Helge Schneider und das Gewandhaus

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Helge Schneider und das Gewandhaus
Als Beethoven zum Däumling wurde:
Helge Schneider und das Gewandhaus
Eine Hausarbeit zum 52. Geburtstag von Helge Schneider
Hinweise für Benutzer.
Die vorliegende Hausarbeit, um die ich tatsächlich in den eigenen Vier-Wänden gerungen habe, ist
streng gerade nicht nach Bachelor-Vorschriften angefertigt. Fußnoten habe ich konsequent
ausgespart, da sie nur nervös machen und den Lesefluss behindern.1 Stattdessen biete ich Kopfnoten
an. Sie lauten: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sie-ben.
© die Gedanken stehen allen zur Verfügung. Bildung muss offen für alle sein. Es kann
demzufolge gebührenfrei zitiert werden, ohne Beschränkung der Zeichen- und Vorzeichenzahl.
Lob und Beschwerden, Anregungen und Grüße bitte ich an die folgende, speziell eingerichtete
Email-Adresse an mich weiterzuleiten, die ganz besonderen, aber auch alltäglichen Fragen
des Abenteuers Leben gilt:
[email protected]
Ich beantworte sie garantiert.
In meiner heutigen Hausarbeit geht es um Beethoven, einen alten Kumpel von Helge
Schneider, und um das Gewandhaus. Und das hat einen guten Grund: Ende
Februar, Anfang März gastierte der Musiker, der zu jenen Persönlichkeiten gehört,
die mit ihrem Licht Noch-Nicht-Abgestumpfte des Globus Dei zum Nachdenken
bewegen, in jenem Musentempel. Selten habe ich mich auf Konzerte so gefreut,
zumal mir die Karten Studenten der Leipziger Musikinstitute geschenkt hatten, und
ich wollte mich natürlich sorgfältig darauf vorbereiten.
Deshalb nahm ich den Wörner zur Hand. Aber dort fand ich nichts über Helge
Schneider, auch nicht unter Stichwörtern wie Oratorium oder Messe. So habe ich
wenigstens zweimal die Vogelhochzeit chromatisch auf- und abwärts gesungen und
mir nebenbei ein Käsebrot geschmiert, mit einem Bitter-Messer aus Suhl –
Suhlingen, und mit Käse drauf. Dann bin ich losgezogen. Einen Navigator brauchte
ich nicht, denn das Gewandhaus war leicht zu finden. Die Atmosphäre wirkte schon
nach wenigen Momenten als eine ganz besondere auf mich. Die meisten, die
gekommen waren, strahlten etwas Herzliches aus. Auch das Licht war besser als
sonst, also nicht nur 11 Watt wie bei einer Prozession, wenn eine Symphonie zu
Grabe getragen wird. Zudem hatte ich jedes Mal einen Top-Platz, mit genügend
Stauraum für meine Füße und meine neu erworbenen CDs.
Da ich immer ein bisschen früher komme, für den Fall, dass ich mich verlaufe, hatte
ich noch ein wenig Zeit. Diese nutzte ich, um qualitative Studien über das Publikum
anzustellen. Dabei bemerkte ich etwas Erstaunliches: Es saßen viele Jüngere in den
Stuhlreihen, aber auch Ältere, darunter Kinder und andere Junggebliebene. Einige
winkten mir sogar zu. Das machte mir Mut: Ich brauchte also keine Sorge zu haben,
während des Konzertes irgendetwas „falsch“ zu machen, beispielsweise in einem als
1
An die notorisch Unbelehrbaren ;-): Wer denkt, ohne Fußnoten ist die Hausarbeit nackig (oder nackisch?) und
nicht einmal halb so viel wert, der kann sie sich ja dieselbigen bequem im Internet oder in der Bibliothek
heraussuchen und lernt gleich etwas dabei, denn er dürfte während der Suche auf diversen Pfaden auf Gedanken
stoßen, die ihm sonst verborgen geblieben wären. Allerdings rate ich jedem Studierenden, der an einer
Universität oder Hochschule studiert und beabsichtigt, den Rat auch seinen Lehrkräften anzuempfehlen, sich
selbige sehr genau auszuwählen. Denn der Tipp kann auch nach hinten losgehen, weil er noch nicht allgemein
anerkannt ist, nicht mal ansatzweise.
unschicklich geltenden Moment zu klatschen, zu lachen oder zu weinen. Aber das
ahnte ich schon irgendwie. Denn vorher hatte ich Helge Schneider wiederholt im
Fernsehen gesehen und wusste: Kommunikation funktioniert bei ihm nicht in
altehrwürdigen Konventionen, sondern als unverkrampfte Lebensäußerung. Er betrat
die Gewandhausbühne auch ganz pünktlich, wobei das Wort Betreten die Sache
nicht recht trifft. Denn Helge Schneider rückte näher in einer wörtlich nur schwer
nachvollziehbaren Weise. Ich möchte sagen, es war eine Mischung aus
Bauhaustanz, Pygmäen-Zeremonie und Schmidtchen Schleicher, mit einem inneren
„Ole“ auf der 2 ½. Dazu sang er das Lied von der Supermaus, mit dem die CD I
BRAKE TOGETHER beginnt.
Das ist das bisher einzige Lied in der Musikgeschichte, das mit einer Supermaus
beginnt und mit einem Tagpfauenauge endet. Dazwischen erfährt man viel
Wissenswertes über Leben, Gesundheit, Familie, Wohnung, Kochen, Wissenschaft,
Alkohol, Ordnung, Kreativität, Zukunft. Und das verblüffend Fächer übergreifend
sowie mit Hintergründigkeit, also nichts für Geschwind- und Geradeausdenker.
Deshalb sollte das Lied in die Schullehrpläne aufgenommen werden. Vielleicht mit
einem anderen Vorspiel versehen, mein Vorschlag wäre die instrumentale TitelMelodie der Sendung mit der Maus, die auch ich mir seit meiner Zwischenprüfung
regelmäßig ansehe, denn da kann man echt was lernen, vor allem methodisch.
Meine Hausarbeit habe ich pädagogisch geschickt strukturiert. Deshalb möchte ich
zunächst meine Gliederung vorstellen:
Tiere
Menschen
Kartoffeln
Tod (oder die Mozart-Lüge)
Physik
Tod.
1. Tiere oder Existentialistische Katharsis
Der Schwerpunkt Tiere steht nicht zufällig an erster Stelle meiner Hausarbeit:
Nehmen Sie zum Beispiel Oran-Utan-Klaus im Zoolied auf der CD Füttern verboten.
Er – Klaus – lebt in einem Käfig. Die Decke ist voller Kalk. Besucher werfen
neugierige Blicke auf ihn. Aber er schaut auf die Ritze an der hinteren Wand. Denn er
ist traurig. Er leidet unter der vielleicht schlimmsten Krankheit der modernen
Zivilisation: unter Einsamkeit.
Helge Schneiders Verhältnis zu den Tieren ist ein geradezu philosophisches. Das
begann im Alter von gerade zwei. Damals, am Weihnachtsabend 1957, träumte er
einen Traum. Er war eine Krähe. Während seines Fluges über die brach liegenden
Felder vor der Stadt betrieb er Sozialstudien über das Böse und Gute auf der Welt.
Er beobachtete, wie eine Krähe der anderen das Auge aushacken wollte. Aber sie tat
es nicht. Daraufhin wurde er munter. Und unter dem geschmückten Tannenbaum
erfüllte sich sein heiß ersehnter Wunsch: eine Fleischwurst. Vor allem die Vögel
prägten Helge Schneiders gedankliches Labyrinth: die Meisen etwa, aber auch die
Hühner, Klappersträuße, Pinguine, nicht zu vergessen der Hering. Einige Vögel
entwickelten sich sogar zu Leitfiguren in seinem Schaffen. Namentlich der Rabe
wurde neben dem Schachtelhalm zum symbolträchtigen Medium zwischen Mensch
und Tier, Erde und Universum, Musik und Kartoffeln. In einigen Werken gelangte er
zu äußerster Verdichtung, die selbst Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit
überschattet: „Ein Rabe ging im Feld spazieren! Da fällt der Weizen um!“ Das ist das
gesamte Gedicht. Bitte lesen Sie es mit Ausdruck! (Nicht mit geziertem Ausdruck,
sondern ganz natürlich, ursprünglich. Setzen Sie dabei Zäsuren zum Nachdenken
und bereiten Sie sich und anderen ein ernsthaftes Gesicht. Man muss alles ernsthaft
tun, meint schon Erik Satie. Wenn man albern ist, so muss man es ernsthaft sein.
Also keine halben Dinger!)
Fachleute und auch -menschen schlagen vor, „die Szene im Weizenfeld als
Reflexion einer existentialistischen Katharsis zu interpretieren, auch auf eine
mögliche Verbindung zum Tod Vincent van Goghs wurde hingewiesen“. Neuerdings
bleibt zudem der wachsende Lärm in den Großstädten zu berücksichtigen,
infolgedessen Vögel heute viel höher singen oder zu ungewöhnlicher Nachtzeit ihren
Gesang anstimmen, damit sie überhaupt noch gehört werden. Schneider befindet
sich mit der außergewöhnlichen ornithologischen Fundierung seines künstlerischen
Schaffens in großer Tradition. Beethoven beginnt seine fünfte Sinfonie mit dem
genmanipulierten Ruf eines Kuckucks im Winter – tatata taaah. Und nicht zu
vergessen ist Olivier Messiaen, der Synästhet und Zeitkünstler, der den gesamten
musikalischen Kosmos im Vogelgesang ausgeprägt hört. Aber Helge Schneider geht
noch weiter. Während der Fluchtszene seines Huhnliedes führt er den Frosch ein.
Doch dazu später.
2. Menschen oder Alles hat einen Anfang …
… auch im Leben. Helge Schneider wurde geboren. Dabei erblickte er das Licht der
Welt. Das war am 30. August 1955. Die erste Zeit seines Lebens verbrachte er,
eigener Erinnerung zufolge, vor allem mit Heranwachsen. Als er vier war, entstand
seine erste Komposition. Ihre Wurzeln liegen aber schon wesentlich früher, als Helge
Schneider noch in der Tragetasche verkehrte. Dieses Lied heißt Texas. Texas ist ja
nicht nur in Texas.
Die nächste Station seines Lebens war das Bügelbrett. Denn darauf wurde Helge
Schneider gelegt, als er Windpocken hatte. Etwas später kam er zu einer
Klavierlehrerin und – zu seinem ersten Auftritt: Das war im Omacafé bei Cramer und
Meerbusch in Essen. Schnell durchschaute er den ganzen Schwindel. Beim
nächsten Vorspiel war er lediglich anwesend. Er weigerte sich, aufzutreten. „Ich will
nicht funktionieren, ich will kreativ sein“, kommentiert er in seiner Autobiografie. „Die
Kreativität eines Menschen kann sich durchaus manchmal dergestalt vollführen, daß
man überhaupt nichts macht, gar nichts.“ Dann hörte er in seinem kleinen
Batterieradio Jazz. Diese Ausdruckswelt, die von der Unmittelbarkeit des
Augenblicks lebt, ließ ihn nicht wieder los. Ihn faszinierten Miles Davis, Louis
Armstrong, Dave Brubeck, Archie Shepp, Thelonious Monk und vor allem der blinde
Roland Kirk. Kirk lebte in Columbus, Ohio, und spielte mehrere Instrumente
gleichzeitig, dazu besaß er eine komödiantische Begabung und erzählte in seinen
Shows Geschichten. Spuren finden sich in zahllosen Titeln Schneiders, auf einer CD
aber ganz besonders: The Last Jazz von 1987.
Welches Instrument, werden Sie fragen, spielt Helge Schneider auf dieser CD? Er
spielt sie – fast - alle! Berthold Klostermann erinnert im Booklet der Produktion an die
zahllosen Sessions, wenn Helge Schneider in „Essen und Umgebung […] die alten
Standards jammte“. Da sei er einmal „nicht ‚Johnny Flash’ oder die ‚singende
Herrentorte aus dem Ruhrgebiet’“ gewesen, „nicht der Clown mit dem Witz zum
Auaschreien“, er habe „ganz einfach Jazz“ gespielt. „Und zwar mit echten,
ausgewiesenen Jazzmusikern. Nur mit dem typisch Helgeschen Unterschied, daß er
mal auf dem Pianoschemel, mal auf dem Schlagzeughocker, mal an Tenorsaxophon
oder Trompete und dann wieder am Kontrabaß zu finden war. Und niemand wußte
so ganz genau, welches denn nun Helges eigentliches Instrument war. Mit The Last
Jazz sei diese Frage endlich beantwortet: Helge Schneider ist eine komplette
Jazzband.“ Und er ist noch viel mehr: Bei Auftritten liegt ein riesiges Arsenal an
Instrumenten jeder Art parat, für Musik jeder Art. Schneider bedient sie alle:
unbeschreibbar leicht und mit Witz. In das Korsett von institutionalisierter Ausbildung
passte er dabei allerdings nicht. Als er Cello lernen wollte, lehnte ihn die
Jugendmusikschule ab – Zitat: „weil ich unmusikalisch wäre und zu dünne Finger
hätte“. Er kam zu einem Privatlehrer. Der unterrichtete ihn, bis er auf dem Cello so
spielen wollte wie Jimi Hendrix. Daraufhin sollte er sich nie wieder bei ihm blicken
lassen. Das Cello warf Schneider deswegen nicht weg. Er benutzte es bei seinem
ersten Bandauftritt als Sologitarre.
3. Kartoffeln oder Das Leben von unten betrachtet
Wenn Sie einen CD-Player besitzen oder ihr Laptop, Notebook beziehungsweise
Großbildschirmquerformatcomputer über eine akustische Abspielmöglichkeit verfügt,
dann sollten Sie sich die Scheibe Hefte raus! Klassenarbeit besorgen und auf der
zweiten CD die Fluchtszene des Huhnliedes spielen (etwa 2:11–3:20). Dieser
Ausschnitt endet mit der Entscheidung des Sängers, Autor, Komponisten,
Interpreten, anstelle nicht reproduzierbarer Kenntnisse (weil es diese vielleicht noch
gar nicht gibt) zu improvisieren …
Improvisieren zu können ist auf allen Gebieten Helge Schneiders vielleicht größtes
Potential. Das hat einen großen Vorteil: Man kann ihm auf der Bühne beim Denken
zusehen. Dabei wird selbst der vermeintlich größte Un-Sinn zum philosophisch
aufgeladenen Passagenwerk à la Walter Benjamin. Oft improvisiert er gesamte
Veranstaltungen. Dadurch ist es ihm möglich, wie kaum ein anderer unmittelbar auf
sein Publikum zu reagieren. Nicht selten greift er Einwürfe auf, vermeintliche
Flapsigkeiten, und bewegt sie durch ein gedankliches Labyrinth, um ganz woanders
herauszukommen, zum Beispiel in Grönland, auf den Osterinseln, am Mississippi, bei
Ari ben Hulla Ibn Saud al Fatrhanmhuth oder bei den bekannten griechischen
Komponisten Zaziki und Sirtaki.
Der Hörer glaubt, einen Musiktitel zu kennen, und ist doch immer wieder verblüfft,
welche neuen Wege er sich jedes Mal bahnt. Das hat mich auch bei den beiden
Gewandhaus-Auftritten so beeindruckt. Zwar war die Abfolge der Lieder gleich, bis
auf den letzten Titel; dennoch hatte ich nicht das Gefühl, am zweiten Abend eine
Wiederholung zu erleben. Ganz unterschiedlich verliefen die Geschichten, die
Schneider zwischen den musikalischen Beiträgen erzählte. Und die Musiktitel selbst
schienen zuvörderst als offenes Gefäß für immer wieder neue Ideen zu dienen.
Diese lebendige Art der Aufführungspraxis erinnert mich an eine CD mit Musik aus
Nubien (Nordsudan).
Darauf ist u. a. das Lied eines Jungen aufgenommen, der auf einem Wasserschöpfwerk arbeitet. Um sich die Zeit bei der eintönigen Tätigkeit zu vertreiben, stimmt er
einen Gesang an, meist über Liebe, Liebesschmerz, sein Leben. Ethnologen
schreiben, sie hätten den Jungen gebeten, sein Lied im Haus zu wiederholen. Dabei
stellten sie fest, dass nur noch der Anfang identisch war. Den übrigen Text unterlegte
der Junge nun anderen Melodieabschnitten. Er improvisierte.
Auf diese ursprüngliche Weise entsteht der größte Teil der Musik auf dem Globus
Dei. Nur haben wir Mittel- und Westeuropäer die komponierte Musik allzu lange
überbewertet, die traditionelle Ausbildung in ein Korsett gezwängt und uns allzu oft
einseitig gefragt, ob wir ein Stück „richtig“ oder „falsch“ interpretieren. Auch für Helge
Schneider bedeutet Musik zu allererst Improvisation. „Ich bin Jazzmusiker, die
brauchen keine Noten“, bekennt er und begründet damit zugleich, warum er nach
einiger Zeit sein Klavierstudium in Duisburg abgebrochen hat. Etwas Vorgegebenes
auszufüllen, war noch nie seine Sache gewesen, weder in der Musik noch im Leben.
So verweigerte er beharrlich den „Dienst an der Waffe“. Er ließ sich auch nicht
ködern durch Versprechungen, er könne bei der Bundeswehr ja in einer Kapelle
spielen. 1976 erhob er sogar Klage beim Kreiswehrersatzamt Duisburg. Auch nahm
er lieber existentielle Durststrecken in Kauf, als sich musikalisch vom Mainstream
einfangen zu lassen. Er spielte in leeren Sälen, vor Publikum, das ihn nicht verstand
oder verstehen wollte, oder aber in der Ecke. (Auch im Gewandhaus hat er mal in der
Ecke gespielt, um zu zeigen, wie das ist.)
Vor den eben skizzierten Hintergründen erschließt sich Helge Schneiders Film
Jazzclub als autobiographisch tendiertes Werk. Die Musiker, die in einem leeren
Lokal für und vor sich selbst spielen, sind ebenso wenig erfunden wie der tägliche
Job, um den Lebensunterhalt zu sichern. Im Film ist Helge Schneider Verkäufer in
einem Fischwagen. Um Kunden zu gewinnen, ist er nicht kleinlich: Er hechtet durch
die Bude und wirbt für „Ka-ka-kabeljau, Ka-ka-kabeljau“. Auch fängt er im
naheliegenden Fluss auch schnell mal einen … - der Name des Fisches ist mir
entfallen, aber er war groß und frisch. Sehr frisch. Und da ist auch die verbale
Attacke eines Kunden, der Schneider als Musiker erkennt und ihm
unmissverständlich kundtut, was er von seinen Klängen hält. Dieser aber lässt sich
nicht entmutigen. Er lebt weiterhin für seine Überzeugungen, seine Musik. Im Film
wie im wahren Leben:
Um die Musik spielen zu können, die er wollte, suchte er sich den Lebensunterhalt
zunächst mit anderen Tätigkeiten zu verdienen. Er nahm eine Bauzeichnerlehre auf,
war Landschaftsgärtner, stand am Fließband in einer Gabelstaplerfirma, zählte beim
Amt für Statistik Vieh und arbeitete als Straßenreiniger. Straßenreiniger war sein –
Zitat – „Traumjob“. Lediglich im Zoo hielt er es keinen Tag aus. Auch lebte er
geraume Zeit von 100 Mark pro Monat (für alles). Sein Hauptnahrungsmittel wurden:
nein, nicht Käsebrote, sondern – Kartoffeln. Er lernte das Leben also von „unten“
kennen. Diese Erfahrung hinterließ Spuren in seiner Musik, namentlich im
Erzgebirge-Männchen-Schnitzer-Blues. Mit diesem Song, der in der mir vorliegenden
Live-Fassung mit den Worten „von morgens bis abends“ einsetzt, wird die Bedeutung
der Kartoffel in vielfältigen Lebensprozessen eindrucksvoll analysiert. Kartoffeln
bedeuten Leben und sind auch für „Königinnen Art“ geeignet. Dass Kartoffeln im
Zusammenhang mit Kunst immer wieder anregende Überlegungen auslösen können,
beweist der Schweizer Musiker und Musikwissenschaftler Urs Frauchiger in seinem
anregenden Buch Was zum Teufel ist mit der Musik los. Eine Art Musiksoziologie für
Kenner und Liebhaber. Dort nämlich findet sich ein Kapitel Von Kunst und Kartoffeln.
Rede zur Einweihung einer Musikschule.
4. Tod oder: Die Mozart-Lüge
Helge Schneider lernte das Abenteuer Leben in all seinen Licht- und Schattenseiten,
Träumen und Abgründen kennen. Er biss sich durch, unangepasst und
leidenschaftlich. Dabei fand er vor allem zu sich selbst und zu jeder Menge
Erfahrungen. Wer daran teilhaben möchte, braucht nur auf die Pointen seiner Lieder
zu hören oder in seiner Autobiografie zu schmökern. Guten Tach. Auf Wiedersehen,
heißen seine Lebenserinnerungen. „Dieses Buch ist ein gutes Buch“, stellt Helge
Schneider gleich zu Beginn fest. Denn: „Der Verfasser hat es selbst geschrieben.“ Es
ist ein philosophisches Buch, weil es vom nackten Leben handelt: von permanenten
Konflikten mit Lehrern, vom jahrelangen Kampf mit seinen Haaren und mit Pickeln,
die für gehässige Äußerungen sorgten, ferner von Zigaretten und Marihuana. Damit
keine Missverständnisse entstehen: Marihuana is’ nit gut, nehmen Sie lieber die
Möhrchen heißt eines seiner pädagogisch motivierten Lieder.
Helge Schneider schreibt auch von der Geburt seines ersten Kindes. Vorwurfsvoll
habe es in die Runde geguckt und Helge Schneider für seinen Opa gehalten. Opa –
das war auch Schneiders erster Berufswunsch. Dieser kam nicht von ungefähr: „Ich
habe mal einen über achtzigjährigen Saxophonisten […] gesehen mit einer Dixieund Swingband, Benny Waters, wie mußte sich der fühlen, der hatte vielleicht einen
Spaß. Alte Musiker haben mich sehr beeinflußt, […] mir sagt dieses legere
Lebensgefühl und die überlegene Ausdruckskraft eines Coleman Hawkins in späten
Jahren sehr zu. […] Oder Horowitz, der russische Pianist.“ Auf Schneiders Klavier
steht ein Foto von ihm. Alter ist ohnehin etwas sehr Fragwürdiges. Das wurde Helge
Schneider spätestens bewusst, als er über Mozart forschte und dabei feststellte: Der
Komponist ist gar nicht tot. Sogar ein klärendes Filminterview konnte er zum Beweis
vorlegen. Darin ähnelt Mozart sehr Helge Schneider.
5. Physik oder: Als Beethoven zum Däumling wurde
Helge Schneiders Pointen haben es in sich. Manchem erschließen sie sich erst nach
der Chorprobe, beim Blick in den WG-Kühlschrank am letzten Mittwoch im Monat,
ferner wenn bei einer der Polit-Talk-Sendungen mal wieder keiner den anderen
ausreden lässt oder aber an der roten Ampel. Zum Beispiel beim Nachdenken über
Paris Hilton, wie selbige wohl einen Heavy-Metal-Song für drei hohe Tenöre in
Quadratnotation inszenieren würde. Ein sensibler Kenner hat einmal geäußert, Helge
Schneiders Humor fresse Löcher in die Schädeldecke. Dieser Erkenntnis kann ich
aus eigener Erfahrung nur zustimmen.
Seit ich mir abends eine Gute-Nacht-Geschichte von ihm vorlese, ist nichts mehr wie
zuvor: Ich stelle mir das Leben seitdem mit einem viel tieferen Blick auf der Zunge
vor. Alltägliches wird mir wieder viel bewusster. So weiß ich es zu schätzen, dass an
meinem Computer nach dem Anschlagen der Taste „n“ auf dem Bildschirm und
später auf dem ausgedruckten Papier tatsächlich ein „n“ erscheint und nicht etwa ein
„z“. Und ich freue mich jeden Tag über die frischen Blätter, die die kleine Birke in
meinem Blumentopf am Fenster treibt. Dabei stelle ich mir Helge Schneider als
spannenden Gegenstand für Wissenschaftler unterschiedlichster Fachdisziplinen vor:
für Kultursoziologen, Psychologen, Ornithologen, Existenzphilosophen, Universitionskundler, Entomologen, Inner-space- und Outer-Space-Forscher, Projektanten,
Sozialhygieniker, Ethologen, Historiker, Sport- und Musikwissenschaftler und – nicht
zu vergessen – Philosophen. Jörg Seidel hat Schneiders Beziehung zur Philosophie
ein ganzes Buch gewidmet. Es ist ein gutes Buch, denn es betrifft unakademische
Pfade. Der Titel „Guten Tach!“ knüpft an Helge Schneider an: „Alle rennen
aneinander vorbei! Keiner sagt heute gerne: ‚Guten Tach!’“ Aber: „Wenn man nur
einmal jemandem Guten Tag sagt, wird das Leben schön.“
Helge Schneiders Gedankengänge dürften vielfältige Brückenschläge anregen. Sie
dürften den Blickwinkel für die Zusammenhänge von Kunst und Leben öffnen und
frischen Wind in intellektuelle Elfenbeintürme wehen. Fragen werden überwiegen.
Das ist gut so. Viel zu schnell versuchen wir, Antworten zu geben. Auf diese muss
man sich aber ernsthaft vorbereiten wie auf alle Dinge des Lebens. Man muss sich
zurücklehnen, die Augen schließen, ein Glas Rotwein trinken (oder auch zwei) und
sich dabei vorstellen, man übt den dritten Takt aus Bachs vierter zweistimmiger
Invention: die untere Stimme auf einem pythagoräisch gestimmten Schlagwerk aus
der Bongolei, die obere Stimme auf der Trompete aus Mexiko oder auf einem Piano,
das in Es gestimmt ist. Man sollte sich überhaupt viel öfter nur vorstellen, man übt,
als es wirklich tun. Die meisten üben nämlich viel zu lange, und es kommt nichts
heraus dabei. „Man kann auch im Kopf üben“, hat Helge Schneider von Dizzy
Gillespie gelernt: „Ich träume vom Klavierspielen, im Schlaf zucken meine Finger.
Irgendwann kommt das im Nervensystem an. Dann können die Nerven Klavier
spielen.“ Zum Beispiel die Seite 249 von Beethovens Mondscheinsonate.
Helge Schneider spielt immer nur die Seite 249 aus diesem Werk. Dies ermöglicht
völlig neue Erfahrungen. Wie verblüffend wirkt es, wenn eine Komposition mitten im
Stück beginnt und an der spannendsten Stelle abbricht, weil die Seite endet.
Einerseits ist diese Situation viel realitätsnäher. Wann kann im wirklichen, nackten
Leben schon mal ein Gedanke zu Ende verfolgt werden, ehe der nächste Termin
drängt oder das Telefon schellt? Andererseits beflügelt dieses Interpretationsmodell
die Phantasie. Es wird einem kein Ziel vorgeschrieben, sondern ein Weg angeboten.
Der Hörer fragt sich, wie der Bursche das Stück wohl weiterkombiniert hat und macht
sich selbst ans Werk. Vielleicht schließt er à la Bobby McFerrin ein gesungenes
Prélude an, oder er unternimmt einen Abstecher zu Duke Ellington. Auch die Musik
einer Schokoriegelwerbung wäre als Fortsetzung reizvoll oder ein Boogie-Woogie.
Das hätte Beethoven nicht besser machen können. An manchmal recht krassen
Umbrüchen sollte man sich nicht stören. „Ein gerader Weg führt immer nur ans Ziel“,
sagt der französische Schriftsteller André Gide.
Nicht nur musikalisch, auch mimisch-gestisch kommt Helge Schneider seinem alten
Kumpel beim Interpretieren der Seite 249 sehr nahe. Das ist kein Wunder. Denn
wiederholt hat sich Helge Schneider auch in Vorträgen intensiv mit Beethoven
auseinander gesetzt. Dabei erschließt er völlig neue Seiten, die die Frage aufwerfen
lassen: Kann das Leben eines Romantikers märchenhafter verlaufen? Zitat:
„Beethoven […] verbrachte sein Leben in einem gläsernen Sarg. Eines Tages stach
er sich mit einer Spindel in den Finger, ein Blutstropfen tropfte auf seinen Tanzschuh,
den er auf der großen Freitreppe liegen ließ. Das Mädchen, das bei Beethoven zu
Hause die Asche puttelte, fand den Schuh, küsste den Schuh, und Beethoven wurde
so groß wie ein Daumen. Er nannte sich Däumling. Mit einer Gans unter dem Arm
kam er eines Tages nach Hause. So tauschte er die Gans gegen einen Klumpen
Gold. Fast wie ein Märchen sein Leben.“ In diesem Zusammenhang ist wohl auch
Beethovens enge Freundschaft zu Händel – den Bruder von Gretel – zu sehen.
6. Musik oder: Die Einführung von Irrsinn in die Logik
Der Globus Dei verliert Scheuklappen, wenn Helge Schneider die Kupplung seines
Flügels tritt. Oder wenn er, am Denkpult sitzend, über die Gesellschaft philosophiert.
Das intellektuelle Labyrinth mündet in der Erkenntnis: Lernen, lernen, popernen.
Lernen, lernen, popernen, das sagte sich auch der erste Zwerg von Schneewittchen.
Die Erleuchtungsszene im tiefen, geheimnisumwitterten Tann – nicht beim Herrn der
Ringe, sondern beim weisen Helge – liefert ein Paradebeispiel für die Entwicklung
von Problembewusstsein. „Ich habe ein Problem“, offeriert er dem weisen Helge, der
vielleicht auch mal ein Viertelstündchen Ruhe haben will. „Wirf den Ring ins Feuer“,
rät er. Daraufhin der Zwerg: „Ich habe doch gar keinen Ring, ich habe
Schneewittchen.“ Die Fortführung spare ich mir. Jedenfalls endet der Dialog mit dem
Hinweis: „Dann hast Du ein Problem.“ Für eine solche Erleuchtung bleibt dem Zwerg
nur, ehrfurchtsvoll „Danke weiser Helge“ zu grüßen und mit neuen Inspirationen sich
ans Werk zu machen. Ihm ist nämlich deutlich geworden, dass er sein Problem
selbst in die Hand nehmen muss und nicht auf andere abwälzen darf.
Um nicht missverstanden zu werden: Helge Schneider propagiert nicht die
egozentrische Vereinzelung des Menschen, im Gegenteil. Er lebt Kulturen
überspannendes Teamwork vor: sei es mit seiner international zusammengesetzten
Band, oder sei es im Duett mit anderen Künstlern, ohne dass diese physisch
anwesend sein müssen, Udo Lindenberg zum Beispiel in dem Titel Pinguine können
nicht fliegen. Auch Mickey Mouse ist zu nennen, die verspätet zum Benefiz eintrifft,
um mit Helge Schneider zu rocken.
Seine Themen findet Helge Schneider in den öffentlichsten und privatesten Winkeln
des Lebens. Nur das Fernsehen interessiert ihn immer weniger. Freilich gibt er dort
häufig Stippvisiten, einfach um mal zu gucken, was die dort so machen. Gelegentlich
gefällt es ihm auch, etwa bei Harald Schmidt. Oftmals dürften ihn aber die medialen
Formate langweilen oder sogar anöden. Bei Goldbärchen Thomas Gottschalk und
„Wetten das?“ etwa war er ganz und gar nicht aus der Reserve zu locken. „Worum
geht es hier?“ fragte er wiederholt mit gleichgültiger Freundlichkeit. Es interessierte
ihn nicht. Und da sind die ach so beliebten Alle-singen-und-klatschen-fröhlich-mitVeranstaltungen. 38 Sekunden dauert der Mitmachtitel „Es klappert die Mühle“
(Helge Schneider als Vorsänger) – „klipp-klapp, klipp-klapp, klipp-klapp“ (das
Publikum) – „gut gemacht: nächstes Lied“ (Helge Schneider). Gott hilf! Oder besser:
Gott bewahre! Dabei können Volkslieder, vor allem Kinderlieder, etwas so Herrliches
sein. Vor einiger Zeit hörte ich in einer Fernsehsendung mit Götz Alsmann den
Bariton Thomas Quasthof mit: Ein Männlein steht im Walde. Neben der Urfassung
stellte er auch die Versionen von Helmut Kohl und Willy Brandt vor. Götz Alzmann
spielte Klavier.
Angesichts von PISA und einer von Kurzsichtigkeit zu Kurzsichtigkeit stolpernden
Politbürokratie kann Helge Schneider nicht oft genug wiederholen: Lernen, lernen,
lernen, popernen. Und zwar außerhalb von Normen, mit Mut zu Widerständen und
unerwarteten Ergebnissen. Der Anspruch, den Helge Schneider an sich stellt, hat
nichts gemein mit austauschbarer Comedy-Massenware: „Wenn alle lachen, ist es
gut, aber wenn wenige lachen, heißt es immer noch nicht, dass es besser wäre wenn
alle lachen.“ – „Andere zum Lachen bringen, sollte man nur mit den eigenen
Schwächen. Mit schlechtem Charakter bringt man niemanden zum Lachen.
Deswegen sind Judenwitze nicht lustig.“ – „Man sollte den Leuten immer was bieten,
aber nicht das, was sie erwarten.“ Erwartungshaltungen zu durchkreuzen, versteht er
virtuos. Manchmal träumt er sich auf einen anderen Planeten, wie am Ende des
erwähnten Filmes Jazzclub. Ein Musiker geht ihren Weg.
Markus Oswald beschreibt den Film, der stark von Schneiders eigener Biografie
gezeichnet ist, als „großen Film über das gegenwärtige Deutschland oder besser:
über seine überall vorhandenen Abgründe – Arbeitslosigkeit, Ausnutzung,
Ausverkauf der Religionen, Kommunikationsunfähigkeit, Ungerechtigkeit, Einsamkeit
in Paarbeziehungen und nicht zuletzt des Deutschen Abneigung gegen Kunst, die er
nicht auf Anhieb versteht. Und die Hoffnung! Im schneiderschen Sinne ist sie […]:
Einführung von Irrsinn in die Logik […] Rettung kann nur von einem anderen
Planeten kommen. Denn der unsrige ist ohnehin verloren: kulturell schon lange,
menschlich sehr viel länger.“
Es mag kurz vor halb elf Uhr gewesen sein, als Helge Schneider im Gewandhaus
seinen letzten Titel ankündigte. Beim zweiten Auftritt ertönte es spontan aus dem
Publikum: Käsebrot. „Können wir eigentlich mal singen“, meinte der Künstler
sinngemäß, „aber nicht so schnell“. „Käsebrot ist ein gutes Brot!“ lautet das Motto. So
ein Quatsch mögen die einen denken, wer singt schon einen so simplen Text?! Die
anderen mögen entgegenhalten: Helge Schneider hat Recht. Käsebrot ist wirklich ein
gutes Brot. Käsebrot sei nichts Selbstverständliches, äußerte Helge Schneider auch
einmal in einer der vielen Talksendungen im Fernsehen. Sehr still. Sehr
nachdenklich. Es gebe viele Menschen auf der Welt, fügte er hinzu, die hätten kein
Brot mit was drauf. Ich hatte freilich das Gefühl, dass den meisten in jener
Fernsehrunde dieser Gedanke eher fern stand.
Thomas Schinköth
Einige werden denken, Teile dieses Beitrages habe ich doch schon von Dir (oder Ihnen)
gelesen. Das stimmt. Ich habe ältere Textteile, von Anfang dieses Jahres, aufgegriffen und
weitergeschrieben, verändert, ergänzt, so wie Helge Schneider immer wieder die Seite 249
aus der Mondscheinsonate spielt, aber jedes abwandelt.

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