ancient contemporary - Teppichkunst Hirschberg

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ancient contemporary - Teppichkunst Hirschberg
ANCIENT CONTEMPORARY
Rede anlässlich der Eröffnung der Sonderschau bei Cologne Fine Art & Antiques am 17. November, 2009
Die heutige Ausstellung will eine Formensprache durchleuchten, die sich nicht allein in ursprünglichen Textilien und Teppichen manifestier t, sondern auch in der bildenden Kunst. Bei der Vorplanung dieser Sonderschau hatten wir sogar überlegt, ein Gemälde als Schlusspunkt zu integrieren. Ein Stück von Sean Scully
oder Josef Albers oder Eduardo Chillida zum Beispiel. Auch ein junger Maler wie der Streifenmeister Markus
Linnenbrink hätte die Parallele verdeutlicht.
Vielleicht zu sehr verdeutlicht, denn es ging uns darum, ein ästhetisches Empfinden und keine direkten
Verbindungen zu zeigen. Über den Einfluss der so genannten „primitiven“ Kunst auf das Schaffen von Picasso, Braque & Co. ist wahrlich genug gesagt worden. Bei „Ancient Contemporary“ wird der Besucher
vielmehr aufgeforder t, seinen eigenen Blick für die Parallele zu schärfen.
In einem kurzen Begleittext zu dieser Ausstellung habe ich bemerkt, dass die elementaren Formen und
Farben solcher Textilien, die meist als Alltagsgegenstände hergestellt wurden, etwas Magisches ausstrahlen. In
diesem Sinne kann man auch an den fliegenden Teppich denken, der mehrfach in den orientalischen Märchen von „Tausendundeiner Nacht“ erscheint.
In „Die Geschichte der messingnen Stadt“ wird berichtet, dass Gott dem Wind befohlen habe, für König
Salomo einen Teppich einen Monat lang auf der Hin- und ebenso lange auf der Rückreise zu tragen. Der Beschreibung nach war der Teppich so groß, dass Salomo eine ganze Armee darauf versammeln konnte, sowie
allerlei Vögel und „wilde Tiere“ – eine Ar t von Arche Noah. So lehr t uns die Kulturgeschichte wiederholt,
dass Teppiche und Textilien die Fähigkeit besitzen, Grenzen zu überqueren, neue Aussichten zu verschaffen
und Wer te zu transpor tieren.
Das Thema „Kunst und Teppich“ ist schier unerschöpflich und ich verspreche, es heute Abend unerschöpft
zu lassen. Dennoch möchte ich einige Schwerpunkte erwähnen – nämlich 1. Der Teppich als Kunst; 2. Kunst
als Teppich; 3. Teppiche in der Kunst; und 4. Künstler teppiche.
Zuerst der Teppich als Kunst: Weil ursprüngliche Teppiche und Textilien meist nach althergebrachten Mustern produzier t werden und unsignier t sind, passen sie schlecht in das gängige westliche Kunstverständnis,,
das Kunst und Kunsthandwerk streng trennt. Hier findet man ein perfektes Beweis für jene „Genfer Konventionen des Geistes“, mit denen der britische Autor Aldous Huxley die menschliche Neigung bezeichnete,
alles zu ignorieren, was nicht in konventionelle geistige Schubladen bequem hineinpasst.
Zugegebenermaßen hat es wichtige historische Versuche gegeben, die Genres in Einklang zu bringen. Zu
den renommier testen Institutionen, die eine grenzübergreifende Integration angestrebt haben, gehör t das
Bauhaus. Von Anbeginn und in allen späteren Inkarnationen wurde hier eine Gleichberechtigung des Handwerks mit den „höheren“ Künsten angestrebt. Nichtsdestotrotz wurden die meisten Studentinnen in die
Weberei geschickt, wo sie von einem einzigen männlichen Mitstreiter begleitet wurden.
Später haben AndyWarhol und seine Kohor ten die Mauer zwischen höherer und populärer Kunst weniger
durchbrochen als einfach ignorier t, sich sogar bei den „vulgären“ Massenmedien ausgiebig bedient. Selbst
wenn ihre Pietätlosigkeit als Befreiungsschlag für spätere Künstlergenerationen diente, bleiben die althergebrachten Genre-Dogmen weitgehend erhalten.
Wenn wir uns ein wenig von derar tigem Schubladendenken entfernen, besteht aber die Möglichkeit, eine
neue Sehweise zu entwickeln. Hier geht es nicht um Ismen und Etiketten, sondern um die Fantasie und Geschicklichkeit höchst kreativer Menschen, die mit Wolle oder Baumwolle, Leinen, Filz und Federn ein spannendes Oeuvre entwickelt haben.
Zum zweiten Stichpunkt, Kunst als Teppich: Die Autoren der hier ausgestellten Objekte hatten keinerlei
künstlerische Ambitionen. Sie schufen Alltagsgegenstände, die als Betten, Raumteiler, Röcke, Tische und Türe
dienten. Mit Hilfe dieser raffinier ten Erzeugnisse hat man getanzt, gebetet, geschützt, gewärmt, geschlafen,
gelager t, gefeier t und getragen. Die schöne Gestaltung solcher Hilfsmittel war selbstverständlich aber
sekundär.
Es gibt natürlich auch eine ganz andere Vorgehensweise, die bewusst und gezielt nach ästhetischen
Maßstäben entsteht. Man denke z.B. an die narrativen Traditionen in der Webkunst und in der Stickerei, aber
auch an die raffinier ten Darstellungen der Gobelins. Zusammengestellt werden derar tige Erzeugnisse unter
dem Begriff „Bildwirkerei“, deren Ursprünge in vorchristlichen Zeiten liegen. Sogar aus einem Inkatempel in
Peru sind derar tige Fragmente aus dem 6. Jahrhunder t vor Christus bekannt.
Später wurde Brüssel Mittelpunkt jener dekorativen Form. Dor t wurden so genannte „Tapeten“ nach Cartons großer Maler wie Raffael und Rubens angefer tigt. Aber auch in der Neuzeit wird der Künstler öfters in
der Produktion eingebunden – wie in der Teppichserie der Firma Vorwerk, für die internationale Stars wie
David Hockney, Frank Stella und Keith Haring die Vorlagen liefer ten.
Einige Bemerkungen zum Thema Teppiche in der Kunst: Ab dem 14. Jahrhunder t erscheinen üppige und
kostbare Orientteppiche in der Malerei als Zeichen von Reichtum und Privileg - dem roten Teppich unserer Zeit nicht unähnlich. Religiöse Darstellungen sowie Por träts werden auf diese Weise veredelt – eine
Methode aufgegriffen in den Trompe-l’oeil-Lauben und Säulen der frühen Por trätphotographie. Ganze
Schulen von Kunsthistorikern streiten sich über den Ursprung von Teppichen in der Renaissance-Malerei
und einzelne Typen sind nach den Malern genannt, die sie regelmäßig einsetzten – wie ein Holbein oder ein
Memling.
Selbst in der Moderne spielt der Teppich als Bildkomponent eine Rolle – vor allem bei Henri Matisse,
Nachkömmling einer Weberdynastie. Sein Atelier beherbergte eine umfangreiche Sammlung von exotischen
Textilien aus aller Welt, die häufig in seinen Kompositionen erscheinen. Aber auch derar tig unterschiedliche
Maler wie Vincent van Gogh, Paul Klee, Rober t Delaunay, Philip Pearlstein und Lucien Freud pflegten ähnliche Zitate.
Indirekter aber nicht weniger entscheidend ist die Rolle der Teppich- und Textilkunst bei Josef und Anni
Albers. In seinen vibrierenden Farbkombinationen ließ sich der Maler von einfachen mexikanischen Textilien inspirieren, während die Arbeiten seiner Frau ihre große Begeisterung für präkolumbianische Textilien
beweisen. Als Josef Albers zum ersten Mal die Kulturschätze Mexikos sichtete, schrieb er an seinen Künstlerkollegen Wassily Kandinsky, „Komm schnell! Hier wurde die abstrakte Kunst vor tausend Jahren entdeckt.“
Schließlich kommen wir zu Künstler teppichen. Unter diesem Begriff verstehe ich nicht jene Zulieferer, die
Dessins für die Hersteller fer tigen oder Teppiche in ihre Werke integrieren, sondern diejenigen, die den Teppich unmittelbar als Medium verwenden. Hier kann ich zwei kontrastreiche Beispiele zitieren: Horst Gläsker
und Caroline Achaintre.
Um 1980 fing der junger Düsseldorfer Künstler Horst Gläsker an, maschinell hergestellte Orientteppiche
vom Sperrmüll zu holen und als Malgründe aber auch als Malvorlagen zu nutzen. Mit dicken, farbenfrohen
Impastos verwandelte er die anonymen Muster in barockar tige Kompositionen.
Die Franzosin Caroline Achaintre, die am Goldsmiths College in London studier te, komponier t mit Hilfe
von bunten Wollsträhnen, die in einem feinmaschigen Baumwollgitter fixier t werden. Durch den Stutzen der
unregelmäßigen Oberfläche bekommen ihre handgetufteten Arbeiten rhythmische, reliefar tige Strukturen.
In der Direktheit ihrer Auseinandersetzung mit dem Teppich ähneln Gläsker und Achaintre am meisten
den anonymen Autoren von „Ancient Contemporary“. Mit Prachtbeispielen aus 11 Kulturkreisen der Welt,
wobei das älteste Stück mehr als tausend Jahre alt ist, erreicht die Sonderschau von „Cologne Fine Ar t &
Antiques“ ein wahrhaft musealisches Niveau.
Und dazu die allerletzte Fußnote: Der iranische Bildhauer, Teppichsammler und Wissenschaftler Par viz Tanavoli veröffentlicht demnächst ein Buch über bisher unbekannte Kelims aus dem Provinz von Mazandaran,
südlich des Kaspischen Meeres. In diesem Kontext spekulier t er, dass unser Blick für die einfachen Geometrien von Gabehs und Kelims – wie sie bei „Ancient Contemporary“ zu erleben sind – auf einen künstlerischen Rückkopplungseffekt hindeutet. Erst als der Minimalismus seinen Einzug in den 70er und 80er Jahren
des letzten Jahrhunder ts feier te, entwickelte sich unter Sammler eine reges Interesse an derar tigen Erzeugnissen der Teppichkunst.
Und so schließt sich, meine Damen und Herren, der Kreis. Ich wünsche Ihnen allen eine spannende Reise
auf dem fliegenden Teppich.
David Galloway, Kustos