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#170 / April 2015
FOKUS
WISSEN MACHT
STARK
DER «GLUTENFREI»-TREND
Erkenntnisse, Technologien und Lösungen
ENERGIEEFFIZIENZ
Beschichtete Gläser für Chinas Wolkenkratzer
ADDITIVE MANUFACTURING
Neues Paradigma revolutioniert Industrie
5
#170
FOKUS: WISSEN MACHT STARK
Inhalt
JE ANSPRUCHSVOLLER TECHNOLOGIEN UND PROZESSE, DESTO
WICHTIGER EINE GRÜNDLICHE AUSBILDUNG DER BEDIENER.
4 Editorial
Bühler und EPFL
Am Puls der Zukunft
In Bühlers neuem Innovationssatelliten in
Lausanne sollen zukunftsweisende Lösungen zur
Ernährung der Weltbevölkerung entstehen.
6
African Milling School
18
Wie Bühler Wissen schafft
Bühler eröffnete in Nairobi, Kenia, eine Schule für Müller
und hilft so, eine Schlüsselindustrie mitzugestalten.
Bühler Training Center
Interview mit Prof. Dominique Foray
12Lernen – nah und fern
Von London bis Johannesburg,
von Brasilien bis Bangalore: Bühler
Trainingscenter qualifizieren
­Menschen vor Ort.
20Wissen – Geben und Nehmen
Erfolgreiche Innovationen werden
heutzutage im Dialog innerhalb einer
lebendigen Community entwickelt.
Die Casting Technology Center
Technologien von Bühler
14Übung macht den Meister
Bühler hat für seine Kunden
weltweit ein dichtes Netz
an Trainingscentern aufgebaut.
22Rock around the clock
Jeden Tag kommen Milliarden
Menschen mit Technologien
von Bühler in Berührung und
­wissen dies nicht.
Bakery Innovation Center
In Kürze
16Kompetenz vom Korn zum Brot
Bühler hilft Kunden aus der
Backindustrie, möglichst produktiv
zu sein.
24 Bühler weltweit
diagram #170
Retrofit bei Grand Mills in Abu Dhabi
44 Es kommt auf die Minute an
Die Abschaltzeit während der
Modernisierung musste auf
ein Minimum begrenzt werden.
Bühler Vollraummühlen in China
Einfach weiterdenken
Bühler fand einen Weg, um einen verloren geglaubten
chinesischen Markt mit neuen Ideen zurückzuerobern.
28
Klimaschutz und Wärmedämmung
Der blaue Himmel von Peking
Energieeffiziente Gebäude liegen in China im Trend. Wirtschaftlicher Erfolg soll zunehmend ökologisch nachhaltig
gestaltet werden.
46
37
48
Whitworth Brothers Victoria Mills
Additive Manufacturing
Obst aus dem Drucker
Spreu vom Weizen trennen
3D-Drucktechniken und Additive-Manufacturing-Methoden
ziehen Schritt für Schritt in den industriellen Alltag ein.
Im anspruchsvollen britischen Markt behauptet sich die
Traditionsmühle ausserordentlich erfolgreich.
Technologie
CTO-Kolumne
34 Präzision bei der Verarbeitung
von Mandeln
Keine Splitter im Müsli,
keine Kerne im Müll.
54 Das Internet der Dinge
Das Internet der Dinge eröffnet
vielfältige neue Chancen für alle
Wirtschaftszweige.
Ernährungstrend
40 Gluten, nein danke!
Gluten ist in Verruf geraten.
Die Nahrungsmittelindustrie
muss reagieren.
55 Wissenschaftliche
Publikationen
diagramm #170
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22.04.15 10:11
#170 / Editorial
Liebe Kunden
Welche Zukunft hat der Wirtschaftsstandort
Schweiz? Müssten wir angesichts des hohen Kostenniveaus und des starken Schweizer Frankens
unsere Produktion nicht möglichst rasch ins Ausland verlagern? Welche Rolle spielt Swissness überhaupt noch für Bühler?
Es gilt genau abzuwägen zwischen den
Vor- und Nachteilen, die ein Standort bietet. Und da
zeigt sich, dass die Schweiz einiges in die Waagschale werfen kann. Unser duales Ausbildungssystem etwa ist ein enormer Standortvorteil. Hochschulen und Berufsschulen bringen auf allen Ebenen
hochqualifizierte Leute hervor. Das ermöglicht uns,
gute Leute anzustellen und dieses Netzwerk für
unsere Innovation zu nutzen. Darum beneidet uns
die ganze Welt. Wir haben jetzt angefangen, dieses
Erfolgsmodell zu exportieren: nach Amerika, China
und jetzt auch Afrika (siehe Seiten 6–11). Der zweite
grosse Vorteil, den viele vergessen, ist der Arbeitsfrieden – eine Errungenschaft, die nach wie vor
wertvoll ist. Dazu gehört auch das flexible Arbeitsrecht. Es gestattet uns eine Flexibilität in der
Schweiz, die Sie nirgends sonst auf der Welt finden.
Nur so konnten wir uns innerhalb von zwei Wochen
mit unserer Belegschaft darauf einigen, ohne Ausgleich eine Stunde mehr am Tag zu arbeiten. Wir
dürfen aber auch auf eine gute Infrastruktur sowie
ei ne effiziente Verwaltung und Bankenstruktur
zugreifen. Alle diese Aspekte sind entscheidend im
internationalen Wettbewerb und stärken unser
Unternehmen.
Bühler: das ist ein globales und zugleich
ein Schweizer Unternehmen. Wir werden deshalb
wie schon in den vergangenen Jahren unsere Regionalisierung vorantreiben, etwa durch zusätzliche
Servicestationen, und gleichzeitig unseren Standort
in Uzwil – das Herz von Bühler – stärken. Dafür
haben wir die volle Rückendeckung unserer Aktionäre, der Familie Bühler. So stellen wir sicher, dass
wir überall auf der Welt Qualität und Technologie
nach Schweizer Massstäben entwickeln, herstellen
und unseren Kunden liefern können.
4
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Calvin Grieder, CEO
diagramm #170
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FOKUS
Wissen macht stark
Aus- und Weiterbildung, Schulungen und Trainingsangebote
sind für Bühler zentraler Bestandteil seines Produkt- und
Lösungsportfolios. Denn High-End-Technologien benötigen
High-End-Wissen, um ihre Vorteile auszuspielen.
Gewusst, wie!
Wie vermeide ich beim Druckgiessen Porösitäten im Bauteil und
stelle damit eine hohe Qualität sicher? Wie gewährleiste ich, dass
bei der optischen Sortierung die richtigen Teile ausgesiebt werden?
Wie erhöhe ich die Effizienz einer Mühle? Durch welche Parameter
steuere ich die Oberflächenbeschichtung optimal, um energieeffiziente Fassadengläser herzustellen? Wer glaubt, dass hochautomatisierte Prozesse und Anlagen dazu führen, dass auf menschlicher Seite weniger Know-how gebraucht wird, irrt gewaltig. Die
Maschinen und Lösungen können nur so gut sein, wie sie verstanden und beherrscht werden. Bühler hat deshalb in den vergangenen Jahren über alle Geschäftsfelder hinweg ein globales Netz von
mehr als 25 Ausbildungs- und Trainingszentren ins Leben gerufen,
um seine Kunden und Mitarbeitenden mit dem notwendigen geistigen Rüstzeug auszustatten.
AFRICAN MILLING SCHOOL ...................................... S. 6
Bühler eröffnete in Nairobi, Kenia, eine neue
Schulmühle und hilft so, eine Schlüsselindustrie
zu entwickeln.
BÜHLER TRAINING CENTER .................................... S. 12
Von London bis Johannesburg, von Brasilien bis
Bangalore: Bühler Training Center qualifizieren
Menschen vor Ort.
DIE CASTING TECHNOLOGY CENTER ........... S. 14
Mit Bühler Training effizient und qualitativ
hochwertig druckgiessen.
BAKERY INNOVATION CENTER ............................ S. 16
Bühler hilft Kunden aus der Backindustrie,
möglichst produktiv zu sein.
BÜHLER AN DER EPFL ................................................... S. 18
Am Puls der Zukunft.
INTERVIEW MIT PROF. D. FORAY ...................... S. 20
Innovation. Ein Geben und Nehmen.
INFOGRAFIK: MILLIARDEN MENSCHEN ...... S. 22
Jeden Tag kommen Milliarden Menschen
mit Bühler in Berührung.
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
AFRICAN MILLING SCHOOL
Wie Bühler Wissen schafft
Nach dreijähriger Planungs- und Bauphase eröffnet Bühler seine African
Milling School in Nairobi, Kenia. Mit dieser Müllerei Schule leistet Bühler
einen Beitrag zum Aufbau einer Schlüsselindustrie des Kontinents und
verbessert die Ausbildung seiner Müller.
Die erste Klasse an der African Milling School mit ihren Ausbildern: «Wir sind Pioniere.»
Luis war bislang ein ordentlicher Müller
– allerdings kein ausgebildeter. In den
15 Jahren, in denen er eine Anlage in
Maputo in Mozambik steuerte, wunderte
er sich des Öfteren über muffig riechendes
Getreide, das manchmal nicht mehr zu
verarbeiten war.
Seit wenigen Wochen kennt
Luis die Ursache. Und, noch besser: Er
weiss, was er dagegen unternehmen
kann. Getreide ist ein organischer Rohstoff, der atmet. Lagert es einige Wochen
im Silo, führt die Atmung zu Wärme und
Feuchtigkeit. Um das wertvolle Material
zu trocknen, warf Luis die Belüftung
an – allerdings am Tag, so dass warme
Luft das Getreide durchflutete. Warme
6
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Luft, die auf kühles Getreide trifft,
macht dieses indes noch feuchter – Beginn eines Teufelskreises.
Seit Anfang März ist Luis
Lernender an der Bühler African Milling
School in Nairobi, Kenia. Und sein Ausbilder Martin Schlauri hat ihm bereits
innerhalb der wenigen Wochen beigebracht, was bei feucht gewordenem
Getreide zu tun sei: «Du musst die Belüftung nachts anstellen», klärt der Bühler
Fachmann auf, der seit mehr als 30 Jahren im Müllereigeschäft unterwegs ist.
Die kalte Nachtluft wärmt sich beim
Durchlüften auf und kann die Feuchtigkeit des Rohstoffs aufnehmen, abführen
und so trocknen. «Martin hat mir die
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
Augen geöffnet», sagt Luis. Einfacher
konnte die Lösung nicht sein – man muss
sie nur wissen.
Wissen
Wissen ist Ressource. Wissen ist Kapital.
Wissen ist Marktmacht.
Um seine Kunden und Mitarbeitenden mit dieser Ressource bestmöglich auszustatten, ist Bühler seit je
dem Wissenstransfer verpflichtet. Für
seine Mitarbeitenden gründete Bühler
vor genau 100 Jahren eine der ersten
Berufsschulen und war so einer der
Vorreiter der dualen Berufsausbildung
(siehe S. 11). In Partnerschaft mit ande-
ren Unternehmen entstand 1955 das
Abendtechnikum St. Gallen – Vorläufer
der Ingenieurschule St. Gallen und heutigen Fachhochschule. Für seine Kunden
baute Bühler dann im Laufe der Jahrzehnte Müllereischulen rund um die
Welt, aber auch Trainingszentren für
die anderen Geschäftsbereiche (siehe
Grafik S. 12). Um etwa die Besonderheiten der Bühler Druckgiesstechnologie en détail zu vermitteln, betreibt
die Business Area Die Casting diverse
Technologiecenter (siehe auch S. 14). Die
Eröffnung der African Milling School in
Nairobi ist die konsequente Fortsetzung
dieser Erfolgsstory, in der sich Kunden-
orientierung mit gesellschaftlicher Verpflichtung und eigenem unternehmerischem Interesse paart.
Für den Aufbau der African
Milling School liegt der Ausgangspunkt
vier Jahre zurück. «Viele unserer afrikanischen Kunden wollen von uns nicht
nur die Anlagen beziehen, sondern auch
qualifiziertes Personal», erklärt Martin
Schlauri. Bis dahin erledigten vor allem
qualifizierte Expatriats die Arbeit. Um
eine gute Ausbildung zu erhalten, wurden die afrikanischen Mitarbeitenden
nach Europa zu Kurzkursen oder an die
Schweizerische Müllereifachschule in
St. Gallen geschickt. Doch das konnte
Wirtschaft in Afrika wächst
Wenn Afrika stärker in die weltweite
Produktion von Waren und Dienstleistungen eingebunden wird, kann der
Kontinent seinen wirtschaftlichen
Wandel fördern und sich sprunghaft
weiterentwickeln. Zu diesem Ergebnis
kam der an der Jahresversammlung
der African Development Bank Group
herausgegebene jüngste African Economic Outlook. Für das Jahr 2015 geht
der Bericht von einem Wirtschaftswachstum des Kontinents von 5–6 Prozent aus – ein Wert, den Afrika seit der
Weltwirtschaftskrise von 2009 nicht
mehr erreicht hat. Das afrikanische
Wirtschaftswachstum, so der Bericht,
ist breit aufgestellt und wird von der
Nachfrage auf dem Kontinent selbst,
von Infrastrukturprojekten und dem
verstärkten kontinentalen Handel mit
Industrieerzeugnissen angetrieben.
«Für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum, das Chancen für alle
schafft, sollten die Länder Afrikas weiterhin für Konjunkturpuffer und ein
kluges Gesamtmanagement sorgen»,
so Mthuli Ncube, Chefökonom und
Vizepräsident der African Development
Bank.
Kreisfarbe: Wachstum des BIP 2014
1%
8%
Kreisgrösse: BIP 2013 (US-Dollar PPP)
Quelle: African Economic Outlook
Diesem Bericht zufolge könnte die
wirksamere Einbindung in die regionalen und globalen Wertschöpfungsketten – alle Produktionsphasen, die
ein Produkt in verschiedenen Ländern
vom Entwurf bis zum Kunden durchläuft – für Afrika ein Sprungbrett zur
wirtschaftlichen Diversifizierung, zur
Mobilisierung eigener Ressourcen und
zu Investitionen in kritische Infrastrukturprojekte sein. Um dieses Ziel zu
erreichen, darf der Kontinent jedoch
nicht auf den unteren Stufen der Wertschöpfungskette stehen bleiben.
«Afrikanische Volkswirtschaften
haben ein grosses Potenzial: ihre dynamische demografische Entwicklung,
eine rasch fortschreitende Urbanisie-
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rung und ihre Bodenschätze. Für viele
dieser Länder besteht die aktuelle
Herausforderung darin, sich intensiver
an der weltweiten Wertschöpfung zu
beteiligen und so einen Nutzen für
ihre Bürger zu erzielen», sagte Mario
Pezzini, der Leiter des OECD-Entwicklungszentrums. Der African Economic
Outlook zeigt, dass bereits bemerkenswerte Fortschritte erreicht wurden: Es gibt weniger Armut, höhere
Einkommen und einen verbesserten
Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Damit das Wirtschaftswachstum die Lebenssituation aller
Menschen verbessern kann, braucht
es gute Ausbildung und eine umweltfreundliche, nachhaltige Entwicklung.
Auch für die Armen am Rand der
Gesellschaft – oftmals Frauen – muss
es einen Platz in der Wertschöpfungskette geben. Gezielte politische Massnahmen und auf Inklusion gerichtete
Geschäftsmodelle sollten daher den
Zugang zu Produktionsmitteln wie
Land und Kredite erleichtern, die Produktivität steigern und die kleinen
Produzenten stärken.
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
MARTIN SCHLAURI,
GESCHÄFTSFÜHRER DER
AFRICAN MILLING SCHOOL BÜHLER
EAST AFRICA, NAIROBI, KENIA
Martin Schlauri kam 1980, nach seiner
Ausbildung zum Mühlentechniker, zu
Bühler. Dort arbeitete er zunächst in
den Bereichen Prozessentwicklung und
Anlageninbetriebnahme. Danach war er
in verschiedenen Ländern in verantwortlicher Position für die Getreidemüllerei tätig. Als Geschäftsführer der
Abteilung Flour Milling von Bühler in
Mailand erwarb er umfassende Kenntnis des italienischen Markts.
Anschliessend übernahm Martin
Schlauri die Leitung des Ausbildungszentrums für Getreidemüllerei am
Hauptsitz in der Schweiz, das Müller
aus der ganzen Welt ausbildet. Von
2000 bis 2014 leitete Martin Schlauri
das weltweite Grain-Milling-Geschäft
bei Bühler. Als Geschäftsführer der
African Milling School unterrichtet
Martin Schlauri die Auszubildenden
dort auch in Technologie und Qualitätskontrolle.
sich nur eine Minderheit leisten. Allen
Beteiligten war deshalb klar, dass dies
keine nachhaltige Vorgehensweise ist,
wenn sich das Müllereigewerbe in Afrika
weiter entwickeln sollte. Und es soll. So
entstand die Idee, mit einer eigenen
Berufsschule dem wachsenden Bedarf
nach gut ausgebildeten Müllern nachzukommen. 2011 entstand das Konzept
und der Investitionsantrag an die Konzernleitung von rund CHF 4 Mio. «In
meinem Umfeld gab es damals sehr viel
Skepsis gegenüber dieser Entscheidung.
Doch ich spürte, dass der Zeitpunkt
gekommen war, diesen Schritt zu
machen», berichtet Bühler CEO Calvin
Grieder.
Gesagt, getan: Jetzt ist sie in Betrieb, die
African Milling School. Die ersten 27
Lernenden aus 9 afrikanischen Ländern
– von Ägypten über Nigeria bis hin nach
Mozambik und natürlich Kenia – haben
auf den Schulbänken Platz genommen;
davon 26 Männer und 1 Frau, Shidi
Huzeinat, die 25 Jahre alt ist und seit
vier Jahren bei Flour Mills of Nigeria in
Lagos arbeitet. Die Auszubildenden sind
alle keine Youngsters, sondern gestandene Müller, die sich on the job bereits
viel Wissen angeeignet haben. Jetzt
wurden sie von ihren Unternehmen, zu
denen die weltgrössten Mühlen gehören,
in eine zweijährige Lehre geschickt, um
sich von der Pike auf das notwendige
Rüstzeug anzueignen: Wie lagere ich
Getreide richtig? Wie steuere ich optimal den Vermahlungsprozess? Was sind
die wichtigsten Qualitätskriterien für
das Mehl, wie messe ich sie und stelle
die Prozesse darauf ein? Dieses Wissen
macht einen guten Müller aus. Er ent-
Die neue Müllerei Schule ist erst der Anfang.
Schulen mit Tradition
1915
Bühler gründet eine
der ersten Berufs-,
schulen in Uzwil
8
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1955
Bühler gründet, zusammen mit Wild, Heerbrugg,
und Saurer, Arbon das Abendtechnikum St. Gallen
(dann Ingenieurschule SG, heute FHS St. Gallen)
1957
Gründung der Müllerei Berufsschule (mit 4 verschiedenen
Abteilungen) in St. Gallen
1979
Gründung der Schule
für Futtermitteltechnik
in St. Margrethen
1985
Bau des Ausbildungszentrums mit
Schulmühle in Uzwil
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
Die Schulmühle ist hochmodern ausgestattet.
«Viele unserer afrikanischen Kunden
wollen von uns nicht
nur die Anlagen
beziehen, sondern
auch qualifiziertes
Personal.»
Martin Schlauri
2005
Bau des Ausbildungszentrums
mit Schulmühle in China
scheidet darüber, ob seine Mühle gut
oder schlecht läuft und ob sein Eigentümer Geld verliert oder verdient. Auch
eine hohe Automatisierung der Prozesse
ersetzt dieses menschliche Wissen nicht.
Ein Beispiel. Der Mahlprozess trennt die Kleie vom Mehl. Läuft der
Prozess schlecht und sind die Walzen
abgenutzt, verringert sich die Mehlausbeute der Mühle. «Das kann dann bis zu
2 Prozent der Ausbeute ausmachen»,
weiss Martin Schlauri. Bei einer Mühle,
die täglich bis zu 1’000 Tonnen Getreide
vermahlt, heisst 2 Prozent weniger Ausbeute im Klartext 20 Tonnen weniger
2010
Bau und Eröffnung eines
Ausbildungszentrums
in Johannesburg und Bangalore
2012
Eröffnung der Lehrwerkstatt
und einer Lehre im dualen System
in Minneapolis und Bangalore
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Mehl – pro Tag. Das entspricht einem
vollgeladenen LKW. Doch nicht nur die
Ausbeute sinkt – gleichzeitig steigt der
Energieverbrauch um bis zu 15 Prozent,
wenn die Riffel der Walzen nicht mehr
scharf sind. Allein dieses Beispiel belegt
die Bedeutung einer fachgerechten
Bedienung der Anlage – «wobei das nur
einen Teil der Fachthematik darstellt»,
wie Bühler Experte Schlauri betont.
Hygiene und Sicherheit steht auf dem
Lehrplan ebenfalls ganz oben.
Kein Wunder, dass die Ankündigung der Schulgründung in der
afrikanischen Mühlenindustrie auf ein
2015
Eröffnung einer Müllereischule
in Nairobi
9
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
Auszubildende bei der praktischen Arbeit.
«Das ist ein Meilenstein
für den ganzen Kontinent.»
Peter Kradolfer
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grosses Echo stiess, die wenigen Plätze
rasch ausgebucht waren und die jetzige
Eröffnung vor über 100 Gästen auf ein
begeistertes Publikum stiess. Kamaldeep
S. Phull – ein langjähriger kenianischer
Kunde, der vor Jahren sein Handwerk in
der Schweizerischen Müllereifachschule
in St. Gallen lernte –, betont: «Wir brauchen in Afrika dringend qualifizierte
Fachleute. Es ist absolut fantastisch,
dass wir nun unsere jungen Leute in die
Bühler Schule vor Ort schicken können.» Und nicht nur das: die Müllereischule ist mit den modernsten Maschinen ausgerüstet, etwa einer optischen
Sortierung, die in den meisten Mühlen
des afrikanischen Kontinents noch
unbekannt ist. Peter Kradolfer, Betriebsleiter der Flour Mills of Nigeria, urteilt
denn auch: «Das ist ein Meilenstein für
den ganzen Kontinent.» Dass die Ler-
nenden voller Stolz sind, versteht sich
fast von selbst: «Wir sind die Pioniere!
Es ist für mich eine grosse Ehre, dabei
sein zu dürfen», freut sich etwa Luis
Mulanga aus Mozambik.
Die Eröffnung der Müllereischule kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Wirtschaft in Afrika wächst.
Das zeigt der «African Economic Outlook», ein Wirtschaftsbericht, den die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
gemeinsam mit der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) und dem UNEntwicklungsprogramm (UNDP) herausgibt. Das Wachstum soll um die
5 Prozent betragen – deutlich stärker als
die Weltwirtschaft. Vor ein paar Jahren sei von Afrika noch als einem «hoffnungslosen Kontinent» gesprochen
worden, sagt AfDB-Wirtschaftsexperte
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Anthony Musonda Simpasa. «Heute ist
Afrika ein zukunftsträchtiger Ort, ein
Kontinent voller Hoffnung, und wir
gehen davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren
anhält.» Vor allem die Länder südlich
der Sahara boomen. Dort erwarten die
Experten eine Wachstumsrate von bis zu
7 Prozent.
Mit dem Wachstum und dem
Entstehen einer neuen Mittelschicht
verändern sich auch die Essgewohnheiten in den Ländern. Die neuen Konsumenten verlangen nach höherer Vielfalt,
Fertiggerichten und Pasta. All das treibt
die Getreideindustrie Afrikas weiter an.
Allein die Menge des verarbeiteten Weizens und Maises wuchs von 2010 bis
heute um 6 Prozent auf 90 Millionen
Tonnen pro Jahr mit steigender Tendenz. Klar ist, dass dies den Bedarf nach
modernen Anlagen und Fachpersonal
ebenfalls erhöht.
Damit ist auch klar, dass die
Eröffnung von der African Milling
School nur den Anfang markiert. Schon
jetzt drängeln sich die Bewerber für die
Kurse im kommenden Jahr. Darüber
hinaus sind weiterführende Lehrgänge
zum Obermüller und auch spezielle
Kurzseminare für Geschäftsführer in
der Vorbereitung: «Wenn die Geschäftsführer nicht mit dem Prozess vom Korn
zum Mehl vertraut sind und den letzten
Stand der Technik nicht kennen, verpassen sie oft Chancen und können vom
Marktwachstum nicht profitieren»,
weiss Martin Schlauri aus Erfahrung.
Chancen verpassen will hier
niemand – dafür mit dem richtigen Wissen voll durchstarten.
Infos zur African Milling School:
www.africanmillingschool.com
BEST PEOPLE: 100 JAHRE DUALE BERUFSAUSBILDUNG BEI BÜHLER
Die Lehrwerkstatt in Uzwil im Jahre 1955.
Die Berufsbildung hat bei Bühler einen hohen Stellenwert und seit 100 Jahren Tradition. Bühler bildet weltweit jährlich knapp 600 Auszubildende
aus: in der Schweiz, Deutschland, China, den USA
und Indien. «Wir haben das Erfolgsmodell der Dualen Berufsausbildung inzwischen in viele Länder
exportiert», sagt Christof Oswald, Personalchef bei
Bühler. Und das nicht nur für die eigenen Mitarbeitenden, wie das Beispiel der jüngsten Müllerei
Schule in Kenia zeigt. Neben der Chance, einen Teil
der Lehre im Ausland zu absolvieren, erwarten die
Lernenden spannende Projektarbeiten und die
Aussicht auf eine vielversprechende Karriere.
Jedes Jahr schliessen rund 80 Lernende ihre
Lehre ab und das in zwölf Berufen. In diesem Jahr
feiert die Bühler Berufsbildung 100-jähriges Jubiläum. Als einer der ersten Lehrbetriebe der
Schweiz bietet Bühler seit damals Ausbildungen
an. Über 7’500 Lehrabgänger haben seither den
Abschluss geschafft. Rund zwei Drittel starten ihre
berufliche Karriere direkt bei Bühler und sind
bereit, dies auch im Ausland zu tun. Die Lernenden
machen sich in der Lehrzeit vertraut mit der Bühler
Firmenkultur sowie den Arbeitsprozessen, Produkten, Kunden und Märkten. «Am Ende der Lehrzeit
sind sie gefragte Fachleute», sagt Leiter Berufsbildung, Andreas Bischof.
Neben den fachlichen Qualifikationen stehen
die menschlichen Komponenten bei der Auswahl
der Lernenden an erster Stelle. «Für uns zählt die
Persönlichkeit. Wir gehen mit den Lernenden während der Lehre eine Partnerschaft ein.
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»Wir brauchen in
Afrika dringend
qualifizierte Fachleute. Es ist absolut
phantastisch, dass
Im Gegenzug zum persönlichen Einsatz bieten wir
wir nun unsere junden Lernenden attraktive Entwicklungsmöglichgen
inbestqualifizierdie
keiten und haben
zumLeute
Ziel, sie zu
ten Mitarbeitenden
auszubilden. Damitvor
stehen
Bühler-Schule
ihnen innerhalb und ausserhalb von Bühler alle
Ort schicken
Türen für eine erfolgreiche Zukunft offen», so
können»
Andreas Bischof.
Im letzten Lehrjahr erhalten
besonders motivierte und talentierte Lernende bei
Bühler die Möglichkeit, einen Teil ihrer Lehre im
Ausland zu absolvieren. 2015 wird dieser Traum
für 23 Lernende wahr. Für mehrere Monate
arbeiten und leben sie in Amerika, China, Indien,
Südafrika oder europäischen Ländern. Andreas
Bischof: «Während der Einsätze setzen die Lernenden das Gelernte in die Praxis um. Sie haben die
Chance, in die Kultur und Arbeitsweise der Kollegen im Ausland einzutauchen und an Berufs- und
Lebenserfahrung zu gewinnen.» Das einzigartige
Ausbildungskonzept von Bühler wurde bereits
mehrfach international ausgezeichnet.
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BÜHLER TRAINING CENTER
Lernen – nah und fern
Weltweit betreibt Bühler für seine Kunden Ausbildungs- und
Trainingscenter, um den aktuellsten Wissensstand zu vermitteln.
Infos zu den Kursen
www.buhlergroup.com/ausbildung-kurse
USA
Deutschland
Bühler Food Innovation Center Minneapolis
Minnesota
Business Area: Grain Milling
Anwendungslabor Kakao und Nüsse Freiberg
Business Area: Consumer Foods
Bühler Technology Center Holland
Michigan
Business Area: Die Casting
Bühler Training Center Mannhattan
Kansas
Business Area: Grain Milling
Bühler Training Center Raleigh
North Carolina
Business Area: Value Nutrition
Bühler Ausbildungszentrum Alzenau
Business Area: Leybold Optics
Bühler Ausbildungszentrum Beilngries
Business Area: Grain Logistics
Bühler Ausbildungszentrum Bergneustadt
Business Area: Consumer Foods
Bühler Ausbildungszentrum Viernheim
Business Area: Die Casting,
Grinding & Dispersion
Regional Application, Development
and Education Center Mahwah
New Jersey
Business Area: Grinding & Dispersion
SORTEX-Training Center Stockton
Stockton
Business Area: Sortex & Rice
12
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23.04.15 18:41
WISSEN MACHT STARK / Fokus
Uzwil, Schweiz
Bakery Innovation Center
Business Area: Grain Milling
Grain Milling Training Center
Business Area: Grain Milling
Grain Technology Center
Business Area: Grain Milling
Übrige Welt
Innovation Center
Business Area: Consumer Foods, Die Casting,
Grinding & Dispersion, Value Nutrition
African Milling School (AMS)
Nairobi, Kenia
Business Area: Grain Milling
Automation Training Center Joinville
Joinville, Brasilien
Business Area: Grain Milling, Feed Milling
Bühler Training Center Johannesburg
Johannesburg, Südafrika
Business Area: Grain Milling
SORTEX Training Center London
London, Grossbritanien
Business Area: Sortex & Rice
Asien
Bühler Application Center Bangalore, Indien
Business Area: Grain Milling,
Die Casting
Bühler Indonesia Application Center
Business Area: Grain Milling, Consumer Foods
Bühler Training Center Wuxi, China
Business Area: Grain Milling
Bühler School Mill Wuxi, China
Business Area: Grain Milling
Regional Application, Development and
Education Center Wuxi, China
Business Area: Grinding & Dispersion
Bühler Technology Center Wuxi, China
Business Area: Grain Milling, Value Nutrition,
Die Casting
Regional Application, Development and
Education Center, Yokohama, Japan
Business Area: Grinding & Dispersion
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Bühler Training Center Beijing, China
Business Area: Leybold Optics, Value Nutrition
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
DIE CASTING TECHNOLOGY CENTER
Übung macht den Meister
Je anspruchsvoller eine Technologie oder ein Prozess, desto
wichtiger ist auch die Ausbildung. Deshalb hat Bühler ein
weltumspannendes Netz an Trainingscentern aufgebaut, um
seine Kunden etwa im Bereich des Druckgusses zu schulen.
Im Technology Center in Uzwil vermitteln Spezialisten den Kunden umfassende Kenntnisse über Druckgiessprozesse.
Die Anforderungen im Druckguss bewegen sich im industriellen Extrembereich:
innerhalb weniger Millisekunden baut
die Maschine einen Druck von bis zu
1200 bar auf und schiesst bei grösseren
Bauteilen 60 Kilogramm 700 Grad heissen Aluminiums in die Form. Entsprechend anspruchsvoll ist der Prozess,
angefangen vom Design der Werkzeugformen über das Einbringen des Metalls
bis hin zur Kühlung und Bearbeitung des
Bauteils. «Um mit hoher Effizienz durchgängig hohe Qualität sicherzustellen,
braucht es in diesem rauen Prozess viel
Fingerspitzengefühl und Erfahrung»,
weiss Marius Freitag, Leiter des Technology Center Druckguss in Uzwil.
Befindet sich etwa beim Einschiessen noch zu viel Luft in der Form,
kann dies zu Schwachstellen im Bauteil
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führen. Oder das flüssige Aluminium
erstarrt nicht voll kontrolliert, so dass
beim Abkühlen sogenannte Erstarrungslunker entstehen. Um genau das zu vermeiden, hat Bühler für seine Kunden
vornehmlich aus der Automobilindustrie
ein umfangreiches Trainingsangebot
entwickelt, das sämtliche Aspekte des
Druckgusses abdeckt:
– Technologie
Im Vordergrund stehen die Grundlagen
der Metallurgie, Strömungstechnik, Prozessoptimierung und -überwachung
oder das Erkennen und Beheben von
Gussfehlern.
– Bedienung
Wie ist eine Bühler Druckgiessmaschine
aufgebaut, wie ist ihre Funktionsweise,
wie richte ich die verschiedenen Maschinentypen ein, programmiere diese und
binde Peripheriegeräte wie Roboter ein?
– Wartung und Instandhaltung
Die Schwerpunkte bilden in diesem Bereich Hydraulik und Elektronik der Bühler Maschinen, um Störungen frühzeitig
zu erkennen und zu beheben – oder
durch präventive Wartungsstrategien
gar nicht erst entstehen zu lassen.
Entsprechend der Vielfalt der Themen
richtet sich das Trainingsangebot an
alle, die mit Druckguss in Berührung
kommen: Bediener, Einrichter, Wartungsexperten – und das Management.
Denn es geht neben der Qualität der Bauteile auch um die Effizienz der Abläufe
und damit um die Stellschrauben, mit
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
Technology Center China: An der Ecoline werden neue Formen bemustert und optimiert.
«Nach Europa, den
USA und Indien
steht das neueste
Schulungscenter in
Wuxi, China.»
George Li
Blick ins Druckguss Technology Center.
denen sich Kosten einsparen lassen. Eine
davon betrifft die Zykluszeiten – je
schneller wieder in die Form geschossen
werden kann, je kürzer die Abläufe,
desto schneller der Return on Investment der Maschine. So muss die Form
zwischen jedem Zyklus mit Trennmittel
besprüht werden, damit das abkühlende
Aluminium nicht haften bleibt. Dieser
Vorgang allein benötigt rund 30 Prozent
eines Durchgangs. Lässt sich dieser optimieren, ist das bares Geld wert.
Mittlerweile bietet Bühler die
Druckguss-Trainings global an. Das
Angebot reicht von Kursen zur Qualitäts- und Prozessoptimierung bis hin zur
Giessereiberatung und Fabrikplanung.
Vor dem Hintergrund steigender Stromund Gaspreise wird auch die Energieberatung immer wichtiger. Zudem hält
Bühler auch bei Kunden Schulungen ab.
Nach Europa, den USA und Indien steht
das neueste Schulungscenter in Wuxi,
China. Anfang 2015 liefen dort die ersten
Kurse an. Der Leiter und langjährige
Bühler Service-Techniker George Li hat
ein lokales Team aufgebaut, das nicht
nur die Maschinen, sondern auch den
chinesischen Markt kennt. «Die ersten
Teilnehmer sind begeistert», berichtet
Li. Bühler ist jetzt nah beim Kunden, und
während das Betriebs- und Wartungspersonal auf Schulung ist, läuft die Produktion weiter.
Alle Schulungsleiter sind
erfahrene Fachleute und sprechen Chinesisch. An der Ecoline, der EinsteigerDruckgiessmaschine, die auch in Wuxi
produziert wird, können neue Formen
bemustert werden, das heisst, erste Teile
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gegossen, geprüft und optimiert werden. Demnächst soll noch eine CaratMaschine hinzu kommen.
Auch die wichtigsten Peripheriegeräte sind im Tech Center vorhanden: Schöpfgeräte, Entnahmeroboter
oder Sprühgeräte. Schliesslich geht es
nicht nur um den Druckguss, sondern
auch um die vor- und nachgelagerten
Prozesse. Genau das ist eine Besonderheit der Ausbildungszentren von Bühler:
alle zielen darauf ab, dass der Kunde
möglichst gut und günstig produzieren
kann. Dazu muss man die Prozesse der
gesamten Wertschöpfungskette kennen.
Bühler gibt das entsprechende Wissen
gerne an die Kunden weiter.
Weitere Informationen
erhalten Sie bei:
Marius Freitag
Teamleader Application Technology
Bühler Uzwil
+41 71 955 17 82
[email protected]
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
Im Bakery Innovation Center werden Kunden von Bühler umfassend in der industriellen Backwarenherstellung geschult.
BAKERY INNOVATION CENTER
Kompetenz vom Korn zum Brot
Seit 2011 bildet Bühler seine Kunden in einem dedizierten Schulungszentrum
in Uzwil umfassend in der industriellen Backwarenherstellung aus. Die Kurse zur
Lebensmittelsicherheit werden auch von Behördenvertretern genutzt.
Obwohl seit Jahrtausenden bekannt,
bleibt die Verarbeitung von Mehl noch
immer anspruchsvoll. «Getreide ist ein
lebendiger organischer Rohstoff», sagt
Dr. Markus Schirmer, Leiter des Bakery
Innovation Center von Bühler in Uzwil,
Schweiz. Weil kein Korn dem anderen
gleicht, weichen auch die Mehlchargen
voneinander ab. Kleine Bäckereien können gut damit leben, der Bäcker gleicht
die Unterschiede des Rohmaterials mit
seiner Erfahrung aus. Doch Grossbetriebe, die hochautomatisierte und standardisierte Lösungen benötigen, stellt
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diese Variabilität vor grosse Herausforderungen.
Um seinen Kunden das notwendige Rüstzeug für solche komplexen
Aufgabenstellungen zu vermitteln, hat
Bühler bereits 2011 am Konzernsitz in
Uzwil das Bakery Innovation Center
(BIC) gegründet. Mit grossem Erfolg.
Das Angebot wird ständig ausgebaut und
reicht von der industriellen Backwarenherstellung über Laboranalysen für
Mehl und Brotqualität bis zu Kosteneinsparungen durch Optimierung der
Mehlqualität. Im vergangenen Jahr wur-
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
«Mit 5 bis 10 Kunden
pro Woche sind wir
fast immer ausgebucht.»
Markus Schirmer
Auch verschiedene Laboranalysen können effizient durchgeführt werden.
den die Trainingsinhalte des BIC neu
ausgerichtet mit dem Ziel, Mahlen und
Backen als Einheit zu verstehen. Denn,
so BIC-Leiter Dr. Markus Schirmer:
«Gut backen heisst gut mahlen.»
Vor allem der Trend zum
Backen ohne Zusatzstoffe rückt den
Mahlprozess noch stärker in den Vordergrund, so Schirmer, der selbst Bäckermeister und promovierter Ingenieur ist.
Was bislang Additive im Backprozess
geregelt haben, muss jetzt die Beschaffenheit des Mehls besorgen. Ein Beispiel: Durch den Walzendruck lässt sich
die Modifikation der Stärke anpassen.
Dadurch kann etwa die Wasseraufnahme des Mehls beeinflusst werden,
was sich wiederum auf die Frische des
Brots auswirkt: je feuchter das Brot,
desto länger bleibt es frisch.
Neben den zusatzfreien Broten gibt es in Westeuropa einen Trend zu
Kleinmargen für Singles. Bei kleinen
Broten sind Aroma und Haltbarkeit
schlechter. Hier können Vor- und Sauerteige Abhilfe schaffen. Sie enthalten
mehr Wasser, bilden natürliche Aromen
und fördern die Frischhaltung. Das Problem sind jedoch Qualitätsschwankungen. Sie lassen sich nur mit genauen Analysen, ausreichend Fachwissen oder
automatisierten Prozessen vermeiden.
Ein weiteres wichtiges Thema
im BIC ist die Hygiene. «Die kleinen
Bäcker werden oft zu schnell gross», sagt
Schirmer. Dann hinken die Strukturen
bei der Qualitätssicherung, bei der Hygiene und der Rückverfolgbarkeit hinterher. An den Kursen zur Lebensmittelsicherheit nehmen nicht nur Experten aus
der Lebensmittelindustrie teil, sondern
auch Behördenmitarbeiter.
Angesichts der komplexen
Materie wundert es nicht, dass das
Bühler Trainingscenter sich grosser
Beliebtheit erfreut. «Mit fünf bis zehn
Kunden pro Woche sind wir fast immer
ausgebucht», so Schirmer. Und nicht nur
in Uzwil läuft die Wissensvermittlung
auf vollen Touren. Auch in Südafrika,
China und Indien sind die Ausbildungszentren gut besucht. Um noch näher am
Kunden zu sein, werden Kurse auch in
externen Schulen oder direkt bei Firmen
angeboten.
Das erspart Kunden nicht nur
Reisekosten. Die Präsenz im lokalen
Markt stellt auch sicher, dass man ihn
versteht und regionalspezifisches Knowhow vermittelt. In Europa etwa sind die
Trends eher kundengetrieben, in Afrika
oder Südamerika oft staatlich vorgegeben. «Ecuador etwa forderte die Beimischung von Bananenmehl zum Weizenbrot, um unabhängiger von Importen zu
werden.» Bühler liefert nicht nur Technologie, um solche Vorgaben zu erfüllen,
sondern hilft Kunden dabei, möglichst
produktiv zu sein.
Infos zum Bakery Innovation
Center finden Sie bei:
Dr. Markus Schirmer
Head of Bakery Innovation Center
+41 71 955 37 38
[email protected]
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Der Mahlprozess hat einen unmittelbaren
Einfluss auf die Qualität von Backwaren.
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
Ein Leben im Dienste der Innovation: Peter Böhni ist Head Corporate Technology Value Nutrition von Bühler
und jetzt auch Managing Director des Innovationssatelliten der Gruppe an der EPFL.
BÜHLER UND EPFL GEMEINSAM FÜR MEHR INNOVATION
Am Puls der Zukunft
Aus Forschungsresultaten durchdachte Geschäftsmodelle entwickeln und als neue
Produkte erfolgreich am Markt einführen: das ist die Spezialität von Peter Böhni.
Jetzt übernimmt der versierte Wissenschaftler mit Industrieerfahrung die Leitung
des Bühler Innovationssatelliten an der EPFL in Lausanne.
FOTOS VON THOMAS SCHUPPISSER
«Etwas nicht zu wissen oder zu verstehen, mobilisiert in mir unglaubliche
Energie und einen unstillbaren Wissensdurst», beschreibt Peter Böhni, was ihn
bei der täglichen Arbeit antreibt. Seit
neun Jahren ist der an renommierten
Hochschulen wie der University of California in Berkeley ausgebildete Wissenschaftler schon bei Bühler tätig. Der
kommunikative Problemlöser ist aber
nicht nur eine Koryphäe auf dem Gebiet
der Forschung, sondern er verfügt auch
über eine umfassende Erfahrung in der
Entwicklung von tragfähigen Geschäfts-
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modellen in der Lebensmittelindustrie.
Unter seiner Leitung konnte Bühler
bereits verschiedene neue Prozesse oder
Technologien entwickeln, in die industrielle Reife überführen und erfolgreich
auf den Markt bringen – etwa die Gewinnung von Leuron aus den Aleuronzellen
von Weizen oder die Herstellung von mit
Mikronährstoffen angereichertem Reis.
Gesucht werden marktfähige Lösungen
Ein Vierteljahrhundert nachdem er als
Wissenschaftler Karriere gemacht hat,
kehrt Böhni jetzt in die akademische
Welt zurück: Als Direktor des Innovationssatelliten von Bühler an der EPFL
in Lausanne besetzt er künftig eine
Schlüsselposition, denn die Zusammenarbeit mit führenden Hochschulpartnern bildet einen zentralen Eckpfeiler
des «Collaborative Innovation»-Ansatzes der Gruppe. In seiner neuen Funktion begibt sich Böhni auf die Suche nach
vielversprechenden Forschungsprojekten und Jungunternehmen aus dem
Umfeld der Hochschule: «Jedes Projekt,
in das Bühler an der EPFL investiert,
muss innerhalb weniger Jahre erfolg-
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WISSEN MACHT STARK / Fokus
reich im Markt umgesetzt werden können oder unserer Gruppe zu einer Spitzenposition bei einer neuen Technologie
verhelfen», beschreibt er die ambitiösen
Ziele der Zusammenarbeit. Anders als
bei der Grundlagenforschung steht die
Entwicklung von marktfähigen Lösungen im Zentrum.
«Meine Vision
bleibt nach wie vor:
mindestens 1 Mio.
Menschen das
Leben zu retten.»
Peter Böhni
WISSENSCHAFTLER
MIT INDUSTRIEERFAHRUNG
Peter Böhni hat an der ETH Zürich studiert und am Biozentrum der Universität Basel doktoriert. Weitere Stationen
seiner akademischen Karriere waren
die University of California in Berkeley
sowie die State University of New York.
Danach war er 16 Jahre lang Geschäftsleitungsmitglied der HOCHDORFGruppe, bevor er 2006 als Leiter der
Business Unit Nutrition Solution zu
Bühler stiess.
Vielversprechende Projekte identifiziert
Bereits in den ersten Wochen konnte er
erste Kontakte knüpfen und vielversprechende Forschungsprojekte identifizieren. Als Beispiel nennt er die Sichtbarmachung von mikroskopisch kleinen
Organismen wie Bakterien oder Pilzen
mit der Hilfe von neuen biochemischen
Technologien. «Wenn man auf einer
Lebensmittelproduktionslinie mit derartigen Verfahren die Kontaminationen
sichtbar machen könnte, liesse sich die
Anlage viel zielgerichteter und effizienter reinigen und so die Lebensmittelsicherheit erhöhen», blickt Böhni voraus.
Für den Teamplayer Böhni
verfügt die Zusammenarbeit über ein
gewaltiges Potenzial, um die Herausfor-
derungen der Zukunft zu bewältigen.
Und diese sind gross: Von 2010 bis 2060
wird eine wachsende Weltbevölkerung
genau so viele Lebensmittel benötigen,
wie auf der Erde zwischen 1500 und 2010
verzehrt wurden. Der industrielle Einsatz von an der EPFL entwickelten Technologien kann dazu einen Beitrag leisten.
«Die Zukunft liegt in offenen Innovationsprozessen», ist Böhni überzeugt.
Als Mann von Bühler in Lausanne wird
er alles tun, um die richtigen Akteure
miteinander zu vernetzen.
EINE FÜHRENDE TECHNISCHE HOCHSCHULE
Die EPFL (École polytechnique fédérale de Lausanne) ist der Studien- und Arbeitsort von über
13’400 Personen aus 125 Ländern. Die über dem
Genfersee gelegene Hochschule gilt als Geburtsstätte von wegweisenden Erfindungen wie der
modernen Computermaus. Hier wurden aber auch
das schnellste Segelboot der Welt oder das Solarflugzeug Solar Impulse von Bertrand Picard entwickelt. Die Westschweizer Universität ist zudem im
Human Brain Project der Europäischen Union involviert. Im Rahmen dieses ambitiösen Forschungsprojekts sollen neue Erkenntnisse über das menschliche Hirn gewonnen werden.
DAS MACHT BÜHLER AM EPFL
Austausch mit Wissenschaftlern und Start-ups
Identifizierung von Projekten mit dem Potenzial,
innerhalb von 5 bis 10 Jahren neue Geschäftsmodelle oder Lösungen zu generieren
Gemeinschaftliche Innovationsprojekte mit
Kunden entlang der gesamten LebensmittelWertschöpfungskette
Die EPFL in Lausanne ist eine der renommiertesten technischen Hochschulen.
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WISSEN MACHT STARK / Interview
Wissen – Geben und Nehmen
Dominique Foray hat seit dem Jahr 2004 einen Lehrstuhl für
Innovationsökonomie und -management an der EPFL in Lausanne.
diagramm sprach mit ihm – über Voraussetzungen für erfolgreiches Wissensmanagement und Innovation in Unternehmen.
INTERVIEW MIT PROF. DOMINIQUE FORAY
Prof. Dominique Foray erforscht, wie Wissen entsteht und verbreitet wird.
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WISSEN MACHT STARK / Interview
diagramm: Ihr Fachgebiet ist die
Innovation. Welche Innovation hat Sie in
letzter Zeit überrascht oder begeistert?
Dominique Foray: Wikipedia. Das meine
ich als Metapher für alle neuen Modelle,
das Wissen der Welt zu sammeln und für
alle Menschen kostenlos anzubieten.
Jeder Nutzer trägt dazu bei, den Inhalt
zu erzeugen und die Qualität zu kontrollieren. Ganz nebenbei hat Wikipedia ein
ganzes Geschäftsmodell vernichtet. Mit
Enzyklopädien wird heute kaum noch
Geld verdient. Diese sind mit Wikipedia
zu einer sozialen Institution geworden.
Und auch zu einer demokratischen: Jeder
entscheidet, welches Wissen in die Enzyklopädie aufgenommen wird und in welcher Form es vermittelt wird.
Was ist denn das Innovativste, was Sie
selbst bisher geschaffen haben?
Ich selber betrachte mich eher als kreativ; was ich auf privater Ebene realisiere.
Auf Englisch nennt man das «common
innovation».
Was empfehlen Sie Unternehmen für
ihre Innovationspraxis?
Unternehmen sollten sich in einem
lebendigen Umfeld verorten. Sie sollten Teil der Community sein, die sie
umgibt. Sie sollten sich vernetzen,
zum Beispiel mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Verbänden,
und diese Beziehungen pflegen. Das
Wissen liegt sozusagen in der Luft. Sie
sollten sich vor allem auch überlegen,
was sie selbst für die Menschen und
Institutionen in ihrem Umfeld tun
können. Sie sollten sich darüber im
Klaren sein, welche «collective goods»,
also Leistungen für die Gemeinschaft,
sie anbieten können. Das ist ein Geben
und Nehmen. Viele internationale
Konzerne in der Schweiz weigern sich,
so zu handeln. Das ist schlecht.
Haben kleine oder sehr grosse Unternehmens aus Ihrer Sicht die besseren
Voraussetzungen, um innovativ zu sein?
Kleine und sehr grosse Unternehmen
sind auf unterschiedliche Art und
Weise innovativ. Die kleinen sind flexibel, undogmatisch, unbürokratisch
und häufig hochgradig motiviert. Das
sind gute Voraussetzungen für Innova-
tionen. Aber sie haben häufig nicht den
langen Atem, um ein mögliches Scheitern auszuhalten. Dieses Risiko ist halt
immer mit Innovation verbunden. Das
können grosse Unternehmen weitaus
besser schaffen. Vor allem können sie
eine Innovation besser im Markt
durchsetzen. Es gibt gute Modelle, wie
kleine und grosse Unternehmen bei
Innovationen sinnvoll kooperieren.
Wie definieren Sie eigentlich
Innovation? Folgen Sie der
klassischen Schumpeter-Theorie?
Innovation heisst erstens, eine neue
Idee zu haben, und sie zweitens zu konkretisieren, also umsetzbar zu machen.
Im Falle von Innovationen in der
Wirtschaft folge ich der SchumpeterTheorie, dass eine Innovation nur sogenannt werden kann, wenn sie sich
erfolgreich im Markt durchsetzt. Aber
es gibt auch soziale Innovationen, wie
zum Beispiel die sogenannten «Orphan
Drugs». Hier entwickelt die Pharmaindustrie Medikamente gegen sehr
seltene Krankheiten, für die es keinen
ausreichenden Markt gibt. Das kann
zum Beispiel über Public Private Partnerships organisiert werden.
Wie können Unternehmen ihr Wissen
sinnvoll managen und nutzen?
Wissensmanagement ist nicht als isolierte Disziplin zu betrachten. Wissen
entsteht aus der Zusammenarbeit
unterschiedlicher Fachbereiche. Eine
besonders grosse Rolle spielen dabei
IT und Telekommunikation. Je stärker
unterschiedliches Wissen in der praktischen Zusammenarbeit vernetzt wird,
desto besser funktioniert das Wissensmanagement.
Welches sind die grossen Hindernisse
und auf der anderen Seite Katalysatoren
für Wissensmanagement?
Wenn Unternehmen versuchen, Wissensmanagement isoliert zu implementieren, kann das nicht funktionieren, da
sie nicht ganzheitlich ansetzen. Es muss
mit dem praktischen Tagesgeschäft verbunden werden. Ein sehr wirkungsvoller Katalysator ist die IT-Strategie eines
Unternehmens, die das Wissensmanagement geradezu erzwingt.
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Welchen generellen Ratschlag können
Sie Unternehmen geben, um ihr Wissen für
erfolgreiche Innovationen zu nutzen?
Sich vernetzen, offen sein und Wissen
teilen. Das ist für viele Unternehmen
noch ungewohnt, wird aber in Zukunft
ein immer bedeutenderer Erfolgsfaktor, Stichwort «Open Innovation». Wer
dabei nicht mitmacht, wird irgendwann abgehängt.
«Unternehmen
sollten sich in einem
lebendigen Umfeld
verorten.»
PROF. DR. DOMINIQUE FORAY
Dominique Foray ist Professor an der
Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und hat dort
den Lehrstuhl für Innovationswirtschaft
und -management (CEMI) inne.
Er ist Mitglied im Nationalen Forschungsrat der Schweiz sowie im Beratungsgremium der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich und
ist ausländisches Mitglied des Center
of Capitalism and Society der Columbia
University (New York). Ferner ist er neu
Mitglied der deutschen Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI).
Von 2008 bis 2011 war er Vorsitzender der Expertengruppe «Knowledge for Growth» (Wissen für Wachstum) einer Gruppe aus prominenten
Wirtschaftswissenschaftlern, die die
Europäische Kommission berät. Im
Rahmen dieser Beratergruppe entwickelte er (gemeinsam mit P. A. David
und B. Hall) das Konzept der «intelligenten Spezialisierung», heute ein wichtiger politischer Mechanismus der EU
(Kohäsionspolitik).
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TECHNOLOGIEN VON BÜHLER
Rock around the clock
Leybold Optics
Dünnfilmbeschichtung für Mobilgeräte
Grinding & Dispersion
Farbpigmente für Lippenstifte
Grain Milling
Brot und Cerealien
Consumer Foods
Kaffee
Value Nutrition
Heimtiernahrung, Fischund Nutztierfutter
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Jeden Tag kommen Milliarden Menschen mit Technologien von
Bühler in Berührung, um ihre Grundbedürfnisse nach Lebensmitteln, Mobilität oder Kommunikation zu decken. Mit unseren industriellen Prozesstechnologien und Lösungen leisten wir einen
bedeutenden Beitrag zur Welternährung mit dem Fokus auf Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit. Mit Mühlen von Bühler werden
rund 65 Prozent des weltweit geernteten Weizens zu Mehl verarbeitet. Ähnlich hoch ist der Beitrag für Reis, Nudeln, Schokolade
oder Frühstückszerealien. Darüber hinaus ist Bühler ein führender
Lösungsanbieter für Druckguss-, Nassmahl- und Oberflächenbeschichtungs-Technologien mit den Schwerpunkten Automobil,
Optik, Elektronik, Druck, Verpackung und Glas.
Consumer Foods
Schokolade
Value Nutrition
Pasta
Die Casting
Motorblöcke und -komponenten
aus Aluminium
Sortex & Rice
Reis
Grain Logistics
Malz
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IN KÜRZE / Bühler weltweit
E-Mobility
Aha-Effekt erwünscht
Gäste aus Übersee, die Bühler in Uzwil
besuchen, können sich auf ein AhaErlebnis gefasst machen. Ein Chauffeur
erwartet sie mit einer Limousine am Flughafen und händigt ihnen eine Grussnote
von CEO Advanced Materials Samuel
Schär aus. Dieser verspricht: «Wir wollen Sie mitnehmen zu einem Tripp in die
Zukunft.» «Das kann ja jeder sagen»,
denken die Besucher vielleicht. Dann
lesen sie, dass viele Teile der ElektroLimousine, in der sie sitzen, mit Maschinen von Bühler hergestellt worden sind
und dass Bühler Innovationsführer für
die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien ist. «Interessant», könnten die
Mitfahrer feststellen. Leistungsstärkere
Batterien sind immerhin ein bisher fehlender Baustein für die Einführung
von Elektromobilität im grossen Stil.
Schliesslich erklärt Schär, dass er jetzt
ein Geheimnis verrät. Bühler habe es
nämlich geschafft, Ausrüstung zur Herstellung von Zerealien und Snacks so zu
modifizieren, dass Materialien für die
nächste Generation Lithium-Ionen-Batterien hergestellt werden können. Dass
Frühstücksflocken Kraft geben, ist nicht
neu. Aber für Elektroautos? «Wow! Da
muss man erst mal drauf kommen!»,
kommentieren manche Gäste.
Das Geheimnis für die Herstellung von High-Performance-LithiumIonen-Batterien ist die Vorbereitung der
Wussten Sie, dass viele Komponenten dieses Elektrofahrzeugs auf Maschinen von Bühler produziert werden?
DRUCKGUSSSEGMENTE
Getriebe
Dämpferbrücke
Elektroden. Mit seiner Erfahrung in der
Verarbeitung von Nanopartikeln kann
Bühler die Elektroden-Materialien so
umwandeln, dass die Batterien leistungsstärker werden. Darüber hinaus bietet
Bühler Komplettlösungen für die Herstellung von Lithium-Ionen-Anoden und
-Kathoden sowie Separator Slurries, einschliesslich der Rohstoffbeschaffung.
LICHTSTARKE
FARBFILTER
Navigationsgerät
DÜNNFILMBESCHICHTUNGEN
Rückleuchten-/ScheinwerferReflexionsschicht Innenraumdekorteile Frontscheibenanzeige
ELEKTRONISCHE
MATERIALIEN
Materialien für
Lithium-Ionen-Batterien
AUTOMOTIVE
BESCHICHTUNGEN
Grundierung
Basislack
Klarlack
Korrosionsschutz
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IN KÜRZE / Bühler weltweit
KAFFEE RÖSTEN IN INDIEN
Kein kalter Kaffee
Seit Ende letzten Jahres setzt die indische Traditionsrösterei Cotha Associates aus Bangalore als erster Kunde die
von Bühler neu entwickelte Kaffeerösttechnologie «InfinityRoast» ein. Der
InfinityRoast repliziert das MasterRöstprofil präzise und automatisch,
Charge für Charge, für traditionelle
Röstprofile wie auch innovative NichtStandard-Profile und gewährleistet so
grösstmögliche Qualitätskonstanz. Die
Verantwortlichen bei Cotha sind so
begeistert von der innovativen Technologie, dass sie diese zum Gegenstand
ihrer eigenen Unternehmens-PR machen
und damit auf viel Interesse stossen. So
nahmen an der Einweihungsfeier mit
Live-Demonstration des Rösters neben
dem Präsidenten des Indian Coffee
Board über 70 geladene Gäste aus der
indischen Kaffeeindustrie teil. Indien
entwickelt sich zu einem zunehmend
wichtigen Markt für Kaffee, auch wenn
man den Subkontinent klassischerweise
eher mit Tee verbindet. Indien erzeugt
zwar zurzeit nur rund 4 Prozent des
weltweit verbrauchten Grünkaffees, ist
aber dabei, kontinuierlich mehr Kaffee
anzubauen – sowohl für den Eigenge-
brauch wie auch für den Export. Das
liegt vor allem daran, dass Inder immer
häufiger Kaffee anstatt Tee trinken.
Indien erzeugt zurzeit rund 4 Prozent des weltweit verbrauchten Grünkaffees.
UMFIRMIERUNG
Leybold Optics wird zu Bühler Alzenau
Bühler Alzenau steht für Technologien zur
optischen Beschichtung im Vakuum.
Seit Anfang des Jahres 2015 firmiert die
bisherige Leybold Optics GmbH aus
Alzenau unter dem Namen Bühler
Alzenau GmbH. Bühler hatte den Spezialisten und Marktführer für Technologien zur optischen Beschichtung im
Vakuum im Mai 2012 übernommen. Mit
dieser strategischen Akquisition beabsichtigte Bühler, die Kompetenzen zur
Herstellung funk tionaler Schichten im
Bereich Advanced Materials auszubauen. Leybold Optics bietet weltweit
gefragte Lösungen beispielsweise in den
Bereichen Fein- und Brillenoptik, Automobil, Architekturglas, flexible Elektronik sowie Lebensmittelverpackungen.
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Der traditionsreiche Name Leybold Optics
lebt weiter und wird sich weiterhin in den
Bezeichnungen der Business Area sowie
der Maschinen wiederfinden.
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IN KÜRZE / Bühler weltweit
BÜHLER UND MASSCHALLENGE FÖRDERN START-UP
Anschub für junge Unternehmer
Bühler CTO Ian Roberts mit Susan G. LeVine, USBotschafterin für die Schweiz und Liechtenstein.
Bühler und die Non-Profit-Organisation
MassChallenge aus Boston werden in
Zukunft im Rahmen des AcceloratorProgramms MassChallenge International Bridge zusammenarbeiten. Die Partner beabsichtigen, vielversprechende
Start-up-Unternehmen aus der Schweiz
mit finanziellen Mitteln und Know-how
zu unterstützen.
«Wir sind überzeugt davon, dass MassChallenge Voraussetzungen wie Unternehmergeist, Selektivität und ein Gespür
für Prioritäten mitbringt und das weitere
Wachstum Schweizer Start-ups ankurbeln», kommentiert Ian Roberts, CTO
von Bühler. «Die Kollaboration von MassChallenge und Bühler ist symbolisch für
die starke Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten
und der Schweiz im
Bereich der Innovation», sagte Suzan G.
LeVine, US-Botschafterin für die Schweiz
und Liechtenstein. Mass-Challenge
wird von Kapitalgebern aus Unternehmen oder öffentlichen Institutionen
getragen und begleitet erfolgversprechende Unternehmensgründungen aus
allen Branchen. Bislang haben die über
600 Unternehmen, die von MassChallenge gefördert worden sind, Gelder
von mehr als USD 706 Mio. aufge-
bracht, Betriebseinkommen in Höhe von
USD 404 Mio. erzielt und 4,800 Arbeitsplätze geschaffen.
Bühler baut seit einigen Jahren das professionelle Innovationsmanagement mit dem Schwerpunkt
«Collaborative Innovation» aus. Deshalb pflegt das Unternehmen Partnerschaf ten mit Hochschulen auf der
ganzen Welt und
treibt gemeinsame
Entwicklungen mit
seinen Mitarbeitenden sowie Kunden
und Lieferanten vor
an. Mit MassChallenge hat Bühler nun
die Chance, auch die Verbindung zu
Start-ups noch enger zu pflegen. «Bühlers
hervorragende Kombination aus weltweiter Führungsposition, solider Leistung und herausragenden Innovationen
wird unser globales Netzwerk zweifellos
stärken», so Gründer und CEO von MassChallenge, John Harthorne.
GROSSAUFTRAG AUS BANGLADESCH
Bühler Tugenden sind Trumpf
72 Tonnen Reis, 25 Tonnen Atta-Mehl sowie 8,5
Tonnen rote Linsen pro Stunde wird
die City Group mit der Anlage produzieren.
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In Bangladesch ist es eine
besondere Herausforderung,
alle Menschen ausreichend
und sicher zu ernähren. Hier
leben rund 158 Millionen
Menschen, immerhin halb so
viele wie in den gesamten
USA. Bühler trägt in der
nächsten Zeit mehr als in den
letzten Jahren dazu bei, die
lokale Lebensmittelindustrie
auszurüsten. Neben einer
Grossanlage für Reis, Linsen
und Getreidelagerung für den einheimischen Lebensmittelkonzern City Group
aus Dhaka verkaufte Bühler im letzten
Jahr fünf Weizenmühlen und ein Getreideumschlagterminal nach Bangladesch. Besonders stolz ist das verantwortliche Team darauf, die türkische
Konkurrenz gestoppt zu haben, die sich
seit Jahren sehr erfolgreich auf dem asiatischen Markt breit gemacht hat. Im
letzten Jahr konnte sie jedoch keinen einzigen Auftrag gegen Bühler gewinnen.
Mit den typischen Bühler Tugenden
Präzision, Qualität und Zuverlässigkeit
hatten sie unter anderem City-GroupChef Fazlur Rahman überzeugt. «Ich
wollte keine Kopfschmerzen während
der Umsetzung des Projekts bekommen, deshalb beauftragte ich Bühler»,
erklärt er.
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IN KÜRZE / Bühler weltweit
SERVICENETZ WEITER AUSGEBAUT
Neuer Bühler Standort in Marokko
Ende März hat Bühler seine Servicestation in Casablanca, Marokko, eingeweiht. Hier können Kunden Ersatzteile
kaufen und Rollen oder ganze Maschinen überholen lassen. Darüber hinaus
bietet der Standort Service und Inbetriebnahme von Maschinen sowie Schulungen für Kunden. Die neue Servicestation in Marokko ist verantwortlich
für die nord- und westafrikanische Teilregion. Weltweit verfügt Bühler über
80 Servicestationen, allein im Jahr 2014
wurden 12 neue Stationen eröffnet. Ende
April nimmt eine weitere in Pakistan
ihren Betrieb auf. Weitere Servicestationen sind geplant.
Die neue Servicestation in Marokko ist verantwortlich für die nord- und westafrikanische Teilregion.
INNOVATIONSBEIRAT
Kluge Köpfe für neue Ideen
Um den Innovationsbereich von Bühler
durch neue Kompetenzen, Sichtweisen
und Erfahrungen zu stärken, hat das
Unternehmen einen Innovationsbeirat
ins Leben gerufen. Seine Mitglieder sind
international anerkannte Führungsköpfe für Innovation und verschiedene
Spezialgebiete. Mit ihrer Unterstützung
will Bühler Prozesse optimieren, neue
Technologien einführen und Innovationszyklen verkürzen. Darüber hinaus
verwaltet der Innovationsbeirat den Urs
Bühler Innovation Fund. Das Gremium
besteht aus Urs Bühler, Hal Gurley, Matthias Kaiserswerth und Ed Steinfeld
und trifft sich viermal jährlich an verschiedenen Standorten der Bühler Welt.
Hal Gurley bekleidet seit zehn
Jahren leitende Positionen bei Cisco.
Derzeit ist er Managing Director von
Cisco Schweiz und verantwortet den
weltweiten Bereich Cisco Cloud/Network Systems. Anfang der 1980er-Jahre
hatte er das Spezialsoftware-Unternehmen Automation Intelligence gegründet
und im Jahr 1993 verkauft. Anschlies-
send war er als CTO bei SIG tätig und
leitete später das Internet/IP-Geschäft
von Swisscom. Gurley hält einen Ab schluss in Elektrotechnik vom Georgia
Institute of Technology und einen Executive MBA vom IMD Lausanne.
Matthias Kaiserswerth ist
Direktor des weltbekannten IBM
Research Centre nahe Zürich. Zuvor leitete er die Software- und Sicherheitsforschung des IBM TJ Watson Research
Centre, wo IBM gemeinsam mit Kunden
Lösungen für die Zukunft entwickelt.
«Innovationsquartett» berät Bühler.
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Kaiserswerth erwarb einen Master in
Computer Science an der McGill University in Montreal und eine Promotion an
der Friedrich-Alexander-Universität in
Erlangen, wo er seither als Honorarprofessor tätig ist.
Ed Steinfeld ist Experte für
China-Studien. Er ist Professor für Politikwissenschaften und Direktor der
China Initiative an der Brown University
in Providence, USA. Davor war er in der
politikwissenschaftlichen Abteilung des
MIT beschäftigt. Steinfeld lebte viele
Jahre in China und ist Autor mehrerer
Publikationen und Bücher zu Themen wie
Innovation, Technologie und technischer
Wandel. Er hält einen Bachelor- und Masterabschluss sowie einen PhD von der
Harvard University.
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KLIMASCHUTZ UND WÄRMEDÄMMUNG
Der blaue Himmel von Peking
Die fortschreitende Urbanisierung in China stellt die Bauindustrie bei
der Errichtung energieeffizienterer Gebäude vor immer grössere Herausforderungen. Das Low-E-Glas von Jinjing kann die Wärmedämmung
erheblich verbessern.
VON JUSTUS KRÜGER (TEXT) UND RAFFAEL WALDNER (FOTOS)
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Ein ungewohntes Bild: Im Pekinger Vorort Yizhuang
wimmelt es für gewöhnlich von Arbeitenden, Büropersonal und Lastwagen. Yizhuang ist ein Industriegebiet, das 45 Fahrminuten südöstlich des
Stadtzentrums entfernt liegt. Heute, Anfang November 2014, herrscht allerdings Ruhe im Ort, der
beinahe menschenleer wirkt. Die Produktion steht
still. Auf den Strassen kaum ein Fahrzeug. Der
Grund: in Peking und den angrenzenden Gegenden
wurden vorübergehend die Fabriken geschlossen,
um den berüchtigten Smog über der chinesischen
Hauptstadt für ein paar Tage zu verringern.
Und die Massnahme hat gefruchtet. Doch
während die Einwohner Pekings den blauen Himmel
geniessen, sind langfristigere Massnahmen erforderlich, die Chinas wirtschaftlichen Erfolg ökologisch
nachhaltiger machen müssen. Natürlich sind sich
Regierung und Privatunternehmen dessen bewusst.
Eines der Unternehmen, das in dieser Angelegenheit
aktiv wird, ist der Glashersteller Jinjing.
Energieeinsparungen ganzer Kraftwerke.
Xu Jun, Technology Manager für die Glasherstellung im Unternehmen, ist einer der wenigen Mitarbeitenden, die während des Antismog-Betriebsunterbruchs im Jinjing-Werk in Pekings Vorort
anwesend sind. «Normalerweise arbeiten in diesem
Werk um die 60 Mitarbeitende», sagt er. «Der
Betriebsunterbruch wird nun für die Durchführung
von Wartungsarbeiten genutzt.»
Das Werk in Yizhuang, das Anfang
November so ruhig dasteht, ist in der Regel einer
der Hauptproduktionsstandorte des Unternehmens. Herzstück der Anlage ist eine grosse, hochmoderne Glasbeschichtungsanlage mit dem Namen
LEYBOLD OPTICS GLC Serie H (ehamals Apollon).
Insgesamt misst der Anlagenteil mit der Leybold
Maschine über 100 Meter in der Länge und füllt
damit eine komplette Werkshalle aus. «Wir produzieren allein in diesem einen Werk in Peking jährlich Millionen von Quadratmetern Low-E-Glas»,
erklärt Xu Jun.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Low-E-Glas
«Low-E» steht für «niedriger Emissionsgrad» und
bezieht sich auf die Isolationseigenschaften von
Glas. Je niedriger der Emissionsgrad ist, desto besser sind die aus diesem Glas gefertigten Fenster
gegen Wärmeverluste isoliert. Die jährlichen
Energieeinsparungen, die sich allein mit dieser
einen Leybold Maschine von Jinjing durch das
hergestellte Low-E-Glas erzielen lassen, wirken
sich bereits deutlich aus: Sie entsprechen einem
wesent lichen Teil der jährlichen Energieproduktion eines gesamten Kernkraftwerkes.
«Genaue Mengen lassen sich nur sehr
schwer abschätzen», weiss Xu Jun. Der Grund
dafür ist, dass der Emissionsgrad eines Gebäudes
neben der Glasqualität von zahlreichen weiteren
Faktoren beeinflusst wird: In welchem Verhältnis
steht die Fensterfläche zur Gebäudeoberfläche? Aus
welchen Baustoffen bestehen die Wände? «All diese
Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle», ergänzt Xu
Jun. «Es steht jedoch fest, dass sich Low-E-Glas
grundsätzlich äusserst positiv auf die Energieeffizienz auswirkt.»
«Für die Isolierung des
Glases werden dünnste,
unsichtbare Silberschichten
auf die Glasscheiben auf­
getragen. Die Beschichtung
wird Atomlage für
Atomlage aufgebaut.»
Xu Jun
Die Experten für beschichtetes Glas
Die Jinjing Group wurde 1904 gegründet.
Der Hauptsitz befindet sich in Boshan in der ostchinesischen
Provinz Shandong.
Die Produktionsstätte von Jinjing in Peking wurde 2013 in
Betrieb genommen.
10 Millionen Quadratmeter:
Jahresproduktion von beschichtetem Glas bei Jinjing Peking.
33 Millionen Weight Cases (à 50 kg) Floatglas:
Jahresproduktion der Jinjing Group. Das entspricht etwa
10 Prozent der Gesamtproduktion in China.
Neue Städte für Hunderte von Millionen Menschen
Dies gilt insbesondere in China. Immobilien, und
damit auch das Baugewerbe, sind ein ganz wesentlicher Faktor der chinesischen Gesamtwirtschaft.
Und daran wird sich mit ziemlicher Sicherheit so
schnell nichts ändern. Grund dafür ist der anhaltende Megatrend zur Urbanisierung, der China
auch in den kommenden Jahrzehnten bestimmen
wird. Neben dem Wachstum der bestehenden
Städte plant die chinesische Regierung seit dem vergangenen Jahr den Bau neuer Städte von Grund auf,
um die Unterbringung von circa 120 Millionen Migranten aus den ländlichen Gebieten zu gewährleisten – und das alles innerhalb der nächsten zwölf
Jahre. Die Urbanisierung Chinas bedeutet für Jinjing ein gutes Geschäft. «Wir konnten Wachstumsraten von jährlich bis zu 80 Prozent beobachten»,
sagt Dr. Ji Yalin, Deputy General Manager der Jinjing Group in Peking. «Inzwischen hat sich das
Wachstum verlangsamt.» In diesem Zusammenhang mutet das Wort «verlangsamt» allerdings
erstaunlich an: «Zuletzt konnten wir Wachstumsraten in Höhe von jährlich 20 Prozent verzeichnen»,
fügt er hinzu.
Durch den immensen Umfang des Städtebaus in China kommt dem Wachstum der Städte
nicht nur eine wirtschaftliche Bedeutung zu. Es ist
zudem einer der wichtigsten Faktoren für die ökologische Nachhaltigkeit des Landes. Beschichtetes
Glas spielt für die Errichtung von Gebäuden und
demzufolge für die höhere Energieeffizienz der
Städte eine entscheidende Rolle. Und auf diesem
Gebiet ist Jinjing seiner Konkurrenz einen Schritt
voraus.
Berühmte Gebäude mit Glas der Firma Jinjing:
«Water Cube», das Schwimmzentrum
der Olympischen Spiele 2008.
Nationalstadion «Vogelnest», der Hauptaustragungsort der Olympischen Spiele 2008.
China-Pavillon der Expo 2010
in Shanghai.
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Burj Khalifa Tower in den
Vereinigten Arabischen Emiraten.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Low-E-Glas
Die Glasbeschichtungsanlage Leybold Optics GLC Serie bildet das Herzstück der Anlagen von Jinjing in Peking. Mit dieser einen
Glasbeschichtungsanlage produziert das Unternehmen jährlich mehrere Millionen Quadratmeter Low-E-Glas.
«Auf den Baustellen kann
es zu erheblichen Ver­
zögerungen kommen, nur
weil ein paar Scheiben
zu Bruch gegangen sind.»
während sich die Beschichtung – solange sie dünn
genug ist – nicht wesentlich auf die Lichtdurchlässigkeit auswirkt. Die heute gängigste Form
dieses Glases nennt sich «Single Low-E-Glas»,
wobei es sich um einfach silberbeschichtetes Glas
handelt. Das Isolationsvermögen des Glases lässt
sich durch die Ergänzung einer zweiten oder
dritten Lage allerdings noch deutlich erhöhen – so
entsteht «Double bzw. Triple Low-E-Glas».
Xu Jun
Einfach, zweifach, dreifach
Für die Herstellung von Low-E-Glas aus herkömmlichem Floatglas werden dünnste, unsichtbare Silberschichten auf die Glasscheiben aufgetragen, bis
die Beschichtung eine Dicke von etwa 8 bis 10
Na nometern erreicht hat. «Die Beschichtung wird
Atomlage für Atomlage aufgebaut», erklärt Xu Jun.
Das entscheidende Qualitätsmerkmal von Silber
besteht in diesem Zusammenhang darin, dass es als
Spiegel für die Infrarotstrahlung fungiert. «Die
dünne Silberschicht lässt den Grossteil des sichtbaren Lichts durch», erklärt Xu Jun, «und schottet
die Scheibe gleichzeitig gegen die unsichtbare Wärmestrahlung ab.» Auf diese Weise verbleibt die
Wärme wie beabsichtigt im Inneren des Gebäudes,
Konkurrenzlos
Die Einfach-, Zweifach- oder Dreifachbeschichtung
stellt allerdings für die Hersteller, die das Glas zur
Erhöhung von dessen Langlebigkeit oder beim
Zuschneiden für den Einbau in Gebäuden bearbeiten, unter Umständen eine besondere Herausforderung dar. In der Regel kann die Beschichtung
nämlich erst nach der Verarbeitung des Glases aufgebracht werden. Dies führt unter Umständen zu
einem echten Problem. «Auf den Baustellen kann es
zu erheblichen Verzögerungen kommen, nur weil
ein paar Scheiben zu Bruch gegangen sind», erklärt
Ingenieur Xu Jun im leeren Werk. «Die Baufirma
muss ihre Lieferanten kontaktieren, und diese wen-
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Low-E-Glas
ARCHITEKTURGLAS EFFIZIENT BESCHICHTEN
Thermische Schutzschichten auf Architekturglas
leisten einen wichtigen Beitrag zur Energieeffizienz
und zum Schutz der natürlichen Ressourcen. Bühler
Leybold Optics ist ein Weltmarktführer für Dünnschichttechnologie und spezialisiert unter anderem
auf die Herstellung von grossflächigen Beschichtungssystemen. Die LEYBOLD OPTICS GLC Serie H
ist ein Hochvakuum-Beschichtungssytem, das speziell für die Architekturglasbeschichtung entwickelt
wurde. Beim Sputter-Prozess wird ein Beschichtungsmaterial ionisiert auf dem Substrat wie etwa
Architekturglas abgelagert. Typische Anwendungen
sind Sonnenschutz-, Antireflexions- sowie Einzel-,
Doppel- oder Dreifach-Wärmeschutz-Beschichtungen (Low-E). Die Maschine kann Substrate von
2590 oder 3300 Millimetern Breite verarbeiten und
lässt sich individuell für die jeweiligen Produktionsanforderungen konfigurieren. Dank fortschrittlichen
Technologien ist sie zudem besonders produktiv und
kostengünstig im Betrieb. So hat beispielsweise der
Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Substraten einen massgeblichen Einfluss auf die effiziente Nutzung des Beschichtungsmaterials. Bei der
Leybold Anlage beträgt der Abstand zwischen zwei
Substraten nur noch 30 Millimeter. Gegenüber
konventionellen Lösungen mit einem Abstand von
100 Millimetern wird deutlich weniger Beschichtungsmaterial benötigt.
Die Silberbeschichtung wird in einer Vakuumkammer aufgetragen. Hierbei werden Dicken von 8 bis 10 Nanometern bzw. etwa 80 Atomlagen erreicht.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Low-E-Glas
Die Anforderungen an die Energieeffizienz in China steigen.
Jinjing ist gut aufgestellt, um diesen Ansprüchen gerecht zu
werden.
den sich wiederum an die Firma, die das Glas hergestellt hat, um von ihr die neuen Scheiben in der
erforderlichen Grösse zu beziehen. Es muss also
alles von Grund auf neu gefertigt werden, nur um
eine zerbrochene Scheibe zu ersetzen. Das kann
Wochen, in Ausnahmefällen sogar Monate
dauern.»
Kunden von Jinjing kennen dieses Problem nicht. Die Leybold Glasbeschichtungsanlage
kann sogenanntes «temperbares» Low-E-Glas mit
Einfach-, Zweifach- oder Dreifachbeschichtung
produzieren. Das bedeutet, dass die Glasscheiben,
um deren mechanische Eigenschaften positiv zu
beeinflussen, auch nach dem Auftragen der Beschichtung thermisch behandelt werden können,
ohne dass die Beschichtung selbst dabei Schaden
nimmt. «Das hört sich sehr kompliziert an, stellt
aber einen entscheidenden Vorteil dar», weiss Xu
Jun. «Auf diese Weise können unsere Kunden die
beschichteten Glasscheiben nach Bedarf bearbeiten. Ein Beispiel ist der schnelle und unkomplizierte
Austausch von zerbrochenem Glas.» Das verschafft
Jinjing einen klaren Wettbewerbsvorteil. «Viele
Unternehmen in China sind in der Lage, dieses Verfahren für einfach beschichtetes Low-E-Glas anzuwenden», sagt Xu Jun weiter. «Nur wenige Unternehmen können das Verfahren auch für zweifach
beschichtetes Low-E-Glas anbieten. Für dreifach
beschichtetes Glas gibt es keinen einzigen Anbieter.
Wir sind in diesem Bereich die einzigen.» Diese Tatsache war massgeblich für Jinjings Entscheidung
über die Investition in eine Leybold Glasbeschichtungsanlage. «Für uns war das ein bedeutender
Faktor», erklärt Dr. Ji. Yalin «Bisher sind wir auf
diesem Gebiet konkurrenzlos.»
Steigende Anforderungen.
Dies ist umso wichtiger, da die Effizienzanforderungen für Gebäude in China mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit weiter steigen werden. «Bislang ist Low-E-Glas mit einer einfachen
Beschichtung in China die gängigste Form von
Low-E-Glas», erklärt Dr. Ji. «Das wird sich höchstwahrscheinlich ändern.» Der Wettbewerbsvorteil
von Jinjing wird sich folglich erhöhen – bis andere
Unternehmen gleichwertige Produkte anbieten
können. Was durchaus positiv wäre, denn dadurch
würde sich der Energieverbrauch insgesamt verringern – und der Himmel über China würde in
einem kräftigeren Blau erstrahlen.
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Weitere Informationen erhalten Sie bei:
André Herzog
Product Manager
Large Area Coating
Bühler Alzenau
T +49 6023 500-472
[email protected]
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TECHNOLOGY & SOLUTIONS / Subtheme
TECHNOLOGIE
Saubere Nüsse
Das automatische Aussortieren von Nussschalen war bislang schwierig.
Jetzt hat Bühler mit BioVision eine neue Erkennungstechnologie entwickelt
und kann damit ganzheitliche Lösungen für die Nusssortierung anbieten.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / BioVision
Nüsse schmecken nicht nur gut, sie sind erst noch
gesund. Durch ihren hohen Gehalt an mehrfach
ungesättigten Fettsäuren senken die Schalenfrüchte nachweislich den Cholesterinspiegel im
Blut, stabilisieren den Zuckerwert und mindern
sogar das Risiko von Herzkrankheiten. Kein Wunder, tauchen sie bei immer mehr Menschen auf dem
Speiseplan auf. «Von der Walnuss über die Haselnuss bis zur Mandel ist allen Sorten gemein, dass
nur der von einer harten Schale umgebene Kern für
den Verzehr geeignet ist. Deshalb müssen Schalen
und Schalenreste nach der Spaltung sorgfältig entfernt werden», wie Charith Gunawardena, Head of
Business Unit Optical Sorting von Bühler, erklärt.
Wichtig ist eine verlässliche Aussortierung der
Schalen vor allem dann, wenn die Nüsse zu Snacks
oder Süsswaren weiterverarbeitet werden. Schalenreste stellen nämlich beim Verzehr ein beträchtliches Gesundheitsrisiko dar.
Um grosse Mengen von Rohprodukten
wie Schalenfrüchte oder Erdnüsse zu reinigen,
haben sich optische Sortierer als besonders effizient erwiesen (s. Kasten nächste Seite). Mit solchen
Anlagen können Fremd körper punktgenau erfasst
und entfernt werden. Aber auch in Form oder Farbe
mangelhafte sowie verunreinigte Exemplare lassen
sich problemlos aussortieren. Optische Sortierer
ermöglichen den Produzenten, die strengen regulatorischen Vorschriften im Bereich der Lebensmittelsicherheit sowie die steigenden Hygieneanforderungen der Konsumenten zu erfüllen.
Aussortieren der Schalen war bisher schwierig
Besonders schwierig ist in der Praxis jedoch das
Aussortieren der Schalen von Mandeln. «Der Grund
dafür ist, dass es Dutzende verschiedene Varietäten
von Mandeln gibt, die sich farblich jeweils unterscheiden. Dies hatte zur Folge, dass mit den bisher
erhältlichen Sortierlösungen die Einstellungen der
Anlagen bei Produktwechseln jedes Mal leicht
angepasst werden mussten», beschreibt Gunawardena die Ausgangslage. Die grossen Produzenten
waren deshalb auf der Suche nach einer Lösung, mit
der sie verschiedene Mandelvarietäten in nur einem
Durchgang verarbeiten können und mit der sich
mehrere Sorten hintereinander mit der gleichen
Einstellung prozessieren lassen.
BioVision nutzt Unterschiede in der
spektralen Signatur
Bühler nahm dieses Kundenbedürfnis zum Anlass,
um ein grundlegend neues Erkennungssystem für
das Aussortieren von Mandelschalen zu entwickeln. Am Anfang standen umfassende Analysen
des Spektrums von Nüssen und Schalen. Dabei
haben die Ingenieure festgestellt, dass Kerne und
BioVision kann mehrere Varietäten von
Mandeln gleichzeitig sortieren.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / BioVision
Schalen von Mandeln über verschiedene spektrale
Signaturen verfügen. Sie unterscheiden sich also
geringfügig in ihrem spezifischen Reflexionsverhalten. Die beobachteten Unterschiede traten bei
verschiedenen Varietäten von Mandeln gleichermassen auf. «Die BioVision-Erkennungstechnologie
nutzt diese spektralen Eigenheiten gezielt und
erlaubt deshalb eine effizientere Sortierung als bisher», führt Gunawardena aus. Weil das optische
Verfahren sehr leistungsfähig ist, lassen sich selbst
kleinste Schalenfragmente identifizieren und entfernen. Die spektralen Unterschiede treten übrigens
nicht nur bei Mandeln, sondern auch bei anderen
Schalenfrüchten wie Haselnüssen oder Walnüssen
auf. Die BioVision-Technologie soll deshalb künftig
auch für das Aussortieren der Schalen bei anderen
Sorten eingesetzt werden.
Für jeden Produzenten die optimale Lösung
In ersten Tests hat das neue Verfahren seine Leistungsfähigkeit bereits eindrücklich unter Beweis
gestellt: Bis zu zehn Varietäten von Mandeln konnten damit gleichzeitig sortiert werden, ohne dass
die Einstellungen der Anlage geändert werden
mussten. Die innovative Technologie wird in
Kürze in die neue SORTEX E BioVision integriert.
Eine ent sprechende Anlage liesse sich dann im
Verarbeitungsprozess direkt nach der Spaltung der
Nüsse platzieren. BioVision kann aber auch in
Kombination mit anderen Erkennungsverfahren
eingesetzt werden, falls zusätzlich Fremdkörper
oder schadhafte Früchte aussortiert werden sollen. «Bühler ist in der Lage, die neue Technologie
sowohl für kleinere als auch für grössere Verarbeiter zu adaptieren und eine für die jeweilige
Anwendung optimierte Sortierlösung zusammenzustellen», wie Gunawardena festhält.
Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Faisal Baig
Global Product Manager – Optical Sorting
Bühler Sortex Ltd.
T +44 20 7055 7791
[email protected]
ADDED VALUE
Effiziente Trennung von Mandelkernen und -schalen
Gleichzeitige Sortierung verschiedener Varietäten
Keine Änderungen der Einstellungen nötig
BioVision auch für andere Nusssorten adaptierbar
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+++
BioVision-Technologie: Für alle Nusssorten geeignet.
Optische Sortierung: Präzise und effizient
Bei der Verarbeitung von Rohprodukten wie Kaffee, Getreide oder Hülsenfrüchten müssen extrem grosse Mengen bewältigt werden. Trotz viel
Sorgfalt bei der Ernte gelangen jedoch
immer wieder Fremdkörper wie Steine
oder Glassplitter in das Produkt, die
sorgfältig aussortiert werden müssen.
Auch in Form oder Farbe mangelhafte
oder verunreinigte Exemplare gilt es zu
entfernen, um die individuellen Qualitätsstandards der Produzenten zu
erfüllen und die Lebensmittelsicherheit
zu gewährleisten. Eine manuelle Aussortierung durch Menschen ist aber
nicht nur aufwändig und teuer, sondern
vor allem auch fehleranfällig. Deshalb
hat sich bei der Verarbeitung von
Lebensmitteln die automatische optische Sortierung mit Hilfe von Kameras
oder Lasern etabliert. Je nach Art der
verwendeten Sensoren und Bilderkennungs-Software können solche Systeme Farbe, Grösse, Form, Struktur
oder chemische Zusammensetzung
der Zielobjekte unterscheiden. Chromatische Kameras etwa erkennen
kleinste farbliche Unterschiede, während Indium-Gallium-Arsenid-Kameras
(InGaAs) Defekte orten können, die
sich farblich nicht vom Produkt unterscheiden, aber eine andere optische
Signatur besitzen. Moderne Sortiersysteme vergleichen jedes einzelne
Objekt blitzschnell mit benutzerdefinierten «Accept»- oder «Reject»-Kriterien. Mangelhafte Produkte oder
Fremdkörper werden mit Luftdüsen
punktgenau entfernt. Selbst bei hohem
Durchsatz kann so eine konstante
Qualität des Endprodukts und eine
minimale Fehlerquote erreicht werden.
Bühler Sortex ist seit 1947 führend auf
dem Gebiet der intelligenten optischen
Sortiertechnologie. Weltweit befinden
sich über 25’000 Maschinen des
Unternehmens im Einsatz.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Additive Manufacturing
3D-Printing hat die Lebensmittelindustrie erreicht. (Foto: dovetailed.co)
ADDITIVE MANUFACTURING
Obst aus dem Drucker
3D-Drucktechniken und Additive-Manufacturing-Methoden ziehen Schritt für
Schritt in den industriellen Alltag ein. Akteure der Nahrungsmittelindustrie
haben gleich zwei Gründe, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen.
Kulinarische Höhenflüge waren im Weltall bisher
nicht zu erwarten. Das könnte sich ändern. Statt
Essen aus der Tube sollen den Astronauten von
morgen komplette Mahlzeiten serviert werden.
Möglich machts ein Nasa-Forschungsprojekt mit
einem 3D-Drucker. Der soll pulverisierte Nahrungsmittelbestandteile nach einem vom Computer
geladenen Rezept tellerfertig produzieren. Mit
einer irdischen Variante hat kürzlich das englische
Forschungsunternehmen Dovetailed nachgelegt, in
dem es den ersten 3D-Obstdrucker vorstellte. Die
neue Drucktechnologie erlaubt es, nicht nur reales
Obst nachzuahmen, sondern neue Früchte zu kreieren: Geschmack, Textur, Grösse und Form liessen
sich neu bestimmen.
Auch wenn das nicht jedermanns Geschmack sein dürfte – solche Meldungen lassen aufhorchen. Was bislang vor allem ein Thema für
Medizintechnik oder die Automobilindustrie war,
erreicht die Nahrungsmittelindustrie. Und das
in zweifacher Weise: Zum einen, weil Additive
Manufacturing (AM) das Potenzial hat, bislang
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Additive Manufacturing
FUNKTIONSWEISE VON ADDITIVE MANUFACTURING
Additive Manufacturing ist eine umfassende Bezeichnung für
Verfahren zur schnellen und kostengünstigen Fertigung von
Modellen, Mustern, Prototypen, Werkzeugen und Endprodukten. Diese Fertigung erfolgt direkt auf der Basis der rechnerinternen Datenmodelle aus formlosem (Flüssigkeiten, Pulver und
Ähnliches) oder formneutralem (band-, drahtförmig) Material
mittels chemischer und/oder physikalischer Prozesse. Der Einsatz dieser Verfahren, zu denen unter anderem Stereolithografie, selektives Laserschmelzen, 3D-Printing und Kaltgasspritzen gehören, ist heute wirtschaftlich einsetzbar für die
Fertigung kleiner Bauteile in grösseren Stückzahlen, für Unikate bei Schmuck oder in der Medizin- und Dentaltechnik
sowie der Kleinserienfertigung oder Einzelfertigung von Teilen
mit einer hohen geometrischen Komplexität, auch mit zusätzlicher Funktionsintegration.
In den letzten Jahren wurden die Anwendungsgebiete für
diese Fertigungsverfahren, die sich am Anfang auf das Herstellen von Modellen und Prototypen – daher der Begriff Rapid
Prototyping – konzentrierten, auf weitere Felder ausgedehnt.
Dazu zählen:
– der Einsatz als Prototyp: Rapid Prototyping.
– der Einsatz als Werkzeug: Rapid Tooling.
– der Einsatz als Fertigteil: Additive Manufacturing.
In Verbindung mit weiteren modernen Technologien wie zum
Beispiel dem Reverse Engineering (Digitalisieren), dem CAD,
der virtuellen Realität sowie heutigen Verfahren des Werkzeugbaus wird die Verfahrenskette innerhalb der Produktentwicklung auch als Rapid Product Development bezeichnet. Weiterhin wird durch die digitale Schnittstelle generativer Fertigungsmaschinen und deren automatisiertem Fertigungsprozess eine
dezentrale, geografisch unabhängig verteilte Produktion
ermöglicht (Cloud Producing).
Quelle: Wikipedia
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Komplexe Komponenten aus dem Drucker.
unbekannte Nahrungsmittel zu kreieren oder auf
neue Art herzustellen; andererseits, weil sich für die
etablierten Produktionsverfahren neue Ansatzpunkte abzeichnen, die Fertigung effizienter und
flexibler zu machen. Bei Bühler sind die Experten
überzeugt: «Der 3D-Druck wird die Art und Weise,
wie wir Geschäfte künftig betreiben und mit unseren Lieferanten und Kunden zusammenarbeiten,
massiv beeinflussen», sagte etwa Chief Technology
Officer (CTO) Ian Roberts. In Uzwil wurde der erste
3D-Drucker schon vor zwei Jahren angeschafft.
Buchstäblich über Nacht werden seitdem dreidimensionale Gegenstände ausgedruckt, die mit konventionellen Technologien sehr viel zeitaufwendiger hergestellt werden mussten.
Ersatzteil aus dem Drucker
Das Prinzip ist einfach: Spezielle Kunststoffe werden Schicht für Schicht aufgetragen, härten schnell
aus und bilden die Grundlage für die nächste
Schicht. So «wächst» Stück für Stück ein dreidimensionaler Gegenstand, den es vorher nur als
3D-CAD-Modell gab. Bei der Entwicklung von Prototypen hat sich die Technologie bereits bewährt.
Mit dem sogenannten Additive Manufacturing lassen sie sich schneller und günstiger entwickeln.
Jetzt geht das Verfahren in die nächste
Runde: Immer schneller, kleiner und leistungsfähiger werden die 3D-Drucker; Fachleute von Siemens
prognostizieren, dass sich die Herstellkosten für
Additive Manufacturing in den kommenden fünf
Jahren halbieren und sich die Produktionsgeschwindigkeit vervierfacht. Und immer mehr Materialien
werden erprobt – neben Kunststoffen vor allem
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Additive Manufacturing
Bauraumreinigung: Metallpulver bedeckt den Boden des Druckers, das nach dem Drucken entfernt werden muss.
Metalle. Das interessiert auch Bühlers Produktionschef Holger Feldhege: «Die Technologie bietet eine
einzigartige Möglichkeit Lösungen zu schaffen, die
bislang mit herkömmlichen Fertigungsverfahren
nicht realisierbar sind», sagt der Leiter Division
Manufacturing & Logistics. Bauteile, die früher aus
dutzenden von Einzelteilen aufwendig montiert
und in Zwischenschritten auf Qualität geprüft
werden mussten, könnten so in einem Stück gefertigt werden, so Feldhege. Noch in diesem Jahr sollen die ersten Teile serienmässig eingebaut werden.
Schon in einigen Jahren könnte auch die Ersatzteilbestellung über den Drucker erfolgen, hofft Patrik
Högger, Leiter des Entwicklungs- und Servicecenters.
Qualitätssprung in der Produktion
In der Produktion werden flussoptimierte Geometrien ohne Ecken und Kanten sogar für einen echten
Qualitätssprung sorgen, prophezeit Mirko Meboldt,
Professor für Produktentwicklung und Konstruktion an der Eidgenössischen Hochschule in Zürich
(ETH). In den Düsen und Rohren bleibt weniger
Teig, Pasta oder Schokolade hängen. Wenn durch
eine neue Technologie 10 Prozent eingespart werden, ist das revolutionär, so Meboldt. Ausserdem
lassen sich die Geräte besser reinigen. Auch das
spart Zeit und Geld.
Einer der grössten Produktionsvorteile
dürfte die Temperaturkontrolle sein, die vor allem
in der Nahrungsmittelindustrie eine Rolle spielt.
Mit der neuen Technologie können Kühlkanäle
direkt in die Düsen eingebaut werden, die direkt vor
Ort Wärme abführen.
Kürzere Entwicklungszeiten, niedrigere Produktionskosten und bessere Qualität – das Potenzial ist
riesig. Allerdings sei man sich bewusst, dass auch
andere mit der Technologie arbeiten, so CTO Ian
Roberts. «Deshalb sind wir offen für Diskussionen,
Kooperationen und Partnerschaften.» Mit der ETH
in Zürich gibt es bereits eine Kooperation. In einem
internen Wettbewerb wurden konzernweit Ideen
für praktische Anwendungen gesammelt. Rund
zehn Vorschläge sind so vielversprechend, dass sie
weiterverfolgt werden sollen. «Bühler hat gute
Ideen und ist früh dran», findet Meboldt.
Weitere Informationen erteilt:
Patrik Högger
Leiter Entwicklungs-und Servicecenter
+41 71 955 32 77
[email protected]
ADDED VALUE
Hohe Integration von Funktionen in einem Bauteil
Hohe geometrische Flexibilität von Bauteilen
Geringer Materialeinsatz
Schnellere Produktentwicklung
Dezentrale Fertigung
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Ernährungstrends
Liegt im Trend: Quinoa enthält kein Gluten.
ERNÄHRUNGSTREND
Gluten, nein danke!
30 Prozent der Amerikaner meiden glutenhaltige Lebensmittel − ein Trend,
der Herstellern von Weizenprodukten Sorge bereitet, aber eine Chance
für glutenfreie Alternativen ist. Längerfristig könnte auch Vollkornweizen
mit seinen ausgewiesenen gesundheitlichen Vorteilen profitieren.
Seit 2011, als die Bücher «Wheat Belly» und «Grain
Brain» («Weizenwampe» und «Dumm wie Brot») in
den USA erschienen, hat sich der Trend zur glutenfreien Ernährung massiv verstärkt. Einer MintelStudie von 2013 zufolge wuchs der Markt für glutenfreie Produkte zwischen 2011 und 2013 um 44 Prozent auf ein Volumen von USD 10,5 Mrd. Das dürfte
die geschätzten 1–2 Prozent der Weltbevölkerung
freuen, die tatsächlich an einer Glutenintoleranz
(Zöliakie) leiden. Sie profitieren von dem kontinuierlich wachsenden Angebot an glutenfreien Produkten. Der gesundheitliche Nutzen der Glutenvermeidung für alle übrigen Menschen wird zurzeit heiss
diskutiert. Die verfügbaren Daten belegen keinen
eindeutigen Bezug zwischen dem Genuss von Gluten
und dem Zusammenhang von Magen-Darm-Beschwerden, und die Forschung zur Auswirkung von
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Gluten auf weit verbreitete Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Beschwerden
steht erst am Anfang. «Es gibt mehrere Theorien zur
Erklärung der von den Verbrauchern beobachteten
Glutensensitivität. Eine dieser Theorien geht davon
aus, dass Patienten, die auf Gluten reagieren, an einer
vorübergehenden Störung des Magen-Darm-Trakts
leiden. Ursachen dafür können unter anderem eine
unausgewogene Ernährung oder die Einnahme von
Antibiotika sein. Beide Faktoren bringen die MagenDarm-Flora potenziell aus dem Gleichgewicht.
Jüngste Studien legen einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Darmflora und
einer Reihe von Volkskrankheiten wie Übergewicht
und Diabetes nahe. Welche Rolle einzelne Bestandteile von Getreide – etwa verdauliche und unverdauliche Fasern, aber auch Gluten – spielen, ist noch
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Ernährungstrends
WAS IST GLUTEN?
Gluten ist ein Stoffgemisch aus verschiedenen Proteinen. Technologisch ist Gluten aufgrund seiner netzwerkbildenden Eigenschaften von Bedeutung. Dies erlaubt beispielsweise die Ausbildung
eines Teiggerüstes und damit das Backen von Brot in Form eines
Laibs mit Lufteinschlüssen und ist für das Zusammenhalten und
die Al-dente-Textur von normaler Pasta verantwortlich.
Die bekanntesten Körner, welche kein Gluten enthalten und bei der
Beachtung aller Vorschriften zertifiziert werden können, sind Mais,
Reis, Hirse, Sorghum, Quinoa und in einigen Ländern Hafer. Auch
Hülsenfrüchte enthalten kein Gluten.
Die Struktur herkömmlicher und glutenfreier Pasta
Konventionelle Pasta
Ein Proteingerüst
(Gluten)
gibt der Pasta
ihre Struktur.
Die Stärkekörner
sind in das
Proteingerüst
eingebettet.
Weizenpasta
Glutenfreie Pasta
Gequollene
Stärke
gibt der Pasta
ihre Struktur.
Reispasta
Bei glutenfreier Pasta gibt qequollene Stärke
die Struktur.
Protein
ist in die
gequollene
Stärke
eingebettet.
nicht abschliessend geklärt. «Die Auswirkungen des
Gluten von den Effekten anderer Getreidebestandteile zu trennen, ist eine Herausforderung für die
Wissenschaft. Über die Wirkung einzelner Weizenbestandteile ist bisher noch wenig bekannt. Dagegen konnten in gross angelegten wissenschaftlichen
Studien die positiven Langzeitwirkungen des Verzehrs von Vollkornprodukten belegt werden», sagt
Dr. Nadina Müller, Leiterin Nutrition Program bei
Bühler. «Bühler möchte verstehen, was die beobachtete Glutensensitivität auslöst, um Prozesse für die
Herstellung neuer Produkte entwickeln zu können.
In diesen Produkten könnten beispielsweise die Weizenbestandteile so modifiziert werden, dass sie keine
Magen-Darm-Beschwerden verursachen, sondern
das Wohlbefinden der Konsumenten sogar fördern.»
Mit Blick auf dieses langfristige Ziel baut Bühler die
Zusammenarbeit mit renommierten Forschungsinstituten auf.
Lagern, Reinigen, Mahlen
Wer glutenfreie Nahrungsmittel herstellt, muss die
gesamte Lieferkette, vom Getreideanbau bis zum
Handel, kontrollieren und zertifizieren. Glutenfreie
Produkte können mit den bewährten Lösungen von
Bühler gelagert, gereinigt und gemahlen werden.
Glutenhaltige und glutenfreie Rohstoffe müssen
während des Transports, im Lager und während der
Verarbeitung unbedingt getrennt werden, damit eine
Kreuzkontamination ausgeschlossen ist.
Samen werden in der Regel nur dann als
«glutenfrei» zertifiziert, wenn der Glutenanteil
nicht mehr als etwa 1 Prozent beträgt. Trotz aller
Vorsichtsmassnahmen lässt sich eine geringe Kreuzkontamination von wenigen Prozent meist nicht
vermeiden. Ende 2014 führte Bühler seine neue
SORTEX-A-Linie ein. Wie die bewährten SORTEXGeräte lassen sich die optischen SORTEX-A-Sortierer mit einer Farberkennung und der starken
InGaAs-Technologie ausrüsten. Diese sortieren glutenhaltige Körner nach Farbe, Form und Grösse aus.
In eine vorhandene Reinigungsanlage von Bühler
integriert, können SORTEX-A-Geräte je nach Rohstoffqualität den Glutengehalt im Getreide auf unter
1 Prozent reduzieren.
Trendprodukt Quinoa
Quinoa liegt zurzeit sehr stark im Trend – ob als
gesundes Lebensmittel, als Zutat in Pastamehl oder
in Frühstückscerealien. Das aus den Anden stammende, hirseähnliche Korn gilt als sehr gesund, da
es viel Eiweiss und zahlreiche Mineralien, vor allem
Magnesium und Eisen, enthält. Die Körner müssen
allerdings zunächst aufbereitet werden, da ihre
Schale einen Bitterstoff enthält, der die Pflanze
gegen Insekten schützt. In Peru wäscht man Quinoa
traditionell in grossen Stoffsäcken im Fluss. Für die
industrielle Entschalung bietet Bühler eine vertikale
Schälmaschine an, mit der die Schalen trocken entfernt werden können. Zur weiteren Verarbeitung des
Korns hat Bühler unter anderem Extrusionsanlagen
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Ernährungstrends
Weizen ist besser als sein Ruf
Um Gluten zu vermeiden, haben viele Weizen vom Speiseplan verbannt.
Prof. Fred Brouns hält dies in den meisten Fällen für unnötig.
diagramm: Welche wichtigen Fakten
zum aktuellen Trendthema «glutenfreie
Ernährung» sollten wir kennen?
Fred Brouns: In Amerika fragen über
40 Prozent der Menschen nach glutenfreien Produkten. In Australien sind es
ungefähr 15 Prozent. In Europa steigt
die Zahl der «Glutenmeider» – genaue
Zahlen liegen allerdings nicht vor. In
den Niederlanden liegt die Zahl laut
vorläufigen Angaben bei etwa 15 Prozent. Jedoch leiden nur 0,7 bis maximal
2 Prozent der Weltbevölkerung unter
Zöliakie, und bei weiteren 2 Prozent
wird in einem Pricktest eine Glutenunverträglichkeit nachgewiesen. Vorstudien zufolge reagieren 30 Prozent der
Personen mit Reizdarm-Syndrom positiv auf die Vermeidung von Weizenprodukten. Dies entspricht weiteren 5 Prozent der Bevölkerung. Insgesamt
profitieren also 8–9 Prozent der Bevölkerung von einer weizenfreien Ernährung, d. h. ein wesentlich geringerer
Anteil als die Zahl der Glutenmeider.
Fragt man den restlichen Teil der
Bevölkerung, warum er auf glutenhaltige Lebensmittel verzichtet, so wird
mehr als die Hälfte der Befragten antworten, dass eine weizenfreie Ernährung gesünder sei. Meist beziehen sich
die Befragten dabei auf die Empfehlung
eines Familienmitglieds oder Informationen aus Fernsehen und Internet. Es
liegen keine Daten vor, die bestätigen,
dass Personen ohne medizinische
Beschwerden (Zöliakie, Allergie), Weizen oder Gluten vermeiden sollten.
Wenn aber viele Menschen davon berichten, dass sie sich besser fühlen,
sollten wir versuchen, die Ursache
nachzuvollziehen? Handelt es sich um
eine tatsächliche Wirkung oder einfach
um Erwartungen, d. h. psychologische
Faktoren?
Wissen Personen, die Gluten in ihrer
Ernährung aus nichtmedizinischen
Gründen vermeiden, was Gluten ist?
Nein, in der Regel haben die meisten
Verbraucher keine Ahnung, was Gluten
ist. Behaupten aber viele Leute in
Ihrem Umfeld, dass «etwas schlecht
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für Sie ist», fangen Sie an, das zu glauben. Dieses Phänomen nennt man
Nocebo-Effekt (das Gegenteil des Placebo-Effekts). Wenn Ihnen jeder erzählt, dass ein bestimmtes Lebensmittel nicht gut für Sie ist, fühlen Sie sich
automatisch besser, wenn Sie dieses
Lebensmittel von Ihrem Speiseplan
streichen.
Sind Sie der Meinung, dass künftig also
wieder mehr Weizen gegessen wird?
Es gibt keinerlei Erkenntnisse, die
bestätigen, dass die allgemeine Bevölkerung keinen Weizen essen sollte. In
einer kürzlich durchgeführten, sehr
gross angelegten Studie (>100’000 Teilnehmer) wurden die gesundheitlichen
Auswirkungen des Verzehrs von Vollkorngetreide (das hauptsächlich aus
Weizen besteht!) untersucht. Der Studie zufolge wirkte sich der Verzehr
positiv auf Herz, Diabetes- und Darmkrebsrisiko aus. Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass der Verzehr
von Weizen zu Übergewicht und Diabetes führt. Vollweizen- und andere
Vollkornweizen sind eine wichtige
Quelle für Ballaststoffe und Mineralien, wie zum Beispiel Magnesium und
Zink, und gehören deshalb zur täglichen gesunden Ernährung dazu.
Ich schätze, dass die wohltuende Wirkung einer glutenfreien
Diät auf die Bevölkerung, die dem
Trend aufgrund des Nocebo-Effekts
folgt, in zwei bis drei Jahren verschwinden wird, wie es ähnlich auch bei anderen Ernährungstrends wie Atkins und
Montignac der Fall war. Ich gehe davon
aus, dass der Anteil der Bevölkerung
mit weizenglutenfreier Diät in naher
Zukunft 10–12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen wird.
Trotz allem hat das aktuelle
Interesse auch etwas Gutes! Damit
wird unglaublicher Druck auf die
Lebensmittelindustrie ausgeübt, die
schmackhafte, glutenfreie Produkte
herstellen muss! Für Personen, die
wirklich lebenslang auf eine glutenfreie Diät angewiesen sind, ist dies eine
erfreuliche Entwicklung.
PROF DR. FRED BROUNS
Fred Brouns promovierte in Ernährungsphysiologie an der Maastricht
University in den Niederlanden. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung
im Bereich Biowissenschaften und
Health Nutrition und war Leiter für
F&E-Aufgaben bei Wander Dietetics,
Sandoz Nutrition, Novartis Nutrition,
Eridania Beghin Say, Cerestar Ltd und
Cargill Inc, USA. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen und referiert
weltweit im Bereich Biowissenschaften und Ernährung. Heute hat er einen
Lehrstuhl in Health Food Innovation
an der Faculty of Health, Medicine and
Life and Sciences innerhalb des Forschungsinstituts NUTRIM-School of
Nutrition and Translational Research
in Metabolism der Maastricht University inne.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Ernährungstrends
Maispasta ist glutenfrei.
Die Quinoapflanze gilt als besonders gesund.
für die Herstellung von Cerealien im Angebot. Die
Rezepturen können Quinoa oder andere glutenfreie
Rohstoffe enthalten. Auch Hafer und Hülsenfrüchte
sind als glutenfreie und nährstoffreiche Alternativen
zu Weizen interessant. Während Hafer für seinen
hohen Betaglucan-Gehalt bekannt ist, haben Hülsenfrüchte in den vergangenen Jahren vor allem als
hervorragende Eiweisslieferanten und aufgrund
ihres hohen Gehalts an Ballaststoffen und Mikronährstoffen stärkere Beachtung gefunden. Das
bevorstehende Internationale Jahr der Hülsenfrüchte (2016) dürfte die Nachfrage nach Produkten
aus diesen Rohstoffen erhöhen. Im Rahmen einer
internationalen «Arbeitsgruppe Hülsenfrüchte» hat
Bühler eine ganze Reihe von Technologien für die
Verarbeitung von Erbsen, Linsen & Co. entwickelt.
Glutenfreie Pasta
Die Nachfrage nach glutenfreier Pasta ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Mit der vor mehr als zehn
Jahren eingeführten Polymatik™-Presse besitzt
Bühler die ideale Technologie für die Herstellung
von glutenfreier Pasta. «Ursprünglich war diese
Lösung als Alternative für Regionen gedacht, in
denen es kaum Weizen gibt», sagt Beatrice Conde,
Konzernexpertin für Lebensmitteltechnologie bei
Bühler. «Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir schon
praxiserprobte Technologien im Programm hatten,
als der Trend zu glutenfreien Nahrungsmitteln aufkam. Im vergangenen Jahr verzeichneten wir einen
überproportionalen Umsatzzuwachs», sagt Andreas
Kratzer, Leiter der Business Unit Pasta & Noodles.
Mit den flexiblen und langjährig erprobten Technologien von Bühler ist es möglich, sehr hochwertige
Pastaprodukte herzustellen. Als weltweit einziges
Unternehmen bietet Bühler mit der Polymatik™Presse eine Anlage an, die nicht nur glutenfreien
Pastateig herstellen, sondern ihn auch formen kann.
Ein weiterer Vorteil dieser Pastapresse: Sie lässt sich
mit minimalem Aufwand von der Herstellung konventioneller Produkte auf die Verarbeitung glutenfreier Rohstoffe umrüsten. Ausserdem beeindruckt
sie mit kurzen Durchlaufzeiten und lässt sich dank
ihrer First-in-first-out-Selbstreinigungsfunktion
leicht reinigen, was die rasche Umstellung von einer
Rezeptur auf eine andere ermöglicht.
Weitere Auskünfte erteilt:
Dr. Nadina Müller
Leiterin Nutrition Program
Bühler Uzwil
+41 71 955 16 70
[email protected]
ADDED VALUE
Beratungs-Know-how entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Grosses Produktportfolio für glutenhaltige und glutenfreie Getreide
sowie Hülsenfrüchte
SORTEX-A-Serie zur Reinigung kontaminierter Körner
Vertikale Schälmaschine zur Entfernung der Schale bei Quinoa
Einzigartige und etablierte Lösung zur Herstellung glutenfreier Pasta
Forschung in Zusammenarbeit mit Wissenschaft, um Ursachen
zu ergründen und Lösungen zu erarbeiten.
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Retrofit
Im Wüstenstaat Abu Dhabi gibt es kaum Landwirtschaft. Die meisten Grundnahrungsmittel werden importiert.
RETROFIT BEI GRAND MILLS IN ABU DHABI
Es kommt auf die Minute an
Grand Mills Abu Dhabi vermahlt 1’200 Tonnen Weizen pro Tag und
versorgt die mehr als 2 Millionen Menschen im gesamten Emirat.
Fällt die Mühle aus, gibt es kein Mehl in Abu Dhabi. Deshalb musste
Bühler die Modernisierung in kürzest möglicher Zeit durchführen.
Seit einigen Monaten schon diskutierten Area
Manager Helmut Gerber und Jochen Schneider von
Bühler mit dem Operations Director von Grand
Mills, Nizar Kayali, über eine dringend notwendige
Modernisierung der Grand-Mills-Mühle in Abu
Dhabi. Seit der Inbetriebnahme im Jahr 1999 hatte
sich die Welt sehr schnell gedreht und Software
sowie Steuerungen waren veraltet. Nun war es an
der Zeit, die Steuerung der Anlage grundsätzlich
neu aufzusetzen, einen «Retrofit» durchzuführen.
Die neue Software WinCos ermöglichte jetzt ausserdem zeitgemässe Funktionen, wie die Produktverfolgung oder die zentrale Überwachung auf dem
Bildschirm. «Einverstanden», sagte Kayali, als sie
die technischen Eckdaten und den Preis verhandelt
hatten, «ich muss aber die Umbauphase auf
24 Stunden beschränken. Länger können wir die
Produktion nicht unterbrechen.»
«Das ist ja mal eine echte Herausforderung», dachte Jochen Schneider. Normalerweise
rechnet er für den Umbau einer derart grossen
Anlage mit einer Woche Stillstandszeit, um alle
Arbeiten gewissenhaft durchführen zu können.
Aber Kayali wusste genau, dass er Bühler ein biss-
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chen fordern und trotzdem sicher sein konnte, dass
sein Geschäftspartner das Resultat in gewohnter
Qualität abliefern würde. Alle Dinge, die man vorab
und «nicht am offenen Herzen», also vor Ort erledigen musste, sparten während des Retrofits wertvolle Zeit.
Das Grand-Mills-Team rund um Nizar
Kayali musste auch einen Beitrag leisten und seine
Lagerhallen randvoll auffüllen sowie sämtliche
Absackzellen vor der Operation mit Mehl befüllen,
so dass auch während des Umbaus Bestellungen
abgewickelt werden konnten.
Das Retrofit-Team reiste in Abu Dhabi an
und richtete alles ein. Der Countdown lief. Am
Stichtag, dem 15. Mai 2014, standen an jedem der
vier Schaltschränke zwei aufeinander eingespielte
Fachleute, die sich parallel um Soft- und Hardware
kümmern würden. Nach zwölf Stunden wurden sie
durch die Männer der zweiten Schicht abgelöst. Es
war mucksmäuschenstill in den sonst lärmenden
Maschinenhallen. Konzentration. Jeder Handgriff
sass. Der Umbau dauerte nicht einmal 24 Stunden.
Danach testeten und modifizierten sie die Parameter, vor allem die Netz- und Notauskreise. Alle
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Retrofit
Drei Fragen an Nizar Kayali
diagramm: Warum haben Sie das
Retrofit an Ihrer Anlage vorgenommen?
Welche Vorteile haben Sie sich vom
Retrofit versprochen?
Nizar Kayali: Das bestehende Betriebssystem war überholt und die Ersatzteile
waren nicht mehr lieferbar, so dass häufig altersbedingte Störungen der SPSHardware auftraten, die zu Stillstandszeiten der Produktionsanlagen führten.
Der Mele-Remote-Support gestaltete
sich als äusserst schwierig, da die Kommunikation ausschliesslich über ISDNLeitungen hergestellt wird. Die SupportMöglichkeiten des Bühler Teams waren
dadurch begrenzt, und Techniker mussten vor Ort kostspielige Unterstützung
leisten. Im Rahmen der Umrüstung erhielt die Anlage ein neues Betriebssystem und erweiterte Funktionen, es wurden die erforderlichen Aufrüstungen
unter Berücksichtigung der Lieferbarkeit von Ersatzteilen vorgenommen und
vor allem ein 24/7-Online-Support ein-
gerichtet. Zusätzlich profitiert die Anlage künftig von der Systemsicherheit
der SPS S7.
Sind die Ergebnisse des Retrofits Ihren
Erwartungen gerecht geworden?
Das Retrofit hat alle unsere Erwartungen voll erfüllt: Mit dem Bühler Team
verlief die Aufrüstung von der SPS S5
auf S7 bei nur minimalem Betriebsunterbruch reibungslos.
Wie haben Sie und Ihr Team die Umbauarbeiten durch das Bühler Team vor
Ort erlebt?
Uns beeindruckte die äusserst professionelle und gut organisierte Arbeit, die
sorgfältige Planung und vor allem die
pünktliche Fertigstellung des Projektes.
Die Zusammenarbeit mit Bühler war
insgesamt sehr kooperativ und transparent.
Männer sahen zu, als Kayali auf den Startknopf
drückte und der erste Teil der Anlage zum ersten
Mal nach dem Retrofit loslegte – und funktionierte.
Im Anschluss prüften sie die neu hinzugekommenen Prozesslinien und Erweiterungen rauf und
runter, welche in demselben Umbau in Betrieb
gesetzt werden konnten. Nach noch nicht einmal
48 Stunden lief die Anlage mit der neuen Steuerung
stabil und hundertprozentig zuverlässig. Jochen
Schneider erzählt, dass das Team immer noch sehr
stolz auf den schnellsten Retrofit dieser Grössenordnung in der Bühler Geschichte ist.
Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Silvan Trunz
Head of Sales and Quotation Automation
in Grain Milling
+41 71 955 12 21
[email protected]
ADDED VALUE
Technische Aufrüstung von Wägeelektronik
Einbindung von Ertragsrechner und NIR-Online-Kontrollgerät
Technische Unterstützung bei Umbau und Inbetriebnahme
Vermahlungstechnologie gepaart mit Automatisierungskompetenz
Kundendienst
Zuverlässigkeit und Kompetenz
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Neue Generation Centex™ T4/T5
COMEBACK VON BÜHLER VOLLRAUMMÜHLEN IN CHINA
Einfach weiterdenken
Der wichtige chinesische Titandioxid-Markt schien bereits verloren
für die Nassmahltechnik von Bühler. Schweizer Preise und
chinesischer Markt passten nicht zusammen. Doch Bühler fand
einen Weg, um mit neuen Ideen den Markt zurückzuerobern.
Centex™ T5, Qualitätscheck und Testlauf vor der Auslieferung zum Kunden.
Das Vertriebsteam rund um Zhao Nangang und
Mark Traber zog lange Gesichter. Wieder einmal
hatten sie wochenlang an einem Angebot für Rührwerkskugelmühlen zur Feinmahlung von Titandioxid gearbeitet. Angefragt hatte ein aufstrebender
chinesischer Kunde. Und wieder hatte ihr chinesischer Ansprechpartner gelächelt, bedauert und
abgelehnt. «So sorry! Wir vertrauen Ihnen uneingeschränkt und schätzen die Qualität der Anlagen von
Bühler. Aber wir können diese Preise einfach nicht
bezahlen.» Dabei hatten Mark Traber und sein
Team die Kosten mit einem sehr spitzen Bleistift
zusammengestrichen und gespart, wo es nur ging.
Da gab es gar keinen Verhandlungsspielraum mehr.
Jedenfalls nicht in den alten Denkweisen.
Deshalb setzte die Erfolgsgeschichte der
Centex im Jahr 2008 genau da an. Die Ingenieure in
Uzwil entwickelten eine komplett neue Generation
von Rührwerkskugelmühlen, die Centex™. Diese
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Technologie arbeitet auf einem wesentlich niedrigeren Energieniveau als die Vorläufer und kann
bis zu 6 Tonnen Titandioxid-Pulver pro Stunde produzieren, das sind gegenüber dem Vorgänger SuperTex™ rund 25 Prozent mehr Leistung. Die Partikel
werden weisser und feiner als zuvor, die Grössenverteilung enger, was für die Farb- und Lackindustrie
ebenso wie für die meisten anderen Produzenten
von Füllstoffen (Bulk Materials) die wesentlichen
Qualitätskriterien sind.
Aber Bühler brauchte noch einen weiteren Schachzug, um in China wieder auf Erfolgskurs
zu gehen. Bis dahin hatten sie immer wieder Aufträge vor allem gegen chinesische Wettbewerber
verloren. Denn diese bauten Schweizer oder deutsche Maschinen nach und verkauften sie in China
zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Nicht-chinesische Anbieter bekamen in Asien kaum mehr einen
Fuss auf die Erde. Warum aber sollte Bühler nicht
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TECHNOLOGIE & LÖSUNGEN / Neue Generation Centex™ T4/T5
selbst seine Maschinen für den asiatischen Markt in
China bauen? Je eigenständiger die Bühler Niederlassung in Wuxi dies schaffte, desto eher könnte das
Preis-Leistungs-Angebot im chinesischen Markt
bestehen. Das hiess im Klartext, Technologie von
Uzwil nach Wuxi zu transferieren. In der Folgezeit unterstützten erfahrene Ingenieure aus Uzwil
chinesische Kollegen mit Coachings. Bühler/Wuxi
erhielt eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung und – ganz entscheidendes Erfolgskriterium – es wurden sorgfältig zuverlässige lokale
Lieferanten ausgesucht, die die Qualitätsanforderungen von Bühler ohne Kompromisse erfüllten.
Der Plan gelang. Mit Wuxi Haopu
Titanium Co., Ltd. überzeugte Bühler einen Schlüsselkunden, der zunächst eine Centex™ T5 orderte,
in der Zwischenzeit bestellte er weitere sechs. Die
Preise, die Bühler heute anbietet, sind konkurrenzfähig auf dem chinesischen Markt und Leistung
sowie Zuverlässigkeit der Mühlen den chinesischen
Kopien weit überlegen.
In den letzten Jahren gewann Bühler
mit der Centex™-Technologie neben Wuxi Haopu
zahlreiche chinesische sowie koreanische und
indische Kunden. Denn als kluge Geschäftsleute
wissen alle, dass sich bei ausgezeichneter Qualität
und gutem Service höhere Initial-Investitionen
letztlich lohnen.
«Wir haben einen Markt zurückgewonnen, der schon verloren schien. Wuxi Haopu ist
sogar so zufrieden, dass sie uns in der Branche weiterempfehlen. Man darf sich halt nicht auf seinen
Lorbeeren ausruhen», resümiert Mark Traber,
Business Development Manager Asia für Grinding
& Dispersion.
Wissenstransfer: Ingenieure aus Uzwil unterstützten in Wuxi.
WAS KANN CENTEX™ BESSER?
Hohe Produktivität durch hohe Durchflussrate
– 10 –13 m3/h Durchsatz bei niedrigem Betriebsdruck
– Sehr grosse Abtrennsiebfläche
– Ecomizer™-Rührscheiben-Design mit Förderwirkung
Lange Lebensdauer, Verschleissfestigkeit
– Mahlraum und andere Kontaktteile aus elastischem
Polyurethan (PU) anstatt aus Stahl
– Elastisches Material sorgt für längere Lebensdauer
der Maschine
So sieht es Wuxi Haopu Titanium
«Wir sind mit den Centex™ T5 sehr zufrie­
den. Sie laufen äusserst stabil mit einer hohen
Durchflussrate, mahlen besser als die
Vorgänger und zeigen über einen langen Zeit­
raum kaum Verschleisserscheinungen am
Mahlraum. Sie sind wartungsarm, energie­
sparend und einfach zu bedienen. Bühler
hat uns ausserdem sehr stark bei der Prozess­
optimierung unterstützt und ist für uns ein
zuverlässiger und hilfreicher Geschäfts­
partner. Die höheren Anfangsinvestitionen
sind sehr gut angelegtes Geld.»
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Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Mark Traber
Business Development Manager Asia
Grinding and Dispersion
+41 71 955 23 62
[email protected]
Präzise Steuerung, stabile Produktion
– PLC-Steuerung
– Zielparameter können gesetzt werden
– Betriebsparameter können auf dem Monitor verfolgt werden
Energieeinsparung
– Energieeffizienter Betrieb durch innovatives Mühlendesign
– Weniger Energieverbrauch pro Tonne gemahlenem Produkt
– Aufgrund niedrigem Leistungseintrag kein Kühlwasser
erforderlich
Anwendungen der Cenomic™- und
Centex™-T4/T5-Technologie
– Füllstoffe wie TiO2, CaCO3, Talk, Bariumsulfat
– Pigmentdispersionen für Druckfarben und Lacke
– Elektroden-Slurries für Lithium-Ionen-Batterien
– Agro-Chemikalien: Pestizide, Herbizide
– Mahlung keramischer Stoffe
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KUNDE AUS GROSSBRITANNIEN
Spreu vom Weizen trennen
Die Whitworth Brothers Victoria Mills ist ein erstklassiges Getreide verarbeitendes
Unternehmen, das sich erfolgreich am hart umkämpften britischen Markt behauptet. Seit 15 Jahren begleitet Bühler jeden Schritt des Unternehmens – eine Beziehung,
die auf der gemeinsamen Leidenschaft für ideale Lösungen beruht.
VON DANIEL WHITAKER (TEXT) UND RAFFAEL WALDNER (FOTOS)
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Archäologen, Anthropologen und Historiker sind
sich einig, dass das Wissen um den Anbau und das
Mahlen von Getreide zur Verwendung als Nahrungsmittel der wichtigste Schritt auf unserem
Weg zur Zivilisation war. Brot wurde als «Grundnahrungsmittel» bekannt. Zweifelsohne hat das
Mahlen von Getreide zu Mehl entscheidend zum
grossartigen Erfolg des Familienunternehmens
Whitworth Brothers beigetragen. Die Firma
betreibt die vermutlich modernste Mühle der Welt
in Wellingborough in den East Midlands, Grossbritannien.
In den letzten Jahren verzeichnete das
Unternehmen ein erstaunliches Wachstum. Bei der
Übernahme durch den derzeitigen Eigentümer
Martin George im Jahr 1998 erreichte Whitworth
Brothers Limited kaum einen Anteil von 2 Prozent
am britischen Müllereimarkt. Heute jedoch ist das
Unternehmen mit einem Anteil von mehr als einem
Viertel am freien Mehlmarkt der grösste Akteur.
Der Kampf um das britische Brot
Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, da
der Mehlmarkt in Grossbritannien – mit weit über
einer Milliarde Euro – nicht nur gross ist, sondern
auch welt weit als der vielleicht anspruchsvollste
Handelsmarkt gilt. Maritimes Klima mit unerwarteten Wetterfronten vom Atlantik und der Nordsee
machen die Getreideernte versorgungstechnisch
sowohl hinsichtlich der Qualität als auch der Erntemenge zu einer unberechenbaren Aufgabe.
Roger Butler, seit 2000 Managing Director bei Whitworth, hält dem letzten Nach mittagslicht von Northamptonshire am modernen
Whitworth-Standort der Victoria Mills zwei Weizenkörner entgegen. Beide Körner stammen aus dem
Herzen des britischen «Weizengürtels», den flachen,
fruchtbaren Grafschaften östlich des M1 Motorway.
Dieser Teil des Landes ist besser vor dem Regen
geschützt als der westliche Teil des Landes, der regelmässig von heftigen Niederschlägen heimgesucht
wird. Roger Butler beschreibt eines der Körner liebevoll als «ein ent zückend pralles Kugellager, das
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KUNDENSTORIES / Whitworth Brothers
Bühlers neueste Walzenstühle Antares beherrschen den Walzenboden.
DER MÜLLEREIMARKT IN GROSSBRITANNIEN
– Weizenernte in GB:
– Gemahlener Weizen:
– Ausfuhr von Weizen:
– Einfuhr von Weizen:
– Produziertes Mehl:
11,92 Mio. Tonnen
7,50 Mio. Tonnen
1,48 Mio. Tonnen
1,63 Mio. Tonnen
4,95 Mio. Tonnen
51 %
8%
11 %
2%
28 %
Weissbrot
Misch- und Vollkornbrot
Gebäck
Kuchen
Stärke und Sonstiges
(Alle Zahlen für 2013/14 geschätzt;
Quelle: National Association of British and Irish Millers)
– Kapazität für die Mehlproduktion bei Victoria Mills:
800 Tonnen pro Tag
– Neue, von Whitworth Bros. erprobte Weizensorten:
50 –100 pro Jahr
– Inbetriebnahme der originalen Victoria-Getreidemühle
mit Dampfantrieb:
1886
– Eröffnung der weltweit ersten Getreidemühle
mit Dampfantrieb (Albion, London):
1786
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gerade lang genug ist, um die darin enthaltenen
minimalen Lufteinschlüsse erkennen zu lassen». Das
Korn stammt aus dem recht guten Erntejahr 2013.
Sein Blick trübt sich jedoch, als er auf das zweite,
kleinere, kümmerliche Korn aus dem verregneten
Sommer 2012 zeigt, das Roger Butler als «schockierend» beschreibt. Diese zweite Probe lässt sich
«kaum zum Mahlen verwenden», erklärt er.
Die heimische Ernte besitzt deshalb
einen so hohen Stellenwert, weil weniger als 15 Prozent des gemahlenen Weizens in Grossbritannien
Importware ist, die hauptsächlich aus Kanada,
Deutschland und Frankreich stammt. Die Müller
benötigen daher ein umfassendes Know-how,
um analysieren zu können, welche Ressourcen
ihnen zur Verfügung stehen und wie sie ihren
Mahlvorgang an die jeweiligen Gegebenheiten
anpassen können.
Auch die Nachfragesituation in Grossbritannien gestaltet sich nicht unbedingt einfacher.
Einerseits besteht eine altbewährte und traditionelle Vorliebe für ein breites Sortiment an Backwaren – von geschnittenem, industriell gefertigtem
Weissbrot über handwerklich hergestelltes Vollkornbrot bis hin zu Biskuitgebäck, Crumpets,
Früchtebroten und sonstigen Backwaren. Andererseits bedeutet das Bevölkerungsmosaik in Grossbritannien mit seinem kosmopolitischen Geschmack
für Whitworth aber auch, die Anforderungen für
indisches Chapati, polnisches Roggenbrot und nahöstliche Fladenbrote zu kennen. Aufgrund der multiplen Herausforderungen, die sich in diesem Markt
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KUNDENSTORIES / Whitworth Brothers
DER VERMAHLUNGSPROZESS
Endosperm
Kleie
Keim
Das Weizenkorn – seine drei verschiedenen
Bestandteile werden beim Mahlen getrennt.
Victoria Mills kann eine Vielzahl verschiedener Weizenqualitäten verarbeiten, darunter auch «hartes»
Getreide mit hohem Proteingehalt – das zu Mehl verarbeitet wird, welches beim Backen optimal die Form
beibehält. Etwa 80 Prozent des Getreides machen
den Mehlkörper aus, der als wichtigster Rohstoff für
das spätere Mehl dient. Der restliche Teil, d. h. Keimling und Kleie, wird in der Regel in Form von Pellets
als Futtermittel verwendet. Je nach Verwendungszweck variiert die Verarbeitung jedoch sehr stark: So
wird bei Vollkornmehl das gesamte Korn verwendet,
während für Weissmehl beispielsweise nicht viel
mehr als die Hälfte des Korns genutzt wird. Die für
die Vermahlung zuständigen Mitarbeitenden mischen
das Getreide sorgfältig gemäss dem jeweiligen Auftrag. Dieses Erzeugnis wird auch als «kontrolliertes
Mahlgut» bezeichnet. Seit 2003 kommt ein «Schälprozess» zum Einsatz, bei dem die Aussenhülle des
Korns und somit auch Rückstände von Schädlingsbekämpfungsmitteln entfernt werden. Am Standort
Victoria Mills wurde dieses Verfahren zum ersten Mal
angewendet; mittlerweile kommt es aber weltweit
zum Einsatz. Die Hauptmahlung erfolgt durch riesige
Walzenstühle, die den Grossteil der «Walzebene» der
Anlage einnehmen und das Korn aufbrechen. Ein
pneumatisches Ansaugsystem mit Zyklonabscheidung fördert das Mahlzwischenprodukt zur obersten
Ebene. Abschliessend durchläuft das Mahlgut den
«Sichter», in dem es durch einen leistungsfähigen
Rüttelvorgang in seine verschiedenen Bestandteile
aufgeteilt wird. Von hier gelangt das Mahlgut über
Kleieschleudern nach unten zum «Auslass», bevor
das Mehl schonend auf einem Kettenförderer gesammelt wird. Dieses Verfahren ist aus sanitären Gründen dem eher traditionellen Schneckenmechanismus
zur Entnahme von Mehl vorzuziehen. Ein pneumatischer Förderer transportiert das fertige Mehl zum
Mehlsilo und zu Verladebehältern.
Das Sichten mit zweifacher Kontrolle dient als
vorsorgliche, abschliessende Massnahme zur Vermeidung von Verunreinigungen im Mehl. Für die
Untersuchung des Endproduktes wird die Nah-Infrarot-Technologie (NIR) verwendet. Dabei werden
Mineralstoff-, Protein-, Feuchtigkeits- und Stärkegehalt überprüft.
aus der Verarbeitung der Ressourcen und der
Bereitstellung der fertigen Produkte ergeben, wird
die benötigte Technik in der Regel vor allen anderen
Müllereimärkten in Grossbritannien entwickelt.
Eine Technologiepartnerschaft
Um als Müller in Grossbritannien zu überleben
geschweige denn einen Erfolg wie Whitworth zu
verzeichnen, ist ein gutes Gespür für Investitionen
unabdingbar. Es muss in Mitarbeitende, in Beziehungen zu Lieferanten und Kunden, in erster Linie
aber in die Mahlmaschinen investiert werden. Vor
15 Jahren wählte Whitworth Bühler zu seinem
Haupttechnologiepartner, und gemeinsam haben
die beiden Unternehmen Victoria Mills zur heute
wahrscheinlich fortschrittlichsten Müllerei der
Welt gemacht.
Roger Butler fasst die Gründe für Whitworths Entscheidung wie folgt zusammen: «Bühler
stellt herkömmliche Strukturen infrage. Ebenso
wichtig ist, dass das Unternehmen seine Versprechungen einhält. Wenn es sich einer Herausforderung gegenübersieht, dann meistert es diese.» Gleiches gilt für Whitworth, und das Ergebnis ist eine
Anlage, die jährlich über 700’000 Tonnen Mehl
produziert – gegenüber gerade einmal 85’000 Tonnen im Jahr 1999 bei der Übernahme durch Martin
George. Neben Maschinen zur Herstellung von herkömmlichem Mehl besitzt das Unternehmen inzwischen vier Wärmebehandlungsanlagen, die im Vergleich zu den meisten Wettbewerbern zusätzliche
Kapazitäten schaffen.
Moderne Griessputzmaschinen trennen die Stärke vor der
Feinvermahlung.
Die erhöhten Produktionsmengen und das erweiterte Produktsortiment sind allerdings vielmehr
die Folge als der Grund für Whitworths Erfolg. Dieser Erfolg hat sich durch Qualitätskontrolle und
Lebensmittelhygiene, auf die sich die Kunden rundum verlassen können, sowie durch Effizienz eingestellt, welche dauerhaft wettbewerbsfähige Preise
ermöglicht.
Fokus auf Hygiene
Operations Director Mike Peters demon striert
begeistert die am Standort Victoria Mills ablaufenden Prozessschritte. Der Weizen wird der Anlage
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KUNDENSTORIES / Whitworth Brothers
Verladung aus einem der 20 riesigen Silos von
Victoria Mills, die jeweils mehr als 100 Tonnen
Mehl beinhalten, auf eines der 120 Transportfahrzeuge des Unternehmens.
Bei Victoria Mills ist korrosionsbeständiger Stahl allgegenwärtig. Dieser soll eine
Produktverunreinigung, beispielsweise durch abgelöste Farbpartikel, vermeiden.
Martin Georges Familienunternehmen
Martin George,
Präsident des Verwaltungsrats.
«Ein wesentlicher Aspekt
ist, dass dieses Unter­
nehmen ein langfristig
planender Familien­
betrieb ist.»
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Hinter Martin George hängt ein Porträt seines Grossvaters, der als Lernender bei Whitworth Brothers
begonnen hatte, bevor er die damaligen Eigentümer
überzeugen konnte, das Unternehmen in den 1930erJahren an ihn zu verkaufen. Beide Männer blicken recht
zufrieden auf das, was sie erreicht haben. Seit Martin
George das Unternehmen 1997 durch Auszahlung seiner Brüder und Familie selbst in die Hand nahm, wurden Veränderungen im grossen Stil vorgenommen.
Zunächst erfolgte eine neue Fokussierung auf
den Mahlvorgang, während andere Geschäftsfelder
wie Bäckereierzeugnisse und Kochzutaten abgetreten wurden. Daran schloss sich die nachhaltige Vergrösserung des Unternehmens an, welche die Whitworth Bros. vom zwölften auf den ersten Platz der
nationalen Mehlproduzenten verhalf und die Produktion in nur einem Jahrzehnt von 100’000 Tonnen
Mehl auf eine Million Tonnen Mehl pro Jahr ansteigen
liess. Für diesen Erfolg waren die unermüdliche
Konzentration auf die Qualität der Technik und die
Kostenkontrolle massgeblich.
«Wir hatten Glück mit unserem Standort», gibt
Martin George zu und meint damit die Nähe der
Victoria Mills zu den weitreichenden Weizenanbaugebieten und dem wichtigsten britischen Strassennetz,
«ausserdem haben wir mit Sicherheit das Beste aus
dem gemacht, was uns zur Verfügung stand.» Auf der
anderen Seite des Flusses Nene – der einst Wassermühlen antrieb und als Verkehrsweg diente – stehen
heute verlassene Schuh- und Bekleidungsfabriken,
die sehr beeindruckend widerspiegeln, was mit Unternehmen geschieht, deren Eigentümer sich nicht angemessen anpassen und unzureichend investieren.
«Ein wesentlicher Aspekt ist, dass dieses Unternehmen ein langfristig planender Familienbetrieb ist»,
weiss Martin George. Bei öffentlichen Gesellschaften
werden gegebenenfalls Einsparungen zugunsten der
Quartalsergebnisse vorgenommen oder das Unternehmen wird für einen schnellen Gewinn verkauft.
«Unsere Mitarbeitenden, Lieferanten und Kunden wissen aber, dass wir alle nötigen Investitionen tätigen
und unseren Standort niemals aufgeben werden.»
Doch nicht nur Martin George ist Whitworth seit
jeher persönlich verbunden. Roger Butlers Vater Bill
beispielsweise war der Vertriebsleiter für Martin
Georges Vater. Mittlerweile arbeitet der Bruder des
derzeitigen Finanzdirektors für Martin Georges Sohn
Michael in einer Private-Equity-Firma, was für beide
den Beginn einer späteren Karriere bei Whitworth
Bros. bedeuten könnte.
Die Beziehung zu Bühler beschreibt er beinahe
so, als handle es sich um ein Familienmitglied. Die
erfolgreiche Bewältigung zahlreicher Herausforderungen hat beide Unternehmen mit Sicherheit eng
zusammengeschweisst. Martin George zählt die
umgesetzten Innovationen auf: «Individuelle Lagerbehälter; der erste Walzenstuhl auf dem Dach des
Gebäudes; ein Grad der Automatisierung, durch den
ein Müller vier Mühlen bedienen kann. Wir haben auf
unserem Weg viel dazugelernt.»
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KUNDENSTORIES / Whitworth Brothers
zugeführt, gereinigt, gemahlen und in Futterweizen – der pelletiert wird – und Mehl getrennt. Zum
Schluss werden beide Sorten als Schüttgut in die
gelben Whitworth-Lastwagen geladen, die wohl
jedem bekannt sind, der auf den englischen Hauptverkehrsstrassen unterwegs ist. Mike Peters hebt an
dieser Stelle insbesondere die Qualitätskontrolle –
die mittels automatisierter Regelkreise und optional zuschaltbarer Qualitätsprüfungen nach BestPractices-Verfahren erfolgt – und das hygienische
Design hervor. Zudem erläutert er, warum dies so
wichtig ist: «Die Bestimmungen zur Lebensmittelsicherheit in Grossbritannien zählen zu den strengsten weltweit. Darüber hinaus besitzt der Schutz
unserer eigenen Reputation sowie der Reputation
und der Marke des Kunden oberste Priorität. Deshalb legen wir ständig Wert auf Filter. Gummidichtungen wurden durch langlebigeres Metall ersetzt
und Teile, die früher weiss gestaltet waren, sind
heute blau gekennzeichnet, damit sie sich vom Mehl
abheben.»
Bei der Betrachtung der Mahlmaschinen
fällt zuerst der Glanz des korrosionsbeständigen
Stahls ins Auge. Ernst Hobi von Bühler, der die
bestehende Anlage am Standort in enger Zusammenarbeit mit Whitworth etabliert hat, beschreibt,
Durch die vollständige Automatisierung kann ein Müller
vier separate Getreidemühlen überwachen.
warum dies erforderlich ist. «Mit korrosionsbeständigem Stahl wird zwar ein hochpreisiger
Werkstoff verwendet, dieser gewährleistet jedoch,
dass das Mehl nicht durch abgelöste Farbpartikel,
Metallbeschichtungen oder Rost verunreinigt wird.»
Im Laufe der Jahre hat Roger Butler das technische
Know-how von Bühler im Bereich Metallurgie und
Beanspruchung von Maschinen als entscheidenden
Wettbewerbsvorteil schätzen gelernt. Ohne spezielle Vorkehrungen können an ursprünglich nützlichen Maschinenteilen allmählich Risse, unerwünschte Schwingungen und Schäden entstehen,
die mit zusätzlichen Kosten verbunden sind oder
schlimmere Folgen haben: Sie gefährden die Sicherheit und die Hygiene des Mehls. Ernst ergänzt noch
einen weiteren Vorteil der Komponenten aus korrosionsbeständigem Stahl: «Dieses Material erfüllt
nicht nur eine Funktion, sondern sieht auch noch
wunderschön aus. Wir sind Ingenieure, aber wir
haben auch Gefühle.»
In guten wie in schlechten Zeiten
Whitworth unterhält weitere enge Beziehungen zu
verschiedenen Akteuren. Camgrain ist eine landwirtschaftliche Genossenschaft mit einer Lagerkapazität von über einer halben Million Tonnen, die
Getreide von Landwirten beschaffen und für
Whitworth bereitstellen kann. Über Camgrain
unterstützt Whitworth seine ihn beliefernden
Landwirte in schwierigen Zeiten. Beide Unternehmen arbeiten in immer engerer Zusammenarbeit
auf das gemeinsame Ziel hin, die Produktqualität
auf einem gleich hohen Niveau zu halten. Auch im
Hinblick auf die Zufriedenheit der Mühlenmitarbeiter, einschliesslich der Lernenden, führt Whitworth vor zahlreichen Wettbewerbern.
Die Zusammenarbeit mit Bühler ist in
der Tat von ganz besonderer Natur und hat sich
nach dem von Roger Butler bereits beschriebenen,
«schockierend» schlechten Erntejahr 2012 noch
verstärkt. Jenes Jahr stellte die britischen Müller
auf eine harte Probe, denn schliesslich verlangten
ihre Kunden ein gleichbleibendes Produkt, das mit
dem verfügbaren Getreide offensichtlich nicht zu
gewährleisten war. Durch die von Bühler bereitgestellten analytischen und rezeptbasierten Anpassungen sowie Steuerungsfunktionen konnten die
fachkundigen Müller von Whitworth jedoch ihre
Mischungen und Verarbeitungen der Getreidekörner variieren, bis ein akzeptables Mehl entstanden
war. Whitworth Brothers meisterte diese Phase mit
Bravour – so war das Unternehmen beispielsweise
als einzige Müllerei in der Lage, sämtliche Märkte
der Supermarktkette «Sainsbury’s» mit ausschliesslich in Grossbritannien produziertem Weizen
beliefern zu können. Roger Butler berichtet, dass
«Bühler uns eine Flexibilität im Mahlprozess
ermöglicht, mit der wir auch einem sehr schwierigen Erntejahr gewachsen sind. Das wissen wir
wirklich zu schätzen.»
Mehrere Plansichter kalibrieren die Mehlpartikel.
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CTO-KOLUMNE / Ian Roberts
Das Internet der Dinge
Das Internet der Dinge verbindet Wirtschaftsgüter aller Art
via Internet. Dies eröffnet vielfältige neue Chancen für
alle Wirtschaftszweige im Business-to-Business-Bereich.
Das Internet der Dinge (englisch «Internet of
Things», kurz «IoT»), «Internet of Everything»,
«Industrial Internet» oder «Industrie 4.0» wird in
seinen verschiedenen Ausprägungen das Geschäft
mit Geschäftskunden in allen Branchen grundlegend verändern. Ähnlich wie Internet, Social Media
und Mobilgeräte das Geschäft mit Privatkunden
und den allgemeinen gesellschaftlichen Umgang
neu definiert haben.
Regierungsprogramme, zum Beispiel in
Deutschland, den USA und Japan fördern die IoTbasierte Forschung und Entwicklung. IoT wird in
den nächsten 20 Jahren schätzungsweise erstaunliche USD 10–20 Bio. zum Bruttoinlandsprodukt
beitragen. Heute besitzen mehr Menschen Mobiltelefone als Menschen Zugang zu fliessendem Wasser, und täglich finden mehr als 2 Milliarden soziale
Interaktionen statt. Einzelhandel und Medien
haben immense Geschäftseinbrüche erlebt, während die Industrie nun aus diesen Beispielen lernen
und die neuen Chancen nutzen kann.
Die Möglichkeiten des IoT zur
Verbesserung der Prozesseffizienz, Reduzierung ungeplanter Ausfallzeiten,
Bereitstellung vorausschauender Instandhaltung oder Fernwartung sind
aufgrund bisheriger Entwicklungen
nicht mehr technisch beschränkt. Unsere Lösungen im Bereich des optischen Abtastens und Sortierens sichern
Qualität und schützen Werte. Die Steuerung der Lebensmittelsicherheit und -qualität bringt neue
Generationen intelligenter
Prozesse hervor.
Darüber hinaus
wird das IoT ein Schlüsselelement für einige
unserer Nachhaltigkeitsziele wie die Reduzierung von Energieverbrauch und Lebensmittelverlusten oder
die Optimierung der
Lebensmittelsicherheit sein. Beispielsweise wird es möglich, unsere Verarbeitungstechnolo-
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gien in Kürze über die gesamte Lebensmittel-Wertschöpfungskette von der Getreidelagerung über
Schiffsbe- und -entlader, Sortierung, Reinigung und
Mehlherstellung bis möglicherweise hin zum
Bereich Teigwaren oder extrudierte Snacks einzusetzen. So können wir unsere Kunden bei der Optimierung ihrer Wertschöpfungskette unterstützen.
Ausserdem können wir weitere Daten einbeziehen,
wie z. B. Ertragsdaten oder Wetterbedingungen, um
aussagekräftige Systemmodelle für den Bereich
Food zu entwickeln, die Entscheidungen vereinfachen und die Nachhaltigkeit von Lebensmittel-Wertschöpfungsketten verbessern. Damit wird es leichter, den Lebensmittelverlust von 1.3 Millionen
Tonnen während der Produktion zu reduzieren.
Das Thema Datensicherheit nehmen wir
sehr ernst und uns ist bewusst, dass dieses generell
ein zentrales Anliegen für viele Kunden ist, wenn
es um den Datenverbund geht.
Die grössten Hürden für die Nutzung
des IoT sind nicht technisch, sondern liegen in der
Entwicklung von Win-win-Situationen. Die
Akteure einer Wertschöpfungskette müssen sich gegenseitig ausreichende Vorteile
verschaffen, damit der Datenverbund und
die Entwicklung neuer Lösungen sinnvoll erscheinen. Nur gemeinsam können
wir die Vorteile des IoT in vollem
Umfang nutzen.
Ich lade Kunden, Lieferanten oder
mögliche Partner, die an
einer Zusammenarbeit im
Bereich IoT oder ähnlichen Gebieten interessiert sind, daher herzlich ein, Kontakt mit
uns aufzunehmen
und uns auf dieser
spannenden Innovationsreise zu begleiten.
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AKADEMIE / Exkurs
Wissenschaftliche Publikationen
NEBEN IHRER TÄGLICHEN ARBEIT WIDMEN SICH DIE WISSENSCHAFTLER BEI BÜHLER AUCH
­WISSENSCHAFTLICHEN VERÖFFENTLICHUNGEN. NACHSTEHEND STELLEN WIR EINE AUSWAHL VOR.
1
Erforschung neuer Technologien für die
­Lebensmittelsicherheit von Getreide
Getreidekörner können eine hohe Bakterienbelastung aufweisen, die für bestimmte Einsatzbereiche
reduziert werden muss. Gemeinsam mit dem Institut für Verfahrenstechnik der ETH Zürich und der
ZHAW hat Bühler die Wirkung der Behandlung von
Weizenkörnern untersucht, die mit Endosporen des
Bacillus amyloliquefaciens in einem UnterdruckWirbelschichtreaktor in einem Argon-/Sauerstoffplasma beimpft wurden.
2
Neues Handbuch zur Reisverarbeitung
Mehrere Reisexperten von Bühler haben als Mit­
autoren an einem Buch über die Reisverarbeitung
entlang der gesamten Wertschöpfungskette mitgewirkt, in dem sie ihr aktuelles Fachwissen zu Reis,
Reismüllerei, reisbasierten Mehrwertprodukten
und Marktinformationen bündeln. Das Buch gilt als
«neues Standardhandbuch» für die Reismüllerei
und verwandte Berufe.
3
Physikalische Vorgänge bei der Teigbildung
­anschaulich erklärt
In einer Zusammenarbeit zwischen dem MaxPlanck-Institut für Polymerforschung in Mainz und
Bühler wurden Veränderungen auf verschiedenen
Zeit- und Längenskalen bei der Teigentwicklung
beobachtet und quantitativ untersucht. Ein ver­
einfachtes physikalisches und eigens entwickeltes
Modell stellt die wesentlichen rheologischen Ver­
änderungen dar. Dabei wird der Teig als kon­t i­
nuierliche Gluten-Polymer-Matrix betrachtet, in
welche Stärkekörner als Füllstoffe eingebettet
werden.
Quelle:
Journal of Food Engineering, Erscheinungsdatum 10.1016/
j.jfoodeng.2015.03.009, 2015
Quelle:
Joachim Sontag (Hrsg.), Dr. Ye Aung, Benedict Deefholts,
Dr. Gabriel Hamid, Eleanor Ye Min: Rice Processing.
The Comprehensive Guide to Global Technology and
Innovative Products (ISBN: 978-3-86263-093-6), 2014
Internet-Quelle:
www.erling-verlag.com
Quelle:
Schiedt, B.; Baumann, A.; Conde-Petit, B.; Vilgis, T. A.:
Short- and Long-Range Interactions Governing the Viscoelastic
Properties during Wheat Dough and Model Dough Development.
Journal of Texture Studies 44 (4), 2013, 317–332
Internet-Quelle:
www.mpip-mainz.mpg.de
Impressum
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Herausgegeben von Bühler AG, Corporate Communications, CH-9240 Uzwil, Switzerland Konzept, Redaktion und Produktion:
Mondays Corporate Publishing, Steinhausen Druckerei: galledia AG, Flawil Ausgabe: 1/2015
PERFORM ANCE
neutral
Printed Matter
No. 01-14-425235 – www.myclimate.org
© myclimate – The Climate Protection Partnership
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One step ahead in processing
grains to food. IPACK-IMA 2015.
Unter diesem Motto präsentiert Bühler auf der IPACK-IMA 2015 ein umfassendes Lösungsspektrum über die gesamte
Wertschöpfungskette der Nahrungsmittelindustrie – von den Rohmaterialien bis zum Endprodukt.
Erleben Sie live an unserem Stand eine spannende Mischung aus Produktpräsentationen und Expertenvorträgen zu den
neuesten Industrietrends wie Energieeffizienz, Nahrungsmittelsicherheit und intelligenten Prozesstechnologien.
Mehr unter: www.buhlergroup.com/ipackima
Bühler auf der IPACK-IMA 2015: 19.–23. Mai in Mailand – Halle 3, Stand B15
Innovations for a better world.

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