Meine Flucht aus Ostpreußen

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Meine Flucht aus Ostpreußen
Meine Flucht aus Ostpreußen (aufgezeichnet von Werner Deinast)
Ich bin Margot Deinas aus Sassenau zwischen Tilsit und Gumbinnen.
Von der ersten Etappe meiner Flucht möchte ich jetzt nicht erzählen. Sie dauerte 10 Monate und
endete im westlichen Sachsen, wo kurz nach Kriegsende mein 2.Sohn geboren wurde.
Die Amerikaner hatten das Gebiet besetzt und die Stimmung war entspannt. Endlich war der Krieg
zu Ende!
Dann hieß es plötzlich die Russen übernehmen das Gebiet. Das war ein Schock, war man doch vor
ihnen geflohen. Die Menschen hatten Angst, weil es da so Gerüchte gab.... Viele Flüchtlinge zogen
weiter nach Westen, wurden aber schnell von den Russen eingeholt. So ging es auch uns. Im
thüringischen Neustadt/Orla wurden wir in ein Saalgebäude eingewiesen. Viele Frauen mit Kindern
und alte Leute. Wir schliefen in Stapelbetten. Meine Großmutter schlief unten, ich schlief oben in
den Kleidern meines Bruders – die Haare unter seiner Mütze versteckt. Nachts kamen die
russischen Soldaten und holten sich die Frauen. Der Kinderwagen mit meinem 9 Wochen alten
Sohn stand neben dem Bett meiner Großmutter. Man riss ihr die Decke herunter und fragte nach der
Mutter des Babys. Mit Gesten und Tränen in den Augen jammerte sie, dass die Mutter tot und
begraben sei.
Wir zogen weiter bis Sonneberg im Thüringer Wald. Von dort wollten wir in die amerikanische
Zone nach Bayern. Plötzlich war mein Mann da -zurück aus britischer Gefangenschaft. Zu sechst
versuchten wir über die unsichtbare Demarkationslinie zwischen russisch und amerikanisch
besetzter Zone zu gelangen. Wir wurden von den Russen aufgegriffen. Sie fanden ein Offiziersfoto
meines Mannes in meiner Tasche und gaben ihm unmissverständlich zu verstehen :“Du Sibirien!“
Mein 16-jähriger Bruder wurde auch mitgenommen. Ich nahm ihre Rucksäcke auf Bauch und
Rücken, nahm meinen 6-jährigen Sohn an die Hand und sagte der Großmutter: „Schieb den
Kinderwagen, dreh dich nicht um, geh immer weiter , hör nicht auf die STOI-Rufe der Soldaten.“
Mehrmals drückte man mir die Pistole in den Rücken. Ich hatte keine Angst, denn jetzt war sowieso
alles aus, wenn sie den Mann nach Sibirien bringen. Nach 2 Wochen waren Mann und Bruder
wieder auf freiem Fuß. Man hatte ihnen wohl abgenommen, dass sie nicht in Russland gekämpft
hatten. Der zweite Fluchtversuch gelang mit Hilfe eines Vaters und seines Sohnes, die sich zu
beiden Seiten der Demarkationslinie Zeichen gaben, sobald die russische Patrouille vorbei war.
Zwar musste die Großmutter durch unwegsames, hügliges Waldgelände zwischendurch mal aus
einem sumpfigen Graben gezerrt werden und meinem Baby hatten wir eine halbe Schlaftablette
einflößen müssen. Aber das alles nahmen wir jetzt gerne in Kauf für das Gefühl der Freiheit.