Mongolei Keine Hightech-Töff, kein GPS, kein Satellitentelefon. Und

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Mongolei Keine Hightech-Töff, kein GPS, kein Satellitentelefon. Und
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AUF ACHSE
Ugi Nuur
RUSSLAND
Khövsgöl-See
Chatgal
Olgil
Ulaangom
Chowd
Moron
Tsun Nuur
Ugi Nuur
Tsagaan Nuur
Tsetserleg
Suchbataar
Bulgan
Tschoibalsan
Ulaan Bator
Öndörchan
Karakorum
Altai
Urumqui
Baruun-Urt
Arwaichor
MONGOLEI
Mandalgobi
Sainschand
Dalanzadgad
Huehaote
CHINA
Reise-Organisation Ein erfahrener Schweizer MongoleiReisender (im Geländewagen und zu Pferd) empfahl uns
Tour-Organisatorin Bayarmaa Tseden-Ish. Die Mongolin
studierte einst in der DDR und spricht darum perfekt Deutsch.
Sie besitzt eine Reiseagentur mit vier Angestellten und führt
Gruppenreisen durch, die in die entlegensten Winkel der
Mongolei führen. Per Mail nahmen wir Kontakt auf und erklärten unsere Pläne. Dass wir kein Begleitfahrzeug wollten,
konnte sie nicht begeistern, trotzdem organisierte sie uns die
Reise (Route, Reservationen in Jurtencamps, Flughafentransfer, Stadtbesichtigung usw.) und besorgte die Motorräder.
Reise pro Person 1500 Euro, pro Töff (Neumaschine) 1500
Euro inkl. Ersatzteilkit und Werkzeugsatz. Benzin, Getränke
usw. nicht inbegriffen.
Anreise Per Flugzeug mit Air Berlin nach Berlin und mit der
mongolischen Airline MIAT nach Ulan Bator, rund Fr. 3500.für zwei Personen.
Geografie Die Mongolei ist 1,5 Mio. km2 gross bei 2,6 Mio.
Einwohnern und umfasst mehrere Klimazonen von Wüste bis
Taiga. Extremes Kontinentalklima mit heissen Sommern (in
der Wüste) und extrem kalten Wintern (bis -50 °C).
Die Mongolei verfügt über Bodenschätze und exportiert
Fleisch. Alles andere, Gemüse, Getreide und sämtliche Industrieprodukte, muss importiert werden.
Politik Die Mongolei (auch äussere Mongolei) war von 1921
bis 1989 kommunistisch und in dieser Zeit eng mit Russland
verbündet, aber immer ein souveräner Staat. Es gibt noch die
sogenannte innere Mongolei, die seit 1636 zum chinesischen
Staatsgebiet gehört und heute den Status einer autonomen
chinesischen Provinz hat. China erhebt mehr oder minder
verblümt Anspruch auf die Mongolei.
Heute ist die Mongolei demokratisch organisiert. China hat
Russland als wichtigsten Handelspartner abgelöst.
Geschichte im 4./5. Jahrhundert fielen wilde Reiterhorden
in Osteuropa ein, die Hunnen. Damals schauten sich die
Mongolen unter ihrem König Attila erstmals im Westen um,
zogen sich dann aber wieder in die Weiten der mongolischen
Steppen zurück.
Der berühmteste Mongole ist Dschingis Khan. Er einte im
12. Jahrhundert die zerstrittenen mongolischen Nomadenstämme. Mit rasender Geschwindigkeit wurden Länder und
halbe Kontinente erobert. Die beweglichen, leicht bewaffneten mongolischen Reiter waren den schwer gepanzerten
Rittern oder den langsamen Infanteristen der gegnerischen
Armeen überlegen. Unter Dschingis’ Nachfolgern gelangten
die Mongolen bis nach Polen und auf den Balkan. Ganz
China war erobert, dazu Korea, Tibet, das südliche Sibirien,
Russland. Das mongolische Reich ist bis heute das territorial
grösste Weltreich aller Zeiten; es zerfiel nach Auflösungserscheinungen Ende des 14. Jahrhunderts endgültig in die
Einflussbereiche lokaler Machthaber.
Ish Planeta 5: Wir machten diese Reise auf zwei Ish Planeta
5, gekauft in Ulaan Bator. Die russischen Einzylinder-Zweitakter sind in der Mongolei weit verbreitet. Mehr darüber im
vorderen Teil des Hefts.
Geld: Mongolische Währung: Tugrik, 1 SFr. = 1350 Tugrik
Übernachtung: Hotels nur in grösseren Ortschaften, Campingplätze in unserem Sinne gibt es nicht. Wer längere
Strecken über Land zurücklegt, muss wild zelten. Gute Übernachtungsmöglichkeiten sind die sogenannten Jurten- oder
Gercamps, in Gruppen aufgestellte Jurten mit Verpflegungsmöglichkeit und sanitären Anlagen.
Reiseführer: Wisotski, Kappeli, von Waldenfeld, Mongolei,
Trescher Verlag, ISBN 978-3-89794-117-5.
Karten: Reise Know How, Mongolei 1:600 000. Karten in
kyrillischer Schrift lokal erhältlich.
Kontakt:
Bayarmaa
Tseden-Ish,
WSW
Ltd.,
eelen74@yahoo.com.
BEIJING
Mongolei Keine Hightech-Töff, kein GPS, kein Satellitentelefon.
Und auch keine organisierte Gruppenreise, kein Begleitfahrzeug
mit Fahrer und keine Dolmetscherin. Wir wollten auf eigene Faust
die Mongolei entdecken. Mit russischen Lowtech-Motorrädern,
wie sie auch die Mongolen fahren. Zeitweise sah es so aus, als sei
unsere Idee undurchführbar.
REISE-INFO MONGOLEI
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Freiheit, d
Text und Bilder: Rolf Lüthi und Fränzi Göggel
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R
öfe, das gaht nöd!», ruft Fränzi sichtlich frustriert. Sie steht mit ihrem Töff im schlammigen
Randstreifen neben der löchrigen Asphaltfahrbahn, lässt entmutigt die Arme hängen. Wir
sind kaum 30 km weit gekommen und schon der
erste Kolbenklemmer am neuen Töff. Müssen wir
endgültig aufgeben, nach nur drei Tagen?
Erster Fehlstart: Bis zum Stadtrand
Wir haben turbulente Tage hinter uns. Das Flugzeug
katapultierte uns in wenigen Stunden in die Hauptstadt Ulan Bator. Bayarmaa, Deutsch sprechende
Mongolin und Inhaberin einer Reiseagentur, hatte
uns zwei Motorräder besorgt, eine Reiseroute zusammengestellt – und in einem buddhistischen
Kloster eine Zeremonie für uns bestellt, um
von den Göttern eine gute Reise zu erbitten: «Von allen Gästen, die ich dieses Jahr
betreue, habe ich nur um euch Angst. Ihr
wart noch nie in der Mongolei und wollt
ohne einheimischen Führer und mit Motorrädern losfahren.»
Dann zerrten wir die zwei gebrauchten
Ish Planeta 5 aus der halbdunklen Abstellhalle ans Tageslicht. Sie sprangen
beide nicht an. Die eine lies sich anschieben, die zweite hatte keinen Zündfunken
und einen verschmorten Kabelbaum. Ein
aufgebotener Mechaniker verkabelte die
1 Behutsam müssen die Kilometer von der fragilen
Mechanik gelutscht werden. Die nach vorne flatternde, hellgrüne Gebetsfahne zeigt Gefahr durch
starken Rückenwind und fehlende Kühlung an.
2 Neue Ish: Aus der Kiste auf die Piste.
3 Kaum war der Kommunismus weg, blühte der
Buddhismus wieder auf.
4 Natur-Bonsai: Vegetation in der Wüste Gobi.
5 Kamelherde: Das Leben der Nomaden ist ausgerichtet auf das Überleben ihrer Tiere.
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t, die wir meinen
Streikende eiligst neu und spendierte neue Zündkerzen. Das reichte für reproduzierbare Probefahrten
auf dem Hotelparkplatz. Planmässig ging es los am
nächsten Morgen. Wir kamen keine zwei Kilometer
bis zum ersten Kolbenklemmer. Der zweite Töff fuhr
immerhin, doch mehr als einen halben Zentimeter
konnte man den Vergaserschieber nicht anheben,
sonst stotterte der Motor unfahrbar. Wir schleppten uns in Zweikilometerintervallen von Klemmer
zu Klemmer, nach 20 km verendete das röchelnde
Wrack am Stadtrand endgültig. Also zurück in die
Hauptstadt, wo wir in einer Fabrik eine neue kauften,
in elegantem Schwarz.
Zweiter Fehlstart: Im Steppen-Wartsaal
Am nächsten Tag der zweite Versuch, wir kamen
diesmal 75 km weit, in die struppige Steppe südlich
der Hauptstadt. Wir surften durch die Halbwüste, die
Sonne schien, der Himmel war blau und weit, und
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der Motor der Gebrauchten lief immer schlechter,
hatte kaum mehr die Leistung eines Mofas, bevor er
überhitzte und einging. Keine Chance, mit diesem
fahrenden Schwächeanfall die Reise zu schaffen,
sowieso hatte der Motor keine Kompression mehr,
und Handyempfang gab es natürlich auch nicht.
Fränzi blieb allein an der staubigen Piste zurück,
ich fuhr los, um Hilfe zu organisieren. Am Abend
waren wir wieder, wo wir morgens losgefahren waren – in der nicht eben sehenswerten Hauptstadt
der Mongolei.
Dritter Fehlstart: Offenbar unmöglich
Am nächsten Tag kauften wir die zweite Neumaschine, eine rote. Gegen Mittag waren wir auf dem
Weg, doch wir kamen nur 10 km über den Stadtrand
hinaus, da blockierte schon der Motor der Roten.
Das endgültige Aus! Sollten wir mit dem nächsten
Flugzeug frustriert heimreisen oder uns einer or-
ganisierten Reisegruppe anschliessen? Die Idee der
Reise mit den Russentöff war gestorben.
Sie läuft doch – bis zur nächsten Panne!
Oder doch nicht? Warum klemmt die Rote und die
Schwarze nicht? Zufall? An der Schwarzen habe
ich das Zweitaktöl abgemessen, der Roten hat der
hilfsbereite Tankwart Öl reingeschüttet. Zu wenig?
Kompression ist noch da! Wir kippen einen halben
Liter Zweitaktöl in den Tank und fahren weiter, ich
auf der Roten, Fränzi fährt die Schwarze. Runter vom
Asphalt, raus in die Steppe. Als wir die Stelle passieren,
an der ich gestern Fränzi zurückliess, sehe ich mich
um. Sie fehlt. Warten, doch sie kommt nicht. Ich fahre
zurück und finde sie nach fünf Kilometern. Panne!
Der Motor ist einfach ausgegangen, der Vergaser
überläuft. Das Schwimmergehäuse ist gefüllt mit
einer schleimigen Paste, wir reinigen Vergaser und
Benzinhahn. Der Motor springt dennoch nicht an,
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FRÄNZI GÖGGEL (50) UND ROLF LÜTHI (49)
Ohne jede Mongolei-Erfahrung und keinerlei Vorkenntnissen
zu den verwendeten Motorrädern erdreisteten sich Fränzi und
Rolf, im vergangenen Sommer mit russischen Zweitaktern dieses
riesige Land zu bereisen. Ohne Fränzis unerschütterlichen Optimismus und Rolfs breiten Erfahrungsschatz aus Tausenden von
Kilometern mit frisierten Mofas wären sie wohl nicht mal über
die Hauptstadt hinausgekommen.
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AUF ACHSE
➥ DURCH DIE MONGOLEI AUF ISH PLANETA 5
keine Kontrollleuchte brennt, die Hupe geht nicht.
Wir finden ein verschmortes, gebrochenes Massekabel und im Batteriekasten Brandspuren, weil
die Batteriepole den Metallkasten berührten. Bei
der Roten haben sie als Isolation die Betriebsanleitung dazwischengesteckt. Das machen wir an den
Schwarzen ebenso und flicken das Massekabel. Der
Motor springt an, es geht weiter, wir passieren Fränzis
Steppen-Wartsaal und fahren weiter, bis wir gegen
Abend bei starkem Wind das Zelt in einem Rasen von
Wermut aufstellen und den erkalteten Mittagslunch
verzehren. Die Reise hat begonnen.
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«Das Personal eilt herbei, erleichtert
und überrascht, dass diese eigensinnigen Langnasen, die per Töff
reisen und keinen Führer wollen,
tatsächlich gekommen sind.»
Grosser Bahnhof in Juulchin Gobi 1 für Fränzi und Rolf
Wenn Pisten kaum mehr sichtbar sind
Das Gercamp Khukh Burd ist das Tagesziel am nächsten Tag. Wir fahren auf der Piste gen Süden. Alles
scheint klar, aber als wir nach 200 km in ein staubiges
Kaff kommen und tanken, ist es nicht Adaazag,
sondern Delgertsogt. Wir haben uns verfranst, und
das Kupplungskabel der Roten ist auch gerissen.
Der Dorfmech montiert ein neues, während seine
Frau uns mit erfrischendem Joghurt bewirtet. Dann
geleiten uns die beiden mit ihrem chinesischen Töff
(nach unseren Wertmassstäben ein Wrack) auf den
rechten Weg. Sie deuten die Richtung zum Horizont,
und wir fahren los auf einer Nebenpiste. Unzählige
Abzweigungen, mindestens einmal nehmen wir wohl
die falsche, doch nach 72 km (statt 56 km) sind wir
am Gercamp neben der Tempelruine aus dem 10.
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Jahrhundert. Gercamp, das ist die mongolische Form
eines Hotels: In einer Gruppe aufgestellte Jurten (runde Filzzelte) dienen als Gästezimmer, dazu gibts ein
Restaurant mit Einheitsmenü und sanitäre Anlagen.
In Khukh Burd gibts weder kaltes noch warmes Bier,
aber eine erfrischend kalte Dusche und Eintopf mit
Schaffleisch. Mehr brauchts nicht.
Unser Orientierungsvermögen ist auch anderntags
gefordert. Wir müssen nach Mandalgobi, um dort
auf die Hauptpiste einzufädeln. Unsere Gastgeber
weisen uns auf eine Nebenpiste. Diese verliert sich
zeitweise auf einer steinigen Ebene. Nach mehr als
40 km ein Ger. Wir sind überzeugt, den richtigen
Weg längst verloren zu haben, und fahren vom erahnbaren Karrweg ab, um zu fragen. Erstaunt ob der
absurden Frage weisen die Nomaden uns unwissende
Langnasen zurück auf die Piste, die wir verliessen.
Einer schreibt die Zahl «19» in den Sand. Nach 19
km kommen wir über einen Hügelzug und stehen
vor der Kantonshauptstadt Mandalgobi.
In der Weite der Gobi klingelt das Handy
Von hier wollen wir während zweier Tage auf der
Hauptpiste nach Süden, 300 km nach Dalanzadgad.
Hauptpiste ist relativ, es ist ein Gewirr paralleler Spuren, doch gemäss Reiseführer braucht man nur der
Stromleitung zu folgen. Nach 80 km knickt diese aber
rechtwinklig weg ins Dorf Khuld. Das Pistengewirr
geht geradeaus weiter. Die Vegetation wird spärlicher.
Starker Wind bläst, kombiniert mit glühender Hitze.
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Stellenweise Schlaglöcher, Weichsand, Wellblech,
aber eigentlich gut zu fahren.
Als es Zeit wird zum Campieren, taucht in der
Ferne ein Ger auf. Wir fahren hin, niemand scheint
zu Hause, da kommt aus der Wüste ein Fussgänger, der Besitzer. Mittels aufgeschriebener Sätze in
kyrillischer Schrift können wir erfragen, ob wir hier
zelten dürfen. Natürlich dürfen wir, und der Nomade
schaut interessiert zu, wie wir unser Zelt aufstellen.
Nachdem wir zu Abend gegessen haben, nehmen
wir die Einladung unseres temporären Nachbarn
an und gehen zu Besuch. Sein Ger ist spartanisch
eingerichtet, aber ordentlich. Er hat Handy-Empfang
und nimmt zwischendurch einen Anruf entgegen.
Sein Abendmahl besteht aus Nudelsuppe mit viel
Fleisch. Wir essen auch etwas, auch weil es die Höflichkeit so gebietet, und trinken dazu heissen Tee.
Später taucht eine Frau aus der Wüste auf, bleibt für
einen Schwatz und einen Tee und verschwindet, es
dämmert schon, zu Fuss wieder in der Wüste.
Den ganzen nächsten Tag brauchen wir noch
bis Dalanzadgad, wir surfen durch die karge Weite,
das Kupplungskabel an der Roten ist längst wieder
gerissen. Maximal 60 km/h können wir den beladenen Ish abverlangen. Ein moderner Töff würde
gar nicht laufen mit Benzin mit 80 Oktan, das wir
im staubig-verschlafenen Zogt-Owoo tanken. Am
frühen Abend kommen wir zum Gercamp Juulchin
Gobi 1. Das Personal eilt herbei, erleichtert und
irgendwie überrascht, dass diese zwei eigensinnigen
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zwei von unseren drei Karten mehrheitlich gar nicht
eingezeichnet sind.
Von den dreien ist eine komplett unbrauchbar,
eine ist in lateinisch, eine in kyrillischer Schrift.
Wenn wir jemanden finden, den wir nach dem Weg
fragen können, nehmen wir die kyrillische Karte und
zeigen auf die Ortschaft, die wir erreichen wollen. Die
Mongolen zeigen die Richtung, und fragen wir nach
der Anzahl Kilometer (auf mongolisch «Kilometr»),
schreiben sie die Zahl in den Staub. Die Mongolen
sind Nomaden und kennen ihr Land; die Kilometerzahl wird präzise stimmen. Wenn niemand da ist,
also meistens, navigieren wir mit dem Kompass. Ein
GPS würde nicht zu dieser Reise passen.
Wir hangeln uns über Bulgan nach Mandal-Owoo,
verschlafene, staubige Wüstennester, und weiter
zu den roten Felsenklippen von Bajan Zag, wo der
amerikanische Paläontologe Chapman-Andrews in
den 1920er-Jahren zahlreiche Dinosaurierknochen
ausgrub, unter anderen das fast vollständige Skelett
des T-Rex, den wir im naturhistorischen Museum in
Ulan Bator besichtigten. Wir navigieren uns über
eine Karrspur zurück auf die teilweise sandige Nebenpiste Richtung Bajangol. Wie vom Tankwart in
Mandal-Owoo in den Sand gezeichnet, verlassen
wir diese nach 40 km und biegen links ab in die
Berge zum Kloster Ogiin Khiid, wo wir im Gercamp
unterkommen.
➥
Dusche, Bier, Service für die Töff und vier Kupplungskabel: Das luxuriöse Gercamp Juulchin Gobi 1.
Ein Owoo, ein Naturschrein zu Ehren des örtlichen Berggeistes mit Gebetsfahnen und den ersten Haaren, die
Kindern geschnitten wurden. Auch eilige Reisende hupen zumindest, wenn sie vorbeifahren.
3 In der Gobi zu Gast in der Jurte bei einem Nomaden: Archaische, naturnahe Lebensweise mit einer grossen
Herde Schafe und Merinoziegen, doch es gibt Handyempfang und eine Solarzelle zum Laden des Handyakkus.
4 In jedem Wüstennest gibt es einen Einkaufsladen, indem fast alles zu haben ist.
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Langnasen, die in dieser Hitze mit Motorrädern
fahren und kein Begleitfahrzeug und keinen Führer
wollen, tatsächlich gekommen sind.
Eisgekühlte Schlucht in der Gobi
Juulchin Gobi 1 bietet allen Luxus: Jurten mit Strom,
warme Dusche, kaltes Bier und mitten in der Wüste
einen kleinen Salat als Vorspeise. Es kommt noch
besser: Bayarmaa hat uns angekündigt, und während
wir die Annehmlichkeiten des Gercamps geniessen,
waschen zwei Arbeiter unsere Motorräder und reinigen die Ölbad-Luftfilter.
Der nächste Tag bringt einen der landschaftlichen
Höhepunkte der Reise. Yolyn Am, die Geierschlucht.
Auf der Anfahrt reisst das provisorisch reparierte
Kupplungskabel schon wieder. In die Schlucht rein
kann man nur zu Fuss. Wir wandern los, kommen
um eine Biegung und können es kaum fassen: Mitten in der glühend heissen Gobi-Wüste, im Gurvan
Saykhan-Gebirge, liegt vom Winter her in der 200 m
tief eingeschnittenen, engen Geierschlucht noch
meterdick Eis. Wir geniessen den Tag und die kühle
Schlucht. Am Abend bringt ein Gercamp-Angestellter
aus Dalanzadgad vier Kupplungskabel mit. Die kosten
zehn Franken (alle vier) und reichen rechnerisch für
die nächsten acht Tage.
Stromkabel: Rettungsleine der Zivilisation
Gut erholt packen wir anderntags auf. Die nächsten
zwei Tage führt unsere Route über Strecken, die auf
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DURCH DIE MONGOLEI AUF ISH PLANETA 5
Wir sind hundemüde. Der heutige Tag war nicht
ungefährlich. Über weite Strecken konnten wir zwar
der Telefonleitung folgen, doch andere Fahrzeuge
hatte es praktisch keine. Zahlreiche verendete Tiere
lagen in der Wüste, Geier hockten drauf oder warteten
noch daneben auf den Tod. Einmal passierten wir
eine Stelle mit fünf toten Tieren unmittelbar neben
der Piste, riesige Lämmergeier warteten neben den
Kadavern, bis sie nach den Hunden an der Reihe
wären.
Immerhin riss heute kein Kupplungskabel, doch
es ist nur eine Frage der Zeit, die Kupplung knarzt
schon wieder. Oder gibt es eine technische Lösung?
Ich kürze die Kabelhülle, damit der Hebel am Motor
im gleichen Winkel steht wie an der Schwarzen. Die
richtige Überlegung: Die Kupplung ist plötzlich butterweich zu ziehen, das Kabel sollte für den ganzen
Rest der Reise halten.
Ish: Trotz allem die richtige Wahl
Am nächsten Tag lassen wir die Wüste hinter uns.
Als wir einen weiteren sanften Hügelzug überqueren, geht die Landschaft über in struppige Steppe.
Eigentlich waren wir richtig gut im Plan, doch das
junge Pärchen, Mann und Frau oder Bruder und
Schwester, konnten wir nicht einfach stehen lassen.
Es ging schon dem Abend zu, das chinesische Billigst-
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Unfassbar: Eis mitten
in der Wüste!
2 Selbstportrait im
Steppenwartsaal: Wind,
Staub, Sonne, kein
Handyempfang, und Rolf
ist längst am Horizont
verschwunden.
3 Es wird Abend, der
Wind pfeifft, zum
nächsten Ort sind es 20
km: Die zwei können wir
nicht stehen lassen. Nach
einer halben Stunde fuhr
das Chinesen-Chopperchen wieder.
1
Chopperchen stand mit gerissener und verklemmter
Kette am Pistenrand. Kein Ahnung, wie lange sie
schon dahockten ohne passendes Werkzeug. Mit
unserem Kettenknacker liess sich die Kette einkürzen
und wieder montieren.
Aus der Zeit, da die Mongolei noch kommunistisch war und mit Russland – nicht etwa mit China
– verbündet, sind noch Hunderte von Ish in Gebrauch. Doch in den letzten Jahren übernahmen die
chinesischen Hersteller diesen Markt. Es gibt eine
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Unzahl von Marken, Basis ist aber immer ein ViertaktEinzylinder mit 150 cm3, der an die Honda CG 125
erinnert. Die Frage, ob wir statt der russischen Ish
nicht besser zwei von diesen chinesischen Viertakterchen gekauft hätten, ist nach dieser Bastelstunde
beantwortet: Nein, nein, nein!
Einen freien Menschen gesehen
Wir fahren noch ein schönes Stück und campieren
in den Bergen neben dem Ger einer Hirtenfamilie,
die Milchziegen hält. Die Einladung ins Ger können
wir nicht ausschlagen. Wir sitzen um den warmen
Ofen, draussen ist ein kalter Wind aufgekommen, und
trinken im Kreise der Familie frische Ziegenmilch.
Später, wir sind schon im Zelt, schauen zwei Jungs
zu Pferd vorbei. So wie wir damals als junge Männer
mal kurz ins Tessin fuhren zum Kaffee oder nach
Feierabend über die Sattelegg, um einfach nochmals
den Wind um die Nase zu spüren. Der jüngere, elf
Jahre alt vielleicht, noch kein Härchen im Gesicht,
ist klar der Anführer der beiden. Hat wohl zu Hause
gebettelt, nochmal kurz ausreiten zu dürfen zu diesen
Langnasen, die da campieren bei den Nachbarn,
bis die Eltern zustimmten unter der Bedingung,
dass der ältere Bruder oder Cousin mitreitet. Als
sie genug gesehen haben, schwingen sie sich in
den Sattel und reiten los. Zwei, drei Schritte im Trab,
und auf einen frohlockenden Zuruf preschen die
Pferdchen los im Galopp. In diesem Moment blickt
der Junge herausfordernd über die Schulter zurück
zu mir. «Ja, mein Junge», denke ich, «geniess deine
Freiheit, wenn es geht dein ganzes Leben lang», und
mit trommelnden Hufen galoppieren sie jauchzend
zum Horizont.
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Fortsetzung im nächsten Heft: Fränzi bleibt
auf 2500 m im Regensturm mit der defekten
Schwarzen zurück. Rolf fährt los, um Hilfe zu
holen, doch nach acht Kilometern ist die Rote
auch kaputt, und Rolf muss zu Fuss weiter.
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