Einhand über den Atlantik - Yachtvereinigung Kormoran

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Einhand über den Atlantik - Yachtvereinigung Kormoran
Ein Kormoraner unterwegs: Einhand über den Atlantik
„Lebe Deinen Traum!“
Das hat sich wohl auch Wolfgang Boorberg, langjähriges Mitglied in der Yachtvereinigung
Kormoran e.V. und begeisterter Regattasegler gedacht. Nach einigen Atlantiküberquerungen
mit wechselnden Crews auf Ein- und Mehrrumpfbooten setzte er seinen Traum, den Atlantik
von Ost nach West allein zu bezwingen, in die Tat um! Anfang 2009 brach er von Lanzarote
aus mit seinem Katamaran „Destiny“, einer Privilege 435, zur Karibikinsel St.Lucia auf.
Nach seiner Rückkehr hat ihn der Schriftführer der YV-Kormoran nach seinen Eindrücken
befragt:
Wann entstand die Idee, allein – also Einhand – über den Atlantik zu segeln?
Die Idee, oder besser gesagt, den Traum, den Atlantik solo zu überqueren, habe ich schon
viele Jahre oder gar Jahrzehnte im Kopf gehabt, eigentlich seit ich mit dem Fahrtensegeln
begonnen hatte und die Bücher von Rollo Gebhard und anderen Einhandseglern gelesen habe.
Der Plan wurde konkret, nachdem ich mit Crew mehrere Male ohne Probleme von den
Kanaren in die Karibik und zurück gesegelt bin.
Welches waren die Gründe, diese Route zu wählen?
Die Kanarischen Inseln sind das ideale Absprungbrett, wenn man unter Segeln in die Karibik
will, denn es bläst fast ganzjährig der Nordost-Passat, der moderate Windstärken hat und
ermöglicht, raumschots oder vor dem Wind die lange Distanz zu segeln.
Was hat den Ausschlag für die Wahl des Zeitpunktes gegeben?
Der Januar und der Februar gelten als der Zeitraum, der die stabilsten Windverhältnisse
aufweist. Die Monate Mai bis Oktober kommen von vornherein nicht in Betracht wegen der
Hurrikangefahr, und im November und Dezember kann es vorkommen, dass der Passat
ausbleibt oder unbeständig ist.
Wie hast Du Dich vorbereitet?
Eine spezielle Vorbereitung auf den Törn erschien mir nicht notwendig, nachdem ich zuvor
schon sechs Mal mit kleiner und auch größerer Crew den Atlantik überquert hatte. Aber
natürlich habe ich mir zurecht gelegt, was ich in welcher Situation tun würde, also
beispielsweise bei Schwerwetter oder bei Ausfall des Autopiloten. Zudem fühlte ich mich
topfit, so dass ich glaubte, keine weitere intensive Vorbereitung zu brauchen.
Welche technische Ausrüstung ist für ein solches Vorhaben erforderlich?
Eigentlich kann man den Atlantik auf der von mir gewählten Route mit ganz bescheidener
Ausrüstung überqueren, wie die Einhandsegler früherer Zeiten bewiesen haben. Heutzutage
gehört aber zum Standard einer jeden Hochseeyacht neben der Navigationsausrüstung wie
Kompass, Echolot, Speedometer, GPS u. a. vor allem eine umfangreiche
Sicherheitsausrüstung, bestehend aus Rettungsinsel, EPIRB (Notfunkboje), UKW- und
Kurzwellenfunkgerät und – ganz wichtig – ein exakt arbeitender Autopilot. Zusätzlich hatte
ich noch ein Satelliten-Mobiltelefon und ein kleines Gerät namens „Spot Personal Satellite
Tracker“ an Bord. Der Spot Tracker, wie ich ihn kurz nenne, kostet nicht viel und eignet sich
ganz hervorragend für Trekking, Bergsteigen und Fahrtensegeln, denn dieses fantastische
Geräte, nicht viel größer als ein Mobiltelefon, sendet bestimmte Signale über einen Satelliten
entweder auf ein oder mehrere Mobiltelefone oder auf einen oder mehrere Computer, die
vorher festgelegt wurden. Die Signale können ein Hilferuf sein, aber auch ein Zeichen, dass
alls in Ordnung ist (OK-Check). Ferner sendet das Gerät im akuten Notfall ein Signal, das
eine internationale Rettungsaktion auslöst, indem die in Amerika übliche Notfallnummer 911
verwendet wird. Schließlich kann dem Spot Tracker der Befehl gegeben werden, fortlaufend
die aktuelle Position nach Länge und Breite zu senden, und zwar alle 10 Minuten, so dass,
wer die Zugangsberechtigung zu den Meldungen hat, im Internet stets über die gesendeten
Positionen Kenntnis hat. Meine Familie und Freunde, denen ich das Passwort gegeben hatte,
konnten so zu jeder beliebigen Zeit meinen Standort und die von mir gesegelte Route
feststellen.
Du hast in den letzten Jahren auf dieser Route den Atlantik im Team sowohl auf
Einrumpfbooten als auch auf Deinem eigenen Katamaran überquert.
Hat Dir das Zweirumpfboot das größere Sicherheitsgefühl übermittelt?
In der Tat ist das Sicherheitsgefühl auf einem Katamaran, vor allem für einen Alleinsegler,
wesentlich besser, ganz einfach deshalb, weil ein Katamaran sich im Seegang nicht so stark
bewegt wie eine Einrumpfyacht. Allein das Rollen eines Monohulls im Seegang bei
achterlichem Wind hat zur Folge, dass man sich immer gut festhalten muss. Nicht so auf
einem Katamaran: Weil er eben auch bei Starkwind von sieben oder acht Beaufort, wie ich
ihn häufig hatte, kaum eine Krängung aufweist, ist die Gefahr, über Bord zu fallen, wesentlich
geringer als auf einer Einrumpfyacht. Um aber auch hier jedes Risiko auszuschließen, hatte
ich anfangs 90 Meter Schwimmleine nachgeschleppt. Nachdem ich merkte, dass die Leine
mich doch etliches an Fahrt kostete, habe ich sie wieder eingeholt.
Wie schnell konntest Du Dich an die veränderten Bedingungen hinsichtlich
Schlafrhythmus anpassen?
Es dauerte 2 – 3 Tage, bis ich einen gewissen Rhythmus gefunden hatte. Allerdings verspürte
ich immer ein Schlafdefizit, weil ich ja auch nachts jede Stunde raus musste, um den Horizont
nach Schiffen abzusuchen und nach den Segeln zu sehen. Ich hatte aber natürlich tagsüber
genügend Zeit, um den fehlenden Schlaf der vergangenen Nacht nachzuholen.
Überhaupt Ernährung. Wie hast Du Dich in diesen Wochen ernährt?
Dank meiner Frau, die beim Provianteinkauf Regie führte, war ich bestens versorgt mit
Lebensmitteln und Getränken. Natürlich standen Nudeln in jeder Form und Konserven ganz
oben auf dem Speiseplan, aber wenn ich Appetit hatte, machte ich mir auch Bratkartoffeln mit
Speck und Gurken, Kartoffel- und andere Salate oder ich aß Rösti mit Würstchen. Der einzige
Fehleinkauf war eine Palette mit 24 Dosen Bier, das, wie ich erst auf See bemerkte,
alkoholfrei und für einen passionierten Biertrinker somit ungenießbar war!
War Einsamkeit ein Thema?
Einsamkeit verspürte ich eigentlich nie oder nur ganz selten, denn durch Empfang und
Versand meiner zahlreichen E-Mails war ich mit meinen Lieben zu Hause und mit Freunden
in der Heimat und anderswo ständig in Kontakt. Außerdem telefonierte ich jeden Abend
pünktlich um 20 Uhr mit Hilfe meines Satellitentelefons mit meiner Frau. Ein einziges Mal
vielleicht wurde es mir ein wenig schwer ums Herz, als meine Frau, mein Sohn und meine
Schwiegertochter mitsamt Hund in meinem Lieblingsrestaurant saßen und in vergnügter
Runde zu Abend speisten. Im Hintergrund war Lachen zu hören, Geklapper von Geschirr,
Musik und Unterhalten, so dass ich mir doch ein wenig einsam und verlassen vorkam. Im
übrigen aber war ich an Bord der „Destiny“ ständig mit irgendetwas beschäftigt, sei es, dass
ich Logbuch führte, Segel trimmte, schlief, E-Mails abrief oder schrieb, kochte, las, kleine
Reparaturen erledigte oder einfach dem Spiel der Wellen zusah, so dass ich gar keine Zeit
hatte, über Einsamkeit nachzudenken.
Gab es kritische Situationen? Augenblicke, in denen Du Zweifel hattest, ob Dein Tun
richtig war?
Nein.
Das schönste Erlebnis?
Ein einzelnes Erlebnis herauszugreifen, ist mir nicht möglich. Der Törn war insgesamt von
Anfang bis Ende schön, so schön, dass ich, als ich in der Rodney Bay angekommen war, noch
keine Lust verspürte, in die Marina zu fahren, sondern noch einen Tag und eine Nacht
draußen in der Bucht vor Anker liegen blieb.
Welche Gefühle hattest Du beim Einlaufen in den Hafen.
Es war natürlich schon ein erhebendes Gefühl, in die Rodney Bay einzulaufen, ein Gefühl der
Freude und Befriedigung darüber, dass ich die Strecke in physisch und physisch bester
Verfassung bewältigt hatte. Aber darin mischte sich zugleich ein leises Bedauern darüber,
dass mein Segelabenteuer zu Ende war.
Wie lange warst Du unterwegs? Wie viele Seemeilen bist Du unter Segel und wie viele
unter Motor unterwegs gewesen?
Von Puerto Calero auf Lanzarote bis in die Rodney Bay auf St. Lucia war ich 17 Tage und 22
Stunden unterwegs. Eine meiner beiden Maschinen habe ich südlich der Kanaren mal
anderthalb Stunden mitlaufen lassen, ansonsten habe ich die gesamte Strecke von 2894
Seemeilen unter Segeln zurückgelegt und die Segel erst unmittelbar vor dem Ankermanöver
im Ziel geborgen.
Was würdest Du anders machen?
Die Kommunikation könnte in Anbetracht der heutigen Möglichkeiten verbessert werden. Ich
plane deshalb, mein Satelliten-Mobiltelefon an meinem Laptop anzuschließen, so dass ich mit
Hilfe geeigneter Programme einen Internetzugang habe. Ich wäre dann nicht mehr auf
Wetterberichte von zu Hause angewiesen, sondern könnte die Wetterinformationen von
GRIB.US, die hervorragend für Segler geeignet sind, nutzen.
Welchen Rat würdest Du Nachahmern geben?
Nichts wie los!
Nächste Pläne?
Die „Destiny“ liegt nun in St. Lucia und ich plane, im April und im Oktober mit Familie und
Freunden Törns in der Karibik zu unternehmen. Anfang Januar 2010 geht es dann im Rahmen
der ARC World rund um den Globus in Ost-West-Richtung.
Lieber Wolfgang, ich danke Dir sehr für das überaus interessante Gespräch!
P.S.
Hier noch einige technische Angaben zum Katamaran Typ Privilege 435:
Länge: 13,13 m, Breite: 7,07 m, Segelfläche: 113 qm, Tiefgang: 1,35 m,
Verdrängung: 8,3 t, Wassertank. 600 l, Dieseltank: 380 l, Motorleistung: 2
x 27 PS. (Prospektangaben)