Der Impressionismus (1890 – 1910)

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Der Impressionismus (1890 – 1910)
16 1 Krise und Erneuerung des Erzählens
1.3 Literatur um die Jahrhundertwende:
Der Impressionismus (1890 – 1910)
Claude Monet: Impression, soleil levant (1872)
Das Ölbild des französischen Malers gab der Stilrichtung des Impressionismus ihren Namen.
1.Beschreiben Sie, was auf Monets Bild zu sehen ist.
2.Begeben Sie sich gedanklich in die dargestellte Situation hinein. Notieren Sie in der Ich-Form,
was Sie sehen, hören und fühlen.
3.Erläutern Sie mithilfe der Informationen das Besondere am Impressionismus.
Information
Impressionismus
Die Vertreter des Impressionismus lehnen alles Politische in der Kunst und Literatur ab und betonen allein die
individuelle, subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit. Ins Zentrum der künstlerischen Gestaltung rückt somit der einmalige, unverwechselbare Augenblick, der flüchtige Moment der Wahrnehmungen.
Um diesem Anliegen gerecht zu werden, wird in epischen Texten häufig der innere Monolog als Darstellungsform gewählt, der es den Dichtern des Impressionismus erlaubt, das Unmittelbare und die inneren Vorgänge
ihrer Figuren herauszustellen. Sie grenzen sich somit entschieden vom Realismus und Naturalismus ab und
setzen dem Versuch, die äußere Wirklichkeit abzubilden, die künstlerische Darstellung des subjektiven Empfindens und Erlebens entgegen.
Die Frage nach dem Ich, die Erfahrung des Subjektzerfalls und der damit einhergehende Verlust der Identität
werden zum zentralen Gegenstand der Literatur des Impressionismus.
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1.3 Literatur um die Jahrhundertwende: Der Impressionismus (1890 – 1910)
Arthur Schnitzler (1862 – 1931)
Fräulein Else
Die 1924 erschienene Erzählung „Fräulein Else“ besteht aus dem inneren Monolog der 19-jährigen Protagonistin Else T., Tochter eines angesehenen Advokaten1 aus Wien, der aufgrund seiner Spielsucht zum wiederholten Male insolvent ist.
Auf Einladung ihrer wohlhabenden Tante verbringt Else ihre Ferien in deren
Hotel in Italien. Dort erreicht sie ein Expressbrief ihrer Mutter. Um ihren Vater Arthur Schnitzler
vor seiner Verhaftung zu bewahren, soll Else von dem Kunsthändler Dorsday,
der ebenfalls in dem Hotel ist, ein Darlehen erbitten. Dieser willigt ein, das Geld zur Verfügung
zu stellen, fordert jedoch im Gegenzug, Else nackt betrachten zu dürfen, weshalb sie sich zwischen ihren Pflichten gegenüber der Familie und ihrer Integrität entscheiden muss.
Mit dem folgenden Auszug beginnt die Erzählung. Fräulein Else befindet sich auf dem Weg
von den hoteleigenen Tennisplätzen zurück zur Hotelrezeption, um den angekündigten Brief
aus Wien in Empfang zu nehmen.
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„Du willst wirklich nicht mehr weiterspielen, Else?“ – „Nein, Paul, ich kann nicht mehr. Adieu.
– Auf Wiedersehen, gnädige Frau.“ – „Aber Else, sagen Sie mir doch: Frau Cissy. – Oder lieber
noch: Cissy, ganz einfach.“ – „Auf Wiedersehen, Frau Cissy.“ – „Aber warum gehen Sie denn
schon, Else? Es sind noch volle zwei Stunden bis zum Dinner.“ – „Spielen Sie nur Ihr Single2 mit
Paul, Frau Cissy, mit mir ist’s doch heut’ wahrhaftig kein Vergnügen.“ – „Lassen Sie sie, gnädige Frau, sie hat heut’ ihren ungnädigen Tag. – Steht dir übrigens ausgezeichnet zu Gesicht, das
Ungnädigsein, Else. – Und der rote Sweater noch besser.“ – „Bei Blau wirst du hoffentlich mehr
Gnade finden, Paul. Adieu.“
Das war ein guter Abgang. Hoffentlich glauben die Zwei nicht, dass ich eifersüchtig bin. –
Dass sie was miteinander haben, Cousin Paul und Cissy Mohr, darauf schwör’ ich. Nichts auf
der Welt ist mir gleichgültiger. – Nun wende ich mich noch einmal um und winke ihnen zu.
Winke und lächle. Sehe ich nun gnädig aus? – Ach Gott, sie spielen schon wieder. Eigentlich
spiele ich besser als Cissy Mohr; und Paul ist auch nicht gerade ein Matador3. Aber gut sieht
er aus – mit dem offenen Kragen und dem Bösen-Jungen-Gesicht. Wenn er nur weniger affektiert wäre. Brauchst keine Angst zu haben, Tante Emma …
Was für ein wundervoller Abend! Heut’ wär’ das richtige Wetter gewesen für die Tour auf die
Rosetta-Hütte4. Wie herrlich der Cimone5 in den Himmel ragt! – Um fünf Uhr früh wär’ man
aufgebrochen. Anfangs wär’ mir natürlich übel gewesen, wie gewöhnlich. Aber das verliert
sich. – Nichts köstlicher als das Wandern im Morgengrauen. – Der einäugige Amerikaner auf
der Rosetta hat ausgesehen wie ein Boxkämpfer. Vielleicht hat ihn beim Boxen wer das Aug’
ausgeschlagen. Nach Amerika würd’ ich ganz gern heiraten, aber keinen Amerikaner. Oder
ich heirat’ einen Amerikaner und wir leben in Europa. Villa an der Riviera. Marmorstufen ins
Meer. Ich liege nackt auf dem Marmor. – Wie lang ist’s her, dass wir in Mentone6 waren?
Sieben oder acht Jahre. Ich war dreizehn oder vierzehn. Ach ja, damals waren wir noch in
besseren Verhältnissen. – Es war eigentlich ein Unsinn, die Partie aufzuschieben. Jetzt wären wir jedenfalls schon zurück. – Um vier, wie ich zum Tennis gegangen bin, war der telegrafisch angekündigte Expressbrief von Mama noch nicht da. Wer weiß, ob jetzt. Ich hätt’
noch ganz gut ein Set spielen können. – Warum grüßen mich diese zwei jungen Leute? Ich
kenn’ sie gar nicht. Seit gestern wohnen sie im Hotel, sitzen beim Essen links am Fenster, wo
früher die Holländer gesessen sind. Hab’ ich ungnädig gedankt? Oder gar hochmütig? Ich
bin’s ja gar nicht. Wie sagte Fred auf dem Weg vom „Coriolan“ nach Hause? Frohgemut.
1 Advokat:
Jurist, (Rechts-)Anwalt
ist hier ein Tennisspiel.
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Matador: Stierkämpfer, der dem Tier den Todesstoß versetzt; hier: Siegertyp
4 Rosetta-Hütte: Berghütte in den Dolomiten (Italien)
5Cimone: Berg in Italien
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Menton(e): Stadt im französischen Département Alpes-Maritimes an der Côte d’Azur in unmittelbarer
Nähe zur italienischen Grenze
2Gemeint
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1 Krise und Erneuerung des Erzählens
Nein, hochgemut1. Hochgemut sind Sie, nicht hochmütig, Else. – Ein schönes Wort. Er findet immer schöne Worte. – Warum geh’ ich so langsam? Fürcht’ ich mich am Ende vor Mamas Brief? Nun, Angenehmes wird er wohl nicht enthalten. Express! Vielleicht muss ich
wieder zurückfahren. O weh. Was für ein Leben – trotz rotem Seidensweater und Seidenstrümpfen. Drei Paar! Die arme Verwandte, von der reichen Tante eingeladen. Sicher bereut
sie’s schon. Soll ich’s dir schriftlich geben, teure Tante, dass ich an Paul nicht im Traum
denke? Ach, an niemanden denke ich. Ich bin nicht verliebt. In niemanden. Und war noch
nie verliebt. Auch in Albert bin ich’s nicht gewesen, obwohl ich es mir acht Tage lang eingebildet habe. Ich glaube, ich kann mich nicht verlieben. Eigentlich merkwürdig. Denn sinnlich bin ich gewiss. Aber auch hochgemut und ungnädig, Gott sei Dank. Mit dreizehn war ich
vielleicht das einzige Mal wirklich verliebt. In den Van Dyck – oder vielmehr in den Abbé Des
Grieux, und in die Renard auch. Und wie ich sechszehn war, am Wörthersee. – Ach nein, das
war nichts. Wozu nachdenken, ich schreibe ja keine Memoiren. Nicht einmal ein Tagebuch
wie die Bertha. Fred ist mir sympathisch, nicht mehr. Vielleicht, wenn er eleganter wäre. Ich
bin ja doch ein Snob. Der Papa findet’s auch und lacht mich aus. Ach, lieber Papa, du machst
mir viel Sorgen. Ob er die Mama einmal betrogen hat? Sicher. Öfters. Mama ist ziemlich
dumm. Von mir hat sie keine Ahnung. Andere Menschen auch nicht. Fred? – Aber eben nur
eine Ahnung. – Himmlischer Abend. Wie festlich das Hotel aussieht. Man spürt: Lauter
Leute, denen es gut geht und die keine Sorgen haben. Ich zum Beispiel. Haha! Schad’. Ich
wär’ zu einem sorgenlosen Leben geboren. Es könnt’ so schön sein. Schad’. – Auf dem Cimone liegt ein roter Glanz. Paul würde sagen: Alpenglühen. Das ist noch lang’ kein Alpenglühen. Es ist zum Weinen schön. Ach, warum muss man wieder zurück in die Stadt!
(1924)
1.Lesen Sie den Beginn der Erzählung „Fräulein Else“ und bereiten Sie einen anschaulichen
Vortrag vor. Was fällt Ihnen an der Darstellungsweise auf?
2.Notieren Sie stichwortartig das Besondere dieser Frauenfigur (charakterliche Merkmale,
Alltag usw.).
Information
Das süße Mädel
In seiner Autobiografie beschreibt Arthur Schnitzler das von ihm kreierte Frauenbild als „Prototyp einer Wienerin, reizende Gestalt, geschaffen zum Tanzen, ein Mündchen […] geschaffen zum Küssen – ein paar glänzende
lebhafte Augen. Kleidung von einfachem Geschmack und dem gewissen Grisettentypus2 – der Gang hin und
her wiegend – behend und unbefangen – die Stimme hell – die Sprache in natürlichem Dialekt vibrierend“.
Das sogenannte „süße Mädel“ stammt folglich aus dem Vorstadtmilieu, lebt in entsprechend einfachen Verhältnissen und geht meist einer beruflichen Tätigkeit als Näherin, Stubenmädchen, Modistin usw. nach. Aus
gesellschaftlicher Sicht ist es somit eher unbedeutend, weshalb es oftmals keine besonderen Charaktereigenschaften aufweist – abgesehen davon, dass es einfach liebreizend und manchmal auch ein wenig naiv ist, aber
nur selten größere Ansprüche an seinen Kavalier stellt.
Seine einzige Aufgabe besteht in Schnitzlers Wunschvorstellung darin, sich von dem feinen, gesellschaftlich
besser gestellten, jungen Herrn verführen zu lassen, um ihm auf diese Weise die Langeweile an einem ansonsten ereignislosen Nachmittag zu vertreiben.
3.Listen Sie die wesentlichen Merkmale des „süßen Mädels“ auf.
4.Überprüfen Sie, inwieweit Fräulein Else dem typischen Frauenbild Arthur Schnitzlers entspricht.
1 hochgemut:
fröhlich, heiter, zuversichtlich, lebenslustig
Grisette: Näherin, Modistin; leichtfertiges junges Mädchen
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1.4 Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Expressionismus (1910 – 1920)
5.Diskutieren Sie mit Ihrem Sitznachbarn, welche der folgenden Thesen zutreffend sind, und
begründen Sie Ihre Auswahl. Erkundigen Sie sich zuvor nach dem Ende der Erzählung.
Durch den schicksalhaften Brief ihrer Mutter schlägt Fräulein Elses optimistische
Grundhaltung unverzüglich in eine depressiv-resignative um.
Die Erzählung weist zwei miteinander verflochtene Sinnebenen auf: einen manifesten
Textinhalt (äußere Handlung) und Fräulein Elses Irritation und Interpretation dessen
(innere Handlung).
Die oberflächliche, in den Tag hineinlebende Else scheitert gleich bei ihrer ersten Bewährungsprobe, Verantwortung für die Familie zu übernehmen.
Die Entdeckung der Röntgenstrahlung (1895) regt auch die Vertreter des Impressionismus an, die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren zu durchleuten bzw. lesbar zu
machen.
Der innere Monolog spiegelt auch die Sprachlosigkeit Elses bzw. ihr Schweigen-Müssen angesichts der desolaten finanziellen Verhältnisse der Familie und der erniedrigenden Forderungen ihrer Eltern wider.
1.4 Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts:
Der Expressionismus (1910 – 1920)
Alfred Döblin (1878 – 1957)
Berlin Alexanderplatz
Alfred Döblin ist der führende Expressionist und Wegbereiter der literarischen Moderne in
Deutschland. Aufgrund seines jüdischen Glaubens und seiner sozialistischen Überzeugung
muss er 1933 aus Deutschland flüchten. Drei Jahre später nimmt er die französische Staatsbürgerschaft an und konvertiert 1941 zum katholischen Glauben.
In dem bedeutendsten deutschsprachigen Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ erzählt
der Arzt und Schriftsteller die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf, der seine
Freundin im Affekt erschlagen und hierfür mehrere Jahre in Haft gesessen hat.
Erstes Buch
Hier im Beginn verlässt Franz Biberkopf das Gefängnis Tegel, in das ihn ein früheres sinnloses Leben geführt hat. Er fasst in Berlin schwer wieder Fuß, aber schließlich gelingt es ihm doch, worüber
er sich freut, und er tut nun den Schwur, anständig zu sein.
Mit der 41 in die Stadt
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Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. Gestern hatte er noch hinten auf
den Äckern Kartoffeln geharkt mit den andern, in Sträflingskleidung, jetzt ging er im gelben
Sommermantel, sie harkten hinten, er war frei. Er ließ Elektrische auf Elektrische vorbeifahren, drückte den Rücken an die rote Mauer und ging nicht. Der Aufseher am Tor spazierte
einige Male an ihm vorbei, zeigte ihm seine Bahn, er ging nicht. Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich?), die vier Jahre waren um.
Die schwarzen eisernen Torflügel, die er seit einem Jahre mit wachsendem Widerwillen betrachtet hatte (Widerwillen, warum Widerwillen), waren hinter ihm geschlossen. Man setzte
ihn wieder aus. Drin saßen die andern, tischlerten, lackierten, sortierten, klebten, hatten
noch zwei Jahre, fünf Jahre. Er stand an der Haltestelle.
Alfred Döblin
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1 Krise und Erneuerung des Erzählens
Die Strafe beginnt.
Er schüttelte sich, schluckte. Er trat sich auf den Fuß. Dann
nahm er einen Anlauf und saß in der Elektrischen. Mitten unter
den Leuten. Los. Das war zuerst, als wenn man beim Zahnarzt
sitzt, der eine Wurzel mit der Zunge gepackt hat und zieht, der
Schmerz wächst, der Kopf will platzen. Er drehte den Kopf zurück nach der roten Mauer, aber die Elektrische sauste mit ihm
auf den Schienen weg, dann stand nur noch sein Kopf in der
Richtung des Gefängnisses. Der Wagen machte eine Biegung,
Bäume, Häuser traten dazwischen. Lebhafte Straßen tauchten
auf, die Seestraße, Leute stiegen ein und aus. In ihm schrie es
entsetzt: Achtung, Achtung, es geht los. Seine Nasenspitze vereiste, über seine Backe schwirrte es. „Zwölf Uhr Mittagszeitung“, „B. Z.“, „Die neuste Illustrierte“, „Die Funkstunde neu“,
„Noch jemand zugestiegen?“ Die Schupos1 haben jetzt blaue
Uniformen. Er stieg unbeachtet wieder aus dem Wagen, war
unter Menschen. Was war denn? Nichts. Haltung, ausgehungertes Schwein, reiß dich zusammen, kriegst meine Faust zu riechen. Gewimmel, welch Gewimmel. Wie sich das bewegte. Mein Brägen2 hat wohl kein
Schmalz mehr, der ist wohl ganz ausgetrocknet. Was war das alles. Schuhgeschäfte, Hutgeschäfte, Glühlampen, Destillen. Die Menschen müssen doch Schuhe haben, wenn sie so viel
rumlaufen, wir hatten ja auch eine Schusterei, wollen das mal festhalten. Hundert blanke
Scheiben, lass die doch blitzern, die werden dir doch nicht bange machen, kannst sie ja kaputt schlagen, was ist denn mit die, sind eben blank geputzt. Man riss das Pflaster am Rosenthaler Platz auf, er ging zwischen den andern auf Holzbohlen. Man mischt sich unter die
andern, da vergeht alles, dann merkst du nichts, Kerl. Figuren standen in den Schaufenstern
in Anzügen, Mänteln, mit Röcken, mit Strümpfen und Schuhen. Draußen bewegte sich alles, aber – dahinter – war nichts! Es – lebte – nicht! Es hatte fröhliche Gesichter, es lachte,
wartete auf der Schutzinsel gegenüber Aschinger zu zweit oder zu dritt, rauchte Zigaretten,
blätterte in Zeitungen. So stand das da wie die Laternen – und – wurde immer starrer. Sie
gehörten zusammen mit den Häusern, alles weiß, alles Holz.
Schreck fuhr in ihn, als er die Rosenthaler Straße herunterging und in einer kleinen Kneipe
ein Mann und eine Frau dicht am Fenster saßen: Die gossen sich Bier aus Seideln in den
Hals, ja was war dabei, sie tranken eben, sie hatten Gabeln und stachen sich damit Fleischstücke in den Mund, dann zogen sie die Gabeln wieder heraus und bluteten nicht. Oh,
krampfte sich sein Leib zusammen, ich kriege es nicht weg, wo soll ich hin? Es antwortete:
Die Strafe.
Er konnte nicht zurück, er war mit der Elektrischen so weit hierhergefahren, er war aus dem
Gefängnis entlassen und musste hier hinein, noch tiefer hinein.
Das weiß ich, seufzte er in sich, dass ich hier rin muss und dass ich aus dem Gefängnis entlassen bin. Sie mussten mich ja entlassen, die Strafe war um, hat seine Ordnung, der Bürokrat tut seine Pflicht. Ich geh auch rin, aber ich möchte nicht, mein Gott, ich kann nicht.
Er wanderte die Rosenthaler Straße am Warenhaus Wertheim vorbei, nach rechts bog er ein
in die schmale Sophienstraße. Er dachte, diese Straße ist dunkler, wo es dunkel ist, wird es
besser sein. Die Gefangenen werden in Einzelhaft, Zellenhaft und Gemeinschaftshaft untergebracht. Bei Einzelhaft wird der Gefangene bei Tag und Nacht unausgesetzt von andern
Gefangenen gesondert gehalten. Bei Zellenhaft wird der Gefangene in einer Zelle untergebracht, jedoch bei Bewegung im Freien, beim Unterricht, Gottesdienst mit andern zusammengebracht. Die Wagen tobten und klingelten weiter, es rann Häuserfront neben Häuserfront ohne Aufhören hin. Und Dächer waren auf den Häusern, die schwebten auf den
Häusern, seine Augen irrten nach oben: Wenn die Dächer nur nicht abrutschten, aber die
Häuser standen grade. Wo soll ick armer Deibel hin, er latschte an der Häuserwand lang, es
1 Schupo:
2Brägen:
Abkürzung für Schutzpolizei
Hirn vom Schlachttier; umgangssprachlich: Schädel
Cover zum Roman
„Berlin Alexanderplatz“, Ausgabe im
dtv (München 1968)
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1.4 Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Expressionismus (1910 – 1920)
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nahm kein Ende damit. Ich bin ein ganz großer Dussel, man wird sich hier doch noch durchschlängeln können, fünf Minuten, zehn Minuten, dann trinkt man einen Kognak und setzt
sich. Auf entsprechendes Glockenzeichen ist sofort mit der Arbeit zu beginnen. Sie darf nur
unterbrochen werden in der zum Essen, Spaziergang, Unterricht bestimmten Zeit. Beim
Spaziergang haben die Gefangenen die Arme ausgestreckt zu halten und sie vor- und rückwärts zu bewegen.
(1929)
1.Geben Sie Ihre ersten Eindrücke nach dem Lesen wieder.
2. Notieren Sie stichwortartig in Form eines Ideensterns, wie Franz Biberkopf das Leben in der
Großstadt wahrnimmt.
beängstigend
Leben in der
Großstadt
3.Ordnen Sie den Roman begründet der Epoche des Expressionismus zu.
Information
Expressionismus
Der Expressionismus gilt als wichtige literarische Strömung der Moderne, da er als Reaktion auf die tief greifenden Veränderungen um 1900 verstanden werden kann. Expressionistische Kunst opponiert gegen bisherige
gesellschaftliche und künstlerische Werte, indem sich die Dichter bewusst von traditionellen Darstellungsformen abwenden und stattdessen mit Sprache und Grammatik experimentieren. Die Kunst des Expressionismus
stellt ein Bekenntnis zur radikalen Subjektivität dar und ist zugleich Ausdruck der als beängstigend wahrgenommenen modernen Zeit.
Das Leiden an der Entmenschlichung durch die industrialisierte und zudem anonymisierte moderne Welt, die
Ambivalenz zwischen Faszination und Gefahr des Lebens in der Großstand sowie der Zerfall des Ichs werden
zu zentralen Themen expressionistischer Literatur. Innere und äußere Auflösungsprozesse des Menschen
werden in teilweise radikaler Weise dargestellt („Ästhetik des Hässlichen“) und implizieren die Forderung nach
einer neuen Humanität.
22 1 Krise und Erneuerung des Erzählens
4.Weisen Sie die Montagetechnik im vorliegenden Textauszug nach: Markieren Sie die montierten Textteile mit unterschiedlichen Farben und benennen Sie die jeweilige Herkunft.
Information
Montagetechnik
Die Montage ist eine Technik des modernen ­Erzählens, bei der verschiedene Texte bzw. Text­teile, die unterschiedliche Inhalte und/oder Sprachebenen und -stile transportieren, analog zum Filmschnitt übergangslos
zusammengefügt werden, wodurch der Lesefluss bewusst unterbrochen wird.
Sie dient der Erzeugung von Überraschungsmomenten und der Annäherung an die moderne, immer komplexer werdende Wirklichkeit.
5. Stellen Sie einen kausalen Zusammenhang zwischen Erzählweise und Inhalt her und erläutern Sie, was Döblin dem Leser mithilfe der Montagetechnik verdeutlichen will.
6.Interpretieren Sie den Romananfang, indem Sie Ihre bisherigen Ergebnisse in einem Fließtext zusammenführen.
1.5 Literatur zur Zeit der Weimarer Republik:
Die Neue Sachlichkeit (1920 – 1932)
Irmgard Keun (1905 – 1982)
Das kunstseidene Mädchen
Irmgard Keuns Zeitroman „Das kunstseidene Mädchen“ aus dem Jahre 1932 handelt von der jugendlichen Protagonistin Doris, die sich zunächst in ihrer provinziellen Heimatstadt und später in der Großstadt Berlin über Wasser zu halten versucht. Die Handlung spielt zur Zeit der Notverordnung1 gegen Ende der Weimarer
Republik.
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Das war gestern Abend so um zwölf, da fühlte ich, dass etwas Großartiges in mir
vorging. Ich lag im Bett – eigentlich hatte ich mir noch die Füße waschen wollen,
aber ich war zu müde wegen dem Abend vorher, und ich hatte doch gleich zu
Therese gesagt: „Es kommt nichts bei raus, sich auf der Straße ansprechen zu
lassen, und man muss immerhin auf sich halten.“
Außerdem kannte ich das Programm im Kaiserhof schon. Und dann immer weiter getrunken – und ich hatte große Not, heil nach Hause zu kommen, weil es mir doch ohnehin immer schwerfällt, Nein zu sagen. Ich hab gesagt: „Bis übermorgen.“ Aber ich denke natürlich
gar nicht dran. So knubbelige Finger und immer nur Wein bestellt, der oben auf der Karte
steht, und Zigaretten zu fünf – wenn einer so schon anfängt, wie will er da aufhören?
Im Büro war mir dann so übel, und der Alte hat’s auch nicht mehr dick und kann einen jeden
Tag entlassen. Ich bin also gleich nach Hause gegangen gestern Abend – und zu Bett ohne
Füße waschen. Hals auch nicht. Und dann lag ich so und schlief schon am ganzen Körper,
nur meine Augen waren noch auf – der Mond schien mir ganz weiß auf den Kopf – ich dachte noch, das müsste sich gut machen auf meinem schwarzen Haar, und schade, dass Hubert
1 Notverordnung:
von der Regierung erlassene Verordnung zur Überwindung eines Krisenfalls; gemeint
ist hier die von Heinrich Brüning initiierte Notverordnung im März 1930, nachdem die Große Koalition
aufgrund der sozialpolitischen Spannungen infolge der Weltwirtschaftskrise zerbrochen ist
Irmgard Keun

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