfernung beobachten. Wir sind
auch in der Lage, uns bekannte Menschen bereits in weiter Ferne an ihrem Gang
zu identifizieren, oder die Verfassung eines Menschen, durch die Art, wie er steht
oder sitzt, zu erkennen. Wir machen von unserer Fähigkeit auch regen
Gebrauch, nur eben meist unbewusst
Der neuzeitliche Mensch fühlt sich häufig erdrückt von der Last seiner
Verantwortung. Dies äußert er auch in seiner Haltung, denn sein Rücken ist
gekrümmt. Er investiert mehr Energie als nötig in seine Projekte, da er glaubt,
dies sei ehrenvoller. Ein leichter Verdienst ist ihm unangenehm. Es hat etwas
Unmoralisches und Unverdientes an sich, ohne Kraftaufwand, an sein Ziel zu
kommen. Nur wer tüchtig schwitzt, so meinen viele, hat sich Entspannung und
Erholung verdient. Dass dies jedoch wider der Natur ist, die keine Kraft
vergeudet, sollte uns inzwischen klar sein.
mithilfe der Körpersprache kann man also nicht nur seinen momentanen
Standpunkt, sondern auch seine grundsätzliche Haltung zum Leben ausdrücken.
Bin ich generell positiv eingestellt, positiviere ich alles grundlos, bin ich eher
skeptisch und vorsichtig oder habe ich von vorneherein Vorbehalte? All das ist
auf einen Blick für jedermann erkennbar, der über ein klein wenig
Menschenkenntnis verfügt.
Und weil das so ist, verwenden die meisten Menschen eine Unmenge ihrer
Energie darauf, sich zu verstellen. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der
Realität und dem Bild, das sie von sich haben. Anstatt sich wirklich um
Veränderung zu bemühen, spielen sie lieber eine Rolle und stellen das Image
dar, das sie gerne von sich abgeben möchten.
„Jeder Mensch wird als Zwilling geboren: als der, der er ist, und als der, für den
er sich hält.“ (Martin Kessel)
Diese Personen sind der Überzeugung, sich an ihr Idealbild annähern zu können,
indem sie sich permanent selbst verleugnen. Sie geben sich attraktiver,
beliebter, intelligenter, freundlicher, humorvoller oder wohlhabender als sie es
eigentlich sind. Sie suchen sich ein Image aus, und spielen die Rolle so lang, bis
sie tatsächlich glauben, so zu sein.
Sich auf diese Weise an sein Phantasiebild anzugleichen, beziehungsweise sein
Maximum erreichen zu wollen, ist aber die falsche Art. Selbst wenn es kurzzeitig
gelingt, wobei es sich bei „kurzzeitig“ durchaus auch um einige Jahre handeln
kann, führt es im Endeffekt nur zu Unzufriedenheit und großem Kummer. Früher
oder später erwächst aus einem solchen Verhalten eine Identitätskrise, denn die
wahren Bedürfnisse wurden zu lange ignoriert. Dann wird es für die Betroffenen
sehr schwierig, herauszufinden, wer sie wirklich sind.
Es kann auch durchaus ein negatives Bild sein, das jemand von sich abgibt. Wer
davon überzeugt ist, nichts zu können, der strahlt das auch aus. Selbstunsichere
Menschen und solche, deren Selbstwertgefühl eher schwach ausgeprägt ist, sind
leicht zu erkennen. Auf den Punkt gebracht: Der Mensch verkörpert seine
Gefühle.
Logik ist übertragbar und funktioniert auch bei anderen, Gefühle hingegen sind
subjektiv und lassen sich nicht direkt erzeugen oder verändern. Die Logik folgt
146/470
einer gewissen Ordnung, da sie voraussehbar und somit sicher ist. Gefühle
müssen wir akzeptieren, wie sie sind.
Doch wir können sie positiv erleben, zu unserer Entscheidungsfähigkeit
hinzufügen und sinnvoll integrieren. Das tun die Menschen, die sich verstellen
jedoch nicht. Sie ersetzen ihre wahren Gefühle durch logische Wünsche, fiktive
Vorbilder und Vermutungen, und sind geprägt von einer immerwährenden
Erwartungshaltung.
Eine Form dieser Täuschung nennt sich „Mimikry“. Durch besonders „cooles“
Verhalten soll Stärke und Bedrohung demonstriert werden. Wir alle kennen die
Muskelprotze und in schwarzes Leder gekleidete „Schattenmänner“. Sie lieben
ihr Image, gefährlich, unberechenbar und böse zu sein. Das trifft auch für ganze
Gruppen und Vereinigungen zu, wie beispielsweise Skinheads, Punker,
Satanisten oder die häufiger werdenden Jugendbanden.
mithilfe der „Mimese“ wird indes von einigen Menschen versucht, möglichst
unauffällig zu sein und sich zu tarnen. Sie ziehen eine Schutzmauer um ihre
Seele und geben sich unantastbar, um ihre wahre Sensibilität nicht zu
offenbaren.
Beide Formen, Täuschung und Tarnung, finden sich überall in der Natur, sind
also auch bei unseren nächsten Verwandten, den Primaten zu entdecken.
Deshalb beginnt die Verhaltensforschung der Menschen auch im Affenhaus eines
Zoos. In vereinfachter, da unverfälschter Form kann dort dasselbe
Täuschungsverhalten beobachtet werden, das auch wir an den Tag legen. Denn
so unähnlich, wie wir es gerne hätten, sind wir diesen Lebewesen nicht!
Der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass in der Natur durch
Mimikry und Mimese versucht wird, eine andere Tierfamilie oder Gattung
vorzutäuschen. Wir Menschen ändern lediglich unser Verhalten und versuchen
einen anderen Charakter zu imitieren. In unserem Sprachgebrauch gibt es auch
den „Wolf im Schafspelz“, den „Affen“, den geschwätzigen „Papageien“, sowie
allerlei andere Tierbezeichnungen zur Charakterbeschreibung eines Menschen.
Mit ein wenig Übung und dem Verständnis um die Körpersprache lassen sich
Widersprüche im Verhalten zweifelsfrei erkennen. Denn Körpersprache lügt
nicht! Wenn uns etwas widersprüchlich in der Haltung unseres Gegenübers
erscheint, dann ist es das auch! Doch ob der andere nun uns oder sich selbst
täuschen will, ob er glaubt, es bei uns zu schaffen oder es bei sich selbst sogar
tut, das müssen genauere Untersuchungen aufdecken.
Gesten und Mimik sind aber nicht nur Aktionen, die wir einsetzen, um anderen
etwas zu zeigen, sie sind ebenfalls Reaktionen, auf das was auf uns einwirkt. Ein
unbewusstes Gähnen beispielsweise signalisiert allen Beobachtern, dass wir
ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit schenken. Diese Tatsache erlaubt uns
formidable Rückschlüsse.
Wenn beispielsweise ein Student in einer Vorlesung den Kopf auf die Hände
stützt, dann muss sich dem Beobachter die Vermutung aufdrängen, dass er
gelangweilt ist. Obwohl sich der Student dieser Wirkung vielleicht nicht bewusst
ist, oder sie zumindest nicht beabsichtigt hatte, ist sie dennoch deutlich sichtbar.
Solche Analysen können unmittelbar vor einem Gespräch erfolgen und dauern
samt Auswertung und Entwicklung einer Strategie keine fünf Sekunden, wenn
wir geübt darin sind.
Die Weichen für Sympathie und Antipathie werden in der kurzen Zeit des ersten
Eindrucks gestellt. Wir suchen nach bestimmten Mustern und Eigenschaften, die
unserer Meinung nach wichtig sind. Welche dies im Einzelnen sind, variiert sehr
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von Mensch zu Mensch. Seinesgleichen zu entdecken ist in jedem Fall das
grundlegende Ziel dieser Vorgehensweise. Am meisten interessieren uns immer
die Gemeinsamkeiten und die kompletten Gegensätze bei einem anderen
Menschen.
Nun hören wir aber oft, dass der erste Eindruck trügt. Tut er das wirklich?! Ich
denke, es ist eine Frage der Übung und der Hingabe, mit der wir solche
Impressionen aufnehmen und auswerten.
Sind wir der Überzeugung, dass es falsch ist, einen Menschen vorschnell, nur
nach seinem ersten Auftreten zu beurteilen, dann ist es sicherlich besser, nicht
auf dieses Gefühl zu hören; denn es kann uns dann nur verwirren. Wenn wir
überzeugt davon sind, etwas nicht zu können, dann können wir es auch nicht!
Wer diese Analytik aber grundsätzlich praktiziert, und seinen ersten Eindruck
stets in weiteren Situationen überprüft, der kennt seine „Trefferquote“ ganz
genau. Solange wir nicht den Fehler machen, unser Wunschdenken oder
pauschale Vorurteile in unsere Interpretation einzuweben, können wir uns sehr
wohl auf das Gefühl verlassen, das der andere in uns auslöst. Beispielsweise
würde eine entspannte, offene Körperhaltung und ein wacher, interessierter
Blick auf uns alle gleichermaßen positiv wirken.
Wir sollten bei solchen Operationen aber behutsam vorgehen, und niemals
Ursache und Wirkung verwechseln. Sind unsere Eindrücke Beobachtungen oder
bereits Reaktionen auf diese? Wir kennen den anderen ja nicht und können
lediglich spekulieren, was er momentan denkt; es ist aber definitiv möglich zu
verspüren, was er fühlt.
Das sichere Erkennen erfordert eine gewisse Flexibilität. Wir müssen in der Lage
sein, auf Situationsänderungen individuell und blitzartig zu reagieren. Denn wir
wollen dem anderen ja kein Zeugnis ausstellen, sondern mit ihm in Kontakt
treten. Deshalb nützt es wenig, einige Techniken der Kommunikation zu
beherrschen, aber das Gesamte zu ignorieren. Die Kenntnis von der Theorie und
der sichere Umgang mit ihr sind eine notwendige, aber keine hinreichende
Bedingung für eine vielversprechende Verständigung.
Vielleicht erscheint es dem einen oder anderen von Ihnen grundsätzlich
unsinnig, das Kommunizieren zu erlernen, da wir ja täglich dazu gezwungen sind
und es deshalb doch eigentlich gut beherrschen sollten. Aber wir sollten nicht
vergessen, dass die Missverständnisse, die uns ständig begegnen, stets auf zwei
Menschen beruhen.
Entweder wir machen es uns leicht, indem wir davon ausgehen, dass uns der
andere falsch verstanden hat, oder wir erlernen es, uns so auszudrücken, dass
fortan wünschenswerte Klarheit entsteht. Damit tun wir uns selbst einen
Gefallen, denn wir werden besser verstanden und fortan als guter
Gesprächspartner und Zuhörer geschätzt.
Voraussetzung hierfür ist natürlich wiederum die richtige Einschätzung anderer
Menschen. Es macht einen Unterschied, ob wir beispielsweise einen
wissenschaftlichen oder juristischen Sachverhalt einem Gleichgesinnten erzählen
möchten oder einem Laien. Dasselbe gilt auch für alle anderen Botschaften, die
wir übermitteln möchten.
Häufig werden nur richtig verstanden, weil die Körpersprache und die Stimme
dem anderen Aufschluss über das Thema gegeben haben und nicht der
gesprochene Text. Wir glauben, gut anzukommen, werden aber eher durch
„Glück“ richtig interpretiert. Schwieriger wird es uns also beim geschriebenen
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Text ergehen. Soll dieser überzeugen und Sympathie erwecken, dann müssen
wir in der Lage sein, treffend und eindeutig zu formulieren.
4) Die Ebenen der Kommunikation
Wir sollten also ein grundlegendes Verständnis für die Materie entwickeln, aber
dabei nicht versuchen Perfektion anzustreben, sondern lernen, Fehler
einzukalkulieren und zu akzeptieren.
Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, alle Missverständnisse wären
vermeidbar, wenn wir nur perfekt genug kommunizieren könnten. Dies trifft
nicht zu, aber die Wahrscheinlichkeit, ein gutes und produktives Gespräch zu
führen, steigt mit dem Grad an Verständnis. Die Wirklichkeit kann nicht perfekt
sein. Das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos des Universums findet
sich auch in uns Menschen wieder.
„Jede Ordnung ist der erste Schritt auf dem Weg in ein neuerliches Chaos.“
(Albert Einstein)
Da sich Situationen erfahrungsgemäß immer anderes entwickeln, als man es
trotz aller Intuition voraussagen könnte, sollten wir unsere Zielsetzung und
einige Argumente im Auge behalten, den Rest aber flexibel handhaben und
immer bereit dazu sein, wenn nötig zu improvisieren.
Wenn wir beispielsweise einen Vortrag bis ins Detail geplant haben und beim
Gespräch merken, dass die Anwesenden bereits die Grundlagen nicht verstehen,
wäre es am Besten, unverzüglich abzubrechen und das Niveau in situ
anzupassen. Damit dies nahtlos und ohne Reibungsverlust gelingen kann, sollte
bei uns ausreichend Spontaneität und Fingerspitzengefühl vorhanden sein.
Die Basis der Kommunikation sind das Einfühlungsvermögen und die
Wahrnehmung. Also es zu erreichen, den anderen besser zu kennen und seine
weiteren Schritte vorauszusagen, ohne dabei „berechnend“ zu werden.
Einfühlungsvermögen beginnt damit, intuitiv die richtige Ebene vor einem
Gespräch festzulegen. Den Begriff „Ebene“ habe ich bereits mehrfach verwendet,
und möchte ihn nun konkretisieren.
Grundsätzlich gibt es sechs Ebenen der Kommunikation, die unserer emotionalen
Nähe zu einem Mitmenschen entsprechen. Die Wahl der Mittel, mit denen wir mit
ihm in Kontakt treten, hängt stark von unserem Verhältnis zu ihm ab.
1. Zunächst wäre die intime Nähe gegenüber dem Partner und bestem Freund zu
nennen. Es kann völlige Offenheit entstehen, da keine Gefahr droht, verraten
oder hintergangen zu werden. Aufgrund der gegenseitigen Zuneigung fällt uns
das Reden leicht. Mit Verständnis und Hilfsbereitschaft können wir rechnen,
und auch unsere Schwächen dürfen wir bekennen, ohne befürchten zu
müssen, dass dieses Wissen missbraucht wird.
2. Ein tiefer Einblick in unsere Gefühlswelt wird guten Freunden gewährt. Nur
Detailfragen, die mit der Partnerschaft, dem besten Freund oder der Zeit vor
der Freundschaft zu tun haben, werden eventuell ausgespart. Sie sind für die
Freundschaft auch nicht relevant. Dennoch ist es sinnvoll, gelegentlich
darüber zu reden, denn es kann sich in Beziehungskrisen als nützlich
erweisen, einen Außenstehenden zur Beratung heranzuziehen, und diesen
dann nicht erst in die letzten Monate und Jahre einweihen zu müssen.
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3. Selektive Offenheit gewähren wir unseren Freunden. Sie kennen uns auf den
Gebieten gut, die wir ihnen zugänglich machen, beispielsweise dem
gemeinsamen Hobby. Aber wir kennen auch die Bereiche und Themen, auf
denen wir mit ihnen nicht auf einer Wellenlänge liegen. Über diese reden wir
deshalb vorsorglich eher selten.
4. Neutralität der persönlichen Geheimnisse, aber Integration unserer Gefühle
wird Bekannten zuteil. Wir wollen wir selbst sein, uns aber nicht erklären
müssen. Unser Privatleben geht sie nichts an. Dennoch könnten sie ja
potentielle Freunde oder Partner sein. Irgendwie sind wir mit ihnen
verbunden, und bis wir herausgefunden haben wie, und das kann Jahre bis
lebenslang dauern, werden wir mit ihnen so verbleiben wie seither.
5. Misstrauen und Reserviertheit empfinden wir gegenüber Fremden. Sie sind
schwer einzuschätzen und müssen sich erst einmal beweisen. An seinem
ersten Arbeitstag in einem neuen Umfeld wird sich wohl niemand ganz offen
verhalten. Gewisse Vorsicht, was man sich erlauben kann und was lieber
nicht, muss zunächst überprüft werden. Das gleiche gilt für noch frische
Bekanntschaften. Vorsicht walten zu lassen und sich langsam anzunähern ist
immer besser, um Enttäuschungen vorzubeugen. Meist benötigen wir zwei
oder drei Blicke, um uns ein profundes Urteil über einen anderen Menschen zu
bilden. Und wozu sollten wir das auch überstürzen?
6. Abneigung und Antipathie hegen wir gegenüber Feinden. So richtige Feinde
wird sich vermutlich niemand wünschen, aber es gibt immer Oppositionelle,
die uns vielleicht früher näherstanden. Sie bilden eine potentielle Bedrohung.
Ehemalige Partner oder Freunde, die sich von uns im Streit lösten, können zur
Gefahr werden, wenn sie uns nicht mehr wohlgesonnen sind. Deshalb müssen
wir ihnen gegenüber eine konsequente Tarnpolitik betreiben und ihnen
weitere persönliche Details vorenthalten. Dasselbe gilt für diejenigen Kollegen
oder Verwandten, denen wir nicht aus dem Weg gehen können, die wir aber
partout nicht mögen. Je weniger sie von uns wissen, desto besser.
Wir können sprechen und zuhören, agieren und reagieren. Das Wechselspiel,
mal dynamisch aktiver Sender, mal passiv sensibler Empfänger zu sein, ist das
Wesen der Kommunikation. Beides ist gleichermaßen wichtig und wieder ein Yin
& Yang Effekt. Doch woran erkenne ich, welchen äußeren Standpunkt mein
Gesprächspartner hat, bevor ich mit ihm in Kontakt trete? Wie kann ich
feststellen, was er fühlt?
II. Wahrnehmung
Indem wir unsere Mitmenschen intensiver beobachten und versuchen, andere in
ihrem Verhalten und ihren Absichten zu interpretieren, sind wir in der Lage, das
richtige Werkzeug zu wählen, um anschließend gegebenenfalls an sie
heranzutreten.
„Die Geschöpfe besitzen von Natur aus die Unterscheidungskraft, die man
Wahrnehmung nennt. Wenn aus dieser Wahrnehmung eine bestimmte Spur in
der Seele zurückbleibt, führt die Erinnerung daran zur Erfahrung. Aus der
Erfahrung entsteht Können und Wissen; das Können, wenn es sich um die
Erzeugung, das Wissen, wenn es sich um das Sein handelt. Diese Fähigkeiten
stammen nur aus der Wahrnehmung.“ (Aristoteles)
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Zusätzlich zu eventuellen Vorinformationen, weil wir die betreffende Person
bereits von früher kennen, oder weil uns schon etwas über sie erzählt wurde,
müssen wir zu weiteren Informationen gelangen.
So eine Hilfe kann ein Brief des anderen sein, da die Handschrift eines Menschen
immer auch etwas über seinen Charakter aussagt. Gerade die extremen Züge
des Charakters lassen sich mit großer Sicherheit graphologisch interpretieren.
Denn die Handschrift entspringt unserem wahren Wesen und kann nur schwer
verstellt werden. Wenn beispielsweise eine scheinbar selbstbewusste Person eine
kindliche Schrift hat, dann ist ohne Zweifel bewiesen, dass dieser Mensch seine
Selbstsicherheit nur vorspielt.
Nicht „Schönschrift“ spricht für Begabung, sondern die Abweichung von der
Norm. Wer besonders leserlich und gekünstelt schreibt, ist mit Sicherheit weder
kreativ noch intelligent. Solange eine Handschrift nicht vernachlässigt wirkt, ist
eine gewisse Unleserlichkeit sogar ein Indiz für Raffinesse und emotionale
Begabung, denn sie symbolisiert Unabhängigkeit von Konventionen und innere
Freiheit.
Die wichtigste Frage ist wohl aber die nach der momentanen Stimmung eines
Menschen. Diese lässt sich am allerbesten im Moment vor einem Gespräch vis à
vis beantworten. Wir sind in der Lage, über unsere Körperbarriere hinaus
Informationen aller Art zu versenden und zu empfangen.
1) Die Arten der Wahrnehmung
Verbale Sprache und Körpersprache sind zwar die offensichtlichsten Methoden zu
kommunizieren, aber wir nehmen Reize und Informationen prinzipiell auf fünf
verschiedenen Wegen auf:
1. Visuell, also mit den Augen. Wir sehen Farben, Muster, Entfernungen und
Bewegungen. Wir erkennen komplexe Situationen „mit einem Blick“ und
schätzen die Lage danach ein.
2. Auditiv durch Klänge. Die Geräusche verdeutlichen den visuellen Eindruck,
indem sie ihn bestätigen oder widerlegen. Ist es seltsam still für diese
Gegend? Redet eine Person besonders laut oder mit einer unangenehmen
Stimme?
3. Gustatorisch, mit dem Geschmackssinn. Wir merken es, wenn eine Situation
„nach Verrat schmeckt“ oder ein Mensch „sauer“ ist. In unserem Alltag haben
wir zwar nur selten so intimen Kontakt, um eine Person tatsächlich zu
schmecken, wenn das aber, wie in der Partnerschaft, möglich ist, legen wir
großen Wert auf diesen Sinn.
4. Kinästhetisch, mit Empfindungen, die durch Körperkontakt ausgelöst werden.
Berührungen können uns extrem viel mitteilen. Sie übermitteln Standpunkte,
soziale Aspekte und Rangfolgen. Es gibt vermutlich kaum ein Buch über
Körpersprache, das nicht besonders auf den ersten physischen Kontakt
unserer Gesellschaft eingeht; das Händeschütteln.
5. Olfaktorisch. Mit dem Geruchssinn loten wir aus, ob eine Situation „brenzlig“
ist, „etwas stinkt“ oder wir jemanden „gut riechen können“.
Dabei bevorzugen wir stets einen dieser Sinne. Erkennen wir, welche Art unser
Gegenüber bevorzugt, können wir aus diesem Wissen Kapital schlagen. Die
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Sprache, mit der wir uns bevorzugt an ihn richten sollten, setzt sich
überwiegend aus unserem Beziehungsverhältnis zu ihm und seiner favorisierten
Wahrnehmungsart zusammen.
Um mit einem vorwiegend visuellen Menschen näher in Kontakt zu treten,
müssen wir ihm ein „Bild“ der Situation machen. Der kinästhetisch
wahrnehmende Mensch möchte geistig „berührt“ werden, und der Auditive
beurteilt sehr unseren Tonfall, unsere Sprechgeschwindigkeit und akustische
Stabilität. Die schönsten Bilder und Argumente bleiben bei ihm wirkungslos,
wenn ihn unsere Melodie nicht verzaubert und mitreißt.
Es ist, wie wir bereits mehrfach sehen konnten, ökonomischer, sich mit seinem
Gegenüber zu synchronisieren, also phasengleich aufzutreten.
Letztendlich ist das Ziel bei jedem Kommunikationsversuch, uns mithilfe unserer
Fähigkeiten mit unserem Gegenüber zu verbinden, also Kongruenz zu erzeugen.
„Kongruenz“ bedeutet Deckungsgleichheit; sie kann in Form des Sprechtempos
oder der Stimmlage erreicht werden, ist aber vor allem in puncto Wortwahl und
Gesichtsausdruck gegeben.
Wir sollten also unseren Standpunkt mit der Wahrnehmung unseres
Gesprächspartners in Einklang bringen. Weil es, wie wir bereits erörtert haben,
besser ist, jemanden zu überzeugen, als ihn zu überreden, müssen wir, um nicht
wirkungslos oder aufdringlich zu sein, die Idee so präsentieren, wie sie der
andere am liebsten aufnehmen würde. Da wir inhaltlich unsere Idee unverändert
lassen, und dem anderen nur in der Art ihrer „Verpackung“ entgegenkommen,
können wir unserer ursprünglichen Absicht dennoch treu bleiben.
Es wäre falsch, sich zu verstellen, denn würden wir heucheln und nur gespielte
Freundlichkeit
oder
lockeres
Verhalten
zeigen,
wäre
dies
ein
Manipulationsversuch und würde scheitern. Wenn wir aber ganz wir selbst sind
und nur unsere „Sprache“ angleichen, um es dem Gesprächspartner lediglich
etwas einfacher machen, uns zu verstehen, handelt es sich nicht um Betrug.
Assimilieren können wir unser Temperament, unsere Wortwahl, die Art zu
sprechen und die Wahl der Begriffe. Im übertragenen Sinne kann damit auch
eine Körperhaltung gemeint sein. Sitzt unser Gegenüber, dann sollten wir uns
ebenfalls setzen, um auf einer gemeinsamen Augenhöhe zu sein.
Stehenzubleiben würde so wirken, als ob wir gleich wieder gehen wollten, also
desinteressiert und arrogant oder sogar bedrohlich.
2) Körpersprache
Da wir anfangs so gut wie keine Informationen über einen Mitmenschen haben,
müssen wir zunächst aus seinen Bewegungen Rückschlüsse ziehen.
Eigentlich kann ich die Körpersprache gar nicht mehr isoliert betrachten, da wir
sehen konnten, dass sie mit der Wahrnehmung ebenso verflochten ist, wie mit
der verbalen Kommunikation. Körpersprache ist die ursprünglichste, reinste und
exakteste Form der Kommunikation, wenn man sie versteht und zu
interpretieren weiß. Mit ihrer Hilfe werden Zustände ausgedrückt, nicht mehr
und nicht weniger. Das macht sie unmissverständlich
Durch die Körpersprache senden wir ununterbrochen Signale aus; im Gegenzug
empfangen wir die Signale unserer Mitmenschen. Die Interpretation dieser
Signale fällt uns bei Personen, die wir gut kennen natürlich leichter. Doch auch
Menschen, die wir noch nie zuvor gesehen haben, übermitteln uns augenblicklich
eine Botschaft.
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Und je nachdem, wie wir uns selbst generell, und in diesem speziellen Moment
fühlen, werden wir unsere Reaktion gestalten. Körpersprachlich zumindest auf
jeden Fall, denn das könnten wir gar nicht verhindern.
Ob unsere verbale Reaktion dann kongruent mit unserer Bewegung ausfällt oder
nicht, ist eine Frage unserer Ehrlichkeit. Grundsätzlich haben wir zum Reagieren
ein Repertoire an Möglichkeiten, von dem fünf rein und ursprünglich sind:
1. Angriff. Wir gehen auf direkte Konfrontation. Adrenalin wird ausgeschüttet,
unser Herz schlägt schneller und unsere Muskeln werden aktiviert.
2. Flucht ist die Alternative zum Angriff. Der Körper bereitet sich genauso auf sie
vor, denn der Entschluss, ob wir angreifen oder flüchten wird kurzfristig
getroffen. Wenn der Gegner zu mächtig für uns ist, nehmen wir unverzüglich
unsere Beine in die Hand.
3. Hilfe suchen. Wenn wir alleine überfordert sind und dennoch nicht flüchten
können oder wollen, werden wir versuchen, Hilfe aufzutreiben.
4. Gelingt das nicht, werden wir uns, wenn möglich, verstecken.
5. Zuletzt bleibt uns nur noch die Unterwerfung. Vielleicht haben wir Glück und
werden verschont.
Dies sind archaische Verhaltensweisen, die unseren frühen Vorfahren das
Überleben gesichert haben, die aber auch heute noch immer aktiv und wirksam
sind. Uns begegnen tagtäglich Menschen, die sich auf eine dieser fünf Arten
präsentieren.
Und genau darum geht es: Wir wirken in jedem Moment und können das weder
verbergen noch wirklich überspielen. Das ist der überragende Vorteil der
Körpersprache.
Tritt uns beispielsweise ein Mensch entgegen, mit gebeugter Haltung und
schlaffen Armen, die lose am Körper baumeln, und der zudem verkrampft wirkt,
dann können wir ausschließen, dass er uns im nächsten Moment (verbal)
angreift oder vor uns flüchtet.
Denn er zeigt die Symptome einer „nicht vollzogenen Fluchtreaktion“. Er hätte
gar nicht die nötige Luft in den Lungen, um eine Bedrohung für uns darzustellen;
seine Arme sind keine Waffe und er ist zu verkrampft zum Handeln.
Er gibt sich passiv, und allein das zu wissen, eröffnet uns Möglichkeiten. Wir
könnten ihn mit neuen Ideen und Motivation „öffnen“ und „für uns stark“
machen. Denn wir wirken im selben Moment auch auf ihn. Falls wir ihn wieder
aufrichten, wird er sich dafür mit Aufmerksamkeit revanchieren.
Widersprüchliche Gefühle drücken sich in der Körpersprache besonders deutlich
aus. Wir übertreiben körpersprachlich, aber da wir das wissen, und jeder Mensch
versucht, sich von seiner „Schokoladenseite“ zu präsentieren, können wir
abschätzen, wie viel von dem Gezeigten wahr und realistisch ist.
Die richtige Einschätzung des Charakters erleichtert es uns, den Bonus oder
Malus zu ermitteln, den wir zu seinen Bewegungen hinzurechnen müssen.
Histrionische Persönlichkeiten übertreiben maßlos, während schizoide Personen
ohnehin sparsam mit ihren Bewegungen sind. Aber Zeichen geben uns alle,
niemand steht völlig regungslos da. Deshalb wir uns auch unwohl, wenn sich
jemand überhaupt nicht rührt, während er uns beobachtet. Er ist aufgrund
seiner unterlassenen Körpersprache schwer einzuschätzen; wird also
prophylaktisch als „Bedrohung“ eingestuft.
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Würde jemand beim Sprechen regungslos dastehen, ergeben sich andere
Schlussfolgerungen Unterstreicht jemand seine Worte nicht mit Bewegung,
verlieren wir unsere Neugier und er seine Glaubwürdigkeit. Denn es bedeutet
schließlich, dass er nicht tun möchte, was er sagt. Oder dass er nicht wirklich
hinter seinen Aussagen steht, also selbst begeistert und überzeugt von ihnen ist.
Wenn er andererseits das Gesagte durch maßvolle Bewegungen hervorhebt,
müssen wir „Schritthalten“, um auch geistig mitzukommen und seinen
Ausführungen zu folgen. Wir werden bewegt, berührt und können die „Begriffe“
des anderen nicht nur hören, sondern regelrecht spüren.
Wenn wir das auch können möchten, müssen wir auf einige Punkte achten. Ein
fester Stand „erdet“ unsere Energie. Wer massiv auf beiden Beinen steht, als
wäre er eine Festung, aber zugleich die Kraft besitzt, um elegant zu schweben,
der fesselt seine Beobachter. Durch synchrone Bewegungen können wir sie dann
gezielt beschwören und bannen. Körperbeherrschung, also die Perfektion dieser
„Kunst“, fasziniert uns nicht zuletzt deshalb, weil die Energie fast schon sichtbar
wird. Ein langsamer, königlicher Gang, der aber frei von Eitelkeit und Arroganz
ist, gibt anderen die Zeit, unsere Ausstrahlung zu erkennen. Ein hektisches Hinund Herrennen lässt sie dagegen völlig kalt. Arhythmische und unbalancierte
Bewegungen sprechen für Nervosität, die uns ansteckt und unzufrieden macht.
Wir vermeiden es instinktiv, mit Menschen zu sprechen, die schon durch ihre
Ausstrahlung unsympathisch, uninteressant oder unzufrieden auf uns wirken.
Und auch wir möchten mit unserer Umgebung allein durch unsere Anwesenheit
kommunizieren. Jeder Mensch versucht in irgendeiner Form beachtet zu werden.
Narzisstische Menschen gehen dabei offensichtlich vor und setzen sich in Szene.
Selbstunsichere Menschen möchten nur einigen wenigen Menschen auffallen und
sind dabei eher zurückhaltend. Aber uns allen ist gemeinsam, dass wir nur durch
die Interaktion mit der Gruppe lebensfähig sind. Isolationshaft zählt im
Gefängnis deshalb auch zu den härtesten Strafen, denn sie bedeutet
Deprivation.
Körpersprache ist ein hervorragendes Mittel zum Ausdruck, denn wir können
unsere Bewegungen und damit unsere Gefühle, maßvoll dosieren. Bei einer Rede
vor einer Gruppe müssen wir mit großen Gesten argumentieren, ähnlich wie
Theaterschauspieler. Im intimen Zwiegespräch hingegen genügen oft kleine
Blicke, um dem anderen Nachrichten zu übermitteln. Die Verhältnismäßigkeit
unserer Bewegungen, je nach Anlass, ist der Schlüssel zu einer gelungenen
Übermittlung unserer Botschaften.
Das sind aber nur einzelne Sätze unter vielen in der Sprache des Körpers. Unser
Temperaturempfinden ist ein weiterer. Eine Gefahr zu erspüren, ob sie uns nun
akut „im Nacken“ sitzt, oder in ferner Zukunft droht, setzt unsere Körperwärme
herab. Es läuft uns kalt den Rücken herunter und wir zittern vor Furcht.
Eine besondere Rolle spielen die Augen, die ihrerseits mit den Ohren in Kontakt
stehen. Wenn jemand seinen Blick bündeln möchte, dann greift er sich ans
Ohrläppchen. Dort sitzt der Akupunkturpunkt für die Augen. Durch Augenkontakt
beziehen wir Stellung; wer unseren Blicken ausweicht, fürchtet eine
Stellungnahme. Schon beim ersten Treffen drücken wir Interesse und Sympathie
mit der Länge unseres Blickkontaktes aus. Blicke, die nur ein kleinwenig länger
als üblich dauern, signalisieren: „Ich mag Dich“. Zu lange und starre Blicke sind
dagegen ein Zeichen für Aggression. Unsere Augen sprechen eine mächtige
Sprache.
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Wir können das testen, indem wir uns einfach mal vornehmen, unseren Blick
nicht als erster abzuwenden und beobachten, ob das unseren Gesprächspartner
irritiert. Generell sollten wir unsere Fähigkeiten nicht an „Versuchskaninchen“
ausprobieren, aber das ist ein vergleichsweise harmloses Spiel.
3) Ganzheitliche Wahrnehmung
Wir nehmen unentwegt Kontakt mit der Umgebung auf, auch wenn es manchen
von uns gar nicht bewusst ist. Unser erster Eindruck entscheidet, ob wir damit
erfolgreich sein werden, und dieser basiert vor allem auf drei Faktoren.
Betrachten wir eine uns bisher fremde Person, die in den Raum betritt, indem
wir uns befinden, dann stellen sich drei Fragen:
1. Wie steht es um ihre Standhaftigkeit, also dem stabilen Zentrum und dem
Bodenkontakt? Kommt sie ins Zimmer hereingeschlendert oder eher nüchtern
daher? Von ihrem physischen Gleichgewicht lassen sich grandiose
Rückschlüsse auf das psychische ziehen.
2. Hält sie sich an das ungeschriebene Gesetz der harmonischen Distanz, also
dem Gespür für den richtigen Abstand zu uns? Fremde sollten uns mindestens
um eine Armeslänge vom Leib bleiben, sonst werden sie zur Bedrohung.
Selbst in großen Menschenmassen, wie auf Konzerten, gilt diese Regel.
3. Wie steht es mit der fließenden und somit ehrlichen Bewegung, die uns
Auskunft über ihre Motive gibt. Steht ein Angriff bevor? Oder will sie uns
gleich ansprechen?
Diese Faktoren sind uns schon einmal begegnet; sie sind die Schlüsselelemente
des Aikido. Und sie sind unsere körperliche Verbindung zur natürlichen
Harmonie. Indem wir uns natürlich geben, signalisieren wir automatisch unsere
ehrlichen Absichten und werden auf Vertrauen stoßen.
Ganz im Gegensatz dazu stehen beispielsweise der gesenkte Blick, der
Unterwerfung darstellt oder die hochgezogene Augenbraue und der „gespitzte“
Mund, die uns Skepsis verraten.
Indem wir unsere Bewegungen langsam und betont und nicht fahrig gestalten,
unterstreichen wir das gesprochene Wort. Natürlich könnte das im Einzelfall auch
auf „Dominanz“ hinweisen; es kommt, wie so oft, auf den Kontext aller
Bewegungen an. Der Unterschied ist deutlich sichtbar im Gesamtbild einer
Person.
Eine offene Hand ist ein Zeichen dafür, dass wir positiv auf andere zugehen. Wir
„spielen mit offenen Karten“ und verstecken keine Informationen. Oder sogar
Waffen, denn allein die geballte Faust stellt eine Waffe dar. Im Tierreich verbirgt
die geschlossene Hand auch beispielsweise Nahrung, die man nicht teilen
möchte.
Ein gutes Zeichen für stimmige Gespräche ist die Synchronizität unserer
Bewegungen
mit
denen
unseres
Gesprächspartners.
Gesten
und
Gesichtsausdrücke werden unbewusst kopiert; es wird damit gezeigt, dass man
dasselbe Ziel verfolgt.
Beobachten wir andere Personen, die in ein angenehmes Gespräch vertieft sind,
dann werden wir den Eindruck nicht los, sie wären wie Bild und Spiegelbild. Wie
durch Schnüre verbunden, werden ihre Bewegungen über die Distanz an den
anderen unmittelbar weitergereicht.
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Überhaupt ist es eine amüsante Beschäftigung, sich mit einem guten Freund auf
eine zentral gelegene Bank in der Innenstadt zu setzen, und dem Treiben im
„Menschenzoo“ als stiller Beobachter beizuwohnen.
Besonders Kinder und Babys beherrschen die Zeichensprache perfekt. Dabei
entwerfen sie ihre eigenen Signale. Indem wir erlernen, sie zu verstehen,
können wir erfolgreich mit Babys kommunizieren, lange bevor sie die akustische
Sprache erlernen. Tierfreunde stimmen mir sicherlich zu, wenn ich behaupte,
dass wir auch mit Katzen hervorragend kommunizieren können, und ich bin
sicher, dass dies für alle höheren Tiere gilt.
Sobald wir damit beginnen, nicht nur Sachinformationen, sondern vor allem
Gefühlszustände zu unserer Interpretation heranzuziehen, können wir
unglaublich effektive Vorhersagen treffen; selbst bei Tieren. Keine Katze kann
mir signalisieren, dass sie jetzt Fisch essen möchte. Aber sie kann mir
unmissverständlich mitteilen, dass sie Hunger hat und von mir verlangen, dass
ich ihren Geschmack errate. Sie hilft mir sogar, indem sie mit einem deutlichen
Naserümpfen signalisiert, wenn ich mit meiner Wahl keinen Treffer gelandet
habe. Dann schmäht sie das Futter und besteht auf einen weiteren Versuch.
Bei solchen Interpretationen spielt wieder einmal das ganzheitliche Verständnis
eine entscheidende Rolle. Wir nehmen nicht nur Fakten, sondern auch die
Gefühlswirklichkeit unseres Gegenübers wahr. Und Letztere ist eine Tatsache;
sie ist weder richtig noch falsch.
Deshalb sollten wir sie zwar auch stets wahrnehmen, aber niemals angreifen.
Wir werden noch sehen, dass dies der häufigste Fehler bei unproduktiven
Dialogen ist. Wir spüren Inkongruenz beim anderen, die in uns Zweifel an seiner
Glaubwürdigkeit aufkommen lassen. Aber anstatt auf das Gesagte, also den
Sachverhalt einzugehen, greife ich ihn in seinem Wesen an. Er fühlt sich bedroht
und wird sich verteidigen müssen. Ein unnötiger Konflikt wird entfacht.
III. Interpretation
Das Gefühl, etwas wäre für uns „bedrohlich“ ist keine Wahrnehmung mehr,
sondern bereits eine Interpretation dieser. Sachverhalte werden aufgenommen
und quasi zeitgleich sortiert, verglichen und bewertet.
Reaktionen müssen umgehend erfolgen, deshalb bleibt uns wenig Zeit, alles fein
säuberlich zu hinterfragen. Daher müssen wir in der Lage sein, relevante
Aussagen unmittelbar herauszuhören. Das Wort „Liebe“ beispielsweise reicht von
einem einfachen sexuellen Abenteuer bis zur mystisch sublimen Vereinigung
zweier Menschen. Ein Wort ist nur so aussagekräftig, wie der es umgebende
Kontext.
1) Interpretationsebenen
Wenn wir kommunizieren, geht es dabei stets um mehr, als um die inhaltliche
Aussage. Jede Mitteilung, die wir senden und empfangen, enthält vier
verschiedene Arten von Informationen:
1. Sachinhalt. Worum geht es? Vermittelt werden Zahlen und Fakten. Wann
beginnt die Veranstaltung? Wie viel kostet der Gegenstand? Wo genau soll ich
im Gebäude warten? Ein konkreter oder abstrakter Sachverhalt wird erklärt.
2. Beziehung. Was denke ich über den anderen? Wir drücken unserem
Gegenüber mit der Art, wie wir sprechen aus, was wir von ihm halten. Das
müssen wir nicht unbedingt betonen, denn meist ist unsere Wortwahl bereits
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speziell auf ihn zugeschnitten. Kommuniziere ich offensichtlich auf einer
anderen Ebene oder missachte ich seine Art der Wahrnehmung, dann gleicht
das einem Affront. Außenstehende bemerken dies oft nicht, da das Gespräch
für sie „korrekt“ und frei von Beleidigungen abläuft. Umgekehrt ist es auf der
Beziehungsebene auch zwei Verliebten möglich, „durch die Blume“
Informationen auszutauschen, die ein anwesender Dritter nicht entschlüsseln
kann, da sie nicht für seine Ohren bestimmt waren.
3. Appell. Was erwarte und erhoffe ich von meinen Gesprächspartner? Wir
verfolgen ein bestimmtes Ziel und streben, oft auch unbewusst, darauf zu.
Dazu fordern wir andere Personen direkt oder indirekt dazu auf, uns zu
unterstützen.
4. Selbstaussage. Was geht in mir gerade vor? Unsere Meinungen, Gefühle und
Ansichten schwingen sprachlich und nonverbal mit. Mein Standpunkt wird
durch meine Selbstaussage offen dargelegt.
Diese vier Aspekte sind völlig gleichwertig und in verschiedenen Anteilen in jeder
Botschaft enthalten. Deshalb bedeutet erfolgreiche Kommunikation auch nicht,
immer nett und freundlich zu sein, sondern völlige Ehrlichkeit und die maximal
angemessene Offenheit zu zeigen.
Es ist im Gegenteil sogar eher schädlich, sich überfreundlich und wenig ernsthaft
zu geben. Denn wer von uns hasst sie nicht, die ewig grinsenden Zeitgenossen,
die uns mit ihrer notorisch guten Laune nerven?
Geübten Lügnern mag es gelingen, andere zu täuschen, aber das ist gar nicht so
einfach. Haben wir den Verdacht, eine Aussage enthält Widersprüche oder ist
unvollständig, dann sollten wir den anderen mit direkten Fragen zum Vorfall
konfrontieren. Die Ermittler der Polizei verwenden diese Methode, um einem
Verdächtigen „auf den Zahn zu fühlen“.
Denn es ist unglaublich schwierig, über mehrere Sätze verteilt eine völlige
Kongruenz aufrechtzuerhalten, wenn der Inhalt einer Aussage bewusst unwahr
dargestellt wird. Dies könnte nur gelingen, wenn jemand wirklich der
Überzeugung ist, die Wahrheit zu verkünden, sich also selbst täuscht.
Die Gefühle, die bestimmte Tatsachen und Botschaften in uns auslösen, müssen
den anderen also immer erreichen, da er sonst nur die halbe Wahrheit erfährt.
Damit würde er nicht zufrieden sein. Selbst eine schöne Verpackung ist nur
etwas wert, wenn ihr Inhalt vollständig ist.
Um es deutlich zu unterscheiden: Den Sachinhalt und die Informationen über
uns sollten wir je nach Beziehungsverhältnis dosieren. Aber unsere Gefühle
müssen jedem Gesprächspartner offengelegt werden, egal ob Freund oder Feind.
Gefühle zurückzuhalten aus Scham, Vorsicht, „Prinzip“ oder anderen Gründen,
schadet ausschließlich uns selbst!
Gefühle zu äußern ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern rundet unsere
inhaltlichen Aussagen zu einem Gesamtbild ab und gibt ihnen ihr Gewicht.
Anders gesagt: Eine sachliche Aussage ohne Unterstreichung mit Gefühlen wird
vom anderen gar nicht akzeptiert, sondern nur „zur Kenntnis genommen“. Es
bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als einen adäquaten Teil unserer
Gefühle sichtbar zu machen, da wir sonst keinerlei Effekte auslösen. Der
(emotionale) Inhalt einer Aussage kann dabei grundsätzlich auf zwei Arten
präsentiert werden:
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1. Explizit, unsere Aussage beinhaltet eine konkrete Botschaft. Wir sprechen
beispielsweise in Worten aus: „Ich kann Dich nicht leiden!“ Wir beurteilen
offen unser Gegenüber oder unterstellen ihm etwas, dann ist die Lage
eindeutig und unmissverständlich
2. Implizit, also indirekt. Eine implizite Botschaft kann beispielsweise aus einem
scharfen Blick bestehen. Dieser kann wirken, aber auch verpuffen. Vor allem
passiv-aggressive Menschen verwenden solche „diplomatischen“ Methoden,
um sich bei Bedarf von ihren Botschaften elegant distanzieren zu können.
„Das habe ich aber nicht gesagt“, ist ihre Rechtfertigung, wenn sie damit
anschließend konfrontiert werden. „Gesagt“ haben sie es zwar nicht, aber mit
Sicherheit „zum Ausdruck gebracht“.
Und so ergibt es sich letztendlich, dass wir uns entweder völlig kongruent
ausdrücken oder inkongruent, je nachdem ob alle vier Aussageformen dieselbe
Botschaft enthalten, die richtige Gewichtung erhalten, wir die gleiche „Sprache“
wie unser Gegenüber sprechen, und unsere Absicht explizit oder implizit
übermitteln.
2) Verbale Kommunikation
Warum sind Kongruenz und Transparenz eigentlich so wichtig für eine gelungene
Kommunikation? Was geschieht denn, wenn sie unterbleiben?
Einmal angenommen, wir sehen jemand anderen böse an und sagen etwas
Gemeines. Dann ist unsere Handlung stimmig. Die Absicht ist zweifelsfrei und
klar herausgestellt und ein Missverständnis nahezu ausgeschlossen.
Inkongruent wäre es beispielsweise, wenn wir ironisch sagen würden, dass uns
seine Probleme am Herzen liegen, aber dabei eher frohlocken und feixen, als
betroffen auszusehen und zu klingen. Wenn wir solche Ironie nicht beabsichtigen
oder diese Form des Humors nicht sicher beherrschen, dann wird unsere
Botschaft verzerrt ankommen, da sie dem Gefühl, welches wir in unserem
Gegenüber auslösen, untergeordnet wird.
Er wird annehmen, dass wir ihn nur verhöhnen, selbst wenn wir das gar nicht
beabsichtigt haben, sondern die Situation nur etwas weniger dramatisch als er
betrachten.
Manche Psychologen warnen deswegen pauschal vor zu viel Ironie, da viele
unserer Mitmenschen die Aussagen für bare Münze nehmen. Es gehört
tatsächlich eine große Portion an Vielseitigkeit im Kommunizieren und dem
Lösen von Rätseln dazu, um die wahre Aussage zu verstehen. Doch ich finde es
bedauerlich, dass gerade dieser subtile Humor immer seltener anzutreffen ist, da
ihn leider viele Menschen missverstehen
Was lernen wir daraus? Eine Interpretation erfolgt immer zuerst aus dem Gefühl,
dann erst aus dem Sachinhalt. An der Pforte zu unserem Bewusstsein werden
nur die kongruenten Botschaften durchgelassen. Wenn uns unser Gefühl meldet,
dass etwas nicht stimmt, dann wird die Aussage kritischer geprüft, bis wir
herausgefunden haben, was uns stutzig gemacht hat. Eine solche Nachricht
gelangt gar nicht erst bis zur gewünschten Stelle. Es nützt einem Redner also
beispielsweise wenig, wenn er auf der sachlichen Seite recht behält, zugleich
aber auf der Beziehungsseite verliert.
Einmal angenommen, Sie und Ihr Partner streiten, und dieser behauptet
zurecht, aber übertrieben und verallgemeinernd: „Wir gehen niemals aus!“
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Diese Aussage könnten Sie sachlich auffassen und mit „Stimmt!“ quittieren. Aber
sicherlich würde Ihrem Partner Ihr einseitiges Feedback nicht genügen. Denn er
wollte keine Bestätigung einer Sachaussage, sondern trug implizit ein Anliegen
vor.
Gemeint war: „Ich möchte ausgehen“ (Selbstoffenbarung), „mit Dir!“
(Beziehung), „und zwar bald!“ (Appell).
Ihre Antwort war insofern zwar korrekt, deckte sich aber nicht mit dem Zustand,
der Frage und der Gefühlswirklichkeit Ihres Partners. Folglich war sie unpassend
und wird keine Harmonie erzeugen.
Missverständnisse basieren zumeist auf der Annahme von Informationen auf der
falschen Verständnisebene. Nur, wenn die Aussage auf der Ebene empfangen
wird für die sie bestimmt war, kann ein fruchtbarer Dialog entstehen. Deswegen
befinden wir uns auch mit manchen Menschen von vorneherein „auf einer
Wellenlänge“.
Unsere Botschaften werden von ihnen automatisch richtig verstanden und
reflektiert, da sie uns vom Charakter her ähneln. Solche Personen sind
potentielle Kandidaten für unseren Freundeskreis, denn es würde nicht schwer
sein, sie in unser Leben einzuweihen, weil sie uns bereits verstehen.
3) Missverständnisse
Wir beurteilen jedes Gespräch und prüfen den anderen auf Übereinstimmung,
denn wir wollen erkennen, wie er auf unsere Aussagen reagiert.
Missverständnisse kann es aber grundsätzlich immer geben, auch unter guten
Bekannten.
Manch einem fehlt es an Präzision in den Berichten, der andere vermisst die
Beziehungsseite in einer Unterhaltung. Einen Dritten stört es, dass sein
Gegenüber zwar viel zum Thema sagt, aber über seine eigene Person und
Meinung kaum etwas preisgibt.
Es scheint gar nicht so einfach zu sein, das richtige Verhältnis aller Elemente
herauszufinden. Es gibt Zeitgenossen, die wollen kurz und prägnant informiert
werden, während andere dies als unhöflich und uninteressiert deuten würden.
Andere machen viele Worte, um ganz sicherzugehen, dass alles richtig
verstanden wird, und ernten dafür die Kritik, sie würden zu viel reden.
Emotional begabte Menschen können simultan auf allen vier Ebenen
kommunizieren, und zwar mit großer Flexibilität. Sie beherrschen die
Übersetzung der verschiedenen „Sprachen“ und dolmetschen gegebenenfalls
zwischen zwei Personen, die sonst nicht miteinander auskommen könnten.
Es ist das tägliche Brot eines Diplomaten oder Politikers, den richtigen Ton zu
treffen, ohne sich endgültig festlegen zu müssen. Die Kunst der Rhetorik erlaubt
es ihm, auf implizite Weise für ein Gefühl von Vollständigkeit einer Antwort zu
sorgen, also den anderen mithilfe von Redegewandtheit und Charme glauben zu
machen, seine Frage wäre beantwortet worden, ohne dies tatsächlich getan zu
haben.
Auch die Übersetzung zwischen den Geschlechtern bereitet manchen Menschen
Schwierigkeiten.
Zwischen
Männern
und
Frauen
herrscht
oft
ein
Kommunikationsproblem, da sie von Natur aus auf unterschiedlichen Ebenen
kommunizieren.
Das ganzheitliche, aber diffuse und weniger zielorientierte Verständnis der Frau,
trifft auf die eindimensionale und präzise, aber absolute und kompromisslose Art
des Mannes. Zudem übertreiben Männer ganz gerne in ihren Aussagen, was sie
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aber nicht bewusst vollziehen, sondern automatisch, um den Kern einer Aussage
zu unterstreichen, und um sich selbst zu loben. Wenn Frauen schwindeln, dann
meist, um Streit und leidige Diskussionen zu vermeiden.
Eine weibliche Aussage „Blau gefällt mir besser als Rot“, können emotional
begabte Menschen in ein männliches, „Ich kann Rot nicht ausstehen! Schenke
mir bloß nichts Rotes!“ übersetzen, und umgekehrt.
Ein Mann der sagt, „Das ist so!“ meint damit eigentlich, „Ich bin der Ansicht,
dass es so ist“. Eine Frau die betont, „Es ist mir egal, ob Du mir schreibst...“,
ergänzt in Gedanken, „...aber wenn Du es nicht tust, dann bin ich schwer von
Dir enttäuscht“. Beide Geschlechter verkürzen ihre Aussagen, um schneller
reden zu können.
Eine korrekte Absage auf die Einladung in ein italienisches Restaurant könnte
beispielsweise lauten: „Italienisches Essen schmeckt mir prinzipiell gut, doch
heute Abend möchte ich lieber woanders essen.“ Dieser Satz ist zwar gelungen,
aber viel zu lang, deshalb würde sich niemand so umständlich ausdrücken.
Ein Mann würde diesen Satz verkürzen zu: „Doch nicht italienisch!“, während
eine Frau zögernd und vorsichtig fragt: „Ich weiß nicht; du willst also dorthin?“
und dabei hofft, der Vorschlag wird zurückgenommen oder gewandelt.
Ein Mann der sich echauffiert, „Du willst nach Spanien in den Urlaub? Nee,
Spanien taugt nichts!“, meinte in weiblicher Sprache damit lediglich: „Spanien ist
eine interessante Idee. Aber wir sollten auch noch andere Orte in Betracht
ziehen!“
Inhaltlich identisch bewirkt die erste Aussage beim weiblichen Geschlecht heftige
Reaktionen. Sie wird fälschlicherweise als Angriff auf den Vorschlag gedeutet.
Dabei ist der Mann völlig überzeugt davon, es „ganz normal“ gesagt zu haben.
Denn wenn er zu einem anderen Mann sagen würde, Spanien sei „eine
interessante Idee“, bräuchte sich nicht zu wundern, wenn dieser daraufhin sofort
bucht. Es wäre für ihn eine Zustimmung, weil es nicht abgelehnt wurde.
Eine Frau hingegen wüsste, dass „eine interessante Idee“ eine subtile, aber
eindeutige Ablehnung war, denn sie hat keine Zustimmung auf ihren Vorschlag
erhalten.
Der Kniff liegt in der Übersetzung. Frauen benutzen überwiegend eine wertfreie
und urteilsfreie Form der Kommunikation, um sich selbst mitzuteilen. Wenn sie
urteilen, dann explizit. Männer hingegen urteilen implizit über alle Situationen
und Zustände und glauben dabei objektiv zu sein. Sie fühlen sich dazu berufen,
ihre Meinung und ihr Urteil stets zu äußern.
Auch zu viel Betonung einer Ebene in einem Gespräch kann gefährlich sein.
Selbst wenn es uns gelänge, dem anderen direkt „aus der Seele“ zu sprechen,
verliert er bei längerem Verbleib auf dieser Ebene seine Neugier. Eventuell
erzeugen wir dadurch sogar Misstrauen, denn es ist verdächtig und gefährlich,
wenn wir zu weit in seine Autonomie vordringen können. Es gibt einige Punkte,
die wir beim dolmetschen und kommunizieren diesbezüglich beachten müssen.
1. Zuviel Sachinhalt macht kleinlich und rechthaberisch. Wer überwiegend
logisch denkt und versteht, der vergisst dabei leicht, dass der Mensch kein
Computer ist, der mit Informationen gefüttert werden möchte, sondern ein
soziales Wesen, dem es überwiegend darum geht, Informationen auszuwerten
und einzusetzen, um zufrieden zu sein. Deshalb macht beispielsweise vielen
Büromenschen ihre Arbeit keinen Spaß, denn es fehlt ihnen an
Ganzheitlichkeit in ihrer Tätigkeit.
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2. Zuviel Selbstoffenbarung zu zeigen, könnte andere daran hindern, ihre
Meinung zu einem Thema zu äußern. Sie gewährt uns die Möglichkeit,
unseren Standpunkt klar zu vermitteln, und hilft beispielsweise einem
Psychotherapeuten dabei, der auf dieser Ebene besonders gut wahrnehmen
können muss, seine Diagnosen zu stellen. Er muss sich selbst ausklammern
und unsere Probleme als „Fall“ betrachten können. Daher ist unsere
Selbstoffenbarung eine Hilfe, birgt für ihn aber auch das Risiko zu
„psychologisieren“, also hinter jedem Satz eine bedeutungsschwere Aussage
zu vermuten. Aktives Zuhören auf dieser Ebene ist sehr empfehlenswert, aber
die Interpretationen die wir auf der Selbstoffenbarungsseite gewinnen,
müssen doppelt und dreifach geprüft werden.
3. Zuviel
Beziehung
verkompliziert
einfache
Sachverhalte.
Auch
beziehungsneutrale
Aussagen
bekommen
vom
Zuhörer
einen
beziehungsrelevanten Touch angedichtet. Ich denke, jeder von uns kennt
Menschen, die immer alles auf sich beziehen.
4. Zuviel Appell in den Aussagen erzeugt eine Erwartungshaltung und
Polarisation zwischen den Gesprächsteilnehmern. Appelle sind nicht immer
wirksam, besonders wenn wir sie zu häufig gebrauchen. Dann reagiert unser
Gegenüber eventuell trotzig und verliert die Lust an einer freiwilligen
Anteilnahme, da diese von ihm erwartet wird.
Der paradoxe Imperativ: „Sei spontan!“ veranschaulicht die Unmöglichkeit einer
richtigen Reaktion auf einen Appell. Auch die häufig propagierten Selbstappelle
bleiben ohne Wirkung. Es ist einfach nicht möglich, „auf Knopfdruck“
einzuschlafen oder in Schmusestimmung zu verfallen.
Sich einreden zu wollen, „Ich will nicht mehr rauchen“ oder „Ich habe keine
Angst vor Hunden" und das unablässige Repetieren dieser Formeln, bewirkt
allenfalls, dass wir verdummen.
Gelingt es nämlich nicht, das erwünschte Ziel zu erreichen, war die ganze Mühe
umsonst und unsere Glaubwürdigkeit und Selbstachtung ist Geschichte. Schaffen
wir es aber tatsächlich, uns selber auszutricksen, beweisen wir uns damit nur,
dass wie leicht es ist, uns zu manipulieren, und dass wir nicht einmal vor uns
selbst sicher sind. Ich weiß nicht, welcher Ausgang trauriger wäre, und halte
deshalb Autosuggestionsversuche für mehr als fraglich.
Überhaupt können wir sehen, dass sich Kommunikation doch etwas schwieriger
gestaltet, als einfach von nun an etwas mehr Selbstoffenbarung oder Sachinhalt
in seine Gespräche einzubringen. Das erklärt, weshalb es heutzutage immer
noch genauso viele Missverständnisse gibt, wie bevor es die bekannten
Kommunikationsfibeln gab. Das bloße Erlernen einer Technik maskiert nur das
Unverständnis, das sich weiterhin dahinter verbirgt.
Um das bisher Gesagte noch einmal knapp zusammenzufassen: Wahrnehmung
bedeutet, eine Aussage auf Vollständigkeit und Aufrichtigkeit zu prüfen. Dazu
sollten wir sie mit subjektiven und objektiven Maßstäben messen, also den
wahrscheinlichen
Aufenthaltsbereich
zwischen
extremen,
theoretischen
Zuständen abschätzen. Diesen müssen wir dann einengen und mit bereits
gemachten Erfahrungen und gesicherten Erkenntnissen vergleichen.
Die daraus resultierenden Informationen und ausgelösten Gefühle werden auf
unbestätigte Vorurteile geprüft, die wir herausfiltern sollten. Das Ergebnis dieser
Interpretationen ist unser (neuer) Standpunkt. Diesen teilen wir dem anderen
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mit, indem wir ihn wiederum auf seiner Ebene erreichen, und auf kongruente
Weise die Informationen, Interpretationen und Gefühle reflektieren.
Wollten wir diese Prozedur bewusst durchspielen, dann käme jegliche Reaktion
Sekunden zu spät. Es gibt Menschen, die tatsächlich so lange überlegen, aber es
geht auch einfacher, denn lange nachzudenken ist nicht unbedingt ein Zeichen
von Intelligenz. Die Antwort scheint dann zwar „durchdachter“ zu sein, aber es
nervt einfach, andere warten zu lassen und geht auch effizienter.
Indem ich solche Vorgänge teilweise unbewusst vornehme, spare ich eine Menge
Zeit. Dafür benötige ich ein großes Potential und viel Übung, oder ich mache es
mir sogar noch einfacher und beschleunige die Sache, indem ich mein
Unterbewusstsein mit Informationen des Bewusstseins versorge.
mithilfe des richtigen Gespürs für unser Gegenüber können wir uns
Informationen über seinen Charakter, seine Intelligenz und sein Potential
verschaffen. Mit diesem unbewusst und intuitiv erworbenen Wissen lassen sich
dann eine Reihe von Möglichkeiten bewusst ausschließen, und helfen so
wiederum der weiteren unbewussten Wahrnehmung. So können wir binnen
weniger Sekunden einen Menschen unseres Kulturkreises mit einer sehr hohen
Trefferquote richtig einschätzen, noch bevor das erste Wort gefallen ist.
Deshalb sollte man in Gesprächen auch grundsätzlich zunächst die Gefühle des
anderen betrachten, und dann erst die Tatsachen. Denn mit ihnen steht und fällt
seine Glaubhaftigkeit. Das wirkt sich auf die weitere Kommunikation unmittelbar
aus.
Ein Beispiel: Ihr cholerischer und narzisstischer Chef verlangt von Ihnen, dass
Sie heute länger in der Firma bleiben, und eine für ihn wichtige Aufgabe erfüllen
sollen. Sie werden aber daheim von Ihrem Partner sehnsüchtig erwartet, und
wollen sich nun geschickt davonstehlen, ohne ihren Chef allzu sehr zu verärgern.
Dann ist eines sofort klar: Sie bräuchten ihm erst gar nicht ohne Sachargumente
unter die Augen zu treten. Dafür können Sie Ihre Selbstoffenbarung einmotten.
Er will nur hören, wie die Lage ist, und dass Sie ihn als Chef respektieren, also
dass Sie die Sach- und Beziehungsebene ansprechen.
Der Versuch zu sagen, Sie hätten Ihrem Partner aber „versprochen“ heute
pünktlich zu sein schadet dabei eher. Ein Appell um Nachsicht und Verständnis
für Ihre vertrackte Lage macht Ihren Chef eventuell sogar aggressiv; im besten
Fall überhört er ihn nur. Sie würden so nur zeigen, dass Ihnen Ihre Beziehung
wichtiger ist als Ihre Arbeit, oder genauer, die Wünsche Ihres Chefs. Dass dies
(hoffentlich) auch so ist, braucht Ihr Chef ja nicht zu wissen. Auf eine so
ungeschickte „Kampfansage“ hin müssten Sie ganz bestimmt länger bleiben, und
wären auch noch selber schuld!
Indem Sie ihm aber klarmachen, dass Sie heute keine Überstunden machen
werden (und mit dem Tonfall untermauern, dass Sie darüber gar nicht erst
diskutieren), aber morgen früh die Arbeit sofort erledigen, zeigen Sie ihm, dass
Sie seine Anordnungen erfüllen werden, aber selbst bestimmen, wann und wann
nicht.
Das Selbstbewusstsein, das Sie hierbei an den Tag legen, erschafft zwar
ebenfalls eine Dissonanz, zeugt aber von Ehrlichkeit und gegenseitiger
Wertschätzung. Sofern Sie nicht seit jeher ein Dorn im Auge Ihres Chefs waren,
und er nur einen Vorwand zur Kündigung oder Versetzung gesucht hat, wird ihm
gar nichts anderes übrig bleiben, als das zu akzeptieren.
Ihr Chef soll Sie ja auch nicht lieben, sondern „schätzen“. Um etwas oder
jemanden schätzen zu können, müssen uns aber auch die Grenzen bekannt sein.
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Es bedarf natürlich großer Vorsicht, um die richtigen Töne zu treffen. Außerdem
müssen Sie mit der nicht ausbleibenden Kritik rechnen, und sich Sprüche
anhören wie: „Sie tun ja gar nichts für mich!“ oder „Wenn ich Sie einmal um
einen Gefallen bitte...“ und ähnlichen „Weichmachern“. Das sollten Sie dann
aber gelassen hinnehmen, denn schließlich haben Sie sich auch einen Vorteil
herausgenommen und können heimgehen.
Gefühle sollten wir beim anderen grundsätzlich nicht angreifen, sie aber selbst
offenbaren und somit legitimieren; unabhängig davon, auf welcher Ebene wir
kommunizieren. Innere Bedürfnisse werden dann auch von uns selbst mehr
respektiert. Und wir erhalten eventuell eine Resonanz auf sie.
Dabei ist es nicht unbedingt nötig, dass wir unsere Gefühle erklären können. Es
ist natürlich hilfreich, aber niemand sollte sich ständig für seine Gefühle
rechtfertigen. Zeigen wir unsere Gefühle auf körpersprachliche Art, brauchen wir
sie auch nicht näher zu erläutern.
In obigem Beispiel mit dem Chef, bei der es um die Zurückweisung seines
Wunsches ging, machte ich darauf aufmerksam, dass es wenig bringen würde,
ihm auf die gefühlvolle oder besser gesagt, „weinerliche“ Art zu kommen,
sondern dass wir lieber entschieden unseren Standpunkt verteidigen sollten.
Das ist aber kein Widerspruch zu dem, was ich eben sagte, denn wir zeigen ihm
unsere Wut und Empörung, die seine Forderung in uns auslöst. Natürlich
könnten wir unserem Chef auch eventuelle Traurigkeit zeigen, aber sein
Verhalten machte uns in diesem Fall gar nicht traurig. Da er nur an sich denkt
und nicht an unsere Bedürfnisse, machte uns das eher rasend, denn bedrückt.
Viel zu oft wird „emotional“ mit „empfindlich“ verwechselt; das liegt an der
geringen
Akzeptanz
von
Gefühlen
in
unserer
Leistungsgesellschaft.
Empfindungen zu zeigen ist aber kein Zeichen von Schwäche, sondern von
Selbstbewusstsein Aber wir müssen natürlich unsere tatsächlichen Gefühle
zeigen, nicht irgendwelche, nur weil sie erfahrungsgemäß Mitgefühl erzeugen.
Wer Verletzlichkeit nur spielt, wird entlarvt und gilt zurecht als Hypochonder,
Memme, Heuchler oder Schwindler. Für unseren Chef gelten dieselben Regeln;
er sollte sich zwar nicht durch geheucheltes Jammern erweichen lassen, muss
aber unsere echten Gefühle respektieren.
Doch auch die größte Vorsicht schützt uns nicht vor Missverständnissen und
Konfrontationen. Gerade weil die zwischenmenschliche Kommunikation ein so
komplexes Gebiet ist, entstehen immer Fehler und Spannungen. Wenn wir
Zweifel haben, etwas vollständig und richtig verstanden zu haben, dann müssen
wir direkt nachfragen. Vielleicht konnte unser Gesprächspartner auch überhaupt
nicht wissen, dass er ein sensibles Thema angeschnitten hat.
4) Streitgespräche I
Was richten wir mit unseren Bemerkungen an? Kommt alles so an wie von uns
gewünscht? Auf den richtigen Ebenen, mit der richtigen Gewichtung? Manch
einer fühlt sich schon durch die bloße Anwesenheit eines anderen Menschen
provoziert. Andere sind so unempfindlich, dass sie gar keine Anstalten machen,
auf Provokationen zu reagieren.
Wir müssen herausfinden mit wem wir es zu tun haben. War unser Gegenüber
mit seinen Gedanken woanders? Interessiert ihn das Erzählte überhaupt? Hat er
es verstanden? Hat er etwas gegen uns als Person?
Mit der „Goldwaage“ wiegen Menschen, die in eine Aussage zusätzliche
Bedeutungen hineininterpretieren. Zu unserem Appell „Fahren Sie doch bitte ihr
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Auto dort weg“, wird vom Hörer vielleicht der Angriff auf Beziehungsebene,
„...was stellen Sie es auch erst dort hin!“, addiert. Er koppelt eine echte Aussage
mit einer imaginären.
Das könnten wir nicht verhindern, egal wie geübt wir in Sachen Kommunikation
sind. Wenn ein anderer Mensch nicht kommunizieren kann oder will, „auf
Durchzug“ schaltet oder sich stur verhält, dann hilft uns auch
Einfühlungsvermögen wenig.
Deshalb sollten wir immer genau darauf achten, wie unsere Botschaften
ankommen und aus dem Stand heraus intervenieren, wenn sich eine Spannung
anbahnt. Das bedeutet auch, streiten zu können.
Wer sind wir denn, dass wir in jeder Situation defensiv bleiben müssten? Streit
ist ein durchaus probates und legitimes Mittel der Kommunikation, solange wir
konstruktive Kritik üben und nicht beleidigend, unsachlich oder ausfallend
argumentieren. Die meisten Psychologen begehen den Fehler und raten uns zu
völlig friedfertigem Verhalten. Das mag besonders vorbildlichen Menschen, wie
Jesus Christus oder Mahatma Gandhi gelungen sein, ist aber für einen
„Normalsterblichen“ in seiner Realität unbrauchbar. Die gängigen Ratschläge,
möglichst höflich und friedfertig auf verbale Angriffe zu reagieren, halte ich für
utopisch.
Richtig und fair zu streiten ist völlig legitim. Es wäre unnatürlich, wenn wir
immer nur einstecken, aber unsere eigenen Wutgefühle unterdrücken würden;
das taten auch Mahatma Gandhi und Jesus Christus nicht. Anders als es uns
Psychologen und Kommunikationstrainer weismachen möchten, genügt es
oftmals eben nicht zu sagen: „Das macht mich jetzt aber sehr betroffen!“
Zumeist beginnt ein Streit nicht aufgrund einer Meinungsverschiedenheit,
sondern als „Spiel“. Indem man andere Menschen provoziert, möchte man sie
testen. Kleine Sticheleien sind ein Testballon, mit der Aufgabe, die Stärke seines
Gegenübers auszuloten. Einige Zeitgenossen betreiben dieses Spiel aus
Langeweile heraus, andere aus purem Vergnügen und wiederum andere als
Training für ernsthaftere Streits. Jedenfalls handelt es sich dabei stets um
bewusste Angriffe, mit dem Ziel, uns aus dem Gleichgewicht zu bringen. Höchste
Zeit, solchen Angreifern den Stecker herauszuziehen! Dazu bieten sich diverse
Möglichkeiten an:
1. Den Angreifer ignorieren. Das zeigt allerdings nur die gewünschte Wirkung,
wenn wir dabei nicht „mit den Zähnen knirschen“. Sobald unsere Lässigkeit
nur aufgesetzt wirkt, haben wir verloren. Daher ist diese Methode nur
besonders dickfelligen Menschen zu empfehlen.
2. Ihn mit einer abwinkenden Geste oder einem knappen, aussagelosen
Kommentar, wie beispielsweise „Aha“, „Soso“, „Genau“ et cetera abfertigen.
Unvergesslich ist die Art des Komikers Loriot, lange Aussagen seines
Gesprächspartners zu quittieren: Mit einen knappen, aber vielsagenden
„Ach?!“.
3. Gegenfragen stellen. Indem wir einen Streithahn mit Fragen zu weiteren
Offensiven bewegen, nehmen wir ihm ein Stück seiner Aggressivität. Er kann
sich austoben, aber gleichzeitig tut er das nach unseren Regeln. Mit Fragen
kann man selbst den geschicktesten Rhetoriker in den Wahnsinn treiben. Da
er uns verbal angreifen wollte, ist es auch legitim, ihn zu nerven. In der
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„friedlichen Kommunikation“ wären solche Dauerfragen ebenfalls tödlich;
allerdings für uns selbst!
4. Bekundung der eigenen Gleichgültigkeit gegenüber solchen Machtspielen. Das
bietet sich besonders bei begriffsstutzigen Angreifern an, die ein Abwinken
nicht wahrnehmen oder verstehen. Ihnen sagen wir ruhig aber bestimmt ins
Gesicht: „Ich habe keine Lust, mich zu streiten.“ Danach ignorieren wir sie.
5. Direkte Konfrontation. Das ist der schwierigste, aber auch interessanteste
Weg, denn wer weiß; vielleicht wollen wir uns ja auch mal wieder streiten? Es
hat ja nicht nur Nachteile, sondern übt auch ungemein. Dann sollen wir
unsere Schlagfertigkeit aus dem Futteral nehmen und ölen.
6. Am besten begegnen wir verbalen Angriffsversuchen jedoch mit dem Prinzip
des Aikido: Wir lassen den Angreifer ins Leere laufen. Das bedeutet, dass wir
gar nicht erst versuchen, ihn umzuerziehen.
Letzteres würde nämlich die Aggression, die bei Sticheleien zwangsläufig
mitschwingt, erst richtig entfachen. Wer uns mit unsachlichen Provokationen
kommt, will weder diskutieren, noch seine Gefühlswirklichkeit zeigen. Einziges
Ziel ist es, unsere Integrität zu unterwandern und uns zum Ausflippen zu
bringen. Besonders bei kleinen Kindern lässt sich dieses Spielchen beobachten.
Im Erwachsenenalter haben wir gelernt, unsere innere Anspannung nicht zu
zeigen; ob das ein Vorteil ist, sei dahingestellt. Denn ungeachtet unserer
scheinbaren Unbekümmertheit nagen die Unverschämtheiten weiterhin an uns.
Was wir im jeweiligen Fall bevorzugen, hängt von der Situation, unserer
momentanen Stimmung und weiteren Faktoren ab. Zumindest sollten wir nicht
auf unsachliche Angriffe eingehen oder unseren Peiniger darin ermutigen,
weiterzumachen.
Denn wenn er merkt, wie einfach es ist, uns verbal zu dominieren, wird er es
garantiert immer wieder tun, um sich selbst seine Überlegenheit zu beweisen.
Daher sollten wir den anderen nur dann ignorieren, wenn wir innerlich nicht
kochen würden. Das würde er spüren und herausfinden wollen, wo die Grenze
liegt, bis wir doch noch platzen und wild um uns schlagen.
Wir beobachten den Empfang unserer Botschaft wie gewohnt durch
wahrnehmen, interpretieren und fühlen. Wir beurteilen das Signal nach
denselben Regeln, wie unser Gegenüber. Je nachdem, wie gut wir die drei Stufen
der Rückmeldung differenzieren können, fällt auch das Feedback aus. Wir sollten
stets ein gutes und angemessenes Feedback geben, das den anderen in die Lage
bringt, uns zu verstehen.
Bringt uns ein Mensch in Rage, dann soll er das ruhig wissen. Es ist nichts
Falsches daran aufzubrausen, denn der andere soll schließlich sehen, was er in
uns bewirkt. Wir sollten nur vermeiden das Problem extra hochzuschaukeln, also
darauf verzichten, noch „einen draufzusetzen“. Aber zu absolut unnatürlichem,
emotionslosem und passivem Verhalten sind wir nicht verpflichtet.
Kommunikation ist ein Wechselspiel zwischen einem Donator und einem
Akzeptor. Der eine kodiert eine Nachricht, der andere dechiffriert sie. Dann
tauschen die Rollen. Es ist eine Art Tauziehen, und immer auch ein wenig
Kampf, Selbstdarstellung und Werbung. Deshalb entwickelten sich die
Möglichkeiten bei uns Menschen auch so vielfältig.
Streitkultur will gelernt sein, denn es existiert keine Diskussion, keine
Verhandlung und keine Debatte ohne Kampf. Harmonisch zu leben, bedeutet
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nicht „zahnlos“ zu sein. Wir müssen uns nicht alles gefallen lassen. Es genügt
völlig, so zu streiten, dass das Problem anschließend gelöst, oder zumindest
nicht weiter vertieft wird.
Wut sollten wir nur gezielt und wohldosiert zeigen, also dann, wenn sie sich
entwickelt und gerechtfertigt ist. Es wäre falsch, pauschal Dampf abzulassen,
wie es noch vor 20 Jahren propagiert wurde, denn das fördert in hohem Maße
Aggression. Vor allem sollten wir Unbeteiligte nach Möglichkeit davor
verschonen. Denn unsere Wut ist kein Freibrief, es „der Welt“ heimzuzahlen.
5) Unser Wortschatz
Eine Voraussetzung für jede „lebendige“ Kommunikation ist auch ein guter
Wortschatz. Er ist unser sozusagen unser Waffenarsenal und sollte weniger dazu
dienen, andere zu beeindrucken, als uns die Möglichkeit zu geben, unsere
Gefühle und Situationen möglichst explizit zu beschreiben. Durch die Wahl
unserer Worte unterscheiden wir uns von anderen, mehr und aussagekräftiger
als durch Abstammung, Status oder Besitz.
Das ist zwar sehr schwierig, da Worte immer begrenzt sind und viel zu oft
missbraucht wurden. Trotzdem sollten wir nicht davor zurückschrecken, das eine
oder andere Fremdwort nachzuschlagen oder einfach denjenigen zu fragen, der
es verwendet hat. Auch er kann uns oftmals keine exakte Definition dafür geben,
sondern weiß lediglich, was es ungefähr bedeutet, aber das ist besser als nichts.
Wenn wir Gefallen daran finden, können wir uns auch zusätzliche Bonmots und
Sentenzen anlesen, um unsere Ausdrucksweise noch mehr zu bereichern.
Zumindest eines sollte selbstverständlich für uns sein; uns „gewählt“
auszudrücken. Das bedeutet nicht antiquierte Worte zu exhumieren oder
veraltete
Grammatikregeln
wiedereinzuführen,
sondern
lediglich
den
Mindestanstand zu wahren und möglichst wenig Kraftausdrücke zu verwenden.
Versuchen Sie auf jeden Fall vulgäre, beleidigende und verurteilende Elemente
aus Ihrer Sprache zu verbannen und nur wenig Modewörter zu gebrauchen.
Auch Flüche haben keinen Stil und sind selten zweckdienlich. Natürlich quittiert
keiner von uns, der sich mit dem Hammer auf den Daumen schlägt, den Vorfall,
indem er „Oha“ oder „Auweia“ schreit. Dafür gibt es deftigere Ausrufe. Aber im
alltäglichen Gespräch mit unseren Mitmenschen sollten wir uns um Niveau
bemühen; auch oder erst recht wenn wir streiten.
Etwas als „geil“ zu bezeichnen ist beispielsweise einfach nur peinlich. Es zeigt, in
welchen Kategorien der Sprecher denkt. Ich bezweifle, dass es von unserem
Gegenüber als besonders lässig interpretiert würde, es sei denn, er würde sich
genauso ausdrücken.
Überlegen Sie sich, welches Wort für eine Situation wohl am besten passen
könnte. „Sorgen“ Sie sich oder sind Sie „bedrückt“? Ist es „Trübsinn“ oder
„Schwermut“, „Melancholie“ oder gar schon „Depression“? Sind Sie „unglücklich“
oder nur „bekümmert“?
Die richtige Wortwahl gleicht der richtigen Dosis eines Medikamentes. Das Motto,
„Viel hilft viel“, ist in keinem der beiden Fälle richtig. Selbst wenn wir gerne
übertreiben, sollten wir uns immer noch eine Steigerung offenhalten.
Wer ständig „zu Tode betrübt“ ist, der bekommt auch nicht mehr Mitgefühl als
sonst, wenn er wirklich mal „verzweifelt“ ist, und nicht nur „mutlos“ oder
„niedergeschlagen“. Immer Superlative zu gebrauchen, wertet automatisch alle
gemachten Aussagen ab. Wir wissen auch ganz genau, dass ein „dringend“ oder
„gefährlich“ von unserem Chef anders zu bewerten ist, als von unserem Partner.
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Denn je nachdem, wie inflationär wir solche Begriffe gebrauchen, nutzen sie sich
ab.
Für das bewusste Erlernen eines guten Wortschatzes gibt es diverse Stilwerke
und Bedeutungswörterbücher. Auch einige Gesellschaftsspiele basieren darauf.
Aber das beste Mittel, noch vor dem Lesen, ist es, zuzuhören! Sie glauben gar
nicht, wie viele Begriffe und Redewendungen wir tagtäglich hören, aber nur zur
Kenntnis nehmen.
Wenn wir statt dessen aktiv zuhören, was im übrigen auch sonst kein Fehler ist,
da es zusätzlich unser Einfühlungsvermögen und Verständnis schärft, erweitern
wir unseren Wortschatz automatisch. Wir sollten bewusst hinterfragen, was das
Gesagte wohl bedeuten könnte und darauf achten, ob es noch gebräuchlich ist.
Denn was nützen einem Worte, die sonst keiner kennt? Sprache soll die
Kommunikation schließlich erleichtern, und nicht erschweren.
IV. Intensive Kommunikation
Small Talk und einfache Gespräche sollten bei Beachtung dieser Faktoren kein
größeres Problem mehr darstellen. Doch was ist mit intensiven Gesprächen? In
beiden Varianten herrschen jeweils völlig andere Regeln und Ziele, und dennoch
praktizieren wir sie tagtäglich ohne überlegen zu müssen, was wir dabei zu
beachten und zu differenzieren haben.
Small Talk dient dem Kontakt als solchen. Er versichert Zugehörigkeit und
friedliche Absichten. Die dabei ausgetauschten Informationen sind eher
nebensächlich. Daher genügen auch nur wenige Kenntnisse vom anderen, um
auf diese oberflächliche Art in Kontakt zu ihm zu treten.
1) Psychogespräche
Bei einem „Psychogespräch“ zwischen Partnern oder guten und besten Freunden
sind Ehrlichkeit, Offenheit und enger Kontakt Pflicht. Es herrscht Redefreiheit,
Diskretion und ein ehrliches Interesse mit aufrichtigen und ethischen
Hintergründen. „Psychogespräch“ möchte ich es deshalb nennen, weil vor allen
Dingen die Beziehungsebene und die Selbstoffenbarungsebene involviert sind.
Selbst wenn wir uns mit einem guten Freund über das derzeitige Kinoprogramm
unterhalten, werden mehr Informationen ausgetauscht, als bei einem
Problemgespräch zwischen einfachen Bekannten.
Neue Bereiche erfordern aber auch neue Werkzeuge. Vor allem die
Interpretation muss genauer erfolgen, da die Nähe zum anderen größer, und die
Gespräche somit anfälliger für Missverständnisse sind. Zwei Resonanzeffekte
müssen wir uns deshalb unbedingt vor Augen halten, denn sie erschweren die
Auswertung und Interpretation von Aussagen zusätzlich:
• Projektion wäre gegeben, wenn wir unsere eigenen Schwächen an unserem
Gegenüber kritisieren. Eine Mutter, die sich beklagt, ihr Kind würde faulenzen,
in Wirklichkeit aber ihre eigene Untätigkeit bedauert, wäre ein Beispiel dafür.
• Unter Übertragung versteht man die Verknüpfung von Eigenschaften die ein
Dritter hat. Erinnert uns beispielsweise jemand äußerlich an unseren Vater,
dann sind wir automatisch voreingenommen. Fixiert von unserer Erwartung,
lauern wir darauf, dass diese Person auch Charaktereigenschaften zeigt, die
unser Vater hat. Übertragungseffekte haben zwar den Vorteil, dass wir schnell
Leitstrukturen erkennen können, bringen aber den Nachteil mit sich, dass uns
andere, davon abweichende Informationen eventuell entgehen.
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Je bewusster wir Offenheit, Kongruenz und Vollständigkeit in unsere Aussagen
legen, desto weniger Spielraum bleibt dem anderen für falsche Spekulationen
und Fehlinterpretationen. Auch Übertragungen lassen sich so beim
Gesprächspartner relativ gut kompensieren, da wir so wahrgenommen werden,
wie wir wirklich sind. Dann kann er seine Zuordnungen treffen und wirklich
fundiert entscheiden, ob er unseren Standpunkt teilen möchte, oder nicht.
Eine Rolle zu spielen kann daher nicht auf Dauer funktionieren, ebenso wenig
wie eine eingeschränkte und verschlossene Lebensweise mit einer dicken
Schutzmauer um sich herum. Erschweren wir absichtlich die Wahrnehmung
unserer Zeitgenossen, dann fördern wir ihre Spekulationen. Sie wollen
verständlicherweise Informationen über uns gewinnen; geben wir ihnen die
Wirklichkeit, dann müssen sie nicht länger mutmaßen.
2) Streitgespräche II
Viele intensive Gespräche haben jedoch, wie schon festgestellt, Streitcharakter.
Auch ohne Aggression gleichen sie einem Tischtennisspiel der Argumente und
Emotionen. Spätestens hier beweist es sich, ob die Prinzipien der
Kommunikation von uns sicher beherrscht und richtig angewendet werden. Denn
ein Meinungsaustausch sollte nicht im Disput enden.
Einmal angenommen, Sie diskutieren mit Ihrem Partner seit zehn Minuten,
haben aber das Gefühl, er wäre nicht ganz bei der Sache. Aus lauter
Verzweiflung sagen Sie schließlich: „Du beachtest mich ja sowieso nie!“
Diese Aussage bewirkt in ihm starke Gegenwehr und Protest. Und warum? Sie
ist eine Vermutung oder besser, eine Unterstellung, mit der Sie den Rubikon
überschreiten. Als sachliche Feststellung getarnt, trifft dieser Angriff auf
Beziehungsebene ins Schwarze. Ihr Partner fühlt sich genötigt, eine der
folgenden Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
• Rechtfertigung, also eine Erklärung und ein Eingeständnis für seine Schuld
abzuliefern.
• Gegenangriff, also mit gleicher Unfreundlichkeit Paroli zu bieten.
• Alles zu leugnen und abzustreiten.
• Sich mit einem Abwehrsatz zu verteidigen und schmollend zurückzuziehen.
Verallgemeinerungen und Stereotypien sind wie ein Stromschlag. Wörter wie
„nie“
und
„immer“
wecken
im
Gegenüber
automatisch
eine
Verteidigungshaltung, und lösen das klassische „Kampf-oder-Flucht-Szenario“ in
ihm aus.
Alle Optionen, die ihrem Partner verbleiben, vernichten die Harmonie. Und er
wird davon Gebrauch machen müssen, selbst wenn er die wirkliche Aussage
herauslesen konnte. Gemeint war ja eigentlich: „Ich fühle mich nicht beachtet“;
doch gesagt haben Sie: „Du beachtest mich ja sowieso nie!“ Wer von uns wäre
in der Lage, mit einer verständnisvollen Antwort, wie: „Was könnte ich denn für
Dich tun?“ zu reagieren, wenn er so harsch angegriffen wurde?
Es ist deswegen wichtig, dass wir immer ein konkretes Verhalten ansprechen
und nicht verallgemeinern, mit Worten wie „typisch“ oder „unfähig“. Kritik muss
unter guten Freunden besonders genau dosiert werden, denn sie zu verärgern
ist tragischer, als ein Missverständnis unter flüchtigen Bekannten. Letztere sind
uns erstens weniger wichtig, nehmen sich zweitens das Gesagte weniger zu
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Herzen, und verzeihen uns drittens unsere Fehler eher, da sie nicht von uns
erwarten, dass wir ihre neuralgischen Punkte kennen.
Das Ziel der Kommunikation sollte stets die Beibehaltung oder Wiederherstellung
der Harmonie und nicht die Vernichtung des anderen sein. Um nicht vom akuten
Problem abzukommen sollte man auch keine früheren Ereignisse ansprechen,
außer
um
eine
bestimmte
Verhaltensweise
oder
Entwicklung
herauszukristallisieren. Schnell gäbe es eine „Grundsatzdiskussion“ oder endlose
„Debatte“, die kaum zu einer Übereinkunft führen kann.
„Sage nicht immer alles, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst!“
(Matthias Claudius)
Wer zu global auftrumpft, disqualifiziert sich selber, denn er überfordert seine
Mitmenschen. Ein kleiner Teilerfolg ist immer noch besser als ein Versagen auf
der ganzen Linie. Nicht umsonst wirkt sich Geduld auf dem Gebiet der
Kommunikation am Positivsten aus. Aber was können wir tun, wenn es nun doch
einmal eskaliert?
In einer verfahrenen Situation müssen wir den anderen „öffnen“, beispielsweise,
indem wir ihm etwas „geben“. Dabei kann es sich um einen Gegenstand handeln
oder einen Gedanken, der mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hat. Humor
ist unser „As im Ärmel" und das Mittel der Wahl, wenn sich die Fronten zu
verhärten drohen. Dadurch lenken wir den anderen ab und können der
Streitspirale eventuell entgegenwirken.
Es kann auch helfen, uns selbst noch mehr zu öffnen und zu zeigen, was der
andere mit seinem Verhalten anrichtet, ihm also zu verstehen zu geben, wie wir
uns fühlen, ohne ihm Vorwürfe zu machen. Als Zuhörer sollten wir dabei ein
ernsthaftes Interesse an dem Gesagten signalisieren und uns nicht ablenken
lassen. Ignoranz wäre im Augenblick der Selbstoffenbarung des anderen das
Allerschlimmste, was wir tun könnten.
Auch wenn uns die Themen manchmal unangenehm sind, die jemand anderes
anspricht, ist es wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen. Schließlich ist
ein Problem auch dann vorhanden, wenn wir uns davon abwenden. Die „VogelStrauß-Technik“, also den Kopf bei Unmut in den Sand zu stecken, ist völlig
unbrauchbar; das haben wir schon bei den körperlichen Angriffen festgestellt. Je
früher man Unstimmigkeiten klärt und in geeignete Bahnen lenkt, desto weniger
konkret kann eine Gefahr werden.
Ein Zuhörer erleichtert dem Redner seine Ansprache, indem er das Gesagte nach
jedem wichtigen „Absatz“ sinngemäß in eigenen Worten zusammenfasst So
lassen sich Missverständnisse bereits im Keim erkennen und ersticken. Offene
Fragen sollten direkt im Verlauf der Unterhaltung gestellt werden, um der Sache
gründlich nachzugehen.
Eine positive Resonanz vonseiten des Zuhörers ist sehr sinnvoll, denn damit
ermutigt er den anderen zu weiterer Offenheit. Ziel ist es, dass beide Parteien
mit neuen Gedanken ihren Weg gehen, und eventuell später erneut darüber
reden, um endgültig eine Einigung zu finden, die beiden zusagt.
Bereits mehrfach erwähnte ich den Begriff der „Rechtfertigung“. Es gibt einen
feinen aber schwerwiegenden Unterschied zwischen einer Entschuldigung und
einer Rechtfertigung. Sie haben es sicherlich schon oft erlebt, dass sie die
Aussage eines anderen nicht völlig zufriedengestellt hat, da sie mehr nach
Erklärung als nach Entschuldigung klang.
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Eine Rechtfertigung erklärt die Ursache des Missgeschicks, seinen Verlauf und
die Zusammenhänge. Beteiligte Personen werden genannt und die Auswirkung
auf sie erörtert. „Es gab einen Stau, deshalb komme ich zu spät. Ich hätte nicht
früher da sein können! Ich weiß, Du bist jetzt sauer auf mich, aber mich nervt
das auch.“
Was in dieser Aussage fehlt, ist das Bedauern und die Anteilnahme an den
Gefühlen des anderen. Eine echte Entschuldigung erschafft hingegen Kongruenz:
„Es gab einen Stau, deshalb komme ich zu spät. Es tut mir wirklich leid, dass ich
nicht früher hier sein konnte. Ich sehe, dass Du sauer auf mich bist. Das nächste
Mal fahre ich früher los; versprochen!“
Das Eingestehen eines Fehlers, in diesem Fall der, sich in der Zeit verkalkuliert
zu haben, zeigt zunächst Schwäche, im Endeffekt aber Größe, da Besserung
gelobt wird. Wenn wir unsere Versprechen dann auch einhalten, sind unsere
Entschuldigungen auch zukünftig etwas wert.
Ich kenne einen Menschen, der beinahe unfähig ist, sich zu entschuldigen.
Perfekte
Formulierungen
lassen
seine
Rechtfertigungen
zwar
nach
Entschuldigungen aussehen, aber das Gefühl der Kongruenz fehlt dabei.
Falscher Stolz und Sturheit können teuer werden, denn wer dem anderen
Einsicht nur vorspielt, ihn aber nicht in seinen verletzten Gefühlen berührt, wird
ihn misstrauisch und distanzierter machen. Für ihn muss es so aussehen, als ob
es dem Verursacher völlig egal wäre, was er anrichtet, solange es nur eine
Begründung dafür gibt. Und diese lässt sich bekanntlich bei Bedarf leicht
(er)finden.
Wollen wir erfolgreich kommunizieren, müssen wir zugleich Beteiligter, Kritiker
und Supervisor sein, also mehrere Rollen und Modelle zeitgleich anwenden.
„Multitasking“ ist das Schlüsselwort; je mehr Systeme wir ad hoc mobilisieren
können, desto gelungener wird unsere Handlung oder Reaktion ausfallen.
Eine Möglichkeit zu haben macht uns zum Roboter, zwei schaffen ein Dilemma,
aber drei und mehr machen uns flexibel. Mangelnde Flexibilität in Gesprächen
ähnelt einem unbelebten Zustand. Und wie schon mehrfach gesagt ist alles in
Bewegung. Wir sollten also immer unseren Grundstandpunkt wahren, aber von
ihm aus in neue Gefilde vorstoßen.
Zusätzlich möchte ich noch erwähnen, dass es sehr wünschenswert wäre, wenn
wir künftig den Mut aufbringen würden, andere häufiger zu loben.
„Nichts in der Welt erscheint den Leuten so weise, als wenn man sie lobt.“
(Adolph von Knigge)
Kritik auszuüben, im Sinne von Tadeln geht den meisten sehr leicht von der
Hand. Für Anerkennung, Komplimente und Lob müssten sie sich jedoch
„anstrengen“. Ich denke, ein ehrlich gemeintes und sympathisches Lächeln,
sowie ein aufrichtiges Lob dann und wann, ersetzen viel Theorie über
Streitgespräche.
3) Kinästhetik
Wer ganzheitlich fühlt, der reagiert auch sensibler auf Hautkontakt. Wir berühren
den Körper, mit ihm den Verstand und die Seele und verlieren dabei unsere
„Berührungsängste“.
Hautkontakt ist schon im Babyalter das wichtigste Kommunikationsmittel und
kann gar nicht zu viel angewendet werden. Es signalisiert Geborgenheit und
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Wärme, und kann mehr trösten als alle Worte zusammen, sowie eindeutig
Verständnis und Mitgefühl signalisieren. Zuneigung ohne Hautkontakt ist
undenkbar. Die Haut ist unser wichtigstes und vielseitigstes Sinnesorgan.
Wer Verbrennungen erlitten hat, fühlt sich nicht zu Unrecht „isoliert“ von seiner
Umwelt. Nicht nur das optische Manko schneidet ihn von dieser ab, sondern
auch die gestörte Wahrnehmung der äußeren Reize. Auch Sexualität lebt von
dieser Form der Informationsweitergabe. Ohne Berührung keine Zuneigung,
ohne Bewegung kein Leben.
Kinästhetik ist die Lehre der menschlichen Bewegung, respektive Berührung. Sie
beschreibt, analysiert und vermittelt die Aspekte der Bewegung als
Voraussetzung für jede menschliche Funktion.
Dafür verbindet sie Bewegungsökonomie mit orthopädischen Gesichtspunkten,
und vor allem mit Anmut und Grazie. Die Kinästhetik beinhaltet und lehrt
Erkenntnisse der Verhaltenskybernetik, Psychologie und bestimmten Formen des
modernen Tanzes. Also nicht das Auswendiglernen bestimmter Handgriffe,
sondern das Erspüren und Nutzen vorhandener Empathie.
Die Interaktion zweier Menschen mittels Berührung verbindet die Beteiligten so
stark, dass ihre Handlungen sich gegenseitig beeinflussen. Missverständnisse
sind in dieser Form der Kommunikation eher selten. Nicht zuletzt deshalb spielt
Kinästhetik in der Pflege von kranken, dementen oder behinderten Menschen
eine so große Rolle.
In Psychotherapien werden oft Übungen gemacht, die auf den ersten Blick
kindisch und lächerlich wirken. Beispielsweise müssen Patienten die Augen
schließen und sich von jemand anderem durch den Raum führen lassen; ihm
also im wahrsten Sinne des Wortes „blind vertrauen“.
Dass solcherlei Kommunikation aber kein Nonsens ist, weiß jeder, der zu seinem
Partner ein inniges Verhältnis pflegt. Auch hier kann ein kleine Berührung
Kongruenz erzeugen und „Gedanken übertragen“. Ein kleiner Knuff in die Seite
heißt dann beispielsweise: „Schau mal, der Typ sieht ja komisch aus!“ Die
umfassende, aber nonverbal geäußerte Bedeutung ist dem Adressaten bekannt.
4) Symbolik
Die Macht der Symbolik ist ein weiterer Bereich der Kommunikation. Oft
genügen kleine Andeutungen, Bilder oder Anlehnungen, um uns etwas zu
symbolisieren.
„Symbolisieren“
bedeutet,
einen
verborgenen
Sinn
herauszufinden, der in einer konkreten Situation verborgen ist.
Babys und kleine Kinder machen durch Schreien und Lächeln auf sich
aufmerksam. Das Schreien ruft die Eltern, das Lächeln und Lachen hält sie fest.
Lächeln ist ein uns arteigenes Freundschaftssignal. Lachen tritt im Kindesalter
zum ersten Mal auf, wenn von uns eine Mischung verspürt wird, aus Angst und
der Gewissheit, dass die Mutter als Beschützerin anwesend ist. Es ist eine
Komposition aus zufriedenem Gurren und angstvollem Schreien. Deshalb gelingt
es uns auch manchmal nicht auf Anhieb, in einem räumlich entfernten Tumult
festzustellen, ob sich jemand amüsiert oder bedrängt fühlt.
Solche Eindrücke, die erst aus dem Kontext ersichtlich werden, nennt man
„Metasignale“. Metasignale sind Signale in Bezug auf andere Zeichen. Sie
vervollständigen eine bestimmte Körperhaltung und verdeutlichen das Motiv
einer Handlung.
Wenn wir eine Situation beobachten, in der die Beteiligten kämpfen, können wir
sofort erkennen, dass es sich um ein harmloses Geplänkel handelt, wenn beide
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dabei lächeln oder lachen. Es fehlt an der Bewegungsökonomie und der
Angespanntheit, die eine ernste Situation indizieren.
Wir alle sind sehr sensibel, wenn es um solche Metasignale geht; und sie können
uns wertvolle Hinweise geben. Denn nicht nur die Anzeichen, die vorhanden
sind, können wir bewerten, sondern auch diejenigen, die es eigentlich sein
müssten, aber fehlen. Wenn jemand beispielsweise wütend ist, dann wirkt er
verkrampft. Selbst, wenn er versuchen sollte sich zu beherrschen würde es uns
trotzdem auffallen. Ein gewisses Metasignal der Friedfertigkeit fehlt: das
Lächeln. Metasignale machen Zusammenhänge deutlich und erleichtern uns so
die Interpretation einer Situation.
Es gibt einen weiteren Effekt dem wir häufig begegnen, den sogenannten
„supranormalen Reizen“. Übertreibungen dieser Art sind aus der Werbung, mit
ihrem „immer weißer werdendem Weiß“ nicht mehr wegzudenken. Mithilfe
solcher Steigerungen wird das Wesentliche solange verdichtet, bis es besser zu
sein scheint, als die Realität.
Es ist eine Kunst, so zu übertreiben, dass es nicht bemerkt wird, denn wir
Menschen sind sehr feinfühlig, wenn es um Imponiergehabe geht, das an der
Grenze zu einer Lüge steht. Aber zugleich sind wir auch empfänglich für
Schmeicheleien und Komplimente aller Art. Wir wollen, dass etwas oder jemand
„etwas Besonderes“ ist, denn Mittelmaß ist uns ein Graus.
Ein einfaches Beispiel für supranormale Reize ist die Mode. Mit ihr kann sich ein
Mensch von anderen auf einfache Weise abgrenzen und Zugehörigkeit zu einer
Gruppe signalisieren, die ihm zusagt. Uniformen verhindern bewusst diesen
Effekt und unterstützen ihn zugleich. Eine Gruppe wird künstlich gebildet, in der
ein Individuum eher hinderlich für die Kommandostruktur wäre.
Würde jeder Soldat seine eigenen Moralvorstellungen haben, wäre eine
hierarchisch geführte Armee undenkbar. Die gesamte Gruppe soll hingegen sehr
wohl eine Abgrenzung zu einer feindlichen Armee darstellen, um eventuelles
Fraternisieren und Mitleid zu unterbinden.
Auch einen wohlhabenden Menschen können wir eigentlich nur an seinem
Auftreten in der „Modehülle“ erkennen. Nackt gliche er jedem anderen, mit
vergleichbarer Statur und Gesundheitszustand. Nur weil er sich mit „Gold und
Juwelen“ schmückt (auch das ist jetzt übertrieben), unterscheidet er sich von
anderen.
Die Kunst zeigt gerne supranormale Abbildungen der Realität. Spätestens seit
Francisco Goya und der Erfindung der Fotografie ist Malerei mehr als die bloße
Abbildung der Realität, wenn man von der „fotorealistischen Malerei“ und im
Computer erzeugten Grafiken einmal absieht. Claude Monet soll, als man ihm
zum ersten Mal ein Foto zeigte, gesagt haben: „Dann werde ich von nun an eben
anders malen müssen!“
Wirklichkeitsgetreue Darstellungen wirken auf Dauer uninteressant und werden
deshalb idealisiert, verfremdet oder übertrieben. Der Künstler weist auf den
wahren Kern hin, will aber, dass dieser anders gesehen wird als bislang.
Wenn ein Betrachter das Bildes eines realistisch gemalten Baumes erblickt, dann
wir er sich denken: „Schön, das ist ein Baum, na und?“ Allenfalls bewundert er
die Technik und die Schwierigkeit, so wirklichkeitsgetreu zu malen. Aber in der
Regel möchte ein Künstler, dass der Betrachter sich fragen muss, warum der
Baum kein wirklicher Baum, sondern so seltsam entfremdet ist. Kunst
präsentiert uns Alltägliches in einem neuen Gewand. Deshalb wird der Künstler
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auch versuchen, den Baum so abzuwandeln, dass er gerade noch erkennbar
bleibt, aber den Betrachter schon zum Nachdenken anregt.
Ästhetik ist immer etwas Relatives und niemals absolut. „Schönheit liegt im
Sinne des Betrachters“ und „über Kunst lässt sich nicht streiten“, sind zwei
bekannte Aussagen, die das verdeutlichen.
Symbole aller Art begegnen uns täglich. Mit den Farben einer Ampel verbinden
wir ein Verhalten, das wir zeigen sollen, also warten oder fahren. Ein Kreuz ist
das Symbol des christlichen Glaubens, und Flaggen stehen für die Zugehörigkeit
zu bestimmten Ländern.
Auch Farben haben unterschiedliche Bedeutungen und beeinflussen unsere
Gefühlswirklichkeit. Rot gilt als anregend, ist eine Warnung und signalisiert
Gefahr. Diese Farbe warnt vor der Möglichkeit eines Blutvergießens, steht also
symbolisch für die Bedrohung unseres Lebens. Verbotsschilder sind deswegen
immer rot.
Blau ist eher „kühl“; es zeigt die Farbe des Himmels und in Folge die des Meeres.
Es hat daher eine beruhigende Wirkung. Lebensmittel sind in dieser Farbe aber
selten anzutreffen. Wer würde schon gerne blaue Spaghetti essen? Allenfalls
Gummibärchen und andere Süßigkeiten bekommen diesen Anstrich verpasst,
aber nur, weil sie dann aufgrund ihrer Andersartigkeit schon wieder bizarr und
somit interessant werden. Grün symbolisiert die Ruhe der Natur, fördert die
Konzentration und sieht „gesund“ aus. Gelb steht für Unabhängigkeit und
Freiheit.
Das chinesische „Feng-Shui“ befasst sich mit solchen Einflüssen. Laut dieser
Lehre bestehen Zusammenhänge zwischen unserer Wohnungseinrichtung und
der seelischen Verfassung. Der Einfluss der Farben auf unser Gemüt ist
wissenschaftlich bewiesen. Feng-Shui geht jedoch so weit zu behaupteten, dass
auch die Lage gewisser Möbel und die Raumaufteilung bedeutsam wären.
Inwiefern das zutrifft, sollte jeder selbst beurteilen. Ich denke, prinzipiell ist die
Möglichkeit nicht auszuschließen.
Vom esoterischen Touch einmal abgesehen, könnten tatsächlich Verbindungen
bestehen. Jeder richtet sich sein „Nest“ individuell ein, vergleichbar mit seiner
einzigartigen Handschrift. Also sind Rückschlüsse auf den Charakter möglich.
Wer etwas über einen Menschen in Erfahrung bringen möchte, könnte sich daher
auch ansehen, wie er sich einrichtet.
Dass dann umgekehrt, eine andere Anordnung des Zimmerinhaltes auch auf
unsere Verfassung wirkt, ist zumindest in den Extremen ersichtlich. Sperren wir
einen ordentlichen Menschen in ein chaotisch angeordnetes Zimmer, wird er
sofort mit dem Aufräumen beginnen, sofern ihn nicht die territorialen
Maßnahmen derjenigen Person, die üblicherweise in dem Zimmer haust, davon
abhalten. Die äußere Unordnung wirkt auf ihn symbolisch wie ein impliziter
Appell.
Doch wie sieht es mit unserer inneren Welt aus? Traumsymbole erinnern uns an
nicht erreichte Stufen unserer Entwicklung. Wenn es uns beispielsweise niemals
gelungen ist, uns von zu Hause abzunabeln, dann tauchen Symbole der Enge,
Abhängigkeit und ungewollten Verbundenheit in unseren Phantasien und
Träumen auf. Sie wollen uns signalisieren, dass wir noch eine Rechnung offen
haben, die es zu begleichen gilt.
Auch im Kontakt miteinander sind Symbole unverzichtbar, man denke nur an
Eheringe oder Gartenzäune. Letztere können auch nur 50 Zentimeter hoch sein,
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und werden dennoch jeden rechtschaffenen Menschen am Betreten des
eingeschlossenen Grundstücks wirkungsvoll hindern.
Die verschiedenen individuellen Realitäten können untereinander nur
ausgetauscht werden, wenn sie nahezu kongruent und in sich selbst kohärent
sind. Dafür sind Symbole auf Dauer essentiell. Keine langfristige
zwischenmenschliche Beziehung ist ohne symbolischen „Klebstoff“ stabil.
Das erfordert, dass wir aus einem Guss bestehen sollten, und nicht aus vielen
Einzelteilen, die nicht zusammenpassen. Was Kongruenz zwischen zwei
Menschen ist, ist Kohärenz innerhalb einer Person. Körper, Geist und Seele
bilden eine Einheit. Kohärenz schließt die Fragmentierungen aus, wie sie bei
psychisch disharmonischen Menschen vorkommen.
Deshalb ist es auch so schwer, die Wirklichkeit eines seelisch beeinträchtigten
Menschen zu verstehen. Nicht jeder kennt psychisch kranke Menschen, deshalb
möchte ich ein einfacheres Beispiel heranziehen: Ein Trauernder ist
vorübergehend ausgeschaltet. Die Selbstregulation seiner Psyche funktioniert
nicht mehr richtig, und je nach Effizienz dauert seine Trauerarbeit
unterschiedlich lang.
Zu Beginn seiner Trauerphase wirkt er sehr „fremd“ auf uns. Besonders viele
Träume bleiben in seinem Gedächtnis zurück, die ihn an seine Aufgabe, die
Selbsterneuerung, erinnern sollen. Sie sollten bei seiner Krisenintervention
unbedingt berücksichtigt werden, da sie meist großen Aufschluss über die Tiefe
von Einschnitten und den bereits erzielten Fortschritt in deren Bewältigung
geben können.
Es sind auch spontane Fragmentationen der Psyche bekannt; sie werden
gemeinhin als „Schock“ bezeichnet. Gemeint ist nicht der physische Schock, bei
dem eine periphere Gefäßerweiterung dem Gehirn indirekt Blut entzieht, sondern
das Ereignis des spontanen Zerfalls unserer Wahrnehmung, beispielsweise, weil
wir soeben erfuhren, dass ein uns nahestehender Mensch tödlich verunglückt ist.
Meist gehen beide Formen des Schocks einher, aber der Verlust des
Wirklichkeitsbezuges wird gerne unterschätzt. Erinnerung, Wahrnehmung und
Interpretation sind in dieser Zeit dermaßen gestört, dass komplette Ereignisse
vergessen oder in einen falschen Kontext gebracht werden. Es folgt eine
Selbstentfremdung und innere Zerrissenheit. Alles erscheint uns unwirklich und
weit entfernt. Die innere Welt schottet sich von der Äußeren automatisch ab, um
nicht mit weiteren Reizen überflutet zu werden. Was interessiert uns auch die
Weltpolitik oder die vergleichsweise nichtigen Probleme anderer, wenn ein uns
nahestehender Mensch gerade gestorben ist?
Ein Schock lässt sich vergleichen mit einem direkten Blick in die Sonne. Ist er
kurz ausgefallen, sehen wir einige Sekunden lang nichts; ist er aber lange
gewesen, können wir sogar erblinden. Damit dies nicht geschieht, hindert uns
unser Körper durch Schmerz und dem Lidreflex daran hinzusehen, und lässt bei
einem Schock einen seelischen Schutzkokon entstehen.
Die Fülle an Informationen, die uns ein plötzliches Ereignis, wie ein Unfall
brachte, muss zunächst verarbeitet werden, bevor wir uns wieder dem Alltag
zuwenden können. Fest steht: Wer den Trauerprozess, auf die ich an späterer
Stelle noch genauer eingehen werde, überstanden hat, kehrt bewusster und
gestärkt ins Leben zurück. Menschen mit Todeserfahrung schildern immer
wieder, dass sie erst durch diese Grenzerfahrung den wahren Wert des bislang
selbstverständlichen Lebens kennenlernten.
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Gerade im Umgang mit sich merkwürdig verhaltenden Personen sollten wir auf
alle subtilen Signale und Symbole achten, denn sie gleichen einem
Hintergrundrauschen, das uns wertvolle Aufschlüsse geben kann, wenn
konventionelle Methoden ihren Dienst versagen.
5) Geschenke
Geschenke sind eine besondere Form der Kommunikation, denn sie vereinen
Selbstaussage, Appell und eine Aussage zur Beziehung in sich. Und eines muss
man schon ehrlicherweise erwähnt haben: Die meisten materiellen Geschenke
sind nur dazu da, die Schenkenden glücklich zu machen. Anders ist es bei
Komplimenten und anderen Formen der Aufmerksamkeit. Wenn sie ehrlich
gemeint sind, haben sie durchweg positiven Charakter.
„Schenken ist ein Brückenschlag über den Abgrund der Einsamkeit.“ (Antoine de
Saint-Exupéry)
Die Kunst, geeignete Komplimente zu ersinnen, die intelligent und charmant und
nicht plump und anzüglich sind, ist es, die Kommunikation zu einem
nachhaltigen Erlebnis macht. Wer trifft sich nicht gerne mit einer Person, die es
versteht, sachlich, humorvoll und großzügig mit Anerkennung zu argumentieren.
Gekonnte Konversation öffnet sowohl unser Herz, als auch unseren Verstand.
Wenn wir zu bestimmten Anlässen etwas Materielles verschenken möchten, dann
sollten wir unbedingt darauf achten, dass es weder billig noch zu edel und
kostspielig wirkt, denn beides hätte einen unangenehmen Nebengeschmack auf
der Beziehungsebene.
Das ist leicht gesagt, kann aber in der Umsetzung zum Problem werden. Wer
von uns war nicht schon stundenlang auf der Suche nach geeigneten
Geschenken? Falls Ihnen einmal gar nichts Passendes einfällt, versuchen Sie es
doch einfach mit Blumen, denn die sind immer angemessen.
Oder garnieren Sie ein eher gewöhnliches Geschenk mit einer kostbaren Karte
oder einem persönlichen Brief. Wer sich die Zeit nimmt, handschriftlich einen
Brief zu verfassen, der zeigt, dass ihm der andere Mensch etwas bedeutet.
Von Gutscheinen sollten wir besser die Finger lassen, denn sie sind ein Zeichen
für Unwissenheit und Bequemlichkeit. Denn sie beweisen implizit, dass man
weder den Geschmack, noch die Körpermaße des zu Beschenkenden kennt, und
zudem noch zu faul ist, sie in Erfahrung zu bringen. Gutscheine sind mehr „guter
Schein“ denn echte Treffer; wahre Freude können sie uns nicht entlocken. Die
einzigen Ausnahmen davon sind Einladungen zu gemeinsamen Ereignissen, wie
Konzerten oder Abendessen.
6) Die Zukunft der Kommunikation
Wir leben, wie ich bereits zu Anfang dieses Kapitels sagte, im
Kommunikationszeitalter. Die neue Technik offeriert uns traumhafte
Möglichkeiten, wenn wir verstehen, richtig mit ihr umzugehen. Ich meine damit
nicht nur die technische Fertigkeit, einen Computer zu bedienen, sondern den
harmonischen Mittelweg in einer ganz neuen Realität zu finden.
Wir haben die Möglichkeit, schneller als jemals zuvor, Kontakt zu Menschen auf
der ganzen Welt zu bekommen. Außerdem bietet uns das Internet bereits jetzt
die Möglichkeit, jedes erdenkliche Wissen abzurufen.
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Sollten wir deshalb nicht in Jubel ausbrechen? Wahrlich, die Optionen, die sich
uns eröffnen, sind noch gar nicht abzuschätzen. Die Menschheit profitiert ohne
Zweifel davon. Aber wissen wir als Individuum deshalb heutzutage tatsächlich
mehr als die Menschen früher? In gewisser Weise schon, da sich unsere relative
Wirklichkeit, also unser Erlebnisbereich deutlich vergrößert hat. Nicht mehr das
Dorfgeschehen ist von Bedeutung, sondern nur noch die Schlagzeilen und
großen Ereignisse der Weltpresse.
Doch verlieren wir nicht unsere ureigensten Fähigkeiten, wenn wir Informationen
jederzeit abrufen können, wenn wir sie brauchen? Wozu sollte ich denn
beispielsweise jetzt etwas über „Botanik“ lernen? Ich könnte es jederzeit tun,
denn die Informationen liegen stets im Netz bereit.
Und genauso wie ein Raucher „jederzeit aufhören“ kann seiner Sucht zu frönen,
wird der „potentiell Wissende“ seine Kenntnisse vertiefen und verbessern;
nämlich gar nicht! Auch die Schule bildet uns zwar theoretisch zu multifunktional
einsetzbaren Menschen aus, lehrt uns aber wenig, wie wir mit unserer
Gefühlswirklichkeit umzugehen haben.
Ich denke, kaum ein Mensch mit psychischen Störungen oder persönlichen
Problemen kann diese auf zu wenig Mathematik im Leben zurückführen. Kaum
eine Träne rollt, weil jemand sich nicht in der Geschichte seines Landes
auskennt. Dieses durchaus wichtige Wissen der Menschheit ist für das einzelne
Leben nicht wirklich relevant. Es sollte mehr in den Hintergrund treten und der
„Lehre einer kompetenten und sicheren Lebensführung“ Platz machen.
Die Informationstechnologie wird sich deshalb langfristig als Enttäuschung
herausstellen. Die Möglichkeiten zu kommunizieren werden vielfältiger und
einfacher, aber der soziale und emotionale Inhalt der Gespräche wird ärmer.
Belauscht man mobil telefonierende Menschen in der Straßenbahn (was man ja
eigentlich nicht tun sollte), dann bemerkt man, dass die Technik, die sie in den
Händen halten zwar genial ist, aber ihre Gespräche deshalb nicht zwangsläufig
„wichtiger“ oder „interessanter“ geworden sind.
Sie haben einander eigentlich nichts zu sagen, kommunizieren aber trotzdem,
um ihrem Geltungstrieb gerecht zu werden. Ob das als „Fortschritt“ zu bewerten
ist, sei dahingestellt. Am meisten profitieren noch behinderte Menschen von den
neuen Möglichkeiten, da sie auf klassische Weise nicht ihr volles Potential
entfalten könnten. Aber ansonsten sollten wir die Fortschritte auf diesem Gebiet
gelassener hinnehmen.
Euphorie ist zumindest nicht angebracht, denn Wissen und Fähigkeiten veralten
von nun an in einem rasanten Tempo. Was nützt es mir, mit einem technischen
Gerät umzugehen, das es in zwei Jahren nicht mehr gibt, weil es durch ein
besseres Gerät ersetzt wird? Der Vorteil, es benutzen und am technischen
Fortschritt teilhaben zu dürfen, wird überschattet durch die kurze Lebensdauer
dieser Möglichkeit.
Überlegen wir uns also lieber, wie wir Kommunikation einsetzen könnten, damit
sie uns dauerhaft bereichert und nicht verarmt. Ohne Basisverständnis können
wir nur zu einem leeren Fortschritt gelangen.
Viele glauben, sie wären besonders schlau und hätten das mühsame Erlernen
der klassischen Prinzipien nicht mehr nötig. Wozu Bücher lesen? Wozu Briefe
schreiben? Wozu Psychogespräche? Sie sind ja in der Lage, einen Computer zu
bedienen. Ich bin gespannt, was aus diesen Menschen wird!
Kapitel VII
Partnerschaft & Sexualität
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Um die wichtigsten Eckpfeiler im Leben eines Menschen besser zu verstehen,
müssen wir sie, wie wir es gewohnt sind, zunächst unterteilen, um sie später
erneut im Gesamtzusammenhang zu sehen. Die vier tragenden Säulen des
Lebens sind: die Partnerschaft, Freundschaften, die Familie und der Beruf. Auf
den Wandel im Berufsleben bin ich bereits etwas eingegangen; Genaueres dazu
wird folgen. Am Interessantesten aber auch Schwierigsten stufen wir in der
Regel den Bereich der Partnerschaft ein, deshalb sollten wir uns damit als Erstes
befassen.
„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart. Der bedeutendste Mensch ist
immer der, der dir gerade gegenübersteht. Das notwendigste Werk ist stets die
Liebe.“ (Meister Eckehart)
Eines möchte ich vorwegnehmen, da es sozusagen den „roten Faden“ dieses
Kapitels darstellt: Eine Partnerschaft ist einer guten Freundschaft sehr ähnlich.
Ein Partner sollte stets auch ein Freund und Gefährte sein. Trifft dies nicht zu, so
ist die Partnerschaft meist nicht besonders stabil, zumindest aber nicht erfüllend.
Ein Partner ist mindestens soviel „wert“, wie ein bester Freund, denn er ist ein
Begleiter und Weggefährte. Mit ihm können wir unsere Zeit sinnvoll verbringen,
unsere Ideen diskutieren, Impulse bekommen und gemeinsame Visionen
verwirklichen. Und nur eine Partnerschaft ermöglicht es uns, ein zweites Leben
mitzuerleben, ohne es selbst führen zu müssen.
I. Regeln der Partnerschaft
Ein beliebtes Thema vieler Filme und Gespräche ist die Partnersuche; sie
gestaltet sich für viele Menschen als einer der schwierigsten Bereiche ihres
Lebens. Und vom richtigen Lebensgefährten hängt so manche Weichenstellung
des weiteren Lebensweges ab. Wir scheinen eine Menge Glück zu brauchen, um
unseren Traumpartner zu finden, oder eine ausgeklügelte Strategie, die uns die
Suche erleichtert. Und wie das so üblich ist, gibt es hierfür Erfahrungswerte und
Ratschläge seitens der Gesellschaft.
1) Partnersuche
Einer gängiger Ratschlag lautet: „Man soll bei der Wahl seines Partners nicht auf
das äußere Erscheinungsbild Wert legen, denn der Charakter ist es, der zählt.“
Das ist zwar richtig und wäre in höchstem Maße idealistisch und gerecht, erweist
sich aber auch als völlig weltfremd.
Schließlich ist es meistens zunächst das Äußere, das wir von unseren
Mitmenschen erleben; von ihm müssen wir auf innere Werte Rückschlüsse
ziehen. Sofern wir nicht blind sind, oder per Telefon und (elektronischem)
Briefwechsel auf Partnersuche gehen, wird uns eigentlich immer zuerst das
Auftreten einer Person auffallen.
Und da wir aus zeitlichen Gründen nicht Milliarden Menschen des anderen
Geschlechtes kennenlernen können, müssen wir zunächst grob selektieren.
Wenn uns schon das Äußere von einer Person nicht interessiert, dann verzichten
wir lieber auf weitere Investitionen von Zeit und Energie. Was soll an dieser
Vorgehensweise denn falsch sein?
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Natürlich kann man auf diese Art nicht völlig gerecht sein, und es besteht
theoretisch die Gefahr, dass man seinen idealen Partner übersieht. Zudem
vergeht Schönheit mit den Jahren, das weiß jeder. Wir könnten noch so lange
darüber diskutieren, aber realistisch betrachtet kommt nur eine Lösung infrage:
Wir müssen irgendwie sortieren und kommen nicht darum herum.
Da Schönheit jedoch weitestgehend subjektiv ist, prüfen wir unsere
Mitmenschen instinktiv auf ihre Ausstrahlung und ihr Auftreten, also nicht nur
auf oberflächliche Merkmale. Und so gesehen ist unser Vorgehen sogar sehr
sinnvoll.
Auch ein Partner, der aus einem völlig anderen Kulturkreis oder Milieu kommt,
birgt potentielle Risiken. Man sollte sich gut überlegen, ob man sich auf eine
Beziehung zu einem Menschen mit einer ganz anderen Mentalität und Tradition
einlassen will.
Natürlich sollte jeder für sich selbst entscheiden, auf welche Merkmale er wert
legt. Sich einfach nur von seinen Gefühlen leiten zu lassen, wäre aber sehr
fahrlässig. Verliebtsein allein reicht nicht aus. Wie immer ist es die
Verhältnismäßigkeit und Ausgewogenheit in den Kriterien, die letztendlich zum
Ziel führt.
Dieses Ziel wäre eine stabile und glückliche Partnerschaft, bei der es keine
Gewinner und Verlierer gibt. Wer beim Selektieren ausschließlich auf
Körpermaße achtet, ist genauso einseitig wie jemand, der ausschließlich Geld
oder Status als Kriterien für seine Partnerwahl heranzieht. Einseitigkeit in den
Charakteristika und ein „Verzwingen“ einer Partnerschaft führt
Eine sinnvolle Partnerschaft ergänzt und unterstützt uns; sie ist eine Symbiose,
in der Synergieeffekte eine tragende Rolle spielen. Wenn also schon unser erster
Eindruck einer Person mau ist, dann kann auch später nichts Großartiges daraus
erwachsen, zumindest wäre das sehr unwahrscheinlich.
Die jährlich zunehmende Scheidungsrate, bei der die Trennungen der vielen
unehelichen Beziehungen gar nicht erfasst werden, spricht eine deutliche
Sprache. Ich benutze übrigens in diesem Buch bewusst den Begriff der
„Partnerschaft“ und nicht den der „Ehe“, da ich unabhängig von der Art der
Lebensgemeinschaft
dafür
plädiere,
Stabilität
und
Kontinuität
im
Zusammenleben zu etablieren. Dass eine Ehe einen ungleich höheren
Stellenwert einnimmt wie eine gewöhnliche Partnerschaft, sollte eigentlich auch
jedem klar sein.
Ein Scheitern dieser Symbiose äußert sich nicht zwangsläufig durch Trennung,
da viele diesen Schritt aus mangelnder Entschlossenheit nicht wagen. Aber für
gewöhnlich leben die Betroffenen ab diesem Zeitpunkt aneinander vorbei, selbst
wenn sie Tisch und Bett weiterhin teilen.
Es fehlte solchen Partnerschaften an der Grundlage, und die beginnt schon,
bevor wir einen Partner kennenlernen. In unseren Köpfen tragen wir die
Blaupause für eine vermeintlich glückliche Partnerschaft. Dort müssen wir auch
folglich ansetzen, wenn wir diesem Vorhaben ein solides und stabiles Fundament
geben möchten.
Wir alle wissen, dass es für ein Scheitern genügt, wenn einer der beiden Partner
seine Liebe verliert; Interesse und Respekt allein reichen für eine glückliche
Lebensgemeinschaft nicht aus.
Das Risiko, dass unser Partner Fehler macht und wir ihn „unverschuldet“
verlieren, ist also schon groß genug. Und dennoch begehen auch wir in diesem
Bereich noch zusätzliche Denkfehler, mit denen wir eine Trennung provozieren,
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wenn nicht gar schon einleiten, bevor wir eine Partnerschaft überhaupt erst
eingehen.
Viele Menschen fürchten sich beispielsweise sehr vor einem möglichen Scheitern
und halten sich daher immer eine Hintertür offen. Sie wollen nicht zu viel
riskieren und fürchten, abzustürzen, wenn sie sich mit ganzem Herzen verlieben.
Daher führen sie ihre Beziehung halbherzig, im Glauben, dass dann eine
Trennung im Ernstfall leichter zu verschmerzen wäre.
Zu warten, „bis jemand Besseres kommt“, ist in dem Zusammenhang alltäglich.
Also eine Partnerschaft „bis auf Widerruf“ zu führen, ähnlich einem befristeten
Arbeitsverhältnis. Allein der beliebte Begriff „Lebensabschnittsgefährte“
beinhaltet bereits das unausweichliche Ende dieses Abschnittes, also die
Unmöglichkeit einer dauerhaft glücklichen Partnerschaft.
„Es könnte unter den vielen anderen Menschen ja schließlich einer sein, der noch
besser zu mir passt“, denken diese Personen. „Und es wäre doch schade, wenn
ich ihn dann nicht bekäme.“ Deshalb verlängern sie ihre Beziehungen lieber von
Tag zu Tag und sparen die wahren Gefühle für diesen potentiellen Traumpartner
auf.
Dass dieser deshalb niemals auftaucht, weil sie sich noch nicht von ihrer letzten
Bindung getrennt haben, oder weil sie sich gar nicht richtig verlieben könnten,
wissen sie anscheinend nicht. Ein erfolgreicher „fließender Übergang“ zwischen
zwei Beziehungen ist sehr unwahrscheinlich. Durch diese, oft auch unbewusste
Sprunghaftigkeit, werten sich solche Personen dermaßen ab, dass sie weder eine
bessere Beziehung finden, noch mit der bestehenden glücklich werden können.
Denn selbst wenn der Wechsel gelänge, blieben sie weiterhin „auf der Suche“
und glauben, sie könnten einem noch besseren Menschen begegnen, und das,
obwohl sie bewiesen haben, dass sie selbst keiner sind.
Wer sich direkt von einer Beziehung in die nächste stürzt, hat sich nicht die Zeit
genommen, hinzuzulernen und die eigenen Fehler, sowie die des ehemaligen
Partners Revue passieren zu lassen. Die eigene Entwicklung ist stagniert, und
eine Verbesserung der Umstände allein deshalb schon ausgeschlossen. Wer noch
mit halben Herzen in einer bestehenden oder vor Kurzem beendeten Beziehung
verankert ist, kann sich auch rein logisch betrachtet nicht mit ganzem Herzen
neu verlieben.
„Im selben Maß du willst empfangen, musst Du geben: Willst Du ein ganzes
Herz, so gib ein ganzes Leben.“ (Friedrich Rückert)
Daher ist vor Beginn einer erneuten Partnersuche eine Trennung vom alten
Partner und Aufarbeitung der letzten Beziehung unumgänglich. Eine
Mindesttrauerfrist von zwei Monaten benötigt jeder Mensch, gleich, wie
emotional begabt er auch ist, sonst kommt er vom Regen in die Traufe.
Es leuchtet psychologisch gesehen auch ein, dass man während oder direkt nach
einer Partnerschaft noch gar nicht bereit sein kann, sich wieder von ganzem
Herzen und Verstand zu binden. Andere Motive, wie die Furcht davor allein zu
bleiben, oder die Unfähigkeit zum selbständigen Leben, spielen in dieser
Karenzzeit die Hauptrolle.
Vor jedem Neubeginn steht ein Ende, ein Abschluss alter Zeiten. Wer sich also in
einer Partnerschaft befindet, die ihn nicht glücklich macht, sich aber dennoch
nicht trennen möchte und darauf spekuliert, dass er durch Bindungslosigkeit zu
einer besseren Partie gelangen kann, der sollte sich einmal fragen, wie das
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funktionieren soll. Durch sein eigenes illoyales und inkonsequentes Verhalten
verhindert er diese Möglichkeit. Er hätte eine Verbesserung nicht verdient, und
die bereits bestehende Beziehung durch sein eigenes Verhalten erst zu dem
gemacht, von dem er sich nun lossagen möchte.
Wir finden stets das im Leben vor, was wir selbst fabrizieren. Wir können uns
zwar jederzeit neu verlieben, wer aber immer nur sucht, der wird nicht wirklich
finden. Wer sich auf diese Weise unter Wert anbietet, wird auch zu einem
Ramschpreis erworben.
2) Intelligente Partnersuche
Die meisten Beziehungen fangen mit großer Euphorie an, nutzen sich allmählich
ab und stagnieren schließlich auf einem unwürdigen Niveau. Die meisten
Menschen glauben, dass dies so sein müsste, und wir eigentlich nichts weiter tun
könnten, als verschiedene Partner auszuprobieren, bis irgendwann einer
halbwegs zu uns passt.
Doch Liebe schenken und Liebe empfangen kann auf Dauer zum Problem
werden, wenn wir schlechte Erfahrungen machen. Unser Urvertrauen wird durch
sie erschüttert und Altlasten in die nächste Beziehung verschleppt. Auch aus
diesem Grund sollten wir nicht jeden vermeidbaren Fehler machen, denn eine
glückliche Partnerschaft wird mit der Anzahl verpatzter Versuche immer
unwahrscheinlicher. Es stimmt eben einfach nicht, dass sich der richtige Partner
durch möglichst viele Versuch-und-Irrtum-Aktionen ermitteln lässt. Irgendwann
sind wir selbst so verstört, dass wir ihn nicht einmal erkennen würden, wenn wir
ihn bereits zum Partner hätten.
Wir vergleichen unseren derzeitigen Partner (unbewusst) in jeder Eigenschaft
mit dem jeweils Besten, den wir bereits hatten. Sprich, je mehr Partner wir
hatten, desto unwahrscheinlicher wird es, den Richtigen doch noch zu finden,
der alle positiven Eigenschaften der anderen in sich vereint. Unser jetziger
Partner würde mit allen vorigen „konkurrieren“, was es nahezu verunmöglicht,
dass wir mit ihm zufrieden wären.
Das eigentliche Problem ist, dass wir Stück um Stück mit jedem weiteren Partner
unseren absoluten Maßstab verlieren und ihn durch einen relativen ersetzen. Der
zehnte Partner ist in unseren Augen „gut“, wenn er besser als seine neun
Vorgänger ist, und nicht, wie es sein sollte, wenn er objektiv gut zu uns passt.
Der Verlust unserer Objektivität, also dass wir beurteilen können, wie gut unsere
derzeitige Partnerschaft wirklich ist, verkompliziert auch jegliche Verbesserung
der Situation. Dabei gestaltet sich die Partnersuche recht einfach, wenn wir sie
harmonisch betreiben.
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu
leben.“ (Hermann Hesse)
Bei ihrer Partnerwahl berücksichtigen manche Menschen nur die logische
Kongruenz, also die Ähnlichkeit der Gesellschaftsschicht, in der sie leben. Ein
Mensch mit vergleichbarer Intelligenz und ähnlichen finanziellen Mitteln
verspricht eine gute Partie zu sein.
Wir suchen diese Übereinstimmung, um so verstanden und akzeptiert zu
werden, wie wir sind. Niemand möchte sich ständig rechtfertigen, weil er mit
seinem Partner intellektuell oder finanziell nicht mithalten kann, oder
umgekehrt, zu sehr Rücksicht auf ihn nehmen muss. Doch was ist mit der
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emotionalen Übereinstimmung? Warum wird sie denn nicht auch automatisch
berücksichtigt?
Ich vermute, das liegt an dem unausgewogenen Verhältnis zwischen Männern
und Frauen mit emotionaler Begabung. Meiner Erfahrung nach gibt es rund
zehnmal mehr Frauen als Männer, die ihr Potential nutzen, um ganzheitlich zu
empfinden. Das bedeutet nicht, dass Frauen per se intelligenter oder emotional
begabter wären, oder dass alle Frauen so verfahren, aber sie sind in der
Überzahl derer, die es tun.
Wenn dies zutrifft, würde es folglich bedeuten, dass manche Frauen, wenn sie
nach einem emotional adäquaten Partner suchen, leer ausgehen würden. Das
klingt natürlich nicht zufriedenstellend, also verzichten sie lieber in diesem Punkt
und begnügen sich mit weniger.
„Weniger“ im Sinne von weniger ganzheitlich orientierten Charakterzügen des
Partners. „Besser diesen als gar keinen Partner“, überlegen sie sich und wundern
sich fortan über seine „Macken“. Sie spekulieren fatalerweise darauf, dass er sich
ihnen zuliebe noch ändern wird, und legen damit selbst den Grundstein einer
unausweichlichen Trennung.
Männer sind meist Spezialisten; sie konzentrieren sich auf eine bestimmte
Aufgabe und perfektionieren diese. Selten ist das aber der emotionale Bereich.
Dieser wird vernachlässigt, da er ihrem Ziel nicht dienlich erscheint.
„Gefühlsduselei“ ist ihrer Meinung nach Frauensache.
Viele Männer glauben, dass demonstrierte Potenz, Fachwissen und
unumstößliche Stärke das Interesse der Frauen an ihnen wecken würde. Um
nicht als „Softie“ zu gelten, widmen sie ihre Zeit lieber anderen Themen. Ihre
pauschale Ablehnung der Ganzheitlichkeit scheint auf den ersten Blick
ausschließlich schädlich zu sein, birgt aber auch Vorteile.
Eine Gesellschaft, die ausschließlich aus ganzheitlichen Menschen gebildet
würde, wäre nicht zu raschem Fortschritt fähig. Progression verlangt eine
Veränderung und diese kann nur jemand vollziehen, der Opfer erbringen kann,
da er einseitig versteht und das Gleichgewicht verzerrt. Es klingt paradox, aber
Harmonie bedarf ihrer ständigen Erneuerung, also auch Störung. Das weibliche
Maß an Aggression wäre dafür nicht ausreichend.
Genau deshalb ist die gesamte Geschlechterfrage auch müßig. Dass Männer vom
„Mars“ wären, „überhaupt nicht mit Frauen zusammenpassen“ und ähnliche
Debatten. Wir haben doch keine Wahl; da hilft kein Gejammer, sondern nur die
Fähigkeit, das Beste aus dieser Situation zu machen. Männer wie Frauen sind
unverzichtbare Bestandteile der Menschheit, nicht nur der Fortpflanzung wegen.
Eine Frau, die diese Andersartigkeit der Männer versteht und die ungünstige
Verteilung der emotional begabten Männer in unserer Gesellschaft kennt, kann
sich trotz schlechter Aussichten ihren Idealpartner sichern. Ich empfehle daher
emotional begabten Frauen sich nicht abspeisen zu lassen und auf der
emotionalen Ebene keine faulen Kompromisse einzugehen.
Wenn ich zu Beginn einer Beziehung schon erahne, dass mein momentaner
Partner in wenigen Jahren nicht mehr zu mir passt, oder ich es mir nicht
vorstellen kann, mit ihm eine Familie zu gründen, dies aber selber möchte, dann
wäre jede weitere Aufrechterhaltung der Beziehung Zeitverschwendung. Das
klingt sehr nüchtern, vor allem, wenn uns die Gefühle zur Weiterführung der
Partnerschaft zuraten, aber durch Subvention unserer Empfindungen in eine de
facto schon gescheiterte Partnerschaft erreiche ich nur, dass das unvermeidliche
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Ende hinausgezögert wird, und ich in dieser Zeit keinen geeigneteren Partner
bekommen kann.
Fremdzugehen oder auf der Suche zu bleiben kompensiert, wie gesagt, diesen
Weg in eine Sackgasse nicht, sondern erhöht lediglich den Leidensdruck und
verringert die Chance auf echtes Glück noch zusätzlich.
Eine Pseudopartnerschaft stützt unser Lebensglück, wie ein Strick den
Gehängten. Es ist daher besser, zeitweise alleine zu leben, als mit
„irgendjemandem“ eine Partnerschaft einzugehen, die im Ergebnis bestenfalls
Schmerz erzeugen kann.
Ein Mensch, der keine unnötigen Partnerschaften eingeht, erzeugt sich dadurch
langfristig selbst seinen Traumpartner. Wenn beispielsweise die Nachfrage nach
Ganzheitlichkeit steigt, würden sich viel mehr Männer dafür begeistern lassen.
Männer haben im Durchschnitt ein genauso großes emotionales Potential wie
Frauen, sie nutzen es nur meistens nicht. Warum sollten sie auch, wenn sie auch
mit vergleichsweise billigem Machoverhalten zu einem Partner kommen können?
3) Erfolgsdruck - der Feind jeder Suche
Nun gehen wir einmal davon aus, wir sind ungebunden und haben ein ganzes
Herz zu vergeben. Dann ist die Chance schon recht gut, dass wir uns verlieben
und die Resonanz darauf annehmen können. Dennoch ist es nicht besonders
leicht einen Partner zu finden, der sehr gut zu uns passt. Oft kommt Panik auf,
weil man aus Einsamkeit, Isolation, Langeweile, gesellschaftlichem Druck und
dem Wunsch nach Anerkennung und Zuneigung, kurz, der Sehnsucht nach
Liebe, aufgefressen wird.
Dann ist man versucht, möglichst schnell den idealen Partner zu finden.
„Torschlusspanik“ ist das passende Stichwort und ein weiteres Hindernis auf dem
Weg zur harmonischen Zweierbeziehung. Eine rastlose Suche beginnt, und schon
bald darauf würden Einschränkungen in Kauf genommen. Alleiniges Ziel ist von
diesem Zeitpunkt an, den Wunschpartner zu finden, denn wir glauben, nur er
kann uns glücklich machen. Vielleicht ist es auch der Wunsch nach
Familiengründung und Kindern, der das innere Bild vom Traumpartner immer
mehr verwässert.
Die gängige Ansicht hierbei lautet: „Ich will nicht ewig auf den Traumprinzen
warten, sondern möglichst sofort jemanden haben. Vielleicht entpuppt er sich ja
irgendwann als Prinz. Zur Not versuche ich ihn diesbezüglich zu ändern.“
Doch mit dieser Vorgehensweise hat man bereits verloren, bevor man beginnt.
Akzeptieren wir zu große Kompromisse in wichtigen Punkten, dann wird uns das
immer wieder sauer aufstoßen. Versuchen wir den Partner dann nach unseren
Wünschen zu ändern, kommt das einer Manipulation gleich. Es wäre der
Versuch, ihm seine Identität zu rauben, was (glücklicherweise) meist
fehlschlagen wird.
Die einzig logische Konsequenz aus diesem Wissen muss also lauten: Von
Anfang an in seiner Vorstellung nur auf die wichtigsten Punkte wert zu legen,
und offen dafür zu sein, was uns ein Mensch darüber hinausgehend bieten
könnte.
Eine Partnerschaft sollte nicht durch eine „Werteliste“ eingeschränkt werden,
denn kein Mensch ist perfekt. Und je mehr Übereinstimmungen wir erwarten,
desto geringer wird die tatsächliche Ausbeute, denn immer mehr Kandidaten
fallen durch den Rost.
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Lassen Sie uns eine kleine Überlegung diesbezüglich anstellen: Behaupten wir
einfach mal, dass immer die Hälfte aller Menschen unseren Vorstellungen in
einer speziellen Eigenschaft entsprechen. Das ist sehr optimistisch, genügt aber,
um das Prinzip einer zu langen „Werteliste“ zu verdeutlichen. Gehen wir von 100
potentiellen Kandidaten aus, die uns in den nächsten Wochen über den Weg
laufen werden, was übrigens schon viel wäre.
Soll unser zukünftiger Partner in einem gewissen Alter sein, bleiben noch 50
übrig, davon die Molligen gestrichen, macht 25. Wenn die Arroganten
ausgeschlossen werden, verbleiben aufgerundet noch 13. Streichen wir dann
noch die Humorlosen, sind nur noch maximal 7 Menschen übrig. Und um es jetzt
nicht zu übertreiben, nehmen wir einen der vier verbleibenden Attraktiven.
Diese Rechnung sollten Sie nicht völlig ernst nehmen; sie war nur ein Spiel mit
der Wahrscheinlichkeit. Doch es zeigt, dass diese in dem Maße abnimmt, wie
unsere Erwartungen steigen.
Doch zum Glück finden die Menschen zueinander, auch wenn es statistisch
gesehen die Ausnahme sein sollte; Liebe geht eben andere Wege. Zwei
Menschen, die zusammenpassen, werden es erkennen, wenn sie einander
begegnen.
Und das kann um so besser funktionieren, je weniger sie suchen. Wer sich leicht
verliebt, hat den Vorteil, dann, wenn es geschehen ist, überlegen zu können, ob
der andere eine gute Partie darstellen könnte. Andersherum ist dies aber nicht
möglich; Liebe kann nicht im Kopf beginnen. Wer zu genaue Erwartungen an
einen potentiellen Partner hat, kann eigentlich nur enttäuscht werden. Wer sich
hingegen davon überraschen lässt, wie sich eine Partnerschaft entwickelt, der
kann nur gewinnen.
Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich vorhin gesagt habe. Natürlich müssen
sich zwei Menschen in ihren Grundwerten einig sein, aber eine Partnerschaft ist
ein gemeinsames Projekt ohne vorgegebene Ziele. Wer überwiegend auf
irgendeine Phantasie spekuliert, hat es schwer jemanden zu finden, der darin
genau übereinstimmt. Spätere Änderungen oder „Nachbesserungen“, wie wir sie
beispielsweise von Werkverträgen kennen, sind einer harmonischen
Partnerschaft nicht gerade dienlich; sich einfach überraschen zu lassen schon
eher.
Wer immer mit einem genauen Bild im Kopf durch die Weltgeschichte spaziert,
der merkt es nicht einmal, wenn das Glück direkt vor ihm steht. Und nicht selten
ist gerade die Abweichung von unserem vermeintlichen Ideal reizvoll. Dadurch
bekommen wir vielleicht sogar noch mehr, als wir bis dato zu träumen gewagt
hätten.
Die Gefahr enttäuscht zu werden, steigt proportional mit unseren Erwartungen
an. Und wer zusätzlich, wie schon erwähnt, „auf dem Sprung“ bleibt und trotz
bestehender Beziehung weiter sucht, der braucht sich über Disharmonie, eigene
Unzufriedenheit und zahlreiche Enttäuschungen in seinem Leben nicht zu
wundern.
Was lässt sich noch alles falsch machen? Der Mensch neigt dazu, jeden
erdenklichen Fehler auch tatsächlich ausprobieren zu wollen, um die Folgen am
eigenen Leib zu verspüren.
Es liegt beispielsweise auch nahe, sich selbst zu verstellen, um schnell einen
Partner zu ergattern, denn es erhöht die Trefferquote, an mehreren Orten
gleichzeitig zu fischen. Unter Zugzwang erscheint es legitim und preiswert, seine
Wertschätzung bei einer gewissen Person dadurch zu erhöhen, indem man ihr
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Kongruenz bewusst vortäuscht. Mit dem richtigen Köder können wir bestimmte
Fische gezielt anvisieren. Doch was ist die zwangsläufige Konsequenz dieser
Strategie?
Verstellt man sich, um einem potentiellen Partner zu gefallen, so verschleiert
man seine eigene Identität. Folglich kann uns dieser Mensch gar nicht wirklich
kennenlernen, und wir werden auch bei vermeintlichem Erfolg nicht um unserer
selbst willen geliebt. Der Partner kennt und akzeptiert nur das Bild, das ihm
vorgegaukelt wurde. Dieses dann aufrechtzuerhalten kostet uns viel Energie, die
irgendwann verbraucht sein wird.
Eine Änderung würde das „Aus“ der Beziehung bedeuten, weil der Partner
unsere, für ihn seltsame und plötzliche Wandlung, nicht nachvollziehen könnte.
Für ihn sind wir so, wie wir es ihm vorgespielt haben.
Verändern wir uns dann zu dem Menschen, der wir eigentlich sind, muss es ihm
wie ein Akt der Willkür erscheinen, oder als ein Zeichen dafür, dass wir
unzuverlässig und instabil sind. Es kann auch sein, dass er den Schwindel
bemerkt, also dass wir ihn absichtlich getäuscht haben, um ihn zu ködern. Im
besten Fall wird er einfach nur sein Interesse an uns verlieren, weil wir von da
an nicht mehr so gut mit ihm übereinstimmen.
Eine so entstandene Partnerschaft muss und wird zerbrechen, denn unsere
„besondere Schläue“ wird uns zum Verhängnis. Selbst ihr Lernwert ist nur
gering, da das eigene Fehlverhalten häufig verkannt wird, da sich dahinter nur
eine „gute Absicht“ verborgen hatte. Zumindest bilden wir uns gerne ein, dass
wir etwas „Gutes“ im Sinn hatten. Wären wir selbstkritischer und aufrichtiger,
müssten wir uns Selbstsucht hinter dieser Vorgehensweise attestieren.
Schwierigkeiten gibt es auch, wenn man sich einen Partner sucht, der
charakterlich genauso ist wie man selbst, oder das genaue Gegenteil davon. Das
tun die meisten Menschen, denn sie versprechen sich davon automatische
Übereinstimmung,
also
eine
pflegeleichte
Beziehung
beziehungsweise
vollständige Ergänzung. Ein uns konträrer Mensch würde der Symbiose nützen,
denn das neugebildete Team wäre vielseitig und schlagkräftig.
Was ist denn daran falsch? Im Grunde genommen erst einmal nichts, denn beide
Vorgehensweisen machen Sinn. Doch leider nicht in ihrer extremen Form. Wir
haben bereits mehrfach über Harmonie gesprochen, darüber, dass sie sich
zwischen den Extremen aufhält, weil sie durch sie Grenzen erhält, die sie
allenfalls kurzeitig durchläuft. Das ist hier exakt genauso.
• Sind sich Partner zu ähnlich, dann können sie einander nur schlecht in ihren
Schwächen ergänzen. Beispielsweise motivieren zwei introvertierte und
entscheidungsunfähige Menschen einander nicht auf Dauer. Zwar ist es
anfangs verlockend, wenn man sich verstanden fühlt und nicht so oft kritisiert
wird, aber das wird auch schnell langweilig, da neue Ideen und Impulse
ausbleiben. Wenn sich ein molliger Mensch mit seinesgleichen umgibt, dann
muss er sich zwar nicht rechtfertigen, wird aber auch nicht dazu veranlasst,
sich zu überprüfen und seine objektiv falschen Ernährungsgewohnheiten zu
ändern. Eigene Fehler werden durch die Gewissheit, dass es der Partner auch
falsch macht, lediglich kaschiert. Doch diese Art von Flucht in
Selbstgefälligkeit und Bequemlichkeit ist zu billig. Alle Probleme bleiben
unverändert bestehen, und die Beziehung wird nicht als Chance zur
persönlichen Entwicklung genutzt.
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• Bei zu gegensätzlichen Partnern ist es noch verständlicher, weshalb ihre
Partnerschaft nicht von Dauer sein kann. Zwar fühlen sich beide anfangs
zueinander hingezogen wie ungleichpolige Magneten und sind von der
Andersartigkeit des Partners fasziniert. Er verkörpert schließlich eine andere
Welt, die ihnen selbst bislang verschlossen blieb. Doch das birgt auch viel
Sprengstoff. Beispielsweise ist ein herrischer und freiheitsliebender Mensch
nur kurzzeitig von der Aufmerksamkeit geschmeichelt, die ihm sein
dependenter und häuslicher Partner entgegenbringt. Genau diese Nähe wird
ihn bald stören, denn er möchte sich auch weiterhin die Welt erschließen und
unabhängig sein, während ihn der Partner am liebsten rund um die Uhr bei
sich hätte.
Der häufigste Irrtum in diesem Bereich ist, wie schon gesagt, zu glauben, dass
sich der Partner noch ändern wird. Doch wie sollte er? Meist geht es
Ausprägungen des Charakters; sein Verhalten könnte er zwar ändern, aber um
welchen Preis? Selbstverleugnung seinerseits wäre falsch, und warum sollten wir
eigentlich eine solch große Erwartungshaltung an unseren Partner richten?
Niemand kauft sich eine Katze, wenn er doch lieber einen Hund hätte, und
erwartet von ihr dann, sich wie ein Hund zu verhalten! Zwar könnte es uns
tatsächlich gelingen, die Katze nach vielen Jahren einem Hund „ähneln“ zu
lassen, aber das wäre weder ökonomisch noch harmonisch.
Was lernen wir daraus? Es ist wie so oft ein Mittelweg gefragt. Wir brauchen
einen Partner, der uns zugleich ähnlich ist, wie auch komplementär. Ähnlich in
unseren tiefsten Werten und Vorstellungen, aber fähig diese auf eine andere Art
zu verwirklichen. Das ermöglicht es, dass wir mit ihm symbiotisch und
synergistisch ein gemeinsames Ziel verfolgen, und sichert unser langfristiges
Interesse an seiner Person.
Dass sich so ein Mensch nicht halbherzig und binnen weniger Tage finden lässt,
ist klar. Geduld ist die Tugend, die auf lange Sicht die meisten und leckersten
Früchte trägt, denn Wunder dauern eben etwas länger.
Die Zeit in der wir ohne Partner leben ist aber keineswegs verloren und kann
sinnvoll verwendet werden. Wenn man sich in dieser Zeit selbst besser
kennenlernt, sich entfaltet und seine Fähigkeiten auf vielen Gebieten verbessert,
ist man automatisch vorbereitet und prädestiniert für eine kommende
Partnerschaft. Denn diese positive Lebenseinstellung wird von anderen
Menschen wahrgenommen. Potentielle Partner würden sich gerne eine Scheibe
davon abschneiden.
Wir wären in der Lage sowohl mit, als auch ohne Partner zufrieden zu sein. Das
macht uns wiederum unabhängig; unsere Liebe wäre dann ein freiwilliges
Geschenk und kein „Schutzgeld“, um nicht verlassen zu werden.
Natürlich ist kaum jemand alleine wirklich glücklicher; das kann man sich auch
einreden. Aber man hat mehr Zeit zur Verfügung, um herauszufinden, was die
eigenen Standpunkte und Bedürfnisse sind. Das dient als Vorbereitung für eine
kommende Beziehung, die dann stabiler als die vorangegangenen ist, weil wir
alte Dummheiten fortan vermeiden und realistischer an dieses Projekt
herangehen können.
Nur sollten wir nicht den Fehler machen, uns direkt dafür vorbereiten zu wollen,
sondern ernsthaft versuchen, ohne einen anderen Menschen zufrieden zu
werden. Nicht mit dem Ziel vor Augen, dass es einem künftigen Partner wohl
gefallen würde, was wir inzwischen so alles können und wissen, denn das käme
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wieder einem Verstellen gleich, sondern um selbst zufrieden zu sein. Denn ein
(künftiger) Partner kann uns nur dann glücklich machen, wenn wir ohne ihn
bereits zufrieden sind.
Damit
keine
Missverständnisse
auftauchen:
Mit
dieser
Form
der
Selbstverwirklichung und Individuation ist natürlich nicht gemeint, sich zwischen
zwei dauerhaften Partnerschaften „sexuell“ auszuleben, also diversen
unverbindlichen Liebeleien nachzugehen. Das ist mittlerweile schon so
selbstverständlich und salonfähig geworden, dass ich in diesem Punkt absolute
Klarheit möchte. Gemeint ist die Arbeit an seiner Person und nicht das pure
Ausleben seiner Persönlichkeit.
Doch wie lässt sich die Hoffnung über lange Zeit aufrechterhalten. Jeder, der
schon längere Zeit einsam war und sich nach einem verständnisvollen und
liebevollen Partner gesehnt hat, versteht, dass es Phasen gibt, in denen es uns
an Durchhaltevermögen fehlt. Das Problem das dahintersteckt ist, dass es
keinen definitiven Zeitpunkt gibt, an dem uns unser künftiger Lebensgefährte
über den Weg läuft.
Das kann morgen der Fall sein, aber auch niemals. Wer weiß schon, wann es
passieren wird? Die Geduld versagt manchmal und die Hoffnung schwindet. In
solchen Momenten der Schwäche greifen viele auf einen der oben erwähnten
Tricks zurück, wohl wissend, dass es nur Unglück bringen wird. Der Spatz in der
Hand ist ihnen lieber als die Taube auf dem Dach.
Ich kann dennoch nur dazu raten, konsequent und hoffnungsvoll zu bleiben.
Schwäche und Unsicherheit und Angst sind keine Schande, sollten aber unser
Handeln nicht zu sehr beeinflussen, denn es ist tatsächlich nur eine Frage der
Zeit, bis die richtige Person auftaucht. Und das geschieht immer dann, wenn
man wirklich bereit für eine neue Partnerschaft ist. Nicht, wenn man glaubt,
bereit zu sein oder noch nicht sicher ist, sondern wenn man wirklich bereit dazu
ist, weil man gelernt hat, darauf auch im Zweifelsfall verzichten zu können.
Das ist die Lektion, die uns das Leben diesbezüglich erteilt. Zu dem Zeitpunkt,
an dem wir nicht mehr damit rechnen, uns neu zu verlieben, weil wir unser
Glück nicht mehr auf andere aufbauen müssen, sind wir fähig, uns wieder auf
einen neuen Partner einzulassen. In dem Moment, in dem wir innerlich kohärent
geworden sind und alten, seelischen Ballast über Bord geworfen haben, ist unser
Herz dazu fähig, sich mit frischen Emotionen zu füllen.
Deshalb ist es unnötig, sich Sorgen hinzugeben und besser, sich Gedanken über
die vorigen Beziehungen oder gescheiterten Ansätze zu machen, und ferner so
zu leben, wie man es selbst möchte. Dann kann man sich von seinem künftigen
Partner finden lassen.
Er wird uns entdecken, da wir viel ehrliche und ungeteilte Liebe zu verschenken
haben. Das kann er spüren, und es wird ihn faszinieren, da wir, ohne ihm
imponieren zu wollen, auf unserer (also auch seiner) Wellenlänge ausstrahlen,
dass wir mit uns (wieder) im Reinen sind. Wir strahlen echte Ungebundenheit
aus, da wir nicht nur nicht mehr an einen anderen Menschen gebunden sind,
sondern auch von alten Ideen, Gefühlen und Zweifeln befreit sind.
Und mal ehrlich: Wenn Sie einen Menschen treffen, der das alles signalisiert,
dann werden Sie ihn doch nicht einfach wieder aus Ihrem Leben verschwinden
lassen wollen, oder?
4) Der Beginn einer Beziehung
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Wenn wir dann schließlich jemanden kennengelernt haben, dann sollten wir nicht
allein unseren Emotionen folgen, denn das war nur der erste Schritt. Jetzt
beginnt die bereits erwähnte Prüfung, ob dieser Mensch sich unserer „würdig“
erweist und unseren weiteren Lebensweg begleiten darf. Je besser wir den
ersten Schritt vollzogen haben, desto größer ist die Chance, dass wir bereits an
den richtigen Kandidaten geraten sind. Dennoch sollten wir das nun überprüfen.
Ich sagte, Liebe könne nicht im Kopf beginnen. Das ist richtig, aber sie sollte
auch nicht ohne Kopf weitergehen. Ohne Liebe ist eine Beziehung wenig wert,
aber auch pragmatische Gedanken dürfen nicht unterlassen werden. Dafür ist an
dieser Stelle der richtige Zeitpunkt.
Bevor wir allzu viele Gefühle in unsere neue Bekanntschaft investiert haben, am
besten natürlich, bevor wir sexuellen Kontakt mit ihr hatten, sollten wir unseren
Partner in spe auf seine Vorgeschichte im Liebesleben ansprechen. Nicht auf
intime Details, aber auf die Art und Anzahl aller bisherigen Beziehungen.
Das ist ein heikles Thema und für beide Seiten unangenehm, da es viel schöner
wäre, der „Natur“ zu folgen und einfach alles auf sich zukommen zu lassen. Aber
im Bilde zu sein, ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich und verhindert, dass wir
womöglich die Katze im Sack kaufen. Wenn Sie sich ein gebrauchtes Auto
zulegen, wollen Sie doch auch seine Vorgeschichte kennen, oder? Und was ist
wichtiger: unser Auto oder unser Liebesglück?
Sollte Ihr zukünftiger Partner beispielsweise eine Vielzahl kurzer Beziehungen
hinter sich haben, dann liegt der Verdacht nahe, dass auch Ihre Verbindung nur
von kurzer Dauer sein wird. Gesetzt den Fall, Sie suchen aber etwas
Dauerhaftes, dann sollten Sie vorher frei entscheiden können, ob Sie sich in
seine Chronik einreihen möchten, oder nicht.
Macht Ihre Bekanntschaft zudem noch alle seine ehemaligen Partner schlecht,
und gibt ihnen die Schuld am Scheitern der Beziehung, dann können Sie getrost
davon ausgehen, dass er sich seiner eigenen Verantwortung in einer Beziehung
auch in Ihrem Fall entziehen würde. Wer ausschließlich schlecht über seine
Expartner redet, der hat nichts aus seinen letzten Partnerschaften gelernt. Es ist
unglaubwürdig, wenn sich jemand stets als Opfer darstellt, denn schließlich
gehören zu einer Beziehung immer zwei Akteure.
Bei einem solchen Gespräch müssen wir natürlich damit rechnen, dass nicht
alles richtig und vollständig erläutert wird. Sollte uns diese Person aber wichtige
Fakten verschweigen, dann werden wir das eines Tages herausbekommen. Das
würde die Ebene der Freundschaft in unserer Beziehung schädigen und unseren
Partner rückwirkend disqualifizieren.
Natürlich könnte unser Partner in spe einem solchen Test auch ausweichen
wollen, mit der Begründung, es sei „nicht so wichtig“ oder wäre „Schnee von
gestern“. Doch möchten sie wirklich Ihre Gegenwart und Zukunft in jemanden
investieren, der Ihnen seine Vergangenheit verschweigen will?
Zudem zeigt uns der Umgang mit einem solch schwierigen Thema auch gleich
einen intensiven Einblick in den Charakter unseres Gegenübers. Nicht rote
Rosen, Liebesbezeugungen oder Lippenbekenntnisse, sondern harte Fakten
ergänzen unseren bereits vorhandenen emotionalen Eindruck zu einem
vollständigen Gesamtbild. Es verleiht ein wirklich gutes Gefühl, sich mit Herz und
Kopf in eine Beziehung begeben zu können.
Wie gesagt, ein solches Gespräch ist lästig und schwierig, aber es verhindert so
manchen Fehlgriff. Der regelmäßige Besuch beim Zahnarzt ist für die meisten
von uns auch kein Zuckerschlecken, aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir ja,
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warum wir hingehen, nämlich wegen des vorangegangenen Zuckerschleckens.
Vorbeugen ist immer besser, als hinterher das Nachsehen zu haben. Und
Tatsachen existieren auch dann, wenn wir nichts von ihnen wissen wollen.
Ebenso, wie wir beim oben erwähntem Autokauf abschätzen, ob der Preis
gerechtfertigt ist, sollten wir auch für den Preis unserer Liebe, die das
Wertvollste ist, das wir vergeben können, auf Qualität achten. Es versteht sich
natürlich von selbst, dass wir auch von unserer Vergangenheit erzählen müssen,
denn schließlich dürfen wir von anderen nur das erwarten, was wir selbst bereit
sind, zu tun.
5) Die Aufrechterhaltung einer Partnerschaft
Ist der richtige Partner schließlich „erobert“, beginnen vielfach erst die
eigentlichen Probleme. Zunächst lässt sich schwer prognostizieren, ob er wirklich
der Mensch ist, den wir glauben, gefunden zu haben. Vielleicht täuschen wir uns
in ihm, vielleicht in uns. Vielleicht verstellt er sich, vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Ein Glück, dass die Natur vorgesorgt hat und unsere Skepsis lahmlegt. Im
Rausch der Gefühle ist es schwer genug, vernünftig zu denken und noch
schwerer, jeder Sorge nachzugehen. Das ist auch gut so, denn bis wir einen
Menschen wirklich kennengelernt haben und vertrauen können, vergehen viele
Wochen. Erst dann sind wir in der Lage, kritisch zu prüfen, ob er denn wirklich
so toll ist, wie wir glauben.
Ich möchte diese Magie auch nicht dadurch entzaubern, indem ich allzu
pragmatisch darüber schreibe, doch es geht mir in erster Linie darum, dass wir
unsere Mitte zwischen kopfloser Hingabe und nüchterner Analyse wahren.
Ich habe medizinische und neurologische Berichte über das Gefühl der Liebe
gelesen, die es als „Störung in unserem Hormonhaushalt“ bezeichnen, und als
„krankheitsähnliches Symptom“, das einer „Psychose“ gleichkommt. So schlimm
ist die Liebe nun auch wieder nicht!
Aber es gibt keinen Grund, das Gefühl überschwänglich zu glorifizieren, da wir
mit der Liebe wirklich psychischen Schiffbruch erleiden können. Folglich sollten
wir das Gleichgewicht zwischen Vernunft und Gefühl wahren, denn nur die
Mischung aus Denken und Fühlen ermöglicht eine „erfolgreiche“ Liebe.
Ich kenne Menschen, die stürzen sich Hals über Kopf in jedes Liebesabenteuer,
weil sie in das Gefühl „Liebe“, und nicht in die andere Person verliebt sind. Dann
wiederum sind mir so vorsichtige Zeitgenossen bekannt, die sich ihr Gefühl
„kaputtdenken“. Durch eine absurde Mischung von Angst und Misstrauen gelingt
ihnen der notwendige Sprung ins kalte Wasser nicht. Das bestätigt sie dann
wiederum in ihrer Vorstellung, dass es Liebe nur im Fernsehen und in Romanen
gibt.
Jetzt nehmen wir aber einmal an, wir haben die erste Zeit des Verliebtseins
hinter uns und fragen uns, ob daraus echte Liebe erwachsen könnte. Es
existieren unzählige Vorschläge für diese Thematik, doch grob vereinfacht gilt es
auch hier nur wieder, das richtige Prinzip zur richtigen Zeit anzuwenden. Wann
dieser Zeitpunkt, und was das Richtige im Einzelfall ist, das ergibt sich aus der
jeweiligen Situation und kann in dieser erspürt werden.
Es ist unmöglich, alle Eventualitäten vorauszusehen, denn eine Beziehung
entwickelt sich wie eine Pflanze. Doch wir können diese Eigendynamik günstig
beeinflussen, denn schließlich sind wir zu 50 Prozent „Teilhaber“ an einer
Partnerschaft.
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Es ist auf jeden Fall ratsam, die häufigsten Fehler bereits im Ansatz zu erkennen,
damit zumindest einige Probleme von vorneherein umgangen werden können.
Denn es wäre doch schade, so weit gekommen zu sein, und sich dann sein Glück
durch Unachtsamkeit oder Bequemlichkeit zu verspielen.
Ebenso wie uns das Glück in Form eines Partners geschenkt wurde, kann es uns
wieder durch falsches Verhalten oder Fahrlässigkeit entzogen werden. Es gibt
viele Beziehungsgifte, von denen ich auf einige eingehen möchte, weil sie leider
oft und unnötigerweise vorkommen.
1. Exklusivität. Viele Paare schließen (unausgesprochen) einen Kontrakt
miteinander, in dem sie sich gegenseitig versichern, anderen Menschen fortan
nicht mehr als oberflächliche Aufmerksamkeit zu widmen. Damit beweisen sie
dem Partner ihre Loyalität und Opferbereitschaft und signalisieren die
Exklusivität ihrer Beziehung.
Beide sind von nun an nur noch gemeinsam, im „Doppelpack“ anzutreffen. Ich
brauche sicherlich nicht zu betonen, dass dieses Verhalten an sich sinnvoll ist,
aber über das Ziel hinausschießt. Wieder einmal ist ein übertriebener Wunsch
nach Sicherheit der Grund für das Verhalten und nicht das Interesse am
anderen.
Unter dem Banner der Liebe wird eine Übereinkunft getroffen, die eine
individuelle und gemeinsame Entwicklung erschwert, denn mangelnder Einfluss
durch gute Freunde, mindert die Fortschritte, die wir als Individuum machen
können. Folglich können wir wiederum wenig Innovationen in unsere Beziehung
einbringen, die dadurch in ihrer Gesamtentwicklung ausgebremst wird.
2. Einer weiterer Fehler ist das Klammern, also seinen Partner mit einem falsch
verstandenen Gefühl der Liebe zu erdrücken; sei es nun zeitlich oder sexuell, per
Telefonterror oder mit gutgemeinter Aufmerksamkeit.
Es ist grundsätzlich schlecht, wenn einer der Partner wesentlich intensiver liebt
als der andere. Häufig sind es die verschiedenen Auffassungen von dem Begriff
„Liebe“, die zu diesem Problem führen. Eine genaue Definition des Wortes gibt
es nicht. Liebe ist kein absolutes und messbares Gefühl. Deshalb wird dieses
Wort von jedem Menschen dem Gefühl zugeordnet, das er für Liebe hält. Die
häufigste Falschinterpretation ist das besagte Klammern und besteht aus der
Mischung aus Verlustangst und Habgier. Auf folgende Symptome hinsichtlich
dieser Gefahr ist zu achten:
a) Zuviel Aufmerksamkeit, vor allem in Form von Einmischung in unsere übrigen
Lebensbereiche. Also die Kontrolle über unsere Tagesplanung, Karriere,
Hobbys und dergleichen. Zudem werden systematisch unsere sozialen
Kontakte eingeschränkt und unser Recht beschnitten, individuell handeln zu
dürfen. Dies dient dem Ausschluss der Konkurrenz; wer keine anderen
Kontakte mehr pflegt, wird an eine (unsichtbare) Kette gelegt.
b) Übertriebene Eifersucht. Wann Eifersucht pathologisch wird, lässt sich leicht
feststellen. Dann nämlich, wenn sie häufig auftritt, vehement und
wiederkehrend geäußert wird, und dermaßen überzogen ist, dass eine
Klärung nicht mehr erfolgen kann, und es statt dessen zu Drohungen kommt.
c) Zu viele und zu teure Geschenke. Sie sind verbindlich und sollen uns weniger
erfreuen, denn abhängig machen. Aufkommende Schuldgefühle sind die
Folge, denn wir werden implizit genötigt, uns zu revanchieren.
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d) Zu häufige Treffen und zu viele gemeinsame Aktivitäten sind nur dann
schlecht, wenn wir das als unangenehm empfinden, und uns nicht davon
entziehen könnten. Endlose Debatten oder Sanktionen seitens unseres
Partners würden folgen, und sind daher zwar unausgesprochene, aber
abschreckende Drohungen.
e) Verstärkte Äußerung von Liebesbekundungen, wobei gleichzeitig zu wenig auf
unsere tatsächlichen Bedürfnisse eingegangen wird. Das dient der bewussten
oder unbewussten Manipulation unseres freien Willens. Ob unser Partner das
versucht, ist meist schwer für uns zu erkennen. Hegen wir diesen Verdacht,
dann sollten wir Außenstehende zurate ziehen. Häufig wiederkehrende Sätze,
die wir uns einprägen sollen, wie beispielsweise „Keiner liebt Dich so wie
ich!“, sind ein Hinweis, dass uns unser Partner konditionieren und
indoktrinieren möchte. Es erfolgt hier ein gezielter Missbrauch des Begriffes
„Liebe“, um uns für seine egoistischen Zwecke benutzen zu können.
f) Androhung oder Durchführung von Liebesentzug, Vorwurf falscher Tatsachen
und Vermutungen, wie: „Du liebst mich ja gar nicht mehr.“ Auch sie sind ein
deutliches Signal, denn wir haben gesehen, dass sie aus Sicht der
Kommunikation nicht sinnvoll sind. Unterstellungen sollten konkret, explizit
und unmittelbar erfolgen, sonst verfehlen sie ihren Zweck.
Die Liste ließe sich noch verlängern. Generell kann man davon ausgehen, dass
Klammern sehr häufig vorkommt und zum Teil sogar als Basis einiger
Beziehungen fungiert.
Wer liebt, soll bekanntlich loslassen können, doch genau das fällt vielen
Menschen schwer. Denn je mehr man den anderen begehrt oder das Gefühl hat,
ohne ihn nicht mehr (glücklich) leben zu können, um so mehr gerät man in seine
Abhängigkeit.
Als Partner kennt man die Schwächen des anderen und kann sehr gezielt
Zuneigung, Angst, Eifersucht und andere starke Gefühle dosieren. Diese Form
der Entmündigung ist aber keine Liebe. Wer einen Menschen wirklich liebt,
möchte, dass dieser sich völlig frei entfalten kann. Dabei wäre ein zu fester Griff
absolut tödlich.
Natürlich ist es für den Umklammerten zunächst schön, auf Händen getragen zu
werden, aber es erzeugt ein Gefühl, es dem anderen gleichtun zu müssen. Und
nicht jeder sehnt sich nach einer Beziehung rund um die Uhr. Ein dependenter
Mensch blüht vielleicht nur in der gemeinsam verbrachten Zeit auf; alle Übrigen
brauchen aber auch gelegentlich Abstand. Am besten ist es, seinem Partner
einen festen Halt zu geben und zugleich sämtliche Freiheiten zu gewähren.
Der Erfolg des Klammerns ist häufig sehr durchschlagend, und weil die Mittel
sehr perfide und effektiv eingesetzt werden, reichen solche Methoden sehr wohl
aus, um einen Menschen auf ewig zu an sich zu binden. Es ist nicht
verwunderlich, dass in dem erdrückten Partner irgendwann die Hoffnung auf
Individualität stirbt, und er von dem Zeitpunkt an als ausgebrannte Hülle sein
Dasein an der Seite seines klammernden Partners fristet. Doch der hat dann
auch nicht mehr viel davon.
Was können wir also tun? Wie könnten wir auf klammern verzichten, also
unseren Partner zwar an uns binden, aber ohne ihn einzuschränken? Eine
einfache Überlegung verschafft Klarheit: Wenn unser Partner sich wohlfühlt,
können wir ihn auch getrost loslassen, denn er wird immer wieder freiwillig zu
uns zurückkehren. Der Vorteil gegenüber dem besitzergreifenden Klammern
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wäre der, dass man so seinen Partner wirklich kennenlernt und die Beziehung
immer aufregend und lebendig bleibt.
Wir sind dann zusätzlich dazu gezwungen, uns ständig zu verbessern, um
attraktiv und interessant für ihn zu bleiben. Das bedeutet in Folge auch für uns
mehr Selbständigkeit und Autonomie, und somit wiederum weniger Angst, den
anderen zu verlieren. Echte Liebe ist ein sich selbst erneuerndes System.
Ein Nebeneffekt, der zwar nicht beabsichtigt ist, aber dennoch positiv zu Buche
schlägt, ist, dass wir und unser Partner, falls die bestehende Beziehung dennoch
einmal scheitern sollte, bestens für eine weitere vorbereitet wären.
Der Wunsch nach einem anderen Menschen wäre zwar in diesem Moment weit
entfernt, doch er wird sich erfahrungsgemäß spätestens ein paar Monate später
wieder einfinden. Unsere Aufarbeitungszeit fiele wesentlich kürzer aus, da wir
immer zu uns stehen konnten und sich kaum Altlasten angesammelt haben.
3. Untreue. Treue ist ausgesprochen wichtig in einer Beziehung, aber sie sollte
nicht aus der Angst heraus erfolgen, den Partner bei Zuwiderhandlung zu
verlieren, sondern aus Respekt und Zuneigung. Das weiß eigentlich jeder und
würde mir darin sofort zustimmen.
Doch leider ist es allzu menschlich, aufkommenden Gefühlen für jemand anderen
zu folgen und der Versuchung nachzugeben. Frivole Gedanken macht sich wohl
jeder Mensch, aber das ist völlig in Ordnung. Gedanken sind frei und man
braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man in seiner Phantasie
weniger geradlinig geht als im wirklichen Leben. Unsere Phantasie soll sich ja
frei entfalten können damit wir nicht jede Alternative vermissen und alle
Erfahrungen tatsächlich machen müssen. Nur an den Pforten der Wirklichkeit ist
eben Schluss.
Doch was, wenn wir das Opfer sind und von unserem Partner hintergangen
wurden? Wenn wir es ahnen, aber nicht wahrhaben möchten? Es ist wichtig, zu
jedem Zeitpunkt innerhalb einer Partnerschaft Klarheit zu schaffen, damit es
keine Bereiche zwischen Zusammensein und Getrenntsein gibt.
Beide Partner müssen den Tatsachen ins Auge blicken, auch wenn es bequemer
und zunächst kraftsparender wäre, sich Illusionen oder falschen Hoffnungen
hinzugeben. Es ist leicht zu verdrängen, dass der Partner fremdgeht, und dies
aus Angst vor einer Trennung zu tolerieren, doch tut man weder sich noch ihm
einen Gefallen damit, dieses wichtige Thema unbesprochen zu lassen.
Innerlich würden wir systematisch zugrunde gehen, auch wenn wir uns gerne
etwas anderes vorspielen möchten. Im Fall der Untreue besteht dringender
Handlungsbedarf, denn es müssen Reformen eingeleitet werden, gleich welcher
Art. Es ist besser, in einem offenen Konflikt eine Niederlage einzustecken, als die
stille Duldung eines solchen Treibens, „der vermeintlichen Harmonie“ zuliebe zu
praktizieren.
Vor allem wenn Kinder zwischen einem Paar stehen, ist es oft nicht leicht, eine
gemeinsame Lösung für das Problem zu finden, aber man sollte niemals
vergessen, dass die Tat und nicht deren Aussprache die Harmonie verletzt hat.
Wie eine gemeinsame Lösung aussehen kann, muss jedes Paar für sich
entscheiden. Manche Betrogenen trennen sich auf der Stelle, manche können
dem Partner (unter Auflagen) verzeihen. Das gebrochene Vertrauen
wiederherzustellen ist zumindest eine langwierige und von Rückschlägen
begleitete Aufgabe.
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Da dieses Risiko in keinem Verhältnis zu dem Genuss einer Affäre steht, erübrigt
sich auch die Diskussion, ob wir nicht selbst gelegentlich unseren Gefühlen
dieser Art nachgeben sollten.
Absolute Sicherheit vor Untreue gibt es nicht, ebenso wenig, wie es keine
Garantie dafür gibt, gesund zu bleiben, aber es gibt auch hier gute und weniger
gute Wege, mit der Problematik umzugehen.
Die bei Weitem beste Art mit diesem permanenten und potentiellen Risiko zu
leben, ist es, selbst für seinen Partner attraktiv zu bleiben. Das bedeutet, dass
wir nicht in tagtägliche Routine verfallen, die Partnerschaft schleifen lassen, und
dann der potentiellen Gefahr nur mit Misstrauen, Eifersucht und Vorschriften
begegnen.
Das wäre, wie sich das ganze Jahr über nicht zu bewegen, und dann in den
Skiurlaub zu fahren. So etwas schadet der Gesundheit aufgrund des hohen
Verletzungsrisikos mehr, als ihr zu nützen. Ein solches Verhalten würde dem
geknebelten Partner kaum Luft zum Atmen lassen, und erst recht dazu führen,
dass er sich eine „Alternative“ zu uns vorstellen könnte.
Statt dessen sollten wir versuchen, uns unseren individuellen Charme zu
erhalten und auch gelegentlich ein wenig Abwechslung ins Spiel zu bringen.
Einen 100%igen Schutz gewährleistet keine Methode, aber wir geben unserem
Partner so zumindest keinen Grund, uns zu hintergehen.
4. Themen totschweigen. Wir brauchen nicht jedes Geheimnis unseres Partners
zu kennen, denn er hat ein Recht auf Autonomie. Unsere durchaus berechtigte
Neugier dürfen wir auf keinen Fall dadurch stillen, dass wir ihm nachspionieren
oder seine persönlichen Sachen durchsuchen.
Doch Liebe ist ebenso wie Glaube und Glück kein Zustand, sondern ein Prozess,
an dem wir stetig arbeiten sollten. Es ist ein Ausdruck von gesundem
Selbstwertgefühl, unseren Partner über unsere Ängste, Sorgen und Probleme in
Kenntnis zu setzen, ihn um seine Meinung zu bitten, und uns das Gleiche von
ihm zu wünschen.
Das ist auch leicht, wenn es um Geld, den Beruf oder um Konflikte mit
Außenstehenden geht. Anders sieht es aus, wenn unsere Gefühle den Partner
selbst betreffen, beispielsweise wenn wir einen begründeten Verdacht auf
Untreue seinerseits hegen.
Dann führt kein Weg daran vorbei, ihn darauf anzusprechen und auf
unmittelbare Klärung zu drängen. Vornehme Zurückhaltung ändert gar nichts
und erhöht lediglich den Leidensdruck. Zudem ist ein Schweigen auch eine stille
Zustimmung, die das Verhalten des Partners in Schutz nimmt. Denn wer kämpft,
kann verlieren, wer aber nicht kämpft, hat schon verloren!
Es ist menschlich zu warten, bis eine Situation unerträglich wird. Aber der
„kumulative Effekt“, also die Tatsache, dass sich kleine Unstimmigkeiten und
Missverständnisse über einen langen Zeitraum hinweg addieren, bis sie dann als
Gesamtheit auftreten und unerträglich sind, ist eine der häufigsten
Trennungsursachen.
Aus Angst, Rücksicht oder falsch verstandener Liebe („Ich will meinem Partner
nicht mit meinen Sorgen zur Last fallen, denn er hat schon genug Probleme!“),
behalten manche Menschen ihre inneren Konflikte über lange Zeit für sich.
Nach außen hin ist immer alles in Ordnung, aber innerlich brodeln oder leiden
sie. Und eines Tages gibt es einen großen Knall und die Beziehung wird
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rückwirkend als „von Anfang an unbefriedigend“ eingestuft. Für einen
nichtsahnenden Partner ist diese Offenbarung natürlich ein Schock.
An dieser Stelle sei nochmals ausdrücklich auf die Freundschaft hingewiesen, die
Basis jeder Beziehung sein sollte. Den anderen infrage stellen und kritisieren zu
dürfen ist eine Hauptdirektive der Freundschaft. Größere Last kann sich dann
erst gar nicht ansammeln, und es besteht folglich auch keine Gefahr irgendwann
darunter zu zerbrechen.
Kritik ist nichts Negatives, wenn sie gemäß den Regeln der Kommunikation
erfolgt. Sie hat nichts mit Nörgelei zu tun, sondern mit konstruktivem
Meinungsaustausch. Wenn sich einer der Partner mehr freie Zeit wünscht oder
mehr mit seinen Freunden unternehmen möchte, sich vernachlässigt oder von
der Liebe seines Partners erdrückt fühlt, dann sollte er sich so bald wie möglich
mit ihm aussprechen. Eine stabile Freundschaft innerhalb der Beziehung
gewährleistet, dass individuelle Bedürfnisse ohne negative Folgen bleiben. Es
mag zwar niemand, kritisiert oder bewertet zu werden, aber es schafft auch
Vertrauen und zeigt den Willen des anderen, etwas für die Beziehung zu
riskieren und darin investieren zu wollen.
5. Die Kehrseite der mangelnden konstruktiven Aussprache sind endlose
Debatten, wie sie häufig bei ungleichen Paaren anzutreffen sind. Wenn die
Unterschiede in einer Beziehung sehr groß sind, dann kann sie entweder
explodieren, also in einer aggressiven und unschönen Trennung enden, oder
implodieren und sich zu einem komplexen Gefüge verdichten. Physikalisch
gesehen ist eine Implosion die Folge eines Unterdrucks, also eines Vakuums.
Bei einer Implosion der Partnerschaft führt die Leere der Gemeinsamkeiten,
sprich das emotionale Vakuum zu einer Verdichtung der Beziehung. Wie kann
das sein? Einmal angenommen, ein sehr gegensätzliches Paar bemerkt, dass
zwischen ihnen keine ausreichend starke Liebe mehr vorliegt. Nun könnten sie
das Thema zwar offen ansprechen, würden sich aber somit auch selbst eine
Teilschuld für das Versagen einräumen.
Eine neue Suche erscheint ihnen darüber hinaus nicht besonders
vielversprechend, da sich der jetzige „Traumpartner“ auch schon als
Enttäuschung herausgestellt hat. Zudem sind beide aneinander gewöhnt und
wollen den anderen nicht völlig verlieren.
In diesem Dilemma verdichtet sich in manchen Fällen die gegenseitige
Anteilnahme, da beide zumindest durch dieses gemeinsame Problem
miteinander verbunden sind. Sie sind sich immerhin darüber einig, dass sie
einander zwar nicht lieben, aber mögen.
Also wird die Partnerschaft beibehalten, auch wenn beide wissen, dass es nicht
die „große Liebe“ ist. Sie „ahnen“ es zumindest, denn oft lassen sich solche
Paare unter denen finden, die vor ihrer gemeinsamen Beziehung kaum
(brauchbare) Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln konnten.
Nun ist mangelnde Erfahrung nichts Schlimmes, denn irgendwann muss jeder
anfangen, aber sie verzerrt die Wahrnehmung und Interpretation der
Betroffenen. Sie glauben, dass sich der Aufwand nicht lohnt, den es kosten
würde, eine neue Beziehung zu beginnen. Ferner missfällt ihnen die
Ungewissheit, wie lange es nach einer Trennung dauert, bis sich ein besserer
Partner finden lässt „Vielleicht gibt es die große Liebe auch gar nicht?“
193/470
In gewisser Weise ist ihr Verhalten wünschenswert, da sie weder „auf dem
Sprung“ sind, noch die Freundschaft des anderen verletzen. Aber leider begehen
sie damit einen noch subtileren Fehler.
Ihr Partner ist nämlich nicht nur nicht „perfekt“, sondern der völlig Falsche. Die
erreichte Stabilität wäre ausgezeichnet, wenn die Person eine andere wäre. Ein
ausgeklügeltes Arrangement ist noch lange keine Partnerschaft. Viel Mühe wird
in die Errichtung eines wunderschönen Hauses gesteckt, dieses aber auf
Treibsand gebaut, respektive auf falsche Voraussetzungen.
Und was ist die Folge einer Beziehung mit einem komplett falschen Partner?
Streit, unfruchtbare Diskussionen, endlose Debatten und immer wieder Streit.
Entweder gibt einer nach oder es herrscht keine Harmonie. Echte Kompromisse
können nur zwischen Personen gefunden werden, die ein gemeinsames Ziel
verfolgen und ähnliche Vorstellungen vom Leben haben, also solchen, die
zueinander symmetrisch sind. Das ist bei Partnern einer implodierten Beziehung
nicht der Fall.
II. Das Konzept einer erfolgreichen Partnerschaft
Indirekt konnten wir inzwischen ein wenig in Erfahrung bringen, wie eine
vielversprechende Beziehung aufgebaut ist. Dennoch sollten wir genauer wissen,
woraus eine solide Basis bestehen könnte. Hierzu eignet sich am besten ein
Gedicht, denn Gedichte gehören zu dieser Thematik einfach dazu.
„Ich will Dich lieben, ohne Dich festzuhalten,
will mir ein Urteil bilden, ohne Dich zu verurteilen,
will Dir nahe sein, ohne in Dich zu dringen,
will Dich ermutigen, ohne Dich zu überfordern,
will von Dir gehen ohne Schuldgefühle,
will an Dir Kritik üben, ohne Dich zu verletzten
und will Dir helfen, ohne Dich abhängig zu machen.
Wenn ich dasselbe von Dir erfahren kann,
dann können wir uns wirklich begegnen
und einander bereichern.“
(Virginia Satir)
Das klingt alles gut, aber wie lässt sich das realisieren? Was ist die Prüfung, die
eine Partnerschaft an uns stellt? Sprechen wir von Partnerschaft, dann sprechen
wir von Liebe. Über den Sinn und Zweck der Liebe lässt sich streiten. Meiner
Meinung nach basiert sie auf der Tatsache, dass wir gewinnen, indem wir geben.
„Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst
reich zu werden.“ (Clemens Brentano)
Eine Partnerschaft zu führen bedeutet auch, Verantwortung für einen anderen
Menschen zu übernehmen, ohne ihn seiner Eigenverantwortung zu berauben.
Technisch ausgedrückt ist Liebe ein „Feedback-System“, denn sie beruht auf
reziprokem Altruismus, also der Hoffnung, selbst Liebe zu erfahren und
Zuneigung geschenkt zu bekommen, wenn wir sie dem anderen zuteilwerden
lassen.
1) Mutterliebe
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Die erste Erfahrung mit diesem Gefühl machen wir in Form der Mutterliebe.
Diese ist zunächst einseitig, da das Neugeborene zuallererst seine eigenen
Bedürfnisse stillen muss, also nur nehmen, nicht aber geben kann. Die
Zuwendung, Hilflosigkeit und Liebenswürdigkeit sind seine einzigen Mittel zur
Einflussnahme, um von der Mutter angenommen und umsorgt zu werden. Es
handelt sich hierbei mehr um Anpassung als um Liebe, denn liebenswert zu sein,
erleichtert es einem Säugling, von der Mutter akzeptiert zu werden.
Die Mutter akzeptiert diese einseitige Form in der Regel, da sie ihre Zeit und
Gefühle ihrem Nachwuchs gerne opfert. Sie sind nicht vergeudet, sondern
„bleiben in der Familie“. Ihre Fürsorge ist für sie eine Investition in die Zukunft,
denn sie wird dafür durch Gegenliebe belohnt, wenn das Kind älter wird.
„Liebe ist das Einzige, was nicht weniger wird, wenn wir es verschwenden.“
(Albert Schweitzer)
Das Kind empfängt diese Liebe frei von Schuldgefühlen, denn es ist auf sie
angewiesen und weiß von seiner Bedürftigkeit. Wie in Experimenten gezeigt
werden konnte, geht es dabei aber nicht ausschließlich um Nahrung; auch der
Körperkontakt ist für das Kind essentiell.
Wir erlernen das Gefühl der Liebe, in der Form, in der wir selbst von unseren
Eltern geliebt werden. Die Fähigkeit zu lieben ist nicht angeboren, sondern wird
durch Beobachtung eingeübt. Der Umgang unserer Eltern miteinander, das wie
und wie oft der Körperkontakte zwischen ihnen und uns, erschafft den Rahmen
unserer individuellen Definition der Liebe. Unser Bild von einer wechselseitigen
Partnerschaft wird geprägt, lange bevor wie sie selbst eingehen.
Gab es in unserer Familie viel Zärtlichkeit? Wenn ja, war diese zwangsläufig
gekoppelt mit Sexualität? Wie wurde der Alltag geregelt? In welchem sozialen
Verhältnis standen unsere Eltern zueinander? Wie waren die Aufgaben, Rollen
und Zuständigkeitsbereiche verteilt? Wie wurden Konflikte bewältigt? Gab es
Gewalt, häufige Streits oder mangelndes Vertrauen zwischen ihnen?
Unsere Grundeinstellungen, wie eine Partnerschaft aussehen kann, werden
indirekt vorgegeben. Das müssen wir uns klarmachen, um verstehen zu können,
warum wir im späteren Leben auf unsere spezielle Art lieben, und warum uns
das vielleicht Probleme bereitet. Diese Zusammenhänge erleichtern uns den
Umgang mit dem Phänomen, das wir als die Liebe bezeichnen, als gäbe es nur
eine einzige Art zu lieben und nicht verschiedene Typen und Dimensionen.
Und wie steht es eigentlich um unsere Eigenliebe? Lieben und akzeptieren wir
uns überhaupt selbst? Wenn nein, wie sollen wir dann Liebe von anderen
empfangen können? Selbstverliebtheit wird meist mit Eitelkeit, Egozentrik und
Arroganz gleichgesetzt. Aber in einem gewissen Maße müssen wir uns selbst
mögen, denn wie sollten wir sonst mit uns selbst ein Leben lang auskommen?
Natürlich lässt sich Eigenliebe bis zur Selbstgefälligkeit steigern, die dann eher
wieder verhindert, dass wir mit anderen Menschen in Kontakt treten können.
Aber völlig ohne positives Selbstwertgefühl wären wir, sozial gesehen, ewig ein
Säugling, der fremder Liebe auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.
Wer in der Kindheit kaum Liebe empfangen hat, wird sein Leben lang danach
suchen. Weil er selbst unfähig ist „gesunde“ Liebe zu verschenken, wird er das
fehlende Puzzleteil vermissen, ohne seine Form überhaupt zu kennen. Das ist ein
schwieriges Unterfangen, denn ohne einen Hinweis, was Liebe überhaupt ist,
stellen sich einige elementare Fragen:
195/470
• Sind Eifersucht und Besitzansprüche Formen der Liebe?
• Ist die Aufopferung für den Partner und für seine Kinder auch eine Form von
Liebe?
• Welchen Einfluss haben Geschwister, Freunde, Haustiere auf unserer
Verständnis für dieses elementare Gefühl?
• Wo liegt der Unterschied zwischen einer besten Freundschaft und einer
Partnerschaft? Ist es ausschließlich das Vorhandensein von Sexualität, das
eine Beziehung vervollständigt?
• Gibt es Abstufungen der Liebe oder ist es immer dasselbe Gefühl in der
gleichen Intensität?
2) Die ersten eigenen Erfahrungen
Die ersten Fremderfahrungen mit der Liebe machen wir im Alter zwischen acht
und zwölf Jahren. Es erwächst ein Interesse an Zugehörigkeit in Form von
Freundschaft.
Unsere
Phantasie
ergänzt
eine
ungleichgeschlechtliche
Freundschaft zu einem starken Bündnis, also zu einer romantisch-spielerischen
Form der Zweierbeziehung. Fast alle Kinder haben in diesem Alter beste
Freunde, denn sie wollen um jeden Preis das Geheimnis der seelischen
Verbundenheit erforschen.
Zwar haben sie noch keine konkrete Vorstellung davon, was Sexualität ist, aber
es regen sich die ersten frivolen Gedanken. Sie haben in ihrem Umfeld
beobachtet, wie erwachsene Menschen einander küssen und berühren. Und
wenn es ihnen irgendwie möglich ist, möchten sie das auch ausprobieren. Bisher
konnten sie lediglich Erfahrungen sammeln, die nur mit ihnen selbst zu tun
hatten, doch nun bedarf es eines Komplizen, der sie „mitspielen“ lässt
Triebfeder hierfür ist die Neugier, es den Erwachsenen gleichzutun und das
Geheimnis zu lüften, das sich hinter zärtlichem Körperkontakt verbirgt. In
diesem Alter sind unsere Schritte noch unbeholfen, und es handelt sich um ein
Spiel. Nicht der andere Mensch reizt uns, sondern das unbekannte Gefühl, das er
uns entlocken könnte.
Auf dieser Stufe bleiben übrigens viele Menschen zeitlebens stehen, da sie die
Bedeutung ihrer Erfahrungen nicht verstanden haben.
In der Pubertät stellen sich uns weitere Fragen: „Ist Liebe ein Streben nach
Ergänzung oder eine Flucht vor der Einsamkeit?“ Aus dem ursprünglichen Spiel
wird nun bitterer Ernst. Im täglichen sozialen Leben dominiert diese
Komponente. „Aber wozu ist eine Beziehung eigentlich gut?“
Das Wesen der Freundschaften glauben wir inzwischen hinreichend zu kennen,
aber nun kommen Zweifel auf, ob eine Partnerschaft mit Freundschaft verwandt
ist oder etwas völlig Eigenständiges darstellt.
In unserem Umfeld bilden sich Paare und trennen sich wieder. Wir fragen uns,
welche Motive hinter dieser Dynamik stecken, vor allem in Hinsicht auf unsere
eigene Identität. Das Kind in uns ist erschüttert, denn die alten Regeln und
Rollen gelten nicht mehr. Wir müssen Antworten auf die Frage der Liebe
erhalten, um unser eigenes Selbstverständnis neu zu strukturieren. „Ist Liebe
selbstsüchtig oder altruistisch?“ „Ist es Zufall, in wen wir uns verlieben oder
liebten wir den anderen schon, bevor wir ihn kannten, und lernen ihn eben nur
jetzt erst kennen?“ „Sind wir es überhaupt wert, geliebt zu werden?“ „Sind wir
selbst zu Liebe fähig?“ „Besteht ein Unterschied darin, verknallt und verliebt zu
sein?“ „Ist „lieben“ eine Steigerung von „verliebt sein“?“
196/470
Zu solchen Fragen existieren viele Antworten, und wir möchten alle davon in
Erfahrung bringen. In der Schule werden uns zu dieser Zeit Mathematik,
Geschichte, Politik und Sprachen vermittelt. Dieses Wissen nützt uns aber
herzlich wenig bei der Beantwortung unserer wirklichen Fragen. Daher erscheint
es uns in der Pubertät, als hätten Lehrer mit Menschen nichts gemeinsam.
Anscheinend kümmern sie sich mehr um Fakten als um Gefühle, und erwarten
von uns das Gleiche. Wir aber wollen das Wesen der Liebe erforschen und
verfügen bislang nur über mäßig beschaffene Instrumente.
3) Die Formen der Liebe
Doch beantworten wir ruhig einmal die Frage, warum es gerade dieser Mensch
ist, in den wir uns verliebt haben. Ich behaupte, das lässt sich mit einem „Urbild“
erklären. Wir tragen in uns eine genaue Vorstellung von der Beschaffenheit
unseres Partners. Taucht dieser auf, aktiviert sich ein kaskadenartiges
Programm. Neugier, Ratlosigkeit und Rastlosigkeit machen uns solange zu
schaffen, bis wir diese Idee überprüft haben.
Eine wissenschaftliche Theorie erklärt diese Frage mit Duftstoffen, die wir
absondern. Diese sogenannten „Pheromone“ machen uns auf einen kompatiblen
Partner aufmerksam. Das klingt zwar etwas nüchtern, denn es muss in unserer
Vorstellung etwas Großartiges, Phantastisches und absolut Einmaliges sein, das
uns mit einem anderen Menschen verbindet, doch das eine schließt das andere
nicht aus. Welchen Weg die Liebe nun wirklich geht, vermag wohl kein Mensch
zu sagen.
Unsere erste Liebe kennt auf jeden Fall keine Grenzen und dauert ewig;
zumindest sind wir davon felsenfest überzeugt, solange sie währt. Von Risiken,
Problemen oder gar einem Scheitern, wollen wir in dieser Zeit nichts wissen.
Doch auch dieser Frage müssen wir uns irgendwann stellen.
Warum bezeichnen viele ihre jetzigen Partner als „Liebe“ und die Verflossenen
als „Torheit“? Ist Liebe denn überhaupt erfassbar, lässt sie sich quantifizieren?
Gibt es ein „oft“, „stark“ oder „lang“?
Und wenn ja, sind diese Grenzwerte bei jedem Menschen gleich? Es ist ein
unerschöpfliches Thema, das uns immer wieder beschäftigt. Irgendwann werden
wir erwachsener und haben die ersten Erlebnisse hinter uns. Die Frage nach der
Liebe brennt uns zwar nicht mehr unter den Nägeln, aber eine zufriedenstellende
Antwort sind wir uns weiterhin schuldig. Vielleicht führen wir sogar seit Jahren
eine Beziehung, aber ob diese reproduzierbar ist und wirklich auf Liebe basiert,
können wir dennoch nur vermuten. Es scheint, als ließe sich Liebe nicht
klassifizieren und zerlegen.
Aber es gibt Muster und wiederkehrende Strukturen. Sie sind in reiner oder
gemischter Form am häufigsten anzutreffen. Dazu ist anzumerken, dass sich
diese Bezeichnungen auf das Verständnis eines der beiden Partner beziehen. Ob
der andere ebenso empfindet, oder eine andere Vorstellung von der Liebe hat,
bleibt dabei unberücksichtigt und ist gesondert zu ermitteln.
1. Die freundschaftliche Liebe basiert auf einer starken Vertrautheit. Sie ist eine
„Weiterentwicklung“ einer guten, respektive besten Freundschaft, auch wenn sie
nicht zwangsläufig daraus hervorgegangen sein muss. Beide Beteiligten kennen
die Lage ihres Partners und kümmern sich fürsorglich um sein Wohlergehen.
Basierend auf Gleichberechtigung, Offenheit und gegenseitigem Interesse ist
diese Form der Partnerschaft selten übertrieben leidenschaftlich. Ihr Credo ist
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der Glaube, dass es einem selbst gut geht, wenn sich der Partner wohlfühlt.
Folglich wird der andere nicht eingesperrt oder vereinnahmt. Die
freundschaftliche Liebe ist solide, symmetrisch und verspricht Sicherheit,
Geborgenheit und Verständnis. Sexualität ist für das Paar dazugehörend und
wird von beiden als schön empfunden, denn sie versinnbildlicht die
Zusammengehörigkeit. Die Freude am anderen kann lustvoll ausgekostet
werden, denn der Körperkontakt vereint auch beide Seelen. Dennoch ist
Sexualität nicht das Wichtigste in ihrer Beziehung, da es noch weitere
Gemeinsamkeiten gibt.
2. Die selbstlose Liebe geht direkt aus der frühen Mutterliebe hervor. Der
Altruismus, der einem widerfahren ist, wird nun selbst ausgelebt. Die
verschiedenen Konzepte, die in der Pubertät ausprobiert wurden, erwiesen sich
als zu unsicher oder fehlerhaft. Oder es fehlt noch an weitergehender Erfahrung.
Die Mutterliebe ist ursprünglich und scheint „edler“ als andere Varianten zu sein.
Der Partner wird verwöhnt und alles toleriert, was er anstellt. Die eigene
Persönlichkeit wird zum Wohle des anderen und der Gemeinsamkeit
zurückgestellt. Vor allem dependente Personen bevorzugen diese Form.
Sexualität scheint diese Spielart der Liebe zu entwerten. Wenn es zum Glück des
Partners beiträgt, wird sie zwar in Kauf genommen, aber immer als
„Fremdkörper“ erachtet. Im Zuge des Sich-herschenkens werden dem Partner
die sexuellen Wünsche erfüllt. Ist dieser zufrieden, dann ist es der Selbstlose
auch; für ihn selbst ist das Intimleben aber eher Nebensache. Eigene Phantasien
sind natürlich vorhanden, werden aber der „höheren Sache“ untergeordnet.
3. Die Vernunftliebe ist geprägt von der rationellen Überlegung: „Wer ist gut für
mich?“ Eine Form der Symbiose wird gesucht, ein Tauschhandel, der einer
freundschaftlichen Liebe ähnlich, aber eigennütziger ist. Nicht das Wohlergehen
des anderen, sondern das eigene wird ins Scheinwerferlicht gestellt. Dass der
andere auch glücklich damit ist, ist allenfalls ein positiver Nebeneffekt, da es
dem Ganzen mehr Stabilität verleiht. Vor allem sehr logisch orientierte
Menschen lieben auf diese Weise, da sich eine Lebensgemeinschaft sozial als
durchaus zweckmäßig und hilfreich erweist. Arbeit und Finanzen werden geteilt
und es besteht immer die Möglichkeit, sich bei Bedarf auszusprechen. Außerdem
macht es einen seriösen Eindruck, verheiratet zu sein und Kinder zu haben.
Doch es gibt keinen vernünftigen Grund, Sexualität zu zelebrieren, wenn man
sich keinen Nachwuchs wünscht. Folglich ist in der Vernunftliebe auch kaum
Leidenschaft und Interesse an Körperkontakt zu finden. Zuneigung wird nur
wenig intensiv betrieben, da Körperkontakt ja auch physisch anstrengend ist.
Der Sexualtrieb ist bei diesen Menschen selten stark genug ausgeprägt, um
dauerhaftes Interesse an dieser Beschäftigung zu finden
4. In der Spielerliebe dominieren Tricks und Jagdverhalten. Sie ist entstanden
aus dem Genuss des Gefühls, verliebt zu sein. Eine Bestätigung des eigenen
Wertes wird charmant aber egozentrisch anvisiert. Häufige Seitensprünge oder
wechselnde Partner, bisexuelle Ausrichtung oder Polygamie können extreme
Varianten davon sein. Gesucht wird der „Kick“, der fesselnde und prickelnde
Moment. Dieser geht in jeder längerfristigen Partnerschaft aufgrund der sich
einstellenden Routine verloren. Die Erlebnissucht treibt den Spieler daher zu
weiteren Abenteuern. Schließlich gibt es noch viel zu entdecken. Verliebt in die
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Liebe, zieht ein Spieler durch sein Leben und will dem wahren Wesen dieses
Gefühls auf den Grund gehen. Die Sexualität ist einem „Spieler“ aber nur relativ
wichtig. Man sollte zwar annehmen, dass es ihm überwiegend um das Sammeln
von „Trophäen“ geht, aber das trifft nur bedingt zu. Der „Fang der Beute“ ist
zwar Teil des Spiels und vollendet die Jagd, vernichtet aber auch das Spiel. Das
Interesse schwindet ab diesem Zeitpunkt, denn was ließe sich noch erreichen?
Wir alle kennen den legendären venezianischen Hochstapler und Frauenhelden
Giacomo Casanova. Er war ein Meister der Straßenintelligenz und der
Überzeugungskraft. In seiner Autobiographie nennt er die Regeln „seines“ Spiels
und erklärt sich selbst zum Meister. Was keineswegs bedeutet, dass er mit
seinen Affären immer glimpflich davonkam. Der Preis für seine Abenteuer war
eine Odyssee quer durch Europa und häufige Syphilisattacken. Und wir sollten
nicht vergessen, dass selbst der beste Spieler gelegentlich verliert.
5. Die romantische Liebe existiert aufgrund von Phantasie und Leidenschaft. Sie
ist stilisiert und gilt als besonders „rein“. Dass makellose Liebe in der Realität
keinen Bestand haben kann, wird bei dieser Vorstellung großzügig ausgeblendet.
Was der real existenten Beziehung fehlt, wird im Geiste hinzugedichtet. Sie tritt
als Version der Freundschaftsliebe erstmals in Erscheinung, wird aber mit
Phantasien und Vorbildern aus Filmen und romantischer Literatur vermengt. Es
gibt keinen Anfang und kein Ende; was zählt, ist der Augenblick. Alltag ist dem
Romantiker fremd, denn er möchte keine Nebenschauplätze, sondern nur die
Essenz dieses Gefühls erleben. Auch er ist ein Spieler, verhält sich aber
zurückhaltender, da er die Liebe zu sehr verehrt, um sie durch zu forsches
Vorgehen zu gefährden. Ähnlich illusionär und spontan verhält er sich auch in
seiner Sexualität, deshalb wird sie abwechslungsreich und reizvoll gestaltet.
Romantische Liebe ist supranormal und wirkt „echter als echt“. Der romantisch
Liebende muss als Verkörperung des „Latin Lover“ oder der „Femme fatale“
extrovertiert, gesellig und voller Elan sein. Und vor allem flexibel, denn von
Dauer ist eine solche Beziehung normalerweise nicht.
6. Der Wahlspruch der Besitzerliebe lautet: „Du gehörst mir!“ Sie ist ein einziges
Machtspiel, das mit dem Urgedanken der Zuneigung nur wenig zu tun hat. Besitz
und Anspruchsdenken, Dominanz und nicht selten auch Gewalt bestimmen eine
solche asymmetrische Zweisamkeit. Zwischen den ungleichen Partnern werden
Arrangements getroffen und viele Rituale eingeführt. Eine solche Beziehung
ähnelt einer Gerichtsverhandlung, da Verstöße gegen die Vereinbarungen oft
schwere Streits und Konsequenzen zur Folge haben. Auf diese Art lieben
Menschen, die keine guten Erfahrungen mit den anderen Arten der Liebe
gesammelt haben, oder nicht in der Lage dazu waren, sie zu sammeln. Sie
erklären Dominanz zur Liebe, um auch mitmischen zu können. Das ist ein ganz
simpler Trick, der aber, wie wir noch sehen werden, durch die Gesellschaft
geduldet und sogar gefördert wird. Sexualität steht meist im Mittelpunkt dieser
Menschen, da sich das Wechselspiel aus Zuneigung und Begehren nicht per
Knopfdruck erzeugen, und gemäß ihren Wünschen manipulieren lässt. Der
„Besitzer“ wirkt wie besessen, denn er fühlt sich nur geliebt, wenn der Partner
alles macht, was er verlangt. Das kann bis hin zu Erniedrigung und brachialer
Gewalt führen. Besitzerliebende haben daher eine besondere Affinität zu
dependenten, ängstlichen und selbstunsicheren Personen, die sich so etwas
gefallen lassen. Obwohl eine solche Form der Partnerschaft immer auf Kosten
199/470
beider Partner geht, da auch der Besitzer keine freiwillige Liebe empfängt,
funktionieren sie oft erstaunlich gut. Dann nämlich, wenn immer einer der
beiden für Spannung und der andere für Versöhnung sorgt.
Ich möchte zwar nicht allzu sehr darüber richten, welche Form der Liebe, die
„Beste“ ist, denn das hängt sehr von den Charakteren der Beteiligten, ihrer
Ähnlichkeit und Kongruenz sowie den bereits gemachten Erfahrungen ab. Aber
ich bin der Ansicht, dass Freundschaft in jeder Beziehung die Basis darstellen
sollte, auch wenn das keine notwendige Bedingung für deren Stabilität ist.
„Eine gute Ehe basiert auf dem Talent zur Freundschaft.“ (Friedrich Nietzsche)
Manchen Menschen fällt es schwer, Vertrauen aufzubauen. Wer beispielsweise in
seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, der kann nicht ohne Weiteres in einer
freundschaftlichen Liebe aufblühen. Zunächst wird er versuchen, vertrautere
Formen der Zweisamkeit zu finden, die ihn nicht zur Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit veranlassen. Ein Freund würde ihm schnell auf die Schliche
kommen, ein Besitzer nur das gewohnte Muster fortführen.
Natürlich wäre es dennoch falsch, sich einer Besitzerliebe hinzugeben oder selbst
auf diese Art zu lieben, doch ich muss zugeben, dass so ein Verhalten zumindest
verständlich ist, und es für solche Menschen kein Patentrezept für eine
gelungene Partnerschaft gibt. Denn man kann nicht einfach beschließen, ab
sofort „anders“ zu lieben.
Allerdings ist es möglich, sein gesamtes Leben fortan anders zu gestalten. Und
wer das tut, wird über kurz oder lang merken, dass nur eine Form der Liebe in
einem harmonischen System Platz hat. Gewisse Überschneidungen und
Neigungen zur Spielerliebe, Selbstlosigkeit oder einer kühleren Variante der
Leidenschaft bleiben dabei immer optional und verleihen einer freundschaftlichen
Liebe ihre Eigentümlichkeit und Würze.
4) Der Unterschied zwischen den Geschlechtern
Der oft behandelte Unterschied zwischen Männern und Frauen macht sich vor
allem durch die Art der Beziehungsführung bemerkbar. Frauen suchen in der
Regel eine pragmatische Form der Liebe und achten mehr auf Sicherheit.
Biologisch gesehen wird hierbei auf eine behütete Aufzucht potentieller
Nachkommen spekuliert.
In Filmen werden Frauen überwiegend den Romantikern zugeordnet, aber das
trifft in der Realität selten zu. Zwar verehren die meisten Frauen die Romantik
und haben einen ausgeprägtes Faible für Lyrik und Ästhetik, sind aber klug
genug, ihre eigene Zukunft und die ihrer Nachkommen nicht auf einem
Wunschtraum aufzubauen.
Die meisten Frauen denken ganzheitlich und haben spätestens, wenn sie die
Entscheidung treffen, dass sie Kinder zeugen möchten, gelernt, Vernunft und
Gefühle zu trennen. Sie nehmen auch Abstriche in Kauf, wenn das Gesamtbild
eines Partners stimmt. Wenn er ansonsten vielversprechend ist, kann zum
Beispiel mangelnde Schönheit verschmerzt werden. Ein intelligenter,
selbstsicherer und humorvoller Mann hat in jungen Jahren keine Chance gegen
einen sportlich-attraktiven Konkurrenten. Mit zunehmenden Alter merken Frauen
aber, dass sie mehr haben wollen, als einen „Hintern zum hineinkneifen“.
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Männer bevorzugen die romantische Liebe und die Spielerliebe, da beide ihren
angeborenen Jagdinstinkten entsprechen. Auch die Besitzerliebe ist ihr Metier.
Aufgrund der unterschiedlichen Erziehung fällt es immer noch vielen Männern
schwer zu ihren Gefühlen zu stehen. Das erschwert natürlich auch ihre Suche
nach einer geeigneteren Liebesform.
So wird bei ihnen Liebe von Sexualität emotional getrennt und besteht fortan als
Mittel zum Zweck. Manche Männer lassen lieben, andere verlieben sich in das
Gefühl als solches. Wiederum andere betrachten eine Partnerschaft als Beiwerk
und konzentrieren sich vornehmlich auf ihre Karriere, Hobbys und ihren
Freundeskreis. Der Stellenwert ihrer Beziehung fällt gering aus, da sie ihnen
wenig bedeutet. Sie gewährleistet regelmäßigen Sex, Verpflegung und Kontakt,
ist aber auch emotional anstrengend und bedarf viel Pflege.
Daher bevorzugen manche Männer losere Beziehungsformen, denn Eifersucht
und Einschränkung behagt ihnen nicht. Interessant ist die Tatsache, dass seit
der Einführung der „Pille“ als Verhütungsmethode auch immer mehr Frauen
diese Form der Bindungslosigkeit praktizieren.
Im Hinblick auf die Emanzipation wollen sie es den Männern gleichtun. Sie sind
entbunden von der Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft und können
ebenfalls versuchen, auf diese Weise glücklich zu werden. Ob diese neue Freiheit
und Selbstbestimmung aber tatsächlich einen Gewinn darstellt, oder ob die
Reduktion der ganzheitlichen Betrachtung auf Männerniveau nicht eher ein
Armutszeugnis ist, sei dahingestellt. Ich denke, nicht jedes männliche Verhalten
ist es auch wert, nachgeahmt zu werden.
5) Untreue
Selbstverständlich gibt es alle Mischformen der Liebesarten. Auch
Entmischungen und Transformationen bestehender Beziehungen sind zu
beobachten. So nimmt in länger währenden Beziehungen nicht selten die
Romantik zugunsten der Pragmatik eine untergeordnete Rolle ein.
Im Laufe der Zeit gewöhnen wir uns an den Partner und sind nicht mehr „bis
über beide Ohren verliebt“. Das ist aber nicht so tragisch, wie es zunächst klingt,
denn es ist eine Chance, aus Verliebtsein Liebe werden zu lassen. Diese geht
ungleich tiefer und setzt Vertrauen, Vertrautheit und Einsicht in die Seele des
anderen voraus. Also auch, Alltagssituationen gemeinsam gemeistert zu haben
und Erfahrungen zu teilen.
Ich möchte noch einmal auf die Untreue zu sprechen kommen, denn in
Anbetracht der verschiedenen Formen der Liebe, erhält sie eine völlig neue
Bedeutung. Keiner will dieses heiße Eisen anfassen, denn man kann sich daran
eigentlich nur verbrennen. Dennoch müssen wir ehrlich bleiben, wenn wir
darüber nachdenken, denn mit „man sollte nicht untreu werden“ ist das Thema
nicht wirklich abgehandelt.
„Der Mensch möchte von den Folgen seiner Laster bewahrt werden, aber nicht
von den Lastern selbst.“ (Ralph W. Emerson)
Fest steht: Jeder Mensch verspürt gelegentlich die Sehnsucht nach einem
anderen Menschen. Die Bestätigung, die uns diese Person geben könnte, kann
auch der liebste Partner nicht ersetzen. Jeder will seinen „Marktwert“ im Auge
behalten und zeitlebens begehrenswert bleiben. Meist gilt die Sehnsucht deshalb
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einer anderen Art der Liebe, sprich, einem völlig anderem Menschentyp, als ihn
der eigene Partner darstellt.
Ein Vernunftliebender wünscht sich Romantik, ein Besitzer sehnt sich danach,
Schwäche zeigen zu dürfen. Es ist weniger der ernsthafte Wunsch, die
bestehende Partnerschaft zu beenden, als die Neugier nach dem, was es noch
geben könnte. Der Mensch möchte immer das, was er nicht hat, und zwar
zusätzlich.
Darüber hinaus empfindet jeder Mensch auch sexuelles Begehren gegenüber
anderen Personen. Das ist eigentlich ganz normal, denn es gibt mehr als einen
Menschen auf der Welt, der zu uns passen könnte, und noch mehr, die uns
sexuell reizen. Es wäre ja im Fall einer Trennung auch katastrophal, wenn wir
fortan für immer alleine bleiben müssten
Eine bestehende Beziehung ist kein wirklicher Schutz vor der Neugier für das
andere Geschlecht. Diese Tatsache zu leugnen oder zu verdrängen wäre töricht.
Der entscheidende Punkt ist der, ob man seinem Verlangen bei Gelegenheit
nachgibt, oder ob es bei Phantasien und Träumen bleibt.
Jeder räumt sich selbst größere Spielräume ein, als er seinem Partner gewähren
würde. Die Grenze, bei der wir unseren Partner wissentlich hintergehen, setzt
sich jeder Mensch selbst. Manche flirten ungehemmt, andere finden
Berührungen wie Umarmungen noch zulässig. Einige bilden sich ein, dass
Küsschen noch nicht zu weit gingen, und manche Männer behaupten sogar
ernsthaft, dass der Besuch einer Prostituierten nichts mit ihrer Beziehung zu tun
hätte.
Es gibt immer mehr „offene“ Partnerschaften, bei der sich beide Partner
dermaßen auseinandergelebt haben, dass sie andauernd fremdgehen. Das sind
dann auch keine „Fehltritte“ mehr, sondern ein fester Bestandteil ihrer
Partnerschaft. Solche Beziehungsleichen bringen es nicht fertig, sich ihre
zerrüttete Beziehung einzugestehen und sich in Würde zu trennen. Statt dessen
unternehmen sie laufend den Versuch, sich und ihren Partner zu betrügen. Und
das nicht nur sexuell, denn allein das nicht vollzogene Ende gleicht einer
permanenten Lüge und Enttäuschung.
Es ist durchaus möglich, sich in zwei oder mehr Menschen gleichzeitig zu
verlieben. Manche Romantiker bilden sich ein, die Gesamtheit des anderen
Geschlechtes, also das andere Geschlecht als solches zu begehren. Das
verhindert Untreue sicherlich nicht gerade.
Natürlich gibt es noch viele weitere Ursachen für Seitensprünge. Rache ist ein
Beispiel. Vor allem Frauen rächen sich auf diese bizarre Weise gerne für
Vernachlässigung, Demütigung oder für das Fremdgehen ihres Partners. Dass
sich diese Heimzahlung aber als genauso unbefriedigend wie unklug herausstellt,
bemerken sie im Nachhinein meist auch.
Manche benutzen Untreue auch, um sich aus einer bestehenden Bindung
„elegant“ zu lösen. Das ist nicht besonders „sportlich“, aber erklärbar. Wem der
Mut fehlt, von der Partnerschaft zum Alleinsein zu wechseln, wartet, bis ein
"lukrativer Wechsel" möglich ist. Das ist nicht genau dasselbe, wie die zu Anfang
des Kapitels besprochene halbherzige Liebe, selbst wenn das Verhältnis in eine
neue Partnerschaft mündet.
Auch hierbei wird abwartend vorgegangen und die alte Beziehung nicht gleich
gelöst. Der Unterschied aber ist der, dass auch der neue Kandidat zunächst nur
„getestet“ wird. „Erst einmal sehen, was passiert. Falls sich der Seitensprung als
Flop herausstellt, dann bleibt eben vorerst alles beim Alten.“
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Diese Vorgehensweise ist sogar noch perfider und feiger, denn beide, sowohl der
jetzige Partner, als auch sein „Herausforderer“ werden betrogen. Es ist die
Kombination aus „auszuprobieren, bis sich der richtige Partner durch Zufall
findet“ und „sich mit halbem Herzen auf die Suche zu machen“. Die Verknüpfung
zweier Irrwege ergibt natürlich kein besseres Resultat als die Urfehler.
Der weitaus häufigste Grund für einen Seitensprung ist und bleibt aber die
Neugier. Affären sind auch als „Abenteuer“ zu verstehen. Kaum ein Mensch kann
echte Abenteuer im Format einer Weltreise oder Schatzsuche unternehmen; da
liegt es nahe, sich zumindest einfache Träume zu erfüllen.
Nicht zu wissen, was einem entgehen könnte, macht viele Menschen wahnsinnig.
Das unbestimmte Gefühl, etwas zu verpassen, quält sie und lässt sie nicht in
Ruhe, bis sie ihm nachgeben. Sie werden von der Vorstellung verfolgt, auf ihrem
Sterbebett zu bemerken, etwas im Leben versäumt zu haben.
Wiederum verhalten sich die Vertreter der einzelnen Liebestypen unterschiedlich
in dem Umgang mit dieser Problematik:
• Die freundschaftliche Liebe basiert, wie schon erwähnt auf dem gegenseitigen
Vertrauen. Daher ist es eher unwahrscheinlich, dass es zu Heimlichkeit und
Lügen käme. Dafür ist eine solche Partnerschaft ohnehin zu transparent.
Plötzliche Neuregelungen und Verschlossenheit („Wo ich die ganze Nacht war?
Das geht dich gar nichts an!“) fielen dem Partner auf und hätten keine
Chance, ungeklärt zu bleiben. Doch selbst, falls es zum Seitensprung käme,
ist eine solche Beziehung meist stabil genug, um eine Lösung zu finden. Wäre
die Bewältigung mit einer Trennung verbunden, dann liefe diese zumindest
kameradschaftlich ab.
• Der selbstlos Liebende begeht in der Regel keine Untreue. Schließlich hat er
sich seine Bürde der Beziehung freiwillig auferlegt. Doch auch hier ist ein
Ausnahmefall denkbar: Wenn ein guter Freund anderen Geschlechtes einsam
ist und Trost braucht, dann ist der Selbstlose im Zweifelsfall bereit, ihm auch
sexuell Gutes zu tun. Das würde der Selbstlose aber nicht als Eigennutz
werten, da er es ja für das Selbstwertgefühl des anderen getan hat und nicht
für sich selbst.
• Der Vernunftliebende hat Angst davor, alles wegen eines Abenteuers aufs
Spiel zu setzen. Dafür ist es ihm nicht „wichtig“ genug. Falls er aber, aus
welchem Grund auch immer, zu der Überzeugung gelangt, es könnte sich
lohnen, dann würde er es ohne zu zögern tun. So werden in der Midlifecrisis
aus Vernunftliebenden oft spielerische Menschen oder Spätleseromantiker.
Wenn so ein Mensch „konvertiert“, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er mit
einem reuigen Gefühl und blutiger Nase zurückkehrt.
• Der Spieler lebt mit der ständigen Versuchung. Durch seine zahlreichen Flirts
findet er auch Resonanz. Er legt es geradezu darauf an Offerten zu erhalten.
Konkreten Angeboten dann zu widerstehen ist natürlich schwerer, als bloß der
theoretischen Möglichkeit einer Affäre standzuhalten. Ist diese unmittelbar
möglich, dann überwiegt leicht der Reiz auf sie einzugehen. Ein Spieler bereut
seine Affären aber auch, da nach der Eroberung nur ein schlechtes Gewissen
zurückbleibt. Das Spiel ist vorbei und jetzt muss die Zeche bezahlt werden.
Und dieses „Spiel“ ist dann gar nicht mehr so aufregend.
• Vor allem der romantisch Liebende sucht sich gerne ein erotisches Intermezzo
von Zeit zu Zeit, denn das beflügelt seine Phantasie. Mit Gewissensfragen hat
er nicht so zu kämpfen, denn er betrachtet seine Abenteuer als Gewinn für
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seine Beziehung. Dadurch bleibt er seiner Auffassung nach „in Form“ und
meint, seinem Partner wieder mehr bieten zu können. Dass der
Katzenjammer folgt, wenn dieser davon erfährt, und die ganze Sache „etwas
anders“ sieht, ist vorprogrammiert.
• Der Besitzerliebende ist noch vor dem Romantiker der Untreueste im Bunde.
Aber weniger aus Genuss, denn aus Angst. Zunächst einmal möchte er sich
Bestätigung verschaffen, indem er sich selbst laufend versichert, noch wichtig
und begehrenswert zu sein, und andererseits möchte er Eifersucht damit
provozieren. Untreue ist für ihn eine „prophylaktische Rache“, da ihn seine
eigene Eifersucht auffrisst. Und weil er grundsätzlich nach zweierlei Maß
urteilt, sieht er es als sein Recht an, sich solche Freiheiten herauszunehmen.
Es gibt auch bei der Untreue Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer
gehen meist deshalb fremd, um sich mehr sexuelle Befriedigung zu verschaffen.
Sie fühlen sich in diesen Bereich ihrer Partnerschaft zu kurz gekommen und
wollen ihn so „ergänzen“, ohne die Partnerschaft als solche infrage zu stellen
oder beenden zu wollen. Ein weiterer Grund ist für sie die Selbstbestätigung,
also sich das Gefühl zu erneuern, potent zu sein, was in ihren Augen
„Männlichkeit“ versinnbildlicht.
Frauen haben teilweise dieselbe Achillesferse. Die Neugier, wie Körperkontakt
mit jemand anderem wäre, ist bei beiden Geschlechtern gleich stark ausgeprägt.
Auch die Selbstbestätigung ist ein gemeinsames Motiv.
Ansonsten treibt sie aber eher der Wunsch, nach bislang vom Partner
unerwiderter Zärtlichkeit und emotionalem Verständnis in die Arme ihrer
Liebhaber. Paradoxerweise ist auch starke, aber bislang unbegründete Eifersucht
des Partners ein Motiv. Wenn man schon prophylaktisch bestraft wird, dann wird
nachträglich auch ein Grund dafür geliefert.
6) Die Beurteilung einer Partnerschaft
Wann ist eine Partnerschaft eigentlich als gescheitert zu betrachten? Wenn sie
auseinanderbricht, oder schon vorher? Die Frage ist berechtigt, da sehr viele
Beziehungen „metastabil“ sind, also eigentlich längst beendet sein müssten, aber
noch nicht beendet wurden, weil keiner der beiden Partner die
Aktivierungsenergiebarriere überwunden und den letzten Schritt initiiert hat. Ein
Beispiel hierfür sind die implodierten Partnerschaften.
Nach einer gescheiterten Beziehung dauert es oft sehr lange, bis die gemachten
Erfahrungen und Fehler restlos verarbeitet sind. Davor schrecken viele zurück.
Schließlich gibt es außer Verlustangst auch noch finanzielle Repressalien und
eventuell Kinder, die zwischen zwei Menschen stehen. Das wird ihnen in der
Regel erst klar, wenn die Partnerschaft auf des Messers Schneide steht.
Doch wie lässt sich denn eigentlich eine glückliche Beziehung erkennen? Daran,
dass wir uns geliebt und verstanden fühlen? Ist denn nicht ausschließlich unser
Gefühl in solchen Herzensangelegenheiten ausschlaggebend?
Viele Zeitschriften und Bücher machen sich diese Gretchenfrage immer wieder
zum Thema, ohne sie jemals zufriedenstellend zu beantworten. Denn bei der
Beurteilung unserer eigenen Partnerschaft liegt ein Problem vor, das für uns
selbst nicht lösbar ist.
Wir sind befangen, selbst wenn wir ansonsten gelernt hätten, objektiv zu
verstehen. Vielleicht liebt uns nämlich unser Partner, aber wir erkennen es bloß
nicht. Es ist möglich, dass er Liebe aussendet, die bei uns aber als nicht solche
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registriert wird. Denn man kann nur die Zuneigung des anderen annehmen, die
man verspürt. Dies muss nicht unbedingt seine beabsichtigte Dosis gewesen
sein.
Ein anschauliches Beispiel hierzu: Sie finden dieses Buch (hoffentlich) gut, aber
es würde Ihnen nicht gefallen können, wenn es nicht veröffentlicht worden wäre.
Dann würde es in meiner Schublade liegen und genauso gut sein, aber Ihnen
nichts bedeuten, da Sie es nie in die Hände bekommen hätten. Sie können
schließlich nur das beurteilen, von dessen Existenz Sie wissen.
Genauso verhält es sich mit der Liebe. Sie mögen zwar überzeugt davon sein,
dass Sie Ihren Partner lieben, aber erkennt dieser das auch? Vielleicht stehen
Sie täglich extra früher auf, um Frühstück für ihn zu machen. Das kostet Sie viel
Überwindung, und Sie machen es nur ihm zuliebe.
Aber weiß er das und honoriert er Ihren Einsatz? Oder merkt er davon gar
nichts, weil er glaubt, Sie würden sowieso gerne früh aufstehen? Seine
Vorstellung von Liebe ist vielleicht eher sexueller Natur und Sie werden von ihm
vornehmlich in dieser Hinsicht eingeschätzt.
Liebe kennt viele Wege; nicht immer empfängt uns ein anderer Mensch auf
derselben Ebene, die wir selbst als die einzig denkbare erachten. Wie groß ist
der „Verlustwert“ der Liebe, die wir emittieren; wie viel davon erreicht effektiv
unseren Partner?
Und wie verhält es sich umgekehrt? Was ist, wenn wir uns in unserer
Partnerschaft häufig ungeliebt und missverstanden fühlen? Ist es ein Beweis für
einen Mangel an Liebe oder lediglich ein mäßig aussagekräftiges Indiz dafür?
Sind unsere Erwartungen und Wünsche an die Liebe unseres Partners überhaupt
realistisch? Sind sie eindeutig, erfüllbar und ihm eigentlich bekannt?
Untersuchungen an verheirateten Paaren haben ein erschreckendes Ergebnis
geliefert. Im Durchschnitt sprechen sie täglich insgesamt nur 7 Minuten
miteinander; dass dies Probleme erzeugt ist offensichtlich.
Die eigene Beziehung kritisch, aber wertfrei zu betrachten und zugleich subjektiv
und emotional damit umzugehen, ist wahrlich nicht leicht. Wir erkennen selbst
oft nicht den Punkt, an dem eine Partnerschaft keine Zukunft mehr hat. Das
kann schon zu ihrem Beginn der Fall gewesen sein oder überhaupt nicht
zutreffen. Ohne bessere Hinweise erweist sich eine kompetente Einschätzung der
Situation oft als sehr schwierig.
Kommunikation verschafft jedoch Klarheit. Gespräche mit dem Partner und mit
guten Freunden ermöglichen uns einen profunden Einblick in die Lage unserer
Partnerschaft. Einem außenstehenden, guten oder besten Freund fällt eine
objektive Beurteilung wesentlich leichter. Er kann uns helfen, die Struktur in der
Beziehung, die naturgemäß komplex und verworren ist, herauszukristallisieren.
Da wir uns selbst und unseren Partner gut genug kennen, können wir die
meisten Fragen unseres Freundes auch intuitiv beantworten.
All das ist sehr subjektiv, aber es gibt Indikatoren, die eine objektive
Differenzierung erleichtern. Der Einklang mit der Harmonie verleiht einer
Partnerschaft ihre Qualität. Das bedeutet, beide Beteiligten müssen für sich
genommen und miteinander harmonisch sein.
Das Gefühl der Liebe verringert sich beispielsweise, wenn ein Partner den
anderen nicht mehr auf seinem, und damit dem gemeinsamen Lebensweg
voranschreiten sieht. Auch ein nichtabgesprochener „Kurswechsel“ wirkt sich
nachteilig aus.
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Dass ein Gerüst der eingespielten Kooperation dennoch häufig für ein weiteres
Miteinander ausreicht, ist ebenso richtig wie bedauerlich. Mit dem Stillstand
eines der beiden Partner bekommt der andere automatisch auch einen
Bremsklotz verpasst. Das Paar lebt sich nur dann nur deshalb nicht umgehend
auseinander, weil auch die Individuen nicht mehr richtig leben.
Um völlig korrekt zu sein: Wenn ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer,
auf seinem Lebensweg „stehenbleibt“, reduziert sich sein Tempo im weiteren
Vorankommen. Er wird anschaulich vom „Jaguar“ zur „Schnecke“. Sein Partner
verwandelt sich ebenfalls in eine, um ihn nicht zurückzulassen. Gleichzeitig
„sprinten“ die beiden Schnecken aber voneinander weg, da sie vor diesem
Zustand flüchten wollen. Der seelische Mindestabstand, der eine Trennung
rechtfertigt, beträgt aber etliche Kilometer, weshalb es Jahre dauern kann, bis er
von den Schnecken erreicht wird. Das ist keine besonders beneidenswerte
Situation und ähnelt der einer Implosion.
Je entspannter das Miteinander ist, also je weniger Ungereimtheiten,
Uneinigkeiten und „schlummernde“ Probleme zwischen den Partnern stehen,
desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit für Untreue oder ein
Scheitern einer Partnerschaft.
Eine völlig spannungsfreie Beziehung gibt es nicht; wir wissen, dass Harmonie
ein dynamisches Gleichgewicht darstellt. Sämtliche Reibungen müssen sich
jedoch unterm Strich gegenseitig nivellieren, und die Partnerschaft ohne
verbleibende Scherkräfte belassen.
Die stetig steigende Scheidungsrate ist eine wirklich traurige Entwicklung
unserer Tage. Trennungen sind nicht mehr nur ein „notwendiges Übel“ oder
werden
leichtfertig
provoziert. In Folge
einer falsch
verstandenen
Selbstdarstellung werden sie regelrecht einkalkuliert.
Der Trend geht in die Richtung, dass manche Frauen mittlerweile planen, nur
einen „Erzeuger“, nicht aber einen Vater für ihr Kind zu finden. Unterhalt muss
er auch bezahlen, wenn er keinen Kontakt mehr zu seinem Filius haben darf; das
sichert der Frau die Finanzierung. Sie wählt sozusagen Mutterschaft als „Beruf“
und glaubt, das Ganze wäre ein intelligenter Schachzug. Aber ihr Egoismus
schadet nachhaltig und irreversibel der Entwicklung des Kindes. Solche
alleinerziehenden Elternteile sollten sich nicht vormachen, dass ihre Kinder
unbeschadet aufwachsen könnten.
Ich möchte aber nicht alle alleinerziehenden Elternteile über einen Kamm
scheren. Wenn ein Mensch beispielsweise frühzeitig verwitwet ist, hat er gar
keine andere Wahl, als sein Kind alleine zu erziehen oder eine neue
Partnerschaft einzugehen. Und so manche Scheidung war der einzige Ausweg,
der einem Menschen blieb, um nicht selbst zugrunde zu gehen.
Aber von Anfang an die Möglichkeit einer Trennung einzuplanen und sich aus
selbstsüchtigen Motiven ein Kind „zuzulegen“ ist unverantwortlich. Trennung
sollte immer unsere letzte Wahl bleiben, erst recht, wenn Kinder mit im Spiel
sind.
7) Singles
Das heutzutage beliebte Singledasein ist ein Versuch zwischen Intimität und
Autonomie zu pendeln. Es hat das Image des Asozialen verloren und ist
mittlerweile gesellschaftlich voll akzeptiert.
„Es ist besser, als eine schlechte Ehe zu führen“, ist das Argument der
freiwilligen Singles, also derjenigen, die aus Überzeugung keine feste Bindung
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eingehen möchten. Sie genießen ihre Unabhängigkeit und Bindungslosigkeit. In
ihren kurzen Pseudobeziehungen erfüllen sie sich ihre sexuellen Bedürfnisse und
erneuern ihre Illusion, damit erfüllt zu sein. „One-night-stands“ simulieren Liebe
und Zärtlichkeit, genauso, wie Kekse den Magen füllen; sie können weder
wirklich sättigen, noch zur langfristigen Gesunderhaltung beitragen.
Freiwillige Singles verteidigen ihre Lebensweise mit dem Erwerben von „mehr
Erfahrungen“, als es durch eine kontinuierliche Partnerschaft mit nur einem
Menschen der Fall wäre. Der Denkfehler dabei ist, dass sie jedes mal die gleiche
Stufe erklimmen, nur auf eine alternative Art. Das ist, als hätten sie nur gelernt,
ein Auto bis in den zweiten Gang zu schalten. Sie kommen nicht wirklich
vorwärts, sondern stagnieren in einem Miniaturzyklus von werben, erleben, sich
langweilen und wieder trennen.
Sie sind der Ansicht, das hielte sie „jung“ und in gewisser Weise haben sie sogar
recht. Da sie keine Reife hinzugewinnen, bleiben sie, sozial gesehen, solange
Teenager, bis sie ihre Einfältigkeit irgendwann erkennen.
Aber nicht alle von ihnen bemerken die Sinnlosigkeit ihrer Handlungen und sind
es irgendwann leid, in der Disco das „Freiwild“, oder bei Treffen mit Paaren das
„fünfte Rad am Wagen“ darzustellen. Sie erkennen nicht, dass eine schlechte
Rechtfertigung kein solides Konzept ersetzt, auch dann nicht, wenn ihnen alle
Singlekollegen dabei helfen, die gemeinschaftliche Illusion aufrechtzuerhalten.
Um auch hier wieder Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich betonen, dass
ich weder unfreiwillige Singles damit meine, also Menschen, die keinen Partner
finden, noch solche, die überhaupt keine Partnerschaft eingehen möchten, weil
sie lieber alleine leben möchten. Singles sind auch nicht per se „schlecht“, und in
mancher Hinsicht für die Gesellschaft sogar von Nutzen.
Die Volkswirtschaft braucht Singles, da sie in der Regel sehr konsumfreudig,
markenbewusst und ästhetisch veranlagt sind. Letzteres ist auch nötig, um sich
ihren Wert selbst zu demonstrieren. In ihrer Kaufkraft liegt eine gewisse
Daseinsberechtigung, denn Singles fördern die kulturelle Entwicklung einer
Gesellschaft mehr als gebundene Menschen. Ihnen stehen mehr Zeit und Geld
zur Verfügung; und beides wollen sie gewinnbringend einsetzen.
Langfristig schadet ihr Verhalten der Wirtschaft und Kultur aber, da sinkende
Geburtenraten für Lücken im sozialen Netz der Zukunft sorgen werden. Das
interessiert den Einzelnen aber nicht, denn es geht um seinen individuellen
Genuss
Das Streben nach Autonomie ist an sich etwas sehr Positives; wird es allerdings
zu
Bindungslosigkeit
oder
gar
Gleichgültigkeit
gesteigert,
ist
das
wünschenswerte Ziel überschritten. Früher war ein Singledasein die unfreiwillige
Unterbrechung zwischen zwei Beziehungen. Mittlerweile ist eine Beziehung zur
Unterbrechung des Singledaseins geworden. Ich hoffe wirklich, dass sich das
eines Tages wieder ändert.
8) Die faire Trennung
Ich begann dieses Kapitel mit dem Verlust des Partners als Voraussetzung für
eine neue Beziehung, also dem Scheitern dessen, was wir eigentlich erstreben.
Das Scheitern von Beziehungen ist immer traurig und schmerzhaft, und nur
dann sinnvoll, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Das gilt übrigens für alle
Arten von Trennungen, auch für die von Freunden.
Der Umgang mit Trennungen verlangt sehr viel von uns ab, denn selten
geschieht es auf eine Weise, mit der beide Beteiligten zufrieden sein könnten.
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Wer selbst einmal das „Opfer“ einer Trennung war, also verlassen wurde, hätte
es sich gewünscht, wenn der „Täter“ anders vorgegangen wäre. Es gibt zwei
Irrglauben im Umgang mit Trennungen, die sich hartnäckig in unserem Glauben
festgesetzt zu haben scheinen:
1. Kalter Entzug, also harte Distanz macht es dem Opfer leichter, über den
Verlust hinwegzukommen. Wenn man ihn völlig meidet, können seine Wunden
schneller verheilen.
2. Dem Täter fällt die Trennung grundsätzlich leichter als dem Opfer.
Der Grund für solche Irrtümer ist schnell gefunden; wir haben (glücklicherweise)
keine Übung mit Trennungen. Selbst wenn wir schon ein Dutzend
Partnerschaften beendet haben, ist das noch zu wenig, um es zu „beherrschen“.
Hier bietet sich der „erste“ Weg an, um laut Konfuzius klug zu handeln; das
Nachdenken. Wie könnte denn theoretisch eine faire Trennung ablaufen?
Zunächst einmal sollten wir darauf achten, dass es unserem ehemals geliebten
Partner oder treuen Freund gut dabei ergeht. Das ist nicht leicht, denn völlig
ohne Schmerz kann es nicht ablaufen; sehr wohl aber ohne überflüssigen
Schmerz und Missverständnisse
Wer nach der Wegwerfmentalität „Ex & hopp“ vorgeht, der braucht sich im
weiteren Leben nicht zu wundern, wenn er irgendwann genauso behandelt wird.
Selbst so radikale Einschnitte wie Trennungen müssen sanft für alle Beteiligten
vollzogen werden.
Nach einer Trennung halten es viele beispielsweise nicht für nötig, mit ihrem
Partner noch klärende Worte zu wechseln. Zu selten wird dabei die Lage des
Zurückgestoßenen betrachtet. Ruft er an, so wird aufgelegt, die Briefe kehren
ungelesen zurück, und an Kontakt besteht kein Interesse. In dieser Situation
besteht für ein Opfer kein Handlungsspielraum.
Die Täter haben solange mit der Trennung gewartet, bis ihre Zuneigung in Hass
oder Gleichgültigkeit umgeschlagen ist; dann ertragen sie die Nähe des anderen
nicht mehr. In aller Regel dient das auch dem eigenen Schutz, um nicht
„rückfällig“ zu werden. Um Klarheit in ihr eigenes Selbstkonzept bringen zu
können, wollen sie Abstand. Tröstende Lippenbekenntnisse werden nur
ausgesprochen, um das eigene Gewissen zu beruhigen.
Meist trennt sich ein Mensch vom anderen erst, wenn er sich ganz sicher in
seinem Entschluss ist, also wenn er zuvor die notwendige Gedankenarbeit leisten
konnte. Das ist ja auch nachvollziehbar, denn bevor man selbst nicht sicher ist,
wirft man seine Beziehung nicht weg. Der nichtsahnende Partner konnte sich
aber nicht auf das bevorstehende Ende vorbereiten und wird zwangsläufig
überrumpelt.
Das lässt sich nicht völlig vermeiden, denn irgendwann muss man schließlich die
Katze aus dem Sack lassen. Aber eine Partnerschaft sollte in gegenseitigem
Wissen, oder besser noch, gegenseitigem Einverständnis getrennt werden. So
behält jeder seine Würde und kann als Ganzes daraus hervorgehen. Das
erfordert eine explizite Erläuterung aller Beweggründe des Täters unter
schonungsloser aber Respekt erweisender Offenheit.
Sich einfach nicht mehr zu melden und alles vermeintlich elegant „im Sand
verlaufen“ zu lassen, ist das Falscheste, was wir tun könnten. So wie wir andere
Menschen nach ihren Taten beurteilen sollten, so sollten wir uns auch selbst
bewerten.
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Trennungen und Scheidungen sind für keinen der Beteiligten leicht. Der Täter
möchte am liebsten schnell die Vergangenheit hinter sich lassen und nichts mehr
davon wissen. Das Opfer hingegen ist verwirrt und orientierungslos.
Und genau deshalb müssen wir uns in solchen Momenten um so mehr ins Zeug
legen, und unseren Stil, unser Niveau und unsere Redlichkeit unter Beweis
stellen. Eine schöne Tätigkeit zu erledigen, beispielsweise das Herz eines
Menschen zu erobern, erfordert lediglich Erfahrung und Geschick. Einen anderen
Menschen aber angemessen und einfühlsam zurückzuweisen, erfordert zusätzlich
Charakterstärke und Integrität.
Konkret würde das bedeuten, dass wir uns zwar trennen sollten, wenn unser
Gefühl keinen Zweifel zulässt, aber unsere Entscheidung dem anderen erläutern,
und so oft erklären müssen, bis er damit zufrieden ist. Erst wenn alle Fragen
hinreichend geklärt sind, und wir uns nur noch wiederholen würden, dürfen wir
uns von unserem ehemaligen Partner abwenden, um ihm die Möglichkeit zu
geben, zu trauern und sein Leben neu zu gestalten.
Der Prozess einer Trennung kann einige Zeit in Anspruch nehmen, ist aber einer
der wenigen Momente in unserem Leben, bei dem wir unseren wahren Wert
unter Beweis stellen können. Und bedenken wir eines: Wer sich zu schade ist,
seinen ehemaligen Partner würdevoll zu verabschieden, der verdient auch keinen
neuen!
Es steckt viel Arbeit in einer Partnerschaft und das tagtäglich, solange sie
besteht. Manche Menschen resignieren daher schon von Anfang an und pflegen
lieber ihr Auto als ihre Beziehung; das ist ja auch einfacher. Doch die Investition
unserer Zeit, Hoffnung, Gefühle, Arbeit, Geduld und Hartnäckigkeit in eine gute
Partnerschaft ist eine Anlage in die Zukunft, denn sie bringt ordentlich „Zinsen“.
Wer bislang mit Bindungen und Trennungen inflationär umging, sollte also
spätestens jetzt verstehen, dass sich so niemals wahre Liebe einfinden wird.
III. Sexualität
Ich werde in diesem Kapitel noch ein wenig tief ergehend auf die Rolle der
Sexualität eingehen, möchte hierbei aber sowohl eine pauschale Tabuisierung,
als auch das würdelose Breittreten und Zerreden vermeiden, wie es in der
Öffentlichkeit und den Medien inzwischen gang und gäbe ist.
Bislang könnten meine Ausführungen den Eindruck erwecken, Sexualität schade
einer Beziehung mehr als ihr zu nützen, aber das ist natürlich nur dann der Fall,
wenn die Struktur einer Partnerschaft marode ist. In der Regel wird Sexualität
von Paaren als schön empfunden, was sie ja auch ist. Sexualität kann das
höchste Glück oder die Hölle auf Erden darstellen, es kommt nur darauf an, was
wir daraus machen.
Bei vielen anderen Arten dient sie fast ausschließlich der Fortpflanzung. Allenfalls
höhere Tiere haben die soziale Komponente darin entdeckt und nutzen
Sexualität auch zur Kommunikation und Sozialisation. Doch nur der Mensch hat
aus ihr ein Genussspiel kreiert, das drei Viertel seines Lebens mitunter stark
beeinflusst
Für ein glückliches Paar kann Sexualität als wechselseitige, körperliche Form der
Kommunikation und Anteilnahme immer wieder zum Erlebnis werden, das ihnen
Freude bereitet und die Möglichkeit bietet, einander zu verwöhnen. Es stärkt das
Zusammengehörigkeitsgefühl, ein derart emotionales Erlebnis exklusiv mit
seinem Partner zu teilen. Die starke Euphorie, die beide dabei erleben können,
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bindet sie aneinander und macht so manchen Machtkampf und Streit
überflüssig, der vielleicht ansonsten ausgetragen worden wäre.
Sexualität ist zweifelsfrei der intimste und sensibelste Bereich eines Menschen;
und gerade weil wir sehr empfindlich auf diesem Gebiet sind, zeigen sich
Störungen der Harmonie eines Paares oder Individuums dort am deutlichsten.
Wer mit sich selbst oder seinem Partner nicht im Einklang ist, der kann weder
unproblematisch Zuneigung geben, noch empfangen und genießen.
1) Die falsche Mentalität
Die oben erwähnten, überzeugten Singles sind ein Überbleibsel der Hegemonie
der „freien Liebe“ in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie deuten
Sexualität als Teil ihrer persönlichen Freiheit und betreiben eine regelrechte Jagd
auf erotische Exzesse. Das eröffnet einige Fragen: Was ist richtig? Was ist
„normal“? Wie sollte gute Sexualität denn beschaffen sein?
Obwohl, oder gerade weil heutzutage soviel in der Öffentlichkeit darüber geredet
und diskutiert wird, herrscht nach wie vor große Ratlosigkeit bei den
Einzelpersonen. Ich finde es schade, dass unser privatester Bereich inzwischen
öffentlich zerredet wird, denn es sind wie immer nicht gerade die klügsten,
begabtesten oder vorbildlichsten Menschen, die dort ihre Meinung kundtun.
Wie immer krakeelen diejenigen am Lautesten, die eine extreme Ansicht
vertreten. Im Falle dieser Thematik sind es die „Spieler“ und „Besitzer“; alle
anderen verfechten die Ansicht, dass es niemanden etwas angeht, was hinter
ihren Türen geschieht, und halten sich aus den Diskussionen heraus.
Ihre Meinung wäre auch zu unspektakulär, um gesendet zu werden. Die
Fernsehsender oder Initiatoren von Gesprächskreisen setzen deshalb immer
einen „Placebomoralisten“ in die Runde, der ausgebuht und verspottet werden
darf. Indem sie einen konservativen Menschen kollektiv anspucken, können die
Verfechter extremer Ansichten ihre unterschwellige Unsicherheit maskieren.
Auch in Buchform gibt die Sexualität seit jeher den Ton an: Mir kommt dabei der
legendäre „Hite-Report“ in den Sinn, der eine Umfrage zur Sexualität der Frau
(und später auch des Mannes) darstellte und kommentierte. Mir ist beim Lesen
der Eindruck entstanden, dass sich die befragten Menschen in ihren Aussagen
übertreffen wollten oder Phantasie und Wirklichkeit verwechseln.
Die Folge solcher Wichtigtuerei ist eine Verzerrung der öffentlichen Meinung.
Glaubt man den Medien und diesen selbsternannten Meinungsmachern, dann
denken wir alle unentwegt nur an Sex. Dass das irgendwie nicht so ganz
stimmen kann, vermuten Sie sicher auch, aber wer weiß denn schon, was
Geprahle und was wirklich die Wahrheit ist?
Es gibt keinen Lebensbereich, in dem mehr gelogen wird, als in der Sexualität;
selbst im Bereich von Geld und Religion sind die Menschen ehrlicher zueinander.
Die Angeber und Blender unserer Gesellschaft belehren uns ungefragt darüber,
was „guter Sex“ ist, oder eigentlich darüber, was sie dafür halten. Das heißt,
ganz genau genommen darüber, wie sie ihn gerne erleben würden; denn die
meisten ihrer Geschichten sind zweifellos erlogen oder zumindest maßlos
übertrieben.
In ihren Ausführungen klingt es jedes mal so, als hätten sie die Sexualität völlig
neu erfunden und gleichzeitig perfektioniert; und nur sie sind die Hohepriester
dieser Kunst. Sie möchten, dass wir ihnen lauschen und staunen, wie sie als
Prominente, Sextherapeuten, Pornofilmdarsteller oder Models uns „gewöhnlichen
Menschen“ in diesem Bereich weit voraus sind. Lügen dieser Art finden stets ein
210/470
breites Forum in der Bevölkerung, denn sie spielen mit unserer Neugier und
Scham. Dabei gilt auch hier: Je mehr ein Mensch mit seinen Eroberungen prahlt,
desto weniger steckt tatsächlich dahinter. Denn wer Sexualität wirklich
verstanden hat, der teilt sie ausschließlich mit seinem Partner.
Es wäre deshalb anzuraten, wenn wir uns an Tatsachen hielten, wenn wir etwas
dazulernen möchten. Wir müssen diesen Lebensbereich auf jeden Fall wichtig
nehmen, da sich durch leichtfertigen Umgang sehr leicht großer Schaden
anrichten lässt. Auch ungewollt erzeugte, unangenehme Erlebnisse, können
häufig nicht richtig verarbeitet werden und zerstören somit die Möglichkeit,
jemals wieder zu dem wundervollen Empfinden zurückzukehren, das zwei
Menschen miteinander verbinden kann.
Vor allem pflanzt sich die Unfähigkeit in die weiteren Generationen fort, denn es
ist nur unter großem Aufwand möglich, seinen Kindern überzeugend und
glaubhaft Dinge beizubringen, die man selbst nicht gelernt hat. Wir sollten also
zunächst einmal herausfinden und definieren, was Sexualität nicht ist oder
besser, nicht sein sollte.
• Sexualität ist keine Angelegenheit der Öffentlichkeit. Das bedeutet nicht, dass
man bei Unklarheiten nicht auch mal einen Freund zurate ziehen darf oder
sich mit seinem Partner darüber unterhält. Beides ist sehr wichtig, aber wir
sind anderen Personen keine Rechenschaft schuldig, wie wir damit umgehen;
schon gar nicht uns fremden Menschen. Wer sich im Fernsehen gerne
bloßstellen möchte, der wird es wohl nötig haben. Nachahmenswert ist das
jedenfalls nicht. Sinnvolle Aufklärung wird damit kaum betrieben, und zu
diskutieren gibt es in diesem Bereich auch nichts.
• Sex ist keine sportliche Disziplin, bei der es um Maße, Quoten oder Siege
geht. Nicht alles, was machbar ist, muss auch tatsächlich jeder ausleben.
Natürlich gibt es verschiedene Techniken und Variationen; aber ebenso, wie
nicht jeder gerne Fisch isst oder Alkohol trinkt, sollte es hier keine
Verbindlichkeiten oder Vorgaben geben.
• Geprahle hat hier nichts verloren. Fast jeder Mann hält sich für den perfekten
Liebhaber und beinahe jede Frau meint, ihr Werbeverhalten mache sie
unwiderstehlich. Das ist verständlich, sollte aber Grenzen haben.
• Ordinäres und vulgäres Verhalten gehen in jedem Fall zu weit. Sie entwerten
den Ethos eines Menschen und lassen all seine (eventuell vorhandenen)
positiven Eigenschaften verblassen.
• Sexualität wird leider auch zu oft eingesetzt, um etwas zu erreichen. Das kann
wie bei der Prostitution der direkte materielle Aspekt sein, aber auch zur
vermeintlichen
Wiederherstellung
von
Harmonie
geschehen.
Also
beispielsweise, wenn ein Mensch damit Frieden stiften möchte, indem er sich
besonders „Mühe“ gibt, seinen Partner zu befriedigen. Dies wäre ebenso
falsch, wie das Erreichen eines beruflichen Ziels, indem man eine Beziehung
mit dem Chef beginnt. So ein Vorgehen löst keine Probleme, sondern erzeugt
welche.
• Besonders die physische Komponente der Sexualität wirkt sich entspannend
aus, denn Sexualität strengt den Kreislauf an. Das ist wunderbar, führt aber
auch wieder zu Fehlentwicklungen. Es ist bedauerlich, wenn sich jemand auf
diese Weise bewusst entspannen möchte, und sich wirklich alles ausschließlich
auf physischer Ebene abspielt. Ein anderer Mensch wird dabei als
Trainingswerkzeug missbraucht und zu einem Sexualobjekt degradiert.
211/470
• Die Angst vor dem Versagen, eine Folge unseres Leistungsdenkens, ruft unter
anderem Störungen hervor, die sich in Impotenz oder Frigidität äußern
können. Eine Beziehung, in der eine solche Lustlosigkeit bei gleichzeitiger
Spannung vorliegt, sollte intensiv nach ihrer Daseinsberechtigung und den
noch vorhandenen Gefühlen geprüft werden. Vor allem sollte darüber mit dem
Partner gesprochen werden.
• Die „schönste Sache der Welt“ ist auch keine rein biologische Komponente des
Lebens, der jeder so intensiv wie möglich nachgehen sollte. Diesen Eindruck
erhält man jedoch sehr leicht, wenn man der öffentlichen Meinung lauscht.
Sexualität ist ebenso soziologischer, psychologischer und ethischer Natur, also
ein Teil unserer Persönlichkeit und Würde.
• Folglich wäre jeder Zwang und jede Form von Gewalt ein Angriff auf die
Würde eines Menschen. Er verletzt seine Rechte auf Selbstbestimmung,
seinen freien Willen sowie die körperliche und seelische Unversehrtheit.
• Die Schattenseite der Sexualität sind Pornographie und Prostitution. Beide
sind unschöne Bestandteile unserer Gesellschaft und ihre Präsenz ist nicht zu
leugnen. Ich denke, dass Pornographie die hässliche Zwillingsschwester
unserer verklemmten Gesellschaft ist, in der sich kaum einer traut so zu sein,
wie er gerne wäre. Manche Menschen haben ihre Identität verloren, Anstand
und Niveau vielleicht niemals besessen, und müssen dann zu solchen Mitteln
greifen.
• Perverse Praktiken, die nichts mehr mit der Verkörperung von Zuneigung zu
tun haben, sollten nicht auch noch öffentlich „gefeiert“ werden. Seit sich
Kinderschänder im Fernsehen über ihre Neigung äußern dürfen, ist die letzte
Hürde der Vernunft gefallen. Als wäre es das Ziel der Sexualität, all seine
Abartigkeit auszuleben.
Jeder interpretiert Partnerschaft, Liebe und Sexualität, wie es seinem Charakter
entspricht. Das bedeutet, dass aggressive Menschen auf sexueller Ebene brutal
vorgehen, depressiv-destruktive Personen sich damit erniedrigen und bestrafen,
und egoistische Menschen ihre Abenteuer auf Kosten anderer suchen, und dabei
auf die Natur verweisen, in der das angeblich so vorgesehen ist. Es gibt wohl
kaum einen anderen Bereich des Lebens, der so deutlich die wahren Gesichter
der Menschen aufdeckt, und bei dem sich falsche Vorstellungen so negativ und
folgenschwer manifestieren, wie die Sexualität.
Der Grund dafür liegt ebenfalls in der Tatsache begründet, dass dieser Bereich
sehr persönlich gehandhabt wird und nur wenige Menschen davon erfahren, was
hinter den verschlossenen Türen so alles geschieht. Würden sich alle Menschen
in der Öffentlichkeit so verhalten, wie bei denen, die sie angeblich lieben,
bräuchten wir viele neue Gefängnisse.
2) Der Kardinalfehler
Es scheint mittlerweile Normen zu geben, wie Sexualität „richtig“ praktiziert
wird. Das sollte zwar eigentlich jeder für sich selbst entscheiden können, aber
irgendwie steht das Bild, was Sexualität bedeutet, bereits fest. Unsere Angeber
und Wichtigtuer haben ganze Arbeit geleistet. Wo wir auch hinschauen, hat
Sexualität etwas mit Gewalt, Erniedrigung oder emotionsloser Pornographie zu
tun. „Sex & Crime“ sind untrennbar geworden.
Wir scheinen Sehnsucht nach der Zeit der Urmenschen zu haben, die sich mit
Keulen den Nachwuchs sicherten. In der Natur gilt das Recht des Stärkeren; das
212/470
ist oft der Cleverste, manchmal der Schönste, aber zumeist derjenige, der am
aggressivsten und hinterlistigsten vorgeht. Unsere animalische Seite tritt trotz
aller Vornehmlichkeit häufig zutage.
Aber Menschen sind keine Affen und angeblich vernunftbegabt; das behaupten
wir zumindest immer. Dennoch produzieren wir fast ausschließlich Bücher und
Filme, in denen Sex erschlichen, erpresst oder erzwungen wird.
Nun werden Sie vielleicht meinen, dass ja jeder weiß, dass Fernsehen und
Realität zwei Paar Stiefel sind, und wir auf unsere liebgewonnene „Unterhaltung“
nicht verzichten wollen. Deswegen soll schließlich jeder selber entscheiden, wie
er „es“ gerne hätte. Es steht ja jedem Menschen frei, gewaltlos und zärtlich zu
lieben.
Doch wie kann ich etwas frei und selbstkritisch entscheiden, das mir bereits in
einer Zeit begegnet, in der ich noch kein Interesse daran habe? Kleine Kinder
sehen und erlernen den Umgang mit ihrer eigenen Sexualität auch im
Fernsehen. Sie wird allerorts als das zentrale und entscheidende Thema
dargestellt. Sex, Karriere und Geld, das sind unsere Götzen!
Wie soll ein Jugendlicher dann völlig unbelastet, in seinem eigenen Tempo
Erfahrungen sammeln, wenn er bereits Jahre zuvor alle vorstellbaren
Schweinereien und Grausamkeiten beobachten konnte?
Das Fernsehen gab ihm einen Maßstab mit auf seinen Weg, der sich fest
implementiert hat und die eigene Unsicherheit und Schüchternheit nicht
berücksichtigt. Der Rahmen wurde von anderen gesteckt; und Jugendliche
untereinander schenken sich diesbezüglich nichts. Wer erwachsen sein möchte,
und das wollen naturgemäß die meisten Teenager, der muss sich auch
erwachsen geben. Das bedeutet in diesem Fall freizügig, hemmungslos und
experimentierfreudig zu sein. Auf manche Charaktere mag dies ohnehin
zutreffen, aber nur auf die wenigsten.
Leider befinden sich aufgrund dieses Irrglaubens heutzutage viele Jugendliche in
einem Dilemma. Der öffentliche Erwartungsdruck lastet auf ihnen, und
schließlich wollen sie ganz „normal“ sein und akzeptiert werden. Eine ungestörte
Entwicklung der Sexualität ist für sie also zusätzlich erschwert, wenn nicht gar
verunmöglicht. Deshalb werden die ersten Erfahrungen meist zu früh gemacht.
Sind sie beängstigend oder schmerzhaft ausgefallen, dann ist auch der weitere
Weg in die falsche Richtung vorgegeben.
„Hätte er sich so etwas halt nicht im Fernsehen angeschaut“, werden sich nun
manche von Ihnen denken. Doch haben wir die Wahl? Es gibt kaum einen Film,
der Sexualität und Gewalt getrennt darstellt. Und das hat auch seinen Grund.
Die menschlichen Abgründe aus sicherer Distanz zu beobachten fasziniert uns.
Es ist einfach spannend, wenn wir mit unseren Urängsten vor Mord und
Vergewaltigung spielen können und wissen, dass uns nicht wirklich etwas
passieren kann.
Doch leider täuschen wir uns in dieser Annahme gewaltig! Sexuelle
Gewaltdelikte nehmen immer mehr zu. Nicht nur die in Filmen; auch die Realität
findet Nachahmer. Denn die Botschaften der Filme sind oft sehr subtil und
manipulativ.
Kein gesunder Mensch lässt sich zu einem Mord verleiten, nur weil ihm das
Fernsehen vorgaukelt, das wäre in Ordnung. Es gibt eine innere Hemmschwelle,
die das verhindert. Anders ist das im Bereich der Sexualität. Erstens stecken
noch immer die Instinkte unserer Urahnen in uns und zweitens trifft uns die
213/470
Botschaft, „Sexualität muss grausam sein“, in einer Zeit, in der wir kritiklos alles
in uns aufnehmen, das uns überhaupt darüber informiert.
Es ist ja nicht nur das Fernsehen; ich möchte es nicht zum Sündenbock machen.
Wie werden wir denn von unseren Eltern und von der Schule informiert? Von der
Kirche, den Ärzten und allen anderen Institutionen, die für unsere Erziehung
sorgen sollen?
Wenn überhaupt, dann kärglich und ohne emotionalen Nährwert. Uns wird
erzählt, wie wir verhüten können oder wann wir welche körperlichen
Veränderungen
durchmachen.
Allenfalls
wie
Sexualität
mechanistisch
funktioniert. Aber über die „Schmetterlinge im Bauch“ und den Wunsch, geküsst
werden zu wollen, können wir nur mit Gleichaltrigen sprechen, und die wissen
auch nicht mehr als wir. Also sind wir definitiv auf die Medien angewiesen.
Sexualität ist gewiss ein technisch erlernbarer Vorgang; aber Liebe lässt sich
nicht mit einzelnen Techniken erschöpfend erfassen. Und in dieser Hinsicht
enttäuscht unsere Gesellschaft ihren Nachwuchs auf der ganzen Linie.
Was lehren wir wissensdurstigen Kindern und Jugendlichen denn schon über die
körperliche Liebe? Dass sie ambivalent ist! Es herrscht diesbezüglich eine derart
erschreckende Doppelmoral in unserer Bevölkerung.
Zum einen vermitteln wir nicht, wie ein junger Mensch richtig mit sich und dem
anderen Geschlecht umgehen sollte, und verbieten es unseren Kindern einfach
„offiziell“, auf eigene Faust Erfahrungen zu sammeln. Und zum anderen
verschließen wir die Augen vor der Tatsache, dass sie es als Jugendliche
dennoch tun.
Sie sind ja schließlich auch Menschen und besitzen als solche eine starke
Neugier. Wie wir selber in diesem Alter eben auch. Dennoch lassen wir es zu,
dass sie sich überwiegend selbst einen Reim darauf machen, was Liebe und
Sexualität bedeuten könnte. Und das tun sie dann auch, mit den bekannten
Folgen. Natürlich kann das gutgehen, das ist sogar die Regel, denn Jugendliche
sind ja nicht dumm.
Aber eben unerfahren und das leider auch unnötigerweise in der Theorie. Das
müsste aber nicht so sein, wenn wir selbst aufhören würden, Sexualität
gleichzeitig zu vergöttern und zu verteufeln, also heuchlerisch darüber zu reden,
und uns in Wirklichkeit auszuschweigen. Und uns endlich abgewöhnen, jedwede
körperliche Zuneigung automatisch zur Sexualität zu erklären.
Denn jeder noch zu kurze Körperkontakt unter befreundeten Erwachsenen wird
von anderen Menschen sofort registriert und als sexuell gedeutet. Deswegen ist
es schwierig, auf nicht-sexueller Ebene Wohlbefinden durch Körperkontakt zu
erlangen oder zu verschenken.
Sofort trifft uns ein Blick, der sagen will: „Aha, so ist das also mit denen!“ und
die Gerüchteküche erhält ihre Zutaten. Wenn wir einen gleichgeschlechtlichen
Menschen zu innig berühren, wird uns (hintenherum, denn feige sind wir
Menschen ja auch noch) sofort Homosexualität unterstellt. Und bei einer mehr
als flüchtigen Umarmung zum anderen Geschlecht wird uns umgehend ein
Verhältnis angedichtet. Um Klatsch und Tratsch derer zu vermeiden, die unser
Liebesleben nun wirklich nichts angeht, müssen wir Körperkontakt in der
Öffentlichkeit auf ein Minimum reduzieren.
Zugegeben, es gibt auch Paare und Freunde, die ihre Liebkosungen demonstrativ
zur Schau stellen. Das ist peinlich für sie, da anscheinend Publikum nötig ist,
damit sie einander berühren wollen; aber es gibt Schlimmeres. Ich sehe mir
214/470
lieber hundert Paare an, die in der Öffentlichkeit übertrieben kuscheln, als eines
das sich anschweigt oder schlägt.
3) Zärtlichkeit versus Sex
Überhaupt ist selbst bei vielen Paaren die Trennung zwischen einem liebevollen
Kuscheln und dem eigentlichen Geschlechtsakt nicht mehr vorhanden. Daher
kommt es oft zu Missverständnissen und Enttäuschungen, denn es ist nicht
immer erkennbar, wie weit ihr Liebesspiel führen soll. Das führt im weiteren
Verlauf zu Spannungen und Unzufriedenheit. Geschieht dies regelmäßig,
entstehen Wut, Frustration, aber auch Nervosität und Angst. Zärtlichkeit wird
zum Terror, und wir ahnen es: Aggressionen und Gewalt werden mit von der
Partie sein.
Die fehlende Trennung zwischen beiden Formen der Zuneigung ist so weit
fortgeschritten, dass solche Effekte sich in der nächsten Generation sogar noch
häufen. Wenn ein Vater seine Tochter in der Öffentlichkeit zu sehr liebkost, wird
sofort Kindesmissbrauch vermutet. Deshalb gehen viele Väter auf Nummer
sicher und nehmen ihre Töchter lieber nicht zu oft in den Arm.
Dabei ist es auch ein Missbrauch seinem Kind keine körperliche Zuneigung zu
schenken. Sexueller Missbrauch seiner oder anderer Kinder ist mitunter sogar
die Folge des gestörten Umgangs mit körperlicher Zuneigung. Das ist ja das
Paradoxe; ein Vater, der seinem Kind nicht deutlich zeigt, was Zuneigung ist,
überlässt es dem Zufall, wie dieses später damit umgeht.
Als
das
wohl
schrecklichste
Verbrechen
überhaupt,
resultiert
der
Kindesmissbrauch aus den Spiraleffekten der Verleugnung von Sexualität, bei
gleichzeitiger Akzeptanz von Aggression und Frustration, als deren Bestandteile.
Allein die übliche Rechtfertigung: „Ich wurde schließlich selbst als Kind
missbraucht“, macht deutlich, dass sich von selbst nichts zum Positiven ändern
kann.
Unsere Bigotterie ist kaum auszuhalten! Wenn ein paar nackte Menschen vor uns
in der Fußgängerzone laufen würden, würde es nicht lange dauern, bis die ersten
empörten Rufe erklingen. Schnell werden sich die Gaffer einig, dass sie das
„unmöglich“ finden; aber das hält sie auch nicht vom Glotzen ab.
Was sind die Folgen? Manche Erwachsene betreiben einen fast sterilen Umgang
mit ihrem Mitmenschen, haben regelrechte Phobien, jemandem die Hand zu
geben, weil sie sich erkälten könnten und dergleichen. Andere versuchen ihre
Minderwertigkeitsgefühle durch Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zu
kompensieren.
Einige Menschen scheinen von diesem Thema derart besessen sind, dass sie
sogar ihren gesunden Menschenverstand darüber eingebüßt haben. Sexualität
und Gewalt sind starke Elemente unserer Psyche. Wer nicht fähig ist, mit beiden
sinnvoll umzugehen, wird zu ihrem Sklaven, und unfähig dazu harmonisch zu
leben. Zärtlichkeit wird ihm für immer ein Fremdwort bleiben.
4) Aussichten
Man kann nur hoffen, dass sich diese Entwicklungen eines Tages als rückläufig
erweisen, und es in unserer Gesellschaft nicht länger als langweilig und
einfallslos gilt, gewöhnliche Zärtlichkeiten auszutauschen.
Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir es nicht wagen, uns so herzlich zu
geben, wie wir sind. (Albert Schweitzer)
215/470
Das Schamgefühl der Menschen existiert nicht mehr. Die Hemmschwelle zur
Gewalt ist gering und das Gemeinschaftsgefühl wird zunehmend schwächer.
Wenn es uns gelingen soll diesen Prozess umzukehren, muss Sexualität wieder
der Liebe und nicht der Gewalt zugeordnet werden, und endlich als das gelten,
was sie ist: die schönste Beschäftigung, der zwei Liebende nachgehen können.
Ich bin Ihnen aber noch eine Beschreibung schuldig, was wir konkret unter
harmonischer Sexualität verstehen sollten. Die beiden einfachen Formeln,
„erlaubt ist, was beiden Beteiligten gefällt“, und „behandle Deinen Partner so,
wie Du von ihm behandelt werden möchtest“, sind bereits gute Richtlinien für
den Bereich der körperlichen Liebe.
Glückseligkeit beim Sex geht über die mechanische Befriedigung hinaus. Daher
gilt: Sex ohne Liebe ist wie Liebe ohne Sex; beide gehören zusammen. Respekt,
Zärtlichkeit, Zuneigung und Empathie sollten immer Teil unseres Liebeslebens
sein; Gewalt, Egoismus, Wahnvorstellungen und leistungsorientiertes Handeln
hingegen nicht.
Achtung und Aufmerksamkeit unserem Partner gegenüber, sich dem Augenblick
hingeben zu wollen, ohne sich verstellen oder zurücknehmen zu müssen, das ist
verkörperte Liebe. Die Sexualität ergibt sich dann von selbst. Es bedarf keiner
weiteren Erklärung, denn jedes junge Paar entdeckt sie neu, auch ohne vorher
explizite Instruktionen zu bekommen.
Unserem Nachwuchs implizite Werte mitzugeben, indem wir ihnen ein gutes Bild
von der Zärtlichkeit vorleben, sowie unverklemmt und ehrlich darüber sprechen,
reicht völlig aus. Die menschliche Neugier an der Andersartigkeit des Partners
ermöglicht es ihnen dann im späteren Leben, den Rest selbst herauszufinden.
Das klingt doch schon eher harmonisch, oder? Wir sollten anderen Menschen
auch in diesem Punkt ein Vorbild sein. Dazu müssen wir keine Praxis eröffnen,
sondern das nächste Mal, wenn wir unseren Partner am liebsten vor allen Leuten
küssen würden, es einfach tun.
Oder wir nehmen uns vor, den besten Freund zur Begrüßung oder zum Trost zu
umarmen. Und wir sollten uns abwenden, anstatt widerwillig zu lachen, wenn
jemand perverse Witze erzählt.
Es ist doch völlig egal, was „die Leute“ dann von uns denken. Sie werden auf
jeden Fall neidlos eingestehen müssen, dass wir anders sind, und nicht nur mit
dem Strom schwimmen.
Wie wir sehen konnten, ist es nicht wichtig, wie viel oder wenig Sex ein Paar hat.
Auch, ob dieser „gut“ ist oder nicht, können allein die Beteiligten entscheiden. Es
gibt nur einen Maßstab und der ist subjektiv. Wichtig ist nur, dass unser Partner
und wir selbst damit zufrieden sind. Das Einzige, was wir dafür tun müssen, ist
bei unserer Partnerwahl und im Verlauf der Partnerschaft intelligent vorzugehen.
Also lieber vorher nachzudenken, anstatt hinterher zu jammern, wie wenig Glück
wir in der Liebe haben. Das interessiert außer uns selbst sowieso niemanden.
Kapitel VIII
Freundschaft & soziale Kontakte
216/470
Manche Menschen haben das Glück mit dem Besten ihrer Freunde verheiratet zu
sein. Oder sie haben in ihren Geschwistern jemanden, mit dem sie über alles
reden können. Doch auch glücklich verheiratete Menschen brauchen einen
Freundeskreis, mit dem sie sich austauschen und auf Vertrauen und Anteilnahme
stoßen können.
Andere Menschen wiederum sind von vorneherein nur mit Maschinen befreundet
oder suchen sich virtuelle Kontakte im Internet. Sie wollen oder können keine
echte Verbindung zu gleichgesinnten Menschen aufbauen.
Es gibt viele Dimensionen des Miteinanders und viele Fehlerquellen die
Freundschaften verhindern. Viel zu oft verwechseln Außenstehende, aber auch
Beteiligte, eine gute Freundschaft mit einer Partnerschaft. Ich sprach bereits
davon, dass Körperkontakt fast immer sexuell gewertet wird. Diese Einschätzung
ist insofern schade, weil fehlender Körperkontakt aufrichtige Anteilnahme,
Verständnis und Mitgefühl erschwert. Eine Umarmung spendet mehr Trost als
viele gutgemeinte Worte.
Das und viele weitere Ursachen führen dazu, dass viele Menschen ihre Freunde
eines Tages aus den Augen verlieren und sich anderen Beschäftigungen widmen.
Dabei ist es gerade die Sozialisation, die aus einem Individuum das macht, was
es ist. Nur im Zusammenhalt der Gruppe, der Gesellschaft und des Kollektivs ist
es überhaupt möglich, seinen Charakter auszubilden und zu prägen.
I. Freundschaft
Eric Berne unterschied sechs Grundtypen des menschlichen Miteinanders, die
praktisch unser ganzes Leben ausfüllen. Ich möchte dieser Einteilung noch eine
siebte,
asymmetrische
Ebene
der
zwischenmenschlichen
Beziehungen
hinzufügen:
1. Wenn von Sozialverhalten die Rede ist, dann bedeutet das nicht
zwangsläufig, dass ich mit anderen Menschen in Beziehung treten muss. Sich
mit sich selbst zu beschäftigen ist ein Merkmal der Isolierung. Gemeint sind
hierbei sowohl die freiwillige, als auch die ungewollte Form des Alleinseins.
Letztere kann, je nach Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen, sehr
unangenehme psychische und gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, denn
über seine emotionale Lage mit anderen Menschen sprechen zu können, ist
ebenso wichtig wie essen, trinken und schlafen.
2. Das Zeremoniell beschreibt all unsere Rituale, die wir anwenden, um
oberflächlich
Kontakte
zu
knüpfen
und
aufrechtzuerhalten.
Kranzniederlegungen, Einweihungsfeiern und Staatsbesuche sind Beispiele für
solche Prozesse, die bis ins Detail geplant und ausgeführt werden.
3. Die Unterhaltung ist jede Form von nichtemotionalem Spiel sowie der
belanglose Klatsch, der etwas individueller und spontaner gestaltet wird als
das Zeremoniell. Ein bestimmtes „Wir-Gefühl“ kann dadurch entstehen, ohne
dass eine tiefere Bindung eingegangen werden muss. Dies ist die alltägliche
Form der Kommunikation, bei der es darum geht, Sachverhalte,
Selbstaussagen, Aussagen zur Beziehung und Appelle zu verbreiten.
4. Unsere Arbeit trägt etwas zu der Gestaltung unserer Welt bei. Durch sie
hinterlassen
wir gezielt eine
persönliche
Spur. Historische
und
217/470
zeitgenössische Prominente sind uns meist durch ihr Werk bekannt, und auch
wir suchen die Anerkennung der Gesellschaft durch unser Tun. Durch die
rationale Wahrung unserer Vorteile mittels Taktik und Strategie sichern wir
unseren Anteil am gesellschaftlichen Leben. Schon beim klassischen Teilen
eines Kuchens, bei dem einer teilt, und der andere aussucht, zeigt sich der
Wunsch nach einem gerechten Miteinander.
5. Besonders interessant sind die Psychospiele. Sie erlauben uns, unsere
Mitmenschen direkt zu beeinflussen. Es gibt viele verschiedene Arten von
Spielen. Bei einer Variante wird versucht, einen anderen Menschen „in
flagranti“ zu ertappen („Hab‘ Dich erwischt!“), eine andere besteht aus
schulmeisterlicher Belehrung („Ich bin klüger als Du!“). Eine Dritte ist, in
Konkurrenz zu treten („Meines ist besser als Deines“). Alle aufzuzählen wäre
schwierig, aber auch unsinnig, denn fast die Hälfte aller Gespräche basiert
auf diesen Spielchen. Sie sind auch ein Bestandteil unserer Unterhaltungen,
bei der es nicht selten um Dritte geht, über die wir urteilen und lästern. Ob
wir nun konkurrieren oder intrigieren, das Ziel ist immer zu verfolgen, zu
retten, zu glänzen oder sich zu opfern.
6. Ferner ist der Einklang zu erwähnen, das intensivste Gefühl, das uns mit
einem anderen Menschen verbindet. Oft dauert es nur einen Moment, aber
dennoch sehnen wir uns alle danach, für einen Augenblick auf exakt
derselben Wellenlänge mit einem uns nahestehenden Menschen zu liegen.
Während intensiver Gespräche finden wir diese Form der Verbundenheit
ebenso vor, wie bei sexuellem Körperkontakt. Doch es gibt auch viele
Menschen, die dieses Gefühl zeitlebens nicht erfahren.
7. In der Prüfung treffen zwei oder mehr Personen aufeinander, die nicht auf
derselben Ebene stehen. Anders als in der Unterhaltung kann hier kaum eine
entspannte Atmosphäre herrschen, denn es wird unsere Leistung gemessen.
Kolloquien, Konferenzen, Vorträge und Vorstellungsgespräche gehören in
diese Kategorie, in der es nicht selten zu Machtspielen und Schikanen
kommt, weil der Prüfer seine momentane Überlegenheit auskosten möchte.
Unser soziales Leben ist immer ein Geben und Nehmen, und es muss
kontinuierlich stattfinden, um uns wirklich zu erfüllen. Das ganze Jahr über hart
zu arbeiten, und dann im Urlaub Kontakte knüpfen zu wollen, kann nicht
funktionieren. Es verhält sich wie beim Schlafen oder Essen; die richtige Dosis,
in den richtigen Anteilen, zur richtigen Zeit; das ist das ganze Geheimnis.
Anders als bei Partnerschaften gestaltet sich die Suche nach Freunden meist
weniger verbissen, und ist daher auch erfolgreicher. Zumindest kann die
Mehrzahl der Menschen eine Person vorweisen, die sie als „Freund“ bezeichnen
würde. Aber ist Freund gleich Freund oder gibt es Unterschiede? Natürlich gibt es
die, das weiß jeder, der mehrere Freunde hat. Aber wie lässt sich ein wenig
zwischen ihnen vergleichen?
1) Das soziale Orbitalmodell
Freunde sind, genauso wie Partner, bevorzugt gleichgesinnt oder gegensätzlich.
Das gewährleistet nicht nur die momentane Kongruenz, sondern verhindert
auch, dass man sich schnell auseinanderlebt.
Interessant ist für uns aber vor allem die Güte von Freundschaften, also wie
viele Freunde welcher Kategorie wir in unser soziales Leben integrieren können.
Ich möchte dies als „soziales Orbitalmodell“ bezeichnen, anhand dessen wir in
218/470
etwa einschätzen können, wie unsere soziale Situation derzeit ist oder zu einer
vergangenen Zeit war.
Bei dem Begriff „Orbitalmodell“ erinnern sich sicherlich manche von Ihnen an
Ihre Schulzeit, genauer gesagt an das Fach Chemie. Niels Bohr beschrieb das
Modell eines Atoms, mit seinem Kern in der Mitte und den Elektronen, die ihn
auf gewissen, relativ festen Bahnen umkreisen.
Natürlich wissen die wissenschaftlich versierten Leser unter Ihnen, dass das
klassische Atommodell nach Bohr längst als veraltet angesehen wird und einem
präziseren Modell Platz gemacht hat, das Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
zugrunde liegt.
Auch das „soziale Orbitalmodell“, das ich nun erläutern möchte, ist nur als erste
Näherung zu verstehen. Denn wir können keine strikten Bereiche ziehen oder
allgemeingültig definieren, was ein „bester Freund“ ist. Eine solche Bezeichnung
ist immer subjektiv und kann von Person zu Person stark variieren. Eine
absolute Bewertung und Korrelation ist also unmöglich.
Sehr wohl können wir aber feststellen, warum wir jemanden zu einer
bestimmten Zeit als besten Freund bezeichnen. Wenn schon nicht ihm
gegenüber, dann zumindest in unseren Gefühlen und Gedanken. Und wir können
ihn in ein Bezugsystem einordnen, das ihn relativ zu unserer bisherigen
Erfahrung betrachtet. Das soziale Orbitalmodell ist als Momentaufnahme zu
verstehen, weil es uns klarmacht, wie unsere konkrete, soziale Lage zu einem
bestimmten Zeitpunkt aussieht oder aussah.
Da ich keinen Anspruch auf Akkuratesse anmelde, verzeihen Sie mir hoffentlich,
dass solche Gedankenmodelle auch manchmal kleinere Fehler aufweisen, oder
nicht universell sind. Das Prinzip dahinter funktioniert, und darauf kommt es
schließlich an! Ich persönlich finde auch vereinfachte Modelle gut, solange sie
das Prinzip, das dahintersteckt, veranschaulichen können. Und ein Bild sagt
bekanntlich mehr, als tausend Worte.
Wie lässt sich nun das Atommodell auf unsere soziale Konstellation übertragen?
Nehmen wir an, Sie sind der „Atomkern“, also der Mittelpunkt des Geschehens,
und wir betrachten Ihr Umfeld. Was sehen wir? Viele „Elektronen“, die Sie mehr
oder weniger entfernt umkreisen, also Personen, die Ihnen mehr oder weniger
nahestehen.
Anders als bei einer Partnerschaft besteht bei Freundschaften und
Bekanntschaften die Möglichkeit, dass mehrere Menschen zur selben Zeit
dazugehören. Doch nicht jeder Mensch, den wir kennen, ist gleich ein Freund.
Die Güteklasse der einzelnen sozialen Kontakte ist sehr variabel. Unter der
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Voraussetzung, dass wir harmonisch und stabil leben möchten, lässt sich sagen,
wie viele Bekanntschaften, welcher Art, wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens
maximal haben können:
• Einen Partner.
• Einen besten Freund, ob vom selben oder anderen Geschlecht.
Beide sind uns in der Hierarchie am nächsten, und von ihrer Bedeutung nahezu
gleichwertig. Zumindest, wenn wir sie vergleichbar lange kennen, und sie ihre
Bezeichnungen auch verdienen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der beste
Freund, den wir haben, nicht zwangsläufig ein bester Freund ist! Darauf komme
ich noch genauer zu sprechen. Was aber sofort einleuchtet ist, dass es per
definitionem nur einen besten Freund und einen Partner geben kann.
Wo sind dann aber die diversen Geliebten und Liebhaber? Affären bringen das
System aus dem Gleichgewicht! Wer nicht völlig gewissenlos ist, der wird
spüren, dass bei solchen Experimenten sein ganzes soziales Gefüge ins Wanken
gerät.
Es gibt für ihn dann nur zwei stabilisierende Möglichkeiten: Entweder der
bisherige Partner oder das Verhältnis nimmt die Position des „Partners“ ein. Der
andere rückt dann unweigerlich weiter von seinem Herzen weg. Zugegeben, es
gibt in der Realität viele „hängende Zustände“, in denen sich ein Mensch
langfristig nicht zwischen zwei Kandidaten entscheiden kann. Aber wir können
getrost davon ausgehen, dass diese Menschen alles andere als stabil und
glücklich sind.
Die wenigen Personen, die stabile polygame Partnerschaften führen, empfinden
für ihre Partner nicht viel. Bei ihnen ist der Platz eines Partners überhaupt nicht
vergeben, selbst wenn sie sexuelle Kontakte zu einem Dutzend Personen pflegen
würden. Deswegen fühlen sich solche Menschen auch trotz allem sehr einsam.
Auch in monogamen Beziehungen kann es zu Problemen kommen. Denn wenn
unser bester Freund dem anderen Geschlecht angehört, sollten wir einen kleinen
Unterschied in der Rangordnung machen, sozusagen einen „Korrekturfaktor“
einführen. Dieser ist nötig, damit unser Partner nicht eifersüchtig auf ihn wird.
Zwar besteht im Gegensatz zum besten Freund, beim Partner auch eine sexuelle
Komponente, aber es ist dennoch sinnvoll, offensichtlichere Symbole
einzuführen. Auch wenn beide theoretisch gleichwertig sind, und der beste
Freund niemals schlechter behandelt werden sollte als unser Partner, ist es in
der Praxis von Vorteil, den Partner ein Quäntchen häufiger, mehr und intensiver
zu erfreuen.
Bewegen wir uns im Modell weiter nach außen. Mit unseren engsten Vertrauten
fängt es ja schließlich erst an. Wir können zusätzlich noch weitere Bindungen
eingehen, wobei die von mir angegebene Werte noch immer als Schätzung der
maximalen Anzahl zu verstehen sind.
• Es gelingt uns, fünf sehr gute oder gute Freunde in unser Leben zu
integrieren, wobei nicht alle davon gleichwertig sein müssen.
• Ferner können zehn uns vertraute Menschen, also einfache Freunde,
ehemalige Partner oder einstmals gute oder beste Freunde darin Platz finden.
Letztere kennen wir gut und hegen noch immer Sympathie für sie, nur eben
weniger als früher.
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Hier verläuft eine Grenze, denn alles unterhalb dieser Vertrauensbasis sollten wir
nicht mehr als Freundschaften bezeichnen. Der Begriff des „Freundes“ wird
genauso oft missbraucht, wie das Wort „Liebe“ oder „Freiheit“. Das ist aber sehr
schade, da wirkliche Freunde schwer zu finden sind, und es Bekannte hingegen
allerorts und zahlreich gibt.
• So können wir rund 25 gute Bekanntschaften pflegen, also Menschen, von
denen wir zumindest einige Details kennen, zum Teil auch über andere
Quellen. Ein guter Bekannter kann zum Beispiel unser Schwager sein,
bestimmte Berufskollegen oder unsere Nachbarn.
Ich habe übrigens bewusst vermieden, Familienangehörige als Beispiele
anzuführen. Denn es gibt Menschen, die lieben ihre Geschwister und andere, die
können sie nicht ausstehen. Wie wir unsere Verwandtschaft einzuordnen haben,
muss jeder für sich selbst entscheiden. Auch wie die eigenen Kinder zu bewerten
sind, muss individuell entschieden werden.
• Zuletzt gibt es noch rund 100 bis 250 Menschen, deren Namen wir von
irgendwoher kennen, die wir unserem Verein zuordnen oder sagen können, in
welcher Branche sie arbeiten. Aber richtig etwas über diese Bekannten zu
wissen können wir wiederum auch nicht behaupten.
• Der Rest sind fremde Menschen, denen wir relativ gleichgültig
gegenüberstehen. Auch das muss erwähnt werden, denn es erklärt unsere
Gleichgültigkeit gegenüber vielen Schicksalen.
Wer Kontrahenten hat, muss entscheiden, wie gut er sie kennt, und sie
dahingehend einordnen. Ein Intimfeind kann uns so nahestehen wie ein bester
Freund, was bedeutet, dass dieser Platz zur selben Zeit nicht auch noch
vergeben werden kann.
2) Die Realität
Es gibt Bücher, in denen die Autoren an solchen Stellen schreiben: „Nehmen Sie
sich Stift und Papier zur Hand, und beschreiben Sie jede Person, die sie kennen!“
Ich denke, solche Faxen lassen wir lieber. Aber ein wenig nachdenken sollten wir
schon, wie es in unserem sozialen Gefüge aussieht.
Unsere tatsächliche Situation ist nämlich häufig deutlich magerer, als die
potentiell Erreichbare. Wer hat schon zugleich einen Partner, einen besten
Freund und fünf gute bis sehr gute Freunde? Sie etwa? Also wenn das so ist,
dann legen Sie dieses Buch beiseite, denn Sie brauchen es nicht!
In den wenigsten Fällen mangelt es jemandem an Bekanntschaften. Auch ein
oder zwei vertraute Menschen können wir vielleicht verbuchen. Wir wissen
einiges über sie, was sie gerne essen, wie sie wohnen und sich kleiden, ob sie
momentan eine Beziehung haben und welchen Beruf sie ausüben. Ferner ist uns
bekannt, welchen Partnertyp sie bevorzugen, und dass sie diese oder jene
Krankheit hatten.
Sie aber wirklich zu kennen können wir nicht behaupten. Was sind ihre
Schwächen und Ängste? Sind sie ausschließlich so, wie wir sie kennen? Wir
haben unsere Vermutungen, aber darüber geredet haben wir mit ihnen noch
nicht; und falls doch, dann mit einem distanzierten Gefühl.
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Viele Bekanntschaften zu haben vermittelt uns eine Illusion von Zugehörigkeit
und Beliebtheit. Wir fühlen uns sicher in ihrer Gesellschaft und glauben
jemanden zu kennen, der zur Not für uns da ist. In Anspruch genommen haben
wir diese Option zwar bislang nicht, aber wir sind fest davon überzeugt, dass uns
diese Menschen beistehen würden, wenn es darauf ankommt. Das heißt, wir
wollen es auch lieber gar nicht so genau wissen. Allein die Illusion, jemand
würde uns zu jeder Zeit helfen, ist schon etwas wert.
Vor allem die besten, sehr guten und guten Freunde sind schwer zu finden.
Häufig sogar schwerer als ein Partner, sofern wir an diesen keine beste
Freundschaft als Voraussetzung knüpfen. Ein Partner ist nicht in allen
Beziehungsformen soviel wert wie ein bester Freund; weshalb die Kriterien dann
auch weniger streng für die Partnersuche sind.
Der Vollständigkeit und Klarheit halber muss für den Fall, dass unser Partner
gleichzeitig unser bester Freund ist, erwähnt werden, dass es dann trotzdem
noch möglich ist einen weiteren „besten Freund“ zu haben. Es ist schon richtig,
dass es definitionsgemäß nur einen besten Freund geben kann, aber es gibt zwei
gleichwertige Positionen, direkt in unserer Seelennähe, sozusagen links und
rechts von unserem Herzen. Es ist nur nicht möglich, zwei beste Freunde zu
haben, von denen keiner unser Partner ist.
Auf jeden Fall ist die Art der Freundschaften den verschiedenen Leitgedanken für
eine Partnerschaft ähnlich. Man kann unterscheiden zwischen sechs
verschiedenen Typen:
1. Die asymmetrische Freundschaft. Ein Freund dominiert den anderen und nützt
ihn schamlos aus. Dieser wird für gemeinsame Aktionen eingespannt, hat
aber seinerseits wenig Rechte. Er ist immer nur dann gut, wenn sein Freund
etwas von ihm will. Diese Variante kennen wir spätestens seit Don Quichotte
und seinem Kompagnon Sancho Pansa. Manche besten Freundinnen kleiden
sich absichtlich sehr ähnlich, um zu vermeiden, dass es eine solche
Ungleichheit im „Kampf“ ums andere Geschlecht gibt. Eine Freundschaft, bei
der eine der beiden alle Blicke erntet, während die andere ignoriert wird, gibt
es zwar, wird aber ungern eingegangen, da sie instabil ist.
2. Die simulierte Freundschaft ist ein Prototyp, den wir vor allem in unserer
Kindheit schätzen. Unsere sozialen Fähigkeiten werden getestet, und der
angebliche Freund ist in Wirklichkeit nur ein Versuchskaninchen. Dieses
Beziehungsverhältnis kann maximal das Niveau einer einfachen Freundschaft
erreichen. Es kommt auch im späteren Leben durchaus vor, dass ein Mensch
sein Selbstwertgefühl dadurch verbessern möchte, indem er in Kontakt zu
anderen Personen tritt. Manche überbrücken mit dieser Art von Freundschaft
auch die Zeit zwischen zwei Partnerschaften und lassen den anderen sofort
fallen, sobald ein neuer Partner gefunden ist.
3. Die selbstlose Freundschaft. „Ohne mich wäre der andere doch ganz allein!“
Das ist der Grund, weshalb manche aus „Mitleid“ ihre Zeit mit jemand
anderem verbringen, ihm aber eine Freundschaft lediglich vorgaukeln. Vor
allem Außenseiter und sozial benachteiligte Menschen haben oft Freunde
dieser Art, die glauben, ihnen einen Gefallen damit zu tun. Doch diese falsch
verstandene Hilfe wertet die Getäuschten noch zusätzlich ab, und verhindert,
dass sie nach echten Freunden Ausschau halten.
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4. Die Vernunftfreundschaft ist vor allem unter Männern oft zu finden. Nicht
Zuneigung, sondern die Kongruenz der Interessen bilden die Grundlage für
eine solche Bindung. Wir mögen den anderen, weil er so ist, wie wir selbst.
Oder direkter gesagt: Der andere nervt uns nicht! Manche Menschen hassen
zu viel Intimität. Ein Vernunftfreund kommt uns nicht zu nahe; allerdings ist
es dann auch meist schwieriger, die Freundschaft zu vertiefen.
5. Die kameradschaftliche Freundschaft ist der „freundschaftlichen Partnerschaft“
ähnlich. Der Sinn des Ganzen ist, Freunde zu sein, um des anderen, und um
der Freundschaft willen. Sich also gegenseitig zu schätzen und zu mögen, und
sich an der Anteilnahme des anderen zu erfreuen. Nicht „Gründe“ oder
„Vorteile“ sind die Basis, sondern Kameradschaft, Brüderlichkeit und
emotionale Eintracht.
6. Selbst eine verträumte Freundschaft existiert gelegentlich. Vor allem Kinder
äußern ihre Schwüre, dass sie „immer Freunde bleiben“ wollen. Der Traum
von „Musketier“, der für seine Kameraden da ist, verleitet sie dazu. Auch der
Übergangszustand von einer Freundschaft zu einem sexuellen Verhältnis ist
manchmal dieser Natur. Stabil sind solche Freundschaften selten, da
Emotionen und Fakten nicht getrennt werden.
Normalerweise kann ein und dieselbe Person gleichzeitig mehrere
Freundschaften auf verschiedene Arten pflegen. Also zur selben Zeit einen
Freund ausnutzen, einen sehr gerne haben, und einen Dritten aus Vernunft in
Reserve behalten.
Zudem kann sich der Umgang mit den Freunden, von dem mit dem Partner
gewaltig unterscheiden. Wer bei seinen Freunden ein rücksichtsvoller und
humorvoller Charmeur ist, kann daheim einen kleinlichen und eifersüchtigen
Tyrannen abgeben. Das liegt an der in einer Freundschaft vorherrschenden
größeren emotionalen Distanz, die selbst noch bei besten Freunden auftreten
kann. Je weniger Reibungsfläche es gibt, desto weniger Aggression kann auch
entstehen.
3) Soziale Armut
Was aber, wenn wir gar keine richtigen Freunde haben? Einsamkeit zu verspüren
ist ein erdrückender Zustand. Soziale Armut äußert sich nicht zuletzt auch darin,
dass durch den Mangel an Kontakten und intensiven Gesprächen, eine innere
Isolation und in Folge Deprivation entsteht.
Die Gefühle bleiben in unserer Seele stecken, denn sie finden keinen Weg
hinaus. Im Alltag kann man sie nur schwer zeigen, da der Kontakt zu den
meisten Mitmenschen oberflächlich ist. Das notwendige Vertrauen für
persönliche Gefühlsäußerungen ist nicht vorhanden und eine innere Leere macht
sich breit. Sie wechselt sich ab mit einer Fülle von Gefühlen, wie Angst und
Hoffnungslosigkeit, die aber niedergeschlagen und unterdrückt werden müssen.
Das schlimmste Gefühl kommt am Abend zu uns; wenn wir nach einem langen
Arbeitstag zurück nach Hause kommen, und alles unverändert vorfinden, so wie
es von uns am Morgen zurückgelassen wurde. Ohne gute Freundschaften
verläuft das Leben zu regelmäßig, denn es fehlen die Überraschungen, die die
nötige Abwechslung und Spannung hineinbringen. Einer Maschine gleich,
verrichten wir dann unsere Arbeit, doch weder das Lob noch die Kritik wichtiger
Menschen bereichert unseren Tagesablauf.
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„Wer nicht geliebt wird, ist überall und mitten unter allen einsam.“ (George
Sand)
Besonders in einer großen Stadt oder einem größeren Gebäude fühlen wir uns
hilflos, schwach und verloren. Die ungeschriebenen Gesetze des „SichAnnäherns“ verbieten uns eine impulsive Kontaktaufnahme. Wir warten immer,
bis sich eine „günstige Gelegenheit“ dazu bietet, beispielsweise, wenn in der
Straßenbahn jemand ein Buch liest, das wir kennen, und wir ihn darauf
ansprechen können. Aber das kommt sehr selten vor.
Ich denke, wir sollten Freunde in unser Leben lassen, genauer gesagt, ihnen
bessere Chancen einräumen, zu uns zu finden. Meist sind es nämlich wir selbst,
die neue Kontakte meiden, aus Angst vor Zurückweisung und Enttäuschung.
Doch ganz gleich, welche schlechten Erfahrungen wir schon mit ehemaligen
Freunden gemacht haben: Jeder Mensch ist anders und verdient eine Chance.
Natürlich sollten wir aus alten Fehlern lernen, aber neue Freundschaften bereits
im Vorfeld zu verunmöglichen ist keine kluge Strategie. Zuviel Vorsicht ist
bereits Misstrauen, und als solches ein „Burggraben“, der zwischen uns und
anderen Menschen verläuft. Wieder gilt es, die Gratwanderung zwischen
Verschlossenheit und Naivität zu meistern.
Freundschaft ist keine marktwirtschaftliche Angelegenheit, bei der es um
Angebot und Nachfrage geht. Selbst wenn die Nachfrage nach unserer Person
momentan gering ist, und wir nur sehr wenige Freunde haben, sollten wir uns
nicht unter Wert verkaufen. Es hätte auf längere Sicht keinen Sinn,
Freundschaften mit Personen einzugehen, die nicht zu uns passen oder gar Gift
für uns sind. Je mehr wir uns verleugnen, unsere Art verfremden oder uns
verstecken müssen, desto größer wird unsere Unzufriedenheit mit der Zeit.
Letztendlich verlieren wir dann irgendwann unsere Zuversicht, denn inmitten
vieler (vermeintlicher) Freunde einsam zu sein, ist ein wirklich hartes Los.
Selbstzweifel, ob man zu anspruchsvoll oder undankbar ist, lösen sich mit dem
Selbstmitleid, dass man immer Pech hat, ab. Geduld ist eine Prüfung, die uns
das Leben immer wieder stellt; auch auf der Suche nach echten Freunden.
4) Freundessuche
Das Wort „Freundessuche“ ist nicht so gebräuchlich, wie das der „Partnersuche“.
Ich habe auch noch nie von einer „Freundesagentur“ gehört, die uns
Freundschaften vermittelt. Auch in den Annoncen der Zeitungen finden sich fast
ausschließlich Gesuche nach Partnerschaften. Einige Ausnahmen gibt es, bei
denen beispielsweise Brieffreunde und Reisebegleitungen gesucht werden, aber
das Gros sucht ausschließlich nach einer Liebesbeziehung.
Haben wir denn alle genügend Freunde? Dann brauche ich ja gar nicht mehr
weiterzuschreiben. Doch halt, ich habe auf der anderen Seite auch noch nie
gehört, dass jemand sagte, er habe zu viele Freunde!
Vermutlich sucht nur niemand so dringend nach Freunden wie nach einem
Partner. Ob das an der sexuellen Komponente liegt, oder an der sozialen, weiß
ich nicht. Jedenfalls fragt uns niemand, ob wir denn einen besten Freund hätten,
sondern immer nur nach unserem Partner. Freunde scheinen irgendwie
„selbstverständlicher“ zu sein, zumindest theoretisch, denn wo können wir sie
denn finden?
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Sie in der Disco ausfindig zu machen, oder von einer Party zur anderen zu
ziehen, um Kontakt zu bekommen, erscheint auch hier recht aussichtslos. Zwar
lernt man viele Menschen kennen, aber durch das Zufallsprinzip, sowie „Versuch
und Irrtum“ kann man kaum an richtige Freunde geraten.
Eigentlich verhält es sich ähnlich wie bei der Partnersuche. Finden können wir
Freunde nur, wenn wir sie nicht suchen. Auch hier gelten die gleichen
Voraussetzungen; auf einen Satz reduziert könnte man sagen: Um einen guten
Freund zu bekommen, muss man selbst einer sein!
II. Das Konzept für eine echte Freundschaft
Was heißt denn überhaupt „echter“ oder „guter“ Freund? Es gibt Menschen, die
bezeichnen all ihre Bekannten als „Freunde" und befördern irgendwelche xbeliebigen Personen zu „guten“ Freunden, nur um vor sich selbst besser
dazustehen.
Das dürfen sie auch gerne weiterhin tun, aber mit so einem billigen Trick
kommen wir nicht weiter. Wir wissen sehr genau, für wen wir wie viel
empfinden. Sich diesbezüglich etwas einzureden oder vorzumachen, wäre
einfach nur lächerlich. Es empfiehlt sich, dass wir ehrlich zu uns sind, und den
Begriff der Freundschaft nicht inflationär gebrauchen. Welche Voraussetzungen
gibt es denn nun dafür, damit wir wirklich einen echten Freund gewinnen
können?
• Er muss zunächst einmal existieren. Das klingt trivial, ist aber gemäß der
Wahrscheinlichkeit, um so fraglicher, je größer unsere Ansprüche an diesen
hypothetischen Freund sind. Zum Glück ist aber, wie bei der Partnerschaft
auch, nicht die Stochastik für einen Erfolg entscheidend. Analog dazu müssen
wir unsere Ansprüche überdenken und Prioritäten setzen. Welche
Eigenschaften sind unverzichtbar, welche absolut nicht zu tolerieren. Wer
hohe Ansprüche hat, muss akzeptieren, dass die Ausbeute an echten
Freunden auch gering ausfällt. Dafür fischt er nur nach den dicksten Brocken
und wirft die Winzlinge wieder ins Wasser. Letztendlich muss jeder selbst
entscheiden, welche Vorgehensweise er bevorzugt und auch die Resultate
ertragen können. Interessanterweise gehen uns aber wieder genau diejenigen
Fische ins Netz, für die wir Köder ausgeworfen haben. Wer sich mit wenig
zufriedengeben würde, bekommt auch nur wenig!
• Damit wir den potentiellen Freund überhaupt kennenlernen können, muss er
sich in unserer Nähe aufhalten, sich also in unserem beruflichen Umfeld,
unserem Hobbybereich oder innerhalb des Bekanntenkreises befinden. So
gesehen ist eine gewisse Geselligkeit unsererseits durchaus von Vorteil;
allerdings kommt es mehr auf die Qualität unserer Fischgründe an, als um die
bloße Anzahl unserer Aktivitäten.
• Unser potentieller Freund muss uns interessant finden, sich öffnen können, es
wollen und auch tun. Darauf können wir nur indirekt Einfluss nehmen, indem
wir selbst interessant sind, und auf verschiedenen Ebenen kommunizieren
können.
• Auch wir müssen es schrittweise riskieren, ihm zu vertrauen. Das fällt uns um
so leichter, je besser unsere bisherigen Erfahrungen waren. Wer einmal auf
dem richtigen Weg war, der muss sich schon dumm anstellen, um wieder
davon abzukommen.
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In allen sozialen Kontakten, aber vor allem bei Freundschaften sollte uns die
Qualität wichtiger als die Quantität sein. Viele Bekannte zu haben, scheint auf
den ersten Blick sehr zufriedenstellend zu wirken. Bekannt zu sein wie ein
„bunter Hund“ und überall gern gesehen zu werden, erleichtert das Leben
ungemein. Doch näher betrachtet stellt sich die Frage, welcher dieser Bekannten
uns nur aufgrund irgendeiner Eigenschaft oder eines Besitzes mag.
Viele Freunde zu haben schließt natürlich nicht aus, dass sich unter ihnen auch
einige gute befinden. Aber kaum einer hat die Zeit, um mehr als fünf Menschen
die volle Aufmerksamkeit zu widmen, ohne dass die anderen darunter zu leiden
hätten. Also vergeudet man seine Zeit besser nicht mit der Pflege wertloser
Kontakte.
1) Beste und gute Freunde
Anders als bei Kinderfreundschaften genügt es uns im Erwachsenenalter meist
nicht mehr, dass der andere lediglich unsere Interessen teilt. Jemand der unser
Hobby ebenfalls zur Leidenschaft hat, ist zwar prädestiniert für unsere
Sympathie, aber immer noch weit davon entfernt, ein Freund zu sein.
Vor allem der Begriff „bester Freund“ sollte nicht leichtfertig vergeben werden.
Es muss schon ein hohes Maß an Übereinstimmung und Seelenverwandtschaft
vorliegen, damit der beste „gute Freund“, das Prädikat „bester Freund“ verdient.
Sehr gute und beste Freunde müssen allen folgenden Kriterien entsprechen, in
denen es keine Kompromisse geben kann:
• Loyalität, das bedeutet auch, Autonomie in Bezug auf unseren Partner. Ein
bester Freund darf sich nicht direkt in unsere Beziehung einmischen. Das hat
den Sinn, dass wir uns mit Beziehungsproblemen an den besten Freund
wenden können und vice versa. Würden wir beide Beziehungen nicht trennen,
wäre die Objektivität unserer Gesprächspartner verloren. Außerdem wären
dadurch zwei der vier Standbeine unseres sozialen Lebens auf gefährliche
Weise miteinander verknüpft. Das ist sehr leichtsinnig, nicht zuletzt deshalb,
weil das Ganze eine unvorhersehbare Eigendynamik entwickeln kann. Wenn
uns beispielsweise der beste Freund den Partner ausspannt sind wir selbst
daran schuld. Man gießt ja auch nicht Wein und Kaffee in dieselbe Kanne und
wundert sich dann, dass die Mischung zweier Köstlichkeiten, eklig schmeckt.
Das klingt zunächst besitzergreifend, denn natürlich gibt es „Freunde der
Familie“, und unser Partner darf reden, mit wem er möchte. Aber es lässt sich
viel Unglück vermeiden, wenn man von Anfang an weiß, welche
Lebensbereiche man zu trennen hat. Schließlich können sich die beiden auch
andere Freunde suchen, und müssen ja nicht gerade miteinander
korrespondieren. Wohlgemerkt gilt diese Regel nur für sehr gute oder beste
Freunde, und nicht für einfache! Seinen gesamten Freundeskreis sollte
niemand vom Partner trennen, denn dann ergäben sich wiederum andere
Schwierigkeiten.
• Gegenseitiges Vertrauen setzt völlige Transparenz und Ehrlichkeit voraus, die
sich im Laufe der Zeit entwickeln, muss Gute Freunde fallen nicht vom
Himmel. Auch sie treten zu Beginn als Fremde in unser Leben und gewinnen
erst mit der Zeit unser Vertrauen. Das heißt, sie müssen es sich verdienen,
und wir genauso. Wie wir am ersten Punkt sehen können, gibt es aber einen
Unterschied zwischen Vertrauen und Naivität. Ein kluger Mensch weiß auch,
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•
•
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über welche Themen er besser nicht spricht und welche Handlungen er
unterlassen sollte.
Bedingungslose Hilfsbereitschaft. Wenn uns etwas fehlt, dann müssen gute
Freunde helfen. Wenn sie erst lange herumdebattieren, dann sind sie keine
echten Freunde. Ausreden findet jeder, wenn er will.
Aufrichtiges Interesse an unserer Person und Zuneigung sollten
selbstverständlich sein, auch wenn man sie nicht einfordern kann.
Sachkenntnis unserer sozialen, familiären, beruflichen und emotionalen Lage.
Ein guter, sehr guter oder bester Freund kennt uns und unseren Lebenslauf.
Damit das so ist, heißt das aber auch, dass wir ihm offen und ungefragt alles
Notwendige erzählen müssen. Wer kein Vertrauen schenkt, bekommt auch
keinen besten Freund.
Kompetenz in der Beurteilung von Situationen. Ein sehr guter oder bester
Freund muss in unserem Sinne entscheiden können, wenn wir die Übersicht
verlieren oder unsicher sind. Diese Eigenschaft lässt sich jedoch erst nach
einiger Zeit sicher beurteilen.
Zeit für gemeinsame Aktivitäten und Korrespondenz. Es wäre schade, einen
besten Freund auf der anderen Seite der Welt zu haben. Doch wenn dem so
ist, darf der Kontakt trotzdem nicht einschlafen. Wenn ein Freund wegzieht,
sollte unser Herz in seinem Gepäck liegen!
Einfühlungsvermögen und Verständnis für unsere Ansichten und Probleme. Ein
guter Freund muss nicht alles gutheißen, was wir tun. Er ist auch unser
„Advocatus Diaboli“, ein „Anwalt des Teufels“, der uns kritisieren darf. Aber er
wäre kein echter Freund, wenn er unsere Motive und Interpretationen nicht
auch mit unseren Augen sehen könnte.
Respekt gegenüber unseren Einstellungen und Direktiven. Er muss unsere
Ansichten nicht teilen, sollte sie aber respektieren können.
Initiative, wenn diese vonnöten ist. Ein Freund darf uns auch manchmal zu
unserem Glück zwingen, sofern der nötige Respekt gewahrt bleibt. Dieser
Punkt ist heikel und sollte ruhig schon mal vorab geklärt werden, denn man
weiß ja nie, wie der andere reagieren würde, wenn wir am Boden liegen.
Klare Sache, es ist kein leichter „Job“ ein guter oder gar bester Freund zu sein.
Aber anders als Partnerschaften sind Freundschaften aus zweierlei Gründen
stabiler. Erstens ist die Loyalität auch dann noch gewährleistet, wenn wir
mehrere Freunde haben. Und zweitens kann eine Freundschaft auch leichter eine
„Trockenperiode“ überstehen. Es ist möglich, eine Freundschaft vorübergehend
zu reduzieren, und in eine entferntere Position (im Orbitalmodell) zu stecken.
Da eine Partnerschaft nur auf einer Ebene existieren kann, wäre eine
Reduzierung hier nicht schadenfrei machbar. Strapazieren wir sie gar so, dass
das Gefühl der Verbundenheit und Liebe reißt, dann ist sie unwiderruflich
gescheitert. Eine Freundschaft lässt sich jedoch, im gegenseitigen
Einverständnis, für einige Zeit „auf Eis“ legen, und bei Bedarf wieder auftauen.
Das muss nur vorher vereinbart werden.
Ansonsten überwiegen die Gemeinsamkeiten von einer besten Freundschaft und
einer Partnerschaft. Die körperliche Seite der Freundschaften fällt in der Regel
zwar gering aus, aber man kann bei einigen guten Freundinnen durchaus eine
gewisse Intimität beobachten.
2) Mitleidskontakte und echtes Mitgefühl
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Ich sprach bereits davon, dass manche Menschen eine Freundschaft eingehen,
weil ihnen eine Person leidtut. Doch auch in anderen Formen der Freundschaft
kommt es manchmal dazu, dass uns unsere Freunde leidtun, beispielsweise weil
ihnen etwas Schlimmes widerfahren ist.
„Freundschaft ist Gefühl und Verständnis füreinander, und Hilfsbereitschaft in
allen Lebenslagen.“ (Marcus Tullius Cicero)
Es ist richtig und wichtig, dass wir für Menschen, die uns viel bedeuten,
Mitgefühl entwickeln. Dennoch sollten wir dabei beachten, dass wir eine gewisse
Distanz zu ihnen beibehalten. Denn dies verhindert ein eigenes Abrutschen und
eine Hilflosigkeit von uns in der Position als Helfer.
Es ist zwar edel, aber auch töricht „mitzusterben“, denn dann verliert man selbst
den Überblick, und ist für den anderen keine echte Hilfe mehr. Sich völlig seinem
Kameraden zuzuwenden, und sich dessen Problem zu widmen, kennzeichnet
einen guten Freund; eine gewisse Distanz zu bewahren, macht den guten Freund
zudem noch weise.
Wenn unser Freund auf einem See ins Eis einbricht, hilft es ihm wenig, wenn wir
kopflos zu ihm eilen, und ebenfalls den Halt verlieren. Emotionalen Abstand zu
einer Person zu halten, und sich dennoch intensiv einfühlen zu können, ist eine
Gratwanderung. Aber ohne diese Maßnahmen hätte unsere Freundschaft nur
ideellen, nicht aber auch praktischen Wert. Wenn wir unserem Freund nicht aus
seiner Not heraushelfen können, dann müssen wir ihm zumindest in seiner Not
helfen.
Es ist, wie gesagt, unsere Pflicht als Freund zu helfen, wenn wir es für
angebracht halten, also nicht unbedingt erst dann, wenn wir darum gebeten
werden. Bei aller Einmischung gibt es natürlich wieder ein zu viel des Guten;
dann nämlich, wenn daraus Entmündigung entsteht. Wer versucht, seine
Freunde an sich anzupassen, wird sie dabei verlieren. Denn er veranlasst sie
dazu, auf ihrem Lebensweg stehenzubleiben, was sie eines Tages unattraktiv für
andere Menschen, also auch für ihn, werden lässt
Es ist immer besser, selbst dazuzulernen, anstatt andere verbessern zu wollen.
Bei eventuellen Problemen oder Unsicherheiten sollten wir, wie immer, die
direkte Aussprache einleiten. Es gelingt einem Einzelnen vielleicht nicht, die Welt
zu verbessern, aber es hilft oft schon, die Welt seiner Freunde zu verschönern.
Und das erreicht man, indem man ihnen ein Vorbild ist, und ihnen bei ihren
Schwächen und Fehlern hilft. Unsere Freunde verdienen Aufmerksamkeit und
Loyalität. Verschiedene Ansichten zu haben, hat Vorteile und Nachteile; am
besten, man diskutiert sie aus, und gewährt dem anderen ansonsten Autonomie.
3) Transformation von Freundschaften
Die Voraussetzungen für eine echte Freundschaft sind sehr hoch; doch
grundsätzlich lässt sie sich Freundschaft auf eine einfachere Formel bringen.
Freundschaftliche Gefühle entstehen niemals aus dem Nichts; es gibt prinzipiell
zwei verbindende Elemente zwischen zwei Individuen, von dem Gefühl der Liebe
einmal abgesehen:
1. Äußere Gemeinsamkeiten. Wenn ich zum Beispiel gerne in Kino gehe oder in
den Urlaub fahre, dann stellt sich eine Gemeinsamkeit durch diese Betätigung
ein. Kommt aber kein guter Film, und ist der nächste Urlaub noch weit
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entfernt, dann ist auch die Unterhaltung über diese Themen schnell
langweilig.
2. Innere Gemeinsamkeiten sind den Äußeren ähnlich, beschreiben aber
Einstellungen und keine Aktivitäten. Geteilte Vorlieben und Abneigungen, wie
gerne italienisch zu essen oder ungern frühmorgens aufzustehen, verbinden
uns mit anderen Menschen. Wenn wir eine Person kennenlernen, die mit uns
in unseren Ansichten übereinstimmt, ist sie uns augenblicklich sympathisch.
Ihr Verhalten löst ein verbindendes und bestätigendes Gefühl in uns aus.
Eine Freundschaft, die überwiegend auf äußeren Gemeinsamkeiten basiert, ist
instabil. Innerhalb kürzester Zeit können sich beide Beteiligten voneinander
entfremden oder lösen. Doch auch gemeinsame Ansichten können mit der Zeit
divergieren. Wer von uns hat jahrzehntelang dieselben Freunde?
Aus einem Fremden wird ein Bekannter. Nach einiger Zeit ist er „schleichend“ zu
einem unentbehrlichen Freund geworden. Dies bleibt er für einige Jahre, dann
zieht er sich vielleicht wieder zurück. Er ist uns noch genauso wichtig, aber die
Kluft zwischen uns wird zunehmend größer. Es ist nicht nötig ihn völlig zu
verlieren, wenn wir verstehen, dass wir fortan wieder nur Bekannte oder
einfache Freunde sein können.
Manchmal ist es leider nötig, eine Freundschaft zu degradieren, und sie in eine,
ihr angemessene Position zurückzustufen. Der einst beste Freund von damals
hat an Glanz verloren; der Kontakt ist seltener und weniger erfüllend geworden.
Weder die Korrespondenz, noch die freundschaftlichen Gefühle sind völlig im
Sand verlaufen, aber sie haben auf einem spürbar geringeren Niveau
haltgemacht. Wir sollten dann dringend eine Anpassung vornehmen, damit der
Soll-Wert nicht permanent zu hoch ist. Es gibt bekanntlich zwei Arten, um den
Ist-Wert und den Soll-Wert in Einklang zu bringen:
1. Wir senken den Soll-Wert, also unsere Erwartungen und Wertmaßstäbe
gegenüber unserem Freund. Dann wäre aber der Status eines echten
Freundes,
mit
all
seinen
Vorteilen
und
Rechten,
nicht
mehr
aufrechtzuerhalten. Beispielsweise müssten wir dann ihm zuliebe nicht mehr
alles stehen und liegen lassen, wenn er Hilfe benötigt, und ihm nicht mehr so
viel über uns erzählen.
2. Wir erhöhen den Ist-Wert, was in diesem Falle bedeuten würde, die Qualität
der Freundschaft zu erhöhen. Das ist natürlich immer der bessere Weg; doch
das ist unmöglich, wenn der andere nicht mitspielt.
Ergreifen wir keine der beiden Maßnahmen, dann können zwei negative Folgen
auftreten:
a) Der ehemals beste Freund erscheint uns nicht mehr als bester Freund, und
wir setzen das dann mit „gar kein Freund mehr“ gleich. Dann sind wir
natürlich laufend von ihm enttäuscht, und fühlen uns von ihm im Stich
gelassen. Eine endgültige Trennung wird somit auf lange Sicht
unausweichlich.
b) Wir geben ihm weiterhin soviel wie vorher, erhalten aber dafür im Gegenzug
weniger, als es von einem besten Freund zu erwarten wäre. Folglich fühlen
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wir uns dann permanent ausgenutzt, da das Gleichgewicht aus dem Lot
geraten ist.
Deswegen ist es sinnvoll, seine sozialen Kontakte als dynamisch zu betrachten
und regelmäßig neu zu beurteilen. Damit jemand ein „bester Freund“ genannt
werden darf, bedarf es unseres Gefühls und seiner Handlungen. Stimmt beides,
und passt es zu unserer Definition einer solchen Beziehung, dann bleibt alles
unverändert. Falls nicht, müssen wir regulieren, und ihn davon in Kenntnis
setzen, damit er die Chance erhält, seinen alten Status wiederzuerlangen.
Hieran
wird
sichtbar,
dass
auch
eine
Freundschaft
ein
mitunter
arbeitsaufwendiger Prozess ist. Wenn es irgendwie geht, sollten wir keinen
Menschen, den wir einst in unserem Herzen trugen, wieder in den Topf der
Fremden und uns gleichgültigen Menschen werfen. Das wäre einer solchen Art
der Verbundenheit nicht würdig. Viele Paare und Freunde, die sich trennen,
versprechen einander vollmundig, dass sie „Freunde bleiben“ würden, aber nur
die allerwenigsten halten sich dann auch daran.
4) Das Ende einer Freundschaft
Der Verlust von Freunden zeigt uns häufig erst, wie wichtig sie uns waren. Wenn
man sich auseinandergelebt hat, dann tut es immer weh. Mit dem Verlust eines
geliebten Menschen verlieren wir auch immer einen Teil von unserer
Persönlichkeit. Eine Partnerschaft stirbt, wenn die Liebe eines der Beteiligten
erlischt; doch was bringt wahre Freunde auseinander? Meist ist es einer, der vier
häufigsten Gründe:
1. Vertrauensmissbrauch, also der Verrat von Informationen an Dritte oder die
Ausnutzung von intimen Kenntnissen zu eigenen Zwecken.
2. Loyalitätsdefizite und Kompetenzengerangel. Ein Beispiel hierfür wäre eine
Frau, die zur selben Zeit einen männlichen besten Freund und einen Partner
hat. Wenn der Partner eifersüchtig ist, gerät die Frau zwischen die Fronten.
Sie muss entscheiden, wessen Interessen sie höher einstuft, und muss
zwischen den beiden lavieren. Meist wird eine Partnerschaft wertvoller
eingestuft, und der männliche Freund in puncto Loyalität enttäuscht.
3. Ein Auseinanderleben ist beim besten Willen nicht zu verhindern, muss aber
nicht zwangsläufig sofort zu einem Ende führen, wenn rechtzeitig eine
Transformation stattfindet.
4. Ein simpler Streit, also eine ungeklärte Meinungsverschiedenheit, ist der
überflüssigste Trennungsgrund, denn gute Kommunikation, die unter
Freunden eigentlich selbstverständlich sein sollte, hätte das Problem
verhindert.
Zwischenmenschliche Kontakte müssen wir pflegen und ständig auffrischen.
Werden zu viele Differenzen zugelassen, dann entspricht das dem Effekt, den
elektromagnetische Strahlung auf unser „Atommodell“ ausüben würde.
Das Elektron wird in eine höhere Schale geworfen, also weiter von uns entfernt,
oder gar völlig herausgeschleudert. Erst wenn die Reibung zwischen uns und
diesen Personen nachlässt, können wir in einen entspannten und
energieärmeren Zustand zurückkehren. Manchmal ist eine Trennung der Wege
unumgänglich, doch auch hierfür gibt es einen harmonischen, da würdigen Weg.
230/470
Geht eine Partnerschaft oder Freundschaft in Konkurs, so sollten wir sie
gemeinsam und für beide fair abwickeln, und sehen, ob nicht noch ausreichend
Fundament für eine losere Form der Beziehung vorhanden wäre. Dass diese
dann völlig neuen Regeln und Erwartungen unterworfen wäre, versteht sich von
selbst. Aber wenn das Interesse in beiden Beteiligten vorhanden ist, dann wird
genügend Engagement in die neue Art des Miteinanders gesteckt.
Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal deutlich darauf hinweisen, wie uns
das harmonische System behandelt. Wer ehemalige Partner oder Freunde
regelrecht „wegwirft“, und sich nicht gütlich und anständig von ihnen trennt, der
wird abgestraft, indem er keine neuen Partner, beziehungsweise Freunde finden
wird.
Jeder Mensch bekommt im Leben das, was er verdient! Das Leben bestraft oder
belohnt uns, je nachdem, wie wir die Prüfungen, die sich uns stellen, bestehen.
So gesehen hat es jeder selbst in der Hand, ob er Freunde auf seinem
Lebensweg vorfinden wird, oder nicht!
Es sollte also selbstverständlich für uns sein, dass eine gute Freundschaft ein
würdiges Ende verdient, an dem sich die Beteiligten noch einmal aussprechen,
und für den gemeinsam begangenen Abschnitt des Weges beieinander bedanken
sollten.
5) Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler
Eine besondere Zweierbeziehung, die weder eine freundschaftliche noch eine
partnerschaftliche Basis besitzen muss, ist die zwischen einem Lehrer und
seinem Schüler. Diese Form lässt sich nicht so recht einordnen, da sie quasi
modellunabhängig funktioniert. Ein Lehrer kann ein Partner, Freund oder
Familienmitglied sein, aber auch nichts dergleichen. Nicht nur in hierarchischen
Strukturen zeigt sich das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler als nonverbales
Bündnis; auch in der oben erwähnten Prüfungssituation spalten sich die Rollen
automatisch auf.
Es ist wieder ein Wechselspiel, der Dualismus, der uns auch in allen anderen
Lebensbereichen begegnet. Besonders wenn der Kenntnisstand zweier Personen
sehr unterschiedlich ist, ist dieses Verhältnis automatisch gegeben. Das eröffnet
dem Schüler zwei Möglichkeiten:
1. Er leugnet die Tatsache, dem anderen unterlegen zu sein, und zeigt einen
übertriebenen Stolz. Dann kann er nur das Wissen erwerben, das der Lehrer
von sich aus zutage fördert.
2. Er gesteht sich die Realität ein und stellt seinen Stolz hinter seine
Bestrebungen nach Wissenszuwachs. Dann kann eine fruchtbare,
wechselwirkende Basis entstehen. Eine Freundschaft könnte nicht allein auf
Bewunderung und Dankbarkeit beruhen, aber für das Verhältnis zwischen
Lehrer und Schüler genügt aufrichtiger Respekt.
Wenn wir das Wort „Schüler“ hören, denken wir zuallererst an die Schule. Doch
gerade dort ist das Band zwischen Lehrer und Schüler in den seltensten Fällen
intensiv. Das hat vielerlei Gründe, unter anderem die schlechte Verteilung von
bis zu 35 Schülern pro Lehrer.
Wichtig für uns ist die Tatsache, dass wir alle zeitlebens sowohl Lehrer, als auch
Schüler sind. Ein solches Verhältnis kann sich ad hoc bilden und wieder
zerstreuen. In dem Moment, indem wir einen Verkäufer um Rat fragen, sind wir
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sein Schüler. Und wenn wir von einem älteren Mitmenschen gebeten werden,
ihm zu erklären, wie der Münzkopierer oder Fahrscheinautomat funktioniert,
werden wir im selbem Augenblick zu seinem Lehrer.
Betrachten wir aber nun „echte“ Lehrer, also solche, die uns über Monate und
Jahre hinweg wertvolle Erfahrungen ermöglichen. Wer so etwas nicht kennt, der
kann auch an seine Eltern denken, die lange Zeit seine Lehrer waren.
Es ist wichtig, sich der Wechselwirkung bewusst zu werden, um als Schüler gute
Fragen zu stellen und zuzuhören, und als Lehrer seinen Schülern einfühlsam und
zuvorkommend zu helfen. Wir sollten zu jeder Zeit darauf achten, zugleich
geduldiger Lehrer und gelehriger Schüler zu sein!
Ein guter Lehrer wendet sich all seinen Schülern unabhängig von ihrem Grad
oder Leistungsvermögen mit der gleichen Intensität zu und lenkt sie behutsam.
Der schwächste Schüler sollte stets den besten Lehrer bekommen, was im Alltag
leider selten der Fall ist.
Hingabebereitschaft, persönliche Ausstrahlung, fachliches Können und ein
vorbildliches Verhalten sollten für uns selbstverständlich sein, damit wir unsere
Schüler allein durch unsere Präsenz zur Nachahmung anregen, und sie durch
unsere bloße Anwesenheit motivieren. Stabilität und Ausgeglichenheit, sowie die
friedliche Bewältigung von Konflikten, sind die Grundvoraussetzungen für einen
guten Lehrer. Wissen und Kompetenz sind ebenso wichtig, aber in aller Regel
leichter zu erwerben.
Ein Meister unter den Lehrern ist nicht der, der sich selbst dazu ernennt,
sondern derjenige, der von anderen Meistern und Schülern gleichermaßen als
solcher erkannt und geachtet wird. Er behandelt die Schwächeren rücksichtsvoll
und behauptet sich gegenüber den Stärkeren.
Keine Idee sollte von uns, in der Rolle als Schüler, autoritätsgläubig und blind
angenommen werden, denn auch ein Lehrer ist nur ein Mensch und Begleiter auf
unserem Weg. Er betrachtet mit uns gemeinsam Situationen, die uns noch fremd
sind, die er aber bereits kennt, und für sich einen Weg durch das Labyrinth
gefunden hat.
In der Rolle des Schülers statten wir unseren Lehrern auf zweierlei Art den
schuldigen Dank ab. Zunächst einmal in Form von Vertrauen und Respekt, wobei
auch Lerneifer und die Bereitschaft zu weiteren Schritten in neue Gebiete ein Teil
dieser Bezahlung ist.
Die zweite Art zu danken besteht darin, das wertvolle Geschenk, das man
erhalten hat, zu pflegen und umzusetzen. Wenn wir durch einen Freund in
schweren Zeiten Rat und Unterstützung erhalten haben, so sind wir es ihm nicht
nur schuldig, ihm zu helfen, falls er eines Tages unsere Hilfe brauchen sollte.
Vielmehr ist es gleichermaßen unsere Verpflichtung, selbst zum Lehrer zu
werden, und das von ihm Gelehrte an all jene weiterzugeben, die es noch nicht
wissen, und die sich an uns wenden.
Nur auf diese Weise kann ein einzelner Mensch seine Idee vervielfältigen und
theoretisch in die ganze Welt hinaustragen. Religionen wurden auf diese Art
verbreitet, aber auch politische Modelle, medizinische Kenntnisse, Kunst und
Kultur. Die beste Werbung für eine Idee ist es, wenn sie funktioniert und für
viele Menschen brauchbar ist.
Auch das Aikido wurde von einem einzigen Menschen erschaffen. Großmeister
Morihei Ueshiba begann mit wenigen, sehr talentierten Schülern, die ihrerseits
Lehrer weiterer Schüler wurden, und so Aikido über die Grenzen Japans hinaus
bekanntmachen konnten.
232/470
Es sollte sowohl das Bestreben unseres Lehrers, als auch unser eigenes sein,
dass wir zur gegebenen Zeit unseren eigenen Weg gehen, und uns wieder von
ihm lösen. Anfangs müssen wir seinen Weg kopieren, aber mit der Zeit
selbständig unseren eigenen Stil entdecken. Dennoch sind wir von diesem
Zeitpunkt an untrennbar mit ihm verbunden.
Und sobald wir unsere Ideen anderen zugänglich machen, tragen wir eine große
Verantwortung, die über unser eigenes Wohl hinausgeht. Sowohl Fanatismus als
auch starke Zurückhaltung verfehlen daher langfristig immer ihr Ziel.
III. Soziale Kontakte
Unsere meisten sozialen Kontakte sind aber gar nicht freundschaftlicher Natur
oder „lehrreich“, sondern wesentlich oberflächlicher. Das Verhältnis zu unserem
Chef, unseren Kollegen oder den Vereinskameraden ist zumeist nur lose. Wir
verbringen zwar unsere Zeit mit ihnen, weil sie dieselben beruflichen Ziele
verfolgen, aber eine besondere seelische Verbundenheit zu ihnen verspüren wir
nicht.
1) Die sozialen Ebenen
Wir haben über das Orbitalmodell gesprochen und festgestellt, dass unser
Bekanntenkreis selten 100 Personen zu einer bestimmten Zeit übersteigt.
Dennoch partizipieren wir in noch größeren Gruppen, in denen wir sogar eine
Rolle für Personen spielen, die wir überhaupt nicht kennen.
Jede Gruppe ist ein Bezugssystem, auch solche, in der unsere Person keine
Bedeutung für deren Balance darstellt. Ich möchte daher zwischen folgenden
Vereinigungen, respektive Rollen in diesen, unterscheiden:
• Das Individuum. Das sind wir selbst, mit allen Wechselwirkungen von außen
und inneren Belangen. Unsere Psyche, unser Körper und unser Geist bilden
eine Einheit, die wiederum auf andere Individuen eine Wirkung ausübt und
Resonanzen erzeugt.
• Die Zweierbeziehung. Das sind alle Verhältnisse zwischen uns selbst und
einem
anderen
Menschen.
Also
Partnerschaften,
Freundschaften,
Verwandtschaft und Lehrer-Schüler-Beziehungen. Die Zweierbeziehung ist die
wichtigste und intensivste Form des zwischenmenschlichen Kontaktes und
bewegt sich zwischen den Extremen, Konfrontation und Vereinigung.
• Dreiecksverhältnisse. Bei diesem Begriff denken wir sofort an Liebesaffären.
Diese greifen in eine Zweierbeziehung ein und verfremden sie. Aber auch ein
Kind, das zwischen seinen beiden Elternteilen steht, bildet mit diesen ein
Dreiecksverhältnis, nur eben positiver Art. Wichtig für das Verständnis ist,
dass auch zwei Kinder oder Geliebte jeweils nur ein Dreiecksverhältnis bilden,
aber noch keine Gruppe darstellen. Die Einteilung basiert nicht auf der
exakten Anzahl aller Beteiligten, sondern auf den resultierenden Effekten der
gegebenen Umstände.
• Kleine Gruppen bestehen aus 3 bis 5 Personen. Insofern stellt eine Familie
nach außen hin eine kleine Gruppe dar, verhält sich aber für die Betroffenen,
wie Zweierbeziehungen, beziehungsweise Dreiecksverhältnisse. Kleine
Gruppen bilden sich beispielsweise auch bei Gesellschaftsspielen, sportlichen
Auseinandersetzungen und dergleichen.
• Eine mittlere Gruppe umfasst zwischen 5 und 25 Personen, ist also maximal
so groß, wie eine Schulklasse. Deshalb ist der vorhin erwähnte Lehrer mit
233/470
•
•
•
•
•
seiner Klasse von 35 Schülern auch überfordert; denn sie verhält sich nicht
mehr wie eine mittelgroße Gruppe. Er bräuchte „Verstärkung“ in Form eines
zweiten Erwachsenen, um seine Autorität in der Klasse zu behalten.
Eine große Gruppe ist ein Verein oder sogar ein kleiner Stamm. Zwischen 25
und 100 Personen bilden bereits ein kleines soziales Gefüge, das ohne
abgestufte Führung nicht mehr funktionieren kann.
Eine Gemeinschaft übersteigt 100 Menschen und kann bis in die
Hunderttausende gehen. Gewerkschaften oder globale Firmen bilden so einen
Bund. Es spielt sozial gesehen nur eine geringe Rolle, ob in einer Stadt
tausend oder hunderttausend Einwohner leben; die Struktur des
Zusammenlebens ist dieselbe.
Eine Gesellschaft oder Nation ist noch eine Nummer größer. Hier geht es um
Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Menschen. Eine Gesellschaft wird
durch geographische Grenzen determiniert, aber mehr noch durch ihre
Abstammung, ihren Glauben, ihre Sprache und Kultur.
Das Kollektiv ist die größte menschliche Gruppe. Es umfasst unsere gesamte
Spezies, also alle Menschen.
Die Umwelt ist wiederum die Gesamtheit aller Spezies und die sie umgebende,
unbelebte Natur.
Ich möchte durch diese Einteilung zeigen, dass jede Ebene der Beziehung ihre
eigenen Gesetze hat, die bei unseren Betrachtungen bedacht werden sollten.
Was im Kleinen funktioniert, klappt prinzipiell auch im Großen, muss aber
teilweise modifiziert werden.
Ein Indianerstamm wäre im Großen, also mit hunderttausend Mitbewohnern
nicht mehr stabil. Die soziologischen Konsequenzen einer größeren Anzahl von
Individuen erfordern andere politische uns soziale Systeme.
Ein Beispiel hierfür wäre die Zahl der Emporkömmlinge, die aufgrund von Neid,
Missgunst und Habgier, mehr besitzen wollen als andere. Sie steigt exponentiell
zur Gruppengröße. Ein Faulpelz und Schmarotzer, der in einer kleinen Gruppe
keine Chance hätte, wird in großen Gruppen geduldet und fällt in
Gemeinschaften schon gar nicht mehr auf. Was glauben Sie, wie viele
Taugenichtse wir in unserer Gesellschaft dulden und durchfüttern, ohne dass wir
sie überhaupt wahrnehmen?
Und genauso wie es leichter ist, einen teuren Gegenstand zu verkaufen, als
einen billigen, ist es leichter, eine große Gruppe zu führen, als eine kleine.
Manchen Menschen erscheint es unverständlich, wie ganze Nationen in den Krieg
ziehen, und anscheinend alle Individuen darin urplötzlich „böse“ geworden sind.
Doch das trifft gar nicht zu.
In komplexen Systemen wie der Politik ist es relativ leicht, Fehler zu finden und
diese für seine Zwecke auszunutzen. Jede Form des Miteinanders hat ihre
Schwachstellen. Sie haben doch sicher schon von Kettenbriefen und
Pyramidenspielen gehört. Ebenso wie wir unser soziales Netz aufbauen, lässt
sich auch ein kriminelles Netz gleicher Stabilität knüpfen. „Organisiertes“
Verbrechen heißt nicht umsonst so.
Was die Politik anbelangt, also die Führung von Gesellschaften, lehrt uns die
Geschichte der Menschheit zwei gegenläufige Bestreben:
• „Divide et impera; teile und herrsche!“ Diese Form der Machtsicherung war
unter anderem das Leitmotiv König Ludwigs XI. von Frankreich, fand aber
234/470
bereits seit der Antike seine Anwendung. Aber auch jeder von uns teilt
beispielsweise Informationen und Wissen in Kategorien ein, um anschließend
besser darüber zu verfügen.
• Fusion. Der Zusammenschluss zweier Kleinteile, Firmen, Staaten und
dergleichen, verspricht mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Die Organisation
lässt sich straffen und die Koordination verbessern. Das ist der gegenwärtige
Trend in der Globalisierungsphase. Aber auch wir legen beispielsweise
bestimmte Arbeitsgänge zusammen, um Zeit und Geld zu sparen.
Beide Formen werden seit jeher alternierend praktiziert. Ländereien werden
zusammengeschlossen, teilen sich einige Jahrzehnte später wieder auf, um
irgendwann wieder zu fusionieren.
Ein erneuter Bruch wird auch irgendwann mit den Weltkonzernen geschehen,
denn gibt nämlich einen folgenschweren Systemfehler in Gemeinschaften und
Gesellschaften: Zu große Gruppen sind inkohärent und instabil. Die einzelnen
Individuen gehen darin unter und verwässern das Gebilde. Sprichwörtlich
müsste man es fertigbringen, einen „Sack voller Flöhe“ zu hüten. Eine Fusion
entspringt unserem Wunsch nach konzertierter Machtausübung, aber die
Aufteilung ist der in Wirklichkeit stabilere Zustand, der sich immer wieder von
selbst einstellt.
2) Ausgrenzung & Fremdenfeindlichkeit
Jede
Gesellschaft
ist
zudem
heterogen.
Regional
unterschiedliche
Menschentypen lassen sich auch innerhalb politisch vereinigter Grenzen finden.
So gibt es Landstriche, die aufgrund ihrer Geschichte, mit eher zurückhaltenden
und misstrauischen Menschen bevölkert sind, und solche, in denen das Gegenteil
der Fall ist.
Außenstehende gibt es aber in jedem Land der Welt, denn dieses
Schutzverhalten findet automatisch und unbewusst statt. Im schlimmsten Fall
kann es zu einem Bürgerkrieg zwischen den einzelnen Gruppen innerhalb einer
Gesellschaft kommen, um eine Separation durchzusetzen.
Keine Gruppe kann einen zu großen Anteil an Andersdenkenden und
Außenstehenden aufnehmen, ohne dadurch ihre eigene Identität und Stabilität
zu verspielen. Die Durchmischung einer Gemeinschaft oder Gesellschaft zu
einem diffusen, inhomogenen Gebilde, zersprengt das Gerüst ihres inneren
Zusammenhalts.
Genauso wie sich eine große Firma durch eine Handvoll gut platzierter Saboteure
lahmgelegt werden kann, kann ein Ideologienmix und Kulturmischmasch den
Motor einer ganzen Gesellschaft zum Erliegen bringen. Einige Andersdenkende
bereichern eine Gruppe, zu viele von ihnen verwirren und verwässern sie; denn
Andersdenkende sind eine lebendige Opposition.
Gruppen müssen sich deshalb schützen und können es nicht riskieren, auf
Kampfbereitschaft und Prävention zu verzichten. Die moderne, multikulturelle
Denkweise gebietet uns zwar, keinerlei Vorurteile gegenüber anderen
Nationalitäten und Glaubensrichtungen zu hegen, doch es ist völlig normal, dass
wir als Individuum nicht für jeden Menschen Sympathie hegen.
Mündlich bekunden die meisten Brüderlichkeit und völlige Gleichberechtigung,
aber in der Praxis versucht jeder Mensch, sich und seine Gruppe vor vermeintlich
schädlichen Einflüssen zu schützen. Fremdenfeindlichkeit ist kein neues
Phänomen; sie lässt sich überall auf der Welt und in jeder Epoche finden.
235/470
Derzeit ist diese Thematik erneut in das öffentliche Interesse gerückt. Die
Mehrheit der Bevölkerung möchte am liebsten die fremdenfeindliche Gesinnung
einer radikalen Minderheit verbieten. Das ist verständlich, aber gleich aus zwei
Gründen falsch:
• Eine Geisteshaltung, gleich, wie unüberlegt und falsch sie auch ist, kann nicht
verboten werden. Denn je größer der Druck auf eine Person ist, ihre Meinung
durch „Umerziehung“ zu ändern, desto mehr festigt sich deren Glaube, das
Richtige zu tun. Einer Katze kann man das Mausen nicht abgewöhnen, nur
weil man selbst der Ansicht ist, dass es besser für sie wäre, vegetarisch zu
leben.
• Es ist ein eklatanter Widerspruch, einen Menschen zur Toleranz und Liberalität
zwingen zu wollen. Meinungsfreiheit ist definitionsgemäß die Freiheit der
Andersdenkenden!
Man kann aufklären und seine Ansichten immer wieder darlegen, aber man darf
niemals seine Meinung über die eines anderen Menschen stellen und gewaltsam
durchsetzen. Denn wer das versucht, ist keinen Deut besser als diejenigen, vor
denen er angeblich alle beschützen will.
Anstatt uns selbst und andere für unsere Ängste zu verurteilen, sollten wir lieber
versuchen, unsere Gruppe in erträglichem Maße um Andersdenkende zu
erweitern. Es ist schon in Ordnung, wenn wir selektieren, wen wir mögen und
wen nicht. Nur darf das nicht dazu führen, dass wir andere Menschen und
Gruppen hassen.
Die Ausgrenzung anderer sollte also stets passiv bleiben, und niemals in Gewalt
oder Unterdrückung enden. Denn Gewalt ist immer die schlechteste
Handlungsoption, egal wer sie ausübt. Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt;
sie entsteht immer aus der Unfähigkeit zu einer friedlichen Konfliktbewältigung.
Natürlich fehlt es niemandem an Legitimationsbekundungen, wenn er zu den
Waffen greift. Soldaten werden zu „Friedenstruppen“ umgetauft, sind „Helden"
oder „Verteidiger des Landes“. Bomben sind ihre „Friedensgeschenke“ und tote
Zivilisten nur „Kollateralschäden“. Auch religiöse Fundamentalisten handeln stets
„im Namen Gottes“, und wenn uns gar nichts Besseres einfällt, war unsere
Gewaltausübung eben „Notwehr“.
Wirklich berechtigte Notwehr muss sein, darüber habe ich schon gesprochen,
aber sie beginnt schon vor einem potentiellen Angriff. Wir können sehr wohl
entscheiden, mit welchen Mitteln wir uns wehren würden. Tödliche Waffen, wie
Messer, Kampfhunde oder Schusswaffen mit sich zu führen, führt im Endeffekt
auch dazu, sie zu benutzen.
Wer eine Pistole hat, der nimmt den Tod anderer Menschen in Kauf und darf sich
anschließend nicht automatisch auf Notwehr berufen. Solche Ausreden haben wir
alle schon oft gehört, doch sie ändern nichts daran, dass uns Gewalt auf eine
Stufe mit unseren Gegnern katapultiert.
Als Realist möchte ich noch ergänzend hinzufügen, dass es tatsächlich
Situationen gibt, die eine adäquate Reaktion erfordern. Nothilfe und Notwehr
sind essentiell für den Erhalt jeglicher Gerechtigkeit. In der Regel wird sie aber
übertrieben, und mit „doppelter Münze“ zurückgezahlt; mit der lächerlichen und
kindischen Rechtfertigung, der andere habe angefangen.
3) Gruppenbildung
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Um in eine uns fremde Gruppe hineinzugelangen, bedarf es unserer Empathie
und Anpassung. Am besten gehen wir vor, indem wir:
1. Beobachten und wahrnehmen, also die Charaktere und deren Tätigkeiten
genauestens inspizieren, bis wir die soziale Struktur analysiert haben. Das
dauert einige Zeit, da wir alle Personen in Aktion erleben sollten, um zu
wissen, wer welchen Platz in der Gruppe einnimmt.
2. Überlegen, wie wir vorgehen möchten, aber uns nicht allzu genaue Pläne
anfertigen, sondern lieber bereit dazu sind, nach Bedarf zu improvisieren.
3. Uns angleichen. Wenn wir mit einer Person der Gruppe in Kontakt treten,
dann am besten mit derjenigen, die wir für am Aufgeschlossensten halten.
Dann sprechen wir sie an, indem wir sie auf ihrer Kommunikationsebene
erreichen.
4. Klug geht vor, wer anschließend zunächst abwartet, und nicht sofort mit
seiner Meinung herausplatzt. Dazu ist Zeit, wenn wir uns erst einmal
innerhalb der Gruppe befinden und unseren Platz erstritten haben. Wer kurz,
nachdem er in die Gruppe gelangt, gleich zu stänkern beginnt, der
disqualifiziert sich selbst. Geduld ist auch hier die Tugend, die uns
weiterbringt.
Ich denke, für unsere weiteren Betrachtungen sind vor allem die kleineren und
mittleren Gruppen von Interesse; drei typische Fragen aus den Alltag sollen dies
verdeutlichen:
• Wie sollten wir alltägliche soziale Verpflichtungen werten, wie zum Beispiel
Betriebsfeste? Wer nicht daran teilnimmt, ist automatisch ein Außenseiter.
Theoretisch wäre es aber legitim, seine persönlichen Wünsche über die der
anderen zu stellen, da niemandem ein Nachteil durch unser Fernbleiben
entstehen würde.
• Wie weit sollte unser Bedürfnis, einer Gruppe permanent zuzugehören,
eigentlich gehen? Sie kennen sicher den Spruch: „Einer für alle, alle für
einen!“ Das ist das Motto der drei Musketiere des französischen Autors
Alexandre Dumas. In einer Gruppe wird auch ein schwaches Individuum stark.
Doch wer sich einer Gruppe, gleich welcher Größe, zu sehr unterordnet, der
verliert mit der Zeit seine individuelle Identität. Manch einer erträgt dieses
Unrecht, aus Angst, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden; aber das ist
nicht ungefährlich.
• Wie begegnen wir dem Phänomen Fremdenhass, also dem Ausschluss ganzer
Gruppen, ohne individuelle Prüfung? Fremdenhass mag verwerflich und
ungerecht sein, aber wir können ihn in absolut jeder Nation und jeder Kultur
vorfinden, denn er lässt sich eben sowenig verbieten wie Liebe oder Angst.
Richtiger sollte dieses Phänomen „Furcht vor dem Unbekannten“ heißen, denn
es geht nicht um Individuen, sondern um deren Zusammenhalt. Wenn ein
Staat viele Ausländer eines Landes aufnimmt, integriert er sie nicht, sondern
lässt sie eine Subkultur bilden. Jeder Mensch bleibt am liebsten unter
seinesgleichen und bildet mit ihnen eine geschlossene Gruppe. Betritt diese
neue Gruppe nun unser Territorium, tritt sie automatisch mit unserer Gruppe
in Konkurrenz. Ein aufgeklärter Umgang mit unseren Ängsten kann dann nur
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stattfinden, wenn beide Parteien Interesse an Kommunikation, Kompromissen
und Integration zeigen.
Der Mensch ist und bleibt ein Rudeltier; er fühlt sich in Anwesenheit von
Gleichgesinnten geborgen und bestätigt, und in Gegenwart von Unbekannten
unwohl. Der Schutz der Gruppe, und das Ausleben der gemeinsamen Ideale und
Ziele, bewegt uns zum Ausbilden von Freundschaften und Gruppen.
Letztere können grundsätzlich alle Arten von Kreisen sein; Schlägertrupps
ebenso wie Musikvereine, Glaubensgemeinschaften, Sportvereine oder freie
Vereinigungen. Weniger das Motto der Gruppe spielt eine Rolle, sondern die
Geselligkeit, die uns dort begegnet. Wir suchen uns in der Regel Vereine aus, bei
denen uns die Individuen sympathisch sind; das ist uns mindestens ebenso
wichtig, wie die Aktivität, die der Verein eigentlich betreibt.
Es ist völlig natürlich, zu einer Gruppe gehören zu wollen, und andere daraus
auszugrenzen, um einen Unterschied zwischen sich und „den Anderen“ zu
schaffen. Doch sollte sich ein Teil der Gruppe stets fragen, wie konform er mit
anderen geht. Ist er noch Individuum, oder ausschließlich ein Teil der Gruppe?
Und es zwängt sich die Frage nach der Art und dem Grad der Ausgrenzung
anderer auf. Gibt man fremden Ideen überhaupt eine reelle Chance? Wenn ja,
dann kann die Gruppe und mit ihr der Einzelne dazulernen. Infrage gestellt zu
werden, ist ebenso wichtig wie Bestätigung zu erhalten.
„Die fruchtbarsten Entwicklungen haben sich überall dort ergeben, wo zwei
unterschiedliche Arten des Denkens zusammentrafen.“ (Werner Heisenberg)
Wenn wir unsere Ansichten verteidigen und belegen können, und unsere
Argumente gegen die Kritik von außen standhalten können, dann ist unsere Idee
schon mal gar nicht so verkehrt. Jedenfalls bestätigen wir es uns dadurch selbst
und haben zudem die Chance, die Erkenntnisse weiter zu vertiefen und zu
ergänzen.
Freundschaften werden in Gruppen hingegen eher gehindert, da die komplexen
Wechselbeziehungen zu stark die individuellen Gemeinsamkeiten zerstreuen.
Freundschaftliche Gefühle können natürlich auch in Cliquen und Gruppen
entstehen; aber es handelt sich dann nicht um „zyklische Freundschaften“, bei
dem jeder mit jedem gleichermaßen befreundet ist, sondern um normale
Zweierbeziehungen, zusätzlich zur Gruppenzugehörigkeit.
„Zyklische Freundschaften“ sind zwar theoretisch denkbar, werden aber um so
unwahrscheinlicher, je mehr Personen involviert sind. In der Praxis sind sie
daher äußerst selten anzutreffen. Das Gleiche gilt für „zyklische
Partnerschaften“, wie sie vor mehr als dreißig Jahren in Kommunen praktiziert
wurden.
Freundschaft ist stets eine Angelegenheit, die zwei einzelne Menschen
miteinander verbindet; Außenstehende stehen automatisch in einem anderen
Verhältnis zu ihnen. „Gemeinsame Freunde“ oder befreundete Paare gibt es
folglich nicht wirklich, denn jede Freundschaft steht letztendlich für sich alleine
da.
Wie stabil „zyklische Freundschaften“ sind, zeigt sich besonders in Krisenzeiten.
Eine Vermischung freundschaftlicher Gefühle schafft eine disharmonische
Polarisation, die Entscheidungen in puncto Loyalität aufkommen lassen, wenn es
zu Problemen kommt. Ein typisches Beispiel sind Trennungen oder Scheidungen.
238/470
Wenn sich ein Paar voneinander trennt, werden sich die ehemals gemeinsamen
Freunde
schwertun,
künftig
den
Kontakt
zu
beiden
Individuen
aufrechtzuerhalten. In aller Regel werden sie sich für einen der beiden Partner
entscheiden.
Eine Gruppe ist nicht besser oder schlechter als einer Zweierfreundschaft, aber
sie bekommt einen anderen Status. Sie ist universeller, da die Möglichkeiten
größer, aber zugleich auch weniger transparent und tief gehend für den
Einzelnen sind. Eine Gruppe sollte folglich weniger Freundschaft, denn die
„kollektive Umsetzung von Ideen“ anstreben.
„Gemeinsam sind wir stark“, lautet die Devise einer funktionierenden Gruppe.
Das bedeutet konkret, dass sich zwar jeder in dieser „Familie“ geborgen fühlen,
aber letztlich nicht ganz er selbst sein kann. Allein die Tatsache, dass
verschiedene Charaktere aufeinandertreffen, erschwert die Kommunikation und
Selbstdarstellung.
Ist jeder Einzelne aber stark genug, um sich teilweise von den anderen zu
distanzieren und andere Ideen zu verfolgen, dann hat auch seine Gruppe ein
größeres Gesamtpotential. Viele Gespräche sind nötig, denn nur durch Konsens,
kann das einzelne Glied die Kette zu einem vielseitigen Gebilde ergänzen.
Zugehörigkeit ist dann nicht mehr von einem starren Verhaltenskodex geprägt,
sondern von freiwilliger Anteilnahme.
Jede Gruppe und Gemeinschaft, egal wie groß sie auch sein mag, ist integriert in
den Rest der Gesellschaft. Abschottung, wie sie bei einigen Sekten oder
Glaubensvereinigungen, wie den „Amish People“ stattfindet, ist nachteilig, da so
eine Pseudorealität erschaffen und aufrechterhalten wird.
4) Gruppeneffekte
Gruppen bildeten sich früher aufgrund ihrer genetischen, kulturellen,
sprachlichen, religiösen und politischen Übereinstimmung, was heutzutage noch
absolut gleich ist. Wer so ähnlich aussieht wie wir, unsere Sprache spricht und
unsere Überzeugungen teilt, der ist ein potentielles Mitglied unserer Gruppe.
Andersherum akzeptieren wir es nicht, wenn zu unserer Gruppe ein uns
offensichtlich unähnlicher Mensch hinzustoßen möchte. Wir konnten sehen, dass
ein Individuum die Harmonie einer Gruppe beinträchtigen kann. Wenn dann im
Gegenzug ein Individuum von einer Gruppe beeinflusst wird, ist von
„Gruppeneffekten“ die Rede.
Betrachten wir als Beispiel eine Party, also eine zwanglose Zusammenkunft,
zwischen einander mehr oder weniger bekannten Menschen. Eventuelle Flirts
mitsamt ihren Folgen möchte ich dabei vernachlässigen, da sie in die Kategorie
der Zweierbeziehung fallen.
Eine Party gilt allerorts als ein fröhliches Ereignis, aber meistens gefällt sie nur
den niveaulosen und primitiven Teilnehmern wirklich, denn sie verläuft immer
nach demselben Schema:
1. Bereits nach kurzer Zeit, nachdem die Feier so richtig im Gange ist, sinkt das
Niveau urplötzlich, denn es richtet sich nach dem Benehmen der am
wenigsten intelligenten Teilnehmer. Diese sind am geltungssüchtigsten,
partyerfahren und glauben, auf ordinäre Weise Aufmerksamkeit erregen zu
müssen. Durch vulgäre Witze, Anzüglichkeiten, Appelle an die „Spießer“, sich
doch ebenfalls „aufzuraffen“, und weitere Bemühungen dieser Art, erzeugen
die Partyhengste eine oberflächliche Bierseligkeit. Die Bemühungen der
239/470
anderen, wieder Offenheit und echte Fröhlichkeit zu etablieren, werden
zerstreut. Der sich zurückhaltenden Mehrheit bleibt dann meist nur die
zähneknirschende Flucht in den Alkohol.
2. Dominante, narzisstische, rechthaberische und histrionische Personen nutzen
solche Gelegenheiten zur Selbstdarstellung. Sie ziehen die Aufmerksamkeit
der Masse auf sich und verzerren das Niveau in ihre Richtung. Sie sehen, dass
die Stunde günstig für sie ist, und übernehmen die Führung über die
Atmosphäre. Manche, ansonsten sehr nette und zurückhaltende Menschen,
verspüren im Schutz der Gruppe auf einmal das Gefühl, sie müssten angeben,
vulgäre Sprüche ablassen, Anzüglichkeiten fabrizieren oder sich sonst wie in
Szene setzen. Sie scheinen nur darauf gewartet zu haben, diese Seite von
sich zu präsentieren, hätten sich das aber im Alltag niemals getraut. Der
Schutz der Gruppe lässt sie ihre Vorsicht vergessen.
3. Eine dritte Gruppendynamik überlagert die beiden anderen Effekte. Sie
entsteht aus einer Mischung von Kooperation und der Resignation der
Mehrheit. Das Gros der Besucher denkt sich, dass es eben mitmachen sollte,
akzeptiert die Oberflächlichkeit und hebt das Gesamtniveau wieder etwas.
Doch so entsteht ein kollektives und somit virtuelles Niveau. Es entspringt
nicht den Einzelnen, sondern der Gruppe insgesamt. Der Einzelne kann sich
nicht mehr individuell einbringen. Eine flächendeckende Oberflächlichkeit
entsteht, die alle wahren Charaktere überlagert.
Es ist demnach nicht möglich, eine andere Person auf einer Party
kennenzulernen. Es ist zwar vergleichsweise einfach, mit ihr in Kontakt zu
treten, um sie zu gegebener Zeit im Zwiegespräch näher zu erkunden.
Doch nicht selten erscheint uns diese Person, dann in einem völlig anderen Licht,
da wir ein falsches Abbild von ihr in Erinnerung behalten haben. Und da wir ja
schließlich das Abbild näher kennenlernen wollten, weil wir es für das Original
hielten, hat es die „echte“ Person folglich schwer, uns von sich zu überzeugen.
Zusammenfassend können wir festhalten, dass bei Zusammenkünften wie
Partys, die drei klassischen Gruppeneffekte auftreten, die jegliche wertvolle
Kommunikation verunmöglichen:
1. Das Gewohnheitsrecht, das sich im Fall einer Party, die „Spaßmacher“
herausnehmen.
2. Der Gruppenzwang, also der Grund, weshalb alle anderen mitmachen.
3. Die Selbstüberschätzung des Individuums im Schutz der Masse.
Aus Angst vor Ausschluss befinden sich auch immer Menschen in einer Gruppe,
die sich eigentlich gar nicht mit ihr identifizieren, aber auch nicht opponieren
möchten. Diesen Effekt möchte ich „passive Teilnahme“ nennen. Die Motive
hierfür sind vielfältig; meist fehlt es den Betroffenen einfach an Kraft, sich ohne
Hausmacht in ihrer Gemeinschaft zu behaupten.
Es gibt noch viele weitere Gruppensituationen; die Party war nur ein Beispiel.
Aber die genannten Effekte treten so gut wie immer auf, wenn sich mehrere
Menschen zusammenfinden, wenn auch nicht so extrem wie bei Festivitäten.
Treffen sich Menschen im Zeichen der Arbeit oder einer konkreten
Angelegenheit, dann wird in der Regel ein höheres Niveau gehalten, zumindest
während des „offiziellen Teils“.
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5) Unterschiede zwischen den Geschlechtern
Vor allem in den sozialen Kontakten zeigen sich geschlechtstypische
Unterschiede. Wenn es um ihre sozialen Kontakte geht, sind Männer
überwiegend optimistisch und glauben, dass es nicht nötig wäre, viel darin zu
investieren. Solange sie eine ihnen angemessene Rolle in der Hierarchie
einnehmen, werden sie nichts an ihrer Situation verändern.
Frauen möchten in Gruppen für gewöhnlich vermitteln; daher lieben sie kleinere
Gruppen mit engem sozialen Kontakt. Die Vermittlerrolle erleichtert ihnen auch
die Aufnahme in eine Gruppe. Sie wissen meist intuitiv, wann es besser ist, zu
schweigen, denn sie empfinden intensiver als Männer.
Die Intensität einer Emotion verdient ebenso wie die Dimension eines
Charakterzuges eine besondere Beachtung. Emotionale Fülle und Gefühlsstärke
sind für ein ausgeglichenes Leben nicht unbedingt notwendig, für ein erfülltes
hingegen schon. Das bedeutet, dass wir auch die „schlechten“ Gefühle
akzeptieren und erleben müssen. Wer versucht, nur die guten zu vertiefen, der
lebt einseitig. Das Spektrum der Psychologie reicht von „Alexithymie“, der
Unfähigkeit, seine eigenen Gefühle zu verstehen und in Worte zu fassen, bis hin
zur histrionischen Persönlichkeit, die vom eigenem Empfinden regelmäßig
überwältigt wird.
Männer bevorzugen große Gruppen, mit Konkurrenz und der Möglichkeit, sich in
Szene zu setzen und zu prahlen. Sie müssen sich ihre Positionen erkämpfen, da
sie meist mehr auf sich selbst fixiert sind, anstatt auf das Gruppengeschehen
einzugehen. Ein Beispiel hierzu: Wenn jemand stürzt und sich verletzt, werten
das Männer als „Pech“, und gehen unbeirrt ihres Weges. Frauen helfen in so
einer Situation eher, da sie mitfühlender als Männer sind.
Männer fertigen sich gerne einen Plan an, bevor sie zur Tat schreiten, während
Frauen entweder ängstlich zurückschrecken oder völlig couragiert eingreifen. Sie
handeln eher aus dem Bauch heraus und entscheiden sich kurzfristig.
In Gruppen ist beides wichtig, da sich sonst die bizarrsten Ideen entwickeln
können. Reine Männervereine, wie die Armee, sind immer etwas härter, da
niemand da ist, um aufkommenden Streit zu schlichten. Wenn keine Frauen
zugegen sind, werden Männer die Konflikte „unter sich“ regeln, also etwas
ruppiger.
Reine Frauengruppen leiden dagegen oft unter mangelnder Führungsqualität.
Zuviel Demokratie schadet dem Resultat, da viel debattiert, aber nur wenig
bewirkt wird. Nur die richtige Mischung beider Geschlechtern nivelliert solche
Effekte. Daher sind künstliche Trennungen, wie reine Mädchenschulen immer
schädlich. Vermutlich stimmt es sogar, dass sich Mädchen in Gegenwart von
Jungs nicht trauen, ihre naturwissenschaftliche Seite zu zeigen, weshalb sie
lieber unter sich bleiben, wenn es um diese Themen geht.
Wenn diese Trennung aber das sinnvolle Maß übersteigt, fehlt ihnen dafür die
soziale Komponente, denn früher oder später müssen sie sich mit dem anderen
Geschlecht auseinandersetzen. In isolierten Gruppen entsteht sehr leicht
Arroganz, Egozentrik und Unsicherheit, da keine Korrektur stattfindet.
6) Unsere Rolle im sozialen Gefüge
Es ist sinnvoll, wenn wir uns ab und zu überlegen, wie wir andere in unserem
Orbitalmodell einstufen sollten, und so eine echte Abgrenzung zwischen einem
„Freund“ und einem „Bekanntem“ schaffen. Selbst der beste Freund hat Fehler
und Charakterzüge, die uns manchmal nerven. Wenn es aber jemand erst
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einmal geschafft hat, sich das Prädikat „Freund“ zu verdienen, dann sollten wir
seine Eigenheiten respektieren und nicht versuchen, ihn zu ändern.
Wir werden von anderen Menschen unter anderem danach beurteilt, mit welchen
Personen wir uns umgeben, und das zu Recht. Denn wer mit jedem „gut Freund“
sein will, um Ärger zu vermeiden, der wird Probleme haben, zwischen den
verschiedenen Charakteren zu vermitteln.
Und wer sich sogar mit Personen umgibt, die er guten Gewissens nicht Freude
heißen könnte, sollte sich besser rechtzeitig von ihnen distanzieren, um von
potentiellen echten Freunden nicht als „oberflächlich“ beurteilt zu werden.
Es ist gar nicht schwer, andere Menschen korrekt einzuordnen. Einzelne
Menschen können wir leicht beurteilen, indem wir beobachten, wie sie ihre
Mitmenschen behandeln. Nicht wie sie uns behandeln, das könnte Verstellung
sein, sondern wie sie sich im Alltag anderen gegenüber verhalten. Schon Jesus
Christus berief sich auf die einfache aber tiefgründige Formel, dass alles, was
man für die geringsten seiner Mitmenschen tut, für ihn die Bedeutung hat, als
hätte man es ihm angetan.
Der Wert einer ganzen Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft lässt sich am
einfachsten und sichersten bestimmen, wenn man sich ihren Umgang mit der
belebten Natur vergegenwärtigt.
Werden beispielsweise Tiere nur als Güter, Wertgegenstände, biologisches
Prüfmaterial, Nahrung, Statussymbol oder Spielzeug erachtet, dann wird diese
Wertschätzung auch zwangsläufig zwischen den Menschen auftreten. Wozu auch
Respekt gegenüber etwas zollen, das sich beliebig standardisieren, manipulieren,
reproduzieren und gegeneinander austauschen lässt?
Hat ein einzelner Mensch, eine Gruppe oder gar eine ganze Gemeinschaft
Eigenschaften, die für uns absolut nicht zu ertragen sind, dann sollten wir uns
umgehend von ihnen distanzieren. Es ist besser alleine zu sein, als sich einer
Gruppe anzupassen, die uns nicht weiterbringt. Denn wenn wir das tun, bluten
wir emotional aus.
Da es allerdings immer unsensible Mitmenschen und arrogante Vorgesetzte in
unserem Leben geben wird, die wir absolut nicht leiden können, mit denen wir
aber trotzdem auskommen müssen, sollten wir auch erlernen, die Menschen so
nehmen zu können, wie sie sind.
Im elften Kapitel werden wir sehen, wie sich dieser Widerspruch harmonisch
lösen lässt, und wie wir innerhalb einer emotional mehrheitlich unbegabten
Gesellschaft glücklich werden können, ohne uns allzu sehr zu isolieren.
Kapitel IX
Familie & Erziehung
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Über die Erziehung ihrer Nachkommen haben sich viele kluge Köpfe seit Beginn
der Menschheitsgeschichte Gedanken gemacht. Besonders ab dem 17.
Jahrhundert entwickelte sich die Pädagogik zu einer eigenständigen Wissenschaft
mit vielen Aufgabenbereichen und Ansichten.
Um die Wichtigkeit der Erziehung für unsere Entwicklung zu verstehen, ist es
zunächst nötig, den Verlauf unserer psychischen Entwicklung zu umreißen, denn
bevor wir andere Menschen erziehen, also führen können, müssen wir uns selbst
genau kennen.
I. Der Lebenszyklus
Jedes Lebensalter hat seine ganz bestimmte Aufgabe. Uns eröffnen sich im Laufe
der Zeit durch biologisch und sozial hinzugewonnene Fähigkeiten ständig neue
Möglichkeiten. Mit unserer Geburt beginnt ein Prozess des „lebenslangen
Lernens“. Damit ist aber nicht nur das Aneignen von Wissen gemeint, sondern
die Erklimmung einer weiteren Reifestufe.
Wir erhalten von unserer Umwelt Aufgaben, die wir zu gegebener Zeit lösen
können und müssen. Wenn wir sie ignorieren, wird sich die Entwicklung ihr
Recht zu einem späteren Zeitpunkt einholen. Wir bekommen zwar immer wieder
die Chance, eine nicht erreichte Stufe unserer Biographie zu erklimmen, aber es
ist nicht möglich, sie zu überspringen. Solange das vorausgehende
Erfolgskontingent nicht erfüllt worden ist, können sich die Ereignisse der
nächsthöheren Stufe endlos wiederholen, ohne dass sie zu unserem
Reifungsprozess beitragen.
Wer sogar gewisse Basiserfahrungen, vor allem solche sozialer Art, nicht machen
konnte, wird zeitlebens unfähig bleiben, auf das nichtvorhandene Fundament
aufzubauen. Zwar werden andere Bereiche, wie die schulische Intelligenz
zwangsläufig verstärkt gefördert, doch sie täuschen eine Vollständigkeit lediglich
vor. Zunächst muss die nicht bestandene Prüfung nachgeholt werden, bevor es
mit der Hauptlinie der Entwicklung weitergehen kann.
Jede Entwicklungsstufe ist immer so schwer zu erklimmen, dass wir gerade noch
in der Lage dazu sind. Jede weitere Prüfung, die uns das Lebens stellt, ist folglich
schwerer als die Vorige und stellt wieder ein fast unüberwindbares Hindernis dar.
Kinder haben meist noch ein sehr großes Interesse an ihrer Entwicklung. Sie
wollen erwachsen werden und sind bereit, dafür auch Niederlagen in Kauf zu
nehmen. Erwachsene sind zögerlicher; sie wollen Erfolgsgarantien und bequeme
Wege einschlagen. Vielen von ihnen ist die Arbeit an ihrer Persönlichkeit
mittlerweile lästig geworden, daher beschließen sie, sie wären nun erwachsen
und erfahren genug.
Das ist der Grund, weshalb viele Menschen in ihrer Entwicklung auf der Stufe der
Pubertät oder Adoleszenz stehenbleiben. Sie werden dann zwar älter, aber nicht
reifer. Es gleicht der bereits beschriebenen „leeren Expansion des Wissens“, da
an der falschen Stelle des Lebensweges weitergebaut wird. Zwar werden
weiterhin fleißig neue Erfahrungen gesammelt, diese aber nicht mehr richtig
verarbeitet.
Es gibt nur sehr wenige Menschen, die auch im höheren Alter noch nicht
ausgelernt haben wollen, sondern sich ihre Neugier erhalten. Die anderen
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verbittern, da sie stehengeblieben sind, und ihnen der Alltag folglich, wie eine
ewige Wiederholung vorkommen muss
1) Die Etappen unseres Lebens
Wir Menschen streben zeitlebens nach einem Gleichgewicht und Harmonie, aber
unsere Denkweise, sowie unsere Wünsche sind nicht statisch. Wir haben stets
neue Fähigkeiten, die wir mit unseren bereits erworbenen kombinieren müssen,
um die neueste Hürde zu überwinden.
Die einzelnen Stufen der Entwicklung verlaufen von Mensch zu Mensch
unterschiedlich. Wer wann, unter welchen Bedingungen, welche Erfahrungen
sammelt, liegt nicht nur an ihm selbst. Auch äußere Umstände bestimmen, wie
unser Leben verläuft. Die wichtigsten Lebensabschnitte sind aber grundsätzlich
bei allen Menschen dieselben:
1. Im Säuglingsalter wird das grundlegende Vertrauen und Misstrauen erworben.
Dem falschen Menschen zu vertrauen, oder zu gar niemandem Vertrauen
fassen zu können, bedeutet den Tod. Wir erhalten Eindrücke und speichern
diese zunächst einfach ab. Das Gesicht, die Bewegungen, die Stimmlage und
der Geruch unserer Bezugspersonen zeigen uns, in welchen Kategorien sich
Einteilungen vornehmen lassen. Wer auf eine bestimmte Art spricht,
behandelt uns gut. Die Art, wie wir unsere Bezugspersonen im Umgang
miteinander erleben, schenkt uns Sicherheit oder macht uns Angst. Sehen
wir, dass sich unsere Eltern mit der gleichen, liebevollen Art verwöhnen wie
uns, dann wissen wir, dass alles „richtig“ ist. Hören wir sie streiten, oder
sehen wir sie selten zusammen, dann ist unsere eigene Zukunft ungewiss,
denn sie basiert einzig und allein auf zwischenmenschlichem Kontakt.
2. Das frühkindliche Alter dient dazu, Autonomie und Scham zu erleben. Es
werden erste Zweifel aufkommen und der aufkeimende eigene Wille mit Trotz
durchgesetzt. Wir beginnen zu abstrahieren, drücken unsere Gefühle spontan
aus, und wollen gebraucht werden, um unsere weitere Existenz zu sichern.
Wir erleben, dass im Leben unserer Fürsorger alles einen Zweck haben muss,
und versuchen daher instinktiv, uns unentbehrlich für sie zu machen. Denn
sollten sie ihr Interesse an uns verlieren, dann verlieren wir unser Leben.
Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern ermöglichen,
ihren eigenen Körper zu erkunden, damit sich deren Gehirn richtig
„vernetzen“ kann. Früherziehung muss immer körperbetont sein, denn ohne
ein sicheres Basislager bricht man später auch nicht in die weite Welt auf.
3. Das Spielalter beginnt mit dem Erlernen des Laufens. Der Radius unserer
Aktivität erreicht ein Maß, der nicht mehr ausschließlich durch unsere Eltern
vorgegeben wird. Wir entwickeln Eigeninitiative und verfolgen selbsterdachte
Ziele. Auch das Erlernen von Schuldgefühlen bei falschem Verhalten findet
hierbei statt, denn unsere neue Freiheit bedeutet auch Verantwortung. Jetzt
wissen wir beispielsweise mit der Kategorie „Mutter“ rational und abstrakt
umzugehen, und verstehen, dass auch eine Katze, eine „Mutter“ sein kann.
Die Logik entpuppt sich als nützlich, denn wir erkennen Muster in Ursachen
und Wirkung. Korrekte Worte erweisen sich als erfolgreicher als erfundene
Begriffe, die außer uns keiner versteht. Also erlernen wir die Sprache unserer
Bezugspersonen. Unsere Intelligenz können wir fortan einsetzen, um unsere
Eltern an uns zu binden und eigene Ideen zu verwirklichen. Das ist einer der
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wichtigsten Momente in unserem Leben. Wie reagieren unsere Eltern, wenn
unser Übereifer im Chaos endet, weil wir uns selbst überschätzt haben? Ihre
Reaktion entscheidet darüber, wie optimistisch oder misserfolgsängstlich wir
weiterhin an neue Herausforderungen herantreten. Loben sie unsere Absicht,
oder bestrafen sie uns für die misslungene Durchführung? Schon eine einzige
Ohrfeige im falschen Moment kann unsere Selbstunsicherheit auf Jahre
verstärken und das keimende Selbstbewusstsein unter sich begraben.
4. Im Einschulalter verdichten sich unsere bisherigen Ziele zu Eifer oder
Minderwertigkeitskomplexen, je nachdem, welche Erfahrungen wir mit
unseren Fähigkeiten und unserem Umfeld machen konnten. Aufgrund der
anderen, gleichberechtigten Kinder, stehen wir nicht mehr im Mittelpunkt. Im
Kindergarten wurden uns Fehler noch nachgesehen, aber jetzt beginnt der viel
gepredigte „Ernst des Lebens“. Die Schule bestimmt von nun an unsere
Realität für viele Jahre. Unsere Eltern beobachten genau, wie wir uns
schulisch verhalten, und wollen, dass wir uns in den Klassenverband
integrieren. Zum Glück sind die anderen Kinder auch nicht perfekt, sonst
wären wir ganz schön hilflos. Soziale Kontakte werden geknüpft, die jetzt
zunehmend wichtiger werden, denn der Schulhof ist härter als der
Kindergarten. Mit Kritik müssen wir ebenso umgehen lernen, wie mit der
Tatsache, dass der Schutz unseres Elternhauses dünner wird. Das
ursprüngliche Spiel der Selbständigkeit wird nun zunehmend bestimmend für
Glück und Unglück. Wenn wir etwas nicht selbst können, dann hilft uns keiner,
es sei denn, wir haben Freundschaftsbündnisse geschmiedet. Es ist enorm
wichtig, dass Eltern mit ihrem Kind über diese Freundschaften sprechen,
damit es nicht die falschen Schlüsse aus seinen Erlebnissen zieht.
Angst, die in der Kindheit nicht eingestanden wurde, taucht im späteren Leben
wieder auf. Das kann mitunter sogar in der letzten Phase unseres Lebens sein.
Die Vorgehensweise jeglicher Konfliktbewältigung ist von diesem Zeitpunkt an
geprägt. Wer im Sandkasten die anderen Kinder verschlagen hat, wird später
kein kompromissbereiter Mensch werden. Wer sich stets sofort untergeordnet
hat, wird später kein Anführer sein. Die Kindheit lehrt uns vor allem eines:
Diplomatie.
5. Als Teenager haben wir die Aufgabe, uns von unserem Zuhause abzunabeln
und zu rebellieren. Wir lehnen uns gegen bestehende Regeln auf, selbst wenn
diese vernünftig und in unserem Sinne sind, denn wir müssen versuchen, auf
unseren eigenen Beinen zu stehen. Dazu brauchen wir unbedingt eigene
Regeln und Gebote. Da diese nicht immer sinnvoll sind, müssen wir noch
heftiger rebellieren und unseren Platz eben erkämpfen. Wie sollten wir sonst
jemals wissen, wer wir selbst sind, und eigenes Gedankengut entwickeln? Hier
zeigt sich, ob wir schon weit genug sind, um selbst zu entscheiden, was gut
für uns ist. Hoffentlich sind unsere Eltern im Fall der Fälle dennoch für uns da,
auch wenn wir oftmals ungerecht und ruppig zu ihnen waren. Die Abnabelung
ist der letzte wichtige Schritt der Kindheit. Alles, was weiterhin geschieht, ist
überwiegend
auf
Folgeinterpretationen
der
bisherigen
Erfahrungen
angewiesen.
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„In seiner Jugend glaubt jeder, dass die Welt eigentlich erst mit ihm angefangen
habe, und dass alles eigentlich um seinetwillen da sei.“ (Johann Wolfgang von
Goethe)
Sind wir in einer Familie aufgewachsen, die uns keinen Halt gab, dann blieben
uns zwei Möglichkeiten in der Zeit der Selbstfindung. Entweder „Augen zu und
durch“ oder „lieber doch nicht rebellieren“.
Die Pubertät dient dazu, dass ein Mensch seine angeborenen Gefühle in ihrer
tiefsten Form verspürt und somit einen realistischen Umgang mit ihnen erlernt.
Der persönliche Horizont wird sichtbar und erweitert. Jeder Mensch strömt in
eine Richtung, von der er sich einen Fortschritt verspricht.
Wem das versagt bleibt, weil er seine Jugend überspringt und nach der Kindheit
gleich erwachsen wird, der hat irreversible Defizite im psychosozialen Bereich.
Das nicht vollständig ausgekostete Ausprobieren wird ihn selbst im tiefen
Erwachsenenalter noch begleiten, denn unser gesamtes soziales System baut
auf Grenzerfahrungen mit Autoritäten auf.
Ob das Auslassen der Pubertät nun aufgrund eines Krieges, Kindesmissbrauchs,
Informationsüberflutung, Leistungszwanges oder fehlender Erziehung geschieht,
spielt letztendlich keine Rolle. Derzeit sind vor allem die Assimilation der
Geschlechter, das Fehlen tauglicher Tugenden und Vorbilder sowie die einseitige
Ausrichtung der Bildung in die materielle und wissenschaftliche Richtung für das
Fehlen dieses Entwicklungsschrittes bei vielen Menschen ursächlich.
6. In der zweiten Hälfte der Pubertät, der sogenannten Adoleszenz, also
ungefähr im Alter von 17-20 Jahren ist die Zeit für soziale Kontakte
besonderer Art gekommen. Das Gefühl der Liebe bringt uns dazu, unsere
eigenen Maßstäbe zu korrigieren, damit das andere Geschlecht Interesse an
uns findet. Ein Junge, der bislang nur Gefallen an Computern, Fußball und
Autos hatte, muss umdenken. Ein Mädchen, das nur Pferde, Boygroups und
ihr Aussehen im Kopf hatte, muss etwas tun, um interessanter für ihre
Klassenkameraden zu werden. Mittlerweile ist das Alter der ersten
Liebesbeziehungen und sexuellen Kontakte auf 12 bis 15 Jahre gesunken. Wie
das moralisch zu bewerten ist, überlasse ich den Betroffenen. Sicher ist aber,
dass die meisten Menschen in diesem Alter rein seelisch noch nicht in der
Lage sind, die gemachten Erfahrungen auch zu verkraften. Was mit 19
essentiell ist, kann fünf Jahre früher erhebliche Schäden verursachen.
Neugierig sind wir alle, aber wirklich frühreif nur wenige. Alle anderen tricksen
sich durch ihr imitiertes Erwachsensein langfristig nur selbst aus. Eltern haben
es schwer, in diesen Punkten Einfluss auf ihren Nachwuchs zu nehmen, da
gerade in dieser Zeit eine Rebellion und Ablehnung stattfindet. Dennoch
sollten sie ihren Kindern zuliebe die Folgen zu früh erworbener Erfahrungen
ansprechen.
Der Mensch braucht die Phase der Adoleszenz, muss sie aber spätestens mit
Mitte zwanzig endgültig ad acta legen, und wissen, welchen Weg er im weiteren
Leben einschlagen möchte. Unser Dasein wird mit zunehmendem Alter
komplexer; da bleibt keine Zeit mehr zum Lernen durch Versuch und Irrtum. Es
ist unumgänglich, ein funktionierendes System zu etablieren.
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7. Im frühen Erwachsenenalter besteht unsere Aufgabe darin, viele Kontakte zu
anderen Menschen zu knüpfen und uns in der Gesellschaft zu etablieren. Die
Pubertät lehrte uns, wie es nicht funktioniert, und jetzt ist es an der Zeit,
ohne Geschrei und emotionalem Chaos in der Lage zu sein, ein
verantwortungsvoller Bürger in der Gesellschaft zu werden. Eine Weile
bekommen wir noch Gelegenheit, herauszufinden, was wir aus diesem, noch
recht jungen Leben machen möchten. Alte Jugendsünden sind vergessen,
denn sie dienten nur der Orientierung. Unsere Eltern spielen eine weniger
wichtige Rolle, weshalb wir uns auch wieder mit ihnen anfreunden können.
Das Verhältnis zu ihnen ist aber ein anderes als in der Kindheit, da wir nun auf
eigenen Beinen stehen können. Jetzt stellt sich allmählich die Frage, wie es
mit uns weitergehen soll. Was ist mit einer festen Partnerschaft? Wollen wir
irgendwann Kinder? Wie soll unsere berufliche und unsere soziale Zukunft
aussehen? Nachdem wir alle Pläne sorgsam schmieden, leben wir sie
anschließend aus. Der Lebenstraum nimmt Gestalt an oder platzt. Es ist die
Phase der Eigeninitiative; wir bekommen das, was wir uns durch unser
gesamtes Verhalten verdienen. Wer spätestens ab jetzt nach einem soliden
System lebt, der sichert sich seine Zukunft. Wer indes nur planlos in den Tag
hinein vegetiert und seine Pläne nicht konsequent in die Tat umsetzt, der hat
keine Zukunft. Interessant ist diese Zeit allemal, denn hier entscheidet sich,
ob wir zu den Gewinnern oder Verlierern des Lebens gehören.
8. In unserer Lebensmitte wird dann bilanziert. So langsam aber sicher verlieren
wir unsere Jugend, und mit ihr Schönheit, Sportlichkeit und Elan. Es ist eine
Zeit, in der sich diese Verluste stetig häufen. Wir verlieren Freunde, vielleicht
den Partner und die eigenen Kinder werden flügge. Die letzten zwanzig Jahre
schienen im Flug vergangen zu sein. Unseren Beruf werden wir bald verlassen
müssen, und in unserem Bekanntenkreis gibt es die ersten Todesfälle zu
beklagen. Auch unsere Gesundheit ist nicht mehr wie mit 20 Jahren. Wir
beginnen zu überlegen, ob das schon alles in unserem Leben gewesen sein
soll, oder ob es Alternativen gab, die wir übersehen, oder bewusst ignoriert
haben. Was wäre gewesen, wenn wir unsere Jugendliebe geheiratet, oder ein
(weiteres) Kind in die Welt gesetzt hätten? Was, wenn wir den Traumberuf
ergriffen hätten, anstatt vernünftig zu sein? Egal wie wir uns damals
entschieden haben; jetzt hegen wir Zweifel daran. Und so kann es
vorkommen, dass manche Menschen im „besten Lebensalter“ alles über den
Haufen werfen, und neu beginnen wollen. Manche lassen sich aus
Torschlusspanik scheiden und suchen sich einen jüngeren Partner, um sich
selbst jünger zu fühlen. Andere lassen sich beruflich umschulen, weil sie
schon immer davon geträumt haben, einer kreativeren Tätigkeit nachzugehen.
Meistens schlagen solche Panikattacken fehl, denn so fix, wie uns der Impuls
nach Veränderung ergreift, können wir kein neues und kohärentes System
etablieren.
9. Im hohen Alter lässt der Wunsch nach Veränderung nach, und wir schließen
Frieden mit dem Leben. Wir akzeptieren, dass es jetzt nur noch kleine
Sprünge zu vollbringen gibt, und diese mit unserer bisherigen
Lebenserfahrung vereinbar sein müssen. Wir haben ein Stück Weisheit
erlangt, sind aber nicht in der Lage, ewig weiterzuforschen. Ein Neuanfang
wäre in jedem Fall zu schwer für uns. Wir isolieren uns allmählich vom
Weltgeschehen, denn neue Impulse sorgen mehr für Verwirrung, als für die
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Befriedigung unserer Neugier. Wir haben genug gesehen und erleben fortan
mehr Verluste als Gewinne. Wir vergessen gelegentlich grundlegende Dinge,
können uns aber gut daran erinnern, sie gewusst zu haben. Das tut uns
seelisch weh, und der körperlich-geistige Verfall wird sich nicht umkehren
lassen; denn anders als eine Krankheit, ist das Altern unheilbar. An frühe
Erfahrungen können wir uns zunehmend besser erinnern, weshalb wir damit
beginnen in der Vergangenheit zu leben. Und da wir nun zu schwach sind, um
uns gegen starke Emotionen zu wehren, brechen spätestens jetzt alte
psychische Wunden wieder auf. Der einzige Schutz davor ist die Flucht in die
Demenz. „Demenz“ ist lateinisch und bedeutet soviel, wie „vom Verstand
getrennt“ zu sein, also nicht mehr rational verstehen zu können. Mithilfe von
Projektion und Übertragung verhelfen alte, desorientierte Menschen ihrem
inneren Ungeheuer Ausdruck. Desorientierung ist Regression, aber ein alter
Mensch ist kein Kind. Er baut nur noch ab, leugnet dies, und lernt nur sehr
schwerfällig etwas neues hinzu. So wird für ihn der Pfleger symbolisch zum
Vater und der Medikamentenschrank zum Wohnzimmertisch im früheren
Elternhaus. Das Kissen wird in seiner Illusion zum Baby, das nie gezeugt, oder
vielleicht mit 17 Jahren abgetrieben wurde. Nun bekommen wir die letzte
Chance, verpasste Schritte unserer Entwicklung nachzuholen und die
Vergangenheit aufzuarbeiten. Man könnte meinen, jetzt mache es keinen Sinn
mehr, aber in Frieden sterben zu können wäre würdevoller, als bis zur
Erlösung nur dahinzuvegetieren.
Ich möchte nicht so weit gehen und behaupten, dass zwischen altersbedingter
Demenz und Disharmonie im Verlauf des Lebens generell ein kausaler
Zusammenhang besteht, aber ich möchte auch nicht ausschließen, dass es der
Fall sein kann. Zumindest deutet sehr vieles darauf hin, dass verdrängte
Emotionen in abstrakter Form wiederkehren und alte Schuldgefühle ihren Preis
einfordern.
Vielleicht entscheidet die Art unserer Lebensführung noch mehr über unsere
Konstitution, als es uns bislang bewusst ist. Mir ist nicht bekannt, dass auf
dieser Ebene geforscht wurde, aber eine Bestätigung dieser Theorie wäre
ohnehin nur ein weiterer Grund unter vielen, sein Leben „richtig“ und bewusst zu
führen.
Wie schon gesagt, bedeutet „Alter“ nicht automatisch „Krankheit“ oder
„Demenz“; es liegt allein bei uns, ob wir geistig auf der Höhe bleiben möchten,
oder weitere Prüfungen meiden. Wer im Alter über gesundheitliche und seelische
Mängel klagt, hat den Grundstein hierfür meist schon 30 Jahre zuvor gelegt. Auf
den Zusammenhang von unserer Psyche und gewissen Krankheiten werde ich
noch ausführlich eingehen.
Keinesfalls sollten wir in irgendeinem Alter stur und unbelehrbar werden, denn
das verhindert jegliche positive Entwicklung. Gleich, für wie klug wir uns auch
halten, wir können immer noch etwas dazulernen.
„Der Jugend wird oft der Vorwurf gemacht, dass die Welt mit ihr erst anfange.
Aber das Alter glaubt noch öfter, dass mit ihm die Welt aufhöre.“ (Friedrich
Hebbel)
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Betreuern und Angehörigen dementer Personen möchte ich das Prinzip der
„Validation“ ans Herz legen. Diese spezielle Kommunikationstechnik dient dazu,
mit alten, desorientierten Menschen über deren Gefühle in Kontakt zu treten.
Wenn die Einsicht verlorengeht und die Logik nicht mehr greift, ist Empathie die
einzige Brücke zwischen zwei Menschen. Mithilfe der Validation lassen sich
versäumte Lebensetappen zwar weder analysieren noch nachholen, aber dem
Betroffenen ein Gefühl dafür geben, dass nicht alles in seinem Leben umsonst
gewesen ist. Wenn ein Mensch das Gefühl hat, trotz seiner Fehler akzeptiert zu
werden, dann ist er etwas wert und findet inneren Frieden.
Leider ist das Feedback dementer Menschen sehr gering, und letztendlich wissen
nur sie selbst, was in ihnen vorgeht. Die Interpretation ihrer bizarren
Abstraktionen kann nur erfolgen, wenn uns ihre Biographie bekannt ist. Ähnlich
wie in der Traumdeutung sind die Trugbilder auch hier individuell verschlüsselt,
allerdings ist ihr „Verfasser“ nicht mehr in der Lage, uns bei der Dechiffrierung
behilflich zu sein.
2) Unsere letzte Reise
In unserem Bewusstsein wird diese Tatsache zwar gerne verdrängt, aber zuletzt
erfolgt immer der Tod. Er ist die letzte Etappe des Lebenszyklus und stellt in
gewisser Weise auch unsere letzte Prüfung dar. Je nachdem wie wir gelebt
haben, können wir die Welt wieder verlassen. Als wir das Licht der Welt
erblickten, haben wir geschrien und die Menschen um uns herum gelacht. In
Würde stirbt ein Mensch, dem es gelingt, dass bei seinem Ableben, alle um ihn
herum trauern, er sich aber selbst darauf freuen kann. Er hat alles vollbracht,
und es spricht für ihn nichts dagegen, den Kreislauf des Lebens zu schließen.
Wirkliche „Freude“ kann uns der Tod natürlich nicht bescheren, aber zu einem
verbitterten Klammern ans nackte Überleben sind nur diejenigen verdammt, die
in guten Tagen immer alles auf „Morgen“ verschoben haben. Sie sehen auf dem
Sterbebett ihre Felle davonschwimmen und fühlen sich vom Leben betrogen.
Wer aber zu jeder Zeit sein Leben ausgeschöpft und dessen Prüfungen
bestanden hat, der sorgt sich zu diesem Zeitpunkt nur noch um diejenigen
Menschen, die er zurücklassen muss
Der Tod gehört zum Leben, er ist das Yin innerhalb des Yang. Es besteht
eigentlich immer die Möglichkeit zu sterben. Es kann uns jederzeit ein Unfall
geschehen oder eine Diagnose auf Krebs gestellt werden. Aus heiterem Himmel
würden wir aus dem Leben gerissen. Sind wir darauf vorbereitet?
Vermutlich nicht, und das muss auch nicht sein. Wir müssen uns nicht aktiv auf
den Tod vorbereiten, denn er wird uns schon finden. Wir sollten die Tatsache,
dass wir definitiv sterben werden, und dies nur eine Frage der Zeit ist, weder
verdrängen, noch uns ständig verrückt damit machen.
Wer sein Leben harmonisch führt, der sollte weder am Tod noch am Leben
hängen. Der tiefe Glaube an eine höhere Macht kann uns darin unterstützen und
uns die notwendige Gelassenheit schenken. Ich denke, der angemessene
Umgang mit dieser Materie erfordert eine Reife, wie sie erst im höheren Alter
anzutreffen ist. Daher möchte ich mich nicht noch weitergehend dazu äußern,
sondern lieber eine Aussage zitieren, die meines Erachtens auch auf das Leben
und sein Ende vollends zutrifft:
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„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer die Trennung. Aber die
Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.“ (Dietrich
Bonhoeffer)
II. Erziehung
Wir konnten sehen, dass der Beginn unserer Existenz besonders wichtig für
unser restliches Leben ist. Doch an unserem eigenen Lebensbeginn können wir
nichts mehr ändern, falls er nicht so glücklich verlief. Aber es ist möglich,
unseren Kindern einen prächtigen Start in ihr Leben zu geben. Oder sollten wir
lieber auf Kinder verzichten, um unser eigenes Leben verstärkt zu fördern?
1) Kinderwunsch
Eine grundsätzliche Frage, die sich jeder erwachsene Mensch stellen muss, ist
die, ob er Kinder haben möchte oder nicht. Dies ist eine äußerst wichtige Frage,
die sehr gut bedacht, und mit dem Partner intensiv besprochen sein sollte. Es ist
eine Entscheidung, die das gesamte weitere Leben verändert, und nicht
rückgängig zu machen ist.
Wir benötigen sehr viel Zeit und Geld für die Erziehung unserer Kinder und
tragen sowohl eine große Verantwortung, als auch eine hohe moralische
Verpflichtung. Das Leben, das wir bisher führten, wird unwiderruflich vorbei sein.
Ist das schlimm? Nicht unbedingt, denn wir gewinnen ein neues Leben, ein
tieferes und wichtigeres Dasein, denn wir werden von nun an wirklich gebraucht.
Nicht nur unsere Arbeitskraft, Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern unsere
Person. Unsere Persönlichkeit wird geprüft, und muss den rapiden
Veränderungen in der Entwicklung des Kindes standhalten.
Erziehung ist kein Spaziergang, denn das Verhältnis zu unserem Partner
bekommt ebenso eine andere Bedeutung, wie das zu unseren Geschwistern,
Freunden und Kollegen. Uns wird klar, dass wir fortan nicht mehr nur für uns
selbst leben, denn unser Wirken, unsere Gesundheit und unsere Lebensfreude
determinieren die seelische Basis unseres Kindes.
Es muss auch bedacht werden, dass ein Kind eventuell behindert zur Welt
kommt. Wären wir der zusätzlichen Belastung auch noch gewachsen? Was ist
mit unserem eigenen Leben? Haben wir die nötige Reife und Erfahrung, um
einen anfangs völlig dependenten Menschen altruistisch zu führen?
Wer sich diese Fragen stellt, der muss zunächst klären, wie seine momentane
soziale Situation aussieht. Haben wir einen festen Partner, der wirklich zu uns
passt und seinerseits Kinder möchte? Wer sich um seine Zukunft erst Gedanken
macht, wenn ein Kind schon unterwegs ist, der ist ebenso rücksichtslos wie
töricht. Solange es um das eigene Leben geht, darf jeder leichtsinnig sein;
betrifft es aber die Entwicklung eines Kindes, hört diese „Freiheit“ auf. Mehrere
traurige Fehlentwicklungen häufen sich in unserer Zeit:
• Der allgemeine Trend geht hin zu alleinerziehenden Müttern. Ohne dieser
Gruppe zu nahe treten zu wollen: Für die Entwicklung eines Kindes ist ein
Vater vorgesehen! Nun gibt es zugegebenermaßen unabwendbare Gründe,
weshalb Beziehungen zerbrechen. Doch ist es weitaus sinnvoller, seine
Partnerschaft auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor ein Kind erwartet wird.
Meist wurde die Familiengründung übereilt, weshalb die Stabilität der
Familienstruktur auch nicht auf Jahrzehnte ausgelegt war.
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• Es gibt auch immer öfter „Patchworkfamilien“, die deshalb so heißen, weil sie
Flickenteppichen gleichen. Die Kinder stammen aus verschiedenen
Partnerschaften, und sind zum Teil räumlich übers Land verstreut. Zusätzlich
zu den mitgebrachten Kindern wird dann noch ein gemeinsames gezeugt, um
den Zusammenhalt des neuen Paares zu bekräftigen. Es ist unnötig zu
erwähnen, dass es Kinder in solchen Konstellationen ungleich schwerer haben,
als in der „klassischen“ Familie.
• Das Problem vieler Singles, die partout keine Kinder wollen, wird sich erst im
Alter zeigen. Mit 30 Jahren mag es noch sehr reizvoll sein keine festen
Bindungen einzugehen. Alleine ist es einfacher, sein Leben zu gestalten. Keine
mühseligen Absprachen und keine Kompromisse versperren den Weg in die
große Freiheit. Doch was ist, wenn diese Singles einmal alt sein werden? Wer
kommt sie im Seniorenheim besuchen? Wer kümmert sich um sie? Meistens
haben solche Menschen einen großen Bekanntenkreis mit vielen
Gleichgesinnten. Das erleichtert ihnen schon in jungen Jahren, mit der
gelegentlich aufkommenden Einsamkeit fertig zu werden. Aber ist es
wahrscheinlich, diesen Bekanntenkreis noch bis ins hohe Alter hinein zu
bewahren? Einige der Singlekameraden merken vielleicht irgendwann, dass es
doch schöner ist, eine Familie zu gründen, andere sterben frühzeitig. Die
Übriggebliebenen sind schließlich selbst alt und könnten mit ihren ehemaligen
Freunden nur in der Vergangenheit schwelgen. Altruismus brauchen Singles
nicht zu erwarten. Da sie selbst für die Gesellschaft, außer zu arbeiten, nichts
getan haben, bekommen sie im Alter auch nichts von ihr zurück.
• Die Hauptprobleme unserer Zeit sind aber anderer Natur. Die Kinder, die nicht
gezeugt wurden, können auch nicht leiden. Anders ergeht es denen, die „aus
Versehen“ ihr Leben erhielten. Die vielen ungewollten Schwangerschaften
erzeugen im Endeffekt Menschen, die keiner haben wollte; ein schlimmes Los
für die Betroffenen. Jedes Kind fragt irgendwann seine Eltern, wieso es denn
auf der Welt ist, vor allem diejenigen, die das Gefühl haben, nicht wirklich
geliebt zu werden. Besonders problematisch ist die große Zahl der jungen
Mütter, die teilweise schon mit 13 Jahren ihr Kind zur Welt gebracht haben.
Grund hierfür ist die Unreife der Mütter, die zwar sexuelle Kontakte eingingen,
aber bei Weitem noch nicht bereit dazu waren, die möglichen Konsequenzen
abzusehen.
• Manche Frauen werden auch „ungewollt“ schwanger, weil sie sich unbewusst
ein Kind wünschen, und nur aus Vernunft keines bekommen wollten. Oder
weil der Partner keines möchte, sie aber schon. Da greift dann auch die Pille
nicht, wenn der Wunsch stärker ist. Selbstverständlich würde eine hormonelle
Empfängnisverhütung pharmakologisch gesehen funktionieren, aber nicht,
wenn die Einnahme der Pille „vergessen“ wird.
Jeder erwachsene Mensch darf seine Kinder erziehen, muss aber keine
Ausbildung machen oder Prüfung absolvieren, die ihn dafür als „geeignet“
ausweist. Dabei gibt es für beinahe alle anderen Bereiche des Lebens
„Führerscheine“ oder Eignungstests, aber nicht dort, wo sie am wichtigsten
wären.
Natürlich ist es ein Grundrecht des Menschen, sich ungehindert fortpflanzen zu
dürfen, aber mit dem Akt der Zeugung beginnt erst die Herausforderung. Es sind
immense Kenntnisse nötig, um dem Kind ein Dasein zu ermöglichen, das es
würdig ist, „Leben“ genannt zu werden.
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Theorie als Basiswissen ist notwendig, sollte aber unbedingt mit der Praxis
korrelieren. Es ist folglich entscheidend, wie intensiv das eigene Lebenssystem
auf Praxistauglichkeit geprüft wurde. Wer selber „gerade mal so“ zurechtkommt,
der sollte lieber auf Kinder verzichten. Die Tatsache ein Kind zeugen oder
gebären zu können macht aus jemandem nicht zwangsläufig einen
verantwortungsbewussten Menschen.
2) Der Leistungsdruck in den Schulen
Kinder können etwas, das wir als Erwachsene leider weitgehend verlernt haben,
nämlich staunen. Die Naturwissenschaften haben unsere Welt derart entzaubert,
dass sie uns allerhöchstens „bizarr“ erscheint, aber nicht „einzigartig“,
„umwerfend“ oder „hinreißend“.
Kinder sind noch richtige Entdecker; ihnen liegt mehr am Verstehen und
Handeln, als am Katalogisieren und Bewerten. Sie sehen die positiven Aspekte
und nicht das, was fehlerhaft ist. Sie verstehen, dass sie sich in ihr Umfeld
integrieren, und nicht dieses künstlich verändern müssen, um darin besser zu
leben.
Ihre Neugier wird ihnen von der Gesellschaft dadurch ausgetrieben, da sie zum
Zwang wird. Kinder dürfen eigentlich kaum noch Kind sein, weil sie in dem
Tempo erwachsen werden müssen, das ihnen von außen auferlegt wird.
Wenn öffentlich über Kinder und Jugendliche gesprochen wird, dann meist unter
Ausschluss dieser Gruppe. Im Vordergrund des Interesses steht ihre berufliche
Qualifikation und nicht ihre Zufriedenheit und Lebensqualität. Da wir für die
nächste Generation immer „das Beste“ wollen, schrecken wir nicht einmal davor
zurück, Regeln für sie festzusetzen, die wir selbst nicht einhalten könnten.
„Der modische Irrtum ist, dass wir durch Erziehung jemand etwas geben
könnten, das wir nicht haben.“ (Gilbert K. Chesterton)
Diejenigen
Menschen,
die
heutzutage
nach
„Wirtschaftsausbildung“,
„Biowissenschaften in der Schule“ und „Unterricht im Internet“ rufen, mussten in
ihrer Schulzeit nur Schillers „Bürgschaft“ und Mengenlehre pauken. Aber ihre
Kinder sollen „klonen“ können. Sicher, die Zeiten haben sich geändert; aber
Kinder sind nach wie vor Kinder!
Besonders ehrgeizige Eltern gehen noch einen Schritt weiter, und planen
regelrecht den Tagesablauf ihrer Sprösslinge; von der Musikschule am
Nachmittag bis zum Sport am Abend. Das körperliche und intellektuelle Niveau
wird streng gefördert, von der allmorgendlichen Milch bis zur Rückenschule, aber
auf die seelische Verfassung wird kaum Rücksicht genommen.
Dabei haben Kinder ein Recht darauf, noch nicht „das Ganze“ überblicken zu
müssen! Wenn zu dem gewöhnlichen Drill auch noch hinzukommt, dass die
Kinder in der Schule hervorragende Leistungen hervorbringen müssen, dann
wird der Druck zerstörerisch groß.
Die Folge ist, dass sich immer mehr Kinder missverstanden und ungeliebt fühlen,
und sich das Leben nehmen. Zwar wird offiziell die Schuld den Videofilmen,
Computerspielen und dem „Heavy Metal“ zugeschanzt, aber wer ehrlich ist,
kennt den wahren Grund für diese traurige Entwicklung. Dem Druck, den unsere
durchplante Welt auf jedes Individuum ausübt, ist nicht jeder Mensch
gewachsen. Vor allem Kinder sind in besonderem Maße schutzbedürftig. Wenn
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sie sogar von ihren eigenen Eltern dem Drill ausgesetzt werden, bleibt ihnen
eben oft nur noch eine Fluchtmöglichkeit.
Ich plädiere deshalb dafür, dass mindestens zwei Wochenstunden dem Fach
„Lebenskunde“ gewidmet werden, in dem schon junge Kinder lernen, was es
bedeutet, in unserer Gesellschaft zu leben, und ihrerseits unzensiert die Realität
schildern können, die sie erleben. Einfach mal über die eigenen Gedanken reden
zu können, und nicht nur irgendwelches Wissen eingetrichtert zu bekommen,
könnte vielen Kindern die Irrwege ersparen, die sie sonst später einschlagen
würden. Ich kenne auch keinen einzigen Erwachsenen, der von einem Kind nicht
noch etwas über das Leben lernen könnte!
3) Kinder lernen anders
Im Erwachsenenalter, und auch schon früher, ist es möglich, kleinere Lücken im
Mosaik durch „Fremderfahrungen“ zu schließen. Aber grundlegende Erlebnisse
und Gefühle des gesamten Spektrums müssen am eigenen Leib erfahren
werden.
Je nach Talent und Fortschritt passt man als Lehrer und Erzieher das jeweilige
Niveau und Lerntempo an das Kind an. Maßstab ist aber nicht das maximal
Erreichbare aus der Sicht eines Erwachsenen, sondern das, was das Kind von
sich aus bereit ist, in seine Entwicklung zu investieren. Kein Kind wird
intelligenter, nur weil es zum Lernen gezwungen wird.
Ein Kind stößt überall auf Probleme, da es noch nicht weiß, wie es sich und seine
Fähigkeiten einsetzen kann. Eine Abgrenzung und Differenzierung von
Schwierigkeitsgraden ist deshalb unumgänglich. Wenn es beispielsweise noch
nicht laufen kann, sondern sich krabbelnd auf allen Vieren fortbewegt, dann
stößt es auf die Herausforderung, eine Treppenstufe zu erklimmen. Das Kind
sieht, wie die Erwachsenen dieses Hindernis bewältigen, und merkt, dass es die
Technik, auf zwei Beinen zu gehen, noch nicht beherrscht.
Gleichzeitig möchte es seine Eltern aber nachahmen, und probiert solange
herum, bis es einem Weg zur Überwindung der Barriere gefunden hat. Vor allem
der gleichgeschlechtliche Elternteil wird dabei imitiert. Nicht nur in Form seiner
Stimme und Bewegungen sondern ebenso seine emotionale Fasson und sein
Temperament.
Das ist auch ein weiterer Grund, weshalb ein Kind beide Elternteile braucht,
denn nur beide gemeinsam sind in der Lage, alle genetisch angelegten Talente
und Potentiale ihres Kindes zu fördern.
Der Erfolg einer bestandenen Hürde stärkt das Selbstbewusstsein und das
Selbstvertrauen. Gemäß seiner Motivation fallen solche „Experimente“
unterschiedlich häufig aus. Wenn es ein Kind nicht alleine schafft, die
Zusammenhänge nicht versteht, oder auch einfach nur etwas bequem ist, wird
es die Eltern selbsttätig um Hilfe bitten. Und je nach deren Resonanz geschieht
das unterschiedlich oft. Stück für Stück kann sich so ein junger Mensch selbst
entdecken und weiterentwickeln.
Aufpassen müssen, wie gesagt, besonders ehrgeizige Eltern, die ihr
Leistungsdenken auf das Kind übertragen wollen. Sie überfordern damit ihr Kind
permanent und zerstören dessen eigene Motivation. Vor allem werden damit
auch nicht die tatsächlichen Fähigkeiten des Kindes, sondern die Wünsche seiner
Eltern gefördert. Beispielsweise bringt es, wie die Erfahrung zeigt, herzlich
wenig, sein Kind zum Klavierspielen zu zwingen, denn selbst wenn sich „Erfolge“
einstellen, wird das Hobby zur Qual. Das Kind wird sich zwar nicht wehren, weil
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es nicht wüsste, wie, verliert aber seine Eigenmacht und sein Interesse an
Weiterbildung. Seine Lebensführung und Willensbildung werden ihm regelrecht
abgenommen.
„Man hilft den Menschen nicht, indem man für sie tut, was sie selbst tun
können.“ (Abraham Lincoln)
Die Schule fördert auch nicht gerade die kindliche Art zu lernen. Dort erhält man
ausschließlich Antworten auf Fragen, die man nie gestellt hat! Es wird lediglich
Wissen eingetrichtert, das im jeweiligen Alter noch zu abstrakt ist. Gelerntes
muss Anwendung finden und brauchbar sein, sonst nimmt es nur Platz weg.
Zu wissen, welche Markenkleidung „in“ ist, ist auf dem Schulhof wichtiger, als
Aufgabenstellungen berechnen zu können, bei denen man gar nicht versteht,
warum sich eine solche Frage überhaupt stellt. Natürlich muss die richtige
Mischung gefunden werden, zwischen notwendigem Wissen, und solchem, das
für das Kind interessant ist. Lernen sollte aber stets genussreich, belehrend und
befriedigend sein, da sonst der erzielte Effekt gering ausfällt.
Der gelungene Lernprozess ist am Besten durch eine Wirkung zu verstehen.
Anhand des Resultates erkenne ich, ob ich etwas richtig gemacht habe. Wenn
ich eine Katze streichle, und sie schnurrt, dann habe ich ein unmittelbares
Erfolgserlebnis. Wenn sie mich kratzt, dann habe ich eindrucksvoll erfahren,
dass ich etwas falsch gemacht habe.
Die Schule bietet einen mageren Ersatz für gelungene Experimente und
erbrachte Leistung. Wer nach gewissen, von anderen Menschen festgelegten
Gütemaßstäben eine praktische, soziale, künstlerische aber vor allem,
intellektuelle Leistung erbracht hat, bekommt eine gute Note dafür. Doch das ist
bedeutungslos für die meisten Kinder. Anerkennung und Aufmerksamkeit, das
wäre etwas anderes, aber eine gute Note erregt daheim allerhöchstens
Aufmerksamkeit, wenn es bislang eher schlechte Zensuren gab. Und selbst in
diesem Fall wirkt der positive Trend nur kurzzeitig interessant. Eine Note ist für
ein Kind das, was für einen Erwachsenen eine buntbedruckte Urkunde in einem
Plastikrahmen ist; nämlich wertlos!
Welches Kind hat bereits in der Schulzeit den Ehrgeiz, gute Noten für sich selbst
zu erwerben? Meist sind es doch die Eltern, die darauf aus sind, dass ihre Kinder
gut in der Schule sind. Die Kinder wiederum erhoffen sich so, das Wohlwollen
ihrer Eltern zu sichern.
Dabei handelt es sich nicht länger und das kindliche Spiel, sondern um Training.
Die Kinder werden abgerichtet, oder tun dies selbst, weil sie sich um
Aufmerksamkeit bemühen. Auf Kosten von Kreativität, sozialem Verhalten und
einer ungestörten Entwicklung, werden diese „kleinen Erwachsenen“ zu lebenden
Datenspeichern erzogen. Dabei können die Kinder dieses „Spiel“ nur verlieren.
Wenn sie die Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen, werden sie zusätzlich zur
Demütigung einer schlechten Zensur, auch noch die Konsequenzen daheim zu
spüren bekommen. Anstatt spielen zu dürfen, um wieder zu neuen Kräften zu
gelangen, werden sie zum weiteren Lernen angetrieben.
Gelingt es einem Kind jedoch, immer das Beste seiner Klasse zu sein, so erlernt
es weder den Umgang mit Niederlagen, noch mit seinen eigenen Wünschen.
Sein Sieg war eigentlich der seiner Eltern, die ihr Kind erfolgreich abgerichtet
haben. Dafür bekommen sie dann auch die gute Note. Glückwunsch!
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Dass solche ehemaligen Spitzenschüler im Erwachsenenalter dennoch keine
Spitzenpositionen besetzen, zeigt zudem die Sinnlosigkeit in dieser
Vorgehensweise. Improvisationstalent, Ausdauer und Ausgeglichenheit helfen
einem mehr durchs (Berufs-) Leben, als auswendiggelerntes Wissen und
rückgratlose Unterwerfung.
„Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“ (Albert Einstein)
Dass
auch
Einstein
heutzutage
fast
ausschließlich
wegen
seiner
wissenschaftlichen Arbeit bekannt ist, nicht aber, wegen der ihm selbst
wichtigeren Philosophie, zeigt, für welche Art der Intelligenz es in unserer
Gesellschaft Anerkennung gibt.
Wenn wir sagen, unser Kind soll es später mal „zu etwas bringen“, dann meinen
wir damit selten, dass es „glücklich“ werden soll, sondern in aller Regel
beruflichen und finanziellen Erfolg.
4) Einseitigkeit in der Erziehung
Ein Problem, das bislang wenig Beachtung in der Öffentlichkeit findet, ist die
hierzulande einseitig weiblich geprägte Pädagogik. In den meisten Familien fehlt
der Vater in der Erziehung, da die Mutter entweder alleinerziehend ist, oder der
Vater erst spät von der Arbeit heimkommt. Im Kindergarten und in der
Grundschule werden die Kinder ebenfalls überwiegend von Frauen erzogen, die
ihnen auch ausschließlich weibliche Verhaltensweisen zeigen können.
Dies mag einer der Gründe dafür sein, warum einige Männer im späteren Leben
einen regelrechten Hass auf Frauen bekommen, der sich auch in Aggressionen
äußert. Besonders Jungen brauchen ein männliches Vorbild, müssen männliche
Spiele spielen und sich ein Bild davon machen, wie sie sich verhalten können.
Diese Aussagen entspringen keineswegs einem antiquierten Rollendenken,
sondern entsprechen lediglich den Tatsachen, wie sie die Natur erschafft. Es gibt
keine geschlechtsneutralen Menschen, daher ist es falsch, auch nur eine Hälfte
der Geschlechter in der Erziehung zu repräsentieren, somit die Wirklichkeit zu
verzerren und Identitätsprobleme in den Kindern vorzuprogrammieren.
Weibliche Erzieher sind vermutlich sogar besser als Männer, da Frauen seit jeher
diesen Aufgabenbereich übernommen haben, und meist einfühlsamer und
verständnisvoller als Männer sind. Doch woran soll sich ein kleiner Junge
orientieren?
Es ist nicht die Gefahr, dass diese künftigen Männer zu „weich“ werden, aber es
fehlt ihnen an Ausgeglichenheit. Ein Junge ist von Geburt an wilder und
abenteuerlustiger als ein Mädchen. Das ist genetisch und hormonell bedingt,
wird aber durch unsere Art der Erziehung missachtet. Er kann sich nicht richtig
austoben und vernachlässigt seine männliche Seite. Das hat ähnliche Folgen wie
eine Inhaftierung, da dem natürlichen Bewegungsdrang und der Rangbildung
nicht nachgegeben werden kann. Meist wird diese Vernachlässigung erst im
Erwachsenenalter zum Problem, wenn sich Männer und Frauen wieder in Beruf
und Privatleben treffen und arrangieren müssen.
Ich halte Emanzipation und Gleichberechtigung grundsätzlich für richtig, bin aber
der Ansicht, dass sich dies nur auf Chancen und Rechte auswirken darf. Eine
generelle Gleichmacherei der Geschlechter in der Erziehung kann nicht die
Lösung sein, da sie widernatürlich ist. Überhaupt könnte die wirkliche
Gleichberechtigung damit beginnen, indem Männer ihre Rolle in der
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Kindererziehung verstärkt wahrnehmen, dafür aber im Gegenzug nicht vom
weiblichen Teil der Gesellschaft belächelt werden, wenn sie es auch tatsächlich
tun.
5) Voraussetzungen für jede sinnvolle Erziehung
Kinder sind das Wertvollste, das wir haben. Ich sage bewusst nicht „besitzen“,
denn auch als ihre Eltern nehmen wir an ihrem Leben nur teil. Kinder bereichern
unser Leben und führen es fort, wenn wir sterben.
Es ist gut, dass jede neue Generation von Neuem beginnen muss, denn Kinder
sind weitaus anpassungsfähiger als Erwachsene. Sie kommen mit ihrer Welt
besser zurecht, als die Generation davor, und das nicht zuletzt deshalb, weil sie
hineinwachsen. Fortschritt bedeutet immer auch ein Loslassen alter
Vorstellungen. Da Kinder aber noch „unbeschriebene Blätter“ sind, müssen sie
nicht erst vergessen. Sie beobachten zu können, wie sie ihre Schlüsse ziehen,
gibt auch uns die Chance, mit ihnen gemeinsam unsere Welt zum zweiten Mal zu
entdecken.
Kinder entwickeln sich meist entsprechend ihrer Eltern; entweder werden sie
ihnen im späteren Leben sehr ähneln oder das genaue Gegenteil von ihnen
darstellen. Letzteres versuchen sie zumindest in der Pubertät, damit der
Unterschied zwischen ihrem eigenen Willen und dem ihrer Eltern hinreichend
groß für eine Abnabelung ist.
Sind die Eltern erzkonservativ, geben sich die Kinder übertrieben liberal und vice
versa. Das verdeutlicht, wie sinnvoll es nicht nur für uns selbst, sondern auch für
unsere Nachkommen ist, wenn wir einen gesunden Mittelweg einschlagen. Wenn
wir kein Extrem verkörpern, werden es auch unsere Kinder nicht tun, denn eine
spiegelbildliche Unterscheidung von uns ist dann genauso wenig möglich, wie
nötig.
Wir konnten sehen, dass die ersten fünf Jahre die wichtigsten im Leben eines
Menschen sind, und in dieser Zeit ein Grundstein gelegt wird, der uns unser
ganzes Leben lang stützt. Fehler in der Erziehung, aber auch positive Erlebnisse
aus dieser Zeit sind zwar größtenteils in späteren Jahren „vergessen“, aber
deren Auswirkungen auf unsere Grundeinstellung, mit der wir dem Leben, seinen
Herausforderungen und unseren Mitmenschen begegnen, tragen wir stets mit
uns herum.
Unser Charakter ist überwiegend angeboren, aber die Ausprägung unserer
Stärken und Schwächen wird durch unsere Erziehung maßgeblich bestimmt. Wir
bringen ein „Gefäß“ mit auf diese Welt, aber „füllen“ müssen es zunächst unsere
Eltern, denn alleine würde es uns nicht gelingen, die gemachten Erfahrungen in
einen brauchbaren Kontext zu stellen. Und da wir in den ersten Jahren in der
Regel den stärksten Bezug zu unseren Eltern, respektive Pflegeeltern oder
Erziehern haben, stehen sie auch in der Verantwortung, unsere Zukunft zu
ermöglichen.
Viele Elternpaare sind bereits mit den „technischen“ Problemen maßlos
überfordert, wie Windeln zu wechseln, zu stillen, zu füttern, das Kind zu baden
und Zeit für ihren Nachwuchs aufzubringen. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten sie
sich nur um sich selbst kümmern, sind routiniert in ihrem Alltag und trugen nur
wenig Verantwortung. Doch mit einem Mal änderte sich das alles.
Und genau hier entscheidet sich sowohl die weitere Zukunft des Kindes, als auch
die seiner Eltern. In unserer Zeit, in denen Kinder „unserer Karriere im Weg
stehen“ und „eine Bedrohung im Straßenverkehr darstellen“, ist es längst nicht
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mehr selbstverständlich, sich ihnen zuliebe einige Gedanken zu machen. Was
bedeutet es eigentlich, ein Kind zu erziehen? Können wir es uns wirklich
erlauben, einfach alles auf uns zukommen zu lassen und aus Fehlern zu lernen?
Unsere Fehler prägen das Kind auf Jahrzehnte; es zu sehr zu behüten oder
bequemerweise den Fernseher zum Babysitter zu ernennen, können seiner
Persönlichkeit dauerhaft und sehr massiv schaden. Es lohnt sich also, sich die
Zeit zu nehmen und sich, am besten gemeinsam mit dem Partner, aktiv
Gedanken zu machen, über ein Geschöpf, das zumindest am Anfang völlig auf
unser Handeln angewiesen ist.
Und hier zeigt es sich bereits deutlich, dass solche Ideen nicht innerhalb von
neun Monaten erworben, ausgereift und umgesetzt werden können. Diese Zeit
ist zwar relativ lang, aber ein Minimum, wenn wir die Aufgaben bedenken, die
uns bevorstehen. Eltern müssen vor allem drei Aufgaben bewältigen:
1. Grenzen ziehen, also Gebote und Verbote aussprechen und, deren Einhaltung
überwachen und sanktionieren.
2. Aufpassen, damit ihren Kindern bei der Erkundung der Welt nichts geschieht.
3. Perspektiven eröffnen, also Angebote zur Entfaltung der Neugier und des
Spieltriebes liefern.
Experimente können wir uns erlauben, solange wir uns „nur“ um uns selbst
kümmern müssen. Was spielt es für eine Rolle, ob wir mit 18 oder 25 Jahren den
Führerschein machen, oder ob wir pubertäre Angewohnheiten noch mit 30
Jahren hegen?
Ein Kind lässt uns diese Zeit jedoch nicht. Wir können es nicht die ersten vier
Monate ignorieren, nur weil wir noch keinen Plan ausgearbeitet haben, oder
unkoordiniert handeln, in der Hoffnung, per Zufall eine gute Mischung aus
Zuneigung und Strenge zu treffen.
Wir müssen dem Kind ein gutes Vorbild sein, also spätestens ab seiner Geburt
auch konsequent an uns selbst arbeiten. Allein dadurch, dass das Kind sieht, wie
sehr wir uns mit unseren eigenen Fehlern beschäftigen und daraus etwas lernen,
wird es ermutigt, dies selbst auch zu wollen und zu tun.
Ein solches System kann aber nur greifen, wenn wir es rechtzeitig verinnerlicht
haben und selber konsequent danach leben. Nur das intuitive Wissen, das
Verständnis und selbstverständliche Tun, wird uns bei der Erziehung dauerhaft
von Nutzen sein. Es ist nicht möglich, sich für mehr als 18 Jahre zu
konzentrieren und nach einer „Anleitung“ zu handeln.
Es gibt viele Meinungen zum Thema Erziehung. Das Spektrum reicht wie immer
von einem Extrem zum anderen. Einige Pädagogen propagieren Strenge und
Gehorsam, andere sind für völlige Freizügigkeit. Beide Seiten können gute
Gründe nennen, um ihre Thesen zu belegen, doch werdenden Eltern spendet
diese Debatte eher Verwirrung als Klarheit. Zwei Dinge stehen jedenfalls fest:
1. Es ist unser Kind und wir sollten es nach bestem Wissen und Gewissen
erziehen. Schließlich ist es ein Teil von uns und unserem Partner, und durch
nichts zu ersetzen.
2. Kinder haben eine andere Realität als Erwachsene. Wollen wir erfolgreich sein
mit unseren Vorhaben, dann kommen wir nicht darum herum, selbst
dazuzulernen und unsere Kinder zu verstehen.
257/470
Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt ihn nicht, den allgemeingültigen und
richtigen Weg. Wie in allen anderen Bereichen des Lebens lassen sich auch hier
keine universellen Regeln aufstellen, die eine glückliche Kindheit und einen
guten Übergang in das Erwachsenenleben garantieren. Aber das ist kein Grund
zu resignieren, denn auch hier gibt es wieder zahlreiche Prinzipien, die wir von
vorneherein integrieren oder ausschließen können.
Anhand weniger Denkanstöße, der Kenntnis unserer eigenen Persönlichkeit, der
unseres Partners und, ganz wichtig, der des Kindes, können wir einen Weg
finden, der dem harmonischen System entspricht. Erziehung muss kein Kampf
sein, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Es ist auch sehr gut, wenn wir
unsere Kinder nicht alle auf die gleiche Art, nach einem strikten Schema
erziehen, denn das vergrößert die Vielfalt der Persönlichkeiten innerhalb der
nächsten Generation.
6) Antiautoritäre Erziehung
Wer einen Blick in die heutigen Kindergärten und Klassenzimmer wirft, bemerkt,
dass
es
zunehmend
verhaltensauffällige
Kinder
gibt.
Aggressivität,
Konzentrationsprobleme, Lernschwierigkeiten und Ängstlichkeit sind die
Symptome, die sich seit einigen Jahren deutlich herauskristallisieren. Kleine
Aufmerksamkeitsspannen und die ständige Bereitschaft, jeder Ablenkung
nachzugehen, sind Merkmale dieser Kinder.
Stillzusitzen fällt ihnen schwer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren noch
mehr. Es findet ein regelrechtes „hopping“ statt, bei dem sich die Kinder
gegenseitig wie Dominosteine aufstacheln und zum Umherspringen animieren.
Die Reizüberflutung, die unser modernes Leben mit Reklame, Fernsehen und
Computern bietet, ist für viele Kinder zu groß, sodass sie von Anfang an
überfordert damit sind.
Sie sind zwar in der Lage, die Technik einwandfrei zu bedienen, können aber
psychisch nicht damit umgehen, also beispielsweise selber entscheiden, wie viele
Stunden sie täglich mit diesen Medien verbringen sollten, und welche
Alternativen es zu ihnen gäbe.
Ihr resultierendes Verhalten gleicht einer Absence der Vernunft, während sie von
ihren emotionalen Impulsen gelenkt werden. Aus dem Stand heraus kann es zu
einem unkontrollierten Wutausbruch und destruktiver Aggression kommen, die
im nächsten Moment wieder verschwindet. Eigentlich ist das ein verständliches
Verhalten, denn die Kinder wehren sich gegen ihre inkohärente Gefühlswelt. Sie
versuchen durch dieses abstruse Ablenkungsmanöver wieder in den Vollbesitz
ihrer Gefühle zu kommen.
In ihrer Elterngeneration gab es kaum hyperaktive Kinder. Natürlich wurde
gebalgt, es gab auch mal ein blaues Auge, aber das geschah aus einer anderen
Motivation heraus. Wild um sich zu schlagen, bedeutet immer eine generelle
Abwehr, und ist mehr ein Akt der Rangbildung oder Rache.
Viele heutige Kinder scheinen regelrecht neurotisch und soziopathisch zu sein.
An schulischer Intelligenz mangelt es ihnen zwar nicht, wohl aber an
Selbstmanagement, Disziplin und Remotivation. Doch woher kommt dieses
Phänomen? Die Antwort ist einfach: Einerseits liegt dies an der bereits
erwähnten Technisierung und dem hohen Erfolgsdruck der Gesellschaft, der die
Kinder an ihre Leistungsgrenzen bringt. Und andererseits an unserem gängigen
Erziehungsstil, der sich seit Ende der sechziger Jahre etabliert hat, und der im
krassen Widerspruch
Erziehung.
zur
258/470
Leistungsgesellschaft
steht:
der
antiautoritären
„Keiner ist weise oder gut genug, um den Charakter eines Kindes zu formen.“
(Alexander Sutherland Neill)
Neill gilt als der Gralshüter dieser Philosophie, die über eine liberale Erziehung
weit hinausgeht. Die Hauptdirektive seiner Schule im schottischen Summerhill
lautet, dass sich Kinder gegenseitig alles Notwendige beibringen und selbst
Grenzen setzen können.
Kinder sollen ihre eigenen Regeln aufstellen und einander gegenseitig
überwachen. Nicht die Einmischung der Erwachsenen, sondern die selbsttätige
Entdeckung der Welt soll ihnen zu einem erfolgreichen Start ins Leben verhelfen.
Leider steckt in dieser durchaus interessanten Idee ein prekärer Irrtum. Es ist
zwar richtig, dass sich Kinder selbst und gegenseitig erziehen, aber nicht
automatisch auf wünschenswerte Art und Weise. Ordnung und Disziplin sind zum
Beispiel reaktionäre und unpopuläre Begriffe, aber gleichsam unverzichtbar im
Zusammenleben.
Das „Summerhillprinzip“ geht ferner von besonders (emotional) intelligenten
Kindern aus. Bei solchen, die von sich aus schon fast perfekt auf die Welt
kommen, wird es daher zweifelsohne funktionieren. Bei durchschnittlich
begabten Kinder trifft das schon nicht mehr zu, von den minderbegabten ganz
zu schweigen.
Zunächst gab es Anfangserfolge, weshalb sich diese, für die Eltern bequeme und
bei den Kindern beliebte Lehrmeinung durchsetzen konnte. Jede Lockerung in
Systemen wird zunächst begrüßt. Doch seit den achtziger Jahren ist aus der
ursprünglich „aktiven Antiautorität“ durch Bequemlichkeit und veränderte
Lebensumstände der Eltern völlige Verwahrlosung geworden. Unter dem
Deckmantel „antiautoritär“ findet, so kann man sagen, oft gar keine Erziehung
mehr statt!
Manche Kinder dürfen zuhause machen, was immer sie wollen. Es interessiert
die Eltern überhaupt nicht. Sie dürfen frech sein, schreien, lügen, zerstören, was
auch immer; es hat keine Konsequenzen für sie. Sie werden weder belohnt noch
bestraft, also ist es in ihrer Logik auch völlig gleichgültig, ob sie sich um
kollegiales Verhalten bemühen oder total verdummen.
Und, das ist der zweite große Irrtum, diese psychosozial gestörten Kinder
wachsen sich nicht aus, wie das so oft behauptet wird. Aus verhaltensauffälligen
Kindern werden gestörte Erwachsene, die ihrerseits seelische und soziale
Probleme haben werden!
Dabei war der Ansatz der antiautoritären Erziehung wirklich vielversprechend.
Die Zukunft eines Kindes ist nicht vorherbestimmt, kann aber in gewissem
Umfang vorausgesagt und beeinflusst werden. Bereits bei kleinen Kindern ist
ersichtlich, was aus ihnen werden kann. Ihr Charakter und ihr Potential äußern
sich viel deutlicher als bei Erwachsenen. Sie verhalten sich ungeniert und leben
ihre Ideen unverzüglich aus. Ob sie charmant oder grobschlächtig, diplomatisch
oder aggressiv sind, ist im Umgang mit anderen Kindern sofort zu erkennen.
Darin liegt tatsächlich eine große Chance für Eltern, gezielt und individuell zu
erziehen. Lässt man die Kinder ihre Stärken selbst erkunden, profitieren sie
später von dieser Selbstsicherheit. Ohne aber Grenzen gesetzt zu bekommen,
entwickeln die Kinder auch ihre negativen Seiten vollkommen aus.
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Das antiautoritäre Prinzip ist nicht rundweg abzulehnen, denn es hat durchaus
wertvolle Ansätze. Aber was mit der Zeit daraus geworden ist, also dass
mangelnde Fürsorge mit Antiautorität verwechselt wird, ist inakzeptabel. Diese
Ideologie musste scheitern, weil der tiefste Kern eines Menschen noch immer
unzivilisiert und grausam ist.
Gewalt und Macht funktionieren selbsttätig, solange sich eine Gruppe nicht dazu
entschließt, darauf zu verzichten. Da sich ein kleiner Schläger jedoch nur nach
persönlichen Vorteilen richtet, und an einer gesunden Gesellschaft wenig
Interesse zeigt, ist es unbedingt erforderlich, ihn rechtzeitig zu lehren, was es
bedeutet, als Individuum in einer Gruppe zu leben. Allen seinen Forderungen
nachzugeben und ihn zu verwöhnen, wäre kein Zeichen von Liebe, sondern der
erste Schritt, ihn aus der Gemeinschaft auszuschließen.
Spätestens im Alter der Strafmündigkeit wird er sich für Gewalttätigkeit
verantworten müssen. Da er dann aber nur noch schwer zugänglich wäre und
verhaltensauffällig bliebe, wäre sein soziales Leben schon beendet, bevor es
richtig beginnen konnte.
Kinder, die es nicht gelernt haben, in ihrer geordneten Gesellschaft
zurechtzukommen, sondern in einem künstlichen Raum regelrecht „verwildert“
aufwuchsen, werden auch später diese urtümlichen Verhaltensweisen an den
Tag legen und auf irgendeine Weise scheitern.
7) Autoritäre Erziehung
„Wehret den Anfängen“, lautet ein Sprichwort. Es wird wohl nirgends mehr
zutreffen, als im Bereich der Erziehung. Allen gefräßigen, faulen,
desinteressierten, unkonzentrierten, gewalttätigen und fordernden Kindern kann
geholfen werden, solange sie noch eine fremde Autorität akzeptieren und
einsichtig sind, dass es ihnen in einer Gemeinschaft Vorteile bringt, nicht allen
selbstgefälligen, destruktiven und bequemen Neigungen nachzugehen.
Es wird sich als schwierig erweisen, einen Jugendlichen zu motivieren, sich um
einen Ausbildungsplatz zu bemühen, wenn er bislang keinerlei Ehrgeiz und
Verantwortungsgefühl kannte. Aus seiner Sicht erscheint es legitim,
„abzuhängen“ und keine Energie in eine Zukunft zu investieren, die ihn nicht
interessiert.
Wer erst zu diesem Zeitpunkt fachmännische Hilfe anstrebt, um seinen
Sprössling auf den „rechten Weg“ zu bringen, der muss sich ernsthaft fragen,
was ein Sozialpädagoge oder Psychologe denn für magische Tricks in petto
haben soll, um vierzehn oder mehr Jahre aufzurollen, und eine bereits teilweise
gefestigte Persönlichkeit zu ändern. Wir können ja auch nicht erst zum Arzt
gehen und Heilung erwarten, wenn wir schon so gut wie tot sind!
Aber warum gab es denn überhaupt eine Gegenbewegung zur autoritären
Erziehung? Wieso wird heute von „schwarzer Pädagogik“ gesprochen, in Analogie
zur „schwarzen“, also schlechten Magie? Ganz einfach; weil autoritäre Erziehung
auch nicht die Lösung ist! Strenge, Disziplin und Gehorsam, all das erinnert an
Militär und Straflager, und nicht an spielende Kinder.
Konsequenz ist für die Erziehung unverzichtbar, muss aber sehr behutsam
dosiert werden. Das Kind muss zu jeder Zeit das Gefühl haben, trotz seiner
Fehler geliebt zu werden. Strafen ersetzen auch keine Belohnungen. Und welche
Strafen sind überhaupt human für Kinder? Schnell werden die falschen Mittel
ergriffen:
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• Freiheitsentzug durch Hausarrest. Dadurch wird das Kind allerhöchstens
wütend, aber bestimmt nicht einsichtig. Wenn man seinem Kind beibringen
möchte, Reue nur zu heucheln, dann sollte man es einsperren. Wie ein
Angeklagter vor Gericht wird es uns erzählen, was immer wir hören möchten,
nur um wieder freizukommen.
• Fernsehentzug oder Computerentzug. Sobald ein Kind das als schlimme Strafe
empfindet, ist sein Medienkonsum sowieso schon zu hoch. Dennoch fördert
diese Maßnahme eher die „dummen Ideen“, denn Kreativität und Fleiß.
• Weniger Taschengeld. Jedes halbwegs kluge Kind wird dann stehlen, da es
zurecht für seine schulischen Leistungen entlohnt werden möchte. Geld als
Druckmittel einzusetzen verfehlt meistens sein Ziel, es sei denn, eine ungleich
mächtigere Autorität, wie der Staat oder Banken setzen es ein.
• Liebesentzug oder besser „Aufmerksamkeitsentzug“. Da Liebe ein Gefühl ist,
lässt es sich nicht bewusst steuern. Dessen Auswirkungen, etwa die
Aufmerksamkeit, hingegen sehr wohl. Die Kinder werden dadurch zur
Unterwerfung
gezwungen,
und
müssen
funktionieren.
Wer
kleine
Robotersklaven will, kann es so machen, aber für glückliche Kinder ist diese
Art der Bestrafung zu hart.
Nun können wir sehen, was das Problem der autoritären Erziehung ist: Es gibt
keine Sanktionen, die zugleich wirksam, als auch kindgerecht sind. Verweigern
Kinder in der Schule die Leistung, so werden sie häufig in der Form erzogen,
dass sie ihren Freizeitaktivitäten solange fernbleiben müssen, bis sich dieser
Zustand geändert hat.
Dass dies exakt der falsche Weg ist, da so das natürliche Interesse unterbunden
wird, ist den Eltern oft nicht bewusst Strafen bewirken Angst und Rebellion.
Gemäß des „Prinzip des kleinsten Zwanges“ von Henri Le Chatelier, wird das
Kind stets in die Richtung ausweichen, die das Kräftegleichgewicht
wiederherstellt. Je mehr Druck die Eltern auf ihr Kind ausüben, desto mehr
innere Wut entsteht in ihm, die sich in Form von (passiver) Aggressivität äußert.
Und je weniger Beachtung ein Kind erhält, um so mehr wird es versuchen,
Aufmerksamkeit zu erregen; beispielsweise indem es stiehlt oder ausbüxt.
Interessanterweise wurde dieses Prinzip entdeckt und angewendet, um
physikalisch-chemische Effekte zu erklären. Doch es darf als universelles Prinzip
der Natur verstanden werden, denn es findet überall Anwendung. Wir haben es
beispielsweise schon im Zusammenhang des „Verbotes von Ideologien“
kennengelernt.
In der Machtposition der Erzieher liegt die Gefahr, das sie ihr Wort zum „Gesetz“
erklären und Begründungen nur widerwillig abgeben. Wozu auch, denn das Kind
putzt sich auch die Zähne, wenn man einfach seine Autorität einsetzt und
Befehle erteilt? Doch einmal ehrlich: Wer erhält schon gerne Anweisungen, ohne
dass die Fragen, die einen quälen, vertretbar beantwortet werden?
„Das ist eben so“ oder „weil ich das so sage“, sind Aussagen, die auch
Erwachsene nicht zufriedenstellen. Doch im Gegensatz zu einem Kind haben
Erwachsene zumindest die Möglichkeit, sich die benötigten Informationen
anderweitig zu beschaffen. Strafen müssen sein, aber sie sollten immer direkt
auf die Tat erfolgen, dieser angemessen sein und einen Harmonieausgleich
erschaffen.
Wie leicht ist es, seine Machtposition als Elternteil auszuspielen und, natürlich „in
bester Absicht“, seine Sorge mit Gewalt durchzusetzen? Allein der Unterschied
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der Körpergröße und ein harter Tonfall können ein Kind entmündigen und ihm
sein eigenes, erst in der Entwicklung befindliches Selbstbewusstsein zerstören.
Wer Kinder sogar schlägt, verliert ihr Vertrauen für immer, denn er gibt ihnen
das Gefühl, dass sie auf dieser Welt nicht erwünscht sind.
Gewalt ist keine Option der Erziehung, denn sie vernichtet die natürliche
Neigung des Kindes zur Empathie. Schlimmstenfalls kann Gewalt zu einer
Furchtkonditionierung führen, die das Opfer lebenslang übersensibilisiert.
Manchen Kindern gelingt es nicht, intensive negative Eindrücke zu verarbeiten,
woraufhin generelle Hilflosigkeit ihre einzige Option bleibt.
Als Kind werden wir auch oft gezwungen, Sympathie für jemanden aufzubringen,
den wir nicht kennenlernen möchten, oder der uns nicht interessiert. Heuchelei
wird von Erwachsenen irrtümlich mit Höflichkeit gleichgesetzt. Wir passen uns
an, denn wir können noch nicht sehen, dass das falsch ist. Es ist eine
Überlebensstrategie, die Maßstäbe anderer über die eigenen Gefühle zu stellen.
Anpassung findet an die Norm statt, also an das, was überwiegend innerhalb der
Schicht zu finden ist, in der man aufwächst. So werden beispielsweise viele
hochbegabte Kinder in Sonderschulen gesteckt, weil ihre Kreativität als lästig
empfunden, und ihre verborgene Begabung verkannt wird.
Ein Kind ist zwar unwissend, aber nicht dumm! Dummheit ist gleichzusetzen mit
der Unfähigkeit, in adäquatem Tempo etwas hinzuzulernen. Kinder stellen häufig
für uns naiv klingende Fragen. Doch sie selbst stufen sie für berechtigt ein,
andernfalls würden sie sie nicht stellen. Halten wir ein Kind für dumm, und
reagieren ablehnend und genervt auf seine „kindlichen“ Fragen, wird es
unwissend bleiben und mit seiner Neugier zurückhaltender sein.
Wenn wir einem Kind Sachverhalte vorenthalten, wendet es sich je nach
Charakter und Möglichkeit jemand anderem zu, in der Regel dem anderen
Elternteil. Oder es gibt seine Neugier auf und legt damit tatsächlich den ersten
Schritt zur Dummheit. Wenn Kinder die nötige Aufmerksamkeit von uns erhalten
und angemessene Antworten auf ihre Fragen bekommen, dann werden sie auch
zunehmend „bessere“ Fragen stellen.
Die wirkliche Ausbildung können wir unseren Kindern nur selbst geben. Was ein
„Nominalsatz“ ist oder wie die „Hauptstadt von Libyen“ heißt, wird ihnen in der
Schule gelehrt, aber die Ausbildung fürs Leben findet im Kreis der Familie statt.
Ein Kind fragt uns solange, bis es mit der Antwort etwas in seiner Realität
anfangen kann. In seiner bildlichen und emotionalen Vorstellung möchte es
Informationen unterteilen und mit bereits gemachten Eigenerfahrungen
verbinden.
Erklären wir den Begriff „Krieg“ mit historischen Daten oder Zahlen der Opfer,
dann wird sich ein Kind kein Bild davon machen können. Erinnern wir es
hingegen behutsam an das Gefühl, das es selbst hatte, als das geliebte Haustier
starb, dann hinterlässt es einen emotionalen Eindruck.
Für einen Erwachsen wäre der Vergleich des Todes tausender Menschen und der
eines Hamsters nicht geeignet, für ein kleineres Kind ist er jedoch
eindrucksvoller als ein Filmbericht aus einem Kriegsgebiet.
Letzterer würde entweder ignoriert, weil er nicht in die subjektive Realität des
Kindes hineinpasst, denn schließlich hat es auf der Straße noch nie einen Panzer
gesehen. Oder er hinterlässt Angst, in Form von Alpträumen, weil das Kind die
leidenden Menschen gesehen, und ihren Kummer verstanden hat, aber nicht nur
„zur Kenntnis“ nehmen kann, wie ein Erwachsener, der über entsprechende
Schutzeinrichtungen verfügt.
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Allein durch die Tatsache, dass sich ein Kind instinktiv Vorbilder sucht, von
denen es etwas lernen kann, ist die reine Antipädagogik ad absurdum geführt.
Ein Kind ist nicht in der Lage ohne Bezugsperson zu leben. Wenn die Eltern das
aber nicht sein möchten, dann sucht sich das Kind eben andere Idole. Das
können auch schlechte Vorbilder oder gar virtuelle aus der Fernsehwelt sein.
Leblose Gegenstände werden in der Phantasie beseelt oder imaginäre Freunde
erfunden.
Wenn ein Kind keine echte Bezugsperson findet, dann wird es intuitiv ein Leben
lang nach Bindung suchen und sich nach Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit
sehnen. Hat es darüber hinaus nicht gelernt, sich andere „Quellen“ zu
erschließen, dann wird das sehr schwere Folgen haben.
8) Schaukelpädagogik
Der Kardinalfehler der heutigen Erziehung ist die Inkonsequenz, weshalb ich
dieses Prinzip „Schaukelpädagogik“ nennen möchte. Es fehlt an klaren und
zuverlässigen Geboten und Verboten. Erzogen wird nach der momentanen
Stimmung der Eltern.
Das Kind weiß nicht, was generell erlaubt und verboten ist. Das kann sich auch
gelegentlich ändern oder divergiert zwischen den Elternteilen. Es wurde keine
klare, gemeinsame Linie erarbeitet; Strenge wechselt sich laufend mit
Gleichgültigkeit ab. Die Ursache für diese Unfähigkeit sind meist die falschen
Motive, weshalb die Eltern überhaupt Kinder wollten.
Eine Mutter, die selbst mütterliche Fürsorge entbehren musste, ist unfähig,
ihrem Kind ausreichend Zuneigung zu schenken. Statt dessen erwartet sie, das
Baby würde ihr Glück bereiten und Liebe schenken.
Diese seltsame Überlegung kommt häufiger vor als man annehmen mag.
Genauso wie es berechnende Mütter gibt, die Mutterschaft als „Beruf“
betrachten, gibt es solche Spekulationen auch in die emotionale Richtung.
„Wenn ich ein Kind zeuge, habe ich jemanden, der bei mir bleibt, mich liebt und
mich braucht!“ Liebe kann jedoch nicht dauerhaft einseitig funktionieren. Und
auch kurzfristig nur in die andere Richtung, also dass die Eltern zunächst Liebe
in das Kind investieren.
In aller Regel geht aus einer solchen Erziehung ein liebeshungriger Mensch
hervor. Der Fachbegriff für, auf diese Art vernachlässigte und frustrierte Kinder,
ist das „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“. Die Psychologie bemüht sich seit
Langem darum, organische Ursachen oder eine genetische Disposition für dieses
Erscheinungsbild auszumachen, übersieht dabei aber leider die überwiegend
pädagogisch bedingte Komponente. Kurzum: Es gibt nur Verlierer in
Schaukelpädagogikfamilien.
Es klingt trivial, aber eine Strategie, wie ein Erziehungssystem muss vor allem
erst einmal funktionieren. Ganz gleich, ob sie einleuchtend klingt, wenn sie
versagt, ist sie automatisch vom Tisch! Idealisten und Theoretiker sind vielleicht
anderer Meinung und verteidigen auch verklärte Modelle. Aber sie sind einfach
sinnlos, wenn sie nicht auf unsere Realität anwendbar sind. Damit Erziehung
greifen kann, muss sie konsequent und sicher ab dem Tag der Geburt erfolgen.
„Greif nicht in ein Wespennest, doch wenn du greifst, dann greife fest!“
(Matthias Claudius)
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Fehler macht jeder, aber die völlig vermeidbaren sollten nicht geschehen. Wer
seinem Kind eine sichere Basis gewährt, hat oft Angst, es könne zum
unmündigen „Muttersöhnchen“ werden. Aber das trifft nicht zu; ganz im
Gegenteil. Aus einem solchen Kind wird ein angstfreier und unabhängiger
Erwachsener, der den Wert von Bindungen zu schätzen gelernt hat.
9) Die individuelle Erziehung
Unser „autoritäres“ System der Erziehung ist eigentlich gar nicht so schlecht.
Zumindest, wenn das Credo, „Vorbild ist besser als Vorschrift“, Gültigkeit besitzt.
Kinder lassen sich leicht manipulieren und für die Zwecke der Erwachsenen
missbrauchen,
denn
sie
verfügen
über
den
bereits
erwähnten,
lebensnotwendigen Geltungsdrang, und über ein noch in der Entwicklung
befindliches Gewissen. Woher soll ein Kind auch wissen, dass es falsch ist, was
seine Bezugspersonen von ihm wollen?
In den extremen Bereichen der Kinderarmeen und der Kinderprostitution wird
uns das besonders deutlich. Aber der Missbrauch beginnt schon auf einfacheren
Ebenen; dann nämlich, wenn ein Kind zu etwas gebracht wird, was eigentlich
wider seiner Natur ist, oder durch unsinnige Verbote, die seine Freiheit zu sehr
einschränken.
Kinder müssen ihre eigenen Grenzen erkunden, also auch beispielsweise
draußen im Dreck spielen. Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass eine fast
schon sterile Umgebung gesünder wäre. Das Gegenteil ist der Fall; ein gesundes
Immunsystem kann man nur entwickeln, wenn man auch mit Keimen in
Berührung kommt. Unser Körper muss ja wissen, wie seine Feinde aussehen, um
adäquate Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.
Kinder sind nichts anderes als junge Menschen, und als solche dafür geschaffen,
in natürlicher Umgebung gesund zu bleiben. Krank werden wir nur, wenn wir es
mit irgendetwas übertreiben, also beispielsweise mit Hygiene. In gewisser Weise
liegt die beste Pädagogik immer zwischen den extremen Möglichkeiten,
Verwahrlosung und Dressur seiner Kinder.
„Wer Kindern etwas verspricht, sei es ein Spiel, ein Geschenk oder sei es die
Rute, der halte es wie einen Eid.“ (Peter Rosegger)
Aber was spräche dagegen, das Niveau der Erziehung zu erhöhen, indem das
System vereinfacht und von Ballast befreit wird? Es hat noch niemand versucht,
das individuelle Maximum aus jedem Kind herauszuholen. Jede Kultur hat ihre
Kinder sich entweder selbst entwickeln lassen oder in eine bestimmte Form
bringen wollen.
Gemäß dem harmonischen System ist aber jeder Mensch verschieden. Er besitzt
unterschiedliche Fähigkeiten und Potentiale. Daher bietet es sich an, gezielt zu
erziehen, und nicht alle Kinder in einen Topf zu werfen.
Es gibt verschiedene Ideologien, die alle mehr oder weniger ihre Berechtigung
haben. Es muss nicht unbedingt unsere sein, die alle Menschen benutzen sollten.
Erziehung und Weltanschauung sind persönliche und individuelle Merkmale. Und
auch die Kinder haben ein Mitbestimmungsrecht.
Um den Sinn darin zu verstehen, müssen wir uns immer wieder klarmachen,
dass es die Realität nicht gibt. Wenn wir beispielsweise die Reportagen über
Kriege sehen, bekommen wir leicht den Eindruck, es gäbe in solchen Zeiten
ausschließlich Leid, und kein Lächeln mehr auf viele Jahre.
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Die Reportage zeigt zwar die absolute Realität, aber in Form der subjektiven
Realität vieler Menschen. Nicht jeder Einzelne hat jedes Schicksal erlitten. Der
eine verlor einen Angehörigen, und der andere wurde verwundet. In der Realität,
die uns das Fernsehen tagtäglich ungefragt vermittelt, sehen wir nur das Leid.
Natürlich entgleist häufig ein Zug, und es gibt viele Erdbeben, aber das ist das
ausgesuchte Leid der ganzen Welt. Der Zug stammt aus Chicago und das
Erdbeben geschah in Armenien. Noch vor einigen Jahrzehnten hätten wir von
diesen Ereignissen niemals erfahren.
Es ist vergleichbar mit der Krebsstation eines Krankenhauses. Wenn man sich
dort umsieht, dann fallen einem viele gleichaltrige und jüngere Menschen auf,
die demnächst ihr Leben verlieren werden. Schnell und unabwendbar drängt sich
die Frage auf: „Und ich? Bin ich vielleicht auch bereits krank und merke es nur
nicht?“ Bei dieser Betrachtung wird aber die besondere Häufung vergessen, die
auf der Station herrscht. Doch so etwas hinterlässt eine tiefere Spur, als die
beruhigende Statistik, die man einige Tage später in der Zeitung liest. Furcht
oder andere elementare Gefühle am eigenen Leib verspürt zu haben, prägt uns
am Nachhaltigsten.
Würde in den Nachrichten ebenfalls berichtet, wie viele Menschen sich an diesem
Tag verliebt, oder gesunde Kinder bekommen hätten, dann wären wir
beruhigter. Die absolute Realität beinhaltet beides. Da jeder von uns aber nur
eine relative Realität erlebt, ist sie für uns das Maß der Dinge.
Dasselbe gilt auch für unsere Kindern, die ebenso gut urteilen können wie wir,
jedoch weniger geübt darin sind, weniger Referenzfälle in Diskussionen
einbringen können, und einfach andere Erfahrungen als wir gemacht haben.
Natürlich haben sie dann in Folge auch andere Ansichten als wir. Und das ist gut
so!
„In Gewissensfragen gilt das Gesetz der Mehrheit nicht.“ (Mahatma Gandhi)
Im Schutz der eingeschränkten Realität kann ein Kind Schritt für Schritt, in
verdaulichen Stücken, an die Realität der Erwachsenen herangeführt werden,
sodass es bis zum Beginn der Pubertät mit allen Zielsetzungen gestärkt wurde,
und sich sein individueller Stil herausstellen konnte. Wenn ein Kind lernt,
selbständig zu denken, zu entscheiden und zu handeln, ist es auf dem besten
Weg erwachsen zu werden.
Es geht uns beispielsweise nichts an, was es sich von seinem Taschengeld kauft;
allenfalls dürfen wir es darin freundschaftlich beraten. Ein Kind muss auch die
Erfahrung machen, Geld sinnlos zu verschwenden, und es für etwas auszugeben,
das es nicht wert ist. Wenn es sich über seinen Fehler im Nachhinein ärgert, hat
es zwar eine Lebensprüfung vermasselt, aber auch etwas hinzugelernt. Befolgt
es lediglich unsere Anweisungen, dann hat es nur gelernt zu gehorchen, bleibt
aber unwissend. Ein Kind braucht Vorbilder, aber keine Kontrolleure, Despoten
und Spione!
Ab einem gewissen Alter sollten Eltern ihren Kindern ohnehin nur noch auf
Wunsch Ratschläge erteilen. Das klingt schwierig, doch wer es bis zu diesem
Zeitpunkt bereits geschafft hat, seinem Kind alle wichtigen Informationen aus
der eigenen Erfahrung mitzugeben, der kann es auf der Weggabelung des
Lebens getrost von dannen ziehen lassen, denn er wird als sein Lehrer nicht
mehr so dringend gebraucht.
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Allmählich können wir definieren, was eine gute Förderung sein sollte: Erziehung
ist ein behutsames Begleiten und denkendes Mitwirken. Kinder lernen „von
selbst“, das heißt, aus dem eigenem Wunsch heraus, und zwar das, was in ihren
Augen sinnvoll erscheint. Sie lernen, wie jeder Mensch, aus Neugier,
Nachahmung und Genuss
Als Elternteil hat man nun die anspruchsvolle, aber durchaus machbare Aufgabe,
das natürliche Lernen zu fördern, aber die möglichen Konsequenzen des
intuitiven Handelns des Kindes vorauszusagen.
Dass Süßigkeiten gut schmecken müssen wir unseren Kindern nicht erst
beibringen. Den verantwortungsvollen Umgang damit hingegen schon; wollen
wir Fettleibigkeit und Karies verhindern. Beides sind schleichende Prozesse und
daher im Verständnis eines jungen Kindes nicht vorhersehbar. Es denkt noch
nicht an das, was mehrere Jahre später sein könnte, denn es hat noch kein
ausgeprägtes Zeitgefühl.
Und selbst wenn es bereits schlechte Erfahrungen mit dem Bohrer eines
Zahnarztes machen konnte, hält allerhöchstens die Angst, nicht jedoch die
Einsicht, das Kind davon ab, seinen Zuckerkonsum weiterhin genauso
unvernünftig zu handhaben.
Wir müssen Kinder also behüten. Es ist für sie essentiell. Ein Mangel an Schutz,
Zuneigung und Bindung muss sich nicht immer so dramatisch äußern, wie in den
bekannten Fällen von Hospitalismus. Mangelnde Sicherheit und Aufmerksamkeit,
das heißt, allein das Gefühl des Kindes, es bekäme zu wenig davon, reichen aus,
um es viel später in Süchte und Depressionen zu treiben. Ein Kind benötigt
Liebe, hochdosiert, gezielt und bedingungslos.
Die Liebe ist wie die Schwimmflügel und der Hautkontakt zum Elternteil bei den
ersten Schwimmversuchen. Gleich welche Ideen wir mit unserer Förderung
verwirklichen möchten, alles basiert auf Aufmerksamkeit, Wohlwollen, Sicherheit
und Vertrauen. Übrigens sind das dieselben Elemente, nach denen auch wir uns
in jedem Alter sehnen. Warum sollten wir sie unseren Kindern vorenthalten?
Ein Kind möchte Führung und akzeptiert auch Mahnungen, aber es will verstehen
können, warum die Eltern so, und nicht anders reagieren. Am besten appelliert
man an seine Gefühle, erklärt seine Sorgen und Ängste, und verschafft sich auf
diese Art intuitiv einen Zugang zu seinem Kind.
In spielerischer Form können wir beispielsweise mit Aufklebern auf einem Plakat
für überprüfbare und nachvollziehbare Erfolgserlebnisse sorgen. Für alle zehn
Aufkleber, die es fürs Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen et cetera gibt,
unternehmen wir etwas Gemeinsames mit dem Kind.
Doch es ist wichtig, dass unsere Belohnung überwiegend immaterieller Natur ist,
also in Form von Anerkennung erfolgt. Zwar birgt auch diese Form der
Belohnung die Gefahr, dass Fortschritte nur ihretwillen gemacht werden, oder
dass die Angst vor ihrer Rücknahme die treibende Kraft ist, aber es ist dennoch
die natürlichste Methode.
Der Behaviourismus spricht allgemein von „Verstärkung“; doch es macht einen
großen Unterschied, ob eine Belohnung materiell ist, oder nicht. Kinder möchten
selbstverständlich auch Spielzeug und Geld, doch beides sollte ein
bedingungsloses Geschenk und keine Belohnung für eine Leistung darstellen.
Wenn das Kind Geburtstag hat, oder wir es „einfach so“ überraschen möchten,
ist dies ein Geschenk. Wenn wir es für seine guten Noten, sportlichen Erfolge
oder für seine Artigkeit loben möchten, dann stellt das eine Belohnung dar.
Materielle Geschenke sind wunderbar, aber materielle Belohnung wertet eine
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Leistung oder ein Werk ab, da sie einer „Bezahlung“ gleicht, mit der das Werk
erworben wird, und weiterer Dank nicht nötig wäre.
10) Kommunikation mit Kindern
Was wir in all den Jahren von unseren Kindern lernen ist übrigens mindestens
genauso wertvoll, wie das, was wir ihnen beibringen. Selbst wieder Kind zu sein,
und die Faszination einer wundervollen, interessanten und entdeckungswerten
Welt zu erleben, ist eine große Belohnung für unsere Mühen.
Nicht alle Tatsachen und Fakten der Erwachsenen haben Gültigkeit in der
Gedankenwelt der Kinder, und genau das ist es, was den Reiz ausmacht. Kinder
haben eine beneidenswerte Naivität und einen besonderen Charme, der für
unsere Augen viel zu leicht als „kindisch“ oder „dumm“ ausgelegt wird.
Doch wer jemals kleine Kinder dabei beobachtet hat, wie sie miteinander
umgehen, der weiß, dass in ihrer Welt diese friedliebenden Eigenschaften und
das gegenseitige Vertrauen noch anzutreffen sind, und somit aus ihrer Sicht
richtig ist, wie sie sich verhalten oder ihre Welt beurteilen.
Ich formuliere es anders: Wenn es ausschließlich Kinder und keine Erwachsenen
gäbe, wäre deren Realität das, was als „normal“ angesehen würde. Das beweist,
dass unsere Art zu denken, weder die einzig mögliche, noch die mit
unumstößlicher Sicherheit beste ist! Kinder leben uns vor, dass man teilen und
mit anderen Kulturen kommunizieren kann. Sie zeigen uns, dass Emotionen
unseren Zustand besser ausdrücken können, als Logik und Worte.
Indem wir uns auf die Augenhöhe eines Kindes hinab begeben, zeigen wir, dass
unsere Wirklichkeit noch keine starren Strukturen aufweist. Kinder haben eine
andere Wahrnehmung und Gefühlswirklichkeit als Erwachsene. Deshalb sind sie,
besonders in jüngeren Jahren, nicht in der Lage, alle Situationen richtig und
objektiv einzuschätzen. Das müssen wir ihnen nachsehen, denn sie sind ja auch
noch in der Lernphase. Beispielsweise haben Vierjährige noch kein Gefühl für
Distanzen und Geschwindigkeiten und reagieren daher im Straßenverkehr
impulsiv.
Es ist sehr wichtig, seine Kinder auf die Konsequenzen ihrer Handlungen
aufmerksam zu machen, um ihnen vor Augen zu führen, was passieren kann,
wenn sie unachtsam sind. Doch anstatt zu sagen: „Das war unartig!“ oder „Das
tut man nicht!“, sollten wir an ihre Einsicht und ihren Verstand appellieren. Diese
Merkmale sind nämlich schon von Geburt an vorhanden.
Wenn wir sagen: „Sieh nur, wie du dem anderen Kind wehgetan hast!“,
konfrontieren wir unser Kind mit seinen Gefühlen. Intuitiv wissen Kinder sehr
wohl, wenn etwas nicht in Ordnung war, wollen aber nicht sofort Kongruenz zu
ihren Taten erzeugen. Wenn sie sich aber, ausgelöst durch unsere Aussagen, mit
ihren Handlungen identifizieren müssen, dann entsteht eine Abstimmung
zwischen ihnen und ihren Mitmenschen.
Kommunikation ist ein wichtiger Baustein der Erziehung, weil durch sie ein
Gedanken- und Gefühlsaustausch stattfindet, und sich jedem Beteiligten die
Möglichkeit bietet, sich verständlich zu machen, und den anderen verstehen zu
können.
Wir Erwachsene erleben unser direktes Wirken in sehr reiner Form, bekommen
aber kaum Reaktionen darauf. Wir können beispielsweise einen Text verfassen
und sind uns über jeden Tastenanschlag bewusst. Wir verfügen über den
vielgepriesenen „freien Willen“. Aber ehrliche und offene Reaktionen auf den
Inhalt des Textes brauchen wir von unseren Mitmenschen nicht erwarten.
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Wie wir auf andere Erwachsene wirken, sehen wir häufig nicht, da sich bis zu
diesem Lebensalter eine Wandlung vollzogen hat. Feedback wird unter
Erwachsenen nur spärlich gegeben, schließlich fühlt man sich dazu genötigt,
jederzeit seine Stärke, Fassung, Illusion, Perfektion oder Unabhängigkeit unter
Beweis zu stellen. Ich sprach bereits davon.
Kinder hingegen zeigen einander und uns sehr deutlich, welche Gefühle sie
haben. Indem wir mit ihnen auf ihrer Ebene kommunizieren, verstärken wir
unser Bewusstsein für Emotionen, also unsere Empathie. Wenn wir uns auf ein
Kind einlassen, können wir es auch wieder erlernen, unsere eigenen Gefühle
besser wahrzunehmen und zu äußern.
Was ein Kind hinsichtlich der Kommunikation prägt, sind vor allem die expliziten
und impliziten Beziehungsbotschaften, die es von wichtigen Bezugspersonen
erhält. Explizite Aussagen wären beispielsweise: „Aus Dir wird nie etwas!“ oder
„Du bist sehr kreativ!“ Implizite Aussagen erfolgen zumeist über den Tonfall:
„Reiß’ Dich zusammen!“ Ein Kind erkennt den tieferen Sinn, lange schon bevor
es Worte und den Sachinhalt einer Botschaft versteht, und spürt genau, ob es
erwünscht oder lästig ist.
Aus diesen Informationen bildet sich sein Selbstkonzept. Ein Kind glaubt, dass es
nichts wert ist, wenn es als wertlos betrachtet wird. Nicht sein Verhalten,
sondern die gesamte Person wird durch heftige und häufige Kritik stigmatisiert.
Doch wie soll sich ein Kind ein objektives Bild von sich anfertigen, wenn ihm das
andere abnehmen? Die Lehrer in der Schule bewerten seine Leistungen, die
Eltern das Verhalten und die Verwandten das „artige Benehmen“, also den Grad
seiner Unterwürfigkeit und Anpassung. Die Folgen solcher Abwertungen und
Beleidigungen sind:
1. Vermeidungen. „Ich kann das nicht selbst reparieren, da ich ja technisch nicht
begabt bin!“ So etwas ist eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt, da
mangelnde Übung die beste Voraussetzung für Unkenntnis und Misserfolg ist.
Wird es dennoch versucht, ist die Furcht Fehler zu machen, so groß, dass
diese auch geschehen. Das bestätigt wiederum die Annahme, es nicht zu
können. Das Kind wird fortan diese Handlungen meiden, um sich nicht länger
zu blamieren.
2. Verzerrungen. Die eigenen Erfolge werden dem „Zufall“ zugeordnet. „Ich hatte
sowieso nur Glück!“ Misserfolge hingegen werden der eigenen Fehlbarkeit
zugerechnet. „Ich bin ja auch dumm!“ Auf diese Art bringt sich das Kind um
jedes Erfolgserlebnis und vergrößert seine Misserfolgsangst mit jeder
Handlung.
Regelmäßige Enttäuschungen können Kinder nicht verdauen. Wenn sie sich zu
oft
missverstanden
und
ungeliebt
fühlen,
beginnen
sie
nach
Ersatzbefriedigungen Ausschau zu halten. Dies kann prinzipiell alles sein, was
einen Reiz, einen Genuss oder einen Effekt ausübt, also essen, spielen, stehlen,
zerstören oder andere Kinder zu quälen.
Kinder sind naturgemäß trotzig, um ihre eigene Persönlichkeit zu verspüren und
zu behaupten. Anstatt auf Konflikte zu warten, bei denen sie im Recht, und die
Erwachsenen im Unrecht sind, protestieren sie grundsätzlich.
Ein Kind mag die vernunftmäßigen Gründe der Eltern verstehen und sogar teilen,
sich aber dennoch zur Wehr setzen. Denn es muss lernen sich zu behaupten und
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seine Grenzen austesten. Wie soll es sonst wissen, wie weit es im Ernstfall gehen
könnte?
Theoretisch zu streiten ist wie das Einüben einer Kampfkunst durch das Lesen
von Büchern. Wer sagt mir, dass ich die Techniken in Fall der Fälle wirklich
anwenden kann, wenn ich es niemals ausprobiert habe?
Dabei spielt auch noch ein zweiter Effekt eine Rolle. Wenn ich zu einem Kind
sage: „Pass bloß auf, und lass das Glas nicht fallen!“, so befürchte ich
insgeheim, dass genau dies eintreffen könnte.
Auf der Appellebene hört sich meine Aufforderung so an, dass ich nicht möchte,
dass das geschieht. Aber auf der Selbstoffenbarungsebene zeige ich meine
Erwartung. Und ein Kind weiß nicht immer, auf welcher Ebene es eine
inkongruente Botschaft verstehen soll. Es könnte sein, dass es unbewusst der
Erwartung und nicht dem Appell folgt, also das Glas fallen lässt.
Der Verstand eines Kindes kann Lob und Tadel voneinander unterscheiden und
entsprechend werten. Seine Emotionalität funktioniert jedoch anders. Äußere ich
mich beispielsweise überrascht über das „schöne Bild“, das mir ein Kind gemalt
habe, dann drücke ich gleichzeitig implizit aus, dass ich ihm das nicht zugetraut
hätte.
Dieselbe Problematik ist übrigens auch oft in Gesprächen zwischen Erwachsenen
unterschiedlichen Geschlechtes zu finden! Kinder, die noch kein solides
Selbstkonzept entwickelt haben, verunsichert ein solches Missverständnis jedoch
ungleich tiefer.
Es gibt viele Menschen, denen auch noch im hohen Alter ein solcher
„Schlüsselsatz“ aus ihrer Kindheit in Erinnerung geblieben ist. Ihr Bewusstsein
hat ihn längst vergessen, aber die Seele wurde nie von diesem Schrapnell
befreit. Dieses Dilemma, dass fast alles falsch verstanden werden könnte, macht
Kommunikation ja auch so schwierig.
Der Umgang mit Kindern kann uns das unverfälschte, ehrliche Kommunizieren
besser zurückbringen, als jeder Kommunikationstrainer. Und das ist doch viel
wert, oder?
III. Weitere Faktoren in der Erziehung
Wenn ein Paar ein Kind in die Welt setzt, ist es deshalb nicht automatisch
Experte in Sachen Erziehung. Es ist gewiss nicht leicht alle Aufgaben zu erfüllen.
Schon gar nicht, wenn es an Rückhalt seitens eines liebevollen Partners fehlt.
Aber andererseits ist Kindererziehung auch kein Hexenwerk und durchaus
machbar.
1) Ungewollte Kinderlosigkeit
Einen Punkt haben wir aber noch gar nicht beachtet. Was, wenn man Kinder
möchte, aber keine bekommen kann? Viele Paare bleiben kinderlos, obwohl sie
gerne welche hätten. Dies hat sowohl medizinische Gründe, als auch psychische.
Besteht eine unbewusste Hemmschwelle, beispielsweise das Gefühl, der
Erziehungsverantwortung nicht gewachsen zu sein, dann klappt es auch nicht,
schwanger zu werden.
Gleichermaßen entscheidet sich die Natur manchmal dagegen, wenn der Partner
nicht der Richtige wäre. Es genügt aber prinzipiell schon, wenn unser Gewissen
verhindert, dass wir Kinder bekommen. Wenn wir beispielsweise genau wissen,
dass wir das Kind nur wollen, weil uns unser eigenes Leben zu langweilig ist, und
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gleichzeitig spüren, dass diese Art der Planung, doch ein wenig unredlich ist,
dann verweigert sich das Glück mit großer Wahrscheinlichkeit.
Manche Paare legen sich ein Haustier zu, anstatt ein Kind zu zeugen. Dieser
Kindersatz wird dann vermenschlicht und soll alle emotionalen Bedürfnisse
seiner „Eltern“ befriedigen. Der Kult um Hundesalons und artfremder
Verwöhnung seiner „vierbeinigen Kinder“ geht oft so weit, dass sie nach ihrem
Ableben sogar beerdigt werden. Selbst ein großer Tierfreund weiß, dass sich die
Tiere nichts aus Pullovern und Deodorants machen. Ihnen wäre mit
gewöhnlicher Zuneigung und Freiraum mehr gedient, als für die unerfüllten
Wünsche ihrer Halter herzuhalten.
Manche gehen aber so weit und wollen aus denselben Motiven ein Kind. Es gibt
Frauen, die eine so verkrampfte Haltung und groteske Erwartung haben, dass
ein Kind ein besseres Leben für sie bedeuten würde. Zielgerichtet und fanatisch
dreht sich alles nur noch um dieses Thema. Sie denken daran, versuchen nicht
mehr daran zu denken und erkennen den Selbstbetrug in ihrer Handlung, was
dann letztendlich zu noch stärkerer Verkrampfung führt. So eine Einstellung
kann auch nicht funktionieren!
Ich bin mir bewusst, dass ich ein sensibles Terrain betrete, und möchte ganz
bestimmt nicht den Eindruck erwecken, ungewollte Kinderlosigkeit wäre
ausschließlich auf die Gefühlslage zurückzuführen. Selbstverständlich gibt es
auch rein körperliche Ursachen, die eine Schwangerschaft verhindern. Aber
auffallend oft ist es ein ganz bestimmter Typ Mensch, der keine Kinder
bekommen kann, oder besser gesagt, eine spezielle Konstellation beider Partner.
Dann nämlich, wenn sie objektiv nicht zusammenpassen. Nicht selten trennen
sie sich und können mit anderen, geeigneteren Partnern doch noch Kinder
bekommen.
Dass Stress und Überarbeitung die häufigsten Ursachen für ungewollte
Kinderlosigkeit sind, ist inzwischen sogar anerkannt. Emotionaler Stress tritt
aber in Beziehungen mehr und stärker auf als in jedem Beruf, einfach weil uns
„das Hemd näher als die Jacke“ ist. Vielleicht ist es auch nur die unbewusste
Einsicht, die es verhindert, dass ein weiteres Leben in die disharmonische
Partnerschaft gelangt und diese damit festigt.
Die Unfruchtbarkeit vieler Paare lässt sich aber auch anders interpretieren: Die
Beteiligten hätten gar keine Zeit für Kinder, deshalb hält ihr Stress sie
automatisch davon ab, sie zu zeugen.
Die „segensreiche“ Erfindung, in der Retorte Babys zu erzeugen, hilft diesen
Menschen, von ihrem ungeschriebenen „Recht auf Kinder“ Gebrauch zu machen,
und mit medizinischer Unterstützung ihren Kinderwunsch zu erzwingen.
Doch einmal ehrlich: Tun das die Paare aus Liebe zum (noch nicht existenten)
Kind oder für sich selbst? Ist ein Kind „richtig“, wenn es als Machtdemonstration
seiner Eltern über die Natur gezeugt wurde? Oder besser formuliert: Können
Eltern, die ihrem Geltungstrieb künstlich nachgeholfen haben, ihrem Kind
beibringen, es selbst nicht zu tun? Medizinisch gesehen sind solche Eingriffe
vielversprechend; ethisch sind sie jedoch äußerst fraglich.
Einmal angenommen ein Mann ist zeugungsunfähig. Dann ist von der Natur nicht
vorgesehen, dass er Kinder bekommt. Fehler seines Zeugungsapparates werden
eliminiert durch die Selbstabschaltung der Fertilität. Der Natur auf die Sprünge
helfen zu wollen ist verständlich und mittlerweile machbar. Aber man sollte sich
fragen, ob es nicht vernünftiger wäre, darüber nachzudenken, warum man kein
Kind bekommen kann.
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Der „tolle Mensch“, wie er von Nietzsche genannt wurde, kann solche Probleme
mittlerweile umgehen, und mit jedem noch so verkümmerten Spermium eine
Eizelle befruchten. Doch wie ist das zu beurteilen?
Gegenfrage: Wenn ein Apfel außen schimmlig ist, genügt es dann, ihn zu
schälen? Es ist ja auch nicht klug, defekte elektrische Sicherungen, mit einem
Draht zu überbrücken. Schließlich haben sie einen Sinn! Wer die biologischen
Sicherungsmaßnahmen leichtfertig überbrückt, zeugt Kinder mit aller Gewalt.
Wen wundert es dann, wenn die eigenen Söhne dann auch unfruchtbar sind? Die
Fehler werden nicht gelöst, sondern lediglich verschleppt. Ich muss es ganz
deutlich sagen: So wünschenswert es auch ist, Kinder zu bekommen; nicht jeder
ist dafür geschaffen.
2) Späte Elternschaft
Der Trend unserer Gesellschaft tendiert zu immer älteren Müttern und noch
älteren Vätern. Da es die Frauen den Männern in Sachen Karriere gleichtun
wollen, aber nicht völlig auf Babys verzichten möchten, geraten sie in einen
Kampf mit der Zeit.
Oft ist es die „biologische Uhr“, die ihrem Zögern und falsch verstandenen
Freiheitsdrang ein jähes Ende bereitet. Das ständige Absichern und Verschieben
der Familiengründung zugunsten der Karriere hat seine Tücken. Doch das ist gut
so, denn somit ist ein äußerer Zeitrahmen festgelegt, bis wann wir genügend
Reife erworben haben müssen, um unserer biologischen Verantwortung gerecht
zu werden. Sehr oft hören wir eine Frau Mitte dreißig sagen: „Erst möchte ich
Karriere machen und später eine Familie gründen!“
Wann „später“? Wann soll das denn bitte sein? Die Chance, dass es von selbst
gelingt, ist mit Anfang vierzig nur noch gering. Doch wenn es nicht klappt, wird
eben mit Hormonen getrickst. Die Häufigkeit von Missbildungen steigt mit
zunehmendem Alter der Frau, doch das ist nicht das einzige Problem. Ein Kind
braucht eine Mutter, die relativ jung und gesund ist.
Neuerdings ist es Frauen sogar möglich, sich in jungen Jahren eine Eizelle
entnehmen zu lassen, die dann eingefroren wird. Einige Jahre später könnte
diese Frau dann doch noch ein gesundes Kind austragen.
Findige Wissenschaftler haben mittlerweile auch Methoden gefunden, um das
Geschlecht des Kindes festzulegen, wovon vor allem in asiatischen Ländern, in
denen Jungen mehr Ansehen genießen, Gebrauch gemacht wird. Dass das eine
Generation später zu einem Frauenmangel führt, ist klar, aber so weit denken
die meisten Menschen eben nicht.
Rechtzeitig und auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, bedeutet
zunächst einen Verzicht. Wer sich aber ein Kind wünscht, und zwar aus reiner
Liebe, der sollte auf Mätzchen dieser Art verzichten. Ein Kind ist ein Gewinn für
das Leben seiner Eltern, ihre Partnerschaft, ihre Angehörigen, die Gesellschaft,
und vor allem ist es ein Geschenk Gottes.
Eine andere, aber nicht minder unvernünftige Situation erzeugen die Männer, die
meinen, mit 70 Jahren noch ein Kind zeugen zu müssen. Moderne Medikamente
verhelfen ihnen zu neuer Potenz. Sie prahlen damit und glauben, dadurch selbst
verjüngt zu werden, aber es lässt sich an einer Hand abzählen, dass sie die
Mutter schon bald alleine zurücklassen werden, da sie sterben. Daher ist ihr
Coup keineswegs grandios, sondern egoistisch und kurzsichtig.
Medizinisch gesehen sind solcherlei Manipulationen wirklich sehr interessant, für
die Entwicklung des Kindes jedoch prekär. Genetische Fehler werden in die
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nächsten Generationen weitergegeben. Früher wurden Menschen mit
Missbildungen nicht geheiratet, und zeugten folglich keine Kinder. Heute können
viele Fehler „korrigiert“ werden, das heißt, ihre Auswirkungen an uns; der Fehler
selbst sitzt weiterhin in unserem Erbgut.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und
maximale Gesundheit. Aber dieser Humanismus birgt auch Gefahren, die in
wenigen Generation wirklich bedrohlich werden könnten.
Ich bin kein Freund des Wortes „Vorsehung“, muss aber feststellen, dass das
Richtige immer kraftlos erfolgt. Alles, was mit großem Aufwand vollbracht wird,
ist auf lange Sicht ein Fehler. Nicht unbedingt für alle Menschen oder
ausschließlich ein Fehler, aber eben überwiegend.
Bitte denken Sie jetzt nicht, dass ich irgendeinem Menschen oder gar ganzen
Gruppen, ihre Kinder missgönne, aber es gibt Wünsche, und es gibt den
gesunden Menschenverstand. Sobald beispielsweise ein signifikantes Risiko
besteht, dass unser Kind eingeschränkt oder behindert zur Welt kommen würde,
sollten wir davon absehen, denn die Liebe zu einem Kind beginnt bereits vor
seiner Zeugung.
3) Scheidungskinder
Hochaktuell möchte ich noch das Schicksal der Scheidungskinder erwähnen. Im
Prinzip verhält es sich ähnlich, wie bei alleinerziehenden Eltern, aber es kommt
noch der Trennungsmalus hinzu.
Kinder geschiedener Eltern haben häufig Loyalitätsprobleme und Störungen der
Selbstwahrnehmung. Sie wurden aus dem Nest geworfen und mit unfertiger
Entwicklung ins Leben entsandt. Es verwundert nicht, dass ihre späteren,
eigenen Beziehungsstörungen schon vorprogrammiert sind.
Trauriger Höhepunkt ist das „Eltern-Feindbild-Syndrom“, also das gestörte
Verhältnis zu einem Elternteil, aufgrund der Manipulation des alleinig
sorgeberechtigten Teils. Dem Kind wird solange eingeredet, dass es vom
anderen Elternteil nicht geliebt wird, bis es das wirklich glaubt. Und diesem
Elternteil wird gesetzlich untersagt, in irgendeiner Form in Kontakt zu seinem
Kind zu treten, und diese Behauptungen richtigzustellen. Man muss kein
Psychologe sein, um zu ahnen, welchen Schaden das Kind in dieser Situation
nimmt.
Im späteren Leben behandeln wir uns selbst so, wie wir von unseren Eltern
behandelt wurden. Emotional gesunden Kindern gelingt es beispielsweise, sich
selbst zu beruhigen. Scheidungskinder wurden, wenn auch ungewollt, verstoßen.
Sie haben festgestellt, dass Partnerschaften anscheinend nicht stabil sind, und
dass es wahre Liebe nicht gibt. Selbst wenn beide Elternteile schon längst wieder
anderweitig verliebt sind, verstehen Kinder die vorausgegangene Trennung ihrer
Eltern als Fehler. Und oft, sehr oft, beziehen sie diesen Fehler auf sich. Sie
glauben, dass sie es hätten verhindern können oder müssen.
Eltern bleiben Eltern, auch nach einer Scheidung. Die Kinder leiden ohnehin am
meisten darunter. Sofern es irgend möglich ist, sollten Scheidungen also
„friedlich“ ablaufen, und beide Elternteile deutlich signalisieren, dass ihre Kinder
nichts damit zu tun hatten. Das hilft zwar nur mäßig, ist aber das Mindeste, das
getan werden sollte.
4) Geschwister
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Kommen wir nun wieder zu einem erfreulicheren Thema. Einen besonders
positiven Einfluss auf die Erziehung eines Kindes haben seine Geschwister. Sie
regulieren seine Entwicklung auf eine spezielle Art und Weise.
• Ältere Geschwister sind Vorreiter; sie ebnen den Weg und setzen bei den
Eltern Maßstäbe. Das hat sowohl Vorteile, als auch Nachteile. Während
bestimmte Grundsatzfragen bei den Eltern von ihnen geklärt werden, und sich
der jüngere Part sozusagen „ins gemachte Nest“ setzen kann, ist es schwer
für den Jüngeren, weitere Rechte zu ergattern. Eltern bedenken hierbei in der
Regel nicht, dass der Zweitgeborene einen völlig anderen Charakter, und
somit auch unterschiedliche Bedürfnisse und Ansichten haben kann. Die
grundsätzlich getroffenen Vereinbarungen stellen ein Bollwerk dar, das nur
schwer wieder einzureißen ist. „Wozu auch?“, denken die Eltern, denn
schließlich war es bislang für den anderen auch gut so. Für jedes Kind müssen
daher unabhängige Regeln und Vereinbarungen getroffen werden, um seinem
Anspruch auf Individualität und Autonomie gesondert gerecht zu werden.
• Jüngere Geschwister zu haben, ist in der Regel leichter, da sie keine
Konkurrenz im eigentlichen Sinne darstellen. Man wird an ihnen nicht
gemessen und kann sich nahezu frei entfalten. Nachteilig ist es, Rücksicht
nehmen zu müssen, und einzusehen, dass eine gewisse Verantwortung ihnen
gegenüber besteht. Sie befinden sich in ihrer Entwicklung natürlicherweise
ständig hinter ihren älteren Geschwistern. Das verlangt einen vorsichtigen
Umgang mit ihnen, auch wenn es den Älteren nicht bewusst, und vielleicht
sogar lästig ist. Im übertragenen Sinne müssen die Älteren „langsamer“
marschieren. Manche denken, das würde zu Verzögerungen führen, aber das
ist nicht richtig. Statt dessen wird jeder Schritt bewusster und sicherer
vollzogen. Da jüngere Geschwister automatisch versuchen, dem Tempo zu
folgen, obliegt es den Älteren, ihnen das leicht, angemessen oder unmöglich
zu gestalten. Der Umgang mit anderen Menschen wird hierbei beiderseits
eingeübt. Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und ein Gespür für fremde
Bedürfnisse können hier besser entwickelt werden, als beispielsweise im
Kindergarten oder in der Schule. Auch die Entbehrung der Aufmerksamkeit ist
eine gute Lektion.
Beide, sowohl jüngere, als auch ältere Geschwister profitieren von einem
positivem Effekt, der ihnen meist erst im Erwachsenenalter bewusst wird. Im
Gegensatz zu Einzelkindern sind sie sozial verträglicher und haben ihre Ecken
und Kanten in zahlreichen Auseinandersetzungen aneinander abgerieben.
Einzelkinder hatten es immer leichter, waren der ganze Stolz ihrer Eltern,
bekamen deren ungeteilte Aufmerksamkeit und mehr materielle Güter. Auch
wenn sie es deswegen nicht zwangsläufig „leicht“ hatten, kann davon
ausgegangen werden, dass es für sie noch schwieriger gewesen wäre, zusätzlich
noch alles teilen zu müssen.
Doch genau das ist der große Schatz, den uns Geschwister bieten. Sie sind
Nebenbuhler, Konkurrenten, Gegner und Feinde. Sie versuchen alles, um das
„Lieblingskind“ der Eltern zu sein, kämpfen mit voller Kraft und unfairen Tricks.
Schnell wird uns klar, warum das ein Vorteil sein soll. Es ist schwer, es sich mit
seinen Geschwistern wirklich zu verderben. Man braucht sie, lebt mit ihnen unter
einem Dach und mag sie auch, denn sie sind auch Freunde, Verbündete und
Kameraden. So sehr es einen auch manchmal nervt; sie sind und bleiben unsere
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Geschwister. Es macht ja auch Spaß, gemeinsam Front gegen die Eltern zu
beziehen, miteinander zu spielen, etwas auszuhecken und einander in die Pfanne
zu hauen.
Alle zwischenmenschlichen Beziehungsformen werden ausprobiert und eingeübt.
Es besteht eine regelrechte Streitkultur, die, je nachdem wie die Eltern
eingreifen, ausgelebt werden kann.
Das Band der Geschwister ist eine der sichersten zwischenmenschlichen
Beziehungen, denn den Status „Bruder“ oder „Schwester“ kann man nicht
verlieren. Das ist eine sehr harte, aber lehrreiche Schule. Ständige
Wachsamkeit, Konkurrenz und ein leidiges „Teilen müssen“, verhindern eine
egoistische Entwicklung, die im späteren Leben nur Probleme bereiten würde.
Für Einzelkinder ist es ohne Weiteres leichter, einen narzisstischen,
histrionischen oder schizoiden Charakter zu entfalten. Sie werden verhätschelt
und bekommen alles auf dem Silbertablett serviert. Aber sie können sich mit
ihren Freunden nicht im selben Maße auseinandersetzen, wie es Geschwister
tun. Freundschaften können bereits an einem mittelschweren Streit zerbrechen.
Außerdem herrschen andere Bedingungen; ein direkter Vergleich zwischen uns
und unseren Freunden ist nicht möglich. Selbst ein gewonnener Kampf bringt
keinen Vorteil, da er keine Konsequenzen für uns hätte. Was nützt es mir, wenn
ich bei einem Freund erfolgreich kritisieren konnte, dass er abends länger
ausgehen darf, oder mehr Taschengeld als ich erhält?
Das interessiert meine Eltern wenig. Unsere Geschwister sind die legitime
Referenz, an denen wir realistische Forderungen ausloten können. Was ihnen
erlaubt wurde, steht uns auch zu; zumindest können wir diese Argumentation
vortragen.
Fest steht, dass wir unser ganzes Leben lang Kompromisse anstreben müssen.
Es gibt immer gleichberechtigte Menschen um uns herum, mit völlig
unterschiedlichen Biographien und Wünschen. Um mit ihnen auskommen zu
können, brauchen wir zugleich „feine Antennen“ und ein „dickes Fell“. Und
beides kann nirgends so gut erworben werden, wie durch die jahrelange Praxis
mit Geschwistern.
Eltern mit mehreren Kindern haben es zwar zeitlich betrachtet schwerer als
solche von Einzelkindern. Dafür haben sie aber die Gewissheit, dass sich viele
soziale Fehlentwicklungen gar nicht erst ausbilden können. Nur einen Fehler
sollten sie niemals begehen: Ihre Kinder ungleich behandeln. Ungerechtigkeiten,
wie Mauscheleien und finanzielle Transaktionen hinter dem Rücken eines der
Kinder, tragen nicht zu einem harmonischeren Familienklima bei.
5) Haustiere & Spielzeug
Jedes Kind sollte mit einem Haustier aufwachsen! Durch nichts kann es besser
Verantwortung und Fürsorge erlernen, als dadurch, einen eigenen
Schutzbefohlenen zu haben. Zwar ist das Mietrecht hierzulande diesbezüglich
streng, und die meisten Eltern noch mehr, aber alles Spielzeug der Welt kann
eine lebende Katze, ein Meerschweinchen, einen Vogel oder einen Hund nicht
ersetzen.
Besonders die neuerdings beliebten, interaktiven Spielzeuge, die sprechen oder
„essen“ können, sollten keinen Einzug ins Kinderzimmer erhalten. Wie soll aus
einem Kind ein verantwortungsvoller und einfühlsamer junger Mensch werden,
wenn es nur mit wertlosem Plastik gekuschelt hat.
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Ein schlichter Teddybär verlangt dem Kind mehr Kreativität für Rollenspiele ab,
als es ein plappernder Kindercomputer jemals könnte. Mit Lernspielzeug sollten
wir ohnehin sehr vorsichtig umgehen, und nicht dem Glauben verfallen, dass es
Anteilnahme und Aufmerksamkeit unsererseits ersetzen könnte. Klüger wurde
damit
bislang
jedenfalls
noch
kein
Kind,
einsamer
aber
viele.
Beschäftigungstherapien à la Fernsehen sollten die Ausnahme bleiben.
Ansonsten ist es wichtig, seine Kinder spielen zu lassen, was nicht unbedingt viel
Geld kosten muss. Nicht teures Markenspielzeug regt die Phantasie an, sondern
der innere Tatendrang des Kindes. Diese Phantasie macht aus einem Besenstiel
eine Lanze und aus einem großen Pappkarton eine Höhle. Natürlich will ein Kind
auch „richtiges“ Spielzeug, aber wie immer gibt es ein Zuwenig und ein Zuviel.
Am Besten ist Aufmerksamkeit und Spielzeug zu gleichen Teilen.
6) Die Zukunft unserer Kinder
Kinder gelten in unseren Gefilden als Luxus, und das obwohl wir in einem der
reichsten Länder der Welt leben. Die Ursache hierfür ist einfach zu verstehen. In
einer Agrargesellschaft sind Kinder billige Arbeitskräfte und sorgen oft für das
Einkommen der gesamten Familie. Hierzulande kosten Kinder Geld. Und da alle
Wirtschaftsbereiche mit hohen Preisen arbeiten, sind Kinder, da sie
ausschließlich Kosten verursachen, unwirtschaftlich und teuer.
Die Crux ist, dass sich fast nur noch Familien, in denen beide Elternteile Geld
verdienen, Kinder leisten könnten. Arbeiten sie jedoch in Vollzeit, hätten sie
keine Zeit für ihren Nachwuchs. Zugunsten ihrer Karriere verzichten daher
immer mehr berufstätige Menschen auf Kinder, oder schieben die Entscheidung
auf, bis die biologische Uhr abgelaufen ist.
Kinderreiche Familien sind aber das Rückgrat jeder Volkswirtschaft. Und sie
fördern die Solidarität und den Teamgeist ihrer Gesellschaft. Besonders
diejenigen Kinder, die Geschwister haben, können im späteren Leben für ein
versöhnliches Klima und Solidarität sorgen.
Dennoch ist es für junge Paare eine Last mehrere Kinder durchzubringen. Sie
haben dann selbst nichts vom Luxus ihrer Generation.
Sollten wir uns also lieber gegen Kinder entscheiden? Ich denke nicht. Ich halte
es für ausgeschlossen, dass Luxusgüter und beruflicher Erfolg die Erfahrung, ein
Kind zu erziehen, kompensieren könnten.
Für die Eltern bedeutet der Verzicht auf Luxus ein tieferes Verständnis.
Menschen verändern sich, wenn sie Verantwortung tragen. Beruflich kann
schlimmstenfalls ein Konkurs der Firma entstehen, wenn jemand seiner
Verantwortung nicht gerecht wird. Eltern haben aber die Verantwortung für ein
Lebewesen übernommen, das ihrer Fürsorge und Liebe bedarf. Eine solche
Erfahrung ist mit Geld nicht zu erwerben.
Eine andere Frage: Brauchen wir denn wirklich Bücher, um unsere Kinder zu
erziehen? Sollten wir nicht von Natur aus in der Lage sein, selbst zu wissen, was
für unsere Nachkommen gut ist? Viele Menschen scheinen das vergessen zu
haben, und folgen irgendwelchen „Trends“ in Sachen Erziehung. Die
Erziehungsratschläge entnehmen sie derselben Zeitschrift, die schon so
„wertvolle“ Ideen zum Abnehmen und zur Mode hatte. Als gäbe es ein
Geheimrezept, das besonders große „Erträge“ bringt.
Ein Baby möchte nicht im Mittelpunkt stehen, wie so oft behauptet und
gemutmaßt wird. Es will lediglich seinen angemessenen Platz in unserem Leben
verteidigen. Es ist daher nicht nötig, sein Kind zu verhätscheln, und schon gar
275/470
nicht mit einer lächerlichen Babysprache zu traktieren. Alles was wir tun
müssen, ist es so zu umsorgen und so zu akzeptieren, wie wir es selbst
kennengelernt haben, oder gerne kennengelernt hätten. Jeder von uns hat sich
in seiner Kindheit überlegt, was er gut fand, und was nicht. Wir müssen uns nur
wieder daran erinnern!
Rechte werden selten demjenigen eingeräumt, der ein Unrecht erleidet, sondern
dem, der am lautesten über ein Unrecht klagt. Wer sich also nicht beschwert
oder keine Lobby hat, geht in der Regel leer aus. Deshalb haben Kinder,
Außenseiter und Tiere auch kaum Rechte in unserer Gesellschaft. Wir sollten sie
ihnen dennoch einräumen.
Wir sind das Vorbild für unsere Kinder! Wenn wir lügen und betrügen, dann tun
es unsere Kinder auch. Essen wir lieber Obst statt Schokolade, dann prägt sich
dieses Bild bei den Kleinen ein. Lesen wir lieber ein Buch anstatt fernzusehen,
dann stehen die Chancen gut, dass unsere Kinder neugierig auf das gedruckte
Wort werden. Wenn wir aber lebensunfähig sind, dann wird aus unseren Kindern
auch nichts.
Wir sollten unseren Kindern von Anfang an ein sicheres und geborgenes Zuhause
bieten. Dies ist nicht gleichbedeutend mit einer „heilen Welt“. Eine solche
Illusion wäre verheerend, denn das Kind würde nicht auf die reale Welt
vorbereitet, die es früher oder später kennenlernen wird. Das Totschweigen von
uns unangenehmen Themen, wie Sexualität, Gewalt oder Drogen, verhindert
einen aufgeklärten und somit sicheren Umgang damit. Eigentlich ist Erziehung
doch ganz einfach: Das, was wir aus dem Leben unserer Kinder gar nicht erst
ausgrenzen, müssen sie später auch nicht wieder mühevoll integrieren.
Kapitel X
Beruf & Hobbys
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Der Beruf ist seit jeher ein wichtiger Lebensbereich, und sein Stellenwert ist
bedingt durch die derzeit vorherrschende, hohe Arbeitslosigkeit sogar noch
gestiegen. Schon längst ist es nicht mehr selbstverständlich, dass jeder eine
Beschäftigung ausüben kann, die ihm liegt.
„Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens.“ (Friedrich Nietzsche)
Wir haben zudem eine ambivalente Einstellung zu unserer Arbeit, denn es ist
eine willkürliche Zuordnung unserer Gesellschaft, und nicht etwa ein
Naturgesetz, eine bestimmte Tätigkeit als „Arbeit“ zu bezeichnen. Denn mit dem
Wort „Arbeit“, assoziieren wir automatisch eine unangenehme Beschäftigung.
Einerseits finden wir sie lästig, zeitraubend und stupide, verlieren wir sie aber,
dann verlieren wir mit ihr einen Teil unserer Persönlichkeit. Um diesen
Widerspruch zu verstehen, sollten wir uns nun etwas näher mit dieser Thematik
befassen.
I. Beruf
Seit Beginn des Industriezeitalters hat sich das Arbeitsleben unserer Gesellschaft
sehr stark verändert. Zentrale Manufakturen ersetzten die bis dato verbreiteten
Familienbetriebe. Stechuhr und Akkordtempo forderten Effizienz und
Leistungsbereitschaft von den Arbeitern. Handarbeit wurde zur Massenware; vor
allem die Textilbranche erlebte einen Auftrieb.
Schließlich verdrängten Fabriken die Manufakturen; der zweite Wandel wurde
vollzogen. Maschinen ersetzten zunehmend den Menschen und nahmen ihm so
manch
gefährliche,
langweilige
oder
unangenehme
Arbeit
ab. Die
Erfolgsgeschichten von Fabrikanten wie Henry Ford liegen wesentlich in diesem
Umdenkungsprozess und Wandel zur Industriegesellschaft begründet.
Dank der noch recht neuen Computertechnologie, der dritten großen
Veränderung im Arbeitsleben, sind Menschen auf immer mehr Gebieten zu
ersetzen. Die Befürworter dieser Entwicklung sehen die neugewonnene Freizeit
für die Arbeitnehmer, die Gegner sehen es nicht gerne, dass Menschen in den
Kalkulationen nunmehr als „überflüssige Kostenverursacher“ betrachtet werden.
Fakt ist: Menschen machen mehr Fehler als Maschinen, sind ineffizienter,
müssen schlafen, sind nicht so leicht mit neuen Arbeitsmethoden vertraut zu
machen und arbeiten nur innerhalb gewisser Rahmenbedingungen. Einer
Maschine ist es nahezu egal, welche Temperatur die Umgebung hat, wie lange
sie schon in Betrieb ist oder welchen Vorgang sie wie oft machen muss
Andererseits: Sollen uns Maschinen ersetzen oder uns nur helfen? Das ist keine
technische oder ökonomische Frage, sondern eine gesellschaftliche. Die Grenzen
verwischen, wenn beispielsweise neuerdings auch Roboter operieren können. Sie
erledigen ihre Arbeit präziser und schneller als Menschen. Doch wo soll die
Grenze der Technisierung liegen?
Vermutlich wird es Kybernetikern schon in absehbarer Zeit gelingen, den
Menschen mit einem elektronischen Interface zu versehen, um sein Gehirn
direkt mit diversen Datenbanken zu vernetzen. Natürlich ist das momentan noch
Zukunftsmusik, aber die Folgen lägen auf der Hand. Nur noch „vernetzte
Menschen“ könnten im Berufsleben vorwärtskommen, da sie „aufgewertet“ und
277/470
leistungsfähiger sind. Ähnliche Szenarien könnte eine genetische „Aufwertung“
mittels reproduktionstechnologischer Methoden heraufbeschwören.
Doch auch schon heutzutage bemerken wir, dass der Mensch nicht völlig durch
Technik ersetzbar sein sollte. Als simples Beispiel lassen sich manche Banken
oder Informationsbüros anführen, an denen uns nur noch Bildschirme den Weg
weisen. Keine echte Kommunikation ist hier möglich. Ein Computerprogramm
erfasst die Fakten, ist aber nicht in der Lage, uns ganzheitlich zu sehen. Wir
müssen die Maschine verstehen, anstatt umgekehrt, denn sie ist nicht in der
Lage, unser Anliegen zu begreifen, wenn es von ihrem Standardprogramm auch
nur geringfügig abweicht.
Was ist, wenn diese Entwicklung so weitergeht? Das „Lean Management“ lässt
durch Entlassungen manche Abteilungen nicht nur schlank, sondern
magersüchtig werden. Es heißt, der Mensch würde gebraucht, um die Maschinen
zu erschaffen, zu bedienen und zu warten. Im Gegenzug schenken sie uns ihre
Dienste. Das klingt nach einer Art Symbiose, oder besser Sym“mech“ose.
Aber brauchen wir das wirklich? Warum stellt keiner diese Frage? Wer von uns
will eigentlich in einer Welt leben, in denen Technik wichtiger ist, als er selbst?
1) Berufswahl
Vielleicht sind wir an dieser Entwicklung sogar selbst schuld. Vermutlich gäbe es
sie nicht in diesem Ausmaß, wenn wir eine positivere Einstellung zu unserer
Arbeit einnehmen würden. Wie stehen wir denn persönlich zu unserer
gesellschaftlichen Funktion?
Für manche ist der Beruf ein Bund fürs Leben, andere neigen zu Seitensprüngen
und wechselnden Arbeitsverhältnissen. Nicht jeder, der eine Ausbildung
erfolgreich abschließt, bekommt auch automatisch einen Job in dieser Branche.
Manche Menschen möchten in jungen Jahren sehr viel arbeiten, um sich einige
Jahre später auf den Lorbeeren auszuruhen. Wiederum andere haben
Startschwierigkeiten und brechen einige Studiengänge oder Ausbildungen ab,
weil sie nicht in der Lage sind, ihre Zukunft zu planen.
Zumindest eines steht fest: Wir müssen uns rechtzeitig Gedanken darüber
machen, was wir in den nächsten Jahrzehnten tun möchten. Die Berufswahl ist
genauso folgenschwer, wie unsere Partnerwahl. Wir müssen uns daher sehr gut
einschätzen können, denn kein Mensch ist für jeden Beruf geeignet.
Beispielsweise sollten nur aufgeschlossene Personen in Beratung und Verkauf
tätig sein, während Misanthropen besser im Hintergrund aufgehoben sind.
Der beste Rat für junge Menschen, die sich über ihre berufliche Zukunft
Gedanken machen, ist zu lernen, was sie interessiert. Das klingt zunächst trivial
und weltfremd, wenn man die schlechten Aussichten in bestimmten
Arbeitsbereichen betrachtet. Denn schließlich bestimmt das fundamentale Prinzip
der Marktwirtschaft, Angebot und Nachfrage, das berufliche Vorankommen der
Einzelnen innerhalb unserer Gesellschaft.
Und diese ist, wie bereits erwähnt, im stetigen Wandel. Das bewirkt einerseits,
dass bestimmte Berufsstände allmählich an Bedeutung verlieren und aussterben,
beherbergt aber auch berufliche Chancen, wenn man sich weniger auf eine
gewisse
Berufsbezeichnung
versteift,
sondern
überlegt,
welches
zukunftsträchtige Betätigungsfeld man mit seiner individuellen Begabung
bereichern könnte.
Auch für einfachere Tätigkeiten sollte man sich nicht zu schade sein, ganz im
Gegenteil. Schlichte Arbeit ist ehrenwerter als beispielsweise Abzockerei und
278/470
Spekulationsgeschäfte und zahlt sich, gemäß des harmonischen Systems, an
anderer Stelle wieder aus.
Es geht von Anfang an darum, seine Ideen umsetzen. Wenn es auf die klassische
Art nicht funktioniert, dann sollten wir uns überlegen, was wir denn zu bieten
haben und auch Quereinstiege wagen. Auch nach der Ausbildung sollten wir uns
nicht von irgendwelchen Vorgaben einengen lassen.
Es
bedarf
einer
gehörigen
Portion
„Chuzpe“,
also
unverfrorener
Selbstbehauptung, um im Berufsleben voranzukommen. Und je besser wir über
unsere Stärken und Schwächen Bescheid wissen, desto eher lässt sich zunächst
einmal der geeignete Beruf ermitteln.
Es gibt leider noch zu viele Berufsstände, die auf Subventionen, also
Fördermittel angewiesen sind. Diese Zugeständnisse seitens des Staates waren
in der Regel kurzfristig gedacht, haben sich aber mit den Jahren zu einer
Selbstverständlichkeit gemausert. Aber die Erfahrung macht deutlich: Es dauert
nicht lange und eine Vergünstigung wird von allen kassiert.
Sobald dann aber mit dem Gedanken gespielt wird, diese Zuwendungen wieder
zu kürzen oder gar zu streichen, sind große Proteste die Folge. Was für die
einzelnen Betroffenen nachvollziehbar und gerecht erscheint, ist im großen ein
Fehler. Solange Subventionen fließen, verhindert dies die natürliche
Gesundschrumpfung und Entwicklung eines künstlich aufgeblähten Marktes. Das
verhält sich so, wie Flussbegradigungen. Das Wasser würde sich selbst den
idealen Weg bahnen, wird aber künstlich in ungünstigere Läufe gezwungen.
Es ist ein Irrglaube, dass verlorene Jobs nicht durch neue, zeitgemäße
Betätigungsfelder ersetzt werden können. Zulasten aller Arbeitnehmer wird der
Wettbewerb und Fortschritt verzerrt.
Was können wir als Einzelpersonen dagegen tun? Am sinnvollsten ist es, von
vorneherein richtig zu handeln, anstatt sich hinterher in Rückzugsgefechten zu
verlieren. Dies bedeutet konkret, den richtigen Beruf für sich zu finden und
zielstrebig anzuvisieren. Wer sich heutzutage beispielsweise noch im Bergbau
oder der Kernkraft ausbilden lässt, der ist selbst an seiner Arbeitslosigkeit in
wenigen Jahren schuld. Mit derselben Begabung hätte er auf anderen Gebieten
eine Ausbildung anstreben können, die hinterher auch tatsächlich gebraucht
wird.
Sicherlich ist Arbeitslosigkeit nicht immer auf Selbstverschulden zurückzuführen,
doch gerade weil der Kampf um die eigene Zukunft immer härter wird, reicht es
nicht aus, sich auf fremde Hilfe zu berufen. Wer gesund, lernfähig und
durchschnittlich begabt ist, hat alle Möglichkeiten, eine Tätigkeit zu finden, die
zu ihm passt und die ihn erfüllt.
Unser Beruf ist nicht unbedingt auch unsere Berufung. Zwar kann ein junger
Mensch heutzutage prinzipiell erlernen, was immer er möchte, aber dieser
Schein trügt. Nicht jeder Mensch ist imstande mit sechzehn, respektive
neunzehn Jahren sein restliches Berufsleben zu bestimmen.
Auch das zu erwartende Einkommen ist entscheidend für den, der eine Familie
gründen will. Nicht zuletzt deshalb erwählen sich viele einen Beruf, der finanziell
attraktiv ist, mit dem sie sich aber nur wenig oder überhaupt nicht identifizieren
können. Doch das ist kurzfristig gedacht, denn wir sollten nur mittelbar auf den
Markt achten. Die Konjunktur wechselt immer zwischen Wachstum und Boom, zu
Rezession und Depression; das ist volkswirtschaftlich betrachtet ein völlig
normaler Vorgang.
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Wirklich klug ist der, der nicht auf den momentanen Trend des Arbeitsmarktes
achtet, sondern sich antizyklisch verhält. Immer wenn eine Knappheit eines
bestimmten
Berufsstandes
herrscht,
werben
die
Berufsberater
verständlicherweise verstärkt dafür. Die Folge ist eine regelrechte Schwemme,
die wiederum dazu führt, dass von dem Beruf generell abgeraten wird.
Alle „großen“ Berufsgruppen, wie Lehrer, Ärzte, Ingenieure oder neuerdings
Computerspezialisten sind diesem stetigen Wandel unterworfen. Zunächst
herrscht Goldgräberstimmung, dann ist der Markt gesättigt und keiner will sie
mehr haben. Vor allem diejenigen Menschen, die vor lauter Ungeduld und
Geldgier keinen (klassischen) Abschluss gemacht haben, sondern direkt
eingestiegen sind, werden in Zeiten einer Flaute als Erste auf die Straße gesetzt.
Die wenigen Ausnahmen, im Format eines Bill Gates, täuschen über die Realität
der Masse weg.
Da wir aber wissen, dass sich alles in diskreten Schüben alternierend
abwechselt, also auch der Arbeitsmarkt, sollten wir uns nicht von der
momentanen Hochstimmung blenden lassen.
Wenn wir kein unrealistisches Ziel anvisieren, sondern einen Beruf ergreifen, der
uns liegt, dann schaffen wir es auch, uns darin zu etablieren und schwierige
Zeiten zu überstehen. Einer sinnlosen Tätigkeit nachzugehen führt jedenfalls
langfristig zu großem Leid, da Geld nicht den fehlenden Sinn im Leben
kompensieren kann.
Es ist generell schlecht, lediglich Träumereien zu hegen oder alles auf „später“
zu vertagen, und weitaus besser, sich ein realistisches Ziel auszumalen und
dieses aktiv anzugehen. Es wäre schwierig, wenn man sich beispielsweise
künstlerisch ausleben möchte, aber nur mittelmäßig begabt ist. Doch selbst beim
begabtesten Menschen macht das Talent nur die Hälfte des Erfolges aus. Mit
dem richtigen Selbstkonzept und dem notwendigen Talent kann jeder Traum
realisiert werden.
Wer eine Berufung verspürt, der sollte ihr zumindest nebentätlich nachgehen.
Wenn es sich zeitlich, sozial und finanziell mit der Hauptaufgabe verträgt, sollten
wir unser Potential nicht ungenutzt versiegen lassen. Ein brachliegender Geist
wird marode und verliert die Fähigkeit zur Freude.
Jeder kennt Personen, die sich nur noch auf ihr Rentendasein freuen und die
Tage bis dahin zählen. Doch was sie dann mit ihrer vielen Freizeit konkret
anfangen möchten, das wissen sie nicht. Sie reden von großen Reisen, Büchern
oder Gartenarbeit, haben aber bisher auch nichts dergleichen unternommen.
Was soll ihr Gerede also?
Auch das Image des Berufsstandes kann bei der Auswahl von Bedeutung sein.
Zwar ist auch hier ein Image nur Fassade und sollte eigentlich niemanden
interessieren, aber die Realität sieht leider anders aus. Manchen Berufsständen
werden negative Eigenschaften beigemischt, wie mangelnde Intelligenz oder
Faulheit. Wer nicht wirklich von seinem Beruf überzeugt ist und eine starke
Persönlichkeit hat, sollte vielleicht bedenken, dass die breite Masse schlecht über
seine Tätigkeit denkt.
Ich möchte hinzufügen, dass ich solche Beleidigungen nicht besonders schätze.
Wenn ein Mensch einer legalen und ethisch unbedenklichen Arbeit nachgeht,
verdient er den Respekt seiner Mitmenschen.
Es gibt Menschen, die beziehen Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe und denken
nicht im Traum daran, etwas im Gegenzug für die Gesellschaft zu tun, die sie
durchfüttert. Sie verdienen unsere Geringschätzung, denn sie denken nur an
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sich selbst. Auch diejenigen Berufe, in denen andere Menschen übervorteilt, oder
Tiere unnötig gequält werden, sollten keine gesellschaftliche Akzeptanz finden.
Wenn aber jemand mitten in der Nacht andere Menschen pflegt, im Großmarkt
frisches Gemüse einkauft, den Müll abtransportiert oder auf unseren Straßen für
Sicherheit sorgt, dann verdient er unseren aufrichtigen Dank. Gäbe es diese
redlichen Menschen nicht, die auch manchmal etwas ohne (horrende) Bezahlung
füreinander tun, dann wäre ein harmonisches Zusammenleben von uns allen
undenkbar.
2) Bewerbung und Berufseinstieg
Wenn sich jemand bewerben möchte, dann liest er Bücher darüber, wie er sich
zu verhalten hat, und was von ihm erwartet wird. Er lernt sein „Kunststück“ und
schreibt dieselben Floskeln in seine Bewerbungsmappe, wie alle anderen
Bewerber auch. Er vertraut darauf, dass andere, also die Autoren der
Bewerbungsbücher und der Adressat der Bewerbung ihn besser einschätzen
könnten als er selbst. So hat er es ja in der Schule gelernt.
Dabei wäre es völlig ausreichend, die Etikette zu wahren, den Inhalt seiner
Bewerbung jedoch selbst zu gestalten. Dass man zerknülltes Papier,
Rechtschreibfehler und fehlende Zeugnisse nicht als „individuelle Note“
verbuchen kann ist klar, aber es spricht nichts dagegen, seine Qualitäten
objektiv zu beurteilen und sich entsprechend zu bewerben. Schließlich ist genau
diese Eigenschaft in einer Servicegesellschaft gefragt.
Da uns Maschinen und Computer die stupide Arbeit abnehmen, bleibt uns nur
noch die Flucht nach vorne, also, uns mithilfe der menschlichen Kreativität von
unseren elektronischen Konkurrenten zu unterscheiden. Wer seine Bewerbung
nicht nur am Computer schreibt, sondern diese durch ihn fast völlig erstellen
lässt, der kann ihn auch gleich zum Vorstellungsgespräch schicken!
Auch Umwege im Lebenslauf können vorteilhaft sein, solange man nur plausibel
begründen kann, weshalb man sie beschritten hat. Wer einen Angehörigen
gepflegt, sein Studium mit Jobben finanziert, oder eine Reise unternommen hat,
die ihm sehr wichtig war, der sollte dies ruhig als Vorteil verkaufen. Aber lügen
sollten wir auch hier nicht.
Wenn wir uns einmal für einen geeigneten Beruf entschieden und diesen erlernt
haben, ist falsche Bescheidenheit von unserer Seite in Sachen Bewerbung auch
nicht angebracht. Denn wir wollen ja nicht nur eine Arbeitsstelle haben, sondern
wollen dafür auch gute Arbeit geben.
Sich bewerben bedeutet, für sich zu werben; also Kampfgeist zu zeigen, und
nicht Theater zu spielen. Dabei sollten wir bewusst auf Ellenbogenmethoden
verzichten, also uns lieber selbst in einem guten Licht präsentieren, anstatt
unsere Mitstreiter schlechtzumachen. Auf keinen Fall sollten wir uns egoistisch
durchsetzen oder uns beklagen. Fürs Jammern über die schlechte Lage am
Arbeitsmarkt hat jedenfalls noch niemand einen Job bekommen. Wer sich
engagiert und kompetent hinter seine Projekte klemmt, der überzeugt dadurch
auch sein Umfeld.
Haben wir endlich den Beruf unserer Träume gefunden, sowie eine Arbeitsstelle
ergattert, dann endet das Engagement aber nicht etwa, sondern sollte erst
beginnen. Im Berufsleben ist man ständig neuen Ereignissen ausgesetzt. Diese
sollte man nicht aus Angst vor Veränderung meiden, sondern abwägen, welche
Chancen sich damit verbinden. Alles hat positive und negative Seiten. Nur das
Negative zu sehen, verstärkt unsere Furcht und fördert unsere Ablehnung.
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3) Lohn
Es ist immens wichtig zu verstehen, dass der materielle Lohn nicht entscheidend
dafür ist, ob wir mit unserer Tätigkeit zufrieden sind. Ich erwähnte bereits, dass
Geld diese Unzufriedenheit nicht zu kompensieren vermag, denn unser
berufliches Leben trägt einen großen Teil zu unserer Selbsteinschätzung und
Selbstdarstellung bei.
Aber leider hat sich in unserer Gesellschaft die Vorstellung breitgemacht, dass
die „Bezahlung“ und der „Wert“ einer Arbeit in einem direkten Zusammenhang
stünden. Dass dies nicht zutrifft wird sofort klar, wenn man sich die
Spitzenverdiener
einmal
näher
ansieht.
Funktionäre,
Manager,
Aufsichtsratsmitglieder, Spitzensportler und Aktionäre, um nur einige zu nennen,
üben sicherlich einen verantwortungsvollen und zeitintensiven Beruf aus, aber
sie werden dermaßen überbezahlt, dass ein „normaler“ Arbeitnehmer, der
vergleichbare Arbeit leistet, niemals auch nur in den Bereich dieser Bezahlung
kommen könnte.
Ob dies gerecht ist, sei dahingestellt; fest steht aber, dass eben doch kein
Zusammenhang zwischen Leistung und Entlohnung steht. Diese Tatsache sollte
für uns zur Konsequenz haben, dass uns die Bezahlung unserer Tätigkeit auch
nur sekundär wichtig ist. Geld ist notwendig, aber nur in gewissem Maße. Ohne
es kann man seine Grundbedürfnisse nicht decken; ein Dach über dem Kopf,
Nahrung, Kleidung, Bildung, Hygiene und Medikamente. Aber auch etwas Luxus,
um sich zu belohnen und um sich ein wenig von anderen unterscheiden zu
können. Doch zu viel ist ebenso schädlich wie zu wenig. Ein kleine Reserve für
schlechte Zeiten und ein geregeltes Einkommen genügen völlig.
Was soll man sich denn auch kaufen? Welcher käufliche Gegenstand macht
wirklich glücklich? Selbst noch so viel Geld kann uns nicht das Gefühl ersetzen,
gebraucht zu werden. Das große Glück kommt von innen, niemals von außen,
und das ist nur gerecht! Solange ein ausreichender Standard für uns und unsere
Angehörigen gewährleistet ist, sollten wir uns mehr damit befassen, ob uns
unsere Arbeit auch gefällt und fördert.
Anstatt also ständig mehr Lohn in Form von Geld zu fordern, sollten wir nach
mehr Sinn in unserer Tätigkeit verlangen, und selbst dafür sorgen, dass dieser
entsteht. Die eingangs erwähnte Automatisierung erleichtert so gesehen auch
nur oberflächlich unsere Arbeit, denn Technik kann uns tatsächlich ersetzen,
wenn wir unseren Beruf lustlos, einfallslos und „mechanisch“ ausüben. Die
menschliche Stärke ist die Kreativität; und nur solange wir sie in unseren
Handlungen gebrauchen, bleiben wir unersetzlich.
4) Karriere
Doch nicht nur das Geld treibt manche Menschen dazu, Karriere machen zu
wollen. Die Anerkennung und der Neid ihrer Mitmenschen, sowie eine gewisse
überlegene Machtposition, sind für viele die maßgebliche Triebfeder.
Eine strotzende geistige Urkraft, die unbedingt nach Höchstleistungen schreit,
sowie angeborene Genialität sind zumindest eher selten die Motive derjenigen
Personen, die es bis an die Spitze schaffen wollen.
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle „Das Dilbert Prinzip“ von dem amerikanischen
Cartoonisten Scott Adams ans Herz legen. Im gleichnamigem Buch beschreibt
Adams in unterhaltsam übertriebener Weise, wie der Mensch in Wirklichkeit zu
seiner Arbeit steht, und auf welche Art für gewöhnlich Karriere gemacht wird.
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Karriere zu machen gleicht nämlich einem langfristigen, taktischem Spiel. Es gibt
viele Ratschläge von Experten, wie wir uns auf unser Berufsleben einstimmen
sollten. Etwas anderes, als den derzeit ausgeübten Beruf erlernt zu haben, ist
heutzutage anscheinend wichtig. Weltreisen und Auslandserfahrung können
genauso wenig schaden, wie vielfältige Kenntnisse in verschiedenen
berufsfremden Bereichen, wie Sprachen oder auf dem Computersektor.
Am liebsten wäre es den Arbeitgebern, wenn man 20 Jahre alt ist, aber schon 15
Jahre Berufserfahrung mitbringt. Sicherlich macht es im Zeichen der
Globalisierung für manche international tätige Unternehmen Sinn, dass ihre
Arbeitnehmer im Ausland gelebt und gearbeitet haben. Weniger entwickelte
Länder könnten unter fachkundiger Anleitung zu qualitativ hochwertigen
Produktionsstätten werden.
Doch wie so oft wird aus einem Bonus, den Einzelne aufgrund ihrer Reiselust
freiwillig aufwarten, ein Standard, also eine Verpflichtung für alle, die in diesem
Berufsfeld Erfolg haben möchten.
Aber nicht jeder Mensch empfindet solch eine Auslandserfahrung auch als
Bereicherung. Manche genießen es, andere Kulturen zu erleben, andere flüchten
auf diese Weise „elegant“ vor ihrer schlechten (sozialen) Situation zuhause. Aber
die meisten fühlen sich durch solche Expeditionen gequält und entwurzelt.
Was macht ein Mensch, der zunächst fünf Jahre in Hamburg wohnt, dann
weitere fünf Jahre in Hongkong, um anschließend nach Toronto zu ziehen? Wie
soll er eine Partnerschaft oder Familie aufrechterhalten? Wie lässt sich sein
restliches Leben mit der Karriere vereinbaren? Das Problem sollte nicht
unterschätzt werden. Einem solchen Karrieristen bleiben nur drei Möglichkeiten:
1. Er wird seinen Partner bei jedem Umzug mitnehmen, der dabei aber den
Kürzeren zieht. Es ist unwahrscheinlich, dass die Karriere des Partners
zufällig durch diesen Umzug ebenfalls gefördert wird.
2. Es entsteht eine Wochenendbeziehung. Dass diese viele Frustelemente birgt,
weiß jeder, der schon einmal eine geführt hat. Der geliebte Partner ist nicht
immer anwesend, wenn man ihn braucht. Auch die moderne
Telekommunikation täuscht darüber nicht weg. Eine solche Konstellation
kann durchaus funktionieren, aber nur, wenn beide hart daran arbeiten.
3. Die dritte, und wohl grausamste Methode, ist die Beziehung zu
Lebensabschnittspartnern. Genauso hässlich wie dieses Wort, ist die
Tatsache, dass der Betroffene keinen echten Rückhalt mehr besitzt. Bei
jedem Umzug werden alle Zelte abgebrochen, und den Gefühlen zum Trotz,
die Beziehung beendet. Er hinterlässt auf der Welt nur Schmerz und kann
dabei selbst auch nicht wirklich glücklich werden.
Der Mensch ist, das wird wohl niemand bestreiten, dann am leistungsfähigsten,
wenn er sich wohlfühlt, und gerne mit etwas beschäftigt. Kurzfristig erzeugen
Notsituationen über das endogene Stresssystem enorme Kräfte, aber dass
dauerhafte Erregung krankmacht, ist inzwischen wohl jedem bekannt.
Der Fehler, der derzeit von den Personalchefs begangen wird, ist die
Gleichschaltung aller Menschen. Anstatt den individuellen Charakter zu
betrachten, weist für sie nur ein perfekt durchdachter Lebenslauf auf Kompetenz
hin. Ein ausgeprägter Familiensinn ist beispielsweise nicht gefragt, statt dessen
lieber die Bereitschaft, für seine Karriere auf Kinder zu verzichten. So wird die
Karriere zum Opferfest des Privatlebens.
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Meiner Meinung nach verbessert es die Teamfähigkeit und Flexibilität eines
Arbeitnehmers, wenn er eine Familie mit Kindern hat. Anscheinend steht aber
nicht mehr der Mensch im Zentrum einer Firma, sondern nur noch seine
Arbeitskraft. Dabei ist es inzwischen erwiesen, dass beispielsweise Überstunden,
Effizienz nur vorgaukeln. Echte Leistung ist nicht mit bloßer Anwesenheit, und
schon gar nicht mit Opferbereitschaft gleichzusetzen.
Zurzeit herrschen weiträumig Zukunftsangst und Unsicherheit vor, also das
genaue Gegenteil von Wohlbefinden. Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor
Versagen und Angst davor, andere zu enttäuschen.
Aus dieser Furcht heraus haben regelrechte Verteilungskämpfe begonnen,
ständige Wettbewerbe und ein Konkurrenzdruck, der wohl kaum einem
Menschen gefallen kann. Bereits im Kindergartenalter bemühen sich mehr
Menschen um Erfolg, Einfluss und materielle Überlegenheit, als um
Zufriedenheit. Wir fühlen uns viel zu selten „richtig“, genau so wie wir sind, denn
ständig plagen uns Bedenken um Leistung und Wettbewerb.
Wettbewerb findet aber nicht statt, um sich selbst zu vervollkommnen, sondern
um andere auszustechen. Der Grund dieser verschärften Selektion innerhalb
unserer Gesellschaft ist der Nimbus der Leistungsfähigkeit, den ein Mensch in
einer Führungsposition einnimmt.
Wer an der Spitze steht, was wie wir gesehen haben, mit einem hohen
Einkommen korreliert, der strahlt eine gewisse Macht und Überlegenheit aus. Im
Grunde genommen geht es hierbei um das archaische Kräftemessen, um die
Demonstration der Potenz, also darum, sich den besten Partner zu sichern.
Wer unbedingt an der „New Economy“ teilnehmen will, täglich 12 Stunden
arbeitet und sein Privatleben aufgibt, der wird mit seinem erworbenen Vermögen
dennoch nicht die vergeudete Zeit und ruinierte Gesundheit zurückkaufen
können.
Die höchste Steigerung ist „Karoshi“; das ist ein japanischer Begriff, der soviel
wie „Tod durch Arbeit“ bedeutet. Er ist die Folge von zu viel Ehrgeiz und der
panischen Angst vor Arbeitslosigkeit und Versagen.
Arbeitslose gelten in unserer Gesellschaft automatisch als faul und krank, ein
Image, das Wertlosigkeit gleichkommt. Und das sogar meist zu Unrecht, da wir
in Europa über die qualifiziertesten Arbeitslosen der Welt verfügen.
Vom übertriebenen Ehrgeiz sind besonders diejenigen Menschen betroffen, die
ihr Fähnchen in den Wind hängen und ihre Gesinnung feilbieten wie eine Ware.
Um Karriere zu machen haben sie das richtige Parteibuch, gehen auch
manchmal mit ihrem verhassten Chef in die Kneipe, und lassen andere ihre
Entscheidungen treffen, wenn es denn der Karriere nützt. Ihnen ist nur schwer
zu helfen!
Wie sinnlos das Ganze ist wird uns aber erst wirklich klar, wenn wir sehen, wie
die Spitzenpositionen in Wirklichkeit verteilt werden. Machen wir uns doch nichts
vor. Trotz allem Geschwätz von „belohnter Leistung“ und „Chancengleichheit“
machen nur diejenigen Menschen Karriere, die über „Vitamin B“ verfügen.
Es gibt kaum eine Spitzenposition, die wirklich demokratisch vergeben wird,
oder gar nach dem „olympischen Prinzip“, an den Bestqualifizierten. Meist fallen
Entscheidungen dieser Art in „Kamingesprächen“ unter bereits etablierten
Platzhirschen.
Sie bestimmen, wer den Zuschlag für eine Stelle erhält. Und das ist meist
derjenige, der derselben Vereinigung oder Bruderschaft angehört, und sich
seinerseits verpflichtet diesen Protektionismus fortzusetzen.
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5) Probleme durch übertriebenen Ehrgeiz
Selten ist das Geld die eigentliche Triebfeder für krankhaften Ehrgeiz, denn
Menschen in Führungspositionen haben kaum die Zeit, um in Luxus zu
schwelgen und das zu genießen. Da zudem der hohe Stress, verbunden mit der
ausbleibenden Entspannung, ihre Lebenszeit verkürzt, scheidet der Wunsch nach
Reichtum als Hauptmotiv für diesen Irrsinn aus.
Meist wissen die Betroffenen selbst nicht genau, weshalb sie sich das antun,
aber sie weichen keinen Schritt zur Seite, wenn sie ihrem Weg entlang der
Karriereleiter folgen. Diese Hartnäckigkeit bringt natürlich Probleme mit sich.
Beispielsweise kann es mit der Zeit eine regelrechte Ersatzbefriedigung
darstellen, sich in Arbeit zu stürzen. Auf sie möchte ich etwas näher eingehen,
da sie sich nicht so offensichtlich äußert, wie beispielsweise der Medikamentenoder Alkoholabusus.
Vor allem geistige Beschäftigungen lenken ungemein von Problemen,
Disharmonien und sozialer Armut ab, und können sich ebenso wie alle anderen
Süchte, schleichend über viele Jahre hinweg, systematisch entwickeln und
festigen. Vor allem dann, wenn jemand von klein auf nichts anderes gewöhnt ist,
als sich über seine Erfolge zu definieren.
Man sollte annehmen, dass Professoren oder erfolgreiche Manager sehr glücklich
wären, da sie in ihrem Leben soviel erreicht haben. Doch das Gegenteil ist häufig
der Fall. Als Außenstehender bemerkt man als Erstes bei vielen von ihnen eine
gewisse Arroganz oder Frustration, die sich im Schikanieren ihrer Untergebenen
äußert.
Die Ursache hierfür ist der einseitige Lebensstil, der diese Menschen jahrelang
dazu gezwungen hat, sich immer neuen, ehrgeizigen Zielen zu widmen, die ihre
volle Aufmerksamkeit benötigen. Es leuchtet jedoch ein, dass auch der
Begabteste nicht immer und überall gut sein kann.
Es muss auch Raum für Fehler und Schwäche geben, sonst stimmt etwas nicht.
Einseitigkeit ist immer wider der Natur, die Vielfalt propagiert, und stellt sich
gegen den harmonischen Weg, der Synchronizität verschiedener Werkzeuge und
Fähigkeiten verlangt.
Dennoch kann sich der „Workaholic“ sehr lange damit knechten, da seine Flucht
in Richtung Arbeit zunächst keinen Schaden anrichtet, sondern sogar
Bewunderung in seinem Umfeld hervorruft. Dieser falsche Ehrgeiz ist ein aktives
Verdrängen und Substituieren der unangenehmen Gedanken, durch neutrale und
sachbezogene.
Doch irgendwann ist auch hier das Ende der Fahnenstange erreicht. Zwar waren
alle Projekte erfolgreich, aber dennoch fühlen sich diese Menschen verbraucht
und leer. Sie haben vielleicht der Menschheit viel gegeben, sich selbst und ihren
nächsten Angehörigen jedoch kaum etwas. Viele vergeudete Jahre liegen zurück,
die nicht mehr wiederkehren, doch die Angst und der Starrsinn, sich das
einzugestehen, treibt sie weiter in die Falle.
Neue Projekte sind deshalb bereits in Planung. Unter Ihresgleichen sind sie eine
Kapazität, zuhause jedoch, in der Ehe und Familie, haben sie kläglich versagt.
Letztendlich macht es einen erfolgreichen Karrieristen trotz seiner Macht und
seines Gehaltes nur zu einem unfreien Menschen. Wie eine gefühllose Maschine
ist er dazu verdammt, unter den extremsten Bedingungen fehlerfrei zu
funktionieren.
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Er erfüllt die Erwartung der Gesellschaft, erfreut die Firma und deren Aktionäre,
genießt ein hohes Ansehen, hat aber eigentlich nur das Leben Fremder
bereichert. Wäre er wirklich egoistisch, dann würde er sein Leben lieber auf
bescheidenerem Niveau verbringen, dafür aber wirklich „leben“ und nicht nur
„funktionieren“.
Sich selbst zu versklaven ist sicherlich die grausamste und traurigste Form von
Hilflosigkeit. Karriere zu machen ähnelt in diesem Punkt einer Ehe. Wer seine
gesamte Zeit, Aufmerksamkeit und Energie ausschließlich in eine der beiden
investiert, nur um den perfekten Lebenslauf, beziehungsweise die perfekte
Beziehung zu haben, wird sehr unglücklich damit werden.
Diese Personen funktionieren dann nicht nur selbst, sondern funktionalisieren
ihrerseits ihre Umgebung. Sie leben völlig in der Dingwelt und haben nicht
verstanden, dass sich Glück nicht manipulieren oder erzwingen lässt. Die
gegenständliche Welt ist aber sehr nüchtern, und somit kaum der richtige Ort,
um immerzu darin zu verbleiben. Ich möchte sie deshalb auch „Plastikwelt“
nennen. Sie wurde durch Ehrgeiz und Konsum erschaffen, und bietet Wohnraum
für allerlei gescheiterte Existenzen.
Doch auch für diese Personen ist es niemals zu spät sich zu ändern. Die
Vergangenheit kehrt dadurch zwar nicht zurück, aber es ist möglich in der
Gegenwart zu wirken, und somit doch noch alles zum Guten zu wenden. Nicht
durch Machtallüren oder Abenteuerlust in der Midlifecrisis, sondern mittels
Akzeptanz und demselben Energiebetrag, den man bisher in die falschen
Projekte investiert hat.
6) Harmonisch erfolgreich werden
Karriere zu machen und Erfolg zu haben widerspricht nicht zwangsläufig dem
harmonischen System. Prinzipiell ist beides durchaus möglich und sogar
wünschenswert, jedoch nur, wenn dafür nicht andere Bereiche vernachlässigt
werden.
Es ist gewiss von Vorteil, in seinem Berufsfeld zunächst eine Lehre gemacht zu
haben und anschließend zu studieren. So ist unter anderem gewährleistet, dass
man sich in die Probleme seiner Untergebenen einfühlen kann. Auch Erfahrungen
auf anderen Berufsgebieten tragen zur Qualität eines Arbeitnehmers bei. Wer ein
so großes Potential besitzt, um zusätzlich zur persönlichen Entwicklung auch
noch Karriere machen zu können, der sollte dies unbedingt tun. Doch in einer
konkurrenzorientierten Gesellschaft ist es beinahe schon eine Voraussetzung,
sich zu überlasten. Wer dies nicht tut, der kann gar nicht an die Spitze.
Allerdings: Wozu auch? Wenn Karriere nur durch radikales Selbstverleugnen
möglich ist, und die Luft immer dünner wird, je weiter wir aufsteigen, dann
sollten wir uns fragen: Was soll das? Ist das Klima untereinander nicht wichtiger
als die einsame Macht der Spitze?
„Jeder Erfolg, den wir erzielen, verschafft uns einen Feind. Um beliebter zu sein,
muss man ein unbedeutender Mensch sein.“ (Oscar Wilde)
Es gibt einen besseren, da natürlichen Antrieb, der uns unsere Richtung weist.
Ich meine damit die „innere Unruhe“, die uns dazu bringt, uns zu entwickeln. Die
Rastlosigkeit macht aus uns Abenteurer, Akademiker, Geschäftsleute, Ganoven,
kurz gesagt Perfektionisten auf dem Gebiet, auf dem wir das „große Glück“
vermuten.
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Egal ob Geld, Macht oder Erfahrung unsere Triebfeder ist, wir wollen unser Ziel
um jeden Preis erreichen. Das erfordert eine enorme Anstrengung, denn wir
versuchen aus unserem unspektakulären Leben etwas Besonderes zu machen.
Diese innere Unausgeglichenheit kann sehr nützlich sein, wenn wir ihr nicht blind
nachgehen, sondern hinterfragen, wie sich unser Streben nach Perfektion mit
unserem restlichen Leben vereinbaren ließe.
Doch was kann jeder Einzelne von uns konkret tun, der eine harmonische
Karriere anstrebt? Im Grunde liegt die Antwort auf der Hand. Wir sollten ganz
wir selbst sein, unsere individuelle Art umsetzen, und mit unserem Wissen,
Können und Stil, die an uns gestellten Aufgaben lösen. Das beginnt bei der
Berufswahl und durchzieht unser gesamtes Arbeitsleben wie ein roter Faden.
Gefragt sind generell Ideenreichtum sowie globales und interdisziplinäres
Denken. Beratungsfirmen haben Hochkonjunktur, denn Know-how ist bares Geld
wert. Kein einzelner Mensch hat heutzutage noch den Überblick über seine
Wirtschaftssparte und die Komplexität eines gesamten Unternehmens.
Im Berufsleben brauchen wir Durchhaltevermögen und Selbstmotivation. Wer
nicht nur Impulsen folgen, sondern abwägen möchte, welche Möglichkeit die
beste ist, der darf sich nicht Prüfungsangst oder der öffentlichen Meinung
hingeben.
Wer frei im Denken bleibt und Optimismus verkörpert, der hat die besten
Chancen auf Erfolg und emotionale Resonanz. Letztendlich besteht jedes
Unternehmen, jede Behörde und jede Organisation aus Menschen.
„Humankapital“ ist und bleibt ihr wichtigster Rohstoff. Das bedeutet für uns,
dass wir alles erreichen können, wenn wir es nur wirklich wollen!
7) Männer und Frauen im Berufsleben
Es wird sich allerorts gegen die Bezeichnung typischer Männer- und
Frauenberufe gewehrt. Aufgrund der Gleichberechtigung wollen Frauen nun auch
Soldaten werden, und Männer unbelächelt soziale Berufe erlernen dürfen. Das ist
auch wünschenswert, denn es dient der Vermischung der Gruppen und der
inneren Stabilität.
Aber es wäre falsch, aufgrund des verständlichen Wunsches nach gesetzlicher
Gleichheit der Geschlechter anzunehmen, dass Männer und Frauen wirklich
gleich wären. Es gibt definitiv geschlechtsspezifische Unterschiede, die durchaus
von Vorteil sind, sozusagen spezielle Begabungen, deren Dimensionen sich bei
den Geschlechtern unterschiedlich äußern.
Frauen haben aufgrund ihrer durchschnittlich höheren, respektive häufiger
ausgeprägten emotionalen Begabung andere Fähigkeiten als Männer. Sie sind
ideale Vermittler und Schlichter interner und externer Konflikte. Wenn „Not am
Mann“ ist, kann eine Frau vielleicht helfen.
Gemischte Teams haben sich bei Polizei oder Forschungsteams bereits sehr
bewährt. Die hierbei natürlicherweise auftretenden Spannungen, aufgrund des
sexuellen Werbens sind geringer, als der Verlust an Vielseitigkeit, den ein
monosexuelles Team hinnehmen müsste. Manche Gespräche lassen sich besser
von „Mann zu Mann“ und manche besser von „Frau zu Frau“ führen. Ein
gemischtes Team kann beiden Anforderungen gerecht werden.
Manche Menschen können zwischen beruflicher Funktion und privater Bewertung
des anderen nicht unterscheiden und verhindern so künstlich die Effizienz der
Gruppe. Dennoch können geschlechtstypische Defizite ausgeglichen, sowie
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Kungeleien und unnützer Tratsch durch eine Durchmischung noch am ehesten
unterbunden werden.
8) Mobbing
Ins Berufsleben ist, so scheint es zumindest, ein neues Phänomen eingekehrt:
das sogenannte „Mobbing“. Aufgrund der Arbeitsmarktsituation gibt es
Verteilungskämpfe um die besten Stellen. Diese liegen in den oben erwähnten,
falschen Annahmen und der Angst vor dem Versagen begründet.
Im Prinzip ist Mobbing eine perfide und versteckte Aggression, mit der
Individuen ihre innere Unzufriedenheit auf andere Menschen projizieren, und
diese anschließend quälen und beherrschen wollen.
Selbst, wenn wir bei diesem Machtspiel nicht mitspielen möchten, werden wir
darin verwickelt. Es bleibt uns nichts anders übrig, als uns dieser Tatsache zu
stellen. Ich möchte Mobbing am Beispiel von Krankenhausärzten schildern. Doch
auch in fast allen anderen Berufsgruppen kommt dieses Phänomen zum Tragen.
Mobbing ist gekennzeichnet durch drei Effekte:
1. Hierarchie und Abhängigkeiten. Der Chef verfügt über feudale Rechte, denn er
allein bestimmt über das weitere berufliche Leben seiner Untergebenen. Ein
Chefarzt weiß, dass nur noch befristete Verträge vergeben werden, und dass
sein Einfluss gilt. So mancher Chef, Anführer oder Herrscher zeigt deshalb
Anzeichen von Größenwahn und Paranoia, meist proportional zu der Macht,
die er ausübt. Er fühlt sich genötigt, seine Position zu erhalten, was ihm mit
der Zeit schwerfällt. Deshalb greift ein Chef, der sich angegriffen fühlt, zu
drastischen Methoden. Wenn er jemanden nicht mag, dann wird er einfach
zum nächsten Termin auf die Straße gesetzt. Dank moderner
Kommunikationsmethoden wird landesweit bekannt, dass der Verstoßene sich
unbeliebt gemacht hat. Platzhirsche mögen einander zwar nicht, halten aber
zusammen, solange sie in anderen Revieren sind, da sie sich gegenseitig die
rebellischen Untergebenen vom Leib halten. Die Folge für die Untergebenen
ist ein stillschweigendes Gehorchen, mit geballten Fäusten in der Tasche. Wer
sich beschwert oder nicht freiwillig seine Freizeit opfert, ist geliefert. Wer
Fehler macht, murrt oder krank wird, auch.
2. Erduldung und Verdrängung. Die Assistenzärzte sind auf die Gnade des
„Meisters“ angewiesen, wollen sie jemals die nötige Praxiserfahrung machen,
die sie für ihre Weiterbildung und Abschlüsse brauchen. Da ihnen der Druck,
der auf ihnen lastet, zu schaffen macht, sind nicht selten Medikamente und
Alkoholmissbrauch die Folge. Sie müssen perfekt funktionieren und gehorsam
sein. Eine Möglichkeit, auf die jeder irgendwann stößt, ist, die Kollegen
schlechtzumachen, um dadurch selbst besser dazustehen. Da bleibt schon mal
die Ethik auf der Strecke und es wird selbst gemobbt. Wobei wir beim dritten
Punkt wären:
3. Weitergabe von Frust und Stress. Wer sich unter Druck gesetzt fühlt, neigt
dazu diesen weiterzugeben. Ähnlich wie ein heißer Gegenstand seine Wärme
auf den Kalten überträgt, wird diese „Reibungshitze“ bis zum schwächsten
Glied weitergereicht. Gefrustete Assistenzärzte, hin- und hergerissen zwischen
Angst und Aggression, herrschen über ihre Station und schikanieren die
Krankenschwestern. Diese wiederum kommandieren dann die Putzfrauen und
Zivildienstleistenden, um nicht
aufgestauten Frust zu sein.
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selbst
der
Sandsack
für
den
kollektiv
Ist Mobbing wirklich ein neuartiges Phänomen? Eigentlich nicht; es liegt in der
Natur eines Rudeltieres eine Hierarchie aufzubauen. Selbst wenn sie nicht
beabsichtigt wäre würden wir sie intuitiv erschaffen. Geht es nun der Gruppe
schlecht, dann beginnen alle Neid und Zwietracht zu säen. Der Mensch erfreut
sich daran, wenn es anderen schlechter geht, als ihm selbst. Das gefällt ihm
leider sogar besser, als wenn es allen gut ginge.
„Es war mir immer ein Rätsel, wie Menschen sich durch Demütigung ihrer
Mitmenschen geehrt fühlen können.“ (Mahatma Gandhi)
Paradoxerweise ist Mobbing auch die Folge einer zu kameradschaftlichen
Zusammenarbeit. Mobbing tritt ausschließlich in Systemen auf, in denen sich die
meisten Kollegen auch außerhalb der Arbeitszeit treffen und währenddessen
familiäre Umgangsformen bevorzugen, wie sie seit geraumer Zeit propagiert
werden.
Ein oberflächlich gutes Betriebsklima ist meist die Ursache für Zwist im
Untergrund. Wären sich alle Beteiligten etwas „fremder“, gäbe es auch weniger
Ursachen und Angriffsflächen für Streitereien.
Aber was können wir gegen Mobbing tun? Zeitschriften und diverse Bücher
äußern gerne „Powertipps“ und „Strategien gegen den Chef“. Zusammengefasst
ist es stets derselbe Ratschlag in jeweils neuem Gewand: „Kämpfen Sie, werden
Sie aggressiv und lassen Sie sich nichts gefallen!“ Oder anders gesagt: „Tun Sie
dasselbe wie Ihre Peiniger!“
Das ist an sich ein netter Einwand, aber nur für kämpferische Naturen
brauchbar, die auch ohne Aufforderung zur Gegenwehr übergegangen wären.
Außerdem wird kein System dadurch geändert, indem man sich daran beteiligt.
Ich muss zugeben, dass es kaum ein wirksames Mittel gegen kollektiven Irrsinn
gibt. Prinzipiell ist es aber immer richtig, mit gutem Beispiel voranzugehen und
zu demonstrieren, dass man mit entspannten und friedlichen Mitteln dieselben,
wenn nicht gar größere Erfolge erzielen kann.
Ich kenne die Situation aus eigener Erfahrung sehr gut und weiß, dass man
durch Friedfertigkeit nicht Neugier oder gar Einsicht der anderen, sondern eher
Ablehnung, Neid und Missgunst erntet, aber das braucht uns eigentlich nicht zu
stören.
Solange wir uns nicht von diesen Menschen anstecken lassen, ihre Aktionen zwar
genauestens beobachten, uns aber daran nicht beteiligen, stehen wir über deren
System. Wir sind auch weniger angreifbar, da wir durch unser unbeteiligtes
Auftreten ihren Respekt gewinnen. Es hat zwar schon zu meiner Kindergartenzeit
nicht richtig funktioniert, Provokateure und Aggressoren einfach nur zu
ignorieren, aber dennoch ist diese Methode noch am besten.
Sollten wir dennoch Opfer ihrer Aktionen werden, so bleibt uns wirklich kein
anderer Weg, als den „Powertipp“ zu befolgen, und uns zu wehren. Doch
natürlich nicht auf rachsüchtige Art oder durch Erwiderung des Mobbing, sondern
mithilfe der richtigen Kommunikation.
Der ständige Wettbewerb in unserem Kapitalismus frisst allmählich seine Kinder.
Es liegt an uns, ob wir dazugehören möchten. Denn wer sich am Wettbewerb nur
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dann beteiligt, wenn es unbedingt nötig ist, der vermeidet in Folge auch die
fruchtlosen Streitigkeiten.
9) Qualifikation und Stellenwert
An anderer Stelle sagte ich bereits, dass es nicht ehrenvoller sei, eine Aufgabe
mit mehr Energie und Kraftaufwand als nötig zu meistern. Anders verhält es sich
selbstverständlich, wenn eine Aufgabe erledigt wird, die mehr Kompetenz,
Intelligenz und Zeit von uns abverlangt, aber auch zu einem höheren Ziel führt.
Dann sollte sie einen entsprechend höheren Stellenwert in unserer
Wertschätzung einnehmen, und verdient mehr Respekt und Beachtung.
In unserem Land ist es beispielsweise möglich, im großen Fachbereich der
„Informatik“ einen Diplomabschluss zu erhalten. Aber Diplom ist nicht gleich
Diplom, es gibt für diesen Begriff unterschiedliche Ausbildungswege.
Es sollte jedem Menschen klar und bewusst sein, dass ein Universitätsstudium
länger dauert und ungleich mehr abverlangt, als eines auf der Fachhochschule.
Letzteres ist aber wiederum deutlich höher einzuschätzen als ein Diplom einer
Berufsakademie. Ein Berufsakademiker ist in seiner Ausbildung auf dem Papier
auch ein Student, gleicht aber eher einem besseren Lehrling.
Ich möchte keinen Bildungsabschluss diskreditieren oder Äpfel mit Birnen
vergleichen. Aber es ist für unsere Einschätzung der Kompetenz einer Person
enorm wichtig, die objektive Qualität seiner Ausbildung zu berücksichtigen. Das
beginnt mit der unterschiedlichen Aussagekraft der Schulabschlüsse in den
einzelnen Bundesländern und reicht bis zur eigentlichen Berufsausbildung.
Im Zuge der internationalen Kooperation werden viele, mit der Zeit vielleicht
sogar alle Studienabschlüsse auf das angelsächsische System umgestellt. Dieses
verleiht den Absolventen des Grundstudiums einen sogenannten „Bachelor“ als
Titel. Wer weiterstudiert, kann es bis zum „Master“ bringen. Es bleibt
abzuwarten, ob sich dadurch eine bessere Vergleichbarkeit ergibt.
Wenn wir Menschen schon nach Noten und Diplomen beurteilen, dann sollten wir
es auch genau nehmen. Die Absolventen niederer Bildungsstätten behaupten nur
zu gerne, sie wären genauso gut in ihrem Fach, wie alle anderen auch. Sie
haben es also nötig, sich zu profilieren und werten die Anstrengung und Leistung
derer ab, die einen wesentlich schwereren und ehrenvolleren Weg gegangen
sind.
Ihre Berufsbezeichnung mag ähnlich sein, aber ihre Kenntnisse sind nicht
dieselben. Sie selbst vergleichen sich gerne mit Besseren, aber ihre
Argumentation hinkt. In der Schule mag es noch verzeihlich sein, wenn jemand
abschreibt und damit eine bessere Note erhält als er verdient. Im Leben der
Erwachsenen muss aber gelten: „Ehre, wem Ehre gebührt!“ Wer Lorbeeren,
Anerkennung und Respekt erhalten möchte, muss sich auch auf irgendeine
Weise darum verdient gemacht haben.
Wenn man die Menschen so reden hört, erlernt jeder momentan eine
Fremdsprache und Sportart, schreibt an einem Buch und überlegt sich, ob er
nicht doch noch studieren sollte. Zumindest sind sie fest davon überzeugt, dass
man nur durch „Aussitzen“ zum jeweiligen Ziel gelangen könnte.
Aber das ist Träumerei; es zählen ausschließlich die Resultate! Die Wahrheit
lässt sich schnell herausschälen, wenn man solche angeberischen
Selbstaussagen auf den Kern reduziert. Wer sich einbildet, er „könnte“ ebenfalls
zu einem bestimmten Abschluss kommen, aber bislang nichts Vergleichbares
vorweisen kann, der verdient allenfalls das „große Maulhelddiplom“.
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In der momentanen Euphorie der Informationstechnologiebranche wird uns
weisgemacht, dass man am Besten sofort seine Ziele über den Haufen wirft und
ein „Start-up-Unternehmen“ gründet. Was beiläufig verschwiegen wird, ist, dass
gerade Schul- und Studienabbrecher die Ersten sind, die bei der nächsten
Rezession auf die Straße gesetzt werden. Auf einen Studienabbrecher, der in den
Medien als Held gefeiert wird, nur weil er sich selbst reichgemacht hat, kommen
ein Dutzend Menschen, die damit bitter gescheitert sind.
Es bleibt festzuhalten, dass letztendlich fast jeder Beruf für eine Gesellschaft
wichtig, und jeder Abschluss etwas wert ist. Nur sollte man sich nicht über
Gebühr rühmen, wenn man bestenfalls nur mittelmäßig ist.
10) Vorschläge
Welche Rolle unsere Arbeit spielt, wird am deutlichsten, wenn man sich in der
Lage des Chefs oder Arbeitgebers wiederfindet. Dann zeigt sich, dass es nicht
darum geht, mit unserer Arbeitskraft den Markt zu bedienen, sondern darum,
dass wir durch unsere schöpferische Kraft andere Menschen unterstützen. So
betrachtet sind auch die Verteilungskämpfe, das Mobbing und die ungerechte
Entlohnung mancher Berufsgruppen so unsinnig.
Ich bin überzeugt davon, dass es sich sogar finanziell rechnen würde, seine
Arbeitnehmer besser zu behandeln und ihnen mehr Mitbestimmung und Freizeit
zu gewähren. Wenn Menschen zufrieden sind, dann machen sie weniger Fehler,
sind gesünder und melden sich nicht wegen jeder Befindlichkeitsstörung krank.
Außerdem würden sie sich mehr mit ihrem Betrieb identifizieren und sähen einen
Sinn darin, ihre eigenen Ideen zu äußern.
Das Knebeln und Ausbeuten seiner Arbeitnehmer hat sich langfristig noch nie
ausgezahlt, da sich passive Aggressivität entwickelt, die alles lahmlegen kann.
Das ist eine Folge des bereits erwähnten Le-Chatelier-Prinzips.
Wir weichen einem Zwang aus, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Je
größer der Druck wird, desto deutlicher fällt unsere Antwort aus. Vor allem die
latente Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und eine dauerhaft schlechte
Entlohnung sorgen automatisch für ein schlechtes Betriebsklima und einen
hohen Krankenstand.
Würden wir aber nicht die Anwesenheit, sondern die Effizienz einer Arbeit
entlohnen, und gleichzeitig dem Arbeitnehmer die Chance geben, diese auf seine
individuelle Art zu erbringen, wäre schon viel gewonnen.
Es gab eine Zeit, in der unser Land geschätzt wurde, sowohl für sein soziales
System, als auch für seine Wertarbeit. Das Erfolgsrezept war die gute
Behandlung und soziale Anerkennung jedes Arbeitnehmers, gleich welche
Position er einnahm. Seit wir damit begonnen haben, beim weltweiten
Preiskampf mitzuhalten, ging es in beiden Bereichen nur bergab. Der Preiskampf
zerstört ganze Betriebe und ist nur zu Anfang heilsam. Genauso wie Sport als
Belastung zunächst gesund für ein Individuum ist, kann er krankmachen, wenn
er übertrieben wird.
Absolut verantwortungslos ist die Vernachlässigung der Ausbildung, denn
Ausbildung bedeutet Erfolg in der Zukunft. Solange zu wenig und falsch
ausgebildet wird, kann sich die Lage hierzulande nur verschlechtern. Sparen ist
bekanntlich eine Tugend; wenn man jedoch an Zukunftsinvestitionen spart, dann
legt man den Grundstein für künftige Konflikte.
II. Hobbys
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Irgendwann im Leben kommt der Zeitpunkt, an dem wir unseren Beruf an den
Nagel hängen müssen. Wer in das Rentenalter kommt, verliert häufig mit dem
Beruf auch seine Aufgabe. Deshalb ist es dringend notwendig sich schon
rechtzeitig Hobbys zuzulegen und andere Bereiche zu erschließen, die uns
Bestätigung schenken und Freude bereiten können.
Und nicht immer ist es der Fall, dass uns unser Beruf vielseitig fordert und
fördert. In aller Regel sind wir auf einem bestimmten Gebiet permanent
überfordert, aber auf anderen hoffnungslos gelangweilt. Daher besteht
regelrecht eine Notwendigkeit von Hobbys, denn eintönige Arbeit macht uns auf
Dauer unglücklich und in Folge sogar krank.
Doch Freizeitbeschäftigungen können auch andere Nutzen haben, beispielsweise
Kommunikation und die Verbesserung gewisser Fähigkeiten. Man bleibt geistig
jung und dynamisch, weil man sich mit Problemen auseinandersetzt. Das können
Wettkämpfe sein, knifflige Rätsel und Spiele aller Art. Man fördert seine
Konzentration, Ausdauer, Durchhaltevermögen, Disziplin und seinen Humor.
Dadurch erhält man mehr Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten und erwirbt
sich mehr Ansehen in seinem Umfeld. Selbstdarstellung sollte für uns aber nicht
der Hauptanlass sein, aus dem wir uns mit etwas beschäftigen. Vielmehr findet
sich Anerkennung und Respekt automatisch unter denen ein, die dasselbe Hobby
wie wir haben.
Die Ziele sind so vielfältig wie die Möglichkeiten, deshalb sollten wir uns
gründlich überlegen, was wir machen möchten und damit erreichen wollen.
1) Die Notwendigkeit von Hobbys
Im Freizeitbereich bietet es sich regelrecht an, das Konzept des „lebenslangen
Lernens“ umzusetzen. Natürlich denken wir bei dem Wort „Freizeit“ zunächst an
Unterhaltung und Spaß, aber das eine muss das andere nicht ausschließen.
Erinnern wir uns an die drei Bereiche des Daseins: Körper, Geist und Seele; alle
drei lassen sich in unserer freien Zeit ausbauen und vertiefen. Wer sich
beispielsweise physisch fit hält, indem er Gymnastik betreibt, der begeht damit
sicherlich keinen Fehler. Aber warum verknüpft er nicht das Angenehme mit dem
Nützlichen und erlernt eine Sportart, die nicht nur Selbstzweck ist, sondern an
bereits Erlerntes anknüpft? In Gymnastik kann man nicht „besser“ werden, es
dient nur der momentanen Ertüchtigung.
Anders verhält es sich bei Sportarten, bei denen wir mit den Jahren immer mehr
dazulernen. Ballsportarten, Fechten oder Geräteturnen beispielsweise. Am
Beispiel von Aikido konnten wir sehen, dass Sportarten sogar über den
körperlichen Aspekt hinaus lehrreich sein können.
Den zweiten Bereich unseres Lebens, unsere emotionale Seite, sollten wir nicht
nur zu bestimmten Zeiten fördern, sozusagen in „Lerneinheiten“, sondern
kontinuierlich. Ein solides Lebenskonzept genügt, denn die Stufen, die wir
erklimmen sollten, werden uns automatisch auf unserem Lebensweg begegnen.
Dennoch verhilft uns die Freizeit zu mehr Möglichkeiten, unseren Gedanken auch
tatsächlich nachzugehen.
Am vielversprechendsten gestaltet sich der dritte Bereich, der Geist. In unserer
Gesellschaft, die Wissen als höchste Form betrachtet, können wir uns besonders
auf diesem Gebiet ausleben.
Grundsätzlich ist es lebensnotwendig, zumindest auf einem der drei Gebiete zu
jedem
Zeitpunkt
voranzuschreiten,
da
unser
Grundbedürfnis
nach
Bewusstseinserweiterung danach verlangt. Egal auf welchem noch so hohen
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Niveau wir uns bereits befinden, auf Dauer muss es gesteigert werden, sonst
werden wir krank. Ein undynamisches Leben ist de facto als Sackgasse zu
deuten, und selbst ein kurzzeitiger Rückschlag wäre besser als Stillstand über
mehrere Wochen.
Wenn wir von „lernen“ sprechen, dann klingt das zunächst anstrengend, denn
wir assoziieren damit das Pauken, das uns in der Schule und unserer
Ausbildungszeit begegnete.
Aber es gibt auch viele Themen, die uns interessieren, und auf denen wir uns
gerne besser auskennen würden. Und genau von diesen Spezialgebieten spreche
ich. Wir müssen ja nicht aus allem gleich eine Wissenschaft machen! Aber
anstatt ausschließlich Romane zu lesen, die durchaus auch lehrreich sein
können, aber primär der momentanen Unterhaltung dienen, wäre es doch
sinnvoll, auch gelegentlich ein Sachbuch zu betrachten, das uns Einblick in eine
andere Welt verschafft, ohne nur fiktive Fakten zu enthalten.
Wenn wir uns beispielsweise für die griechische Mythologie oder Geschichte
interessieren, aber nur über Halbwissen verfügen, dann wäre es ein Kinderspiel,
an weitere Informationen zu gelangen. Und dafür sollten wir dankbar sein, denn
Wissen war nicht zu jeder Epoche der Menschheitsgeschichte vorhanden und frei
zugänglich.
Außerdem wird Lernen zu einer interessanten Beschäftigung, wenn wir selbst
das Thema, unsere Vorgehensweise und das Tempo bestimmen können, und
keinerlei Prüfungen bestehen müssen. Es ist das Bildungssystem unserer
Gesellschaft, das fehlerhaft ist, nicht die Bildung selbst.
Unser Umgang mit Büchern, dem Fernsehen und dem Internet trägt zu unserem
Persönlichkeitsprofil bei. Alle drei können ausschließlich der Unterhaltung oder
der puren Datenübertragung dienen. Unsere Aufgabe ist es nun, aus den vielen
Informationen das herauszupicken, das wissenswert ist, weil wir es brauchen
und praktisch anwenden können.
Eine fremde Sprache zu lernen, ohne jemals das betreffende Land bereisen zu
wollen, ist genauso sinnlos, wie Rechenoperationen einzuüben, die wir
voraussichtlich niemals benötigen werden. Aber es kann nicht schaden, seinen
Horizont zu erweitern, und durch neue Informationen zu mehr Fähigkeiten in der
Lage zu sein.
Am Rande sei nochmals erwähnt, dass wir durch neuerworbene Kenntnisse auch
neue Menschen kennenlernen können, die unsere Leidenschaft teilen. Wenn wir
uns also ein Hobby suchen, das nur dazu dient, Menschen kennenzulernen, uns
aber ansonsten gar nicht gefällt, dann lernen wir die falschen Menschen kennen.
Üben wir aber ein Hobby aus, weil es uns selbst gefällt, werden alle dort
gemachten Bekanntschaften zumindest eine Gemeinsamkeit mit uns haben.
Hier zeigt sich das Wesen der Harmonie; je mehr wir selbst in unser Leben
investieren, desto mehr Früchte wird unser Engagement tragen, sofern es
richtig, sinnvoll und effektiv war.
2) Sport
Kehren wir zum ersten Bereich, der körperlichen Betätigung zurück. Ich sprach
bereits mehrfach die zunehmende Automatisierung in unserem Leben an. Wo es
möglich ist wollen wir Menschen uns entlasten. Schreibtischberufe, und solche,
mit einer schlechten Körperhaltung sind deshalb sehr häufig geworden.
Gehen wir aber von der Annahme aus, dass wir zur Gesunderhaltung ein
gewisses Pensum an Bewegung brauchen, verstehen wir das Dilemma. Wir
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arbeiten heutzutage aufgrund der Technisierung einfacher und kürzer und
müssen deshalb in der Freizeit unserem Bewegungsdrang Folge leisten.
Dafür ersannen wir etliche unproduktive, aber erholsame Tätigkeiten, die wir
„Sport“ nennen. Doch auch der Sport erweist sich als anstrengend. Deswegen
wollen wir uns erneut mithilfe von Maschinen das Leben erleichtern. Die
Sportartikelindustrie erfindet laufend neue Fitnessgeräte, mit deren Hilfe wir
angeblich mühelos einen Astralkörper erlangen können. Erschreckend daran ist,
wie wenig Energie manche Menschen für ihre eigene Zufriedenheit und
Gesundheit aufbringen wollen.
Dabei ist es offenkundig, welch sozialer und psychologischer Gewinn ein
bewegungsreiches Hobby für unsere Freizeit sein kann. Das Angebot ist
bekanntlich reichhaltig, und auch die Auswahl einer geeigneten Übungsform ist
möglich. Wollen wir günstig in einem gemeinnützigen Verein trainieren oder
lieber elitär in einem Sportstudio oder Club unseren Körper stählen? Der
Möglichkeiten gibt es viele.
Es müssen ja nicht gleich Trend- oder Extremsportarten sein. Nicht der
„Mainstream“ sollte für uns entscheidend sein, sondern unser eigener
Geschmack. Sport ist auf jeden Fall ein empfehlenswertes Hobby und sollte nicht
generell abgelehnt werden. Mit dem Begriff „Sport“ assoziieren viele Handball,
Fußball und Gewichte stemmen, doch auch leichtere, aber regelmäßige
körperliche Betätigung fördert das Wohlbefinden.
Wichtig hierbei ist es, die richtige Sportart zu finden, die einerseits motiviert und
zugleich den Körper vielseitig fordert, ohne ihn einseitig zu überfordern. Positive
Effekte kann jeder bereits nach kurzer Zeit am eigenen Leib erfahren:
• Körperliches Wohlbefinden.
• Die Freude und das Gefühl, etwas aus eigener Kraft geleistet zu haben.
• Neue Kontakte, die sich einfacher knüpfen lassen, wenn man ein
gemeinsames Ziel verfolgt.
• Die Zeit wird sinnvoll genutzt, vor allem weil man etwas Gutes für sich selbst
tut.
• Neue Kenntnisse und Fertigkeiten werden erworben, und so die eigene
Vielseitigkeit gefördert.
Es mag sein, dass wir nicht täglich eine Stunde darin investieren können, aber
es besteht für uns alle die Möglichkeit zur Gymnastik morgens nach dem
Aufstehen, abends vor dem Einschlafen oder vor dem Fernseher. Es ist völlig
egal, wie wir uns motivieren; es ist allein das Resultat, das zählt.
Es gibt genügend Bücher über die einzelnen Sportarten. Sie beweisen, dass sich
auch andere, uns ähnliche Menschen Gedanken über die Notwendigkeit der
Bewegung gemacht haben und zu einem akzeptablen Ergebnis kamen.
So reicht die Palette vom Hochleistungssport, über Bewegung für Schwangere
oder Senioren, bis hin zu Sportarten für Bewegungsmuffel oder Menschen, die
sich, beispielsweise aufgrund einer Behinderung, nicht sehr gut bewegen
können.
Wichtig ist nur, selbst überzeugt davon zu sein. Wenn ich etwas widerwillig tue,
weil mich zwar die vielen rationalen Argumente, die dafür sprechen überzeugt
haben, ich mich aber nicht mit der Idee anfreunden kann, die dahintersteckt,
wird jegliches Bemühen umsonst sein.
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Aerobic ist beispielsweise nicht jedermanns Sache. Es würde uns überhaupt
keine Vorteile bringen, uns dazu zu zwingen, wenn wir es partout nicht machen
wollen. Im Gegenteil; das Verletzungsrisiko ist höher, wenn wir uns passivaggressiv gegen unsere eigenen Vorhaben wehren. Wir boykottieren und
sabotieren uns damit unbewusst selbst; das ist der Vorläufer vieler Unfälle.
„Handeln wider besseren Fühlens“ bedeutet sich selbst im Weg zu stehen und
sich unbewusst zu schaden. Und das nur, um hinterher sagen zu können: „Ich
hab es ja gleich gesagt, dass Sport nichts für mich ist!“
Wenn man sich also absolut nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, sich
etwas Gutes in Form von Bewegung zu gönnen, dann sollte man es besser
lassen. Doch die Zeit und Mühe, die man mit dieser Haltung vermeintlich
einspart, wird sich unser Körper durch erzwungene Ruhepausen, in Form von
Schmerzen und Krankheit zurückholen.
Und wenn wir erst einmal erkannt haben, wie wichtig Bewegung für unsere
Lebensqualität ist, dann wollen wir diese Option auch nicht mehr missen. Ebenso
wie die Ruhe, spielt auch die Bewegung eine wichtige Rolle für unser seelisches
Gleichgewicht.
Nicht umsonst war eine gefürchtete Foltermethode im Koreakrieg die
Verhinderung von Bewegung. Die resultierende seelische Unausgeglichenheit
sollte dazu beitragen, den Willen der Soldaten zu brechen. Auch wenn diese
Methode recht unspektakulär erscheint, ist sie mindestens so effektiv wie das
Zufügen von Schmerzen. Jeder, der krankheitsbedingt eine Weile ans Bett
gefesselt war weiß, dass dies kein Dauerzustand sein kann.
In erster Linie dient Bewegung der Fortbewegung, dem Verrichten einer Aufgabe
oder der Expression unserer Lebensfreude. Wobei wir für die beiden ersten Fälle
natürlich auch Freude empfinden können. Die eigentliche Unterscheidung gilt der
Art der Ausführung.
So müssen wir konditionssteigernde Sportarten von denen unterscheiden, die
eher die Kraft vergrößern, und diese wiederum von denen, die unsere Reflexe
verbessern.
Grundsätzlich
gibt
es
zwei
Arten
von
willkürlichen
Muskelbewegungen:
1. Isotonische, also ausgeführte Bewegungen. Dies ist beispielsweise gegeben,
wenn wir den Arm beugen oder spazieren gehen
2. Isometrische Bewegungen gegen einen Widerstand, zum Beispiel das Halten
einer Last.
Und je nach Sportart und der Intensität, mit der wir sie betreiben, unterscheiden
sich die Anteile dieser beiden Bausteine. Die isotonischen Bewegungsformen sind
jedem
bekannt,
während
Isometrik
unverständlicherweise
noch
ein
Schattendasein führt. Denn Isometrik stellt einen relativ einfachen Weg dar,
seine Kondition zu verbessern. Sie eignet sich für Menschen jeden Alters, ist mit
wenig Zeitaufwand verbunden und kann überall, ohne teure Geräte betrieben
werden.
Das Prinzip ist genauso einfach wie genial: Ein bestimmter Muskel wird wenige
Sekunden angespannt, ohne seine Länge zu verändern. Dies erreichen wir
beispielsweise dadurch, indem wir unser Bein im Sitzen wenige Sekunden lang
gegen den Boden drücken. Dieser gibt zwar nicht nach, aber die Muskulatur
spannt sich dennoch fühlbar an. Im Gegensatz zu einer isotonischen Bewegung,
beispielsweise von dem Stuhl aufzustehen, ist der Effekt jedoch größer.
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Bei einer isotonischen Bewegung verkürzen sich die Hauptstränge der
Muskulatur. Diese werden dadurch gekräftigt und nehmen an Volumen zu.
Hanteltraining ist so ein Vorgang. Der Umfang von Bizeps und Trizeps nehmen
zu, und langfristig entsteht eine athletische Form.
Nicht so bei isometrischen Übungen. Hierbei werden alle Muskelfasern
gemeinsam maximal beansprucht. Der resultierende Effekt ist eine gesteigerte
Kraft, ohne übermäßige Volumenvergrößerung. Es ist ein Irrglaube, Bodybuilder
hätten eine große Kraft. Im Vergleich zu Menschen, die ständig schwere Lasten
heben und transportieren müssen, wie Möbelpackern verpufft ihre
Leistungsfähigkeit. Der optisch-kosmetische Effekt zählt Bodybuildern mehr, als
die tatsächliche Kondition.
Isometrik kann isotonische Bewegung nicht ersetzen, aber sehr sinnvoll
ergänzen. Vor allem in der Rehabilitation bei Verletzungen wird sie seit
Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt. Auch vor Dehnungsübungen erweist sich eine
isometrische Belastung der betreffenden Muskelpartie von Vorteil, da der
Muskelreflex dadurch überlistet wird und die anschließende Dehnung mehr Erfolg
verheißt. Isometrik ist zwar keine amüsante und spritzige Bewegungsform, aber
höchst effizient.
Keiner wird nach kurzer Zeit eine körperliche Veränderung bei uns bemerken.
Aber darum sollte es uns auch nicht gehen. Wir selbst werden den Unterschied
deutlich fühlen, und es nicht mehr missen wollen, wenn wir beweglicher,
schmerzfrei und verspannungsfrei, ausgeglichener und aufgeweckter werden.
Und das wiederum ist ein sekundärer Effekt, der sehr wohl auch unseren
Mitmenschen auffallen wird.
3) Urlaub
Doch auch andere Beschäftigungen können zur Passion heranreifen, das Reisen
beispielsweise. Dank der unglaublichen Veränderungen in der Verkehrstechnik in
den letzten hundert Jahren steht uns zu einem bezahlbaren Preis der gesamte
Globus offen. Theoretisch sind wir in der Lage selbst die entlegensten Ecken der
Welt zu erkunden.
Leider zeigt sich im Urlaub der Stumpfsinn mancher Menschen erst richtig. Sie
brauchen Animateure, da sie mit sich selbst nichts anzufangen wissen. Anstatt
die „echte Realität“ und Andersartigkeit des Auslands zu erleben, möchten sie
nur einen bequemen Abklatsch und ein paar Fotos, um daheim behaupten zu
können, dort gewesen zu sein. Sie lassen sich am Nasenring durch die
Spaßgesellschaft ziehen, und bemerken ihre eigene Oberflächlichkeit nicht
einmal. Es gibt sogar dauerhaft unzufriedene Menschen, die nur deshalb in den
Urlaub fahren, um hinterher sagen zu können: „Es war scheiße!“
Natürlich hat Tourismus seine Schattenseiten, beispielsweise die Abhängigkeit
der Einwohner mancher Länder vom Fremdenverkehr oder die verursachten
Umweltschäden. Für uns persönlich jedenfalls birgt ein gezielt geplanter Urlaub,
bei dem die Qualität wieder einmal wichtiger sein sollte, als die Entfernung und
Dauer, aber eine Menge Erfahrung.
Urlaub kann mehr sein, als eine Flucht von Zuhause oder eine versteckte Form
von Konsum. Es müssen ja keine Bildungsreisen sein, aber es schadet auch
nicht, durch seine Reise etwas zu lernen, und quasi „geistige Souvenirs“ nach
Hause mitzubringen. Zumindest lohnt sich ein Blick fernab der Touristengebiete
auf die Andersartigkeit der Kulturen.
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Wir sollten im Urlaub aber nicht unvernünftiger sein als Zuhause; Extremsport
und Liebesabenteuer werden auch hier ihren Preis einfordern. Vorsichtig müssen
wir auch mit unserer Erwartungshaltung sein; ein Urlaub ist keine befriedigende
Entschädigung für monatelanges Arbeiten und Sparen.
Wer zu viel Vorfreude investiert, den Urlaub zur Versöhnung mit dem Partner
nutzen oder gar einen Traumpartner im Urlaub ergattern will, wird meist von der
Realität enttäuscht. Nicht selten fungiert sogar gerade der Urlaub als
Trennungsort für Paare, da beide zum ersten Mal seit Langem viel gemeinsame
Freizeit verbringen. Aufgestaute Konflikte und Interessenunterschiede haben
deshalb hier ihre Arena.
Wem das Reisen zu aufwendig oder zu gefährlich ist, der sollte dennoch kleinere
Touren unternehmen, sowie Reiseberichte lesen und im Fernsehen anschauen.
Eine andere Perspektive einzunehmen, und sich für einige Minuten vorzustellen,
woanders zu leben, kann uns viel über andere Menschen und deren Motive
lehren.
4) Musik
Geräusche gibt es überall, meist in Form von akustischer Freiheitsberaubung,
wie dem Straßenlärm oder Baustellengeräuschen. Wegzuhören ist nicht möglich,
daher bewirkt diese Form von Beschallung sehr rasch Stress. Auf lange Sicht
kann das sogar krankmachen; das ist erwiesen. Deshalb gibt es auch Gesetze,
die das Ausmaß und die Lautstärke von Maschinengeräuschen genauestens
reglementieren.
Der Mensch hat jedoch bereits vor der Erfindung der ersten Maschine eine
positive Anwendung der Geräusche entdeckt: die Musik. Meiner Ansicht nach ist
Musik eine der größten Entdeckungen der Menschheit, denn sie ist pure
Harmonie. Bereits einfachster Gesang kann Musik darstellen, wenn es sich um
eine interessante und wohlklingende Stimme des Interpreten handelt. Und
spätestens seit Johann Sebastian Bach ist Musik auch zur offiziellen Sprache der
menschlichen Gefühle geworden.
Es ist kein Zufall, wie die Tonleitern definiert wurden. Gewisse Töne erzeugen
eine harmonische Resonanz und klingen deshalb „schöner“ als andere. Der
Mensch folgte auf dem Gebiet der Musik also nicht der Wissenschaft, sondern
seinem Gespür. Und dennoch konnte nachträglich gezeigt werden, dass
harmonische Töne auch physikalisch miteinander korrelieren.
Durch die Vielzahl an Instrumenten, die seit Beginn der Menschheit konstruiert
wurden, stehen Musikern unglaublich viele Möglichkeiten zur Variation offen. Für
uns selbst ist Musik ein probates Mittel, um uns in andere Stimmungen zu
versetzen. Mit ihrer Hilfe kann beispielsweise Aggression erzeugt und verstärkt
oder besänftigt und beseitigt werden. Je nachdem in welcher Stimmung wir sind,
und in welche wir gelangen möchten, können wir zwischen unzähligen Stücken
wählen. Eine Musiksammlung gleicht einer Hausapotheke und sollte daher gut
bestückt sein.
Musikalisches „Fast Food“, wie es das Radio und die Musikkanäle im Fernsehen
meist bieten, ist aber nur der Anfang der Entdeckungsreise. Es lohnt sich wieder
einmal, selbsttätig seinen Horizont zu erweitern.
Musik ist vielleicht der höchste Ausdruck von Gefühlen und kennt viele Facetten.
Es gibt sie nicht wirklich, die Musik, es gibt nur viele Interpretationen davon. Es
stellt ein wertvolles Hobby dar, herauszufinden, welche musikalischen Schätze
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es noch zu entdecken gibt. Wer sogar selbst ein Instrument beherrscht, der
sollte viel Gebrauch davon machen.
Ich weiß nicht, ob Sie auch zu den audiophilen Menschen gehören, die Musik
aufsaugen, wie ein Schwamm. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es
tatsächlich möglich ist, inmitten der lautesten Musik, seine besten Ideen zu
entwickeln. Ich zumindest hätte dieses Buch nicht ohne musikalische
Unterstützung schreiben können.
5) Spiele
Viel zu früh hören wir damit auf zu spielen, und beginnen damit zu arbeiten. Wir
konnten sehen, dass das einer der Gründe für die Fehlentwicklung mancher
Jugendliche ist. Mit Arbeit sind aber nicht die kleinen Jobtätigkeiten gemeint, wie
das Austragen von Zeitungen im Teenageralter; das eigentliche Training und
Konditionieren beginnt meist schon im Kindergarten.
Damit ein Kind schon vor der Einschulung rechnen oder schreiben kann,
bemühen sich einige Eltern ihre Kinder zu bearbeiten. Ihre angeblichen
„Motivationsspiele“, die auch von einigen unverantwortlichen Kinderpsychologen
empfohlen werden, sind in Wirklichkeit subtile Manipulationen und kein
adäquater Ersatz für ein echtes Spiel. Auch Glücksspiele sind hier nicht gemeint.
Bei ihnen geht es nicht um das Spiel selbst, sondern um den Nervenkitzel eines
potentiellen Geldgewinnes, und um das damit verbundene Gefühl, schlauer als
die anderen Menschen zu sein.
Spielen ist eine unproduktive Aktivität, mehr noch als Sport. In der Regel
assoziieren wir mit dem Wort „unproduktiv“ etwas rein Negatives und
Überflüssiges. Doch das trifft auf das Spiel keineswegs zu. Der Akteur kann darin
seine Kräfte und die Möglichkeiten, die ihm seine Umwelt bietet, hervorragend
ausloten. Er misst seine Fähigkeiten und seine Intelligenz und kann in einem
simulierten Wettkampf seine Konkurrenzmanöver und Strategien ausprobieren.
Aber wir sollten das klar unterscheiden von einem zielgerichteten Üben.
Ein Spiel kennt zwar ebenfalls Gewinner und Verlierer, auch der Kampf gegen
die Zeit und das Kräftemessen mit anderen kommt vor, aber es gibt einen
großen Unterschied zwischen Spiel und Realität, nämlich, dass ein Spiel ein Ende
kennt. Das Arbeiten, Lernen und Trainieren hingegen ist nur der Anfang eines
Prozesses, der nicht mehr enden wird.
Spielen ist eher ein allgemeines Training und eine generelle Erfahrung. Die
Einsicht in die Materie und seine eigenen Leistungsgrenzen wird geschärft.
Kinder haben einen angeborenen Spieltrieb. Dieser ist bei uns Erwachsenen
häufig so verkümmert, dass wir unter dem Begriff „Spiel“ allenfalls noch
Machtspielchen und Wettkämpfe verstehen.
Kinder hingegen nutzen alle Möglichkeiten, die ihnen ein Spiel bieten kann.
Bewegungen und Aktionen können in übertriebener Form ausgeführt werden. Bei
Spielen werden große Punktzahlen als Anreiz verteilt, und um Millionensummen
gepokert.
Dabei zeigen die impliziten Metasignale, lächeln und lachen, dass die Beteiligten
zwar ernsthaft bemüht, jedoch nicht verbissen bei der Sache sind. Es ist nur im
Spiel möglich, dass einer gewinnen kann, ohne dass der andere zwangsläufig der
„Verlierer“ sein muss
Deshalb grenzen sich beispielsweise Schachvereine bewusst davon ab, sie
würden ein „Spiel“ betreiben. Das ursprüngliche Spiel wurde hier zum
chancengleichen Wettkampf, ähnelt also eher einem Sport.
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Mittlerweile dominieren immer anspruchsvollere Videospiele den Markt. Mit
schillernden Farben wird eine künstliche Welt erschaffen, die es ermöglicht,
Erfolgserlebnisse unmittelbar belohnt zu bekommen. Wer das Richtige tut, der
bekommt ein Feuerwerk an Tönen und Farben geboten und wird so motiviert,
sich ständig weiterzuentwickeln und selbst zu übertreffen.
Kritiker und manche Pädagogen betrachten diese Beschäftigung als „verlorene
Lebenszeit“. Aber das ist nur zum Teil richtig, denn auch hier bedeutet spielen,
etwas zu erlernen. Niemand muss es einüben, Knöpfe zu drücken oder auf einen
Bildschirm zu starren. Aber wer sich mit der Materie auskennt, der gibt mir
recht, wenn ich behaupte, dass Videospiele durchaus pädagogisch wertvoll sein
können. Ich sage bewusst „können“, denn sie sollten stets nur einen geeigneten
Stellenwert im Leben eines Menschen einnehmen.
„Man erfährt mehr über einen Menschen während einer Stunde Spielen, als im
Laufe von Gesprächen über ein ganzes Jahr.“ (Platon)
Die Suchtgefahr und der mögliche Realitätsverlust sind sicherlich sogar noch
größer, als bisher angenommen wird. Es kommt wie immer darauf an, wie
gefährdet ein Mensch ist, und wie er damit umgeht. Aus vielen Tätigkeiten kann
eine Sucht entstehen, aber besonders aus den Genussreichen
Vor geraumer Zeit hat es beispielsweise ein erwachsener Amerikaner geschafft,
das legendäre Arcadespiel „Pac man“ zu beenden. Anscheinend zog es ihn mehr
als fünfzehn Jahre in den Bann. Seine Neugier war deutlich größer als seine
Vernunft, dennoch verdient es auch Bewunderung.
Diejenigen Kritiker, die in der Presse über das Dauerthema „Gewalt in
Videospielen“ berichten, sind meist älter als 50 Jahre, und haben selbst noch nie
ein Videospiel gespielt. Sie lehnen sie dennoch kategorisch ab, da sie die
willkommenen Sündenböcke für ihre misslungene Erziehung der letzten 25 Jahre
darstellen.
Doch aller Unkenrufe zum Trotz bieten Videospiele interaktive Möglichkeiten, die
nirgendwo sonst zu finden wären. Durch sie können wir lernen, Kombinationen
zu erschaffen, unsere Geschicklichkeit, sowie unser abstraktes Denken zu
verbessern und unser Timing und Reaktionsvermögen zu stählen. Aber am
Wichtigsten ist, dass man immer gezwungen ist, durchzuhalten und
Entscheidungen zu treffen. Wer sein Bildschirmleben aushaucht, der ärgert sich
oft so, als wäre es das echte gewesen. Und wenn das keine Lehre ist, was dann?
6) Weitere Hobbys
Es gibt noch unzählige weitere Hobbys, auf die ich hier gar nicht näher eingehen
kann. Sammeln, Basteln, Handarbeit, Heimwerk Kochen, Backen, Modellbau,
Tiere, Lesen, Fotografie, Videofilme drehen, Computer, Garten, Kunst und Briefe
schreiben, um nur wenige zu nennen. Eng verwandt mit der Musik ist der Tanz,
der ebenfalls ein exzellentes Hobby darstellt, da mit ihm ein besonders
intensives Körpergefühl erlebt werden kann.
Wir leben in einer regelrechten Freizeitgesellschaft. Daher besteht wieder die
Gefahr, statt seinem freien Willen zu folgen, ein gewisses Hobby nur zu
konsumieren. Es gibt viele Menschen, die nicht einmal wissen, was sie gerne tun
oder können würden. Sie probieren daher alle greifbaren Angebote erst einmal
aus, und denken nicht weiter darüber nach.
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Andere müssen es gleich wieder übertreiben und verlieren sich regelrecht in
ihren Aktivitäten, bis diese schon zur Knochenarbeit werden. Wer sich nicht im
Klaren darüber ist, ob ihm sein Hobby eigentlich etwas bringt, der hat das Ziel
verfehlt.
Es ist nicht Sinn und Zweck eines Hobbys, seine Zeit totzuschlagen oder andere
Menschen zu treffen, denn ein wirklich sinnvolles Hobby muss mehr bieten.
Nämlich das, was uns instinktiv zum inneren Gleichgewicht fehlt.
Der Kern unseres Lebens ruht, wie schon gesagt, auf den vier Säulen:
Partnerschaft, Freundschaft, Familie und Beruf. Wir können abschließend
festhalten, dass die vier Säulen des Lebens dann am stabilsten sind, wenn sie
unabhängig voneinander zum Tragen kommen. Also wenn Partner,
Freundeskreis, Beruf und Familie zwar in unserem Leben ausgewogen integriert,
aber nicht zu sehr miteinander vermischt werden. Und wir sollten fortan
begreifen, dass unsere Freizeitaktivitäten den unverzichtbaren Kitt zwischen
diesen Bereichen darstellen. Und ist der Zusammenhalt der Komponenten
mangelhaft, bricht alles auseinander.
Kapitel XI
Unsere eigene Rolle
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Es gibt Menschen, die haben keine Ziele. Langfristig wird es sie aber nicht
weiterbringen, wenn sie tagein tagaus nur einkaufen, putzen, Sport treiben,
arbeiten und fernsehen. Andere Menschen haben zwar in jungen Jahren viele
Hobbys, studieren und bereisen die ganze Welt, sind aber später gerade noch
zur Bewältigung ihres Berufes fähig.
Was wir wirklich brauchen sind langfristige Visionen. Und diese müssen wir
ernsthaft verfolgen. Doch nicht nur wir selbst bestimmen, wohin unsere Reise
gehen soll. Wir werden direkt und indirekt durch unser Umfeld beeinflusst
Wir alle üben verschiedene Rollen im Leben aus, die ein jeweils unterschiedliches
Verhalten erfordern. Wenn wir in diesem Kapitel über unsere eigene „Rolle“
reden, dann nicht darüber, wie wir es anderen recht machen können, sondern
darüber, wie wir mit uns selbst und unserem Umfeld umgehen sollten. Wir sind
oder können sein: Elternteil, Kind, Partner, Freund, Chef, Untergebener,
gleichgestellter Kollege, Vereinsmitglied, Parteifreund ...
Die Liste ließe sich beliebig verlängern und ermöglicht Kombinationen, die bei
jedem Menschen unterschiedlich sind. An jede dieser Rollen wird nun eine
„Erwartung“ geknüpft, sowohl eine der Mitmenschen, als auch eine des Lebens.
Der „Elternteil“ in uns muss erziehen können, der „Partner“ sollte ein guter
Liebhaber sein und der „Freund“ muss gut zuhören können.
Diese Mehrfachbeanspruchung kann zu Konflikten führen, vor allem, wenn der
interne Austausch zwischen den einzelnen Lebensbereichen zu gering ist. Es gibt
einige klassische Irrtümer, die den Weg des Glücks verschleiern:
• Manche Menschen glauben alles perfekt machen zu müssen. Sie wollen immer
gewinnen oder recht behalten. Das macht sie übertrieben ehrgeizig und
rücksichtslos.
• Andere üben sich im verstecken und täuschen. Maskenhaft und mit
mangelndem Vertrauen in ihre Mitmenschen, versuchen sie alles alleine zu
bewältigen. Doch anstatt lediglich einzelgängerisch zu bleiben, ziehen sie
andere Personen in ihre egoistischen Pläne hinein.
• Dann gibt es Personen, die glauben, sich ihr Glück verdienen zu müssen.
Deshalb sind sie permanent von Schuldgefühlen geplagt und unternehmen
immense Kraftanstrengungen, um glücklich zu werden.
• Wiederum andere schieben ihre Eigenverantwortung auf „höhere Mächte“ ab.
Sie sagen „Schicksal“ und „ich kann das nicht tun“ und meinen damit in
Wirklichkeit, „ich will einfach nicht“. Andere Menschen haben in ihren Augen
eben „Glück“; sie jedoch nicht, und das entbindet sie ihrer Meinung nach von
allen Pflichten.
• Sehr ähnlich sind diejenigen Menschen, die zwar ihre Verantwortung
übernehmen, aber nichts riskieren wollen, um glücklich zu werden und zu
bleiben. Sie glauben zwar, dass sie alles auf sich zukommen lassen, führen
aber in Wahrheit ein verkrampftes und statisches Leben.
• Heutzutage gibt es noch einen ganz anderen Menschenschlag; den, der völlige
Unabhängigkeit möchte, und keine Autoritäten duldet. Dieser Typ bekommt
nichts von der Gesellschaft zurück, denn er gibt ihr auch nichts. Wer
reibungslos durchs Leben gleitet, erzeugt auch keine Wärme.
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• Das andere Extrem sind die Autoritätsgläubigen. Sie meinen, dass andere
Personen ihr Leben günstig beeinflussen sollen. Was andere sagen, ist
automatisch auch richtig für sie. Dieser Typus bekommt in Folge auch nur die
Reste vom Kuchen ab; also das, was unter den Tisch fällt.
Wir repräsentieren ungewollt viele Rollen, die wir miteinander vereinbaren
müssen. Aber wir sind nicht die Summe dieser Teilrollen, sondern immer ein und
dieselbe Person, mit allen Vorzügen und Fehlern.
Und doch setzt sich unsere Identität zusammen, und zwar unter anderem aus
den Eigenschaften, die ich Intelligenz, Charakter und Tugenden nannte. Es ist
durch eine Stärkung einzelner Komponenten möglich, unsere gesamte
Persönlichkeit so zu unterstützen, dass wir immer derselbe Mensch sind, gleich
welche Rolle wir einnehmen, aber auf einem insgesamt höherem Niveau.
Wenn wir seelisch derart kohärent wären, um alle Rollen in uns zu vereinen,
ohne dass sie sich widersprächen, dann läge der schwierigste Abschnitt in
Richtung Harmonie hinter uns. Der ganze Trick eines glücklichen Lebens ist der,
dass es gar keinen Trick gibt, sondern, dass Glück die Folge einer konsequent
richtigen Lebensführung ist.
I. Der Weg des Glücks
In den vergangenen Kapiteln haben wir viel über die Welt und unsere
Mitmenschen erfahren. Wir kennen nun die Wirkung der Kräfte, die zwischen uns
wirken, sowie einige der elementaren Prinzipien, auf denen alles beruht. Nun
genügt es aber nicht, das alles zu wissen, man muss es auch umsetzen, um
einen Effekt zu verspüren. Es hilft bekanntlich auch nichts, ausschließlich etwas
über Diäten zu lesen.
Wir sollten dazu zunächst unsere Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche, Fehler,
Stärken und Schwächen in Erfahrung bringen. Das wäre der erste Schritt, um
auf seinem Lebensweg etwas zu verbessern.
Jeder von uns versucht, seinem Leben eine besondere Bedeutung zu verleihen.
Es wird mit zunehmendem Fortschritt und Bevölkerungswachstum aber immer
schwieriger dieses Vorhaben umzusetzen, und sich „unvergesslich“ zu machen.
Die meisten Glanzleistungen sind nur einem kleinen Bevölkerungskreis
verständlich, denn nicht jeder kennt und versteht die brillantesten Köpfe aus
allen Lebensbereichen. Daher empfiehlt es sich, seine persönlichen Ziele
realistisch zu halten und nicht zu hoch anzusiedeln. Natürlich ist es äußerst
ehrenvoll, auf der „Weltebene“ etwas zu erreichen, aber es bringt auch sehr viel
Verantwortung mit sich.
Je höher man aufsteigt, desto dünner wird die Luft. In den höchsten Kreisen ist
es äußerst schwierig, sich aus unethischen Machenschaften herauszuhalten,
ohne von seinen Konkurrenten zerfleischt zu werden. Etwas salopper gesagt: Ein
„lieber Junge“ wird niemals der Schwergewichtsweltmeister im Boxen.
Vielleicht ist es für uns passender auf Landesebene oder in unserer Region zu
wirken. Auf jeden Fall können wir aber in unserem näheren Umfeld Einfluss
nehmen, und das sollten wir auch tun. Die Frage lautet: Was möchten wir
konkret erreichen?
Glücklich zu sein ist jedenfalls nur ein Beiwerk, ein abstraktes Gefühl das sich
einstellt, um uns zu signalisieren, wenn wir im Begriff sind, das Richtige zu tun.
Es kann nicht unser Ziel, sondern nur ein Begleiter auf dem Weg dorthin sein.
Wir möchten ja auch nicht, dass unsere Angst verschwindet, wenn uns ein
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Räuber bedroht, sondern dass uns der Angreifer in Ruhe lässt Dann verfliegt
auch automatisch unsere Angst.
1) Das harmonische „Betriebssystem“
Ein wirklich emotional intelligentes, solides und vielseitiges Konzept ist in jedem
Fall unverzichtbar und bildet die Grundlage jeglicher Entwicklung. Es beinhaltet
die Möglichkeit der multiplen Betrachtung. Wenn uns etwas widerfährt oder
erzählt wird, so sollten wir in der Lage sein, gleichzeitig und zügig auf
verschiedenen Ebenen zu denken, sowohl rational, als auch emotional. Die
resultierende Wirkbreite einer ausgewogenen Denkweise möchte ich mit einer
Grafik verdeutlichen.
Links sehen wir die alleinige Konzentrierung unserer Kräfte auf die Logik. Die
Fläche, die von der Anstrengung (also den Pfeilen) eingeschlossen wird,
symbolisiert die erlernten Fähigkeiten. Es verwundert nicht, dass ein Mensch,
der sich voll und ganz in Richtung Logik bewegt, auf diesem Gebiet unschlagbar
ist.
Das rechte Schaubild zeigt, dass die Verteilung derselben Kräfte auf
verschiedenste Gebiete zwar noch keinen Meister aus uns macht, aber dass die
dabei erlernten Fähigkeiten wesentlich vielseitiger sind, da alle Bereiche
kombiniert werden können. Das könnte der Mensch, der nach der linken
Methode vorgeht, zwar theoretisch auch tun, aber aus einer Kombination von
Physik, Wirtschaft und Informatik, ließe sich selbst beim besten Willen kein
Konzept zur Kindererziehung erstellen.
Das bedeutet konkret, dass wir zusätzlich zu unseren Gefühlen und „normalen“
Einstellungen auch unorthodoxe Wege beschreiten sollten. Also jede
Angelegenheit und jedes Problem, das sich uns stellt, zunächst einmal ganz
nüchtern als „Fall“ zu betrachten. Und anschließend zu überlegen, welche
Fähigkeiten wir für die effektivste Lösung benötigen. Ein wahrer Meister ist nicht
derjenige, der ein Werkzeug benutzen, sondern derjenige, der es bei Bedarf
herstellen kann.
Nüchternheit ist nicht gleichzusetzen mit Teilnahmslosigkeit, sondern spricht für
unsere innere Stabilität. Wenn unsere Freunde Liebesprobleme haben, dann
können wir doch trotzdem abends ruhig einschlafen; es wäre ja auch schlimm,
wenn nicht. Davon hätte unser Freund auch nichts. Unsere Empathie und unser
Mitgefühl müssen auf einer ganz anderen Ebene funktionieren, wie unser
Selbsterhaltungstrieb und unsere Vernunft.
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Der Kunstgriff ist es, den emotionalen Abstand zu wahren, und dennoch
empfänglich zu bleiben. Dadurch erreichen wir ein hohes Maß an Objektivität
und können selbst unsere eigenen Probleme als „Fall“ behandeln.
Außerdem sollten wir uns überlegen, wie unsere Freunde die Situation beurteilen
würden. Natürlich sind es Mutmaßungen und Spekulationen, wenn wir eine
andere Sichtweise als die unsere einnehmen, aber auf diese Art können unsere
Freunde in erster Näherung auch dann bei uns sein, wenn sie physisch nicht
anwesend sind. Und je besser wir sie kennen, desto mehr Seiten eines Falles
können wir beleuchten.
Unsere Reaktion wäre schließlich eine Folge aller Überlegungen. Subjektive und
objektive
Eindrücke,
Wahrscheinlichkeitsberechnungen
und
Emotionen
erschaffen ein plastisches Bild, das wir zum Schluss als Ganzes betrachten und
interpretieren können. Dazu müssen wir in der Lage sein, etliche verschiedene
Systeme parallel zu verwenden, ohne einen Zeitverlust zu erleiden.
Ich muss gestehen, dass dieses System auf den ersten Blick schizophren wirkt,
aber nur eine so geartete Denkstruktur versetzt uns in die Lage, gleichzeitig ein
objektives und subjektives Verständnis zu haben, Argumente für alle Seiten zu
verstehen, und zu einer Gesamtlösung zu gelangen, also den jeweils besten Weg
zu finden.
Und genau aus diesem Grund ist dieses System auch harmonisch. Der beste
Weg muss nämlich nicht zwangsläufig gut sein. Die meisten Menschen haben
große Probleme, aus zwei Übeln, das Kleinere auszuwählen. Bei ihnen ist
Harmonie auf schöne Szenarios begrenzt.
Dabei kann es im Einzelfall durchaus richtig sein, sich gegen ein bestimmtes
Wohl, auch das eigene, zu entscheiden. Mit einem multiplen System lässt sich
unabhängig vom Grad der Unordnung und der eigenen Befangenheit, souverän
der bestmögliche Weg ermitteln. Denn es liegt allen anderen Systemen zugrunde
und funktioniert modellunabhängig.
Ein höheres Ziel oder ein tieferer Sinn geben sich ausschließlich bei der
Betrachtung aller denkbaren Perspektiven zu erkennen. Betrachtet man einen
Würfel nur mit „emotionalen Augen“ erscheint er wie ein Quadrat. Der Blick mit
„logischen Augen“ ergibt ein anderes Quadrat, der „spirituelle Blick“ wiederum
ein anderes und so weiter. Nur das multiple Verständnis offenbart uns, dass alle
drei Beobachter ohne es zu wissen vom selben Würfel gesprochen haben.
Ein emotional begabter Mensch zögert außerdem nicht, seine so gewonnenen
Erkenntnisse unmittelbar umzusetzen, da er sich sicher sein kann, alle
Perspektiven und Meinungen berücksichtigt zu haben.
Für Außenstehende wirkt es wie nüchternes Kalkül, leidenschaftslos und
arrogant, vor allem weil so wenig Zeit darauf verwendet wurde, um zu diesem
angeblich umfassenden Ergebnis zu kommen. Genau deshalb wird in der Praxis
auch so selten die beste Idee verwirklicht, und statt dessen lieber eine der
einseitigen Ansichten gegen die anderen durchgesetzt. Es gibt immer einfachere,
romantischere, billigere und bequemere Wege, die bevorzugt werden, da sie
dem Schöngeist der Masse mehr behagen. Praktizierter Realismus ist gelebte
Träumerei, und erfordert die Bereitschaft bei sich selbst mit den Veränderungen
zu beginnen, ohne Garantien zu erhalten, dass andere nachziehen werden.
2) Der „Quantensprung“
Jeder Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt hat seinen typischen Verlauf
und kündigt sich durch bestimmte Symptome an. Wie der nächste
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„Quantensprung“ aussehen wird, geht aus unserer jetzigen Lebenssituation
hervor; wir entscheiden lediglich, wie schnell wir eine Veränderung vornehmen,
das heißt, wie viel Zeit wir in die einzelnen Schritte investieren möchten.
Diejenigen Personen, die sich „weigern“, auf die jeweils nächste Ebene zu
gelangen, verbleiben in einem der folgenden Schritte, meist dem Ersten oder
Zweiten:
1. Eine steigende Unzufriedenheit sucht uns heim, die bis zum massiven
Entwerten der gegenwärtigen Lebenssituation führen kann.
2. Wir beginnen zu bilanzieren und machen eine Bestandsaufnahme, was das
Leben bisher gebracht hat.
3. Je mehr wir uns auf das Neuland wagen, um so mehr steigt unsere
Identitätsunsicherheit. Durch diese aufflackernde Angst werden alte,
unbewältigte Störungen wieder sichtbar. Wer seinen Garten umpflügt, stößt
auf schlecht vergrabene Dinge.
4. Diese Chance gilt es zu nützen. Alte Probleme können gelöst werden, um den
Weg in eine neue Lebensphase freizumachen. Auch alte Beziehungen werden
eventuell transformiert und aktualisiert. In dieser Situation gibt es drei
alternative Wege:
a) Wir schaffen den Sprung in die „neue Welt“ nicht und kehren mit einer
blutigen Nase in unsere alten Lebensverhältnisse zurück. Es ist auch möglich,
seine Lebensprüfungen nicht zu bestehen; beispielsweise, weil man gezögert
hat oder unsicher war.
b) Wir bleiben zwischen zwei Entwicklungsstufen stehen, und werden in diesem
Niemandsland zermalmt. Das ist der schlechteste Zustand. Der Weg zurück
ist versperrt, und der nach vorne ebenfalls. Dies geschieht meist während
großen Veränderungen wie der Pubertät oder der Midlifecrisis.
c) Wir schaffen den Sprung auf die neue Ebene und können uns etablieren.
Unser jeweiliges Reifealter richtet sich also nach den äußeren Lebensumständen
und nach der Tüchtigkeit, mit der wir die Stufen erklimmen.
Ich wiederhole aber noch einmal, dass wir stets die alte Stufe vollkommen
beherrschen sollten, bevor wir wechseln. Sonst fehlen Stücke oder der Übergang
erfolgt zu hart.
Zum Beispiel ist aus dem Vietnamkrieg bekannt, dass die amerikanischen
Soldaten als „Jungen“ ihr Land verließen und als „alte Männer“ zurückkehrten. In
einem einzigen Jahr waren sie so viel Angst, Trauer, Hass und Leid ausgesetzt,
wie sonst in einem ganzen Leben. Das hält kein Mensch aus!
Was uns im nächsthöheren Lebensabschnitt erwartet, können wir erst erkennen,
wenn wir ihn antreten. Es gibt keine Garantien, aber gute Aussichten. Am besten
wäre ein Blick in die Zukunft, ein Vorgeschmack oder eine Gewähr, aber all das
wird es nicht geben. Eine Chance ist definiert durch ihr Restrisiko; sonst wäre ja
auch von einer „Gelegenheit“ oder „Verbesserung“ die Rede.
„Im Leben geht es nicht nur darum gute Karten zu haben, sondern auch darum
mit einem schlechten Blatt gut zu spielen.“ (Robert Louis Stevenson)
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Einen Aufstieg in die nächste Ebene müssen wir uns verdienen; das ist die
schlechte Nachricht. Die gute ist, dass wir das jederzeit tun können; jeder nach
seinen Kräften. Das Glück läuft uns nicht weg. Es ist niemals zu spät, das
Richtige zu tun; wer aber früher damit anfängt, kann auch länger davon
profitieren. Nur wer die Zeit bis zu seinem Tod mit Zaudern verbringt, kommt
nicht in den Genuss der Harmonie. Aber es ist ihm theoretisch bis zuletzt
möglich, die Richtung zu ändern.
3) Sich ändern lernen
Wer nicht über ein multiples System verfügt, dies aber anstrebt, kommt nicht
darum herum, sich zu ändern. Generell ist das Leben ein ständiger Wandel,
daher lohnt es sich, über Transformationsprozesse nachzudenken.
Wir können einen Wandel in drei Schritte unterteilen, wobei diese Etappen eher
willkürlich gesetzt werden. Es handelt sich um eine Unterscheidung zwischen
kurz-, mittel- und langfristigen Veränderungen, wobei es mehr eine Frage der
Dringlichkeit, denn eine Frage des Wertes ist, welche Erneuerungen zuerst
erfolgen sollten.
Da das harmonische System, wie schon mehrfach erwähnt, ein Prozess ist, stellt
weder ein Schritt, noch der gesamte Weg, die Reise dar, die wir unternehmen.
Schritte sind lediglich das Mittel zur Fortbewegung und lassen erst nach einiger
Zeit eine Abschätzung von Richtung, Tempo und Ziel zu. Der erste Schritt in
Richtung Harmonie sollte in jedem Fall eine Bestandsaufnahme unserer jetzigen
Lage sein.
Die weiteren Schritte ergeben sich dann zumeist schon von selbst. Zunächst gilt
es, die typischen Blockaden abzubauen, die es verhindern, dass sich unsere
guten Eigenschaften vollständig durchsetzen.
Gemeint sind vor allem die eingangs erwähnten Irrglauben, die jegliche positive
Entwicklung verunmöglichen. Bildlich gesprochen bedeutet das, dass wir
zunächst das Unterholz verlassen, und den eigentlichen Weg aufsuchen müssen,
bevor wir uns sinnvoll orientieren, und die weitere Marschroute festlegen
können.
Wir müssen unser Denken dauerhaft verändern, also diejenigen Einstellungen
und Glaubenssätze überprüfen, die sich automatisiert haben. Dieser Wandel
entscheidet über Erfolg und Misserfolg im weiteren Leben. Ein neues Verständnis
kann nicht auf einem Schrottplatz aufgebaut werden.
„Wer anderen Menschen zum Glück verhelfen will, der muss zunächst selbst
glücklich sein.“ (Heinz Friederichs)
Wie soll nun eine Umgestaltung genau vonstatten gehen? Jeder von uns hat
bereits ein System, das auf seinen individuellen Erfahrungen und seinem
Charakter beruht. Die Schlussfolgerungen, die wir bis zuletzt machten, ragen wie
Türme aus uns heraus.
Obsolete Vorstellungen wurden von uns im Laufe der Zeit durch zeitgemäße
ersetzt, aber solange wir die alte Vorgehensweise in Erinnerung behalten,
können wir sie theoretisch jederzeit wieder einsetzen. Dies ist beispielsweise
notwendig, wenn sich ein neues Prinzip im Alltag als untauglich erweist. Diesen
Mechanismus sollten wir uns zunutze machen.
Wir können unser bereits vorhandenes und erprobtes System ergänzen, und die
einzelnen Bereiche sinnvoll verknüpfen. Das Risiko bei dieser Vorgehensweise ist
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gering, da wir stets ein vertrautes Gerüst vor Augen haben, und die
hinzugewonnenen Teile notfalls wieder entfernen können.
Wir erinnern uns: Die Gefahr einer dependenten Persönlichkeit liegt darin
begründet, von ihrem Vorbild alles ungeprüft zu übernehmen. Falls es sich als
falsch oder unvorteilhaft herausstellt, stehen solche Menschen vor einem großen
Problem. Was gehört von ihren Gedanken wirklich ihnen? Was sind eigene, was
ungeprüft übernommene Ansichten? Diese Gefahr bieten uns auch leider
zahlreiche Psychologiebücher. Meist werden sie von Leuten geschrieben, die
damit ihre eigenen Probleme therapieren möchten.
Einmal angenommen wir wären besonders ängstlich und besorgen uns einen
Ratgeber zu diesem Thema. Wenn wir ihn lesen, und uns in mehr als 60 Prozent
der Aussagen wiederfinden, dann birgt das die große Gefahr, dass wir den Rest
auch auf uns und unsere Situation übertragen, und das unser Problem sogar
noch verschlimmert. Wir denken dann: „Wow, der Autor hat’s gewusst und
kennt mein Problem“, und glauben ihm und seinen Schlüssen.
Dabei zählt der Autor einfach so viele Punkte auf, bis sich jeder Mensch darin
wiederfinden kann. Ich kann daher nur dazu raten, ausschließlich Ratgeber über
Probleme zu lesen, die man selbst nicht hat. Das hat auch einen Nutzen, denn
indem man die Strukturen eines fremden Problems analysiert, ist ebenfalls die
Möglichkeit gegeben, sich selbst besser kennenzulernen.
Wer dennoch nicht auf die Informationen eines dieser Bücher verzichten möchte,
sollte sich an einen guten Freund wenden. Liest er dieses Buch, dann kann er
uns helfen, nur die Punkte herauszufinden, die für uns wirklich relevant sind. Die
Psychologieliteratur wimmelt nur so von skurrilen Ansichten und zweifelhaften
Ideen.
Jeder Autor gab sich zweifelsfrei viel Mühe, kann aber schwer die Wirkung seines
Werkes erahnen. Ratsuchende sind sehr zugänglich für jeden Strohhalm, der
sich ihnen bietet, aber es wird oft nicht bedacht, dass sie auf dem Problemgebiet
keine Experten sind, auch wenn sie sich auszukennen glauben, weil sie darunter
leiden. Denn wären sie Experten, dann hätten sie ja kein Problem mit der
Materie!
Ratsuchende sind auf ihrem Gebiet Schüler und können den Wahrheitsgehalt
eines Buches nicht kritisch überprüfen und infrage stellen. Da es aber keine
allgemeingültigen Ratschläge geben kann, sollte ein Leser stets auf der Hut sein,
und sich nur mit denjenigen Aussagen auseinandersetzen, die er für seriös und
brauchbar hält.
In diesem Punkt können wir auf das harmonische System vertrauen, denn es
stellt eine Ergänzung dar, und keine radikale Veränderung. Es ist sicher, da wir
jederzeit zum Ausgangspunkt zurückkehren können, falls wir skeptisch werden.
Außerdem können wir nur das übernehmen, was uns davon zusagt. Es liegt an
uns, auf welche Weise und wie intensiv wir unser Potential entfalten möchten.
Das harmonische System ist individuell, da jeder Mensch sein eigenes
Betriebssystem darauf aufbaut und gemäß seiner Situation modifiziert. Welche
Teile wir in welchem Umfang ändern sollten, müssen wir allein herausfinden.
Doch womit können wir in der Regel beginnen? Sich ändern zu wollen ist ja
schön und gut, aber welche Bereiche sind die typischen Startsequenzen dieses
Prozesses?
4) Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung
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Wenn unser Vorhaben gelingen soll, dann müssen wir hart und stetig an uns
arbeiten, unsere Stärken vergrößern und Fehler verringern. Dabei sollte ein
besonderes Augenmerk darauf liegen, dass wir uns nicht einseitig entwickeln.
Bemerken wir die ersten Fortschritte, dann können wir zunehmend auf unsere
Fähigkeiten vertrauen und zunehmend intuitiv vorgehen. Weiteres Wissen und
Erfahrungen würden wir dann gezielter erwerben und sinnvoll verknüpfen. Wir
ersparen es uns auch, jede Erfahrung selbst machen zu müssen, da ein Transfer,
die uns fehlenden Steine im Mosaik ersetzt.
Das bedeutet konkret, dass unsere Reise mit Bewegung beginnt. Der Schritt, der
uns hilft, uns selbst zu bejahen, gibt uns die Kraft, weitere zu tätigen. Das ist im
physischen Bereich nicht anders. Nur wer sich regelmäßig bewegt, trainiert seine
Muskulatur, und kann sich auch weiterhin rasant und schmerzfrei bewegen. Es
sind unsere eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, aus denen wir die weitere
Energie schöpfen.
Doch das ist alles Zukunftsmusik, wenn wir nicht völlig zu uns stehen. Wenn wir
es nicht tun, wer soll es dann machen? Wer niemals einen Fehler eingestehen
kann oder immer Angst hat, der ist im sozialen Alltag verloren.
Die absolute Realität ist immer die gleiche, egal wohin wir gehen. Ob wir in der
Fabrik stehen oder in der Universität, die Persönlichkeiten und Charaktere sind
immer dieselben. Die Menschen verfügen über eine unterschiedlich ausgeprägte
Intelligenz und tragen andere Namen.
Aber den Physiklehrer, den wir in der Schule gehasst haben, den schmierigen
Wichtigtuer aus unserer Nachbarschaft und den arroganten Vorgesetzten werden
wir immer wieder in unserem Leben treffen; nur eben in einer anderen Version.
Unser Selbstkonzept muss also über den äußeren Umständen stehen. All unser
Wissen über Kommunikation und dergleichen wäre bloß Makulatur, wenn wir
nicht bei uns damit anfangen. Wir können vor allem dadurch zu uns stehen,
indem wir es unserer Umwelt zeigen. Wenn wir uns selbst nicht mögen, dann
kann es auch kein anderer tun.
Wir dürfen folglich keine Schutzmauer um uns herum errichten, oder müssen
eine Vorhandene einreißen. Das dicke Fell, das wir uns mit den Jahren
angeeignet haben, sollte uns vor Schäden schützen, und das tut das leider
häufig viel zu gut. Denn man gibt zwar keine so gute Zielscheibe für die
Bosheiten seiner Mitmenschen ab, lässt aber auch gute Einflüsse an sich
abprallen. Eine solche Barriere funktioniert immer in beide Richtungen. Auch
unsere eigene Wahrnehmung wird beeinträchtigt, wenn wir eine Mauer oder
Fassade aufbauen, denn auch wir können aus unserer Festung heraus nicht
mehr alles wahrnehmen.
Innere Isolation ist einer der schrecklichsten Zustände überhaupt, und Befreiung
kann in einem solchen Fall auch nur von innen heraus erfolgen. Wir brauchen
gar nicht erst auf Hilfe von außen zu hoffen, denn wir haben uns ja selbst
inhaftiert. Deshalb sollte die dicke Mauer unverzüglich weichen, und mit der Zeit
einem flexiblen Verteidigungssystem aus Humor, Schlagfertigkeit und echtem
Selbstvertrauen Platz machen.
Tatsache ist, dass wir uns wehren und schützen können müssen, aber nicht
statisch durch eine Panzerung, die uns unbeweglich macht, sondern dynamisch.
Wir sollten ein Abwehrsystem entwickeln, dass es uns ermöglicht, das richtige
Prinzip zur richtigen Zeit anzuwenden, und nur dann zu blocken oder
anzugreifen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Details, wie die
richtige Technik der schlagfertigen Argumentation, gehen einher mit der Übung.
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Indem wir Stück für Stück von unserer Furcht, ausgeliefert zu sein, loskommen,
können wir die Mauer, die zum Teil seit frühester Kindheit besteht, Stein um
Stein abtragen. Um dabei nicht wirklich schutzlos zu werden, müssen wir parallel
dazu zu echter Selbstachtung gelangen.
Eigentlich verfügen wir bereits darüber, denn niemand kann uns unsere
Selbstachtung nehmen, nur wir allein. Indem wir unsere selbstauferlegten
Ketten abwerfen und unseren Wünschen aktiv nachgehen, werden wir wahrhaft
stark. Diese Befreiung ist ein Zeichen, das für jeden sichtbar ist.
Ein potentieller Angreifer muss mit starker Gegenwehr rechnen, denn obwohl wir
friedlich sind, und das auch ausstrahlen, schützt uns unsere Ausstrahlung vor
seinen Attacken. Ein Mensch, der wirkliche Gelassenheit verkörpert, bietet einem
Streitlustigen keine Angriffsfläche.
Wir haben statt der dicken Mauer ein selektiv permeables Schutzschild errichtet,
das nur in eine Richtung wirkt. Es ist für unsere Wahrnehmung und gute
Einflüsse durchlässig, lässt aber unverzüglich jede Provokation ins Leere laufen.
Der Sinn einer üblichen Provokation ist es, diejenigen Themen anzusprechen, die
ein Mensch lieber verheimlichen möchte. Doch wie soll man jemanden
provozieren der nichts verbirgt? Falls es doch hin und wieder jemand wagt, sich
mit uns zu messen oder seine schlechte Laune an uns auszulassen, dann wird er
sehr bald spüren, dass er sich das falsche Opfer für sein Vorhaben auserwählt
hat.
Sobald wir damit aufhören, uns selbst kleiner zu machen, bekommen wir auch
mehr Respekt und gleichgesinnte Verbündete. Deren Wort wird uns auch
wichtiger sein, als das der Provokateure, da nur unsere Freunde eine qualifizierte
Meinung über uns abgeben können.
Die Meinung anderer über uns wird selbstverständlich auch auf Glaubhaftigkeit
geprüft und entsprechende Maßnahmen ergriffen, aber auf rein faktischer Ebene.
Ist ihre Kritik ungerechtfertigt, dann können wir sie getrost ignorieren, ist sie
aber teilweise oder vollständig begründet, dann müssen wir sie, in unserem
eigenen Interesse bearbeiten.
Kritik anderer wird zu unserem Helfer, wenn wir selbst das letzte Urteil über uns
treffen. Eine Mauer oder ein Schutzschild könnte niemals so selektiv arbeiten
und behindert zudem unsere eigenen Bewegungen. So betrachtet gleicht das
dynamische Verteidigungssystem eher einer Membran, die nicht alle Einflüsse
durchlässt
Wir machen es uns nicht leicht damit, die Verantwortung für unserer Tun selbst
zu übernehmen. Nicht selten begehen wir Fehler, die wir dann auch uns, und
nicht anderen Personen zuschreiben müssen. Aber wir sind autark und nicht
mehr auf die Werturteile anderer Personen angewiesen. Die Umwelt kontrolliert
uns nur noch indirekt, indem wir uns selbst unseren Platz in ihr suchen.
Dieser Platz kann weder in einem völligen Rückzug noch in einer arroganten
Dominanz liegen. Jede Form von Extremen würde der natürlichen Ordnung
widersprechen. Die Folge wäre, dass wir leiden. Die Harmonie entzieht sich uns,
wenn wir versuchen, sie zu benutzen; aber wenn wir mit ihr koexistieren, wird
sie uns zuteil.
Das verhält sich wie der Umgang mit Katzen. Wenn wir versuchen, eine Katze zu
packen und sie gegen ihren Willen zu streicheln, dann wird sie uns kratzen und
fauchend protestieren. Sind wir aber nur zugegen und strahlen Ruhe und
Harmonie aus, dann wird sie, ohne dass wir nach ihr rufen müssten, auf uns
zukommen, und von unserer Harmonie ihren Anteil abhaben wollen.
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5) Die richtige Motivation
Ein häufig zu hörendes Argument gegen diesen Weg der friedfertigen
Unabhängigkeit ist folgendes: „Ich habe immer in meine Mitmenschen investiert,
und zu wenig dabei herausbekommen. Sollen doch mal die anderen auf mich
zukommen!“ Diese Haltung mag sogar berechtigt sein, doch auch wenn man sich
auf den Kopf stellt und trotzig mit dem Fuß aufstampft: Von selbst wendet sich
nichts zum Guten!
Eine Person, die eine solche Ansicht vertritt, begeht einen Denkfehler, denn sie
nimmt nicht entgegen, was sie bereits von anderen offeriert bekommt, da sie
durch ihre Erwartungshaltung auf eine ganz spezielle Resonanz fixiert ist. Wenn
sie tatsächlich etwas gegeben hat, dann hat sie auch mit Sicherheit etwas
bekommen und nur nicht bemerkt oder zu schätzen gewusst
Konkrete Erwartungen können eigentlich auch nur ernüchtert werden. Wenn ich
mich darauf versteife, zum Geburtstag ein ganz bestimmtes Buch geschenkt zu
bekommen, und es dann nicht erhalte, dann bin ich enttäuscht, auch wenn die
alternativen Geschenke genauso gut waren. Nur wenn wir keine übertriebenen
Erwartungen an unser Leben stellen, erfüllen sich unsere Wünsche.
Es gibt Menschen, die meinen, wenn sie immer vom schlimmstmöglichen Fall
ausgehen, dann werden sie niemals enttäuscht. Das mag sogar stimmen, aber
setzt das nicht voraus, dass sie sich immer alles in den düstersten Farben
ausmalen müssen? Zerstört ihre negative Erwartung nicht zwangsläufig jegliche
Vorfreude? Vorfreude ist eine unbestimmte Freude, die ungerichtet auf die
kommenden Ereignisse abzielt. Es würde sich doch anbieten, einfach gar keine
Erwartung daran zu knüpfen, anstatt eine schlechte.
Wenn ein Mensch aber wirklich zu wenig Resonanz auf seine Bemühungen
bekommt, dann liegt es daran, dass er seine Energie in die falschen Menschen
investiert, oder sich mit falschen Mitteln und Absichten auf die Reise gemacht
hat.
Wer gibt, um zu erhalten, ist gierig und berechnend. Wer generell in die falschen
Menschen investiert, in der Hoffnung, sie könnten sich durch hinreichend viel
Beharrlichkeit ändern, der wirft seine Perlen vor die Säue. Und wenn jemand nur
das austeilt, was seinen eigenen Bedürfnissen entspricht, fehlt es ihm an
Einfühlungsvermögen und Verständnis für fremde Wünsche.
Klug zu handeln ist immer eine Frage der Absicht und der Reihenfolge; man darf
nicht die Ursache mit der Wirkung vertauschen. Wenn wir uns authentisch geben
und im Sinne der natürlichen Harmonie leben, dann werden wir automatisch
Freunde finden, die uns verstehen und unsere Wünsche erfüllen können.
Wer jedoch mit verkrampfter Gewalt, aus falsch verstandener Liebe, Zuneigung,
Mitgefühl oder Verantwortung an den falschen Personen festhält, der erhält seine
gerechte Strafe, in Form von unerfüllten Wünschen. Er steht sich selbst im Weg
und hindert die Harmonie in ihrer Entfaltung. Wie sollte er sie denn auch spüren,
wenn er sie selbst ausgesperrt hat?
Sich zu ändern ist nur von Erfolg gekrönt, wenn wir die richtige Einstellung dazu
mitbringen. Anschaulich lässt sich das am besten mit einer Diät vergleichen. Wir
konnten bereits erkennen, dass abnehmen zu wollen noch nicht genügt. Auch
das Nachdenken und Nachlesen über die beste Methode bringt noch keinen
sichtbaren Fortschritt. Und der dritte Fehler der meist gemacht wird, ist die
Brechstange anzusetzen und einen sofortigen Erfolg zu erwarten.
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Das klappt bei einer Diät nicht; und auch die Psyche ist eine zarte Pflanze, die
der richtigen, intensiven und zugleich behutsamen Pflege bedarf. Radikalkuren
schaden ihr nur. So bringt es herzlich wenig, jahrelang seine Seele zu
malträtieren, und sich dann bei einem Psychologen in Therapie zu begeben, der
uns dann „reparieren“ soll.
Diesen Irrglauben haben viele Hilfesuchenden. Doch wie soll uns ein Psychologe
denn helfen? Soll er mit uns und all seinen anderen Patienten mitleiden und
mitsterben? Ist er nicht auch nur ein Mensch? Ein guter Psychologe erkennt in
kurzer Zeit das Problem seiner Patienten, und erkundet mit ihnen gemeinsam
die Ursachen und die Tragweite. Er kann als Mediator die richtigen
Schlussfolgerungen ziehen und Irrwegen entgegenwirken. Er hat ein großes
Repertoire an Werkzeugen und Methoden zur Regeneration, kann aber weder
etwas ungeschehen machen, noch direkt etwas ändern.
Er übernimmt die Rolle einer Vertrauensperson, die seine Patienten begleitet,
aber er muss und wird sich, so gut wie er kann, emotional distanzieren.
Ansonsten geht er bei all dem Leid, das er tagtäglich miterleben muss, selbst
zugrunde.
Gesund und glücklich werden wir nur durch Eigeninitiative. Ein Therapeut kann
weder Einsicht verschaffen, noch das Verhalten eines Patienten ändern, der
keine kognitive Fähigkeit zur Einsicht besitzt, oder diese nicht einsetzen möchte.
Wer also darauf baut, mithilfe einer mehrwöchigen Dauertherapie oder einer
Gesprächsstunde in der Woche, Jahre der falschen Lebensweise beheben zu
können, der ist genauso unrealistisch wie naiv.
6) Instanterfolge
Wir Menschen tendieren zu Lösungen, die im Nu Erfolg versprechen. Das ist im
Bereich der Psychologie nicht anders. Seit einigen Jahrzehnten, spätestens seit
den Werken von Dale Carnegie, wird das sogenannte „Positivdenken“ propagiert;
als Soforthilfe bei mangelnder Selbstmotivation und Missmut
Solcherlei Ideen werden häufig auf kostspieligen Seminaren von sehr
charismatischen Entertainern vorgetragen, die in Form von bestimmten Sätzen
oder Handlungen ihre Teilnehmer motivieren möchten. Dahinter steckt die
Annahme, dass wir durch eine positive Haltung, unsere Umwelt zu unseren
Gunsten beeinflussen, sowie unsere eigene Stimmung heben können.
Das verheerende an dieser Ideologie ist, dass sie teilweise auf richtigen
Annahmen basiert, im Endeffekt jedoch oberflächlich ist, und gutgläubige
Menschen ins Leere laufen lässt
Es gibt in der Tat Menschen, die einfach nur einige aufbauende Worte benötigen,
um sich selbst aufzurappeln und aus ihrer Misere zu befreien. Diesen Menschen
kann man schnell helfen, aber es gibt auch Probleme, die tiefer angesiedelt sind,
und sich nicht durch ein wenig frischer Farbe an der Oberfläche maskieren oder
gar beheben lassen.
Das positive Denken ist in der Tat die Grundlage einer erfolgreichen und
glücklichen Lebensführung, dennoch ist diese selbst induzierte Fröhlichkeit nur
Kosmetik. Zudem ist der Umkehrschluss verlockend, aber nicht zulässig. Wer
nicht erfolgreich oder glücklich ist, muss nicht zwangsläufig selbst schuld daran
sein. Psychisch instabile Menschen könnten sich bei ausbleibendem Erfolg
Vorwürfe machen und in Depressionen verfallen.
Kurzum: Es bewahrheitet sich auch hier erneut, dass es keine Abkürzungen im
Leben gibt. Einfache Methoden, wie bewusst positiv zu denken, sind wie ein
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Keks, der köstlich schmeckt und den Hunger umgehend stillt, aber auf Dauer zu
Fehlernährung und Fettleibigkeit führt.
7) Autokommunikation
Meiner Ansicht nach ist es besser, sich von Anfang selbst helfen zu können, also
in Ermangelung von Vertrauenspersonen seine Probleme selbständig zu
meistern. Auch wenn wir Freunde oder Fachleute hinzuziehen, sollte uns unser
eigenes Wohl wichtig genug sein, um uns selbst dafür zu engagieren. Doch wie
können wir mit unserem inneren Ich in Kontakt treten?
Kommunikation bedeutet auch Kommunikation mit sich selbst. Wer sich selbst
nicht richtig versteht, kann auch nicht von anderen verstanden werden.
Zwischen seinen verschiedenen Gesichtern zu vermitteln ist eine anspruchsvolle
Aufgabe. Aber innere Kohärenz ist, wie schon erwähnt, notwendig, um
Kongruenz mit anderen Menschen zu ermöglichen. Sonst ist die
Übereinstimmung minimal, und der zwischenmenschliche Austausch in Folge
ebenfalls mager.
Oberflächliche Kontakte sind aber dermaßen unbefriedigend auf Dauer, dass es
lohnenswert ist, sich mit dieser Materie beizeiten auseinandersetzen. Der Irrtum,
wir würden uns schon automatisch ändern, wenn jemand anderes in unserem
Leben auftaucht, zeigt das mangelnde Verständnis für das harmonische System,
den