barrierefrei leben - Unternehmerinnen Forum Nordhessen

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barrierefrei leben - Unternehmerinnen Forum Nordhessen
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INFORMATIONS- UND
KOMMUNIKATIONSFORUM
FÜR KASSELS
INNOVATIVE SEITEN
NO. 57 • JAHRGANG 11
AUG/SEP 2013
ESSEN & GENIESSEN
DAS GEHEIMNIS DES SCHAUMS
RCHITEKTUR
barrierefrei leben A
BARRIEREFREI MIT AUEBLICK
barrierefrei leben
„Barrieren begreifen lernen!“
Durch den gesamten städtischen Raum bis zur einzelnen Wohnung muss sich die Barrierefreiheit perspektivisch hindurch ziehen. Kreative, nutzerorientierte Gestaltung steht für Gudrun
Jostes, freie Sachverständige und Fachplanerin für Barrierefreies Bauen, dabei im Vordergrund.
Interview: Miriam Claus
MC: Wo müssen wir ansetzen, wollen wir
das Thema „barrierefreies Bauen“ in den
Köpfen verankern?
GJ: Wir müssen Planer und Handwerker
schulen und die Gesellschaft sensibilisieren.
MC: Was heißt das für Sie konkret?
An der Universität Kassel baue ich am Fachbereich Architektur den Bereich Barrierefreies Bauen mit auf. Es gibt ein Basisseminar
"Barrierefreies Bauen" und seit dem WS
2011/12 jedes Semester ein Vertiefungsseminar, in dem die Studierenden ihr Wissen
in Entwürfe umsetzen.
MC: Wie führen sie Studierende an das Thema heran?
GJ: Es gibt zum Einstieg Informationen über
die aktuellen gesetzlichen und technischen
Grundlagen – von der UN Behindertenrechtskonvention bis zur DIN 18040 und
VDI Richtlinie 6008. Der Fokus liegt auf den
praktischen Erfahrungen, Spaziergänge mit
Rollstühlen, Simulationsbrillen und Langstöcken. Der Punkt ist: Sie müssen Barrieren begreifen, um zu verstehen, was Barrieren für
Menschen mit Mobilitäts- und Sinneseinschränkungen bedeuten. Wer einmal im
Rollstuhl saß und versucht hat, über eine
StadtZeit Kassel Nr. 57
GJ: Entsprechend des Hessischen Behinderten-Gleichstellungsgesetz – HessBGG –
müssen u.a. Landesbauten barrierefrei gestaltet werden. Hier wären vorbildliche barrierefreie Konzepte wünschenswert, die auf
andere Bauvorhaben sinngemäß übertragbar wären.
Gudrun Jostes
„Barrierefrei bedeutet Komfort für alle“
Schwelle zu kommen, der erfährt, worum
es geht.
MC: Was ist mit Architekten, die sich längst
auf dem Markt etabliert haben?
GJ: Es gibt Architekten, die sich sehr bemühen, barrierefreie Anforderungen in ihre Planungen einzubinden. Andere sind zurückhaltend oder haben die Tragweite des barrierefreien Bauens noch nicht erkannt. Es
passiert nicht selten, dass in öffentlichen
Gebäuden Rampen und Fahrstühle eingeplant werden – was zweifellos notwendig
ist – aber die Bedürfnisse von sinneseingeschränkten Menschen nicht berücksichtigt
werden. Dies sind beispielsweise Leit- und
Orientierungssysteme, kontrastreiche Gestaltung und akustische Maßnahmen sowie
taktile Informationen.
MC: Haben Sie eine Idee, wie es anders laufen könnte?
MC: Wie stellt sich die Situation bei den
Handwerkern dar?
GJ: Die Handwerkskammer Kassel bietet ein
zweitägiges, intensives Grundseminar an,
was mit einem Zertifikat abschließt. Darüber hinaus wird ein halbtägiges Spezialseminar zur barrierefreien Badgestaltung angeboten.
MC: Und nach nur zwei Tagen ist ein Handwerker fit?
GJ: Er hat danach einen Einblick in das barrierefreie Bauen. Für Probleme, die im Rahmen der praktischen Arbeit auftauchen wären vertiefende Veranstaltungen wünschenswert.
MC: Wird Barrierefreiheit für die Auszubildenden im Handwerk so thematisiert, wie
es jetzt bei den Studierenden beginnt?
GJ: Nein, Handwerker müssen sich selbst
fortbilden. Ziel führend wäre es, dieses The-
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ma in die Gesellenprüfung einzubinden.
MC: Welche anderen Berufsgruppen tangiert das Thema Barrierefreiheit?
GJ: Die freie Wirtschaft hat die Potentiale
der demographischen Entwicklung erkannt
und bietet mittlerweile eine unfangreiche
Palette von Produkten, vor allem für altersgerechtes Wohnen an.
MC: Der demografische Wandel hat also die
Bemühungen um barrierefreie Lösungen befeuert?
GJ: Das kann man so sagen. Barrierefreiheit
bedeutet Komfort für alle. Wenn Sie mit Rollen unterwegs sind, sei es z.B. mit einem
Kinderwagen oder einem Rollator, sind Sie
über jeden ebenerdigen Eingang dankbar.
Auch mit viel Gepäck sind breite Türen und
ausreichende Bewegungsflächen sehr hilfreich. Durchgängige Leit- und Orientierungssysteme nach dem Mehr-Sinne-Prinzip
gestaltet, also taktil, visuell und akustisch erfassbar, sind für Menschen mit Sinneseinschränkungen notwendig, für alle anderen
überaus hilfreich.
MC: So wie nun an vielen Tram-Haltstellen?
GJ: Genau. Nur sind dies noch Insellösungen. Barrierefreiheit muss sich durch den gesamten städtischen Raum hindurchziehen.
Hierzu bedarf es städtebaulicher Konzepte,
die bei jeder Baumaßnahme die barrierefreien Anforderungen systematisch und frühzeitig einbinden.
MC: Und in den eigenen vier Wänden?
GJ: Da müssen wir zwischen Bestand und
Neubau differenzieren. Im Bestand kann
Barrierefreiheit technisch und somit auch fi-
Fotos: Heilhaus
barrierefrei leben
nanziell einen hohen Aufwand erfordern.
Im Neubau kann Barrierefreiheit frühzeitig
in das Gesamtkonzept mit geringen Mehrkosten eingeplant werden.
„Über tragfähige und finanzierbare
Alternativen nachdenken“
MC: Der Bestand ist ein Problem?
GJ: Es gibt genügend technische und gestalterische Möglichkeiten, hier dürfen Planer ihre Kreativität beweisen. Kompromisse
sind vertretbar, solange sie nutzerorientiert
funktionieren. Die Schutzziele der DIN
18040 können auch auf andere Art und
Weise, als im DIN Text beschrieben erreicht
werden.
MC: Aber Barrierefreiheit ist doch nun mal
über die DIN-Norm geregelt.
GJ: Ja, als technisches Regelwerk. Barrierefreies Bauen ist nicht nur DIN-gerechtes Bau-
en. Wir müssen uns sehr genau die Bedürfnisse der Menschen anschauen. Im öffentlichen Bereich müssen wir nach DIN 18040
planen, da wir den unterschiedlichsten Bedürfnisse gerecht werden müssen. Im Privatbereich kennen wir in der Regel die Bewohnerinnen und Bewohner, somit können
wir individuell, nutzerorientiert planen und
bauen. Ein DIN-gerechtes Badezimmers
könnte für einen z.B. kleinwüchsigen Menschen zur Barriere werden.
MC: Ältere Menschen weisen oft vehement
darauf hin, sie seien ja noch fit und bräuchten keine barrierefreien Maßnahmen.
GJ: Tritt eine Einschränkung ein, wird ein
Umbau für alle Beteiligten überaus anstrengend. Sicher, es ist unangenehm, sich mit
seinen eigenen Begrenzungen zu beschäftigen. Jeder sollte sich frühzeitig die Frage
stellen: "Wie will ich im Alter leben?". Wenn
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StadtZeit Kassel Nr. 57
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der Gedanke, so lange wie möglich in den
eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben
vorhanden ist, sollten frühzeitige, präventive Maßnahmen erfolgen. Dies könnte sein:
Bodengleiche Dusche, Traversen für Stützklappgriffe in Vorwandelementen einplanen, Bewegungsflächen so planen, dass gegebenenfalls eine Pflegekraft tätig werden
kann.
MC: Verursachen solche Umbauarbeiten
nicht immense Kosten?
GJ: Auch die Kosten für ein Pflegeheim sind
immens hoch. Momentan ist die Finanzierung für Pflegeeinrichtungen noch leistbar.
Die kommenden Generationen können immer seltener auf eine umfassende Altersabsicherung zurückgreifen. Das heißt, wir müssen über tragfähige und finanzierbare Alternativen nachdenken. Hierzu gehören barrierefreie Anpassungen und barrierefreie Neubauen, sodass möglichst viele Menschen
möglichst lange selbständig in Ihrem Zuhause wohnen bleiben können.
Es ist die bange Frage vieler Angehöriger an ihre Zuhause lebenden Senioren: „Was machst du, wenn du allein bist und stürzt?“ Die perfekte Antwort lautet: „Egal wo ich bin, kann ich per Knopfdruck einen
Notruf auslösen und werde direkt mit der Hausnotrufzentrale der
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In ihren eigenen vier Wänden lebende Senioren müssen sich dafür keine langen Nummern merken, nur ein Telefonanschluss muss die Wohnung haben. Der Hausnotruf besteht aus der Basisstation, die an Ihr
Telefon angeschlossen wird und dem Notrufsender, den Sie am Handgelenk oder wie eine Kette um den Hals tragen können.
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